Jenseits der Stille

Kurzbeschreibung:
Updates jede Woche Freitag (unter Vorbehalt, sollten mir doch die Kapitel ausgehen, was derzeit aber unwahrscheinlich ist).

Am 14.1.2022 um 11:51 von Elenyafinwe auf StoryHub veröffentlicht

1. Kapitel: 1. Teil, 1. Kapitel 1: Leben

CN Gewalt, Beschreibung schwerer Wunden, Blut, milder Gore, Verlust von Angehörigen, Nadel
Hups, hab ich doch was neues gespawnt und dazu auch noch ein rare pair. Ich gebe die Schuld für die Existenz dieses Textes voll und ganz koroart auf tumblr. Der Titel kommt vom Nightwish song How's The Heart? Des weiteren habe ich ein paar Charakter ein bisschen älter gemacht, als sie im Canon zu diesem Zeitpunkt wären (Ernsthaft: mit 24 in einer führenden Position? Ja, nee.), und verzweifelte mal wieder über der Founders Era timeline, weil die no fucking sense ergibt. (Ich dachte ernsthaft, dass Kushina/Minato das einzige canon het pairing ist, mit dem ich vibe und ich ganz glücklich mit meinem Token straight Minato headcanon bin. Und jetzt schaut mich an, ich mach selbst das gay.)
Teil 1, Kapitel 1: Leben

Leben.

Am Ende wollte jede Kreatur nichts weiter als leben. Im Angesicht des Todes verlor alles andere an Bedeutung und allein der überwältigende Drang nach Überleben verblieb. Er war so mächtig, dass er ungeahnte Kräfte freisetzte. Selbst das harmloseste Beutetier konnte dann einen eigentlich doch viel stärkeren Verfolger überwältigen. Jeder erfahrene Jäger wusste das und er wusste auch, dass ihm selbst dann die größte Gefahr drohte, wenn die Jagd vermeidlich vorüber war und die waidwunde Beute mit dem Rücken zur Wand stand.

Tobirama war die Beute und in diesen seinen letzten Momenten machte er die Erfahrung, dass ein Leben als Shinobi ihn doch nie darauf hatte vorbereiten können, wie es wäre, wenn der Tod ihm die Hand reichen würde. Er hatte all seine Brüder sterben sehen. Er hatte so unzählig viele Leben genommen, dass er sie gar nicht mehr zählen konnte. Er war selbst mehr als einmal in lebensgefährlichen Situationen gewesen. Doch nie war Gevatter Tod vor ihn getreten.

Er hörte hinter sich Kinkaku lachen, als er mit seinen letzten Kräften durch den Wald stolperte. Blinde Panik hielt ihn auf den Beinen, Adrenalin verdrängte den Schmerz. Es müsste schmerzen, ein letzter Rest rationalen Denkens sagte ihm das; seine ganze linke Seite war nach der letzten Explosion nichts weiter als eine blutende Fleischmasse. Aber irgendwie schleppte er sich doch auf Beinen voran, die er schon längst nicht mehr spürte.

Leben. Das war alles. Weg hier, nur weg.

Chio. Sakumo. Warum hatte er sie jemals verlassen? Sein Herz blutete. Er würde sie nie wieder sehen.

Seine Beine versagten ihm den Dienst. Er fiel der Länge nach hin. Er krallte die Hände in den laubigen Waldboden und zog sich mit seinen letzten Kräften voran.

Kinkaku und Ginkaku hatten es nicht eilig. Gelassen folgten sie der Blutspur.

»Wo will das Wölfchen denn nur hin?«, spottete einer der Brüder. »Hatten wir nicht so schön miteinander gespielt? Verstecken, haschen, das hatte wirklich Spaß gemacht. Willst du nicht noch bleiben und weiterspielen?«

Leben.

Tobirama würde hier sterben und es wäre ein langsamer, qualvoller Tod. Sie würden ihn Stück für Stück zerpflücken. Sie würden ihn ausweiden und ausbluten lassen wie ein abgestochenes Schwein.

Er schnappte nach Luft, doch egal, was er tat, es gab einfach nicht genug Luft.

Leben.

Doch hier war nur der Tod.

Weg. Weg. So weit wie möglich.

Konoha.

Ein klarer Gedanke inmitten eines Meers aus Chaos, Blut und zerfetztem Fleisch. Eine Idee geboren aus nackter Verzweiflung. Bedenken spielten keine Rolle mehr.

Er tat es.

Nur einen Augenblick später brach er in seinem Büro zusammen, kraftlos wie eine Puppe, deren Fäden durchtrennt worden waren. Sein Herz raste. Die Welt drehte sich. Egal, wie hektisch er nach Luft schnappte, wollten sich seine Lungen einfach nicht mehr mit Sauerstoff füllen. Ihm wurde kalt. Er zitterte. Seine Hände spürte er nicht mehr.

Wie aus weiter Ferne hörte er die erschrockenen Rufe von Menschen. Sie drangen nur gedämpft an sein Ohr. Wie als wäre er unter Wasser und sie standen am Ufer und riefen nach ihm. Seine Sicht wurde dunkel, seine Augen konnten nicht mehr klar erkennen, was er da sah.

»Sensei?«

»Wie kann das sein?«

»Was hat das zu bedeuten?«

»Aus dem Weg!«

»Er ist verletzt!«

»Das sehe ich selbst!«

»Er braucht einen Arzt!«

»Sofort alle zur Seite, ich bringe ihn ins Krankenhaus!«

Jemand hob ihn hoch. Dann wusste Tobirama von nichts mehr.

 

Leben.

Leben war eine unbändige Kraft, ein Funken in der bitteren Kälte des unendlichen Nichts, ein winziges Samenkorn, das sich durch alle Widrigkeiten hinweg an die Oberfläche kämpfte und zu unermesslicher Glorie erblühte. Leben fand seinen Weg, egal, wie widrig die Umstände waren.

Manchmal jedoch obsiegte die unerbittliche Endgültigkeit des Todes.

Entgegen allem, was er gedacht hatte, war Tobirama noch nicht bereit zu sterben.

»Aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm«, sagte Hashirama. »Der Tod ist nur ein weiterer Schritt auf unserer Reise.«

»Doch was steht am Ende dieser Reise?«

»Wer weiß das schon«, sagte Kawarama. »Du weißt es nicht. Wir wissen es nicht. Viele Wege liegen noch vor uns.«

»Werden wir diese Wege gemeinsam beschreiten?«

»Es wäre schön«, sagte Itama. »Eines Tages bestimmt. Aber die Zeit ist noch nicht reif.«

»Wieso?«

»Weil du noch nicht bereit bist, otōto«, sagte Hashirama sanft. Sein Lächeln strahlte Wärme aus. »Wir warten auf dich, keine Sorge. Der Tag wird kommen, wenn die Zeit reif ist.«

»Ich freue mich schon!«, versicherte Kawarama ihm. »Aber wir können warten.«

»Wir haben sprichwörtlich die Ewigkeit für uns«, fügte Itama an. »Auf ein paar Jährchen kommt es da nun auch nicht mehr an.«

»Ich vermisse euch.«

»Wir dich auch. Wie könnten wir nicht?«, sagte Hashirama. »Aber es gibt noch immer genug Leute, die dich brauchen. Kannst du auf sie acht geben? Für uns?«

Konnte er das?

Kawarama streckte ihm seinen Daumen entgegen. Itama nickte fest. Hashirama grinste breit.

Ja. Ja, er konnte. Er prägte sich den Anblick seiner Brüder fest ein.

»Sorg dich nicht um uns, otōto. Wir kommen schon klar. Es wird ja nicht für immer sein.«

Tobirama fand Frieden im Herzen.

Schmerzen.

Das war wohl das eindeutigste Zeichen, dass er entgegen all seiner Erwartungen doch noch unter den Lebenden weilte. Oder wieder? Er konnte es nicht sagen. War es ein Fiebertraum gewesen? Eine Wahnvorstellung, hervorgerufen von akutem Sauerstoffmangel und lebensbedrohlichem Blutverlust? Oder hatte er doch einen flüchtigen Blick in das geworfen, was nach dem Leben folgte?

Er konnte nicht einmal sagen, was genau ihm wehtat, weil einfach alles schmerzte. Ihm war, als würde ein enormes Gewicht ihn nach unten drücken und an das Bett fesseln, auf dem er lag. Oder vielleicht war es auch nur eine enorme Schwäche, wie er sie noch nie erlebt hatte. Auch nur einen Finger zu heben, war eine Anstrengung, die beinahe unmöglich erschien. Er konnte ohnehin nur seinen rechten Arm bewegen, da sein linker fest bandagiert und an seinem Körper fixiert war. Etwas fühlte sich nicht richtig an.

Er blinzelte. Es war hell. Grelles Licht stach ihm in die Augen und blendete ihn.

Ein leises, stetes Piepen drang an sein Ohr. Das war das einzige, was er hörte, das und das übermäßig laut erscheinende Geräusch seines eigenen Atems. Irgendetwas war da vor seinem Gesicht. Was auch immer es war, es musste weg.

Seine Hand zu heben und das Ding von seinem Gesicht zu entfernen, erforderte beinahe unmenschlich viel Kraft. Doch wenigstens war dieser Störkörper endlich aus seinem Gesicht verschwunden. Es handelte sich dabei um eine eigenwillige Maske, die Mund und Nase bedeckte. Ein Schlauch führte davon weg. Was war das für ein Ding?

Allmählich hatten sich seine Augen an das grelle Licht gewöhnt und so konnte er sehen, dass er sich an einem fremden Ort befand. War er wirklich fremd? Irgendwie erinnerte ihn das hier doch an ein Krankenzimmer.

Hashirama war so stolz gewesen auf das Krankenhaus, ein lang gehegter Traum, den er sich damit hatte erfüllen können. Aber etwas hieran wirkte doch irgendwie nicht richtig. Tobirama konnte einfach nicht den Finger darauf legen, was genau damit nicht stimmte.

Der würzige Geruch von Pfeifenkraut stieg ihm in die Nase. Er war nicht allein.

Er wandte den Kopf und sah sich einem alten Mann gegenüber. Warum nur kam er ihm so vertraut vor? Der Alte saß an seinem Bett, rauchte seelenruhig eine Pfeife und beobachtete ihn. Neben ihm saß eine weitere Person, ein junger Mann mit strohblondem Haar, der bis jetzt in einem Buch gelesen hatte. Als er bemerkte, dass Tobirama sich regte, blickte er auf. Tobirama hatte noch nie solch eisblaue Augen gesehen.

»Oh, unser Überraschungspatient ist also aufgewacht«, sagte er.

»Willkommen zurück unter den Lebenden, sensei«, begrüßte der Alte ihn.

Sensei? Tobirama war verwirrt. Seine Gedanken waren zäh wie Honig, es war ein fürchterlich frustrierendes Gefühl. Die Puzzleteile wollten sich einfach nicht zusammenfügen.

Der Alte sah ihn fragend an. »Erkennen Sie mich nicht mehr, sensei? Oh. Nun, vierzig Jahre hinterlassen doch ihre Spuren. Ich bin‘s, Hiruzen.«

»Saru?«, krächzte Tobirama und war über den Klang seiner eigenen Stimme erschrocken. Er erkannte sie kaum wieder. »Aber … wie?«

»Das müssten wir Sie fragen, sensei«, sagte Hiruzen. »Sie tauchten vor fünf Tagen einfach so aus dem Nichts mitten in einer Besprechung auf, blutüberströmt und mehr tot als lebendig. Minato«, er deutete auf den Mann an seiner Seite, »brachte Sie umgehend hierher ins Krankenhaus, aber die Ärzte konnten keine Garantie geben, dass Sie Ihre Verletzungen überleben würden. Dass Sie überhaupt noch gelebt hatten … Es war erst vor zwei Tagen, dass sie Ihren Zustand als stabil deklarierten und Sie aus dem künstlichen Koma holten, in das sie Sie versetzt hatten. Sensei, was ist passiert? Ich verstehe es nicht, niemand versteht es. Wie kann es sein, dass Sie keinen Tag gealtert sind? Es ist doch so lang her.«

Tobirama starrte ihn ungläubig an. Dann brach er in Gelächter aus. Vielleicht waren es die Medikamente, vielleicht auch all das Blut, das er verloren hatte oder der Sauerstoffmangel, vielleicht auch einfach nur die Absurdität dieser Situation. Das Lachen schmerzte und bald schon musste er keuchend husten, aber er konnte sich einfach nicht helfen. Es war vollkommen irrsinnig.

»Ich habe das Unmögliche möglich gemacht«, sagte er, als er wieder halbwegs zu Atem gekommen war. Warum nur war er so kurzatmig? »Seit Generationen haben die Uzumaki gerätselt, ob Zeitreisen möglich sind, und sie am Ende für unmöglich erklärt. Und jetzt habe ich einfach so das Gegenteil bewiesen. Das Siegel hat schlussendlich zu gut funktioniert.«

Minato beugte sich vor. »Dieses besondere Hiraishin-Siegel im Hokagebüro? Ich hatte mich schon immer gefragt, wofür das gut sein soll, es aber nie gewagt, mich daran zu versuchen.«

Tobirama runzelte die Stirn. Woher wusste er davon? Doch dann nickte er. »Es war ein Versuch, ein Prototyp, der eigentlich noch nicht für die Anwendung gedacht war. Aber es war meine letzte Möglichkeit. Ein Hiraishin über besonders weite Strecken hinweg. Mito hatte ihre Bedenken, was die Wirkungsweise angeht. Wie immer hatte sie Recht behalten.«

Erst da wurde ihm die volle Auswirkung dessen bewusst, was er getan hatte. Er hatte nicht nur fast das gesamte Land innerhalb nur eines Augenblicks durchquert, es waren dabei auch vier Jahrzehnte vergangen. Nichts war mehr so, wie er es gekannt hatte. In einem Augenblick noch kämpfte er um sein Überleben, und im nächsten hatte sich die Welt verändert.

Sein Verstand weigerte sich, diesen Gedanken fortzusetzen.

»Sie kamen nie zurück, sensei«, sagte Hiruzen. »Alle dachten, Sie seien tot, aber Ihre Leiche wurde nie gefunden. Jetzt weiß ich auch, weshalb. Sie waren nie gestorben.«

Vierzig Jahre. Es wirkte wie in einem Alptraum. Doch dann sah er die Runzeln in Hiruzens Gesicht und wusste, dass er wach war. Seine schmerzenden Glieder erinnerten ihn nur allzu deutlich daran, dass er noch immer ausgesprochen lebendig war.

Fakten. Er brauchte Fakten. Es nützte ihm ja doch nichts, jetzt in Selbstmitleid zu vergehen und über das zu klagen, was geschehen war. Er konnte es ja doch nicht ungeschehen machen, jedenfalls nicht in diesem Moment und in seinem Zustand.

»Wer bist du eigentlich?«, wollte er daher von Minato wissen. Warum Hiruzen hier war, konnte er sich denken. Aber Minato war für ihn noch immer nicht mehr als ein Name.

»Oh. Natürlich. Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich noch immer nicht richtig vorgestellt habe, Nidaime-sama. Ich bin Namikaze Minato, der Yondaime Hokage«, sagte Minato. Er stand auf und drehte sich um, sodass Tobirama die Schrift auf dem Rücken seines Umhangs lesen konnte. Ganz unüberraschend stand dort Yondaime Hokage.

Bevor jedoch Tobirama auch nur eine seiner unzähligen Fragen stellen konnte, wurde die Tür geöffnet und eine Frau in einem weißen Kittel trat mit energischem Schritt ein. Sie trug ein Klemmbrett bei sich. Kommentarlos registrierte sie, dass Tobirama wieder bei Sinnen war, sah jedoch Hiruzen und Minato finster an.

»Husch, husch, raus hier«, herrschte sie sie an. »Sie hätten mir gleich Bescheid geben sollen, dass er munter ist, statt ihn mit Fragen zu belästigen.«

»Sie haben natürlich Recht, Fuyuko-san«, sagte Hiruzen diplomatisch. »Allerdings ist das eine Sache von höchster Wichtigkeit, Sie verstehen das sicherlich.«

»Nein, das tue ich nicht«, schoss Fuyuko zurück. »Das hier ist meine Station und hier drin habe allein ich das Sagen, ganz egal, wer Sie da draußen sind.«

Oh, na wunderbar. Diese Art von Arzt.

Minato und Hiruzen tauschten einen Blick. Dann zuckte Minato mit den Schultern. »Wir kommen später noch einmal wieder.«

Fuyuko sah ihnen finster nach, als sie den Raum verließen. Sie erweckte den Eindruck eines Wachhundes, der erfolgreich Eindringlinge aus seinem Territorium vertrieben hatte. Dann wandte sie sich wieder an Tobirama.

»Wie geht‘s Ihnen?«

Tobirama hasste es, sich so schwach zu fühlen. Er kam sich vor wie ein Invalide. »Schmerzen«, gab er dann doch zu. Augen zu und durch. Das war auch schon mit Hashirama das zielführendste gewesen.

»Und wo?«

Tobirama warf ihr einen langen Blick zu. »Überall.«

Fuyuko hielt seinem Blick stand. »Gut, der ging auf meine Kappe.« Sie blätterte durch die Zettel auf ihrem Klemmbrett. »Ein wenig könnte ich noch die Morphindosis erhöhen, aber nicht viel und auch nicht für lang. Ansonsten gibt‘s eine Abhängigkeit. Sonst noch etwas?«

»Nehmen Sie das Zeug aus mir heraus«, verlangte Tobirama. Mittlerweile hatte er festgestellt, dass jemand eine Kanüle in seinen Handrücken gesteckt hatte. Ein Schlauch führte von dieser zu einem Beutel mit einer klaren Flüssigkeit. Außerdem klebten mehrere Kabel an ihm, die alle zu einem Monitor führten, von dem das Piepsen ausging. Von nichts davon wusste er, wozu es gut sein sollte, und er wollte es auch nicht herausfinden. Es waren Fremdkörper und die hatten nichts an ihm zu suchen.

»Nichts da«, scholt Fuyuko ihn. »Das kann ich als Ihre behandelnde Ärztin nicht verantworten. Ihr Zustand war bis vor kurzem kritisch und noch immer kann ich nicht garantieren, dass er das nicht wieder wird. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, in welcher Verfassung man Sie zu mir brachte?«

Sie wartete Tobiramas Antwort gar nicht erst ab, sondern fuhr sogleich fort: »Ganz ehrlich, bei einer Autopsie hätte ich gar nicht gewusst, was genau ich als Todesursache hätte angeben sollen. Multiples Organversagen wäre dem noch am nächsten gekommen, einfach alles hätte es eher getroffen. Unzählige Prellungen, Schürfungen und Schnittwunden bis hin zu Fleischwunden sind da nur der Anfang, ebenso einige gebrochene und angebrochene Knochen. Weiter geht es mit Verbrennungen ersten und zweiten Grades, Glück gehabt, dass das nicht mehr gewesen war. Natürlich auch das obligatorische Schädelhirntrauma, ebenso der Verlust einer kritischen Menge Blutes. Man könnte fast von Glück reden, dass Sie bereits einen Herzstillstand erlitten hatten, als Hokage-sama wie irre nach einem Notarzt schreiend mitten ins Krankenhaus geplatzt war, ansonsten wären Sie mir noch auf dem OP-Tisch verblutet. Ach, vergessen wir nicht mehrere gebrochene Rippen und eine perforierte Lunge. Sie sahen aus, als hätte man Sie in einen Fleischwolf geworfen. Wir mussten Teile Ihres linken Lungenflügels entfernen, das Gewebe war vollkommen zerstört und das Organ bereits nicht mehr funktional. Zum Schluss noch Ihre linke Hand, so man denn noch von einer solchen sprechen mag. Wir konnten den Großteil wieder richten, mussten aber dennoch den Ring- und Teile des Mittelfingers abnehmen. Kurzum: Sie waren eigentlich schon klinisch tot, als ich Sie unter dem Messer hatte, und es glich eher einer Schlachtung als einer Operation.«

Tobirama starrte sie sprachlos an. »Sonst noch was?«, fragte er tonlos.

»Wenn Sie ein Schlafmittel wollen, kann ich Ihnen eines geben.«

Er nickte einfach nur.

 

Das erste und vielleicht auch einzige Mal nahm Tobirama die Wirkung der Betäubungsmittel mit offenen Armen entgegen. Er war sich sonst nicht sicher, ob er nach diesen Hiobsbotschaften überhaupt würde schlafen können. Es war einfach alles zu viel auf einmal.

Sein Schlaf war tief und traumlos und das war genau das, was er jetzt gebrauchen konnte. Er brauchte Erholung von seinen eigenen rasenden Gedanken.

Es war vermutlich bereits der nächste Tag, als er wieder erwachte. Das Licht einer frühen Morgenstunde schien in das Zimmer herein. Jemand hatte die Fenster geöffnet und die weißen Vorhänge wehten leicht im Luftzug. Es schien Sommer zu sein, die Luft war lau und roch nach blühenden Wiesen.

Vierzig Jahre. Tobirama konnte es noch immer nicht begreifen. Die Fakten sprachen alle dafür, aber sein Verstand weigerte sich noch immer, diese Information zu verarbeiten.

Er versuchte sich aufzurichten und stellte fest, dass es ihm unter einigen Mühen möglich war. Bandagen wandten sich fest um seinen Oberkörper. Auch sein linker Arm war noch immer fest bandagiert und lag in einer Schlinge. Der scharfe Geruch von Antiseptika haftete an ihm. Stück für Stück pflückte er diese Kabeldinger von seinem Oberkörper und achtete nicht auf das hektische Piepsen des Monitors, das Alarm schlug.

Er stellte fest, dass es eigenartig war, so lange so invalide zu sein. Früher hätte Hashirama ihn schon längst wieder zusammengeflickt. Aber Hashirama war nicht mehr da.

Er fühlte sich einsamer denn je.

Vorsichtig testete er, ob er aufstehen konnte. Der Krankenhausboden fühlte sich kalt unter seinen nackten Füßen an. Bedächtig belastete er sie nach und nach mit seinem Gewicht. Seine Knie fühlten sich an wie Pudding. Er gab einen unwirschen Laut von sich. Es konnte doch nicht sein, dass er ans Bett gefesselt war wie ein klappriger alter Mann! Stur griff er nach dem Ding, an dem dieser Flüssigkeitsbeutel befestigt war. Es hatte Rollen an den Füßen befestigt. Immer noch erniedrigend, aber immerhin besser, als die ganze Zeit nur stupide im Bett zu liegen.

Vorsichtig einen wackeligen Schritt vor den anderen setzend arbeitete er sich zum Fenster vor. Er war frustriert und entnervt, dass er keuchte wie nach einem ganztägigen Ausdauerlauf, als er endlich an seinem Ziel ankam. Erschöpft lehnte er sich auf die Fensterbank. Das war ja peinlich.

Immerhin hatte er jetzt jedoch einen guten Blick aus dem Fenster. Konoha. Eindeutig. Dort an der Klippe waren jetzt sogar vier Gesichter zu sehen. Saru, ganz wie er vermutet hatte, und Minato waren hinzugekommen. An Minatos Portrait wurde sogar noch gearbeitet, er konnte also noch nicht lange im Amt sein.

Auch das Dorf selbst war gewachsen. Vieles erkannte Tobirama wieder, doch etliches war ihm neu. Ganze Viertel waren hinzugekommen. Wie viele Einwohner Konoha jetzt wohl hatte?

Was war mit jenen, die er zurückgelassen hatte? Mit Chio und Sakumo und Mito und Miyazaki und Tsunade und Nawaki?

Instinktiv versuchte er, seine Sensorfähigkeiten einzusetzen und nach ihnen zu suchen, stellte aber zu seinem Missfallen fest, dass sich sein Chakra noch immer nicht genug erholt hatte. Er war so wehr- und hilflos wie noch nie in seinem Leben und das ausgerechnet zu solch einem kritischen Zeitpunkt. Er ballte die Hand zur Faust und hämmerte sie frustriert auf das Fensterbrett.

Aber sicher würde Hiruzen ihnen doch mittlerweile gesagt haben, was geschehen war. Mito war mittlerweile über achtzig Jahre alt. Ein reifes Alter, aber für Uzumaki nichts ungewöhnliches. Er mahnte sich zur Geduld. Alles zu seiner Zeit, es gab keinen Grund, jetzt die Dinge zu überstürzen. Für ihn war immerhin kaum ein Tag im wachen Zustand vergangen, seit er den Gold und Silber Brüdern entkommen war.

Hoffentlich hatte irgendwer die Bastarde für ihn umgelegt. Die Mistkerle hatten es verdient.

Tobirama starrte auf seine Hand. Er atmete mehrmals tief durch und zwang sich dazu, seine Finger wieder zu entspannen. Seine linke Hand war dick in Bandagen gehüllt, er konnte seine Finger nicht benutzen. Jedenfalls die, die ihm geblieben waren. Ein Gedanke, den er noch nicht wirklich verinnerlicht hatte.

Kurzerhand hob er seine rechte Hand an den Mund und zog mit den Zähnen an der Kanüle in seiner Haut. Es tat sogar dank der hoch dosierten Schmerzmittel kaum weh, als er die Nadel herauszerrte. Es blutete ein wenig, aber das störte ihn kaum. Endlich war dieses Ding aus ihm heraus. Doktor Fuyuko würde ihn mit Sicherheit dafür schelten, aber das war ihm herzlich egal.

Dann beobachtete er die Menschen im Dorf.

Zeitreisen. Er hatte es wirklich geschafft. Man mochte glauben, er würde sich mehr darüber freuen, den Beweis für das Unmögliche erbracht zu haben. Tatsächlich jedoch spürte er allein eine stets wachsende Unruhe.

Aber was genau hatte er getan? Das originale Hiraishin war für maximal wenige Kilometer ausgelegt, und eigentlich hatte es bis jetzt auch immer ausgereicht. Dennoch hatte er schon seit einiger Zeit darüber nachgesonnen, ob er die Reichweite erhöhen konnte. Das hatte offensichtlich funktioniert, er hatte fast das gesamte Land in nur einem Augenblick durchqueren können.

Und gleichzeitig vierzig Jahre übersprungen.

Hiraishin war ein Jutsu, das an Raum und Zeit gebunden war. Die Entdeckung hatte er schon sehr früh gemacht. Die erste Prototypen damals hatten nur die Raumkomponente besessen. Er hatte zwar die Strecke bis zu seiner Markierung in subjektiver Zeit quasi sofort zurückgelegt, außerhalb dessen war jedoch genauso viel Zeit verstrichen, wie er benötigt hätte, um dieselbe Strecke zu laufen. Es hatte ihn viele Versuche gekostet, bis auch außerhalb seiner subjektiven Zeit kein Moment verstrich.

Mito hatte ihn gewarnt, dass es schwierig werden würde, diese äußerst fragile Balance zwischen beiden Elementen des Siegels zu wahren, wenn er eine Variabel veränderte. Man spielte nicht mit Zeit, einer der Grundsätze des Fūinjutsu. Er hatte es dennoch getan und bis jetzt hatte es auch immer funktioniert.

Dieses neue Hiraishin war ein Prototyp, nichts, das er in jeder anderen Situation bereits getestet hätte. Zu viele offene Fragen, zu viele Unsicherheiten. Aber vor die Wahl gestellt, dieses Risiko einzugehen, oder in den sicheren Tod zu gehen, war es eine einfach zu beantwortende Frage gewesen.

Zugegeben, er war nicht stolz darauf, wie sehr er sich von seiner Panik hatte dominieren lassen. Es war geradezu peinlich. Gerade ihm hätte das nicht passieren dürfen. Und keine Stunde zuvor hatte er seinen Schülern noch gesagt, dass sie immer einen kühlen Kopf bewahren mussten, wie sie es gelernt hatten.

Wie sich herausstellte, waren alle lebenslang erlernten Lektionen im Moment des Todes für die Katz‘.

Seine Überlegungen wurden unterbrochen, als erneut die Tür geöffnet wurde. Er stellte sich schon auf die unausweichliche Schelte Fuyukos ein, aber es war nur Hiruzen, der ihn wieder in Begleitung Minatos besuchen kam.

»Geht es Ihnen also besser, sensei?«, wollte Hiruzen wissen. Er war weise genug, auf den ohnehin sinnlosen Hinweis zu verzichten, dass Tobirama sich vielleicht besser noch ausruhen sollte.

»So gut es einem eben gehen kann unter dem Einfluss starker Drogen«, erwiderte Tobirama. Ohne diese ganzen Schmerzmittel würde er wahrscheinlich nicht einmal krauchen können.

»Das freut mich zu hören«, sagte Minato. »Ich hätte ja wirklich nicht gedacht, dass ich einmal dem Erfinder des Hiraishin, den legendären Weißen Wolf von Konoha, mit seinem eigenen Jutsu das Leben retten würde.«

»Nach allem, was ich von der Ärztin erfahren habe, war es in der Tat Rettung in letzter Sekunde. Ich stehe in Ihrer Schuld, Yondaime-sama.« Tobirama neigte leicht den Kopf. Es war ungewohnt, jemand anderen mit diesem Titel anzureden. Hashirama war immer sein anija gewesen, ganz egal in welcher Situation.

Sollte er Hiruzen mit Sandaime-sama ansprechen? Die Situation war ein wenig irritierend.

»Oh, nicht doch«, wiegelte Minato ab. »Das war eine Selbstverständlichkeit, jeder andere hätte dasselbe getan.«

»Woher kennen Sie überhaupt mein Hiraishin?«, wollte Tobirama wissen. »Bis auf Mito hatte ich nie jemanden in die Details des Siegels eingewiesen. Aus gutem Grund.«

»Mein sensei, Jiraiya, lehrte es mich«, sagte Minato.

»Und er wiederum hatte von mir die Erlaubnis dazu erhalten«, ergriff Hiruzen das Wort. »Jiraiya war mit Tsunade und Orochimaru mein Schüler gewesen. Als er Jahre später selbst Jōnin-Ausbilder wurde, trat er an mich heran mit der Bitte, ihm Ihre Aufzeichnungen zu Hiraishin zu überlassen, da er der Meinung war, dies sei ein Jutsu, das Minatos Fähigkeiten angemessen sei. Da Sie, sensei, es nie als kinjutsu eingestuft hatten, willigte ich ein.«

Tobirama hätte unter Umständen anders gehandelt, aber er kannte weder Jiraiyas noch Minatos Fähigkeiten und vertraute auf Hiruzens Einschätzung.

»Was ist aus Tsunade geworden?«, fragte er stattdessen. »Wie geht es meiner Familie?«

Betretene Stille antwortete ihm. Tobirama runzelte die Stirn. Das war nie ein gutes Zeichen.

»Ah, sensei, ich weiß wirklich nicht, wo ich hier anfangen soll«, sagte Hiruzen bedauernd. »Vielleicht wollen Sie sich erst einmal setzen?«

»Sag‘s geradeheraus«, verlangte Tobirama.

Hiruzen holte tief Luft. »Nawaki starb mit gerade einmal zwölf Jahren auf einer seiner ersten Genin-Missionen. Ein Unfall, er war nicht mehr zu retten gewesen. Chio-sama, Ihre Frau, starb vor zwanzig Jahren an einer Lungenembolie. Mito-hime ließ vor fünf Jahren freiwillig ihr Leben, als sie Kyubi an den nächsten jinchūriki übertrug.«

Minato senkte den Blick. »Wir halten ihr heldenhaftes Opfer in hohen Ehren. Ihre Nachfolgerin wurde Uzumaki Kushina, meine Frau.«

»Nur ein Jahr später verstarb Miyazaki-san überraschend an den Folgen eines Schlaganfalls. Der Tod ihrer Mutter war für Tsunade der endgültige Auslöser, sich vom Dorf loszusagen, und sie verließ Konoha. Ich weiß derzeit nicht genau, wo sie sich aufhält, aber meinem letzten Wissensstand zufolge geht es ihr gut. Sakumo allerdings … Sensei, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn sich vor neun Jahren das Leben nahm. Er hinterließ jedoch eine Tochter.«

»Einen Sohn«, korrigierte Minato.

»Oh. Ja, natürlich. Mein Fehler. Kakashi ist ein angesehener Shinobi des Dorfes und … Sensei, geht es Ihnen gut?«

Tobirama bereute es, sich nicht gesetzt zu haben. Mit einem Male drehte sich die ganze Welt um ihn. Halt suchend tastete er um sich. Minato war an seiner Seite und zwang ihn mit sanfter Unnachgiebigkeit auf das Bett.

Alle tot. Sie waren alle tot, vor ihrer Zeit gestorben. Von einem Augenblick auf den anderen. Jetzt war er wirklich allein.

»Geht«, murmelte er. »Lasst mich allein. Ich … ich brauche einen Moment für mich.«

»Natürlich«, sagte Hiruzen leise. Respektvoll zog er sich mit Minato zurück.

Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, erlaubte Tobirama sich seine Tränen.

Am Ende holte der Tod sie alle.

No one:

Absolutely no one:

Me, overthinking every single bit: What if Hiraishin works like a minature Einstein-Rosen bridge and Tobirama creates little wormholes?

Im nächsten Kapitel geht es etwas more wholesome zu, als Tobirama ein paar nicht gänzlich schrechliche Neuigkeiten überbracht werden.

2. Kapitel: 2. Kapitel: Der Weiße Wolf

CN Misgendering (Shisui wird hier für einen Jungen gehalten, aber Shisui ist agender, Tobirama wird später noch korrigiert)
Der Weiße Wolf

»Sie können nicht stur mit dem Kopf voran durch die Wand rennen, Nidaime-sama«, rügte Doktor Fuyuko.

Tobirama warf ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu und ignorierte sie dann. Dass sie ihn überhaupt mit seinem Titel ansprach, grenzte ja schon fast an ein Wunder. Wirklich zu respektieren schien sie ihn nicht. Er jedenfalls ließ sich von ihr nicht vorschreiben, was er tun konnte und was nicht. Stur ging er weiter, auch wenn er mittlerweile erbärmlich nach Luft japste.

»Na gut, wie Sie meinen.« Sie zuckte mit den Schultern und hielt mit ihm Schritt. »Der Fakt bleibt bestehen, dass Sie einen Teil ihrer Lunge eingebüßt haben. Daran lässt sich nichts rütteln. Durch Training lässt sich natürlich das Lungenvolumen vergrößern, aber was schlicht nicht mehr da ist, kann auch nicht verändert werden.«

Diese Frau! Wenn sie nicht sofort aufhörte zu reden, würde Tobirama für nichts mehr garantieren können.

Das Seitenstechen wurde unerträglich. Nach Luft schnappend ließ er sich auf eine Parkbank sinken. Ihm tanzten schwarze Punkte vor den Augen. Das war doch lächerlich!

Seit dem Moment, an dem Fuyuko ihm erlaubt hatte, das Bett zu verlassen, hatte er alles daran gesetzt, wieder zu seiner alten Stärke zurückzufinden, hatte jedoch sehr schnell lernen müssen, dass bereits die Treppe in den zweiten Stock, wo sein Zimmer lag, ein nahezu unmöglich erscheinendes Hindernis darstellte. Dennoch hatte er stur jeden Tag eine Runde durch den kleinen Park gedreht, der sich dem Krankenhaus anschloss. Alles war besser, als den ganzen Tag in diesem kargen Raum dahinzusiechen.

Fuyuko stand vor ihm und musterte ihn. Etwas, das entfernt an Mitgefühl erinnerte, schlich sich in ihren Blick.

»Sie werden einige Dinge neu lernen müssen und manches wird nie wieder so funktionieren wie früher«, sagte sie.

Er betrachtete seine linke Hand. Zwei Finger weniger, es war noch immer ein befremdlicher Anblick. Als wäre das nicht seine Hand.

Mittlerweile waren die Knochenbrüche gut verheilt und er musste nur noch einen festen Verband tragen. Von seinen Schürfwunden und Prellungen waren die meisten mittlerweile komplett verheilt. Nur seine linke Flanke schien Fyuko derzeit noch zu beschäftigen. Bei der Operation hatte sie ihm den gesamten Brustkorb öffnen müssen, um Knochensplitter und Reste seiner zerstörten Rüstung aus der Wunde zu entfernen sowie seine Lunge zu operieren. Entsprechend zog sich jetzt eine riesige Narbe über seinen Brustkorb und wenn er vorsichtig mit den Fingern darüber tastete, konnte er die Unebenheiten spüren, wo sein Fleisch nicht mehr gleichmäßig zusammengewachsen war.

Nun gut, er wollte keinen Schönheitswettbewerb gewinnen und ein paar Narben mehr oder weniger in seiner Sammlung würden das Kraut auch nicht fett machen. Diese hier würde ihn dennoch immer daran erinnern, dass er dem Tode nie näher gewesen war.

»Ich kann mir vorstellen, dass das schwer für Sie ist«, sagte Fuyuko. »Ich hätte gern mehr für Sie getan. Aber sehen Sie es einmal so: Die moderne Medizin ist immerhin so weit gekommen. Vor fünfzig Jahren wären Sie jetzt tot.«

»Nein«, sagte Tobirama leise und starrte auf seine Schuhspitzen. »Vor fünfzig Jahren hätte ich meinen anija gehabt. Er wäre dazu in der Lage gewesen, noch viel mehr zu vollbringen.«

Da hätte er solch ein Gespräch gar nicht erst geführt. Da hätte Hashirama ihn provisorisch für ein paar Tage zu Bettruhe verdonnert und dann wäre alles wieder beim Alten gewesen. Aber Hashirama war tot. Genau wie der Rest seiner Familie.

Fuyuko räusperte sich betreten. »Nun, in der Tat. Shodai Hokages Fähigkeiten sind in der Tat legendär. Es gibt niemanden mehr, der ihm das Wasser reichen könnte außer Tsunade-hime, und sie hat das Dorf verlassen.«

Warum hatte sie das getan? Nicht einmal Hiruzen hatte ihm darauf eine befriedigende Antwort geben können. Tobirama verspürte ein starkes Verlangen, mit ihr zu reden, der letzten seiner Familie. Sie und dieser Junge, Kakashi …

Diese Information war in jenem Augenblick untergegangen, als Hiruzen ihm die Hiobsbotschaften überbracht hatte. Aber anscheinend war er Großvater geworden. Sein Junge war gerade einmal elf gewesen, als er ihn zurückgelassen hatte, und jetzt hatte er plötzlich einen jugendlichen Enkel. Tobirama war sich noch nicht wirklich sicher, wie er mit dieser Information umgehen sollte.

Zeitreisen waren fürchterlich verwirrend.

Seine Überlegungen wurden von einer dröhnenden Stimme unterbrochen.

»Sensei!«

Tobirama hob dem Kopf und sah sich mit dem einigermaßen besorgniserregenden Anblick eines auf ihn zustürmenden Akimichi konfrontiert. Noch immer dasselbe wilde braune Haar, dasselbe Kopftuch und dieselben Zeichnungen auf den vollen Wangen. Das konnte nur Torifu sein, vierzig Jahre älter und mindestens dreimal so groß, aber unverkennbar er.

Noch bevor er es sich versah, fand sich Tobirama in einer knochenbrechenden Umarmung wieder und seine Füße verloren den Bodenkontakt. Er röchelte, doch Torifu ignorierte all seine Proteste, ihn wieder abzusetzen.

»Ich wusste es!«, rief Torifu aus. »Ich wusste es, dass dieser alte Wolf hier sich nicht von ein paar lächerlichen Füchschen aus Kumogakure unterkriegen lassen würde!«

»Ich muss darauf bestehen, dass Sie meinen Patienten sofort wieder loslassen!«, herrschte Fuyuko ihn an. »Ich habe keine Lust, ihn schon wieder aus Einzelteilen zusammenzuflicken.«

»Ach, Sie haben ja keine Ahnung, der ist robuster, als er aussieht«, lachte Torifu, gab aber Tobirama wieder frei. Tobirama atmete auf und seine Rippen dankten es ihm.

Fuyuko war offensichtlich anderer Ansicht und sie starrte Torifu nieder. »Noch so eine Nummer und ich verweise Sie des Geländes«, drohte sie. Dann ging sie dennoch.

Torifu wandte seine Aufmerksamkeit nun vollständig Tobirama zu. »Sensei, lassen Sie sich ansehen. Aber schau an, Sie sind es wirklich, um keinen Tag gealtert und noch immer so klapprig wie damals. Geben die Ihnen hier nicht genug zu essen?«

Tobirama musste schmunzeln. Torifu hatte sich nicht verändert, noch immer war die seiner Meinung nach angemessene Versorgung seiner Leute seine wichtigste Priorität. »Man wird davon satt.«

Torifu bohrte ihm seinen Finger in die Rippen. Respekt hatte er auch noch nicht gelernt. »Aber mehr auch nicht. Das kann ich so nicht stehen lassen. Ich komme heute Abend noch einmal vorbei und bringe Ihnen was ordentliches zu essen. Doch jetzt sagen Sie, wie haben Sie das gemacht? Ich konnte es ja zunächst gar nicht glauben, als ich die Gerüchte hörte.«

Tobirama hatte sich mittlerweile wieder gesetzt. Torifu schien seinen schwachen Zustand zu bemerken, aber er sagte nichts und setzte sich nur wortlos neben ihn.

»Hiraishin, was sonst. Eine experimentelle Form, die noch nicht zur Anwendung gedacht war. Der Faktor der Entfernung funktionierte, der der Zeit jedoch nicht und entsprechend ist das hier geschehen. Meine Absicht war das bei weitem nicht gewesen.«

»Haben Sie den Bastarden wenigstens ordentlich in den Arsch getreten? Ich schloss mich später dem Suchtrupp an, aber wir fanden nur einen verwüsteten Kampfplatz und einige bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen vor.«

»Nachdem ich euch mit Ōkami fortschickte, begann ich damit, auf die Gefolgsleute der Brüder Jagd zu machen, ordinäre Shinobi, die zwar viele waren, aber schlussendlich einzeln doch keine Herausforderung darstellten. Doch selbst trotzt meines Rudels gelang es ihnen schließlich, mich zu umstellen. Ich versuchte, so viel Schaden wie möglich anzurichten und lockte sie in die Fallen, die wir zuvor noch im Wald aufgestellt hatten, in der Hoffnung, sie mit mir nehmen zu können. Ich denke, einen von ihnen habe ich zumindest schwer verwunden können, aber dann hatten sie mich schlussendlich doch am Boden. Ich vertraute auf Ōkami, dass sie euch indes weit genug fortgeführt hatte, und griff nach meinem letzten Ausweg. Und jetzt bin ich hier.«

Torifu musterte ihn ernst. »Sie hatten damals Recht, ich hatte diese Kerle unterschätzt. Wenn nur zwei Leute das mit Ihnen anrichten können. Aber sensei, seien Sie getrost. Alt wurden die Bastarde trotzdem nicht. Nach dem versuchten Attentat auf den Raikage und der ja augenscheinlich doch nicht geglückten Ermordung Ihrer Person war das Kopfgeld auf die beiden so astronomisch hoch, dass sie in Windeseile eine ganze Armee an Kopfgeldjägern auf den Fersen hatten. Die hatten‘s danach kein Jahr mehr gemacht.«

Tobirama fühlte Genugtuung in sich aufkommen. Wenigstens etwas. »Sag mir, Torifu-kun, was ist aus Ōkami geworden?«

Torifu schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich weiß es nicht, sensei. Mit Ihrem Verschwinden haben auch die Wölfe Konoha verlassen und sich nie wieder blicken lassen. Sie sind tief in die Wälder gezogen und keiner hat sie seitdem mehr gesehen. Sie werden wohl selbst zu ihnen gehen müssen, wenn Sie das wissen wollen.«

Tobirama nickte und setzte das ganz weit oben auf seine Prioritätenliste. Ōkami mochte zwar sein Vertrauter Geist sein, aber wie das eben so mit Wölfen war, ließ sie sich nicht einfach so beschwören wie einen gemeinen Hund.

»Saru hat mir bereits gesagt, was aus meiner Familie wurde.«

»Oh.« Torifus Augen weiteten sich. »Oh! Ja. Mein Beileid. Das musst schrecklich sein.«

»Ich danke dir.« Tobirama nahm diese Worte hin und schob seine Gefühle weit von sich. »Aber sag mir, was ist aus deinen Teamkameraden geworden und wie hast du die letzten vierzig Jahre verbracht?«

»Ach, ich fürchte, das ist auch keine allzu schöne Geschichte«, sagte Torifu. »Ich würde Ihnen wirklich schönere Neuigkeiten überbringen können, aber wie das so im Leben ist. Es kommt immer anders, als man so denkt. Kagami starb jung, nur sechs Jahre nach Ihnen, sensei, er hinterließ jedoch einen Sohn, Hayao. Ein richtiger Wildfang, kam ganz nach seiner Großmutter, Tōka-san. Er hat selbst wiederum einen Sohn, seine Frau starb jedoch bei der Geburt und er selbst verunglückte erst Anfang dieses Jahres auf einer Mission.«

Das waren wirklich keine erfreulichen Nachrichten, wieder einmal. »Und sein Sohn? Was ist aus ihm geworden?«

»Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dann müsste Shisui jetzt neun Jahre alt sein. Man hört eine ganze Menge von ihm, der ganze Stolz des Uchiha-Clans, wie es so heißt.«

Tobirama machte sich eine geistige Notiz, nach diesem Jungen zu schauen. Irgendwie hatte er das Gefühl, es ihm schuldig zu sein, nachdem er Kagami so in Stich gelassen hatte. Er hätte da sein müssen für ihn, das hatte er doch seinem Vater Hikaku versprochen.

»Und weiter?«, fragte er dann.

»Damit hört es leider nicht auf«, sagte Torifu ernst. »Damals, nur kurz vor Kagamis Tod, kam es zum Zerwürfnis zwischen uns. Kagami und ich waren nicht glücklich mit der Richtung, in die sich Sarutobi unter dem Einfluss Homuras und Koharus entwickelte. Aber eigentlich ist es Danzō, der mir bis heute die meisten Sorgen bereitet. Er hat sich verändert, und das nicht zum Guten. Viel zu oft treibt er sich in den Schatten herum, und wer weiß, was er da tut, wenn Sie verstehen, sensei.

Sarutobi übernahm Ihr Amt, wie Sie es befohlen hatten, aber zu einer offiziellen Wahl kam es nie. Mitten im Krieg durfte kein Machtvakuum entstehen, es hätte Konoha gefährlich destabilisiert. Doch selbst, als wieder Frieden eingekehrt war, blieb einfach alles so, wie es war. Das war es, was Kagami und mir solche Sorgen bereitete. Wir wussten doch alle, dass Konoha aus einem demokratischen Gedanken heraus errichtet worden war, da hatten Sie immer so großen Wert darauf gelegt.«

Tobirama hatte mit wachsender Besorgnis gelauscht. Das klang in der Tat beunruhigend. Er hatte Hiruzen befohlen, seinen Posten einzunehmen, bis die Lage wieder stabil war. Niemals hätte er sich über seine eigenen Grundsätze hinweggesetzt, ohne eine angemessene Wahl einen Hokage zu bestimmen. Konoha hatte keine Diktatur Einzelner werden sollen.

»Sensei, ich …«, fuhr Torifu zögernd fort. »Man soll ja nicht schlecht über die reden, die man einmal Kameraden nannte, aber …«

»Sprich frei heraus«, forderte Tobirama ihn auf.

»Ich zweifle nicht Ihre Entscheidung an, die Sie damals trafen«, betonte Torifu. »Zu der damaligen Zeit und in dieser Situation war es das richtige. Sarutobi jedoch erwies sich als sehr entscheidungsunfreudig. Er verfolgte eine Politik des Heraushaltens, manche nennen es gar eine Politik der Alternativlosigkeit. Zwar versuchte er stets, Konflikten aus dem Weg zu gehen und aufkommende Flammen kleinzuhalten, aber mitunter erreichte er mit seinem Zögern nur, dass Konflikte, die er eigentlich hatte vermeiden wollen, nur in die Länge gezogen wurden. Seit damals erlebten wir zwei weiter große Kriege, der letzte endete vor nicht einmal zwei Jahren. Ich weiß nicht, warum Sarutobi stets so zögerlich handelt – wenn überhaupt. Vielleicht, um den Tendenzen Koharus, Homuras und vor allem Danzōs zu begegnen, vielleicht … Ich weiß es nicht.«

Tobirama nickte einfach nur und nahm diese Informationen hin. Vierzig Jahre waren eine lange Zeit, weitaus länger, als er überhaupt jemals in Konoha gelebt hatte, und die ganze Zeit über hatte Hiruzen den Hut getragen. Bei weitem keine leichte Aufgabe und erst recht keine, die jeder würde machen können. Es würde unweigerlich dazu kommen, dass man Fehler machte, vielleicht auch solche, die nicht hätten gemacht werden dürfen. Ein Urteil darüber würde Tobirama an dieser Stelle jedoch nicht fällen. Noch nicht.

»Aber was ist mit dir?«, wollte er stattdessen wissen. »Wie es klingt, hast du dich aus der Politik herausgehalten.«

»In der Tat. Ich bin ein Mann der einfachen Freuden. Ich habe eine wunderbare Frau und eine talentierte Tochter und das ist alles, was ich mir vom Leben wünsche. Das und gutes Essen. Sobald diese Frau Doktorin Sie aus ihren Klauen entlässt, lade ich Sie zum Essen ein. Damit Sie endlich mal wieder ordentlich essen, sensei. Senju kennen einfach keine vernünftige Küche.«

Tobirama schnaubte. Als ob! Nur weil Hashirama immer diese furchtbare Pilzsuppe hatte essen wollen, galt das noch lange nicht für den Rest ihres Clans.

»Sensei«, sagte Torifu, nun wieder ernst. »Ich weiß, es steht mir nicht zu, aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann passen Sie auf. Das ist nicht mehr das Konoha, das Sie erbaut hatten, und Sie schwimmen jetzt in unbekannten Gewässern.«

»Ich danke dir für diese Warnung.«

»Aber auf mich können Sie zählen, sensei«, versicherte Torifu ihm mit einem einnehmenden Lächeln. »Vielleicht lehne ich mich da ein bisschen weit aus dem Fenster, aber das gilt auch für den Rest des Clans, da bin ich sicher.«

Tobirama registrierte es mit einem schmalen Lächeln. »Das ist gut zu hören. Sag mir für den Anfang, was du über Namikaze Minato weißt.«

»Nun, ein bisschen jung für das Amt, aber das liegt vielleicht nur daran, dass wir uns alle schon längst an Sarutobi gewöhnt hatten. Er hatte sich im letzten Krieg einen Namen gemacht als Gelber Blitz von Konoha, der an der Kannabi Brücke den entscheidenden Sieg errungen hatte, der zum Ende des Krieges führte. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wen er über‘s Ohr gehauen hatte, dass er ihm Ihr Hiraishin beibringt, sensei. Ich bin fast ein wenig eifersüchtig, weil Sie sich immer geweigert hatten, es uns beizubringen, egal wie sehr wir gebettelt hatten. Und wir waren immerhin Ihre Schüler!«

Tobirama grummelte. »Die Ohren habt ihr mir abgekaut.«

Torifu lachte. »Und Sie haben sich doch nie erweichen lassen, sensei.«

»Wenn deine Siegel immer noch so miserabel sind, dann aus gutem Grund.«

»Natürlich sind sie das! Manche Dinge ändern sich eben nie.« Dann wurde Torifu wieder ernst. »Nun, jedenfalls ist er jetzt seit gut einem dreiviertel Jahr im Amt. Schlägt sich soweit ganz gut, würde ich sagen, vor allem im Angesicht der momentan immer noch ziemlich unsicheren Lage auf der politischen Bühne. Alles weitere wird sich zeigen. Sarutobi selbst hatte ihn zu seinem Nachfolger ernannt und die hohen Tiere beim daimyō haben zugestimmt.«

»Saru ist also von sich aus zurückgetreten?«, schloss Tobirama. »Gab es einen konkreten Anlass?«

Torifu zuckte mit den Schultern. »Vielleicht doch das Alter? War immerhin eine sehr lange Zeit. Vielleicht aber auch als Konsequenz aus seiner Politik. Aber ganz ehrlich, viele hatten schon allein deswegen aufgeatmet, weil damit endlich ein neuer Wind im Dorf aufkam. Es war wirklich dringend notwendig.«

Das konnte sich Tobirama allerdings vorstellen.

Ihr Gespräch wandte sich unverfänglicheren Themen zu. Tobirama fragte Torifu nach seiner Familie und Torifu berichtete nur allzu bereitwillig, was natürlich lange Sermone darüber beinhaltete, was sie alles am liebsten aßen. Tobirama kam nicht umhin, der Einladung zum Essen ein klein wenig sehnsüchtig entgegen zu blicken; das Essen auf der Station konnte nur mit viel gutem Willen als Essen bezeichnet werden und dass man davon satt wurde, war auch eine Lüge gewesen.

Schließlich wurde es jedoch Zeit für Torifu wieder zu gehen. Als er sich verabschiedet hatte, stellte Tobirama fest, dass er froh war, dass wenigstens etwas beim Alten geblieben war. Es hatte gut getan, mit Torifu zu reden.

Mittlerweile war er auch wieder zu Kräften gekommen und beschloss, den Rückweg auf sein Zimmer anzutreten. Wie üblich folgten ihm die neugierigen und fragenden Blicke der anderen Patienten. Er konnte darauf wetten, dass mittlerweile das gesamte Dorf wusste, dass es ihn hierher verschlagen hatte; mit Sicherheit arbeitete die Gerüchteküche noch immer so effektiv wie zu seiner Zeit. Dafür, dass die Arbeit von Shinobi so viel Diskretion und Verschwiegenheit erforderte, tratschten sie alle unheimlich gern. Er wahrte sich den letzten Rest Würde, der ihm noch geblieben war, und hielt den Rücken gerade, auch wenn er sich schwer atmend auf sein Bett fallen ließ, als er endlich sein Zimmer erreicht hatte.

Wie er es angedroht hatte, kam Torifu am Abend noch einmal vorbei und brachte ihm etwas zu essen. Verpflegung für eine ganze Kompanie für eine Woche traf es wohl eher. Tobirama hatte keine Ahnung, wann er das alles jemals essen sollte. Obendrauf lud Torifu noch einen Blumenstrauß bei ihm ab, der eindeutig die Handschrift der Yamanaka trug. Dann ging er wieder.

Tobirama hatte an diesem Abend noch etwas vor. Er ließ die übliche Routineuntersuchung über sich ergehen und überhörte Doktor Fuyukos Schelte, dass er es mal wieder übertrieben hatte und daher die Nähte nicht so gut verheilten, wie sie es gern hätte. Dann platzierte er ein Hiraishin-Siegel an seinem Bett, griff nach einer von Minatos Markierungen und war verschwunden.

Sein Chakra hatte sich mittlerweile wieder ein wenig erholt, auch wenn es noch immer nicht auf seinem gewohnten Level war. In Anbetracht dessen, dass sein Kampf gegen die Gold und Silber Brüder ihn mit quasi leeren Reserven zurückgelassen hatte, war dies jedoch auch nicht verwunderlich. Mit einem solch kritisch niedrigen Chakralevel dauerte es seine Zeit, bis alles wieder in gewohnten Bahnen lief. Dafür reichte es allerdings schon (auch wenn Fuyuko ihm eigentlich verboten hatte, auch nur im Traum daran zu denken, ein Jutsu anzuwenden).

Er hatte schon früh bemerkt, dass Minato ganz wie er überall im Dorf seine Markierungen hinterlassen hatte; es war eben praktisch. Minatos Formel wich jedoch von seiner eigenen ab (gewagt), es war jedoch nicht schwer, beide miteinander zu verbinden. Tobirama konnte jetzt nach Belieben seine eigenen Markierungen nutzen, die noch existierten, sowie die Minatos.

Ebenjene, die er nun benutzt hatte, brachte ihn hinaus in den Wald, ein wenig abseits des Dorfes. Er ignorierte das leichte Ziehen seiner noch immer verheilenden Wunde. Dann legte er die Hände an den Mund und heulte wie ein Wolf, während er gleichzeitig sein Chakra aufflammen ließ. Ein unverkennbares Zeichen für jeden Wolf seines Rudels, anhand dessen sie ihn immer wiedererkennen würden.

In der Ferne antwortete ein wildes Rudel Wölfe, ordinäre Tiere, wie es sie überall im Land gab. Er ignorierte sie. Jetzt hieß es warten.

Tobirama setzte sich im Schneidersitz ins Gras und lehnte sich an den Baumstamm. Dann schloss er die Augen und meditierte. Hier draußen hatte er endlich seine Ruhe. Ständig umgeben zu sein von Leuten hatte er noch nie gemocht. Selbst wenn er seine Sensorfähigkeiten nicht aktiv nutzte, war er sich doch stets ihrer bewusst, sogar dann, wenn er sich allein in einem Raum befand.

Es dauerte gut eine Stunde, bis er hörte, wie etwas großes mit hoher Geschwindigkeit krachend durch das Unterholz brach. Nur einen Augenblick später stürmte Ōkami auf die kleine Lichtung, auf der er auf sie gewartet hatte. Eine riesige Masse weißen, weichen Fells preschte auf Tobirama zu, dann war die Wölfin auch schon über ihm und leckte ihn freudig kläffend von Kopf bis Fuß ab. Sie wedelte so wild mit dem Schwanz, dass ihr ganzer Körper mitschwang. Ihr hing die Zunge aus dem Maul und sie hechelte Tobirama ihren warmen, feuchten Atem mitten ins Gesicht, aber er störte sich nicht daran. Sie musste die ganze Zeit über gerannt sein, so schnell sie nur konnte, und in ihrem Fell hatten sich Laub und kleine Äste verfangen, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie stieß Tobirama mit ihrer Schnauze um und überschüttete ihn mit ihrer Liebe.

»Mein Welpe! Mein Welpe!«, rief sie immer wieder aus. »Du bist es wirklich!«

»Au!«, rief Tobirama aus, musste aber dennoch vor lauter Glück lachen; seine Wunden befürworteten etwas rabiate Wolfsliebe noch nicht. Er schlang die Arme um Ōkamis Hals und vergrub die Hände in ihrem weichen Fell. Ihre Flanken hoben und senkten sich im Rhythmus ihrer Atemzüge.

Sie legte sich neben ihn und streckte ihr Vorderbein über ihm aus, wie als wolle sie sichergehen, dass er ihr nicht noch einmal abhanden kam. Immer wieder stupste sie ihn mit ihrer Nase an.

»Irgendwie habe ich immer gewusst, dass du nicht wirklich verloren gegangen bist«, sagte sie. »Eine Mutter weiß solche Dinge einfach.«

Er schloss selig lächelnd die Augen und lehnte seine Stirn gegen ihr Maul. Er war doch nicht gänzlich allein in dieser neuen, ihm fremden Welt. »Ich bin froh, dass du immer noch da bist, Mutter.«

Sie rückte noch näher auf und begrub ihn halb unter ihrem Fell. »Ich lasse meinen kleinen Welpen doch nicht im Stich.«

Als Antwort umarmte er sie lediglich fester.

Die Wölfe waren nach Konoha zurückgekehrt.

So, die Sache ist die, dass Tobiramas richtige Mutter starb, als er gerade einmal 4 gewesen war. Er hat keine Erinnerungen mehr an sie. Mit 12 beschloss er dann, dass er einen Vertrag mit den Wölfen als sein Vertrauter Geist schließen wollte. Er schaffte es, in ihr Rudel aufgenommen zu werden, und Okami beschloss, dass er nicht irgendein Welpe sei, sondern ihr Welpe. Sie ist jetzt seine Mom. Okami stammt eigentlich aus meinem Butterfly Verse, aber ich hab sie so liebgewonnen, dass ich sie hier einfach mit drin haben musste. Außerdem konnte ich es nicht übers Herz bringen, wirklich seine ganze Familie umzulegen.
Was die Politik der Alternativlosigkeit angeht: Danzo will diese Alternative sein. Let that think in.
Nächstes Kapitel: Kakashi trifft seinen Großvater.

3. Kapitel: 3. Kapitel: Ein Geist der Vergangenheit

CN Dysphorie in Bezug auf die Menstruation, milde Transfeindlichkeit, unsicheres Binding
Ein Geist der Vergangenheit

 Kakashi beobachtete die Schmetterlinge, die in dem kleinen Garten von Blüte zu Blüte tanzten. Die Blumen ließen etwas die Köpfe hängen, sie mussten wieder einmal gegossen werden, da es in den letzten Wochen kaum geregnet hatte. Der Sommer klang allmählich aus, doch noch immer waren die Tage lang, sonnig und warm.

Kushina hatte Mikoto zum Tee eingeladen und aus irgendeinem Grund war auch Biwako anwesend. In letzter Zeit wich sie kaum noch von Kushinas Seite, dass sich Kakashi langsam fragte, ob seine Aufgabe hier nicht vielleicht allmählich überflüssig wurde.

Die drei Frauen saßen zusammen auf der Terrasse, tratschten über belanglosen Kram und schwärmten von Mikotos kleinem Baby, das sie bei sich trug. Gerade einmal sechs Wochen alt war der Junge und anscheinend das entzückendste auf der Welt, den Geräuschen nach zu urteilen, die die Frauen von sich gaben.

Kakashi war sich ziemlich sicher, dass sie wussten, dass er hier oben auf dem Dach saß und Wache schob. Sie ließen sich davon jedoch nicht beirren.

Die Sonne brannte und unter seinem langen Umhang und der Maske wurde es stickig und das Atmen war etwas schwer. Er erduldete es stoisch. Mission war Mission.

Er verzog unter der Maske das Gesicht, als er das altbekannte Stechen im Unterleib spürte. Das allmonatliche Leiden. Er hatte es zum Glück heute Morgen rechtzeitig bemerkt, bevor er seine Wohnung verlassen hatte. Er atmete tief durch und versuchte, seinen Fokus zurückzuerlangen. Er durfte sich von solchen Dingen nicht ablenken lassen.

Das änderte dennoch nichts daran, dass er jetzt eigentlich nichts lieber tun würde, als sich daheim in seinem Bett zu einer kleinen Kugel voller Elend zusammenzurollen und die Welt hier draußen zu vergessen. Sich verstecken, bis das in ein paar Tagen vorbei war, und er sich wieder etwas mehr wie er selbst fühlen konnte. So ein Mist.

Fokus, Kakashi, mahnte er sich selbst und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Umgebung.

Sensei schaffte es dennoch, ihn mal wieder zu überraschen.

»Hallo, Kakashi.«

Kakashi fuhr zusammen, als Minato wie aus dem Nichts neben ihm auftauchte. Dann fluchte er stumm. So lange Minato ihn damit noch immer überraschen konnte, war er noch nicht gut genug. Er musste besser werden.

»Ich hoffe, du hattest bisher einen angenehmen Tag«, sagte Minato.

Kakashi zuckte mit den Schultern. »Geht so.« Er wollte nicht über sein kleines Wehwechen klagen.

Minato setzte sich neben ihn auf die Dachschindeln. »Sag mal, Kakashi, hast du mitbekommen, was neulich geschehen ist?«

»Die Sache mit Nidaime-sama? Natürlich.« Die Neuigkeit hatte die Runde gemacht schneller als jedes Strohfeuer in einem trockenen Heuschober. Es gab mit Sicherheit niemanden mehr im Dorf, der nicht davon gehört hatte. Nidaime Hokage sollte wie aus dem Nichts und tödlich verwundet im Hokage Büro aufgetaucht sein, auferstanden von den Toten, um wer weiß was hier zu suchen. Die ganze Geschichte war ziemlich abgedreht und Kakashi hatte es nicht weiter verfolgt. Er hatte genug eigene Sorgen, um sich auch noch darum Gedanken zu machen.

»Ich habe mich gefragt, ob du nicht vielleicht Interesse daran hättest, deinen Großvater kennenzulernen«, schlug Minato vor.

»Aber …« Kakashi sah erst ihn groß an und blickte dann zu den drei Frauen unter ihnen.

Minato schien zu erraten, was ihm durch den Kopf ging. »Ich geb dir für heute frei. Natürlich nur, wenn du willst.«

»Äh.« Kakashi wusste ernsthaft nicht, was er darauf antworten sollte.

Natürlich wusste er, dass Tobirama sein Großvater war, eine Rolle hatte es jedoch nie in seinem Leben gespielt. Sein Vater hatte es ein- oder zweimal erwähnt, aber ansonsten nie viel erzählt. Hinzu kam, dass Sakumo damals, als er geheiratet hatte, den Namen seiner Frau angenommen hatte. Kakashi war ganz froh darum, dass nur die allerwenigsten ihn mit dem Namen Senju in Verbindung brachten. Zu viele Erwartungen, die damit einhergingen.

»Ich … weiß nicht«, sagte er dann. »Wäre es denn für Nidaime-sama in Ordnung?«

»Ich denk schon«, sagte Minato leichthin. »Aber du musst das nicht jetzt entscheiden. Komm einfach zu mir, wenn du eine Entscheidung getroffen hast.«

»Geht klar«, erwiderte Kakashi in Ermangelung einer besseren Antwort.

Minato erhob sich wieder. »Dann bis später. Und such dir ein schattiges Plätzchen, sonst holst du dir noch einen Hitzschlag.« Mit einem Augenzwinkern fügte er an: »Das ist ein Befehl.«

Dann war er verschwunden. Typisch.

Er hatte allerdings Recht, es war wirklich besser, wenn Kakashi seinen Posten an einen schattigen Ort verlegte. Es gab rings um das Haus genügend Bäume, in denen er Position beziehen konnte und immer noch einen guten Überblick über die Umgebung hatte. Er suchte sich eine Eiche mit ausladenden Ästen und setzte von dort aus seine Mission fort.

Wollte er Tobirama kennenlernen? Ließ es sich überhaupt vermeiden, dass sie sich früher oder später über den Weg liefen? Kakashis Vater war jünger gewesen als er jetzt, als Tobirama damals verschwunden war, womöglich wusste Tobirama noch nicht einmal, dass er einen Enkel hatte.

Und wenn sie sich doch über den Weg laufen würden, wie würde er reagieren? Kakashi hatte selten gute Erfahrungen mit Leuten der älteren Generation gemacht, die meisten bestanden darauf, dass er ein sehr jungenhaftes Mädchen sei. Das sei eine Phase, das ginge vorüber. Als ob! Was wussten die schon?

Fragen über Fragen und keine Antworten. Allerdings war Angriff schon immer die beste Verteidigung gewesen und vom Nichtstun wurde es auch nicht besser. Außerdem hatte Minato ihm ausdrücklich erlaubt, einen Tag freizunehmen. Mittlerweile war Kakashi sowieso davon überzeugt, dass es hier eigentlich nicht darum ging, Kushina zu bewachen.

Kakashi nahm sich die Hundemaske ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er atmete tief durch. An Tagen wie diesen war die Anbuausrüstung eine Qual. Er sollte sich besser fix erfrischen, bevor er irgendwohin ging.

Also Maske wieder aufgesetzt und mit einem Shunshin war er auf dem Weg zu seiner Wohnung. Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, riss er sich Maske und Umhang vom Leib und atmete auf, als endlich wieder etwas Luft an seinen Körper kam. Noch auf dem Weg ins Bad entledigte er sich auch des Rests seiner Kleidung und ignorierte ganz bewusst die blauen Flecken auf seinem Oberkörper. Es tat weh, aber das war es wert.

Das Wasser der Dusche war kühl und erfrischend und er gönnte sich einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre, um das Gefühl zu genießen, wie der Staub der Straße von seiner Haut gewaschen wurde. Dann war es dennoch Zeit, dass er sich wieder auf den Weg machte.

Wie zu erwarten, war Minato in seinem Büro. Da war er dieser Tage eigentlich fast immer. Ob er glücklich damit war? Minato hatte auf Kakashi nie den Eindruck gemacht, dass er der Typ Mann war, der die Dinge lieber von einem Schreibtisch aus regelte, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings stand es Kakashi nicht zu, darüber zu urteilen. Er wartete geduldig darauf, dass Minato ihn hereinrief, dann trat er ein. Ihm entging nicht, dass da noch immer ein dunkler Fleck mitten im Raum war, wo Blut in das Holz eingesickert war. Es schien erschreckend viel gewesen zu sein.

»Ah, Kakashi. Hast du noch einmal über mein Angebot nachgedacht?«, kam Minato gleich zum Punkt.

»Weiß Nidaime-sama überhaupt von mir?«, fragte Kakashi statt einer Antwort.

Minato nickte.

Dann gab es in der Tat keine Ausrede, mit der er das hier vermeiden konnte.

»Na los, Kakashi. Ich begleite dich«, bot Minato ihm an.

»Äh, haben Sie hier nicht zu tun?«, fragte Kakashi verwundert.

Minato winkte ab. »Der Kram liegt morgen noch genauso da. Außerdem hatte ich sowieso mit Nidaime-sama reden wollen.«

Das roch nach einer Ausrede, sich vor dem Papierkram zu drücken. Kakashi nahm es kommentarlos hin. Er folgte Minato zum Krankenhaus.

Mental ging er all die möglichen Szenarien durch, die ihn erwarten konnten. Vielleicht wollte Nidaime-sama ja auch ohnehin nichts von ihm wissen, schlussendlich war er doch bloß ein weiterer von vielen Anbu, ein winziges und unbedeutendes Rad im Gefüge Konohas. Dann hätte sich die Sache hier ohnehin von selbst erledigt.

Warum war er eigentlich so nervös? Sonst machte er sich doch nie so viele Gedanken um irgendetwas.

Der Mann am Empfang wusste anscheinend sofort, wo ihr Ziel lag, und wies sie des Weges. Kakashi war vielleicht doch ganz froh, dass er jetzt nicht allein war, und hielt sich hinter Minato, als dieser zielstrebig durch das Krankenhaus ging. Er war anscheinend nicht das erste Mal hier.

Vor einer Tür im zweiten Stock blieb er stehen. »Bereit?«

Kakashi prüfte noch einmal, ob das Tuch vor seinem Gesicht ordentlich saß. Dann nickte er.

Forsch ging Minato voran. Tobirama hatte anscheinend keine Besucher erwartet, denn er saß mit dem Rücken zur Tür, den Oberkörper entblößt und den linken Arm erhoben. Vor ihm stand eine Ärztin und betrachtete die Wundnähte mit gerunzelter Stirn. Mehrere Nähte zogen sich über den Brustkorb, teils genäht, teils zusammengeklammert. Trotz der geöffneten Fenster roch es nach Antiseptikum.

Wenn das schon der abgeheilte Zustand war, wollte Kakashi nicht wissen, wie die frische Wunde ausgesehen hatte. Wie hatte irgendwer das überleben können?

Kakashi entging jedoch auch nicht der riesige weiße Wolf, der mitten im Zimmer lag und die beiden Neuankömmlinge aus beunruhigend intelligenten goldenen Augen beobachtete. Das Tier hatte seinen Kopf auf seinen Vorderpfoten gebettet und die Ohren aufgerichtet.

»Sie sind die Unvernunft in Person, Nidaime-sama«, schimpfte die Ärztin. »Würde es mir mein Ethos als Medizinerin nicht verbieten, ich hätte Sie schon längst wieder hochkant hinausgeworfen.« Sie nieste. »Muss das Tier hier sein? Tiere sind hier eigentlich nicht erlaubt. Ich hab eine Tierhaarallergie!«

»Ja. Ōkami muss hier sein«, grummelte Tobirama.

»Außerdem ist Ōkami kein Tier«, sagte Ōkami. Noch immer hielt sie ihren Blick auf die Besucher gerichtet. Ihr Schwanz begann, leise auf den Boden zu klopfen. Ihre Nase bewegte sich leicht, als sie Witterung aufnahm.

Kakashi musste sehr an sich halten, nicht zusammenzuzucken, als die Wölfin auf einmal sprach. Ein Ninken also, vielleicht sogar ein Vertrauter Geist. War das der berühmte Weiße Wolf von Konoha? Kakashi hatte es immer für einen hübschen Beinamen gehalten, so wie man Minato-sensei den Gelben Blitz nannte.

Tobirama warf ihnen über die Schulter hinweg einen Blick zu. Kakashi hatte sein Portrait dutzende Male im Hokagebüro gesehen, eine etwas körnige und über die Jahre hinweg ausgeblichene Farbfotografie aus einer Zeit, als das noch eine neue Technik gewesen war. Ihn auf einmal in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, ganz so, wie er auf dem Foto zu sehen war, war surreal.

»Guten Tag«, begrüßte Tobirama sie. »Auch wenn ich gerade etwas indisponiert bin.«

Ōkami erhob sich. Kakashi fühlte sich auf einmal sehr klein, als er sich ihrer tatsächlichen Größe bewusst wurde; er konnte gerade so über ihren Rücken hinweg blicken. Er fragte sich außerdem, ob das hier wirklich eine gute Idee gewesen war, als sie auf sie zukam, den Blick starr auf ihn gerichtet. Sie ignorierte Minato und begann, Kakashi gründlich zu beschnuppern. Er stand stocksteif da und wagte es nicht, auch nur einen Muskel zu rühren. Diese gewaltigen Kiefer konnten ihm mit Leichtigkeit einen Arm oder ein Bein abbeißen.

Dann hatte er eine Wolfszunge im Gesicht.

»Willst du auf mir reiten?«, fragte Ōkami. »Oder Schleifen in mein Fell binden? Tsuna-chan hat das immer gern gemacht.«

»Was?« Kakashi war völlig überrumpelt.

»Du bist Teil des Rudels«, sagte Ōkami, als würde das alles erklären. »Du darfst das. Du nicht.«

Das letzte war an Minato gerichtet und wurde zudem von einem vielsagenden Knurren begleitet.

Minato hob abwehrend die Hände und lachte nervös auf. »Hatte ich nicht vor.«

»Gut.« Ōkami schnaubte und wandte sich dann ab, um sich wieder hinzulegen.

»Friss sie nicht auf«, mahnte Tobirama sie.

»Du weißt, dass ich nur Uchiha fresse, Welpe«, erwiderte Ōkami.

Kakashi war sich nicht sicher, ob sie scherzte, oder es ernst meinte.

Die Ärztin hatte indes ihre Untersuchung abgeschlossen. Sie ermahnte Tobirama, sich mehr zu schonen, was aber offensichtlich auf taube Ohren stieß, und ging dann. Tobirama zog sich wieder sein Hemd über und wandte sich dann seinen Besuchern zu.

»Entschuldigen Sie bitte den etwas unrühmlichen Empfang. Doktor Fuyuko ist wie eine Gefängniswärterin. Womit kann ich dienen?«

Minato schob Kakashi nach vorn. »Ich wollte Ihnen Kakashi vorstellen, Nidaime-sama. Ich dachte, das würde Sie vielleicht freuen nach der Flut an unschönen Neuigkeiten.«

Kakashi hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte. Also tat er einfach gar nichts und stand nur da.

Tobirama musterte ihn mit unbewegtem Gesicht. »Du erinnerst mich sehr an deinen Vater, Junge.«

Junge. Er hatte ihn Junge genannt. Gut. Erste Hürde gemeistert.

Tobirama wandte sich an Minato. »Ich danke Ihnen, dass Sie Kakashi hergebracht haben. Das freut mich in der Tat sehr. Allerdings war das doch nicht der einzige Grund, weshalb Sie persönlich hergekommen sind, Yondaime-sama. Oder? Ich kenne jede von Hashiramas Ausreden, sich vor der Arbeit zu drücken.«

Er sah Minato durchdringend an. Minato schaffte es, seinem Blick standzuhalten, gerade so. Tobirama hatte ihn garantiert durchschaut.

Minato räusperte sich. »Ich wollte Sie tatsächlich etwas fragen. Gestern Abend bemerkte ich, dass jemand eine meiner Hiraishin-Markierungen benutzte. Das waren Sie, nicht wahr?«

Tobirama nickte. »Das stimmt.«

Er deutete auf zwei Stühle, die an einem kleinen quadratischen Tisch im Zimmer standen. Das einzige Zugeständnis an Besucher, das das Krankenhaus machte. Kakashi und Minato kamen der Aufforderung nach und setzten sich.

»Verzeihen Sie mir meine Neugierde, aber wie haben Sie das gemacht?«, fragte Minato weiter. »Ich hatte es nie geschafft, Ihre Formel in ihrer ursprünglichen Form anzuwenden, weshalb ich sie entsprechend abwandelte.«

»Gewagt und in Anbetracht dessen, was mir geschehen ist, sogar ziemlich riskant«, sagte Tobirama. »Aber doch clever. Ich hatte mein Siegel natürlich auf mich persönlich abgestimmt und niemals vorgehabt, es irgendwem beizubringen. Entsprechend verwundert es mich nicht, dass Sie Probleme damit hatten, mein auf meine Wassernatur abgestimmtes Siegel mit Ihrem Windnaturchakra anzuwenden. Ich habe im Grunde nichts weiter gemacht, als beide Formeln miteinander zu kombinieren. Sie dürften jetzt auch in der Lage sein, meine Siegel zu verwenden. Ich rate Ihnen allerdings davon ab, jene eine Markierung draußen im Wald zu nutzen, wenn Sie nicht wollen, dass der ganze Ort Ihnen in einer Explosion um die Ohren fliegt, und dafür will ich nicht die Verantwortung übernehmen müssen.«

Minato wirkte verblüfft. »Es funktioniert in der Tat. Das ist erstaunlich!«

Kakashi hatte von Siegeln nicht allzu viel Ahnung, aber sein sensei war ein Experte auf dem Gebiet. Wenn Minato von etwas so beeindruckt war, dann schien es keine kleine Sache zu sein. Hieß es nicht ohnehin, dass Tobirama ein wahrer Meister des Fūinjutsu sein sollte, der allein von den legendären Siegelkünsten der Uzumaki übertroffen wurde? Minato schien hier ganz in seinem Element zu sein.

»Es ist mein Jutsu, ich habe es erfunden. Natürlich weiß ich am besten, wie es funktioniert«, sagte Tobirama.

Ōkami brummte. »Was du natürlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit anderen unter die Nase reiben musst.«

Tobirama kniff die Augen zusammen und warf ihr einen verstimmten Blick zu. Sie wedelte mit dem Schwanz.

»Nidaime-sama, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mich bei Gelegenheit liebend gern mit Ihnen weiter über das Thema unterhalten«, sagte Minato. »Aber ich fürchte, Doktor Fuyuko vierteilt mich, wenn ich Sie jetzt damit behellige. Wenn Sie mich entschuldigen würden?«

Tobirama nickte. »Natürlich. Einen schönen Tag noch.«

Und damit ging Minato und ließ Kakashi allein zurück. Es fühlte sich an wie Verrat. Jetzt hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit Tobiramas. Na großartig.

Unangenehme Stille breitete sich aus.

Tobirama streckte die Schultern. »Ich habe das so gemeint, wie ich es sagte. Ich freue mich wirklich sehr, dich kennenlernen zu dürfen. Ich bin nur leider auch nicht allzu geschickt im Umgang mit Kindern, bitte sieh mir das nach.«

Kakashi rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Geht schon klar.«

Klasse, Kakashi. Beste Antwort, die man sich so denken kann. Hast du richtig gut gemacht.

Tobirama schien sich daran nicht zu stören, und wenn doch, dann zeigte er es nicht. Sein Gesicht war so unbewegt wie sein Steinportrait. Es war ein wenig enervierend.

»Jedenfalls …«, fuhr Tobirama fort. »Nun, ich weiß nicht, wie du zu mir stehst. Dein Vater ist …. war gerade einmal elf Jahre alt, als ich ging. Saru sagte mir bereits, was ihm zustieß, und ich bedauere aufrichtig, was geschehen ist, und noch mehr, dass du das allein durchstehen musstest.«

Nicht dass er daran etwas hätte ändern können.

»Aber wenn du das wünscht, dann kann ich jetzt für dich da sein. Wie Ōkami sagte, du bist Teil des Rudels.«

Kakashi war so verblüfft davon, dass er zunächst gar nichts darauf antwortete und nur stumm starrte.

»Was heißt das? Rudel?«, brachte er dann doch hervor.

»Ihr Menschen nennt das Familie«, erklärte Ōkami. »Aber es ist mehr als das. Ein Rudel hält zusammen, es jagt zusammen und es kämpft zusammen. Rudel ist mehr als nur Blutsbande, wir nehmen nicht jeden streunenden Wolf auf. Auch Tobi-chan musste sich seinen Platz im Rudel erkämpfen. Der einsame Wolf geht in der Wildnis unter, doch gemeinsam bringen wir Beute zu Fall, die um ein Vielfaches stärker ist als wir. Das ist Rudel.«

Familie. Kakashi hatte bereits damit abgeschlossen, dass er für den Rest seines Lebens allein sein würde. Seine Mutter hatte er nie kennengelernt. Sein Vater hatte sich das Leben genommen, als er fünf gewesen war. Dann war Obito gestorben. Und zum Schluss hatte er mit seinen eigenen Händen Rin ermordet. Man nannte ihn den kaltblütigen Kakashi, Kakashi den Kameradenmörder. Nicht einmal in der Anbu fand er Kameradschaft. Familie und Kameraden waren etwas, das ihm nicht vergönnt waren.

Doch da tauchte plötzlich, einfach so, ein Geist aus der Vergangenheit auf, erwies sich als ausgesprochen real und bot ihm an, was er nie hatte haben dürfen.

»Ja«, wisperte er. »Ich … Das würde mich freuen.«

Die Andeutung eines Lächelns umspielte Tobiramas Mundwinkel. »Sag mir für den Anfang, ob du ein sarashi verwendest.«

Kakashi blinzelte. »Ein was?«

Tobirama starrte ihn an. »Oh, bitte sag mir nicht, dass du ordinäre Mullbinden verwendest. Tōka steigt sonst noch aus ihrem Grab auf, um mich aus dem Jenseits heraus zu verfluchen.«

»Äh, doch. Tu ich.«

Hieß das, Tobirama wusste Bescheid?

»Grundgütiger. Aber nun gut. Ein sarashi ist ähnlich einem obi, wird jedoch um den Oberkörper gebunden und unter einem kimono getragen, statt darüber.«

Wie altmodisch.

»Zu meiner Zeit trugen das viele vor allem unter der Rüstung als zusätzlichen Schutz in der Schlacht. Sarashi ist aber auch deinen Zwecken dienlich. Wie alt bist du jetzt? Dreizehn, vierzehn?«

»Ich werde in zwei Wochen fünfzehn.«

»Na immerhin, dann hast du vielleicht noch nicht allzu viel Schaden angerichtet. Mullbinden ziehen sich über den Tag hinweg fester, was zu Rücken- und Gewebeschäden führen kann. Lass es. Mach es nicht wieder. Ich zeig dir, wie man ein sarashi richtig benutzt.«

Kakashi merkte, wie mit einem Mal eine enorme Menge Anspannung von ihm abfiel. »Danke, Nidaime-sama.«

»Tobirama. Du kannst mich Tobirama nennen. Aber untersteh dich, meinen Namen anderweitig zu verhunzen. Es ist schlimm genug, wenn Ōkami das macht.«

Kakashi musste unter seiner Maske unwillkürlich grinsen. Das war doch eine gute Idee gewesen. 

Nächstes Kapitel: Tobirama versucht, sich in die neue Situation einzuleben

4. Kapitel: 4. Kapitel: Leere Hülle

Leere Hülle

Hiruzen überreichte Tobirama seine Ausrüstung und legte den Schlüssel zum Haus oben drauf.

»Ich habe Ihre Kleidung soweit möglich reinigen und ausbessern lassen, sensei, aber ich fürchte, dass Sie Ihre Rüstung dennoch nur ersetzen können. Was Ihr Haus betrifft, so dürften Sie das meiste so vorfinden, wie Sie es zurückgelassen hatten. Über die Jahre wurde kaum etwas daran verändert, nur ein paar Modernisierungen. Theoretisch gehört es noch immer Tsunade, aber als sie ging, hatte sie mir die Schlüssel zur Verwahrung gegeben. Ich denke, sie wird nichts dagegen haben, wenn ich es Ihnen wieder überlasse.«

»Ich hatte Mito-hime und Miyazaki-san hin und wieder mit dem Haushalt und dem Garten ausgeholfen«, fügte Biwako an. »In den letzten fünf Jahren dürfte der Garten dennoch ziemlich verwildert sein. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einen Gärtner organisieren, der Ihnen dabei hilft, das wieder in Ordnung zu bringen.«

»Vielen Dank, aber ich möchte mir erst selbst ein Bild davon machen«, sagte Tobirama.

»Bitte sehen Sie es mir nach, aber ich hatte mir die Freiheit genommen, Ihre Bibliothek mit Ihren Forschungen und Hashirama-samas Aufzeichnungen zu seinem Mokuton zu mir zu nehmen«, sagte Hiruzen. »Natürlich nur mit Mito-himes und Chio-sans Erlaubnis. Wenn Sie es wünschen, kann ich alles umgehend wieder hierher bringen lassen.«

Tobirama nickte. »Ja, das wünsche ich.« Dann wandte er sich wieder dem Haus zu.

Heimat. Sein Zuhause. Als hätte er es nie verlassen. Natürlich war das Holz über die Jahre doch etwas abgenutzt und es waren typische Alterserscheinungen an der Fassade zu sehen. Doch das Haus machte zumindest von außen keinen heruntergekommenen Eindruck.

An diesem Tag war er endlich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dass Fuyuko ihn freigelassen hatte, träfe es wohl eher. Sie hatte ihn dennoch zur regelmäßigen Nachuntersuchung bestellt, aber immerhin konnte er endlich dieses beengte kleine Zimmer hinter sich lassen. Er war sich nicht sicher, ob er es noch viel länger darin hätte aushalten können.

Hiruzen hatte ihm bereits gesagt, dass sein altes Heim noch immer existierte, daher war es gar keine Frage gewesen, dass er hier wieder einziehen würde. Es fühlte sich dennoch seltsam an, jetzt vor der Tür zu stehen. Hashirama war seit zwei Jahren tot, dennoch erwartete er noch immer, dass sein Bruder jeden Augenblick mit seinem strahlenden Lächeln um die Ecke kam und ihn begrüßte.

Nein. Nein, Hashirama weilte seit über vierzig Jahren nicht mehr auf dieser Erde und auch der Großteil ihrer Familie war nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen und das nur wegen eines Fehlers in einem Jutsu.

Tobirama konnte das Ausmaß dieser Katastrophe immer noch nicht begreifen.

Er wandte sich wieder Biwako und Hiruzen zu. »Das wäre dann erst einmal alles.«

»Sehr gut. Sie wissen ja, wo wir wohnen, sollte noch etwas sein«, sagte Hiruzen. »Oh. Beinahe hätte ich es vergessen. Minato bittet, dass Sie zu ihm ins Büro kommen, sobald Sie die Zeit dafür finden.«

Tobirama registrierte es mit einem Nicken und nahm sehr wohl wahr, dass es nicht als Befehl formuliert worden war. Er verabschiedete sich von den beiden, dann schloss er die Tür zu seinem Heim auf und trat ein. Ōkami folgte ihm.

Die Stille war erdrückend. Niemand war hier. Nirgends lief jemand umher. Keine Stimmen waren zu hören. Keine Kinder, die spielten.

So wie damals, als seine Welt nur aus Hashirama bestanden hatte. Doch nicht einmal Hashirama war noch da.

Tobirama stand wie erstarrt da. Dieses Haus war ein Geist, eine leere Hülle, eine Leiche. Es war niemand mehr da, der es mit Leben hätte füllen können.

Die Möbel waren alle mit Tüchern abgedeckt, die grau vom Staub geworden waren. Im hereinfallenden Licht der Sonne tanzte noch mehr Staub. In der Tat war kaum etwas verändert worden, an vieles erinnerte sich Tobirama noch. Selbst das Holz wisperte noch zu ihm.

»Anija …«

Nur die Stille antwortete ihm.

Tobirama drückte das Bündel in seinen Armen an sich. Dann gab er sich einen Ruck. Von nichts kam nichts.

Zuerst musste er nach Schäden am Gebäude schauen und ob irgendetwas dringender Ausbesserung bedurfte. Dabei warf er auch bereits einen ersten Blick in den Garten. Wie Biwako gesagt hatte, war Hashiramas und Miyazakis ganzer Stolz in den letzten Jahren sehr verwildert und eine Brombeerhecke hatte sich die Vorherrschaft erkämpft. Das bedurfte einiger Arbeit, um dem wieder Herr zu werden, geschweige denn, wieder auch nur ansatzweise so etwas wie einen Garten daraus zu machen.

Das Haus an sich war jedoch in einem guten Zustand. Während er durch die Räume ging, begann Tobirama bereits damit, die Tücher von den Möbeln zu entfernen. Staub war allgegenwärtig. Allein das Haus zu reinigen, würde ihn sicher ein oder zwei Tage kosten.

Tsunade war die letzte Bewohnerin dieses Hauses gewesen. Sie schien eines Tages einfach gegangen zu sein, er fand vieles so vor, wie sie es liegengelassen hatte. Wie als hätte sie sich selbst von einem Moment auf den anderen aus diesem Leben entfernt. Wie er.

Tsunade hatte schon als Kind ein Interesse an Medizin gezeigt und Hashirama hatte es früh gefördert (wenn der Trottel nicht damit beschäftigt gewesen war, ihr das Glücksspiel beizubringen). Sie schien das weiter verfolgt zu haben, wie er feststellte, als er durch ihre Sachen ging. Tsunade hatte etliche Bücher und Schriftrollen zur Medizin angesammelt und anscheinend selbst viel auf dem Gebiet vorangetrieben. Er fand etliche ihrer Aufzeichnungen, in denen sie vor allem daran gearbeitet hatte, die medizinische Versorgung auf Missionen zu verbessern. Tobirama blätterte hindurch und war einigermaßen beeindruckt, wie sehr Tsunade das Thema durchdacht und von Grund auf neu strukturiert hatte.

Wo war sie nur? Wie ging es ihr? Er musste das unbedingt herausfinden.

Das Haus war, wie Hiruzen gesagt hatte, überwiegend in seinem ursprünglichen Zustand belassen worden. Es war dennoch erstaunlich leer, und das nicht nur, weil niemand mehr darin wohnte. Nach und nach waren die Bewohner gestorben und man hatte ihre Sachen in Kisten gepackt und auf dem Dachboden verstaut, wo sich mit den Jahren eine immer dickere Staubschicht angesammelt hatte.

Tobirama musste husten und niesen, als er die Kisten mit seinen Sachen fand. Die anderen rührte er lieber nicht an, dafür waren die Wunden noch zu frisch. Er vermied es, sie auch nur anzusehen, und trug seine Sachen schnell nach unten. Strom und Wasser waren noch nicht wieder angestellt, aber das sollte im Laufe des Tages passieren, hatte Hiruzen ihm gesagt. Da das Brombeergestrüpp im Garten auch den Koiteich für sich beansprucht hatte, blieb Tobirama vorerst nichts anderes übrig, als einfach nur mit einem trockenen Tuch den Staub von den Kisten zu wischen.

Mit einigem Missfallen stellte er fest, dass sich die Motten an seiner Kleidung gütig getan hatten.

»Wunderbar«, grummelte er, als er einen löchrigen kimono nach dem anderen auspackte.

Er hatte noch immer die Kleidung, die er auf seiner letzten Mission getragen hatte. Vielleicht war sie ja noch zu gebrauchen.

Die schwarze Hose und das ebenso schwarze Oberteil waren in der Tat zu retten gewesen, auch wenn deutlich war, dass sie beinahe komplett hatten neu genäht werden müssen. Schlicht, aber zumindest alltagstauglich. Sein Pelzkragen war natürlich wie immer im besten Zustand dank der Siegel, die er über all die Jahre da hineingearbeitet hatte. Das hätte er vielleicht auch mit dem Rest seiner Ausrüstung zu sollen, aber dieses Fell hatte nun einmal besonders emotionalen Wert für ihn. Auch sein happuri war nur ein wenig angekratzt, nichts, was nicht mit etwas Politur wieder zu beheben wäre. Er setzte es auf und fühlte sich endlich nicht mehr so nackt.

Die Rüstung allerdings war in der Tat nicht mehr zu retten. Das linke Schulterteil fehlte nahezu komplett und auch in der linken Seite klaffte ein riesiges Loch. Das Metall war förmlich aufgerissen worden und scharfkantige Grate bogen sich nach innen.

Er hatte kurioserweise kaum Erinnerungen an die Schmerzen, die er erlitten haben musste. Wie das hier aussah, musste sich seine Rüstung förmlich in sein Fleisch gefressen haben. Er sah Spuren am Metall, wo es aufgesägt worden war, wahrscheinlich während der Operation, um die Brustplatte von ihm zu lösen. Erinnern konnte er sich aber nicht mehr daran, wie das geschehen war. Wohl eine der Explosionen. Doktor Fuyuko hatte gesagt, dass eine dissoziative Amnesie bei schweren Traumata auftreten konnte.

Es besorgte ihn einerseits. Aber andererseits war er vielleicht ganz froh darum, dass er sich nur unklar daran erinnern konnte.

Er legte die Überreste seiner Rüstung zur Seite und kleidete sich um. Die zusammengestoppelte Kleidung, die er im Krankenhaus bekommen hatte, war kaum als angemessen zu bezeichnen. Zum Schluss legte er sich seinen Pelz um die Schulter. Mit einem wohligen Seufzen ließ er die Finger durch das weiche Material gleiten. Wenigstens eine kleine Sache, die ihm nicht abhanden gekommen war.

Während er das Haus erkundet hatte, war Ōkami durch einige Räume des Erdgeschosses gewandert und hatte sich schlussendlich auf dem engawa niedergelassen. Hier lag sie nun und döste, während sie darauf wartete, dass er fertig wurde.

Er trat zu ihr nach draußen, setzte sich neben sie und schmiegte sich in ihr dickes, weiches Fell. Er versank beinahe völlig darin. Mit geschlossenen Augen lauschte er auf das Geräusch ihrer tiefen Atemzüge. Gänzlich allein war er ja doch nicht.

»Willst du reden, Welpe?«, fragte sie ihn.

»Nein.« Er streckte die Hand aus und kraulte sie unter dem Kinn. »Ich bin froh, dass du bei mir bist.«

Sie brummte und schloss entspannt ihre Augen.

»Ich habe ein paar neue Geräte gefunden, besonders in der Küche, deren Sinn sich mir noch nicht erschließt«, fuhr er fort. »Außerdem scheint Sakumo irgendwann einmal ausgezogen zu sein.«

»Geh doch zu deinem Welpen und frag ihn«, schlug Ōkami beiläufig vor.

»Das ist solch ein seltsamer Gedanke. Ich bin jünger, als mein Sohn jetzt wäre, und habe plötzlich einen Enkel, von dem ich quasi nichts weiß. Ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Kinder sind so furchtbar kompliziert.«

»Du hast es geschafft, Sakumo als Baby nicht verkehrt herum zu halten, da wirst du das jetzt auch schaffen. Ihr Menschen seit so zerbrechlich, wenn ihr geboren werdet. Aber Kakashi ist schon ein wenig älter, du wirst ihn nicht so schnell beschädigen.« Ōkami stupste ihn mit ihrer Schnauze aufmunternd an. »Ich bin mir sicher, es würde ihn freuen, wenn du Zeit mit ihm verbringst.«

Tobirama vertraute auf Ōkamis Intuition. Schon oftmals war sie es gewesen, die seine Mitmenschen besser durchschaut hatte als er. Kakashi machte dennoch einen sehr verschlossenen Eindruck auf ihn, und das nicht nur, weil er schon mit solch jungen Jahren bei der Anbu war. Da war auch die Sache mit seinem Sharingan, das er unter seinem Stirnband versteckt hatte. Etwas sagte Tobirama, dass vieles damit in Verbindung stand. Wenn die Zeit reif wäre, würde Kakashi ihm vielleicht davon erzählen.

Trotzdem fühlte er sich etwas befangen, wie er dem Jungen gegenüber treten sollte. Sie waren Fremde füreinander, obgleich Kakashi dem Gedanken doch offen gegenüber zu stehen schien, dass sie einander näher kennen lernen konnten. Er hatte morgen Geburtstag und Tobirama hatte ihm versprochen, ihm zu zeigen, wie ein sarashi gebunden wurde. Das wäre vielleicht ein Anfang. Tobirama musste sowieso möglichst bald für sich neue Kleidung kaufen, da konnte er das gleich mit auf die Liste setzen.

Aber vorher hatte er noch etwas anderes zu erledigen.

»Ōkami, bleibst du hier, während ich schaue, was Minato von mir will?«

Als Antwort gähnte sie nur und bettete ihren Kopf wieder auf ihre Pfoten. »Mach nur.«

Er tätschelte sie zwischen den Ohren. Dann teleportierte er sich zu seiner Hiraishin-Markierung auf dem Dach des Hokageturms. Normalerweise hätte er einfach die im Büro genommen, die normale, nicht die, die ihm diesen ganzen Schlamassel eingebrockt hatte. Aber das wäre unter diesen Umständen wohl etwas unhöflich, einfach unangekündigt dort zu erscheinen.

Er spürte die Überraschung im Chakra der beiden Anbuleute, als er vor die Tür zum Büro trat und dabei aus der falschen Richtung kam. Sie fanden jedoch schnell ihre Fassung wieder und einer wandte sich sogleich ab, um ihn anzukündigen. Auf Minatos Zeichen hin trat er ein. Seine Hand streifte dabei den Türrahmen. Minato würde sicher nichts dagegen haben, wenn er hier draußen eine Markierung platzierte, ersparte ihm den Weg vom Dach hinab.

Das letzte Mal, als er hier gewesen war, war er dem Tode näher gewesen als dem Leben und hatte noch nicht gewusst, was tatsächlich passiert war. Also nahm er sich jetzt einen Moment, um sich umzusehen.

Viel hatte sich auch hier nicht geändert, außer dass jetzt zwei Bilder mehr an der Wand hingen und die Grünlilie im Fenster traurig ihre Blätter hängen ließ. Jemand sollte sie mal wieder gießen. Das war die einzige Pflanze im Raum, und das war vielleicht auch die größte Veränderung; Hashirama hatte aus seinem Büro ein Gewächshaus gemacht. Selbst der Schreibtisch war noch immer Tobiramas, nachdem er damals nach gewissen Vorkommnissen Hashiramas Tisch entsorgt und rituell den Flammen von Hikakus Katon übergeben hatte. Hikaku war diskret gewesen, er hatte keine Fragen gestellt, warum Tobirama darauf bestanden hatte. Es hatte sein müssen.

Entweder hatte Hashirama hinter diesem Tisch gesessen oder er selbst. Es war ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, jetzt hier zu stehen und eine ihm nahezu fremde Person vor sich sitzen zu sehen. Tobirama war noch immer Hokage, egal ob er nun den Hut trug oder nicht; dieses Amt legte man nicht mit dem Tod ab. Entsprechend beschloss er, Minato einfach auf Augenhöhe zu begegnen und nur eine leichte Verbeugung anzudeuten.

»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Nidaime-sama«, begrüßte Minato ihn. »Ich hoffe, dass ich Sie nicht allzu sehr damit behellige, aber es gibt einiges, das geklärt werden muss. Sie wissen mindestens so gut wie ich, dass dieser … Vorfall, wenn man es denn so nennen will, für einigen Wirbel sorgt. Es fängt schon allein damit an, dass wir jetzt plötzlich drei Hokage im Dorf haben, Sie und den Professor und mich. Das ist ein bisschen verwirrend.«

Er lachte auf. Tobirama hob eine Braue. Minato räusperte sich und wurde wieder ernst. Er stand auf und ging zum Aktenschrank, um dort nach etwas zu suchen. Tobirama stellte mit einiger Zufriedenheit fest, dass er noch immer das System benutzte, das Tobirama sich damals ersonnen hatte (und das trotzdem nicht dazu beigetragen hatte, dass Hashirama auch nur ansatzweise geordnet arbeitete). Er ahnte daher bereits, um was es sich handelte, was Minato ihm reichte.

»Ich habe Ihnen ein paar Informationen zu Ihrem Clan zusammengetragen, was in der Zwischenzeit geschehen ist«, sagte Minato und überreichte ihm einen Stapel Papiere. »Das wird Sie mit Sicherheit interessieren. Dieser Tage haben die Senju keine wirkliche Clanstruktur mehr, es handelt sich nur noch um einige wenige Familien. Wie Sie das handhaben und ob Sie eventuell sogar Clanführer werden wollen, bleibt Ihnen überlassen. Auch dieser Tage mischt sich Konoha nicht in claninterne Angelegenheiten ein.«

»Gut zu hören«, sagte Tobirama knapp, während er durch die Dokumente blätterte. Viele waren gestorben oder hatten aus dem Clan heraus geheiratet und immer weniger hatten den Namen Senju getragen. So auch Sakumo, wie er feststellte. Hatake also. Kakashi tauchte dementsprechend hier auch nicht mehr auf. Tsunades Eintrag wies einen Vermerk auf, dass sie die Position als Clanführerin abgelehnt hatte, die Senju waren also derzeit führerlos. Noch ein weiterer Punkt auf seiner immer weiter wachsenden Liste der Dinge, die dringend erledigt werden mussten.

»Des Weiteren wollte ich mit Ihnen über Ihren Status als Shinobi des Dorfes sprechen«, fuhr Minato fort.

Tobirama sah von den Dokumenten auf. Er würde sie sich zu Hause in Ruhe ansehen. »Sie könnten es mir auch einfach befehlen.«

Nicht dass Hashirama ihm jemals etwas befohlen hatte, nicht vor der Dorfgründung und auch nicht danach. Nun, bis auf dieses eine Mal, aber da war er wirklich zu weit gegangen.

»Nun ja, Sie sind immer noch Nidaime Hokage.« Minato schien unsicher, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Er war wirklich noch sehr unerfahren, Tobirama verstand Torifus Bedenken ob Minatos Alter.

»Jedenfalls«, fuhr Minato fort, »hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Ihnen wieder die Anbu zu überlassen und wollte Ihre Meinung dazu hören.«

Die Anbu war Tobiramas Erfindung gewesen, ein ausgesprochen nützliches Werkzeug für Missionen höchster Geheimhaltung. Tobirama hatte sie seit ihrer Gründung an befehligt, auch dann noch, als Hashirama abgedankt und ihm den Hut überlassen hatte. Gut möglich also, dass Hiruzen sie zusammen mit dem Amt des Hokage mitgeerbt hatte und so nun auch Minato.

Tobirama musterte Minato und bemerkte die Anspannung in dessen Haltung. Er versuchte, sich selbst möglichst entspannt zu geben, auch wenn er dazu laut einiger spitzer Bemerkungen gewisser anderer Leute nicht in der Lage war.

»Betrachtet man die reinen Fakten, dann bin ich für Sie quasi ein Fremder, der plötzlich im Dorf auftauchte«, sagte Tobirama. »Sie als Hokage wollen wirklich einem Fremden die Anbu überlassen, eines ihrer wichtigsten Werkzeuge? Hinzu käme, dass mich das in eine enorm einflussreiche Position bringen würde. Ich kenne das politische Klima dieses Konoha nicht, daher kann ich nicht einschätzen, wie die Clans auf solch einen Schachzug reagieren würden.«

Er war nicht in der Position, Minato zu sagen, wie er sein Amt auszuführen hatte, mahnte er sich. Minato war nicht Hashirama, ihm konnte er nicht einfach so den Mund verbieten.

»Ich würde Sie nicht als Fremden bezeichnen«, sagte Minato. »Immerhin sind Sie einer der Gründer dieses Dorfes, die Konohagakure überhaupt erst möglich machten und eine Ära des fortwährenden Krieges beendeten. Wenn ich ehrlich sein soll, dann kann ich mir kaum jemand geeigneteres vorstellen, als eine der Personen, die Konoha erbaut hatten. Ich kann allein mein bestes geben, aber da kann ich nicht mithalten, das ist mir bewusst.«

Deutete er etwa an, dass …? »Nein. Definitiv nicht. Über die Anbu lasse ich mit mir reden, aber mehr auch nicht. Ich habe mit diesem verdammten Hut abgeschlossen, als ich Saru und die anderen fortschickte und ich habe seitdem meine Meinung nicht geändert.«

Eigentlich war er sogar ganz froh, dass er das los und sogar noch am Leben war. Er hatte in jenem Moment nicht nur mit seinem Amt, sondern auch seinem Leben abgeschlossen.

»Oh. Wenn das so ist.« Minato blinzelte und sah ihn groß an. »Nun, jedenfalls, würden Sie Ihre Anbu wieder übernehmen wollen?«

Seine Anbu? »Ich denke darüber nach.«

Minato atmete tief ein. »Das Angebot steht. Ich würde es begrüßen, wenn Sie es annehmen würden und mir dann vielleicht auch ab und zu beratend zur Seite stehen würden.«

Tobirama hob fragend eine Augenbraue. »Wie ich das hörte, ist dies mittlerweile Aufgabe meiner einstigen Schüler.«

»Mehr Meinungen einzuholen, kann nie schaden. Außerdem, wie ich bereits sagte, denke ich, dass Sie ohnehin am besten über die Angelegenheiten Konohas Bescheid wissen.«

Etwas daran ließ Tobirama stutzig werden. Da war etwas, gerade außerhalb seines Sichtfeldes, aber er spürte es, ohne dieses Gefühl wirklich festmachen zu können. Torifus Warnung kam ihm in den Sinn. Vielleicht sollte er schon allein deswegen zustimmen, die Anbu wieder zu übernehmen. Doch noch nicht, er musste darüber noch etwas nachdenken, vielleicht auch noch mehr Informationen einholen.

»Nidaime-sama, eine Sache habe ich noch, wenn auch privater Natur. Kakashi hat morgen Geburtstag und ich als sein einstiger sensei habe ihn zum Essen bei mir daheim eingeladen. Vielleicht hätten Sie Lust, ebenfalls vorbei zu kommen? Ich würde mich liebend gern mit Ihnen über Ihre Siegel unterhalten, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit.«

Tobirama musste ein amüsiertes Schnauben zurückhalten. Ganz nüchtern betrachtet, war es für Minato vielleicht nicht allzu klug, so offensichtlich eine Seite zu wählen. Andererseits … »Torifu hatte bereits angedroht, mich zu verköstigen. Wenn das so weiter geht, brauche ich mich bald nicht mehr selbst um Essen zu sorgen. Sehr gerne nehme ich die Einladung an.«

Minato lächelte breit. »Oh, wunderbar. Sie werden Kushinas Kochkünste lieben! Ach ja, Ōkami-san ist selbstredend ebenfalls eingeladen. Auch wenn ich ganz ehrlich nicht weiß, wie ich sie bewirten soll.«

»Fleisch, roh, blutig und möglichst frisch. Wenn sie die Wahl hat, dann präferiert sie Hirsch. Schlussendlich ist sie immer noch ein Wolf.«

»Natürlich …« Minato machte den Eindruck, als hätte er alles mögliche nur nicht das naheliegendste erwartet.

Tobirama hatte das Gefühl, dass Minato jemand war, den Ōkami zum Fressen gern haben würde. Er hatte nicht vor, sie aufzuhalten.

Huch, ist da jemand etwa ein kleiner Fanboy?

Nächstes Kapitel: Geburtstagsparty!

5. Kapitel: 5. Kapitel: Zeit

Zeit

Mit dem in ein furoshiki eingeschlagenen Bündel in der Hand stand Tobirama vor der Tür zu der Wohnung. Eines dieser neumodischen Gebäude, die Tobirama schon zu seiner Zeit furchtbar hässlich gefunden hatte und die seitdem nur hässlicher geworden waren. Nichts ging über die Optik von Holz und geschmackvoll bemaltem fusuma oder schlichtem shōji.

Biwako war so freundlich gewesen, ihm den Weg zu Kakashis Wohnung zu weisen. Jetzt stand er hier, die Hand leicht erhoben, und zögerte doch anzuklopfen. Er wusste, das Kakashi da war, das hatte er selbstredend vorher geprüft.

»Na los.« Ōkami stieß ihm ihre Nase in die Seite.

Er klopfte an. Es dauerte einen Moment, aber dann hörte er von der anderen Seite der Tür Schritte, das Schloss wurde aufgeschlossen und Kakashi öffnete die Tür. Erst nur einen Spaltbreit, doch als er Tobirama und Ōkami erkannte, öffnete er sie doch ganz.

Bevor irgendwer von ihnen etwas sagen konnte, drängte sich Ōkami an Tobirama vorbei, streckte ihre Schnauze in Kakashis Gesicht und schleckte ihn ab. Kakashi gab einen überraschten Laut von sich und versuchte sich dagegen zu wehren, indem er sie von sich schob. Natürlich vergebens. Er würde schon noch früh genug lernen, dass er gegen Ōkami nicht ankam, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

»Was soll das?«, schimpfte Kakashi, als Ōkami wieder von ihm abließ.

»Du riechst nach Hund, das ist inakzeptabel«, stellte sie fest und begann, an seinen Haaren zu knabbern. Kakashi gab einfach auf.

Tobirama überreichte ihm das kleine Päckchen. »Wie besprochen.«

Etwas verdutzt nahm Kakashi es entgehen. »Äh, danke. Aber das war doch nicht nötig gewesen, Nidai… äh, Tobirama-sama.«

»Red mich nicht so förmlich an«, wies Tobirama ihn zurecht. »Und natürlich war das nötig gewesen. Es ist dein Geburtstag und ich habe es dir versprochen.«

Kakashi sah von dem Päckchen in seinen Händen wieder zu Tobirama auf. »Wollen Sie reinkommen?«

Na, das war doch schon einmal ein Anfang. Er nahm die Einladung an. Ōkami versuchte, ihm zu folgen, ihre Schultern passten jedoch nicht durch den Türrahmen, jedenfalls nicht, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Wohnung machte ohnehin nicht den Eindruck, als würde sie sich hier hindurch bewegen können, ohne irgendetwas zu demolieren.

»Ich warte hier draußen«, sagte sie, dann legte sie sich der Länge nach vor die Tür, um mal wieder zu dösen.

Die Wohnung war klein und spärlich eingerichtet. Es gab kaum persönliche Gegenstände und die ganze Einrichtung war auf Praktikabilität ausgerichtet. Eines jedoch erregte Tobiramas Aufmerksamkeit, als er sich umsah. Es war ein altbekanntes tantō, von dem Tobirama wusste, dass es, abgestimmt auf die Blitznatur seines Besitzers, einen weißen Chakrablitz erzeugte. Allerdings war die Klinge zerbrochen.

Er deutete darauf. »Das habe ich Sakumo zu seiner Einschulung geschenkt. Was ist damit geschehen?«

»Das? Oh. Vater hatte es mir gegeben, als ich eingeschult wurde, und dann ist es mir auf einer Mission zerbrochen. Ich kam noch nicht wieder dazu, es zu reparieren.« Kakashi trug eine ausdruckslose Mine, als er das sagte.

Tobirama war freilich nicht entgangen, dass der Junge selbst in seiner eigenen Wohnung sein links Auge bedeckt hielt und eine Maske trug. Das Sharingan musste jemand ihm gegeben haben, und wie es mit solch einem gegebenen Sharingan so üblich war, würde er es nicht deaktivieren können. Wahrscheinlich hielt er es deswegen bedeckt. Bei der Maske vermutete Tobirama persönlichere Gründe.

»Ich hab nicht mit Besuch gerechnet«, sagte Kakashi. »Aber ich hab noch was von dem Kuchen übrig, den Pakkun mir aufgeschwatzt hatte.«

»Pakkun?«

»Mein Vertrauter Geist, ein ninken.«

Ah, daher rührte also Ōkamis Unmut, Kakashi würde nach Hund riechen.

Kakashi führte ihn in die Küche, wo sie sich an einen kleinen runden Tisch setzten. Kakashi gab ihm einen Teller mit Kuchen. Viel war in der Tat nicht übrig, wahrscheinlich war es eh nur für eine Portion gedacht. In der Spüle stand noch eine Schüssel, die darauf wartete, abgewaschen zu werden. Selbst gebacken also. Tobirama bedankte sich und aß den Kuchen, auch wenn so trockenes Gebäck eigentlich nicht nach seinem Geschmack war. Er wollte nicht unhöflich erscheinen.

Im Fensterbrett entdeckte er ein Foto, augenscheinlich das von Kakashis Team. Darauf waren nebst Kakashi und Minato noch ein Junge, bei dem Tobirama darauf wetten konnte, dass er ein Uchiha war, und ein Mädchen mit einem fröhlichen Lächeln, deren Clanzugehörigkeit er jedoch nicht erkennen konnte.

Tobirama bemerkte, dass Kakashi ihn beobachtete. Seine Haltung war angespannt.

»Möchtest du es nicht aufmachen?«, fragte er daher, um die Stimmung etwas zu lockern, und deutete auf das Päckchen, das vor Kakashi auf dem Tisch lag.

»Oh. Natürlich.« Kakashi löste den Knoten aus dem Stoff und faltete ihn auseinander. Zum Vorschein kam, wie er wahrscheinlich schon geahnt hatte, ein sarashi, ein langes Tuch aus weißer Baumwolle. Kakashi hob es hoch und befühlte den Stoff. Unter seiner Maske war es schwer zu erkennen, aber Tobirama glaubte, dass Kakashi lächelte.

»Wenn es für dich in Ordnung ist, kann ich dir an mir zeigen, wie man das benutzt«, bot Tobirama an.

Kakashi richtete seinen Blick wieder auf Tobirama. »Woher wissen Sie so etwas eigentlich, Tobirama-san?«

Zwar immer noch ziemlich distanziert aber schon besser.

»Ich durfte mehr als nur einmal Tōkas Monologen zu dem Thema beiwohnen, während sie die jungen kunoichi des Clans ausbildete«, sagte Tobirama. »Sie war da sehr bestimmt, und das zu Recht. Sie würde dir mit Sicherheit auch sagen, dass du es nicht zu lange tragen sollst und auch nicht über Nacht. Und ich sage dir, dass du demnächst einen Arzt aufsuchen solltest, der prüft, ob du dir nicht doch die Rippen angebrochen hast.«

Kakashi gab einen überraschten Laut von sich. »Das kann passieren?«

Tobirama nickte. »Nur wenn du‘s nicht richtig machst.«

Dem Jungen hatte das anscheinend niemand gesagt und auch sonst nichts zu dem Thema beigebracht. Als sein sensei wäre es eigentlich Minatos Pflicht gewesen, diese Aufgabe zu übernehmen, zumal er sich Kakashis Lage anscheinend bewusst war, als er Hiruzen korrigiert hatte. Neu konnte das Thema auf keinen Fall sein, schon zu Tobiramas Zeiten hatte es Menschen gegeben, denen man bei der Geburt das falsche Geschlecht zugewiesen hatte.

Er spürte milde Verärgerung in sich aufkommen, verschob dies aber auf später.

»Und wie mach ich‘s richtig?«, fragte Kakashi.

»Schau her.«

Tobirama zog sich den Pullover über den Kopf und griff dann nach dem sarashi. Bevor er hierher gekommen war, hatte er noch einen Doppelgänger losgeschickt, ihm ein paar neue Kleider zu kaufen. Im besten Falle er heute Abend schon eine angemessenere Garderobe.

Er band sich das breite Baumwolltuch um den Oberkörper und erklärte dabei Kakashi, worauf er zu achten hatte. Kakashi lauschte aufmerksam.

»Und das trägt man unter einem kimono?«, fragte Kakashi, während er sich das Ergebnis besah.

»Mitunter«, sagte Tobirama. »Es kommt auf den kimono und den Anlass an und freilich trägt man einen yukata anders als einen kimono. So gibt es zum Beispiel rokushaku fundoshi, ecchu fundoshi oder mokko fundoshi, wobei letzteres von onnagata getragen wird. Ein kimono wird niemals direkt auf der Haut getragen, dafür sind sie viel zu kostbar. Also trägt man darunter einen hanjuban aus Baumwolle oder Seide. Eine Variante ist der nagajuban, ursprünglich vor allem von Frauen getragen, aber das löste sich mit der Zeit auf. Mitunter kann darüber noch eine formgebende Polsterung getragen werden und darüber vor allem während kalter Jahreszeiten ein dogi. Zum Schluss kann darüber noch ein shitagi getragen werden, bevor der eigentliche kimono getragen wird.«

Er konnte die sprichwörtlichen Fragezeichen in Kakashis Auge sehen und unterbrach sich daher, bevor er überhaupt dazu kommen konnte, wann welche Art von kimono getragen wurde. Dabei war das nun wirklich nur eine sehr grobe Zusammenfassung des Themas gewesen.

»Ich verstehe, warum heutzutage kaum noch wer kimono trägt«, sagte Kakashi trocken.

Es hatte ihm also auch niemand beigebracht, sich angemessen zu kleiden. Noch ein weiterer Punkt auf Tobiramas Liste.

Tobirama löste das sarashi wieder und reichte es Kakashi, bevor er sich wieder sein Oberteil anzog. »Probier es selbst.«

Kakashi ging in eines der angrenzenden Zimmer, um sich umzuziehen. Tobirama wartete geduldig, bis er fertig war. Als er wieder hervortrat, zupfte er sich gerade noch sein Oberteil zurecht, sah dann an sich herab und tastete seinen Oberkörper ab.

»Trägt sich auf jeden Fall viel angenehmer«, stellte er fest. »Aber …«

»Aber?«, hakte Tobirama nach.

»Nun ja …« Im Flur hing ein Spiegel, in dem Kakashi sein Seitenprofil betrachten konnte.

Ah. »Der Oberkörper von Männern ist nicht gänzlich flach, vor allem dann nicht, wenn sie, wie in unserem Fall, sehr muskulär sind. Sieh mich an.«

Kakashi sah zu ihm und betrachtete dann wieder sein Profil. Der kritische Zug verschwand von seinem Gesicht. »Wirklich viel besser. Allerdings, äh … Gibt es eine Möglichkeit, die Dinger gänzlich loszuwerden?«

Darüber sann Tobirama einen Moment lang nach. »Nicht zu meiner Zeit. Jedenfalls keine Methode, die ich sicher empfehlen könnte. Aber seitdem ist viel Zeit vergangen, denkbar, dass sich das mittlerweile geändert hat.«

Kakashi hatte sich mittlerweile wieder zu ihm gesetzt. »Wirklich vielen Dank dafür. Aber darf ich Sie noch etwas anderes fragen?«

»Du darfst mich alles fragen, was du willst.«

»Also wenn das so ist … Wieso ist es für Ōkami-san etwas schlechtes, wenn ich nach Hund rieche?«

»Hunde sind Hunde und Wölfe sind Wölfe und nicht immer können sie einander leiden. Ōkami mag zahm erscheinen, aber sie ist nicht minder wild als jeder andere Wolf in freier Natur und stolz darauf. Hunde hingegen wollen uns Menschen gefallen. Einen zahmen Hund ohne Biss würde sie sie nie im Rudel akzeptieren.«

»Also ist das mit dem Weißen Wolf wörtlich gemeint? Ich dachte immer, das wäre ein Beiname. Die Leute im Dorf nannten Vater ja auch Weißer Reißzahn.«

Tobirama musste schmunzeln. »Den Namen hat er sich schon zu Akademiezeiten unter seinen Klassenkameraden verdient. Ōkami hat ihn immer dazu angestiftet, sich mit den anderen Kindern zu raufen, wenn sie ihn ärgern wollten. Aber ja, es ist sowohl ein Beiname als auch wörtlich gemeint.«

Etwas veränderte sich in Kakashis Gesicht bei der Erwähnung Sakumos, auch wenn Tobirama nicht genau sagen konnte, was es war.

»Vater hat nie viel von früher erzählt«, sagte Kakashi leise. »Aber ich war ja auch erst fünf.«

Die Stimmung kippte. Es brannte Tobirama auf der Seele zu erfahren, welch Tragödie geschehen sein musste, dass sich sein Sohn das Leben genommen hatte. Aber er hielt die Frage zurück. Es schien für Kakashi kein minder wunder Punkt zu sein.

»Wenn du willst, kannst du mich besuchen kommen und ich erzähle dir ein paar Geschichten«, bot Tobirama an.

Als Antwort nickte Kakashi nur stumm.

»Möchtest du mir von dir erzählen?«, fragte Tobirama. »Von deinen Teamkameraden vielleicht? Wer sind sie?«

Kakashis Blick huschte zu dem Bild auf der Fensterbank, dann sah er rasch wieder weg. »Nohara Rin und Uchiha Obito«, sagte er knapp. »Ich hab die Akademie mit fünf abgeschlossen, Chūnin mit sechs, Jōnin mit zwölf. Als Minato-sensei Hokage wurde, hat er mich in die Anbu berufen, und seit kurzem habe ich mein eigenes Team.«

Tobiramas Ärger wuchs, aber er bemühte sich, nichts davon zu zeigen. Noch nicht. »Du bist zu jung.«

Kakashi zuckte mit den Schultern. »Es war Krieg, die Verluste waren hoch und das Dorf brauchte Shinobi. So war das eben.«

»Das hat noch Saru veranlasst, nicht wahr?«

Anscheinend gelang es ihm doch nicht wirklich, seinen Zorn zu verbergen, denn Kakashi sah ihn ein wenig besorgt an. Zögerlich nickte er. »Aber das alte Gesetz wurde wieder eingeführt, der Notstand aufgehoben.«

»Saru hätte von Anfang diese Maßnahme nicht ergreifen dürfen«, knurrte Tobirama. »Gerade er hätte es besser wissen müssen. Es gibt dieses Gesetz nicht ohne Grund und es ist eisern und darf niemals gebeugt werden.«

»Es gibt so viele Gesetzte. Was ist an dem Abschlussalter für die Akademie so besonders?«, wunderte sich Kakashi.

»Kennst du die Geschichte des Dorfes von seiner Gründung an und von der Zeit, die dem vorausgegangen war?«, wollte Tobirama wissen.

»Nichts genaues«, gestand Kakashi.

Grundgütiger.

»Wir, meine Brüder und ich, wurden in eine Zeit des immerwährenden Krieges geboren«, begann Tobirama. »Butsuma, der, der unser Vater sein sollte, begann uns an der Waffe auszubilden, als wir vier gewesen waren. Kindern dieser Zeit wurde ihre Kindheit verwehrt, denn sobald sie in der Lage waren, eine Waffe zu halten, konnten sie eine Bedrohung für den Feind darstellen, und der Feind konnte jeder sein. Clan gegen Clan, ganz gleich welcher. Allianzen waren flüchtig und konnten genauso schnell zerbrechen, wie sie geschlossen wurden. Gnade gab es keine, ganz besonders nicht gegen schwächere Gegner. Du kannst dir nicht ausmalen, wie grausam es ist, kleine Kinder auf Schlachtfeldern sterben zu sehen. Sie selbst töten zu müssen. Es hieß töten oder getötet werden, denn eine Klinge in die Niere ist in jedem Fall tödlich, ganz gleich, wie klein die Hand ist, die das Messer führt.

Hashirama, Madara und ich taten, was wir taten, um dieses sich ewig drehende Rad aus Gewalt zu durchbrechen. Konoha mochte vielleicht auf Blut begründet sein, und es war gewiss nicht einmal zu meiner Zeit als Hokage das Utopia, von dem Hashirama und Madara geträumt hatten, aber es war zumindest besser.

Itama, der jüngste von uns vier, starb mit neun Jahren. Kawarama, mein Zwillingsbruder, starb, als wir elf Jahre alt gewesen waren. Sie beide wurden von Uchiha ermordet, wie so viele aus unserem Clan. Und gleichzeitig töteten wir Senju jeden Uchiha, wen wir aufspüren konnten, weil es eben das war, was das Überleben unseres Clans sicherte. Man nannte mich den Blutroten Geist der Senju und den Fluch der Uchiha, denn ich war gut in dem, was ich tat, sehr sogar. Und dennoch schlossen wir Frieden miteinander, denn so konnte es nicht weitergehen.

Deswegen, Kakashi, bist du zu jung. Deswegen hätte Saru es niemals erlauben dürfen, dass irgendwer jünger als zwölf von der Akademie abgeht. Nie wieder dürfen Kinder auf einem Schlachtfeld sterben. Du bist in einem Alter, in dem ich dich höchstens als Chūnin akzeptieren würde, ganz gleich, wie außergewöhnlich deine Fähigkeiten sind.«

Stille senkte sich über sie. Irgendwo in der Wohnung flog eine Fliege wiederholt gegen ein Fenster. Eine Uhr tickte.

»Also wollen Sie, dass ich von meinem Posten zurücktrete?«, fragte Kakashi in die Stille hinein.

Tobirama schüttelte den Kopf. »Nein. Da ich nur noch dem Namen nach Hokage bin, hätte ich auch gar nicht die Autorität dazu, es dir zu befehlen.«

Es war jedoch sicherzustellen, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Gerade Hiruzen hätte es besser wissen müssen.

»Was werden Sie jetzt eigentlich tun?«, wollte Kakashi wissen.

Tobirama traf eine Entscheidung. Er konnte förmlich riechen, dass etwas in diesem Dorf nicht so war, wie es ihm gefallen wollte. Das war noch immer sein Konoha, er fühlte sich noch immer verantwortlich für die Leute hier, ganz gleich, ob er sich nun Hokage nannte oder nicht. Am besten konnte er noch immer aus einer einflussreichen Position heraus agieren, wie praktisch, dass Minato ihm von sich aus eine solche angeboten hatte. Tobirama pfiff auf kleinliche Bedenken der Clans, die vielleicht aufkommen mochten. Das Wohl des Dorfes stand noch immer an erster Stelle.

»Behalte es vorerst für dich, aber just gestern hat mir Yondaime-sama angeboten, die Anbu wieder zu übernehmen«, eröffnete Tobirama. »Damals, einige Jahre nach der Dorfgründung, als mein Bruder noch Hokage gewesen war, hatte ich die Idee einer Sondereinheit, die besonderer Geheimhaltung unterlag. Sie unterstand meinem direkten Befehl und das blieb auch so, als ich Hokage wurde. Ich werde Minatos Angebot annehmen und die Anbu wieder befehligen.«

»Dann wären Sie ja mein Boss.« Kakashi lachte auf. »Tobirama-san, Sie haben offensichtlich einen Fan.«

Tobirama hob lediglich eine Braue.

»Minato-sensei hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, zu betonen, wie sehr er Ihre Arbeit bewundert. Immerhin ist er, soweit ich weiß, der einzige, der Ihr Hiraishin gelernt hat; er hat sich aber immer geweigert, es uns auch beizubringen.« Kakashi klang amüsiert. »Außerdem beherrscht doch heutzutage jeder Shinobi, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, Ihr Kage Bunshin no Jutsu.«

»Und wahrscheinlich wissen die meisten nicht einmal, dass es meine Erfindung war«, grummelte Tobirama. Plagiate waren ein lästiges Problem.

»Ach du meine Güte, schon so spät!«, rief Kakashi plötzlich aus. »Ich bin doch zum Essen eingeladen!«

»Na so ein Zufall, ich auch«, sagte Tobirama trocken.

Sogar trotz der Maske war Kakashi seine Erheiterung deutlich anzusehen. »Definitiv ein Fan.«

»Dann lass uns zusammen gehen«, schlug Tobirama vor. »Gib mir nur einen Moment, mich angemessen zu kleiden.«

Mittlerweile hatte sein Doppelgänger den Einkauf beendet und dann das Jutsu aufgelöst, nachdem er die Sachen daheim abgelegt hatte. Tobirama wusste daher, dass er jetzt endlich wieder ein paar ordentliche Kleider hatte.

Tobirama trat vor die Tür, machte dabei einen großen Schritt über Ōkami hinweg und platzierte einen Siegel an der Außenseite der Tür. Er hieß Ōkami, hier auf ihn zu warten, dann teleportierte er sich nach Hause.

Die Sachen waren noch eingepackt. Er legte das Papier zur Seite und verschob es auf später, es zu entsorgen. Die Zeit war in der Tat etwas knapp, weshalb er nun in Eile war. Er entschied sich klassisch für den indigoblauen hakama, schwarzen kimono und ebenso schwarzen haori. Noch fehlte das Clanwappen, aber das würde er später anbringen lassen. Als er fertig war, teleportierte er sich wieder zu Kakashis Wohnung.

Kakashi schien nicht überrascht, als er wie aus dem Nichts vor ihm auftauchte. Der Junge hatte mit Ōkami vor der Tür auf ihn gewartet und es anscheinend nicht für nötig empfunden, etwas anderes als seine Alltagskleidung zu tragen. Tobirama warf ihm einen strengen Blick zu.

»Sie haben nicht wirklich ein Hiraishin-Siegel an meiner Wohnung angebracht, oder?«, sagte Kakashi. Es war keine Frage.

»Natürlich habe ich das«, erwiderte Tobirama dennoch.

Kakashi seufzte. »Sie sind ja genauso furchtbar wie mein sensei. Der läuft auch nur, wenn es unbedingt sein muss.«

»Werd nicht frech, Junge«, grummelte Tobirama. »Was soll das überhaupt sein? Willst du dich wirklich so präsentieren?«

Kakashi schien so langsam aus seiner Haut zu kommen. »Sensei hat mich zum alljährlichen Geburtstagsessen eingeladen, mehr nicht. Wir gehen nicht auf eine Galaveranstaltung oder so. So etwas wie Sie trägt doch heutzutage keiner mehr, der nicht total angestaubt wirken will.«

Tobirama schnaubte. »Dir hat offensichtlich niemand guten Geschmack beigebracht. Komm jetzt.«

Ōkami erhob sich und rieb ihren Kopf an Kakashi. »Ignoriere einfach sein Gegrummel. Die meiste Zeit meint mein Welpe es nicht so.«

Tobirama tat so, als habe er sie überhört, und wandte sich ab.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Minatos und Kushinas Heim. Währenddessen ließ sich Tobirama das Gespräch mit Kakashi durch den Kopf gehen. Ihm war keineswegs entgangen, wie Kakashi der Frage nach seinen Teamkameraden aus dem Weg gegangen war. Noch ein schwieriges Thema also? Es drängte sich Tobirama die Vermutung auf, dass Kakashi sehr viel hatte durchleiden müssen, auch nach dem Tod seines Vaters.

Nohara … Tobirama war kein Clan dieses Namens bekannt. Ziviler Hintergrund also? Während er darüber nachsann, fiel ihm auf, dass er auch keinen Namikaze-Clan kannte. Diese Einladung wäre eine gute Gelegenheit, mehr über den jungen Hokage herauszufinden, und vor allem Mitos Nachfolgerin als jinchūriki kennenzulernen. Daran war Tobirama besonders interessiert.

Kushina und Minato wohnten recht zentral im Dorf in einem Haus von moderner Bauweise. Tobirama konnte dieser Betonoptik wirklich nichts abgewinnen. Während Tobirama noch mit der Betrachtung beschäftigt war, betätigte Kakashi bereits die Türklingel. Es dauerte auch nicht lang, und man öffnete ihnen.

Sie wurden von einer jungen rothaarigen Frau begrüßt, und Tobirama konnte seinen Pelz darauf verwetten, dass es sich bei ihr um Uzumaki Kushina handelte. Sie trug ein Hütchen aus Papier auf dem Kopf und empfing sie mit einer Tröte. Tobirama musste an sich halten, nichts unüberlegtes zu tun; es war nie eine gute Idee, ihn mit irgendetwas Lautem mitten in sein Gesicht zu überraschen.

Er bemerkte sehr wohl, dass sie schwanger war, es war ja auch kaum zu übersehen. Die Geburt musste bald bevorstehen. Das verkomplizierte alles.

»Alles Gute zum Geburtstag, Kakashi!«, rief Kushina fröhlich.

Kakashi machte einen leidenden Eindruck. »Muss das sein?«

»Wie jedes Jahr!«, drohte Kushina, und schon hatte Kakashi auch ein solches Hütchen auf.

Erst da schien Kushina Kakashis Begleitern gewahr zu werden. Ōkami wedelte mit dem Schwanz und fixierte das Hütchen auf Kushinas Kopf.

»Nein«, stellte Tobirama klar. Er würde garantiert nicht so etwas albernes tragen.

»Nidaime-sama! Es ist mir eine Ehre, Sie persönlich kennenzulernen. Mito-hime hat mir so viel von Ihnen erzählt. Und Sie müssen Ōkami-san sein. Deswegen wollte Minato also noch in letzter Minute eine Hirschkeule auftreiben. Der Mann macht mich fertig.«

Ōkami wedelte stärker mit dem Schwanz und leckte sich das Maul.

»Ich bin Kushina. Kommen Sie doch herein.«

»Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen«, erwiderte Tobirama.

Sie folgten ihr in das Haus. Ōkami passte wieder einmal nicht durch die Tür und wählte daher den Hintereingang, indem sie kurzerhand über den Gartenzaun sprang. Kushina führte sie durch das Erdgeschoss und zur Terrasse. Auf dem Weg entdeckte Tobirama allerhand Kleinkram, der wie Andenken wirkte, wie er sie früher manchmal Tsunade von seinen Reisen mitgebracht hatte, aber neben etlichen Pärchenfotos auch einige ansprechende Kalligrafien an den Wänden. Eine erregte seine besondere Aufmerksamkeit.

»Papier ist leblos ohne Worte«, stand dort in kunstvollen Pinselstrichen.

Minato war bereits Ōkami zum Opfer gefallen; die Hirschkeule war wahrscheinlich das Stichwort gewesen. Er hatte gerade einen Tisch draußen auf der Terrasse decken wollen, wurde nun aber von Ōkami belagert, welche ihn mit ihrem Blick fixiert hatte. Sie hielt den Kopf gesenkt und witterte definitiv ihre Beute.

Als sie nach draußen traten, gab Minato sich nicht einmal Mühe, seine Erleichterung zu verbergen. Er wandte sich Kakashi mit einem strahlenden Lächeln zu und gratulierte ihm ebenfalls zum Geburtstag.

Sowohl Kushina als auch Minato trugen Alltagskleidung, Minato hatte sogar noch nicht einmal die Küchenschürze abgelegt. Tobirama drängte sich der Verdacht auf, dass Kakashi in Bezug auf seine Kleidungswahl vielleicht Recht gehabt haben könnte, und er etwas zu dick aufgetragen hatte. Nicht dass er es jemals zugeben würde.

Sie setzten sich und es entstand alsbald eine entspannte Atmosphäre, in der sie über Belanglosigkeiten plauderten und schon wieder Kuchen aßen. Ōkami bekam das ihr versprochene Fleisch und zog sich mit der Keule im Maul in eine Ecke des Gartens zurück, wo sie sich hinlegte, an ihrer Beute nagte und leckte und die Menschen ansonsten ignorierte.

Minato bot Tobirama Bier an, doch das lehnte er dieses Mal ab. Er bevorzugte Tee oder, wenn es Alkohol sein sollte, Sake. Minato brachte ihm stattdessen das. Tobirama nippte an der Schale und versuchte, einigermaßen interessiert an dem Gespräch zu wirken; er hasste es, über Belanglosigkeiten zu reden. Man vermied hier ganz offensichtlich einige Themen. Über Kakashis Aufgaben und Missionen bei der Anbu konnten sie hier freilich nicht reden und über seine Teamkameraden wurde ebensowenig gesprochen.

Als sich das Gespräch Kushinas Schwangerschaft zuwandte, sah Tobirama endlich seine Gelegenheit gekommen, ein paar Informationen einzuholen.

»Wann ist denn der Geburtstermin?«, wollte er daher wissen.

Kushina strich sich lächelnd über den Bauch. »Am 10. Oktober, sagt die Ärztin, also in nicht einmal einem Monat.«

»Sie wissen um die Risiken?«

Natürlich hatte Tobirama damit die Stimmung ruiniert, aber er musste es einfach wissen. Das konnte zu leicht in einer Katastrophe enden.

Kushina nickte ernst. »Ja, natürlich. Mito-hime hatte Sorge getragen, dass ich das nicht auf die leichte Schulter nehme. Ich weiß, dass ihr Siegel während ihrer zweiten Schwangerschaft gefährlich geschwächt wurde und sie sogar ihr Kind verlor. Aber es ist ja kein Ding der Unmöglichkeit, nur eben … keine normale Schwangerschaft. Deswegen haben wir uns trotzdem für ein Kind entschieden.«

Aus der Erfahrung heraus, dass Mito beinahe gestorben wäre, hätte Tobirama dringend davon abgeraten, als jinchūriki eine Schwangerschaft zu riskieren. Das Schicksal von jinchūriki mit Kinderwunsch war in der Tat kein leichtes, und er fühlte Bedauern, dass Kushina dennoch diese Bürde auferlegt worden war.

»Mito-hime lehrte nicht nur Kushina die acht Trigramme, sondern auch mich«, fügte Minato an. »Wir haben zwar niemanden mehr im Dorf, der das Chakra des Kyubi so kontrollieren kann wie Shodai Hokage, aber wir haben dennoch alle nur erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, sodass wir ausreichend vorbereitet sind.«

Tobirama hob fragend eine Augenbraue. »Mito hat Ihnen, der weder Senju noch Uzumaki ist, die Acht Trigramme gelehrt? Sonst halten die Uzumaki ihre Siegel doch strickt unter Verschluss, und selbst uns Senju haben sie selten eingeweiht. Aber nun gut, ich respektiere ihre Entscheidung. Sollte es nötig werden, kann ich ebenfalls meine Erfahrung anbieten. Mito und ich haben viele Jahre lang zusammen geforscht, ich weiß das eine oder andere über ihre Siegel.«

»Ihr Wissen wäre von unschätzbarem Wert für uns!«, betonte Minato sogleich enthusiastisch. »Apropos, wenn Sie die Frage gestatten, haben Sie mittlerweile eine Theorie, weshalb Ihr neues Hiraishin-Siegel auf diese Weise fehlschlug?«

»Also lag‘s daran?«, fragte Kakashi dazwischen.

Tobirama nickte. »Weißt du, wie Hiraishin funktioniert?«

»So grob. Es ist ein Raum-Zeit-Ninjutsu.«

Wieder nickte Tobirama. Er erbat ein Blatt Papier und etwas zu schreiben, womit er Kakashi das Prinzip seines Jutsus besser erklären konnte. Minato brachte ihm beides.

»Schau her, Kakashi.« Tobirama zeichnete zwei Punkte an den oberen und unteren Rand des Blattes und beschriftete sie mit A und B. »Punkt A ist der Anwender des Jutsu. Punkt B ist sein Ziel, festgelegt durch eine Hiraishin-Markierung.« Er zeichnete eine gerade Linie zwischen den beiden Punkten ein. »Normalerweise dauert es eine gewisse Zeit, um die Distanz zwischen beiden Punkten zu überwinden, indem man sie zum Beispiel erläuft. Hiraishin macht nun folgendes.« Er faltete das Papier zusammen, sodass beide Punkte aufeinander lagen, und steckte den Stift hindurch. »Es erschafft den kürzestmöglichen Weg zwischen zwei Punkten, indem es den Raum zwischen diesen Punkten krümmt und damit die Zeit, die es braucht, um von A nach B zu kommen, auf die Bruchteile einer Sekunde reduziert.«

»Zeit ist relativ«, warf Kushina ein, als sie wohl Kakashis Verwirrung bemerkte. »Sie vergeht nicht immer gleich schnell, abhängig davon, wie schnell man sich selbst bewegt. Das nennt sich Zeitdilatation. Deswegen ist es so riskant, mit Siegeln zu arbeiten, die Zeit als eine Kernkomponente haben. Mito-hime hatte mir immer davon abgeraten, mich an so etwas zu versuchen.«

»Das war die Schwäche Ihrer ersten Versuche mit Hiraishin, nicht wahr?«, sagte Minato. »Es hatte nur den Raum als Element, nicht aber die Zeit.«

Tobirama nickte anerkennend. »Ich sehe, Sie kennen sich beide aus. Denn es stimmt. Meine ersten Versuche mit diesem Jutsu scheiterten genau daran. Ich war vierzehn und damals war Zeit noch ein weitestgehend unerforschtes Thema, weshalb es mich zwei weitere Jahre kostete, bis ich eine zufriedenstellende Version vorweisen konnte.«

»Was? Vierzehn?!«, rief Kakashi aus. »Aber ich soll zu jung sein?«

»Andere Zeiten«, erwiderte Tobirama knapp. »Was aber die ursprüngliche Frage angeht: Ich vermute, dass meine neue Variante eine ähnliche Kinderkrankheit hat wie meine ersten Versuche damals. Um das zu überprüfen, werde ich aber noch einige Zeit brauchen.«

»Und kann man das wieder rückgängig machen?«, fragte Kakashi.

»Zeitreisen wurden von den Uzumaki als theoretisch möglich, praktisch aber nicht umsetzbar eingestuft«, sagte Tobirama. »Ich habe an einem praktischen Beispiel das Gegenteil bewiesen. Dennoch sind Zeitreisen trickreich. Manche theoretisieren, dass wir nur deswegen bis jetzt nichts von Zeitreisenden gehört haben, weil die Reise immer nur in die Zukunft möglich ist, nicht aber in die Vergangenheit. Eben das, was mir passiert ist. Wären Zeitreisen in die Vergangenheit möglich, würde das das Großvaterparadoxon erzeugen sowie etliche andere Hürden, die es zu bedenken gäbe.«

»Was für ein Paradoxon?«, wunderte sich Kakashi.

»In diesem Paradoxon kannst du in die Vergangenheit reisen und deinen eigenen Großvater töten, was verhindern würde, dass du jemals geboren wurdest, was verhindern würde, dass du jemals in die Vergangenheit reist, um deinen Großvater zu töten«, erklärte Kushina. Dann sah sie zu Tobirama. »Äh …«

Er musste schmunzeln. »Ein weiteres Konzept ist die Vielwelten-Theorie.« Er griff erneut nach dem Papier und zeichnete einen Strahl auf, dessen Pfeil nach rechts zeigte. »Zeit ist gerichtet und fließt immer in dieselbe Richtung, die wir als Zukunft bezeichnen. Sagen wir, an diesem Punkt«, er zeichnete ein Kreuz auf den Zeitstrahl kurz hinter dem Pfeil, »liegt der Start der Reise in die Vergangenheit.« Er zeichnete einen nach links gerichteten Pfeil, der auf einen weiter hinten liegenden Punkt auf dem Zeitstrahl verwies, ohne jedoch die erste Linie zu berühren. »Die Vielwelten-Theorie besagt nun, dass die zeitreisende Person nicht in ihre tatsächliche Vergangenheit reist, sondern in eine Parallelwelt. Sie entfernt sich somit aus ihrem eigenen Zeitstrahl und betritt einen neuen.«

»So könnte man theoretisch unendlich viele Welten bereisen«, schloss Kakashi.

»Theoretisch«, betonte Tobirama. »Die tatsächlichen theoretischen Grundlagen dafür sind natürlich weitaus komplexer als solch eine simple Skizze. Wie gesagt, als möglich wurde nur die Reise in die Zukunft erachtet. Für den umgekehrten Fall gibt es nur theoretische Szenarien.«

»Also gibt es für Sie keinen Weg, es ungeschehen zu machen, was passiert ist?«, fragte Kakashi weiter.

Er sprach aus, was Tobirama die ganzen letzten Wochen, in denen er größtenteils untätig an das Krankenbett gefesselt gewesen war, gefürchtet hatte, aber sich geweigert hatte, näher darüber nachzudenken.

»Womöglich.« Tobirama sagte es so sachlich, wie es ihm nur möglich war. »Eventuell gibt es jedoch neue Erkenntnisse, was das Thema Zeit betrifft. Das werde ich herausfinden müssen.«

Chio war tot. Mito war tot. Sie alle waren nicht mehr, von einem Moment auf den anderen. Er weigerte sich, weiter darüber nachzudenken.

Die Stille, die seinen Worten folgte, wurde vom Geräusch eines zersplitternden Knochen durchbrochen. Ōkami hatte den Beinknochen ihrer Keule zerbissen, um an das Mark zu gelangen, ihr liebster Teil.

»Bis dahin, Welpe«, sagte sie, »kannst du auch einfach eine gute Jagdausbeute genießen.«

Wahre Worte. Tobirama schob seine Gefühle von sich. Dafür war später noch Zeit. Stattdessen griff er nach seiner Sakeschale … nur um sie beinahe fallen zu lassen. Er hatte nicht darauf geachtet und sie mit seiner verstümmelten linken Hand greifen wollen. Aufgrund der fehlenden Finger wäre ihm die Schale beinahe aus der Hand gefallen.

Er musste einen Fluch unterdrücken. Solche kleinen Missgeschicke passierten ihm andauernd, und er hasste es. Doktor Fuyuko sagte, dass er sich glücklich schätzen sollte, dass er nur zwei Finger hatte einbüßen müssen. Es hätte auch die ganze Hand sein können. Die Ärzte hatten die Knochen in seiner Hand wieder richten können, wenn auch nicht alle Schäden hatten behoben werden können. Die Finger, die ihm geblieben waren, fühlten sich steif an und mitunter schmerzten seine Sehnen.

»Haben Sie über mein Angebot von gestern nachgedacht, Nidaime-sama?«, fragte Minato.

Dankbar für den Themenwechsel, antwortete Tobirama: »Das habe ich und ich werde es dankend annehmen.«

Minato lächelte schmallippig. »Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, so lange sie währen mag.«

Hat Minato ein Teil meins Lieblingszitates bei sich daheim an der Wand? Sowas von ja! "Papier ist leblos ohne Worte" lautet im Original "Paper is dead without words" und ist eine Zeile aus Song of Myself von Nightwish.

Nächstes Kapitel: Tobirama wird wieder Chef der Anbu und triff seine einstigen Schüler.

6. Kapitel: 6. Kapitel: Nur ich

CN Trauer, Verlust von Familienangehörigen, Erwähnung von Suizid
Nur ich

»Ich bin kein Freund großer Worte oder langer Reden, daher halte ich diese Zusammenkunft kurz. Ich übertrage das Kommando über die Anbu an Senju Tobirama. Von nun an wird Nidaime-sama euer Vorgesetzter sein«, sagte Minato und deutete auf besagten Mann an seiner Seite.

Wie angenehm es war, jemanden zu haben, der gleich zum Punkt kam und nicht erst tausend blumige Worte finden musste, wie es bei Hashirama der Fall gewesen war.

Tobirama ließ mit unbewegter Miene den Blick über die hier versammelten Anbu schweifen. Minato hatte sie alle vor demselben abgeschotteten Bau zusammengerufen, der schon zu Tobiramas Zeit das Hauptquartier der Anbu gewesen war. Er hatte es noch gut in Erinnerung, viel hatte sich nicht geändert.

Die Masken, die die Anbu trugen, verrieten keine Emotionen, und Tobirama stellte mit einiger Zufriedenheit fest, dass die meisten gut genug waren, um ihr Chakra zumindest einigermaßen zu verschleiern. Nicht gut genug für ihn zwar, aber doch ausreichend. Die meisten nahmen diese Neuigkeit mit ruhiger Gelassenheit hin. Bei einigen konnte Tobirama kurze Ausbrüche von Kuriosität ausmachen, bevor sie ihre Emotionen wieder unter Kontrolle hatten, und einige wenige schienen verwirrt ob dieser Veränderung.

»Die Anbu standen seit ihren Anfängen einige Jahre nach Gründung des Dorfes unter meinem Befehl«, sagte Tobirama. »Sie taten, was ich ihnen auftrug, und ich trug ihnen auf, was anija für nötig erachtete. Daran hatte sich auch nichts geändert, als ich Hokage wurde, und so blieb es bis zu jenem Moment, der dazu führte, dass ich heute hier stehe.«

Kakashis Chakra, durchmischt mit dem Chakra seines Sharingan, war leicht auszumachen unter all den Anbu. Er war mit einigen Abstand der jüngste hier, was Tobirama noch immer nicht behagen wollte. Aber vorerst wollte er es dabei belassen, obgleich er noch einige andere recht junge Anbu ausmachen konnte.

»Folgt seinem Befehl, als würden sie direkt von mir kommen, denn nicht anders wird es sein«, fügte Minato an. »Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Das wäre dann alles.«

»Jawohl!«

Etliche Anbu verschwanden mit einem Shunshin, der Rest zerstreute sich auf normalem Wege. Minato wandte sich an Tobirama.

»Ich habe veranlasst, dass man Ihnen neue Ausrüstung zu Ihnen nach Hause bringt, nachdem ich hörte, dass Ihre alte Rüstung irreparablen Schaden genommen hat. Sie werden feststellen, dass die moderne Anbu-Ausrüstung mit das beste ist, das man derzeit besitzen kann, und wahrscheinlich auch besser ist als eine solch, ahem, bitte verzeihen Sie mir meine Wortwahl, antiquierte Metallrüstung.«

Tobirama hatte das Gefühl, dass er pikiert sein müsste ob der Andeutung, seine bisherige Ausrüstung sei nicht genügend, musste aber dennoch schmunzeln. »Ich danke Ihnen für diese Umsicht, Yondaime-sama.«

Er bemerkte, wie sich ihnen jemand durch die allmählich auflösende Masse der Anbu näherte. Es handelte sich dabei um einen älteren Mann gekleidet in einen weiten, schwarzen Kimono. Er ging an einer Krücke und eine Bandage verbarg sein rechtes Auge. Erst die kreuzförmige Narbe an seinem Kinn verriet Tobirama, dass es sich bei der Person um Danzō handeln musste. Wie sehr er sich doch verändert hatte.

Danzō wirkte aufgebracht, als er sich ihnen näherte. Er gestikulierte in Richtung der Anbu um sie herum, die ihm respektvoll Platz machten, aber ansonsten ihren Geschäften nachgingen.

»Was hat das zu bedeuten? Warum wurde ich darüber nicht informiert?«, verlangte er von Minato zu wissen. Dann wandte er seinen Blick Tobirama zu und nahm Haltung an. Na immerhin. »Nun, sensei, ich kann nicht abstreiten, dass ich überrascht bin, Sie hier anzutreffen. Aber ich freue mich, Sie wohlbehalten vorzufinden.«

Irgendetwas sorgte dafür, dass sich Tobirama die Nackenhaare aufstellten, und er hatte die starke Vermutung, dass es mit dem Umstand zusammenhing, wie Danzō sein Chakra vollkommen verschleierte. Nicht einmal der Hauch einer Spur war auszumachen. Da, wo er Danzōs Chakra hätte erspüren müssen, war nichts weiter als ein großes, leeres Nichts.

»Die Freude ist ganz meinerseits«, sagte Tobirama knapp. Er erinnerte sich Torifus Worte.

»Danzō-sama, es kommt mir in der Tat sehr entgegen, dass Sie mich gerade jetzt aufsuchen, denn es erspart mir die Mühe, nach Ihnen schicken zu lassen«, sagte Minato. »Ich hatte ohnehin mit Ihnen und den anderen Beratern über einige Dinge sprechen wollen. Kommen Sie doch einfach gleich mit mir. Sie bitte auch, Nidaime-sama, wenn es genehm ist.«

Die Dinge begannen, langsam sehr interessant zu werden. Die gestundete Zeit … Was hatte Minato damit nur sagen wollen?

Eigentlich hatte Tobirama vorgehabt, sich in Ruhe durch die Archive der Anbu zu arbeiten, jetzt, wo er endlich wieder offiziell Zugang zu ihnen hatte. Aber etwas sagte ihm, dass es besser wäre, jetzt mit Minato zu gehen. Vielleicht würden dann ja endlich ein paar seiner Fragen beantwortet werden.

Gemeinsam mit Danzō folgte er Minato zurück zum Hokageturm. Danzō schwieg sich beharrlich aus, und Tobirama beschloss, ihm ebenfalls mit Stille zu begegnen. Es war immer besser, erst dann seinen eigenen Zug zu machen, wenn er alle Informationen hatte, die er benötigte. Torifus Warnung war nicht vergessen.

Tobirama versuchte wenig erfolgreich den Umstand zu überspielen, dass er noch immer peinlich kurzatmig war, als sie endlich die obere Etage des Turms erreichten. Er war doch kein alter Mann, er hatte nur ein kleines Stück seiner Lunge eingebüßt! Es konnte doch nicht sein, dass er noch immer nach nur ein paar Treppen aus dem letzten Loch pfiff wie ein alter Krüppel.

Minato und Danzō besaßen den Anstand, ihn nicht darauf anzusprechen. Statt direkt ins Büro gingen sie zum Empfangszimmer. Als sie eintraten, stellte Tobirama fest, dass hier bereits Hiruzen, Koharu und Homura auf sie warteten.

Auch Koharu und Homura waren stark gealtert und beide waren früh ergraut. Die Zeit hatte tiefe Furchen in ihre Gesichter gegraben und ihnen einen harten Zug um die Lippen verliehen. Sie wirkten bitter.

Die Möblierung war ausgetauscht worden durch zwei Plüschsofas mit rotem Bezug, auf denen Tobiramas einstige Schüler bereits Platz genommen hatten. Nur die Bilder an der Wand waren noch dieselben, mittlerweile jedoch ergänzt durch Portraits Hiruzens und Minatos. Tobirama machte sich eine geistige Notiz dieses furchtbare Bild seines Bruders endlich einmal auszutauschen, ganz gleich, was Minato, dessen Räumlichkeiten das hier jetzt immerhin waren, dazu sagen würde. Er wusste bis heute nicht, was Hashirama geritten hatte, als er dieses Kopftuch hatte tragen wollen für das Foto.

Minato wies auf die freien Plätze. »Wollen Sie sich nicht setzen?«

Tobirama warf ihm als Antwort lediglich einen stummen Blick zu und blieb stehen. Minato räusperte sich und lies das Thema fallen. Tobirama zwang sich, ruhig und tief zu atmen und nicht wie ein abgehetzter Hund zu hecheln. So viel Würde hatte er noch. Danzō jedoch kam der Aufforderung nach.

Koharu besaß den Anstand aufzustehen, um sie zu begrüßen. »Sensei, es ist mir wirklich eine große Freude, Sie wohlbehalten anzutreffen. Ich denke, ich spreche für uns alle hier, wenn ich sage, dass es eine enorme Überraschung war, als Sie wie aus dem Nichts mitten unter uns auftauchten.«

Dann waren sie also in der Tat in jenem denkwürdigen Moment anwesend gewesen.

Tobirama ließ den Blick durch den Raum schweifen und versuchte zu ergründen, was hier vor sich ging. Entgegen ihrer Worte wirkte Koharu nicht allzu glücklich über Tobiramas Anwesenheit und auch Homura machte ein ernstes Gesicht. Danzō hatte die Stirn gerunzelt und musterte Tobirama eindringlich, wie als würde er ihn abschätzen wollen. Tobirama ließ sich davon nicht beeindrucken. Dieser finstere Ausdruck mochte bei jüngeren, unerfahreneren Shinobi Eindruck schinden, aber nicht bei ihm, Danzōs einstigem sensei. Selbst Minato wirkte etwas angespannt, aber etwas sagte Tobirama, dass es nicht mit ihm direkt zu tun hatte. Allein Hiruzen bewahrte sich eine Aura der Ruhe, während er seine Pfeife paffte.

»Auch ich freue mich, meine einstigen Schüler endlich wiederzusehen. Nun, die meisten jedenfalls, Torifu berichtete mir bereits von Kagamis bedauerlichem Schicksal«, sagte Tobirama ruhig und beobachtete genau die Reaktion der vier.

Ehrliches Bedauern war in Hiruzens Augen zu sehen und in seinem Chakra zu spüren. Homura zeigte sich wenig beeindruckt ob Kagamis Erwähnung, Koharu jedoch heuchelte Betroffenheit, die Tobirama nicht in ihrem Chakra erkennen konnte. Danzō ließ noch immer nichts durch, doch seine Kiefer spannten sich an.

Unerwähnt hing im Raum, dass Hiruzen und Torifu die einzigen waren, die sich ein paar gute Manieren bewahrt und Tobirama im Krankenhaus besucht hatten. Ebenso unerwähnt und doch offensichtlich blieb der Fakt bestehen, dass Torifu der einzige war, der hier nicht anwesend war.

»Eine bedauerliche Sache, in der Tat«, sagte Koharu, als würde sie über das Wetter reden, während sie sich wieder setzte. »Allerdings sind wir doch hier alle sicher nicht nur zusammengekommen, um über alte Bekannte zu reden, nicht wahr?«

»Das stimmt«, sagte Minato. Wie Tobirama war er stehen geblieben. »Vor einigen Tagen schon unterbreitete ich Nidaime-sama das Angebot, ihm wieder die Anbu zu überlassen, und erfreulicherweise sagte er zu. Ich bat Sie hierher, um Sie darüber zu unterrichten, dass die Anbu nun wieder unter seinem Befehl steht.«

Hiruzen schmunzelte. Hatte er also davon gewusst? Koharu, Homura und Danzō jedenfalls nicht, denn sie alle wirkten überrascht ob dieser Offenbarung. Wie interessant. Tobirama würde es sich merken.

»Und Sie hatten nicht vor, uns im Vorfeld darüber zu informieren?«, verlangte Danzō zu wissen.

Tobirama lag es schon auf der Zunge, ihn für seinen informellen Ton zu schelten, schwieg dann aber dennoch. Er wollte sehen, wohin das alles führte.

Minato legte den Kopf zur Seite und tat so, als würde er überlegen. »Nun bin ich noch kein Jahr lang Hokage und sicher fehlt mir in vielem noch eine gewisse Erfahrung. Aber meinem letzten Wissensstand zufolge bin ich nicht verpflichtet, für jede meiner Entscheidungen die Zustimmung meiner Berater einzuholen.«

»Natürlich nicht, Hokage-sama«, beeilte sich Homura zu sagen. »Sie werden uns aber dennoch sicher darin zustimmen, dass diese Entscheidung auf uns doch ein wenig, wie soll ich sagen … undurchdacht wirkt.«

Minato hob eine Braue. »Und wieso, wenn ich fragen darf? Ich brauche Ihnen ganz sicher nicht zu sagen, dass ich damit nur wieder den ursprünglichen Zustand herstelle.«

»Nun, das mag stimmen«, sagte Koharu. »Aber die direkte Befehlsgewalt über die Anbu, eines Ihrer wichtigsten Werkzeuge, einfach so aus der Hand zu geben, erscheint mir widersinnig.«

»Ich hielt es für richtig«, sagte Minato in einem lockeren Tonfall. »Es erschien wiederum mir widersinnig, auf die Weisheit und Expertise Nidaime-samas zu verzichten.«

Danzō machte noch immer den Eindruck, als stimme er dem ganz und gar nicht zu. Dennoch sagte er: »Nun, da Sie wieder Ihre Anbu haben und mir die Ne untersteht, sensei, freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.«

»Die Ne? Was soll das sein?«, fragte Tobirama.

Es war Hiruzen, der antwortete. »Eine Splittergruppe der Anbu, die zu meiner Zeit eingeführt wurde. Ich hielt es für angebracht, einige der, nun, dunkleren Angelegenheiten Danzō zu überlassen, und er gründete die Ne, um diese Aufgabe zu erfüllen.«

So langsam begriff Tobirama, was Torifu gemeint hatte, als er Hiruzen entscheidungsunfreudig genannt hatte.

»Besteht denn noch ein Anlass dazu, die Anbu aufzusplittern und den Befehl über sie zu dezentralisieren?«, fragte er an Minato gewandt.

Minato machte Hashirama Konkurrenz, wenn es darum ging, möglichst unschuldig zu wirken, während er gewiss etwas ausheckte. »Wenn ich es mir recht überlege, dann nein, es besteht kein Anlass dazu.«

»Dann beantrage ich, die Anbu wieder unter meinem Kommando zusammenzuführen.«

»Genehmigt.«

Danzō sprang verblüffend agil auf und strafte seine Krücke Lügen. »Minato, das können Sie nicht machen! Ich bin geneigt, es Ihrem geringen Alter und Ihrer Unerfahrenheit zuzuschreiben, aber ich rate dringend davon ab, etablierte Systeme von jetzt auf gleich so radikal umzustrukturieren.«

Hiruzen brach in schallendes Gelächter aus. Danzō sah ihn pikiert an.

»Aber natürlich, Danzō, kann er das machen, er ist der Hokage. Vergiss das nicht. Und von welchem etablierten System reden wir? Dem, was wir daraus machten, oder dem, wie es einst gewesen war? Wenn jemand in der Lage ist, auch die dunkelsten Geheimnisse des Dorfes zu tragen, ist es gewiss unser hochverehrter sensei.«

Minato stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen da und wirkte ausgesprochen zufrieden. »Ich freue mich natürlich darüber, wenn Sie mir weiterhin beratend zur Seite stehen, Danzō-sama.«

Danzō starrte ihn mit funkelndem Auge an, schnaubte und setzte sich dann doch wieder.

Mittlerweile glaubte Tobirama, so langsam zu verstehen, was hier gespielt wurde, er war sich jedoch noch nicht sicher, was er davon halten sollte. Er wusste nur, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er Minatos Angebot angenommen hatte, obgleich er sich damit zur Spielfigur gemacht hatte in dem Spiel, das Minato hier mit ihnen trieb. Ihm war eine Rolle zugedacht worden, die er noch nicht vollständig verstand, aber ihm waren die Mittel in die Hände gelegt worden, diese Rolle auch zu erfüllen. Und das hatte er gewiss vor.

Die Schatten, von denen Torifu gesprochen hatten, schienen sich um Danzō zu ballen, und das war etwas, das Tobirama überhaupt nicht gefallen wollte. Er würde Licht in das Dunkel bringen.

 

Mit dem Kleiderbündel auf den Armen stand Kakashi etwas verloren vor dem Haus. Hier zu sein, fühlte sich immer wieder wie eine Zeitreise an. Es schien, als seien die Senju und besonders ihre Clanführer in der Zeit stehen geblieben, was ein wenig eigenwillig war, wenn man bedachte, dass sie es gewesen waren, die ein Zeitalter des Krieges beendet und die Welt in eine neue Zukunft geführt hatten.

Kakashi schüttelte den Kopf, um diese Gedanken abzustreifen. Tobirama war nicht zu Hause, wie er wusste; er hatte mitbekommen, wie Minato ihn gebeten hatte, mit ihm zu kommen. Kakashi überlegte daher, ob er die Ausrüstung einfach an der Türschwelle ablegen sollte, die er Tobirama hatte bringen sollen. Dann überlegte er es sich anders und ging doch um das Haus herum, um über den Zaun zu klettern.

Es war seltsam, nach mehreren Jahren das erste Mal wieder in Miyazaki-sans Garten zu stehen. Er war in einem wirklich üblen Zustand. Kakashi konnte erkennen, dass Tobirama bereits begonnen hatte, gegen das Gestrüpp anzukämpfen, das den Garten übernommen hatte, aber weit war er noch nicht gekommen.

Ōkami lag auf dem engawa und döste in der Herbstsonne, bemerkte aber dennoch sofort Kakashi. Sie hob den Kopf und als sie ihn erkannte, stand sie sogleich auf und trottete zu ihm. Kakashi betete stumm, nicht schon wieder abgeschleckt zu werden. Seine Gebete wurden erhört und Ōkami begnügte sich damit, ihn mit ihrer feuchten Nase anzustupsen. Schlimm genug.

»Hallo, kleiner Welpe«, begrüßte sie ihn. »Was bringt dich her?«

Kakashi zeigte ihr die Ausrüstung. »Ich soll das hier Tobirama-san bringen.«

Ōkami beschnüffelte das Bündel in Kakashis Händen und knabberte an der Wolfsmaske, die obenauf lag. Die Maske hielt ihren Zähnen stand. Ōkami schien zufrieden und wedelte mit dem Schwanz.

»Leg es irgendwo ab.«

Kakashi ging zum Haus und versuchte sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, als Ōkami neben ihm her trottete. Sie schien es nicht zu stören, dass er sich einfach so über den Gartenzaun hinweg Zugang verschafft hatte. Er hatte nicht weiter darüber nachgedacht, er hatte das früher auch so gemacht. Aber jetzt kam ihm der Gedanke, dass Tobirama das vielleicht nicht mögen würde. Er kannte Kakashi ja kaum.

»Bleib doch noch ein wenig«, schlug Ōkami vor, als Kakashi seine Lieferung auf dem engawa abgelegt hatte. »Mein Welpe müsste bald wieder da sein. Bis dahin kannst du uns ein wenig mit dem Garten aushelfen.«

Kakashi ließ die Gesamtheit des Anblicks der Wildnis vor ihm auf sich einwirken.

»Uff«, war alles, was er dazu sagte.

Ōkami fixierte ihn mit ihrem beunruhigend intelligenten Blick. Kakashi nickte hastig.

»Gern«, krächzte er.

Ōkami setzte sich auf ihre Hinterläufe. »Mein Welpe fing mit den wilden Brombeeren an. Ich schlage vor, du machst da weiter. Obgleich ich es ein wenig bedauerlich finde, Miyazaki-chan hätte sie sicher gern gegessen.«

Kakashi hatte wirklich keine Ahnung, wo er da anfangen sollte. Das stachelige Gesträuch war schlicht überall und wucherte wie Unkraut. Dann zuckte er mit den Schultern und fing einfach irgendwo an.

Das einfachste war es, die wilde Hecke mit seinem Chidori zu durchschneiden. Er konnte sich immer noch hinterher überlegen, wo er den Grünschnitt entsorgen konnte, und warf für den Anfang einfach alles in irgendeiner Ecke auf einen Haufen. Ōkami, stellte sich heraus, war gut darin, ihm Anweisungen zu geben, und selbst keinen Finger krumm zu machen. Nun, Pfote in ihrem Fall.

»Warum nennen Sie Tobirama-san eigentlich die ganze Zeit Welpe?«, fragte Kakashi irgendwann, um sich die Zeit während der etwas trögen Arbeit zu vertreiben.

Ōkami beobachtete seelenruhig, wie er eine weitere Armladung voll klein geschnittenem Dornengesträuch auf den Haufen beförderte und sich dabei vergeblich bemühte, sich nicht zu stechen.

»Weil er eben mein Welpe ist«, sagte sie, als sei es das normalste der Welt.

»Ja, aber warum?«

Ōkami sah ihn mit schief gelegtem Kopf an. »Er war ein kleiner, streunender Welpe ohne Rudel, als er zu uns kam und darum bat, Teil des Rudels zu werden. An euren Jahren gemessen war er wohl zwölf Jahre alt gewesen. Mit uns Wölfen ist es anders als beispielsweise den Kröten vom Berg Myōboku, wir dulden es nicht, dass einfach irgendwer daherkommt, mit uns einen Vertrag unterzeichnet und uns dann nach Lust und Laune herbeizitiert. Also musste er sich seinen Platz im Rudel erkämpfen. Und das tat er. Die Narben trägt er bis heute stolz im Gesicht. Er ist nicht nur Teil des Rudels, sondern mein Welpe und ich seine Mutter. Du würdest es vielleicht Sentimentalität nennen, dass ich ihn immer noch meinen Welpen nenne, aber das wird er nun einmal für immer für mich bleiben.«

Kakashi hatte das Gefühl, dass es ihm nicht zustand zu fragen, was mit Tobiramas leiblicher Mutter passiert war. Ihm war nicht entgangen, wie er über seinen Vater geredet hatte, als er ihn neulich erwähnt hatte.

Tobirama fand ihn, wie er sich noch immer damit abmühte, auch nur ansatzweise der Brombeerhecke Herr zu werden. Kakashi hatte nicht den Eindruck, dass er irgendwie vorangekommen war, obwohl der Haufen mit dem Grünschnitt mittlerweile mannshoch war. Seine Arme hatten den Kampf gegen die Dornen ebenfalls verloren.

Tobirama betrachtete erst die Wolfsmaske in seinen Händen und sah dann zu Kakashi. »Kakashi, dein sensei ist ein schlauer Fuchs.«

Kakashi beschloss, dass er genug geschuftet hatte. »Sagen Sie mir etwas Neues.«

Die leiseste Andeutung eines Lächelns deutete sich auf Tobiramas Gesicht an. Seine Mimik wirkte genauso steinern wie sein Portrait an der Felswand, was Kakashi noch immer verunsicherte. Er war sich nicht sicher, was er von diesem Mann halten sollte.

»Komm doch herein, ich kann uns beiden Tee machen«, lud Tobirama ihn ein.

Kakashi antwortet nicht gleich, unsicher, ob es angemessen wäre, das Angebot auch anzunehmen. Ōkami stieß ihm sanft ihre Schnauze in den Rücken und beantwortete damit seine Frage. Er ließ sich von ihr in das Haus führen.

Es war nun schon einige Jahre her, seit er das letzte Mal hier gewesen war, aber es hatte sich nichts verändert. Zumindest im Haus hatte es Tobirama mittlerweile geschafft, wieder für Ordnung zu sorgen und die Spuren der Jahre zu beseitigen, in denen hier niemand mehr gewohnt hatte.

Statt in die Küche zu gehen, begab sich Tobirama in einen der Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss, wo sich noch bis zu diesem Tag ein irori befand. Mito-hime hatte immer darauf bestanden, dass die antiquierte Feuerstelle erhalten bliebe, obwohl das Haus mittlerweile doch moderne Heizsysteme hatte, und wie es schien, hatte auch Tobirama vor, nichts daran zu ändern.

Ein kleines Feuer brannte hier mit steter Flamme und erhitzte einen gusseisernen Teekessel, der an einem langen Haken darüber aufgehangen worden war. Tobirama brachte ihnen Teeschalen aus feinem Porzellan und goss ihnen dann beiden Tee ein. Der Tee machte kaum ein Geräusch, als er in die Schalen floss.

»Aber Sie wissen schon, dass man heutzutage keine Zeremonie mehr daraus machen muss, wenn man Tee trinken will?«, warf Kakashi trocken ein.

Tobirama sah ihn an, als habe er das schlimmstmögliche Kapitalverbrechen begangen.

»Das hier«, sagte er und deutete auf den irori, »ist die einzig angemessene Weise, Tee zuzubereiten außerhalb des sadō. Diese neumodischen Gerätschaften halten das Wasser nicht auf der richtigen Temperatur, das schaffen nur Holzbriketts in genau der richtigen Form.«

Kakashi verkniff sich ein Grinsen unter seiner Maske. Wirklich sehr angestaubt.

Sie hatten sich an einen kotatsu gekniet, von wo aus sie noch immer die Wärme des Feuers spüren konnten. Ōkami hatte sich zu ihnen gelegt und Tobirama lehnte sich gegen ihre Flanke.

Noch etwas anderes hatte Kakashis Aufmerksamkeit erregt. Auf dem Tisch lag etwas, das wie ein lederner Armschoner aussah, jedoch mit einem kompliziert wirkenden Mechanismus an der Unterseite, der eine schmale Klinge zu bedienen schien. Kakashi deutete darauf.

»Was ist das?«

»Schau her.« Tobirama befestigte die Konstruktion an seinem linken Unterarm, mit dem Mechanismus an der Unterseite, und ballte die Hand zur Faust. Die Klinge schnellte hervor, genau dort, wo seine fehlenden Finger waren.

Kakashi machte große Augen. Das erschien ihm eine äußerst nützliche Waffe.

»Ich hatte die Idee schon länger und bastelte bereits seit einigen Jahren daran«, erklärte Tobirama. »Aber du siehst ja, wie die Klinge positioniert ist, und ich war nicht erpicht darauf, mir selbst die Finger zu amputieren. Ich hatte versucht, den Mechanismus zu adjustieren, konnte aber leider kaum Zeit für solche privaten Vergnügen aufbringen. Das Problem hat sich nun von selbst gelöst.«

»Darf ich?«

Tobirama nickte und löste die Armschiene wieder. Er überreichte sie Kakashi, der sie fasziniert musterte. Der Mechanismus war sehr fein gearbeitet und bestand aus zahlreichen kleinen Rädchen und Haken, die alles an Ort und Stelle hielten, es aber auch ermöglichten, die Klinge wieder einzuziehen. Die Klinge selbst bestand aus mehreren Teilen, die sich ineinander schieben ließen, und besaß eine dünne Rinne entlang des Blattes. Gift. Das Metall war schlicht gehalten, aber vereinzelt konnte Kakashi feine Gravuren erkennen. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass es sich um die Anfänge von Siegeln handelte. Tobirama hatte anscheinend noch nicht die Zeit gefunden, daran weiterzuarbeiten.

Er reichte die Waffe zurück. »Ich dachte, Ihre Spezialität wären Siegel, Tobirama-san?«

»Das sind sie auch. Aber gelegentlich kann man doch auch in andere Arbeitsfelder hineinschauen. Und ich bitte dich, Kakashi, sprich mich nicht so förmlich an.«

»Aber …«, protestierte Kakashi schwach. »Sie sind jetzt mein Boss.«

»Und dein Großvater.« Tobirama sah ihn durchdringend an. »Ich hatte sogar Tsunade erlaubt, mich Tobi-oji zu nennen, obwohl ich es hasse, wenn mein Name so verhunzt wird.«

Kakashi sah zu Tobirama. Es war eine Sache zu wissen, wer seine Familie war, eine andere, es auch zu fühlen. Für eine Weile lang war sein Vater seine Familie gewesen, aber dann war er gegangen, hatte sich selbst aus Kakashis Leben entfernt. Lange Zeit war der Platz, den Sakumo eingenommen hatte, leer gewesen, aber allmählich hatten Obito und Rin diese Leere gefüllt. Und dann waren auch sie nicht mehr gewesen, dann waren auch sie gewaltsam aus seinem Leben gerissen worden. Kakashi wusste nicht, ob er das ein drittes Mal riskieren wollte. Jedes Mal war ein Teil von ihm mit ihnen gestorben.

Andererseits … Die Einsamkeit war beinahe noch schmerzvoller.

In all den Monaten, in denen er über Kushina gewacht hatte, war ihm etwas präsentiert worden, das er nicht haben durfte. Die Liebe und Wärme einer Familie. Jetzt wurde ihm das wieder unter die Nase gehalten wie ein unwiderstehliches Lockmittel und er hatte das Gefühl, dass es ihm jederzeit wieder entzogen werden könnte, genauso plötzlich wie die Tode seines Vaters, Rins und Obitos. Es wurde ihm hingehalten, gerade so außerhalb seiner Reichweite, und wenn er die Hand danach ausstreckte, wurde es rasch weggezogen.

»Ich …« Seine Kehle war wie zugeschnürt. »Es ist nicht so einfach.«

Ōkami fixierte ihn mit ihren goldenen Augen. »Du bist Rudel, vergiss das nicht. Wir sind für dich da, komme, was da wolle.«

Tobirama streckte die Schultern und ließ wie immer nicht durchblicken, was er von Kakashis Antwort hielt.

»Da du jetzt schon einmal hier bist, Junge, hast du Lust, mit mir durch ein paar Fotoalben zu blättern? Ich habe sie beim Aufräumen gefunden, sie sind nur ein wenig angestaubt.«

Minato hatte ganz sicher nicht zufällig Kakashi geschickt, um Tobirama seine Ausrüstung zu bringen. Sein sensei tat selten etwas, das er nicht vorher gründlich durchdacht hatte. Wie Tobirama so treffend formuliert hatte: Er war ein cleverer Fuchs, der seine Mitmenschen durchschauen konnte wie kaum jemand sonst.

Kakashi entschied sich dafür, den Sprung zu wagen, und nickte. Es war ein Sprung ins eiskalte Wasser und vielleicht würde er es sehr bald schon bereuen, aber jetzt, in diesem Moment, wollte er sich der Illusion hingeben.

»Warte hier.«

Tobirama verschwand und kam nach einigen Minuten wieder mit mehreren in der Tat sehr angestaubten Fotoalben. Er wischte den Staub von ihnen, während sich Kakashi neben ihn kniete. Kakashi entging nicht, wie Tobirama die ersten Seiten des Albums, das wohl das älteste schien, kommentarlos überblätterte. Stattdessen suchte er ein ganz bestimmtes Bild heraus, eine alte Schwarzweißfotografie einer jungen Frau. Sie trug einen prächtigen kurotomesode und hatte die Haare im shimada Stil hochgebunden. Eine Geisha. Das Foto war aufgenommen worden, als sie vor dem Eingangsbereich einer okiya posierte. Ihr dick mit oshiroi bemaltes Gesicht verriet ihre Emotionen nicht, doch ihre Lippen waren zu einem leichten Lächeln gemalt worden, in dem unendliche Geheimnisse zu liegen schienen.

»Das ist deine Großmutter Chio. Ihr Bühnenname ist … war Mineko«, sagte Tobirama. »Das Foto war aufgenommen worden, kurz nachdem sie ihre Zeit als Maiko beendet hatte und sich nun Geisha nennen durfte.«

Kakashi sah ihn fragend an. »Ich dachte, sie wäre eine kunoichi gewesen?«

»Nein. Sie war als junges Mädchen an ihre okiya verkauft worden; damals waren solche Praktiken noch üblich, obwohl sich die Situation später verbessert hatte für die Mädchen. Ich hatte sie kennengelernt, als sie noch eine Maiko gewesen war, aber als solche hatte sie sich bereits einen gewissen Namen gemacht. Sie war recht gefragt gewesen. In einem hanamachi gehen Abend für Abend viele Menschen aus und ein und in den Teehäusern wird viel geredet. Ein reicher Quell der Informationen also. Es war nicht allzu leicht, eine Künstlerin zu finden, die gewillt war, für einen ihrer Kunden ihre anderen Kunden auszuhorchen, aber sie war bereit, mit mir zusammenzuarbeiten. Die meisten ihrer Kunden behandelte sie mit äußerster Diskretion, aber manchmal hörte sie eben doch Dinge, die für mich von Bedeutung waren. Außerdem muss ich gestehen, dass ich ihre Gesellschaft bald schon zu schätzen lernte, auch rein über meine Arbeit hinaus; sie war eine begnadete Tänzerin. Es war daher eine Selbstverständlichkeit, dass ich ihr danna wurde.«

Kakashi sah ihn fragend an. »Was soll das sein?«

Geisha waren für ihn ein Buch mit sieben Siegeln, eine völlig eigene Welt, mit der er absolut keine Berührungspunkte hatte. Er hätte nicht gedacht, dass seine eigene Großmutter eine Geisha gewesen war und anscheinend sogar eine recht bekannte.

»Ein danna ist ein Patron, der die Geisha finanziell in der Ausübung ihres Berufes unterstützt und im Gegenzug das exklusive Recht erhält, sie auch im privateren Raum zu treffen, als es beispielsweise während einer Teezeremonie der Fall wäre. Besonders für wohlhabende Männer ist es ein Zeichen ihres Status, der danna einer Geisha zu sein, ganz unabhängig davon, dass sie vielleicht mit einer anderen Frau verheiratet sind und ihren eigenen Haushalt führen. Es ist natürlich eine kostspielige Angelegenheit. Was Chio hier auf diesem Bild trug, kostete genug, um eine kleine Familie einen Monat lang zu ernähren.«

Kakashi schwirrte der Kopf bei der Vorstellung von so viel Geld.

Tobirama schien zu bemerken, was ihm durch den Kopf ging. »Es war nun einmal so, dass der Krieg uns reich machte, besonders, nachdem Hashirama die Clanführung übernommen hatte. Niemand konnte ihm die Stirn bieten außer Madara, und man bot uns viel Geld für unsere Dienste. Die Jahre zuvor jedoch … Meine Brüder und ich, wir kennen Hunger. Wir hatten schon als Kinder erfahren, wie es ist, Schuhsohlen auszukochen, nur um irgendetwas zu haben, auf dem man kauen kann. Das vergisst man nicht, niemals.«

Er blätterte zu einem anderen Bild. Dieses zeigte Chio auf der Bühne bei einer ihrer Vorstellungen. Kakashi wünschte, es wären bewegte Farbbilder. Dieses stille Foto war nur ein schwaches Echo der Eleganz, die sie in ihre Bewegung gelegt hatte.

»Chio lebte für ihren Beruf. Geisha zu sein, war ihr Lebensziel. Ich hatte immer akzeptiert, dass sie an erster Stelle Geisha war und ich erst an zweiter Stelle kam. Wir hatten daher erst geheiratet, als sie ihre Kariere als Geisha mit Anfang dreißig beendete.«

»So früh schon?«, wunderte sich Kakashi.

Tobirama zuckte mit den Schultern. »So war das eben. Viele ehemalige Geisha verbleiben jedoch im hanamachi und übernehmen die Leitung einer okiya oder arbeiten als Lehrerinnen für die jungen Maiko. Schon zu Chios Zeiten zeichnete sich jedoch ganz allmählich ein Umbruch Jahrhunderte alter Traditionen ab, es ist also gut möglich, dass sich jetzt ein paar Dinge geändert haben.«

Er blätterte weiter durch das Album. Das nächste Bild zeigte ihn selbst an Chios Seite. Hier trug Chio noch immer einen wertvoll wirkenden, aber doch alltagstauglicheren Kimono und auch ihre Haare waren zu einer schlichteren Frisur hochgesteckt. Auch Ōkami war auf dem Bild, die ein Kleinkind auf dem Rücken trug. Das Kind hatte seine kleinen Hände in ihr Fell gekrallt und lachte glücklich in die Kamera.

Tobirama strich mit den Fingern über das Bild und sein Blick war weit in die Vergangenheit gerichtet. Mit einem Male ging Kakashi auf, was diese ganze Situation für seinen Großvater eigentlich bedeuten musste. Ihm war mit Sicherheit bewusst gewesen, dass es sein Tod sein würde, als er sich den Gold und Silber Brüdern gestellt hatte, und dann hatte er den letzten Ausweg gewählt, der ihm noch geblieben war, in der verzweifelten Hoffnung, zu seiner Familie zurückkehren zu können. Doch mit einem Schlag hatte sich alles geändert, mit einem Schlag waren alle tot, die er gekannt hatte, und von seiner Familie war nichts weiter übrig als Kakashi, ein Junge, den er doch eigentlich gar nicht kannte.

»Das ist dein Vater«, sagte Tobirama. »Er hatte es geliebt, auf Ōkami zu reiten, ganz so wie Miyazaki und Tsunade, als sie Kinder gewesen waren. Als er alt genug für die Akademie war, hatte er das natürlich abgestritten. Das sei was für Kinder, hatte er gesagt.«

»Das ist natürlich Unfug«, warf Ōkami ein. »Mein Welpe reitet jetzt noch auf mir. Ich lasse nur Welpen meines Rudels auf meinen Rücken. Das ist ein Privileg, Kakashi-chan.«

»Es tut mir leid«, wisperte Kakashi.

Tobirama sah ihn an und runzelte die Stirn. »Was tut dir leid?«

Kakashi ließ die Schultern hängen. »Dass ich nur ich bin. Dass nur noch ich da bin. Mein Großvater war … ist der Weiße Wolf von Konoha und mein Vater der Weiße Reißzahn und ich bin nur der Kopierninja. Und selbst das nur wegen eines Sharingan, das nicht einmal meines ist.«

Tobirama sah ihn einen Moment lang an und schien nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte. Dann jedoch glätteten sich seine Gesichtszüge. »Nur? Das ist keine kleine Leistung, ein Sharingan zu beherrschen, das einem gegeben wurde. Nicht einmal alle Uchiha können es vollumfänglich nutzen. Und dieses Jutsu, das du vorhin angewendet hast, das erschien mir ebenfalls sehr komplex. Ich hatte dich eine kleine Weile beobachtet, du scheinst es sehr gut zu beherrschen. Möchtest du mir mehr darüber erzählen? Es ist mir neu, ich kenne es nicht.«

Kakashi wandte verlegen den Blick ab. »Ich hab‘s Chidori genannt. Minato-sensei hatte versucht, mir sein Jutsu beizubringen, Rasengan, aber es wollte nicht so wirklich funktionieren. Also habe ich es auf meine Weise abgewandelt und das kam dabei heraus.«

Ōkami setzte sich um und leckte ihm über die Haare. Kakashi grummelte missmutig, ließ sie aber gewähren. Gegenwehr schien ohnehin zwecklos.

»Miss dich nicht an anderen, kleiner Welpe. Das ist für sich genommen eine großartige Sache, du solltest das nicht kleinreden.«

»Sie hat Recht«, stimmte Tobirama ihr zu. »Wenn du auch nur eine Sache von mir lernen solltest, dann die Lektion, dass du immer gut beraten bist, auf Ōkami zu hören.«

Ein winziges Lächeln zupfte an Kakashis Mundwinkeln. Unter seiner Maske sah man es vielleicht nicht einmal. »Ich kann es Ihnen zeigen, wenn Sie das wollen, Tobirama-san.« Zögernd fügte er an: »Sofu.«

Es ging wirklich seltsam von der Zunge.

Ōkami bellte einmal kurz auf, und Kakashi brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass das wohl ihre Art des Lachens war. Tobirama machte ein Gesicht, als habe er auf eine fürchterlich saure Zitrone gebissen, was das ausdrucksstärkste war, was Kakashi bisher auf seinem Gesicht gesehen hatte. Es war beinahe ebenso irritierend, wie seine versteinerte Miene.

»Weiß du was, Junge, es ist am besten, wenn du mich einfach beim Namen nennst. So alt bin ich nun auch wieder nicht.«

Ōkami hob die Lefzen. Sollte das ein Grinsen sein? »Kakashi-chan, du hast meine offizielle Erlaubnis, ihn einen alten Mann zu nennen.«

»Nein!«, protestierte Tobirama.

Ōkami brachte ihn zum Schweigen, indem sie ihm das Gesicht abschleckte. Tobirama grummelte verstimmt. Kakashi grinste unter seiner Maske.

Irgendwann einmal erwies die Wölfin dennoch Gnade und ließ von Tobirama ab. Noch immer grummelt rückte er sich sein happuri zurecht im vergeblichen Versuch, sich einen letzten Rest Würde zu wahren.

»Kakashi-chan, bitte befriedige meine Neugierde«, wandte sie sich an Kakashi. »Du schienst sehr vertraut mit diesem Ort, als du vorhin die Sachen für meinen Welpen brachtest. Wie kommt es?«

Tobirama musterte ihn. Ihn schien das ebenfalls zu interessieren. Es wäre wohl nur fair, ihm endlich auch ein bisschen mehr über sich selbst zu sagen, überlegte Kakashi, so schwer es ihm auch fallen mochte. Er dachte nicht gern an das, was gewesen war.

»Ich habe hier eine Zeitlang gelebt«, eröffnete er daher.

Tobirama nahm es kommentarlos hin und hob nur eine Braue.

»Nachdem Vater …« Kakashi räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals zu lösen. »Als er … Nun, danach jedenfalls hatte Miyazaki-san mir angeboten, hier einzuziehen. Die Alternative wäre das Waisenhaus gewesen, und das war nicht wirklich eine Alternative. Aber irgendwann einmal waren es nur noch Tsunade und ich, und Tsunade hatte beschlossen, das Dorf zu verlassen. Also hatte ich Vaters altes Haus verkauft und mir von dem Geld die Wohnung besorgt, die ich jetzt hab.«

Tobirama sagte eine ganze Weile lang nichts und schien über etwas nachzudenken.

»Kakashi …«

Doch er sprach nie aus, was er hatte sagen wollen.

Kakashi nahm all seinen Mut zusammen und wisperte: »Ich kann dir zeigen, wo sie alle begraben liegen.«

Statt einer Antwort nickte Tobirama nur stumm. Ōkami jaulte leise und stupste ihn mit ihrer Schnauze an.

Kakashi führte sie zum Friedhof. Eine bedrückte Stimmung lag über ihnen, als sie diesen Gang antraten. Es wäre Kakashi lieber, wenn sie das nie getan hätten, aber ihm war gleichzeitig bewusst, dass es nicht zu vermeiden war. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass er es Tobirama schuldig war.

Wie eh und je ragte das Flammenmonument über dem stillen Ort auf. Im Licht der Abendsonne schien es, als würde es in der Tat in Flammen stehen. Sowohl Hashiramas als auch Tobiramas Namen waren darin eingraviert, verziert mit dem Clanwappen der Senju. Nicht weit davon entfernt waren die Grabplatten ihrer Familie. Mito und Chio, Miyazaki und Sakumo und auch Nawaki.

Wie versteinert stand Tobirama vor den Gräbern und starrte auf das, was von seiner Familie geblieben war. Nichts als lebloser, kalter Stein und Namen, die darin eingeritzt waren. Kakashi hielt sich ein wenig hinter ihm und wusste nicht, was er tun sollte. Es war alles so furchtbar verwirrend. In ihm waren so unendlich viele Gefühle und gleichzeitig eine ebenso unendliche Leere. Also tat er das einzige, was sich richtig anfühlte.

»Es war Suizid«, begann er leise.

Tobirama hatte die Hände zu Fäusten geballt und konnte doch nicht ihr Zittern verbergen.

»Es war wegen einer Mission, ich … ich weiß nicht einmal, worum es dabei gegangen war. Aber sie war wohl wichtig gewesen. Aber Vater hatte sich dafür entschieden, seine Kameraden zu retten, statt die Mission zu Ende zu bringen. Sie alle überlebten, aber ihre Mission scheiterte. Statt ihm jedoch für ihre Rettung zu danken, ächteten seine Kameraden ihn. Die oberste Pflicht eines Shinobi sei die Erfüllung der Mission. Das sind die Regeln, und wer die Regeln nicht befolgt, ist Abschaum.«

Nach dem Schock war die Wut gekommen. Kakashi hatte gehört, was die Erwachsenen hinter seinem Rücken über seinen Vater wisperten, und eine Weile hatte er gedacht, das sei die Wahrheit. Erst Obito hatte ihm gezeigt, dass dem nicht so wahr.

»Sie sagten, er habe nichts vom Beispiel seines Vaters gelernt. Sie sagten, gerade er müsse doch wissen, dass Selbstaufopferung seine Pflicht gewesen wäre. Sie dankten ihm nicht einmal dafür, dass er sie gerettet hatte, und schienen es gar als Schande anzusehen, einmal seine Kameraden gewesen zu sein.«

Tobirama hatte die Augen fest zusammengekniffen und konnte doch nicht die Tränen zurückhalten. Seine Kiefer mahlten, seine ganze Haltung war angespannt.

»Und dann, eines Tages, fand ich ihn, wie er sich selbst entleibt hatte.«

Tobirama presste die Hand vor den Mund im vergeblichen Versuch, sein Schluchzen zu unterdrücken. Seine Schultern bebten und die Tränen rannen ihm über die Wangen. Ōkami reckte den Kopf gen Himmel und ließ ein wehklagendes Heulen vernehmen.

Kakashi stand verloren neben ihnen und wusste nicht, was er tun sollte.

»Aber ich weiß jetzt, das die, die ihre Kameraden im Stich lassen, schlimmer sind als Abschaum«, wisperte er in den Wind.

"Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont." ist ein Zitat aus dem Gedicht Die Gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann.

Nächstes Kapitel: Tobirama ertränkt sich in Arbeit.

7. Kapitel: 7. Kapitel: Anbu

Anbu

Wie er es immer tat, wenn da etwas war, das ihm nicht behagte, ertränkte sich Tobirama in Arbeit. Und davon hatte er derzeit nun wirklich mehr als genug. Es gab so viel, das er tun und wo er wieder anknüpften musste. Vierzig Jahre waren eine lange Zeit, umso mehr, da für ihn seitdem nur wenige Wochen vergangen waren.

Einfach alles hatte sich in nur einem Augenblick verändert.

Nun stand Tobirama in seinem alten Labor, eine geheime Einrichtung im Untergrund, zu der nur er und von ihm autorisierte Personen Zutritt hatten. Minato hatte auf seine Warnung gehört und die Markierung nicht genutzt, die hierher führte. Ansonsten hätte er die Sicherheitsmaßnahmen ausgelöst und den ganzen Ort samt sich selbst gesprengt.

Zufrieden stellte Tobirama nach einer ersten Überprüfung fest, dass die Schutzsiegel noch intakt waren. Der Ort war natürlich eingestaubt und ein paar kleine Spinnen hatten es doch geschafft, einen Weg hinein zu finden, denn in den Ecken hingen dicke Spinnweben. Aber ansonsten war noch alles so, wie Tobirama es zurückgelassen hatte.

Die Stille war allumfassend, nur unterbrochen vom Summen des Stromgenerators. Er hatte ein wenig gestottert, als Tobirama ihn angeworfen hatte, um das Labor zu beleuchten, aber noch tat er seinen Dienst. Tobirama würde ihn dennoch überprüfen müssen. Das Licht flackerte auf.

Alles war mit einer dicken, grauen Staubschicht überzogen, die seit Jahrzehnten niemand mehr gestört hatte. Die Luft war trocken und abgestanden, er würde also auch das Lüftungssystem sehr bald prüfen müssen. Vorsichtig ging Tobirama voran, um den Staub nicht allzu sehr aufzuwirbeln, und prüfte die Regale und Tresore. Alles war so ordentlich und exakt eingeräumt, wie er es zurückgelassen hatte.

Seine Hand hielt über dem Zahlenschloss des letzten Tresors inne. Er runzelte die Stirn. Dann beugte er sich vor, um besser sehen zu können. Tatsächlich. Der Strich war nicht genau exakt eingestellt. War er in Eile gewesen, als er das letzte Mal an diesem Tresor war? Aber nein, das konnte nicht sein, er konnte sich daran nicht erinnern. Immerhin war dies der Ort, an dem er seine Aufzeichnungen für Edo Tensei aufbewahrte, seine sensibelste Forschung.

Mit einem kurzen Chakrastoß löste er die Siegel und gab dann die Zahlenkombination ein. Alles war noch beim Alten. Dann öffnete er die schwere Tür.

»Scheiße.«

Die Schriftrollen waren zwar noch auf die Weise gestapelt, wie er es gern tat, doch die Reihenfolge war vertauscht. Auf keinen Fall war er dafür verantwortlich. Für ihn waren zwar über zwei Monate vergangen, seit er das letzte Mal hier gewesen war, aber er war sich absolut sicher, dass er niemals so nachlässig gewesen wäre, ausgerechnet diesen Tresor nicht mit äußerster Bedachtsamkeit zu behandeln. Das ließ nur einen Schluss zu.

Jemand war hier gewesen.

Aber warum? Warum solch große Vorsicht walten lassen und alles so zurücklassen, wie sie es vorgefunden hatten? Alle hatten angenommen, er sei gestorben, es gab also keinen Grund, Spuren zu verwischen. Es würde Sinn machen, behutsam die Siegel zu entschärfen, die den Ort sicherten, doch wenn sie erst einmal drin gewesen wären, gab es keinen Grund mehr, ihre Anwesenheit vor ihm zu verbergen. Jedem anderen wären diese winzigen Details wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen, aber er hatte sich schon etwas dabei gedacht, sein Labor jedes Mal exakt gleich zu verlassen.

Wie hatte es irgendwer hier hereinschaffen können, ohne großen Schaden anzurichten? Wer außer Mito wusste noch in solcher Detailliertheit über seine Siegel Bescheid, um sie so geschickt zu umgehen? Und Mito war es ganz bestimmt nicht gewesen, obgleich sie zu den ganz wenigen gehörte, der er freien Zutritt gewährt hatte (die andere Person war sein Bruder gewesen). Sie war es doch erst gewesen, die auch noch schärfere Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf Edo Tensei bestanden hatte. Sie hatte um die Sensibilität dieser Informationen gewusst, mit Sicherheit war sie lediglich hier gewesen, um die Integrität der Siegel über die Jahren hinweg zu prüfen. Tobirama sah keinen Grund, warum sie Hand an die Formeln für Edo Tensei legen sollte.

Er griff nach der obersten Schriftrolle und besah sich ihren Inhalt. Alles war noch so, wie es sollte. Während er auch durch die anderen Schriftrollen ging, sann er über dieses Rätsel nach.

Minato hatte gezeigt, dass er sehr versiert mit Siegeln war, aber warum hätte er Tobirama anlügen sollen, als er meinte, er könne Tobiramas Hiraishin-Markierungen nicht nutzen? Und würde er geschickt genug sein, um Tobiramas höchste Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen, die von Mito sogar noch verschärft worden waren? Wenn sie beide sich zusammengetan hatten, gab es niemanden, der es mit ihnen aufnehmen konnte, wenn es um Siegel ging.

Der junge Hokage hegte ein Interesse an Tobiramas Siegeln. Aber dennoch sagte ein Bauchgefühl ihm, dass die Sache nicht so einfach war. Wer also käme noch in Frage? So spontan fiel Tobirama niemand ein. Er würde die Sache weiter untersuchen müssen.

Was ihn zu seinem nächsten Tagespunkt brachte.

Er schloss die Siegelrollen wieder sorgfältig weg und versiegelte sein Labor. Dann teleportierte er sich zu seiner Hiraishin-Markierung in der Zentrale der Anbu. Er hatte sich dort ein kleines Büro einrichten lassen, das ihm die Arbeit erleichtern würde.

Wie er es gehofft hatte, fand er bereits Kakashi und seine Teamkameraden vor. Sie alle trugen ihre Anbuausrüstungen, ihr Chakra zeigte keinerlei Überraschung, als Tobirama vor ihnen aus dem Nichts heraus auftauchte. Als einzige Reaktion verneigten sie sich lediglich vor ihm.

Tobirama setzte sich an seinen neuen Schreibtisch und betrachtete die vier maskierten Personen vor sich. Er hatte bereits etwas Zeit finden können, die Unterlagen über sie zu studieren und hatte sich so ein erstes Bild von dem Team machen können, das sein Enkel führte. Sie machten einen ganz guten Eindruck.

»Ich habe eine Suchmission für euch«, kam er sogleich zur Sache. »Zugegebenermaßen privater Natur. Ihr sollt Tsunade für mich finden.«

Kakashi hob den Kopf. »Meinen letzten Informationen zufolge hatte Sandaime-sama verordnet, dass wir aus Konoha sie in Frieden lassen sollen.«

»Ich weiß«, räumte Tobirama ein. »Deswegen schicke ich dich und dein Team. Ich würde selbst gehen, aber gegenwärtig fehlt mir schlicht die Zeit dafür. Wenn ihr sie findet, wünsche ich, dass ihr sie über die gegenwärtige Lage informiert und ihr ausrichtet, dass ich sie gern sprechen würde. Wie ich sagte, ist diese Mission privater Natur.«

Kakashi nahm es ohne weiteren Kommentar hin. »Irgendeine Idee, wo wir anfangen sollen?«

»Laut den letzten Informationen, die Saru vorlagen und die er mir freundlicherweise zur Verfügung stellte, hält sie sich in Tanzaku-Gai auf. Das ist allerdings schon einige Monate her, die Spur könnte also schon kalt sein.«

»Das wird kein Problem sein«, versicherte Kakashi ihm. »Pakkun hat eine hervorragende Spürnase.«

»Das erfreut mich zu hören. Ihr könnt gehen. Brecht so bald als möglich auf.«

Die vier Anbu bestätigten ihre Anweisung mit einem Salut, dann gingen sie. Lediglich Kakashi zögerte einen Moment in der Tür, als seine Kameraden den Raum bereits verlassen hatten.

»Was gibt es, Kakashi?«, fragte Tobirama ihn daher.

Kakashi wandte ihm den Blick zu. Dann schüttelte er doch den Kopf. »Ach, nichts. Ich geh besser meine Sachen packen.«

»Warte noch einen Augenblick«, hielt Tobirama ihn auf. »Und schließ die Tür.«

Kakashi kam dem nach und setzte dann seine Maske ab. So konnte Tobirama den fragenden Ausdruck auf seinem Gesicht sehen.

»Eine Sache habe ich noch für dich und nur für dich«, begann Tobirama. »Meine Anbu damals war handverlesen und ich wusste von allen, dass ich ihnen mein Leben anvertrauen konnte. Das ist jetzt nicht mehr der Fall, sie sind alle Fremde für mich. Ich will, dass du, während du weg bist, dir Gedanken dazu machst, welche Anbumitglieder besonders vertrauenswürdig sind, und mir bei deiner Rückkehr eine Liste vorlegst.«

Kakashi legte den Kopf schief. »Aber mir vertraust du?«

»Nun, irgendwo muss ich ja anfangen.« Er würde nicht so weit gehen und Kakashi bereits jetzt in all seine Geheimnisse einweihen. Aber er hatte ihn immerhin in sein Haus eingeladen, das war Vertrauensbeweis genug.

Kakashi zuckte mit den Schultern. »Wird erledigt.« Er zögerte sichtlich einen Moment lang, dann fügte er doch an: »Worum geht‘s hier eigentlich wirklich?«

Er war aufmerksam, das musste man ihm lassen.

»Du bist Familie, deswegen kann ich nur dich bitten, Tsunade für mich ausfindig zu machen«, sagte Tobirama ihm daher. »Wie ich bereits sagte, würde ich gern selbst gehen, aber wahrscheinlich wäre das ein zu großer Schock für sie, wenn ich plötzlich wieder vor ihr stehen würde. Nach allem, was ich bisher über sie gehört habe, hat sie mit Konoha abgeschlossen, daher will und kann ich nicht irgendwen schicken. Aber das ist eine Sache, die nur unsere Familie betrifft. Und außerdem«, fügte er mit einem Schmunzeln an, »ist das eine gute Gelegenheit für mich, deine Arbeit zu beurteilen.«

»Das heißt also, wir sollen ihr nur ausrichten, dass du von den Toten wiederauferstanden bist?«, schloss Kakashi. »Ich lass mich ungern von ihr verprügeln im Versuch, sie ins Dorf zurückzubringen.«

Tobirama schnaubte amüsiert. Das klang ganz nach seiner Tsuna. »Nein, ihr sollt ihr nur ausrichten, dass ich sie gern sprechen würde, mehr nicht. Was sie dann damit macht, ist ihre Sache. Ich respektiere ihre Entscheidung, Konoha den Rücken gekehrt zu haben.«

Kakashi rieb sich den Nacken. »Hab gehört, dass sie den letzten Leuten, die der Professor ihr nachgeschickt hatte, eine ordentliche Abreibung verpasst hatte, weshalb er verordnet hatte, sie in Ruhe zu lassen.«

»Du kriegst das schon hin«, versicherte Tobirama ihm. »Versichere ihr einfach, dass das eine reine Familiensache ist und nichts von offizieller Seite.«

»Geht klar.« Kakashi machte dennoch ein Gesicht, das deutlich davon sprach, dass er anderer Meinung war.

Tobirama winkte ihm, dass er gehen konnte. Kakashi verabschiedete sich und machte sich davon, um seinen Kameraden zu folgen. Als er endlich wieder seine Ruhe hatte, setzte Tobirama sein Vorhaben fort, die Akten über seine Anbu durchzugehen. Dokumente würden niemals einen tatsächlichen Eindruck ersetzen, aber sie waren zumindest ein Anfang und er war nicht mehr völlig im Unklaren über den Stand der Shinobi des Dorfes. Die Anbu verwahrte all die sensiblen Informationen über die Shinobi des Dorfes auf, was hieß, dass Tobirama nahezu unbeschränkten Zugriff auf alles hatte, was er wissen wollte.

Ein winziges Aufflackern des im Siegel gespeicherten Chakras verriet ihm, dass die Markierung genutzt wurde, und daher verwunderte es ihn auch nicht, als sogleich Minato in seinem Büro stand. Tobirama legte das Dokument zur Seite, das er gerade hatte studieren wollen, und sah auf.

Minato ließ den Blick durch den Raum schweifen. »Sieht so aus, als würden Sie sich allmählich einfinden. Das ist gut. Wie sieht es mit der Integration der Ne aus?«

»Danzō macht keinen allzu glücklichen Eindruck, aber bisher hat er anstandslos dabei geholfen, dass alles problemlos vonstatten geht«, berichtete Tobirama. »Er hatte ein paar interessante Ausnahmetalente unter seinen Leuten.«

»Nun, dass ihm das nicht gefallen wird, dachte ich mir bereits«, murmelte Minato, aber es schien ihn dennoch nicht allzu sehr zu beunruhigen.

Tobirama fragte sich noch immer, was genau Minato damit hatte bezwecken wollen. Ihm hatte bewusst gewesen sein müssen, dass das Danzō gegen ihn aufbringen würde, aber anscheinend hatte er das in Kauf genommen, vielleicht sogar darauf gezählt. Das hieß also, dass, was auch immer er sich davon erhoffte, es wert gewesen war, wenn er dafür Tobirama auf seine Seite zog.

Tobirama faltete seine Hände und sah zu Minato auf. »Ich habe Ihre Anordnungen bezüglich der Sicherheitsmaßnahmen zur Geburt beibehalten. Die Leute scheinen mir fähig, die Sie dafür abgestellt haben, und auch die weiteren Maßnahmen ausreichend.«

Minato nickte. »Gut zu hören. Aber ich würde dennoch Ihre Einschätzung hören. Wie hoch, denken Sie, ist das Risiko, dass das Siegel brechen könnte?«

Darüber dachte Tobirama einen Moment lang nach. »Es ist nicht zu unterschätzen. Auch meine Erfahrung mit dem Thema beschränkt sich auf nur einen einzigen Fall, und Mito selbst hatte danach eine weitere Schwangerschaft als zu großes Risiko für sich und alle hier im Dorf eingestuft. Dass Kushinas Siegel bisher anders als bei Mito hielt, halte ich für ein gutes Zeichen. Sie sollten dennoch weiterhin wachsam bleiben.«

»Selbstredend.« Minato reichte ihm einige Dokumente. »Ich habe mitbekommen, wie beschäftigt Sie in letzter Zeit waren. Daher habe ich mir die Freiheit genommen, Ihr Siegel im Büro einmal genauer zu untersuchen. Freilich, ohne es zu aktivieren. Vielleicht hilft Ihnen das ja ein wenig weiter, Nidaime-sama. Kushina hatte mir ebenfalls ein wenig geholfen.«

Daraufhin reagierte Tobirama nur mit einem stummen Blick, nahm dann aber doch die Blätter entgegen und warf einen raschen Blick darauf. »Danke.«

Minato musterte ihn erwartungsvoll. Tobirama erwiderte den Blick fragend.

»Gibt es noch etwas?«

Minato lächelte verlegen. »Mich würde es einfach interessieren, was Sie davon halten.« Er gestikulierte in Richtung der Unterlagen, die er Tobirama überreicht hatte. »Und außerdem habe ich mir über die Jahre meine eigenen Methoden ersonnen, Ihr Hiraishin anzuwenden. Ihr Hiraishingiri ist natürlich legendär. Aber ich frage mich auch, was Sie als Erfinder der Technik von meinem Rasen Senkō Chō Rinbukō Sanshiki halten.«

Tobirama sah ihn lang und schweigend an. Dann blinzelte er langsam. »Bitte was?«

Minato lachte nervös auf. »Nicht gut?«, krächzte er.

Tobirama mahnte sich zur Ruhe. Er redete hier nicht mit Hashirama. »Der Name ist etwas … speziell. Was soll dieses Jutsu überhaupt bewirken?«

Minato zückte ein Kunai und zeigte es Tobirama. Es hatte eine etwas eigenwillige Form mit drei Klingen und auf dem Heft war Minatos Formel für sein Hiraishin angebracht.

»Ich platziere mehrere davon um den Kampfplatz herum und kann so zwischen ihnen teleportieren und aus jeder Richtung angreifen«, erklärte er. »Kombiniert mit einem Schattendoppelgänger kann ich auch einen größeren Radius abdecken.«

Tobirama konnte sich nicht erinnern, jemals all die Kampftechniken im Detail aufgeschrieben zu haben, die er sich für sein Hiraishin ersonnen hatte. Minato musste also von selbst darauf gekommen sein.

»Und Hiraishin als Name hatte nicht ausgereicht?«, wollte er wissen.

»Äh … Ich dachte, es wäre sinnvoll zu beschreiben, was diese Technik genau macht.«

Tobirama war immer noch nicht überzeugt von dieser Namensgebung. Rein vom Namen her hatte er absolut kein Bild von der Technik, die Minato damit beschreiben wollte.

»Wäre es nicht interessant zu überlegen, welche Techniken zwei Hiraishin-Anwender zusammen ableiten könnten?«, warf Minato wie beiläufig ein und mimte die Unschuld in Person.

Tobirama schnaubte. »Ich habe das Gefühl, Sie haben mich durchschaut.«

Minato zuckte mit den Schultern und grinste. »Das würde ich nicht gleich behaupten. Aber …«

Tobirama lehnte sich zurück und faltete die Hände. »Wollen Sie mir dann vielleicht auch sagen, was genau Sie damit bezweckten, mir die Anbu wiederzugeben? Ganz unabhängig davon, dass es mir persönlich entgegen kam, hätte ich solch einen Zug doch für etwas gewagt gehalten.«

Auch Minato fand zum Ernst der Sache zurück. Er antwortete nicht gleich, sondern warf einen raschen Blick zur Tür zurück.

»Der Raum ist abgeschirmt«, sagte Tobirama daher.

Minato nickte. »Nun, in dem Fall … Ich brauche jemanden auf meiner Seite in einer Machtposition. Jemand, von dem ich weiß, dass er mit denen, die sich gegen mich stellen könnten, fertig werden kann.«

»Etwas sagt mir, dass Sie damit meine einstigen Schüler meinen.«

Wieder nickte Minato, dieses Mal jedoch bedauernd. »Insbesondere Danzō-sama muss ich wohl sagen. Ich muss Ihnen danken, dass Sie sich sogleich dafür ausgesprochen hatten, die Ne aufzulösen und mir damit meine Arbeit um einiges verkürzten. Danzō-sama hatte dadurch schon lange einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Geschehen im Dorf, der außerhalb des Machtbereichs des Hokage lag, und das bereitete mir von Anfang an einiges Kopfzerbrechen. Ich stand weitestgehend allein da, und auch wenn ich weiß, dass Sandaime-sama hinter mir steht, erschien mir das doch nicht genug, um Danzō-sama zu begegnen, sollte er sich dazu entscheiden, sich gegen meine Entscheidung zu stellen, ihm einen Teil seiner Macht zu entziehen.«

Tobirama verstand Minatos Beweggründe, ausgerechnet auf seine Hilfe zu zählen. Die Vermutung lag nahe, dass er seine einstigen Schüler am besten kannte, und vor einigen Wochen hätte Tobirama ihm da sogar zugestimmt. Aber nachdem er auch nur einen ersten Eindruck gewonnen hatte, was aus ihnen in all der Zeit geworden war, war er sich da nicht mehr so sicher.

»Sie legen erstaunlich viel Vertrauen in mich. Dabei, sind wir ehrlich, kennen Sie mich kaum.«

»Nun, immerhin sind Sie einer der Gründer dieses Dorfes«, sagte Minato. »Das spricht für sich. Wenn einer das Wohl des Dorfes an erste Stelle stellt, dann mit Sicherheit Sie.«

Tobirama sah ihn durchdringend an. »Und sollte ich entscheiden, dass es das Beste für das Dorf wäre, wenn ich wieder alle Macht in Händen hielte? Was dann?«

Minato erwiderte seinen Blick fest. »Dann sei es so.«

Das überraschte Tobirama. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.

Minato lächelte beiläufig. »Außerdem führten wir doch bereits ein recht ähnliches Gespräch und ich meine mich zu erinnern, dass Sie selbst ausschlossen, jemals wieder das Amt des Hokage zu übernehmen.«

Tobirama grummelte ertappt. »Da ist etwas Wahres dran.«

»Apropos, hatten Sie in der Zwischenzeit Gelegenheit, mit Ihren Clanleuten zu reden?«, wechselte Minato das Thema.

Tobirama nickte. »Das habe ich, und sie akzeptieren meine Führung.«

Viel war von den Senju nicht mehr übrig geblieben, nur noch fünf Familien, insgesamt etwa dreißig Leute. Die Tradition der Senju hatte es, dass die Clanführung in den Händen der älteren Erblinie lag, doch da Tsunade diese Rolle schon vor einigen Jahren formal abgelehnt hatte, fiel es in die Hände der Person, die als nächstes in der Erblinie stand, und das war nun einmal Tobirama. Es war mehr eine Formalität, seinen Clan zu fragen und einen Plausch mit den Ältesten zu halten; sie kannten ihn noch von früher, als sie kaum älter gewesen waren als er.

»Dann freue ich mich, die Senju wieder im Rat willkommen zu heißen«, sagte Minato und wirkte ausgesprochen zufrieden damit. »Wir hatten schon lange nicht mehr die Ehre, Ihren Clan in einer solch wichtigen Position zu wissen.«

Tobirama legte fragend den Kopf schief. »Hatte meine Nichte den Rat der Clans verlassen?«

»Nun, nicht direkt verlassen, aber Miyazaki-san hatte sich über die Jahre von der politischen Bühne zurückgezogen. Das war zwar noch vor meiner Zeit, aber ich hatte immer den Eindruck, dass die Senju im Allgemeinen immer weniger Interesse daran hatten, aktiv am Geschehen im Dorf teilzunehmen. Dass Tsunade-hime sich dafür entschied, das Dorf gänzlich zu verlassen, ist nur der neueste Schritt in dieser Entwicklung.«

Er konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Es schmerzte ihn zu sehen, wie sein Clan in Bedeutungslosigkeit versunken war und Konoha anscheinend nichts getan hatte, um dem entgegen zu wirken.

»Nun, wie dem auch sei«, fügte Minato an. »Ich will Sie nicht länger aufhalten. Sie haben sicher noch viel Arbeit vor sich, Nidaime-sama. Und lassen Sie mich wissen, was Sie von Kushinas und meinen Überlegungen zu Ihrem Siegel halten.«

»Natürlich.«

Gefühlt wurde es immer mehr Arbeit. Er verabschiedete Minato, welcher mit einem Hiraishin verschwand, und wandte sich dann wieder seinen eigenen Dokumenten zu. Wenn er die Anbu befehligen sollte, dann lernte er seine Leute besser auch kennen.

Einige Stunden vergingen so und er hatte doch nicht das Gefühl, dass der Papierstapel vor ihm kleiner wurde. Er seufzte. Ein nur allzu bekannter und recht verleideter Anblick. Er hatte diesem Aspekt seiner Arbeit nie viel abgewinnen können.

Immer wieder huschte sein Blick zu den Unterlagen, die Minato ihm gegeben hatte. Auch ihm hatte es schon in den Fingern gejuckt, sein experimentelles Hiraishin-Siegel noch einmal genauer zu untersuchen, um nach der Ursache für die Fehlfunktion zu suchen, aber irgendwie hatte er noch keine Gelegenheit dafür gefunden. Es hatte immer Dinge gegeben, die ihm wichtiger erschienen.

Er runzelte die Stirn. War es nicht das wichtigste, einen Weg zurück zu finden? Aber wie sollte das gehen? Sein Wissen reichte bei weitem nicht aus, um Zeitreisen in die Vergangenheit zu ersinnen. Spontan wusste er nicht einmal, wo er überhaupt anfangen sollte.

Vielleicht wäre es ein Anfang, überhaupt herauszufinden, wo im Siegel der Fehler lag. Er griff nach Minatos Notizen und begann, sie zu überfliegen. Einen Moment lang starrte er auf das Papier. Dann raffte er kurz entschlossen alles zusammen, schloss den Raum ab und teleportierte sich nach Hause.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Tage wurden jetzt mit dem beginnenden Herbst merklich kürzer. Ōkami lag am Feuer und döste. Als sie bemerkte, dass Tobirama heimgekehrt war, gähnte sie vernehmlich und streckte erst die Hinterläufe und dann die Vorderläufe. Gemütlich trottete sie zu ihm und begrüßte ihn mit einem Nasenstüber. Er kraulte sie zwischen den Ohren.

»Mein Welpe ist viel beschäftigt.«

»Hm.« Er ging zum Feuer und stocherte ein wenig in den Kohlen herum, um es wieder zu entfachen. Es war kaum noch warm genug, um seinen Tee auf Temperatur zu halten.

»Jemand war in meinem Labor und ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht Mito gewesen war«, sagte er dann doch.

Sofort stellte Ōkami die Ohren auf. »Wer dann?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wurde etwas entwendet?«

»Nein. Aber gut möglich, dass diese Person oder vielleicht auch Personen nun Wissen über Edo Tensei besitzen.«

Ōkami stieß ihn mit der Schnauze an und hob die Pfote, um ihn dazu zu bewegen, sich ans Feuer zu setzen. »Du wirkst so angespannt, Welpe.«

Er warf ihr einen langen Blick zu. »Gibt dir das nicht zu denken?«

»Doch, natürlich. Aber was kannst du jetzt schon machen? Es ist geschehen und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Also sei es drum.«

Er seufzte, setzte sein happuri ab und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er wollte schon erneut zu Minatos und Kushinas Aufzeichnungen greifen, doch Ōkami stellte eine Pfote darauf.

»Was auch immer es ist, es kann warten. Dein Welpe war da.«

»Welchen meinst du genau? Du hast die Tendenz, eine ganze Menge Leute als meine Welpen zu bezeichnen.«

Ōkami knabberte neckend an seinen Haaren. »Erst war Kakashi da und fragte nach etwas, das Tsuna-chan gehört hatte. Für seine ninken.« Sie sagte das so abfällig, wie es ihr nur möglich war, und zog die Schnauze kraus.

Er knuffte sie. »Kakashi meinte, sein Rudel hätte gute Spürnasen.«

»Sie sind immer noch nur Hunde.« Sie schnaubte, als hätte sie etwas Abstoßendes gewittert.

Er lachte leise in sich hinein, was ihm Ōkamis Zunge in seinem Gesicht bescherte. Er grummelte missmutig, versuchte aber gar nicht erst, sie von sich zu schieben. Es wäre ohnehin vergebliche Liebesmüh.

»Du deutetest an, dass er nicht der einzige gewesen war«, lenkte er das Gespräch darauf zurück.

»Torifu war auch da, nur kurz danach. Er hatte nach dir gefragt und den Anstand besessen, mir ein paar Knochen vom Fleischer mitzubringen. Er hat dir eine Nachricht hinterlassen, ich hab ihm gesagt, er soll sie einfach auf den Küchentisch legen.«

»Ich danke dir.«

Er ließ seine Hand durch ihr Fell gleiten und stand dann auf, um nachzusehen, was Torifu ihm hatte mitteilen wollen. Wie Ōkami es gesagt hatte, fand er in der Küche einen Zettel. Mit der Notiz in der Hand setzte er sich wieder zu Ōkami. Sie linste über seine Schulter.

»Und, was will er?«

»Eine Einladung zum Essen, wie er es mir versprochen hatte. Oder sollte ich angedroht sagen. Aber es ist ausgerechnet der 10. Oktober.«

»Du wirst das nicht ablehnen«, sagte Ōkami und sprach damit zielgenau das aus, was Tobirama gedacht hatte, als er das Datum gesehen hatte. »Eine kleine Pause wird dir guttun.«

»Ich habe da keine Zeit«, widersprach er.

»Doch, das hast du. Du wirst doch sicher keine Stümper für die Sache einbeordert haben. Also kannst du dir auch einmal einen Tag Pause gönnen.«

»Aber es könnte alles mögliche schiefgehen, wer weiß …«

Sie knurrte warnend. Er hielt den Mund. Zufrieden wedelte sie mit dem Schwanz.

»Du wirst die Einladung annehmen. Schau, ich bin doch auch eingeladen. Mir steht der Sinn nach einer leckeren, saftigen Hirschkeule.«

Tobirama gab sich geschlagen.

Nächstes Kapitel: Kakashi begibt sich auf die Suche nach Tsunade

8. Kapitel: 8. Kapitel: Mission

CN Missgendering, Alkoholkonsum
Mission

Pakkun schnüffelte an dem Tuch, das Kakashi für ihn besorgt hatte, und presste dann die Nase auf den Boden. Der kleine Mops lief einige Male im Kreis. Die vier Anbu standen in lockerer Runde um ihn herum und warteten, bis er fertig war.

»KAKASHI!«

Kakashi verdrehte unter seiner Maske die Augen. Er brauchte sich nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass da gerade Gai auf ihn zustürmte.

»Gai, ich hab dir schon so oft gesagt, dass du Anbu-Leute bei ihrer Arbeit nie beim Namen nennen sollst«, schollt er ihn.

Gai ignorierte ihn. »Hier steckst du also! Ich hab dich schon überall gesucht! In letzter Zeit machst du dich wieder so rar und lässt dich nie blicken. Kurenai und Asuma laden zum Dangoessen ein. Genma und Raidō sind auch dabei. Ich fordere dich zum Wettessen heraus! Möge die Kraft der Jugend obsiegen!«

Kakashi gab ihm einen langen Blick, ohne dabei jedoch seine Maske abzunehmen. »Gai, wie du unschwer erkennen kannst, sind wir auf einer Mission.«

Gai winkte ab. »Ach, das kann doch sicher ein paar Stunden warten!«

Kakashi war sich beinahe sicher, dass sein Großvater dem vielleicht sogar zustimmen würde, aber gerade stand ihm nicht der Sinn nach einer geselligen Runde. »Mission ist Mission und die kam vom Hokage selbst.«

Mehr oder weniger jedenfalls. Aber Details.

Gai gab ihm einen strengen Blick, den Kakashi unbeeindruckt erwiderte. Gai versuchte, hinter seine Maske zu blicken. »Hokage-sama soll dir mal Urlaub geben. Ich werd mit ihm reden!«

Mit diesen Worten stiefelte er davon.

»Gai!«, rief ihm Kakashi noch hinterher, doch da war Gai schon auf und davon. Kakashi seufzte genervt.

Er spürte Pakkuns Pfote an seinem Bein und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Mission.

»Also ich kann im Umkreis von mehreren Kilometern nichts erschnüffeln, Boss«, sagte Pakkun. »Tsunade-hime war hier definitiv seit langer Zeit nicht mehr.«

Wie er es sich gedacht hatte.

»Dann auf nach Tanzaku-Gai«, sagte Kakashi.

Er sprang davon, Pakkun an seiner Seite. Seine Teamkameraden Kō, Sukea und Yuki folgten ihm.

»Hund-san, was hältst du von unserem neuen Boss?«, wollte Yuki wissen.

Was sollte er darauf schon antworten. Sie wussten ja nicht, dass Tobirama sein Großvater war.

»Keine Ahnung«, sagte er daher ausweichend. »Ich kenne ihn genauso lang wie ihr.«

Pakkun erschnüffelte die Lüge, sagte aber nichts. Mit Sicherheit hatte er längst Ōkami an ihm gerochen.

»Ich finde es seltsam, dass die erste Mission, mit der Nidaime-sama uns betraut, so eine Lappalie ist«, sagte Kō. »Er widerruft damit, was Sandaime-sama damals verordnet hatte. Wenn das so eine Familiensache ist, dann muss er doch keine Anbu schicken.«

Tobirama hatte im Vertrauen Kakashi gesagt, was er damit bezweckte, und mehr zu sagen, würde den anderen von Team Ro verraten, warum es Kakashi sein musste und sonst niemand. Also sagte Kakashi nichts dazu.

»Er wird sich schon etwas dabei gedacht haben«, sagte Sukea. »Es ist nicht an uns kleinen Leuten, solche Entscheidungen anzuweifeln.«

»Befehl ist Befehl«, fügte Yuki an. »Und ich finde, wir sollten dankbar für den hier sein. Das ist keine sonderlich schwere Mission.«

Kakashi konnte ihr nur teilweise zustimmen. Jemanden zu suchen, der nicht direkt eine Gefahr für das Dorf darstellte, war in der Tat eine leichte Mission. Allerdings war er nicht erpicht auf Tsunades Faust in seinem Gesicht.

»Ich finde einfach, wir könnten unseren Fähigkeiten auch für was Sinnvolleres einsetzen«, beschwerte sich Kō.

»Vielleicht tun wir das ja bereits, ohne es zu wissen«, sagte Yuki. »Wir kennen nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes. Deswegen ist es doch immer so wichtig, stets alles zu geben, egal wie unbedeutend die Mission wirkt, und die Mission immer an erste Stelle zu setzen. So lautet das Gesetz.«

Und dann fraß das Dorf seine eigenen Kinder auf. Kakashi presste die Lippen aufeinander und sagte nichts dazu.

Das Gespräch verlief alsbald im Sand und sie setzten ihren Weg schweigend fort. Mit ihrem Tempo würden sie ihr Ziel vielleicht schon am Abend erreichen. Von da aus würden sie weitersehen. Vielleicht konnte Pakkuns Nase ja schon eine Witterung aufnehmen, und wenn nicht, dann würde sich zeigen, welche Option sich ergab.

Während er schweigend dem Weg folgte, sann Kakashi über Tobiramas andere Bitte nach. Wen in der Anbu würde er ihm empfehlen? Kakashi mochte zwar recht bald schon ein eigenes Team übertragen bekommen haben, aber dennoch hatte er nie wirklich Kontakte knüpfen können. Das war etwas, das ihm schwer fiel, er hatte allerdings auch nie Anschluss gesucht. Die anderen wisperten hinter seinem Rücken, er wusste das. Er versuchte, nicht darauf zu achten. So lange sie ihre Befehle anstandslos ausführten, hatte es ihn nicht zu kümmern.

»He, Hund-san«, sprach ihn Sukea an und riss ihn aus seinen Gedanken. »Du hattest doch in den letzten Monaten diese spezielle Mission vom Hokage. Und ich hab gehört, dass Hokage-sama dabei gewesen war, als Nidaime-sama aufgetaucht war. Hast du irgendwas mitbekommen, was genau vorgefallen ist? Jeder sagt was anderes.«

Kakashi überlegte, wie viel er sagen durfte. Allerdings hatten weder Minato noch Tobirama ihm je verboten, darüber zu reden.

»Hat was mit Hiraishin zu tun«, sagte er daher knapp. Es war vielleicht besser, dennoch nicht zu viele Details verlauten zu lassen. »Ihr wisst doch, was man sich sagt, wie Nidaime-sama gestorben ist. Oder halt nicht. Er hat Hiraishin benutzt, um seinen Feinden zu entkommen, aber etwas ging schief mit der Zeitkomponente des Siegels.«

»Deswegen lass ich immer die Finger von Siegeln«, sagte Kō. »Ein kleiner Pinselstrich falsch gesetzt und es zerfetzt dich in der Luft.«

»Hab gehört, Nidaime-sama ist sehr gut mit Siegeln«, sagte Yuki.

»Mit Sicherheit ist er das, er hat Hiraishin erfunden!«, betonte Sukea.

»Ohhh.« Yuki wandte ihm ihre Maske zu. »Ich dachte, das wäre das Jutsu von Yondaime-sama.«

Sie verfielen mehr und mehr in Tratsch und Kakashi hörte nicht mehr hin. Er konzentrierte sich auf den Weg. Alsbald verfiel er in den altbekannten Trott eines langen, gleichmäßigen Marsches, der seinen Kopf so angenehm leerfegte. Er vertraute darauf, dass Pakkun schon erschnüffeln würde, wenn eine Fährte vorhanden war, der er folgen konnte.

Sie schlugen ein straffes Tempo an und erreichten ihr erstes Ziel daher schon am späten Nachmittag. Die Dämmerung war hereingebrochen und alsbald schon würde es gänzlich dunkel werden, Zeichen genug, dass der Winter bevorstand. Die Straßen, die zu der kleinen Stadt führten, waren hell beleuchtet und noch immer belebt. Das würde sich auch bis weit in die Nacht nicht ändern. Tanzaku-Gai war ein Paradies für Glücksspieler.

Es verwunderte Kakashi daher nicht, dass es Tsunade hierher verschlagen hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass sich Miyazaki ständig beschwert hatte, dass Tsunade ausgerechnet die schlechten Eigenschaften ihres Großvaters hatte erben müssen.

Tanzaku-Gai war eine alte Samurai-Burg, die irgendwann wieder errichtet worden war und nun eine Touristenattraktion darstellte. Im Laufe der Jahre hatte sich ein ganzes Gewerbe darum entwickelt, die Leute aus aller Herren Länder anzog und mit den Touristen kam auch das Geld. Was zunächst als kleiner Kurort begonnen hatte, war mittlerweile zu einer Hochburg des Glücksspiels, des Lugs und Betrugs geworden.

Kakashi selbst war noch nicht hier gewesen, aber er hatte davon gehört. Wenn es ging, mied er Zivilistensiedlungen. Sie waren laut und chaotisch.

Tenzō hatte es dennoch gefallen.

Warum musste er ausgerechnet jetzt an den seltsamen Jungen danken, fragte sich Kakashi im Stillen, schob den Gedanken dann jedoch weit von sich. Er hatte jetzt anderes zu tun.

Sie schlugen die Kapuzen hoch und mischten sich unter die Leute. Hier kamen tagtäglich so viele seltsame Leute entlang, dass sich niemand um die vier Gestalten mit den dunklen Umhängen scherte.

Pakkun lief voran und schnüffelte eifrig, und sie folgten ihm. Die ganze Zeit über schimpfte Pakkun leise vor sich hin, aber Kakashi konnte die Worte nicht deutlich ausmachen. Es hatte irgendetwas mit dem Gestank dieses Ortes zu tun. Aber der war doch gar nicht so übel, oder?

Eine ganze Weile lang lief Pakkun hin und her und irgendwann einmal kam Kakashi zu dem Schluss, dass Pakkun genauso wenig Ahnung hatte wie sie. Seit über einer Stunde schon folgten sie keiner bestimmten Richtung und liefen wahllos durch die Straßen.

»Hier ist nichts«, sagte Kakashi geradeheraus.

Pakkun grummelte, nickte dann jedoch. »Stimmt, Boss. Hier ist nichts. Aber hier war etwas, aber die Fährte ist kalt. Ich hatte gehofft, dass ich noch etwas frischeres finde, aber dem ist nicht so. Tsunade-hime war vor zwei Monaten hier. Wo sie jetzt ist, weiß ich nicht.«

Wie Tobirama bereits gesagt hatte. Die Fährte war in der Tat kalt.

»Schade. Ich hatte gehofft, dass es einmal schnell gehen würde«, sagte Yuki mit einem theatralischen Seufzen. »Also werden wir uns durchfragen müssen.«

Kakashi hob Pakkun hoch. Dann sprangen sie auf das nächstbeste Dach, um sich von dort aus umzusehen. Tsunade war für ihr Glücksspiel bekannt, also war es vielleicht das beste, wenn sie in einem entsprechenden Etablissement begannen. Das einzige Problem war, dass es davon mehr als genug gab. Aus allen Richtungen blinkten ihm Neonschilder entgegen. Wo sollten sie anfangen?

Es war wohl einerlei. Kakashi suchte wahllos irgendein Lokal heraus und steuerte es an.

Er hatte kaum verfolgt, was aus Tsunade geworden war, seit sie das Dorf verlassen hatte. Sie hatte sich rar gemacht und als klar wurde, dass sie wirklich nicht mehr zurückkommen würde, hatte sich Kakashi auch nicht weiter darum geschert.

Als sie sich nun durch die Lokale fragten, lernte er schnell, dass sie sich einen Namen als Legendäre Verliererin gemacht hatte. Ihr Name war nicht gern gehört in den Lasterhöhlen dieses Ortes, und irgendwie hatte sie es geschafft, sich überall Schulden zu machen. Egal, wo sie hinkamen, die Antwort lautete immer gleich: Solange Tsunade-hime ihre Schulden nicht abbezahlt hatte, hatte sie hier nichts mehr zu suchen. Wo sie jedoch hingegangen war, konnte ihnen niemand sagen. Wohl zum nächsten Ort, wo sie ihr Glück versuchen konnte. Wo auch immer das sein mochte.

Die Stunde war bereits fortgeschritten und Team Ro streifte noch immer ziellos durch den Ort, als Kakashi eine Entdeckung machte. Einige Meter vor ihnen an einem Zaun stand ein weißhaariger Mann und linste durch ein Astloch in den Brettern. Als Kakashi sah, dass der Zaun zu einem öffentlichen Bad gehörte, erkannte er, wen er da vor sich hatte.

»Ehhh«, machte Yuki abfällig. »Was ist das denn für ein Perverser?«

»Jiraiya«, sagte Kakashi nur knapp und machte ein langes Gesicht. Das war eine Enthüllung über seinen Lieblingsautor, auf die er hatte verzichten können.

Yuki gab ein würgendes Geräusch von sich. »Jiraiya wie in von den Legendären Sannin?«

»Hmhm.« Kakashi setzte sich bereits in Bewegung und wartete nicht auf die Reaktion seiner Leute. Sie waren professionell genug, ihm wortlos zu folgen, und er bemühte sich selbst um Professionalität. Sie waren hier, um Tsunade zu finden, und einer ihrer einstigen Teamkameraden wäre da die perfekte Gelegenheit. Kakashi war nur froh, dass es nicht Orochimaru war.

Jiraiya war ganz vertieft in das, was er da sah. Kakashi konnte leise Stimmen von der anderen Seite des Zauns ausmachen, die sehr weiblich klangen. Das war wirklich eine Sache, die er nie hatte in Erfahrung bringen wollen. Er biss die Zähne zusammen und zwang sich, das jetzt auch durchzuziehen. Er war hier auf einer Mission.

»Jiraiya-sama«, sagte er knapp, als er den Mann erreicht hatte.

Jiraiya schien sich nur schwerlich von dem Anblick vor ihm lösen zu können. Das änderte sich jedoch rasch, als er die vier Anbu sah, sie sich um ihn versammelt hatte. Er richtete sich auf.

»Na, das ist ja eine Überraschung. Wollte sensei früher von mir hören?« Er wandte sich Kakashi zu. »Warte. Die Stimme kenne ich. Oh! Ka...«

»Sagen Sie‘s nicht«, unterbrach Kakashi ihn. Gerade Jiraiya sollte es doch besser wissen. »Und nein, wir sind nicht im Auftrag Sandaime-samas hier.«

»Ist das so, ja? Was ist es dann? Eine private Autogrammstunde vielleicht? Ich bin eigentlich gerade mit der Recherche für meinen nächsten Roman beschäftigt, aber für meine Fans mache ich immer gern eine Ausnahme.«

Eine Autogrammstunde klang eigentlich ganz nett. Der Gedanke, seine Icha Icha Romane signieren zu lassen, gefiel Kakashi. Leider würde er es auf ein andermal verschieben müssen.

Yuki gestikulierte wild. »Das nennen Sie Recherche? Das ist unerhört!«

Jiraiya setzte zu einer Erwiderung an. Kakashi unterbrach ihn eilig, bevor das hier noch zu einem hitzigen Streit auf offener Straße ausbrechen konnte. »Wir haben den Auftrag bekommen, Tsunade-hime zu suchen. Durch Zufall sind wir auf Sie gestoßen, Jiraiya-sama. Ich habe gehofft, dass Sie uns vielleicht weiterhelfen können.«

Jiraiya sah ihn skeptisch an. »Tsunade hatte es ziemlich deutlich gemacht, dass sie mit Konoha nichts mehr zu schaffen haben will.«

Kakashi musste ein Augenrollen unterdrücken. »Ja, ich weiß. Das sagt mir auch nur so ziemlich jede Person derzeit. Es haben sich ein paar Dinge geändert.«

Jiraiya antwortete nicht sofort. »Seid ihr inkognito unterwegs?«

»Eigentlich nicht.«

Jiraiya winkte ihnen. »Los kommt. Ich geb euch einen aus.«

Kakashi tauschte einen Blick mit seinen Kameraden. Dann zuckte er mit den Schultern, nahm seine Maske ab und folgte Jiraiya. Er führte sie in eine nahe Kneipe, wo er ihnen in der Tat eine Runde ausgab. Yuki rührte ihren Sake jedoch nicht an und warf Jiraiya immer wieder geringschätzige Blicke zu. Er bemerkte sie entweder nicht, oder ignorierte sie bewusst. Allerdings stand auch Kakashi wenig der Sinn nach Alkohol und er nippte nur aus Höflichkeit an seiner Schale. Pakkun schlabberte zufrieden zu seinen Füßen aus einer Schale Wasser.

»Ich hab gehört, was passiert ist. Das mit Nidaime-sama«, eröffnete Jiraiya.

Kakashi sah ihn erstaunt an. »Wie das?«

»Die Spatzen pfeifen es von allen Dächern«, sagte Jiraiya knapp. »Das hatte ziemlich schnell die Runde gemacht. Selbst ich hatte davon gehört, obwohl ich was im Ausland zu schaffen hatte. Lässt er nach seiner Nichte suchen?«

Kakashi nickte nur.

»Um es kurz zu machen: Ich weiß auch nicht, wo Tsunade derzeit steckt, und unter allen anderen Umständen hätte ich jedem ans Herz gelegt, die Suche sein zu lassen. Jetzt allerdings …«

»Helfen Sie uns, sie zu finden?«, fragte Sukea. »Hier in der Stadt kennt man zwar ihren Namen, hat sie aber das letzte Mal vor zwei Monaten gesehen, und niemand weiß, wo sie hin ist. Die Fährte ist kalt.«

»Ich habe eigentlich selbst eine Mission und müsste etwas zurück nach Konoha berichten.« Jiraiya sann einen Augenblick darüber nach. »Aber das kann vielleicht auch noch ein, zwei Wochen warten. Wenn ich mich recht entsinne, erwähnte Tsunade einmal, dass sie eines Tages das Land der heißen Quellen besuchen wollte. Wie ich sie kenne, ist es möglich, dass sie genau das getan hat.«

»Vielen Dank für die Info.« Kakashi wollte schon aufstehen und gehen, doch Jiraiya hielt ihn auf.

»Wohin so rasch des Weges, junger Freund? Ich finde, wir könnten die Reise zusammen antreten. Das Land der heißen Quellen ist ein guter Ort für Recherchen, und auf dem Weg können wir uns die Zeit vertreiben, indem wir Neuigkeiten austauschen. Wie klingt das?«

Kakashi war hin und her gerissen. Ihm stand nicht wirklich der Sinn danach, Jiraiya bei seinen »Recherchen« zu helfen, allerdings könnte sich Jiraiya bei der Suche nach Tsunade nützlich erweisen. Er schien einen Riecher dafür zu haben, wo sie war. Also nickte er schließlich doch.

»Klingt gut.«

Jiraiya klatschte in die Hände. »Hervorragend! Euch wird die Ehre zuteil, die Gesellschaft des Kröteneremiten, des legendären Jiraiya zu genießen!«

»Aha«, war alles, was Yuki dazu mit unbeeindruckter Mine sagte.

Und damit reisten sie jetzt also zu sechst. Pakkun legte Wert darauf mitgezählt zu werden, als Jiraiya es wagte, die Zahl fünf zu nennen, und drohte, ihm in die Hand zu zwacken, wenn er den ninken noch einmal übersah. Sie brachen früh am nächsten Tag auf. Kakashi legte erneut ein straffes Tempo vor, auch wenn Jiraiya sich beschwerte, dass sie hier nicht auf der Flucht seien und Tsunade ihnen schon nicht wegrennen würde.

Immerhin hatte Jiraiya noch genug Luft zum Reden, also konnte es ja nicht so schlimm sein. Er schien bereits eine ganze Menge zu wissen von dem, was in Konoha in den letzten Monaten geschehen war, war aber dennoch an der Sache mit Tobirama interessiert. Die Spatzen mochten es von allen Dächern pfeifen, aber jeder pfiff etwas anderes. Im Gegenzug erzählte er ihnen in der Tat, was außerhalb der Landesgrenzen vonstatten ging.

»Es hilft, dass ich offiziell keine allzu starken Verbindungen mehr nach Konoha habe, aber in Amegakure lasse ich mich besser nie mehr blicken. Dennoch hörte ich von bürgerkriegsartigen Unruhen im Land.«

»Ist Hanzō der Salamander noch an der Macht?«, wollte Kō wissen.

Wenn Kakashi das richtig in Erinnerung behalten hatte, dann war Hanzō derjenige Kriegsfürst gewesen, der die Sannin als solche benannt hatte, weil sie die einzigen gewesen waren, die ihm die Stirn hatten bieten können. Er hatte lange Zeit mit eiserner Faust über das kleine Land an den Grenzen des Landes des Feuers regiert. Es mochte eine kleine Region sein, aber so nah an ihren Grenzen und vor allem auch so kurz nach dem letzten großen Krieg waren Neuigkeiten von einem ausbrechenden Bürgerkrieg nicht gut.

»Nach meinen letzten Informationen ist er das, und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst«, sagte Jiraiya. »Allerdings sind meine Informationen einige Wochen alt und wer weiß, wie es jetzt wieder aussehen mag. Es ist schwer, in das Land hineinzukommen.«

Hatte Sarutobi nicht unmittelbar nach dem Krieg ohnehin angestrebt, die Situation mit den anderen Ländern nicht schon wieder eskalieren zu lassen, indem sie sie provozierten? Vielleicht wäre es da besser, ihre Nachbarn einfach in Ruhe zu lassen. Sie hatten gerade erst einen Krieg überstanden.

Auf die Frage, wie es in den anderen Ländern aussah, sagte Jiraiya nur: »Jeder kocht sein eigenes Süppchen, wie es schon immer gewesen war. Die in Iwa wollen mit niemandem etwas zu tun haben und die in Suna erst recht nicht. Auch in Kumo und Kiri bleibt man für sich.«

»Sollen sie doch bleiben, wo sie sind«, sagte Sukea. »Da sind sie ganz gut. So lange niemand wieder auf dumme Ideen kommt, soll uns das Recht sein.«

Ihr Weg war größtenteils ereignislos. Sie kannten den Weg durch die Wälder des Landes und kamen daher rasch voran. Hin und wieder querten sie einen Fluss und mussten sich nur einmal nasse Füße holen, weil die nahe Brücke in einem der letzten Stürme zerstört worden war. Man hatte sich noch nicht bemüht, sie wieder zu errichten.

Soweit Kakashi wusste, war das Land der heißen Quellen Sitz einer religiösen Sekte, die einen Gott namens Jashin anbetete. Als er Jiraiya danach fragte, meinte der jedoch nur, dass er selbst nicht viel darüber wüsste, Anhänger dieser Sekte aber als sehr gewalttätig galten. Es wäre besser, sie zu meiden, die namensgebenden heißen Quellen gäben ohnehin ein viel besseres Ausflugsziel.

Sie waren hier zwar nicht auf einer Vergnügungsreise, aber der allgemeine Konsens der Gruppe war, dass ein Bad in einer heißen Quelle nie verkehrt sein könne. Ein netter Nebeneffekt dieser Mission. Kakashi sagte nichts dazu und ließ sie ihren Spaß haben. Bäder waren ein schwieriges Thema für ihn.

Jiraiya schien die Aussicht auf ein Besuch (oder eher viele Besuche) in den Bädern zu gefallen. Immer wieder betonte er, was für eine tolle Gelegenheit das für ihn wäre. Sein nächster Roman würde der beste werden, den er bisher geschrieben hatte. Kakashi rutschte die Frage heraus, worum es denn gehen sollte, und von da an nahm Jiraiya ihn für den Rest des Weges in Beschlag. Er wollte natürlich seinen Fans für alle Fragen zur Verfügung stehen, sagte er. Die anderen waren weise genug, Jiraiya nicht auf seine schriftstellerischen Versuche anzusprechen, und bedachten Kakashi mit amüsierten Blicken.

Etwa eine Woche später erreichten sie die Grenze. Das Land der heißen Quellen war eines der vielen kleinen Länder, die zwischen den großen Nationen lagen. Es hatte keine eigenen Shinobi und seine Wirtschaft beruhte größtenteils auf Tourismus. Kein Wunder also, dass Kakashi hier noch nie gewesen war.

Jiraiya war ganz hin und weg von all den Badehäusern, die sich hier an allen Ecken und Enden fanden. Um jede noch so kleine heiße Quelle hatten sich Siedlungen gebildet und die meisten davon bestanden aus Gastunterkünften. Zur Hauptsaison mussten sich mehr Touristen im Land befinden als Einwohner. Kakashi konnte sich nicht vorstellen, wie das auch nur ansatzweise erholsam sein sollte.

Jiraiya machte an jedem Badehaus Halt. Er nannte es wieder einmal Recherche, aber die vier Anbu bemerkten sehr schnell, was eigentlich los war. Selbst Kō machte alsbald schon hinter Jiraiyas Rücken abfällige Bemerkungen. Kakashi ahnte, dass Jiraiya ihnen vielleicht doch keine so große Hilfe sein würde, und begann daher, sich selbst ein wenig umzuhören. Doch von Tsunade war noch immer keine Spur zu finden und auch Pakkun witterte nichts. Ihm drängte sich der Verdacht auf, dass er sich ins Bockshorn hatte jagen lassen. Das mit Jiraiya war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen.

Drei Tage später verkündete Jiraiya, er wüsste, wo Tsunade sei. Die vier Anbu sahen ihn fragend an.

»Das kommt unerwartet«, sagte Sukea trocken.

»Na los, freut euch ein bisschen, ich hab euch die Arbeit abgenommen«, forderte Jiraiya sie auf. Wie er das angestellt hatte, wollte er allerdings nicht verraten. Kakashi glaubte ihm erst, wenn er es mit eigenen Augen sehen würde.

Tsunade hielt sich laut Jiraiya in einem nahen Ort auf. Er wies ihnen den Weg, dann verabschiedete er sich. Kakashi sah irritiert zu ihm auf.

»Ich hab selbst eine Mission, schon vergessen?«, erinnerte Jiraiya ihn. »Ihr seid Anbu aus Konoha, euch muss ich nicht an die Hand nehmen. Ich signier dir deine Bücher, wenn ich vorbei komme, Kakashi.«

Mit diesen Worten beschwor er eine mehr als mannshohe Kröte herauf, sprang auf ihren Rücken und war verschwunden. Die vier Anbu und der ninken blieben einigermaßen verwirrt zurück.

»Schräger Kauz«, sagte Sukea.

»Perverser Kauz«, grummelte Yuki. »Der hat mir die ganze Zeit auf den Arsch geglotzt, ich weiß es.«

Sie machten sich auf den Weg, den Jiraiya ihnen gewiesen hatte. Die Ortschaften dieses Landes unterschieden sich kaum voneinander, alle sahen sie einheitlich unpersönlich aus, vollgestellt mit teuren Feriendomizilen für reiche alte Leute.

Kakashi mochte seinen Augen kaum trauen, aber sie fanden in der Tat Tsunade, wo Jiraiya gesagt hatte: in einer Kneipe. Kakashi hatte immer nur nach Glücksspiellokalen Ausschau gehalten, da er Tsunade nicht für die Art Mensch gehalten hatte, die sich in Ruhe inmitten von Rentnern betrank. Da hatte er sich wohl getäuscht.

Die Kneipe war nicht allzu stark besucht und so war Tsunade schnell ausfindig gemacht. Sie hing in einer Ecke, mehrere leere Sakeflaschen standen vor ihr auf dem Tisch. Bei ihr war eine etwas jüngere Frau mit dunklem Haar und gekleidet in einen dunkelblauen Kimono. Sie hielt ein kleines Schweinchen und blätterte durch ein Notizbuch, wobei sie einen recht unzufriedenen Eindruck machte.

Das Schweinchen bemerkte die Anbu zuerst und quäkte. Tsunade schwenkte eine Sakeschale in Richtung der Neuankömmlinge und warf ihnen einen verschwommenen Blick zu. Ihre Wangen waren gerötet. Sie hatte definitiv einen über den Durst getrunken.

»Hab sensei doch gesagt, er soll mich in Ruhe lassen«, lallte sie.

Kakashi warf einen nervösen Blick auf ihre Hände. Er wollte nicht in ihre Reichweite gelangen. »Wir sind nicht im Auftrag Sandaime-samas hier.«

Tsunade richtete sich auf und blinzelte. »Warte … Ist das nicht … Ohhh! Kakashi, kleine Nichte!«

Kakashi verzog das Gesicht. Und damit war der Tag erfolgreich ruiniert. »Könntest du das bitte lassen, mich so zu nennen?«

War sie etwa so betrunken, dass sie das vergessen hatte? Wie konnte sie das nur vergessen? Die Sache wäre nur bedingt besser, wenn sie ihn wenigstens ihren Neffen genannt hätte. Aber sie sollte wenigstens den Anstand haben, das richtig hinzubekommen, nachdem sie immerhin einige Zeit unter demselben Dach gelebt hatten.

»Dann halt Neffe.« Tsunades Stimme klang immer noch belegt und sie sprach undeutlich. Dennoch musterte sie die Anbu scharf. »Aber ernsthaft. Ich hab sensei das letzte Mal sehr deutlich gemacht, dass ich meine Ruhe haben will.«

Sukea hob abwehrend die Hände. »Keiner von uns ist scharf auf eine Tracht Prügel. Die Botschaft haben wir alle verstanden.«

»Dann husch. Zischt ab. Zieht Leine.« Tsunade gestikulierte in Richtung der Tür. »Nichts gegen dich persönlich, Kakashi.«

Kakashi überging die Bemerkung. »Wir sind hier, um eine Botschaft zu überbringen, mehr nicht.«

»Aha. Und von wem, wenn nicht von sensei? Und bei dem dachte ich, wir hätten uns nichts mehr zu sagen.«

»Tobirama.«

Daraufhin verfiel Tsunade in Schweigen. Sie sah Kakashi lange an. Dann lehnte sie sich zu ihrer Begleiterin. »Shizune, Schatz, sag. Hab ich das richtig gehört? Hat Kakashi gerade Tobi-oji erwähnt? Der Tobi-oji, der mir vor vierzig Jahren versprach, dass er wiederkommt, und dann wie Opa sein Versprechen brach?«

Shizune sah verwirrt zwischen Tsunade und Kakashi hin und her. »Äh, doch. Sie haben das schon richtig gehört, Tsunade-hime. Aber … Ich verstehe nicht …«

»Zeitreise«, sagte Kakashi nüchtern. »Er ist nie gestorben.«

Mit einem Schlag wurde Tsunade nüchtern. »Ich kann gar nicht so viel trinken, um mir so einen Schwachsinn auszudenken. Du verarschst mich doch.«

»Warum sollte ich mir die Mühe machen, mir so eine Geschichte auszudenken, dann herausfinden, wo du bist, und dann auch noch riskieren, Bekanntschaft mit deinen Fäusten zu machen, nur um dir einen geschmacklosen Streich zu spielen? Hast du mich jemals als die Person kennen gelernt, die so etwas machen würde?«

Dazu konnte Tsunade nur zustimmend nicken. »Stimmt. Du hast sogar weniger Humor als dein Großvater, und das will was heißen.« Dann reckte sie das Kinn. »Und Tobi-oji taucht einfach so auf und denkt, ich hätte die Muse, nach Konoha zurück zu spazieren und einen netten Plausch mit ihm zu halten, als sei nie etwas gewesen?«

Tsunade konnte so anstrengend sein. Kakashi unterdrückte ein Seufzen. »Er will mit dir reden, das lässt er ausrichten. Er betont auch, dass er deine Entscheidung, das Dorf verlassen zu haben, respektiert.«

»Gut«, unterbrach Tsunade ihn. »Dann könnt ihr ja jetzt gehen. Auftrag ausgeführt, die Nachricht kam an. Einen guten Tag noch.«

Kakashi starrte sie sprachlos an.

»Einen guten Tag sagte ich!«

Die Warnung war deutlich genug. Kakashi drehte auf dem Absatz um, seine Kameraden folgten ihm. Tobirama würde nicht erfreut sein, wenn er davon hörte, aber Kakashi war wirklich nicht erpicht darauf, Tsunade noch mehr zu reizen. Überhaupt war das schon weitaus besser verlaufen, als er erwartet hatte.

Als sie die Kneipe bereits verlassen hatten, hörte er hinter sich Schritte. Shizune war ihnen nachgeeilt. Bei ihnen angekommen verbeugte sie sich vor ihnen. Sie hatte noch immer das Schweinchen auf dem Arm.

»Ich muss mich für Tsunade entschuldigen«, sagte sie. »Momentan läuft nicht alles wirklich gut für sie und dann überbringt ihr ihr solch eine Nachricht …«

»Geht schon in Ordnung«, sagte Kakashi. »Ich habe es ehrlich gesagt nicht anders erwartet.«

Das Schweinchen quiekte.

»Tonton sagt, dass es ihr auch leid tut, dass es so lief«, sagte Shizune.

Kakashi musterte das Schweinchen. Es war neu. Als Tsunade gegangen war, hatte sie es noch nicht. »Tonton also? Ninton?«

Wieder quiekte Tonton und nickte.

»Nun ja.« Kakashi zuckte mit den Schultern und vergrub die Hände in den Taschen. »Mission erfüllt. Vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder.«

»Ich würde euch ja bitten, noch einen Moment für einen Drink zu bleiben, aber Tsunade war sehr deutlich. Ich wünsche euch eine gute Heimreise.«

Sie verabschiedeten sich von Shizune, dann trennten sich ihre Wege wieder.

»Das war sinnlos«, stellte Kō fest, als sie das Dorf verließen. »Jetzt sind wir also den ganzen Weg um sonst gelaufen.«

»Tja, manchmal ist es eben so«, sagte Kakashi nüchtern. »Unsere Mission war es, eine Nachricht zu überbringen, und das haben wir gemacht. Zeit, nach Hause zu gehen.«

Sie ahnten ja nicht, welch eine Katastrophe sie erwarten würde.

Nächstes Kapitel: Oh boi, shit is about to happen.

9. Kapitel: 9. Kapitel: Die Hoffnung eines sterbenden Mannes

CN Gewalt gegen Menschen, Blut, Tod, milder Gore, schwere Verletzungen
Die Hoffnung eines sterbenden Mannes

Tobirama hatte aufgehört zu zählen, wie oft er an diesem Tag schon in Gedanken durchgegangen war, was alles schief gehen könnte und was er dann tun konnte. Anders als Mito oder Hashirama besaß er kein Jutsu, um im schlimmsten Fall ein Bijū zu kontrollieren, und er wusste nicht, ob die Siegel, die er kannte, genügen würden. Er war nervös, und das war ein Gefühl, das er überhaupt nicht leiden konnte.

Er hatte Minato gesagt, dass er bereitstünde, würde er gebraucht werden, doch als er auch nur angedeutet hatte, mehr als das zu tun, hatte Ōkami gedroht, ihm den Kopf abzubeißen und ihn damit unmissverständlich gezwungen, sich diesen Tag freizunehmen. Minato hatte ihr zugestimmt, und murrend hatte sich Tobirama gefügt.

Dennoch, selbst auf dem Weg zu Torifus Haus, ging Tobirama noch immer im Stillen seine Optionen durch. Ōkami trottete neben ihm her und leckte sich bereits erwartungsvoll das Maul. Sie sagte, sie könne das Essen, das sie erwartete, durch das halbe Dorf riechen. Er hatte eine Hand in ihrem Fell und strich gedankenverloren über ihren Nacken. Sein Magen knurrte. In weiser Voraussicht hatte er heute morgen nur wenig gegessen, er kannte die Akimichi gut genug.

»Welpe.«

»Hm?«

»Du bist in Gedanken noch immer nicht voll beim Essen.«

»Denk nicht einmal daran, mir jetzt eine Lektion zu erteilen.«

Die Rache für seine vorlauten Worte kam stehenden Fußes. Ōkami rieb ihren Kopf an ihm. Tobirama gab einen frustrierten Laut von sich.

»Lass das, Mutter!«, knurrte er. »Jetzt hab ich schon wieder dein Fell überall!«

»Passt zu deinem Pelzkragen.«

Er grummelte vor sich hin und zog die bereits dritte Fusselrolle des Tages aus den Ärmeln seines kimono, um seine Kleidung ein weiteres Mal von Ōkamis Fell zu befreien. Es war ein Kampf auf verlorenem Posten und er ahnte bereits, dass er noch vor Ende dieses Abends erneut aussehen würde wie ein halber Wolf. Kakashi hatte ihm ein paar dieser Dinger überlassen, da er augenscheinlich Erfahrung mit seinen Hunden hatte. Wenn das so weiterging, würde Tobirama ihn bald um mehr bitten müssen.

Mittlerweile hatten sie das Viertel der Akimichi erreicht. Es war noch genau so, wie Tobirama es in Erinnerung hatte, einladend dekoriert mit bunten Wimpeln und sanft leuchtenden Papierlaternen, die überall von den Dachkanten hingen. Zum frühen Abend hin herrschte viel geschäftiges Treiben und die Straßen summten von all den Gesprächen und dem vollen Lachen der Akimichi.

Tobirama hatte keine Mühen, Torifus Heim zu finden. Für ihn war es ja nicht lang her, dass er das letzte Mal hier war, und Torifu bewohnte noch immer das Haus seiner Eltern. Viele, an denen er vorbei kam, erkannten ihn, obwohl die meisten jung genug waren, um ihm vorher nie persönlich begegnet zu sein. Aber Ōkami war wohl markant genug.

Bei Torifus Heim angekommen, betätigte er die Türklingel, nachdem er noch einmal geprüft hatte, dass er auch wirklich das meiste von Ōkamis Fell von seiner Kleidung bekommen hatte. Von jenseits der Tür konnte er verschiedene Stimmen hören, die wild durcheinander redeten. Er hatte der Einladung freudig entgegengeblickt, aber dennoch wusste er schon jetzt, dass er froh sein würde, wenn er am Ende des Abends wieder seine Ruhe haben würde.

»Hundi!«, hörte er ein kleines Kind aufgeregt quietschen und dann wurde die Tür auch schon geöffnet.

Ōkami legte bei der Erwähnung eines Hundes die Ohren an, und Tobirama konnte ihre Verstimmung regelrecht spüren. Ihre Rute stand still.

Ihnen hatte eine junge Frau geöffnet, die Torifu so verblüffend ähnlich sah, dass Tobirama sogleich annahm, dass sie seine Tochter war. Sie trug ein Mädchen auf dem Arm, das ihn mit großen runden Augen musterte. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf dem kleinen runden Gesicht aus, als sie Ōkami sah.

»Nidaime-sama!«, begrüßte die Frau ihre beiden Gäste mit einem einladenden Lächeln. »Es ist solch eine Ehre, Sie wieder in diesem Haus begrüßen zu dürfen, und Sie natürlich ebenso, Ōkami-san. Ich bin Hatsumomo und das ist meine Tochter Mikan. Kommen Sie doch herein. Ōkami-san, ich fürchte, Sie werden außen herum gehen müssen, aber keine Sorge, da haben wir dran gedacht.«

»Hundi!«, rief Mikan erneut aus und streckte ihre kleinen Hände nach Ōkami aus.

Ōkami hob die Lefzen, was das Mädchen aber nicht zu beeindrucken schien. »Vielleicht sollte ich dich fressen, kleines Würmchen, damit du lernst, dass ich kein Hundi bin.«

Hatsumomo lachte nervös auf. »Mi-chan, du weißt doch, was Opa gesagt hat. Sei höflich.«

Tobirama neigte leicht den Kopf. »Ich danke für die Einladung in Ihr Haus, Hatsumomo-san.«

»Es war eine Selbstverständlichkeit.«

Er folgte Hatsumomo in den genkan des Hauses, während Ōkami wieder einmal den Weg außen herum wählte. Im Haus war es angenehm warm und der Geruch nach köstlichem Essen wehte ihm entgegen. Vielleicht hatte Ōkami ja doch Recht und es war eine gute Idee gewesen, die Einladung anzunehmen. Wenigstens für ein paar Stunden seine Sorgen vergessen.

»Chōza-sama ist ebenfalls anwesend«, eröffnete Hatsumomo ihm. »Er hat seinen Jungen Chōji mitgebracht. Ich hoffe, das ist in Ordnung für Sie. Vater meinte, Ōkami-san mag Kinder.«

»Hm. Hat sie zum Fressen gern«, sagte Tobirama trocken.

Hatsumomo warf ihm einen unsicheren Blick zu und schien nicht ganz zu wissen, wie sie diese Bemerkung einordnen sollte.

»Ōkami mag Kinder, so lange sie nicht allzu wild werden oder ihr gar auf den Rücken klettern wollen«, fügte Tobirama daher an. Das waren Privilegien, die für Welpen ihres Rudels bestimmt waren.

Hatsumomo entspannte sich sichtlich.

Sie führte ihn in einen der Räume im Erdgeschoss. Hier war eine reich gedeckte Tafel aufgestellt worden, die sich unter all dem Essen förmlich zu biegen schien. Nicht in einer Woche würden sie das alles essen können, und das, obwohl hier bereits noch weitere Personen auf sie warteten. Die Wände waren zur Seite geschoben worden, sodass die frischliche Oktoberluft hereinwehte und auch Ōkami den Raum betreten konnte. Sie schlich mit tropfendem Zahn um das Essen herum.

Unter den Leuten war auch Torifu. Als er Tobirama erblickte, kam er sogleich zu ihm und schloss ihn in eine knochenbrechende Umarmung, erneut Tobiramas Proteste ignorierend. Nicht schon wieder. Tobirama war nur froh, dass seine Wunden dieses Mal wenigstens größtenteils verheilt waren.

»Oi, sensei!«, rief Torifu aus. »Es gleicht ja schon fast einem Wunder, dass Sie doch tatsächlich eine freie Minute für uns erübrigen konnten.«

»Ich höre den Vorwurf.« Tobirama atmete auf, das Torifu ihn wieder freiließ.

»Ach, das bilden Sie sich ein. Kommen Sie! Kommen Sie!« Er winkte ihm und führte ihn zum Tisch. »Meine Tochter und meine Enkelin haben Sie ja schon kennengelernt. Hier ist meine Frau Machiko und er hier ist Raijin, Hatsumomos Mann. Außerdem darf ich Ihnen Chōza-sama vorstellen, unseren Clanführer, und seinen Sohn Chōji.«

Bei der Erwähnung seines Namens trat Chōza vor und verneigte sich vor Tobirama. Tobirama erwiderte die Geste.

»Es ist mir eine Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen, Nidaime-sama«, begrüßte Chōza ihn. »Bitte verzeihen Sie mir meine Dreistigkeit, mich selbst eingeladen zu haben, aber die Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen.«

Tobirama konnte nicht sagen, dass er dem abgeneigt war. Es war eine gute Gelegenheit, Kontakte zu den anderen Clans zu knüpfen, und zumindest die Akimichi machten bisher den Eindruck, ihn wieder wohlwollend im Dorf willkommen zu heißen. Das war ein guter Anfang.

Wie alle Akimichi hatte auch Chōza ein volles Gesicht, das immer zu lächeln schien, und er hatte seine runden Wangen mit den für seinen Clan typischen Zeichnungen verziert. Sein wohl aufmerksamstes Erkennungszeichen war jedoch seine wilde rote Haarmähne.

Ōkami drängte sich zwischen sie und stieß Torifu fordernd mit dem Kopf an, wobei sie etwas Geifer an seine Kleidung schmierte. Sie hechelte zufrieden und wedelte so stark mit dem Schwanz, dass ihr ganzer Körper mit der Bewegung mitschwang. Sie witterte ihre Beute.

»Wenn du dich nicht beeilst, frisst sie dich, Torifu«, bemerkte Tobirama.

Torifu lachte auf. »Dann wollen wir nicht länger warten! Sonst wird noch das Essen kalt, und das wollen wir nun wirklich nicht.«

Raijin brachte aus der Küche eine große Keule, die Ōkami sogleich schnappte. Noch immer zufrieden mit dem Schwanz wedelnd trug sie die Keule zu einer Stelle, die sie wohl als ihren Platz für diesem Abend auserkoren hatte. Ohne auf die Menschen zu achten, begann sie auf dem Fleisch zu kauen und darüber zu lecken. Auch der Rest der Runde setzte sich.

An Chōzas Platz stand eine kleine Wiege, in der sein Sohn lag. Das Baby war gerade einmal fünf Monate alt, beobachtete aber dennoch neugierig das Treiben um sich herum. Irgendwo wuselte Mikan herum, die ihrer Mutter entwischt war und nun einen Vorstoß in Richtung Ōkami wagte. Die Wölfin behielt das Mädchen im Blick und legte eine Pfote in einer unmissverständlichen Geste über ihr Fleisch, doch Mikan war daran ohnehin nicht interessiert. Tobirama ließ sie gewähren. Ōkami würde schon deutlich genug machen, wenn Mikan etwas tat, das ihr nicht behagte.

»Na los, sensei, erzählen Sie«, forderte Torifu ihn auf. »Essen ist immer auch eine Zeit, um Geschichten zu erzählen. Ich will in jedem Detail wissen, was Sie mit diesen Mistkerlen damals angestellt haben.«

Machiko hatte Tobirama bereits eine reichliche Portion yakitori mit Reis hingestellt. Das Fleisch roch köstlich und schwamm förmlich in brauner Bratensoße. Tobirama nahm sich die Zeit, einen Bissen davon zu kosten. Das Fleisch zerging ihm förmlich auf der Zunge. So köstlich!

»Die Küche der Akimichi hat in all den Jahren definitiv nicht an Qualität verloren«, lobte er.

»Natürlich nicht!«, betonte Machiko. »Ich stand in der Küche, noch bevor ich ein Kunai halten konnte. Worauf es im Leben wirklich ankommt, sind eine gute warme Mahlzeit und fröhliche Gesellschaft.«

Tobirama konnte ihr da nur zustimmen. »In der Tat. Gäbe es nur mehr, die gutes Essen und Lieder höher schätzen als ihr Geld, so wäre die Welt fröhlicher.«

»Egal, ob Sie es nun in Verse packen oder nicht, ich bin gespannt auf Ihre Geschichte, sensei«, sagte Torifu.

»Sehen Sie mir meine Neugierde nach, Nidaime-sama, aber auch ich bin gespannt, sie zu hören«, fügte Chōza an. »Es heißt immer, Sie stünden ihrem Bruder kaum nach und Shodai Hokage wurde immerhin shinobi no kami genannt. Wie kann jemand wie Sie besiegt werden?«

Tobirama schnaubte. Hashirama hatte es immer fürchterlich albern gefunden, wenn Leute ihn so nannten. »Kinkaku und Ginkaku waren Proto-jinchūriki, deswegen konnten sie über Kyubis Chakra verfügen. Während unseres Kampfes erfuhr ich, dass Kumogakure schon lange vor Madara versucht hatte, Kyubi zu kontrollieren, und in diesem vergeblichen Versuch wurden die Brüder vom Fuchs verschlungen. Sie überlebten, indem sie vom Fleisch des Fuchses aßen, und er spie sie wieder aus. So nahmen sie einen Teil seines Chakras auf.«

»Na, das ist ja eine tolle Geschichte zum Essen!«, rief Machiko dazwischen. »Ich will mir das gar nicht erst vorstellen, sonst vergeht mir noch der Appetit.«

»Dir vergeht nie der Appetit, Mutter«, sagte Raijin.

Das brachte Torifu zum Lachen. »Wahr gesprochen!«

Das brachte die Aufmerksamkeit wieder zurück zum Essen und Tobirama konnte endlich ein paar Bissen genießen. Lange wurde er dennoch nicht in Ruhe gelassen.

»Also haben Sie quasi gegen zwei jinchūriki zur gleichen Zeit gekämpft?«, wollte Chōza wissen. »Unglaublich!«

»Sie besaßen nicht über die volle Kraft des Fuchses, da hätte auch ich nicht lange standhalten können«, sagte Tobirama. »Allerdings besaßen sie auch Relikte des Weisen der Sechs Pfade und das war genug. Torifu, sag, weißt du, was aus diesen Relikten wurde?«

Doch Torifu konnte nur den Kopf schütteln. »Das weiß keiner. Sarutobi hatte damals natürlich denselben Gedanken und auch der Raikage ließ nach den Waffen suchen; die Brüder hatten sie ihm immerhin gestohlen. Aber ihr Verbleib konnte nie aufgeklärt werden.«

Tobirama nahm es schweigend hin. Es waren gefährliche Waffen, das hatte er am eigenen Leib erfahren. Sie durften nicht in die falschen Hände geraten. Vielleicht war es ganz gut, dass sie bis zu diesem Tage nicht mehr aufgetaucht waren, vielleicht waren sie zerstört worden.

Allerdings behagte ihm ein Vielleicht nicht wirklich.

»Das muss ein unglaublicher Kampf gewesen sein«, staunte Chōza.

»Ich hätte ihn dennoch nicht überlebt«, sagte Tobirama. »Aber darum ging es in diesem Moment auch gar nicht. Es ging nur darum, sie aufzuhalten.«

»Aber wie haben Sie es dann geschafft?«, wollte Chōza wissen.

»Hiraishin, das Jutsu, das sensei uns nie beibringen wollte und nach dem dich deine Eltern benannt haben, Raijin«, sagte Torifu mit einem dröhnenden Lachen.

Raijin sah zwischen ihm und Tobirama hin und her und lief dann knallrot an. »Das ist so peinlich! Meine Eltern haben einen beschissenen Humor!«

Die Anwesenden lachten und Raijin wurde noch röter.

Als wieder etwas Ruhe in die Runde kam, erklärte Tobirama erneut, was genau mit seinem Siegel schief gegangen war. Chōza hörte aufmerksam zu und stellte einige intelligente Fragen. Er schien einigermaßen überrascht zu sein zu erfahren, dass nicht Minato der Erfinder dieses Jutsu war, sondern Tobirama. Tobirama war pikiert und betonte daher noch einmal ganz deutlich, dass es seine Erfindung war. Ja, das galt auch für Kage Bunshin no Jutsu, bitte, danke.

Indes hatte Ōkami vorerst ihre Mahlzeit beendet, obwohl sie den Beinknochen noch nicht kahl geknabbert hatte. Stattdessen hatte das Baby in seiner Wiege ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie erhob sich, ging um den Tisch und begann, Baby Chōji ausgiebig zu beschnüffeln. Chōji stand der Inspektion durch die Wölfin erst skeptisch gegenüber, doch dann begann er doch zu lachen. Ōkami leckte seine Fußsohlen ab, was er ungemein lustig zu finden schien. Fröhlich giggelnd strampelte er und tastete mit seinen kleinen Pummelärmchen nach Ōkami. Sie stieß ihre Nase sanft gegen seinen Bauch und schnaubte, was ihn nur noch mehr zum Lachen brachte.

»Ich will auch! Ich will auch!«, verkündete Mikan, entwischte erneut ihrer Mutter und rannte zu Ōkami.

Ōkami legte sich der Länge nach neben die Wiege und war immer noch groß genug, um über den Rand hinweg zu blicken. Chōji, wie es schien, war ein ganz eifriger, denn er schaffte es bereits aus eigener Kraft, sich auf den Bauch zu drehen und zum Rand der Wiege zu ziehen, von wo aus er die Wölfin besser im Blick hatte. Sie ließ es zu, dass er ihre Schnauze betatschte. Chōza warf einen beunruhigten Blick auf ihre Fänge in unmittelbarer Nähe zu seinem Sohn.

»Du darfst mich streicheln, kleiner Wurm, aber nur, wenn du versprichst, mich nicht noch einmal einen Hund zu nennen«, sagte Ōkami zu dem Mädchen. »Ansonsten fresse ich dich.«

Mikan lachte. »Das stimmt gar nicht! Opa sagt, dass du nur Uchiha frisst.«

»Mikan!«, rief Hatsumomo empört aus. »Sag so etwas doch nicht.«

Aber Mikan hörte nicht auf sie und ließ bereits begeistert eine Hand durch Ōkamis Fell gleiten. Die kleine Kinderhand verschwand völlig in der dichten Halskrause der Wölfin. Mikan quietschte begeistert auf.

»Das ist so weich! Darf ich auf dir reiten?«

»Nein«, sagte Ōkami bestimmt. »Das dürfen nur meine Welpen.«

Mikan machte ein langes Gesicht, doch Ōkami ließ sich nicht erweichen.

Tobirama hatte die Szene lächelnd beobachtet, während er weiter sein Essen genoss. Er hatte solch gesellige Runden vermisst, und Akimichi waren noch immer die beste Gesellschaft. Es mochte für ihn zwar auf Dauer anstrengend werden, aber völlig für sich allein zu leben, war ebenfalls nicht sein Fall.

Er bemerkte etwas.

Die ganze Zeit schon hatte er seine Sensorfähigkeiten aktiviert gehalten. Es mochte zwar ermüdend sein, besonders mit so vielen Shinobi um ihn herum, aber dennoch wollte er ein Auge auf Kushina haben. Es machte ihn nervös. Der Schrecken über das, was Mito passiert war, saß noch immer tief.

Ihm entging daher nicht, wie plötzlich in einiger Entfernung zum Dorf Minato mehrmals kurz hintereinander sein Hiraishin anwendete. Etwas musste ihn aufgeschreckt haben. Aber was? War etwas mit dem Siegel passiert?

»Sensei, haben Sie etwas?«, fragte Torifu, dem freilich nicht die Veränderung in Tobiramas Stimmung entgangen war.

Nein. Kein Chakra des Bijū. Noch hielt das Siegel also. Was war es dann?

Die Gefahren, die mit Kushinas Schwangerschaft einhergingen, waren geheimgehalten worden, daher sprach Tobirama nicht aus, was ihm durch den Kopf ging. Es waren nur wenige eingeweiht worden und Kushina in sichere Entfernung zum Dorf gebracht worden. Kaum jemand wusste davon, und von den Anwesenden waren nur Tobirama und Ōkami eingeweiht.

Noch ein Hiraishin. Was machte Minato nur? Tobirama wurde unruhig. Er hätte sich von Ōkami nicht dazu überreden lassen sollen, die Sache ruhen zu lassen. Er fühlte sich blind.

Grabesstille senkte sich über das Dorf. Tobirama fröstelte.

Ein Brüllen zerriss die Nacht, eine Explosion erschütterte den Boden. Kyubis stinkendes Chakra flutete Tobiramas Sinne. Ein scharfer Pfiff Tobiramas und schon rannte Ōkami an seiner Seite nach draußen.

»Wir werden angegriffen!«, brüllte Chōza hinter ihnen. »Schnell. Läutet den Alarm! Ruft alle zusammen! Bringt die Kinder in Sicherheit!«

Tobirama verschwendete gar nicht erst seinen Atmen, als er sich dem vollen Ausmaß der Katastrophe entgegen sah, wie seine neun Schwänze wild durch die Straßen peitschten und Häuser und Menschen gleichermaßen zerschmetterten. Laut brüllte Kyubi auf. Sirenen heulten im Dorf.

Tobirama schwang sich auf Ōkamis Rücken und schon sprang sie mit weiten Sätzen davon, in die Richtung, in der sie Hiruzen witterte. Sie rannte mit fliegenden Pfoten über die Dächer, dem Chaos auf den Straßen ausweichend. Menschen rannten durcheinander, schrien, waren verwirrt und ängstlich. Einige Shinobi versuchten, ihnen zu einer Flucht zu verhelfen, andere sammelten sich zum Angriff.

Nur Augenblicke später hatte Ōkami Hiruzen ausfindig gemacht und kam schlitternd vor ihm zum Stehen. Bereits hatte er sich zum Kampf gerüstet und Shinobi um sich versammelt, um die Verteidigung des Dorfes zu führen. Sehr gut! Er hatte Enma beschworen und auch Homura und Koharu waren bei ihm. Nur kurze Zeit später stieß auch Torifu zu ihnen.

»Sensei, wo ist Minato?«, fragte Hiruzen sogleich.

In all dem Chaos fiel es selbst Tobirama schwer, einzelne Chakren ausfindig zu machen. Doch jemand anderes, der sein Hiraishin verwendete, das er niemandem gelehrt hatte, war wie ein Leuchtfeuer für ihn. Er deutete zum Hokagefelsen, wo in diesem Moment Minato auftauchte.

Auch Kyubi schien das bemerkt zu haben. Voller Wut peitschten seine neun Schwänze und säten Verwüstung im Dorf. Die Bestie brüllte auf und sammelte sein Chakra. Noch bevor selbst Tobirama reagieren konnte, feuerte Kyubi die Bijū Kugel ab. Doch statt zu detonieren, verschwand sie in einer Barriere. Nur wenige Augenblicke später explodierte sie in vielen Kilometern Entfernung.

Tobirama erkannte das Jutsu, es war seine Hiraishin Barriere. Sie hatte ihn mehr als nur einmal vor Izunas durch sein Mangekyō verstärkten Feuerdrachen gerettet. Er nickte zufrieden. Minato verstand etwas von dem, was er da tat.

»Treibt die Bestie aus dem Dorf!«, befahl Tobirama.

»Ihr habt Nidaime-sama gehört!«, rief Hiruzen. »Verschafft mir Zeit!«

Kyubi im Dorf zu bekämpften, wäre zu gefährlich. Sie würden das ganze Dorf verwüsten, und das galt es unbedingt zu vermeiden.

Tobiramas und Hiruzens Befehl folgend stoben die Shinobi davon und griffen Kyubi mit dem Mut der Verzweiflung an, während Hiruzen sein Jutsu vorbereitete. Ōkami stob davon.

Mit Enmas Hilfe, welcher seine Stabform explosionsartig verlängerte, schaffte es Hiruzen, Kyubi aus dem Dorf zu drängen. Im selben Moment erreichte Ōkami zusammen mit Tobirama die Dorfgrenze. Er sprang von ihrem Rücken und noch in derselben Bewegung sammelte er sein Chakra und ging durch eine Reihe von Handzeichen.

Eine gigantische Ozeanwelle schwemmte Kyubi davon. Das Wasser schmetterte mit knochenbrechender Gewalt in die Bestie und erfasste sie. Kyubi wurde mitsamt den tobenden Wassermassen und allem, was sie mit sich führten, hinfortgerissen. Schlamm, Bäume und hausgroße Felsbrocken gleichermaßen wurden herumgewirbelt, als seien sie nichts weiter als Spielzeuge und inmitten des Mahlstroms, den Tobirama beschworen hatte, war Kyubi.

Eine Schneise der Verwüstung tat sich vor Tobirama auf, an dessen anderem Ende die riesige orangerote Masse Kyubis aufragte. Er war an einer Felskante zum Liegen geblieben, Wasser tropfte von ihm herab. Langsam richtete er sich wieder auf. Tobiramas Angriff schien ihm zugesetzt zu haben, doch gleichzeitig schien er erst so richtig seine Wut angefacht zu haben.

Kyubi brüllte. Er brüllte und brüllte und brüllte und dann startete er einen erneuten Angriff. Dieses Mistvieh! Tobirama biss die Zähne zusammen und ging erneut durch eine Reihe von Handzeichen.

Ein schneidender Schmerz in seiner Lunge nahm ihm die Luft zum Atmen und ließ ihn keuchend auf die Knie sinken. Schwarze Punkte traten ihm vor die Augen. Er spuckte Blut. Nicht jetzt! Das durfte nicht wahr sein!

Es war Minato, der ihm zuvorkam, indem er eine gigantische Kröte heraufbeschwor, die direkt auf Kyubi fiel. Der Fuchs wurde zu Boden gepresst. Er brüllte zornig auf und versuchte, seinen Angriff fortzusetzen. Mit einem lauten Krachen schloss er seine gewaltigen Kiefer um die Chakrakugel, um ihr noch mehr Gewalt zu verleihen.

Die Kröte mochte eine gute Idee sein, doch sie hatte keine Klauen, nichts, mit dem sie Kyubi auf Dauer würde binden können.

Kyubi verschwand samt Minato. Erneut explodierte etwas in der Ferne.

»Ist er weg?«, wollte Hiruzen wissen, der in diesem Moment Tobirama erreichte. »Hat Minato es geschafft, den Fuchs aus dem Dorf zu vertreiben?«

»Nein«, widersprach Tobirama. »Weit hat er es nicht geschafft, Kyubi ist zu gewaltig.«

Er kämpfte sich wieder auf die Beine und sah in die Richtung, aus der die letzte Explosion gekommen war. Dieser Narr! Anscheinend versuchte er, allein mit Kyubi fertig zu werden. Aber viel Chakra konnte er nicht mehr besitzen, er würde es nicht schaffen. Dieser Kampf war noch nicht entschieden.

»Hiruzen«, sagte Tobirama. »Nimm deine Leute und geh Minato nach. Er wird Hilfe brauchen.«

»Und was machen Sie, sensei?«

»Mehr Hilfe holen.«

Kyubi war außer Kontrolle. Tobirama musste nicht wissen, was genau vorgefallen war. Er wusste auch so, dass Kushina tot war oder es bald sein würde. Für sie gab es keine Hilfe mehr. Aber der Rest von ihnen konnte noch vor Kyubi bewahrt werden. Vielleicht.

Tobirama mochte dieses Wort wirklich nicht. Aber er musste es einfach versuchen.

Er teleportierte sich zurück ins Dorf in die Nähe mehrerer Uchiha. »Ihr da!«, rief er ihnen sogleich zu, als er auf sie zu rannte. »Ich brauche jemanden mit einem Mangekyō! Wer von euch besitzt es?«

Die Uchiha stellten auch dieser Tage noch die Polizei von Konoha, ganz so, wie er es ihnen damals aufgetragen hatte. Daher hatten sie sich bis jetzt aus dem Kampf herausgehalten und sich darauf konzentriert, die Zivilisten zu evakuieren.

Die Männer sahen ihn für einen kostbaren Moment verdattert an. Dann deutete einer von ihnen die Straße hinab auf einen weiteren Uchiha. »Fugaku-sama hat es.«

Tobirama rannte sogleich weiter, die Schmerzen in seiner Brust ignorierend. Er hatte einen metallischen Geschmack im Mund.

»Fugaku!«, rief er dem Mann zu. »Ich brauche Ihre Hilfe. Mitkommen.«

Fugaku sah ihn fragend an, doch Tobirama gab ihm keine Gelegenheit für eine Erwiderung. Er packte ihn beim Arm und teleportierte sie beide direkt zu Minato. Zum Glück hatte er noch eines seiner Kunai bei sich geführt.

Er war bei Kushina und hatte Kyubi und das Baby mit sich gebracht. Was hatte der Mann sich dabei nur gedacht? Kushina lebte noch, gerade so, und mit ihren letzten Kräften hatte sie ihre Kongō Fūsa beschworen, mit denen sie Kyubi gefesselt und gleichzeitig eine Barriere um ihn errichtet hatte, aus der nichts heraus oder hereinkam. Es war unglaublich. Sie hatte ein Kind geboren und Kyubi war ihr entrissen worden und dennoch kämpfte sie noch immer. Minato, der das schreiende Baby auf dem Arm hielt, sah allerdings kaum besser aus. Es musste ihn ungeheure Kraft gekostet haben, Kyubi hierher zu bringen.

Verwundert sah er auf, als Tobirama samt Fugaku bei ihm erschien. »Ni-nidaime-sama?«

Fugaku war ganz bleich geworden im Gesicht, ein Nebeneffekt davon, mit Hiraishin teleportiert zu werden, wenn man nicht der Anwender war. Doch dafür war jetzt keine Zeit.

»Fugaku, Sie müssen Kyubi in Ihre Kontrolle bringen«, befahl Tobirama ihm. »Ich helfe Ihnen.«

Fugaku hatte sich wieder gefasst. Er nickte fest. »Habe verstanden.«

Dieses Mal beschwor Tobirama einen Wasserdrachen. Brüllend schwang sich der Drache empor und stürzte sich sogleich auf Kyubi. Er schlang sich um die Fuchsbestie und warf sie zu Boden. Kushinas Ketten erzitterten. Lange würden sie nicht mehr halten.

»Er ist stark!«, rief Fugaku. »Er wehrt sich sogar gegen mein Sharingan!«

Tobirama biss die Zähne zusammen. Das hatte er befürchtet. Aber sie mussten es einfach weiter versuchen.

»Es hat keinen Zweck«, keuchte Kushina. »Ich … ich versiegle Kyubi wieder in mir und dann … dann stirbt er mit mir. F-für eine Weile jedenfalls.«

»Nein!«, widersprach Minato heftig. »Nein, das lasse ich nicht zu! Es muss einen anderen Weg geben.«

Tobirama beschwor einen weiteren Wasserdrachen, der sich auf Kyubi warf und ihn in einer Explosion zu Boden warf. Kyubi brüllte, wehrlos und gefesselt von dem ersten Drachen und Kushinas Ketten. Doch er begehrte auf, eine unbändige Kraft wohnte ihm inne. Mit der Gewalt puren, rohen Chakras warf er sich umher und schlug mit den Pranken nach ihnen.

»Du Mistvieh!«, brüllte Tobirama ihm entgegen. »Du hast mein Dorf schon einmal überfallen, noch einmal lasse ich das nicht zu!«

Er hatte nichts weiter als seine Worte. Hashirama war nicht hier. Mito war nicht hier. Er war hilflos. Es machte ihn rasend.

»Minato, nein!«, rief Kushina schluchzend.

In diesem Moment erstarrte Kyubi. Rot schien das Sharingan aus seinen Augen. Endlich hatte Fugaku Erfolg! Er machte ein angestrengtes Gesicht.

»Lange werde ich ihn nicht halten können«, keuchte er.

Es musste reichen. Aber für was? Tobirama wusste es nicht.

»Minato!«, schrie Kushina verzweifelt.

Tobirama und Fugaku hatten dem jungen Paar Zeit erkauft. Minato hatte diese Zeit anscheinend genutzt und begann sein Jutsu. Mit wachsendem Schrecken verfolgte Tobirama das Geschehen. Er kannte diese Fingerzeichen.

Shinigami!

»Du Narr!«, brüllte er Minato an. Jetzt war keine Zeit für Höflichkeiten. Was sollte das? Was tat er da?

Doch es war zu spät. Minato hatte den Totengott bereits beschworen. Sein Leben war verwirkt.

Minato schien seinen Frieden damit gemacht zu haben. »Ich werde einen Teil von Kyubi in mir versiegeln und mit mir nehmen«, sagte er ruhig. »Ich kann Kyubi nicht im Ganzen versiegeln, er ist zu groß. Daher werde ich die andere Hälfte Naruto anvertrauen. Eines Tages wird er großen Nutzen daraus ziehen.«

»Und ich dachte, mein Bruder wäre ein Idiot!«, knurrte Tobirama ihn an, doch es war nur seine Frustration, geboren aus seiner Hilflosigkeit, die da sprach.

Doch halt. Nein. Was, wenn …?

Shinigami benutzte Minatos Körper als Medium, um sich Kyubis Chakra zu bemächtigen. Minato schrie auf, als die ganze Macht des Chakras auf ihn einprallte und in ihm versiegelt wurde, ganz gleich, dass es nur ein Teil der eigentlichen Kraft des Fuchses war.

Im selben Moment verlor Fugaku die Kontrolle über Kyubi. Der Fuchs richtete sich auf und schüttelte sich. Dann brüllte er wütend auf.

»Oh nein, das wirst du nicht tun!«, drohte er und holte mit seiner Pranke aus.

Fugaku schleuderte Kyubi einen Feuerball mitten ins Gesicht. Tobirama schlug seine Pranke mit einem harten Wasserstrahl zur Seite.

Minato presste sein Baby schützend an sich. Dann beschwor er einen Altar herauf, auf den er Naruto bettete, um das Ritual für die Acht Trigramme durchzuführen.

»Beeilung!«, drängte Tobirama ihn. Die Schmerzen in seiner Brust waren mittlerweile fast unerträglich. Aber er musste durchhalten!

Noch war nicht alles verloren, doch Kyubi setzte bereits zu einem nächsten Angriff an. Seine Schwänze peitschten auf sie nieder. Tobirama und Fugaku taten ihr bestes, um sie abzuwehren. Zu spät erkannte Tobirama, dass es nur ein Ablenkungsmanöver war.

Erneut schlug Kyubi nach Minato und Kushina. Mit schreckgeweiteten Augen sah Tobirama die alabasterfarbenen Klauen aufblitzen. Ganz so wie damals, als Hashirama mit Kyubi rang. Und so wie sein Bruder damals würden auch Kushina und Minato aufgespießt auf dieser Klaue enden, zerfetzt und mit herausgerissenen Eingeweiden. Doch sie waren nicht Hashirama, sie würden das keinesfalls überleben. Selbst Hashirama war nur knapp dem Tod entronnen.

Tobirama setzte sich in Bewegung. Verzweifelt warf er sich nach vorn, die Arme ausgestreckt. Mit der rechten Hand bekam er Minatos Kragen zu fassen, mit der linken wollte er nach Kushina greifen. Ausgerechnet seine linke Hand, die schwache, die ihm noch immer Probleme bereitete, deren Sehnen noch immer schmerzten und mit der er nicht mehr richtig greifen konnte.

Kushina entglitt seinem Griff. Während er noch Minato mit sich riss, konnte Tobirama in aller Klarheit sehen, wie Kushina auf Kyubis Klaue endete. In einer Explosion aus Rot bohrte sie sich durch Kushinas Brust.

Eine Detonation schleuderte Kyubis Arm zur Seite. Es war genug, dass seine Klaue Naruto verfehlte.

Schmerzhaft prallte Tobirama mit Minato in seinen Armen auf den Boden auf. Der Sturz presste ihm die Luft aus seinen ohnehin geschädigten Lungen, benommen japste er auf. Minato kam schneller wieder zu Sinnen als er, kämpfte sich auf die Beine und stolperte zu Naruto. Mit seinen letzten Kräften vollzog er die Acht Trigramme. Dann brach er zusammen.

Tobirama blinzelte. Kyubi war verschwunden. Die Stille, die daraufhin folgte, war gespenstisch. Stöhnend kämpfte er sich auf Hände und Füße. Es war noch nicht vorbei.

Er stolperte zu Minato und fiel neben ihm auf die Knie. Da war Blut, sehr viel sogar. Eine tiefe Wunde klaffte in Minatos Flanke. Ganz hatte er ihn also doch nicht vor der Klaue retten können. Das Blut floss reichlich in pulsierenden Stößen. Shinigami hatte seinen Preis noch nicht eingefordert. Gut.

Es gab ein Jutsu, über das Tobirama nie gesprochen hatte, mit niemandem. Nicht einmal mit Hashirama oder Mito. Die Forschungen an Edo Tensei hatten ihn dazu geführt, schon vor langer Zeit. Er war in tiefe Abgründe gereist und hatte in die Dunkelheit geblickt, und als er erkannt hatte, was er da sah, hatte er das Wissen darum tief in sich weggeschlossen. Zu gefährlich war es. Das sprichwörtliche Spiel mit dem Tod.

Er vollzog eine lange Reihe von Handzeichen. Noch nie zuvor hatte er das Jutsu angewandt und es wäre besser, wenn es auch so bliebe. Aber jetzt war es Minatos letzte Rettung, die Hoffnung eines sterbenden Mannes. Es würde funktionieren, es musste einfach. Vielleicht.

Tobirama aktivierte das Jutsu, ließ sein Chakra in das Siegel fließen und presste seine Hand auf Minatos Brust, direkt über seinem Herzen. Minato würgte, seine Glieder zuckten. Er starb. Es zerriss ihn innerlich, als der Totengott an seiner Essenz riss und gleichzeitig Tobiramas Siegel dagegen ankämpfte. Er biss die Zähne zusammen.

»Nein!«, knurrte er stur. »Nein, du kriegst ihn nicht! Seine Zeit ist nicht gekommen! Hörst du? Nicht heute!«

Er schrie auf. Das Siegel hielt fest. Minato lag still.

Sofort hob Tobirama ihn hoch, kämpfte sich selbst auf die Beine und mit seinen letzten Kräften teleportierte er sie beide direkt zum Krankenhaus. Chaos herrschte. Überall liefen Menschen durcheinander, schrien, weinten, klagten. Der Angriff hatte unzählige Verletzte zurückgelassen, die beinahe im Minutentakt in das Krankenhaus gebracht wurden. In all dem Durcheinander schien man Tobirama zunächst gar nicht zu bemerken.

»Er stirbt!«, brüllte Tobirama mit allem, was seine zerfetzten Lungen noch hergaben. »Er stirbt! Er braucht einen Arzt! Sofort!«

Ihm versagte die Stimme. Er würgte, als er etwas Feuchtes, Flüssiges in seiner Kehle spürte. Er bekam keine Luft mehr. Seine Knie gaben unter ihm nach. Jemand nahm ihm Minato ab. Er hustete und spuckte Blut vor sich auf die weißen Krankenhausfliesen. Benommen sackte er gegen die Wand und glitt daran entlang zu Boden. Die Welt drehte sich. Dann wurde alles schwarz.

Tobirama zitiert hier nicht direkt Thorin, aber es ist doch nahe dran.

Hier endet der erste Arc. Im nächsten Kapitel geht es weiter mit einem Zwischenspiel mit Minatos POV.

10. Kapitel: Zwischenspiel

CN Blut, schwere Verletzung

Minato hat so ein bisschen einen theme song für mich und das ist Curse or Cure von Icon For Hire.

Zwischenspiel

Minato hasste Tage wie diese. Es waren Tage, die ihn daran zweifeln ließen, ob er wirklich der beste für diese Position war, ob es wirklich eine kluge Entscheidung gewesen war, ihm den Hut zu überlassen.

Alles in ihm zog ihn nach draußen, weg von diesem Schreibtisch und dorthin, wo die eigentlichen Geschehnisse stattfanden. Nach draußen, mit einer Waffe in der Hand und hinaus aufs Schlachtfeld.

Stattdessen saß er schon seit Stunden in diesem Raum fest und diskutierte mit den Alten irgendwelchen belanglosen Kram. Sie testeten ihn, er wusste das. Es war dennoch ermüdend.

Er sollte respektvoller von ihnen denken, sagte er sich im Stillen. Er musste dennoch an sich halten, als Danzō mal wieder mit aller Macht versuchte, seinen Willen zu bekommen. Der Professor hatte ihn gewarnt, dass Danzō seine stärkste Opposition werden würde, dass es ihm am wenigsten schmecken würde, dass Minato das Amt des Hokage erhalten hatte und nicht Orochimaru, wie es Danzōs Wunsch gewesen war.

»Ich sage immer noch, wir sollten unsere Grenzen stärken und Agenten ins Ausland schicken«, sagte Danzō soeben. »Orochimaru hat einige gute Leute, die sich hervorragend auf Infiltration verstehen.«

»Und warum sollten wir das tun?«, konterte Minato und musste ein genervtes Seufzen unterdrücken. Schon wieder. »Wir haben gerade erst einen Krieg beendet, der Frieden, den wir erwirkt haben, ist noch immer fragil. Warum sollten wir das riskieren, indem wir unsere Nachbarn ausspionieren und damit alles gefährden, wofür wir gekämpft haben?«

»Es wäre keine Gefährdung, wenn wir die Besten schicken, jene, die niemals jemand finden wird«, betonte Danzō.

Er war ja wirklich sehr überzeugt von seinen Leuten. Die Ne war Minato ein Dorn im Auge, eine Einheit, über die er keine Kontrolle hatte und von der er nicht wusste, wer da überhaupt dabei war. Das machte sie unberechenbar. Und sie unterlag der vollen Kontrolle Danzōs.

»Jeder macht irgendwann einmal Fehler«, warf Sarutobi ein. »Selbst wenn wir die Besten für solch eine Operation einschleusen, besteht stets ein Restrisiko der Entdeckung. Es könnte die anderen Nationen provozieren und sie zu dem Gedanken verleiten, wir würden planen, den Friedensvertrag zu verletzen.«

»Und was sagt uns, dass sie nicht dasselbe tun?«, gab Koharu zu bedenken. »Bereits die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche Verträge kaum mehr Wert sind als das Papier, auf dem sie geschrieben wurden.«

»Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt«, zitierte Minato. »Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern.«

Weiter kam Minato nicht, als sein Tag ganz plötzlich und unerwartet um einiges spannender wurde.

Seit Jahr und Tag schon befand sich im Büro des Hokage eine eigenwillige Hiraishin-Markierung. Minato hatte sie nie angerührt, aber auch in den Aufzeichnungen seines Vorgängers keine Informationen darüber gefunden. Da er nie wirklich die Funktionsweise dieses Siegels verstanden hatte, hatte er es nie angerührt.

Umso erstaunlicher war es, als das Chakra im Siegel mit einem Male aufflackerte und im selben Moment eine Person mitten unter ihnen auftauchte. Koharu gab einen erschrockenen Laut von sich, der Rest von ihnen verfiel in schockstarres Schweigen. Sie alle starten auf die Person, die da mitten unter ihnen aufgetaucht war, blutüberströmt und offensichtlich schwer verwundet.

Sarutobi fand als erstes seine Stimme wieder. »Sensei?«

Und da endlich begriff Minato, wer da zu seinen Füßen lag. Er sah dieses Gesicht täglich, es war in Stein in den Fels geschlagen worden, und seine roten Augen sahen tagtäglich vom Foto an der Wand hinter ihm kritisch auf ihn herab. Doch nun war es nicht mehr steinern und streng, nicht mehr nur eine körnige Fotografie, leblos und regungslos. Nun standen in diesem Gesicht Qualen, Panik und nackte Todesangst.

Unter all dem Blut hätte er Tobirama dennoch beinahe nicht erkannt.

Ein Stimmengewirr brach los.

»Wie kann das sein?«, stammelte Koharu völlig verblüfft.

»Was hat das zu bedeuten?«, fügte Danzō ebenso wenig hilfreich an.

»Aus dem Weg!« Minato schob sie grob zur Seite, um sich Platz zu verschaffen. All das Blut! Es war so schrecklich viel.

»Er ist verletzt!«, rief Homura aus.

»Das sehe ich selbst!«, fuhr Minato ihn an.

»Er braucht einen Arzt!«, fügte Sarutobi unnützerweise an.

»Sofort alle zur Seite, ich bringe ihn ins Krankenhaus!« Minato achtete nicht auf die Alten, kniete sich neben Tobirama und hob ihn hoch. Sofort war seine Kleidung blutdurchtränkt, aber er scherte sich nicht darum. Die Frage, was hier eigentlich gerade passiert war, konnte warten. Es galt, ein Leben zu retten.

Ohne lange zu fackeln, griff Minato nach der Hiraishin-Markierung nahe des Krankenhauses und rannte noch in dem Augenblick los, in dem er bei der Markierung erschien. Tobirama in seinen Armen regte sich nicht mehr. Schlaff hingen seine Glieder herab, blicklos starrten seine Augen ins Leere und auch das Blut floss immer langsamer. Das war nicht gut, oder? Konnte es sein, dass er gerade starb? Wie hatte er überhaupt noch leben können? Es sah aus, als hätte irgendetwas ein ganzes Stück aus seiner linken Flanke gerissen. Waren das Rippen, die Minato da sah?

Mit Schwung trat er die Krankenhaustür ein. »Ein Arzt!«, schrie er so laut er konnte. »Notfall! Einen Arzt, sofort!«

Einige Menschen, vielleicht Patienten, vielleicht Besucher, starrten ihn verdutzt an. Die Krankenhausmitarbeiter jedoch reagierten sofort. Jemand rief den diensthabenden Notarzt, andere besorgten sogleich eine Trage und nahmen Minato den Verletzten ab. Niemand stellte unnötige Fragen, doch auf die Frage, was genau eigentlich passiert war, konnte Minato nur mit den Schultern zucken. Tobirama war tödlich verwundet, so viel konnte er sagen, aber das sah wohl jeder.

Menschen in weißen Kitteln eilten herbei. Jemand bellte scharf einige Befehle, und dann eilten sie auch schon davon in den Not-OP. Minato blieb allein zurück im Gang, besudelt mit Blut und völlig verdattert. Was war hier eigentlich gerade geschehen? War das wirklich geschehen oder hatte er nur geträumt, dass eine längst tot geglaubte Person aus dem Nichts heraus vor ihm erschienen war?

Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, und auch, weil es sich falsch anfühlte, jetzt einfach wieder nach draußen zu spazieren, als sei nichts geschehen, setzte er sich auf eine der Plastikbänke, die entlang der Wand standen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, bis ihm einfiel, dass das wohl keine gute Idee sei. Aber da war es schon zu spät und er hatte sich das Blut in die Haare geschmiert.

So fand ihn Sarutobi. Er musste ihm zu Fuß nachgeeilt sein, noch im selben Moment, in dem Minato aus dem Büro verschwunden war. Schwer atmend blieb er vor Minato stehen und fasste sich an die Brust.

»Ich werde zu alt für so etwas«, keuchte er.

Minato rückte zur Seite und bot ihm den Platz neben sich an. Sarutobi setzte sich und verschnaufte.

»Sagen Sie, Professor, das habe ich mir nicht eingebildet, oder?«, wollte Minato von ihm wissen.

Sarutobi schüttelte den Kopf. »Und wenn doch, sind wir alle derselben Illusion erlegen. Ich kann mir nicht erklären, wie, aber das war eindeutig mein alter sensei, Nidaime Hokage Senju Tobirama, um keinen Tag gealtert. Sag, wie geht es ihm?«

Minato sah auf seine besudelten Hände herab. Seine einstmals weiße Robe war blutdurchtränkt. Kushina würde ihn vierteilen, wenn sie das sah.

»Ich weiß es nicht«, sagte er ehrlich. »Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt noch gelebt hatte, als ich ihn hierher brachte. Er ist jetzt in den Händen der Ärzte. Wir werden warten müssen.«

Sarutobi musterte ihn. »Das wird sicher noch eine Weile dauern. Geh und zieh dir etwas sauberes an.«

Minato ließ den Kopf gegen die Wand hinter sich sinken. Dann musste er aus irgendeinem Grund lachen. »Das ist doch absurd. Das ist alles so völlig abgedreht. Leute stehen nicht einfach so wieder von den Toten auf, nur um mir verblutend vor die Füße zu fallen. Und dann ausgerechnet Nidaime Hokage!«

Sarutobi zückte eine Pfeife, die er von sonst woher zauberte. Minato hatte sein Geheimnis nie ergründen können, wie er es schaffte, zu absolut jeder Gelegenheit entspannt seine Pfeife zu rauchen. Er paffte ein paar Mal an der Pfeife und lehnte sich dann ebenfalls zurück. Seine Haltung wirkte nun ebenfalls entspannter.

»Tja, wer weiß«, sagte er lässig. »Mein sensei war schon immer für eine Überraschung gut. Irgendwie würde es mich da nicht einmal verwundern, wenn er ein Zeitreisejutus aus dem Ärmel zaubern würde.«

»Meinen Sie, dass es genau das war?«

Doch Sarutobi zuckte nur mit den Schultern. »Gegenwärtig bin ich genauso ahnungslos wie du. Wir werden abwarten müssen.«

Minato musste seine Ungeduld zügeln. Da sie wirklich nichts weiter tun konnten, als zu warten, empfahl sich Minato für den Moment und nahm den direkten Weg nach Hause. Er hoffte, dass Kushina gegenwärtig nicht Heim war, um sie mit seinem Anblick nicht zu erschrecken, doch das Klappern von Töpfen in der Küche machte seine Hoffnungen zunichte.

»Hallo, Liebling! Bin wieder da!«, rief er und schlich gleichzeitig auf schnellstem Wege zum Bad.

Kushina war natürlich schneller mit ihrer eigenwilligen Fähigkeit, immer zu erschnüffeln, wenn etwas im Busche war. Sie streckte den Kopf aus der Küche, in einer Hand einen Kochlöffel. In ihrem Mundwinkel haftete verräterische Schokolade, und Minato nahm Abschied von seinem Abendsnack. Kushinas Heißhungerattacken hatten in letzter Zeit effektiv jede noch so gut versteckte Süßigkeit im Haus erschnüffelt.

»Lässt sich mein Mann auch wieder einmal blicken, was für ein seltener Anblick! Ich koche uns gerade Marmelade nach dem Rezept von Mito-hi… AHHHH!!!«

Sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. Ein schriller Schrei zerriss Minatos Trommelfelle, als sie ihn erblickte. Genau das hatte er vermeiden wollen.

Er machte eine beschwichtigende Geste. »Alles gut, ist nicht mein Blut. Mir geht’s gut. Aber du wirst nicht glauben, was gerade passiert ist!«

Kushina schnappte nach Luft.

»Schatz, Liebling, beruhige dich«, redete Minato auf sie ein. Die Ärztin hatte doch gesagt, dass Kushina sich schonen und Aufregung vermeiden sollte.

Kushina schnappte noch ein paar Mal nach Luft und dann sah sie ihn empört an. Also alles wieder gut.

»Was hast du angestellt?«, verlangte sie zu wissen und hob drohend den Kochlöffel.

»Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass gerade aus dem Nichts heraus Nidaime Hokage im Büro auftauchte? Er war verletzt, daher das ganze Blut. Ich hab ihn ins Krankenhaus gebracht.«

»Du hast unseren Läufer ruiniert, das wäre!«, rief Kushina empört aus. Mit spitzen Fingern hob sie seinen Umhang an. »Und das kannst du auch gleich in den Müll werfen. Das Blut geht da nie wieder heraus.«

»Kushina, ich rede von Senju Tobirama, dem Erfinder des Hiraishin! Und überhaupt so ziemlich jedem namhaften Jutsu, das wir heutzutage kennen«, betonte Minato begeistert.

»Ja, ja. Schon klar«, winkte Kushina ab. Dann sank diese Information ein. »Was?! Ich meine: hä?«

Eloquenter hätte auch er es nicht ausdrücken können.

»Ganz meine Rede.«

Sie sah ihn kritisch an. »Entsorg das, und dann erzählst du mir alles.«

Also tat er genau das.

 

Einige Stunden später befand er sich wieder im Krankenhaus, frisch umgekleidet und mit einem Glas Marmelade in der Hand. Kushinas neuestes Steckenpferd … Wie sich herausstellte hatte Sarutobi die ganze Zeit hier gewartet. Als Minato zu ihm stieß, informierte er sich über den neuesten Stand der Dinge. Überraschenderweise lebte Tobirama noch, auch wenn es zwischenzeitlich nicht danach ausgesehen hatte. Gerade hatte man ihn aus dem OP und in ein eigenes Zimmer gebracht, vor dem Minato und Sarutobi nun standen und warteten, während die Ärztin noch irgendetwas zu erledigen hatte.

Minato überreichte ihm das Marmeladenglas. Sarutobi sah ihn fragend an.

»Bitte nehmen Sie das. Von Kushina«, sagte Minato. »Wir haben Unmengen davon. Ich bezweifle, dass wir das auch in zehn Jahren gegessen haben werden.«

Aus irgendeinem Grund musste Sarutobi lachen. »Ist das das Rezept von Mito-hime?«

Minato nickte.

»Ja, das hatte sich auch Biwako schon vor vielen Jahren erschlichen. Es ist gut, nicht wahr? Ganz früher, als ich noch ein Genin war, kam manchmal Miyazaki vorbei und brachte uns Marmelade und Brot von ihrer Mutter und dann hatten wir eine Pause vom Training. Hm, ich sollte wohl Konfitüre sagen, Mito-hime war da immer sehr erpicht darauf. Das waren schöne Zeiten.«

Es war schwer, sich Sarutobi als kleinen Jungen vorzustellen. Aber irgendwann einmal waren sie alle jung gewesen.

»Wie war er so gewesen, Ihr sensei?«, wollte Minato wissen. »Wobei ich wohl keine Vergangenheitsform mehr benutzen sollte.«

»Dieser alte Wolf, es ist doch nicht zu fassen.« Sarutobi lachte in sich hinein. »Nun, er war … ist streng und hat stets viel von uns gefordert, doch nie zu viel. Entgegen allem, was er selbst immer behauptet hatte, war er ein guter Lehrer gewesen. Das war wohl die eine Sache, in der er nicht Recht behalten hatte. Tobirama-sensei macht keine halben Sachen und gibt stets alles, was den Umgang mit ihm manchmal ein wenig … schwierig macht. Es war diese eine letzte Lektion, die er uns erteilte, als er sich den Gold und Silber Brüdern stellte, dass es in der Welt Dinge gibt, für die es sich zu sterben lohnt.«

»Darf ich fragen, was damals genau vorgefallen war?«, fragte Minato weiter. »Es heißt immer, dass die Leute aus Kumo ihn getötet hätten, aber Details hatte ich nie finden können.«

»Wir waren seine Eskorte, als er nach Kumogakure ging, um mit dem Raikage einen Friedensvertrag auszuhandeln«, erzählte Sarutobi. »Die Verhandlungen scheiterten, weil Kinkaku und Ginkaku ein Attentat auf Nidaime Raikage A verübten und auch uns angriffen. Wir entkamen, wenn auch nur gerade so.«

»Sie haben ihre eigenen Leute angegriffen?«, wunderte sich Minato.

Sarutobi nickte. »Ja, sie hatten einen Putschversuch unternommen, um den Krieg zwischen unseren Dörfern wieder anzufachen. Sie verfolgten uns den ganzen Weg bis nach Konoha und wenige Kilometer hinter unseren Grenzen hatten sie uns schließlich gestellt. Wir hatten zwar versucht, den Wald mit Fallen zu präparieren, aber es war nicht genug gewesen.

Als wir umstellt waren, wurde uns klar, dass wir jemanden würden opfern müssen, der unsere Feinde auf eine falsche Fährte lenkt, damit der Rest entkommen kann. Diese Person würde höchstwahrscheinlich dabei sterben, denn wir hatten eine Übermacht gegen uns. Ich wollte mich freiwillig melden, doch sensei untersagte es mir. Wir seien die jungen Flammen des Dorfes, sagte er, uns obläge es, das Dorf in eine neue Zukunft zu führen. Dann ernannte er mich zu seinem Nachfolger und ging. Ich habe nie wieder einen Shinobi selbstsicherer seinem eigenen Tod entgegentreten sehen.

Wir entkamen, weil er sich für uns opferte. Hinterher untersuchten wir den Kampfplatz, doch alles war verwüstet. Wenn Senju kämpfen, dann mit Urgewalten, unterschätze diesen Clan niemals. Wir fanden einige bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen vor, doch das war alles. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, ob sensei unter den Opfern war, also blieb sein Grab leer, ganz so wie das Hashirama-samas. Aber wir hörten auch nie wieder etwas von ihm, also nahmen wir an, dass er in der Tat von den Gold und Silber Brüdern getötet worden war. Sie posaunten es ja auch in allen Ecken der Welt herum, doch lange konnten sie ihren Ruhm nicht genießen. Bald schon war ihnen eine ganze Armee an Kopfgeldjägern auf den Fersen und irgendwann einmal hatte es auch sie erwischt.«

Sarutobi streckte sich, wie als würde er Haltung annehmen. »Während unseres Trainings sagte er immer etwas ganz Bestimmtes zu uns. Er sagte: Im Kampf gibt es nur einen Gott. Den Gott des Todes. Und dann fragte er uns, was wir zum Gott des Todes sagen. Nicht heute. Als er ging, verabschiedete er sich mit diesen Worten von uns. Nicht heute. Doch ich sah in seinen Augen, dass er dieses Mal wusste, dass es eine Lüge war. Er wusste, dass er dieses Mal nicht noch einmal trotzig dem Tod die Stirn bieten und siegreich aus diesem Kräftemessen hervorgehen konnte. Er wusste, er würde sterben. Und doch ist er jetzt hier. Nicht heute.«

Minato sah zu der Tür vor ihnen. Durch das getrübte Glas konnte er nur schemenhaft die Ärztin und ihre Assistenz erkennen.

»Nur dass er anscheinend nie gestorben ist.«

Sarutobi nickte. »So sieht es aus. Ich weiß nicht viel über Hiraishin, aber ich weiß dass es ein Raum und Zeit Jutsu ist.«

»In dem Moment, in dem er erschienen war, hatte sich diese eigenwillige Markierung im Büro aktiviert. Sie wissen schon, diese, nach der ich Sie einmal gefragt hatte.«

Wieder nickte Sarutobi. Er wusste, welche Minato meinte, auch wenn er ihm dazu nichts hatte sagen können. »Ob sensei das beabsichtigt hatte? Irgendwie zweifle ich daran. Wobei es ihm gar nicht ähnlich sieht, irgendetwas Halbgares in die Tat umzusetzen, wo er sich doch bei jeder Gelegenheit über Hashirama-samas Spontanität beschwert hatte.«

Über die Gründer des Dorfes zu reden, fühlte sich immer an, als würden sie über lang Vergangenes aus grauer Vorzeit sprechen, und Minato musste sich jedes Mal aktiv daran erinnern, dass es eine ganze Reihe von Menschen gab, die sie noch mehr oder weniger persönlich kennen gelernt hatten. Vierzig Jahre waren keine allzu lange Zeit, betrachtete man die gesamte Geschichte.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet und die Ärztin trat heraus. Auf dem kleinen Schildchen an ihrer Brust stand Doktor Fuyuko. Sie wirkte erschöpft. Ein paar Haarsträhnen hatten sich aus ihrem strengen Zopf gelöst. Erwartungsvoll sahen Minato und Sarutobi ihr entgegen. Sie erwiderte es mit einem strengen Blick.

»Er ist aus dem Gröbsten heraus«, beantwortete sie dennoch die unausgesprochene Frage. »Es bestehen Überlebensschancen, aber ich gebe keine Garantie darauf. Dass Shinobi sich auch immer so zurichten lassen müssen. Ich habe ihn vorerst in ein künstliches Koma versetzt, bis keine akute Gefahr mehr besteht. Also weshalb Sie auch immer noch hier herumlungern, schlagen Sie es sich vorerst aus dem Kopf. Mein Patient hat vorerst äußerste Ruhe zu genießen und kann mit nichts behelligt werden, das nicht mit seinem Genesungsprozess zu tun hat.«

Dann zog sie von dannen.

Minato und Sarutobi tauschten einen Blick.

»Klare Ansage«, sagte Minato nüchtern.

 

Auch wenn es ihnen finstere Blicke Doktor Fuyukos einbrachte, kamen Minato und Sarutobi in den nächsten Tagen doch oft vorbei, um sich nach Tobiramas Befinden zu erkunden. Es ging allmählich bergauf mit ihm, auch wenn es dennoch mehrere Tage dauerte, bis Doktor Fuyuko Entwarnung gab und meinte, es wäre sicher, ihn langsam aus dem Koma zu holen und er würde ihr nicht mehr jeden Augenblick unter den Händen wegsterben.

Minato musste seine Ungeduld zögern, es juckte ihm in den Fingern, mit Tobirama zu sprechen. Welch eine höchst sonderbare Wendung des Schicksals! Auch wenn er von der Gründerfamilie immer ein wenig eingeschüchtert gewesen war (bis Mito ihn eines Tages, als er noch ein Jugendlicher gewesen war, mit Marmeladenbroten vollgestopft hatte), hatte er doch stets Tobiramas Arbeit bewundert. Seine Jutsus zu lernen und seinem Beispiel zu folgen, war Minatos Weg des Ninja gewesen.

Es war sonderbar, Tobirama so daliegen zu sehen. Minato hatte ihn sich stets als imposante Erscheinung vorgestellt, und vielleicht hatte er auch ein etwas idealisiertes Bild von ihm. Aber hier nun wirkte er so gar nicht wie der nahezu unbezwingbare Kämpfer, den Minato immer vor Augen gehabt hatte. Er wirkte so klein und erschreckend zerbrechlich. Sterblich. Wie sie alle.

Die Ärzte hatten ihn an eine Reihe von Gerätschaften angeschlossen, die seine Vitalzeichen überwachten. Minato hatte keine Ahnung von den Anzeigen, aber zumindest das gleichmäßige Piepen wertete er doch als gutes Zeichen. Man hatte Tobirama eine Sauerstoffmaske vor das Gesicht gebunden, doch selbst darunter meinte Minato zu erkennen, wie Tobiramas Mimik angespannt wirkte. Träumte man unter Narkose? Und wenn ja, von was träumte jemand wie Nidaime Hokage Senju Tobirama?

Dieser Mann hatte in seinem Leben so unglaublich viel erreicht und zuletzt war er dem Tod selbst von der Schippe gesprungen. Minato konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie er das angestellt haben mochte.

Während er darauf wartete, dass Tobirama erwachte, vertrieb sich Minato seine Zeit mit dem Gedichtband, den er derzeit las. Dennoch wanderten seine Gedanken. Warum war das ausgerechnet jetzt passiert? Was hatte es zu bedeuten?

Und würde es ihm irgendwie nützen?

»Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.«

Er runzelte die Stirn, als seine Augen an diesen Zeilen hängen blieben.

Tobirama regte sich.

 

Kushina zog einige Freude daraus, Minato mit seiner Begeisterung zu necken.

»Dieser Mann ist ein Genie, Kushina! Eine Legende! Ach, was sage ich? Eine auf einmal wieder lebende Legende!«, sprudelte es aus Minato heraus. Vor lauter Aufregung vergaß er beinahe sein Abendessen, und das wollte etwas heißen.

»Also bist du jetzt ins Krankenhaus gezogen?«, konterte Kushina mit einem herausfordernden Grinsen.

»Ich muss doch sicherstellen, dass es ihm gut geht«, verteidigte sich Minato. »Ich habe das Gefühl, dass sein Wohlbefinden in meiner Verantwortung liegt.«

»Dafür gibt es Ärzte«, erinnerte Kushina ihn. Dann grinste sie. »Du suchst doch nur eine Ausrede, um hemmungslos deinen Schwärmereien nachzugehen.«

Ihm brannten die Wangen. »Das stimmt überhaupt gar nicht! Ich als Hokage habe Verantwortung für alle in diesem Dorf und ich versuche hier nur meine Pflicht zu erfüllen. Er ist immer noch einer der Gründer dieses Dorfes, also muss ich mich besonders anstrengen, um ihm gerecht zu werden.«

Kushina biss sich auf die Lippe. Dennoch musste sie lachen. »Mito-hime hat immer gesagt, dass wir Nidaime-sama nicht so überhöhen sollen, laut ihr soll er ziemlich arrogant sein.«

Minato schnappte empört nach Luft. »Das hat sie gesagt?!«

Kushina kicherte immer noch. »Mehr oder weniger, ja.«

»Aber das konnte sie doch niemals ernst gemeint haben!«

Er war Mito nur ein paar Mal begegnet, als Kushina und er noch frisch verliebt gemeinsam auf Dates gegangen waren und Mito ihn eines Tages zu sich nach Hause eingeladen hatte. Er wusste noch, dass er vor lauter Nervosität kaum ein Wort herausbekommen hatte, bis Kushina neben ihm begeistert Mitos Kekse und ihre Marmeladenbrote in sich hineingeschaufelt hatte. Uzumaki hatten alle ein beängstigendes Magenvolumen.

Kushina tat so, als würde sie einen Moment lang über seine Worte nachsinnen. Dann nickte sie immer noch grinsend. »Doch. Ich denke schon, dass sie es zumindest ein wenig auch wirklich so gemeint hatte.«

»Aber … wie konnte sie so über ihren eigenen Schwager reden?«

Kushina fand das alles anscheinend furchtbar witzig, denn noch immer musste sie kichern. »Das ist wohl das Privileg, wenn man besser ist mit Siegeln.«

Das war ein Punkt, der zur Debatte stand. Minato wusste eine ganze Menge über Siegel und wagte sogar zu behaupten, dass sein Wissen tiefer ging als das vieler anderer. Aber sowohl Mito als auch Tobirama galten als unbestrittene Siegelmeister. Ihnen würde er nie das Wasser reichen können, egal, wer von ihnen dem anderen überlegen war.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Aber weißt du, was das heißt, Kushina?«, fragte er begeistert.

»Dass du mir jetzt jeden Tag das Ohr abkaust, wie toll Nidaime-sama ist und dass du ihn heiraten willst?«

Er sah sie irritiert an. »Was? Nein! Aber stell dir einmal vor, was ich alles von ihm lernen könnte! Er hat Hiraishin erfunden, er weiß besser als alle anderen, wie dieses Jutsu zu verwenden ist.«

Kushina lächelte mild und ergriff seine Hand. »Überfall ihn nicht gleich damit und gib ihm etwas Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass es komisch ist, wenn man ganz unerwartet eine Zeitreise macht.«

»Oh. Ja. Du hast Recht« Es schien Tobirama sehr zu schaffen gemacht zu haben, als Sarutobi ihm gesagt hatte, was aus seiner Familie geworden war. Minato stellte sich vor, wie es ihm ergehen würde, wenn er in derselben Position wäre, und kam zu dem Schluss, dass er es sich lieber nicht vorstellen wollte.

Aber was wäre mit Kakashi? Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich. Als Sarutobi ihn damals zum Leiter seines Teams ernannt hatte, hatte er natürlich in Kakashis Akte von seiner Abstammung gelesen. Noch im selben Atemzug hatte Sarutobi Minato ans Herz gelegt, Kakashis Wunsch gemäß nicht darüber zu sprechen, und daran hatte sich Minato gehalten. Kakashi hatte eine schwierige Beziehung zu seiner Familie, die vom Suizid seines Vaters überschattet wurde. Aber was würde sich ändern, jetzt, da er die Chance hatte, seinen Großvater kennenzulernen? Wollte er das überhaupt? Er sollte es Kakashi zumindest zu gegebener Zeit anbieten.

 

Tobirama stellte sich als das Genie heraus, für das Minato ihn immer gehalten hatte. Es bewahrheiteten sich allerdings auch Sarutobis Worte, dass er etwas, nun, schwierig im Umgang sei. Oder vielleicht war es einfach nur Minato, der sich neben ihm so klein fühlte und sich von seinem strengen Blick einschüchtern ließ. Tobirama machte den Eindruck, als würde er alles und jeden konstant auf den Prüfstand stellen, ob er auch wirklich seinen Ansprüchen genügte.

Dennoch konnte Minato sich einfach nicht helfen und war fasziniert von diesem Mann. Er gab sich Mühe, seine Begeisterung zu zügeln und Tobirama nicht zu überfallen, aber irgendwie ergab sich doch immer wieder eine Gelegenheit für ein Gespräch. Auch wenn Minato manchmal etwas nachhalf. Kakashis Geburtstag war doch eine hervorragende Gelegenheit für eine Einladung, nicht wahr?

Minato war zugegeben etwas verwundert, dass von den Alten nur Sarutobi wirkliches Interesse an den Geschehnissen zeigte. Die anderen drei sprachen es kaum an, und Danzō machte gar den Eindruck, als sei er nicht allzu erfreut darüber. Aber sollte er sich nicht freuen, seinen einstigen sensei wohlbehalten vorzufinden? Minato fand das ganze höchst eigenartig.

Es war natürlich ein verwaltungstechnischer Alptraum, die Akten über einen seit vier Jahrzehnten totgelaubten Shinobi wieder hervorzuholen und zu reaktivieren. Die Frage stand im Raum, was Minato nun mit Tobirama anstellte und ob und wenn ja wie er sich wieder in das Dorfgefüge eingliederte.

Minato verbrachte mehrere Abende damit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, und Kushina schalt ihn (zu Recht) dafür, dass er die Arbeit mit nach Hause brachte und Tobiramas alte Akten selbst am Abendbrottisch studierte. Aber er konnte sich einfach nicht helfen, er war fasziniert von den Aufzeichnungen über Tobirama. Und dabei listeten sie nur, was er seit der Gründung des Dorfes erreicht hatte.

Der Teil über die Anbu brachte ihn jedoch auf eine Idee.

»Schatz, ich brauche deine Meinung«, sagte er geradeheraus.

Kushina seufzte und warf ihm einen strengen Blick zu. »Wir hatten eigentlich die Regel: Keine Arbeit beim Essen.«

»Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.«

Kushina grummelte, bedeutete ihm dann aber fortzufahren.

»Du hattest damals bedeutend mehr mit Mito-hime geredet als ich, und sie hat ja anscheinend auch ein paar Mal Nidaime-sama erwähnt, also kannst das vielleicht besser einschätzen als ich. Aber würdest du meinen, er stünde auf meiner Seite, wenn ich … ein paar gewagte Dinge tue?«

Politik war so lästig. Ein ständiger Tanz auf rohen Eiern und kein Gegner, den er einfach mit einem Hiraishin niedermachen konnte. Politik wurde mit anderen Waffen gefochten und er war noch neu in diesem Spiel. Es könnte von Nutzen sein, ein paar einflussreiche Verbündete zu haben, deren Wort Gewicht hatte.

Kushina sah ihn fragend an. »Was hast du vor?«

»Mir ein paar Freunde machen, aber gleichzeitig wohl auch ein paar Feinde.«

»Ich würde davon abraten, Nidaime-sama gegen dich aufzubringen.«

»Oh nein, das meinte ich nicht damit«, beteuerte er sogleich. »Ganz im Gegenteil sogar. Ich hatte vor, ihm zu unterbreiten, dass er seine Anbu wiederhaben kann.«

Kushina runzelte die Stirn. »Und warum? Ist doch gut so, wie es jetzt ist, oder?«

»Nicht ganz. Es gibt da eine besondere Abteilung, die nicht meiner Kontrolle unterliegt, sondern Danzō-samas, und das hatte mir von Anfang an nicht gefallen.«

Ob der Erwähnung dieses Namens verzog sie unwillig das Gesicht. Ihr behagte der Mann genauso wenig wie ihm. »Also willst du Nidaime-sama die Anbu geben und hoffst im Gegenzug darauf, dass er für dich mit Danzō-sama fertig wird?«

Er nickte. »Genau. Danzō-sama wird nicht froh sein, wenn ich ihm seine Leute wegnehme, und ich glaube nicht, dass ich allein gegen ihn bestehen kann, zumal ich vermute, dass Koharu und Homura eventuell sogar ihn unterstützen könnten. Aber Nidaime-sama war einmal ihr sensei und sie seine Untergebenen. Sandaime-sama hat immer mit höchstem Respekt von ihm gesprochen. Ich denke, Nidaime-samas Wort hat noch Gewicht bei ihnen.«

Darüber sann Kushina einen Moment lang nach. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Warum fragst du nicht den Professor? Er wird dir da sicher besser beratend zur Seite stehen können.«

Daran hatte Minato natürlich auch schon gedacht. Aber in dieser Sache war er sich nicht sicher, ob Sarutobi nicht vielleicht selbst viel zu verstrickt war, um ihm wirklich helfen zu können. Er hatte wirklich nur Respekt übrig für seinen Vorgänger, allerdings war er auch so ehrlich zu sagen, dass Sarutobis passive Art in der Vergangenheit zu Problemen geführt hatte. Er war sich nicht sicher, ob der Professor dieses Mal wirklich über seinen Schatten springen und seinen alten Kameraden in angemessener Weise die Stirn bieten konnte.

Tobirama hingegen … Er wirkte wie ein Mann, der nicht zögerte, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, ganz gleich, wie viel sie persönlich von ihm verlangen würden. Minato beschloss, dass es das Risiko wert war.

Er wurde nicht enttäuscht.

Auch wenn Kushina ihm dafür den Kopf wusch, gönnte sich Minato dennoch auch die kleine Freude, die erstbeste sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, Tobirama ein wenig persönlicher kennenzulernen und Kakashi schien auch nichts einzuwenden haben. Dennoch fiel Kushina am Vortag von Kakashis Geburtstag aus allen Wolken, als Minato eine ganz bestimmte Bitte an sie herantrug.

»Du willst was?«, fuhr sie ihn an, die Hände noch im Teig für den Kuchen, den sie für Kakashi hatte backen wollen.

»Eine Hirschkeule«, piepste Minato kleinlaut. »Er hat gesagt, Ōkami-san bevorzugt ihr Fleisch roh und so frisch wie möglich.«

»Du machst mich fertig, Mann!«, rief sie aus. »Soll ich jetzt losziehen in den Wald und dir einen Hirsch jagen, oder was hast du dir vorgestellt?«

Beschwichtigend hob er die Hände. Er hätte es besser wissen müssen. Es war nie gut, Kushina aufzuregen, nicht nur während ihrer Schwangerschaft. »Ich denke, ein gutes Steak tut es auch. Glaube ich. Ich wollte doch sowieso noch unser Grillfleisch einkaufen gehen.«

Sie seufzte und verdrehte theatralisch die Augen, gab dann aber doch nach. »Die Akimichi haben einen richtig guten Fleischer. Frag bei dem nach, vielleicht hat er ja etwas da.«

Wunder über Wunder, aber der Mann hatte in der Tat eine Hirschkeule da. Sie war zwar nicht unmittelbar vom Tier geschnitten, aber auf die Schnelle konnte Minato wirklich nichts besseres auftreiben.

Als er sich dann jedoch am nächsten Tag Ōkami gegenüber sah, hatte er dennoch das Gefühl, dass sie zu dem Schluss gekommen war, dass er die appetitlichere Beute abgab. Die gigantische weiße Wölfin war mit einem Male einfach so über den Gartenzaun gesprungen und stand nun mit tropfendem Zahn vor ihm. Er zweifelte keinen Moment lang daran, dass sie ihn spielend würde überwältigen können, wenn ihr der Sinn danach stand.

Ōkami war zwar als Tobiramas Vertrauter Geist gelistet, aber von dem Moment an, als Minato ihr das erste Mal in dem Krankenhauszimmer begegnet war, hatte er gespürt, dass etwas an ihr anders war, das sie von Gamabunta unterschied. Mit den Wölfen war es schon immer anders gewesen. Tobirama war der einzige, von dem Minato wusste, dass er jemals einen Vertrag mit ihnen abgeschlossen hatte.

Es war irgendwie surreal, den Weißen Wolf von Konoha plötzlich in seinem Garten zu sehen, wie sie ihn musterte, als würde sie überlegen, welcher Teil von ihm am saftigsten wäre. Ōkami war bereits während der Zeit der Bürgerkriege zu einiger Notorietät gelangt, besonders unter den Uchiha. Minato hatte bei seinen Recherchen alte Aufzeichnungen gefunden, demnach berichtet wurde, dass sie durchaus Menschen gefressen hatte, als sie mit den Senju Jagd auf Uchiha gemacht hatte.

Minato gab sich nicht einmal Mühe, sein Aufatmen zu verbergen, als Kushina Kakashi und Tobirama herbeiführte. Ōkami gab sich in der Tat mit Minatos Hirschkeule zufrieden und zog sich schwanzwedelnd in eine Ecke des Gartens zurück. Tod durch knochenzermalmende Kiefer also erfolgreich abgewandt.

Minato war froh zu sehen, dass sich Kakashi und Tobirama anscheinend verstanden. In den vergangenen Wochen hatte er die Ohren aufgesperrt und vorsichtig erkundet, wie Kakashi zu der ganzen Sache stand. Minato wollte ihm nichts aufdrängen, das für ihn zu unangenehme Erinnerungen weckte, doch Minato war sich auch sicher, dass Kakashi etwas brauchte, das er ihm nicht geben konnte. Ihm den Auftrag zu geben, über Kushina zu wachen, hatte nicht geholfen, seine Wunden zu heilen. Vielleicht war das etwas, das nur Familie erreichen konnte, doch Tobirama und Kakashi waren einander fremd. Blut spielte keine Rolle, wenn Tobirama fünfundzwanzig Jahre vor Kakashis Geburt verschwunden war.

Dennoch war dies für Kakashi eine Gelegenheit zu erkennen, dass er wirklich nicht mehr allein sein musste, wenn er das wünschte. Also hatte Minato ihn sanft in diese Richtung geschubst und seine Bemühungen schienen erste Früchte zu tragen.

Es war im höchsten Maße faszinierend, mit Tobirama persönlich über sein Hiraishin zu erzählen, und Minato musste zugeben, dass er sich durchaus auch in Tobiramas Lob sonnte, als dieser betonte, dass Kushinas und sein Wissen über Siegel bemerkenswert seien. Ein Lob aus dem Mund dieses Mannes bedeutete eine ganze Menge!

Minato vermied die Frage nach Tobiramas Befindlichkeit. Er machte den Eindruck, als würde er darüber nur ungern sprechen und zugeben, dass er geschwächt sei. Immerhin entging Minato auch nicht Tobiramas Unmut über die Beeinträchtigung durch seine verstümmelte Hand.

Alles in allem konnte Minato diesen Tag also als Erfolg verbuchen. Tobirama die Anbu zu geben und damit Danzō seine Ne zu nehmen war natürlich nur der Anfang, aber dieser erste Schritt machte bereits einen guten Eindruck. Es war wirklich ein Glücksfall für Minato, dass ausgerechnet Tobirama ihm sprichwörtlich vor die Füße gefallen war.

Er war sich relativ sicher, dass Tobirama durchschaut hatte, was Minato hier mit ihm tat und welche Rolle er ihm zugeschrieben hatte, aber anscheinend war Tobirama gewillt, das Spiel mitzuspielen. Das war gut, denn Minato machte sich keine Illusionen, dass er Tobirama irgendetwas entgegenzusetzen hätte, sollte er entscheiden, dass Minato sein Feind wäre.

Alles sah eigentlich ganz gut aus. Natürlich erkannte Minato Tobiramas Dilemma, dass er wünschte, seinen Fehler mit seinem Hiraishin rückgängig zu machen, und Minato nahm sich vor, ihm dabei zu helfen, so gut er es vermochte. Tobirama war ein viel beschäftigter Mann und es wäre sicher kein leichtes, den Forschungsstand von vierzig Jahren aufzuholen. Also beschloss Minato, ihm ein bisschen zu helfen und nahm mit Kushina nun doch das Hiraishin-Zeichen unter die Lupe, das all das hier verursacht hatte.

Kushina riet zu äußerster Vorsicht, aber obwohl sie mindestens so viel wie Minato von Siegeln verstand, stand auch sie hier vor einigen Rätseln. Das würde sicher einige Zeit in Anspruch nehmen. Minato konnte allerdings nicht sagen, dass er sich darüber beschwerte. Er wusste diese Zeit schon zu nutzen.

Kurzum: Gerade war Minato eigentlich sehr zufrieden mit der Wendung, die sein Leben genommen hatte.

Bis der maskierte Mann angriff.

Sich passiv-aggressiv an den Crush heften, ist eine valide Flirting Methode, finde ich.

Das erste Zitat ist aus Alle Tage, einem Gedicht von Ingeborg Bachmann, das zweite ist erneut ihr Gedicht Die gestundete Zeit.

"Was sagen wir zum Gott des Todes? Nicht heute." Das ist natürlich GoT

Nächstes Kapitel: Minato überlebt, aber zu einem hohen Preis.

11. Kapitel: Teil 2, Kapitel 1: Überleben

CN misgendering (Tobirama wird aber korrigiert), Trauer, Verlust von Angehörigen, Leichen, milder Gore
Überleben

Der Ladenbesitzer war ganz offensichtlich nicht glücklich über die Anwesenheit der riesigen Wölfin in seinem Laden. Ōkami bewegte sich vorsichtig zwischen den Regalen voller Spielzeug entlang, aber dennoch stieß sie hin und wieder doch eines der Plüschtiere aus den Regalen. Manche, die ihre Aufmerksamkeit erregten, beschnüffelte sie ausgiebig und wandte sich dann doch ab. Tobirama folgte ihr geduldig und wartete darauf, dass sie sich endlich entschieden hatte.

»Das da«, sagte sie und deutete mit der Schnauze auf einen Plüschwolf ganz oben in einem der Regale. »Welpe, reich mir den da herunter.«

Tobirama streckte sich und kam der Bitte nach. Sie beschnüffelte das Plüschtier.

»Ja. Das ist gut. Den will ich.«

Es wunderte ihn nicht. Es war ein flauschiger, kleiner weißer Wolf mit schwarzen Knopfaugen. Natürlich würde Ōkami das gefallen.

»Du willst ihn, ja? Ist immer noch mein Geld«, sagte er, während er das Plüschtier zum Tresen brachte, um es zu bezahlen.

Ōkami stieß ihm ihre Schnauze etwas gröber in den Rücken.

Der Ladenbesitzer sah sie beide immer noch irritiert an und nahm wortlos Tobiramas Geld entgegen. Als Tobirama bezahlt hatte, streckte Ōkami den Kopf über den Tresen und schnappte sich vorsichtig das Plüschtier. Dann ging sie. Tobirama folgte ihr.

»Ist immer noch mein Geschenk«, nuschelte sie mit dem Plüschwolf zwischen den Zähnen. Sie hielt ihn wie einen echten Welpen. »Habe ich ausgesucht.«

»Hm«, war alles, was er dazu sagte.

Sie machten sich auf den Rückweg zum Krankenhaus. Heute war er endlich Doktor Fuyuko entwischt, die ihn am liebsten ans Bett gefesselt hätte. Wahrscheinlich würde sie das sogar tun, sobald sie bemerkte, dass ihr Patient fahnenflüchtig geworden war.

Seine Verletzungen waren nicht so gut abgeheilt, wie er das gehofft hatte. Weil er so ungeduldig sei, hatte Doktor Fuyuko ihn gescholten. Während des Kampfes waren seine Wunden wieder aufgegangen, und weil er das natürlich ignoriert hatte, hatte er schwere innere Blutungen erlitten, die ihn beinahe hatten ertrinken lassen.

Irgendwie hatte er aber auch das überlebt. Aber es hatte ihn schwach werden lassen. Zerbrechlich. Er war nicht schnell genug gewesen. Und es hatte Menschenleben gekostet.

Vor Minatos Zimmer standen Raidō, Genma und Iwashi Wache. Tobirama warf ihnen einen finsteren Blick zu. Wo waren sie gewesen, als sie am dringendsten gebraucht worden waren? Es war ihre Aufgabe gewesen, den Hokage zu bewachen, und sie waren ihrer Pflicht nicht nachgekommen. Vielleicht hätte Kushina dann nicht sterben müssen.

Als sie ihn sahen, standen sie stramm und ließen ihn anstandslos durch. Als Tobirama das Zimmer betrat, überraschte es ihn nicht, Kakashi vorzufinden. Er hatte schon vor Stunden gespürt, dass Kakashi von seiner Reise zurückgekommen war, wenn auch ohne Tsunade. Wortlos nahm sich Tobirama einen weiteren Stuhl und setzte sich neben Kakashi, der bis jetzt an Minatos Bett sitzend gelesen hatte.

Ōkami setzte sich ihnen gegenüber auf die andere Seite des Bettes und beobachtete Minato. Er schlief noch immer und erholte sich von seinem schweren Kampf und seinen Wunden. Naruto lag auf seiner Brust und schlief ebenfalls, und selbst im Schlaf hielt Minato schützend eine Hand über den Säugling.

»Hab schon gehört, was passiert ist«, sagte Kakashi mit leiser Stimme, um Vater und Sohn nicht zu stören.

»Es wird lange dauern, um den Schaden wieder zu beheben, und manche Wunden werden nie verheilen.« Tobirama sah zu Minato und Naruto. Kaum geboren, schon musste der Säugling solch Schrecken durchleben und ein schweres Schicksal tragen.

Für einen Moment schwieg Kakashi. »Meine Wohnung hat‘s auch erwischt.«

»Du kannst bei mir bleiben«, bot Tobirama ihm an. Das hatte er ihm ohnehin schon länger vorschlagen wollen, aber ein Gefühl hatte ihm gesagt, dass die Zeit noch nicht reif war.

»Danke.«

Sie verfielen in Schweigen.

»Ich habe Tsunade gefunden«, sagte Kakashi nach einigen Minuten. »Aber …«

»Sie wollte nicht zurückkommen.« Das hatte Tobirama schon befürchtet.

»Ich weiß nicht einmal, ob sie mir überhaupt geglaubt hat. Ich meine, das ist schon eine ziemlich schräge Geschichte.«

Tobirama konnte es ihr nicht einmal verübeln. Dennoch bedauerte er ihre Entscheidung.

»Kakashi.«

»Hm?«

»Ich habe gesehen, dass du noch immer als kunoichi gelistet wirst. Willst du, dass ich das ändere?«

Kakashi sah ihn groß an. Dann zuckte er mit den Schultern. »Das ist doch nur ein Wort auf einem Papier. Das ist zu viel Verwaltungskram.«

»Blödsinn«, widersprach Tobirama. »Ich streich‘s durch und schreibe es richtig hin.«

»Oh … Also in dem Fall …«

Tobirama nickte. Bürokratie war schon immer sein Erzfeind gewesen. Sie unnötig zu verkomplizieren, war eine bewusste Entscheidung und er hatte sich schon früh bewusst dagegen entschieden.

»Tobirama, sag, wie hast du sensei retten können?«, wollte Kakashi wissen. »Der Professor meinte, er habe gesehen, wie Minato Shinigami beschworen hatte, und soweit ich weiß, ist das das eigene Todesurteil. Wie hast du das gemacht?«

»Ich kenne Mittel und Wege«, sagte Tobirama ausweichend. »Doch darüber zu reden, ist zu gefährlich. Dieses Wissen behalte ich für mich.«

»Oh«, war alles, was Kakashi dazu sagte. »Hat der Professor also von dir seine Geheimniskrämerei.«

Tobirama warf ihm einen langen Seitenblick zu.

Kakashi wurde vor einer Standpauke errettet, als Minato sich regte. Sogleich klopfte Ōkamis Schwanz voller Erwartung auf den Boden und sie fixierte ihn mit ihrem Blick. Er blinzelte verschlafen. Dann verzog sich sein Gesicht vor Schmerz. Tobirama konnte das nur allzu gut nachvollziehen.

Ōkami stand auf, stupste ihn mit ihrer Nase an und bettete dann ihren Kopf neben ihm auf das Bett.

»Oh.« Minato hob eine Hand, um ihr verschlafen den Kopf zu tätscheln.

Ōkami wedelte noch immer mit dem Schwanz. Sie schob den Plüschwolf Naruto unter. Das Spielzeug war fast so groß wie das Baby. Naruto, wie alle Säuglinge in dem Alter, nahm davon nicht viel Notiz und schlief einfach weiter.

»Hab ich ausgesucht«, betonte sie. »Für den Welpen. Mein Welpe meinte, Menschen machen das so. Geschenke bringen für einen neuen Welpen im Rudel.«

»Ich denke, das kann man so sagen, ja. Danke.« Minatos Worte klangen noch immer etwas gelallt. So ganz war er noch nicht wach, wie es schien. Vielleicht war das auch besser so, bevor die Realisation einsetzte, was passiert war.

Ōkami hechelte ihm fröhlich ihren Atem ins Gesicht.

Minato wandte den Kopf und blinzelte im hereinfallenden Licht der Herbstsonne. Erst so langsam schien er zu realisieren, dass noch andere im Raum waren.

»Wie geht es Ihnen?«, wollte Tobirama wissen.

»Scheiße.«

Immerhin war die Antwort ehrlich.

»Ich bin hier, um das Siegel zu überprüfen«, eröffnete Tobirama. »Ich kann es nicht selbst anwenden, aber ich weiß von Mito, wie ich seine Integrität prüfe.«

Er hatte Hashirama und Mito oft genug dabei geholfen.

»Soll ich mit Naruto anfangen oder mit Ihnen, Yondaime-sama?«

Minato sah auf seinen Sohn hinab und strich ihm sanft über den blonden Haarschopf, den das Baby bereits hatte. »Fangen Sie mit Naruto an.«

Vorsichtig nahm Tobirama das Baby entgegen. Es war lange her, seit er das letzte Mal einen Säugling gehalten hatte. Elf Jahre, um genau zu sein. Aber irgendwie wusste er noch, wie das ging. Es brachte Erinnerungen an Sakumo in ihm hoch.

Er schob sie rasch beiseite und konzentrierte sich auf seine Arbeit. Mit ein klein wenig Chakra machte er das altbekannte Siegel auf Narutos Bauch sichtbar. Naruto sah mit verkniffenen Augen, die sich noch nicht wirklich öffnen wollten, zu ihm auf. Sanft strich Tobirama mit dem Finger über das Siegel. Naruto reagierte auf die Berührung, indem er mit seinen pummeligen Ärmchen und Beinchen zappelte. Koordination war noch eine echte Herausforderung, wenn man nur ein paar Tage alt war.

Tobirama bemerkte sofort, dass Minato die Formel abgewandelt hatte. Statt sie so stahlhart zu binden, wie es Mito stets getan hatte, hatte er eine winzige Lücke gelassen. Das weichte das Siegel auf und garantierte längere Haltbarkeit, barg aber auch das Risiko, dass etwas von dem Chakra, das damit gebunden werden sollte, heraussickerte und das Siegel korrodierte. Tobirama runzelte die Stirn, verschob aber die Frage, warum Minato das getan hatte, auf später.

Er gab Minato seinen Sohn wieder. Minato hatte ihn stumm beobachtet. Seine Augen missten ihren üblichen Glanz und Schalk, und auch das kleine Lächeln, das er sich abgerungen hatte, als Ōkami ihr Geschenk überbracht hatte, hatte erzwungen gewirkt. Aber wen wunderte es?

»Ich denke, die Formalitäten können wir uns jetzt langsam wirklich sparen«, sagte Minato leise. »Jetzt sind wir quitt.«

Tobirama war dieses Detail keineswegs entgangen. »Ich würde dennoch in der Zukunft gern darauf verzichten, in Situationen zu geraten, in denen einer von uns dem Tod in letzter Sekunde von der Schippe springt. Ist nicht so gut für die Gesundheit.«

Kakashi kommentierte das mit einem amüsierten Schnauben.

Minato hob sein Hemd und Tobirama überprüfte auch sein Siegel. Dieses hatte Minato ganz so ausgeführt, wie Tobirama es von Mito kannte. Er war nicht davon ausgegangen, dass es lange währen würde, dennoch hatte Minato es sorgfältig angewandt. Zugegeben eine bemerkenswerte Leistung in dieser chaotischen Situation.

Zum Schluss überprüfte Tobirama sein eigenes Siegel, das er um Minatos Herz gelegt hatte. Auch das hielt noch genauso fest, wie es sollte, die Verbindung zu seinem eigenen Chakra stand.

»Warum lebe ich noch?«, fragte Minato in die Stille hinein.

»Weil ich das so wollte«, sagte Tobirama nüchtern. »Es gibt keinen Grund, den Jungen ohne seinen Vater aufwachsen zu lassen.«

Bei Narutos Erwähnung drückte Minato ihn sogleich fester an sich. Naruto döste bereits wieder ein.

»Ich bin wirklich ein Narr, oder?«, murmelte Minato.

»Womöglich«, sagte Tobirama. »Aber ein glücklicher. Seit Tagen denke ich schon darüber nach, aber mir fällt nichts ein, was wir hätten anders machen können.«

»Glücklich.« Minato schnaubte. Dann brach er in Tränen aus.

Tobirama regte sich unruhig. »Ich, äh … gehe dann besser.«

Er war wirklich nicht gut bei so etwas. Das war immer Hashiramas Ding gewesen. Es machte ihn nervös, weil er nicht wirklich wusste, wie er mit solchen Situationen umgehen sollte.

»Nein, bitte nicht«, schluchzte Minato. »Bitte bleib.«

Hilfesuchend sah Tobirama zu Kakashi, aber er schien genauso wenig Ahnung zu haben. Zögerlich setzte Tobirama sich wieder.

Minato drückte Naruto fest an sich und weinte bittere Tränen. Es schmerzte Tobirama, ihn so zu sehen, weil es ihn an seinen eigenen Verlust erinnerte. Auch er hatte seine Familie so plötzlich und auf brutale Weise verloren und es hatte nichts gegeben, was er daran hatte ändern können.

Gab es denn wirklich keinen Weg, ungeschehen zu machen, was geschehen war?

Ōkami leckte Minato über die Hand, weil sie wusste, dass das früher auch bei Tobirama geholfen hatte, als er noch ein Kind gewesen war. Es funktionierte auch bei Minato und ganz nebenbei bekam auch Naruto ein paar Wolfsküsse ab. Es beruhigte auch ihn, nachdem er die Unruhe seines Vaters gespürt hatte.

Kakashi räusperte sich. »Naruto also? Wie aus Jiraiyas Buch?«

Minato schniefte und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Hmhm. Kushina hatte den Namen ausgesucht. Uzumaki Naruto.«

Tobirama gab sich einen Ruck und sprach endlich aus, was er sowieso schon die ganze Zeit ansprechen wollte: »Sollte irgendetwas sein, zögere nicht und komm zu mir, und ich sehe, was ich tun kann. Wie Ōkami es so treffend sagte: Ich hab‘s geschafft, Sakumo nicht verkehrt herum zu halten.«

Ein winziges Lächeln schlich sich auf Minatos Lippen. Es wirkte traurig, aber dieses Mal doch echt. »Danke. Wirklich vielen Dank. Das weiß ich zu schätzen.«

Sie wurden unterbrochen, als die Tür schwungvoll aufging und niemand anderes als Doktor Fuyuko hereinkam. Als sie Tobirama außerhalb seines eigenen Zimmers sah, kniff sie die Augen missbilligend zusammen.

»Meine Patienten haben sich gegen mich verschworen! So kann ich meine Arbeit nicht machen!«, fauchte sie.

»Dafür habe ich meine gemacht und die Siegel überprüft«, knurrte Tobirama zurück.

»Husch, husch! Raus hier!«, herrschte Fuyuko ihn an und scheuchte ihn samt Kakashi nach draußen.

 

Sie entließ ihn dennoch nur wenige Tage später aus dem Krankenhaus. Es war wohl der Notsituation geschuldet, dass es viele Patienten gab, deren Lage weitaus dringender war. Tobirama konnte spüren, dass sie ihn am liebsten dennoch weiter unter ihrer Fuchtel behalten hätte, denn sie gab ihm eine lange Liste an Dingen mit, die er tun oder besser nicht durfte. Am Ende beinhaltete es vor allem, den ganzen Tag im Bett zu liegen oder mit irgendwelchen Gummibändern und Bällen herumzuhantieren. Es war albern und Tobirama kam sich wie ein alter Mann vor.

Sein erster Gang war der zu Hiruzen.

Er atmete tief durch, als er vor der Tür zum Haus stand. Noch ein Verlust, den sie erlitten hatten, einer von vielen. Dann betätigte er die Türklingel.

Eine junge Frau öffnete ihm, an ihrer Seite ein Jugendlicher. Sie mussten Hiruzens Kinder sein. Bedauerlich, dass Tobirama sie unter diesen Umständen kennenlernen musste. Sie sah ihn überrascht an, fasste sich aber rasch wieder, während ihr Bruder recht unbeeindruckt wirkte.

»Ich bin hier, um eurem Vater mein Beileid auszusprechen«, eröffnete er.

Die junge Frau verbeugte sich vor ihm. »Ich bin Emiko und das ist mein kleiner Bruder Asuma. Es ist uns eine Ehre, Sie als unseren Gast begrüßen zu dürfen, Nidaime-sama.« Emiko führte ihn ins Haus. »Vater ist oben in seinem Studierzimmer, ich führe Sie hin. Asuma-kun, bring unserem Gast Tee.«

»Ja, wenn‘s denn sein muss«, maulte Asuma und zog ab.

»Manieren!«, rief Emiko ihm nach. Dann wandte sie sich wieder an Tobirama. »Sie müssen meinen kleinen Bruder entschuldigen, er steckt gerade in einer schweren Phase.«

Der Altersunterschied zwischen den Geschwistern wirkte recht groß, bemerkte Tobirama. Und dann hatten sie auch noch so plötzlich ihre Mutter verloren.

Emiko führte ihn nach oben. Der Geruch nach Pfeifenkraut wies ihnen unmissverständlich den Weg. Hiruzen saß in seinem Studierzimmer, wie Emiko gesagt hatte, und hatte sich zwischen Bergen an Schriftrollen und Notizen verschanzt.

»Vater, du hast Besuch. Nidaime-sama ist hier, um mit dir zu sprechen«, kündigte Emiko ihn an.

Hiruzen sah auf und legte den Zettel zur Seite, den er bis jetzt studiert hatte. Er stand auf und kam zu ihnen. Der Rauch der Pfeife biss Tobirama in der Nase.

»Danke, Emiko, du kannst gehen«, sagte Hiruzen. Er lud Tobirama mit einer Geste ein, sich zu ihm zu setzen.

Der Rauch hing im ganzen Zimmer. Hiruzen hatte schon in jungen Jahren mit dieser Gewohnheit angefangen und sie anscheinend nie abgelegt. Eine schlechte Angewohnheit, Tobirama hatte es ihm schon damals gesagt. Aber manche Dinge änderten sich eben nie. Torifus Siegel waren eine Katastrophe und Hiruzen rauchte, so war das eben.

»Saru, du rauchst zu viel«, sagte Tobirama daher geradeheraus und ging zum Fenster, um es zu öffnen, bevor er sich zu Hiruzen setzte.

Hiruzen zuckte mit den Schultern und sah auf die Pfeife in seinen Händen. »Ja, das tue ich wohl. Eine schlechte Angewohnheit, und ich fürchte, ich färbe auf Asuma ab.«

Tobirama warf ihm einen mahnenden Blick zu. Dann glätteten sich doch seine Gesichtszüge. »Mein Beileid.«

»Danke«, war alles, was Hiruzen dazu sagte.

Tobirama musterte ihn. Altersflecken begannen sich auf Hiruzens Haut abzuzeichnen und sein Haar war schon längst ergraut. Runzeln zogen sich durch sein Gesicht. Er war nicht mehr der jüngste, und doch wirkte er alt, vor seiner Zeit gealtert.

In dem Moment kam Asuma herein und brachte ihnen ein Tablett, auf dem eine kleine Teekanne und zwei Teeschalen standen.

»Danke, mein Junge. Du kannst gehen«, sagte Hiruzen.

Asuma warf einen neugierigen Blick auf Tobirama, dann verließ er den Raum.

Hiruzen schenkte ihnen beiden mit geübten Handgriffen Tee ein. Tobirama wartete einen Moment, bis der Tee abgekühlt war, Hiruzen griff wie immer sogleich zu seiner Schale und blies vorsichtig über den noch dampfenden Tee.

»Du hast nicht vergessen, wie ich meinen Tee bevorzuge«, stellte Tobirama zufrieden fest.

»Natürlich nicht, sensei«, betonte Hiruzen. »Ich werde nie die Lektion vergessen, wie Sie uns Tee machen ließen mit den Jutsus, die wir von Ihnen gelernt hatten, und uns dann einen halbstündigen Vortrag über die Tradition des sadō hielten, während wir einfach nur unsere Trainingspause genießen wollten.«

Einen Moment lang tranken sie schweigend ihren Tee. Tobirama hasste solche Situationen. Hashirama wusste damit viel besser umzugehen.

»Ich bedauere, was vorgefallen ist und dass ich nicht mehr tun konnte«, sagte er etwas linkisch.

Hiruzen machte einen erstaunlich gefassten Eindruck. »Es ist tragisch, ja. Aber ich hatte meine Zeit mit Biwako und darum bin ich froh.«

»Saru.« Tobirama musterte ihn. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte.

»Sensei, wirklich. Mir geht‘s gut. Sie müssen sich nicht auch noch um mich sorgen. Es sollte umgekehrt sein. Von dem, was ich hörte, waren Sie schon wieder beinahe gestorben. Wie geht es Ihnen?«

Tobirama sah ihn durchdringend an. Hiruzen hielt seinem Blick erstaunlich lange stand. Keine Spur mehr von dem nervösen Jugendlichen, den Hashirama ihm damals aufgedrückt hatte.

»Saru, sag mir jetzt, was dich wirklich bedrückt.«

Hiruzen seufzte. »Ihnen entgeht immer noch nichts. Es ist allerdings so, dass ich … Nun, ich …« Er zögerte sichtlich und sagte dann doch: »Ich betrauere sie nicht. Ich fühle keine Trauer bei dem Gedanken an den Tod meiner eigenen Frau. Stattdessen sitze ich hier und mache mir Gedanken zu einem neuen Konzept für die Chūnin-Prüfungen. Ich lasse mir meinen Kindern gegenüber nichts anmerken, Biwakos Tod hat sie beide sehr mitgenommen. Aber es gibt mir doch zu denken. Biwako war meine Frau, mit der ich über vierzig Jahre meines Lebens verbrachte, und jetzt kann ich nicht einmal eine Träne um sie weinen. Das hat sie nicht verdient.«

»Jeder trauert eben anders«, sagte Tobirama.

»Ja, aber … Da ist einfach nichts. Nur leichtes Bedauern. Sie hatte noch so viel von der Welt sehen wollen.«

»Manche weinen sich den ganzen Tag die Augen aus. Manche toben und schreien ob der Ungerechtigkeit. Manche brennen in stummen Zorn. So ist das eben.«

»Ich frage mich, ob ich selbst darin versagt habe.« Hiruzen senkte den Blick.

»Das hast du nicht, Saru«, betonte Tobirama.

»Oh, aber sensei, Sie wissen nicht«, widersprach Hiruzen. »Sie wissen nicht, worin ich in den letzten vierzig Jahren alles versagt habe. Ich habe Ihnen Schande bereitet und mich des Vertrauens, das Sie in mich gesetzt haben, nicht als würdig erwiesen. Ich sah die Schatten, die in den dunklen Ecken wucherten, doch ich unternahm nichts. Ganz im Gegenteil ließ ich sogar zu, dass sie wuchsen, wandte den Blick ab und ließ andere sich darum kümmern. Ich fürchte, ich habe ein Monster erschaffen.«

»Saru, der Tod deiner Frau hat dich mehr mitgenommen, als dir selbst bewusst ist. Jetzt ist nicht die Zeit, um darüber zu sprechen.«

Hiruzen schwieg und sah bekümmert zu ihm. Seine ganze Erscheinung sank in sich zusammen. »Sensei, kann ich Sie um etwas bitten? Würden sie mich auf einen Gang begleiten, den ich schon seit Tagen vor mich her schiebe?«

»Natürlich.«

Sie tranken den Tee aus und machten sich dann auf den Weg. Hiruzen führte ihn zu der großen Kühlhalle, in der die Leichen aufgebahrt wurden, bis man sie bestatten konnte. Noch immer barg man neue Opfer aus den Trümmern und die tatsächliche Zahl der Toten stieg noch immer an. Auch Biwako und Kushina hatte man hierher gebracht.

»Wie geht es Minato und dem Kind?«, erkundigte sich Hiruzen auf ihrem Weg.

»Den Umständen entsprechend«, sagte Tobirama. »Ich habe derzeit keinen Anlass zur Sorge, dass die Siegel, die Minato auf sich und Naruto anwandte, in nächster Zeit nachlassen könnten. Sie halten. Aber anders als Naruto hat Minato kein Chakra, das für solch ein Siegel geeignet ist. Das könnte Probleme bereiten. Nein, das wird es sogar. Seine körperlichen Wunden heilen, er hatte mehr Glück als ich und wird in einem Stück aus der Sache herauskommen.«

Hiruzens Blick huschte zu Tobiramas linker Hand, bevor er seine Manieren wiederfand. »Und Sie, sensei?«

»Offensichtlich lebe ich immer noch.«

»Es hatte nicht immer den Eindruck gemacht, dass das der Fall sei. Sensei, haben Sie ihren Sturkopf durchgesetzt und sich über Doktor Fuyukos ärztlichen Rat hinweg gesetzt?«

»Saru«, sagte Tobirama warnend und kniff die Augen zusammen.

Hiruzen ließ sich davon leider nicht mehr einschüchtern. »Ich hab dem jetzt lange genug schweigend zugesehen. Sie sollten sich wirklich schonen. Als Sie vor zwei Monaten aus dem Nichts heraus auftauchten, fielen Sie uns praktisch tot vor die Füße. Sie können nicht annehmen, dass Sie jetzt einfach so weitermachen können wie zuvor. Sie tun niemanden einen Gefallen, wenn Sie sich zerschinden.«

Er hatte nach Kushina greifen wollen. Er hatte sie bereits. Und dann hatten seine Finger versagt. Ein Moment der Schwäche, der Kushina ein grausames Ende beschert hatte.

Indes hatten sie die Halle erreicht. Noch immer brachten Hilfstrupps etwa menschengroße Säcke herbei, die sie in die Halle trugen. Manche dieser Säcke waren erschreckend klein. Menschen in Kitteln begutachteten die Leichen und wiesen die Helfer an, wo sie sie hinbringen sollten.

Hiruzen trat zu einer Frau in Kittel und sagte ihr, wen sie suchten. Die Frau nickte, bedeutete ihn, ihr zu folgen und führte sie in die Halle. Die Luft hier drin war frisch und Tobirama stand sein eigener Atem in kleinen Wolken vor dem Gesicht. Und auch wenn alles chemisch nach Desinfektionsmitteln roch, konnte der Geruch nach Blut doch nicht überdeckt werden.

Man hatte bereits begonnen, die Leichen in einfache Särge zu legen und diese Särge in hohen Regalen zu stapeln. Die Frau führte sie zielstrebig zu einem davon, las auf dem Klemmbrett, das sie bei sich führte, eine Nummer ab und deutete dann auf zwei der Särge in einer der unteren Reihen. Dann ging sie wieder, um weiter ihre Arbeit zu erledigen.

Tobirama zog den ersten der beiden Särge aus dem Regal und hob den Deckel an. Darin lag Kushina. Sie trug noch immer dieselbe blutdurchtränkte Kleidung, in der sie gestorben war. Ihr Gesicht war im Moment des Todes in Schock, Angst und Trauer eingefroren. Ein riesiges Loch klaffte in ihrer Brust, durch das man den Sargboden sah. Es war ein grauenhafter Anblick.

»Sensei, machen Sie sich keine Vorwürfe«, sagte Hiruzen. »Ich habe gesehen, was geschehen war, auch wenn Kushinas Barriere verhindert hatte, dass ich hinzukommen konnte. Sie war dem Tod geweiht in dem Moment, in dem Kyubi freigekommen war.«

»Dennoch hätte sie nicht auf diese Weise sterben müssen«, knurrte Tobirama.

»Es ist nicht Ihre Schuld«, wiederholte Hiruzen. »Wenn Sie schon nach einem Schuldigen suchen wollen, dann blicken Sie zu mir.«

Tobirama runzelte die Stirn.

»Ich habe das Gefühl, dass es meine Schuld ist«, fuhr Hiruzen. »Es fing mit Uzushio an und erreichte seinen traurigen Höhepunkt hiermit. Ich weiß, ich hätte handeln müssen, als Uzushiogakure bedroht wurde. Ich weiß, dass Konoha gemäß des alten Paktes, der zwischen den Senju und Uzumaki bestand, dazu verpflichtet gewesen wäre, Uzushio zu unterstützen in Falle eines Angriffs. Aber es war Krieg und ich fürchtete, dass es zu riskant wäre und die anderen Parteien gegen Konoha vereinen würde, würde ich in den Konflikt um Uzushio eingreifen. Ich ließ zu, dass das Dorf und die ganze Insel verwüstet wurden. Die wenigen Überlebenden zerstreuten sich in alle Winde. Und dann hörte ich von Kushina, einem kleinen Mädchen allein in der Fremde, doch mit genau dem richtigen Chakra, um Kyubi zu bannen. Mito-hime war alt und es bestand die Gefahr, dass sie vielleicht sterben würde, ohne dass für sie ein Nachfolger gefunden wurde. Ich ließ also Kushina in das Dorf bringen, stellte sie Mito-hime vor und hoffte, dass die Sache damit geregelt sei.«

Tobirama musste an sich halten, Hiruzen nicht wütend anzufahren. Es wäre wirklich nicht der angemessene Ort oder Zeitpunkt dafür, seinen einstigen Schüler zu schelten. Aber oh, wie ihm der Sinn danach stand gerade.

»Ich habe sie umgebracht.«

Dieses Mal antwortete Tobirama nicht darauf und knirschte nur stumm mit den Zähnen. Hatte Mito befürwortet, was Hiruzen mit Kushina gemacht hatte? Oder war sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt worden? Und was war aus ihrer Familie geworden? Ihren Brüdern und Nichten und Neffen?

Sein Schweigen schien Hiruzen nervös zu machen. Er sah zu ihm auf und wandte hastig wieder den Blick ab. »Ich nehme an, dass Sie mir nicht sagen werden, wieso Minato noch lebt trotz des Shinigami.«

»Das nimmst du korrekt an.«

Hiruzen nahm es schweigend hin.

Tobirama stellte den Sarg wieder an seinen Platz zurück und holte nun Biwakos Sarg aus dem Regal. Er trat zurück, um Hiruzen Raum zu lassen. Hiruzen zögerte. Dann gab er sich einen Ruck und betrachtete noch ein letztes Mal seine Frau. Sein Gesicht trübte sich vor Kummer. Doch dann runzelte er die Stirn.

»Sensei, sagen Sie mir, was Sie davon halten.«

Tobirama sah ihn fragend an, trat aber neben ihn und besah sich, worauf Hiruzen ihn hinweisen wollte. Hiruzen hatte den Kragen von Biwakos Kleidung zurückgezogen und ihren Hals offengelegt. Ein klaffender Schnitt war zu sehen. Das war nicht die Wunde, die Tobirama erwartet hatte.

Tobirama drehte Biwakos Kopf zur Seite, um die Wunde genauer betrachten zu können. Von einem Ohr zum Anderen. Saubere Wundränder. Tiefer Schnitt. Mit Kraft ausgeführt also.

»Das ist keine Wunde, die von einer Klaue des Fuchses verursacht worden wäre«, stellte er fest. »Das war auch kein Splitter oder etwas vergleichbares.«

»Das war eine Kunai-Klinge«, sprach Hiruzen aus, was auch Tobirama dachte. »Aber … wie?«

Hieß das etwa …?

 

An diesem Tag fand Tobirama jedoch keine Antwort auf dieses Rätsel. Er beauftragte Kakashis Team damit, den Schauplatz zu untersuchen, und würde zu gegebener Zeit auch Minato dazu befragen. Noch wollte er ihn damit nicht belasten, auch wenn er nicht lange damit warten konnte.

Er hatte allerdings noch etwas anderes zu erledigen. Es hatte zwar nicht wirklich mit dem Angriff des Fuchsmonsters zu tun, aber nachdem er das schon so lange vor sich her geschoben hatte, wurde es endlich Zeit, auch diese Sache anzugehen. Und wenn Uchiha Fugaku ihn schon etwas unfreiwillig im Kampf gegen Kyubi unterstützt hatte, konnte er das auch zum Anlass nehmen, sich ihm persönlich vorzustellen.

Er kam allein, ohne Ōkami, weil er wusste, dass viele Uchiha auf sie mit Unbehagen reagierten. Womöglich würde sich daran auch bis heute nichts geändert haben; Uchiha vergaßen selten etwas, und das galt auch für seine Person. Er bereitete sich auf ein unangenehmes Gespräch vor.

Es fing genauso unangenehm an, wie er es erwartet hatte.

Befangene Stille hing zwischen ihnen, als Tobirama vor Fugaku kniete. Mikoto, Fugakus Frau, war ebenfalls anwesend und ein wenig hinter seinen Eltern kniete Itachi, so der Name des Jungen, wie Tobirama gelernt hatte. In einer Trageschlaufe hatte er seinen Bruder Sasuke bei sich, der selbst erst wenige Monate alt war. Dem Spielzeug nach zu urteilen, dass Tobirama in einer Ecke ausmachte, befanden sie sich im Kinderzimmer des Jungen, weil die meisten anderen Räume des Hauses Schaden davon getragen hatten. Es würde wie viele andere Gebäude des Dorfes neu aufgebaut werden müssen.

»Ich muss den etwas ungebührlichen Empfang entschuldigen, Nidaime-sama«, sagte Fugaku. »Aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.«

»Und ich muss die grobe Art entschuldigen, mit der ich mich mit Ihnen bekannt machte, Uchiha-sama«, erwiderte Tobirama. »Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass ich da noch nicht wusste, dass Sie derzeit das Clanoberhaupt sind. Die Polizei macht noch immer einen guten, starken Eindruck, das erfreut mich.«

»Ach, ist das so.« Fugaku sah ihn durchdringend an.

Tobirama erwiderte den Blick fest. Selbst wenn er es nicht wüsste, bestünde spätestens jetzt kein Zweifel mehr daran, dass der Mann, der ihm gegenüber saß, ein Uchiha war.

»Es ist lange her, dass die Senju uns Uchiha aufsuchten«, fuhr Fugaku fort. »Lassen Sie mich überlegen. Das letzte Mal muss noch zu Zeiten meines Vorgängers Hikaku gewesen sein, zu meiner Zeit war es nicht vorgekommen. Bis heute. Und jedes Mal bedeutete es große Umbrüche. Die Gründung des Dorfes, die Etablierung der Polizei. Was ist es dieses Mal?«

»Nur eine Bitte, mehr nicht«, sagte Tobirama so diplomatisch wie möglich. Fugaku musste in etwa in Minatos Alter sein, hatte aber etwas an sich, dass ihn wesentlich älter wirken ließ. »Ich hörte von Shisui, dem Enkel meines Schülers Kagami, und möchte die Vormundschaft für ihn erbitten.«

Fugaku antwortete nicht sofort. Er nahm zunächst einen Schlug seines Tees, den er ihnen serviert hatte. »Zugegeben, es erstaunt mich zu hören, dass Sie einen der unseren in Ihrem Gefolge hatten und jetzt mit solch einer Bitte vor mich treten.«

»Und warum sollte das erstaunlich sein, wenn ich fragen darf? Ich schätzte Kagami sehr, er war intelligent und sehr begabt. Es war mir eine Ehre gewesen, sein sensei sein zu dürfen.«

Fugaku setzte die Teeschale wieder ab und richtete seinen stechenden Blick wieder auf Tobirama. »Man sagt, Sie hätten meinem Clan die Polizei übertragen, um uns vom Rest des Dorfes zu separieren.«

Tobirama glaubte, sich verhört zu haben. »Und warum hätte das mein Motiv sein sollen?«

»Sie wissen so gut wie ich, dass mein Clan Sie den Fluch der Uchiha nannte«, sagte Fugaku geradeheraus. »Und es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie Madara nie vertraut hatten. Also brauchten Sie ein Mittel, um uns Uchiha zu kontrollieren.«

Tobirama konnte sich nicht helfen, er musste schnauben. »Ist es das, was man sich heutzutage sagt? Dann haben die Geschichtsbücher wohl ein paar Details vergessen. Hashirama wusste es und auch ich wusste es: Auch wenn sich der Großteil des Clans von Madara abgewandt hatte, besonders nach seinem Fortgang, so gab es dennoch einige wenige Anhänger seiner Ideen. Sie stifteten Unruhen, die drohten, zu einem Bürgerkrieg anzuwachsen, dieses Mal innerhalb der Mauern Konohas. Es war Hikaku selbst, der zu mir trat mit dem Vorschlag, eine Polizei zu gründen und sie in die Hände der Uchiha zu legen. Mir war bewusst gewesen, dass dies keine leichte Aufgabe wäre, für niemanden. Aber ich vertraute auf die Uchiha, dass sie in der Lage wären, diese Bürde zu tragen. Zu meiner Zeit haben sie kein einziges Mal dieses Vertrauen verletzt.«

»Das haben sie auch bis heute nicht«, sagte Fugaku selbstsicher. »Aber ja, es ist bei weitem keine leichte Aufgabe. Die, die das Gesetz hüten, sind selten beliebt, aber wir erfüllen unsere Aufgabe dennoch mit Stolz.«

Bei diesen Worten regte sich Itachi und sah zu seinem Vater, aber er sagte nichts. Die Augen des Jungen wirkten intelligent und aufmerksam. Sein Chakra machte einen starken Eindruck, weitaus stärker, als es Tobirama bei einem Kind dieses Alters erwartet hätte.

»Ich bin wohl ein paar falschen Annahmen über Sie anheim gefallen. Bitte verzeihen sie mir, Nidaime-sama«, sagte Fugaku, hielt jedoch den Kopf aufrecht. »Was Ihre Bitte angeht, so will ich ihr stattgeben unter der Bedingung, dass Sie vorher mit Shisui darüber reden. Er soll in der Sache ebenfalls ein Mitspracherecht haben, auch wenn er erst neun Jahre alt ist.«

»Selbstredend. Ich danke Ihnen, Uchiha-sama.«

»Kann man auch mit einer halben Hand Fingerzeichen für Jutsus ausführen?«, fragte Itachi dazwischen.

»Itachi!«, scholt Mikoto ihn. »Es ist ausgesprochen unhöflich, Leute auf so etwas anzusprechen. Außerdem wurdest du nicht angesprochen, sei bitte still.«

»Nein, es ist in Ordnung«, versicherte Tobirama. »Das ist eine gute Frage und ich will sie gern beantworten. Sieh her, Junge.«

Ohne ein Fingerzeichen sorgte er dafür, dass der Tee in seiner Schale in einem rotierenden Ball einige Zentimeter aufstieg. Itachi machte große Augen.

»Es ist möglich, jedoch nur mit einfachen Techniken, Übung und Begabung. Komplexere Jutsus werden nicht unmöglich dadurch, ihre Durchführung wird jedoch erschwert.«

»Papa hat gesagt, dass Sie es trotzdem geschafft haben, das Fuchsmonster zu Fall zu bringen.« Itachi klang fasziniert.

Zugegeben, die Begeisterung des Jungen war drollig mit anzusehen.

»Mit der Hilfe deines Vaters«, korrigierte Tobirama dennoch. Ehre, wem Ehre gebührte.

»Nidaime-sama, was diese Sache angeht, so muss ich Ihnen noch etwas mitteilen«, sagte Fugaku.

»So?«

»In dem kurzen Moment, in dem ich Kyubi unter meiner Kontrolle hatte, war mir, als würde ich den Einfluss eines weiteren Sharingan spüren, eines, das stärker ist meines.«

Tobirama sah ihn fragend an. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Viele wissen, dass ein Sharingan, das nur stark genug ist, in der Lage ist, einen Bijū zu kontrollieren. Das muss ich Ihnen ganz gewiss nicht erklären, denn offensichtlich wussten Sie davon, als Sie mich zur Hilfe holten. Aber es gibt in meinem Clan nur wenige, deren Sharingan diese Stärke erreicht hat. In diesem Moment war ich mir sicher, dass Kyubi kontrolliert worden war, als er das Dorf angriff.«

Erst die seltsame Wunde an Biwakos Hals, jetzt das hier. Diese ganze Sache war höchst eigenartig. Beunruhigend gar.

»Wollen Sie also sagen, jemand aus dem Dorf hat einen Überfall geplant?«, fragte Tobirama nach.

»Ich werde der Sache auf den Grund gehen«, versprach Fugaku. »Die, die dazu in der Lage wären, hätten eigentlich kein Motiv, so etwas zu tun, und ich bürge für sie. Aber man kann nie wissen …«

Tobirama nickte. »Ich werde Ihnen meine eigenen Leute zur Hilfe schicken.«

Fugaku nickte und nahm das Angebot zur Unterstützung gern an. Danach verlief sich das Gespräch in Belanglosigkeiten und Tobirama verabschiedete sich alsbald. Er wollte an diesem Tag noch mit Shisui sprechen. Mikoto bot ihm an, ihm zu zeigen, wo der Junge derzeit lebte, und führte ihn hin.

»Kushina war meine Freundin, wissen Sie«, eröffnete sie ihm auf dem Weg. »Ich muss Ihnen danken, dass sie Minato und das Baby gerettet haben.«

»Ohne Ihren Mann hätte ich es nicht geschafft«, betonte Tobirama.

Shisui wohnte nicht weit weg. Wie Torifu Tobirama bereits gesagt war, war er bei entfernten Verwandten untergekommen, einem Ehepaar, das eine kleine Bäckerei besaß und senbai verkaufte. Mikoto stellte sie ihm als Uruchi und Teyaki vor. Die beiden staunten nicht schlecht, als Tobirama unangekündigt in ihrem Laden auftauchte, luden ihn dann aber auf ein paar senbai und etwas Tee ein und riefen Shisui herbei.

Shisui war ein für sein Alter schmächtiger Junge mit großen Augen und genau demselben lockigen, wilden Haar wie Kagami. Beinahe meinte Tobirama, sich einem jungen Kagami gegenüber zu sehen, die Ähnlichkeit war bemerkenswert.

»Hallo, Shisui. Ich bin Senju Tobirama«, stellte er sich Shisui vor.

Kurz huschte Shisuis Blick hinaus aus dem Fenster und hinauf zum Hokagefelsen. Dann blitzte die Erkenntnis in seinen Augen auf.

»Dein Großvater, Kagami, war einmal mein Schüler gewesen«, fuhr Tobirama fort. »Ich habe schon einiges von dir gehört. Du sollst ein sehr talentierter Junge sein.«

Daraufhin schüttelte Shisui jedoch den Kopf. »Nicht Junge.«

Oh. »Mädchen dann. Bitte entschuldige. Man hat mich falsch informiert.«

Noch ein Kopfschütteln. »Auch nicht. Bitte einfach nur Shisui. Keine Pronomen.«

Dieses Konzept war Tobirama neu. Aber wenn Shisui das so wollte, dann wollte er selbstredend Shisuis Wunsch nachkommen. »Ich bin hier, weil ich dir meine Vormundschaft anbieten will. Das heißt, dass ich für dich sorgen und die Kosten deiner Erziehung und Ausbildung übernehmen will, so du das wünschst. Ich biete dir ebenfalls an, dir gesondertes Training zu geben außerhalb der Akademie, um dein Talent zu fördern.«

Shisui sah fragend zu Uruchi.

»Nidaime-sama ist ein großartiger Shinobi«, sagte sie. »Du kannst sehr froh sein, dass er dir so etwas anbietet.«

»Es steht dir frei, dieses Angebot anzunehmen oder abzulehnen«, betonte Tobirama. »Du kannst auch entscheiden, ob du hier bleiben oder zu mir ziehen willst.«

Shisui dachte einen Moment darüber nach. »Aber warum ich? Es gibt doch so viele Waisen.«

»Die Eltern deines Großvaters, Senju Tōka und Uchiha Hikaku, waren gute Freunde meiner Familie«, sagte Tobirama. »Es war Hikakus ausdrücklicher Wunsch, dass ich Kagamis sensei werde, und auch später, als Kagami ein vollwertiger Shinobi geworden war, hatte er mir stets treu gedient. Ich sehe es als meine Pflicht an, über seine Nachkommen zu wachen, um sein Andenken zu ehren.«

Shisui blinzelte, offensichtlich etwas überfragt von diesem plötzlichen Angebot.

»Du musst das nicht sofort entscheiden«, fügte Tobirama daher an. »Denk in Ruhe darüber nach und lass es mich wissen, wenn du eine Entscheidung getroffen hast.«

»Also, ich denke«, stammelte Shisui und räusperte sich. »Ich denke, dass ich das Angebot annehmen will. Aber, äh, ich würd gern hier wohnen bleiben, wenn ich darf.«

Tobirama schmunzelte. »Gegen diese senbai komme ich wohl nicht an«, sagte er und nahm sich noch einen Reiscracker.

Nächstes Kapitel: Minato entdeckt ungeahnte Qualitäten an Tobirama aka findet seinen malewife dream

12. Kapitel: 2. Kapitel: Die große Stille

CN Trauer (sad bean)

Wenn ihr euch das Hirn wegballern lassen wollt vor lauter Awesomekeit, empfehle ich das Video Life Beyond: Chapter 3, das zugleich Inspiration und Soundtrack für dieses Kapitel gewesen war.

Die große Stille

Kakashi war schon vor einiger Zeit zu Bett gegangen und auch Ōkami döste bereits am irori, um die letzte Restwärme der verglimmenden Kohlen zu erhaschen. Nur Tobirama stand noch draußen im Garten und hantierte mit dem alten Teleskop, das er auseinandergebaut auf dem Dachboden gefunden hatte. Es wäre sinnvoller, wenn er raus in den Wald gehen würde, dort, wo die Lichter Konohas den Himmel nicht verschmutzten. Aber zum Testen und Justieren reichte es. Außerdem waren derzeit besonders viele Sternschnuppen um die Mitternachtsstunde zu sehen und er hoffte auf ein paar schöne.

Daher entging ihm nicht das zaghafte Klopfen an der Haustür. Ein kurzes Aktivieren seiner Sensorfähigkeiten sagte ihm, dass es Minato war, der ihn zu später Stunde aufsuchte. Er ging außen um das Haus herum und tatsächlich stand dort Minato an seiner Haustür, einen schlafenden Naruto auf dem Arm, den er in ein dickes Tuch eingewickelt hatte.

Minato schien ein wenig überrascht, ihn noch draußen anzufinden, doch Tobirama öffnete ihm das Gartentor und ließ ihn herein. Er konnte sich denken, was Minato umtrieb.

»Es tut mir leid, dass ich dich um diese Stunde noch störe, aber …«, begann Minato.

»Aber ich hatte es dir angeboten«, unterbrach Tobirama ihn. »Ich hatte ohnehin noch nicht vor, jetzt schon zu schlafen.«

Minato entdeckte das Teleskop. »Oh, wie spannend. Als Junge wollte ich auch immer eins, aber irgendwie kam es nie dazu.«

»Ich habe es Sakumo vor einigen Jahren gekauft, als er sich dafür zu interessieren begann. Es tut seinen Dienst, aber ich liebäugle mit dem Gedanken, mir vielleicht doch ein Spiegelteleskop zu besorgen statt dieses einfachen Linsenteleskops.«

Minato trat zu dem Teleskop und begutachtete es neugierig. »Darf ich?«

Tobirama sagte ihm, dass er Naruto ruhig bei Ōkami lassen konnte, die indes von dem fremden Geruch erwacht war. Minato brachte das Baby zu ihr nach drinnen ins Warme und zögerte keinen Moment lang, es zwischen ihre Vorderpfoten zu legen. Naruto, der für einen Moment wach geworden war, döste sogleich wieder ein, und Ōkami legte den Kopf neben ihm ab, um über ihn zu wachen.

Tobirama hatte indes das Teleskop auf den Mond gerichtet, das einzige Objekt am Himmel, das man mit solch einem einfachen Teleskop wirklich sinnvoll betrachten konnte. Vielleicht sollte er sich wirklich ein Spiegelteleskop zulegen und vielleicht dafür auch ein wenig mehr Geld in die Hand nehmen. Dann würde es auch Sinn machen, nahe Planeten zu beobachten.

Fasziniert blickte Minato durch das Okular. »So viele Details!«, staunte er. »Ich hätte nie gedacht, dass es da so viel zu entdecken gibt.«

Tobirama blickte in den Nachthimmel. Eine Sternschnuppe zog vorüber. Die Sterne funkelten.

»Es ist nur der Mond«, sagte er. »Jenseits davon liegt die Unendlichkeit. Jeder Stern ist eine Sonne und jede Sonne kann ihre eigenen Welten beherbergen.«

Minato richtete sich wieder auf und folgte seinem Blick. »Sind wir allein?«

»Wer weiß das schon. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

Minato fröstelte in der kalten Luft, anders als Tobirama hatte er sich nur eine leichte Jacke übergeworfen für den Weg hierher. Also gingen sie nach drinnen und Tobirama schob die Papierwände hinter ihnen zu, um die Wärme im Haus zu halten. Dann setzten sie sich an den kotatsu nahe des irori. Während Tobirama ihnen beiden einen letzten Tee brachte, hatte Minato bereits das Buch entdeckt, das Tobirama derzeit las, wann immer er etwas Zeit und Muse dafür erübrigen konnte. »Die Große Stille« stand vorne auf dem Deckblatt und einige Zettelchen ragten aus den Seiten, wo sich Tobirama Notizen gemacht hatte.

Im Licht der Lampe sah Tobirama nun auch, wie miserabel Minato aussah. Seine Haut war blass und unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Seine körperlichen Wunden mochten heilen, aber nicht die seelischen.

»Die Frage, ob wir allein im Kosmos sind, hat die Menschheit schon lange vor meiner Zeit beschäftigt«, sagte Tobirama, als er sich zu seinem Gast setzte. »Wir blickten zu den Sternen auf und fragten uns: Gibt es noch mehr wie uns dort draußen? Gibt es Wesen, die uns lauschen? Oder sind wir doch allein in einem unendlichen Meer aus Nichts? Anija war ein Träumer. Er hing mit dem Kopf in den Wolken und hatte sprichwörtlich nach den Sternen gegriffen. Ich habe die Sache immer etwas bodenständiger betrachtet. Die Mathematik sagt uns, dass es dort draußen Abermilliarden von Welten geben kann und jede davon kann intelligentes Leben beherbergen. Doch können wir es überhaupt als Leben erkennen? Oder ist es uns so fremd, dass wir gar nicht begreifen, was wir da sehen? Also blickten wir hinaus zu den Sternen und lauschten. Doch alles, was wir hörten, war Stille. Nichts außer kosmischem Rauschen.«

Minato blätterte durch das Buch und blieb mal hier, mal dort an einigen Stellen hängen. »Vielleicht ist es aber besser so. Wesen, die durch das All reisen können, müssen so viel weiter entwickelt sein als wir. Was können wir ihnen schon entgegen halten?«

»Manche sagen, dass die Suche nach außerirdischer Intelligenz in der Tat gefährlich ist. Zivilisationen, die das All bereisen, sind uns technologisch weit überlegen, und nichts garantiert uns, dass sie uns wohlgesonnen sind. Jede intelligente Zivilisation hungert nach Energie und ist stets auf der Suche nach ergiebigeren Quellen, um ihren Fortschritt zu befeuern. Eine Zivilisation des Typs 1 ist in der Lage, die gesamte Energie ihres Planeten zu verwerten; selbst davon sind wir noch weit entfernt. Eine Typ 2 Zivilisation hingegen ist bereits dazu fähig, die gesamte Energie ihres Sterns zu verwerten, und eine Zivilisation, die als Typ 3 klassifiziert wird, ist in der Lage, die gesamte Energie ihrer Galaxie zu verwerten. Mit einer solchen Macht wären sie in der Lage, ihre eigenen Sterne zu erschaffen und damit theoretisch bis zum unausweichlichen Kältetod des Universums unendlich viel Energie zu erzeugen – und vielleicht auch neue Universen.«

»Sie wären Gott.«

»Ja, das wären sie wohl. Für uns. Anija war immer recht amüsiert davon, wenn die Leute ihn shinobi no kami nannten, denn am Ende war er doch auch bloß ein Mensch wie wir alle. Aber Wesen, die eine solche Macht besäßen, wären in der Lage, die Grenzen von Raum und Zeit hinter sich zu lassen und zu multidimensionalen Existenzen aufzusteigen. Wir wären vielleicht nicht einmal mehr in der Lage, sie zu begreifen. Doch sind wir nicht auch für eine Ameise Götter? Jeder technologische Fortschritt kann, ist er nur weit genug vom eigenen Standpunkt fortgeschritten, nicht mehr von Magie unterschieden werden.«

»Wenn doch aber alles dafür spricht, dass wir nicht allein im Universum sind, warum hören wir dann nichts von ihnen? Warum antwortet uns nichts als Stille?«

»Ein Paradoxon, das in der Tat viele Fragen aufwirft. Die Theorie des Dunklen Waldes besagt, dass wir nicht allein sind, doch jede Zivilisation versteckt sich vor den anderen aus Furcht, ihnen unterlegen zu sein. Stell dir einen Wald vor und einen Jäger, der mit seinem Speer furchtsam durch das schattige Unterholz schleicht. Er weiß, dass dort draußen andere Jäger sind, die genauso auf Beute aus sind wie er, aber er weiß nicht, ob sie vielleicht nur mit Steinen nach ihm werfen, oder Waffen auf ihn richten, die seinen Verstand bei weitem übersteigen. Also schweigt er und versteckt sich, um mit nichts seine Anwesenheit zu verraten. Die große Stille.«

»Doch angenommen, er wird von Wesen gefunden, die ihm technologisch weit voraus sind, kann er nicht vorhersagen, wie sie reagieren werden. Vielleicht verschlingen sie ihn. Aber vielleicht begegnen sie ihm auch friedlich und sind gar nicht daran interessiert, ihm zu schaden.«

»Schlägt er zuerst zu oder geht er das Risiko ein und wagt den Sprung ins Unbekannte?«

Hashirama hatte den Sprung gewagt. Er war aus dem dunklen Wald herausgetreten und hatte den Mut gefunden, sich dem Unbekannten zu stellen. Dieser Gedanke kam Tobirama plötzlich, während er noch darüber sprach. Er hatte die Sache noch nie so betrachtet.

»Diese Stille macht mir Angst«, sagte Minato leise. »Dieser Gedanke, völlig allein zu sein und dahinzutreiben in einem eiskalten Meer aus Nichts. Dieses Nichts drückt mich nieder, erstickt mich und macht mich hilflos. Ich bin gelähmt vor Furcht, vor dem, was ich in dem Nichts sehe.«

Er erschauderte und schlang die Arme um sich.

»Ich habe seit Tagen nicht geschlafen«, fuhr er fort. »Sobald ich die Augen schließe, sehe, ich, was geschehen ist. Immer und immer und immer wieder. Und dann ist da diese Stille, diese schreckliche, abscheuliche Stille, in der mich niemand hört, und ich höre niemanden. Wenn dort draußen wirklich niemand ist, wenn jenseits der Stille nur furchterregendes Nichts ist, welchen Sinn hat dann all das hier noch?«

»Es stimmt«, sagte Tobirama und wählte seine folgenden Worte mit Bedacht. »Wir sind nur ein Staubkorn, das in einem Sonnenstrahl schwebt. Im Vergleich zur unermesslichen Weite des Kosmos sind wir nichts weiter als ein fahler blauer Punkt. Aber dieser Punkt, das sind wir. Das ist Heimat. Auf ihm haben alle, die du liebst, alle, die du kennst, alle, von denen du je gehört hast, alle Menschen, die es je gab, ihr Leben verbracht. Die Gesamtheit unserer Freude und unseres Leids, Tausende von überzeugten Religionen, Ideologien und Wirtschaftslehren, jeder Jäger und Sammler, jeder Held und Feigling, jeder Schöpfer und Zerstörer von Zivilisationen, jeder König und Bauer, jedes verliebte junge Paar, jede Mutter und jeder Vater, jedes hoffnungsvolle Kind, jeder Erfinder und Entdecker, jeder Moralprediger, jeder korrupte Politiker, jede ›Berühmtheit‹, jeder ›oberste Führer‹, jeder Heilige und Sünder in der Geschichte unserer Spezies lebte dort – auf einem Staubkorn, das in einem Sonnenstrahl schwebt.

Ja, im Vergleich zur unermesslichen Weite des Kosmos ist das nichts. Es ist bedeutungslos. Wir sind Ameisen, die nach Giganten suchen, doch bis jetzt blieb diese Suche erfolglos. Also müssen wir für den Moment annehmen, dass dieser Planet der einzige ist, der Leben beherbergt. Und das ist ein unermesslicher Schatz. Wir sind nur Ameisen und unsere primitiven Ameisengehirne können die Unendlichkeit nicht begreifen. Aber wir können begreifen, was um uns herum ist, und das ist ein Wunder, das es nur ein einziges Mal im unendlichen Kosmos gibt. Ich finde, das ist ein durchaus erhebender Gedanke. Zum Leben gehört der Tod, zur Liebe der Schmerz. Das ist der Preis für ein einmaliges Geschenk, das uns geben wurde.«

»Aber es schmerzt, so sehr. Es schmerzt so schrecklich«, schluchzte Minato und krallte seine Hand in seine Brust.

»Ich weiß«, sagte Tobirama schlicht, weil es darauf nichts mehr zu sagen gab. Es gab nichts, das diesen Schmerz nehmen konnte.

Minato warf sich in seine Arme und presste noch immer schluchzend das Gesicht in sein Hemd. Verdattert blickte Tobirama auf ihn hinab und wusste zunächst nicht, was er tun sollte. Etwas linkisch legte er dann doch die Arme um ihn. Es schien das zu sein, was Minato jetzt brauchte.

Hashirama hatte ihm gesagt, dass es noch Menschen gab, die ihn brauchten. Hatte er damit Kakashi gemeint oder … noch andere? Tobirama wünschte, sein Bruder wäre jetzt hier. Er hatte das Gefühl, nicht allzu sehr von Nutzen zu sein und kam sich recht hilflos vor.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte Minato irgendwann und machte noch immer keine Anstalten, von Tobirama abzurücken. »Du hast sie doch auch alle auf einmal verloren, deine ganze Familie. Wie kannst du da weiter machen?«

»Eines der universellen Gesetze im Universum ist der Fakt, dass Zeit gerichtet ist«, sagte Tobirama. »Sie vergeht, wenn auch aufgrund ihrer Relativität nicht immer mit derselben Geschwindigkeit, so doch immer nur in eine Richtung. Dieser Grundsatz bleibt unumstößlich bestehen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach weiterzugehen.«

Das hieß auch, dass sich nicht ungeschehen machen ließ, was passiert war. Er schob den Gedanken hastig zur Seite.

Minato schwieg und sagte nichts mehr dazu. Nach und nach versiegten seine Tränen. Er schniefte.

»Oh. Ich hab dir dein Hemd vollgeweint. Das tut mir leid.«

Tobirama winkte ab. »Dann kommt es eben in die Wäsche, was soll‘s.«

Naruto wählte diesen Moment, ihnen zu verkünden, dass ihm etwas nicht passte. Tobirama tippte auf Hunger. Minato fiel es sichtlich schwer, sich dazu aufzuraffen und zu seinen Sohn zu gehen. Er wirkte erschöpft, körperlich wie mental.

»Hör zu«, sagte Tobirama daher bestimmt. »Du kannst heute Nacht hier bleiben, wenn du willst. Das Haus hat nun wirklich mehr als genug leere Räume. Ich kümmere mich um ihn.«

»Was?« Minato sah ihn irritiert an.

»Ja, ich kann das«, betonte Tobirama. Das letzte Mal stand Windeln wechseln vor elf Jahren auf seiner Aufgabenliste und er hatte nicht geplant, das jemals wieder zu tun. Aber die Dinge kamen eben immer anders, als man so dachte.

Einen Moment lang sah Minato ihn noch sprachlos an. Dann schlich sich ein zaghaftes Lächeln auf seine Lippen. »Danke.«

Tobirama nahm Naruto an sich, derweil führte Ōkami Minato nach oben und zeigte ihm, wo die Gästezimmer lagen. Naruto wirkte nicht allzu glücklich darüber, nicht bei seinem Vater zu sein, was er auch sehr deutlich verlauten ließ, aber Minato brauchte wirklich dringend Ruhe. Tobirama schaute, was er im Hause hatte, und improvisierte. Für eine Nacht würde es reichen.

Sollte er vielleicht Babynahrung vorrätig halten? Dieser Gedanke führt ihn jedoch zu der Frage, was das bedeuten würde.

Weil er mittlerweile selbst müde war, stellte er einen Doppelgänger ab, der für ihn die Nachtschicht übernahm. Ihm stand wirklich nicht mehr der Sinn danach, alle zwei Stunden vom Geschrei eines Babys geweckt zu werden, das nach Aufmerksamkeit verlangte. Manche Dinge brauchte er wirklich nicht mehr in seinem Leben. Dann ging er ebenfalls zu Bett.

 

Minato verschlief beinahe den ganzen Vormittag, und Tobirama und Kakashi nutzen diese Gelegenheit, sich ein spätes Frühstück zu gönnen. Kakashi zeigte sich wenig erstaunt über ihren spontanen Besucher.

»Das heißt jetzt also, ihr könnt es bequem auf mich abwälzen, Windeln zu wechseln?«, kommentierte er. »Toll. Genau das, was ich mir vom Leben vorgestellt habe.«

»Mein Haus, meine Regeln, und wenn du nicht spurst, werde ich genau das tun«, sagte Tobirama leichthin.

»Oh, meine Knie erzittern vor dieser Drohung.«

Minato schlich gähnend die Treppe hinunter, als Kakashi ihnen gerade ein paar Eier briet. Der Tisch war bereits gedeckt. Ōkami lag mit Naruto zwischen ihren Vorderpfoten nahe des irori und bespaßte das Baby. Naruto sah mit großen Augen zu ihr auf und giggelte vor sich hin, während sie mit heraushängender Zunge Grimassen schnitt und ihn anschnaubte. Das kitzelte und er lachte noch mehr.

»Oh. Kakashi. Du bist auch hier?« Minato schien überrascht, ihn hier anzutreffen.

»Guten Morgen, sensei«, begrüßte Kakashi ihn. »Und klar. Irgendwer muss dem alten Mann dort drüben doch moderne Technik erklären, also ziehe ich halt zu meinem Boss. Sofu wusste nicht einmal, was eine Mikrowelle ist und die Kaffeemaschine musste ich ihm auf erklären. Kaffee schwarz oder mit Milch?«

»Mach nur weiter so und du landest auf der Straße, Junge!«, drohte Tobirama aus dem angrenzenden Raum. »Zu meiner Zeit sahen Kaffeemühlen noch anders aus.«

Wie jeden Morgen kniete Tobirama vor dem kleinen Familienschrein und entzündete die Rächerkerzen neu, die über Nacht heruntergebrannt waren, ein Ritual, das er nach Hashiramas Tod begonnen hatte. Minato kam zu ihm, um zu sehen, was er da tat.

»Oh.« Kurzerhand kniete er sich neben Tobirama und verneigte sich vor dem Schrein.

Tobirama musterte ihn. Er sah besser aus als noch letzte Nacht, erfrischter und etwas Farbe war auf sein Gesicht zurückgekehrt.

Einen Moment lang betrachtete Minato die Bilder von Tobiramas Familie, die hier standen, einige von ihnen so alt, dass sie noch Schwarzweißfotografien oder überhaupt gar keine Fotografien, sondern Tuschezeichnungen waren.

»Ich weiß nicht, wer meine Familie ist«, sagte er. »Meine Eltern haben mich adoptiert, als ich noch ein Baby war, und egal ob adoptiert oder nicht, sie waren natürlich meine Eltern. Sie waren ein nettes, älteres Ehepaar, dem nie eigene Kinder vergönnt waren. Aber Papa starb vor einigen Jahren an seinen Altersgebrechen und Mama folgte kurz darauf. Sie waren meine Eltern, aber die Frage, wer ich bin und wo ich herkomme, beschäftigte mich dennoch von frühester Kindheit an. Niemand wusste eine Antwort darauf.«

Tobirama betrachtete die Bilder seiner Eltern. Er wusste nur allzu gut um sie Bescheid und hätte gern darauf verzichten können, der Sohn dieses Mannes zu sein.

»Darf ich fragen, wer sie sind?«, wollte Minato wissen. »Mito-hime und Miyazaki-san erkenne ich. Oh, und Shodai-sama.«

Tobirama schnaubte amüsiert. »Das ist ein besseres Bild als das im Büro, nicht wahr? Das ist schrecklich, das da hängt, so überhaupt nicht er. Anija war laut und immer fröhlich und lachte immerzu. Er konnte sich für alles begeistern. Und trotzdem ging er eines Tages in den Wald und kam nie wieder …«

Auch nur daran zu denken, schmerzte noch immer schlimmer als alles, was Tobirama je erlebt hatte.

»Wie ist er gestorben?«, fragte Minato vorsichtig.

Tobirama atmete tief durch. »Du musst verstehen, er war von Geburt an ein Sennin, die Fähigkeit, Senjutsu zu verwenden, war ihm in die Wiege gelegt, er musste nur lernen, sie aktiv zu nutzen. Sein Mokuton und sein Senjutsu waren zwei Teile eines ganzen. Für ihn war es nie ein Problem, es zu nutzen. Madaras Tod aber hatte ihn verändert, das hatte eine Wunde geschlagen, die nicht einmal er heilen konnte. Er verlor sich mehr und mehr und wurde … wie soll ich sagen … bäumisch. Und irgendwann einmal fand er nicht mehr zurück. Er ging hinaus in den Wald und niemand hat ihn jemals wieder gesehen.«

Tobirama ballte die Hände auf seinen Knien zu Fäusten, um ihr Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Wochen und Monate lang hatte er gesucht und gesucht und doch nichts gefunden. Hashirama war zu der Natur geworden, die schon immer ein Teil von ihm gewesen war.

»Das ist Chio, meine Frau«, fuhr er rasch fort und deutete auf ihr Bild. Darauf trug sie ihren liebsten Kimono, der, in dem sie ihn kennengelernt hatte. Sie war immer solch eine Romantikerin gewesen. »Und das ist Sakumo, unser Sohn. Er war elf, als ich ging. Ich habe ihn nie aufwachsen sehen.«

Auf dem Foto war er älter, herangewachsen zu einem ansehnlichen Mann. Was würde Tobirama nicht alles dafür geben, um die verlorene Zeit mit seinem Kind zurückzugewinnen. Es hatte doch noch so viel gegeben, das er ihn hatte lehren wollen, das sie hatten gemeinsam entdecken können.

»Nawaki war Tsunades kleiner Bruder. Er war Hashirama in so vielem so ähnlich und Kawaramas Ebenbild. Immer war er fröhlich und nur selten betrübt. Für ihn war die ganze Welt ein Spielplatz und er wollte unbedingt Hashirama nacheifern. Hokage zu werden, war sein großer Traum, also habe ich ihm gesagt, dass er schön brav seine Hausaufgaben machen sollte, denn das vergaß er gern einmal. Aber es hatte ja nicht sein sollen …«

Noch ein junges Leben, das unnötig früh beendet worden war.

»Das ist Itama, der jüngste meiner Brüder. Er starb mit sieben, als Uchiha unsere Grenzen überfielen und auf ihn Jagd machten. Sie machten ihn nieder wie Vieh und jede Hilfe kam zu spät. Er war eben ein Kind, und Kinder waren leichte Beute. Es war ja nicht so, als hätten wir Senju nicht dasselbe mit den Uchiha gemacht …

Kawarama war mein Zwillingsbruder. Und ja, ich weiß, wir sehen uns nicht wirklich ähnlich, weshalb Butsuma mich im Verdacht hatte, ich sei nicht einmal sein Sohn. Ich wünschte, es wäre so. Kawaramas Leben wurde nach nur elf Jahren beendet, als eine Tretmine ihn zerfetzte.«

Zuletzt deutete er auf eine alte Tuschezeichnung. »Das ist Sakura, unsere Mutter, aber sie starb, als ich gerade einmal vier Jahre alt gewesen war. Ich habe keine Erinnerungen mehr an sie. Es war nur wenige Wochen nach Itamas Geburt, als Tajima, Madaras Vater, Attentäter zu uns schickte und sie vergiften ließ. Er wollte auch uns Kinder ermorden lassen, aber wir hatten Glück. Seine eigenen Söhne konnten das nicht sagen. Die Ermordung unserer Mutter war die Rache dafür, dass Butsuma nur einige Monate zuvor seinerseits Tajimas Frau und drei ihrer fünf Söhne ermordete, zwei von ihnen nicht älter als zwei Jahre. Das war die Zeit, in die wir hineingeboren worden waren.«

Er zögerte, bevor er auf das Bild Butsumas deutete. Hashirama hatte immer darauf bestanden, auch ihn hier einzuschließen, und Tobirama hatte es nur aus Respekt vor seinem Bruder dabei belassen. »Butsuma. Ich will ihn nicht unseren Vater nennen, denn das war er nicht. Er war ein abscheulicher Mensch, auch wenn mein kindlicher Verstand lange brauchte, um das zu lernen. Doch als ich es schließlich begriff, nun … ich …«

Er zögerte, die Wahrheit auszusprechen. Hashirama wusste darum, aber er war der einzige, er und Mito und vielleicht noch Madara. Es war ein Geheimnis, das die Grundfesten des damals noch jungen Konoha hätte erschüttern können, also hatten sie nie wieder darüber gesprochen und es tief vergraben. Aber was würde es jetzt noch schaden können? Es war so lange her.

»Ich habe ihn ermordet. Ich war vierzehn, und inmitten des Chaos einer unserer unzähligen Schlachten mit den Uchiha nutzte ich die Gelegenheit, die sich mir bot, und erstach ihn hinterrücks.«

Minato sah ihn mit schockgeweiteten Augen an ob der Enthüllung, dass einer der Gründer dieses Dorfes ein Vatermörder war. Auch Kakashi, der irgendwann während seiner Erzählung hinzugekommen war, blickte verblüfft zu ihm.

»Unserem Clan sagten wir, dass die Uchiha ihn getötet hätten, und auch wenn Tajima vielleicht erahnte, was wirklich vorgefallen war, so nahm er doch gern die Lorbeeren für diese Tat an. Lange hatte er es ohnehin nicht überlebt. Nach unserem Brauch wurde Hashirama unser Clanführer und nur wenige Wochen später tötete er Tajima. Das stellte das Kräftegleichgewicht wieder her. Konoha ist auf Blut begründet, das ist die Wahrheit. Denn Butsuma hätte niemals einem Frieden mit den Uchiha zugestimmt. Es hatte auch nach seinem Tod noch viele Jahre gedauert, doch sein Ableben ebnete den Weg zum Frieden. Zunächst war es nur ein Waffenstillstand, ein fragiler Augenblick voller Anspannung, doch nach und nach gelang es Hashirama und Madara, dass sich unsere Clans einander annäherten und sie ihren lang gehegten Traum dieses Dorfes erfüllen konnten.«

Minato und Kakashi sagten zunächst nichts dazu und schwiegen lange. Tobirama betrachtete die Trümmer seiner Familie.

»Wer ist die letzte Person da?«, wollte Kakashi schließlich wissen.

»Madara.«

Tobirama konnte regelrecht spüren, wie Minato neben ihm erschauderte. »M-madara? Uchiha Madara?«

Das Foto zeigte ihn nicht so, wie die meisten ihn wohl vor Augen hatten. Auf dem Bild lachte er aus vollem Herzen, wohl über irgendeinen dämlichen Witz, den Hashirama gemacht hatte. Solche Momente waren selten gewesen, aber sie waren es, wie Hashirama Madara immer hatte in Erinnerung behalten wollten. Er hatte gesagt, dass das die Augenblicke waren, in denen Madara sein wahres Selbst gezeigt hatte.

»Irgendwie hatte Madara auch zur Familie gehört«, sagte Tobirama.

Einen Moment lang zögerte er, ob er wirklich aussprechen sollte, was er dachte, aber dann kam er zu dem Schluss, dass es jetzt eigentlich auch keine Rolle mehr spielte. Er hatte Madaras Wunsch stets respektiert, mit niemandem über die Natur seiner Beziehung zu Hashirama zu sprechen, aber beide waren sie schon lange tot, und es war Hashirama stets eine Herzensangelegenheit gewesen, offener damit umzugehen. Wer nur Augen im Kopf hatte, hatte es ohnehin erkennen können.

»Hashirama und Madara kannten einander, seit sie Kinder gewesen waren«, fuhr er daher fort. »Sie hatten sich von Daheim fortgeschlichen, um sich heimlich im Wald zu treffen. Genau hier, wo später Konoha hatte entstehen sollen. Sie nannten einander nicht ihre Clannamen, so war es damals Brauch, um sich nicht dem Feind zu verraten. Sie sponnen Ideen und träumten groß und wurden Freunde. Doch der Krieg riss sie auseinander. Aber irgendwie zog es sie doch wieder zueinander, fast schon wie Gravitation und nicht einmal der Krieg konnte sie dauerhaft trennen. Unsere Clans schlossen Frieden und aus der Freundschaft der beiden wurde Liebe oder vielleicht war es das schon längst.«

Minato sah ihn irritiert an. »Aber … Shodai Hokage war doch mit Mito-hime verheiratet.«

Dieses Mal war es an Tobirama, den Blick fragend zu erwidern. »Ja, und? Natürlich hatte er sie geliebt, aber eben auch Madara.«

»Na ja, es ist halt so … manche leben eben monogam«, warf Kakashi ein.

»Tja, und andere nicht.«

»Aber …« Minato schien darüber nicht nicht wirklich hinweg zu sein. »Warum hat Madara dann das Dorf verlassen?«

»Weil es manche Wunden gibt, die nicht einmal alle Liebe der Welt zu heilen vermag«, sagte Tobirama bedauernd. »Ich war es, der seinen letzten Bruder, Izuna, erschlug in einer unserer letzten Schlachten mit den Uchiha. Würde man mich heute fragen, ob ich es wieder tun würde, selbst wenn ich weiß, was daraus erwuchs, würde ich es bejahen, denn damals war es das, was meinen Clan und meinen Bruder am Leben erhielt. Vielleicht war von diesem Zeitpunkt an unvermeidlich, was darauf folgen sollte. Das Dorf wuchs, doch die Wunde schwärte in Madara, Jahr für Jahr. Madara und ich, wir wurden nie Freunde, aber zumindest lernten wir, einander zu tolerieren, wenn auch nur um Hashiramas Willen. Dennoch sah er fast täglich den Mörder seines Bruders, und ich sah die Dunkelheit in ihm, die von Jahr zu Jahr wuchs.

Viele nennen es den Fluch des Hasses, der im Uchiha-Clan grassiert, aber das ist zu oberflächlich betrachtet. Ich weiß nicht, ob es mit ihrem kekkei genkai in Verbindung steht oder einfach eine Eigenschaft der Leute dieses Clans ist, aber sie empfinden Emotionen sehr viel intensiver als viele andere, Schmerz wie Liebe gleichermaßen. Und Hass und Liebe liegen erstaunlich nahe beieinander.

Madara war kein schlechter Mensch, er war nur wie viele dieser Zeit schwer traumatisiert, und ich hätte ihm wirklich gewünscht, dass er einen anderen Weg hätte sehen können, mit seinem Schmerz umzugehen. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich wüsste nicht, ob ich anders gehandelt hätte. Madara liebte Vögel und konnte stundenlang Monologe darüber abhalten. Seine Leidenschaft war die Greifvogelzucht und er spazierte oft lange durch das Dorf und fütterte die Spatzen. Manche wurden sogar so zutraulich, dass sie ihm auf die Hand kamen. Ich weiß noch, wie Miyazaki, als sie noch ein Kind gewesen war, eine verletzte Schwalbe gefunden hatte, und statt zu ihrem Vater zu gehen, der ja immerhin überragende Heilfähigkeiten besaß, rannte sie Rotz und Wasser heulend zu Madara und bettelte ihn an, dem armen Tier zu helfen, weil sie genau wusste, dass er niemals ein Tier leiden lassen würde.«

»Trotzdem hat er das Dorf verraten und Hashirama-sama war gezwungen, ihn zu töten«, sagte Minato. »Er hatte ihn doch wirklich getötet, oder? War er wirklich tot? Ganz sicher?«

Tobirama runzelte die Stirn. Minato wirkte aufgebracht. »Ja, natürlich. Das kann ich bezeugen.«

»Was wäre, wenn … Was, wenn …« Wieder erschauderte Minato. »Kushinas Siegel hielt. Es war geschwächt, aber es hielt. Wir sind angegriffen worden.«

Ein eiskaltes Gefühl beschlich Tobirama. »Von wem?«

»Ich weiß es nicht genau, der Mann war maskiert«, gestand Minato. »Aber ich habe sein Sharingan gesehen. Er war unheimlich stark und besaß ein Teleportationsjutsu, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich konnte ihn zwar in die Flucht schlagen, aber nur gerade so, und wenn der Kampf länger gedauert hätte, hätte er mich vielleicht sogar besiegen können. Es erschien mir zwar selbst völlig widersinnig, aber ich fragte ihn, ob er Uchiha Madara sei, weil er der einzige ist, von dem ich weiß, dass er so stark ist. Jeder weiß immerhin, dass Madara Kyubi kontrollieren konnte, und dieser Unbekannte wusste genau Bescheid, wann er zuschlagen musste. Er bejahte meine Frage nicht, aber er verneinte sie auch nicht direkt.«

Wie Fugaku gesagt hatte. Kyubi war in der Tat kontrolliert worden. Jemand hatte diesen Moment der Schwäche genutzt und einen gezielten Angriff auf das Dorf gestartet.

»Aber Madara kann es nicht gewesen sein«, betonte Tobirama dennoch. »Er ist tot und das schon seit vielen Jahren. Und selbst wenn nicht, wäre er jetzt uralt.«

»Aber was, wenn doch?«, stammelte Minato aufgebracht. »Was, wenn du dich irrst und es doch Madara gewesen war? Was, wenn Madara irgendein geheimes Jutsu besitzt, von dem niemand etwas weiß? Was, wenn …«

»Beruhige dich!«, herrschte Tobirama ihn an und packte ihn bei den Schultern. »Madara kann es nicht gewesen sein. Ich kann es dir beweisen. Soll ich es dir beweisen?«

Wie Espenlaub zitternd nickte Minato nur.

Ihr Frühstück würde wohl warten müssen. Tobirama ging kurz nach oben, um ein ganz bestimmtes Siegel zu zeichnen, und als er damit wiederkam, heftete er es Minato an die Brust und aktivierte es.

»Damit hast du Zugang zu meinem Labor, ohne meine Sicherheitsmaßnahmen zu aktivieren und alles zu sprengen«, erklärte Tobirama. Dann brachte er sie beide mit Hiraishin genau dorthin.

Mittlerweile hatte Tobirama den Staub entfernt, den Generator ausgetauscht und die Luftfilter erneuert. Alles war wieder zur Benutzung bereit. Die Frage, wer sich unerlaubterweise Zugang verschafft hatte, war nicht vergessen.

Mit staunenden Augen sah sich Minato um. »Was ist das für ein Ort?«

»Nichts anfassen«, sagte Tobirama ihm streng. »Nur weil ich dir Zugang gewährt habe, heißt das nicht, dass ich es gestatte, dass du hier nach Belieben ein und aus spazierst. Diesen Ort kann man nur mit Hiraishin erreichen, hier verwahre ich den sensibleren Teil meiner Forschungen.«

Er betätigte den geheimen Hebel in einem der Regale und deaktivierte gleichzeitig mit seinem Chakra die Versiegelungen, die er darin eingearbeitet hatte. Das Regal schwang zur Seite und gab einen engen Durchgang frei. Minato folgte Tobirama schweigend.

Der Durchgang führte zu einem weiteren Raum, leer bis auf einen einzigen steinernen Sarkophag, der den ganzen Raum dominierte. Unzählige Siegel waren in den Fels um sie herum und auch in den Sarkophag selbst eingearbeitet, alles, was Tobirama an Sicherheitsmaßnahmen kannte. Dieser Ort war für die Ewigkeit versiegelt worden.

»Nach dem Kampf nahm ich Madaras Leiche an mich. Hashirama war nicht glücklich darüber, und es war wohl auch der einzige wirklich ernsthafte Streit, den wir hatten, und auch das eine Mal, wo er mir als Hokage etwas befahl. Madaras Körper barg unzählige Geheimnisse, die niemals in falsche Hände geraten durften. Ich hatte sie ergründen wollen, Hashirama hingegen wollte Madara ein angemessenes Begräbnis geben. Aber schließlich hatte er doch eingesehen, dass es sicherer wäre, die Leiche wegzuschließen. Er befahl mir allerdings, den Körper nicht anzurühren.«

Es bedurfte mehrerer Jutsu, um die verschiedenen Schichten der Versiegelungen zu lösen, und viele davon waren so abgestimmt, dass Tobirama der einzige war, der sie durchführen konnte. Absolut nichts war in der Lage, hier hineinzugelangen – oder hinaus.

Schließlich waren die Siegel gelöst und Minato half Tobirama, die schwere Grabplatte zur Seite zu schieben. Nach all den Jahren wären natürlich nur noch Knochen übrig.

Der Sarg war leer.

»Scheiße.«

Dun dun duuuun.

The Great Silence ist ein Begriff, der von SETI (Search for Extra-Terrestrial Intelligence) geprägt wurde und genau dieses Phänomen beschreibt, das Tobirama hier nennt. Die Typenklassifikationen der Zivilisationen entstammen der Kardaschow-Skala des russischen Astronomen Nikolai Kardaschow. Die Dunkle-Wald-Theorie ist ein Argument des Fermi-Paradoxons des Physikers Enrico Fermi, das den erstaunlichen Mangel an Beweisen für extraterrestrische Intelligenz betrachtet, obgleich in der Theorie unsere Galaxie vor Leben geradeso wimmeln müsste, wie die Drake-Gleichung aufzeigt. Die Theorie wurde nach dem Roman Der Dunkle Wald von Liu Cixin benannt (lest diese Reihe, sie ist sehr gut und sehr abgefahren).

Tobirama zitiert hier auch Carl Sagans Pale Blue Dot in seiner Rede über das Staubkorn im Sonnenstrahl. Er kann wirklich nicht gut mit Emotionen umgehen, und sein coping mechanism ist Wissenschaft. Das ist logisch, das versteht er und kann er erklären.

Eine kleine Sidenote: Ich bediene mich gern und großzügig meiner Headcanons für andere Fanfics, selbst wenn diese nicht unbedingt in Beziehung miteinander stehen. Es geht auch in Wurzeln viel um Trauer und Trauerbewältigung. Hashirama ist anders als Tobirama ein wesentlich emotionalerer Typ, während Tobirama sehr rational ist. Das habe ich versucht zu kontrastieren. Sowohl Hashirama als auch Tobirama versuchen, Madara und Minato Trost zu spenden (mit unterschiedlich viel Erfolg), jeder aber auf seine Weise.

Nächstes Kapitel: Das Leben geht weiter und der Wiederaufbau beginnt.

13. Kapitel: 3. Kapitel: Neuanfang

Neuanfang

Seit Stunden schon saß Tobirama am Boden des Büros und studierte sein Siegel. Dieses verflixte kleine Ding, das ihm den ganzen Schlamassel hier eingebrockt hatte. Er hatte unzählige Notizen um sich herum ausgebreitet. Minato saß an seinem Schreibtisch und ging seiner Arbeit nach. Tobirama hatte ihn im Verdacht, dass er nicht wirklich bei der Sache war, denn es wirkte so, als würde er irgendetwas skizzieren.

»Und du sagst immer noch, dass es nicht Madara war?«, fragte Minato in die Stille hinein.

Es war jetzt schon das dritte Mal im Verlaufe der letzten Tage, dass er dieses Thema anschnitt. Tobirama musste ein Augenrollen unterdrücken.

»Ich sehe keinen Anlass zu glauben, dass diese beiden Ereignisse in Verbindung miteinander stehen«, sagte er betont ruhig. Ebenfalls nicht zum ersten Mal. »Ich gebe zu, es ist besorgniserregend, dass Madaras Leiche entwendet wurde. Zudem habe ich Grund zur Annahme, dass das nicht das einzige war, das mir gestohlen wurde.«

»Aber wer könnte dazu in der Lage sein und dazu auch noch ohne eine Spur zu hinterlassen?«, fragte sich Minato. »Nachdem ich diese Siegel gesehen habe, habe ich ganz ehrlich keine Ahnung, wie man das überhaupt bewerkstelligen sollte. Die waren echt … Wow.«

»Hm.«

Minato beugte sich vor, um ihn besser sehen zu können. »Du bist kein Mann der vielen Worte, oder?«

Tobirama warf ihm einen Seitenblick zu und blickte dann wieder auf seine Notizen. »Ich bin vor allem kein Mann, der gern ein Gespräch dutzende Male wiederholt. Hast du nicht zu tun? Wenn du dich schon über Fuyukos Anordnung von Bettruhe hinweg setzt, dann mach es wenigstens richtig.«

Minato lehnte sich zurück. »Als wäre Ruhe jetzt das, was mir gut tun würde«, murmelte er.

In der Tat. Ruhe und zu viel Zeit zum Nachdenken waren genau das Gegenteil von dem, was er jetzt gebrauchen konnte. Tobirama konnte das nur allzu gut nachvollziehen.

»Das war eine schöne Trauerfeier gestern«, sagte Minato leise. Seine Stimme klang belegt. »Nun, schön ist vielleicht nicht das richtige Wort …«

Tobirama sagte nichts darauf. Minato schien auch keine Antwort zu erwarten. Er studierte weiter sein Siegel.

»Unser Gespräch neulich hat mich zum Nachdenken gebracht«, setzte Minato von neuem an. »Wie würde Leben auf fremden Planeten aussehen?«

»Einzeller«, sagte Tobirama knapp. »Höchstes einfache Mehrzeller. Komplexe Lebensformen wären selten und intelligentes Leben gar die Ausnahme statt der Regel.«

»Was hältst du davon?«, wollte Minato wissen und hielt ihm einen Zettel hin.

Tobirama gab es auf, heute noch zu irgendwelchen neuen Erkenntnissen kommen zu wollen, stand auf und besah sich, was Minato ihm zeigen wollte. Es handelte sich um eine Skizze einer Kreatur, die auf drei Gelenkbeinen lief und deren Körper mit dicken Panzerplatten bedeckt war oder vielleicht war es auch ein Exoskelett. Der Kopf hatte eine dreieckige Form und die kleinen Augen saßen tief eingesunken. Minato hatte eine Skala dazu gezeichnet, die die Widerristhöhe dieses Wesens auf drei Meter bestimmte. Die Skizze war erstaunlich gut ausgeführt. Tobirama hätte Minato nicht für jemanden gehalten, der ein künstlerisches Interesse hegte.

»Exoskelette dieser Größe sind unter erdähnlichen Bedingungen nicht möglich«, sagte er. »Insekten können daher nur eine bestimmte Größe erreichen, bevor sie unter ihrem eigenen Gewicht und der Einwirkung der Gravitation zerdrückt werden. Bei der Frage, wie außerirdisches Leben aussieht, musst du vor allem die Bedingungen auf dem Planeten selbst in Erwägung ziehen, weniger der Einfluss des Zentrallgestirns. Ist die Gravitation höher oder niedriger als hier? Die Zusammensetzung der Atmosphäre, die Neigung der Planetenachse, die Bindung der Rotation und so weiter. Das beeinflusst auch das Magnetfeld des Planeten und damit seinen Schutz vor kosmischer Strahlung. Sendet das Zentralgestirn nur wenig Licht aus, werden Lebewesen auf dem Planeten wahrscheinlich besonders große Augen entwickeln, um das Licht besser aufnehmen zu können. Geht vom Zentralgestirn besonders viel Strahlung aus und ist das Magnetfeld schwach, kann es sein, dass die Planetenoberfläche steril ist, Leben sich allerdings unterirdisch entwickelt. In jedem Fall aber muss Wasser oder eine andere Flüssigkeit vorhanden sein, weil sich organische Verbindungen nur in Lösung bilden.«

»Leben, wie wir es kennen, ist kohlenstoffbasiert«, führte Minato den Gedanken fort. »Aber was, wenn es Leben auf Basis von Silizium gibt? Synthetisches Leben? Wie würde sich das von uns unterscheiden?«

»Das sind alles sehr spannende Fragen, um die du dich ein andermal Gedanken machen kannst«, sagte Tobirama. Er griff nach dem Brett, auf dem er das Siegel angebracht hatte, und zog kräftig daran. Seine immer noch nicht richtig abgeheilte Wunde protestierte zwar unter der Anstrengung, aber schließlich gaben die Nägel doch nach und er brach das Holz heraus.

»Was machst du da?«, rief Minato aus. »Jetzt habe ich ein Loch im Boden.«

Tobirama beschwor einen Doppelgänger und trug ihm auf, das Brett samt seiner Notizen nach Hause zu bringen. »Du hättest die Bretter ohnehin austauschen müssen, das Blut geht da nicht wieder heraus.«

»Das war ein Andenken. Mir fallen immerhin nicht jeden Tag totgelaubte Hokage vor die Füße.«

Tobirama sah ihn finster und mit zusammengekniffenen Augen an.

Minato hob abwehrend die Hände. »Das war ein Scherz!«

Dieses Mal verdrehte Tobirama sehr deutlich die Augen. »Glückwunsch. Deine Scherze sind sogar noch schlechter als die von anija.«

Minato machte ein langes Gesicht. Dann fand er doch zum Ernst der Sache zurück. »Denkst du, wir sollen dem Rat sagen, was wir herausgefunden haben? Der Angriff und … das mit Madara?«

Darüber sann Tobirama einen Moment lang nach. »Diese Nachricht in großer Runde verlauten zu lassen, kann für Unruhen sorgen, und gerade jetzt brauchen wir Stabilität. Saru sollten wir einweihen, er hatte ohnehin dieselbe Vermutung wie ich, und auch Fugaku, da er ohnehin bereits mit mir an der Aufklärung arbeitet und seine Leute befragt. Aber mehr erst einmal nicht. Nicht wenn es nicht nötig sein sollte.«

Minato nickte. »Das klingt einleuchtend. Aber ich muss schon zugeben, es verwundert mich, dass du so anstandslos mit einem Uchiha zusammenarbeitest. Ich dachte immer, du magst diesen Clan nicht.«

Tobirama sah ihn finster an. »Was soll das heißen? Warum denken das alle? Hm?«

Minato wich der Frage eilig aus, indem er aufstand und zur Tür ging. »Wird Zeit, dass wir gehen.«

Mit einem schweren Seufzen folgte Tobirama ihm. Noch einer, der ihm graue Haare bescheren würde, wären sie nicht schon längst weiß.

Sie begaben sich zur Ratskammer. An diesem Tag würde der Rat der Clans zusammentreten, um über den Wiederaufbau des Dorfes zu sprechen. Sowohl Tobirama als auch Minato ignorierten Doktor Fuyukos Anweisung zur Ruhe und hatten beschlossen, dass sie daran teilnehmen würden. Das war immerhin keine körperliche Aktivität.

»Und ist es wirklich in Ordnung für Kakashi, auf Naruto aufzupassen?«, fragte Minato auf dem Weg.

»Zum wiederholten Male: ja«, knurrte Tobirama. »Er hat darauf bestanden, dass es eine D-Rank Mission sei, wenn ich schon einen meiner Anbu-Leute für so etwas abstelle, und wollte Geld für seine Arbeit. Also zahlte ich ihm auch sein Gehalt. Aus Steuergeldern.«

Minato blieb abrupt stehen und sah ihn groß an. Dann lachte er aus vollem Herzen. Es war das erste Mal seit Kyubis Angriff, dass Tobirama ihn wirklich fröhlich erlebte.

»Das ist ein Scherz, oder? Dass ihr jetzt Babysitten als Anbu-Mission deklariert habt?« Er wischte sich Lachtränen aus den Augen.

Tobirama sah ihn finster an. »Sehe ich aus, als würde ich scherzen?«

Das brachte Minato nur noch mehr zum Lachen. »Nein, aber … au, verdammt, lachen tut weh. Aber wirklich, diese Vorstellung ist so lustig«, schnaubte er.

Anders als Tobirama war er nicht komplett zerfleischt worden. Tobirama hatte ihn im allerletzten Moment zur Seite zerren können, und seine Rippen hatten das allerschlimmste verhindert. Dennoch hatte Kyubis Klaue ihm die Flanke tief aufgerissen.

Minato schnappte nach Luft und versuchte sich wieder zu beruhigen. »Also, wenn man es so sieht … Den Sohn vom Hokage zu babysitten, könnte durchaus als C- oder sogar B-Rank durchgehen.«

Tobirama bereute, ihm das gesagt zu haben. Mit stoischer Ruhe wartete er, bis Minato wieder einigermaßen auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt war, dann ging er weiter. Noch immer kichernd folgte Minato ihm.

Man sah sie erstaunt an, als sie die Ratskammer betraten. Die anderen hatten wohl nicht damit gerechnet, dass sie sich so früh schon wieder blicken lassen würden, nachdem wohl das halbe Dorf gehört hatte, was passiert war. Minato ließ sich davon nicht stören und ging zu seinem Platz am Stirnende des Tisches. Tobirama nahm sich einen Moment, um den Blick durch den Raum schweifen zu lassen. Alle Clanoberhäupter der einflussreichsten Clans Konohas waren hier versammelt. Von den allermeisten kannte Tobirama bisher nur den Namen und ein Foto. Das würde interessant werden.

Er war sich der Augen bewusst, die auf ihm ruhten, als er zu seinem Platz ging. Nidaime Hokage zurückgekehrt von den Toten (ein zweites Mal), um jetzt seinen Platz auf der politischen Bühne des Dorfes einzufordern. Er konnte förmlich spüren, wie die Rädchen in den Köpfen der Anderen ratterten.

»Wie ich das sehe, sind wir vollzählig«, stellte Minato fest. »Dann können wir ja anfangen.«

Fugaku sah Tobirama durchdringend an. Tobirama erwiderte den Blick ruhig. Sie saßen einander gegenüber, nahe der Stirnseite des Tisches. Früher war dies eine runde Tafel gewesen und es hatten auch bedeutend weniger Clans hier gesessen. Er machte sich eine geistige Notiz, bei Gelegenheit den Vorschlag einzubringen, das Mobiliar abzuändern. Es hatte seinen Grund gehabt, warum damals Hashirama einen runden Tisch hatte wachsen lassen.

Hiruzen regte sich. »Zunächst einmal möchte ich betonen, dass es mich freut und mir eine große Ehre ist, die Senju heute wieder hier begrüßen zu dürfen, nachdem so viele Jahre vergangen sind, seit Miyazaki-san das letzte Mal an diesem Platz saß«, begann er und nickte in Richtung Tobiramas. »Betreffend des Grundes dieses Zusammentreffens liegen uns mittlerweile die vorläufig endgültigen Zahlen vor. Hin und wieder werden noch immer Tote gefunden, doch die meisten wurden mittlerweile geborgen. Ihre Zahl beträgt mehrere hundert, die Zahl der Verletzten ist etwa doppelt so hoch, viele davon wurden und werden noch im Krankenhaus behandelt.«

Er überreichte Minato ein Dokument, welches dieser mit ernster Mine studierte.

»Der Schaden an der Infrastruktur des Dorfes geht in die Millionen«, fuhr Hiruzen fort. »Ganze Straßenzüge wurden vernichtet, teils gar ganze Viertel größtenteils unbewohnbar. Das Abwassersystem wurde beschädigt und es können nicht mehr alle Häuser mit sauberem Wasser versorgt werden. Teils brauch auch die Stromversorgung zusammen und es konnten noch nicht genügend Notgeneratoren für alle bedürftigen Haushalte aufgetrieben werden. Wir haben Herbst und die Nächte werden bereits kalt.«

»Alle öffentlichen Gebäude mit größeren Räumen, Turnhallen und so weiter, die nicht dringend für etwas anderes gebraucht werden, sollen zur Verfügung gestellt werden, um jene, deren Häuser und Wohnungen unbewohnbar geworden waren, aufzunehmen«, ordnete Minato an. »Niemand soll auf der Straße schlafen oder gar hungern müssen. Es sollen öffentliche Essensausgaben eingerichtet werden. Warum ist das noch nicht geschehen?«

»Das wird uns viele Ressourcen kosten«, warf Nara Shikaku ein.

»Das ist mir egal, am Geld soll‘s nicht scheitern«, widersprach Minato sogleich. »Die Dorfbewohner sind wichtiger.«

Shikaku nickte. »Ich werde ein Konzept ausarbeiten und vorlegen.«

»Wir können und sollten sogar den daimyō um Finanzen für den Wiederaufbau bitten«, schlug Koharu vor.

Minato nickte. »Ich werde unverzüglich Kontakt zu ihm aufnehmen.«

»Was den Wiederaufbau an sich betrifft, so schlage ich vor, die Gelegenheit für ein paar Umstrukturierungen zu nutzen«, sagte Danzō. Er sah seine Gelegenheit gekommen und breitete eine Karte Konohas vor ihnen aus. Als er auch noch einen Zeigestock aus seinem Umhang zog, war klar, dass er das schon genau geplant hatte.

»Shibi, der Aburame-Clan hatte schon länger überlegt, näher an den Wald zu ziehen«, sagte Danzō und deutete auf die entsprechende Stelle.

Aburame Shibi beugte sich vor und nickte. »Das sieht mir nach einem guten Ort aus. Mein Clan nimmt den Vorschlag an.«

»Das Viertel des Uchiha-Clans hat den meisten Schaden davon getragen, als Kyubi dort auftauchte«, fuhr Danzō fort. »Ich schlage daher eine komplette Umsiedlung des Clans hierhin vor.«

Er deutete auf die entsprechende Stelle. Es war nahe des Dorfrandes.

Fugaku sprang auf. »Ich erhebe Einspruch«, sagte er sogleich. »Das ist zu weit weg vom Dorfzentrum, das würde die Arbeit der Polizei erheblich erschweren.«

»Es wäre allerdings nahe des Trainingsplatzes, den Sie ohnehin gern für Ihre Leute nutzen«, gab Minato zu bedenken.

»Sie würden als Kompensation das exklusive Nutzungsrecht erhalten«, fügte Danzō an.

Offensichtlich unzufrieden mit dem Vorschlag setzte sich Fugaku wieder.

»Es verwundert mich, dass Konoha sich jetzt in claninterne Angelegenheiten einmischt«, warf Hyūga Hiashi ein.

»Ganz Recht.« Es war das erste Mal, dass Tobirama das Wort ergriff. »Solange sie das Wohl des Dorfes nicht gefährden, bleibt es den Clans überlassen, was sie intern machen. Das war einer der Grundsätze, auf denen wir damals dieses Dorf gründeten.«

Sowohl Hiashi als auch Fugaku sahen ihn von allen am verblüftesten an. Sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass er ihnen Recht geben würde. Senju, Uchiha und Hyūga waren in der Vergangenheit nur selten auf einen grünen Zweig gekommen.

»Ich hatte mir schon etwas dabei gedacht, als ich damals die Polizei an genau dieser Stelle errichten ließ«, fuhr Tobirama fort. »Ich sehe keinen Grund, das jetzt zu ändern. Uchiha-sama selbst erhob Einspruch dagegen, das muss respektiert werden.«

Minato nickte zustimmend. »Wenn ohnehin das Viertel neu errichtet werden muss, spräche doch nichts gegen eine kleine Umstrukturierung der Straßen. Beim Wiederaufbau können wir einen neuen Trainingsplatz vor Ort einplanen und ansonsten den Clan an diesem Ort belassen. Klingt das mehr nach Ihrem Gefallen, Uchiha-sama?«

»Ja. Vielen Dank, Hokage-sama.« Fugaku nickte jedoch Tobirama anerkennend zu.

Er neigte leicht den Kopf zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

Danzō machte ein finsteres Gesicht.

Tobirama fragte sich, warum er den Uchiha-Clan ins Abseits hatte drängen wollen. Der Plan war gescheitert, aber was hatte er damit überhaupt bezwecken wollen? Und diese kleine Bemerkung, dass Kyubi bei den Uchiha am meisten Schaden angerichtet hatte, war doch auch sicher nicht grundlos gefallen.

»Es wird Zeit, dass der Elefant im Raum angesprochen wird«, sagte Hiashi. »Die Frage danach, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Wieso hat Kyubi angegriffen? Hätte er nicht sicher versiegelt sein sollen?«

Stille senkte sich über sie.

Minato ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »Das Siegel brach«, war jedoch alles, was er dazu sagte.

»Es gibt Gerüchte über die Beteiligung von Uchiha an dem Vorfall«, fuhr Hiashi fort. Einige nickten zustimmend.

»Eine dreiste Unterstellung!«, knurrte Fugaku.

»Jeder weiß, dass ein Sharingan Kyubi kontrollieren kann«, hielt Hiashi dagegen. »Ist es nicht so, Nidaime-sama?«

Das altbekannte Spiel der Rivalität dieser beiden Clans. Auch in vierzig Jahren hatte sich nichts daran geändert.

»Korrekt«, sagte Tobirama knapp und sah Hiashi fest in die Augen. »Und deswegen sollten wir auch alle Uchiha-sama unseren Respekt und Dank zollen, dass er dabei geholfen hat, dass Kyubi jetzt wieder sicher versiegelt ist, während seine Leute die Bürger sicher evakuierten. Sicher bezogen Sie sich darauf, Hyūga-sama.«

Hiashi presste die Lippen zusammen. »Natürlich.«

»Aber wie wurde Kyubi nun wieder versiegelt?«, fragte Yamanaka Inoichi. »Was wurde aus dem Biest?«

»Ich habe sein Chakra geteilt und die Yin-Hälfte in mir und die Yang-Hälfte in meinem Sohn versiegelt«, sagte Minato.

»Das heißt also, wir haben jetzt zwei jinchūriki im Dorf«, schloss Homura. »Sensei, wie ich Sie kenne, haben Sie die Siegel doch sicher schon überprüft.«

Tobirama nickte. »Ich habe nichts zu beanstanden. Ihr Halt ist garantiert.«

Für eine gewisse Zeit. Aber dieses Detail musste nicht jeder wissen.

Ein Aufatmen ging durch den Raum.

»Aber ein Kind, ein Baby noch dazu«, erhob Danzō seinen Protest. »Es kann doch noch gar nicht in der Lage sein, Kyubis Chakra zu kontrollieren.«

Tobirama konnte deutlich sehen, wie Minato zusammenzuckte. Diese Fragen trafen ihn da, wo er derzeit am empfindlichsten war.

»Danzō«, sagte daher Tobirama scharf. »Wenn ich sage, dass die Siegel halten, dann ist dem so.«

Danzō zog den Kopf ein und sagte nichts mehr. Er sank unter Tobiramas Blick zusammen. Gut. Tobirama wollte davon nichts mehr hören.

»Wenn keine weiteren Fragen bestehen, dann erkläre ich die heutige Ratszusammenkunft für beendet«, sagte Minato. »Nidaime-sama, Sandaime-sama, Uchiha-sama, ich bitte Sie jedoch, noch einen Moment zu verweilen.«

Während die Genannten sitzen blieben, löste sich die Runde auf. Tobirama entging nicht der verstimmte Blick, den Fugaku Hiashi nachwarf, und den Hiashi hoch erhobenen Hauptes ignorierte, als er ging. Erst als auch das Klacken von Danzōs Krücke verklungen war, regte sich Minato.

Es war jedoch Fugaku, der zuerst sprach. »Es war ein Überfall, nicht wahr? Und Sie haben meinen Clan im Verdacht, Hokage-sama.«

»Das wollte ich eigentlich Sie fragen, Uchiha-sama«, sagte Minato. »Ja, es war ein Überfall, wir sind angegriffen worden. Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass es ein Mann mit einem Sharingan gewesen war. Aber ich konnte seine Identität nicht feststellen, denn er trug eine Maske. Vielleicht war es jemand aus dem Dorf, vielleicht ein Abtrünniger, vielleicht auch ein Augendieb. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig.«

»Sie hatten es bereits vermutet, Uchiha-sama«, sagte Tobirama. »Und auch Saru und ich hatten dieselbe Vermutung, als wir die Wunde in Biwakos Hals gesehen hatten. Diese Person wusste genau, was sie da tat und wann sie zuschlagen musste.«

Hiruzen machte einen erstaunlich gefassten Eindruck, als er die Bestätigung seiner Vermutung erhielt.

»Das muss unter uns bleiben«, betonte Minato eindringlich. »Uchiha-sama, Sie haben mir mein Leben gerettet, ich stehe in Ihrer Schuld. Aber ich muss Sie jetzt bitten, mir bei der Klärung der Identität dieses Mannes zu helfen.«

Fugaku nickte. »Ich verstehe. Ich habe Nidaime-sama meine Unterstützung zugesichert und bereits damit begonnen, meine Leute auszufragen.«

Die Anspannung fiel sichtbar von Minato ab. »Dieser Unbekannte besaß ein Teleportationsjutsu, wie ich es noch nie gesehen habe, ganz anders als das Hiraishin. Damit konnte er Angriffe direkt durch sich hindurch gleiten lassen. Er selbst materialisierte sich stets erst im Augenblick seines Angriffes.«

Fugaku hörte aufmerksam zu, sagte jedoch zunächst nichts.

»Klingt das für Sie nach einer Mangekyō-Fähigkeit?«, fragte Tobirama ihn daher.

Fugaku sah ihn erstaunt an, wie als habe er nicht damit gerechnet, dass Tobirama in diesem Umfang darüber im Bilde war. »Nun … Ja, in der Tat. Kamui vielleicht oder zumindest ein Aspekt davon. Aber ich weiß von niemandem im Clan, der diese Fähigkeit besitzt.«

»Dann fragen Sie weiter und zögern Sie nicht, zu mir zu kommen, sollten sie Unterstützung von der Anbu benötigen«, wies Tobirama ihn an und erinnerte sich zu spät, dass er nicht mehr in seinem Befehlston sprechen sollte. Alte Angewohnheit.

»Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Unterstützung, Uchiha-sama«, fügte Minato an. »Das wäre dann alles.«

Fugaku stand auf, verbeugte sich und ging. Hiruzen jedoch blieb noch.

»Du wirst dafür die Verantwortung übernehmen müssen, Minato«, sagte Hiruzen, jedoch ohne Vorwurf in der Stimme. »Ich denke, es war richtig, niemandem sonst die ganze Wahrheit zu sagen, aber man wird einen Schuldigen suchen.«

Minato seufzte schwer und sackte auf seinem Stuhl zusammen. »Ich weiß, ich weiß. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie jetzt schon mit den unbequemen Fragen kommen.«

»Saru, was plant Danzō?«, wollte Tobirama wissen.

Hiruzen konnte auch nur mit den Schultern zucken. »Tja, wenn ich das wüsste.«

»Und ich hätte ihm beinahe noch in die Hände gespielt«, murrte Minato.

»Wenn es wirklich bereits Gerüchte gibt, dass die Uchiha an dem Vorfall beteiligt sind, werden wir vorsichtig sein müssen«, sagte Tobirama. »Danzō hat versucht, einen Sündenbock zu erschaffen und er wird es weiter versuchen. Ich frage mich, was er damit bezwecken will. Es wird doch nur Unruhen im Dorf verursachen.«

»Also genau das, was wir jetzt nicht brauchen«, fügte Hiruzen an. »Wir werden nicht verhindern können, dass Neuigkeiten über diesen Vorfall nach außen dringen. Die anderen Länder werden auf uns blicken und nach Schwachpunkten suchen.«

Minato gab einen frustrierten Laut von sich und stand ruckartig auf. Mit wehendem Mantel ging er zum Fenster, um die Menschen unten auf der Straße zu beobachten.

»Konoha ist nicht schwach!«, sagte er mit Nachdruck. »Nicht solange ich es verhindern kann.«

Die beiden Anderen sagten nichts dazu. Hiruzen zückte seine Pfeife und entzündete sie in aller Ruhe.

»Du rauchst zu viel, Saru«, sagte Tobirama.

»Ich weiß«, sagte Hiruzen und paffte an der Pfeife.

Schweigend beobachtete Minato die Menschen draußen, eine Hand am Fensterrahmen abgestützt, die andere an der Hüfte. Hiruzen rauchte weiter seine Pfeife und blies Rauchringe in die Luft. Tobirama war tief in Gedanken versunken, als er über sein weiteres Vorgehen nachsann.

»Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, über eine Neuordnung der Chūnin-Prüfungen nachzudenken«, sagte Hiruzen in die Stille hinein.

Tobirama hob lediglich eine Augenbraue. Minato wandte sich ihnen wieder zu.

»Wieso das?«, wollte Minato wissen.

»Sensei, lassen Sie es mich kurz erklären, in den mehr als vierzig Jahren, seit Sie mich zum Chūnin ernannt hatten, hat sich einiges getan«, wandte sich Hiruzen an Tobirama. »Schon vor etlichen Jahren, begannen wir nach und nach dazu überzugehen, ein zentrales Prüfungssystem zu etablieren. Es war damit nicht mehr der sensei allein, der oder die bestimmte, ob die Genin bereit wären, sich nun Chūnin zu nennen. Wir unterziehen die Anwärter jetzt stattdessen mehreren Prüfungen, die die Fähigkeiten testen, die ein Chūnin mit sich bringen muss. Die Prüfer sind mehrere Jōnin-Ausbilder sowie schlussendlich auch ich – nun, Minato mittlerweile.«

»Das klingt sinnvoll«, kommentierte Tobirama.

»Und was ist die Änderung, die Sie vorschlagen wollen?«, fragte Minato.

»Wir haben das bis jetzt nur immer für uns gemacht. Dorfintern«, sagte Hiruzen. »Wenn wir die Prüfungen aber öffnen und auch Teilnehmer anderer Dörfer zulassen, zeigt ihnen das unser Vertrauen und unseren guten Willen, aber auch unsere Stärke, wenn wir ihnen unsere Genin vorführen.«

Ein Sicherheitskonzept für so etwas auszuarbeiten, wäre ein Albtraum. »Es wäre die perfekte Gelegenheit für andere Länder, Spione einzuschleusen«, gab Tobirama zu bedenken.

»Mir gefällt die Idee«, widersprach Minato. »Natürlich wäre es ein Sicherheitsrisiko. Aber würde es nicht auch eine klare Botschaft senden, wenn wir bewusst dieses Risiko eingehen? Und man könnte sogar so weit gehen und jedes Jahr die Prüfungen in einem anderen Dorf abhalten. So kämen alle einmal zum Zug.«

»Ja, genau so habe ich mir das vorgestellt«, sagte Hiruzen.

Tobirama war davon noch immer nicht gänzlich überzeugt, aber Hiruzen und Minato schienen sich für die Idee begeistern zu können.

»Nach dem letzten Krieg sind die Spannungen zwischen den Nationen noch immer nicht abgeklungen«, fügte Hiruzen an. »Solch eine Zusammenarbeit könnte die Dörfer jedoch enger zusammenführen.«

»Ich bin nicht mehr derjenige, den du überzeugen musst, solche Entscheidungen zu treffen«, erinnerte Tobirama ihn.

»Ich will das zu gegebener Zeit weiterverfolgen«, sagte Minato. »Aber nicht mehr jetzt. Kakashi wartet sicher bereits.«

»Und ich erwarte ebenfalls noch Besuch«, sagte Tobirama und stand auf. Wahrscheinlich wäre Shisui sogar schon da, aber in dem Fall würde sein Doppelgänger sich um das Kind kümmern.

Sie verabschiedeten sich von Hiruzen und machten sich gemeinsam auf den Weg zu Tobiramas Haus. Auf den Straßen herrschte rege Betriebsamkeit, als überall gehämmert, gesägt und gebohrt wurde. Noch immer räumten die Leute Schutt zur Seite, während an anderer Stelle schon der Wiederaufbau begonnen hatte. Die Blicke der Dorfbewohner folgten ihnen. Tobirama ignorierte es und Minato versuchte es zumindest zu ignorieren. Die Leute waren eben neugierig.

»Ich ärgere mich noch immer, dass ich beinahe in Danzōs Falle getappt wäre«, sagte Minato. »In dem Moment hatte ich wirklich gedacht, dass es eine gute Sache wäre, dem Vorschlag zu folgen.«

»Rechtfertige dich mir gegenüber nicht«, sagte Tobirama. »All diese Clans und ihre unterschiedlichsten Interessen unter einen Hut zu bekommen, kann schwer sein.«

»Wie hast du das damals gemacht?«, wollte Minato wissen. »Jetzt sehen sie sich alle als Teil des Dorfes. Aber wie war das, als das alles noch neu gewesen war?«

»Sie mussten lernen, dass ihr Feind genauso ein Mensch war wie sie auch«, sagte Tobirama. »Gemeinsam eine neue Heimat zu erbauen und abends mit dem einstigen Feind nach getaner Arbeit Sake trinken zu gehen, hatte dabei sehr geholfen. Also hatten wir es gefördert, dass sich Gaststätten und Kneipen hier ansiedelten. Wichtig war aber auch, all die Unterschiede der Clans zu würdigen und ihre besonderen Gebräuche zu achten. Niemand hätte es geduldet, wenn wir sie komplett assimiliert hätten. Das Dorf versprach Schutz in einer starken, zusammenhaltenden Gemeinschaft, in der jedes Individuum sich einbringen konnte. Im Gegenzug erwarteten wir, dass alle ihren Teil dazu beitrugen, finanziell wie auch mit Muskelkraft.«

»Das klingt alles so einfach«, stellte Minato fest. »Und doch gibt es auch heute noch Streitigkeiten.«

»Wo verschiedene Interessen aufeinanderprallen, wird es immer zu Spannungen kommen«, erklärte Tobirama. »Besonders mit den Uchiha und Hyūga war es von Anfang an so. Beide Clans besitzen mächtige kekkei genkai und Augendiebstahl war bei ihnen schon seit Generationen ein ernstzunehmendes Problem. Aber wie sie damit umgehen, unterscheidet sich. Zugegeben, mit den Hyūga war es am schwersten, sie in das Dorf einzugliedern. Hashirama empfand eine starke Abneigung gegenüber des speziellen Versiegelungsjutsus dieses Clans. Aber hätten wir ihnen untersagt, es weiter anzuwenden, hätten sie nie eingewilligt, sich uns anzuschließen. Daher ist es so wichtig, dass Konoha sich nicht in claninterne Angelegenheiten einmischt, und das war es auch, was Fugaku heute so aufgebracht hat.«

»Danzō will Unruhen schüren«, sinnierte Minato. »Aber warum? Was will er damit nur bezwecken? Dieses Gefühl … Die Zeit der Axt und des Schwerts ist nah …«

»Sprich klar«, wies Tobirama ihn an.

Doch Minato schüttelte den Kopf. »Nur so etwas, das ich neulich gelesen hab. Ich hab einfach das Gefühl, dass uns trotz des Friedens schwere Zeiten bevorstehen.«

Wann war es jemals anders gewesen? Tobirama hatte sein ganzes Leben lang um seine Ziele ringen müssen, er kannte es nicht anders.

»Saru sagte mir neulich, was mit Uzushio geschehen ist«, wechselte Tobirama das Thema. »Ist das wahr?«

Minato nickte. »Das ist nun schon eine ganze Weile her, in dem Jahr, in dem ich eingeschult worden war, daher habe ich davon nicht wirklich viel bewusst mitbekommen. Im nächsten Jahr hieß es dann, dass ein neues Mädchen in unsere Klasse kommt, und das war Kushina. Einige der anderen Jungs hänselten sie wegen ihres roten Haares und nannten sie Tomate und Rote Chilischote, weil sie diese Jungs daraufhin ordentlich verprügelt hatte. Aber das war alles, was ich damals von dem Vorfall mitbekam. Erst viele Jahr später erfuhr ich dann, was tatsächlich geschehen war. Sandaime-sama war sich der Situation bewusst, hatte jedoch zum Schutze Konohas nicht eingegriffen, da sonst das Dorf ins Visier des Feindes geraten wäre.«

Tobirama blieb abrupt stehen. Er fasste Minato fest in den Blick, welcher hastig den Kopf einzog. »Hör gut zu«, sagte Tobirama warnend. »Es gibt eine Handvoll Grundsätze, auf denen sich das Dorf gründet, und sie dürfen niemals, unter keinen Umständen, verletzt werden. Saru hat damit erneut einen verletzt, und gerade er hätte es besser wissen müssen. Die Uzumaki sind der Vetternclan der Senju, ebenjenes Symbol, das du tagtäglich auf deiner Uniform trägst, bezeugt das. Bei seiner Gründung hat sich Konoha dazu verpflichtet, den Uzumaki in ausnahmslos jeder Situation zur Hilfe zu kommen, denn umgekehrt, würden sie dasselbe für uns tun. Hast du das verstanden?«

Als Antwort nickte Minato lediglich wortlos.

»Gut«, knurrte Tobirama und ging weiter.

Minato brauchte einen Moment und schloss dann wieder zu ihm auf. »Was heißt das? Vetternclan?«

Tobirama atmete tief durch. Er hätte seinen Ärger nicht so sehr an Minato auslassen sollen, ihn traf keine Schuld. »Beide Clans führen ihre Abstammung auf Ōtsutsuki Ashura zurück, dessen älterer Bruder, so heißt es, der Urahn der Uchiha war. Seit vielen Generationen schon standen Senju und Uzumaki Seite an Seite und es kam oft vor, dass Verbindungen zwischen beiden Clans geschlossen wurden. Mito war eine Base dritten Grades.«

Minato sah neugierig auf. »Wie weit kannst du deine Abstammung zurückverfolgen?«

»In ungebrochener Linie bis zu Ōtsutsuki Hagoromo. Es gibt alte Aufzeichnungen, die es belegen.«

»Rikudō Sennin?! Das … wow.« Minato sah ihn mit großen Augen an.

Tobirama zuckte mit den Schultern. »Ein Name aus ferner Vergangenheit, mehr nicht.«

Er wurde von dem Thema erlöst, als sie eine Straße erreichten, durch die sich eine lange Schneise der Verwüstung zog. Einer von Kyubis Schwänzen hatte hier ganze Häuserzüge niedergemacht. Sie mussten über den Schutt hinweg klettern, der hier mitten auf der Straße lag und den noch niemand hatte wegräumen können.

»Was macht die Hand?«, wollte Minato wissen, als sie ihren Weg schließlich fortsetzen.

»Ist offensichtlich noch dran«, sagte Tobirama kurz angebunden.

»Ich hab gehört, was Doktor Fuyuko gesagt hat. Dass es sein kann, dass sie nie wieder richtig abheilt.«

Tobirama gab ihm einen vielsagenden Blick. Minato war weise genug, das Thema ganz schnell fallen zu lassen.

Mittlerweile hatten sie Tobiramas Heim erreicht. Tobirama öffnete die Tür und rief nach Kakashi, welcher sogleich mit Naruto auf dem Arm kam, um sie zu begrüßen. Naruto quengelte, was sofort in fröhliches Lachen umschlug, als Kakashi ihn an Minato zurückreichte.

»Vielen Dank, Kakashi. Du hilfst mir wirklich enorm damit«, sagte Minato.

Kakashi zuckte mit den Schultern. »Ich werd für‘s Windeln wechseln bezahlt, ich beschwer mich nicht. Seit Tobirama mein Boss ist, habe ich nur angenehme Aufträge.«

Minato lachte leise und verabschiedete sich dann. Tobirama ging mit Kakashi in das Haus.

»Shisui kam schon vor einer Stunde«, informierte Kakashi ihn. »Shisui ist draußen im Garten und wird bereits von deinem Doppelgänger geknechtet.«

Tobirama nickte. »Danke für die Information. Du kannst für heute Feierabend machen.«

Wie Kakashi ihm gesagt hatte, fand er Shisui im Garten. Ōkami lag auf den engawa und beobachtete Shisui und den Doppelgänger. Tobirama löste sein Jutsu auf, da es jetzt nicht mehr gebraucht wurde. In einer kleinen Rauchwolke verschwand der Doppelgänger. Shisui gab einen erstaunten Laut von sich.

»Das war nicht der gewöhnliche Doppelgänger, den wir in der Schule lernen«, stellte Shisui dann erstaunlicherweise fest.

Tobirama nickte anerkennend. »Sehr gut, dass du das erkannt hast. Das war mein Kage Bunshin no Jutsu. Wie ich sehe, beherrschst du bereits eine ganze Menge Jutsus, weitaus mehr, als ich bei einem Kind deines Alters vermutet hätte.«

Shisui verbeugte sich. »Vielen Dank. Aber das kann ich noch nicht.«

»Ich kann es dir beibringen.« Tobirama wandte sich der Hecke zu. »Dir auch, wenn du willst.«

Schon längst hatte er den kleinen Beobachter bemerkt, der sich dort versteckt hatte.

Itachi gab einen ertappten Laut von sich und schlich dann aus seinem Versteck. Er schien nicht damit gerechnet zu haben, dass er so schnell aufflog.

»Komm her, keine Scheu«, wies Tobirama ihn an.

»Bitte vergeben Sie mir, Nidaime-sama. Ich wollte wirklich nicht aufdringlich sein«, piepste Itachi. »Aber ich habe ein paar Fragen.«

Ein Uchiha, der aus freien Stücken zu ihm kam und um Hilfe bat. War sich Itachi überhaupt bewusst, von welch enormer Bedeutung das war?

»Nur zu.«

Itachi sah ihm ganz ohne Scheu direkt in die Augen. »Nidaime-sama, was ist ein Dorf? Was ist ein Shinobi?«

Itachi konnte nicht älter als sieben Jahre alt sein und hatte doch etwas an sich, das ihn so viel älter erscheinen ließ. Tobirama hätte niemals von einem Kind erwartet, solch tiefgreifende Fragen zu stellen.

Auch Shisui sah ihn erwartungsvoll an. »Nidaime-sama, ich möchte das auch wissen. Alle sprechen davon, aber jeder versteht etwas anderes darunter. Können Sie uns eine Antwort geben?«

Bemerkenswerte Kinder. Er winkte ihnen, ihm nach drinnen zu folgen. »Kommt. Wärmt euch bei etwas Tee auf.«

Noch ein wenig schüchtern folgten sie ihm nach drinnen und er brachte ihnen gesüßten Tee; seiner Erfahrung nach mochten Kinder den ansonsten etwas bitteren Geschmack nicht so sehr. Als er sich zu ihnen setzte, wirkten sie schon etwas lockerer. Ōkami hielt einen gewissen Abstand, vielleicht weil sie vermutete, dass ihre Anwesenheit die Kinder verschrecken könnte; die meisten Uchiha reagierten auf sie mit Unwohlsein. Doch Shisui und Itachi warfen ihr nur neugierige Blicke zu.

»Die Frage, was ein Dorf ist und was ein Shinobi, kann ich euch nicht beantworten«, sagte Tobirama schließlich.

Shisui sah ihn mit großen Augen an. »Aber … Sie sind doch einer der Gründer dieses Dorfes.«

»Aber auch ich kann euch nur sagen, was ich darunter verstehe. Es gibt keine festgelegte Wahrheit, denn Wahrheit ist individuell. Wir alle sehen die Welt durch unsere Augen und unsere allein.«

»Leben wird genommen. Leben wird gegeben«, murmelte Itachi. »Nichts ist wahr und alles ist erlaubt. Das heißt, dass wir unsere eigenen Wahrheiten finden müssen.«

Saß ihm wirklich ein Kind gegenüber? Tobirama hatte beinahe den Eindruck, dass das nicht der Fall war. Da lag eine Weisheit in diesen Augen, die weit jenseits seiner Jahre lag.

Er nickte. »Korrekt. Ein Dorf, wie ich es sehe, ist ein Rahmen. In diesem Rahmen können Menschen unterschiedlichster Herkünfte zusammenkommen, um gemeinsam an einem größeren Ziel zu arbeiten. Außerhalb dieses Rahmens mögen sie alle einzelne Clans sein, mit all ihren Gemeinsamkeiten aber auch Unterschieden, Bündnissen und Feindschaften. Aber das Dorf macht sie zum Teil von etwas größerem.«

»Dann sind Shinobi jene, die diesen Rahmen bewahren«, schloss Shisui.

»Warum gibt es dann immer noch Clans?«, fragte Itachi. »Warum ist es wichtig, dass Sie ein Senju sind und wir Uchiha?«

»Weil wir alle Individuen sind«, antwortete Tobirama ihm. »Wir sind kein kleines Rädchen in einem großen Getriebe. Der Clanbegriff erzeugte schon lange vor der Gründung der Versteckten Dörfer ein Zusammenhaltsgefühl, etwas, das es wert war, erhalten zu werden. Wir Menschen sind wie die Wölfe Rudeltiere. Wir halten zusammen und das macht uns stark, doch allein gehen wir unter. Also suchen wir uns eine Gemeinschaft, aber auch in dieser Gemeinschaft erhalten wir uns unsere Individualität. Das ist gut und richtig so, denn so können wir alle ganz verschiedene Standpunkte einbringen.«

»Die Dörfer schufen eine größere Gemeinschaft und sorgten damit für Frieden zwischen den Clans«, sagte Shisui. »Ist es nicht so? Aber jetzt kämpften nicht mehr nur Clans gegeneinander, sondern ganze Dörfer.«

Die Kinder scheuten in der Tat nicht einmal vor den unbequemen Fragen zurück. Tobirama war beeindruckt.

»Auch das ist korrekt«, sagte er anerkennend.

»War es dann ein Fehler?«, fragte Itachi geradeheraus.

Ōkami lachte auf. »Welpe, hier hast du jemanden gefunden, der dir die Stirn bieten kann, und er ist selbst nur ein kleiner Welpe. Fürchte ihn, wenn ihm seine Zähnchen wachsen.«

Wahre Worte.

»Ich weiß es nicht«, sagte Tobirama ehrlich. »Zu jener Zeit schuf es Frieden, für eine Weile. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht gingen wir den ersten Schritt hin zum Frieden zwischen allen Nationen, vielleicht aber auch zum Krieg aller Kriege. Das wird uns nur die Zeit sagen können. Die Dörfer schufen Frieden zwischen Clans, und jetzt müssen wir nach dem Mittel suchen, das Frieden zwischen den Dörfern schafft.«

»Das Dorf ist ein Rahmen«, sinnierte Itachi, »und Shinobi sind jene, die diesen Rahmen bewahren. Aber wenn ich ein Shinobi sein will, muss ich stärker werden. Nidaime-sama, können Sie mir dieses Jutsu beibringen?«

Tobirama nickte. Diesem Wunsch entsprach er gern. Kage Bunshin no Jutsu war kein Jutsu für einen Anfänger, aber Shisui hatte bereits bewiesen, dass Shisui weit über dem Niveau eines Anfängers stand. Itachi, so stellte Tobirama schon sehr bald fest, stand dem kaum nach.

Er musste ganz ehrlich sagen: Diese Kinder verblüfften und beeindruckten ihn zutiefst.

Minato hat genau drei Modi: Fanboy mode, Hokage mode und Dad mode.

"The time of the sword and the axe is nigh" ist ein Teil der Prophezeihung von Ithlinne aka ein Witcher Zitat. Falls das mit dem Weißen Wolf noch nicht deutllich genug gewesen war. "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt" ist natürlich das Kredo von Assassin's Creed und "Wahrheit ist individuell" ist ein Zitat aus Words of Radiance von Brandon Sanderson.

Nächstes Kapitel: Kakashi hilft bei der Aufklärung der Ereignisse und hört ein Gespräch zwischen Tobirama und Fugaku mit.

14. Kapitel: 4. Kapitel: Spurensuche

Spurensuche

Zum mittlerweile fünften Mal untersuchte Kakashi dieselben kahlen Felswände nach Spuren, aber Tobirama hatte darauf bestanden, dass sie noch einmal alles gründlich absuchten, um wirklich sicher zu sein. Team Ro wurde dabei dieses Mal jedoch von einigen von Fugakus Leuten unterstützt, was ein wenig ungewöhnlich war. Kakashi war es nicht gewohnt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Tobirama und Fugaku waren ebenfalls anwesend, taten jedoch nichts weiter, als lediglich im Raum zu stehen und ihre Leute zu beobachten. An diesem Tag hatte Tobirama sogar seine Anbu-Ausrüstung angelegt, hatte die Wolfsmaske jedoch an den Gürtel gehangen. Nicht einmal jetzt wollte er auf seinen weißen Pelzkragen verzichten.

In einer Ecke des Raumes schnüffelte Ōkami. Pakkun hielt sich dicht bei Kakashi und achtete stets darauf, größtmöglichen Abstand zwischen sich und der Wölfin zu halten. Beide warfen sie sich immer wieder giftige Blicke zu. Dass es noch nicht zum Eklat zwischen beiden gekommen war, war ein Wunder.

»Ich muss sagen, es ist ein Novum für mich, mit einem Senju zusammenzuarbeiten«, sagte Fugaku leise zu Tobirama.

Tobirama stand mit verschränkten Armen da, machte aber einen ansonsten entspannten Eindruck. Kakashi war ein wenig verwundert. Nach allem, was er gehört hatte, war sein Großvater nie sonderlich gut auf die Uchiha zu sprechen gewesen, aber das hatte sich als Irrglauben herausgestellt. Irgendwie erwartete er dennoch jeden Augenblick, dass etwas explodierte.

»Wie es eben kommt«, sagte Tobirama knapp. »Sie sagen also, es war Kamui gewesen.«

»Es klang ganz danach«, bestätigte Fugaku. »Das würde auch erklären, wieso der Fremde so einfach hier hatte eindringen können.«

Kamui.

Kakashi erstarrte. Sollte er …? Allein bei dem Gedanken daran schnürte es ihm die Kehle zu. Vielleicht sollte er Minato bitten, es für ihn auszusprechen. Aber nein, auch nicht. Auf gar keinen Fall.

Doch wie konnte der unbekannte Angreifer Kamui besitzen? Es war unmöglich. Andererseits wusste Kakashi auch nicht viel über das Mangekyō Sharingan, der Uchiha Clan war sehr verschwiegen, was das anging. Kakashi war sich bewusst, dass manche Uchiha insgeheim dafür plädiert hatten, ihm sein Sharingan wieder zu nehmen, allerdings wusste er nicht, ob ihnen bewusst war, dass es sogar ein Mangekyō war. So oder so, sie hatten sich nie kooperativ gezeigt, ihm beim Erlernen seiner neuen Fähigkeiten zu helfen.

Die Logik verlangte, dass er es Tobirama sagen sollte. Irgendwann einmal würde Tobirama erfahren müssen, wie Kakashi an sein Sharingan gekommen war und was mit Obito und Rin passiert war. Aber allein bei dem Gedanken daran, darüber zu reden, wurde ihm schwindlig.

»Sind Sie gewillt, mir die genaue Funktionsweise von Kamui zu erklären?«, fragte Tobirama.

Fugaku antwortete nicht gleich. Dann seufzte er. »Sie wissen ohnehin bereits weitaus mehr, als ich es jemals von einem Außenstehenden erwartet hätte. Und dann ausgerechnet ein Senju. Nichts für ungut. Die Zeiten ändern sich in der Tat. Kamui öffnet eine Tür zu einer anderen Dimension, in die Gegenstände aber auch Personen transportiert werden können. Ebenso ist es für den Anwender möglich, sich selbst in diese Dimension zu bringen, entweder teilweise oder komplett. So war es ihm möglich, einfach so durch den Fels zu gehen und alle Angriffe durch sich hindurch gleiten zu lassen.«

»In dem Moment, in dem Minato ihn angriff, hat er also jene Stellen, die Minato berührte, in Kamuis Dimension versetzt«, schloss Tobirama.

Fugaku nickte. »Wenn er Kamui angewendet hat, dann ja. Genau so.«

»Wie hat Minato ihn dann dennoch in die Flucht schlagen können?«

»Der Fremde muss sich in dieser Dimension befinden, um angreifen zu können. Hokage-sama ist für seine überragende Schnelligkeit bekannt. Er wird seinen Gegner auf diese Weise überlistet haben.«

Klang ganz nach sensei.

Sukea hatte sich indes noch einmal die weißen Kreideumrisse angesehen, die markierten, an welcher Stelle Biwako, die Hebammen und die Anbu gestorben waren. Sukea besaß ein ausgesprochen gutes räumliches Vorstellungsvermögen, weshalb er allein anhand der Umrisse eine ganze Menge des Geschehens würde rekonstruieren können. Die Linien erzählten ihm die Geschichte einer Tragödie.

»Er kam von da«, sagte Sukea und deutete auf die Wand, vor der Kakashi stand. »Erst tötete er die Hebamme mit einem Schnitt durch die Kehle. Sie hatte ihn nicht einmal kommen sehen. Dann entriss er Biwako-san den Säugling und schlitzte ihr ebenfalls die Kehle auf. Biwako-san hat sich dagegen gewehrt, weshalb er mehr Kraft einsetzte. Sie strauchelte und fiel an genau diese Stelle hier.«

Kakashi hatte diese Wand mittlerweile oft genug mit seinem Sharingan untersucht, um mit Sicherheit sagen zu können, dass sich hier keine einzige Spur befand, nicht einmal ein Haar. Als wäre ein Geist aufgetaucht.

»Ich kann noch immer alle Personen wittern, die anwesend waren«, sagte Ōkami. »Aber dieser Kerl ist nicht dabei. Meine Nase sagt mir, dass er nie hier gewesen war.«

»Dasselbe wollte ich auch gerade sagen!«, warf Pakkun eilig ein. »Hier gibt‘s keine Fährte.«

Ōkami knurrte ihn an. Hastig sprang Pakkun erst auf Kakashis Schulter und kletterte von da aus auf seinen Kopf, wo er dann auch blieb. Kakashi hoffte, dass Ōkami nicht beschloss, sich Pakkun zu schnappen, weil er dann leider im Weg sein würde.

»Dann auf zum zweiten Kampfplatz«, beschloss Tobirama.

Sie sammelten sich und gingen dann weiter. Minato hatte eine ganze Reihe von Unterschlüpfen in und um Konoha, die er alle mit Hiraishin markiert hatte, um sie in eben solchen Situationen wie dieser nutzen zu können. Kakashi hatte keine Ahnung, wo sich die anderen befanden, Minato hatte das immer für sich behalten. Vielleicht auch besser so.

Bei diesem, den sie nun ansteuerten, handelte es sich um eine einfache Hütte im Wald. Nun, hatte sich gehandelt, denn sie war in der Explosion zerstört worden. Minato hatte sich und Naruto hierher gebrach, um die Sprengsiegel von Kushina wegzubringen, die der Fremde an die Babydecke geheftet hatte. Was für ein Mistkerl tat so etwas nur?

Die Hütte war komplett zerstört worden und das Holz niedergebrannt. Die Splitter lagen noch immer im weiten Radius verteilt. Danach zu urteilen, wie weit sie fortgeflogen waren, hatte der Fremde nicht mit Sprengstoff gegeizt. Er hatte wirklich sicher gehen wollen. Minato war dem nicht unbeschadet entkommen, stellte Kakashi fest, als er einen Splitter fand, an dem noch Blut haftete.

Ōkami schnüffelte bereits den Platz ab. Pakkun beobachtete sie mit Argusaugen von seinem Ausguck auf Kakashis Kopf aus.

»Es gibt ein Detail, das nicht ins Bild passt«, fuhr Fugaku fort. »Der Angreifer hat immer nur sich selbst in die Kamui-Dimension gebracht. Er hätte sich leicht seines Gegners entledigen können, indem er Hokage-sama in der Dimension einsperrt, und wir hätten ihn nie wieder gesehen. Warum also hat er es nicht getan?«

Wie groß war der Zufall, dass noch jemand nur ein halbes Kamui besaß und dazu auch noch die andere Hälfte von Kakashis?

»Wer in Ihrem Clan besitzt Kamui?«, fragte Tobirama.

»In dieser Generation? Niemand.«

»Gibt es irgendwen, der Motive hätte, Ihnen diese Fähigkeit zu verheimlichen?«

»Sie können gewiss davon ausgehen, dass mir der Gedanke auch schon gekommen ist.«

»Wollte nur sicher gehen.«

Fugaku schnaubte.

Einer von Fugakus Leuten winkte ihnen, als er etwas gefunden hatte. »Hier liegt eine Hand!«

Sogleich sprang Ōkami zu ihm und beschnüffelte das abgetrennte Körperteil. Auch Pakkun verließ seinen Posten, um es ihr gleich zu tun. Sie knurrte und schnappte nach ihm, wenn auch ohne die Absicht, ihn ernstlich zu erwischen. Jaulend hechtete Pakkun wieder zu Kakashi und suchte auf seinem Kopf Zuflucht.

»Das Ding riecht nach nichts«, sagte Pakkun eilig.

Ōkami knurrte noch bedrohlicher, und Kakashi sah bereits vor sich, wie sie ihn niederwalzte, um an Pakkun zu gelangen.

Tobirama kniete sich neben die Hand und betrachtete sie nachdenklich. Es wirkte, als sei sie regelrecht geschmolzen und dann abgefallen. Man würde doch eigentlich erwarten, dass es fürchterlich nach verbranntem Fleisch stinken würde.

»Was für ein Jutsu war das?«, wollte Tobirama wissen und deutete auf einen nahen Krater.

Kakashi erkannte die charakteristischen Rillen im Erdreich. »Rasengan, senseis Jutsu. Damit wird er seinen Gegner besiegt und in die Flucht geschlagen haben. Das kann es auch gewesen sein, was die Hand abgetrennt hat.«

Tobirama stand wieder auf. »Aber warum gibt es dann keine Fährte?«

»Es macht den Eindruck, als hätte der Unbekannte seine ganze Existenz ausgelöscht mitsamt seines Geruchs. Als hätte er nie existiert«, sinnierte Fugaku.

»Hm.« Aus irgendeinem Grund hob Tobirama die Hand auf und verstaute sie in einer Siegelrolle. »Fugaku-sama, sagen Sie, Sie halten nicht zufällig derzeit einen zu Tode verurteilten Gefangenen fest, oder?«

Was war denn das für eine seltsame Frage?

Auch Fugaku sah fragend zu Tobirama. »Nein. Wieso?«

»Ich frag nur. Jedenfalls könnte diese Hand vielleicht doch eine Spur sein.«

»Ich verstehe. Ich werde schauen, ob irgendwer aus meinem Clan eine Hand verloren hat. Das könnte die Sache erheblich verkürzen.«

Eine Weile beobachteten sie einfach nur da und beobachteten, wie Anbu und Polizei die Spuren sicherten.

»Ihr Sohn, Itachi, kam neulich zu mir«, sagte Tobirama irgendwann.

Aha, man war beim Plausch angekommen.

»Ist das so?«, sagte Fugaku knapp.

»Er hat eine ungewöhnlich starke Begabung«, fuhr Tobirama fort. »Er fragte mich, ob ich ihm meine Schattendoppelgänger lehren könnte und brauchte auch nicht lang, um es zu begreifen.«

Ein seltenes Lächeln breitete sich auf Fugakus Gesicht aus, aus dem der väterliche Stolz sprach. »Ja, das ist mein Junge. Vor kurzem erst trug sein Klassenlehrer den Vorschlag an mich heran, ob ich einwilligen würde, ihn den Abschluss schon verfrüht machen zu lassen.«

»Nein«, widersprach Tobirama. »Ich spreche mich dagegen aus. Diese Regelung darf nicht wieder aufgeweicht werden. Aber ich kann Ihnen anbieten, Itachi gesondertes Training zu geben, um sein Talent weiter zu fördern.«

Fugaku sah ihn verblüfft an. »Ich muss sagen, so ein Vorschlag von Ihnen erstaunt mich. Ich scheine mich wirklich in Ihnen getäuscht zu haben, Nidaime-sama. Ich danke für das Angebot und werde darüber nachdenken.«

Tobirama nahm es mit einem Nicken hin, dann wandte er sich an die anderen. »Feierabend. Hier gibt‘s nichts mehr, wir haben alles gesehen, was es zu sehen gibt.«

Sie sammelten sich und begaben sich dann auf den Rückweg ins Dorf, wo auch alsbald jeder seines Weges ging. Kakashi begleitete Tobirama nach Hause. Pakkun saß noch immer auf seinem Kopf, wie als wolle er Kakashi vor Ōkami bewachen.

»Kakashi, magst du Ramen?«, fragte Tobirama ihn. Als Kakashi nickte, fügte er an: »Dann lade ich dich ein. Ich habe gesehen, dass Ichiraku Ramen noch existiert und sogar den Angriff überstanden hat.«

»Noch existiert?«, fragte Kakashi nach. »Kennst du den Laden?«

»Natürlich«, sagte Tobirama, als sei es die offensichtlichste Sache der Welt. »Mito hatte regelmäßig meinen Bruder und mich beim shōgi abgezogen und ließ sich dann von uns zum Ramen einladen. Sie war womöglich die Haupteinnahmequelle des Ladens. Es war beängstigend, wie viel Ramen sie essen konnte.«

Da Ramen in der Tat nach einer guten Idee klang, machten sie also einen kleinen Umweg. Wie immer stand Teuchi hinter dem Tresen, als wäre er dort angewachsen. Kakashi hatte den Mann nie irgendwo anders gesehen und manchmal fragte er sich schon, ob Teuchi in seinem kleinen Restaurant lebte.

Tobirama sagte ihm, dass er alles bestellen konnte, was er wollte, aber Kakashi blieb aus Gewohnheit bei seinem üblichen Chashu Ramen. Tobirama nahm Shake Ramen, und Teuchi machte sich sogleich daran, die Bestellung zu bearbeiten. Falls er von Ōkami, die sich neben Tobirama gesetzt hatte und immer noch groß genug war, um beinahe über den Tresen zu blicken, beunruhigt war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.

Mit fliegenden Händen bereitete Teuchi ihnen das Essen zu und verwickelte sie dabei in ein belangloses Gespräch. Weder Tobirama noch Kakashi waren für so etwas zu haben, aber Teuchi ließ nicht locker, und irgendwie gehörte das auch dazu. Ōkami und Pakkun bekamen ebenfalls ihren Anteil, als Teuchi ihnen einige Rinderknochen überließ, die den Tag über angefallen waren.

»So hart arbeitende ninken müssen doch auch belohnt werden«, sagte er.

Das war ein Fehler. Ōkami knurrte.

»Ninken?«, fauchte sie empört. »Ninken?! Ich bin ein Wolf! So etwas verbitte ich mir!«

Teuchi verbeugte sich lediglich tief und bat vielmals um Entschuldigung. Der Mann musste Nerven aus Stahlseilen haben.

Alsbald war auch ihr Essen fertig und zwei große, dampfende Schalen voll mit köstlichem Ramen standen vor ihnen. Sie bedankten sich bei Teuchi. Kakashi griff nach den Stäbchen. Zeit für seinen kleinen Trick mit der Maske.

Tobirama blinzelte überrascht und betrachtete Kakashis leere Schüssel. Kakashi erwiderte den Blick und zuckte lediglich mit den Schultern. Er reichte die Schüssel über den Tresen.

»Noch eine Portion bitte.«

»Kommt sofort!«, sagte Teuchi sogleich. »So einen gesunden Appetit will ich doch gern fördern.«

Tobirama aß sein Ramen in normaler Geschwindigkeit. »So gut, wie ich es in Erinnerung habe.«

»Natürlich!«, beteuerte Teuchi. »Das Rezept ist seit Generationen in der Familie. Wir sind sehr stolz darauf, schon seit der Gründung des Dorfes mit unserem Namen für Qualität einstehen zu können.«

»Oh, ich weiß. Mito hat uns arm gemacht, meinen Bruder und mich, so oft, wie sie uns hierher geschleppt hat«, sagte Tobirama.

Erst da schien Teuchi zu begreifen. Er sah von Tobirama zu Ōkami und dann wieder zu Tobirama. »Oh!«

Tobirama war nun wirklich keine unauffällige Erscheinung und Ōkami trug nichts dazu bei, etwas daran zu ändern.

Doch dann zuckte Teuchi lediglich mit den Schultern und fragte: »Darf‘s denn noch etwas sein, Nidaime-sama?«

Tobirama wollte erst ablehnen, wurde dann jedoch zu einem stummen Blickduell mit Teuchi herausgefordert, an dessen Ende er unterlag und sich noch eine Portion aufschwatzen ließ.

»Tobirama«, wandte sich Kakashi mit gedämpfter Stimme an ihn. »Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass es doch noch jemanden gibt, der Mokuton beherrscht?«

Die Frage lag ihm schon seit Wochen auf der Zunge und war jetzt, nach dem Angriff des Kyubi, nur umso aktueller.

»Das ist unmöglich«, sagte Tobirama erwartungsgemäß. »Tsuna hat es nicht. Wenn sie es geerbt hätte, hätte es sich schon vor vielen Jahren gezeigt.«

»Ich rede nicht von Tsunade«, sagte Kakashi. »Ich habe vor einiger Zeit einen Jungen gefunden, der es benutzen kann.«

»Kakashi.« Eine Warnung lag in Tobiramas Stimme. »Ich sage es noch einmal: Das ist unmöglich. Glaub mir.«

»Und ich weiß, was ich gesehen habe«, beharrte Kakashi. »Dieser Junge hat Mokuton angewandt.«

Tobirama sah ihn einen Moment lang schweigend an. »Ich würde ja sagen, dass du einer Täuschung unterlegen sein musst, aber dein Sharingan hätte eine solche durchschaut. Wer war dieser Junge und wo ist er jetzt?«

»Er nannte sich Tenzō, auch wenn sein Codename Kinoe lautete, und ich weiß nicht, wo er jetzt ist«, räumte Kakashi ein. »Aber ich glaube, er war einer von Danzōs Leuten.«

Darauf hob Tobirama lediglich eine Augenbraue, sagte jedoch nichts. Das tat er gerne, Leute skeptisch anschauen, als könne es nie und nimmer sein, dass er sich irrte und andere Recht hatten.

»Vor Shodai Hokage hatte doch auch niemand Mokuton beherrscht, nicht wahr?«, fuhr Kakashi fort. »Ist es da so unlogisch, dass noch jemand dieselbe Fähigkeit entwickelt? Einfach so?«

Tobirama ging nicht darauf ein. »Kinoe, sagtest du?«

Kakashi nickte.

»Wir reden später darüber weiter. Zuerst muss ich etwas nachsehen.«

»KAKASHI!«

Kakashi seufzte. Nicht schon wieder.

»Hey, Kakashi! Hier steckst du also!«, rief Gai und streckte den Kopf herein. »Da steht noch ein Essen aus.«

Kakashi deutete auf das Essen vor sich. »Hab schon.«

Tobirama musterte Gai neugierig. »Und wer bist du?«

Sogleich stand Gai stramm und verbeugte sich etwas linkisch. »Maito Gai, die noble grüne Bestie von Konoha und Kakashis ewiger Rivale! Zu Ihren Diensten, Nidaime-sama!«

Die Andeutung eines Lächelns umspielte Tobiramas Lippen. »Kakashis ewiger Rivale? Kakashi, du hast mir noch gar nicht von deinem Freund erzählt.«

Kakashi wünschte sich ein bodenloses Loch herbei, in das er springen konnte. Das war so peinlich. »Gai …«

»Na los, komm schon, Kakashi«, drängte Gai. »Jetzt kannst du nicht behaupten, dass du auf einer Mission seist. Es sei denn, die besteht daraus, Ramen zu essen. Tut sie das?«

Tobirama bedeutete Kakashi, dass er ruhig gehen konnte. »Geh. Du kannst nicht immer nur bei alten Leuten sein.«

»Nur für‘s Protokoll: Das hast du jetzt gesagt«, betonte Kakashi.

Gai streckte die Faust in die Luft und stieß einen Kampfschrei aus. »Hiya! Wir müssen den Frühling unserer Jugend nutzen! Los, geht‘s!«

Er packte Kakashi und zerrte ihn davon. Kakashi wehrte sich nicht, weil er genau wusste, dass es ohnehin vergeblich wäre. Pakkun machte sich aus dem Staub mit den Worten, dass er jetzt ja nicht mehr gebraucht würde. Hatte er wirklich geglaubt, Kakashi vor Ōkami beschützen zu müssen?

»Warum warst du ausgerechnet mit Nidaime-sama Ramen essen?«, fragte Gai auf dem Weg.

»Darf ich mich jetzt nicht mal mehr auf Kosten meines Bosses verköstigen lassen?«, stellte Kakashi die Gegenfrage.

»Was? Ihr bei der Anbu macht doch nette Sachen?«, wunderte sich Gai.

»Stell dir vor, neuerdings bestehen meine Missionen aus Windeln wechseln und ich werd dafür sogar gar nicht mal schlecht bezahlt.«

»Hört, hört!«, rief Gai. »Du hast ja doch keine Seele aus Eis.«

Kakashi zog es vor, daraufhin nichts zu sagen.

Gai führte ihn zu dem Dangoladen, den Kurenai und Asuma bevorzugten. Anders als Ichiraku Ramen war der Imbiss nicht gänzlich unbeschadet aus dem Angriff herausgekommen, hatte aber dennoch schon wieder das Geschäft aufgenommen. Kurenai und Asuma saßen mit Genma an einem Tisch und irgendwer hatte auch Iruka herbeigeschliffen, er machte jedoch keinen allzu glücklichen Eindruck.

»Wo ist Raidō?«, wollte Kakashi wissen.

»Der hat zu tun«, sagte Gai und zerrte Kakashi zu den anderen. »Seht, wen ich gefunden hab!«

Kurenai winkte ihnen. »Hey, Kakashi, das ist ja eine Überraschung! Schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt.«

»Was macht ihr hier?«, wollte Kakashi wissen, als er sich zu den anderen setzte.

Asuma gestikulierte in Richtung der Dangospieße, die vor ihnen auf dem Tisch standen. »Wonach sieht das für dich aus?«

Genma lehnte sich vor, um einen der Spieße zu nehmen. »Man kann nicht immer arbeiten.«

»Nach allem, was passiert ist, hielten wir es für etwas Gutes, wenigstens wieder etwas Normalität in unser Leben zu bringen«, fügte Kurenai an. »So viele sind gestorben und …«

»Ganz recht! Menschen sind gestorben!«, unterbrach Iruka sie energisch. Er hatte bis jetzt geschwiegen und finster vor sich hin gestarrt. »Menschen sind gestorben und wir durften nichts unternehmen. Stattdessen sitzen wir jetzt hier, als sei nie etwas passiert.«

»Iruka, das mit deinen Eltern tut mir so schrecklich leid«, sagte Kurenai mitfühlend. »Aber Sandaime-sama hatte seine Gründe, als er uns befahl, uns aus dem Kampf herauszuhalten. Ich hätte auch gern gekämpft, aber …«

»Nein, er hat sich nichts dabei gedacht.« Dieses Mal war es jedoch Asuma, der sie unterbrach. »Bis auf Iruka sind wir alle bereits mindestens Chūnin, wir sind sehr wohl in der Lage zu kämpfen. Er hat einfach nur wertvolle Kämpfer zurückgehalten und das hat Menschenleben gekostet.«

Gai regte sich nervös. »Hey, hört auf, andauernd Kurenai zu unterbrechen.«

Kurenai nickte ihm anerkennend zu.

»Wenn wir hätten kämpfen dürfen, hätten unsere Eltern nicht sterben müssen«, protestierte Iruka.

»Dafür wären sie jedoch beschäftigt gewesen, euch zu beschützen«, warf Genma ruhig ein. »Sie wären abgelenkt gewesen, weil sie sich um die Sicherheit ihrer Kinder gesorgt hätten.«

»Es hätte überhaupt nie dazu kommen dürfen!« Iruka machte eine energische Geste. »Sag doch auch mal was, Kakashi! Wie konnte das überhaupt passieren? Hokage-sama hätte das verhindern müssen!«

Einfach zu sagen, dass es nicht Minatos Schuld gewesen war, würde nichts bringen. Gegenwärtig sah es für die anderen nämlich genau danach aus, aber gleichzeitig konnte Kakashi ihnen auch nicht sagen, dass es einen Überfall gegeben hatte. Diese Information stand unter größer Geheimhaltung.

Also zuckte er einfach nur mit den Schultern. »Ist aber nun mal passiert. Jetzt zu jammern, was hätte sein können, bringt die Toten auch nicht zurück.«

Mit einem Schluchzen stürmte Iruka aus dem Laden.

»Das war nicht gerade sensibel von dir, Kakashi«, rügte Kurenai.

»Allerdings auch die Wahrheit«, hielt Kakashi dagegen.

Gai hämmerte die Faust auf den Tisch und sprang auf. »Du hast eben doch eine Seele aus Eis, Kakashi!«

Kakashi erwiderte den Blick ausdruckslos. »Da hast du vielleicht sogar recht.«

Nächstes Kapitel: Tobirama steht vor einigen scheinbar unlösbaren Rätseln.

15. Kapitel: 5. Kapitel: Unter Wölfen

Unter Wölfen

Kinoe … Kinoe …

Seit Stunden schon durchforstete Tobirama seine Akten auf der Suche nach diesem Jungen, den Kakashi erwähnt hatte. Einer von Danzōs Leuten, hatte Kakashi gesagt. Aber warum fand Tobirama dann keine Spur von ihm in den Akten, die Danzō ihm gegeben hatte, als die Ne wieder in die Anbu eingegliedert worden war?

Er wollte Kakashi wirklich glauben. Wenn er gesagt hatte, dass es Mokuton gewesen war, dann stimmte es wahrscheinlich auch. Und doch …

Etwas passte hier nicht zusammen.

Tobirama suchte mit seinen Sinnen nach Kakashi und fand ihn auch gerade noch innerhalb seiner Reichweite. Mittlerweile war ihm klar geworden, dass er hier in seinem kleinen Büro bei der Anbu nicht fündig werden würde. Also setzte er kurzerhand seine Maske auf und teleportierte sich zu Kakashi und seinen Leuten.

Er fand sie weit außerhalb Konohas im Wald. Team Ro war auf einer Patrouillenmission und hatte anscheinend bereits Eindringliche ausgemacht den Leichen nach zu urteilen, die hier lagen.

»Wolf-san!«, begrüßte Sukea ihn erstaunt. »Jetzt gibt‘s Ärger, Hund-san. Du hättest sie echt nicht töten dürfen.«

»Erschreck mich doch nicht so!«, rief Kakashi aufgebracht, als Tobirama bei ihm auftauchte. »Hast du heimlich eine Markierung an meine Klamotten angebracht oder so etwas in der Art?«

»Du hast eines von Minatos Kunai«, sagte Tobirama ruhig.

»Oh. Stimmt.«

»Wolf-san, womit können wir Ihnen behilflich sein?«, fragte Yuki.

Tobirama betrachtete die Leichen. Fünf Stück. Sie trugen die Kleidung der Leute aus Kumogakure. Doch das musste noch einen Moment warten. »Kennt ihr jemanden namens Kinoe? Es kann sein, dass er sich Tenzō nennt.«

Kō, Yuki und Sukea sahen einander an. Dann zuckten sie mit den Schultern.

»Nee, nie von gehört«, sagte Yuki. »Wer soll das sein?«

Die ganze Sache wurde immer rätselhafter. Tobirama überging die Frage und deutete auf die Leichen. »Was ist passiert?«

»Eindringlinge aus Kumogakure«, berichtete Kakashi. »Ich habe sie ausgeschaltet, bevor sie Schaden anrichten konnten.«

»Ich bin immer noch der Meinung, dass wir wenigstens einen hätten am Leben lassen sollen, um ihn zu befragen«, warf Sukea ein.

»Hab ich aber nicht gemacht, Ende der Diskussion«, hielt Kakashi unnachgiebig dagegen.

Tobirama hatte indes mit der Inspektion einer der Leichen begonnen. Er kniete sich neben den Toten und begutachtete seine Wunden. Ein klarer, tiefer Schnitt. Er war wie seine Kameraden schnell gestorben. Immerhin war Kakashi gründlich bei dem, was er tat.

»Die sind nicht aus Kumo«, sagte er.

Kō gab einen erstaunten Laut von sich. »Nicht?«

»Schaut doch mal in ihre Gesichter«, wies Tobirama die vier Anbu an. »Die Art, wie ihre Haut gebräunt ist. So sieht es aus, wenn man viel der Sonne ausgesetzt ist und daher stets einen Turban trägt. Sie kommen aus Sunagakure.«

»Also hat jemand versucht, uns auf eine falsche Fährte zu locken«, schloss Yuki.

»Jemand, der wohl ein Interesse aus einem Konflikt zwischen Kumo und Konoha hätte«, fügte Kō an.

»Das verrät uns aber immer noch nicht, was genau ihr Auftrag gewesen war«, warf Sukea ein.

Das jedoch ließ sich leicht herausfinden. Edo Tensei würde ihm hier nicht weiterhelfen, weil er, um Kontrolle über die Körper zu erlangen, die Persönlichkeit der Toten unterdrückte und das eine Befragung unmöglich machte. Tote ließen sich schlecht foltern. Er hatte jedoch auch eine abgeschwächte Form seines Jutsus entwickelt für genau solche Fälle wie diesen. Es gab zwar keine Garantie für Erfolg, aber auf einen Versuch kam es an.

Zeit, endlich einmal sein neuestes Spielzeug auszuprobieren.

Er ließ die verborgene Klinge an seiner linken Armschiene hervorschnellen und schnitt damit dem Toten vor sich den Oberkörper auf. Er schnitt längs unterhalb des letzten Rippenbogens, sodass er ihm in die Brust greifen konnte. Wie sich herausgestellt hatte, war es förderlich für das Gelingen des Jutsu, die Leiche nicht allzu sehr zu beschädigen, weshalb Tobirama schon länger nicht mehr einfach nur die Rippen zertrümmerte, um an das Herz zu gelangen.

Als er das Organ schließlich gefunden hatte, griff er es fest und belegte es mit seinem Siegel. Das Herz in seiner Hand begann erneut zu schlagen. Der Tote zuckte mit den Gliedern, röchelte und schlug dann die Augen auf.

»Eww«, kommentierte Yuki.

»Sag mir, wer euch schickt und welchen Befehl ihr ausführt«, befahl Tobirama dem Toten mit dem Arm bis zum Ellbogen in dessen Brust.

Der Tote stöhnte. Seine Augen rollten. »Nnnnn … Nnnnn … N-nein.«

Verdammt. Einer von der Sorte. Tobirama festigte sein Siegel. Das Stöhnen wurde qualvoller.

Dieses Jutsu rief die Toten nicht gänzlich zurück ins Leben, gerade genug, dass Tobirama sie einer kurzen Befragung unterziehen konnte. Leider zeigten sich nicht immer alle Seelen willig, seinem Befehl auch Folge zu leisten. Die Willensstarken konnten sich noch immer dagegen wehren.

»Ich befehle dir, sprich!«, knurrte Tobirama.

»Nnn … Niemals«, röchelte der Tote. »Iiiich verrate nichts.«

»Gehorche meinem Befehl!«

Der Tote sackte in sich zusammen. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Er war wieder so still, wie ein Toter nur sein konnte. So ein Mist. Seufzend zog Tobirama seinen Arm aus der Brust des Toten. Das Siegel hatte nicht lang genug gehalten, der Tote hatte zu sehr dagegen angekämpft.

Als er aufstand, sah er, dass die vier Anbu ihn reglos beobachtet hatten. »Was?«

»War das … Nekromantie?«, fragte Sukea vorsichtig.

»So etwas in der Art.« Tobirama wiederholte den Vorgang auch bei den anderen vier Leichen, aber jedes Mal war das Ergebnis dasselbe. Wer auch immer sie geschickt hatte, hatte gute Leute gewählt. Hier würde Tobirama also nichts mehr darüber erfahren, aber die Leichen konnten zumindest noch einen weiteren Zweck erfüllen. Er nahm sich eine davon und versiegelte sie in einer seiner Siegelrollen.

»Ihr macht hier weiter«, befahl er Team Ro, dann teleportierte er sich erst nach Hause und von da aus direkt weiter zu seinem Labor. Es lag in genau der entgegensetzten Richtung, daher war es zu weit weg gewesen für einen direkten Weg.

Natürlich hatte er die Hand, die sie gefunden hatten, aufbewahrt, es wäre töricht, wenn nicht. Er hatte nur noch einen Körper gebraucht, den er als Opfer benutzen konnte. In seinem Labor angekommen, legte er die Leiche sogleich auf seinen Seziertisch, entsiegelte auch die Hand, die er in einer anderen Rolle verstaut hatte, und begann sogleich mit Edo Tensei.

Nichts passierte.

Schade. Es hätte ja sein können. Wer auch immer der Besitzer dieser Hand war, er war also mit dem Leben davon gekommen. Tobirama betrachtete die Leiche vor sich. Noch ein Rätsel, das sich ihm aufgetan hatte.

Wer in Suna hatte ein Interesse daran, einen Konflikt zwischen Konoha und Kumo zu provozieren? Was war mit diesem Tenzō und warum fand Tobirama keine Aufzeichnungen über ihn? Und wer nur hatte Minato angegriffen? Standen all diese Dinge in Verbindung miteinander?

Er sah auf seinen blutigen Arm. Vielleicht sollte er sich erst einmal waschen gehen, bevor er weiter darüber nachsann.

Er versiegelte erneut Hand und Leiche und schloss die Schriftrollen dann sicher weg, bevor er sich wieder nach Hause teleportierte. Gerade wollte er schon nach oben gehen, um sich ein Bad einzulassen, als er Minato an der Haustür bemerkte. Also öffnete er ihm stattdessen die Tür, während er gleichzeitig seine Maske abnahm.

Minato hatte wieder einmal Naruto mit sich gebracht. Er sah die Maske in Tobiramas Hand und bemerkte auch das Blut an ihm. »Oh. Bin ich gerade unpassend?«

Tobirama winkte ab. »Komm rein. Aber lass mich wenigstens saubere Kleidung anziehen.«

Statt eines Bades begnügte sich Tobirama also lediglich mit einem Kleiderwechsel und wusch das Blut von seinen Händen. Als er wieder nach unten ging, hatte sich Minato bereits am irori niedergelassen. Naruto, den er wie immer in einem Tragetuch bei sich hatte, sah sich neugierig um, auch wenn er mit gerade einmal wenigen Wochen noch nicht allzu weit sehen konnte. Dafür fand er Gefallen daran, nach allem in seiner Reichweite greifen zu wollen. Minato schien sich nicht daran zu stören, dass das derzeit vor allem sein Mantel war.

Minato deutete auf die Feuerstelle. »Ich muss sagen, so altmodisch das auch ist, es hat doch etwas uriges an sich.«

Tobirama brachte ihnen beiden Tee, um zu unterstreichen, dass da garantiert nichts altmodisch daran war.

»Wo sind Kakashi und Ōkami?«, erkundigte sich Minato, als Tobirama sich zu ihm setzte.

»Kakashi hab ich für ein paar Tage auf eine Mission geschickt und Ōkami jagt gerade unser Abendessen«, sagte Tobirama. »Im besten Falle gibt es heute Abend Reh.«

»Oh, daher also das Blut?«, schloss Minato. »Du sahst aus, als hättest du bis zu den Schultern in Eingeweiden gewühlt.«

»So tief nun nicht, aber …«

Minato blinzelte. »Ich hab das eigentlich nicht ernst gemeint.«

»Kakashi hat Eindringlinge aus Sunagakure gefunden«, sagte Tobirama sehr wohl ernst. »Ich hatte versucht, ein paar Dinge in Erfahrung zu bringen, leider ohne Erfolg.«

Minato musterte ihn skeptisch. »Will ich die Details wissen?«

»Nein.«

Weise genug ließ Minato das Thema fallen. »Was ist das mit diesen Eindringlingen?«

»Das weiß ich noch nicht. Fünf Stück, sie sind tot. Sie hatten sich als Kumo-nin getarnt. Was sie hier zu suchen haben, bleibt noch zu klären.«

»Ausgerechnet jetzt.« Minato machte ein ernstes Gesicht.

»Was führt dich her?«, erkundigte sich Tobirama.

»Ich brauch deine Hilfe. Damit.« Minato legte sich eine Hand auf den Bauch, da wo sein Siegel war.

»Gibt es Probleme?«, fragte Tobirama sogleich.

Zu Tobiramas Erleichterung jedoch schüttelte Minato jedoch den Kopf. »Nein. Das heißt … Nicht direkt. Aber könntest du vielleicht dennoch noch einmal schauen, ob die Siegel noch halten? Ich prüfe das zwar jeden Tag, aber man weiß ja nie.«

Tobirama entging nicht die Röte, die sich auf Minatos Wangen geschlichen hatte. Er machte einen nervösen Eindruck. Tobirama mahnte sich zur Geduld. Minato war nur ein übervorsichtiger junger Vater, das war alles.

»Natürlich.«

Minato atmete auf und reichte ihm Naruto. Das Baby war mittlerweile vertraut genug mit Tobirama, dass es nicht mehr quengelte, wenn er es hielt. Minato strich dennoch Naruto über seinen blonden Haarschopf, um ihn wissen zu lassen, dass sein Vater noch da war. Er ließ seinen Sohn fast nie aus den Armen.

Naruto quietschte, als Tobirama mit ein winzig bisschen Chakra das Siegel sichtbar werden ließ. Es kitzelte und Naruto schien das zu mögen. Mit seinen strahlend blauen Augen sah das Baby zu Tobirama auf und streckte seine Pummelärmchen nach ihm aus. Dann lächelte Naruto.

»Oh! Schau!«, rief Minato verzückt aus. »Sein erstes Lächeln, das er für dich hat! Ist das nicht niedlich?«

Wenn Babys noch so klein waren, dann war immer jedes noch so kleine erste Mal für ihre Eltern furchtbar aufregend. Tobirama nahm sich da selbst nicht aus, als Sakumo noch in dem Alter gewesen war. Es war irgendwie niedlich mit anzusehen, dieselbe Begeisterung nun bei Minato zu beobachten.

Wie sich Tobirama es bereits gedacht hatte, war natürlich alles in Ordnung mit dem Siegel, und er reichte Naruto zurück an seinen Vater. Das Baby brabbelte immer noch vor sich hin, und Minato antwortete ebenso enthusiastisch mit irgendwelchem Unfug. Tobirama fragte sich, ob er auch so gewesen war, als sein Sohn geboren worden war, und fürchtete, dass die Antwort darauf Ja lautete.

Minato legte Naruto vorsichtig neben sich und entblößte dann seinen Oberkörper, damit Tobirama auch sein Siegel begutachten konnte. Er berührte das Siegel mit seinen Fingerspitzen und nahm sich seine Zeit. Mit Minato war es etwas anderes als mit Naruto, sein Chakra machte es ihm wesentlich schwerer, das Siegel zu halten.

»Entspann dich«, murmelte er, als er Minatos raschen Atmen bemerkte.

»I-ich bin entspannt«, haspelte Minato. Er lächelte nervös.

Tobirama hob skeptisch eine Augenbraue. Minatos ganze Körperhaltung und auch seine geröteten Wangen sprachen eine andere Sprache.

»Alles so, wie es sein soll«, sagte er schließlich.

Minato atmete auf und zog sich wieder an.

»Allerdings«, fügte Tobirama an, »frage ich mich schon von Beginn an, warum du das Siegel für Naruto auf diese Weise abgeändert hast.«

Minato nahm Naruto wieder auf den Arm und sah auf seinen Sohn hinab. »In jenem Moment dachte ich wirklich, ich würde sterben, aber ich erinnerte mich dessen, was Jiraiya-sensei einmal zu mir gesagt hatte. Er sagte, es gäbe eine Prophezeiung, die uns einen Helden verspräche, der eines Tages der Welt Frieden bringen würde. Er hielt mich für jenes Kind aus der Prophezeiung, aber wenn ich wirklich gestorben wäre, konnte das ja nicht sein. Also schlussfolgerte ich, dass er sich geirrt haben musste, und diese Prophezeiung Naruto meinte. Wenn mein Sohn also der versprochene Held wäre, wollte ich ihm wenigstens die Mittel dafür in die Hand geben, dass er vielleicht eines Tages es schaffen würde, das Fuchschakra zu etwas Gutem zu nutzen.«

Tobirama musste sehr an sich halten, jetzt bloß nicht das zu sagen, was ihm wirklich auf der Zunge lag. »Das«, sagte er stattdessen, »ist ausgemachter Unfug. Es ist viel zu gefährlich, das Chakra eines Bijū nutzen zu wollen, das hat Mito selbst immer wieder gesagt. Abgesehen davon, dass irgendwelchen ominösen Prophezeiungen nie zu trauen ist.«

Minato drückte Naruto fest an sich. »Ich komm mir so schäbig vor, das meinem eigenen Sohn angetan zu haben. Ihm dieses Monster gegeben zu haben, das seine Mutter getötet hat. Und dann war ich auch noch gewillt, ihn damit gänzlich allein zu lassen, weil ich keinen anderen Ausweg sah als meinen eigenen Tod.« Er zitterte am ganzen Leib. »Warum lebe ich noch? Sag‘s mir. Was genau macht dieses Siegel, das du mir gegeben hast?«

Tobirama überlegte sich seine Worte gut. »Du hast ganz recht erkannt, dass es ein Siegel ist. Ich kann den Pakt, den du mit Shinigami geschlossen hast, nicht brechen, aber ich kann ihn gewissermaßen fern halten. Ab und zu muss ich das Siegel jedoch erneuern.«

»Was passiert, wenn du das nicht tust?«

»Dann stirbst du. Das Siegel ist auf mein Chakra abgestimmt, nur ich kann es anwenden.«

Minato sagte lange Zeit nichts und hielt einfach nur stumm Naruto in den Armen. »Also hängt mein Leben jetzt von dir ab.«

»Das Siegel kann mein Chakra für eine Weile speichern, jedoch nicht auf Dauer. Etwa zwei Monate, würde ich schätzen, aber das muss ich selbst erst einmal im Auge behalten. Es war das erste Mal, dass ich dieses Jutsu angewendet hatte.«

Minato lachte freudlos auf. »Also pass ich jetzt besser auf, dass ich dich nicht verliere.«

»Sprich mit niemandem darüber«, wies Tobirama ihn streng an. »Mir wäre es lieber, wenn ich dieses Jutsu nie hätte anwenden müssen, aber es war der einzige Ausweg, den ich sah. Allein das Wissen um die Existenz eines solchen Jutsus ist bereits äußerst gefährlich.«

Minato nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Naruto giggelte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Also schüttelte Minato seine betrübte Stimmung ab, um erneut seinen Sohn zu bespaßen.

»Da gibt es noch eine Sache, wobei ich deine Hilfe brauche«, sagte er irgendwann, während Naruto gerade dabei war, sich seinen Finger in den Mund zu stecken. »Du bist doch ein Sensor, nicht wahr?«

»Hmhm.«

»Ich scheine diese Fähigkeit jetzt auch erworben zu haben. Allerdings kann ich sie nicht wirklich kontrollieren. Es ist furchtbar anstrengend, gelinde gesagt.«

»Du bist darin jetzt sogar besser als ich«, sagte Tobirama nüchtern.

Minato sah ihn verblüfft an. »Ach, wirklich? Es heißt doch immer, dass du überragende Sensorfähigkeiten hast.«

Tobirama zuckte mit den Schultern. »Das war bei Mito genauso, nachdem sie Kyubis jinchūriki geworden war. Sie konnte Sachen erspüren, die weit außerhalb meiner Reichweite lagen. Aber ja, natürlich helfe ich dir.«

Minato atmete auf. »Oh, dem Himmel sei dank, vielleicht kann ich dann endlich wieder eine Nacht durchschlafen.«

Das würde Naruto sicherlich zu verhindern wissen.

»Ich kann‘s nicht abschalten«, fuhr Minato fort. »Ständig nehme ich alles um mich herum wahr und es ist ein fürchterliches Durcheinander.«

»Du bist hyperfokussiert«, stellte Tobirama fest. »Wie als wäre da eine Stelle, die juckt, aber du kommst nicht heran.«

»Ja! Ja, genau so, nur viel schlimmer. Wie mache ich, dass das wieder aufhört?«

Tobirama kniete sich vor ihn, legte seine Hände an Minatos Schläfen und lehnte ihre Stirnen aneinander. Aus nächster Nähe konnte er in ausgezeichneter Qualität mitverfolgen, wie Minato ihn groß anstarrte und rot wurde bis unter die Haare.

»Schließ die Augen und hör auf das, was ich dir sage«, sagte Tobirama ruhig.

Minato schluckte und schloss dann die Augen.

»Du lenkst deine Aufmerksamkeit die ganze Zeit auf deine Sinneswahrnehmungen und benutzt daher die ganze Zeit ein winziges bisschen Chakra«, fuhr Tobirama in ebenso ruhiger Stimmlage fort. »Deine Sensorwahrnehmungen müssen mit Chakra aktiviert werden. Also konzentriere dich auf etwas anderes, um die Aufmerksamkeit davon wegzulenken.«

Er begann, einen tiefen Ton zu summen. Hashirama hatte das immer mit ihm gemacht, als Tobirama gerade erst gelernt hatte, seine eigenen Fähigkeiten zu benutzen. Es hatte mitunter so anstrengend und überwältigend werden können, aber Hashirama war stets seine Insel der Ruhe gewesen.

Minatos Atmen wurde ruhiger und seine ganze Haltung entspannter. »Ah, diese Ruhe.«

Tobirama lächelte und rückte wieder von ihm ab.

»Oh, schau«, stellte Minato mit gedämpfter Stimme fest. »Naruto ist auch eingeschlafen. Magie.«

Das Baby war in der Tat in den Armen seines Vaters eingeschlafen. Minato betrachtete seinen Sohn lächelnd. Er rückte wieder näher zu Tobirama auf und lehnte sich an ihn. Er hatte das wohl unbewusst getan und sich vielleicht nicht einmal groß etwas dabei gedacht. Tobirama sah dennoch irritiert auf ihn herab. Etwas unbeholfen legte er ihm dann doch einen Arm um die Schulter. Minato schien ihm wie Hashirama einfach jemand zu sein, der gern die Nähe anderer suchte.

So fand sie Ōkami. Sie hatte einen jungen Bock im Wald erlegt und ihn bis zum Haus gebracht, was für sie aufgrund ihrer Größe kein allzu großes Problem darstellte. Die Bauchdecke des Tieres war aufgerissen und die Gedärme quollen heraus, also hatte sie schon etwas genascht. Sie legte ihre Beute auf dem Rasen vor dem engawa ab, dann kam sie herein, um Tobirama zu begrüßen, indem sie ihm über die Haare leckte. Das Fell um ihr Maul war rot gefärbt vom Blut.

»Abendessen«, sagte sie.

Es war eine gute Ausrede, aus dieser etwas irritierenden Situation zu kommen. Tobirama stand auf, um das, was sein Abendessen werden sollte, zu begutachten.

»Keine Leber für mich«, stellte er fest und deutete auf die Innereien.

Ōkami leckte sich das Maul. »Ich hatte die ganze Arbeit, ich darf mir eine Stärkung gönnen.«

»Gnädigerweise hast du mir die Gedärme überlassen.«

»Das beste!«

»Das war die Leber. Die du bereits gefressen hast.«

Ōkami wedelte mit dem Schwanz. Die noch warmen Gedärme dampften in der kalten Novemberabendluft.

Während Tobirama also wieder nach drinnen ging, um die alte Lederschürze und ein paar scharfe Messer zum Zerteilen des Fleisches zu holen, begann Ōkami, auch den Rest der Innereien zu fressen. Sie hatte die Beute erlegt, also bekam sie natürlich auch ihren Anteil.

»Ich kann helfen«, bot Minato an. »Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Was für ein Zufall, dass ich ein gutes Rezept für einen Rehbraten kenne.«

Minato lächelte unschuldig. Ja, was für ein Zufall, in der Tat.

Tobirama brachte also auch ihm eine Schürze, damit er sich bei der blutigen Arbeit die Kleidung nicht beschmutzte, und gemeinsam machten sie sich daran, das Reh zu zerlegen. Ōkami stellte sich dabei als nicht allzu hilfreich heraus, als sie ebenfalls versuchte, den Kadaver zu zerlegen, was sich jedoch ohne Hände nicht wirklich präzise ausführen ließ.

»Ich weiß deinen Enthusiasmus zu schätzen«, knurrte Tobirama irgendwann, »aber lass uns das einfach machen.«

Ōkami gab einen unwilligen Laut von sich und zog mit dem Vorderbein, das sie soeben erbeutet hatte, von dannen. Tobirama seufzte. Manchmal war es etwas anstrengend mit ihr. Ōkami lief eine Runde durch den Garten, den Tobirama mittlerweile größtenteils vom Gestrüpp befreit hatte, und suchte sich dann eine Ecke, in der sie zu scharren begann.

»Lass das!«, rief er ihr genervt hinterher. »Vergrab‘s meinethalben im Wald, aber nicht in meiner Rabatte!«

Ōkami knurrte verstimmt. Tobirama knurrte zurück. Dann hatte sie dennoch Erbarmen mit ihm und zog ab, um ihren Vorrat im Wald zu verscharren. Minato lachte leise. Tobirama sah ihn finster an.

»Was?«

»Ich dachte, Eichhörnchen vergraben Vorräte und vergessen sie dann.«

»Wölfe machen das auch manchmal«, erklärte Tobirama ihm. »Sie sind nur nicht so vergesslich.«

Minato registrierte es mit einem Nicken. »Ich sehe, du hast dir in der Tat ein neues Teleskop gekauft.« Er deutete auf das neue Teleskop, das Tobirama auf dem engawa aufgebaut hatte. Es war, wie Tobirama sich das vorgestellt hatte, ein Spiegelteleskop, dessen Tubus etwa Kakashis Höhe hatte und auf einem hölzernen Unterbau aufgebockt war. Tobirama hatte es bereits justiert, aber da der Himmel in den letzten Tagen stets bedeckt gewesen war, hatte er es noch nicht wirklich testen können.

»Vielleicht gibt es in den nächsten Tagen klare Sicht«, sagte Tobirama. »Ich habe auch eine Schutzfolie für die Sonnenbeobachtung gekauft, das könnte auch interessant werden.«

Minato machte große Augen. »Oh, wie spannend! Ich kann‘s kaum abwarten!«

Tobirama musste schmunzeln. Er hatte sich bereits gedacht, dass Minato das interessant finden könnte.

Zu zweit und ohne Ōkami, die ihnen im Weg war, war das Reh recht fix zerlegt. Sie legten das Fleisch auf große Platten, die sie dann nach drinnen trugen. Sie wuschen sich das Blut von den Armen und Minato begann damit, das, was sie an diesem Abend essen wollten, zuzubereiten, während Tobirama den Rest entweder in den Kühlraum brachte oder in Salz einlegte.

Mittlerweile wusste Tobirama, dass Minato ein Händchen fürs Kochen hatte, anders als Tobirama, der sich meist einfach mit dem begnügte, was gerade da war, und sich nie groß Gedanken darum machte, sein Essen noch irgendwie großartig zuzubereiten. Dennoch gab es Tobirama zu denken, wie gut sich Minato mittlerweile in seiner Küche auszukennen schien.

Irgendwie war es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden, dass Minato fast täglich mit Naruto bei ihm auftauchte, und meistens blieb er über Nacht. Nach und nach hatten einige seiner Bücher, die er so gern las, ihren Weg in Tobiramas Regale gefunden, und neulich hatte er sogar eines von Minatos Hemden in seiner Wäsche entdeckt. Er hatte gar nicht erst gefragt, wie es da hinein gelangen konnte. Natürlich hatte er auch längst Babynahrung für Naruto in seinen Vorräten und ganz praktischerweise »vergaß« Minato manchmal Narutos Spielzeug bei Tobirama. Tobirama hatte ihn nie gebeten, es wieder mitzunehmen.

Was Tobirama an der Sache jedoch wirklich wunderte, war der Umstand, dass er damit sogar einverstanden war. Und das nicht nur, weil sein Haus sonst so leer wäre. Er genoss Minatos Gesellschaft außerordentlich.

»Es gibt Beschwerden über die Polizei«, sagte Minato irgendwann, als er gerade ein paar Kräuter und etwas Gemüse kleinschnitt.

»Was soll der Anlass sein?«, erkundigte sich Tobirama.

»Manche finden, die Uchiha hätten sich an der Verteidigung des Dorfes mehr beteiligen sollen, statt eine solch passive Rolle einzunehmen. Sogar einige der Uchiha sagen das und haben den Wunsch geäußert, mehr an eigentlichen Angelegenheiten des Dorfes mitzuwirken. Sie haben das Gefühl, außen vor gelassen zu werden.«

Tobirama schnaubte. »Was wollen sie denn noch? Fugaku und ich arbeiten bereits zusammen.«

»Und es ist erstaunlicherweise noch nichts explodiert.« Auf Tobiramas strengen Blick hin wurde Minato jedoch rasch wieder ernst. »Du hast nun einmal den Uchiha die Aufgaben der Polizei übertragen und viele ziehen auch viel Stolz daraus. Das kann und will ich ihnen nicht wegnehmen, indem ich sie für andere Aufgaben abziehe. Aber gleichzeitig drängt der Clan darauf. Sie wirken … unzufrieden, scheinen aber selbst nicht so recht zu wissen, was sie wollen.«

»Mehr kannst du im Moment nicht machen«, sagte Tobirama. »Sprich dich weiter öffentlich für die Interessen des Clans aus und mach ihnen deutlich, dass du auf ihrer Seite stehst. Es gibt wohl einige, und damit meine ich unter anderem Danzō, die ein Interesse daran haben, die Uchiha gegen das Dorf aufzubringen. Achte darauf und wirke dem entgegen.«

»Indem ich ihnen weiterhin die Polizei überlasse und gleichzeitig auch nicht.« Minato gab einen frustrierten Laut von sich.

»Geh zu Fugaku und frag ihn, was er für seinen Clan will«, sagte Tobirama geradeheraus. »Es war mit ihnen schon immer etwas schwierig, bereits von dem Moment an, als das Dorf Hashirama wählte und nicht Madara. Sie hatten sich schnell übergangen gefühlt.«

Minato seufzte schwer und legte das Messer auf die Anrichte, während er sich mit der anderen Hand die Augen rieb. Spontan streckte Tobirama seine Hand aus und legte sie auf Minatos, die zuvor noch das Messer gehalten hatte. Minato schien erstaunt von der Geste, denn er starrte auf ihrer beiden Hände auf der Anrichte.

»Aber das kann bis morgen warten«, sagte Tobirama. »Jetzt essen wir.«

Sie aßen ausgiebig, weitaus ausgiebiger, als Tobirama allein es getan hätte. An irgendeinem Punkt stand er auf, um ihnen noch etwas stärkeres als bloß Tee zum Trinken zu bringen. Minato war begeistert, als er sah, was für eine Flasche Tobirama da anbrachte.

»Der berühmte Honigwein der Senju«, kommentierte er mit leuchtenden Augen.

Tobirama ploppte den Korken aus der Flasche und goss ihnen beiden ein. »Ein guter Jahrgang, fast so alt wie ich.«

»Kanpai!«

Klirrend stießen sie ihre Schalen aneinander und tranken dann. Fast augenblicklich musste Minato jedoch husten und wedelte mit der Hand vor dem Gesicht. Der Alkohol trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Das brennt wie Feuer!«, keuchte er.

Tobirama grinste herausfordernd. »Was? So ein kleines bisschen haut dich schon um?«

Minato fuchtelte in Richtung der Weinflasche. »Das ist kein Wein mehr!«

Er wurde von weiteren neckenden Kommentaren erlöst, als in diesem Moment Naruto seine Aufmerksamkeit einforderte. Es war Zeit für sein Abendessen.

»Sag mal, Tobirama«, sagte Minato scheinheilig, während Naruto auf seinem Arm zufrieden an seiner Flasche nuckelte. »Es ist ja nun schon etwas später geworden. Könnte ich heute vielleicht einfach hier bleiben?«

Tobirama rollte mit den Augen, musste aber dennoch lächeln. »Warum fragst du überhaupt noch? Du lädst dich doch mittlerweile ohnehin fast täglich ein.«

»Meine Eltern haben mir eben Manieren beigebracht.«

Tobirama hatte den Eindruck, dass Minato sich hierher flüchtete, weil er die Leere seines eigenen Heimes fürchtete. Er hatte nichts dagegen einzuwenden. Wenn es Minato etwas Last von den Schultern nahm, dann war er froh, ihm auch auf solch einfachem Wege behilflich sein zu können. Er war ja selbst ganz dankbar darum, dass sein eigenes Heim jetzt nicht mehr so leer war.

Nachdem Naruto gesättigt war, brachte Minato ihn nach oben, um ihn schlafen zu legen. Im Anschluss gesellte er sich wieder zu Tobirama und gemeinsam beendeten sie ihr Mahl und saßen noch bis weit in die Nacht hinein und unterhielten sich über alles, was nicht mit Politik zu tun hatte. Dafür war ein andermal Zeit. Irgendwann kam auch Ōkami wieder, die sich ans Feuer legte. Sie setzten sich zu ihr, lehnten sich an sie und setzten ihr Gespräch fort.

Irgendwie hatte Tobirama das Gefühl, daheim zu sein.

Der nächste Morgen begann gemütlich. Erstaunlicherweise war es Minato, der zuerst aufstand. Als Tobirama in die Küche kam, saß er bereits mit einem Kaffee am Tisch und las in einem seiner Bücher. Tobirama hatte nur wegen Kakashi Kaffee im Haus, er selbst konnte dem nicht viel abgewinnen. Es schien Minato gelegen zu kommen.

»Guten Morgen«, begrüßte Tobirama ihn. Minato regte sich nicht und las weiter in seinem Buch. Tobirama räusperte sich vernehmlich.

Erst jetzt schreckte Minato auf. »Oh! Entschuldige, ich war so vertieft in mein Buch.«

»Hm.« Nach einer kurzen Pause fügte Tobirama dann doch an: »Was liest du?«

Sogleich strahlten Minatos Augen vor Begeisterung. »Eine Tragödie, ein recht bekanntes Bühnenstück sogar. Es geht um zwei Liebende, deren Familien jedoch verfeindet sind, und am Ende fallen sie ebenjener Fehde zum Opfer.«

»Das klingt furchtbar«, sagte Tobirama trocken. Er konnte so etwas nicht viel abgewinnen.

»Furchtbar romantisch!«, betonte Minato. »Hier, schau.«

Er blätterte ein paar Seiten zurück, räusperte sich und zitierte dann:

 

Und stirbt er einst,

Nimm ihn, zerteil in kleine Sterne ihn:

Er wird des Himmels Antlitz so verschönen,

Daß alle Welt sich in die Nacht verliebt

Und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt.

 

Tobirama sah ihn ausdruckslos an. Es war zu früh für so einen kitschigen Quatsch. Minato zuliebe sagte er jedoch nichts.

Minato erging sich in einem minutenlangen Monolog über die große Tragik dieses Werkes sowie seiner sprachlichen Raffinesse und seiner Bedeutung für die Literatur. Dann begann er, von Aufführungen zu schwärmen, die aus irgendwelchen Gründen als besonders bedeutend für die Inszenierungsgeschichte des Werkes galten. Tobirama nickte ab und zu, streute hin und wieder ein »hm« ein und hoffte, interessiert genug zu wirken.

Er musste ein Aufatmen unterdrücken, als Minato endlich zum Ende kam. Ihm war anscheinend stattdessen etwas anderes in den Sinn gekommen.

»Tobirama, was macht deine Verletzung?«, erkundigte er sich.

»Ich bin noch mehr oder weniger in einem Stück, mehr kann ich nicht erwarten«, sagte Tobirama nüchtern. Warum dachten immer alle, er würde ihnen jeden Augenblick unter der Hand wegsterben? Er war kein gebrechlicher alter Mann!

Minato musste sichtlich ein Grinsen zurückhalten. »Ich übersetzte das einmal damit, dass Doktor Fuyuko dich noch immer am liebsten ans Bett fesseln würde, du aber schon längst über das Gröbste hinweg bist. Ich hätte da nämlich eine Idee.«

Tobirama wollte ihm schon sagen, dass er sich um seinen eigenen Kram kümmern sollte, bis er sich daran erinnerte, dass Minatos Verletzungen wahrscheinlich schon längst vollkommen abgeheilt waren. Er war jetzt immerhin ein jinchūriki und wie bei Mito würden seine Wunden schnell heilen.

»Was hältst du von einem kleinen Duell? Hiraishin gegen Hiraishin. Das wollte ich schon lange einmal ausprobieren.«

Das klang in der Tat interessant. Er erinnerte sich, dass Minato das schon vor einer ganzen Weile angesprochen hatte, aber es hatte sich einfach nie die Gelegenheit dazu ergeben. Also aßen sie rasch ihr Frühstück, die Frage jedoch, wer in der Zeit auf Naruto aufpasste, wurde erstaunlicherweise von Ōkami beantwortet.

»Welpe, hast du noch Sakumos Tragegeschirr?«, wollte sie wissen.

Tobirama sah sie fragend an. »Kann sein, dass das noch in irgendeiner Ecke auf dem Dachboden existiert. Wieso fragst du?«

»Hol es runter, dann kann ich den Welpen nehmen.«

Er sah sie verwundert an. Als Sakumo geboren worden war, hatte Tobirama ein Geschirr gebastelt, das er Ōkami hatte umlegen können und in dem sie das Baby hatte tragen können, so lange Sakumo noch nicht alt genug war, um sich selbst auf ihr zu halten. Da sie ja sonst niemanden außer Welpen ihres Rudels auf ihren Rücken ließ, erstaunte es ihn zutiefst, dass sie das nun von sich aus vorschlug.

»Na los, geh suchen«, wies Ōkami ihn an.

Der Dachboden war beinahe so staubig, wie er ihn vorgefunden hatte, als er zurückgekehrt war. Er hatte noch immer die ganzen Kisten hier oben kaum angerührt. Er musste eine ganze Weile überlegen, wo er damals das Geschirr hingeräumt haben könnte, als Sakumo zu groß dafür geworden war, fand es aber schließlich in einer der hinteren Ecken. Eine kurze Begutachtung ergab, dass es durchaus noch seinen Zweck erfüllte. Er brachte es nach unten und legte Ōkami die Gurte um. Sie fand keinen allzu großen Gefallen daran und zog hier und da mit den Zähnen daran, aber für Sakumo hatte sie es immer erduldet.

Mit Naruto auf dem Arm betrachtete Minato die Wölfin skeptisch. »Und das hält?«

»Natürlich«, betonte Tobirama. »Sakumo hat es geliebt. Das war teilweise die einzige Möglichkeit, wie wir ihn überhaupt zum Einschlafen bringen konnten.«

»Er war so ein lieber Welpe«, fügte Ōkami an. »Er wusste eben, dass er bei seinem Rudel am sichersten war.«

»Aha.« So ganz schien Minato noch nicht von der Idee überzeugt zu sein, aber dann vertraute er doch Naruto der Wölfin an. Naruto jedenfalls schien das interessiert zu verfolgen. Dann konnten sie endlich aufbrechen.

Sie wählten einen der Übungsplätze, die etwas außerhalb gelegen waren, weil jene, die zentraler gelegen waren, entweder zerstört worden waren oder derzeit noch anderweitig beim Wiederaufbau des Dorfes genutzt wurden. Ōkami trottete neben ihnen her, und Naruto schien begeistert vom sanften Wiegen ihres Ganges zu sein.

Bei dem Feld angekommen, nahmen Tobirama und Minato gegenüber Aufstellung und begrüßten einander angemessen, wie es der Brauch wollte. Ōkami hatte sich an den Rand des Feldes gesetzt und beobachtete das Geschehen entspannt. Naruto giggelte vor sich hin und versuchte, nach ihrem Fell zu greifen. Sie störte sich nicht daran.

»Dann zeig, wie gut du mein Jutsu wirklich beherrschst«, sagte Tobirama herausfordernd.

Minato erwiderte die Herausforderung mit einem für Tobiramas Geschmack noch viel zu selbstsicheren Grinsen. »Denk ja nicht, du müsstest mich mit Samthandschuhen anfassen.«

Dann war er verschwunden. Im selben Augenblick tauchte er bei Tobirama auf und schlug mit der Faust nach ihm. Tobirama tauchte unter dem Schlag hinweg und setzte zu einem Konter an. Wieder war Minato verschwunden, doch Tobirama konnte das Aufflammen des Siegels spüren, nach dem Minato gegriffen hatte, und folgte ihm augenblicklich, Kunai in der Hand.

Sehr bald schon durchschaute Tobirama Minatos Taktiken. Minato bevorzugte es, verschlagen zu kämpfen, mit geduckter Haltung, um selbst ein möglichst kleines Ziel zu ergeben, und stets auf Knie und Fersen seines Gegners zielend, um ihn möglichst rasch kampfunfähig zu machen. Es war schwer, ihn zu greifen. Aber das galt auch für Tobirama. Kaum setzte einer von ihnen zum Schlag an, war der andere auch schon wieder verschwunden, um erneut aus einer anderen Richtung anzugreifen.

Jeden anderen Gegner hätte Minato jetzt schon längst erledigt, doch Tobirama konnte mit Leichtigkeit mit ihm mithalten. Sie waren, zumindest war den Gebrauch von Hiraishin anging, einander ebenbürtig.

»Du wirkst ein wenig gelangweilt«, stellte Minato herausfordernd fest. »Bin ich dir noch nicht schnell genug?«

»So wirst du mich nie besiegen«, erwiderte Tobirama.

Schon längst hatten sie eine Reihe von Zuschauern, die ihr Duell mit wachsendem Interesse verfolgten. Viele feuerten Minato an, doch so manches Mal konnte Tobirama auch seinen Namen aufschnappen. Allerdings konnte er sich nicht vorstellen, dass es für diese Leute leicht wäre, der Geschwindigkeit ihres Kampfes zu folgen. Der Umstand, dass sie jeder Zeit an jedem Ort des Feldes auftauchen konnten, machte es schwer, den Überblick zu behalten, denn genau das war es, was Hiraishin so gefährlich machte.

»Ich fange gerade erst an.« Mit diesen Worten warf Minato ein Kunai.

Tobirama wusste genau, was jetzt kam. Minato allerdings erwies sich in der Tat als ausgesprochen schnell. Tobirama schaffte es nicht, rechtzeitig zu einer anderen Markierung zu springen, eine bemerkenswerte Leistung von Minato. Wie Tobirama es vorausgeahnt hatte, tauchte er in seinem toten Winkel auf und versuchte, einen Schlag nach ihm auszuführen. Das Jutsu, das er dabei benutzte, kannte Tobirama jedoch nicht. Es sah aus wie ein Fūton, ein rotierender Ball aus Chakra.

Tobirama hatte nicht vor, Minato den Gefallen zu tun, sich davon treffen zu lassen. Ein scharfer Wasserstrahl traf Minatos Hand und lenkte seinen Schlag ab. Tobirama packte ihn am Handgelenk und schleuderte ihn von sich. Minato schien anscheinend nicht damit gerechnet zu haben, dass er trotzdem noch in der Lage wäre, diesen Angriff mit größter Geschwindigkeit zu kontern, und konnte seinen Sturz nur gerade so anfangen. Sein Jutsu grub eine tiefe Furche in den Boden und verpuffte dann.

»Nicht schlecht«, sagte Tobirama anerkennend.

Minato rappelte sich wieder auf. »Ich hätte nicht gedacht, dass irgendwer mein Hiraishin: Ni no Dan kontern könnte.«

Tobirama schnaubte abfällig. »Was soll das werden? Willst du mich besiegen, indem ich mich ob solch alberner Namen zu Tode lache?«

Während Minato noch über eine angemessene Erwiderung darauf nachsann, aktivierte Tobirama die tätowierte Versiegelung an seinem linken Arm und hielt sogleich sein Raijin no Ken in Händen. Die Klinge gab einen summenden Laut von sich, als er sie schwang. Minato wirkte überrascht und Tobirama nutze diesen winzigen Augenblick für seinen Angriff. Sein alter Trick, seinen Körper mit einer hauchdünnen Schicht Wasser zu bedecken, sorgte dafür, dass er sich mit höchster Geschwindigkeit bewegen und sich gleichzeitig zu einem gewissen Grad vor Angriffen schützen konnte. Es war schwer, Wasser so präzise mit seinem Chakra zu manipulieren, daher rechneten die wenigsten damit, dass er dazu in der Lage war. Es machte ihn schwer zu fassen, nicht nur, weil er blitzschnell ausweichen konnte. Hashirama hatte gern gesagt, es sei, als würde er versuchen, einen Aal zu greifen.

Minato gelang es im letzten Moment, eine etwas mannsgroße und schwer gepanzerte Kröte zu beschwören, die Tobiramas Schlag abfing. Das Schwert schlug Funken, die sprühend davon sprangen. Dann war Minato fort. Er hatte also nicht vor, sich persönlich mit Tobiramas Klinge zu messen.

Na wenn das so war. Mit ein paar raschen Schwertstreichen überwand Tobirama die Kröte, die sich daraufhin wieder in Rauch auflöste, und wandte selbst sein Beschwörungsjutsu an. Er rief sein Wolfsrudel herbei, fünf große, graue Timberwölfe. Sie waren größer als ordinäre Tiere, wenn auch nicht so riesig wie Ōkami.

»Fass!«, befahl er seinen Wurfgeschwistern und deutete auf Minato.

Bellend und knurrend stoben sie davon. In einer Lawine aus Fell ging Minato erneut zu Boden, als die Wölfe ihn schwanzwedelnd unter sich begruben. Er lachte und erwehrte sich vergeblich ihrer Zungen, als sie ihn von Kopf bis Fuß ableckten und spielerisch in seine Arme und Beine zwackten.

Tobirama versiegelte erneut sein Schwert. Das Duell war damit wohl entschieden. Er ging zu Minato und half ihm wieder auf die Füße. »Gewonnen.«

Noch immer lachend klopfte sich Minato den Staub von der Kleidung. Die Wölfe liefen aufgeregt um sie herum, doch als einer von ihnen etwas zu dreist wurde und an ihnen hochsprang, wies Tobirama sie wieder zurück an ihre Plätze. Sie mochten seine Wurfgeschwister sein, aber in der Rangordnung des Rudels stand er noch immer über ihnen. Dann löste er das Jutsu wieder auf.

»Das war ein guter Kampf«, sagte Minato.

»Definitiv interessant«, stimmte Tobirama ihm zu. »Ich hätte nicht damit gerechnet, eines Tages einmal jemanden zu finden, der mit meiner Technik mithalten kann. Eine beeindruckende Leistung.«

»Ich muss mich bedanken für diesen wirklich lehrreichen Kampf.« Minato wollte wohl noch etwas sagen, doch dann entdeckte er jemanden unter den Zuschauern. Er winkte und ein weißhaariger Mann kam zu ihnen. »Jiariya-sensei, Sie sind zurück, wie schön!«

Tobirama musterte den Mann. Jiraiya schien in etwa in seinem Alter zu sein, etwas älter vielleicht. War er nicht einer von Tsunades Kameraden gewesen?

Jiraiya verbeugte sich vor ihm, als er zu ihnen trat. »Ich bin Jiraiya, Nidaime-sama, Minatos sensei. Sie werden sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern, ich war noch ein kleiner Junge, als Sie das Dorf verließen.«

»Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Tobirama nüchtern. Sich selbst musste er offensichtlich ja nicht mehr vorstellen.

»Das war wirklich eine beeindruckende Vorstellung, Minato, so einen Kampf sieht man nicht alle Tage«, fuhr Jiraiya fort. Dann wurde er ernst. »Ich habe gehört, was passiert ist, aber leider konnte ich nicht eher kommen. Ich wurde … aufgehalten.«

Das Lächeln verschwand von Minatos Gesicht, von einem Augenblick auf den anderen. »Kommen Sie, sensei, dann kann ich Ihnen alles in Ruhe berichten.«

Er verabschiedete sich von Tobirama, nahm Ōkami Naruto ab und ging dann mit Jiraiya von dannen. Ōkami trottete zu Tobirama und stupste ihn an, um ihn dazu zu bewegen, ihr das Geschirr wieder abzunehmen.

»Also ist Minato jetzt dein Gefährte, ja?« wollte sie wissen, während er die Ösen löste.

Er hielt mitten in der Bewegung inne und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Was soll dass denn heißen?«

Sie wedelte mit dem Schwanz, als sei nichts dabei. »Er jedenfalls hat sich dich als seinen Gefährten ausgesucht. Du weißt doch, ich kann solche Dinge erschnüffeln.«

Er seufzte schwer. »Mutter?«

»Ja?«

»Tu mir einen Gefallen und rede nie im Beisein anderer so über Minato.«

Minato be like: Don't get a boner. Don't get a boner. Don't get a boner. Oh fuck.

Minato zitiert hier überhaupt nicht subtil aus Romeo und Julia

Nächstes Kapitel: Kiss? Kiss.

16. Kapitel: 6. Kapitel: Das Herz erfragt zuerst Freude

Das Herz erfragt zuerst Freude

Ōkami tat ihm in der Tat den Gefallen und sah davon ab, Minato im Beisein anderer seinen Gefährten zu nennen. Gnädigerweise verzichtete sie auch im Beisein Minatos darauf. Tobirama versuchte allerdings gar nicht erst, sie von dem Gedanken abzubringen, wenn sie beide unter sich waren. Er wusste, dass es ein Kampf auf verlorenem Posten war.

Ihm war allerdings auch nicht entgangen, dass sie Recht hatte. Er war nicht blind, natürlich hatte er bemerkt, wie Minato ihn ansah. Allerdings war er sich nicht sicher, ob sich Minato dessen selbst bewusst war. Also schwieg er und ließ den Dingen ihren Lauf.

Das Wetter machte ihrem Vorhaben, das neue Teleskop angemessen auszuprobieren, einen Strich durch die Rechnung, als es sich in bester Herbstmanier präsentierte. Es war die ganze Zeit über bewölkt, kalt und windig. Regengüsse, die sich einmal sogar bis zu einem ausgewachsenem Herbststurm aufpeitschten, machten die Aufräumarbeiten in Konoha zu einer schlammigen Angelegenheit, und die Stimmung im Dorf war allgemein angespannt. Wie Hiruzen bereits gesagt hatte, war es Minato, der sich dafür verantworten musste; die ganze Wahrheit würde zu viele Unruhen verursachen, und gerade jetzt brauchten sie Stabilität.

Tobirama arbeitete mit Hochdruck daran, die Identität des Angreifers festzustellen, doch es war einfach keine einzige Spur zu finden. Er stand vor einem riesigen Berg an Fragen.

Die Sache mit den Suna-nin ließ ihm ebenfalls keine Ruhe. Ihm war bewusst, dass er niemals würde verhindern können, dass Neuigkeiten über den Vorfall nach außen durchsickerten. Wahrscheinlich hatten noch in dem Moment, in dem Kuybi wieder versiegelt war, die anderen Kage davon erfahren. Im übertragenen Sinne jedenfalls. Tobirama stellte einige Extrateams seiner Anbu ab, die die Grenzen überwachten und siehe da, sie fanden in der Tat einige Spione. Aus keinem von ihnen war jedoch etwas herauszuholen, sie alle waren geschickt worden, um Informationen über Kyubis Angriff in Konoha für ihre eigenen Dörfer einzuholen. Schnüffelnde Bastarde. Es war ja nicht so, als ob Tobirama das umgekehrt nicht ebenfalls getan hätte.

Gleichsam ging er auf die Suche nach demjenigen, der in sein Labor eingebrochen war. So eine Leiche konnte doch nicht einfach so spurlos verschwinden. Das Problem jedoch war, dass Tobirama nicht sagen konnte, wann der Diebstahl stattgefunden haben könnte. Es konnte genauso gut vor Jahrzehnten geschehen sein wie vor wenigen Monaten.

Die Zahl derer, die in der Lage wären, widerrechtlich in sein Labor einzudringen, konnte Tobirama an einer Hand abzählen, und die meisten davon lebten nicht mehr. Er stand vor einem Rätsel, das er nicht lösen konnte.

Es war bereits Dezember und das Jahr neigte sich allmählich dem Ende entgegen, als sich eine kurze Pause von ihrem Alltag abzeichnete. Der Winter war dieses Jahr früh gekommen und der erste Schnee war bereits Ende November gefallen. Dies stellte ein enormes Problem für all jene dar, deren Häuser und Wohnungen bei dem Angriff unbewohnbar geworden waren. Die Notunterkünfte, die Minato hatte einrichten lassen, waren nun wirklich nicht der beste Ort, um den Winter zu verbringen. Es wäre wirklich alles einfacher, wäre Hashirama noch da.

Nun, laut Kakashi gab es da ja diesen Jungen, aber der war auch von der Erdoberfläche verschwunden. Ein weiteres Rätsel, das Tobirama trotz all seiner Ressourcen nicht lösen konnte. Es machte ihn rasend.

Dann jedoch, in der ersten Dezemberwoche, klarte endlich der Himmel auf und wie auf sein Stichwort stand Minato vor Tobiramas Tür. Er hatte wohl auch nur auf eine Gelegenheit gewartet, all der Arbeit zu entkommen, die tagtäglich auf ihn wartete und die einfach nicht weniger werden wollte.

Die Sonne stand bereits zu tief hinter den Bäumen, also wurde aus der Sonnenbobachtung an diesem Tag wohl nichts mehr. Daher warteten sie, bis es vollends dunkel wurde. Dann zogen sie warme Kleidung an und Tobirama führte Minato hinaus in den Wald. Schon längst hatte er eine Stelle ausgekundschaftet, die sich bei gutem Wetter als Beobachtungspunkt eignete, ein kleiner Hügel draußen im Wald, der sich über die Bäume erhob. Er lag weit genug vom Dorf entfernt, dass die Lichter Konohas sie nicht mehr stören würden.

Minato hibbelte aufgeregt, als Tobirama noch damit beschäftigt war, ein paar letzte Feinjustierungen vorzunehmen.

»Der Mond ist noch nicht aufgegangen.«

»Hm. Geht erst in der zweiten Nachthälfte auf.« Da. Gefunden. Tobirama winkte Minato und deutete auf einen Stern. »Schau her. Siehst du die Sternengruppe da? Etwas über der schiefen Tanne dort hinten?«

Minato nickte.

»Jetzt schau durch das Okular.«

Minato tat dies und schraubte noch ein wenig an dem Rädchen, um die Sicht klarzustellen. Dann gab er einen erstaunten Laut von sich. »Das ist ja noch viel mehr.«

Tobirama lächelte zufrieden. Erster Erfolg des Abends. »Das trifft auf viele Sterne zu. Löst man sie auf, erscheinen sie als Doppelsternsysteme. Das dort ist sogar eine ganze Gruppe solcher Mehrfachsternsysteme. Mit höher auflösenden Okularen könnte man sogar noch mehr Sterne sehen.«

Minato lachte leise. »Wenn du so weiter machst, baust du am Ende noch eine ganze Sternenwarte in deinem Haus ein.«

Tobirama sann darüber einen Moment lang nach. »Das könnte ich tun. Platz wäre da.«

»Was war das? Ein Scherz? Von dir? Unerhörte Dinge geschehen!«

»Woher nimmst du die Annahme, ich würde scherzen?«

»Das kannst du doch nie und nimmer ernst meinen.«

Als Antwort sah Tobirama ihn lediglich durchdringend an. Im Dunkel der Nacht hatte das wahrscheinlich keinen so großen Effekt wie am Tag, aber die Botschaft kam dennoch an.

Tobirama richtete das Teleskop auf einen weiteren Stern. »Das ist ein weiteres Sternensystem in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem Sonnensystem«, erklärte er, während Minato es betrachtete. »Die beiden Sonnen bilden zusammen mit einem Roten Zwerg ein Dreifachsternensystem. Hast du schon einmal vom Dreikörperproblem gehört?«

»Ja, natürlich. Ein mathematisches Problem, das genutzt wird, um das Verhalten dreier Körper unter dem Einfluss ihrer eigenen Gravitation zu beschreiben. Diese bewegen sich zueinander üblicherweise im Chaosprinzip, und um quantitative Ergebnisse zu erzielen, muss die Gleichung des Dreikörperproblems numerisch gelöst werden.«

»Bei diesem Sternensystem wird vermutet, dass es gute Bedingungen für außerirdisches Leben bieten könnte. Dank seiner Nähe lässt es sich auch gut beobachten, es sind nur etwa vier Lichtjahre, womit es das nächstgelegene Sternensystem ist.«

»Aufgrund des Dreikörperproblems könnte es dennoch schwer werden, dass sich dort eine stabile Umwelt bildet.«

»Nicht unmöglich, aber schwer in der Tat. Komm, ich zeig dir noch etwas.« Tobirama richtete das Teleskop auf einen weiteren Himmelskörper und deutete dann auf die entsprechende Stelle am Himmel. »Da, der Stern, der ein wenig rötlich schimmert. Siehst du ihn?«

»Ja.«

»Jetzt schau.«

»Wow!«, rief Minato aus, als er erneut durch das Okular blickte. »Das ist ja gar kein Stern sondern ein Planet.«

Wieder schmunzelte Tobirama. Nächster Erfolg. »Ein Gasriese. Siehst du die Wolken?«

Einen Moment lang staunte Minato schweigend. »Das sieht wunderschön aus. Allein der Gedanke, dass ich gerade wirklich einen anderen Planeten in solchen Details betrachte!«

Tobirama beobachtete Minato, wie er sich über das Okular beugte. Minato hatte sich einen Schal um den Hals geschlungen, der ihm jedoch von der Schulter gerutscht war. Er war so begeistert von dem, was er da sah, dass er es anscheinend nicht einmal bemerkt hatte. Es war irgendwie, in Ermangelung eines besseren Wortes, niedlich mit anzusehen.

»Siehst du die beiden Punkte neben dem Planeten?«, fragte Tobirama. »Das sind Monde. Der Planet hat über ein Dutzend davon. Nicht alle davon sind gerade sichtbar und viele davon auch so klein, dass das Teleskop sie gar nicht auflösen kann. Aber diese beiden da gehören zu den größten, die schon ein einfaches Teleskop auflösen kann, weshalb sie schon vor einigen hundert Jahren entdeckt worden waren.«

Minato richtete sich wieder auf, um den Himmel mit bloßem Auge zu betrachten. Die Sterne funkelten über ihnen, Myriaden von winzig kleinen Punkten, die in das Schwarz des Nachthimmels geschnitten worden waren.

»Manchmal«, sagte er leise, »stelle ich mir vor, dass Kushina jetzt da oben ist, inmitten des Sternenmeeres, einen immerwährenden Erdaufgang bestaunend. Dass wir vielleicht eines Tages alle an diesen Ort gehen werden.« Er wandte sich Tobirama zu. »Was passiert, wenn wir sterben? Was kommt nach dem Tod? Weißt du das?«

Minato wollte jetzt sicher nicht hören, wie beim Sterbevorgang nach und nach die Organe versagten und die Nervenzellen im Hirn anfingen zu degenerieren, sobald sie nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wurden. Also schüttelte Tobirama nur den Kopf. »Das weiß ich nicht. Das weiß niemand.«

Nicht einmal seine Forschungen zu Edo Tensei hatten ihm diese Frage beantworten können. Was kam nach dem Tod? Er wusste es nicht. Es war jene eine Frage, die er nie hatte beantworten können und deren Erforschung selbst für ihn zu weit geführt hätte. Vielleicht war er schon zu weit gegangen.

Minato betrachtete ihn schweigend. Ohne einen weiteren Kommentar ergriff er seine Hand, verschränkte ihre Finger miteinander, lehnte seinen Kopf gegen Tobiramas Schulter und beobachtete weiter die Sterne über ihnen. Tobirama ließ es geschehen, strich gar mit dem Daumen über Minatos Hand. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen.

Trotz ihrer dicken Winterkleidung wurde es allmählich kalt, und doch wollte Tobirama noch nicht zurück nach Hause gehen. Irgendetwas hielt ihn hier. Das Teleskop stand vergessen neben ihnen. Tobirama stellte fest, dass er gern mit Minato einfach den Sternenhimmel über ihnen betrachtete.

»Neulich habe ich ein schönes Lied gehört«, sagte Minato in die Stille hinein. Er stimmte eine ruhige Melodie an und sang dann ein paar Strophen. »Stille Nacht umgibt mich an den Küsten wehmütiger See. Ein gütiges Herz machte mich glauben die Welt, wie ich sie wünsche.«

Tobirama lauschte. Er kannte das Lied nicht, aber die Melodie gefiel ihm. Als er den Blick von den Sternen löste, bemerkte er, dass Minato ihn betrachtete. Ein ganz besonderer Glanz lag in seinen blauen Augen.

»Tobirama, ich … ich möchte dich etwas fragen.«

»Nur zu.«

»Ich …« Verlegen senkte Minato den Blick. Er atmete tief durch, dann sah er doch wieder zu Tobirama. »Darf ich dich küssen?«

Tobirama betrachtete ihn ruhig. »Das darfst du.«

Erstaunlich, dass es so lange gedauert hatte, bis er diese Frage gestellt hatte.

Minato sah ihn mit großen Augen an, wie als könne er nicht glauben, was Tobirama da gesagt hatte. Zunächst noch zögerlich beugte er sich vor und berührte ganz leicht mit seinen Lippen Tobiramas, als wolle er diesen Moment nicht mit solch einem Affront zerstören. Doch dann wurde er mutiger und vertiefte die Berührung zu einem richtigen Kuss. Willig sank er in Tobiramas Arme, und Tobirama drückte ihn fest an sich, hielt ihn, als wollte er ihn nie wieder loslassen. Es fühlte sich richtig an. Es war das, was auch er wollte.

Minato klammerte sich an ihn wie ein Ertrinkender. Das änderte sich von einem Moment auf den anderen. Er kämpfte gegen Tobiramas Umarmung an, wand sich aus seinen Armen und stolperte zurück. Tobirama sah verwirrt zu ihm. Was war passiert?

»Ich … Das …« Minato schüttelte den Kopf. »Das war ein Fehler. Es tut mir leid, das hätte ich nicht tun dürfen.«

Dann war er verschwunden.

Tobirama blieb verwirrt und allein zurück. Was hatte Minatos Meinung plötzlich geändert? Er war sich sicher, dass Minato damit nur ein Begehren ausgesprochen hatte, dass er schon seit vielen Wochen gehegt hatte. Warum also nannte er es plötzlich einen Fehler?

Noch immer ratlos ob dem, was gerade passiert war, nahm er sein Teleskop und brachte es mit einem Hiraishin nach Hause. Wie es schien, hatte Ōkami bereits auf ihn gewartet, denn sie kam sogleich zu ihm getrottet.

»Ich kann wittern, dass was passiert ist, Welpe«, sagte sie geradeheraus. »Dein Gefährte kam soeben, schnappte sich seinen Welpen, stammelte verwirrt irgendetwas und verschwand dann wieder.«

Tobirama fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte. Warum waren Menschen nur so kompliziert?

Ōkami rieb ihren Kopf an ihm. »Was ist los?«

Sie schnüffelte an ihm und wusste wahrscheinlich in diesem Moment ganz genau, was los war. Er sagte es ihr dennoch. Sie sah ruhig zu ihm auf, ihr Schwanz wippte leicht von einer Seite zur anderen. Als er endete, legte sie den Kopf schief.

»Geh ihm nach«, sagte sie schlicht.

»Wieso sollte ich das tun?«, fragte er irritiert. »Er hatte nicht den Eindruck erweckt, dass er mich so schnell wieder sehen will.«

»Da habe ich aber ganz eindeutig etwas anderes gewittert«, stellte sie klar. »Na los, geh schon. Oder muss jetzt der Wolf dem Menschen seine fürchterlich komplizierten Paarungsrituale erklären?«

»Mutter!«, grummelte Tobirama. »Das ist … Du kannst doch nicht … Sag das nicht so.«

Ihre direkte Art war manchmal wirklich schwierig.

»Vielleicht hängt er noch an seiner alten Gefährtin«, schlug Ōkami vor. »Ihr Menschen wisst nie, wie man im Moment lebt.«

»Oh.« Und plötzlich ergab alles einen Sinn. »Oh!«

»Siehst du.« Ōkami wedelte stärker mit dem Schwanz.

Er strich ihr zum Abschied kurz über den Kopf. Dann brachte er sich mit einem weiteren Hiraishin zu Minatos Haus. Er besaß den Anstand, nicht einfach so hereinzuplatzen, sondern wählte die Haustür. Es war mitten in der Nacht, und um Naruto nicht zu wecken, klopfte er, statt die Klingel zu benutzen.

Einen Moment lang tat sich nichts. Vielleicht hatte Minato ihn nicht gehört. Tobirama klopfte erneut, ein wenig kräftiger dieses Mal. Erst dann hörte er Schritte von drinnen. Zögerlich öffnete Minato die Tür. Er hatte vergeblich versucht, den Fakt zu verbergen, dass er gerade noch geweint hatte. Seine Augen waren noch immer gerötet und glitzerten von unvergossenen Tränen.

»Möchtest du mich einlassen?«, fragte Tobirama sanft. »Wir können das natürlich auch zwischen Tür und Angel besprechen, aber ich nehme an, das ist nicht in deinem Sinne.«

Noch immer schweigend ließ Minato ihn ein. Tobirama konnte seine Unsicherheit spüren, als er Minato in das Wohnzimmer folgte. Das ganze Haus war dunkel, nirgends brannte eine Lampe.

Als er mitten im Zimmer stand, drehte sich Minato ruckartig zu ihm um. »Es tut mir wirklich Leid, was ich getan habe. Es war ein Fehler und ich werde es nie wieder tun. Versprochen.«

»Es war kein Fehler«, widersprach Tobirama mit sanfter Bestimmtheit. »Du hast mich darum gebeten und ich habe eingewilligt.«

»Aber … ich …« Schwer seufzend setzte sich Minato auf das Sofa und ließ den Kopf in die Hände sinken. »Kushina ist noch gar nicht lange unter der Erde, und ich werf mich schon in die Arme des erstbesten Typen, der vorbei kommt. Das ist … das ist …«

Tobirama setzte sich neben ihn, kam jedoch nicht näher. »Das ist?«

»Das macht man nicht!«, rief Minato aufgebracht aus. »Das hat sie nicht verdient!«

»Warum macht man das nicht?«, fragte Tobirama ruhig nach. »Und wer ist ›man‹?«

Die Frage schien Minato aus der Kalten heraus zu erwischen. Irritiert sah er zu Tobirama. »Na, alle …«, sagte er wage und gestikulierte unbestimmt. »Keine Ahnung. Sollte man nicht erst eine gewisse Zeit lang trauern? Das gehört sich so.«

»Und wie lang wäre diese Zeit?«, fragte Tobirama weiter.

Minato zuckte mit den Schultern. »Ein Jahr?«

»Und wenn dieses Jahr noch nicht vorbei ist, wenn auch nur ein Tag noch fehlen würde, wäre es dann immer noch moralisch verwerflich?«

»Ich … denke nicht?«

So langsam schien er zu begreifen. »Niemand kann dir vorschreiben, wie du trauerst. Das ist deine Sache allein, und du tust nur das, was sich für dich gut und richtig anfühlt. War das der Fall?«

Zögerlich nickte Minato. »Ja.«

»Also ist auch nichts falsch daran.«

»Aber … Kushina …«

»Ich habe sie bedauerlicherweise nur kurz kennen dürfen, aber ich bin mir sicher, dass sie wollen würde, dass du wieder Glück und Freude im Leben findest und nicht für immer der Vergangenheit nachtrauerst und dem, was hätte sein können aber nicht hatte sein dürfen. Wenn ich auch nur eine Sache von Hashirama gelernt habe, dann, dass es genug Liebe in der Welt für alle gibt.«

Minato sah ihn einen Augenblick lang schweigend an. Seine Lippen zitterten. Dann brach er erneut in Tränen aus. Wortlos zog Tobirama ihn in seine Arme, und Minato heulte sich mal wieder an seiner Schulter aus.

Tobirama gab ihm die Zeit, die er brauchte, und dieses Mal blieb Minato. Er nahm die Umarmung an und als er sich allmählich wieder beruhigte, kuschelte er sich gar noch ein wenig fester an Tobirama. Er schniefte und wischte sich die letzten Tränen aus den Augen.

»Darf ich dich noch mal küssen?«

Tobirama schnaubte amüsiert. »Willst du mich jetzt jedes Mal fragen?«

»Na ja …« Doch dann fasste sich Minato ein Herz und küsste ihn.

Allzu bereitwillig erwiderte Tobirama den Kuss. Er war froh, dass sie das endlich hatten klären können, und vor allem, dass Minato hatte überwinden können, was ihn zurückhielt, auch wenn es ihm schwer gefallen war.

Vielleicht, weil es bequemer war, vielleicht aber auch, weil er so Tobirama näher sein konnte, setzte sich Minato rittlings auf seinen Schoß. Ihr Kuss wurde hitziger. Minato krallte seine Hände in Tobiramas Hemd. Er begann, es nach oben zu schieben.

Ah. Dann war es wohl Zeit, ihm noch etwas zu sagen. Tobirama hatte bisher gezögert, weil er einfach nicht wusste, wie er es am besten ansprechen sollte. Mit Chio war es einfach gewesen. Sie hatte ihn gefragt, warum er als ihr danna zugelassen hatte, dass jemand anderes ihre mizuage erwarb, und er hatte es ihr gesagt, kurz und knapp. Das war etwas, das er auf geschäftlicher Ebene hatte betrachten können. Jetzt aber war es weitaus persönlicher.

Er hielt Minato auf, indem er seine Handgelenke sanft aber bestimmt griff. Minato sah ihn fragend an.

»Habe ich etwas falsch gemacht? War ich zu voreilig?«

Tobirama schüttelte den Kopf. »Das hat nichts mit dir zu tun, sondern … mit mir. Ich, ahem … ich mag das nicht. Mit niemandem.«

Minato blinzelte verwirrt. »Aber du hast doch einen Sohn.«

»Korrekt. Chio und ich wollten ein Kind, und Sex ist nun einmal eine Notwendigkeit dafür. Das muss aber nicht heißen, dass es mir sonderlich viel Vergnügen bereitet hat. Eine rein technische Notwendigkeit.«

Er spürte, wie ihm die Wangen brannten, und verlegen wandte er den Blick ab.

Minato musterte ihn im hereinfallenden Licht der Straßenlaterne. »Sag mal, hab ich dich gerade zum Erröten gebracht?«

»Bild dir was drauf ein«, grummelte Tobirama.

Minato lachte auf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Das ist niedlich.«

Tobirama wollte grummeln. Er wollte abstreiten, dass er in irgendeiner Weise »niedlich« sei. Aber er konnte es einfach nicht. Es war zu schön, Minatos Begeisterung zu sehen. Er lächelte.

Naruto mit seinem untrüglichen Sinn für unpassendes Timing wählte genau diesen Moment, um ihnen unmissverständlich mitzuteilen, dass er Aufmerksamkeit wollte. Noch immer leise lachend kuschelte sich Minato noch einmal an Tobirama, dann stand er auf. Tobirama folgte ihm nach oben, wo das Kinderzimmer war.

Naruto hatte schon vom Moment seiner Geburt an deutlich gemacht, dass er eine kräftige Stimme besaß, und setzte sie gern und freizügig ein, um seinen Willen kundzutun. Minato hob ihn aus seiner Wiege und wiegte ihn auf seinen Armen. Er lächelte.

»Du kleiner Rabauke«, schnurrte er. »Lässt deinem Papa auch keinen Moment der Ruhe.«

Tobirama trat zu ihm und legte ihm einen Arm um die Hüfte, während er auf Naruto blickte. »Meiner Erfahrung nach tun Kinder das sehr gern. So war es mit Miyazaki in dem Alter und mit Sakumo und auch Tsunade und ganz besonders schlimm war es mit Nawaki. Der hat uns nie schlafen lassen. Naruto hat Hunger, ich geh seine Milch warm machen.«

Minato knuddelte noch immer Naruto, warf aber Tobirama ein Lächeln zu.

Tobirama ging wieder nach unten, schaltete das Licht in der Küche an und ging auf die Suche nach der Babynahrung. Die nächste Hürde stellte der Herd dar, weil er einen Moment brauchte, um die Funktion der Knöpfe herauszufinden, aber auch das war schnell gelöst. Minato kam wieder zu ihm, als die Milch bereits warm wurde. Naruto hatte mittlerweile aufgehört zu schreien, quengelte aber noch immer.

»Gib ihn mir«, bat Tobirama, als er die Flasche gefüllt hatte.

Minato legte Naruto in seine Arme. Kritisch sah das Baby zu Tobirama auf, fand dann aber doch die Nuckelflasche spannender. Sogleich kehrte Ruhe ein. Glücklich lächelnd betrachtete Minato Tobirama mit seinem Sohn.

»Ich …« Er schniefte, aber dieses Mal waren es Freudentränen. »Ganz ehrlich, mir geht das Herz auf, wenn ich dich so sehe mit Naruto.«

Tobirama schmunzelte. »Ach? Ist das so?«

»Ja.« Minato umarmte ihn und legte den Kopf an seine Schulter, während er Naruto beobachtete. Der nuckelte eifrig an seinem Fläschchen und interessierte sich für nichts anderes. Minato strich ihm über sein rundes Pausbäckchen.

»Tobirama, kann ich dich um etwas bitten?«

»Natürlich. Immer doch.«

Minato drückte sich noch etwas fester an ihn. »Bleibst du heute Nacht bei mir? Ich kann immer noch nicht gut schlafen, weil … Es ist so still und leer. Alpträume plagen mich.«

Tobirama gab ihm einen Kuss auf sein Haar. »Selbstredend.«

Naruto war indes eingeschlafen. Sie brachten ihn zurück in sein Bett, und weil Mitternacht schon lange vorüber war, gingen sie danach selbst schlafen. Es war für Tobirama ungewohnt, die Nacht nicht in seinem eigenen futon zu verbringen, zumal Minato nicht einmal ein futon, sondern ein Bett besaß, aber es störte ihn auch nicht weiter. Unter der Decke kuschelte sich Minato fest an ihn, wie als wolle er ihn auch ja nie wieder loslassen, damit er ihm nicht abhanden kam. Es war irgendwie niedlich.

»Weißt du, es ist schon irgendwie komisch«, sagte Minato.

Tobirama musste ein Gähnen unterdrücken. Er hatte schlafen wollen, es war spät genug. »Was denn?«

»Als ich noch zur Akademie ging, hab ich manchmal mit den anderen Jungs geflirtet, aber sie haben mich dafür gehänselt und ich hab‘s gelassen. Dann hab ich Kushina kennengelernt und dachte, das wäre nur so eine Phase gewesen, und hab nicht mehr darüber nachgedacht. Aber dann hat mir Jiraiya-sensei von dir erzählt und was du alles geleistet hast. Je mehr ich von dir las, umso faszinierter wurde ich von deinen Gedanken. Ich wusste: Das ist ein Mann, dem ich nacheifern will. Und, ich gestehe, ich hatte als Jugendlicher ein klein bisschen für dich geschwärmt.«

Tobirama schnaubte amüsiert. »Nach ›ein klein bisschen‹ sieht mir das hier aber nicht aus.«

Minato lachte und rieb seine Nase an Tobiramas Hals.

»Ich hab mich schon gewundert, wie lange du noch brauchst, um es herauszufinden.«

»Was? Wie lange wusstest du das schon?«

»Schon seit einer Weile. Ōkami kann solche Dinge erschnüffeln.«

Stöhnend drückte Minato sein Gesicht in Tobiramas Hemd. »Das ist peinlich.«

»Aber als Jugendlicher für dein Idol schwärmen und ihm das auch noch sagen, ist dir nicht peinlich?«

»Nö.« Minato grinste ihn an. »Das war eine einmalige Gelegenheit. Ich sah meine Chance und habe sie ergriffen. Ich meine, wie oft passiert es, dass dir dein Jugendschwarm, den alle für tot hielten, ausgesprochen lebendig vor die Füße fällt?«

»Über das ›lebendig‹ lässt sich zu jenem Zeitpunkt streiten.«

Minato strich über seine Narben, fühlte die Unebenheiten, wo die Wundränder nicht mehr richtig zusammengewachsen waren. »Ich habe mich in dich verliebt. Eine seltsame Fügung des Schicksals nach der anderen führte dazu, und ich habe mich in dich verliebt.«

Tobirama zog ihn fester in seine Arme und drückte ihm einen Kuss auf sein Haar.

»Das Herz erbittet zuerst Freude«, murmelte Minato. Dann war er eingeschlafen.

 

Sie wurden von einem Klingeln an der Tür geweckt. Ein verschlafener Blick auf die Uhr auf dem Beistelltisch verriet Tobirama, dass es bereits auf den Mittag zuging. Mal wieder verschlafen. Minato bracht seinen Schlafrhythmus ganz durcheinander.

Minato murmelte etwas im Halbschlaf und schlang die Arme um ihn. Tobirama pulte ihn vorsichtig von sich ab.

»Ich geh nachsehen, wer da was von dir will.«

Noch immer schlaftrunken maulte Minato seinen Protest, aber da war Tobirama schon aus dem Bett. Als er die Haustür erreicht hatte, wusste er bereits, dass es Kakashi war.

»Guten Morgen, sensei. Ōkami-san meinte, Sie wüssten, wo To … Oh.« Kakashi sah ihn überrascht an, als er die Tür öffnete.

»Guten Morgen«, erwiderte Tobirama. »Guten Tag, wohl eher.«

»Äh.« Sichtbare Verwirrung stand auf Kakashis Gesicht, als er die Puzzleteile zusammenzufügen versuchte.

Mittlerweile hatte sich auch Minato nach unten bequemt. Er gähnte und streckte sich, trat zu Tobirama und legte in einer eindeutigen Geste den Arm um ihn. »Hey, Kakashi, was gibt‘s?«

Kakashi sah zwischen ihnen hin und her und schien dann einfach zu beschließen, die Sache so hinzunehmen, wie sie ihm präsentiert wurde. »Tsunade kam gerade zurück.«

Tsunade war nun doch seiner Bitte gefolgt? Was hatte ihre Meinung geändert?

»Das sind großartige Neuigkeiten! Oder?« Minato sah zu ihm.

»Bitte entschuldige mich«, sagte Tobirama ihm. »Ich will sie nicht warten lassen.«

»Natürlich. Geh nur.«

Eilig warf er sich seine Sachen vom Vortag über und verabschiedete sich dann von Minato mit einem Kuss. Kakashi hatte derweil auf ihn gewartet und sie gingen nun gemeinsam nach Hause.

»Du und mein sensei, ja?«, war alles, was Kakashi dazu sagte.

»Wüsste nicht, warum du die Nase in jede meiner Angelegenheiten stecken musst«, grummelte Tobirama.

»Bin ja nur ich, der sich früher bei Training immer hatte anhören müssen, wie toll Nidaime Hokage sei und dass wir ihn uns zum Vorbild nehmen sollen.«

Tobirama sah ihn finster an, doch Kakashi vergrub lediglich die Hände in den Taschen und pfiff eine Melodie vor sich hin.

Tsunade war also zurückgekommen. So wirklich hatte Tobirama nicht mehr daran geglaubt, aber jetzt, wo es so weit war, wusste er nicht so wirklich, wie er ihr gegenüber treten sollte. Sie war gerade einmal sieben Jahre alt gewesen, als er sie das letzte Mal gesehen hatte und jetzt war sie älter als er. Er hatte das, was es an Unterlagen über sie in Konoha noch gab, studiert, und Hiruzen hatte ihm vieles erzählt. Und doch …

Er spürte ihr Chakra. Er spürte, wie sie in seinem Haus unruhig auf und ab lief. Er spürte auch den unterschwelligen Zorn, der in ihr schwelte. Er konnte es ihr nicht einmal verübeln.

Sie erstarrte mitten im Raum, als er die shōji-Tür zur Seite schob. Mit schockgeweiteten Augen starrte sie ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen. Hatte sie wirklich nicht geglaubt, was Kakashi ihr gesagt hatte?

»Gut siehst du aus, Tsuna-chan«, stellte er fest.

Sie war groß geworden, eine beeindruckende Frau. Er spürte die Kraft in ihrem Chakra, das hatte sie von ihrer Großmutter geerbt. Noch immer trug sie ihr blondes Haar zu zwei Pferdeschwänzen gebunden. Mit leichtem Amüsement stellte Tobirama fest, dass Tsunade ein Jutsu benutze, um jünger zu erscheinen, als sie tatsächlich war.

Mit drei langen Schritten war sie bei ihm und hämmerte ihm ihre Faust in die Eingeweide. »Du Bastard!«

Tobirama grunzte schmerzvoll auf. Und das auf leeren Magen. Definitiv Mitos Kraft. Er hatte den Schlag kommen sehen, er hätte ihm ausweichen können. Etwas sagte ihm, dass Tsunade jedoch genau das brauchte, ein Ventil, um ihrem Frust freien Lauf zu lassen. Das würde er schon überleben.

»Du Bastard!«, schrie sie ihn erneut an. »Du hast mir versprochen, dass du zurückkommst! Versprochen hast du es mir, wie Opa! Und wie Opa hast du dein Versprechen gebrochen! Weil dieses scheiß Dorf dir wichtiger war!«

Worte wie Peitschenhiebe. Sie schmerzen mehr als jeder Schlag, den Tsunade hätte austeilen können. Er wollte ihr sagen, dass er in seinen letzten Momenten an nichts anderes mehr gedacht hatte, als daran, zu seiner Familie zurückzukehren. Aber das würde in diesem Moment nur auf taube Ohren stoßen. Also ertrug er es, wie sie mit ihren Fäusten auf seine Schultern einhämmerte, glücklicherweise schon nicht mehr mit ihrer ganzen Kraft. Sie hatte ja Recht. Er hatte sie alle im Stich gelassen.

»Das alles hier ist ein verfickter Scheißhaufen, und er war dir wichtiger als deine Familie!«, fuhr Tsunade mit unverminderter Lautstärke fort. »Du hast dein Leben fortgeworfen für nichts und wieder nichts und jetzt tauchst du hier einfach so auf, als sei nie etwas gewesen! War es das wert? Sag es mir! War es das wert gewesen?!«

Sie packte ihn beim Kragen, sodass er gezwungen war, sich zu ihr hinunterzubeugen. Kakashi war schon längst in sicherer Entfernung in Deckung gegangen.

»Ja und nein«, sagte er so ruhig, wie er nur konnte und löste vorsichtig ihre Finger aus seiner Kleidung. Sie ließ es zu. Gut. »Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht bedauere, was geschehen ist, und würde ich es rückgängig machen können, ich würde es tun. Ich habe einen unverzeihlichen Fehler gemacht, der dir sehr viel Schmerz zugefügt hat. Ich kann das nicht mehr gut machen.«

Tsunade zitterte vor Wut. Tränen glitzerten in ihren Augen. »Sag mir nur eines: Wusstest du es?«

»Wusste ich was?«

Er sah sich einem Sharingan gegenüber. Vollkommen sprachlos starrte er in Tsunades Augen. Drei schwarze tomoe in einem tiefen Karmesinrot. Ohne Zweifel ein Sharingan.

»Über dem kalten Körper Nawakis.« Tsunades Stimme war dunkel vor Zorn. »Oma war dabei und auch Mutter. Und weißt du, was Oma dazu sagte? ›Oh. Dann war es doch Madara gewesen.‹ Das waren ihre Worte gewesen. Ich hab sie bis heute im Ohr. Nur das. Als sei nichts dabei gewesen, dass mein ganzes Leben eine Lüge gewesen war.«

Tobirama verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte Tsunade nur ein Sharingan besitzen?

»Verstehst du nicht oder willst du nicht verstehen?«, knurrte Tsunade. »Kannst du, den alle für so intelligent halten, das Offensichtliche nicht begreifen? Mein richtiger Großvater war Uchiha Madara gewesen.«

Tobiramas gesamtes Weltbild wurde erschüttert. »N-nein. Das wusste ich nicht«, stammelte er, weil ihm nichts anderes einfiel. »Niemand wusste das.«

Tsunade sah ihn schweigend an mit diesem furchtbaren Sharingan, das es nie hätte geben dürfen. Noch immer zitterte sie. Stumm liefen ihr die Tränen über die Wangen. Weil er nicht wusste, was er sonst machen sollte, zog er sie wortlos in seine Arme. Sie schluchzte auf und klammerte sich an ihn.

»Hab dich vermisst, Tobi-oji. Ich hab dich so schrecklich vermisst.«

Erinnert euch daran, wie Kushina sagte, dass Mito eine zweite Schwangerschaft hatte, sie aber das Kind verlor, weil sie da schon jinchuriki war. Let that sink in. Das war übrigens noch nicht alles zu dem Thema ^^

Zu den hier erwähnten Konstellationen: Das sind die Pleiaden, Alpha Centauri sowie Jupiter mit den Galileischen Monden, auch wenn nicht alle an unserer nördlichen und südlichen Hemisphäre gleichzeitig zu beobachten sind. Aber hey, künstlerische Freiheit. Und ja, das Dreikörperproblem ist ein tatsächlich existierendes mathematisches Problem (und der Titel des ersten Bandes von Liu Cixins Reihe, The Three-Body Problem). Wenn Minatos Flirting Methode ist, sich passiv-aggressiv an Tobirama zu heften, dann ist Tobiramas Methode "Fuck yeah, science!"

Das Songzitat ist aus The Heart Asks Pleasure First von Nightwish

Nächstes Kapitel: Tsunade hat eine Menge zu erzählen.

17. Kapitel: Kapitel 7: Alte und neue Bande

Kapitel 7: Alte und neue Bande
CN Misgendern, TERF talk

Bei der ganzen Aufregung hatte Tobirama gar nicht darauf geachtet, dass Tsunade nicht allein gekommen war. Ihre Begleiterin stellte sich als Shizune heraus, Tsunades Lehrling.

»Sie ist Dans Nichte. Wer Dan war, sag ich dir gleich.«

Zu fünf setzten sie sich an den Tisch und Tobirama brachte ihnen sake. Ihm stand jetzt der Sinn nach etwas stärkerem als bloß Tee. Während er noch die Schalen und die Flasche besorgte, begrüßte auch Ōkami Tsunade und überschüttete sie mit ihrer stürmischen Wolfsliebe, als sie ihr eifrig das Gesicht ableckte. Shizune bekam beinahe einen Herzstillstand, als Ōkami dabei auch ihre Zähne zeigte, und Tobirama musste sie beruhigen, dass es völlig normales Wolfsverhalten war, ein anderes Rudelmitglied mit sanften Bissen zu begrüßen, die nicht verletzten. Shizune war noch immer nicht beruhigt und das Schweinchen auf ihrem Arm quiekte ängstlich.

»Das«, sagte Tsunade und deutete auf das Tier, »ist Tonton, mein Glücksbringer.«

Tobirama verkniff sich eine Bemerkung in Bezug auf Tsunades etwas unrühmliche Reputation. »Ich habe bereits einiges von Saru gehört, wie es dir in der Zwischenzeit ergangen ist. Aber ich würde mich freuen, es von dir zu hören. Was hat dich bewegt, nun doch zurückzukommen? Und warum bist du überhaupt gegangen?«

Tsunade leere ihre Sakeschale auf Ex und füllte nach, bevor sie antwortete. »Es fing mit diesem Typen an, der sich mein Vater schimpft. Ist eines Tages einfach abgehauen und hat Mama mit Nawaki und mir sitzen lassen.«

Oh ja, Tobirama erinnerte sich sehr gut an diesen Kerl. Er hatte noch immer nicht schlecht Lust, ihn zu erwischen und ihm auf unmissverständliche Weise klar zu machen, was er von ihm hielt. Nawaki war nicht einmal ein Jahr alt gewesen, als er einfach abgehauen war. Tobirama hatte seinen Bruder beinahe nicht zurückhalten wollen, etwas sehr Unüberlegtes zu tun. Hashiramas Zorn war berechtigt gewesen.

»Und dann das mit Opa«, fuhr Tsunade fort. »Und zwei Jahre später bist du dann auch noch verschwunden und alle dachten, du seist auch tot. Das scheint so ein Ding zu sein, das sich durch meine Familie zieht. Weißt du noch, wie Nawaki immer allen sagte, dass er mal Hokage werden wollte? Tja, und dann ist er nur ein Tag nach seinem zwölften Geburtstag gestorben. Dan hatte denselben Traum und auch Dan ist gestorben. Scheint so, dass alle, die auch nur daran denken, mal Hokage zu werden, zu Tode verurteilt sind. Natürlich habe ich so meine Probleme damit.«

Tobirama konnte verstehen, woher ihre Sorgen kamen. Sie hatte zu viele ihr nahe stehende Personen sterben sehen. »Wer war nun Dan?«

»Ich hab ihn geliebt.« Tsunade sagte es mit fester Stimme, aber Tobirama konnte noch immer den Schmerz in ihrem Chakra spüren. »Ich hab ihn kennengelernt, als ich anfing, mich für eine Reform der medizinischen Versorgung einzusetzen. Er war noch ein Unbekannter, aber er hatte dieselben Gedanken und Ziele. Gemeinsam machten wir uns dafür stark und erreichten viel. Aber dann starb auch er und ich konnte ihn nicht retten. Ich hab meinen Kopf mit diesem ganzen medizinischen Kram vollgestopft und es war doch nicht genug. Ich bin halt nicht Opa.«

Tobirama ergriff ihre Hand und hielt sie zwischen seinen. Tsunade sah auf seine fehlenden Finger.

»Aber du bist du«, betonte er. »Und mehr kann niemand von dir verlangen. Ich habe mir angesehen, was du geleistet hast und es ist beachtlich. Hashirama wäre ganz sicher stolz auf dich. Ich auf jeden Fall bin es.«

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Das ist es halt. All die Jahre dachte ich, es wäre was mit mir kaputt, weil ich kein Mokuton hab. Mama nicht, Nawaki nicht, ich nicht. Stattdessen hab ich diese Augen bekommen und da war es natürlich klar. Aber ich nenne Opa trotzdem noch immer Opa, obwohl er es gar nicht war.«

»Familie ist das, was wir daraus machen.« Es war diese Lektion, die Tobirama gelernt hatte, als er Butsuma getötet hatte. Es spielte keine Rolle, ob Miyazaki nun Hashiramas leibliche Tochter gewesen war oder nicht, natürlich war sie dennoch Familie.

»Irgendwie schon«, sagte Tsunade leise. »Weißt du, es ist nicht nur ein gewöhnliches Sharingan. Als … als Dan … als er mir unter den Händen wegstarb, da … ist was passiert. Aber ich hab‘s nie benutzt. Wollte ich auch nie. Ich hatte überlegt, ob ich zu Hayao gehe, weil er wegen Kagami der einzige Uchiha war, mit dem ich wenigstens ein bisschen was zu tun hatte, aber hab‘s dann gelassen. Ich hab‘s einfach ignoriert. War einfacher. Es wissen außer euch eh nur sensei, Jiraiya und Orochimaru davon.«

Und Hiruzen hatte es Tobirama nicht gesagt.

Tsunade schien erraten zu haben, was er dachte. »Ich hab sensei gesagt, er soll es niemandem sagen. Scheint so, als habe er Wort gehalten. Wenigstens eine Sache, die er nicht verbockt hat.«

»Wie kam es, dass du dich so mit Saru zerstritten hast?«, wollte Tobirama wissen.

Tsunade grummelte. »Weißt du das mit Tante Chio und Mama? Und was sie mit Oma gemacht haben?«

Tobirama nickte.

»Dann kannst du es dir doch denken. Ich war so … wütend, als sensei eines Tages Kushina anschleppte und sie Oma unter die Nase hielt. Sie war doch noch ein Kind! Und sensei wusste, was mit Oma beinahe geschehen wäre, als das Siegel fast gebrochen wäre. Er hatte trotzdem Kushina dieses Schicksal aufgezwungen und ihr Leben ruiniert.«

»Ich glaube, Kushina war ganz glücklich.« Es war das erste Mal, dass Kakashi sprach, seit er mit Tobirama nach Hause gekommen war.

»Und trotzdem ist sie jetzt tot«, konterte Tsunade. Dann seufzte sie. »Ich glaube, Oma war einfach müde. Ich mein, guck dir an, was vom Clan geblieben ist. Das ist ein Witz. Er ist nach und nach in Bedeutungslosigkeit versunken. Es ist eine Schande, wie Konoha einen der Gründungsclans behandelt. Mama hatte es irgendwann einfach aufgegeben, noch dagegen anzukämpfen und von dem Moment an waren die Senju nur noch ein Schatten ihrer selbst. Oma hatte mit angesehen, wie sensei zugelassen hat, dass Uzushio zerstört wird. Weißt du schon davon?«

Tobirama nickte erneut.

»Und dann hatte er auch noch die Dreistigkeit besessen, Oma Kushina unterzuschieben und sie sich darum kümmern lassen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Gleich am Tag nach Mamas Beerdigung, hab ich mir gesagt, dass die hier alle mich mal kreuzweise können, hab Shizune geschnappt und bin abgehauen. Ich wollte damit eigentlich nie wieder was zu schaffen haben, und hab sensei gesagt, dass er zusehen kann, wo er bleibt, und gar nicht dran denken braucht, mich irgendwie zur Umkehr zu bewegen. Tja, und dann tauchst du einfach so auf, Tobi-oji.«

»Was hat dich zur Umkehr bewegt?«, fragte Tobirama. »Es ist beinahe zwei Monate her, dass ich Kakashi zu dir schickte.«

Tsunade sah ihm fest in die Augen. Es war bemerkenswert, wie sehr sie gereift war. Noch immer erkannte er in ihr das kleine Mädchen, das er zurückgelassen hatte, aber dieses Mädchen war zu einer Frau geworden, die viel gesehen und noch mehr erduldet hatte. Vierzig Jahre waren eine viel zu lange Zeit.

»Ganz ehrlich: Ich hatte es zunächst nicht vor«, sagte sie geradeheraus. »Da taucht so völlig aus dem Nichts Kakashi vor mir auf und behauptet, sein Großvater, mein Großonkel, sei von den Toten wieder auferstanden. Zugegeben, für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt, ich hätte einen über den Durst getrunken. Ich hab‘s versucht zu ignorieren, war eine bewehrte Taktik der Vergangenheit. Hat nicht wirklich funktioniert. Na ja, und dann hab ich gehört, was mit Kushina passiert ist. Und jetzt bin ich hier.«

»Wie du siehst, bin ich noch in einem Stück. Mehr oder weniger.«

Tsunade griff nach seiner verstümmelten Hand und betrachtete sie mit offensichtlich fachkundigem Blick. »Was ist genau passiert? Wie hast du das angestellt?«

Sie lauschte aufmerksam, als er ihr von seinem Kampf mit den Gold und Silber Brüdern berichtete. Er hatte zunächst vorgehabt, die unschöneren Details auszulassen, doch sie fragte nach, also erzählte er auch das. Sie verlangte sogar, dass er ihr die große Narbe zeigte, die er aus dem Kampf davon getragen hatte. Eine ganze Weile betrachtete sie sie und drückte hier und da herum.

»Eigentlich praktiziere ich ja nicht mehr, aber …«, begann sie. »Das ginge noch besser, aber wohl in Anbetracht der Umstände haben die Leute im Krankenhaus doch gute Arbeit geleistet. Wirklich schön verheilt ist das aber nicht.«

»Ich hab nicht vor, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen.«

Tsunade sah ihn überraschend streng an. »Damit meinte ich eigentlich, dass du wieder nicht still sitzen konntest, wie dir gesagt worden war. Habe ich Recht?«

Verdammt. Sie war wirklich kein kleines Mädchen mehr.

»Ich hab zu tun«, knurrte er.

»Und riskierst damit dauerhaft deine Gesundheit«, konterte sie. »An dem, was von deiner Hand noch übrig ist, wird man auch mit Physiotherapie nicht mehr viel machen können, sie wird eingeschränkt bleiben. Und auf magische Weise ein Stück Lunge herbeizaubern kann ich auch nicht. Pass nur auf, dass du es nicht verschlimmerst, ansonsten kann es sein, dass du noch den kompletten Lungenflügel verlierst. Und das willst du nicht.«

Das war irgendwie nicht das, was er sich vorgestellt hatte, wie ihr Wiedersehen verlief. Musste er sich jetzt wirklich von seiner Nichte schelten lassen wie ein kleines Kind? Er sah verstimmt zu ihr auf. Tsunade ließ sich davon nicht beeindrucken. Mit einem Grummeln ließ er das Thema fallen.

»Was willst du jetzt tun?«, fragte er stattdessen.

Tsunade setzte sich wieder an ihren Platz und starrte eine ganze Weile in den Sake in ihrer Schale. Dann hob sie die Schale und trank den Alkohol in einem Zug. »Ich werd wohl erst mal eine Weile hier bleiben, denke ich. Mal sehen. So sicher bin ich mir noch nicht. Wird sich wohl zeigen, was sich ergibt.«

Er lächelte und atmete auf. Irgendwie hatte er befürchtet, dass Tsunade gleich wieder gehen würde, und er wusste nicht, ob er das einfach so einfach würde wegstecken können. »Du weißt, du bist hier immer zu Hause.«

Sie grinste, dasselbe schiefe Grinsen, das auch Hashirama immer zur Schau getragen hatte. »Auf dem Papier ist das hier mein Haus, das du dir einfach so geschnappt hast.«

Er schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Werd nicht frech.«

»Sonst was?« Sie sah ihn herausfordernd an. »Vergiss nicht, dass ich jetzt älter bin als du.«

Ah, ja. Dieser etwas irritierende Fakt, dass seine Nichte in der Tat ganz plötzlich ein paar Jahre mehr als er zählte. Zeitreisen waren so fürchterlich verwirrend.

Tsunade wurde wieder ernst. »Tobi-oji, hast du eigentlich schon gesehen, was Oma dir hinterlassen hat?«

Er runzelte die Stirn. »Warum hätte Mito mir irgendwas hinterlassen sollen? Es gingen doch alle zu Recht davon aus, ich sei tot.«

»Ja, das ist das komische an der Sache, nicht wahr? Oma hatte sich in den Kopf gesetzt, dass das vielleicht nicht der Fall sei. Wir hatten es als Trauerreaktion abgetan, dass es halt einfach zu viel für sie gewesen war. Eine Leiche wurde ja nie gefunden. Oder nun, ich sollte wohl besser sagen, dass sehr wohl Leichen gefunden worden waren, aber keiner konnte mehr sagen, wer die Toten waren. Und dann hatte Oma dieses eine Siegel gefunden. Sie hatte es studiert und je länger sie das tat, umso überzeugter wurde sie davon, dass du vielleicht nie gestorben bist. Mama sagte ihr, dass das Blödsinn sei, dass sie da zu viel hineininterpretiert, aber Oma war nicht davon abzubringen gewesen. Sie hat Tagebuch geschrieben, das weißt du noch, oder?«

»Tsuna, ich bin nicht senil. Für mich waren das nur ein paar Monate.«

»Du solltest sie lesen«, sagte Tsunade geradeheraus.

Das hieße, diese angestaubten Kisten auf dem Dachboden anzurühren. Sich dem zu stellen, was von seiner Familie übrig geblieben war. Greifbar in Händen zu halten, dass nichts mehr davon übrig war außer ihm, Kakashi und Tsunade.

»Zu gegebener Zeit«, sagte er kurz angebunden.

Tsunade öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Die Türklingel unterbrach sie. Tobirama atmete auf. Dieses Gespräch hatte gedroht, in unangenehme Gefilde zu steuern. Eilig stand er auf, um nachzusehen, was Minato von ihm wollte. Denn natürlich war es Minato, wie er feststellte, noch bevor er die Tür erreicht hatte.

»Hey, ich komme gerade bestimmt sehr ungelegen, oder?«, sagte Minato auch sogleich entschuldigend, sobald Tobirama die Tür öffnete. »Das tut mir auch furchtbar leid, aber könnte ich Naruto bei Kakashi lassen?«

Er streckte Tobirama das Baby entgegen. Tobirama sah auf Naruto hinab.

»Das musst du nicht mich fragen, sondern Kakashi«, sagte er nüchtern.

Minato machte einen nervösen Eindruck. War etwas passiert?

»Kakashi hat doch bestimmt nichts dagegen, oder?«

»Komm doch einfach rein«, sagte Tobirama stattdessen.

Minato warf einen Blick an ihm vorbei und blieb, wo er war. »Tsunade ist noch da, oder?«

Tobirama musterte ihn durchdringend. »Ja, und?«

Minato zögerte sichtlich. Dann seufzte er und sagte doch: »Ich hab das Gefühl, dass sie mich nicht wirklich leiden kann.«

Tobirama hob eine Augenbraue. »Und warum sollte das der Fall sein?«

»Tja, keine Ahnung. Das war schon immer so gewesen. Manchmal hatte mich Mito-hime hierher eingeladen, und jedes Mal war Tsunade mir aus dem Weg gegangen.«

Tobirama konnte sich absolut nicht vorstellen, warum sie das hatte tun sollen. »Komm jetzt rein.«

Minato gab nach und folgte ihm in das Haus. Shizune stand sogleich auf und verbeugte sich angemessen, als sie den Raum betraten. Tsunade hatte indes Kakashi beim Wickel, ihn in den Schwitzkasten genommen und verwuschelte seine Haare.

»Ich werd dich garantiert nicht Tante nennen!«, beschwerte er sich gerade.

»Doch, das wirst du«, drohte sie ihm lachend. »Eines Tages krieg ich dich noch dazu.«

Dann bemerkten sie Tobiramas Begleiter. Kakashi verzog wie immer keine Mine. Tsunade jedoch erstarrte und durchbohrte Minato förmlich mit ihrem Blick. Sie presste die Lippen aufeinander. Tobirama registrierte es mit Verwunderung. Da war doch tatsächlich etwas, das sie beschäftigte. Aber was konnte das nur sein?

»Minato«, presste sie hervor. Dann fiel ihr Blick auf das Baby. Sie wurde aschfahl im Gesicht.

»Tsunade-hime, ich freue mich, Sie wieder im Dorf begrüßen zu dürfen«, erwiderte Minato, wenn auch etwas steif.

Sie sagte nichts darauf. Einen Moment lang starrte sie Minato noch an, dann sprang sie auf und stürmte aus dem Raum. Shizune murmelte eine Entschuldigung und eilte ihr nach. Tobirama sah ihnen verwundert nach. Das war seltsam.

»Siehst du, das meine ich«, sagte Minato. »Und ich hab keine Ahnung, warum sie so ist.«

»Ich kann es mir ebenfalls nicht erklären«, räumte Tobirama ein. »Aber nun, sie war sieben, als ich sie das letzte Mal gesehen hab.«

»Und jetzt wäscht sie dir den Kopf für deine Sturheit«, fügte Kakashi an und kam zu ihnen.

Tobirama sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Kakashi erwiderte den Blick ruhig. Entwickelte er etwa bereits eine Resistenz dagegen?

»Kakashi, kannst du noch einmal auf Naruto aufpassen?«, bat Minato.

Kakashi zuckte mit den Schultern. »Klar, kein Problem.«

Ōkami trottete zu ihnen und streckte den Kopf, um das Baby zu beschnüffeln. Ihr Interesse an Naruto schien enorm zugenommen zu haben, dass sie ihn mittlerweile regelmäßig in ihrem Geschirr trug, sprach eine deutliche Sprache. Minato hatte mittlerweile auch keinerlei Probleme mehr damit, seinen Sohn in der Obhut der Wölfin zu lassen. Nachdem er zu Beginn wohl noch gedacht hatte, Ōkami könne ihn jederzeit fressen (und Tobirama sich nicht erbarmt hatte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen), war das eine beachtliche Wendung. Naruto jedenfalls war ganz vernarrt in die Wölfin und wollte den Plüschwolf, den Ōkami ihm zu seiner Geburt geschenkt hatte, am liebsten gar nicht mehr her geben. Falls Ōkami damit geplant hatte, seine frühkindliche Prägung zu beeinflussen, hatte sie definitiv Erfolg damit.

»Brauchst du meine Hilfe bei irgendetwas?«, fragte Tobirama. Minato war doch sicherlich nicht ohne Grund gekommen. Andererseits …

Minato reichte Naruto an Kakashi weiter. Ōkami hechelte fröhlich und begann sogleich, Narutos kleines Gesichtchen abzulecken, was das Baby besonders lustig zu finden schien. Es giggelte.

»In der Tat«, bestätigte Minato. »Ich habe Nachricht vom daimyō erhalten, Jiraiya-sensei hatte mir auch einige Neuigkeiten gebracht, die du hören solltest, und Sandaime-sama hatte ebenfalls gebeten, dass er mit mir noch einmal die Ideen für die neuen Chūnin-Prüfungen besprechen wollte.« Er wandte sich an Kakashi. »Vielen Dank noch einmal. Ich versuche mich zu beeilen.«

»Ich werd pro Stunde bezahlt, also keine Eile«, erwiderte Kakashi geradeheraus.

Der Junge wurde wirklich frech.

Tobirama zog sich rasch angemessenere Kleidung an und folgte dann Minato. Im Hausflur, als sie gerade niemand sah, stahl sich Minato einen raschen Kuss und grinste dabei wie ein frisch verliebter Jugendlicher. Tobirama strich ihm sanft über die Wange. Dann gingen sie.

»Aber, äh, Tobirama, ich hätte da eine Bitte.« Für einen kurzen Moment streife Minato mit seiner Hand Tobiramas und verschränkte ihre Finger miteinander. Dann ließ er wieder los. »Könnten wir das mit uns erst einmal für uns behalten? Wenn das für dich in Ordnung ist.«

»Natürlich. Wenn du dich so wohler fühlst.«

»Die Leute gucken einem immer so auf die Finger.«

»Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen.«

Minato lächelte dankbar. »Ich liebe dich«, wisperte er.

Tobirama erwiderte das Lächeln. Er konnte einfach nicht anders. Minato war zu niedlich.

An diesem Tag war der Himmel zugezogen mit dunklen, grauen Wolken. Es sah ganz nach Niederschlag aus und die Chancen standen gut, dass er als Schnee fallen würde. Die Witterung allerdings erschwerte den Wiederaufbau erheblich. Tobirama zog seinen Pelzkragen fester um seine Schultern, um die Kälte abzuhalten. Ihm entging nicht, wie Minato fröstelnd die Hände rieb. Kurzerhand löste er die Ösen seines Pelzes und legte das kostbare Stück stattdessen Minato um die Schultern.

Minato sah ihn erstaunt an, weil er wohl nicht mit dieser Geste gerechnet hatte. Er fühlte den Pelz und schmiegte seine Wange hinein, um mehr von der Wärme zu erhaschen. »So weich! Was ist das für Pelz? Ist das echter Pelz?«

»Natürlich. Schneefuchs. Ein Andenken.«

Minato war anscheinend hin und weg von dem Pelz und vergrub begeistert seine Hände darin. »Erzählst du mir die Geschichte?«

»Meine erste Jagd mit dem Rudel, nachdem sie mich unter ihresgleichen akzeptiert hatten. Ich hatte mir diesen Platz erkämpfen müssen, und als Mensch habe ich weder Klauen noch Reißzähne, also barg das natürlich ein gewisses Risiko.«

Minato streckte die Hand und fühlte eine von Tobiramas Narben in seinem Gesicht. »Kommen die daher?«

Tobirama nickte. »Anija hätte die Wunden heilen können, aber ich wollte nicht. Es war ein Andenken, und irgendwann hatte ich mir die Narben sogar tätowieren lassen. Nachdem ich nun also Teil des Rudels war, hatten sie mich mit auf die Jagd genommen. Wir hatten einen Schneefuchs gestellt, für ein ganzes Rudel Wölfe natürlich nur eine magere Beute, aber für mich mein erstes Mal. Ich war ein wenig sentimental geworden und habe den Pelz behalten.«

»Aber du hast das Tier nicht wirklich mit bloßen Händen und Zähnen erlegt, oder?«

Tobirama schnaubte. »Natürlich nicht. Warum sollte ich?«

Minato zuckte mit den Schultern und grinste. »Manchmal machst du schon den Eindruck, du seist ein halber Wolf.«

Tobirama schnaubte noch einmal. Das war albern.

»Vielleicht auch eine Dampflok«, neckte Minato.

Tobirama schritt schneller aus. Minato lachte leise und folgte ihm eilig.

»Soll ich Tsuna fragen, was mit ihr los ist?«, wechselte Tobirama das Thema.

Minato sann einen Moment darüber nach. »Wenn es dir nicht zu viele Umstände bereitet.«

»Das tut es nicht«, versicherte Tobirama ihm.

Kurze Zeit später erreichten sie den Hokageturm. Tobirama überließ kurzerhand Minato seinen Pelz und bat nicht darum, dass er ihn zurückhaben könnte. Hiruzen wartete bereits auf sie, und falls er sich wunderte, warum Tobirama es duldete, dass jemand anderes seinen Pelz trug, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.

Hiruzen hatte anscheinend in der Zwischenzeit weiter an seinen Plänen für die neuen Prüfungen gearbeitet, und während sie noch auf Danzō, Homura und Koharu warteten, begann er bereits davon zu erzählen. Tobirama überließ diese Diskussion größtenteils Minato und Hiruzen. Seine Aufgabe wäre es, für die Sicherheit zu sorgen, sollten diese Pläne wirklich in die Tat umgesetzt werden, aber das konnte warten, wenn es soweit sein würde. Solange machte er nur hin und wieder ein paar Anmerkungen. Grundsätzlich gefiel ihm diese Idee, auch wenn er noch immer einige Bedenken hatte.

Alsbald kamen auch die anderen drei und sie gingen zu den dringenderen Angelegenheiten über.

»Wie Koharu-sama vorgeschlagen hatte, habe ich den daimyō um finanzielle und materielle Hilfe gebeten«, begann Minato. »Jetzt habe ich Antwort von ihm erhalten.«

»Er hat sich aber reichlich Zeit damit gelassen«, sagte Koharu trocken.

»Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam«, brummte Tobirama. »War doch schon immer so.«

»Wohl wahr.« Hiruzen seufzte. Wie immer hatte er sich eine Pfeife angezündet, an der er hin und wieder paffte. »Was schreibt er?«

»Er bittet mich in die Hauptstadt für Verhandlungen.« Minato klang nicht allzu begeistert von der Vorstellung.

»Verhandlungen? Was gibt‘s da zu verhandeln? Wir haben jetzt ein Dorf, das wiederaufgebaut werden muss«, sagte Homura.

Tobirama konnte ihm da nur zustimmen. Er hasste Bürokraten, sie waren eine Pest. Leider kamen sie nicht darum herum.

»Ich weiß, aber es bleibt wohl nichts anderes übrig«, sagte Minato. »Ich plane allerdings auch nicht allein zu gehen, sondern bitte Tobirama, mich zu begleiten. In unserer Abwesenheit ist das Dorf doch immer noch in guten Händen. Nicht wahr?«

Tobirama behielt ein ausdrucksloses Gesicht bei diesen Worten.

»Natürlich, Hokage-sama«, sagte Danzō sogleich und hielt Minatos durchdringendem Blick stand.

Hiruzen sah zu Danzō und schien zu verstehen. »Vielleicht sollte sensei ebenfalls hier bleiben?«

Um ein Auge auf Danzō zu haben, wäre das sicher keine schlechte Idee.

»Ich möchte bei den Verhandlungen nicht gänzlich auf meine Berater verzichten. Bitte sehen Sie es mir nach, aber Sie sind alle nicht mehr die jüngsten und es ist ein langer Weg.« Minato machte eine entschuldigende Geste.

Hiruzen war der einzige, der das anscheinend amüsant fand. Danzō, Koharu und Homura enthielten sich eines Kommentars.

»Meine Leute werden ein paar Tage ohne mich auskommen«, sagte Tobirama nüchtern.

»Und ich werde selbstredend Anweisungen dalassen«, fügte Minato an.

»Wo wir schon von der Anbu reden«, warf Koharu ein. »Sensei, halten Sie es wirklich für einen angemessenen Einsatz der Anbu, wenn sie jetzt nichts weiter als bessere Kindermädchen sind? Natürlich ist Kakashi eine überragende kunoichi, aber gerade deswegen sind ihre Fähigkeiten doch anderweitig sicher sinnvoller angewandt.«

Tobirama sah sie verstimmt an. »Zum Einen weiß wohl immer noch ich am besten, für was ich meine Anbu einsetze, und zum anderen ist Kakashi keine kunoichi.«

Koharu sah ihn fragend an. »Aber natürlich ist sie das. Sie kann sich nennen, wie sie will, aber der Fakt bleibt bestehen, dass sie eine Frau ist.«

»Koharu«, knurrte Tobirama warnend. »Ich verbitte mir, dass du so respektlos über irgendwen redest und am allerwenigsten über meinen Enkel.«

»Natürlich respektiere ich ihren Wunsch, wenn sie auf eine bestimmte Weise angeredet werden will, aber biologische Fakten lassen sich nicht wegdiskutieren, ganz ungeachtet persönlicher Befindlichkeiten«, beharrte sie.

»Koharu-sama, Kakashi ist ein Ninja und er weiß immer noch am besten über sich Bescheid«, warf Minato mit Nachdruck ein. »Wenn Sie so über ihn reden, dann respektieren Sie seinen Wunsch ganz offensichtlich noch immer nicht. So viel Anstand sollten wir alle noch haben, grundlegende Rechte auf Selbstbestimmung zu achten und zu wahren.«

Besonders diese letzte Bemerkung schien Koharu ganz und gar nicht zu schmecken, doch jetzt sagte sie immerhin nichts mehr dazu. Tobirama presste die Lippen aufeinander. Wie respektlos von ihr, das hatte sie garantiert nicht von ihm gelernt. Er war nur froh, dass Kakashi das nicht hatte mit anhören müssen.

»Sensei, sehen Sie mir meine Neugierde nach, aber mir kam zu Ohren, dass Sie ausgerechnet mit den Uchiha zusammen an der Aufarbeitung der Geschehnisse arbeiten«, wandte sich Danzō an Tobirama.

Tobirama hob ob dieser Wortwahl eine Braue. Da Danzō die Ne entzogen worden war, gingen ihn die Details auch nichts mehr an. Wahrscheinlich hatte er dennoch herumgeschnüffelt. »Fugaku ist mir eine große Hilfe, ja.«

»Aber war es nicht so, dass Polizei und Anbu unabhängig voneinander operieren?«

Die Frage war mit einem lockeren Unterton gestellt, und doch verstand Tobirama genau, was Danzō hier eigentlich sagte. »Du brauchst mich ganz sicher nicht an das System zu erinnern, dass ich selbst entwickelt habe.«

»Danzō, du vergisst dich ein wenig«, sagte Hiruzen, und auch in seiner Stimme lag eine leichte, aber unmissverständliche Warnung.

»Ich sage lediglich, dass es seine Berechtigung hat, dass beide Institute solch klar voneinander abgegrenzte Aufgabengebiete haben.« Danzō ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wir sollten diese Gerüchte nicht ignorieren, die davon sprechen, dass die Uchiha etwas mit dem Vorfall zu tun haben.«

Minato sah ihn verstimmt an. »Haltlose Gerüchte, mehr nicht. Fugaku hat mir und meinem Sohn das Leben gerettet, mehr können wir nun wirklich nicht verlangen.«

Danzō ließ das Thema fallen, aber er schien nicht leichtfertig seine Niederlage einzuräumen.

»Eine weitere Sache, die ich besprechen wollte, ist das, was ich von Jiraiya-sensei hörte«, wechselte Minato das Thema. »Er berichtete mir von Unruhen in Amekagure, die beinahe schon bürgerkriegsähnliche Ausmaße annehmen. Die Bevölkerung begehrt gegen Hanzōs Herrschaft auf und die Situation droht zu eskalieren.«

»Und was soll uns das interessieren?«, fragte Koharu. »Ja, wir teilen uns eine Grenze mit diesem kleinen Land, aber trotzdem ist es nicht unsere Sache, was sie innerhalb ihrer eigenen Grenzen machen.«

»Hanzō ist dafür bekannt, auch nicht vor Gewalt zurückzuschrecken, und ich …«, begann Minato.

Tobirama unterbrach ihn. »Was willst du tun? Weltpolizei spielen? Koharu hat Recht. Solange diese Sache uns nicht betrifft, halten wir uns da raus.«

»Aber Uzushio …«, warf Minato ein.

Hiruzen sah betreten zu Boden.

»Das war etwas anderes«, sagte Tobirama. »Das war keine interne Angelegenheit des Landes und hatte zudem sehr wohl Konoha betroffen.«

Minato ließ das Thema nur mit sichtlichem Widerwillen auf sich beruhen. »Da wäre noch die Sache mit den Suna-nin, welche verkleidet als Kumo-nin an der Grenze aufgegriffen wurden.«

Hiruzen horchte auf. »Was wollten sie hier?«

»Es kam nicht zu einer Befragung, sie konnten nur tot gestellt werden.« Minato überging elegant den Fakt, dass Kakashi vorschnell gehandelt hatte. »Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass sie versucht hatten, Spannungen zwischen Konoha und Kumo zu erzeugen.«

»Es wäre nicht das erste Mal«, kommentierte Hiruzen.

»Damit ist also bewiesen, dass andere Nationen Konoha sehr wohl ausspionieren«, sagte Danzō. »Ich spreche mich immer noch dafür aus, dass wir Spione in die anderen Dörfer einschleusen sollten. Wie es aussieht, sollte unser besonderes Augenmerk dabei auf Sunagakure liegen.«

»Ich bin weiterhin dagegen«, widersprach Minato. »Es würde nur wieder die Fronten verhärten. Stattdessen möchte ich Sandaime-samas Vorschlag anbringen, die Chūnin-Prüfungen zu öffnen.«

»Und wie soll uns das in irgendeiner Weise von Nutzen sein?«, fragte Homura skeptisch.

Bereitwillig erklärte Minato ihnen, was er und Hiruzen im Sinn hatten. Danzō sprach sich zwar dagegen aus, aber Koharu und Homura waren nach kurzer Diskussion dem Gedanken nicht mehr gänzlich abgeneigt. Zwar sprachen auch sie Sicherheitsbedenken aus, aber Tobirama sagte ihnen, dass das seine Sorge sei.

»Das Projekt in diesen Zeiten anzugehen, würde natürlich auch unsere Stärke demonstrieren«, fügte Minato zum Schluss an. »Es würde allen ganz klar zeigen, dass wir nicht weg vom Fenster sind, ganz im Gegenteil sogar.«

»Das lässt sich in der Tat nicht abstreiten«, räumte Koharu ein. »Ich sage, es ist eine Überlegung wert.«

Damit war vorerst alles besprochen. Minato bedankte sich für ihre Zeit und entließ sie. Tobirama jedoch machte noch keine Anstalten zu gehen, er hatte mit Minato noch etwas im Privaten zu besprechen. Hiruzen sah zwischen Tobirama und Minato hin und her, registrierte den Pelzkragen, den Minato noch immer trug und dachte sich ganz offensichtlich seinen Teil. Dann verabschiedete auch er sich.

Eine verräterische Röte schlich sich auf Minatos Wangen und er tastete nach dem Pelz um seine Schultern, wie als hätte er vergessen, dass er noch da war. »Oh, du meine Güte.«

Tobirama lachte leise. »Saru war mein Schüler, vergiss das nicht.« Dann wurde er wieder ernst. »Minato, ich möchte dich noch etwas fragen. Hast du jemals von einem Jungen namens Tenzō gehört? Vielleicht unter dem Namen Kinoe.«

Minato sann darüber nach, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Wer soll das sein und warum fragst du?«

»Kakashi erwähnte ihn mir gegenüber und behauptete, er würde Mokuton beherrschen. Ich sagte, das sei unmöglich, aber er beharrte darauf. Er meinte, dieser Junge sei einer von Danzōs Leuten, aber in den Unterlagen, die Danzō mir über die Ne überlassen hatte, fand ich nichts zu ihm.«

Minato runzelte die Stirn. »Wie sonderbar. Meinst du etwas … Denkst du, Danzō verheimlicht uns etwas?«

Tobirama machte ein finsteres Gesicht. »Es mag mir nicht sonderlich behagen, aber der Gedanke kam mir ebenfalls.«

Minato lehnte sich an seinen Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust, während er darüber nachsann. Tobirama trat zu ihm, legte ihm einen Arm um die Hüfte und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Minato schmiegte sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Was würde ich nur ohne dich tun?« Minato seufzte. »Ich mach hier keinen sonderlich guten Job, oder? Du wärst so viel besser als ich.«

Tobirama ergriff sein Kinn und sah ihm fest in die Augen. »Du machst das wunderbar. Denk ja nicht etwas anderes. Dies sind besonders schwere Zeiten und du stehst unter großer Belastung, und dafür machst du das hervorragend.«

Statt einer Antwort nahm Minato sein Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihn. Tobirama zog ihn an sich und erwiderte den Kuss. Er vergrub seine Hände in Minatos blondem Haar, und Minato schlang die Arme um seinen Hals, um ihm noch näher zu sein.

»Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe«, raunte Minato und rieb seine Nase an Tobiramas Wange. »Ich könnte singen, tanzen vor Freude. Wären die Zeiten nur schönere.«

Tobirama presste ihn fest an sich. »Ich bin für dich da, komme, was da wolle.«

»Vielleicht …« Minato strich Tobirama über die Brust. »Ich kann zwar nicht wirklich gut singen, aber da gibt es dieses Lied. Wie ging das noch gleich? Ach ja. Freude, schöner Götterfunken, deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.«

Tobirama musste schmunzeln. »Du weißt, dass das furchtbar kitschig ist?«

»Du hast einfach keinen Sinn für Literatur, so sieht‘s aus.«

Tobiramas Antwort bestand in einem weiteren Kuss. Allzu willig erwiderte Minato ihn.

»Sag, da stehen auch wirklich keine persönlichen Motive dahinter, dass du mich dabei haben willst, wenn du mit dem daimyō sprichst?«, sagte Tobirama neckend, als sie den Kuss schließlich brachen.

Minato rückte dennoch kaum von ihm ab. »Vielleicht ein kleines bisschen«, räumte er grinsend ein. Dann senkte er verschwörerisch die Stimme. »Da gibt‘s aber noch einen Grund. Ich muss dir was gestehen. Der daimyō läd mich zu einer Teezeremonie ein und ich habe keine Ahnung, wie so etwas funktioniert.«

Tobirama hielt ihn auf Armeslänge von sich und sah ihn ungläubig an. »Das ist ein fataler Bildungsmangel.«

»Wozu brauch ich so ein Wissen auch? Und jetzt das. Wie komm ich aus der Sache wieder raus?«

»Gar nicht«, sagte Tobirama bestimmt. »Du bringst deinen besten Kimono und dann kommst du zu mir und ich bringe es dir bei.«

Minato vergrub das Gesicht in seinen Händen und musste lachen. »Du wirst mich jetzt fressen, aber ich habe keinen Kimono.«

Katastrophe! Desaster! Unerhörtheit!

»Das«, sagte Tobirama und bohrte seinen Finger in Minatos Brust, »ist ein Missstand, den wir schnellstmöglich beheben werden.«

Nächstes Kapitel: Tobirama trainiert die Kids.
Autorennotiz:
Updates jede Woche Freitag (unter Vorbehalt, sollten mir doch die Kapitel ausgehen, was derzeit aber unwahrscheinlich ist).