Geliebte Tochter

Kurzbeschreibung:

Am 16.12.2016 um 23:02 von Kira auf StoryHub veröffentlicht

Er stand einfach nur da. Bewegungslos. Stand da und schaute auf einen Punkt weit in der Ferne. Weit, weit in der Ferne. Ein kleiner roter Fleck am Horizont.

Das war das letzte Mal für sehr sehr lange Zeit, dass er seine Tochter sah. Seine geliebte Tochter. Sie hatte beschlossen, für ihn zu gehen. An seiner Stelle in die Armee einzutreten. Sie wusste nicht, dass er sie gesehen hatte. Er hatte sich nicht bemerkbar gemacht. Wenn sich seine Tochter etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schwierig, gar unmöglich, sie davon abhalten zu wollen.

Wenigstens war sie nicht alleine. Mushu, der treue Behüter der Ahnen, wird ihr eine Hilfe und ein Berater sein, dachte er bei sich. Er seufzte. Inzwischen war auch der kleine rote Punkt im Morgengrauen verschwunden. Sie würde es schon schaffen, sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Sie war zäh und willensstark.

Nur um die Großmutter machte er sich Sorgen. Sie würde außer sich sein, sobald sie feststellte, dass Mulan weg war. Und dann wollte er auf keinen Fall und unter keinen Umständen dabei sein. Himmel und Hölle würde sie in Bewegung setzten, um Mulans Verschwinden zu vertuschen und die Ehre der Familie aufrecht zu erhalten. Ja, ja, die Ehre. Das war ihr das Wichtigste auf der Welt. Wichtiger selbst als das Glück ihrer Enkeltochter. Hauptsache schön und wohlerzogen, mit einem hübschen Sümmchen auf dem Konto sollte er sein, der zukünftige Enkel. Dafür musste jedoch Mulan einen guten Eindruck machen.

Mit dieser Aktion, so ehrbar sie auch war und so stolz und erleichtert er auch war, hatte sie wohl alle Regeln des Anstandes über Bord geworfen , sodass es schwierig für sie werden würde, einen guten Mann zu finden. Besonders, wenn herauskommen würde, dass sie sich als Mann in die Armee eingeschlichen hatte. Nicht auszudenken, welche Häme sie über sich ergehen lassen müsste, sollte dies je ans Licht kommen. Er zwang sich, nicht länger über die Folgen ihres Handelns nachzudenken. Ändern konnte und wollte er nun auch nichts mehr an dieser Situation. Die Geschichte würde ihren Lauf nehmen, ob zum Positiven oder zum Negativen, das stand nicht in seiner Macht.

Alles, was er tun konnte, war beten. Beten dafür, dass seiner kleinen großen Tochter auf dem Kampffeld nichts geschah, dass sie sich mutig gegen die Hunnen behaupten konnte und dass ihr Geheimnis verborgen bleiben würde. Langsam wandte er sich von dem Blick in die Ferne, in der jetzt nur noch die aufgehende rote Sonne zu sehen war, ab und schlurfte in Richtung Schrein. Dort würde er beten und sich vor dem Moment fürchten, in dem die beiden Frauen entdecken würden, dass Mulan nicht mehr da war. Dann war er liebend gerne im hintersten Winkel des Gartens, wo ihre Schreie nicht so laut widerhallten. Seufzend stützte er sich auf seinen Stock und humpelte den Weg entlang.