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Ewige Verdammnis

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02.05.21 16:33
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt
Ewige Verdammnis


Die Jinzhi Berge waren ein verbotener Ort. Nicht nur, weil es dort keine Vegetation gab oder weil das raue klirrendkalte, schneereiche Klima einem sofort die Nase einfror. Es wollte dort eh keiner für eine lange Zeit verweilen, was einigen nur recht sein konnte. Diejenigen waren eine Truppe Nashörner. Niemand außer ihnen kannten diese Berge so gut wie sie. Aber nicht, weil sie dort Urlaub machen wollten. Sie hatten keine Familien, um die sie sich kümmern mussten. Somit tat ihnen der Job nicht weh, den sie hier „abzusitzen“ hatten. Einzig und allein der Schutz der Gesellschaft bestimmte ihr Leben und Handeln. Allerdings bestand ihre Tätigkeit nicht darin die Berge zu beschützen, sondern um zu verhindern, dass nichts aus den Bergen fliehen konnte. Dazu mussten sie sich aber nicht im ganzen Gebirge verteilen. Stattdessen blieb diese abgeschottete Quelle des Unheils, wie einige es spaßeshalber nannten, in einer Höhle verborgen.
Einst war sie, wie so viele Löcher in der Erde, zum Graben nach Bodenschätzen in Benutzung. Heute stand sie leer, oder hatte zumindest ihren ursprünglichen Zweck verloren. Außer Luft und einigen Nashörnern kam weder was rein, noch was hinaus. Nicht einmal ein einziger Sonnenstrahl drang durch das mächtige eiserne Tor, welches so gut wie höchstens nur einmal am Tag geöffnet, aber schnell wieder zugeschlossen wurde. Man könnte meinen, man wollte nicht mal eine Mücke hindurchlassen. Nicht mal richtig frische Luft, weshalb es ein wenig moderig im Inneren roch. Aber das machte den dort stationierten Nashorn-Soldaten nichts aus. Im Gegenteil. Sie genossen regelrecht die Ungestörtheit, zumal sie sich mit allerlei Sachen die Zeit vertreiben konnten.
Im obersten Teil der Höhle befanden sich die Wohnräume der Soldaten. Dort hatten sie alles was sie benötigten: Wärme, Essen und allerlei Spiele. Und natürlich jemanden, dem man eine Geschichte nach der anderen erzählen konnte. Manchmal sogar Geschichten über Weiber, von denen man froh war, sie nicht bei sich zu haben. So gut wie jeden Abend herrschte in der Kaserne feierliche Stimmung. Immer zu gut gelaunt weit weg von den Sorgen der Welt zu sein.
Anders hingegen war die Stimmung im Keller des Höhlensystems. Je weiter man den Gang entlangging, umso kälter und enger wurde der Weg, bis man zu einer Sackgasse gelangte, wo einst die Bauarbeiter das Graben aufgegeben hatten, als man auf nichts Kostbares gestoßen war. Alles was die Bergleute damals hinterlassen hatten, waren eine kesselförmige Sackgasse aus Felsen, tief verborgen und dazu bestimmt nie von der Außenwelt gesehen zu werden.
All die Jahre stand sie leer. Bis auf heute.
Die kahlen Wände waren geblieben, dennoch hatte man in dieser Höhlensackgasse einiges „saniert“. Statt eines durchlässigen Tunnels schottete heute eine Wand aus dicken Eisen den Hohlraum ab. In dem hintersten Winkel des abgeriegelten Raumes zierten bruchfeste Ketten die Felsenwand. In der Schwärze der schwärzesten Dunkelheit, die im Raum herrschte, hätte man die Gestalt dort nie erkennen können.
Sie war bewegungslos. Unfähig sich in den Ketten sich zu rühren. Aber sie atmete.
Atmen.
Ein Wesen das atmete und dennoch weggesperrt war wie ein Gegenstand, den man nicht vernichten, aber auch nicht mehr sehen wollte. Nicht einmal die Wächter hatten Lust ihn anzusehen. Dennoch musste jemand alle paar Tage hinuntersteigen, in die tiefste entlegensten Teil des Tunnelkerkers. Auch ein atmender Gegenstand benötigte ab und zu Futter und Wasser. Und auch etwas Bewegung. Denn sonst würde sein Herz alsbald aufhören zu schlagen. Obwohl jeder darüber nur lachen konnte. Ein Herz bestand aus Muskeln. Streng genommen auch nur ein sich bewegender Gegenstand. Jeder meinte er habe ein Herz aus Stein. So steinern wie die Felsen um ihn herum, einzig nur dazu bestimmt ihn atmen zu lassen.
Wofür sollte er atmen? Für sein Leben? Wo er doch keines mehr besaß? War er nur dazu bestimmt die Luft in den stickigen Räumen zu verschwenden, nur fürs Nichtstun? Oder nur um über seine Schandtaten nachzudenken? War das seine Bestimmung? War das die Zukunft, die ihn prophezeit wurde?
So viele Fragen, und dennoch wollte keiner der Nashornwächter sie beantwortet haben. Lieber stritten sie darum wer die Menükarte für nächste Woche zusammenstellte, als über einen tiefen Gedankengang nachzudenken. Keiner wollte einen Gedanken an ihn verschwenden. Er hatte schon genug Leben von anderen auf der Welt verschwendet. Keiner riss sich darum wer seine Minuten damit verschwendete, den langen Gang hinabzusteigen, die schwere Eisentür zu öffnen und sich in die Dunkelkammer zu begeben. Das Licht der Fackel erhellte die Wände. Sie wanderte weiter bis sie das Ende der Kammer erreichte. Der Kreatur an der Wand war jeglicher Kontakt und materialer Zugang zur Außenwelt verwehrt. Dieses Licht war noch das Einzige von der Oberwelt, was sie zu Gesicht bekam. Der Wächter ging auf die Kreatur zu. Die Kreatur, die jeder verabscheute.
Verbannt, aussortiert, abgeschottet von der Gesellschaft.
Das Nashorn hob die Fackel höher und leuchteten den Verurteilten an.
„Hey! Aufwachen!“
Ein Faustschlag ins Gesicht, dennoch dauerte es bis der Gefangene reagierte und den Kopf hob. Als ob es ein Kraftakt wäre die Halsmuskulatur anzuspannen. Seine Augen reflektierten das Licht. Sein einst so reinweißes Federkleid war schon lange nicht mehr so gepflegt wie man es von ihm kannte. Die Füße strotzten nur so vor Dreck und Staub. Doch auch seine verfilzten Federn und besonders sein langer Pfauenschwanz sahen aus als hätte man sie eher zum Staubwischen verwendet. Da war keine Spur mehr vom königlichen Adel. Alles was man noch sah war ein Monster. Ein Monster im Dunkeln.
Das Nashorn schnaubte und zog ein paar Schlüssel hervor, mit denen er sämtliche Kettenschlösser öffnete. Dann packte er den teilweise verdreckten Pfau am Hals. Eine Eisenkette umklammerte seinen Kehlkopf. Der Ring glitt an seinem Hals etwas herunter.
„Vorwärts!“
Der Wärter gab ihm einen Tritt in den Rücken. Der Pfau krächzte kurz auf. Er hatte 10 Minuten Zeit um im Kreis zu gehen. Es fiel ihm schwer sich auf den Beinen zu halten.
Die Gefängnisluft machte ihn von Monat zu Monat immer kränker. All die Jahre hatte sich sein Immunsystem seit seiner Kindheit gebessert. Dank Training. Hier hingegen durfte und konnte er gar nichts machen. Jegliche Art von Bewegung war ihm untersagt. Nur das kurze Gehen.
Er hustete. Seine Knie zitterten.
„Vorwärts!“
Der Gefängnisaufseher stieß ihn vor sich her.
Anfangs hatte der Pfau sich dagegen gewehrt, doch mit jeder weiteren Reduzierung der Nahrung musste er unter Schwäche aufgeben.
Mühsam machte er einen Schritt nach dem anderen, wobei er sich an der Felsenwand abstützen musste. Warum ließ seine Gesundheit ihn ausgerechnet jetzt im Stich?
Er fühlte sich kränker als an seinem ersten Tag als er seinen ersten Atemzug gemacht hatte. Schwach kam er auf die Welt, schwach würde er sie wieder verlassen.
„Ausgehzeit vorbei!“
Er wurde wieder gepackt und an die Wand gepresst. Die Wand, die er schon in und auswendig kannte. Einen anderen Ort dürfte er nie betreten und würde auch nirgendwo anderes hingehen.
Er beneidete den Wächter regelrecht, der wieder die Zelle verließ. Nie würde er einen Fuß über diese Türschwelle setzen können.
Er durfte keine Besucher empfangen. Es meldete sich eh keiner an. Alles was er noch durfte war Atmen. Nur Atmen.
Wer hätte gedacht, dass Leben so quälend sein konnte? Sein Herz zwang ihn zu atmen, weiter auf dieser Welt sein Dasein zu fristen.
Der Gefängnisumhang bot ihm nur wenig Schutz vor der Kälte, aber es war besser als gar nichts. Tod durch Erfrieren war nicht seine Verurteilung. Nein. Es war das Urteil des ewigen Weggesperrtseins.
Wieder musste er husten.
Vielleicht würde er eher an einer Lungenkrankheit sterben bevor er ein hohes Alter erreichte.
Ein hohes Alter. Das wollte er schon immer. Allerdings nicht unter diesen Umständen. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht jemand sein zu können.
Ein Leben woran sich jeder an ihn erinnern würde, selbst nach seinem Tod. Doch stattdessen war dies jetzt sein ständiges Zuhause geworden. Für die Ewigkeit.
Niemand sollte ihn jemals wiedersehen. Genauso wenig wie er jemals wieder etwas oder jemanden sehen würde. Nicht einmal die Sonne. Nicht einmal einen freien Himmel.
Dabei war er wie der Ozean, der frei sein wollte. Er lechzte danach wie ein Verdurstender nach Wasser.
Universum! (oder was auch immer hinter der Welt existiert) Kannst du mein Elend nicht erkennen?
Nein, ihm war jeder egal. Alle waren seiner egal. Keiner kümmerte sich um ihn. Wozu auch? Sogar seine eigenen Leute hatte er mit seinem Wahn gegen sich aufgehetzt.
Keiner würde sich für sein Abgang interessieren. Nicht einmal seine Eltern waren noch da, um ihn zu bedauern. Er war nur der Dreck unter jemandes Schuhen. Der unterste Abfall in der Mülltonne. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht jemand zu sein. Jetzt war er ein Niemand. Ein Nichts.
Alles was er an Kanonengewalt abgefeuert hatte, schlug jetzt 100fach zurück auf ihn ein.
Dunkelheit war jetzt sein Begleiter, ein Vertrauter. Das Schweigen war seine zweite Luft.
Er schrie laut auf, in der Hoffnung jemand würde ihm antworten. Irgendwelche Stimmen die ihn trösten würden. Doch alles was blieb war Stille.

„Kind… mein kleines Kind…“
Wieder meinte er Stimmen zu hören.
Diese Art der Halluzinationen suchten ihn immer öfter auf.
Hatte die Erkrankung jetzt sein Gehirn angefallen?
Er wurde verrückt. Er verlor noch den Verstand.
Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Wie lange war er schon hier eingesperrt? Ein Jahr? Oder weniger oder länger?
Anfangs hatte er sich dagegen gesträubt. Versuchte sich mit Selbstgesprächen abzulenken. Aber diese Stimmen fraßen sich immer weiter durch seinen Kopf.
Und dann… dann meinte er sie zu sehen.
Bilder blitzten vor ihm in der Dunkelheit auf. Das Bild eines blauen und eines violetten Pfaus. Eine Pfauenhenne.
Ihre Augen sahen ihn an, ihre Flügel berührten sein Gesicht. Er glaubte wirklich, sie würde sein Gesicht berühren. Flügel, die sich in seiner Kindheit einst um ihn gelegt hatten. Diese Vorstellungen wärmten ihn für einen Moment. Ihre Federfinger studierten sein Gesicht, wie eine blinde Frau versuchte ihn zu sehen. Erkannte sie ihn nicht mehr?
Es zerschnitt sein Herz wie sein Lanzenschwert.
Auch er war mal ein Baby gewesen, welches die Eltern zu Bett brachten. Einen Gutenachtkuss von seiner Mutter erhielt. Die sich Sorgen um seine Gesundheit machten, als er krank war.
Jetzt war keiner mehr da, der sich um seinen kranken Zustand sorgte.
Er war ein Nichts. Sogar für seine Familie hatte er keine Bedeutung mehr.
Selbst für die Wahrsagerin.
Warum kam sie nicht, um ihr Küken zu besuchen?
Hatte er sie so enttäuscht, dass sie ihm nicht mal mehr in die Augen sehen wollte?
„Es ist okay, mein Baby, alles ist gut.“
Die Stimme seiner Mutter hallte durch seinen Kopf.
„Es ist gut…“
Gut… gut…
Nimm mich… Nimm mich in deine Arme. Ich flehe dich an, Mutter… Mutter!

„MUTTER!“
Der Schrei eines Pfaus durchdrang die Dunkelheit. Ein Pfau, der nach jemanden um Aufmerksamkeit schrie. Doch er traf nur auf Stille. Erbarmungslose, leblose Stille. Alles um ihn herum schwieg wie ein Grab in dessen Magen er lag.
Er würde hierbleiben. Bis zu seinem letzten Tag.
Tränen stiegen ihm in die Augen. Zuerst ganz leicht, dann immer mehr bis sie ihm über die Wangen rannen. Wenn er ein Herz aus Stein besaß, weshalb erstarrten die Tränen nicht zu Eis?
Mutter! Ich kann es nicht mehr ertragen!
Er sah nach oben, in der Hoffnung dort ein Licht zu sehen, aber hier herrschte nur Schwärze.  
Er zog scharf die Luft ein, warf den Kopf in den Nacken und stieß einen noch lauteren Pfauenschrei aus, in der Hoffnung, dass es bis zum entferntesten Teil des Universums gehört werden würde. Ob jemand seinen Ruf hörte, sei es irgendjemand in der Oberwelt, das Universum, oder seine Eltern…
Er konnte es nicht sagen. Er würde es wohl auch nie erfahren, bis zu seinem Todestag.
 

Ende

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Kurzbeschreibung

Lord Shen hat den Kampf gegen den Drachenkrieger verloren. Doch wie würde seine bittere Zukunft aussehen, wenn er nicht von seiner eigenen Waffe erschlagen worden wäre, sondern auf ewig weggesperrt werden würde wie einst Tai Lung?