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Commilitones 1 - Waffenbrüder

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14.09.21 17:22
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

3 Charaktere

Leonardo da Vinci

1452-1519, Maler, Ingenieur und Anatom; Leonardo wird als Freund der Familie Auditore zum engsten Vertrauten Ezios, für den er zeit seines Lebens Waffen und Rüstzeug fertigt. (Unterkategorie: Assassin's Creed Renaissance)

Ezio Auditore da Firenze

1459-1524, geboren als Bankierssohn in Florenz; nach dem Verrat an seiner Familie wird er zum Assassinen, um Rache zu nehmen. Im Verlauf der Geschichte steigt Ezio zum Meisterassassinen und schlussendlich Mentor der italienischen Bruderschaft auf. (Unterkategorie: Assassin's Creed Renaissance)

Claudia Auditore da Firenze

geb. 1461 (Todesdatum unbekannt); Ezios jüngere Schwester, eigensinnig, schlagfertig und stolz; im späteren Verlauf Assassine/Mitglied der italienischen Bruderschaft. (Unterkategorie Assassin's Creed Renaissance)

„Wer das Leben nicht schätzt, der hat es nicht verdient.“
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)

„Na, haben sie dich wieder aus dem Loch gelassen?“
Das höhnische Lachen, das dieser Frage folgte, erregte Leonardos Zorn. Sein Weg durch die Via Ghibellina glich an diesem Abend einem Spießrutenlauf. In jeder Gruppe, an der er vorbeikam, steckten die Leute die Köpfe zusammen, tuschelten hinter vorgehaltenen Händen und gestikulierten bedeutungsvoll in seine Richtung. Als wäre dies schon nicht demütigend genug, hoben manche ihre Stimme, um ihm Worte der Schmach nachzurufen.
„Das will ein guter Maler sein, wo er doch offenbar nicht mal einen Mann von einer Frau unterscheiden kann?“
„Immerhin kann er einen Mann noch von einer Ziege unterscheiden!“
Das Gelächter schwoll an. Leonardo zog seine Schultern hoch, ließ zugleich den Kopf hängen und wünschte sich, unsichtbar zu sein. Er lief schneller, bestrebt, sich endlich in seine Schlafkammer verkriechen und die Welt aussperren zu können, die sich ihm heute in all ihrer Hässlichkeit gezeigt hatte.
Wenige Meter vor der Bottega von Andrea del Verrocchio, die zu den angesehensten Werkstätten von ganz Florenz zählte, traten Leonardo zwei Männer entgegen. Sie waren einige Jahre älter als er, der eine ein großgewachsener Blondschopf mit langem Kinn, der andere ein Hänfling mit auffällig abstehenden Ohren.
„Sieh an, sieh an, wer traut sich denn da wieder nach Hause?“, fragte der Blondschopf. „Wie war sie denn so, die Kerkerluft?“
„Lass mich vorbei, Alessandro.“ Leonardo wollte einen Bogen um die beiden schlagen, doch der Angesprochene stellte sich ihm erneut in den Weg.
„Ich hab gehört, die im Stinche haben eine spezielle Art, mit Sodomiten umzugehen …“
„Ich wurde freigesprochen“, sagte Leonardo.
„Ach ja?“ Für einen Moment zeigte sich ein seltsamer Ausdruck auf Alessandros Gesicht, den Leonardo nicht zu deuten vermochte. „Mit welcher Begründung?“
„Was geht es dich an?“
Leonardos trotziges Aufbegehren schien Alessandro zu reizen. „Was es mich angeht, dass du die Bottega meines Ausbilders in Verruf bringst? Eine Menge! Die Anklage gegen dich ist eine Schande für uns alle!“
„Ich bin unschuldig!“, rief Leonardo. „Die Anklage wurde fallen gelassen!“
„Auf Drängen der Medici, wie man hört.“ Es war der Hänfling, der sich nun zu Wort meldete. Wichtigtuerisch verschränkte er die Hände hinter seinem Rücken und reckte das Kinn. „Äußerst kurios, dass sich diese Familie ausgerechnet für einen unbedeutenden kleinen Maler wie dich einsetzt, findest du nicht? Sag an, wie das zugegangen ist, Leonardo. Hältst du etwa auch für die feinen Herren Brüder deinen Arsch hin, wenn sie die Langeweile überkommt?“
Leonardo ballte die linke Hand zur Faust und schlug sie dem Hänfling ins Gesicht. Der stolperte zurück, ruderte mit den Armen und fiel in den Dreck. Leonardo wollte sich auf ihn stürzen, doch bevor er Gelegenheit dazu bekam, packte ihn Alessandro am Kragen und riss ihn herum. Geistesgegenwärtig fing Leonardo seinen Hieb mit vor dem Gesicht gekreuzten Armen ab. Dann holte er zum Gegenschlag aus und traf Alessandro am Kinn. Der keuchte, dachte aber nicht daran, von Leonardo abzulassen. Die beiden Männer rangen miteinander, bis sie das Gleichgewicht verloren und zu Boden gingen. In entbrannter Wut wälzten sie sich im Staub. Sofort strömten Schaulustige herbei, die sich um die Kämpfenden rotteten, um sie mit Zurufen und Händeklatschen anzufeuern. Doch nicht jeder war von dem Geschehen begeistert.
„Holt die Stadtwache!“, hörte man eine Töpferin hinter der Auslage ihres Ladens schreien. „Sie beschädigen noch unsere guten Waren! Dai, muoviti!
Doch bevor besagte Wache aufmarschieren konnte, beendete jemand anderes die Prügelei. Alessandro wurde am Kragen gefasst und in die Höhe gezogen – ganz so wie ein störrischer Terrier, der nicht von seiner Beute ablassen wollte. Wutschnaubend wandte sich Alessandro dem Mann zu, der sich einzumischen wagte, und erstarrte.
Missbilligende Züge um einen schmalen Mund waren alles, was Alessandro erkennen konnte. Der Rest des Gesichtes lag im Schatten einer Kapuze verborgen, die sich der Mann über den Kopf gezogen hatte. Dazu trug er einen beigegrauen Waffenrock mit roten Streifen und einen breiten Gürtel, unter dem ein ebenfalls rotes Band hervorlugte. Ein Armschutz aus Leder und ein über seiner linken Schulter liegender Umhang unterstrichen seine kriegerische Erscheinung.
„Assassino!“, keuchte Alessandro.
„Verschwinde“, sagte der Mann. „Was sollen nur die Leute von einem Sandro Botticelli denken, der sich aufführt wie ein Rohling, wenn er doch Altarbilder für einen engen Freund der Medici malen soll?“
Der Mann ließ Alessandro los, der einige Schritte zurücktaumelte und sich hilfesuchend umsah. Auch sein Begleiter – der nicht mehr ganz so wichtigtuerisch aussehende Hänfling – war wieder auf den Beinen und starrte auf den Assassinen. Das Gejohle aus der Menge der Umstehenden war betretenem Schweigen gewichen.
„Steht hier herum und gafft, so als hätte niemand von euch Dreck vor seiner eigenen Tür zu kehren! Wo ist er denn, euer Sinn für Sitte und Anstand, für all das Edle und Schöne? Dorftrottel seid ihr, keine Künstler, wenn ihr der Schmähung mehr Begeisterung entgegenbringt als eurer Schaffenskraft. Los, geht arbeiten!“ Der Assassine schnaubte. Dann beugte er sich vor und streckte Leonardo die Hand entgegen. „Steh auf, mein Freund.“
Leonardo zögerte. Reue lag in seinem Blick. Sein Retter lächelte und wackelte mit den Fingern. Es war eine einladende Geste, und schließlich griff Leonardo zu.
„Lass uns ein Stück gehen“, sagte der Assassine, kaum dass Leonardo wieder auf den Beinen stand und sich mehr schlecht als recht den Dreck aus seiner Kleidung klopfte. „Wir sollten reden.“
Leonardo nickte stumm, woraufhin ihn sein Retter in eine Seitenstraße dirigierte, die aus dem Handwerkerviertel und zu den Obstgärten hinter der Klosteranlage von Santa Croce führte. Die Menge der Schaulustigen löste sich allmählich auf, und auch Alessandro und sein vorlauter Freund waren verschwunden, um sich irgendwo abseits unliebsamer Zeugen die Wunden zu lecken.
„Danke“, flüsterte Leonardo.
„Nicht dafür.“
„Ich spreche auch nicht vom Streit gerade eben. Ohne dein Eingreifen hätten sich die Medici bestimmt nicht für meine Freilassung eingesetzt.“
Die schmalen Lippen unter der Kapuze verzogen sich zu einem Lächeln. „Lorenzo schuldete mir noch einen Gefallen. Davon abgesehen war allen klar, dass du nur ein Mittel zum Zweck warst, um die Medici in eine Schmutzkampagne hineinzuziehen. Schließlich hat man neben dir auch den Schwager Giulianos des Umgangs mit Jacopo Saltarelli bezichtigt. Eine Anklage wirkt schwerer, wenn sie sich gegen mehrere zugleich richtet.“
„Ich habe aber mit Politik nichts am Hut.“
„Sagt der, dessen Vater als Notar für die Signoria arbeitet. Wenn ich ehrlich sein soll, Leonardo, dann drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Denunziation vor allem auf die Schädigung seines Rufes abgezielt hat. Warum sonst solltest du der Einzige auf der Liste der Angeklagten sein, dessen Familienzugehörigkeit so nachdrücklich betont wurde?“
„Ich werde gewiss nicht mit ihm darüber sprechen!“
„Warum nicht?“
„Seit vier Monaten hat er, wonach er jahrelang getrachtet hat: einen legitimen Sohn. Ich bin raus aus dem Spiel. Nur noch ein enterbter Bastard, der nicht mehr als Lückenfüller herhalten kann, solange es seinem alten Herrn nicht gelingt, einen Erben für seine Kanzlei zu zeugen.“
„Du bist trotzdem noch immer sein Sohn.“
„Ich war stets der Enkel meines Großvaters, Giovanni. Aber nie der Sohn Ser Piero da Vincis. In seinen Augen besitze ich keine Talente. Nur Absonderlichkeiten.“
Verdrossenheit sprach aus Leonardos Stimme, und der Assassine, den er eben so vertraulich beim Namen genannt hatte, fasste ihn an der Schulter. Sie hatten inzwischen das Ende der Straße erreicht und standen vor einer mannshohen Mauer, über die die Zweige von Pfirsichbäumen ragten. Es war Juni und die Früchte fast reif. Ihr süßer, betörender Duft erfüllte das Viertel und ließ Leonardo für einen Moment vergessen, dass sie sich inmitten einer Metropole befanden, in der tagein, tagaus gehämmert, geschreinert und geschmiedet wurde.
„Du bist nicht absonderlich, Leonardo. Nur außergewöhnlich.“
„Ich sehe den Unterschied nicht.“
„Dein Vater fürchtet sich vor Künsten, die er nicht selbst beherrscht und deshalb auch nicht versteht. Was deine Augen zu sehen vermögen, ist ihm fremd. Fremdes wird immer auf Abstand gehalten. Das ist eine traurige Eigenschaft der Menschen.“
„Manchmal wünschte ich, ich wäre einfach so wie jeder andere.“
„Ich bin froh, dass du es nicht bist.“ Giovanni lachte. Dann deutete er auf die Mauer. „Los, rüber mit dir.“
„Was –“
„Nachdem du dich ohnehin schon im Dreck gesuhlt hast, können wir auch ein paar Übungen wiederholen. Bewegung wird dir nach den letzten Tagen guttun.“
‚Den Tagen im Kerker‘, dachte Leonardo bitter, wagte jedoch keinen Protest. Stattdessen sah er an sich herunter – auf die fleckigen Hosen und das ebenfalls verschmutzte Hemd, das einen ausgefransten Schlitz zwischen Kragen und Schulter zeigte, wo ihn Alessandro gepackt und herumgerissen hatte. Seufzend streckte Leonardo die Hände nach der Mauerkante aus, schob den Fuß in eine der Fugen zwischen den Steinquadern und schwang sich in den Garten. Giovanni folgte und landete neben ihm im Gras. Mit einem aufmerksamen Blick versicherte er sich, dass sie alleine waren, dann zog er sein Schwert aus dem Gürtel und reichte es Leonardo.
„Warum tust du das überhaupt?“, fragte dieser leise.
„Weil ich an dich glaube, junger Freund.“ Giovanni nahm einen Dolch zur Hand, mit dem er sich gegen seinen Schüler zu verteidigen gedachte, und ging in Aufstellung. „Kämpfe, Leonardo“, forderte er. „Mit deinem Verstand und deiner Klinge.“


Die Glocken von Santa Croce läuteten bereits zur zweiten Nachtstunde, als Leonardo durch die Hintertür in die Bottega schlüpfte. Der schwere Geruch von Holz und Lösungsmitteln begrüßte ihn, gemeinsam mit dem anklagenden Blick Andrea del Verrocchios.
„Ich dachte schon, sie hätten dich erneut ins Verlies gesteckt.“
Die Scham, die unter den sich kreuzenden Klingen im Pfirsichgarten von Leonardo abgefallen war, fraß sich bei diesen Worten erneut durch seine Adern. Er senkte den Kopf und drückte schweigend die Tür zurück ins Schloss.
„Schieb den Riegel vor“, sagte Verrocchio. „Die anderen sind längst im Bett. Da, wo sie zu dieser Nachtzeit auch hingehören.“
„Ich habe frische Luft gebraucht.“
„Mir scheint, du brauchst noch etwas ganz anderes.“ Die Flammen der Öllampen zitterten, als der Maestro das Auftragsbuch zuschlug, in dem er gearbeitet hatte. Andrea del Verrocchio war ein kräftiger Mann mit dunklen Locken, die er kaum zu bändigen vermochte. So unbeherrscht wie sein Haar war auch seine Stimme. „Sandro hat sich bei mir über dich beschwert.“
„Hat er das?“
„Ich bin nicht erfreut darüber, dass sich ausgerechnet meine beiden besten Schüler auf offener Straße mit Hass begegnen.“
Leonardo verschränkte die Arme vor der Brust. „Er hat mich provoziert!“
„Und wer bist du, dass du dich provozieren lässt?“ Verrocchio stand auf, sich der imposanten Wirkung seiner Gestalt vollkommen bewusst. Er umrundete den Tisch und trat vor Leonardo, der noch immer an der Hintertür ausharrte wie ein tänzelnder Destrier, unschlüssig, ob er davonlaufen oder sich dem Dominanzverhalten seines Herrn unterwerfen sollte. Verrocchio nahm ihm die Entscheidung ab, indem er den Arm ausstreckte und Leonardo an der Schulter fasste.
„Du magst vielleicht der fähigste Maler sein, den ich je ausbilden durfte, aber ich kann dir deine Verfehlungen nicht nachsehen.“
„Welche Verfehlungen? Jacopo Saltarelli stand mir Modell, für eine Terrakottafigur des Christusknaben. Dafür habe ich ihn bezahlt, und für nichts anderes.“
„Einige Augenzeugen würden dir da widersprechen.“
Endlich hob Leonardo den Kopf. Wut und Enttäuschung lagen in seinem Blick.
„Und denen wollt Ihr mehr Glauben schenken als mir?“
Verrocchio feixte. „Nun, ragazzo, es ist nicht so, als ob du von diesen … Praktiken nichts verstündest.“
„Wie wahr“, erwiderte Leonardo mit bitterer Stimme. „Ihr wart mir schließlich in vielen Dingen ein eifriger Lehrer.“
Die Hand, die wie eine Raubtierpranke auf seiner Schulter ruhte, zuckte. Dann zog Verrocchio sie zurück. „Deine Undankbarkeit wird dir irgendwann noch zum Verhängnis werden!“, zischte er. Er wandte sich ab, kehrte zu seinem Tisch zurück und begann, die dort verstreut liegenden Blätter mit Planskizzen einzusammeln.
„Damit wir uns richtig verstehen, Leonardo: Für die Ausführung unseres Auftrags in Pistoia bist du noch vertraglich verpflichtet. Erledigst du deine Arbeit zu meiner Zufriedenheit, winke ich deine Meisterprüfung durch. Vernachlässigst du jedoch deine Pflichten, verlässt du meine Werkstatt ohne Titel und Empfehlungsschreiben, comprende?“
Leonardo schluckte. „Sì, maestro.“
Bene. Dann geh jetzt zu Bett. Und wasch dich gefälligst. Du stinkst wie ein Hund!“


Einige Monate vergingen, in denen sich Leonardo wie von seinem Meister befohlen in die Arbeit stürzte. Die Bottega del Verrocchio sollte ein Marmorgrabmal zum Gedenken an einen Kardinal mit Namen Fortagierri in der Kathedrale von Pistoia errichten, und so verbrachte Leonardo den Großteil der Sommermonate in der kleinen, aber beschaulichen Stadt nordwestlich von Florenz. Hier musste er nicht fürchten, auf der Straße angestarrt und verhöhnt zu werden, da er sich angeblich die Liebesdienste eines jungen Mannes erkauft hatte. An seiner bedrückten Stimmung änderte das jedoch wenig. Lob und Zuspruch, wie er sie zuvor von seinem Meister gewohnt gewesen war, blieben aus. Ganz gleich, wie sehr sich Leonardo auch bemühte, wie durchdacht seine Entwürfe für das Grabmal ausfielen oder wie perfektionistisch er den Faltenwurf der Kleidung auf dem Gemälde ausarbeitete, das sein Meisterstück werden sollte, Verrocchio begnügte sich mit einem kurzen Nicken und wandte sich dann anderen Dingen zu. Aus einer Arbeit, die Leonardo erfüllt hatte, wurde eine Last, und seine Leidenschaft wich Resignation. Unfähig, sich zwanglos zu geben, begann er, den geselligen Abenden seiner Kollegen fernzubleiben, und je mehr er vereinsamte, desto öfter griff er zum Weinkrug.
„Du lässt dich gehen“, sagte Giovanni, als sie sich an einem Oktobermorgen im Pfirsichgarten duellierten. Die Früchte waren abgeerntet, ihr süßer Duft verschwunden. Stattdessen lag das herbe Aroma von Petrichor über der Stadt, das ein Regenschauer hinterlassen hatte.
Leonardo schwieg und blockte mechanisch den Schlag, den Giovanni anbrachte. Heute führte er den Dolch, während ihm der Assassine mit dem Schwert zusetzte. Sie tauschten regelmäßig die Waffen. Wenn es nach Giovanni ging, hatte Leonardo den Umgang mit jeder einzelnen zu lernen und zu perfektionieren.
„Konzentrier dich“, mahnte Giovanni. „Du läufst sonst Gefahr, dich zu verletzen. Ohne Hand wirst du kaum dein Meisterstück fertigmalen.“
„Ich frage mich ohnehin, wofür ich es jetzt noch brauche.“
Leonardo hatte kaum ausgesprochen, als Giovannis Schwert seine Deckung durchbrach. Die Spitze der Klinge stieß gegen seine Brust, und Leonardo erstarrte.
„Nur, wenn du den Meistertitel erwirbst, ist es dir auch erlaubt, Lehrjungen auszubilden“, sagte Giovanni mit Nachdruck. „Du brauchst Einnahmequellen. Möglichst regelmäßige und nicht bloß die Zahlungen für willkürlich erteilte Aufträge.“
„Und wer erteilt Aufträge an einen Maler, der mal im Gefängnis gesessen hat?“, erwiderte Leonardo. „Oder schickt ihm seine Söhne?“
„Wir wissen beide, dass die Anklage gegen dich haltlos war.“
„Wir beide und wer noch? Nicht mal mein Meister glaubt mir!“
Leonardo warf den Dolch ins Gras, und in seiner Wut fuhr die Klinge bis zum Heft in die Erde. Giovanni sah zuerst auf die Waffe, dann auf Leonardo, der sich gegen einen Baumstamm lehnte und daran hinabrutschte. Müde fuhr er sich mit den Fingern in das vom Kämpfen verschwitzte Haar.
„Ja, ich habe Jacopo getroffen“, gestand er. „Mehrmals sogar. Aber das war immer nur privat …“
„Ich weiß.“
„Wenn man einem Freund einen Gefallen tut, erwartet man dafür keinen Lohn. Doch wenn mir besagter Freund eine Dienstleistung erbringt, dann sollte es doch selbstverständlich sein, dass ich ihn angemessen bezahle. Alles andere wäre nicht recht.“
Giovanni steckte sein Schwert zu dem Dolch ins Gras, ließ sich neben Leonardo sinken und zog sich die Kapuze vom Kopf. Glattes, rotbraunes Haar kam zum Vorschein. Das Gesicht, das es umrahmte, gehörte einem Mann mittleren Alters, dessen aufgeweckter Blick nicht zu den Falten passen wollte, die sich um seinen Mund zogen.
„Hättest du Jacopo Saltarelli einfach ausgenutzt, hättest du wohl nie Ärger bekommen“, bemerkte er.
„Die Welt ist doch krank.“
Sie seufzten und lehnten sich zurück, bis ihre Köpfe am Stamm des Pfirsichbaumes ruhten. Schweigend starrten sie in den Himmel. Vor Wolkenbergen, die sich im Westen auftürmten und ein neues Herbstgewitter ankündigten, zog ein Rotmilan seine Kreise.
„Ich möchte sie gern verändern“, sagte Leonardo nach einer Weile. „Die Welt.“
„Darum sind wir hier. Menschen wie du und ich.“
„Wir sind wenige.“
„Auch ein Einzelner vermag es, Bedeutsames zu bewirken, amico mio.“
Leonardo verzog das Gesicht. „Mit der Klinge?“
„Die Klinge ist ein Werkzeug und weder gut noch böse. Was entscheidet, ist der Mann, der sie führt. Achtet er das Leben und die Freiheit des Menschen, oder will er über beides herrschen? Erweist er dem Tod seinen Respekt, oder verhöhnt er ihn mit seinen Taten?“
„Ich fürchte, die meisten töten aus Gier.“
Vero. Und wir dürfen das niemals tun.“
Wieder schweifte Leonardos Blick zum Himmel und suchte den Rotmilan, der seinen hellen Schrei über die Stadt schickte.
„Warum hast du mich ausgesucht, Giovanni?“, fragte er.
„Du weißt es nicht?“
„Die Gabe zu besitzen, scheint mir kein valides Argument zu sein.“
„Sie allein hat mich auch nicht zu meiner Entscheidung bewogen.“ Giovanni schmunzelte. „Ich wage zu behaupten, dass ich in dein Herz sehen kann, Leonardo. Du sehnst dich nach Anerkennung und Ruhm, aber beides willst du dir ehrlich verdienen. Verrat und Tücke sind dir fremd. Darin gleichst du Ezio. Ihr werdet euch gut verstehen.“
„Du hast also deine Wahl getroffen?“
„Das habe ich. Auch wenn Federico mein ältester Sohn ist, täte ich ihm keinen Gefallen, ihn zu meinem Nachfolger auszubilden. Er hat sein Herz am rechten Fleck, doch mit der Verantwortung tut er sich schwer. Er versäumt Termine, häuft Schulden an und hat mehr Streiche im Kopf als ein kleiner Junge. Ezio dagegen …“ Giovanni lächelte. „Er wäre dir ein guter Freund. Du könntest Frieden bei ihm finden.“
„Mein Glaube an die Freundschaft ist erschüttert, Giovanni.“
„Bin ich dir etwa keiner? Ein Freund?“
Betreten senkte Leonardo den Blick und schwieg. Dann spürte er Giovannis Arm, der sich über seine Schultern legte.
„Es wird Zeit, dass du deine eigene Werkstatt beziehst. All die Ausrüstung, die du brauchst, kannst du nicht in dieser kleinen Schlafkammer bei Verrocchio verstecken.“
„Es gibt aber keine freie Immobilie in Sant’Ambrogio, die ich mir leisten könnte“, erwiderte Leonardo. „Ich habe mich schon umgehört.“
„Nun, ich weiß von einem Sattler, der seine Bottega an der Piazza Brunelleschi verkaufen möchte. Ich könnte ein gutes Wort für dich einlegen.“
„Und von welchem Geld soll ich sie bezahlen?“
„Auftragsgemälde.“
„Witzbold“, knurrte Leonardo.
„Mitnichten, mein zukünftiger Maestro da Vinci, denn meine Frau hat es sich in den Kopf gesetzt, den Korridor zum Atrium mit Gemälden auszuschmücken. Drei auf jeder Seite sollen es sein. Wenn ich ihr ein paar Arbeiten von dir zur Ansicht zeige, wird sie sich vor Begeisterung kaum halten können. Ich sehe mich schon Bankrott anmelden, weil sie Unsummen bei dir lassen wollen wird.“
Er gluckste, und seine Heiterkeit vermochte es, auch Leonardo ein Lächeln abzuringen.
„Ich stehe tief in eurer Schuld, Giovanni.“
No, amico. Dinge, die man der Freundschaft zuliebe tut, verlangen keinen Lohn, schon vergessen? Nur Dienstleistungen werden vergolten. Ich ersuche deine Dienste, und ich werde dich nach Vertrag dafür bezahlen. Ganz so, so wie es sich gehört.“
„Und wahrscheinlich möchtest du, dass ich mir mit dir die Bottega ansehe, von der du eben gesprochen hast?“
„Gewiss. Morgen zur elften Stunde vor dem Portal von Santa Croce?“
„Giovanni, ich –“
„Sag deinem Meister, dass dich ein Kunde zum Gespräch erwartet. Es wäre nicht gelogen.“
Va bene. Ich werde da sein.“

Glossar:
Dai, muoviti! – Los, macht schnell!
Signoria – höchste Behörde italienischer Stadtstaaten im Mittelalter
ragazzo. – Junge, Bursche
Vero. – Wahr.
Va bene. – Na gut.

„Ich sollte euch erst übers Knie legen und anschließend die Hammelbeine langziehen! Was denkt ihr euch eigentlich? Denkt ihr überhaupt?“
Der kleinere der beiden Männer, über die Giovannis Wutrede niederging, senkte den Kopf, während sich sein älterer Bruder an den Nacken fasste.
„Aber Vater!“, hob er an. „Die Pazzi haben unsere Familie beleidigt! Überall in der Stadt zieht dieser Rotzlöffel von Vieri unseren Namen in den Schmutz. Er nennt uns Feiglinge, die sich lieber hinter den Wachen verstecken, statt zu kämpfen.“
„Dummköpfe hätte er euch nennen sollen, dann hätte er wenigstens recht gehabt!“
„Wir haben uns doch nur –“
„Großen Ärger eingehandelt, Federico. Und mich zutiefst enttäuscht!“
Nun ließ auch Federico den Kopf hängen und seufzte. Giovanni griff an ihm vorbei nach dem Kinn seines Bruders.
„Lass mich die Wunde sehen, Ezio.“
„Ich habe sie schon versorgen lassen.“
„Dann hast du heute ja wenigstens etwas Wohlüberlegtes getan!“ Giovanni klang nach wie vor ungehalten, doch beim Anblick der Verletzung, die sich Ezio zugezogen hatte, stahl sich Mitleid in seine Züge. Ezios Oberlippe war auf der rechten Seite so weit aufgeplatzt, dass die Wunde mit mehreren Stichen hatte genäht werden müssen. „Wie ist das passiert?“
„Ein Stein“, sagte Ezio. „Vieri hat ihn nach mir geworfen, nachdem ich mir einen kleinen Spaß mit ihm erlaubt hatte.“
„Was für einen Spaß?“
Ezio holte Luft und versuchte, dem Blick seines Vaters auszuweichen. Doch der dachte nicht daran, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
„Ich höre?“
„Vieri hat ihm vorgeworfen, sich wichtigen Dingen nicht selbst anzunehmen“, antwortete Federico an Ezios Stelle.
„Und weiter?“
„Nun ja. Erm … Ezio hat ihm gesagt, dass Vieris Schwester wohl recht zufrieden damit gewesen sei, wie er sich ihrer zuletzt angenommen habe.“
„Ezio!“, entfuhr es Giovanni.
„Es tut mir leid …“
„Das will ich dir auch raten, dass es dir leidtut, denn ich hätte dir fürwahr einen besseren Frauengeschmack zugetraut!“
Federico brach in Gelächter aus, das unter der anhaltenden Standpauke seines Vaters jedoch schnell wieder erstarb.
„Und von dir, Federico, hätte ich mehr Pflichtgefühl erwartet!“
„Ist es nicht unsere Pflicht, den Namen unserer Familie zu verteidigen?“
„Nicht, wenn ihr euch dabei zum Narren macht, indem ihr euch auf die gleiche Stufe begebt wie eure Spötter“, sagte Giovanni. „Ich möchte dem Gonfaloniere keinen Aufruhr in der Stadt erklären müssen, nur weil ihr auf offener Straße Clanfehden austragen müsst. Wir sind hier nicht in Verona!“ Er seufzte. Dann unterzog er Ezios Wunde einer erneuten, diesmal genaueren Betrachtung. „Davon wird dir eine Narbe bleiben. Warum müsst ihr idioti euch auch beide das Gesicht verschandeln lassen?“
Kleinlaut berührte Federico seine Nase, über die sich ein Wundmal zog – ein Schmiss, den er sich vor einigen Monaten bei einem in Giovannis Augen vollkommen unnötigen Duell eingefangen hatte.
„Wir haben den Stein nicht kommen sehen“, verteidigte sich Federico. „Und überhaupt, welcher Feigling schmeißt bei einem Kampf mit Steinen, statt eine ehrenvolle Waffe zu benutzen, ganz so, wie es sich für einen Mann gehört?“
„Du kannst ein Mann sein und etwas Ehrenvolles tun, indem du Annetta im Garten hilfst.“ Mit einem Kopfnicken deutete Giovanni zur Tür. „Die Apfelbäume tragen schwer dieses Jahr. Geh ihr zur Hand. Ich will noch einen Moment mit deinem Bruder sprechen.“
„Sì, padre.“ Federico gab sich zerknirscht, gehorchte aber. Er wechselte einen kurzen Blick mit Ezio und verließ das Büro, in das ihr Vater sie gebeten hatte, kaum dass sie nach Hause zurückgekehrt waren – viel zu spät und mit wenig willkommenen Blessuren. Giovanni wartete, bis die Tür hinter seinem Erstgeborenen ins Schloss gefallen war, und ließ sich dann auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch sinken.
„Setz dich, figlio mio“, bat er.
Ezio zögerte. Den Stolz, den Federico nicht einmal unter aufrichtiger Reue verbergen konnte, wagte er nicht zu zeigen. Er begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte, und mit dieser Einsicht bewies er in Giovannis Augen mehr Reife als sein drei Jahre älterer Bruder.
„Na komm schon“, sagte er und deutete auf den Stuhl, der ihm gegenüber stand. „Ich werde dir schon nicht den Kopf abreißen.“ Er wartete, bis Ezio seiner Aufforderung nachgekommen war, und lehnte sich dann zurück. „Ich weiß, dass du und Federico zusammenhaltet wie Pech und Schwefel, und ich wäre der Letzte, der euch diesen noblen Zug vorwirft. Aber ihr steht nicht im Wettstreit miteinander, Ezio. Du musst nicht dieselben Dummheiten begehen wie dein Bruder, nur um zu ihm aufzuholen. Es gibt vieles, worin ihr einander gleicht, aber auch ebenso viele Unterschiede. Du wirst einmal das Bankhaus Auditore übernehmen und damit ein Amt, gegen das sich Federico mit Händen und Füßen sträubt. Du trägst Verantwortung.“
„Ich weiß, Vater. Aber ich kann dieses boshafte Geschwätz nicht mehr ertragen! Wer sind wir, dass wir es uns gefallen lassen müssen? Und wer sind die Pazzi, dass sie es sich erlauben können, über unseren Namen herzufallen wie die Schmeißfliegen über ein Stück Aas? Sie verleumden jeden, in dem sie eine ernstzunehmende Konkurrenz für ihre Geschäfte sehen!“
„Das sollte dir schmeicheln.“
Prego?
„Wir sind offenbar eine ernstzunehmende Konkurrenz.“
„Ach Vater …“
Ezio seufzte, und Giovanni konnte nicht umhin, sich ein Lachen zu verkneifen.
„Die Pazzi fürchten uns mehr, als sie zugeben wollen“, sagte er. „Wir haben gute Beziehungen, aber das darf uns nicht zu Übermut verleiten. Lass dich also bitte auf keinen Fall von Vieris Spott provozieren. Der Tag wird kommen, an dem du dich über ihn und seine großmäulige Verwandtschaft erheben kannst. Jedoch nicht mit den Mitteln der Pazzi. Wir sind Auditore, keine Wucherer und Beutelschneider. Und erst recht keine Denunzianten.“
„Es kommt mir nicht so vor, als ob man als Bankier viele Möglichkeiten hätte, andere Wege zu gehen“, sagte Ezio. „Und manchmal zweifle ich daran, ob mich diese Profession wirklich ausfüllen wird.“
Ihm war anzusehen, dass er für dieses Geständnis eine weitere Rüge von seinem Vater erwartete. Sie musterten einander, und es reute Giovanni, dass Ezio noch so wenig über seine tatsächliche Zukunft wusste. Für einen Moment war die Versuchung groß, ihm alles zu erzählen. Aber wie sollte Giovanni seinem Sohn die Geschichte der Bruderschaft binnen weniger Stunden begreiflich machen, ohne sein Weltbild zu zerschmettern und dabei zu riskieren, dass er Ezio entwurzelte? Nein, er musste es langsam angehen. Er musste ihn lehren – zusammen mit einem Menschen, in dem Ezio einen Vertrauten und Freund finden konnte, vor dem es keine Geheimnisse gab.
„Dein Amt hält dich nicht vor körperlicher Ertüchtigung ab“, sagte Giovanni. „Ich habe nicht grundlos Wert darauf gelegt, aus Federico und dir gute Reiter und ausdauernde Läufer zu machen, denen kein Hindernis den Weg versperren kann. Wir leben in unruhigen Zeiten.“ Er machte eine Pause, wobei er seinen Sohn erneut lange und eingehend musterte. „Lass dich nie biegen, Ezio. Nicht jedes Schaf, das die Herde anführen will, weiß auch, wohin es läuft. Behalte stets den Überblick. Dazu braucht es Abstand. Räumlichen und emotionalen.“
„Was meinst du, Vater?“
„Wenn du und dein Bruder einander über die Dächer jagt, bist du bestimmt schon einmal stehen geblieben, um auf eine Straße oder Piazza hinabzusehen, nicht wahr?“ Ezio nickte, und Giovanni fuhr fort, wobei er seine Worte mit Gesten begleitete: „Von oben betrachtet, ist die Dynamik der Masse eine andere, als wenn du selbst von ihr mitgerissen wirst. Als Teil von ihr kannst du durch den Pulk deiner Vordermänner nicht erkennen, was dich an der nächsten Kreuzung erwartet. Ist es ein Herold? Ein Gaukler? Eine Gruppe von Söldnern, die gerade die Schwerter ziehen, um einen Aufruhr anzuzetteln? Löst du dich aber von der Masse und blickst von oben auf sie und ihre Umgebung hinab, verschaffst du dir die nötige Weitsicht, um sowohl Gefahren als auch Möglichkeiten zu entdecken, die dir dein Vorankommen erleichtern. Auf dem Dach schaffst du dir körperlichen Abstand, mit deinem Geist den emotionalen. Betrachte eine Situation als Ganzes, bevor du über sie urteilst. Sei wachsam, figlio mio. Immer und überall.“
Der Ernst, mit dem sein Vater sprach, schien Ezio zu verwirren, doch er nickte wieder.
„Ich werde es mir merken.“
Bene. Dann geh jetzt und ruh dich aus. Und versuche, den Pazzi aus dem Weg zu gehen, hörst du?“
Ho capito, papa.“
Giovanni lächelte über die Anrede, die Ezio wählte. Es kam nicht mehr oft vor, dass er ihn Papa nannte, und in der Regel sparte sich Ezio diese Bezeichnung für Situationen auf, in denen er verdeutlichen wollte, dass er sich etwas wirklich zu Herzen nahm.
Giovanni wartete, bis Ezio das Büro verlassen hatte und seine Schritte auf dem Korridor verhallten. Dann stand er auf und trat vor den Kamin. Ein Mechanismus, der in dem mit Ornamenten verzierten Sims verborgen war, verwandelte ihn zu einem Durchgang. Giovanni beobachtete, wie der Feuerraum mitsamt der rückwärtigen Wand in einer Vertiefung im Boden verschwand, dann schlüpfte er unter dem Sims hindurch in eine geheime Kammer. Sie maß kaum drei auf drei Meter, und doch verbarg sie den gesamten Teil seines Lebens, der sich nicht mit einem Dasein als Bankier vereinen ließ. Schwerter und Dolche lagen auf Hochglanz poliert in ihren Wandhalterungen, und auf einer Schneiderpuppe aus Rohrgeflecht ruhte Giovannis Ornat – der beigegraue Waffenrock mit roten Ziernähten und die cappuccio aus festem Zwirn. Giovanni hob die Hand und strich darüber.
„Auch das bin ich, mein Sohn“, flüsterte er. „Und bald wirst du es erfahren.“
Dann zog er seinen Ornat von der Schneiderpuppe und legte ihn an.
Es gab noch viel zu tun.


Auch wenn es im Bezirk rund um die Piazza Brunelleschi deutlich ruhiger zuging als in Sant’Ambrogio, war es keine schlechte Adresse, wie Giovanni befand. Leonardos neue Nachbarn waren Sattler und Kistler, Instrumentenbauer und Buchmaler – Handwerker, mit denen sich ein Künstler arrangieren und unter Umständen sogar zusammentun konnte.
Zu der Bottega, die für den akzeptablen Preis von 27 Florin ihren Besitzer gewechselt hatte, gehörten eine Werkstatt mit Vorratskammern und Küche im Erdgeschoss und zwei Räume im ersten Stock, in denen sich Leonardo häuslich einrichten konnte. Außerdem gab es einen Innenhof mit Stallungen, zu drei Seiten von fensterlosen Backsteinfassaden und zur Straße hin mit einer hohen Mauer eingefasst. Niemand, der diesen Hof nicht betrat, konnte sehen, was darin vorging. Giovanni hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er in dieser Tatsache einen besonderen Vorzug der Immobilie sah.
„Ich habe dir also einen Spielplatz für Kampfübungen gekauft“, sagte Leonardo, als sie um einen Olivenbaum spazierten, der das Zentrum des Hofes markierte. Der Zustand des Baumes bereitete Leonardo offenbar Sorgen. Seit Jahren hatte niemand mehr die Krone gelichtet oder den Efeu entfernt, der beinahe den ganzen Stamm bedeckte. Früchte, die der Baum zu dieser Jahreszeit tragen sollte, waren kaum auszumachen.
„Du hast ihn nicht mir gekauft“, sagte Giovanni. „Sondern uns.“
Zufrieden musterte er Leonardos neues Zuhause. Der Kaufvertrag war zu San Martino zustande gekommen, und bereits eine Woche später war Leonardo aus der Bottega seines Lehrmeisters ausgezogen. Seine zukünftigen Einnahmen würde er darauf verwenden müssen, sich einen Hausstand aufzubauen. Zwar war das Schlafzimmer mit einem Bett und einer Kleidertruhe ausgestattet, und in der Werkstatt gab es einige Bänke und Regale, aber Leonardo fehlten sowohl Geschirr als auch Tischwäsche, ganz zu schweigen von einer angemessenen Grundausstattung für einen Künstler. Die Kosten für das Material, das Leonardo zur Anfertigung der Auftragsgemälde für den Palazzo Auditore brauchte, hatte ihm Giovanni vorab gezahlt, und so hatten zwei Staffeleien, ausreichend Holz für Bildträger, Pinsel, Leim, Bindemittel und Farbpigmente ihren Einzug ins Atelier gehalten. Mit der Zeit würde Leonardos Vorrat wachsen – und mit ihm die Vielfalt von Arbeiten, die er auf Wunsch seiner Kunden anfertigen konnte. Was Giovanni am Herzen lag, war die Sicherung von Leonardos Existenz als selbstständiger Maler. Mit der Zeit, davon war er überzeugt, würde die Bottega durch Mundpropaganda genug Zulauf bekommen, um Leonardo finanziell über Wasser zu halten.
„Wann möchtest du Ezio in die Ausbildung einbinden?“
Leonardos Frage durchbrach die Stille, und Giovanni richtete den Blick in den klaren Winterhimmel.
„Nächsten Monat“, antwortete er. „Es gibt noch ein paar Vorbereitungen, die wir zuerst treffen sollten.“
„Und welche?“
„Ihr braucht eigene Pferde. Ich werde zu diesem Zweck deinen Stall herrichten lassen. Er sieht mir etwas … verwahrlost aus.“
„So wie der gesamte Hof“, sagte Leonardo. „Die Bottega war nicht ohne Grund so günstig zu haben.“
Vero. Aber das ist kein Problem. Ein paar Reparaturarbeiten hier und da, und sie erfüllt all unsere Bedürfnisse. Ich kenne einen Zimmermann, den ich für diese Aufgabe heranziehen kann. Morgen. Jetzt kümmern wir uns erst einmal um deine Ausrüstung.“
Leonardo runzelte die Stirn, was Giovanni ein Grinsen entlockte. Er deutete auf die Kleidung seines jungen Freundes.
„Willst du so mit mir unter die Leute? Als Leonardo da Vinci, ein aufstrebender Maler, dessen Name die Herolde in Zukunft besser nicht mit Dingen in Verbindung bringen sollten, die unliebsame Aufmerksamkeit erregen? Sei dir bewusst, dass sich unsere Übungen nicht länger auf umfriedete Gärten oder Höfe beschränken werden. Dort, wo die Menschen uns sehen können, werden sie dich auch erkennen und als meinen Schüler identifizieren. Du brauchst einen Ornat, der deine Identität verbirgt. Und nun, da du die nötige Privatsphäre hast, wirst du ihn auch bekommen.“
„Ich weiß nicht, woher ich die Zeit nehmen soll, neben der Meisterprüfung, den Aufträgen für deine Frau und unseren Übungsstunden auch noch einen Waffenrock zu nähen.“
„Wer sagt, dass du ihn machen solltest?“, erwiderte Giovanni gutgelaunt. „Geh und hole die Entwurfsskizzen für meine Gürtelschnalle, die du einmal angefertigt hast. Du besitzt sie doch noch, oder?“
„Erm, natürlich. Wieso?“
„Weil wir sie gleich einem Mann vorlegen werden, der dich mit allem ausstatten kann, was du brauchst.“


Am südlichen Arnoufer lag Nicchio, einer der am dichtesten besiedelten Bezirke von Florenz. In dem Wirrwarr aus Gassen, Stichstraßen und überbauten Passagen fanden sich Gewerbe, die man in den gehobeneren Vierteln der Stadt nicht duldete. Dazu zählten neben den Färbern und Schlachtbetrieben, die sich entlang des Flusses niedergelassen hatten, vor allem die Beinschnitzer und die Sämisch- oder Weißgerber, die ihre Rohstoffe von den Fleischern bezogen, um sie zu Lederwaren, Kämmen und Laternenfenstern zu verarbeiten.Leonardo verlor schnell den Überblick, wo genau in Nicchio sie sich befanden. Ein Haus glich dem anderen. Alle waren dreigeschossig und schmucklos – und sie standen viel zu eng beieinander. In dem Menschenstrom, der sich durch die schattigen Gassen wälzte, fühlte sich Leonardo wie Brät, das man unsanft in einen Wurstdarm zu stopfen versuchte.
„Achte auf die Markierungen an den Kreuzungen“, sagte Giovanni. „An den Gassen der Schildmacher und Sattler sind wir vorbei. Die dort vorn führt zu den Riemern und Täschnern. Da müssen wir rein.“
Leonardo begnügte sich mit einem Nicken und ließ sich von Giovanni an den Auslagen eines Schuhmachers vorbeiziehen, vor denen sich besonders viele Menschen tummelten. Eine sonore Stimme pries die neusten Modelle aus Saffian- und Corduanleder an, und Leonardo keuchte unter den Preisen, über die Händler und Kunden hier verhandelten.
„Nutze die Massen“, sagte Giovanni, als sie sich weit genug von dem Schuhmacher entfernt hatten, um wieder miteinander sprechen zu können, ohne zu schreien. „Ihr Gewimmel und Lärmen macht dich unsichtbar. Wenn du der Einzige bist, der sich auf einer Piazza befindet, wird sich jeder, der an dir vorbeiläuft, an dich erinnern. Bist du jedoch einer von hundert oder mehr, bemerkt dich kaum jemand.“
„Ich hasse Menschen, wenn man ihnen nicht aus dem Weg gehen kann“, knurrte Leonardo.
„Oh, du kannst ihnen aus dem Weg gehen. Sie sind der Strom, und du bist der Aal, der darin schwimmt. Entwickle ein Gespür für Bewegung und Dynamik, finde die Lücken in der Menge und tauche darin unter. Es geht nicht darum, dass sich die Umgebung deinen Wünschen anpasst. Es geht darum, dass du lernst, deine Umgebung zu deinem Vorteil zu nutzen. Wir sind da.“
Mit diesen Worten blieb Giovanni vor einer der Werkstätten in der Gasse stehen. Leonardo hob den Blick und las das Schild, das über den ausgeklappten und als Warenauslage dienenden Fensterläden angebracht worden war: Luciano Evanesco, Beutler und Täschner.
„Ich dachte, wir suchen nach einem Waffenrock für mich.“
„Wart’s ab!“ Giovanni beugte sich über die Auslage, wobei er einige Gürteltaschen beiseiteschieben musste. „Buongiorno, Luciano“, rief er in den Raum, in dem ein Mann mit schwarzem Haar und Vollbart über eine Werkbank gebeugt saß und Lederstreifen zu einem Säckchen zusammennähte. „Come stai?
Der Mann ließ von seiner Arbeit ab und hob den Kopf. Seine Augen wurden groß.
„Gian, alter Haudegen! Wie schön, dich zu sehen!“ Er sprang von seinem Schemel und trat an die Lade. Dort ergriff er Giovannis Hand und schüttelte sie. „Was führt dich zu mir, amico mio?“
„Arbeit für dich und Mina“, erwiderte Giovanni. Dabei deutete er mit ausgestrecktem Daumen auf Leonardo. „Ich brauche ein paar Dinge für meinen Begleiter.“
„Du bildest einen Novizen aus? Davon wusste ich ja noch gar nichts.“
„Mein Bruder wird schon früh genug davon erfahren. Bis dahin brauche ich dein Augenmaß und deine Fingerfertigkeit.“
„Mit Vergnügen! Wartet einen Moment.“
Leonardo war verblüfft, als er sah, dass Luciano seine Waren in einen Korb räumte und dann beide Fensterläden zuklappte. Eine Weile rumpelte und rumorte es in der Werkstatt, dann wurde die Tür aufgezogen.
„Kommt rein“, bat Luciano.
„Ihr schließt den Laden wegen uns?“
Ma certo, ragazzo! Ist noch ein bisschen grün hinter den Ohren, dein Schüler, hm? Ein echter Novize!“
Luciano lachte. Leonardo wusste nicht, was er davon halten sollte, folgte Giovanni jedoch in das Innere der Werkstatt. Das Licht von Kerzen und unter der Decke hängenden Laternen empfing sie. Luciano drückte die Tür ins Schloss und schob den Riegel vor.
„Gut, gut!“, rief er und rieb sich die Hände. „Was genau soll’s sein? Ein schlichter Waffenrock mit Gürtel und Beuteln oder die komplette Ausstattung?“
„Letzteres“, sagte Giovanni. Er griff nach dem Schemel, auf dem Luciano gesessen hatte, und ließ sich darauf nieder. „Waffenrock, Kapuzenwams, Schärpe, Gürtel … Und gib ihm einen Lederschutz für die rechte Seite. Mit Futteralen für Wurfmesser. Fünf oder sechs.“
„Er ist Linkshänder?“ Luciano hatte nach Papier und Feder gegriffen und machte sich Notizen. Als Giovanni nickte, zeigte er ein Grinsen, das so breit war, dass Leonardo mehrere Zahnlücken auffielen. „Jetzt kann ich mir denken, was du so an diesem Bürschchen schätzt. Wie heißt er eigentlich?“
„Leonardo.“
„Nur Leonardo?“
„Fürs Erste schon.“
Luciano brummte etwas in seinen Bart, das sich für Leonardo wie „verdammter Geheimniskrämer“ anhörte, und wühlte nach einem mit Markierungen versehenen Riemen.
Va bene, Nur-Leonardo. Stell dich mal hierher und lass mich Maß nehmen. Darfst du auch ein paar Wünsche äußern oder soll Mina ganz nach Anweisung deines Meisters schneidern?“
„Wer ist Mina?“, fragte Leonardo.
„Meine Frau. Sie ist eine ausgezeichnete Wollweberin, die sich auch auf’s Nähen versteht. Der Stoff, den ihr braucht, besteht aus besonders hart gedrehtem Zwirn. Der hält mehr aus.“
Leonardo streckte seine Arme aus und bemühte sich um eine gerade Haltung, während Luciano um ihn herumging, Maß nahm und Zahlenkolonnen auf seinem Auftragspapier vermerkte.
„Habt Ihr und Eure Frau auch Giovannis Ornat gefertigt?“, fragte er.
„Das will ich meinen!“ Luciano grunzte und schlang sein Maßband um Leonardos Brustkorb. „Alles, bis auf die federbetriebene Klinge und die Gürtelschnalle.“
„Die hat Leonardo gemacht“, sagte Giovanni und grinste, als Luciano ihn entrüstet anstarrte. „Mi dispiace, amico mio, aber ich brauchte ein ansprechendes Design. Deine Handwerkskunst in allen Ehren, aber was eine individuelle Gestaltung angeht –“
„Schon gut, schon gut. Reib’s mir nicht unter die Nase! Ist ja auch ein schöner Gürtel.“
„Wir haben die Entwurfsskizzen dabei. Du kannst dich dran versuchen.“
„Ah ja, zum Nachmachen bin ich dir also gut genug?“
„Gewiss. Und ich bin mir sicher, dass du vortreffliche Arbeit leisten wirst.“
Wieder schnaubte Luciano. „Dann leg sie mir auf den Tisch. Zu den Maßen.“
Giovanni tat, wie ihm geheißen, und Leonardo fragte sich, wie viele heimliche Verbündete er in der Stadt besaß. Den ein oder anderen hatte Leonardo bereits in den letzten Jahren kennenlernen dürfen, aber wann immer er glaubte, einen Überblick gewonnen zu haben, sah er sich mit neuen Geheimnissen konfrontiert – wie jenem ominösen Bruder, den Luciano erwähnt hatte.
„Ich wusste gar nicht, dass du Geschwister hast“, sagte Leonardo, auch weil er sich vom fortlaufenden Herumdrehen und –zupfen Lucianos gelangweilt sah.
„Nur einen älteren Bruder“, erwiderte Giovanni.
„Ich glaube, den habe ich noch nie gesehen.“
„Wohl nicht. Mario lässt sich selten in Florenz blicken. Er wohnt etwa einen Tagesritt von hier entfernt, in einer Kleinstadt bei Siena.“
„Kleinstadt ist schmeichelhaft“, brummte Luciano. „Monteriggioni ist ein Provinznest, mehr nicht.“
Giovanni verzog das Gesicht, und Leonardo vermutete, dass er es tat, weil Luciano den Wohnort dieses Marios ausgeplaudert hatte.
„Gib ihm auch Handschuhe“, sagte Giovanni nach einer Weile. „Und einen Armschutz für beide Seiten.“
„Dir ist schon klar, dass das kein Novizenornat mehr ist, was du von mir willst?“
„Ist es. Und ich will zwei von dieser Art.“
„Für Nur-Leonardo und wen noch?“
„Meinen Sohn.“
„Federico?“
„No, Ezio.“
„Na sieh mal einer an!“ Luciano pfiff durch die Zähne. „Da brauche ich ja nicht mal Maß zu nehmen. Der Junge könnte sich als dein Doppelgänger ausgeben, und keinem würd’s auffallen, solange er sein Gesicht versteckt.“
„Was soll denn das heißen?“
„Ach Gian, wir sind halt nicht mehr die Jüngsten.“
Vero“, sagte Giovanni und lächelte. „Darum muss eine neue Generation ausgebildet werden, die unsere Arbeit fortführt.“
Nun konnte Leonardo mit seiner Neugier nicht länger hinter dem Berg halten. Den Täschner musternd, der sein Maßband auf den Tisch geworfen hatte, platzte es aus ihm heraus: „Ihr seid auch ein Assassine?“
„Ja und nein, ragazzo. Ich gehöre zur Bruderschaft, aber das Kämpfen überlasse ich gern Männern wie ihm.“ Er nickte Richtung Giovanni. „Solche wie er werden bereits in jungen Jahren ausgebildet und greifen nicht erst dann zur Klinge, wenn sie die Hälfte ihres Lebens bereits hinter sich haben. Wann hast du angefangen?“
Leonardo blinzelte, und es war Giovanni, der an seiner Stelle antwortete.
„Sein Stiefvater hat ihn nach Söldnermanier erzogen, bis Leonardo mit dreizehn nach Florenz kam. Vor vier Jahren habe ich mich seiner angenommen.“
„Und wie alt ist er jetzt?“
„Vierundzwanzig.“
„Sieht jünger aus.“
Während Leonardo grübelte, ob er sich von dieser Aussage beleidigt oder geschmeichelt fühlen sollte, beugte sich Luciano über sein Papier und machte sich weitere Notizen.
„Ich mache den Ornat für Ezio gleich mit. Gib mir ein paar Wochen … Die Waffen wollt ihr selbst kaufen?“
„Die Schwerter und Dolche, ja. Um die Wurfmesser kannst du dich kümmern.“
„Wird erledigt. Kommt um Weihnachten herum vorbei, dann ist alles fertig.“
Grazie, Luciano.“
Die beiden Männer schüttelten einander die Hand. Dann hielt Luciano auch Leonardo seine Pranke hin.
„Ich gehe davon aus, dass wir ab jetzt häufiger miteinander zu tun haben werden. Kannst ‚du‘ zu mir sagen, Nur-Leonardo.“
„Wenn du das ‚nur‘ weglässt, gerne.“
Luciano lachte schallend und entließ seine Kunden.
Zurück auf der Straße sah Giovanni Leonardo lange an.
„Jetzt wird es ernst, mein Freund“, sagte er. „Bist du bereit?“
„Ich denke schon.“
Giovanni schmunzelte und klopfte ihm auf die Schulter. „Das wollte ich hören!“, sagte er. „Und nun komm. Ich habe den Fladen-Ferdinando vorne an der Via Guicciardini stehen sehen, und wenn ich ehrlich bin, hängt mir der Magen in den Kniekehlen. Lass uns etwas essen!“


Glossar:
Gonfaloniere – oberster Richter; de jura Staatschef im spätmittelalterlichen Florenz
figlio mio – mein Sohn
Ho capito. – Ich habe verstanden.
cappuccio – Kapuze
San Martino – Sankt Martin, der 11. November; traditioneller Stichtag für neue Verträge
Buongiorno. – Guten Tag.
Come stai? – Wie geht es dir?
Mi dispiace. – Es tut mir leid.

„Cristina? Wo steckst du? Dein Hauslehrer ist schon da!“
Die volltönende Stimme riss Ezio aus dem Schlaf. Träge rollte er sich auf den Bauch und drückte das Gesicht ins Kissen. Er war noch viel zu dösig, um Traum und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können. Draußen vor dem Fenster rumpelten Karren und Fuhrwerke über die Straße. Die Nachtruhe war also längst vorbei. Davon zeugten auch die Marktschreier, die ihre Tagesangebote auf der nahen Piazza verkündeten.
Ezio unterdrückte ein Gähnen und taste über das Laken nach Cristina, die sich an seine Seite geschmiegt hatte. Als er ihre warme Haut unter seinen Fingern spürte, musste er lächeln. Er kam viel zu selten in den Genuss, neben ihr aufzuwachen.
‚So muss sich ein perfekter Morgen anfühlen‘, dachte er, bevor die Tür aufflog und Cristinas Vater ins Zimmer polterte.
Al diavolo!“, rief er. „Was geht hier vor?“
Mit einem Mal war die Gemütlichkeit, der sich Ezio hingegeben hatte, vergessen. Er fuhr in die Höhe und starrte auf den Mann, dessen Gesichtsfarbe eine frappierende Ähnlichkeit mit seinem scharlachroten Überrock aufwies.
Buongiorno, Messer Vespucci.“
„Dein buongiorno kannst du dir sparen, du Lümmel!“, donnerte Vespucci. „Was hast du im Bett meiner Tochter zu suchen?“
Besagte Tochter rührte sich nun ebenfalls. Die Zudecke gegen ihre Brust gepresst, setzte sie sich auf. „Oh Vater, es ist nicht –“, begann sie, wurde jedoch jäh unterbrochen.
„Wonach es aussieht? Und ob es das ist!“
Vespucci stampfte in den Raum, und Ezio beeilte sich, aus dem Bett zu springen, um seine auf dem Boden verstreute Kleidung aufzusammeln.
„Den Hals werde ich dir umdrehen, du ehrloser Lüstling! Im Arno sollte man dich ersäufen! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich von Cristina fernhalten sollst?“
„Ich fürchte, Eure Wünsche sind mit den meinen nicht so recht zu vereinbaren.“ Ezio bückte sich nach seinen Hosen und wich dabei vor Vespucci zurück, der Cristinas Bett umrundet hatte.
„Du dringst in mein Haus ein, vergehst dich an meiner Tochter und wagst es auch noch, frech zu werden?“
„Vergehen?“ Ezio blinzelte, wobei er einen weiteren Schritt tat. Er spürte den kalten Stein des Fenstersimses an seinem Gesäß und tastete nach dem Verschluss der Klappläden. „Ich habe mich nicht an ihr vergangen. Ich will sie heiraten!“
„Nur über meine Leiche!“, fauchte Vespucci. Er war jetzt so nah, dass er nur die Hand nach Ezio ausstrecken musste, um ihn zu packen – was er natürlich auch versuchte. Flink stieß Ezio die Fensterläden auf und schwang sich auf den Sims. Cristinas Schlafzimmer befand sich im zweiten Stock, doch das schreckte ihn nicht davon ab, den einzigen Fluchtweg zu wählen, der sich ihm in Anbetracht seiner Lage bot. Mit einem kurzen Blick auf die Straße stieß er sich von der Fensterbank ab und sprang – direkt in einen gutgefüllten Heuwagen, der vor dem Palazzo geparkt stand.
„Wachen!“, brüllte Vespucci. „Bringt mir seinen Kopf! Und seine Eier will ich auch!“
Mit diesen Worten schleuderte er einen Stiefel nach dem Flüchtigen, den dieser in seiner Eile in Cristinas Schlafzimmer hatte zurücklassen müssen. Er landete neben Ezio im Heu, und erleichtert griff er danach.
Grazie, messere!“, rief er Vespucci zu. „Krieg ich auch noch den anderen?“
Er lachte über seine eigene Kühnheit, bevor der Absatz des zweiten Stiefels gegen seine Schläfe prallte. Ezio fluchte, dann sammelte er seine Habseligkeiten zusammen und rollte sich vom Wagen. Die Halme kitzelten und pikten auf seiner Haut, doch Ezio hatte keine Zeit, sie abzuklopfen. Schon öffnete sich das Hauptportal des Palazzo Vespucci, und zwei mit Schwertern bewaffnete Leibwächter stürmten heraus.
Hastig fuhr Ezio in seine Hosen und blickte zum Fenster, durch das er soeben getürmt war. Ein fuchsteufelswilder Vespucci stand darin und hinter ihm, in ihre Decke gehüllt und mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, Cristina. Von ihrem Vater unbemerkt, warf sie Ezio eine Kusshand zu. Er schmunzelte darüber, wagte es jedoch nicht, die Geste zu erwidern. Er wollte nicht, dass Vespucci seiner Tochter mehr Vorwürfe als nötig machen konnte, und so begnügte er sich mit einer zum Abschied gehobenen Hand. Dann rannte er die Straße hinunter, halbnackt und barfuß. Vespuccis Leibwachen auf seinen Fersen wissend, schlug Ezio Haken um ihm entgegenkommende Wagen und Passanten, scheuchte eine Gänseschar auf, die zum Markt getrieben wurde, und stahl sich im Vorbeirennen einen Apfel aus der Auslage eines Obsthändlers.
„Eh, du Lump! Leg den sofort zurück!“
„Pass doch auf, wo du hinläufst, stronzo!“
„Hat dich ein wilder Affe gebissen, oder was stimmt nicht mit dir?“
Diese und ähnliche Beschimpfungen wurden Ezio nachgerufen, bis er stehen blieb und den erbeuteten Apfel ins Gesicht des Leibwächters schleuderte, der ihm am nächsten war. Der Mann kam aus dem Tritt und stieß gegen die Flanke eines Pferdes, das vor Schreck auskeilte und den Tisch eines Fischhändlers umriss. Körbe voller Barben und Räucheraale schlugen zu Boden und verteilten ihren schlüpfrigen Inhalt zwischen den Füßen der Passanten.
„Den Schaden zahlst du mir, du Blindgänger!“, wütete der Händler. „Trägst ein Schwert spazieren, bist aber zu dumm, geradeaus zu laufen!“
Es war Ezios Glück – und das Pech der beiden Leibwachen –, dass eine Gruppe von Gardisten auf das Tohuwabohu aufmerksam geworden war und intervenierte. Von seinen Verfolgern erlöst, huschte Ezio in eine Nebenstraße und blieb nach einigen Metern vor einem Brunnen stehen, an dem er verschnaufen konnte. Nachdem er seinen Durst gelöscht und sich fröstelnd Gesicht und Füße gewaschen hatte, schlüpfte er in seine Stiefel. Dabei überlegte er, wie er sich unbemerkt in den Palazzo Auditore schleichen konnte. Zwar lag Giovannis Gardinenpredigt über die Auseinandersetzung mit den Pazzi nun schon einige Wochen zurück, aber Ezio wollte sein Glück nicht unnötig herausfordern.
Er schüttelte sein Hemd aus, stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass es sauber geblieben war, und zog es sich über den Kopf. Im Anschluss versuchte er, sein Haar zu ordnen. Das Band, mit dem er es für gewöhnlich im Nacken zusammenhielt, hatte er in der Nacht bei Cristina verloren. Wahrscheinlich lag es noch in ihrem Bett, so wie auch sein Gürtel samt Geldbeutel, den er ebenfalls vermisste.
Ezio seufzte und trat den Heimweg an. Seine Flucht vor den Leibwachen hatte ihn quer durch das Viertel von Leon d’Oro und am Domplatz vorbei zum Mercato Vecchio geführt. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Palazzo Auditore. Allerdings war in Florenz nichts wirklich weit. Lief man zügig, konnte man die Stadt binnen einer einzigen Stunde zu Fuß umrunden. Kein bedeutender Ort des öffentlichen Lebens war für die Bürger umständlich zu erreichen, ganz gleich, in welchem Bezirk sie lebten. Ezio genoss den Luxus der Bequemlichkeit, den ihm Florenz bot, und bis auf den Tag hatte er es – von gelegentlichen Ausflügen in das nahe Umland einmal abgesehen – noch nie verlassen. Trotzdem wagte er es, sich als weltmännisch zu bezeichnen. Durch das Bankhaus Auditore und die Geschäfte seines Ausbilders, des hochangesehenen Messer Tornabuoni, war Ezio bereits mit Vertretern verschiedener italienischer wie germanischer Staaten in Kontakt gekommen. Er sprach fließend Deutsch, war von seinem Hauslehrer über einige Jahre durch das Lateinstudium gepeitscht worden und darüber hinaus ein ausgezeichneter Kopfrechner. All diese Fähigkeiten waren für seine Karriere unabdingbar, hatte sich das Bankhaus Auditore doch auf Darlehen an die Königreiche Germaniens spezialisiert. Doch wenn Ezio ehrlich mit sich war, waren es allein die Geschäftsreisen, die ihm seine Zukunft als Bankier schmackhaft machten, denn für den Rest seines Lebens mit dem Abakus hinter einem Schreibtisch zu versauern, konnte und wollte er sich nicht vorstellen.
Wie oft es seinen Vater außer Haus zog, wurde Ezio einmal mehr bewusst, als er beim Betreten des Palazzo zwei Männern in die Arme lief, die sich in der Vorhalle unterhielten. Der eine war Giovanni, der andere ein beleibter Herr, dessen purpurfarbener und mit Hermelinpelz besetzter Mantel ihn als Gonfaloniere der Signoria kennzeichneten. Dieses Amt auszufüllen, war eine große Ehre, wenn auch ein relativ kurzes Vergnügen. Das Gesetz der Republik schrieb vor, dass nach Vollendung jedes zweiten Monats eine neue Regierung zu berufen war, um Machtmissbräuche zu verhindern. Verblüfft stellte Ezio fest, dass er den aktuellen Gonfaloniere kannte – sogar so gut, dass er ihn in der Vergangenheit des Öfteren als Onkel bezeichnet hatte.
Buongiorno, Uberto. Buongiorno, Vater.“
Ezio verbeugte sich, bis ihm Giovannis Blick daran erinnerte, dass sein Aufzug gerade nicht der adretteste war. Verlegen zupfte Ezio an seinen Hemdsärmeln und bemühte sich, das Fehlen seines Gürtels zu kaschieren.
„Ezio, mein Junge!“, rief Alberti. „Wie geht es dir? Zerzaust und außer Atem, so wie immer, hm?“
„Erm, ja. Nein … Also …“ Ezio räusperte sich, als er beobachtete, wie sein Vater die Stirn runzelte.
„Was immer es ist, das dich zu dieser Stunde umtreibt, figlio mio, ich hoffe, es hat keine weitreichenden Konsequenzen, die mein Eingreifen fordern. Ich muss für eine Weile fort.“
Diese Eröffnung verblüffte Ezio. „Wann, heute? Aber … übermorgen ist Weihnachten!“
„Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht bei euch sein kann, aber es sind dringende Geschäfte, die mich rufen.“
„Das kann auch nur den Deutschen einfallen, kurz vor einem Feiertag um Geld zu betteln!“, schimpfte Ezio, und sein Vater und Alberti brachen in Gelächter aus.
„Die sind es diesmal nicht“, sagte Giovanni. „Ich muss nach Mailand. In etwa einer Woche bin ich zurück.“
„Mailand?“
Giovanni schien nicht willens, sich vor Ezio für sein Reiseziel zu rechtfertigten, und deutete an sich vorbei in den Flur. „Geh und mach dich frisch“, bat er. „Und dann kümmere dich um deine Schwester. Mir ist beim Frühstück aufgefallen, wie still sie ist. Vielleicht hat sie Streit mit Duccio.“
Diesmal war es an Ezio, die Stirn zu runzeln. „Wenn es so sein sollte, muss ich diesem Hohlkopf wohl leider den Arm umdrehen!“
„Mir wäre es lieb, wenn du es zuerst einmal mit Diplomatie versuchen würdest“, sagte Giovanni. „Mach keine Dummheiten, solange ich fort bin. Und pass auf deine Geschwister auf.“
Sì, papa.“
Begreifend, dass sein Vater vor seiner Abreise noch einige Worte mit Alberti wechseln wollte und Ezios Anwesenheit dabei nicht erwünscht war, zog er sich auf sein Zimmer zurück. Während er darüber nachgrübelte, welche Geschäfte seinen Vater wohl ausgerechnet jetzt nach Mailand führten, zog er sich um und kämmte sein Haar, das er nach einem Blick in den Spiegel zerzauster vorfand, als erwartet. Sicher, wieder vorzeigbar zu sein, ohne abschätzige Blicke zu ernten, stahl er sich in die Küche und stibitzte ein Stück Brot und Salami.
„Der Herr war nicht beim Frühstück“, bemerkte das Hausmädchen, eine dunkelblonde Frau Ende zwanzig, die auf den Namen Annetta hörte.
„Ich war verhindert“, sagte Ezio, wobei er sich des bedeutungsschwangeren Tonfalls und Gebarens bediente, die er sich von seinem Ausbilder abgeschaut hatte. „Wichtige Termine.“
„So, so. Von denen wusste Eure Mutter offenbar nichts. Sie hat nach Euch gefragt.“
„Verdammt“, nuschelte Ezio.
Prego, signorino?“ Annetta klapperte mit dem Geschirr und tat ihr Bestes, um ihr Schmunzeln zu verbergen. „Ich habe Euch nicht verstanden.“
„Nichts, nichts! Wo ist Mutter gerade?“
„Sie hat das Haus vor etwa zehn Minuten verlassen. Sie wollte zu diesem Maler, bei dem sie die Gemälde für den Atriumflur in Auftrag gegeben hat. Diesem … wie hieß er doch gleich … da Vinci.“
„Der Name sagt mir was.“ Ezio biss in sein Brot und kaute andächtig. „Stand der nicht im Sommer zusammen mit dem Sohn meines Mentors vor Gericht? Wegen dieser Saltarelli-Affäre?“
Appunto, das ist er.“
„Die Herolde haben die Sache damals wochenlang in jede Gasse geschrien. Messer Tornabuoni war sehr wütend darüber, da es den Ruf der Medici-Bank geschädigt hat.“
„Die Medici-Bank ist groß“, erwiderte Annetta. „Einen solchen Riesen kann ein Skandal allein nicht brechen. Einen kleinen Künstler dagegen schon.“
„Oh, bitte sag mir nicht, dass Mutter ihn aus Mitleid unter Vertrag genommen hat! Es würde ihr ähnlich sehen. Sie will immer helfen, wenn sie glaubt, dass jemand ungerecht behandelt wird.“
„Soweit man hört, ist dieser Leonardo wirklich talentiert“, erwiderte Annetta und ging dazu über, das Silberbesteck zu polieren. „Angeblich hat sein Meister das Malen aufgegeben, da er sich von ihm überflügelt sah. Und wir reden hier von niemand Geringerem als Andrea del Verrocchio.“
„Der Knabenliebhaber“, spottete Ezio. „Der kann einen noch so großen Namen haben, in seine Werkstatt würde ich meinen Sohn nie schicken.“
„Ihr sprecht kühn, signorino.“
„Vielleicht habe ich auch zu viel Geschwätz auf den Straßen gehört. Man weiß nie, was davon alles stimmt. Aber wenn nur die Hälfte von dem, was man unter der Hand über Verrocchio sagt, den Tatsachen entspricht, sollte man ihm den Schwanz verknoten. Vater war ein paar Mal bei ihm, und er hat kein gutes Haar an ihm gelassen.“ Ezio schob sich das letzte Stück Brot in den Mund und spülte es mit einem Schluck gesüßter Milch hinunter. „Ist der Hauslehrer schon da?“
. Er hat sich mit Claudia und Petruccio in die Bibliothek zurückgezogen. Sie wollen Petrarca studieren.“
„Dio mio“, klagte Ezio. „Das klingt nach einem furchtbar langweiligen Vormittag!“


Zwei Stunden lang streunte Ezio durch den Palazzo, der wie ausgestorben wirkte. Giovanni Auditore war abgereist und sein Sekretär Giulio d’Erlanga zu beschäftigt, um sich dazu herabzulassen, den jungen Hausherren wider Willen zu bespaßen. Nach bereits zehn Minuten in seiner Gesellschaft warf er Ezio aus dem Büro, da er es nicht ertrug, dass dieser lieber die Goldflorin durch den Raum schnippte, statt sie pflichtbewusst zu zählen. Ezio schimpfte ihn einen Greinmichel, um sowohl seine Kenntnisse der fränkischen Mundart als auch die Toleranzgrenze des geplagten Sekretärs auszutesten, und trollte sich in den Garten.
Nach dem Mittagessen fand er endlich Zeit, mit Claudia zu sprechen. Sie hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, was bereits viel über ihre Laune aussagte. Mit einem Buch auf dem Schoß, das sie keines Blickes würdigte, saß sie am Fenster und starrte auf die Straße. Claudia war das einzige der vier Auditorekinder, welches das dunkle Haar ihrer Mutter geerbt hatte. Die auffallend warmen Augen hatte sie jedoch, genau wie Ezio, von ihrem Vater.
„Bist du traurig, sorellina?“
„Ach nichts.“
„Lüg nicht. Geht es um Duccio?“
Ezio zog sich einen Scherenstuhl heran und setzte sich Claudia gegenüber. Sie sah ihn an und lächelte. Dankbar, aber auch ein bisschen kläglich.
„Soweit man hört, hast du mit Cristina auch genug zu tun.“
„Nicht mit ihr, nur mit ihrem Sturkopf von Vater. Er ist der Meinung, dass ich nicht reif genug für seine Tochter bin. Mit dieser Einstellung verheiratet er Cristina noch an einen Tattergreis. Das hat sie nicht verdient.“
„Sobald du den schwarzen Samtanzug und die Goldkette des Bankiers anlegst, wird er seine Meinung ändern. Eine solch gute Partie kann sich Vespucci doch nicht entgehen lassen.“
Ezio feixte. „Darauf hoffe ich. Also, was ist mit Duccio?“ Als Claudia zögerte, beugte er sich zu ihr und fasste ihre Hände. „Sag schon, sorellina. Vater macht sich Sorgen. Und wenn ich dich so hier sitzen sehe, tue ich es auch.“ Er sah sie mit dem treuherzigsten Hundeblick an, zu dem er fähig war, und erschrak, als Claudia jäh in Tränen ausbrach.
„Er hat mich betrogen!“, schluchzte sie. „Mit einem anderen Mädchen! Nur, weil sie mit ihm schläft, ohne damit auf die Hochzeitsnacht zu warten …“
„Von wem weißt du das, Claudia?“
„Von meinen Freundinnen. Sie haben gelacht. Ich glaube, es hat ihnen Spaß gemacht, mir davon zu erzählen.“
„Dann sind es keine Freundinnen!“ Ezios Stimme wurde kalt. „So etwas erzählt man nicht, um jemandem weh zu tun, den man angeblich mag!“
Claudia senkte den Blick. „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“
„Schieß sie in den Wind, diese boshaften Hyänen!“
„Und dann? Dann bin ich allein.“
„So ein Unsinn!“, sagte Ezio und drückte ihre Hände. „Du bist nie allein, sorellina. Du hast mich. Und mir kannst du alles sagen.“
„Du bist ein Vollidiot, Ezio“, erwiderte Claudia, und der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen. „Der liebste, den ich habe.“
„Genau der bin ich!“ Er zwinkerte, bevor er ihr die Tränen von den Wangen wischte. „Und genau deswegen werde ich jetzt gehen und schauen, ob ich Duccio auftreiben kann. Bevor ich den Worten dieser Lästermäuler Glauben schenke, will ich mit eigenen Augen sehen, ob sie der Wahrheit entsprechen.“
„Ich habe Angst davor, dass sie recht haben“, gestand Claudia.
„Wenn es so ist, was willst du, dass ich tue?“
Ezio gab ihr Zeit, in sich zu gehen und über ihre Gefühle nachzudenken. Er würde Duccio jeden Finger brechen, wenn er Claudia tatsächlich hinterging. Sollte sie aus Zuneigung zu ihm jedoch Gnade verlangen, würde sich Ezio, wenn auch zähneknirschend, ihren Wünschen unterwerfen.
„Ich habe ihn geliebt“, sagte sie leise.
„Bist du dir sicher? Vielleicht hast du nur geglaubt, dass du ihn liebst. Was du jetzt fühlst, ist entscheidend. Willst du ihm verzeihen, oder kannst du es nicht?“
Seine letzte Frage schien Claudia lange zu beschäftigen. Sie hatte ein Stofftaschentuch aus einer Falte ihres Kleides gezogen, doch statt sich damit über die Augen zu wischen, zerknüllte sie es in ihren Fingern. Es war Wut, die sie beherrschte, und Ezio erkannte es, bevor Claudia sie ihm gestand.
„Wenn es wahr ist, soll er leiden. Wenigstens ein bisschen. Es tut wirklich weh, Ezio …“
Er nickte und erhob sich.
„Ich kümmere mich darum“, versprach er. Sanft strich er über Claudias Schulter. Dann verließ er das Zimmer.



Duccio de Luca war der Sohn eines Tuchhändlers, der in der Nachbarschaft der Auditore lebte. Ezio brauchte keine drei Minuten, bis er vor der Tür des repräsentativen Wohnhauses stand, um anzuklopfen. Eine Dienstmagd öffnete ihm, und er erkundigte sich ohne Umschweife nach Duccios Verbleib.
„Der junge Herr ist nicht da“, sagte die Frau. „Gleich nach dem Mittagessen ist er verschwunden. Wollte zu einer Verabredung. An der Ponte alla Carraia, wenn ich mich recht entsinne.“
„Ach ja?“, fragte Ezio. „Was für eine Verabredung ist das?“
Mi dispiace, Signor. Aber das weiß ich nicht.“
Ezio bedankte sich für die Auskunft und spazierte durch die Straßen, bis er auf den Fluss stieß. Er wusste, wo sich die Ponte alla Carraia befand. Sie war die westlichste der vier Brücken, die das Regierungsviertel von Florenz mit dem südlichen, ausschließlich von Landwirtschaft und Handwerk geprägten Ufer verband. Hier gab es viele Gärten – und somit willkommene Rückzugsorte für Liebespaare, die sich ein Stelldichein geben wollten.
Eine Weile strich Ezio erfolglos umher, lief am Borgo della Stella entlang, der sich bis nach Nicchio zog, und klapperte alle ihm bekannten Brunnen und Nischen ab. Auf Höhe von Santa Spirito wurde er fündig. Zwischen einigen Marmorstatuen und Bäumen fand er Duccio auf einer Steinbank sitzend, gemeinsam mit einem Mädchen, dem er ungeniert den Hof machte. Ezio ging hinter einer der Statuen in Deckung und beobachtete das Geschehen. Was Duccio an dem Mädchen fand, konnte er sich bereits nach einem einzigen prüfenden Blick denken. Ihr Busen war so üppig wie ihr Ausschnitt tief, und das Übermaß an Bleiweiß, das sie sich ins Gesicht geschmiert hatte, sprach für Ezio Bände. So liefen abseits der Vertreterinnen des Hochadels nur Frauen herum, die kein großes Aufheben um ihre Tugend machten. Das Exemplar neben Duccio kicherte gerade und schlug ihm in gespielter Empörung auf den Arm.
„Du bist ein Schuft!“, rief sie. „Doch nicht hier!“
„Wieso denn nicht?“, säuselte Duccio und zupfte an einer Lederkappe, die er sich in verwegener Manier aufgesetzt hatte – ein wenig schief, sodass sein blonder Haarschopf darunter hervorlugte. Er war in ein aufwendig besticktes Seidenhemd gekleidet, das er nach Ezios Auffassung als Werbung für das Familienunternehmen der de Luca spazieren trug. Dies war nicht weiter verwunderlich, denn neben den Notaren und Bankiers gehörten die Tuchhändler und Stoffveredler zu den reichsten Bürgern der Stadt. Solange Ezio Duccio kannte, hatte dieser nie eine Gelegenheit ausgelassen, der Welt zu zeigen, wie sehr er den ihm beschiedenen Luxus genoss. Und offenbar genoss er gerade noch weit mehr als das.
„Komm schon, dolcezza mia“, fuhr er schmeichelnd fort. „Hier ist niemand, der uns stören könnte.“
„Das ist es nicht. Aber ich habe die Leute sagen hören, du seist verlobt. Mit dieser Claudia Auditore.“
Duccio winkte ab. „Ach die! Die ist hochgeschlossener als eine Nonne zur Fastenzeit. Als ob ich mit so einer Spaß hätte! Vater ist der Meinung, ich könnte eine Bessere finden als eine Auditore. Dich zum Beispiel.“
Als Ezio sah, wie Duccio dem Mädchen die Hand zwischen die Schenkel schob, hielt ihn nichts mehr in seinem Versteck. Er trat hervor, mit geballten Fäusten und einer Wut im Bauch, die beinahe schmerzte.
„Du verdammter Mistkerl!“, fauchte er.
Von seinem Auftauchen überrascht, ließ Duccio von dem Mädchen ab und sprang auf. „Oh, Ezio, mein Freund! Was machst du denn hier? Habe ich dir schon meine … erm… Cousine vorgestellt?“
„Erspar mir das Schauspiel! Wir wissen beide, was ich gerade gesehen habe! Du beleidigst meine Schwester und machst hier mit dieser Dirne herum!“
„Wen nennst du eine Dirne?“, entrüstete sich das Mädchen, stand aber ebenfalls auf.
„Dich, wenn du auf dieses Schwein hereinfällst! Hier und heute schwört er dir deine Treue, und morgen vögelt er schon die Nächste!“
„Immerhin ist Sabrina großzügiger mit ihrer Gunst als deine verklemmte Schwester!“, keifte Duccio. „Ich wette, sie ist so trocken wie eine Rosine. Und in ein paar Jahren auch genauso hässlich, so wenig, wie sie auf ihr Äußeres achtet!“
„Weil sie ein Gesicht hat, das ihr nicht abfällt, wenn sie sich zu nah ans Feuer wagt?“ Ezio schnaubte. „Du hast ihr das Herz gebrochen!“
„Habe ich das? Welch ein Jammer …“
Der Hochmut wich aus Duccios Gesicht, als Ezio ihn ohne jede Vorwarnung packte und in die Knie zwang. Keine Sekunde später lag Duccios Arm quer über der Kante der Steinbank. Sabrina schrie und flüchtete zwischen den Zypressen hindurch in Richtung von Santa Spirito. Ezio ließ sie ziehen. An ihr hegte er kein Interesse. Duccio aber sollte leiden. Mit grimmiger Entschlossenheit drückte Ezio seinen Arm über die Kante, bis Duccio winselte.
„Hör auf, Ezio, ich flehe dich an! Ich bin doch der einzige Sohn meines Vaters!“
„Und das entschuldigt was genau?“
„Ich brauch den Arm noch!“
„Ja, zum Wichsen, weil dich kein Mädchen in Florenz mehr an sich heranlassen wird, wenn ich erst einmal rumerzählt habe, was für ein untreues Arschloch du bist!“
Per favore, Ezio … lass mich!“
Der Schmerz trieb Duccio die Tränen in die Augen. Ezio starrte auf das Häufchen Elend zu seinen Füßen und ließ von ihm ab. Die Verachtung, die er verspürte, war zu groß, um Befriedigung in der Folter zu finden.
„Du bist es nicht wert!“, sagte er. „Steh auf und verpiss dich. Und wenn du nicht willst, dass ich dir deinen Arm doch noch breche, dann wagst du dich nie wieder in Claudias oder meine Nähe, capito?“
Capito!“, greinte Duccio.
Ezio ließ ihn los und wandte sich ab. Er wollte nicht mitansehen, wie sich Duccio wieder aufrappelte. Die Gefahr, dass Ezio die Kontrolle verlor und wider aller Vernunft doch zuschlug, war einfach zu groß. Er brauchte Abstand, um sich zu beruhigen, und so stampfte er die Straße hinunter, bis er auf die Ponte Santa Trìnita stieß. Ohne auf seine Umgebung zu achten, lief Ezio auf die Brücke und rempelte dabei mit einem Mann zusammen, der denselben Plan verfolgte wie er. Von diesem Missgeschick zur Räson gebracht, blieb Ezio stehen.
Scusi“, sagte er und bückte sich nach dem prall gefüllten Leinensack, der dem Mann bei ihrem Zusammenstoß entglitten war. „Ich war in Gedanken. Es war nicht meine Absicht, Euch …“
Er hielt inne, als sein Gegenüber noch vor ihm nach dem Sack griff und ihn vom Boden zog. Ezio hob den Kopf und blickte in die tiefgründigsten Augen, die er je gesehen hatte – auffallend groß, wachsam und scheu. Das zweite, das ihm an dem Fremden auffiel, waren die Sommersprossen, die selbst der beginnende Winter nicht aus seinem Gesicht hatte vertreiben können.
Scusi“, sagte Ezio erneut.
„Ist ja nichts passiert.“ Der Mann lächelte und warf sich den Sack über die Schulter. „Da ist nichts Zerbrechliches drin.“
Grazie a Dio.
Der Mann nickte ihm zu und setzte seinen Weg fort. Ezio blickte ihm nach, verwirrt von einer Erkenntnis, die ihn noch Tage beschäftigen sollte. Er verstand sich auf das Lesen von Gesten und Mimik, und es bestand kein Zweifel, dass dieser Mann ihn erkannt hatte. Ezio dagegen hatte keine Ahnung, wem er da gerade begegnet war.
Er liebäugelte damit, dem Fremden nachzulaufen, um ihn zur Rede zu stellen, doch die Erinnerung an Claudia, die zu Hause auf ihn wartete und gewiss noch immer todunglücklich war, hielt ihn davon ab.
Nachdenklich überquerte Ezio die Brücke. Als er die Uferpromenade der nördlichen Stadtteile erreichte, war der geheimnisvolle Fremde längst in der Menge aus Passanten und Fuhrwerken verschwunden.


Glossar:
Al diavolo! – Zum Kuckuck (noch mal)!
stronzo – Arschloch
Messer/Messere – höflich-förmliche Anrede für höhergestellte Herren im Renaissancezeitalter, entspricht dem englischen Sir/Sire [Achtung: wird die Person mit Zusatz ihres Namens angesprochen, schreibt/spricht man „Messer“, ansonsten „Messere“]
Prego, signorino? – Wie bitte, junger Herr?
Appunto. – Genau.
sorellina – Schwesterchen, bzw. Schwesterlein; zärtl. Kosewort
dolcezza mia – meine Süße
Grazie a Dio. – Gott sei Dank.

„Gestern Abend erreichte uns die Nachricht, dass Galeazzo Maria Sforza, Herzog von Mailand, einem heimtückischen Mordanschlag zum Opfer gefallen ist. Kurz vor Beginn des Hochamts zur Christmette am vergangenen Dienstag fielen gleich mehrere Attentäter in der Kirche zu Sankt Stefano über ihn her. Bei allen Dreien handelte es sich um Mailänder Bürger, die von Ungerechtigkeiten des Herzogs erzürnt ein Komplott gegen Sforza geschmiedet haben sollen. Einer der Männer, ein gewisser Andrea Lampugnani, starb noch vor Ort, die anderen beiden konnten vorerst fliehen.“
Giovanni seufzte, schloss das Fenster und lehnte sich an die Wand. Dabei blickte er auf das vollendete Gemälde der Venus, die dem Meer entsteigend ihre Blöße bedeckte. Leonardo war gerade damit beschäftigt, eine Schicht Firnis aufzutragen, hatte aber bei der Verkündung der Neuigkeit, die ein Herold draußen auf der Piazza ausrief, den Pinsel ruhen lassen.
„Eine Minute“, sagte Giovanni bitter. „Eine einzige Minute war es, die über alles entschieden hat. Ich habe gesehen, wie sie Sforza getäuscht und auf ihn eingestochen haben, aber ich kam zu spät, um es zu verhindern.“
„Hat dir Lorenzo deswegen Vorwürfe gemacht?“
„Ich mache mir Vorwürfe, Leonardo.“ Giovanni seufzte erneut. „Galeazzo Maria Sforza war ein unangenehmer Mann, allerdings hat das Attentat auf ihn zu einer Destabilisierung des Herzogtums geführt. Das ist auch zum Nachteil für Florenz.“
„Was gedenkst du nun zu tun?“
„Ich werde noch morgen nach Venedig aufbrechen.“
Leonardo runzelte die Stirn. „Wieso Venedig?“
„Dieser Andrea Lampugnani hat wie die anderen zu fliehen versucht“, berichtete Giovanni. „Im Seitenschiff ist er zwischen einigen Frauenröcken ins Stolpern geraten und gestürzt. Eine Leibwache des Herzogs hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und ihn getötet, bevor man die Verfolgung der übrigen Attentäter aufgenommen hat. Binnen weniger Augenblicke war die Kirche menschenleer. Nur Sforza lag noch da. Und Lampugnani. Ich habe seine Leiche untersucht und einige Golddukaten bei ihm gefunden. Solche.“ Er zog ein Geldstück hervor und gab es Leonardo. Ein Wappen war darauf geprägt, das drei Leoparden auf einem von Gondeln umrahmten Schrägbalken zeigte. „Dieses Geld stammt aus der Münze der Barbarigo. Sie sind eine der einflussreichsten Familien der Serenissima.“
„Du glaubst, dass Lampugnani von ihnen für den Mord an Galeazzo Maria Sforza bezahlt wurde?“
Giovanni zuckte mit den Schultern. „Es ist ein Verdacht, dem ich zumindest nachgehen sollte. Was ist mit den Ornaten? Hast du sie abgeholt?“
Der Themenwechsel kam abrupt, jedoch hatte Leonardo gelernt, einen solchen bei Giovanni nie zu hinterfragen. „Sì“, sagte er. „Und soweit ich die Stoffe geprüft habe, ist alles sauber und ordentlich vernäht.“
„Leg deinen an“, bat Giovanni. „Ich will dich darin sehen.“
Leonardo zögerte, doch als Giovanni mit einer demonstrativen Geste den Riegel vor die Werkstatttür schob, stand er auf. Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab und durchquerte den Raum. Wie in einer Bottega üblich, waren Arbeits- und Wohnbereich streng voneinander getrennt. Den Zugang zu Küche und Treppe hatte Leonardo mit einem Vorhang versehen, der sowohl Staub als auch lästige Gerüche abhielt. Er schlug ihn beiseite und trat vor eine Truhe, die im Gang neben der Tür zur Vorratskammer stand. Giovanni folgte ihm.
„Was hat es eigentlich mit den Farben auf sich?“, fragte Leonardo, während er den Deckel der Truhe aufklappte und nach dem Waffenrock und Wams griff, die für ihn bestimmt waren.
„Weiß und Rot waren der Bruderschaft stets heilig“, erklärte Giovanni. „Weiß ist die Heimat des Lichts, das alles Sichtbare gebiert. Es ist die Farbe der Vollkommenheit und Klarsicht, aber auch die der Unschuld. Sie steht im Kontrast zu Rot, das an das Blut erinnert, das in unseren Adern fließt. Rot ist auch die Farbe des Feuers, der Aggressivität, der Stärke und der Liebe. Wir sind ambivalente Kreaturen, Leonardo. Wir beschützen und wir töten. Wir dürfen beides nicht aus niederen Gründen tun, und auch von Wut und Rachsucht sollen wir uns nicht leiten lassen. Dennoch maßen wir uns an, zu richten. Dabei liegt es an uns, ob wir ehrbar handeln. In meinen Augen sind wir der Objektivität verpflichtet.“
„Nur in deinen?“
„Ein syrischer Großmeister hat der Bruderschaft Schriften hinterlassen, in denen er unser Credo kritisch beleuchtet. Uns sind nur wenige Seiten bekannt, aber sie lassen tief blicken.“ Giovanni half Leonardo dabei, Gürtel und Lederschutz anzulegen, und lächelte. „Wie du siehst, tragen wir das Weiß nur noch als Untergewand, anders als zu Kreuzfahrerzeiten in der Levante. Unsere Waffenröcke sind beigegrau oder braun. Sie passen zum Stadtbild, denn sie harmonieren mit dem Stein, der für die meisten Gebäude verwendet wird.“
„Damit wir ein Teil der Umgebung werden“, murmelte Leonardo. „Wer uns kennt, dem fallen wir auf. Für den Rest sind wir so gut wie unsichtbar.“
„Genau. Leg den Arm auf den Truhendeckel, wenn du den Lederschutz schnürst. So geht es leichter.“
Leonardo gehorchte, und wann immer Giovanni ihm half, beobachtete er seine Handgriffe, um sie sich einzuprägen.
„Ich möchte, dass du deinen Ornat in Zukunft öfter trägst, auch wenn wir nicht zusammen üben. Er soll dir zu einer zweiten Haut werden. Je schneller du ihn an- und ablegen kannst, desto besser. Achte darauf, dass alles gut sitzt. Du sollst deinen Ornat nicht spüren, denn er ist nicht dazu gedacht, dich in deinen Bewegungen einzuschränken. Du sollst so frei wie möglich agieren können. Also teste dich. Renne, reite, erklimme Dächer, balanciere auf Mauern. Wenn es irgendwo zwickt oder zu weit geschnitten ist, such Luciano auf und lass die entsprechenden Stellen korrigieren.“
Leonardo nickte. Er drehte und neigte den Oberkörper, um den Sitz des Lederschutzes zu prüfen, den er an seiner rechten Seite trug. Er bot Raum für sechs Wurfmesser, die Leonardo bequem ziehen und zurückstecken konnte. In seinem Hang zur Pragmatik fand er an diesem Teil seiner Ausrüstung besonderen Gefallen.
„Binde dir die Haare zusammen“, sagte Giovanni. „Sie sind zu lang, um von der Kapuze verborgen zu werden. Hüte deine wahre Identität wie einen Schatz und trenne sie von deinem Dasein als Assassine. Deine Taten sind es, die für dich sprechen sollen, nicht dein Name.“
„Hat dich Luciano deshalb Gian genannt?“
„So ist es. Es mag so viele Giovannis wie Sand am Meer geben, aber ein wenig Vorsicht ist dennoch angebracht, Leone.“
„Leone?“
„Gefällt dir der Name nicht?“
„Doch, schon“, gestand Leonardo, und Giovanni schmunzelte.
„Dann gewöhne dich an ihn. Ich will dich fortan so nennen, wenn du diesen Ornat trägst. Er steht dir ausgezeichnet. Ich bin gespannt, wie Ezio darin aussehen wird.“
„Wie dein Spiegelbild.“ Nun lächelte auch Leonardo. „Beinahe zumindest. Er ist dir wirklich ähnlich. Nicht nur von fern.“
„Du hast ihn getroffen?“
„Am Tag vor dem Christfest, als ich unsere Ausrüstung bei Luciano abgeholt habe. Wir sind vor der Brücke zusammengeprallt. Er war wohl in Gedanken, aber er hat sich sofort entschuldigt.“
„So, so.“
„Warum grinst du so bescheuert?“
„Weil ich aus deinem Tonfall heraushöre, dass er dir gefällt.“
Leonardo schnaubte. „Das ist Selbstbeweihräucherung, die du hier betreibst, Giovanni!“
„Gönn’s mir. Wenn man älter wird, giert man nach Komplimenten.“
Sie lachten, und Giovanni wartete, bis sich Leonardo die Haare zusammengebunden und die Kapuze über den Kopf gezogen hatte. Ein markanter Teil seines Gesichts verschwand im Schatten, ohne Leonardo die Fähigkeit zu rauben, seine Umgebung im Blick zu behalten. Giovanni nickte zufrieden.
„Gut siehst du aus“, sagte er. „Ein wenig Zeit habe ich noch, bis ich zum Abendessen zu Hause sein muss. Nutzen wir sie und gehen zu einem Waffenschmied. Ein passendes Schwert auszuwählen, ist nichts, das man leichtfertig tun sollte. Ich möchte dich begleiten und beraten. Bei der Gelegenheit können wir gleich prüfen, ob dich etwas an deinem Ornat stört. Dein Herumstehen hier im Gang wird kaum Aufschluss darüber geben.“
Leonardo sah zweifelnd drein, doch Giovanni schob ihn bereits durch den Vorhang und zurück in die Werkstatt.
„Wir nehmen die Hintertür“, sagte er. „Von dort kommen wir problemlos auf die Mauer und das Nebengebäude.“
„Menschen haben Straßen erfunden, Giovanni!“
„Sì. Und weil Menschen bequem sind, läuft auch jeder Depp darauf herum. Wir gehen über die Dächer. Du musst deine Balance und deine Trittsicherheit schulen.“
„Aber –“
„Hör auf zu jammern, Leone. Ezio wird vor dir davonspringen wie ein Affe, wenn du dich nicht intensiver mit diesem Teil der Ausbildung beschäftigst. Du bist mit deinen Künstlerkollegen auf dem Duomo herumgeturnt, als ihr die Kugel auf der Kuppel angebracht habt, also erzähl mir nichts von Höhenangst!“
„Die habe ich auch nicht“, entgegnete Leonardo. „Aber Straßen sind bequemer! Beim Klettern kommt man nur ins Schwitzen!“
„Als Ungeübter schon“, sagte Giovanni prosaisch. „Los, raus mit dir!“
Er öffnete die Hintertür und stieß Leonardo in den Hof. Eisiger Wind empfing ihn und ließ seinen Atem kondensieren. Leonardo fröstelte, griff an seine Kapuze und zog sie tiefer ins Gesicht. Ihr Stoff war schwer, und er hatte das Gefühl, dass sie ihm selbst bei abrupten Bewegungen nicht vom Kopf rutschen würde.
Giovanni hielt auf die Hofeinfriedung zu, die so hoch war, dass er sich strecken musste, um ihre Kante zu umfassen. Er setzte einen Fuß auf den Stein. Mit dem anderen stieß er sich mit Schwung vom Boden ab, und im nächsten Moment saß er auf der Mauer. Leonardo folgte ihm – noch etwas unbeholfen, aber entschlossen, vor seinem Mentor zu bestehen. Er wusste, dass ihm die Routine fehlte, die Giovanni seit Jahrzehnten besaß, und er würde Zeit brauchen, um sie zu entwickeln. Ergeben streckte Leonardo die Arme aus und balancierte bis zum angrenzenden Gebäude. Dessen Fassade war zwar fensterlos, besaß aber Aussparungen, in denen einmal die tragenden Balken eines Wehrgangs gesteckt hatten. Die Wohninsel, in der sich Leonardos Bottega befand, war einst Teil der Stadtgrenze gewesen. Florenz wuchs beständig, und seine Bürger dürsteten nach Bauland. Die Palazzi der Reichen wichen mehr und mehr aus dem Zentrum und verlagerten sich auf die Randbezirke, deren ländlicherer Charakter den Nasen der Hochwohlgeborenen zu schmeicheln wusste. Wer, der es sich leisten konnte, hauste auch schon gern inmitten des Trubels und nahe der Viehmärkte, wo es an heißen Sommertagen bis zum Himmel stank?
Mit Mühe und unter großer Kraftanstrengung zog sich Leonardo auf das Dach des Gebäudes. Kalt war ihm jetzt nicht mehr. Er war dankbar für die Handschuhe, mit deren Hilfe er sich an jeder Steinkante festklammern konnte, ohne sich zu verletzen. Sein Waffenrock war ihm bei der Kletterpartie nicht im Weg. Beidseitig bis knapp unter seinen Schritt geschlitzt, wich der Stoff zur Seite, wann immer Leonardo das angewinkelte Knie hob, um den nächsten Höhenmeter zu überwinden. Kaum stand er auf den Ziegeln, fiel ihm das Kleidungsstück wieder glatt über die Beine und vermochte, den Wind abzuhalten, der in luftigen Höhen viel schärfer wehte als auf Bodenniveau. Leonardo lief über die Ziegel zu Giovanni, wobei er auf die Beschaffenheit des Untergrundes achtete. Die letzten Tage waren niederschlagsfrei gewesen, und so lösten sich seine Befürchtungen, eine unfreiwillige Rutschpartie zu riskieren, bald in Wohlgefallen auf.
„Die Aussicht ist schön“, gab er zu und blickte auf den Duomo, der unglaublich nahe schien, auch wenn sie zwei Straßenzüge trennten. Andere bedeutende Bauwerke der Stadt waren von Leonardos Standort aus ebenfalls gut zu erkennen: die Badia mit ihrem spitzen Glockenturm, der Palazzo della Signoria und das Hauptquartier der Stadtgarde, der Palazzo della Podestà. Unter Leonardos Füßen schrumpfte Florenz zu einem Dorf, das er bequem überblicken konnte, weit über die Grenzen der Stadtmauern hinweg.
„Es ist immer wieder von Neuem berauschend“, sagte Giovanni und gab Leonardo einen Wink. „Komm, wir müssen hier runter.“
„Moment mal! Du hast mich nur auf der einen Seite dieses Hauses aufs Dach gejagt, um mich auf der anderen wieder hinunter zu scheuchen?“
„Ja, wieso?“
Giovanni grinste, und noch bevor Leonardo zu einer Schimpftirade ansetzen konnte, begann er den Abstieg. Flink und mit sicheren Griffen nutzte er Zierleisten, Simse und Balkone als Hilfsmittel. Leonardo hatte nicht übel Lust, ihn mit Taubendreck zu bewerfen, der sich allenthalben auf den Dachziegeln fand, entschied dann aber, seine Energien ins Klettern zu investieren. Ein Haus zu erklimmen, war relativ einfach, doch das Hinunterkommen erforderte höchste Konzentration.
„Du bist zu langsam“, sagte Giovanni, als sein Schüler endlich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.
„Vielleicht, aber dafür habe ich mir nicht den Hals gebrochen!“, knurrte Leonardo. „Die Schmiede, zu der du mich schleppen willst, liegt meinem Nachbarn gegenüber? Ernsthaft? Wir hätten einfach um die Ecke laufen können, dann wären wir schon vor einer Viertelstunde hier gewesen!“
„Sitzt noch alles da, wo es sitzen soll?“
„Prego?“
„Dein Ornat. Dass dein Mundwerk noch funktioniert, höre ich.“
Missmutig zupfte Leonardo an seiner Kleidung, doch es war noch alles an seinem Platz. Selbst Arm- und Seitenschutz waren nicht verrutscht.
„Ist alles in Ordnung“, brummte er. „Aber ich brauche andere Stiefel. Die Sohlen von diesen hier taugen nicht fürs Klettern.“
„Das Leder auch nicht“, entgegnete Giovanni. „Lass dir welche anfertigen, beim Schuhmacher an der Kreuzung vor Lucianos Laden.“
„Aber seine Preise waren horrend!“
„Weil Alfredo nur die besten Materialien nutzt. Corduanleder. Ich diskutiere nicht.“
„Das kann ich nicht bezahlen“, protestierte Leonardo.
„Das musst du auch nicht. Ich gebe dir das Geld, und du arbeitest es ab, indem du dich ab jetzt jeden Tag ein, besser zwei Stunden auf den Dächern herumtreibst. Ich werde Gilberto darauf ansetzen, ein Auge auf dich zu haben, solange ich in Venedig bin. Es wird ihm ein Vergnügen sein, dich zu triezen.“
„Weil er mich hasst.“
„Gilberto hasst jeden. Und jetzt hör auf zu zetern und komm!“
Wieder lief Giovanni voraus, und wieder folgte Leonardo. Aus Gewohnheit bemühte er sich, dicht an der Seite seines Mentors zu bleiben, auch um den Menschen auszuweichen, die ihn seit der Saltarelli-Affäre mit abschätzigen Blicken bedachten. Leonardo hatte sich so sehr an sie gewöhnt, dass es ihn verblüffte, dass sie plötzlich ausblieben. Mehrere Handwerksburschen und Händler kreuzten seinen Weg, und viele von ihnen kamen dabei so nahe, dass sie Leonardo ihren Hohn bequem ins Gesicht hätten schleudern können. Doch niemand suchte Augenkontakt. Wer Leonardo nicht bewusst ignorierte, betrachtete ihn verstohlen, so als müsste er sich davon überzeugen, dass von ihm keine Gefahr drohte. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte Leonardo, und anders als in den letzten Monaten, in denen er sich nur mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf auf die Straße gewagt hatte, ging er aufrecht. Noch bevor sie die Schmiede betraten, in der Giovanni ein geeignetes Schwert für ihn auswählen wollte, hatte Leonardo sein neues Ich als willkommene Wandlung seines Lebens empfangen. Der naive Junge aus Vinci, der den Fehler gemacht hatte, dem Wohlwollen der Menschen zu vertrauen, wich einem Löwen, der verstand, dass er um seinen Platz in der Welt kämpfen musste.
Giovanni hatte ihm Krallen gegeben. Es war an Leonardo, zu lernen, wie man sie benutze.



Ezio begriff nicht, warum sein Vater bereits einen Tag, nachdem er aus Mailand zurückgekehrt war, erneut verreisen musste. Er hatte Weihnachten mit seiner Familie versäumt, und Ezio befürchtete, dass er auch über Claudias Geburtstag fort sein würde. Ausgerechnet jetzt, nachdem sich ihre Verbindung mit Duccio aufgelöst hatte, war es wichtiger denn je, dass Giovanni zu Hause war. Ruhelos marschierte Ezio im Palazzo auf und ab. Er fand nicht einmal Gefallen daran, Cristina zu besuchen, dabei lagen sein Gürtel und sein Geldbeutel noch immer bei ihr.
Hin- und hergerissen zwischen der Liebe für seine Geschwister und der für Cristina, beschloss Ezio, seiner Angebeteten einen Brief zu schreiben. Er wollte nicht, dass es ihr ähnlich erging wie Claudia und sie an Ezios Zuneigung zweifeln musste. Also zog er sich in sein Zimmer zurück, nahm Papier und Schreibzeug zur Hand und verfasste einige Zeilen, in denen er die Geschehnisse der letzten Tage zusammenfasste und die Sorgen um seine Schwester schilderte. Gerade wollte er sich einen Mantel überwerfen und auf den Weg zum Palazzo Vespucci machen, als er Stimmen in der Eingangshalle vernahm. Neugierig öffnete Ezio die Tür und steckte den Kopf in den Flur.
„Ich habe meinen Besuch extra auf einen Tag verschoben, an dem ich Euch daheim weiß, Giovanni. Eure vielen Reisen scheinen Euren Sohn zum Übermut zu verleiten!“
„Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht, Piero.“
„Von seiner Nachstellerei, natürlich!“ Die Stimme des Besuchers schwoll an. „Aus dem Bett meiner Tochter habe ich ihn werfen müssen! Er mag einen Siegelring am Finger tragen, aber er benimmt sich wie ein Barbar beim Raub der Sabinerinnen!“
Vespucci! Ezio spürte, wie die Nervosität von ihm Besitz ergriff. Im Türrahmen verharrend und sicher, dass ihn die beiden Männer in der Eingangshalle nicht sehen konnten, lauschte er dem Gespräch.
„Ezio hat mir versichert, dass er an Cristina ein aufrichtiges Interesse hegt“, sagte Giovanni. „Es ist natürlich nicht in Ordnung, dass er sich ohne Euer Wissen in Euer Haus schleicht, aber –“
„Selbst wenn ich davon wüsste, dürfte er nicht hinein!“, donnerte Vespucci. „Ich will Cristina gut verheiraten! Wie soll mir das gelingen, wenn dieser Lüstling sie schwängert? Wer will sie dann noch nehmen, ohne Unsummen an Mitgift von mir zu verlangen?“
„Sie könnte Ezio heiraten.“
„Niemals!“ Vor Giovanni stehend, richtete sich Vespucci auf und ballte die Fäuste. „Das fehlt mir noch, dass sie einen Medicifreund ehelicht! Ich habe andere Pläne für sie. Und ich verlange, dass Euer Sohn dies endlich akzeptiert und Cristina fernbleibt!“
Giovanni seufzte. „Nehmt mir diese Frage nicht übel, Piero, aber wart Ihr jemals verliebt?“
„Verliebt? Für was für einen Vergeuder von Zeit und Geld haltet Ihr mich eigentlich? Liebe ist etwas für Träumer aus dem Plebs, nichts für Menschen unseres Standes!“
„Und das sagt wer?“
„Ich!“
Eine Weile schwiegen die beiden – zwei Väter, wie sie in Ezios Augen nicht ungleicher sein konnten. Längst beherrschte Wut sein Denken, und er musste an sich halten, den Brief, den er nach wie vor in seiner Hand hielt, nicht zu zerknüllen. Wie kam Vespucci dazu, eine Verbindung zwischen seiner Tochter und Ezio zu verbieten? Was sollte all sein Gerede von Geld und Stand? Die Auditore besaßen beides! Am liebsten wäre Ezio in die Eingangshalle gestürmt, um es Vespucci von Angesicht zu Angesicht zu sagen, doch da räusperte sich Giovanni.
„Ich werde Ezio darum bitten, sich in Zurückhaltung zu üben, aber den Kontakt mit Cristina werde ich ihm nicht verbieten. Ich betrachte ihn als reif genug, um darüber zu entscheiden, was er wirklich will.“
„Ich tue das nicht“, erwiderte Vespucci kalt. „Aber nach diesem Gespräch weiß ich auch, von wem er seinen Mangel an Einsicht hat!“
Damit machte der Kaufmann auf dem Absatz kehrt und rauschte aus der Eingangshalle. Er warf die Tür so laut hinter sich ins Schloss, dass ihr Knall als Echo durch den Palazzo schallte. Danach kehrte Stille ein.
„Vater?“ Zaghaft trat Ezio aus seinem Zimmer und offenbarte damit den Umstand, dass er gelauscht hatte. Giovanni wandte den Kopf. Das Lächeln, das er zeigte, war ernst, und unter diesem krampfte sich Ezios Herz mehr zusammen als unter der Wutrede Vespuccis.
„Es tut mir leid, figlio mio.“ Giovanni hob die Hand und winkte Ezio näher. Als dieser herankam, streckte er die Arme nach ihm aus und fasste ihn an den Schultern. „Er wird nicht einlenken.“
„Und gewiss auch Cristina Vorwürfe machen“, sagte Ezio traurig. „Wie kann er ihr nur so zusetzen? Sie ist seine Tochter.“
„Es gibt viele Arten, eine Familie zu führen“, erwiderte Giovanni nicht minder bedrückt. „Manche legen besonderen Wert darauf, ihren Namen reinzuhalten.“
„Was ist falsch an unserem Namen? Wir sind rechtschaffene Leute! Keine alteingesessene Familie, zugegeben, aber …“
„Das ist Teil des Problems“, sagte Giovanni. „Wir können keine Ahnen nennen, die sich bereits vor Jahrhunderten in Florenz hervorgetan haben, sei es durch eine Schlacht oder ein gespendetes Altarbild.“
„Wir könnten ja diesen Maler beauftragen, eins für uns anzufertigen. Diesen Leonardo, zu dem Mutter in letzter Zeit so oft geht.“
„Das wäre keine schlechte Idee.“ Giovanni lachte, dann musterte er Ezio erneut. „Du hast gehört, was Vespucci gesagt hat. Versuche, seinen Zorn nicht weiter zu provozieren, auch Cristina zuliebe. Mit einem hat der alte Stinkstiefel nämlich recht: Man kommt keinem unverheirateten Mädchen aus gutem Hause derart nahe.“
„Diese Sitte haben sich idioti wie Vespucci ausgedacht, die ihren Töchtern keine Wahl lassen wollen!“, knurrte Ezio. „Hätten sie Mitspracherecht, könnten sie ja einen weniger reichen Mann wählen, nur weil er vielleicht netter ist als der Dukatenscheißer im Seidenhemd.“
„Männer wie Duccio?“
Essattemente!
Giovannis Blick wurde weich. „Ich danke dir, dass du dich um diese Angelegenheit gekümmert hast. Wir werden schon einen Mann finden, der es ehrlich mit deiner Schwester meint. Und eine Familie für dich, in die du einheiraten kannst, ohne dass sie dir für diese Tat den Kopf von den Schultern reißen will.“
Die Worte brachen Ezio endgültig das Herz, und er senkte den Kopf.
„Aber ich liebe Cristina.“
„Sie mag das schönste Mädchen der Stadt sein, Ezio, und ich zweifle nicht daran, dass sie ein zauberhaftes Wesen hat. Aber sie wird sich nicht gegen den Wunsch ihres Vaters auflehnen. Sie ist seine Tochter.“
„Seine Tochter, aber nicht sein Eigentum!“, ereiferte sich Ezio.
Wieder stahl sich jenes ernste Lächeln auf Giovannis Gesicht, das Ezio bereits zu Beginn ihrer Unterredung verunsichert hatte.
„Ich bin froh, dass ich dir und deinen Geschwistern andere Werte beigebracht habe. Auch wenn euch dieser Umstand das Leben in Situationen wie diesen leider sehr schwer macht.“
Ezio ließ die Schultern hängen. Dabei blickte er auf den Brief in seinen Händen.
„Ist der für Cristina?“, fragte Giovanni.
Ezio nickte.
„Möchtest du noch etwas hinzufügen? Ich werde bei meiner Abreise sicherstellen, dass sie ihn bekommt. Ohne dass Piero etwas davon erfährt.“
Ezio überlegte einen Moment, dann nickte er erneut. „Ich möchte ihr schreiben, was gerade passiert ist.“
„Dann tu das. Und bring mir den Brief nach dem Abendessen.“
„Musst du denn wirklich schon wieder fort?“, fragte Ezio.
„Es tut mir leid, aber die Geschäfte rufen.“
„Lass mich mit dir gehen.“
„Das geht nicht. Noch nicht.“
Ezios Stimme wurde flehend, und es war wohl das Zusammenspiel der jüngsten Ereignisse, das einen Hauch von Verzweiflung in ihm weckte.
„Aber ich möchte dir helfen, Vater.“
Giovanni lächelte. Dann legte er seine Hand auf Ezios Wange.
„Du hilfst mir mehr, als du ahnst, Ezio“, sagte er. „Mehr, als du ahnst.“
Damit lief er aus der Halle, und bedrückt kehrte Ezio in sein Zimmer zurück, um seinem Brief an Cristina einige zusätzliche, traurige Sätze hinzuzufügen.



Zwei Wochen zogen ins Land, in denen Leonardo nichts von Giovanni Auditore hörte oder sah. Im Wissen darüber, dass der Assassine stets zu seinen Einsatzorten ritt und sich dabei den Möglichkeiten des Pferdewechsels bediente, um schneller voranzukommen, konnte Leonardo nicht verstehen, warum er nicht längst wieder in Florenz war.
„Oh, er war kurz hier“, sagte Gilberto, als sie sich zufällig auf einem Dach nahe Orsanmichele über den Weg liefen. „Für eine Nacht ist er geblieben und am darauffolgenden Abend wieder aufgebrochen. Lorenzo hat ihn nach Rom geschickt.“
Gilberto schätzte es nicht, wenn man ihn mit seinem wahren Namen ansprach, und er machte keinen Hehl daraus, dass er von Leonardo ebenso tituliert werden wollte wie von den Dieben und Beutelschneidern, als deren Anführer er sich verstand: La Volpe. Er war ein großgewachsener Mann mit Storchenbeinen und einem Gesicht, das nur eine einzige, stets sauertöpfisch dreinschauende Miene zu kennen schien. Volpe genoss den Ruf, sich so flink über die Dächer zu bewegen, dass er binnen weniger Minuten an drei vollkommen verschiedenen Orten der Stadt gesichtet werden konnte. Leonardo hielt diese Behauptung für ein Gerücht, das Volpe selbst in Umlauf gebracht hatte. Bei der Arroganz, die der Herr der Diebe zuweilen ausstrahlte, lag der Verdacht nahe, dass er beabsichtigte, als Legende von Florenz in die Annalen einzugehen.
„Was soll Giovanni jetzt auch noch in Rom?“, wollte Leonardo wissen.
„Einen Brief übergeben, den er einem Boten in Venedig abgejagt hat. Er war verschlüsselt, also hat der Gonfaloniere seinen Lieblingspater Antonio darum gebeten, seinen Inhalt zu ergründen. Offenbar ohne Erfolg. Die einzige Möglichkeit, diesem Schreiben sein Geheimnis zu entlocken und herauszufinden, wer die Ermordung des Herzogs von Mailand vorangetrieben hat, bestand also darin, diesen Brief zuzustellen.“
„Ein Brief, der selbst von einem studierten Gelehrten nicht zu entschlüsseln war?“, fragte Leonardo. „Da stimmt doch was nicht.“
„Du hättest es natürlich gekonnt, nicht wahr?“, spottete Volpe. „Schließlich bist du so klug, dass du nie auch nur eine Schule betreten musstest.“
Die Spitze schmerzte Leonardo, und er holte tief Luft. „Ich bringe lediglich zum Ausdruck, dass diese Geschichte mein Misstrauen erregt.“
„Oder deine Neugierde.“ Volpe schürzte die Lippen. „Wer kann mir versichern, dass du nicht heimlich für deinen alten Herrn spionierst, hm?“
„Abgesehen davon, dass ich es nicht tue: Welches Interesse sollte mein Vater an einer Verschwörung in der Lombardei haben?“
„Traue nie einem da Vinci, denn sie sind gefährlich“, sagte Volpe. „Diese Weisheit ist älter als du, Pinselschwinger.“
„Giovanni arbeitet ab und an mit meinem Vater zusammen“, erwiderte Leonardo. „Ich glaube nicht, dass er dies täte, wenn er ihn für gefährlich halten würde.“
„Vielleicht“, sagte Volpe spitzfindig. „Vielleicht hat ihn Ser Piero auch nur korrumpiert und auf seine Seite gezogen. Das würde erklären, warum Giovanni ausgerechnet dich ausbildet.“
Volpes offen zur Schau gestellte Feindseligkeit ärgerte Leonardo. Er wandte sich ab und kletterte auf das Dach des Nachbargebäudes. Wie Giovanni dazu kam, sich mit diesem Beutelschneider abzugeben und ihn als Verbündeten zu bezeichnen, war ihm ein Rätsel. Volpe war Leonardo von Anfang an abweisend begegnet, und sein ewiges Herumreiten auf dem Namen da Vinci klang in Leonardos Ohren lächerlich. Gewiss, sein Vater war auf familiärer Ebene kein ehrbarer Mann, aber er war nur ein da Vinci von vielen.
Oh, wie er Vorurteile hasste!
Leonardo folgte dem Verlauf der Via San Martini nach Osten, wobei er sich dazu anhielt, hin und wieder auftauchende Straßenschluchten zu überspringen. Er hatte oft gesehen, wie Giovanni es tat und dabei eine Unerschrockenheit zeigte, die Leonardo das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Sprünge, die sein Mentor meisterte, zog Leonardo noch nicht einmal in seiner Fantasie in Betracht. Lieber suchte er stark überbaute Bereiche in den Gassen, konzentrierte sich auf sein Gleichgewicht, schlug einen Bogen nach Norden und näherte sich so langsam aber sicher seinem Zuhause. Er hatte Maria Auditore zugesagt, dass sie die ersten beiden der insgesamt sechs Auftragsgemälde in der nächsten Woche bei ihm abholen konnte. Bis dahin musste er die Bilder noch rahmen. Das dafür vorgesehene Holz hatte er bereits ausgesucht und zugeschnitten, aber es wartete noch eine Menge Arbeit auf ihn.
‚Immerhin habe ich eine‘, dachte Leonardo, als er in einer Seitengasse der Via Larga vom Dach stieg. Giovanni bot ihm sowohl Schutz als auch Chancen, sich trotz aller Skandale in der Künstlerszene der Stadt zu etablieren. Was er dafür verlangte, war, dass Leonardo beständig lernte, seine Kondition schulte und sich mit den Lehren alter Philosophen beschäftigte, die er regelmäßig an ihn herantrug. Aristoteles, Heraklit, Ovid und Platon; eine Schrift jagte die andere. Der Zugang zu höherer Bildung weckte Leonardos Ehrgeiz, auch wenn er sich dieses Wissen selbst anlesen musste. Giovanni bestand darauf.
„Lass dir nichts von den Studierten vorkauen“, pflegte er zu sagen. „Bilde dir deine eigene Meinung. Das kannst du am besten, wenn du die Quellen liest und nicht die Kommentare aus fremden Federn. Wer glaubt, dass das Erlangen einer Urkunde ausreicht, um sich gebildet nennen zu dürfen, ist ein Narr. Ein wahrhaft kluger Mensch gebraucht seinen eigenen Verstand und nicht den anderer.“
Giovannis Worte waren auf fruchtbaren Boden gefallen und minderten die Scham, die Leonardo ob seiner fehlenden Schulbildung empfand. Vor Giovanni fühlte er sich weder minderwertig noch unterschätzt, und es war seine unkonventionelle Art, die Leonardo dazu trieb, sich einem Dasein zu verschreiben, das er ohne tiefere Einblicke als ruchlos empfunden hätte.
Er trat aus dem Schatten der Gasse und überquerte die Via Larga. Die wachsende Gelassenheit, die ihm sein Ornat gab, erleichterte es ihm, wie selbstverständlich Fuhrwerken und Passanten auszuweichen. Leonardo genoss seine Anonymität und die Stärke, die er aus ihr zog – und je mehr Zeit verging, desto ungeduldiger wurde er. Selten hatte Leonardo einen Tag so sehr herbeigesehnt wie jenen, an dem er Ezio treffen sollte, um gemeinsam mit ihm seine Ausbildung zu bestreiten. Neben seinem Stolz war es Giovanni gelungen, Leonardo noch etwas anderes zurückzugeben: die Hoffnung auf Freundschaft.



Glossar:
Essattemente! – Exakt!/Genau!
la Volpe – der Fuchs

Leonardo erschrak, als sein Blick auf Giovannis blutgetränktes Wams fiel. In der linken Brustseite klaffte ein Loch, das nur von einer Stichwaffe herrühren konnte. Eilig schloss Leonardo die Hintertür, durch die sein Mentor in die Bottega gestolpert war, und schob den Riegel vor.
Per Dio, brauchst du einen Arzt?“
„Geht schon.“ Giovanni winkte ab. Der Schein der von der Decke baumelnden Öllampe malte Schatten auf sein blasses Gesicht. „Ich bin versorgt. Maria hat mir den Verband gewechselt, bevor ich den Palazzo verlassen musste.“
Leonardo trat an die beiden Fenster, über die das Atelier verfügte, und klappte die Holzläden zu. Erst dann entzündete er weitere Öllampen und einige Kerzen. Warmes Licht verdrängte die Dunkelheit der hereingebrochenen Nacht.
„Was ist passiert?“
Seine Sorge zauberte ein Lächeln auf Giovannis Gesicht, das sich zu einer Grimasse verzog, als er sich auf einen Schemel sinken ließ. Dann legte er einen mitgebrachten Leinenbeutel auf die Werkbank. Etwas klimperte darin. Es klang metallisch.
„Anfang des Monats habe ich den Palazzo Barbarigo in Venedig aufgesucht und observiert“, begann er. „Am dritten Tag hatte ich Glück, denn die feinen Herren fanden sich zu einer Unterredung zusammen. Ich habe davon leider nur Bruchstücke belauschen können. Es ging um einen Plan und dass ihnen die Pazzi stets gute Verbündete gewesen sind. Am Ende des Gesprächs rief einer der Barbarigo einen Boten, übergab ihm einen Brief und befahl ihm, ihn unter Einsatz seines Lebens nach Rom zu bringen. Zu einem Weinhändler auf dem Campo di Fiori.“
Leonardo nickte verständig. „Volpe hat mir erzählt, dass du das Schreiben abgefangen hast. Er sagte auch, dass du nach Rom aufgebrochen bist, da die Signoria seinen Inhalt nicht hat entschlüsseln können.“
„So ist es“, sagte Giovanni. „Also tat ich, wie befohlen. Ich übergab den Brief und verfolgte seinen Weg durch die Stadt. Der Weinhändler trug ihn zu einem Schneider, und der brachte ihn einem Kaufmann, der ihn in einem Notariat hinterlegte. Schließlich landete der Brief in den Händen eines Mannes, von dem ich nun weiß, dass er der Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche ist. Seinem Namen nach stammt er aus Spanien.“
„Wie heißt er?“
„Rodrigo Borgia.“ Eine Weile starrte Giovanni blicklos vor sich hin und nestelte an seinem Wams. Als er dabei den Riss und den darunterliegenden Verband berührte, zuckte er zurück, auch wenn es nicht der Schmerz zu sein schien, der ihn zu dieser Reaktion trieb. „Ich wollte mehr über ihn in Erfahrung bringen. Also folgte ich ihm durch die Straßen, nachdem er den Brief in den Papstpalast gebracht hatte. Ich weiß nicht wie, aber er muss mich bemerkt haben. Er verschwand in einer Kirche, und ich Dummkopf tappte in seine Falle. Denn anstatt unterzutauchen, erwartete er mich. Zusammen mit einigen Männern.“
„Und dann?“
„Er sprach mich an, nannte mich bei meinem Namen. Wollte, dass ich die Seiten wechsle und für ihn arbeite.“
„Du hast ausgeschlagen.“
Giovanni schnaubte. „Natürlich habe ich das! Und natürlich hetzte er seine Bluthunde auf mich, kaum dass ihm klar wurde, dass ich nicht zu überzeugen war. Ich konnte die Männer zwar bezwingen, aber bevor ich Borgia habhaft werden konnte, schleuderte er einen Dolch gegen mich. Ich hatte Glück, denn er verfehlte mein Herz.“
Noch bevor Giovanni ausgesprochen hatte, heftete sich Leonardos Blick auf dessen Brust und den hässlichen Fleck, der seinen Ornat entstellte.
„Ist die Wunde genäht worden?“
„Mit sieben Stichen.“
„Und einer abgekochten Nadel, wie ich hoffe!“
„Der Bader hat ordentlich gearbeitet und an diesem Abend wahrscheinlich einen besseren Umsatz an Grappa gemacht als jeder Schankwirt in Rom.“ Giovanni lachte, wenn auch nur kurz und unterdrückt, um seine Verletzung nicht zu belasten. Dann wurde er wieder ernst und griff nach dem Leinenbeutel, den er neben sich auf der Werkbank platziert hatte. „Ich habe ein Problem, Leonardo. Und ich hoffe, dass du mir helfen kannst.“
Er öffnete den Beutel und holte etwas daraus hervor, das Leonardo sofort als Giovannis Armschutz erkannte. Es war ein ganz besonderer, verziert mit Metallbeschlägen und dem Symbol der Bruderschaft, mit dem Leonardo inzwischen seit Jahren vertraut war. Es sah aus wie ein stilisiertes A, dem der Querbalken fehlte. Eingeweihte erkannten darin den Schädelknochen eines Adlers. Der Raubvogel diente den Assassinen aufgrund seines scharfen Blicks und seiner Fähigkeit, lautlos auf seine Beute hinabzustürzen, als Wappentier.
Giovanni drehte den Armschutz und offenbarte die an seiner Unterseite angebrachte Metallschiene, in der ein federbetriebener Dolch saß. Ein Mechanismus sorgte dafür, dass die Klinge nach ihrer Entsicherung und der Vollführung einer speziellen Handbewegung aus der Vorrichtung schoss, um als Waffe gebraucht zu werden – normalerweise zumindest. Jetzt lag der Dolch lose auf dem Tisch. Die Feder war gebrochen, die Schiene sichtlich beschädigt.
„Der letzte meiner Gegner hatte einen Zweihänder mit Wellenklinge. Das muss zu viel gewesen sein.“
„Es war wohl eher der Winkel, in dem er zugeschlagen hat. Und die Vehemenz.“ Leonardo griff nach dem Armschutz und begutachtete ihn im Licht der Öllampen. „Die Feder in der Schiene fehlt. Aber das ist vermutlich nicht das einzige Problem.“
„Ich hatte keine Zeit, den Boden nach den Einzelteilen abzusuchen“, sagte Giovanni. „Ich war schwer verletzt.“
„Ich mache dir auch keinen Vorwurf. Ich weiß nur nicht, wie ich die Klinge reparieren soll, wenn so viele kleine, aber wichtige Teile fehlen … und ich nicht einmal weiß, wo genau sie saßen oder wie sie miteinander verbunden waren.“
„Ich habe etwas, das dir vielleicht helfen kann.“ Giovanni griff in die Dokumententasche an seinem Gürtel und entnahm ihr ein Pergament, das stark gebräunt und stockfleckig war. „Dies ist eine Seite aus dem Kodex des syrischen Großmeisters, von dem ich dir vor einer Weile erzählt habe. Altaïr Ibn-La’Ahad. Er scheint der Schmied dieser Klinge gewesen zu sein. Als mein Vater sie mir überreichte, gab er mir auch dieses Dokument. Er sagte, beides gehöre zusammen und ich solle diese Schätze hüten wie meinen Augapfel.“
Er strich das Pergament glatt. Leonardos Blick fiel auf Konstruktionszeichnungen, die mit zahlreichen Anmerkungen versehen waren. Die Lettern waren von rechts nach links geschrieben. Für einen Moment erschienen sie Leonardo exotisch, doch als er seine Finger auf die Seite legte, durchströmte ihn ein eigenartiges Gefühl von Vertrautheit.
„Das ist Arabisch“, sagte er.
. Mein Vater beherrschte es, aber meine Kenntnisse sind leider ziemlich dürftig. Ohne die Hilfe von Wörterbüchern kann ich Texte wie diese nicht übersetzen.“
Laa shay'a waqi'un moutlaq bale kouloun moumkine …“ Die gutturalen Laute perlten über Leonardos Lippen wie Wasser aus einer Quelle. „Nichts ist wahr …“
„Alles ist erlaubt.“ Giovanni lächelte. „Ich habe geahnt, dass du es verstehen kannst. Deine väterliche Linie mag aus Italienern bestehen, aber deine Mutter …“
„Ich weiß nicht, woher sie stammt“, sagte Leonardo. „Über ihre Vergangenheit hat sie immer geschwiegen. Sie hat über vieles geschwiegen.“
„Und wir wissen beide, warum.“
Über diese Worte schlug Leonardo die Augen nieder. „Meine Familie ist zerrissen. Seit Großvaters Tod ist es von Tag zu Tag schlimmer geworden.“
„Dein nonno Antonio war ein rechtschaffener Mann“, sagte Giovanni. „Und er war stolz auf dich, vergiss das nicht. Für ihn warst du noch auf dem Sterbebett der einzige Enkel.“ Er legte Leonardo die Hand auf die Schulter und nickte auf das Pergament, das vor ihnen auf der Werkbank lag. „Ich weiß, dass du ein guter Metallurg bist. Bitte versuche, die Klinge zu reparieren. Luciano ist kein Schmied, und ich möchte keinem außerhalb der Bruderschaft diese Waffe anvertrauen. Bei dir weiß ich sie in guten Händen. Genau wie dieses Pergament. Gib darauf acht, es ist von unschätzbarem Wert. Außerdem würde mir Mario den Hals umdrehen, wenn es verlorenginge.“
„Dein Bruder?“
. Für ihn ist es wichtig, dass alles, was der Familie gehört, auch in ihren Händen bleibt. Idealerweise in ihrem Heimatort.“
„Du bist kein gebürtiger Florentiner?“, fragte Leonardo erstaunt.
„So wenig wie du. Daher unser Namenszusatz, da Firenze. Eigentlich sind wir nur Auditore.“
„Und keine Bankiers?“
„Absolut nicht.“ Wieder lachte Giovanni. „Mein Bruder ist Winzer mit Leib und Seele. Und Condottiere. Je nach politischer Lage arbeitet er mal für Siena und mal für Florenz.“
„Er ist ein Söldnerführer?“
„Du siehst überrascht aus.“
„Das bin ich auch.“
Giovanni lehnte sich zurück, bis seine Ellenbogen auf der Kante der Werkbank ruhten, und streckte die Beine aus. „Meine Familie hat Geld, aber wir sind nicht das, was man im engeren Sinne als Adel bezeichnen würde. Es war meine Idee, Monteriggioni zu verlassen und nach Florenz zu ziehen, um mir hier ein eigenes Leben aufzubauen. Ich war kaum älter als du, als ich das Bankhaus Auditore gegründet und damit begonnen habe, mich die Karriereleiter hochzubeißen. Mit der Unterstützung der Medici ist mir das auch ziemlich gut gelungen.“
„Je mehr du mir erzählst, desto weniger begreife ich, wie diese Verbindung zustande kommen konnte“, sagte Leonardo. „Die Medici erscheinen mir nicht gerade aufgeschlossen gegenüber niederem Landadel.“
„Diese Einstellung wagen sie zu überdenken, wenn ein Vertreter dieser Kaste einem der ihren das Leben rettet“, erwiderte Giovanni. „Die Medici sind Despoten, aber sie sind nicht undankbar. Insbesondere Lorenzo ist es nicht. Er versteht etwas von Politik und der Wichtigkeit guter Beziehungen … oder Abhängigkeiten.“
„Ist er es, den du gerettet hast?“
„Ich habe ihn aus dem Arno gefischt, als er noch ein Junge war. Er konnte nicht schwimmen. Vermutlich kann er es bis heute nicht.“
Leonardo nickte. Dann glitt sein Blick zurück zu der Kodexseite. Etwas daran zog ihn an wie der Kerzenschein eine umhertaumelnde Motte. Erneut legte er seine Finger auf die arabischen Zeilen, und wieder durchflutete ihn dieses seltsame Gefühl, das ihn sowohl erschreckte als auch mit Faszination erfüllte.
„Die Zeichnungen erscheinen mir sehr aufschlussreich“, sagte er nach einer Weile. „Damit kann ich arbeiten. Allerdings befürchte ich, dass du mir zwei, vielleicht sogar drei Tage Zeit geben musst, um alles genau so zu fertigen, wie es hier gezeigt wird.“
„Diese Zeit hast du“, versicherte Giovanni. „Zumal ich morgen endlich das tun möchte, was ich bereits seit Monaten plane.“
„Du willst Ezio einweihen?“
„Genau. Maria hat mir erzählt, dass sie gegen Mittag die ersten beiden Gemälde bei dir abholen möchte. Sie wird Ezio mitnehmen. Er soll tragen helfen.“ Giovanni zwinkerte. „Er wird es hassen.“
„Wie kannst du ihn auch dazu verdonnern, die Rolle eines Laufburschen einzunehmen?“, tadelte Leonardo.
„Oh, ich werde das gewiss nicht tun! Das überlasse ich Maria. Gegenüber seiner Mutter wagt er keinen Widerspruch. Frag mich nicht, wie sie das macht, aber wenn ich ihr Geheimnis ergründet habe, werde ich es gegen diese Rasselbande einsetzen!“
Giovanni stand auf und strich sich das Wams glatt. Beim Anblick des blutbefleckten Stoffes seufzte er.
„Ich werde meinen Ornat zu Luciano bringen. Der wird sich über die Flickarbeit freuen. Könntest du mir den für Ezio als vorläufigen Ersatz aus der Truhe holen?“
„Ma certo.“
Es dauerte einige Minuten, bis Giovanni seine Ausrüstung abgelegt und sowohl Waffenrock als auch Wams ausgetauscht hatte. Die beschädigten Stücke stopfte er in den Leinensack, in dem er den Armschutz transportiert hatte, und schlug Leonardo zum Abschied auf die Schulter.
„Bis morgen, mein Freund. Das wird ein bedeutungsvoller Tag werden.“
„Das wird es. Und ich freue mich darauf.“
Leonardos Lächeln war ehrlich. Er begleitete Giovanni zur Hintertür, entriegelte sie und entließ den Assassinen in die Nacht. Das Mondlicht verwandelte ihn in eine weißgraue Gestalt, die sich über die Mauer schwang und auf der Straße verschwand, die nach Süden führte. Es war die Nacht auf den 17. Januar 1477 – ein Datum, das nicht nur Leonardos Leben für immer verändern sollte.


„Ezio!“
Die Stimme seiner Mutter schreckte ihn auf, kaum dass er in den Salon getreten war, wo er sich mit Federico zum Schachspiel verabredet hatte. Sein Bruder saß bereits am Tisch und baute die Figuren auf. Stets auf seinen Vorteil bedacht, beanspruchte er die weißen für sich. Ezio grinste, sah jedoch davon ab, sich sogleich zu ihm zu setzen. Stattdessen blieb er bei seiner Mutter stehen. Maria Auditore hatte es sich auf einem Stuhl am Fenster bequem gemacht, eine Schatulle aus Zedernholz auf dem Schoß und Petruccio an ihrer Seite. Petruccio war das jüngste der vier Geschwister und leider auch ein Sorgenkind. Von Geburt an von schwacher Gesundheit, konnte er keine Schule besuchen und wurde zusammen mit Claudia von einem Privatlehrer unterrichtet. Durch seine schmächtige Statur in seiner Abenteuerlust ausgebremst, musste Petruccio auf vieles verzichten, was für andere Jungen seines Alters selbstverständlich war. Seine Familie gab sich Mühe, es ihn nicht zu sehr spüren zu lassen, und es war vor allem Ezio, der für Petruccios waghalsigen Ideen hinhielt. Unfähig, seinem kleinen Bruder auch nur einen Wunsch abzuschlagen, fischte er für ihn im Fluss nach Schätzen, holte die sonnengereiftesten Früchte aus den Baumkronen und erklomm Türme, in denen Adler nisteten, um dort nach Federn zu suchen, die Petruccio mit Begeisterung sammelte. Ezio wusste sie in der Schatulle, um die seine Mutter gerade ihre Hände schloss.
„Hat er sie dir zum Geburtstag geschenkt?“, fragte er.
„Das hat er. Und ich bin erstaunt, was er alles gewagt haben muss, um an all die schönen Federn zu kommen.“ Marias Stimme klang neutral, doch um ihre Mundwinkel zuckte es. Sie wusste sehr genau, wer Petruccio zu diesen Kostbarkeiten verholfen hatte. „Mein zweites Geschenk wartet noch auf mich, und ich möchte dich bitten, mich zu begleiten, um es abzuholen. Ich kann zwei starke Arme zum Tragen gebrauchen.“
Ezio sah zu Federico hinüber und schob die Hand in seinen Nacken. „Ich, erm …“
„Petruccio kann mit Federico spielen, solange wir unterwegs sind“, sagte Maria. „Zur Abwechslung könnte auch er einmal ein wenig Zeit mit seinem kleinen Bruder verbringen.“
Unter ihrem Tadel biss sich Federico auf die Unterlippe und gab Ezio einen Wink.
„Geh schon“, brummte er. „Ist vielleicht gar nicht verkehrt, wenn ich mit Petruccio spiele. Dann gewinne ich zur Abwechslung auch mal wieder!“
Der scharfe Blick seiner Mutter erinnerte Federico daran, dass er seinen Stolz nicht auf Kosten seines Bruders zu nähren hatte, und er räusperte sich verlegen. Ezio beobachtete derweil, wie sich Maria erhob. Jede ihrer Bewegungen war würdevoll, und im Stillen nannte er sie eine Königin. Nie wäre es ihm eingefallen, ihr zu widersprechen.
„Geht es um die Gemälde, von denen du uns schon seit Wochen vorschwärmst?“, fragte er. Galant bot er ihr den Arm, und Maria hakte sich ein.
„Um eben die. Zwei sind vollendet, und ich darf sie heute abholen. Ich kann es kaum erwarten, sie im Flur zu sehen. Die kahlen Wände verdrießen mich schon viel zu lange.“
Ezio schmunzelte und führte seine Mutter aus dem Salon. Draußen wehte ein scharfer Wind, und so zogen sie Mäntel über, bevor sie das Haus verließen. Immerhin regnete es nicht, was Maria dazu gezwungen hätte, die Abholung der Bilder zu vertagen. Zwar konnte sich Ezio Amüsanteres vorstellen, als durch Florenz zu laufen und als Kunst deklarierte Staubfänger abzuholen, aber wenn er seiner Mutter damit eine Freude machen konnte, war es ihm recht.
„Wo ist Vater eigentlich schon wieder?“, fragte er, als sie auf die Piazza della Signoria zuschritten.
„In seinem Büro. Er schreibt einige wichtige Briefe, unter anderem an Lorenzo.“
„Der auch immer weg ist“, sagte Ezio und erntete für diese Bemerkung einen tadelnden Ellenbogenstoß zwischen die Rippen.
„Dein Vater ist viel beschäftigt. Lorenzo dagegen erscheint mir tatsächlich seltener in Florenz als in Careggi zu sein. Manchmal möchte man meinen, dass er von seiner Regierungstätigkeit überfordert ist.“
„Oder gelangweilt.“
Maria schürzte die Lippen und zog Ezio weiter in Richtung Duomo. Wahre Horden von Menschen belebten die Straßen und Plätze. Es war Vormittag und damit die beste Zeit, um Besorgungen zu erledigen. Alle Läden waren geöffnet, die Marktstände noch reich an Waren und die Herolde allgegenwärtig, um die aktuellsten Nachrichten auszurufen.
„Dieses Attentat auf den Mailänder Herzog ist ja immer noch in aller Munde“, stellte Ezio fest. „Ich frage mich, warum es Vater so beschäftigt.“
„Es beeinflusst seine Geschäfte“, sagte Maria. „Politische Unruhen haben stets Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das Bankhaus Auditore ist eine Tochtergesellschaft der Medici-Bank, und die hat Filialen in Mailand.“
Ezio gab sich mit der Erklärung zufrieden, auch weil er keine Lust hatte, sich ausgerechnet heute über Geschäftliches zu unterhalten. Gemeinsam mit Maria, die sich immer noch bei ihm untergehakt hatte, überquerte er die Via Santo Gilio. Er wusste den Palazzo der Medici in der Nähe, konnte ihn inmitten der Häuserschluchten jedoch nicht ausmachen.Was er sah, war das Stadtkrankenhaus zu seiner Rechten. In diese Richtung zog es Maria jedoch nicht. Sie dirigierte Ezio nach Norden.
„Sind die meisten Botteghe nicht in Sant’Ambrogio?“, fragte er verwirrt.
„Diese nicht“, entgegnete Maria.
„Was ist mit diesem Leonardo? Woher kennst du ihn überhaupt?“
„Dein Vater hatte schon öfter mit ihm zu tun und hat uns miteinander bekannt gemacht, als ich ihm mit meiner Idee für den Atriumsflur in den Ohren gelegen habe. Leonardo ist ein aparter junger Mann. Er wird dir gefallen.“
„Mimst du hier die Kupplerin?“
„Seine Gesellschaft wäre immerhin weniger risikoreich als deine Schwäche für unverheiratete signorine aus gutem Hause, mein Lieber.“
„Mutter!“ Ezio bedachte Maria mit einem pikierten Blick, der sie jedoch nur wenig beeindruckte.
„Versteh mich nicht falsch, figlio mio, aber den Zorn, den Vespucci für dich hegt, kann ich zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Er ist um die Ehre seiner Tochter besorgt, so wie wir um Claudias. Wenn es dich also so sehr nach Sinnlichkeit dürstet, wähle weniger verwerfliche Wege, um sich ihr hinzugeben.“
„Und darum willst du mir diesen Maler schmackhaft machen?“, frotzelte Ezio. „Damit du einen Preisnachlass bei ihm bekommst? Ist er so gut, dass du ein Vermögen in ihn investieren willst?“
„Er ist so gut, dass ich ihn als rechten Umgang für dich betrachte. Er hat ausgezeichnete Manieren.“
„Eh, die hab ich auch!“
„Dann hör auf, zu spotten“, sagte Maria spitz. „Da vorne ist es schon.“
Sie deutete auf eine Häuserinsel, in der Ezio eines der alten Stadttore erkannte. Die braunen Ziegelmauern waren unverkennbar, so wie auch das an einen dicken Turm erinnernde Gebäude zu rechter Hand. Hier hatten dereinst Wachmänner ihren Dienst verrichtet. Die ehemaligen Ställe und Wirtschaftsgebäude waren zu Wohnhäusern und Werkstätten erweitert worden. Vor der mittleren blieb Maria stehen und klopfte an. Sie mussten nicht lange warten, bis die Tür geöffnet wurde und ein Mann erschien. Er war beinahe so groß wie Ezio und von athletischer Statur. Die Farbe seines Haares erinnerte an Weizenähren im Spätsommer. Ein sauber gestutzter Bart umrahmte seinen Mund, und seine Augen …
„Madonna Maria!“, rief der Mann erfreut, und Ezio sah dabei zu, wie seine Mutter förmliche Küsse mit ihm austauschte.
Verdammt. Das war doch …
„Buongiorno, Leonardo“, sagte Maria, und ohne sich mit einer kleinen Plauderei über das Wetter oder anderen Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten, hob sie die Hand zu einer vorstellenden Geste. „Das ist mein Sohn, Ezio.“
Molto onorato“, sagte Leonardo. Ezio erkannte das wissende Aufblitzen in seinen Augen. Sie waren graublau. Tief und unergründlich wie die stürmische See. Leonardo legte die Hand an seine Brust und neigte den Kopf. Darin, Maria vorzugaukeln, Ezio nie zuvor begegnet zu sein, zeigte er ein ausgesprochenes Talent.
L'onore è mio“, erwiderte Ezio ein wenig überfordert, wobei er ebenfalls eine Verbeugung andeutete. „Ihr seid also dieser Maler, der meiner Mutter den Kopf verdreht hat.“
„Es waren wohl eher meine Bilder.“ Leonardo lachte und deutete auf die offenstehende Tür. „Kommt herein. Die Bilder sind noch auf den Staffeleien und müssen verpackt werden. Ich habe Wachstücher und Wolldecken bereitgelegt, so werden sie beim Transport nicht beschädigt. Wollt Ihr mir beim Einwickeln helfen?“
„Nessun problema.“
Kurz blickte Ezio auf seine Mutter, doch die scheuchte ihn nur mit einer wedelnden Handbewegung ins Atelier. Er fühlte sich immer noch wie vor den Kopf gestoßen. Der Mann, in den er vor der Brücke von Santa Trìnita hineingelaufen war und der ihm seitdem immer wieder in den Sinn kam, war also niemand Geringerer als dieser Leonardo da Vinci.
„Wir, erm … sind einander schon mal begegnet.“
„Ja, in Nicchio“, sagte Leonardo gutgelaunt. „Ich erinnere mich.“
‚Du hast damals schon gewusst, wer ich bin!‘, dachte Ezio, doch er wagte es nicht, diese Vermutung im Beisein seiner Mutter auszusprechen. Wer wusste schon, auf welche Ideen sie das bringen würde! Stattdessen sah sich Ezio in der Werkstatt um. Er war überrascht, sie in einem solch bescheidenen Zustand vorzufinden. Wenn er an die Botteghe anderer Künstler dachte, fielen ihm die unter Büsten, Flaschen, Töpfen und Tiegeln schier zusammenbrechenden Regalbretter ein, dazu an Wände angelehnte Bilderrahmen und Kulissenaufbauten, zum Bemalen bereitstehende Hochzeitstruhen und Theaterkostüme. Alles, was Leonardo vorzuweisen hatte, waren einige Gläser mit Pigmenten, Verdünner und Bindemittel, einen Holzbecher voller Pinsel und eine einsam an einem Wandhaken hängende Arbeitsschürze. Vielleicht hätte dieser Anblick weniger abstrakt auf Ezio gewirkt, wenn Leonardo nicht im Kontrast zu seiner ärmlichen Bleibe neue und auf Hochglanz polierte Stiefel getragen hätte.
„Corduanleder“, bemerkte Ezio. „Wie extravagant.“
„Man sagte mir, es gäbe nichts Besseres“, erwiderte Leonardo. Er lächelte, und wieder sah er so wissend drein, dass Ezio ihn am liebsten gepackt und durchgeschüttelt hätte. Einen Moment lang überlegte er, ob er dieses Bedürfnis an der Wolldecke ausleben sollte, die ihm Leonardo in die Hand drückte, überlegte es sich dann aber anders und trat vor eine der Staffeleien in der Mitte des Raumes. Eigentlich wollte er das Bild nur kurz betrachten – schließlich war es nichts anderes als schnöde Kunst, für die sich Ezio bisher nie sonderlich hatte erwärmen können. Man fand sie in jedem Haus, in Form von Marienbildnissen oder Heiligendarstellungen, in unnatürliche Posen gepresst und mit Heiligenscheinen versehen, die Ezios Meinung nach von den gemalten Personen ablenkten. Wie steife Hüte sahen sie aus. Oder wie Goldteller, die man ihren Trägern über den Kopf geschlagen hatte. Was Ezio hier erblickte, war weder ein biblisches Thema noch die ewig wiederkehrende steife Darstellungsform von Figuren. Das Bild vor ihm besaß Tiefe. Eine Frau entstieg den Fluten des Meeres, umspielt von weißem Schaum, der ihren Unterleib und ihre Beine verbarg. Über ihre Brüste fiel langes, dunkles Haar und verbannte sie für den Betrachter in das Reich erotischer Fantasie. Das Gesicht hatte die Frau ihrem Betrachter zugewandt, den sie ungeniert ansah. Wen sie darstellte, war ohne jeden Zweifel die schaumgeborene Venus. Doch wie sie dargestellt wurde, war wider jede Konvention. Eine porträtierte Frau hatte ihren Betrachter nicht anzusehen. Erst recht nicht so selbstbewusst wie diese.
„Das ist richtig gut“, sagte Ezio beeindruckt. „Ich hatte schon befürchtet, mir zukünftig bei jedem Gang ins Atrium die Leiden Christi und die Huldigungen der Apostel ansehen zu müssen.“
„Wieso das?“, frage Leonardo.
„Das malen Künstler doch am liebsten.“
„Oh nein!“ Das Lachen, in welches Leonardo nun ausbrach, ließ Ezio aufblicken. „Was wir gerne malen, hat nichts mit dem zu tun, was unsere Auftraggeber von uns verlangen. Eure Mutter war so gütig, mir freie Hand bei der Ausarbeitung zu lassen, nachdem wir uns auf Szenen aus der antiken Mythologie geeinigt hatten. Die Geburt der Venus, der Sturz von Phaeton, der in den Himmel hinaufsteigende Ikarus … Auf den freue ich mich besonders!“
Ezio hörte ihm zu, dann verfiel er in eine erneute Betrachtung des Gemäldes. Es gefiel ihm. Es war so … anders. Provokant, ohne geschmacklos zu sein, und darüber hinaus so lebendig in der Wiedergabe einer natürlichen Pose, dass Ezio glaubte, in das Bild greifen und die Frau berühren zu können.
„Ist Venus nicht eigentlich blond?“, fragte er.
„Hierzulande bevorzugt man die Darstellung blonder Menschen, aber als Griechin stelle ich mir Venus eher so vor wie auf meinem Gemälde.“
„Das ist ein logischer Gedanke. Kein künstlerischer.“
„Kunst und Logik gehören für mich zusammen“, sagte Leonardo. „Es ist die wahre Natur der Dinge, die ich abbilden möchte. In all ihrer Schönheit.“
„Hm“, machte Ezio. „Das ist sehr unkonventionell. Aber ich gestehe, dass es mir zusagt. Mehr als die Bilder, die ich bisher von anderen Malern gesehen habe.“
Er war überrascht über das freudige Strahlen, das Leonardo ob seiner Worte zeigte, und lächelte.
„Bene, lasst uns die Bilder gut einpacken. Es wäre wirklich schade, wenn sie auf dem Heimweg beschädigt werden würden.“
Sie machten sich daran, die Gemälde in Wachstücher einzuschlagen, welche die empfindliche Oberfläche des Malgrunds schützen sollten. Erst dann kamen die Wolldecken zum Einsatz. Die so entstandenen Pakete banden Ezio und Leonardo mit Hanfschnüren zusammen.  
„Tragt das Gemälde mit beiden Händen“, bat Leonardo. „Ich bin wirklich um seine Unversehrtheit besorgt.“
„Ich werde aufpassen“, versprach Ezio. Wie schwer das Bild war, hatte er bereits beim Einpacken gemerkt, und er dachte gar nicht daran, es sich einfach unter den Arm zu klemmen. Er ließ Leonardo den Vortritt, der mit seiner Last aus der Bottega spazierte, und lief ihm nach, an seiner Mutter vorbei, die den beiden die Tür aufhielt. Für einen Augenblick hätte er ihren triumphierenden Gesichtsausdruck am liebsten mit einem Schnauben quittiert, nur, um ihrer Einschätzung nicht recht zu geben, aber er unterließ es. Maria kannte ihn besser, als er zugeben wollte. Leonardo beeindruckte ihn. Statt sich wichtig zu machen und selbst zu beweihräuchern, wie es alle Künstler taten, die Ezio bisher kennengelernt hatte, war er zu Scherzen aufgelegt.
„Und?“, fragte Maria, als sie zur Via Santo Gilio zurückliefen, nun zu dritt und peinlichst darauf bedacht, entgegenkommenden Passanten auszuweichen.
„Er ist nett“, antwortete Ezio, wobei er sich um einen möglichst neutralen Tonfall bemühte – und darum, nicht von Leonardo belauscht zu werden, der ihnen einige Schritte voraus war.
Maria lächelte offen. „Du sträubst dich also nicht mehr?“
„Ich habe mich nicht gesträubt! Ich bevorzuge es nur, selbst darüber zu entscheiden, mit wem ich meine Zeit verbringe.“
„Gut. Und wie hast du dich entschieden?“
„Ich bin gespannt, ob er ein würdiger Schachgegner ist.“
Diese Antwort schien Maria zufriedenzustellen, denn sie unterließ es, Ezio weiter zu piesacken. Er litt auch ohne ihr Zutun, denn unter dem Gewicht des Gemäldes wurden seine Arme lang. Mehr als zehn Minuten benötigten sie, um den Palazzo Auditore zu erreichen, und Ezio war dankbar, als sie durch das Hauptportal treten konnten. In der Eingangshalle wurden sie bereits erwartet.
„Da seid ihr ja!“, rief Giovanni. „Ezio, mein Junge, ich brauche deine Dienste. Ich habe einige Briefe, die noch heute zugestellt werden müssen. Je schneller, desto besser. Würdest du mir den Gefallen tun und sie ausliefern?“
„Gewiss, Vater.“ Ezio bückte sich, um seine Last auf dem Boden abzustellen und gegen eine Wand zu lehnen. Trotz der draußen vorherrschenden Kälte war er ins Schwitzen geraten – anders als Leonardo, den Giovanni gerade mit einer Vertrautheit begrüßte, die Ezio kaum überhören konnte.
„Schön, dass du hier bist, amico. Bis Ezio wiederkommt, hast du genug Zeit, um die Bilder aufzuhängen. Annetta wird uns später ein kleines Mittagessen servieren, und dann setzen wir uns zusammen. In aller Ruhe.“
„Das klingt wunderbar.“
Ezio fing Leonardos Blick auf, der so vorfreudig wirkte, wie seine Stimme klang. Was hatten seine Eltern nur gemeinsam mit ihm geplant? Wieso schien hier jeder etwas zu wissen, wovon Ezio nicht den blassesten Schimmer hatte? Misstrauisch starrte er seinen Vater an, als dieser ihm einen Stapel Briefe in die Hand drückte.
„Lauf zuerst in den Palazzo Medici und überreiche den obersten Brief Lorenzos Privatsekretär. Er heißt Nevio. Danach klapperst du die anderen Empfänger ab. Die Adressen stehen auf den Umschlägen. Oh, und wenn du fertig bist, geh und überprüfe den Taubenschlag am Mercato Nuovo für mich. Gib acht, dass dich niemand sieht, und komm dann wieder nach Hause. Wir haben Wichtiges zu besprechen.“
„Wegen Leonardo?“
„Wegen euch, figlio mio, denn es gibt etwas, das ihr beide erfahren solltet. Also lauf. Und trödle nicht.“
Sì, padre“, sagte Ezio, nach wie vor verwirrt, aber gehorsam. Er verstaute die Briefe in seiner Gürteltasche und wandte sich zur Tür. „Ich werde mich beeilen.


„Ihr gebt euch nicht gerade Mühe, euch unauffällig zu verhalten“, sagte Leonardo, als er einige Minuten später mit Giovanni und Maria im Flur zum Atrium stand und die Stelle, an der das erste der beiden Gemälde aufgehängt werden sollte, mit Kreide und Winkelmaß markierte.
„Das ist jetzt auch nicht mehr nötig“, erwiderte Giovanni. „Seine Neugier wird heute noch befriedigt. Ich hoffe nur, er wird es gut aufnehmen.“
„Hast du ihm denn nie erzählt, was du bist?“
„Nein. Keines unserer Kinder wurde bisher eingeweiht. Man ist nur einmal jung und unbeschwert.“
„Wie wahr“, sagte Leonardo. Er seufzte leise, dann setzte er einen Nagel auf die markierte Stelle und hob den Hammer. Er hatte gerade den ersten Schlag getan, als es an der Tür klopfte. Dreimal. Laut und gebieterisch.
Giovanni runzelte die Stirn. „Wer ist denn das? Ich habe Giulio doch extra angewiesen, für heute keine Termine zu vergeben.“
„Soll ich Annetta rufen, damit sie öffnet?“, fragte Maria.
„Nein, lass. Ich sehe selbst nach, wer es ist.“
Giovanni lief den Flur zurück und in die Eingangshalle. Kurz sah ihm Leonardo nach, dann trieb er den Nagel weiter in die Wand. Zwei Schläge. Drei. Dann waren die Schritte mehrerer Männer zu hören, die durch das Hauptportal in den Palazzo marschierten, begleitet vom metallischen Klirren ihrer Waffen und Harnische. Maria drehte sich um, und Leonardo ließ den Hammer sinken.
„Ser Giovanni Auditore?“, hallte die Stimme des Hauptmanns der Stadtgarde durch das Erdgeschoss.
Sì, capitano. Was kann ich für Euch tun?“
„Im Namen der Signoria muss ich Euch festnehmen!“



Glossar:
nonno – Opa
Ma certo. – Natürlich./Gewiss.
Via Santo Gilio – alter Name der heutigen Via Maurizio Bufalini
Botteghe – Plural von Bottega
Molto onorato. – Ich fühle mich geehrt.
L’onore è mio. – Die Ehre ist mein.
Nessun problema. – Kein Problem.

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Kapitel:5
Sätze:1.864
Wörter:21.794
Zeichen:130.572

Kurzbeschreibung

Florenz im Jahre 1476. Die Karriere des aufstrebenden Jungkünstlers Leonardo da Vinci steht nach einer Anklage wegen Unzucht auf der Kippe. Rettende Unterstützung erfährt er durch Giovanni Auditore, der sich sowohl für Leonardos Begnadigung als auch seine finanzielle Unabhängigkeit einsetzt. Giovanni hegt ein persönliches Interesse an Leonardo, den er – zusammen mit seinem eigenen Sohn Ezio – zum Assassinen ausbilden will. Seine Pläne werden jäh zerschlagen, als die Auditore in den Fokus skrupelloser Verschwörer geraten. Nun auf sich gestellt, müssen Leonardo und Ezio ein schweres Erbe antreten und ihre Heimatstadt vor einer Katastrophe bewahren … [Fandom: Assassin's Creed Renaissance]

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Historisch getaggt.