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Grau.

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6.2.2017 19:41
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Grau.

Grau wie einer der vielen anderen Tage in London, bemerkte Bert. Er stand auf, wischte sich die kreidegebleichten Hände an seiner dunklen Hose ab legte und die zerschlissene Mütze neben sich auf die Bank.

Dennoch erkannte er, dass es ein anderes grau war. Etwas veränderte sich.

Bert betrachtete zufrieden sein Kunstwerk. Eine Aneinanderreihung von mehreren kleinen Bildern. Eine Parklandschaft, einen See, einen Laubwald im Herbst… das Letzte, auf das er besonders stolz war: Ein wolkenverhangener Himmel. Und aus einer Wolke, kaum sichtbar aber doch vorhanden, ein dunklerer Punkt.

Nur für ihn hatte dieser winzige Punkt eine Bedeutung. Niemand der anderen sah es. Darum beneidete er sie nicht.

Von diesen Wolken schaute er in die echten. Die grauen, die am Himmel schwebten. Mit Freuden hätte er auch dort einen kleinen Punkt gefunden. Doch so sehr er auch suchte, seine Augen zusammenkniff… nur grau.

Irgendwo da oben, dachte er, irgendwo da ist sie. Beobachtet alles von ihrem Platz aus. Hoch in den Wolken.

„Schade, dass ich jetzt nicht in den Bildern verschwinden kann“, murmelte er. „Nicht wahr, Mary Poppins, nicht wahr?“

Der Wind kam von hinten und wehte den feinen Kreidestaub, den er hinterlassen hatte, den Weg hinunter. Die meisten Menschen die hier und dort entlanggingen zogen nun ihre Mäntel fester um sich. Andere kuschelten sich fester beim Partner ein. Und wieder einige blieben kurz stehen, bewunderten Berts Arbeit, warfen ihm ein, zwei Münzen in die Mütze und eilten dann hastig weiter.

Erleichtert stellte er die Veränderung fest.

Der Wind drehte.

XXX

Der Himmel hatte sich nicht verändert. Gestern hatte es geregnet, was ihn veranlasste seine Kunstwerke erneut zu malen. Natürlich wurden sie anders. Er wählte andere Motive, andere Farben. Eines blieb: Die Wolken blieben grau, und der Punkt den niemand sah.

Schon drei Tage sind vergangen, aber sie wird kommen, wenn sie gebraucht wird. Immer wieder wiederholte Bert diesen Gedanken. Als würde er verloren gehen, sobald er ihn nicht mehr dachte.

„Und wenn sie nicht gebraucht wird?“ Entsetzt über diesen neuen Gedanken, bemerkte er nicht, dass er ihn laut ausgesprochen hatte.

„Wer wird nicht gebraucht?“, fragte eine Kinderstimme neben ihm.

Er schaute auf und legte die Kreide beiseite, ein grünes Stück. Das kleine Mädchen welches vor ihm stand schaute ihn verwundert an. Sie war vielleicht um die acht Jahre alt, hatte braune, lockige Haare und grüne Augen.

Da ist es wieder, dachte er: Grün, wie die Kreide. Grün, wie die Bäume, die hoch in den Himmel reichen. Die näher an den grauen Wolken sind als ich….

„Eine gute Freundin von mir, sie könnte theoretisch wieder da sein, aber vielleicht wird sie dieses eine Mal nicht hier gebraucht und ist woanders…wer weiß.“

„Oh“, machte sie.

In dem Moment brach Sonnenschein durch den wolkenverhangenen Himmel und warf Schatten über die Bilder.

„Was ist das für ein Punkt?“, fragte die Kleine weiter.

Bert war überrascht, zu überrascht um noch einen zweiten Schatten zu bemerken. Der Schatten gehörte zu einer Frau, die angesichts des Wetters einen dunklen Mantel trug, und deren Hut etwas zu extravagant war um der gängigen Mode zu entsprechen.

„Du siehst ihn?“, fragte er verwundert zurück.

„Ja, du etwa nicht?“ Das kleine Mädchen wich etwas von ihm ab.

„Doch, doch“, beruhigte er sie. „Da wohnt sie.“

„Bert, erzähle nicht wieder solch eine Geschichte“, schalt ihn eine helle Stimme von hinten. „Du darfst ihm nicht glauben, Sophie. Dort wohne ich nicht.“

Er schrak hoch. Und registrierte den Schatten neben ihm.

„Mary Poppins!“ Er lüftete seine Mütze, oder er hätte es getan, würde sie nicht wieder auf der Bank neben ihm liegen, und machte eine leichte Verbeugung. „Wie schön dich zu sehen. Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Sie war hier.

Endlich.

Autorennotiz

Hallo ihr Lieben,
dann melde ich mich auch mal wieder zu Wort.
Die Charaktere (Bert und Mary) leihe ich mir nur aus. Die kleine Sophie ist erfunden. :) Die Geschichte ist schon etwas älter, vielleicht zwei oder drei Jahre und bereits auf meinem Account EveningRise auf Fanfiktion.de hochgeladen.
Ich hoffe, der kleine Gedankenausflug gefällt euch.

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ViennaVampires Profilbild
ViennaVampire Am 6.2.2017 um 21:37 Uhr
Hallo, LeWe.

Ich liebe Mary Poppins und ich liebe Bert. Dementsprechend habe ich mich gefreut, als ich gesehen habe, dass es hier nun auch eine FF zu den beiden gibt. :)
Der OS ist wirklich zuckersüß. Ich fühlte mich beim Lesen (vor allem beim Ende) an eine Szene aus dem Mary Poppins-Musical erinnert, in dem Bert zuerst am Boden zerstört ist, als Mary ihm "Au revoir" sagt - bis er erfährt, dass "Au revoir" soviel heißt wie "Bis wir uns wiedersehen" und er sich erleichtert grinsend gegen einen Schornstein legt, im Wissen, dass sie nicht endgültig gegangen ist... und gerade seine Sehnsucht nach Mary hast du meines Erachtens wirklich treffend wiedergegeben.
Ich habe den OS wirklich genossen. Vielen Dank, dass du ihn mir uns teilst. :)

Liebste Grüße
Vienna
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LeWes Profilbild
LeWe (Autor)Am 8.2.2017 um 11:04 Uhr
Hallo Vienna!

Wie schön, dass ich dir mit der kurzen Geschichte eine Freude machen konnte. :)
Das Musical kenne ich leider (noch) nicht, wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich es mir sicherlich ansehen. Bisher kenne ich "nur" die Verfilmung und das/eines der Bücher.
Das ist ja süß! Irgendwann schaffe ich es auch, das Musical zu sehen!
Freut mich sehr, dass dir der OS gefallen hat.
Danke schön. :)

Liebe Grüße,
LeWe

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Sätze:54
Wörter:643
Zeichen:3.755

Kurzbeschreibung

Nur ein weiterer grauer Tag in London…

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Diese Fanfiction wurde mit Freundschaft und Eventuelle Romanze getaggt.