Damals, als alles noch einfach war ...

Kurzbeschreibung:

Am 17.1.2017 um 21:14 von Silberfeder auf StoryHub veröffentlicht

Sommer in Camelot waren laut und stanken. Viele Menschen und große Hitze vertrugen sich nicht. Daher war es kein Wunder, dass Morgana aus der Stadt floh, nachdem der Regen, der den Geruch erträglicher gemacht hätte – es roch inzwischen selbst im Schloss unangenehm – auf sich warten ließ.

Auf den Wiesen und in den Wäldern um Camelot herum war es so viel angenehmer.

Dort in Freiheit – auch wenn sie Ritter begleiteten, immerhin war sie Uthers Mündel – auf ihrem Pferd zu galoppieren, gefolgt von ihrer Zofe, an deren Pferd jene Dinge befestigt waren, welche man für ein Picknick im Freien benötigte, war herrlich.

 

Die Decke lag auf der Kuppe eines kleinen Hügels und auf ihr wiederum lagen weiche Kissen und standen zwei Silberplatten mit frischen Früchten, die man zu dieser Jahreszeit ernten konnte.

Morgana machte es sich gemütlich und deutete Guinevere an, sich zu ihr zu setzen.

Den Ritter wahrten der Höflichkeit halber Abstand, hatten sich so positioniert, dass sie die Umgebung perfekt überblicken konnten. Niemand konnte sich ihnen unbemerkt nähern.

Morgana und Guinevere dagegen wurden nicht beobachtet.

Morgana hatte es so gewollt und ihr wiedersprach man nicht.

Mit einem Lächeln auf den Lippen griff Morgana nach einer Weintraube und aß sie genüsslich.

 

Nur zögerlich kam Guinevere der Aufforderung Morganas nach, sich doch auch an den Früchten zu bedienen. Sie war schließlich nur eine Dienerin und Morgana so viel mehr. Sie konnten niemals gleich sein. Außerdem war sie noch nicht lange Morganas Dienerin, sie durfte sich keine Fehler erlauben.

Aber sie war froh nachgegeben zu haben, denn die Früchte waren gut und so erfrischend. Sie schloss die Augen und genoss es.

Langsam begann sie aufzutauen und begann frei mit Morgana zu reden. Und zu lachen.

Sie redeten über Camelot, oh, schönes Camelot, über die Ritter in ihren strahlenden Rüstungen, dann über sich selbst.

 

„Hast du schon einmal jemanden geküsst?“, fragte Morgana Guinevere, kann daraufhin beobachten, wie diese rote Wangen bekommt und sich verlegen wegdreht.

„Nein“, antwortete sie schließlich. „Noch nie.“ Nach kurzem Zögern stellt sie die Gegenfrage: „Habt Ihr schon einmal jemanden geküsst, Mylady?“

„Nein“, antwortete auch Morgana, die noch immer Guinevere beobachtete. Es fiel nicht auf, da sie sich unterhielten und man sich bei Unterhaltungen nun einmal ansah, aber dennoch ging ihr Blick tiefer als gewöhnlich bei Gesprächen. „Aber ich würde gerne einmal jemanden küssen“, fügte sie dann hinzu. „Einfach um zu wissen, wie Küsse schmecken.“

Guineveres Wangen waren noch immer tiefrot.

 

Das Gespräch war wieder bei unverfänglicheren Themen angelangt, war Anstand doch das Höchste im Adel und hatte auch das einfache Volk diese Ideale übernommen, auch wenn vor allem junge Menschen sich gelegentlich nach Abweichungen von diesem sehnten.

Die beiden Mädchen redeten über das, was sie umgab, über die Natur, den Wind, die ihnen bekannte Welt; waren für den Moment mehr als nur Zofe und Lady, auch wenn der Unterschied zwischen ihnen nicht ganz verschwand, bestand Guinevere doch auf den Förmlichkeiten Morgana gegenüber und hörte mehr zu, als dass sie selbst sprach.

Morgana fühlte sich trotzdem herrlich frei von allen Pflichten.

 

Die letzte Weintraube aß Guinevere.

„Nein, ich bestehe darauf, dass du sie bekommst“, hatte Morgana mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln und dem Blick, dem man nicht wiedersprach, gesagt, also hatte Guinevere die Frucht genommen.

Und sie war gut. Ebenso süß und erfrischend wie die vorherigen. Sie lächelte Morgana an und diese lachte frei heraus zurück.

Guinevere war froh, ausgerechnet Morgana zu dienen. Sie war so offen und freundlich, man musste sie einfach mögen.

Das Gespräch drehte sich weiter und schließlich waren sie wieder bei Küssen angelangt. Guinevere war das Thema unangenehm, fand es andererseits aber interessant, war einfach so sehr zwiegespalten.

 

„Willst du es mal ausprobieren?“, fragte Morgana frei heraus.

„Was?“, antwortete Guinevere überrascht, vergaß kurz doch die Höflichkeit.

Morgana lachte nur frei heraus und küsste Guinevere einfach auf den Mund.

Für sie schmeckte der Kuss nach frischer Luft, nein nach angenehmem Wind, nach Wetter, nach sanftem Sommerregen. Er schmeckte nach Freiheit.

Und er schmeckte nach mehr. Nach viel mehr.

Aber Morgana wusste, dass das nicht sein durfte – ein Kuss einfach zum Ausprobieren unter Mädchen, jungen Frauen, wurde geduldet, war unschuldig, war in Ordnung; mehr zu wollen war böse, nicht so böse wie die Magie, aber fast – und beließ es dabei.

 

Kurz redeten die beiden Mädchen, wie es für sie gewesen war, sich zu küssen. Morgana sagte nichts vom Geschmack des Sommers auf Guineveres Lippen, nannte den Kuss lediglich „interessant“ und Guinevere, Gwen, war viel zu peinlich berührt, um viel zu sagen, meinte aber nicht, dass es ihr nicht gefallen hätte.

Das war gut, befand Morgana in Gedanken, lächelte ihre Zofe noch immer an.

Sie war gerade noch froher darüber als sonst, dass Guinevere es war, die ihr zur Seite stand und niemand anders. Eine Zofe, ihre Zofe und auch eine liebe Freundin, auch wenn sie das nicht offen sagen konnte.

 

Dann war es schon wieder Zeit zum Aufbruch – die Platten wurden eingepackt, die Decke aufs Pferd geschnallt, die Kissen verstaut ­–, denn die Sonne ging unter und nachts war es draußen zu gefährlich.

Die Ritter eskortierten Morgana deren Zofe zurück zum Schloss. Geregnet hatte es noch immer nicht, der Geruch der vielen Menschen war noch immer stark.

Doch Morgana war froh um ihn, gab es nur deswegen den Ausflug und den Kuss, der nach Sommer schmeckte.

Morgana wusste nun keinen Mann wollte, nur Guinevere, aber das stand nicht zur Debatte, würde es auch nie stehen.

Es blieb nur der Sommerkuss.