Die unbeachteten Fälle

Am 27.7.2017 um 16:45 von LockXOn auf StoryHub veröffentlicht

1. Kapitel: Saguru gegen Heiji – Tumult im Museum

Autorennotizen

Kleine, pechschwarze Pupillen aus einem Rand von Stahlblau starrten ihm tief in die Seele hinein. Saguru starrte unbeirrt zurück, verloren in dem hypnotischen Blick seines Kontrahenten. Im Mittelalter hatten Vögel wegen ihres bedrohlich regungslosen Ausdrucks als Gesandte der Hölle gegolten. Diese Denkart war selbstverständlich überholt, doch manchmal, wenn er lange genug in die obskuren, glasigen Augen blickte, konnte er verstehen, wie die abergläubischen Leute damals auf diese – wissenschaftlich gesehen – höchst absurde Theorie hatten kommen können. Ein wenig Konzentration und es erschien einem, als wurde man von einem Abgrund durchleuchtet.

 

„Mami, Mami! Sieh mal, all die gruseligen Raben!“

 

„Ugh, wie abscheulich! Die hübschen Papageien, die Kaninchen und Hunde kann ich ja verstehen, aber wieso sollte sich freiwillig jemand diese Aasfresser im Garten halten?!“

 

„Es steht uns nicht zu, über anderer Leute Geschmäcker zu richten, Liebling. Aber ich kann deine Abneigung wohl nachvollziehen, haha!“

 

Er schmunzelte in sich hinein. Typisch für seine Mitmenschen, eine Sache zu trivialisieren und sich auf Äußerlichkeiten zu konzentrieren. Raben waren unheimlich kluge Tiere und konnten, richtig abgerichtet, außer sehr viel Freude zu bereiten auch einen gewissen Nutzen bringen. Doch abgesehen davon gehörten diese ausgestellten Exemplare zur Familie der Corvus moledula.

 

Es waren Dohlen.

 

Es handelte sich um gesellige und gelehrige Vögel, die sehr zahm werden konnten. Er selbst hatte als kleines Kind kurzzeitig eine Dohle besessen, ein verletztes Jungtier, das aus dem Nest gefallen war, welches er auch nach längerem Suchen nicht ausfindig hatte machen können. Sie war leider noch während der Zeit, in der er sich um sie gekümmert hatte, verendet, hatte jedoch schon nach wenigen Tagen erste Anzeichen von Zuneigung gezeigt.

 

Saguru steckte die Hände in die Hosentaschen und überließ dem jungen Paar und ihrem Sohn die ganze Bandbreite der Schaubühne, auf der eine Auswahl von ausgestopften Tieren aus dem Privatzoo eines preußischen Königs ausgestellt wurde. Er ging vorbei an weiteren Modellen, Gemälden, Informationstafeln und Führungsgruppen, als er plötzlich eine seltsam vertraute Stimme vernahm und seine Augen automatisch die Quelle suchten.

 

„Boah, ich haltʼs nicht aus! Wir hätten schon längst auf ʼm Eiffelturm stehen und die Stadt von oben bewundern können! Stattdessen zockeln wir hier durch diesen ... diesen besseren Stall und begaffen tote Tiere!“

 

„Hör endlich auf mit der Nörgelei! Fällt es dir echt so schwer, mir auch mal ʼn Gefallen zu tun und nicht die ganze Zeit deine eigenen Pläne durchzuboxen?! Ich findʼs toll hier!“

 

„Es ist stinklangweilig! Wenn ich das gewusst hätte, wär ich heute Morgen im Bett geblieben! Da hätt ich wenigstens nicht im Stehen pennen müssen!“

 

Saguru musste ehrlich zugeben, dass er mehr als überrascht war. Ausgerechnet ... Oder war es gar kein Zufall? Anscheinend gab es nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ihm entfuhr ein leidender Seufzer, ehe er sich energisch aufrichtete, sein Schaulächeln aufsetzte und sich zu den beiden Streithähnen gesellte, von denen er einen nur zu gut kannte. Dieser sah ihn kommen und bekam handtellergroße Augen, wie er sie wahrscheinlich vor wenigen Sekunden noch selbst gehabt hatte. Er nickte ihm zur Begrüßung zu: „Ich habe ja mit vielen zufälligen Begegnungen gerechnet, aber sicher nicht mit dieser. Dass ich dich hier antreffe, hätte ich nicht gedacht. Was treibt dich nach Paris, Heiji?“

 

Er wandte den Kopf Richtung Begleiterin und nickte ihr ebenfalls, weitaus weniger spöttisch, zu. „Che“, spuckte Heiji abfällig aus und erntete einen strafenden Blick von ihr, „ich glaubʼs ja nicht! Wenn ich gewusst hätte, dass du hier rumläufst, hätte ich meinen Urlaub lieber in der Antarktis verbracht! Schön, dass du dich genötigt gefühlt hast, ‚Hallo‘ zu sagen. Kannste jetzt bitte wieder verschwinden?“ Sie schlug ihm auf den Bizeps und dem Zucken um seinen Mundwinkel herum entnahm Saguru, dass sie über nicht unbedeutende Kraft verfügte: „Heiji! Sei nicht so unhöflich! Siehste, deswegen sagt dein Vater immer, dass du mal ordentlichen Anstandsunterricht nehmen solltest!“ Er rieb sich die schmerzende Stelle und schmollte in sich hinein, wies dann aber tatsächlich gehorsam auf sie und brummte: „Darf ich vorstellen? Das ist Kazuha Toyama, nervigste Schnalle auf ʼm ganzen verdammten Planeten! Kazuha, Saguru Hakuba, dein männliches Gegenstück. Möchtet ihr vielleicht heiraten?“

 

Saguru ließ sich, im Gegensatz zu ihr, von dem Vorschlag nicht in Verlegenheit bringen, sondern ergriff ihre Hand und drückte einen hauchzarten Kuss darauf: „Es ist mir ein Vergnügen, Mademoiselle.“ Sie errötete leicht, was ihm von Heijis Seite einen eisig-schmelzenden Blick einbrachte. Hm. mehr als nur Freunde also. „Verstehe. Die Ferien bringen euch nach Frankreich“, meinte er, fest davon überzeugt, dass er aus ihr mehr Informationen herausbekommen würde als aus seinem großmäuligen Konkurrenten, „Sonst nichts?“ Hastig setzte er hinzu, als er Heijis scharfen Verstand an seiner sich hebenden Augenbraue anspringen sah: „Verzeiht, aber es ist ein so großer Zufall, dass ich nicht darüber hinwegkomme. Mir war nicht gewahr, dass du dich für dieses Land interessierst, Heiji. Ich habe dich eher für den US-Typen eingeschätzt. Du liest Ellery Queen, richtig?“ „Jepp“, murmelte Heiji missmutig, „in den Staaten wär wenigstens ein bisschen Action angesagt, aber hier droht man ja bei jedem einzelnen Schritt einzuschlafen! Und zu allem Überfluss schleppt man mich auch noch in dieses Antiquierte-Tiergärten-Museum! Weiß gar nicht, wohin mit meiner Begeisterung!“

 

„Galerie des Ménageries.“

 

„... Häh?“

 

„Es heißt ‚Galerie des Ménageries‘“, berichtigte Saguru ihn überzogen seufzend, „Ménagerie ist die vornehme Bezeichnung für die ... antiquierten Tiergärten, wie du so schön formuliert hast. Es sollte selbst für dich kein sonderlich großes Problem darstellen, Geschichte und Ausdruck ein wenig mehr zu würdigen.“ Bevor der Japaner ihm verbal an die Gurgel springen konnte, fügte er hinzu: „Aber ich kann mir vorstellen, dass dieser Ort für einen Rabauken wie dich in der Tat schnell zu langweilig werden kann. Ich kann euch einige außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten empfehlen, mit denen ihr sicherlich wesentlich mehr Spaß hättet. Wie wärʼs?“ Kazuha wirkte interessiert, aber ihrem Freund sah er an, dass seine freundliche Hilfsbereitschaft offensichtlich zu hilfsbereit herübergekommen war. „Nee Nee“, zischte Heiji nach einigen unangenehmen Sekunden der Überlegung misstrauisch, „ich weiß nicht, was hier abgeht, aber etwas stinkt ganz gewaltig. Irgendwie kommtʼs mir so vor, als ob du uns loswerden wolltest ... Was geht hier ab?“

 

„Gar nichts“, log Saguru scheinheilig, „ich habe mir nur gedacht, dass du deine Ferien vielleicht angenehmer verbringen willst. Du möchtest offenbar nicht hier sein und ich möchte nicht, dass du dich an diese wunderbare Stadt als Störfaktor zurückerinnern musst. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du Kazuha mit deiner schlechten Laune ein sonderlich großes Vergnügen bereitest.“ „Hn, das stimmt auf jeden Fall“, ertönte es bockig und er schmunzelte siegessicher. Mädchen waren normalerweise auf seiner Seite und dieses Mal war es nicht anders. Vielleicht würde sich Heiji ja rechtzeitig wegschicken lassen.

 

Der Japaner sah von einem zum anderen, fuhr sich dann frustriert durchs Haar und stöhnte: „Okay, okay! Ihr braucht euch ja nicht gleich gegen mich zu verbünden! Schieß los. Aber glaub ja nicht, dass ich dir damit was schuldig wäre oder so!“ Saguru grinste: „Fiele mir nicht im Traum ein! Also ...“ Doch im nächsten Augenblick wurde er von einem Schrei rüde unterbrochen.

 

„Mama! Sie leben! Sie leben wirklich! Ich habe sie gesehen!“

 

Aufregung brach auf allen Seiten aus, als sich Besucher einem kleinen Mädchen zuwandten, das in den Raum gelaufen kam und sich seiner Mutter an den Rock warf, um zu versuchen, sie mit sich zu ziehen. Viele scharrten sich um die beiden, einige liefen sogar direkt in die Richtung, aus der es gekommen war. Sagurus Gesicht verzog sich leicht zu einer unwilligen Grimasse. Er spürte Heijis brennenden Blick, entschied sich aber dafür, dass das Mädchen Priorität genoss und setzte sich in Bewegung. Flink quetschte er sich durch die Menschenmenge und ging vor dem Kind in die Knie, um es lächelnd zu fragen: „Wo hast du sie denn gesehen, Mademoiselle?“ Die Kleine sah ihn kurz groß an, wies dann aber in die Richtung, aus der sie gekommen war und flüsterte ihm begeistert zu: „Bei den Elefanten! Wenn du dich beeilst, erwischst du sie vielleicht noch!“ Er nickte schmunzelnd: „Vielen Dank, Mademoiselle!“ Sie strahlte zu ihm hinauf, als er sich eilig aufrichtete und in die gewiesene Richtung lief.

 

Es gab im Gebäude nur einen Saal mit vielen Elefanten und das war die Nachbildung des Wildgeheges eines spanischen Königs. Er kannte den Weg genau, hatte er sich doch schon vor Stunden alle Örtlichkeiten des Gebäudes eingeprägt. Da er klug genug gewesen war, nicht überstürzt loszurennen, erreichte er sein Ziel wesentlich schneller als alle anderen, und so erhaschte er, als er den Durchgang passierte, tatsächlich noch einen Blick auf das Phänomen. Er blieb wie angewurzelt stehen.

 

In einem abgetrennten Bereich der Kunstgartenhalle huschte eine große Silhouette zwischen den Beinen der Elefanten umher und verschwand fast umgehend nach seiner Ankunft in einem dahinterliegenden Seitengang. Hinter ihm zogen mehrere Münder die Luft ein, bevor ein Geschrei losbrach und begeisterte Besucher an ihm vorbei zum Zaun liefen, um sich die Sache aus der Nähe anzusehen. Einige versuchten sogar, hinüberzuklettern, woraufhin eine laute Sirene zu schrillen begann und Sicherheitskräfte in Aktion sprangen, um sie daran zu hindern.

 

Eine sarkastische Stimme drang an sein Ohr: „Che, erübrigt wohl die Frage, warum du hier bist.“ Heiji erschien an seiner Seite und warf ihm ein überhebliches Grinsen zu: „Und wieso du uns so dringlichst hattest loswerden wollen.“ Sagurus säuerliches Stirnrunzeln war alles, was er als Antwort benötigte.

 

---

 

„Es war ein was, bitte?!“

 

„Ein Equus quagga quagga, eine seit dem neunzehnten Jahrhundert ausgestorbene Art der Zebras.“

 

„Aber wenn sie ausgestorben ist, wie ist es dann möglich, dass sie hier frei rumläuft?!“

 

„Genau das gilt es, herauszufinden, Kazuha. Aber ihr müsst euren sicher wohl verdienten Urlaub für so eine Lappalie nicht abbrechen. Ich kann dir versichern, dass ich alles im Griff habe, Heiji.“

 

„Hättste wohl gern, was? Nee, das verspricht, interessant zu werden! Was hältste von ʼnem kleinen Wettstreit?“

 

Saguru stöhnte und kniff sich in den Nasenrücken: „Du sprichst noch nicht mal vernünftig Französisch, wie willst du denn bitteschön Hinweise sammeln?! Und ich fürchte, Kazuha tust du damit auch keinen Gefallen.“ Er sah erwartungsvoll auf das Mädchen, welches jedoch überraschenderweise mürrisch abwinkte: „Nah. Wenn der sich erstmal was in den Kopf gesetzt hat, bringt ihn keine Rhinozerosherde mehr vom Weg ab. Ich werde mehr Ruhe haben, wenn er sich einmal ordentlich austoben kann. Außerdem können wir dir nicht die ganze Arbeit überlassen! Lass uns helfen!“

 

„Unerwünschte Hilfe ist keine Hilfe“, dachte Saguru bitter, laut entgegnete er lächelnd, „Das ist zu gütig, aber ich bin ausgesprochen zuversichtlich, dass ich diesen Fall auch auf eigene Faust abschließen kann.“ Heiji warf vergnügt ein: „Du willst sagen ‚Zu viele Köche verderben den Brei‘ und möchtest dir dein altbewährtes Roastbeef-Rezept nicht ruinieren lassen! Aber gibʼs auf, Mann, uns wirste nicht mehr los! Jetzt komm schon, weih uns ein!“

 

Was blieb ihm übrig? Heiji hätte ihm keine ruhige Minute mehr gelassen. Und vielleicht fiel der Fall mit einem ebenbürtigen Rivalen weniger eintönig aus? Er musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass er bereits eine vollkommen plausible Erklärung für die Vorkommnisse in petto hatte und an diesem Tag nur hergekommen war, um stichhaltige Beweise für die Einleitung einer strafrechtlichen Untersuchung zu finden.

 

„Na schön, hört zu. Vor knapp zwei Monaten wurde in diesen Hallen eine neue Ausstellung eröffnet und-“

 

„Jepp. Über antiquierte Tiergärten.“

 

„... Galerie des Ménageries. Soweit ich das beurteilen kann, hatte sie von vornherein einen regen Zulauf-“

 

„Kapier ich nicht, was an diesem Antiquierte-Tiergärten-Mist so interessant sein soll.“

 

„Galerie des Ménageries. Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mich nicht dauernd unterbrechen würdest. Zeit ist in unserem Metier substanziell. Also, vor etwa drei Wochen kam es zum ersten Mal zu unerklärlichen Zwischenfällen. Meldungen von lebendigen Tieren in den Ausstellungsräumen häuften sich. Die Arten wurden zunehmend seltener und ungewöhnlicher, bis man schließlich sogar ein Schnabeltier gesehen haben will.“

 

„Blödsinn.“

 

„Zweifellos. Aber seitdem sind die Besucherzahlen explodiert. Sogar im ausländischen Fernsehen haben die Meldungen für eine gewisse Furore gesorgt. Die meisten Leute halten es zwar für einen Werbegag, aber sie kommen trotzdem, um zumindest bei der ‚Safari‘ dabei gewesen zu sein. Ich bin gekommen, um dieses Mysterium aufzuklären, weil ich vermute, dass es sich hierbei um mutwillige Täuschung handelt. In dem Fall kann ich nicht einfach gutmütig darüber hinwegsehen.“

 

„Ewig der aufrichtige Spielverderber“, murmelte Heiji, doch man konnte ihm ansehen, dass auch ihm ein möglicher Betrug sauer aufstieß, „Und ich schätze, seitdem hat sich auch der Eintrittspreis signifikant erhöht?“ Saguru nickte: „Um ziemlich genau dreiundfünfzig Prozent.“ „Dreiundfün...“, hustete Heiji entrüstet und Saguru schwante es, welcher der beiden die Karten bezahlt hatte, „Unentschuldbar! Ich werde die Verantwortlichen entlarven und das Geld auf Heller und Pfennig zurückfordern!“

 

Kazuha piepste dazwischen: „Aber ... wenn die Ausstellung doch von Anfang an gut lief, warum sollte jemand das Risiko eingehen? Sie haben doch ordentlich verdient, oder nicht?“ „Hindert manche nicht daran, noch mehr abzocken zu wollen“, murrte ihr Freund. Saguru, unwillig, noch mehr Zeit zu verplempern, schmunzelte bissig: „Damit ich nicht als unfair gelte, wenn du verlierst, erlaube ich mir, die Zeugenaussagen zu wiederholen. Und ich werde sie dir sogar übersetzen.“ „Falls“, berichtigte ihn Heiji brüsk, „und ich muss dich hoffentlich nicht darum bitten, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen oder ‚Belangloses‘ nicht schlichtweg auszulassen ...“

 

„Selbstredend.“

 

„Na schön! Fangen wir also mit einer eingehenden Untersuchung des Tatortes an!“

 

Mit diesen Worten machte Heiji Anstalten, über die Absperrung zu klettern, ehe Saguru ihn davon abhalten konnte. Augenblicklich schrillten buchstäblich alle Alarmglocken und Kazuha erschrak so sehr, dass sie sich reflexartig an Sagurus Arm festkrallte. Umgehend war Heiji von Wärtern umringt, die ihn nachdrücklich dazu anhielten, doch bitte nicht die Exponate zu betreten. Alle Proteste nützten nichts und als ihm letztendlich gedroht wurde, des Hauses verwiesen zu werden, renkte er verärgert ein und begab sich zurück zu seinen Freunden. Saguru schüttelte missbilligend den Kopf: „Hast du es nicht begriffen? Im Moment läuft noch keine offizielle Ermittlung! Wir sind nicht befugt, hier auch nur einen Stein umzudrehen! Ich habe gedacht, das wäre dir klar gewesen?“

 

Heiji rümpfte die Nase. Das verkomplizierte die Sache. Gleichzeitig waren sich beide Detektive bewusst, dass die Lösung ansonsten aber auch vielleicht ein wenig zu einfach gewesen wäre. „Aber ... Wenn wir nichts untersuchen dürfen“, murmelte Kazuha besorgt, „wie sollen wir denn dann was rauskriegen?“ „Da kommen die besagten Zeugenaussagen ins Spiel“, erklärte Saguru höflich. Heiji schnippte mit den Fingern: „Klar! Eine oder zwei davon gelten nicht viel, aber bei mehreren sieht die Sache schon anders aus!“ Er wandte sich ihm voller Aufmerksamkeit zu: „Wenn du von ‚Häufungen‘ sprichst ... Wie viele meinst du genau?“ Saguru zuckte mit den Schultern: „Exakt dreiundvierzig Meldungen bis heute. Ich habe mit allen Betroffenen bereits gesprochen und konnte die wahren Sichtungen auf fünf reduzieren.“ Heijis Unterkiefer war bei der Anzahl schockiert heruntergeklappt, er atmete aber erleichtert auf, als er von der Eingrenzung hörte. Kazuha legte verwirrt den Kopf schief: „Was meinste mit reduzieren? Woher weißte denn, wer lügt und wer nicht?“

 

„Nur die besagten fünf Aussagen wiesen Gemeinsamkeiten auf und ergänzten sich in einigen Punkten. Sicherheit hatte ich keine ... Bis jetzt zumindest nicht. Aber meine eigene Erfahrung mit dem Quagga heute haben meine Vermutungen bestätigt. Die Abläufe ähneln sich zu stark, als dass es Zufall sein kann.“

 

„Aber der Rest muss nicht unbedingt gelogen sein! Was verrät dir denn, dass es nicht einfach nur anders abgelaufen ist?“

 

„Weil über die Hälfte der restlichen Zeugen behauptet, verschiedenen Arten von Dinosauriern begegnet zu sein, und, mit Verlaub, für die Haltung dieser Spezies kam selbst das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert zu spät. Etwa ein Viertel versuchte, mich davon zu überzeugen, massiv angegriffen worden zu sein, worauf Gesundheitszustand und Tatort schlichtweg keine Hinweise geliefert haben. Und alle anderen bezogen Treffen mit diversen verstorbenen Prominenten mit ein, vorzugsweise Elvis auf weißen Hengsten.“

 

„... Oh.“

 

Heiji drängte mit völlig ausdruckslosem Gesicht: „... Sag uns einfach, was du rausgekriegt hast, okay?“ „Na schön, wenn du am Klatsch und Tratsch nicht interessiert bist ...“, meinte Saguru künstlich bedauernd und zuckte mit den Schultern. Beide Jungen ignorierten Kazuhas enttäuschtes Schmollen. Sie hätte offenbar noch stundenlang dabei zuhören können, wie scheinbare Augenzeugen über wundersame Begegnungen mit Pegasi, Außerirdischen oder Bugs Bunny lamentierten. Doch Saguru hatte weder Zeit noch Muse dazu, denn so sympathisch ihm das Mädchen auch war, er hatte einen Job zu erledigen.

 

„Zeuge Nr. 1 schwört, im Teich mit den Bufo periglenes, den in den Achtzigern ausgestorbenen Goldkröten, ein schwimmendes Exemplar gesehen zu haben, welches aber schon nach wenigen Sekunden in einer Uferböschung verschwunden war. Er hatte zwar ein Foto gemacht, aber als Beweis taugt das natürlich nichts, da es die Fortbewegung nicht wiedergibt.“

 

Er zog das Bild aus der Tasche und reichte es seinem Rivalen, der nach wenigen Sekunden die Stirn in tiefe Falten legte: „Ist das ʼne Bugwelle, die sich vor dem Vieh durchs Wasser zieht?“ „Nach Meinung des Zeugen hat er wahrscheinlich einen Wasserfloh gejagt“, antwortete Saguru. Heiji brummte nur kurz und reichte das Bild der neugierigen Kazuha.

 

„Zeuge Nr. 2 hat einen Rodriguez-Riesengecko, auch bekannt als Phelsuma gigas, auf einem der Terrarien im Echsenhaus entdeckt, war aber so aufgeregt über ein freilaufendes Reptil, dass er nicht daran gedacht hat, ein Foto zu schießen, ehe er sich auf die Suche nach einem Wärter gemacht hat. Als er in Begleitung zurückkehrte, war das Tier bereits verschwunden. Er ist sich allerdings sicher, dass es genauso aussah wie die ausgestellten Nachbauten.“

 

Heijis Stirn kräuselte sich noch ein wenig mehr, als er tief in Gedanken versank.

 

„Nr. 3 hatte das Glück, einer ‚lebendigen‘ Microgoura meeki zu begegnen. Salomonentauben sind wirklich sehr schöne Vögel. Ich kenne jemanden, der sicher viel Spaß daran haben würde, sie aus dem Hut zu zaubern ... Aber ich schweife ab. Von dieser Sichtung haben wir sogar ein Video.“

 

Er fischte sein Handy aus der Brusttasche und hielt es Heiji entgegen, woraufhin sich Kazuha dicht an ihn quetschte, um mit hineinsehen zu können. Der Japaner nuschelte gereizt etwas Unverständliches, ließ es nach einem Knuff mit einem entschlossenen Ellenbogen aber geschehen. Das Video enthielt aufgeregtes Geplapper, dicht bewachsene Zweige und einen bläulichen, recht großen Vogel, dessen Gestalt jedoch weitläufig von den Blättern verdeckt wurde. Der Fokus zoomte einige Meter zurück und aufgeregtes Raunen ertönte, als die Taube vom Ast fiel, ihre Flügel ruckartig spreizte und in den Büschen direkt unter ihrem Sitzplatz am Boden verschwand. Einige Zweige zuckten und Blätter kreiselten zu Boden. Ein paar Spinnweben blitzten kurz auf, ehe die Szenerie wieder bewegungslos verharrte. Saguru steckte das Handy wieder weg und fuhr fort.

 

„Ein Tasmanischer Emu war die Entdeckung von Nr. 4, drüben in der Steppenabteilung. Weil zu diesem Zeitpunkt bereits einige Sichtungen gemeldet worden waren, ist der junge Mann sogar so weit gegangen, über den Zaun zu springen und zu versuchen, das Tier zu fangen. Es war allerdings zu weit weg und kaum, dass er losgespurtet war, flüchtete es recht ungelenk in einen dunklen Hinterausgang. Er hatte ihm folgen wollen, wurde aber durch den Direktor der Galerie selbst daran gehindert. Er streitet nach wie vor vehement ab, irgendein lebendes Tier in seinem Haus zu halten und unser Zeuge wurde nach einem recht unschönen Handgemenge des Hauses verwiesen. Nr. 5 schließlich-“

 

„Hey“, rief Heiji empört dazwischen und hob eine anklagende Hand, „Erstens: Was meinst du mit ‚ungelenk‘? Zweitens: Ist hier niemandem dieser Direktor suspekt? Und zuletzt: Hast du nicht was vergessen?!“ Saguru legte den Kopf schief: „Nun, der Zeuge meinte, dass der Emu für einen Laufvogel ziemlich ‚herumgeeiert‘ war, wenn ich es mit seinen Worten wiedergeben soll. Es ging wohl alles sehr schnell, aber er meinte, dass der Vogel oft durch den Sand geschlittert sei. Er vermutete, dass die Hektik ihn wohl ins Stolpern gebracht haben muss. Was den Direktor angeht: Ohne stichhaltige Beweise darf man nicht einfach fremde Zimmer durchsuchen. Er ist höchst verdächtig, das gebe ich zu, aber es ist möglich, dass ihm der Vorfall tatsächlich entgangen ist. In diesem Fall steht Aussage gegen Aussage. Und was meinst du mit vergessen?“

 

„Na, hat das Federvieh etwa keinen total wichtigen lateinischen Namen, mit dessen Aussprache du so richtig aufkacken kannst?“

 

„Du drückst dich gewählt wie immer aus, Heiji. Dromaius novaehollandiae diemenensis ist wahrscheinlich das, was du hören möchtest.“

 

„Wie zum Teufel kriegste das so selbstverständlich über die Zunge?!“

 

„Übung. Ich besitze das Latinum und Tiere – und vor allem Vögel – sind eine Liebhaberei von mir. Darf ich jetzt weitermachen?“

 

Heiji hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände und sein Freund seufzte angestrengt.

 

„Zeuge Nr. 5 ist über eine Chelonoidis nigra wallacei, eine Unterart der Galapagos-Schildkröte, gestolpert. Und zwar buchstäblich. Er hat sich dabei so hart am Kopf gestoßen, dass er nicht mehr ganz bei Sinnen war, als er sie hat davonschleichen sehen. Allerdings handelte es sich bei ihm um einen Hobbyzüchter von Reptilien, sodass er sie trotzdem sofort erkannt hatte. Nach eindringlichem Nachfragen hat auch er eingeräumt, dass sie sich etwas steif fortbewegte, was er aber auf den Schock des Zusammenpralls zurückführte. Die Schildkröte hat eine nahegelegene Umzäunung passiert und ist gleich darauf im Dickicht verschwunden. Erst später, als sich sein Zustand stabilisiert hatte, konnte er auf seine Entdeckung aufmerksam machen. Natürlich war es viel zu spät.“

 

Damit schloss Saguru seinen Bericht und Heiji nickte verstehend. Kazuha blickte von einem zum anderen und murrte schließlich: „Okay, könnte mir vielleicht auch mal jemand erklären, wo sich hier die Gemeinsamkeiten befinden? Es waren doch fünf total unterschiedliche Tiere!“ Heiji schnaubte verächtlich: „Pft, typisch für dich Vogelhirn, nichts zu schnallen! Liegt doch klar auf der Hand! Erstens hat sich jedes von den Viechern wenn, dann schnurstracks geradeaus bewegt. Zweitens ist jedes von ihnen nach Entdeckung fast augenblicklich in einem sicheren Versteck verschwunden, wohin man ihm nicht folgen konnte. Drittens ist keines von ihnen ein zweites Mal aufgetaucht.“

 

„Aber was macht gerade die Entdeckung einer Salomonentaube glaubwürdiger als die eines Dinosauriers? Sind doch beide ausgestorben!“

 

„Denk doch mal nach. Was ist hier wohl glaubwürdiger: Zwanzig Leute, die ʼnem T-Rex begegnet sind oder einer, der ein Tier beschreibt, das er wahrscheinlich noch nie im Leben gesehen hat?“

 

Kazuhas Augen weiteten sich und sie boxte mit einer Faust in die Hand: „Ach, klar! Woher soll erʼs wissen, wenn erʼs nicht wirklich gesehen hat, richtig?!“ Heiji nickte: „Eben! Und viertens ...“ Sie runzelte die Stirn: „Was, es gibt noch mehr?“ Saguru verschränkte die Arme vor der Brust: „Die vierte Gemeinsamkeit ist die Steigerung. Alles begann mit einem winzigen Frosch. Und es mündete in einem Kleinpferd. Die Tiere werden größer. Und aufwendiger.“ Kazuha sah ihn irritiert an: „Was meinste denn mit ‚aufwendiger‘?“ Seine Augenbraue zuckte, als er bemerkte, dass er zu viel gesagt hatte, doch Heiji klang überhaupt nicht überrascht, als er sagte: „Er meint, dass er einen oder mehrere Angestellte dieses Museums verdächtigt, Tierattrappen so umzubauen, dass sie sich bewegen und für lebendig gehalten werden können.“

 

„WAAAAAS?!“

 

„Pst, nicht so laut! Kannste echt nicht einmal den Schnabel halten?!“

 

Die Jungen sahen sich verstohlen um, als sich mehrere neugierige Köpfe nach dem Schreihals umdrehten, atmeten jedoch erleichtert auf, als sie sich alsbald wieder um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Sie wurden jedoch von einem Mann in Uniform etwas rüde in ihrer Unterhaltung unterbrochen. Er hatte sie eine Weile aus der Entfernung misstrauisch beobachtet und sich nun entschlossen, ihre kleine Versammlung aufzulösen. „Hey“, zischte er sie an, nachdem er ziemlich gereizt aus der Richtung, in die vorher das Quagga verschwunden war, auf sie zugestampft war, „rumgelungert wird nicht, klar?! Wenn ihr von den Schwergewichten hier endlich genug habt, dann verzieht euch gefälligst!“

 

Sie hatten vielleicht die Worte nicht verstanden, wohl aber den Tonfall, und schon sah man die Bereitschaft zum Gegenangriff aus zwei sonnengebräunten Gesichtern regelrecht emporwachsen. Doch Saguru lenkte schnell ein: „Natürlich. Das werden wir sofort tun. Verzeihen Sie bitte, wir haben die Zeit vergessen.“ Der Mann wandte sich missmutig ab: „Tse! Scheiß Bälger überall. Ist doch kein Kinderspielplatz!“ Dann walzte er wieder von dannen und verschwand um die Ecke. Heiji starrte ihm groß nach: „Was hat der Typ gesagt?“

 

„Er hat uns höflichst aufgefordert, uns zu entfernen, da wir den anderen Besuchern die Sicht versperren.“

 

„Und was haste geantwortet?“

 

„Dass wir seiner Bitte natürlich umgehend Folge leisten werden.“

 

Mit diesen Worten scheuchte er sie beiseite, um einer Schulklasse Platz zum Bestaunen der Dickhäuter zu machen. Kazuha schmollte beleidigt: „Tse! Unverschämtheit! Als ob ich einen Elefanten verdecken könnte!“ „Weiß nicht“, schnappte Heiji augenblicklich den Haken, „du hast in letzter Zeit ʼn bisschen was zugelegt ...“

 

Saguru fand, dass er den Tritt vors Schienbein redlich verdient hatte.

 

Sie brachten kaum zehn Meter hinter sich, ehe sich ein elegant gekleideter, älterer Herr von einer Gruppe Besuchern löste und auf sie zutrat. „Entschuldigen Sie bitte“, sprach er sie an, „aber ich kam nicht umhin, mit anzusehen, dass sich unser Mitarbeiter Ihnen gegenüber etwas unhöflich verhalten hat.“ Heiji hob irritiert eine Augenbraue und er und Kazuha sahen offen interessiert auf Saguru, der kein bisschen überrascht wirkte: „Das ist wohl wahr, aber wir haben uns selbst nicht ganz vorbildlich verhalten, so mitten im Weg herumzustehen.“ „Trotzdem“, der Fremde schüttelte missbilligend den Kopf, „seinem Gesicht nach zu urteilen, muss er sich arg im Ton vergriffen haben. Ich bitte Sie demütig, es ihm nachzusehen. Er leidet unter ... privaten Problemen. Natürlich ist das kein Grund, unsere geschätzten Besucher zu beleidigen. Ach, und ausgerechnet jetzt, wo wegen des jüngsten Vorfalls sowieso schon eine solche Unruhe herrscht. Die kleine Zeugin ist schon ganz verstört, weil jeder sie mit Fragen bombardiert ...“ Saguru zuckte mit den Schultern: „Wie gesagt, wir tragen es ihm nicht nach. Machen Sie sich keine Gedanken.“ „Es erleichtert mich, das zu hören“, sagte der Mann und wirkte tatsächlich so. Seine Hand verschwand in seiner Jackettasche und zog einige kleine Pappzettel hervor: „Hier, nehmen Sie das bitte als Zeichen meiner Betroffenheit. Damit können Sie in unserem hauseigenen Café nach Herzenslust speisen ... Aber was sage ich das Ihnen. Ich hoffe, es wird Sie ein wenig für Ihre Geduld entschädigen.“ Saguru nahm die Coupons entgegen und verbeugte sich leicht, als sich der Mann ebenso flink und still wieder entfernte, wie er gekommen war.

 

„Wer war ʼn das?“, fragte Kazuha, den Blick noch immer auf den Davoneilenden geheftet. „Hugo Clochard“, gab er bereitwillig Auskunft, „der Kurator des Muse... der Galerie. Er ist ein außerordentlich angesehener Mann und sehr engagiert in der Kunstszene. Er gibt vor allem jungen Künstlern oft die Gelegenheit, ihre Werke in seinen Ausstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Siebenundfünfzig Jahre alt, verheiratet, zwei Töchter, wohnhaft in-“ „Woah, halt mal“, sie hob überrumpelt die Hände, „seine Lebensgeschichte wollte ich eigentlich nicht erfahren! Ähm ... Aber es ist erstaunlich, dass du so viel über ihn weißt. Kennste ihn etwa persönlich?“ Saguru neigte leicht den Kopf: „Ja, er ist ein Bekannter meiner Mutter. Sie hält große Stücke auf ihn und meint, dass er ein sehr zuverlässiger Geschäftspartner ist. Er ist kein Freund der Familie oder so, wir kennen ihn nur wegen mancher gemeinsamer Projekte ganz gut. Ich habe auch einige andere Angestellte überprüft, allerdings war es etwas kurzfristig. Den Wärter von vorhin zum Beispiel kann ich leider nicht einordnen.“ „Naja“, versuchte sie ihn zu beruhigen, „es wird wohl nicht ausgerechnet der der Täter sein.“ Dann zog sie eine Schnute: „Obwohl ... So unhöflich, wie der war ...“ Er lächelte belustigt: „Ich fürchte, mangelnde Umgangsformen sind kein legitimer Anklagegrund.“

 

Bei sich dachte er jedoch: „Nein. Aber die drei anderen Indizien sprechen dafür.“ Er wollte kein Öl ins Feuer gießen, indem er sie wissen ließ, dass ihr kleiner Zusammenstoß den Wärter von Null auf Platz eins seiner Liste der Verdächtigen katapultiert hatte, und schwieg deswegen. Aber die unerklärliche Aggressivität ihnen gegenüber, die sich so auffällig lange am jüngsten Tatort aufgehalten hatten. Die Tatsache, dass er aus keinem ersichtlichen Grund aus genau der Richtung gekommen war, in die auch das Quagga verschwunden war. Und, was am aufschlussreichsten war, die einzelnen braunweißen Härchen auf der Innenseite seines rechten Ärmels – von denen Saguru leider keine Probe hatte entnehmen können, weil er in der Hast des Augenblicks nicht nah genug herangekommen war – sowie der wenige Zentimeter tiefe Riss am Bund derselben Seite.

 

„Und was hat Herr Clochard gewollt?“

 

Kazuhas Stimme unterbrach seinen Gedankengang und er sah lächelnd auf: „Ah, ja! Er hat sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt und uns als Entschädigung diese Essensbons geschenkt. Ich kann dir versichern, die Crêpes des Hauses sind par excellence.“ Er überließ ihr die Zettel und schmunzelte, als er ihre Augen aufleuchten sah. „Wie nett“, jauchzte sie, „Ich wollte ja eigentlich schon vorhin was bestellen, aber Heiji hat rumgemosert wegen der Preise! Jetzt wirste ja wohl kaum noch was einzusetzen haben, oder, du Spaßbremse?!“

 

Erstaunt sahen sie sich um, als sie keine Antwort erhielt.

 

„... Heiji?“

 

---

 

Er klemmte dicht an der Wand hinter einer schmalen Kiste, um nicht entdeckt zu werden, und lauschte angestrengt den beiden Männern, die ein Stück weit von ihm entfernt heftig miteinander diskutierten. „Du Idiot“, knurrte der Kurator, dem er bis in jenen dunklen, T-förmigen Seitengang gefolgt war, den unfreundlichen Wärter an, „bist du wahnsinnig, Besucher zu beleidigen?! Und dann noch ausgerechnet diesen! Weißt du nicht, wer das war?!“ Sein Gegenüber bohrte sich betont gelangweilt im Ohr: „Keine Ahnung. Wie wichtig kann ʼne Bande schwatzender Kinder schon sein?“

 

„Der Brünette ist ein Oberschülerdetektiv!“

 

„Che! Was zum Teufel soll das denn sein?“

 

„Er ist erst Siebzehn und hat schon Dutzende Kriminalfälle gelöst! Sogar die internationale Presse berichtet ab und zu von ihm!“

 

„Klingt hirnverbrannt, wenn du mich fragst. Wer hat sich sowas ausgedacht?“

 

„Ich frage dich aber nicht! Alles, was ich von dir will, ist ein wenig Diskretion und Professionalität! Ist das wirklich schon zu viel verlangt?!“

 

„... Tse. Hab ja schon kapiert. Leg dich nicht mit Kindern an, die sich für Lupin halten.“

 

„Lupin ist ein Dieb, du selten dämlicher ...“

 

Doch der Alte brach ab und winkte nur abfällig mit einer Hand: „Ach, was versuche ich es überhaupt? Merk dir nur eins: Wenn du nochmal Besucher anpöbelst, fliegst du, ungeachtet der Folgen, klar?!“ Er lief tiefer in den Gang hinein, ohne sich noch einmal umzusehen. Der Wärter schnaubte abfällig, aber diskret und blickte ihm feindselig nach, ehe er links abbog und von dannen zog. Doch nicht, bevor Heiji noch ein murrendes „Würdest es eh nicht durchziehen, Alter ...“ hörte.

 

Einige Minuten wartete er und entspannte sich dann unwillkürlich. Er hatte nicht wirklich verstanden, wegen was sie sich gestritten hatten, doch er hatte sowieso kein Geständnis erwartet. Vielmehr schlich er sich nun vorsichtig bis zur Weggabelung vor und lugte in den langen Gang hinein. Anscheinend war er allein.

 

Er rutschte beinahe auf etwas aus, ging in die Hocke und fuhr mit einem Finger über eine schmale Spur Erde, die ihm auf den ersten Blick auf den braunen Fliesen nicht aufgefallen war. Ein Stück weiter führten halbrunde Flecken von der Tür am Ende des T-Stammes bis zu einer der Wände nahe der Ecken der Kreuzung. Dort wurden sie von einem Tohuwabohu aus einigen verwischten Fußspuren, kleinen Fellbüscheln, Macken im Boden und einem Stück dunkelblauen Stoffs unterbrochen und gingen in zwei parallel verlaufende Schmutzschlieren über. Heijis Stirn legte sich in Falten, ehe sich seine Augen erhellten. Er folgte den Schlieren bis zu einer breiten Doppeltür, vor der sich die beiden Männer gestritten hatten. Sie war verschlossen und er nuschelte ungehalten Flüche in seinen Bart.

 

Und schrie spitz auf, als sich eine Hand von hinten auf seine Schulter legte.

 

Er konnte kaum herumfahren, ehe ihm der Mund zugehalten und er rücklings an das harte Holz gepresst wurde. Große Augen starrten ihn an und zwei Finger legten sich an Lippen, denen ein simultanes „Pssst!“ entfuhr. Heiji atmete erleichtert auf, als Saguru und Kazuha ihn vorsichtig wieder losließen. „Heiligs Blechle“, stöhnte er leise, „habt ihr ʼnen Knall?! Wollt ihr, dass ich ʼnen Herzkasper kriege?!“ „Das kommt vom Richtigen“, murmelte Saguru gereizt, „Was machst du hier, verdammt nochmal? Ich hab dir doch gesagt, dass wir keine Befugnis haben, hier rumzuschnüffeln! Wenn uns jemand erwischt, bekommen wir ernste Schwierigkeiten!“ Verstohlen sah er sich um. Heiji entfuhr ein Kichern: „Vor was haste denn Schiss? Dass wir ʼnen internationalen Konflikt auslösen? Übertreib nicht so maßlos.“ Er schüttelte den Kopf und wandte sich wieder der Tür zu: „Aber wo ihr schon da seid, könnt ihr mir ja helfen, einen Blick in dieses Zimmer zu werfen. Interessiert mich brennend, was da drin ist!“ Saguru wagte noch immer nicht, ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken: „Aus irgendeinem speziellen Grund oder bewegen wir uns hier nur wegen ein bisschen kindlicher Neugier auf hauchdünnem Eis?“ Seine Augen wanderten zum Boden und blieben darauf haften.

 

„Wenn du mich besser kennen würdest, wüsstest du, dass ich-“

 

„Es ist Neugierde“, fiel ihm Kazuha ins Wort und drängelte sich an ihm vorbei, „Wie kriegen wir die auf?“ „Hey“, beschwerte sich Heiji, doch sie beachtete ihn nicht, sondern sah Saguru erwartungsvoll an, als ob dieser die Fragen des Universums beantworten konnte. Er fixierte Heiji mit einem wütenden Blick und zischte: „Warum trittst du sie nicht einfach in deiner einzigartig brachialen Weise auf? Ich bin sicher, niemand würde die eine oder andere Tür vermissen und uns wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch belangen!“ Seine Freunde antworteten ihm nicht, wohl, weil sie seine innere Anspannung bemerkten.

 

Schließlich seufzte er geschlagen und schob die beiden sanft zur Seite: „Aber so wieʼs aussieht, hast du einen guten Grund ...“ Damit zückte er ein schmales silbernes Gerät und hockte sich vor das Türschloss.

 

Keine Minute später klickte es leise und er ignorierte den anerkennenden Pfiff: „Oh? Hätte nicht gedacht, dass du das Schlösserknacken beherrschst, Herr Überkorrektheit. Wo haste das gelernt? Und vor allem, wofür?“ Saguru zog den Dietrich zurück und ließ ihn wieder in seine Tasche sinken: „Ich habe einen ... Bekannten, dessen Lebensaufgabe es zu sein scheint, mir das Leben schwerzumachen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nützlich sein kann, sich selbst befreien zu können, wenn man aufstehen will und bemerkt, dass der eigene Knöchel am Stuhl festgekettet wurde.“ Er sah großzügig über beidseitiges Gekicher hinweg und drückte die Klinke hinunter: „Dann bin ich ja mal gespannt, ob es sich lohnt, dass wir Kopf und Kragen riskieren.“

 

„Jepp“, nickte Heiji zufrieden, als er über seine Schulter hinweg dem erwarteten Anblick begegnete. Kazuha lugte auf der anderen Seite an Saguru vorbei und flüsterte: „Oh.“

 

Dort, im Halbdunkeln, stand das Quagga und starrte sie mit glasigen Augen leblos an. Heiji trat an Saguru vorbei und klopfte dem Tier grinsend auf den Rücken: „Also, wenn jemand das Biest nicht in Rekordzeit geschlachtet und ausgestopft hat, glaube ich kaum, dass es vorhin tatsächlich putzmunter durchs Gehege gestreift ist. Gestreift, kapiert? Hahaha-“ Kazuha sah aus, als wünschte sie sich nichts sehnlicher, als umgehend ihre Bekanntschaft mit ihm zu vergessen und Saguru tat so, als ob er ihn nicht gehört hätte. Stattdessen trat er neben ihn und schob nachdrücklich seine Hand weg, während er in seiner Tasche kramte. Heiji rollte mit den Augen, als ein Paar Handschuhe zum Vorschein kam und er sie wortlos überstreifte, trat jedoch bereitwillig beiseite.

 

Saguru begann damit, jeden Winkel des Quaggas zu untersuchen. „Ich schätze, die beiden Schleifspuren haben dich darauf gebracht, dass es hier drin sein könnte“, mutmaßte er nachdenklich und strich mit den Fingern vorsichtig am Bauch entlang. „Jepp“, Heiji begann damit, nach den anderen Tieren Ausschau zu halten, „nachdem das Ding hier seine Schuldigkeit getan hatte, stand es wohl erstmal eine Weile im Flur, bevor es der Wärter von vorhin hierher zurückgeschoben hat.“ Saguru nickte zustimmend, ohne von seiner Arbeit aufzusehen: „Hm. Du verdächtigst ihn also auch.“

 

„Nee. Der Typ ist unschuldig. Ich tippe nach wie vor auf den Direktor. Und vielleicht auf den gesprächigen Opa.“

 

Saguru blinzelte und starrte irritiert zu ihm hinauf: „... Wie meinen? Du hast doch gerade selbst gesagt, dass der Wärter es hierher transportiert haben muss!“ „Ja. Darauf deuten die Haare und der Riss in seinem Ärmel hin“, bestätigte Heiji in sich gekehrt. Saguru runzelte die Stirn: „Eben! Er hat draußen seine Show abgezogen, es in den Flur dirigiert und dann hier versteckt. Ein recht simpler Plan, das gebe ich zu, aber durch die Zutrittsverbote im ganzen Haus gibt es viele Verstecke, in denen selbst Personal nicht häufig nachsieht.“ Heiji schüttelte den Kopf und sah ihn ehrlich mitleidig an: „Wenn du das echt nicht schnallst, solltest du vielleicht nochmal einen deiner geliebten Holmes-Bände studieren, Meisterdetektiv. Wenn wirklich unser sympathischer Wärter hinter allem stecken würde, hätte er dieses Walross doch nie im Leben geschoben! Es muss einen Mechanismus aufweisen, der es frei umherlaufen lässt, ansonsten hätte es nicht so locker über die Erde und den Rasen draußen im Gehege traben können.“

 

Just in diesem Moment glitt Sagurus Finger über einen versenkten Knopf. Er drückte ihn und eine Klappe an der Seite des Quaggas öffnete sich leise quietschend. Die drei legten die Köpfe schief und lugten in den Bauch hinein. „Hm ... Ja“, murmelte Heiji blinzelnd, „so einen meine ich in etwa.“ Kazuha machte Anstalten, den roten Powerknopf zu betätigen, doch Saguru wehrte ihre Hand höflich ab: „Besser nicht. Es wäre gar nicht gesund für uns, jetzt zu viel Lärm zu machen. Aber ...“ Er zückte sein Handy und schoss ein paar Fotos.

 

Heiji wies auf den Motor: „Siehst du? Dieser Klops wiegt Zentner! Wenn der Wärter der Drahtzieher wäre, hätte er ihn bequem mit ʼner Fernbedienung einparken können. Stattdessen hat er sich beinahe einen abgebrochen dabei, ihn herzuschieben. Die Schleifspuren sind da ziemlich eindeutig.“ „Und sein zerfetztes Jackett“, murmelte Saguru nachdenklich. Er gab es nicht gern zu, aber sein Rivale konnte recht haben. „Das Jackett ist nicht beim Abmühen zerrissen“, unterbrach Heiji seinen Gedankengang und er erkannte verärgert, dass er schon wieder überrascht war. Gereizt stöhnend fuhr er sich durch Haar: „Und wobei, bitteschön, ist es passiert, Herr Neunmalklug?“ Heiji grinste ob der unverhohlenen Frustration in seiner Stimme und winkte ihn auf den Flur hinaus zu dem kleinen Wirrwarr an der Ecke. Er wies auf den Haufen vermischter Spuren: „Er ist drüber gestolpert.“ Kazuha runzelte zweifelnd die Stirn: „Wie kann man über ein so großes Tier stolpern, Heiji? Man sieht es schon von weitem! Sein Rücken reicht mir bis zur Taille!“ Doch er wies überzeugt in die Richtung des Ganges links von der Unordnung: „Wenn du von dort kommst, kannst du es erst sehen, wenn du um die Ecke biegst. Außerdem ist der Gang dunkel.“

 

Er breitete die Arme aus: „Es ist so passiert: Das Quagga hat nach getaner Arbeit die Tür passiert. Die halbrunden Abdrücke sind Hufspuren, deutlich hinterlassen durch die Erde, die im Gehege ausgeworfen wurde und die an den Hufen haften geblieben ist. Es ist bis dicht an die Ecke gelotst und dort vorerst angehalten worden. Ich vermute, dass es mit Fernsteuerung mehr oder weniger blind bedient worden ist, denn ansonsten hätte es der Täter sicher gleich besser versteckt. Der Wärter ist von links reingekommen. Wahrscheinlich war er in Eile, in Rage oder hatte sonst einen Grund, fix unterwegs zu sein, denn als er um die Ecke gestürmt kam, ist er geradewegs mit dem Ding kollidiert. Er ist über den Rücken gefallen und hat es mit zu Boden gerissen. Darauf weisen die Dellen im Belag und die zerstreuten Fellknäuel hin. Dabei hat er sich das Bündchen zerrissen. Um weitere Unfälle zu vermeiden, hat er es anschließend unter vollem Körpereinsatz in dieses Zimmer gehievt. Dabei blieben die Haare an Seite und Ärmel des Jacketts hängen. Danach hat er seinen ursprünglichen Weg fortgesetzt und den Flur durch die Tür verlassen, durch die das Tier reingekommen ist. Und wir haben ihn deshalb aus eben jener Richtung kommen sehen.“ Sagurus Gesicht wies Zweifel auf: „Es gibt keinen Beweis, dass es so abgelaufen ist. Ich könnte ebenso gut rechthaben.“

 

„Saguru, er ist eindeutig gefallen. Wenn er wusste, dass das Biest hier irgendwo mitten im Gang steht, hätte er das Licht angemacht oder sich zumindest vorsichtiger fortbewegt. Er wäre niemals drüber gestürzt!“

 

Er musste zugeben, dass die Spuren tatsächlich einen heftigen Zusammenstoß sehr wahrscheinlich machten. Was bedeutete ...

 

„Er muss verletzt sein. So ein Sturz kann nicht ohne Folgen geblieben sein. Wenn er also ...“

 

„Jepp. Wenn er blaue Flecken hat, hab ich recht.“

 

Saguru war unzufrieden. Mit einem grübelnden Blick starrte er an die Wand: „... Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Clochard ...“

 

Er konnte nicht zu Ende sprechen, denn plötzlich klapperte eine Tür und schwere Schritte näherten sich ihrem Standort. Kazuhas erschrockenes Quieken ging in Heijis Pullover unter, als er sie dicht an sich zog und fest an die Wand presste. Saguru hatte ebenso schnell reagiert und schirmte die beiden mit einem Arm ab, während er reglos in einer verspannten Abwehrstellung verharrte und gebannt lauschte. Wer immer gerade hereingekommen war, er durfte nicht das Licht anmachen und auch nicht in den Seitengang schauen, denn sonst hätte er sie sofort entdeckt und Alarm geschlagen. Oder gar Schlimmeres.

 

Nach wenigen Sekunden kam der unfreundliche Wärter still vor sich hin brummelnd in Sicht, glücklicherweise offenbar zu in sich gekehrt, um sich aufmerksam umzuschauen. Er walzte schnurstracks an ihnen vorbei zum Lagerraum, hielt kurz inne, als er ihn unverschlossen vorfand und zuckte gleichgültig mit den Schultern, als die drei Eindringlinge schon besorgt zu schwitzen begonnen hatten. Er stieß die Tür unsanft auf und verschwand im Zimmer, in dem er begann, lautstark herum zu rumoren.

 

Die beiden Detektive sahen sich verstohlen an.

 

Und wollten eben hinterdrein schnüffeln, als von der anderen Seite ein ähnliches Geräusch ertönte. Hugo Clochards Stimme drang erneut in ihre Ohren: „Was zum Teufel machst du immer noch hier?! Du sollst Ribeira beaufsichtigen! Das kann doch nicht so schwer sein!“ Der Wärter entgegnete, ohne auf die Beschwerde einzugehen: „Hast du mein Handy gesehen? Könnte schwören, dass ich es hier im Regal liegengelassen habe, nachdem ich Adelaide gestern ausprobiert habe ...“ „Wenn du nur halb so viel Energie in die Arbeit wie in diese lächerlichen Spielzeuge stecken würdest, ginge es der Galerie wesentlich besser!“ „Es sind keine lächerlichen Spielzeuge“, murrte es ein wenig ungehalten, „sondern voll funktionsfähige Vorführmodelle! Wenn du dich nur ein bisschen für Technik interessieren würdest, du Hinterwäldler, würdest du erkennen, dass sie der Erziehungswissenschaft einen großen Dienst erweisen können!“

 

Sie hatten sich bis zur Ecke vorgeschlichen und lugten übereinander, dicht an die Wand gedrückt, dahinter hervor, um dem hitzigen Gezänk besser lauschen zu können. Saguru hielt sein Handy in Händen, spitzte nun die Ohren und sah Heiji herausfordernd von unten an. Die ferngesteuerten Tiere gehörten nicht nur dem Wärter, sie waren von ihm gebaut worden. Und der Kurator schien sich überhaupt nicht mit der Materie befasst zu haben, sodass er keine Möglichkeit hatte, sie für unerlaubte, aggressive Publicity zu verwenden.

 

Es ging eine Weile deftig hin und her, bis dem Alten schließlich der Kragen platzte. „Schluss jetzt mit diesem Unsinn“, schrie er seinen Gegenüber unwirsch an und wies auf die Tür zu seiner Linken, „wir sind mitten im Dienst und wenn du nicht augenblicklich fristlos gekündigt werden willst, gehst du jetzt sofort wieder an die Arbeit!“ Der Wärter funkelte ihn zornig an, behielt jedoch jeden weiteren Kommentar für sich und stieß ihn beiseite, als er das Zimmer verließ und den Gang hinunter stürmte. Ihre drei Beobachter, die sich wegen der Plötzlichkeit der Situation nur ganz knapp und sehr unzureichend einen Schritt hatten zurückziehen können, bemerkte er in seiner Wut nicht. Wenige Sekunden später knallte die Tür ins Schloss. Eine Weile war es still und die Freunde wagten kaum zu atmen, um den ebenfalls schweigenden Hugo nicht auf sich aufmerksam zu machen.

 

Endlich erfüllte ein abfälliges Schnauben die Luft: „Pädagogische Zwecke, dass ich nicht lache. Zu mehr als einigen steifen Schritten sind deine dummen Fehlkonstruktionen doch gar nicht in der Lage! Einmal dachte ich, dass du mir vielleicht mal nützlich werden könntest, aber ich hätte es besser wissen müssen.“ Er zog etwas aus seiner Jackeninnentasche und starrte darauf hinab. Es war ein dunkelblaues Handy mit einem roten Wolf auf der Rückseite. Hugo knirschte mit den Zähnen: „Pft. ‚Adelaide‘. Deine ach so pädagogisch wertvolle Adelaide hätte beinahe eines der Elefantenkälber umgerissen, nur weil du dieses Ding nicht richtig konfiguriert hast!“ Er warf es unsanft ins Regal neben dem Quagga und trat nach kurzer Überlegung auch noch an das Bein des Modells: „Pah! Nutzloser Schrott!“

 

Dann zückte er sein eigenes Handy, welches plötzlich in seiner Hosentasche Sturm klingelte: „Ja? ... Ah, Herr Direktor ... Nein, alles ist nach Plan verlaufen. Es war ein wenig knapp, aber ... Nein, natürlich haben Sie recht. Die Kleine war nicht eingeplant. Ich habe nicht gesehen, dass jemand so dicht am Gehege gestanden hat ... Es ist gutgegangen, was wollen Sie mehr? ... Ja, es ist Gesprächsthema Nr. 1 unter den Gästen. Wie immer ... Nein ... Ich weiß, wie Sie sich fühlen ... Aber ich bin der Meinung, wir sollten zumindest noch sein nächstes Projekt verwenden. Er arbeitet gerade an einem Schomburgk-Hirsch! Wenn er den zum Laufen bringt, wäre das eine Sensation! ... Ja, ich beobachte ihn weiter ... Natürlich ist es ein größeres Risiko als bisher, aber wenn es klappt – und ich verbürge mich dafür – werden uns diese Schaulustigen die Türen einlaufen! Denken Sie nur an die Einnahmen! ... Ja, Monsieur. Selbstverständlich ... Vielen Dank. Sie werden es nicht bereuen ... Auf Wiederhören, Monsieur.“ Er steckte das Gerät wieder weg und starrte lang und eindringlich auf das Quagga, ehe er murmelte: „Hoffen wir, dass dein Nachfolger sicherer auf den Hufen ist, Adelaide. Ansonsten kommt ihr beide auf den Sperrmüll. Und euer Baumeister ... Nun, sagen wir, es gibt keine Spuren, die auf jemand anderen als Täter hinweisen. Also strengt euch lieber mehr an.“ Dann schüttelte er zornentbrannt den Kopf, als er bemerkte, dass er mit einem toten Stück Technik redete, schwang herum und steuerte mit eiligen Schritten auf den Mittelgang – und ihr Versteck – zu. Er rauschte um die Ecke ...

 

Und blieb bei dem Anblick abrupt stehen.

 

Sein Gesicht verzog sich zu einer unheimlichen Fratze und er schlug unbeherrscht mit der Faust an die Wand. Dann fuhr er herum, stürmte zurück in das Zimmer, riss einen Besen aus der Ecke und stampfte wutentbrannt zurück.

 

‚Wenigstens diesen ganzen Dreck, den sein blöder Roboter zurückgelassen hat, hätte er ja mal saubermachen können!‘

 

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Die Tür schnappte hinter Saguru leise zu und die drei schlichen diskret um die Ecke zurück in die große Elefantenhalle. Man konnte ihm ansehen, dass ihm ihre Entdeckungen nicht sonderlich gefielen. Es war eindeutig, dass sein Wohlwollen beim Kurator gelegen hatte und ausgerechnet vor Heiji einrenken zu müssen, missfiel ihm noch mehr. Doch nach dem Gehörten konnte selbst er nicht mehr ausschließen, dass Hugo zumindest einer der Schuldigen war. Heiji konnte es gar nicht abwarten und fragte sofort, als sie sicher sein konnten, dass niemand lauschte: „Also, worum ging es bei den beiden?“ Saguru erklärte es ihnen. Er blickte seinem Rivalen direkt in die Augen und seufzte, als sich das schädelspaltende Grinsen in dessen Gesicht immer weiter ausdehnte: „Schon gut, schon gut. Ich habe schon wieder verloren. Hn. Und das, obwohl ich dir in meinen Ermittlungen weit voraus war. Ich muss zugeben, dass das ein wenig erniedrigend ist, wenn ich das anmerken darf.“ „Oh, du darfst“, hänselte Heiji und bekam dafür einen Boxhieb in die Seite von einer missbilligend dreinschauenden Kazuha verpasst, „Autsch! ... Aber da du mir dafür einen wesentlich aufregenderen Nachmittag beschert hast, als dieses Antiquierte-Tiergärten-Museum mir sonst jemals hätte bieten können, werde ich nie wieder ein Wort darüber verlieren, in Ordnung?“ Saguru schnaufte frustriert: „Galerie des Ménageries.“

 

Kazuha blickte besorgt von einem zum anderen: „Also ... Wie geht es denn jetzt weiter? Das war doch nicht nur ein Zeitvertreib für euch beide, oder? Wir müssen doch irgendwas tun, um diesen Kerl vom Abzocken ahnungsloser Besucher abzuhalten, richtig?!“ „Natürlich“, betonte Saguru beinahe etwas beleidigt und hielt sein Handy empor, „gedenke ich nicht, es auf diesem unzumutbaren Zustand beruhen zu lassen! Die Fotos von dem Quagga sollten als Indiz ausreichen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, und die Aufnahme des Geständnisses von Monsieur Clochard von eben ist gerade gut genug, um die hiesige Polizei auf die Missstände aufmerksam zu machen. Ich werde sie umgehend anonym einreichen. Dann sehen wir weiter. Ich werde mich darum bemühen, an der Untersuchung teilnehmen zu dürfen. Ich werde euch die Ergebnisse zukommen lassen, wenn sie euch interessieren.“

 

„Definitiv“, grinste Heiji, „den Ausgang lasse ich mir nicht vorenthalten!“ „Warum denn anonym?“, fragte Kazuha verständnislos, „Wäre es nicht besser, wenn wir sie persönlich hinbringen und uns als Zeugen zur Verfügung stellen?“ Heiji sah sie mitleidig an und sie starrte ob des Blickes umgehend wütend zurück. „Wenn es sich bei uns um angesehene Pariser Ermittler handeln würde, wäre das sicher richtig“, bemühte sich Saguru die Atmosphäre aufzulockern, „aber wenn drei ausländische Jugendliche beim Revier vorsprechen, könnten eventuelle Vorurteile dazu führen, dass die Daten nicht so ernst genommen werden, wie sie es verdienen. Anonymen Hinweisen jedoch muss nachgegangen werden, vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass sie ansonsten ihren Weg in ein Pressebüro finden, was in diesem Fall sogar recht naheliegend wäre. Sie werden Schritte einleiten, dessen bin ich mir sicher.“

 

Er steckte das Handy weg und verbeugte sich vor seinen Freunden: „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich möchte noch einen bestimmten Punkt klären, bevor ich den Tipp einreiche. Ich wünsche euch noch einen angenehmen Urlaub.“ Heiji hob einen Daumen: „Man sieht sich. Und vergiss ja nicht, uns auf dem Laufenden zu halten!“ „Eine Frage hätte ich noch“, gab Saguru erstaunlich gefasst, aber sichtlich zerknirscht zu, „Warum bist du dir so sicher, dass der Wärter nicht zumindest in der Sache mit drinsteckt? Alles, was du erklärt hast, ist zwar nachvollziehbar, aber es hätte so auch ablaufen können, wenn er ein Komplize wäre.“

 

Heiji tippte sich seufzend an die Stirn: „Oh, Sagulein, du bist zu kalt zu deinen Mitmenschen! Gesteh ihnen doch zumindest einen gewissen Grad an Intelligenz zu! Sein Verhalten wäre in dem Fall doch viel zu auffällig gewesen! Kinder anpöbeln, genau aus der Richtung kommen, in der das Quagga verschwunden ist, Dreckspuren hinterlassen ... All das deckt sich doch nicht mit der sonstigen Raffinesse der Täuschungen! Er macht sich damit eher in höchstem Maße verdächtig und kannst du dir wirklich vorstellen, dass er das absichtlich tun würde, wo er bei seinen Taten doch so auf Diskretion und Vorsicht bedacht ist?“

 

Saguru sah ihn eine Weile stumm an. Doch dann drehte er sich mit einem verständigen Nicken um und ging ohne ein weiteres Wort davon.

 

Kazuha winkte ihm nach, bis er zwischen den anderen Besuchern verschwunden war. Dann wandte sie sich an ihren Freund und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige: „Du Idiot! Was haste dir bloß dabei gedacht, wieder alleine los zu stiefeln, häh?! Was wäre, wenn die Typen dich erwischt hätten und sich als richtig gefährlich erwiesen hätten?! Außerdem hast du ohne Saguru doch eh kein Wort verstanden!“ „Ich versteh genug Französisch, um zu wissen, dass er nicht versucht hat, bei den Übersetzungen zu tricksen“, brummte Heiji, verstimmt über die lang erwartete Standpauke und sich schmerzerfüllt die brennende Wange reibend, „Das muss ich ihm lassen, er ist grundehrlich. Aber so verdammt steif!“ Er streckte stöhnend seine Arme in die Luft und reckte die Anstrengung aus ihnen hinaus: „Puh! Das hinter uns gebracht, hab ich jetzt echt einen Bärenkohldampf!“ Dann starrte er sie warnend an: „Aber glaub ja nicht, dass ich auch nur einen einzigen weiteren Cent in diesem verfluchten Bau zurücklasse! Wir gehen ins Café gegenüber!“ Sie blinzelte und verfiel urplötzlich in ein strahlendes, verführerisches Grinsen: „Oh, ich denke, es ist überhaupt nicht nötig, dass du hier Geld ausgibst, Heijilein ...“

 

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Wie sich herausstellte, war der Wärter tatsächlich unschuldig. Es handelte sich bei ihm um den dreißigjährigen, unehelichen Sohn des Kurators, Renée Lefort, der sich von ihm – im Gegenzug zu seinem Schweigen über die peinliche Affäre – öfters mit Jobs und Geld aushelfen ließ. Technische Basteleien waren schon immer seine Forte gewesen. Gesunder Menschenverstand weniger, denn er war tatsächlich nicht darauf gekommen, die Tiere aus den Berichten mit seinen Erfindungen in Verbindung zu bringen. Deswegen hatte er sich bei einem unerwarteten Sturz über sein eigenes Werk auch beinahe den Hals gebrochen, was zu seinem Glück an den verblassenden Überresten dutzender Blutergüsse noch ausreichend nachzuweisen war.

 

Da Hugo Clochard seit einigen weniger erfolgreichen Ausstellungen unter nicht unwesentlichem finanziellem Druck stand, war er auf die Idee gekommen, sich zur Abwechslung von seinem Sohn aushelfen zu lassen. Ohne dessen Wissen, was durch die Falle, die die Polizei gestellt hatte, eindeutig bewiesen werden konnte. Zivile Beamte hatten für drei ganze Wochen jeden Tag, jeden Raum der Ausstellung überwachen müssen, doch endlich war der angekündigte Hirsch aufgetaucht und von ihnen „erlegt“ worden.

 

Außerhalb von Gesprächen über sein Hobby legte Renée ein genervtes, beinahe aggressives Verhalten an den Tag, sodass es nicht ungewöhnlich für ihn war, selbst Besuchern seine wenig subtile Meinung zu geigen. Dass er sich deswegen eines Verbrechens verdächtigt machen konnte, hatte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Nach dieser Eröffnung schien er sein loses Mundwerk besser unter Kontrolle zu haben.

 

Das Quagga und der Schomburgk-Hirsch waren seine Meisterwerke, wie er den Polizisten stolz erklärt hatte. Die kleineren Tiere vom Anfang konnten sich zwar bewegen, aber nicht fortbewegen, weswegen er vermutete, dass sie mit einer Schnur geführt worden und deswegen ein wenig unzuverlässig in ihrer Gangart gewesen waren. Schnüre wie diejenige, die man leicht mit Spinnweben verwechseln konnte, wenn Licht passend darauf fiel. Wie die Angelschnüre, die der begeisterte Angler Hugo Clochard haufenweise in seiner Pariser Wohnung aufbewahrte und die den Verdacht gegen ihn nur noch festigten.

 

Hugo hatte zwar seinen Plan, seinen Sohn als Sündenbock zu missbrauchen, spontan in die Tat umsetzen wollen, doch da er von den Beamten mit dem Corpus Delicti in der Hand gestellt worden war – Renées Smartphone, dessen Software als Fernbedienung fungierte – brachte es ihm nichts, dass er keine Fingerabdrücke darauf hinterlassen hatte. Außerdem waren die Polizisten zusammen mit den anonymen Hinweisen auch darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass viele Mitarbeiter und Besucher den Kurator auch während früherer Sichtungen mit einem dunkelblauen Handy mit einem roten Wolf auf der Rückseite hatten herumspielen sehen.

 

Er hatte das Geld gebraucht, hatte er später im Verhör gestanden, hatte sich seinen guten Ruf wieder erarbeiten und seinen lästigen Parasiten loswerden wollen. Drei ehrgeizige Vorhaben, die sich zufälligerweise ergänzt hatten. Er belastete zudem den Direktor der Galerie schwer, der ihm auf die Schliche gekommen war und aus Geldgier der Fortsetzung des Betrugs zugestimmt hatte.

 

Heiji hatte also bei all seinen Vermutungen Recht behalten. Doch was ihn bei der Lektüre der Ausgabe der „Le Parisien“, die ihm Saguru nach Abschluss des Falls freundlicherweise hatte zukommen lassen, am meisten amüsierte, war der Kommentar der Journalistin, dass ein noch sehr junger, halbjapanischer Polizeiberater die Galerie des Ménageries immer wieder versehentlich als „Antiquierte-Tiergärten-Museum“ bezeichnet hatte.

2. Kapitel: Bis dass der Tod uns ...

Autorennotizen

„KIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIID!!!“

 

Der markerschütternde Schrei dröhnte durch das ganze Sunroute-Plaza-Hotel bis auf die belebte Straße hinaus, wo sich Freunde und Feinde des weißgekleideten Mondscheindiebes zusammengefunden hatten, um dessen jüngstem Beutezug beizuwohnen. Mit lautem Gebrüll, Explosionen – wenn auch nur aus Rauch und Konfetti bestehend – und verschiedenster Formen sonstigen Krawalls hatten alle gerechnet. Kaito Kid war nicht dafür bekannt, seine Lieblingspolizeieinheit um Ginzo Nakamori mit Samthandschuhen anzufassen, zumindest was Streiche und öffentliche Blamagen betraf. Im Gegenteil, ihn allerlei Schabernack veranstalten und letztendlich triumphieren zu sehen, das lockte die meisten der Schaulustigen an.

 

Womit allerdings niemand gerechnet hatte, war, dass sich das Kreischen zur Abwechslung nicht nach dem typischen Wutanfall des ewig gereizten Kommissars anhörte. Diese Stimme klang heller, jugendlicher und um ein Vielfaches zorniger.

 

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Besagter Kommissar und seine Leute standen gerade mit sperrangelweit offenstehenden Mündern im obersten Stockwerk des Gebäudes inmitten eines Meeres aus samtenen roten Blütenblättern. Unterdessen ging Oberschülerdetektiv Saguru Hakuba als einziges Mitglied des Sonderkommandos der Aufgabe nach, den Meisterdieb zu jagen. Buchstäblich.

 

Die Blätter wurden mit jedem Tritt, den die beiden Jungen taten, neu aufgewirbelt, denn sie hechteten in einem so halsbrecherischen Tempo durch den Saal, dass der ebenfalls anwesende Direktor still um seinen wertvollen Teppichboden bangte. Kid stürmte lauthals lachend durch die weit geöffnete Tür, die ein durch den Radau aufgeschreckter und eilends hinzugekommener Beamter hinter sich zu schließen versäumt hatte und verschwand im Flur, Saguru dicht auf den Fersen.

 

Nachdem dessen wütendes Gezeter abgeklungen war, ließ Ginzo seinen Kopf mit leerem Blick auf eine Schulter sinken und fragte den ihm am nächsten stehenden Kollegen: „... Was ist gerade passiert?“ „Sir“, der Polizist salutierte etwas wackelig und mindestens gleichwertig perplex, „wir sind gekommen, um auf der Premiere der Ausstellung der berühmten Rubinbrosche ‚Imperishable Roseate Longing‘ den ruchlosen Kaito Kid daran zu hindern, eben diese zu stehlen! Wir haben zu diesem Zweck alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen – Wachposten, Laserbarrieren, Schnappfallen, Tretminen – und außerdem im Treppenhaus Überwachungskameras installiert, um Kid dazu zu animieren, über den Fahrstuhl in den Ausstellungssaal zu gelangen, sodass wir ihn mit einer fast hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit dingfest machen können! Wer konnte denn damit rechnen, dass er von oben kommt?!“

 

„Ja. Ja, ganz recht. Wer konnte das ahnen. Weiter.“

 

„Er hat ein Loch ins Dachfenster geschnitten und ist direkt von dort auf den Schaukasten gesprungen! Nur Saguru Hakuba hat offenbar einen derartigen Auftritt erwartet, denn er konnte ihn tatsächlich erfolgreich in Gewahrsam nehmen. Für ... Äh ... drei Sekunden. Danach ist alles so schnell gegangen, Sir, ich weiß nicht, ob ich die Vorgänge adäquat wiedergeben kann ...“

 

„Versuch es.“

 

„Nun, da war dieser laute Knall, überall Schlafgas und dann erstmal nichts mehr. Und danach ... nichts als Rot, Sir, so weit das Auge reichte! Alles außer Hakuba. Der sah plötzlich sehr ... Nun ... weiß aus, Sir. Und dann ist er aus der Haut gefahren und hat Anstalten gemacht, Kid den Hals umzudrehen ... Nicht, dass ich es ihm verdenken könnte ... Meinen Sie, es würde ihn ein wenig aufheitern, wenn wir ihm sagen, dass ihm das Kleid eigentlich recht gut steht?“

 

„Ich fürchte, damit würden wir weder ihm noch uns einen Gefallen tun ... Hm. Dann habe ich wohl doch alles mitgekriegt und bin nicht zwischendurch den suspekten Inhaltsstoffen irgendeines Narkotikums aus Kids vermaledeitem Chemiebaukasten erlegen. Könnte mir jetzt vielleicht freundlicherweise noch jemand erklären, warum Kid heute in Schwarz aufgetaucht ist?“

 

Niemand antwortete. Und es sollte noch eine ganze Weile dauern, ehe die Lähmung aus ihren Gliedern gewichen war und sie sich daran erinnerten, dass sie an diesem Abend hergekommen waren, um eine Brosche zu bewachen. Eine Brosche, mit der der Meisterdieb für unbestimmt produktive Minuten ungestört allein gewesen war.

 

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Während die Polizei noch in ihrer Schreckstarre verweilte, fiel Saguru im Treppenhaus in seiner Hast beinahe über das Geländer und schrie völlig aufgelöst eine Etage weiter hinauf: „Verdammt, Kaito! Ich lasse mir viel von dir gefallen, aber das geht eindeutig zu weit! Gib sie sofort zurück!“ Der Dieb, der sich mit Hilfe seines Greifhakens dem feindlichen Zugriff elegant entzogen hatte, stupste grinsend seinen Zylinder tiefer ins Gesicht: „Ich weiß überhaupt nicht, mit wem du redest! Ich respektiere den genialen Jungzauberer Kaito Kuroba sicherlich immens, aber ich kann nicht oft genug betonen, dass wir nicht ein und dieselbe Person sind.“ Sein Grinsen verbreiterte sich: „Oder ist da etwa der Wunsch der Vater des Gedanken?“ Sagurus Augenbraue zuckte gefährlich und er rannte wieder los. Seine Absätze klackerten laut auf den Stufen und wenn er in Ruhe darüber nachgedacht hätte, wäre er zu dem Schluss gekommen, dass er niemals mit Kid hätte mithalten können, wenn es dieser nicht darauf hätte ankommen lassen.

 

Nicht in hochhackigen Stiefeln, während er den Saum eines bodenlangen Hochzeitskleides mit sich herumschleppen musste, um im Lauf nicht davon behindert zu werden. Zudem rutschte ihm immer wieder der Schleier ins Gesicht, egal wie oft er ihn auch zurückwarf. Er hätte ihn sich schon lange vom Kopf gerissen, doch er war mit so vielen Klammern in seinem hellbraunen Schopf befestigt, dass dies nicht ohne gewisse Verluste vonstattengegangen wäre. Und das an sein Handgelenk gekettete Bouquet roter Lilien schränkte seinen Aktionsradius zusätzlich empfindlich ein.

 

Doch er konnte nicht in Ruhe nachdenken, denn sein ganzes Selbst war von einem Gefühl der Panik erfüllt, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte. Natürlich war Kid bereits noch eine Etage höher getänzelt und neckte gutgelaunt von oben: „Du siehst wirklich atemberaubend aus, Herr Detektiv! Hast du schon mal daran gedacht, Geld mit sowas zu verdienen?“ „Ich verzichte“, entgegnete Saguru bitter, „Ich will nicht von meiner Freundin als Transvestit bezeichnet werden!“ Kid legte künstlich erschüttert eine Hand aufs Herz: „Du hast eine Freundin?! Und da dachte ich, niemand könnte sich zwischen uns drängen! Wie kannst du mir das nur antun?!“ In Sagurus Stimme schwang ein hysterischer Ton mit und er riss zornentbrannt die Blumen ab, sodass nur noch ein paar traurige Stängel in den Handschellen verklemmt zurückblieben, um den Strauß anschließend an die Wand zu werfen: „Du weißt genau, wie ich das meine!“

 

„Ich habe nicht die Spur einer Ahnung, Herr Detektiv“, erklang es dicht in seinem Rücken und der erste Schock hinderte ihn daran, sich sofort umzudrehen, „aber was viel wichtiger ist: Du solltest deinen Putz nicht mit allzu verheerenden Temperamentsausbrüchen zerstören. Dieses Rot passt hervorragend zu deinen wunderschönen, güldenen Wellen. Es wäre reine Verschwendung, es nicht wirken zu lassen.“ Und im nächsten Augenblick landete ein neuer, noch größerer Strauß in seinen Händen, erneut gesichert durch kalten Stahl. Eine Hand fuhr seine Schläfe entlang und steckte ihm eine der Lilien hinters Ohr. Leises Kichern ertönte.

 

Brodelnd fuhr er herum und ließ seine eigenen Handschellen zuschnappen, doch er erwischte nur eine Strebe des Geländers: „... Shit!“ „Oh, so ausfällig, Milady! Schickt sich das für eine Dame?“, lachte der Dieb vom unteren Absatz herauf und winkte ihm schadenfroh zu, ehe er rückwärts die Stufen hinab hüpfte. Saguru stieß noch einige leise Flüche aus, ehe er es endlich schaffte, die Fesseln aufzuschließen und die Verfolgung wieder aufzunehmen.

 

Sie führte unter Lärm, Gepolter und wachsenden Blumensträußen durch mehrere Stockwerke, vorbei an befremdlich dreinschauenden Besuchern und pikiertem Personal, doch Saguru bemerkte es kaum. Für ihn gab es nur noch den dreist Grimassen schneidenden Dieb, der so nah erschien aber stets zu weit weg war, um ihn zu fassen zu bekommen. Kid ging sogar so weit, während der Hetzjagd die Hände in die Hosentaschen zu stecken und ein Lied zu pfeifen! Saguru knirschte mit den Zähnen. War er – Kleid hin oder her – wirklich so langsam? „Weißt du“, ertönte Kids tadelnde Stimme, „früher war es eigentlich üblich, dass der Bräutigam die Braut hofiert, nicht andersrum!“

 

„Wer behauptet, ich würde dich hofieren, du selbstverliebter Möchtegern-Casanova?!“

 

„Oh, wir wissen doch beide, dass du dich nur zierst, Lilyru.“

 

Kid wandte sich an ein Paar, an welchem er zufällig gerade vorbeilief und schirmte sich den Mund mit einer Hand ab, sprach aber so laut, dass es Saguru auf jeden Fall mitbekam: „Sie ist so schüchtern. Aber Sie sollten sie mal im Bett erleben!“ Die beiden prusteten los und kicherten auch dann noch, als Saguru errötend an ihnen vorbeirannte: „Ich bin ganz bestimmt nicht schüchtern, du verdammter-“ „Oh, schon wieder diese Kraftausdrücke“, wieherte Kid und stürmte in einen Aufzug, „Unsere Hochzeitsnacht verspricht eine schmutzige Angelegenheit zu werden! Ich kann es kaum erwarten!“ Die Türen schlossen sich hinter ihm und Saguru schaffte es gerade noch, durch den Spalt hindurch zu hechten.

 

Kid hatte sich durch die Deckenluke gerettet und saß nun provokant im Schneidersitz an der Öffnung, um schmunzelnd auf ihn hinabzublicken. Sagurus Blick verfinsterte sich. Er erkannte sofort, dass er keine Chance hatte, ebenfalls nach oben zu gelangen. Nicht mit so vielen Handicaps. Außerdem hielt er inzwischen bereits den vierten Blumenstrauß in Händen und dieser war so groß, dass er kaum noch sehen konnte, wohin er lief. Sich seiner erneut zu entledigen und dafür zu riskieren, unter einem Berg Lilien begraben zu werden, wagte er nicht. So nutzte er den erzwungenen Waffenstillstand, um Luft zu schnappen und sich darauf einzustellen, seinen Kontrahenten einzufangen, sobald der Fahrstuhl auf welchem Stockwerk auch immer angekommen war und der Dieb zu entschlüpfen gedachte. Denn hätte er einen anderen Ausgang als die hinter Saguru fest verschlossene Tür gehabt, wäre er mit Sicherheit nicht einfach sitzengeblieben. Der Detektiv presste sich sicherheitshalber noch dichter an den Spalt und starrte finster an die Decke: „Also, was soll das alles?“ Kid legte fragend den Kopf schief: „Das alles?“

 

„Na, du weißt schon. Die Kostümierung, der Riesenhaufen Blumen ... Apropos, glaubst du nicht, dass das ein bisschen zu auffällig gewesen sein könnte? Ich müsste nur die Händler der Stadt abklappern und sie nach dem Käufer eines ganzen Fußballfeldes roter Lilien befragen!“

 

„Ja, das könntest du natürlich versuchen. Aber glaubst du nicht, dass ich gewisse Vorkehrungen getroffen habe, um mir meinen Lieblingsschnüffler vom Hals zu halten?“

 

„... Hmpf. Warum Braut und Bräutigam?“

 

Kid sah ihn eine Weile stumm an. Dann verschränkte er die Finger ineinander und legte sie in den Schoß. Die Hutkrempe überschattete seine Augen und er wirkte auf einmal so niedergeschlagen, dass es Saguru vorkam, als hätte er eine kriminell intime Frage gestellt. „Du weißt besser als ich, was ‚Imperishable Roseate Longing‘ bedeutet, Halbblutprinz“, begann Kid dann ungewöhnlich leise, „‚Unvergängliche rosenrote Sehnsucht‘. Als ich den Namen verinnerlicht hatte, überkam mich auf einmal dieses schreckliche melancholische Gefühl, ein Gefühl, als hätte ich etwas Entscheidendes im Leben verpasst.“

 

„Oh bitte, du bist erst Siebzehn!“

 

„... Ich hatte plötzlich unerträgliche Angst, dass ich das nicht mehr würde nachholen können! Ich werde es dir nicht erklären müs... ... ... Nun, vielleicht doch. Pass auf: Als Teenager hat man im Bezug auf die Liebe nichts anderes im Kopf als Spaß und Abwechslung. Ich meine, als normaler Teenager und nicht wie du, der an nichts anderes denken kann als den nächsten Tatort.“

 

„Hey!“

 

„Aber wenn du erstmal in ein gewisses Alter kommst, lernst du Ruhe und Beschaulichkeit schätzen, wünschst dir Beständigkeit und ... und Sicherheit!“

 

Ein Schluchzen ertönte und Kid wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sagurus Blick verfinsterte sich noch mehr, als es immer eindeutiger wurde, dass der Dieb sich über ihn lustig machte. Kid sprang auf, wanderte einige Male hin und her und warf sich dann erregt halb durch das Loch, sodass Saguru erschrocken zusammenzuckte: „Ich hatte plötzlich das nicht zu unterdrückende Bedürfnis, es auszuprobieren, verstehst du nicht?! Wie es ist, die große Liebe am schönsten Tag des Lebens im feinsten Zwirn mit strahlendem Gesicht der ganzen Welt zu präsentieren! Mit Stolz und Hoffnung in eine gemeinsame Zukunft zu schauen! Sich einen Lebensabend auszumalen, den man nicht alleine verbringen muss!“ Saguru verschränkte so gut es ging die Arme vor der Brust und giftete: „Und weil deine große Liebe deine wahre Identität nicht erfahren darf, weil sie die Tochter des ermittelnden Kommissars ist, hast du mich als Versuchskaninchen auserkoren?!“ Kids Mundwinkel hoben sich hauchzart. Er legte geheimnisvoll einen Finger an den Mund: „Wer weiß? Das überlasse ich ganz deinen analytischen Fähigkeiten, Herr Detektiv.“

 

Plötzlich erklang ein lautes „Ping“ und die Kabine ruckte kurz. Saguru verfiel sofort in Abwehrstellung und machte einen Schritt vor: „Endstation, Kid! Du hast dich in die Nesseln-“ Weiter kam er nicht, denn ein heftiger Windstoß erfasste seinen Rock und wirbelte den Saum hoch in die Luft. Ihm entfuhr ein peinliches, erschrockenes Quieken und instinktiv zwängte er den flatternden Stoff beidhändig seine entblößten Beine wieder hinunter. Ein schwarzer Blitz zischte an ihm vorbei durch die sich hinter ihm öffnenden Türen. Die wenigen Sekunden Ablenkung hatten Kid ausgereicht, um vom Dach der Kabine herunterzuspringen und aus dem engen Gefängnis zu türmen. Sagurus Augen weiteten sich und er erlaubte sich in aller Eile nur eine halbe Drehung, ehe er einen entschlossenen Satz zur Seite machte und versuchte, noch einen Ärmel, einen Jackensaum, einen Zipfel des langen Umhangs zu erwischen, irgendetwas, um den Dieb am Entkommen zu hindern.

 

Er spürte einen Ruck, doch dann glitt ihm der seidene Stoff durch die Finger, stattdessen rammte er mit voller Wucht einen Besucher, der draußen auf den Aufzug gewartet hatte. Während Saguru stolperte und auf ein Knie fiel, hörte er hinter sich ein dumpfes Poltern. Erst wollte er direkt weiterlaufen, entsann sich jedoch noch rechtzeitig auf seine gute Erziehung und wandte sich hastig um: „Es tut mir leid! Sind Sie in Ordnung?!“ Der alte Mann rieb sich stöhnend das Steißbein und stemmte sich dann mit zittrigen Händen in die Höhe. Saguru half ihm ungeduldig auf, immer mit einem Blick auf den Hauptausgang des Hotels gerichtet, durch den Kid verschwand: „Wirklich, es ist mir ... Entschuldigung ... Ich ... ich muss ...“ Der Mann stand ein wenig gekrümmt, lachte jedoch, wenn auch etwas angestrengt: „Ach, die Jugend ... Puh ... immer zu hastig in allen Belangen. Gehen Sie nur, meine Liebe, mir gehtʼs gut! Lassen Sie sich Ihren großen Tag von diesem Malheur nur nicht verderben!“ „D... danke! Es tut mir wirklich außerordentlich leid“, stieß Saguru peinlich berührt hervor, verzichtete aber darauf, den Fremden auf seinen Irrtum hinzuweisen und rannte los.

 

Als sich die automatischen Glastüren hinter ihm schlossen, seufzte der Alte reuevoll, hob die Reisetasche mit dem versteckten, sehr leistungsstarken Ventilator auf und steuerte auf die Hintertür des Hauses zu: „Nicht so leid wie mir, junger Herr Detektiv ...“

 

Auf der Straße brauchte Saguru nicht lange Ausschau zu halten. Die Schneise, die die Fans ihrem Idol freigemacht hatten, wirkte wie eine direkte Einladung zum Folgen. Und er ließ sich nicht zweimal bitten. Er ignorierte das ausbrechende Gelächter, den Applaus und die vielen bewundernden Pfiffe, die sein Auftritt auslösten und jagte hinter Kid her, der ihm grinsend aus einigen Metern Entfernung zuwinkte. Wenn er nicht so sauer gewesen wäre, hätte es ihn wahrscheinlich misstrauisch gemacht, dass der Dieb die Gelegenheit zur Flucht nicht wahrgenommen und stattdessen auf ihn gewartet hatte. Doch er war sauer – rasend nahezu – und er konnte keinen einzigen klaren Gedanken fassen.

 

Vielleicht war das auch nicht schlecht, denn wenn er es gekonnt hätte, wäre er vor Verlegenheit im Boden versunken.

 

Aufgelöst schrie er Kid nach: „Achtest du nicht sonst immer darauf, dass bei deinen Beutezügen niemand verletzt wird?! Deinetwegen habe ich gerade einen unbeteiligten Rentner über den Haufen gerannt! Er hätte sich sonst was brechen können!“ Buhrufe ertönten, doch Kids Lachen ging darin nicht unter: „AHAHAHAHA, du gibst also zu, dass ich der Grund für deine heute so stürmische Laune bin?! Oh, Sillyru! Du rührst mein Herz zu Tränen!“

 

„Hör auf, mir jedes Wort im Mund umzudrehen!“

 

„Was hättest du denn lieber im Mund umgedreht?“

 

„KID!!!“

 

„Ich rede vom Hochzeitskuchen, Herr Detektiv, vom Hochzeitskuchen! Gute Güte, woran hast du denn gedacht?“

 

„NNNNNGH!“

 

Unter lautem Gelächter blieb Saguru keuchend vor einer hohen Mauer stehen, die ihn etwa um zwei Köpfe überragte. Kid balancierte lächelnd darauf hin und her, als ob er ihn, der viel zu viel aufgezwungenen Ballast mit sich herumschleppte, um ebenfalls hinaufzuklettern, verhöhnen wollte. Er begann frustriert erneut damit, einzelne Bestandteile des dicken Straußes in seiner Hand zu zerpflücken: „Ha, Pech gehabt! Von hier kannst du nicht entkommen! Am Ende der Gasse stehen Polizeibeamte! Komm runter und ... und ... VERDAMMT, BEFREI MICH ENDLICH VON DIESEM GRÜNZEUG!“ Kid beugte sich zu ihm hinunter und wackelte missbilligend mit einem Zeigefinger: „Tsetsetsetse, Herr Detektiv. Du bist so romantisch wie ein Shonen-Jump-Manga!“ Er sprang auf und breitete in gespielter Verzweiflung die Arme aus: „Die Beweise meiner ungebrochenen Zuneigung lapidar als Grünzeug zu bezeichnen! Grobian!“ Er drehte eine Hand und eine einzelne Blume erschien darin, die er Saguru schmunzelnd vor die Nase hielt: „Lilien stehen für Glaube, Reinheit und Süße! Und sie sind wie für dich geschaffen, Herr Detektiv, denn dein reiner Glaube in meine alsbald erfolgende Verhaftung ist genau das: Erheiternd süß!“ Dann richtete er sich lachend wieder auf, ehe Saguru mit seiner freien Hand zupacken konnte und rief: „Aber keine Angst! Meiner Liebe zu meiner ebenso süßen Braut tut das keinen Abbruch!“ „ICH BIN NICHT DEINE BRAUT“, brüllte Saguru – ein Blutgefäß an der Schläfe gefährlich anschwellend – und warf in blindem Zorn das Bouquet nach ihm. Kid sprang geiernd darüber hinweg zurück inmitten seiner Fans und spurtete los, wieder auf das Hotel zu. Saguru folgte ihm unverzüglich.

 

Einer der Umstehenden stellte sich ihm in den Weg und langte nach seinem Arm, offensichtlich in dem Versuch, ihn am Einholen zu hindern. Doch Saguru, vorerst von der sperrigen Fracht befreit, reagierte automatisch auf den halbseidenen Angriff und wich flink zur Seite aus, ohne an Tempo zu verlieren. Dabei kam er jedoch ins Straucheln und konnte nur durch das beherzte Zupacken eines weiteren Zuschauers vor einem schmerzhaften Sturz bewahrt werden. Trotzdem bedeutete die Intervention für ihn kein großes Ärgernis. Er hatte sogar mit mehr Widerstand vor allem der radikaleren Fans des Meisterdiebs gerechnet.

 

Anders als Kid.

 

Noch während Saguru seinem Helfer dankte, schnippte der Dieb mit den Fingern. Eine Wasserbombe erschien wie aus dem Nichts und zerplatzte auf dem Kopf des perplexen Angreifers: „Aber, aber, Gentlemen! Wer wagt es denn bitteschön so tolldreist, meine reizende Begleitung in aller Öffentlichkeit ungebührlich anzufassen, hm?“ Seine Stimme klang verspielt, doch es schwang eine untrügliche Warnung darin mit, die die Menge unversehens weiter auf Abstand gehen ließ. Der tropfnasse Schuldige nahm schnell seine Mütze ab und verbeugte sich entschuldigend. Saguru beachtete ihn gar nicht, sondern wies mit einem anklagenden Zeigefinger auf Kid: „Ich befinde mich ganz sicher nicht in deiner ‚Begleitung‘, du Kanaille! Und ich kann mich hervorragend selbst zur Wehr setzen! Zum Beispiel, indem ich weitere Eingriffe in deine Verhaftung als Beihilfe zur Flucht und Widerstand gegen die Staatsgewalt zur Anzeige bringe!“ Unversehens bildete sich noch mehr Freiraum um sie. „Ach, Bullyru, wir wissen beide, dass du nicht so tief sinken würdest, wegen eines harmlosen Streichs derart harte Geschütze aufzufahren“, presste Kid unter Lachen hervor, ehe er erneut Fersengeld gab.

 

Die weitere Verfolgung führte die Kontrahenten quer durch die Menschenmassen zurück zum Haupteingang des Hotels, aus dem soeben eine Traube von Polizisten um Kommissar Nakamori stürzte, der sich hastig umsah. „KID“, schrie er, als er die beiden direkt auf ihn zusteuernden Jungen erblickte, „DU BIST VERHAF-“ Weiter kam er nicht, denn weitere unzählige Wasserbomben – und natürlich ein neuer Strauß, der sich aus unerfindlichen Gründen trotz des Trubels wieder zielgenau an Sagurus Handgelenk verfing – fielen vom Himmel und tauchten die Einheit in kaltes Nass, welches zusätzlich mit Schmierseife angereichert worden war.

 

Während um sie herum die Beamten wie sterbende Schwäne über die Steine rutschten und wild übereinander purzelten, stoben die beiden mitten durch den Pulk hindurch und stürmten durch die Türen. Der sich am Boden windende Ginzo brüllte seine Leute an, sie aufzuhalten, doch alles, was er damit erreichte, waren zunehmend kopflose Bemühungen, sich aufzurappeln und dabei den Nebenmann so effektiv wie möglich zu behindern. Einige der erfolgreicheren Wachtmeister kamen gerade noch rechtzeitig, um Jäger und Gejagten durch die Hintertür rauschen zu sehen, die direkt dahinter ins Schloss fiel. Doch als sie endlich hin gestrauchelt waren, um ihnen zu folgen, stellten sie fest, dass sie sich nicht mehr öffnen ließ. Entweder hatte sie sich durch die rüde Behandlung verkeilt ... Oder jemand hatte sie abgeschlossen.

 

Saguru wetzte inzwischen die lange Feuertreppe hinauf und bemühte sich dabei, nicht nach unten zu sehen. Kid, der derartige Höhen gewöhnt war und sowieso niemals auch nur annähernd aviophobisch gewirkt hatte, lehnte sich weit über das Geländer und schirmte sich die Augen vor dem strahlend hellen Vollmond ab, um spöttisch auf ihn hinunterzublicken: „Wo bleibst du denn, Herr Detektiv?! Ich langweile mich hier zu Tode! Möchtest du denn wirklich, dass ich so früh von dir scheide, mein Lieb?!“ Saguru stöhnte gedehnt und legte einen Zahn zu, natürlich nicht, weil er Kid zufriedenstellen, sondern weil er ihn einfach nicht entkommen lassen wollte. Diesmal hing zu viel von der Ergreifung des Diebes ab.

 

Hinauf ging die wilde Jagd, immer weiter hinauf, unter Kids stetigen Lästereien und Sagurus hitzigen Kontern, bis der schwarze Umhang schließlich über die Umzäunung des Dachs wirbelte und für einige Sekunden aus seinem Blickfeld verschwand. Als er selbst endlich ächzend hinübergeklettert war und sich umsah, stand Kid schon ihm gegenüber auf dem Geländer und wartete geduldig auf ihn. Sagurus Miene verdunkelte sich. Er hatte es verpatzt. Alle Trümpfe lagen in Kids Hand, denn von nun an musste er sich nur noch kurz abstoßen und einmal mehr würden all die Mühen der Sonderkommission verpuffen wie Seifenblasen im Wind. Vorsichtig machte er einige Schritte näher, als wollte er sich an ein scheues Tier heranpirschen, ohne den Fluchtreflex auszulösen.

 

Er musste ihm sein Diebesgut wieder abluchsen. Das war selbst wichtiger als die Ergreifung Kids, wichtiger als das Gesicht zu wahren, wichtiger als seine Knöchel, die vom vielen Hakenschlagen in unpraktischem Schuhwerk unangenehm brannten.

 

Händeringend versuchte er, ihre Konversation wieder aufzunehmen, irgendetwas, was ihm Zeit verschaffte und seinen Rivalen von seinen wirklichen Absichten ablenkte. Sein Mund war etwas trocken von der Anstrengung, doch er zwang sich energisch, durchzuatmen und sich zu konzentrieren: „Genießt du es nicht immer außerordentlich, in Frauenkleidern umher zu stolzieren? Wie komme ich heute zu der zweifelhaften Ehre, als weibliches Pendant deiner Show auftreten zu dürfen?“

 

„Nun, in der typischen Romanze besitzt die Dame in der Regel helleres Haar als der Herr.“

 

„In der typischen Romanze ist der Herr auch größer als die Dame.“

 

„Standen wir uns jemals so nahe, um unsere Größen vergleichen zu können, Herr Detektiv?“

 

„Wir stehen uns offensichtlich nahe genug, um heiraten zu können. Also warum rückst du nicht heran und probierst es aus?“

 

Kids Mundwinkel hoben sich ein wenig: „Netter Versuch, Herr Detektiv. Aber ich muss dankend absagen. Denn wie es aussieht, ist die Show vorbei.“ Er streckte die Hand aus und im ersten Augenblick ergriff blanke Panik den Oberschülerdetektiv. Doch gleich darauf erkannte er, dass Kid nicht daran dachte, sich in die Tiefe zu stürzen und davon zu segeln. Stattdessen erschien von unten ein etwa einen Meter durchmessender Schatten, der langsam am Geländer zu Kids Hand emporschwebte. Er runzelte verwirrt die Stirn. Kids Finger schlossen sich um die Seile, die um den Ballon geschlungen waren, griffen in den kleinen Korb, der daran befestigt war ...

 

Und zogen „Imperishable Roseate Longing“ hervor, ehe Kid die Konstruktion wieder losließ, ihr einen Stups gab und sie vom sanften Wind lautlos in die Nacht hinaus geweht wurde. Als er endlich begriff, was vor sich ging, weiteten sich Sagurus Augen in Fassungslosigkeit und er hauchte: „Du ... du hattest die Brosche noch gar nicht ...?“ Und jetzt ergab es auch einen Sinn, dass der Phantomdieb nach dem Raub nicht umgehend verschwunden war. Ein Verhalten, welches Saguru zuvor in seiner Rage nicht einmal in Frage gestellt hatte!

 

Es ging Kid gar nicht darum, mit „seiner“ Spezialeinheit herumzualbern! Er hatte gewartet. Aber nicht auf ihn.

 

Der Dieb lächelte selbstgerecht: „Ah, ich wusste, dass es sich der Kommissar nicht nehmen lassen würde, den Stein zu überprüfen, wenn er erstmal begriffen hat, wie lange ich mit der Vitrine allein gewesen bin. Zum Glück hat ihm ein guter Freund von mir dabei assistiert, sodass sich unsere umkämpfte ‚Longing‘ jetzt in besten Händen befindet. Den echten Hoteldirektor findet ihr übrigens hübsch verschnürt in seiner Suite im Fünfundzwanzigsten. Er sollte sich inzwischen von dem Schlafgas erholt haben.“ „Du hast also einen Komplizen“, brummte Saguru und machte sich eine gedankliche Notiz. Jemand hatte also darauf gewartet, Kid auf dem Dach zu sehen und dies als Zeichen genommen, das entwendete Schmuckstück abzusenden. „Oh bitte“, stieß Kid amüsiert hervor, während er die Brosche aufmerksam im Licht des Monds hin und her drehte, „nichts, was du nicht sowieso schon gewusst hättest. Hm, leider ist dieses schöne Stück nicht ganz das, was ich suche ...“ Saguru fuhr ihn unbeherrscht an, am Ende seiner Geduld angelangt: „Dann gib gefälligst endlich zurück, was du gestohlen hast und lass dich verhaften!“ Kid sah ihn nachdenklich an: „... In der Reihenfolge?“

 

„... Was?“

 

„Denn wenn du darauf bestehst, zuerst das Diebesgut zurückzubekommen, muss ich zu einem etwas ... drastischen Mittel greifen, um dir diesen Wunsch zu erfüllen. Doch wer bin ich, einer bezaubernden Dame so einen simplen Gefallen abzuschlagen?“

 

Das unheimliche Grinsen erschütterte Saguru bis ins Mark: „Was willst du ...“ Er brach ab, als Kid in die Hocke fiel und dabei beide Arme zur Seite ausstreckte, links die einzigartig verarbeitete Brosche, rechts mit einem Mal ein golden schimmerndes Objekt in der Hand. Und eine böse Vorahnung breitete sich wie ein Lauffeuer in ihm aus. Weiße Zähne blitzten auf: „Adieu, Herr Detektiv. Bis wir uns wiedersehen!“ Saguru streckte in Panik eine Hand aus: „Hey, warte! Warte! STOP!!!“ Doch Kid ignorierte ihn, sprang ab und warf beide Objekte gleichzeitig hoch in die Luft.

 

Hinter dem Geländer. Über einem gähnenden Abgrund von dutzenden Stockwerken Tiefe. Ein Totalschaden war vorprogrammiert.

 

Den Täter vergessend, konnte Saguru nur noch an die Sicherstellung der Beute denken. Kid verschwand aus seinem primären Blickfeld, welches erfüllt war von einem roten und einem goldenen Funkeln.

 

Das Rote stand für einen kostbaren Staatsschatz, dem Zeichen des Vertrauens zwischen Besitzer und Aussteller, für zornige Vorgesetzte, sich damit verbundene stapelnde Schreibarbeit und sinkendes Ansehen in der Bevölkerung.

 

Das Goldene stand für persönliche Erinnerungen, kindischen Egoismus und einigermaßen bezahlbaren Ersatz.

 

Saguru war Detektiv genug, um sich in Sekundenbruchteilen für die der Allgemeinheit verpflichteten Seite zu entscheiden. Seine rechte Hand schloss sich um den Rubin, um ihn vor einem bedauernswerten Ende auf hartem Asphalt zu bewahren. Blitzschnell legte er ihn auf den Boden – in der Hast möglicherweise weniger sanft, als es einem prunkvoll geschmiedeten Kleinod unermesslichen Werts gebührte – fuhr herum, rannte nach links, blieb mit dem Brautstrauß an den Streben hängen, rutschte aus, fiel mehr über das Geländer, als dass er sich darüber beugte, packte zu ...

 

Und verfehlte seine Taschenuhr um wenige Zentimeter.

 

Ein zweiter erfolgloser Versuch ließ ihn jeglichen Bodenkontakt einbüßen, ein dritter blieb ihm verwehrt, da sich kräftige Arme von hinten um seine Taille wanden, ihn gewaltsam zurückzerrten und Ginzos donnernde Stimme in sein Ohr dröhnte: „WOAH! Mach mal langsam, Junge! Bist du übergeschnappt?!“ Saguru ließ sich nicht ohne Gegenwehr in Sicherheit ziehen, wobei er den fallenden Zeitmesser aus den Augen verlor. Aber vielleicht war es besser so. Er war sich nicht sicher, ob er es verkraftet hätte, ihn am Boden zerschellen zu sehen. Mit der Einsicht, sein Eigentum nicht mehr retten zu können, wich auch der Widerstand aus ihm und er machte einige unsichere Schritte zurück. Der Kommissar ließ ihn los, als er sich sicher sein konnte, dass sich sein Schutzbefohlener nicht mehr in den Tod zu stürzen gedachte und ranzte ihn ungehalten an: „Was zum Teufel sollte das?! Hast du den Verstand verloren?! Weißt du eigentlich, dass du so kurz davor warst, als Omelette auf der Straße zu enden?! Was ist in dich gefahren?!“ Saguru antwortete nicht. Er strich sich nur seufzend über die Augen und entledigte sich der letzten kümmerlichen Fransen der Blumen, die den Einsatz überlebt hatten. Ginzo wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum: „He, Hakuba! Jemand zu Hause? ... Hey! Ist alles in Ordnung mit dir?!“ „Ja ... Ja, alles bestens“, erwiderte Saguru nach einigen schwerfälligen Sekunden, schüttelte den Kopf und wandte sich dem Eingang zum Treppenhaus zu, durch den der Kommissar offenbar erschienen war, „Entschuldigen Sie, Kommissar Nakamori, aber würden Sie heute wohl einmal auf meinen Bericht verzichten? Ich reiche ihn morgen nach, aber jetzt ... ich bin gerade ... ein wenig erschöpft.“

 

Sein Gegenüber sah ihn eine Weile prüfend an, doch als mehr und mehr Polizisten auf dem Dach erschienen, die Brosche in Gewahrsam nahmen und es deutlich wurde, dass der Junge in dieser Nacht nicht mehr viel Nützliches zur Ergreifung Kids würde beisteuern können, winkte er gereizt ab: „Na, okay, nun geh schon! In dem Fummel möchte ich dich auch nicht unbedingt an der Seite meiner Männer wissen. Du machst uns zum Gespött der ganzen Stadt! Also, Husch Husch, zieh Leine!“ Er vollführte abweisende Gesten. Saguru nickte ihm nur dankbar zu und zog von dannen. Ginzo schnaubte angestrengt und wandte sich an einen seiner Leute: „Na toll. Wieder eine verbratene Gelegenheit, diesen famosen Phantomdieb hinter Schloss und Riegel zu bringen! Aber wir geben nicht auf, richtig, Männer?!“ Die Polizisten bestätigten seine Entschlossenheit lauthals und boxten mit den Fäusten in die Luft. Er nickte zufrieden und wies um sich: „Also schön. Räumt hier auf, schafft den Klunker dahin zurück, wo er hingehört und später treffen wir uns dann zur Krisensitzung auf dem Revier!“ Dann wanderte auch er zum Treppenhaus und verschwand.

 

Einige Minuten verbrachten die Beamten mit Spurensicherung und verhaltenen Gesprächen über die ungewöhnlichen Vorkommnisse, ehe dieselbe Tür mit einem lauten Knall aufgetreten wurde und Ginzo mit einigen weiteren Kollegen aufs Dach stürmte: „Himmelarschundzwirn, wo ist dieser windige Halunke hin?! He, hat jemand von euch gesehen, in welche Richtung Kid diesmal abgehauen ist?! Und wo ist Hakuba abgeblieben?! Er hetzt ihm doch wohl nicht immer noch hinterher, oder?!“ Die Männer sahen sich verständnislos an, bis sich einer von ihnen zu Wort meldete: „Aber Herr Kommissar, Sie haben Hakuba vorhin doch selbst nach Hause geschickt!“ Ginzo starrte ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen: „Was faselst du da? Ich habe niemanden nach Hause geschickt, schon gar nicht unseren schärf... meine, einen unserer schärfsten Beobachter!“

 

Dann stutzte er, überlegte und schrie frustriert auf, als er begriff, was die Aussage implizierte: „Das war KID, ihr hirnverbrannten Sumpfotter! Muss man hier denn wirklich alles selber machen?! Schafft mir sofort Hakuba wieder her!“ Wieder warfen sich seine Leute verhaltene Blicke zu und wieder musste derselbe Polizist einrenken: „Sir, wenn ich etwas einwenden dürfte ... Der arme Kerl hat echt fertig ausgesehen. Er hat fest versprochen, Ihnen morgen Bericht zu erstatten, deshalb ... Sehen Sie es ein, Kid ist sowieso wieder entkommen, da kann auch Hakubas Aussage nichts mehr dran ändern.“

 

Ginzo wollte etwas erwidern, hielt dann jedoch inne und ließ den Abend Revue passieren. Kid hatte ein ganzes Stockwerk mit seinem Schlafgas außer Gefecht gesetzt und sich danach auch noch auf eine so demütigende Art und Weise an seinem Rivalen „vergriffen“. Zwar mit nicht unerheblichem Erfolg, was man bei einem derart erfahrenen Verwandlungskünstler aber wohl auch hatte erwarten dürfen, trotzdem konnte er gut verstehen, dass Saguru nach den Ereignissen mit seiner Kraft am Ende war. Also seufzte er nur schwer und strich sich durchs Haar, ehe er resigniert abwinkte: „Na schön, dann lasst ihn für heute halt in Ruhe. Räumt hier auf, bringt den Stein zurück und-“

 

„Später treffen wir uns dann zur Krisensitzung auf dem Revier! Sagten Sie schon, Chef!“

 

„Das war Kid, ihr ... Ach, vergesst es.“

 

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„Sie waren heute ungewöhnlich skrupellos, junger Herr.“

 

Kaito zog sich den künstlichen Schnäuzer und die Perücke ab und knöpfte sich das braune Jackett auf, während er seinem Fahrer einen trotzigen Blick zuwarf: „Jetzt mach mal halblang, Jii, Saguru hat Nerven wie Drahtseile! Wenn ich ihm seine heißgeliebte Uhr nicht gezockt hätte, hätte ich ihn nie und nimmer mehr als zwei Schritte von ‚Longing‘ weglocken können! Und wenn ich die ganze Aktion nicht zusätzlich als Klamauk getarnt hätte, hätte er sofort durchschaut, dass ich ihn ködern will!“ Sein Assistent seufzte gequält und murmelte: „Nun, wenn Sie sich nicht strikt geweigert hätten, auch nur einen Handschuh in die Vitrine zu stecken, wäre es nicht an mir hängengeblieben, die Brosche zu stehlen und Sie hätten dem armen Jungen die ganze Scharade ersparen können. Er erschien mir wirklich äußerst aufgewühlt ...“

 

„Es war nicht meine Schuld, okay?! Warum mussten die das verdammte Ding auch ausgerechnet in eine Fischskulptur einbetten?!“

 

„Das war kein Fisch, sondern eine Meerjungfrau. Diese Fabelwesen gelten als unsterblich und es heißt, sie sehnten sich – des Lebens überdrüssig – nach dem Tod, wegen ihrer Unvergänglichkeit aber bis in alle Ewigkeiten vergeblich. Eine äußerst passende Kombination, wie ich finde.“

 

„Auf welcher Seite stehst du eigentlich?!“

 

Während Kaito auf dem Rücksitz verärgert über Fische, Meeresfrüchte und andere maritime Monstrositäten lamentierte, seufzte der alte Mann erneut und ließ ihn eine Weile in aller Ruhe herum quengeln. Dann räusperte er sich doch nochmal und fragte skeptisch: „... Aber hat der letzte Teil tatsächlich sein müssen?“ Kaito antwortete nicht sofort, sondern starrte bedrückt aus dem Fenster. Dann murmelte er schmollend und so leise, dass Jii ihn kaum verstand: „Wenn er mir beim Fahrstuhl nicht den Gleiter zerrissen hätte, hätte ich diese Nummer gar nicht erst abziehen müssen! Aber wie hätte ich ihn bitteschön sonst davon ablenken sollen, dass ich mich am Geländer abgesichert hatte und nach dem Sprung sofort wieder hochgeklettert bin?“

 

Auch wenn es zum Schreien komisch gewesen war, von einer wutschnaubenden männlichen Braut verfolgt zu werden, diese Stelle der Jagd war ganz und gar nicht lustig gewesen und Kaito war nicht wohl dabei, als er sich an Sagurus verzweifeltes Gesicht zurückerinnerte, als der erstaunlich emotional handelnde Halbjapaner seiner Uhr beinahe in die Tiefe nachgefolgt wäre. Die Annahme, sie für immer verloren zu haben, musste ihn schwer mitgenommen haben. Sein Klassenkamerad hatte absolut niedergeschlagen ausgesehen.

 

„... Jii? Lass uns so ʼne Aktion nicht nochmal veranstalten.“

 

„... Ich bitte darum, junger Herr.“

 

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Saguru streifte sich seufzend die Jacke ab und hängte sie an der Garderobe auf. Baaya ging an ihm vorbei und klopfte ihm dabei tröstend auf die Schulter: „Nehmen Sie es nicht so schwer, junger Herr. Sie werden Kid das nächste Mal stellen, dessen bin ich mir sicher! Wünschen Sie noch etwas zu essen, bevor Sie zu Bett gehen?“ Er schüttelte nur den Kopf und wünschte ihr verhalten eine gute Nacht, ehe er sich der Treppe zu seinem Zimmer zuwandte. Sie würde seine Wortkargheit mit Müdigkeit erklären und es war ihm ganz recht. Er wollte nicht darüber reden. Er hatte der Haushälterin auf der Heimfahrt nicht erzählt, dass er in dieser Nacht mehr verloren hatte als Kid, Ehre und Selbstachtung. Er wollte kein Öl ins Feuer gießen, wusste er doch, wie aggressiv fürsorglich sie werden konnte, wenn ihm jemand zu nahe trat.

 

Er wusste nicht, wie er seinem Vater den Verlust einer derart teuren Maßanfertigung wie seiner sehr speziellen Taschenuhr erklären sollte, noch dazu weil er sie bei der Verfolgung eines Kriminellen – und damit bei einer seiner zahlreichen Einmischungen in polizeiliche Ermittlungen, die der Polizeipräsident sowieso nur widerwillig billigte – verloren hatte. Auch wenn der Verfolgte diesmal „nur“ Kaito Kid gewesen war, was die Sorge um das leibliche Wohl des Sprösslings auf ein erträgliches Maß reduzierte, würde ein einschneidendes Erlebnis wie ein Beinahe-Sturz vom Dach unweigerlich zu noch mehr Widerstand gegen sein gefährliches Hobby führen und das wollte Saguru nicht riskieren.

 

Er konnte Kid – oder besser gesagt Kaito – noch nicht einmal wirklich böse sein. Sachbeschädigung fiel nicht unter dessen selbstgesteckte Niemand-wird-verletzt-Devise. Außerdem musste die Uhr für Kaito und jeden anderen ahnungslosen Beobachter nur ein bloßes Mittel zur Befriedigung einer absurden Neurose dargestellt haben. Sie kannten sich einfach noch nicht lange genug, als dass der ausgelassene Zauberer wissen konnte, wie viel ihm dieses unscheinbare kleine Werkzeug bedeutet hatte.

 

Er hatte keine Gelegenheit dazu gehabt, sich vor der Fahrt umzuziehen, hatten sie seine eigenen, weniger auffälligen Sachen in der Hektik doch nicht wiedergefunden, und so nahm er sich nun die Zeit, aus dem etwas ramponierten Kleid zu schlüpfen und die Accessoires so vorsichtig wie möglich von sich zu lösen, ohne zu viel Haut oder Haare dabei zu verlieren. Danach duschte er sich, schlüpfte in ein bequemes T-Shirt und Jogginghosen und fiel dann mit dem Gesicht zuerst auf sein Bett. Seine Beine schmerzten wie nach einem Marathon, wahrscheinlich verstärkt durch das Laufen mit hohen Absätzen und den zahlreichen Ausrutschern.

 

Viele stille Minuten vergingen. Still, weil sie nicht im Sekundentakt vom leisen, gleichmäßigen Ticken der treuen Taschenuhr unterbrochen wurden, die stets auf seinem Nachttisch auf ihren täglichen Einsatz gewartet hatte. Er stöhnte und neigte den Kopf zur Seite. Sein Blick fiel auf sein Handgelenk, an dem noch immer die Handschellen baumelten, die ihn zuvor an die verfluchten Bouquets gefesselt hatten. Er hatte es versäumt, die Polizisten darum zu bitten, sie für ihn aufzuknacken. Er rollte mit den Augen. Morgen in der Schule würde ihn diese Vernachlässigung in Form zahlreicher einschlägiger Kommentare seiner Mitschüler teuer zu stehen kommen. Und besonders Kaito würde sich eine solche Gelegenheit, sich über ihn lustig zu machen, nicht entgehen lassen. Sein einziger Trost versprach Aoko zu werden, die höchstwahrscheinlich ebenfalls nicht glücklich über das erneute Versagen der Sonderkommission war und die ihren Sandkastenfreund stets mit ganz speziellen Mitteln zur Raison brachte.

 

Mit diesem wenigstens einigermaßen erheiternden Gedanken schlief er ein, sich der fehlenden Geräusche in seinem unmittelbaren Umfeld schmerzlich bewusst.

 

---

 

Als Saguru das nächste Mal die Augen öffnete, schien ihm die Sonne des Morgens ins Gesicht und er richtete sich ächzend auf. Seine Bettdecke glitt dabei mit einem leisen Rascheln von seinen Schultern. Egal wie klein die Dosen des Schlafgases auch waren, mit denen Kid den Ermittlern gegenübertrat, er fühlte sich jedes Mal solange ausgebrannt und desorientiert, bis sein Körper die Chemikalien restlos verarbeitet hatte. Er rieb sich gähnend die Augen und blieb noch einige Minuten auf der Bettkante sitzen, bis das Pochen in seiner Stirn ein wenig abgeebbt war. Dann stand er endlich auf, um sich für die Schule – und eine endlose Schleife schadenfreudiger Neckereien – bereitzumachen.

 

Das erste, was er bemerkte, war, dass sein Handgelenk nicht mehr schepperte. Er hob es erstaunt auf Augenhöhe und entdeckte irritiert, dass sich die Handschellen nicht mehr darum befanden. Jetzt, wo er darüber nachdachte ... Hatte tatsächlich das Fenster bei seinem Zubettgehen offen gestanden? Und war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich vor dem Einschlafen zuzudecken?

 

Das nächste, was er bemerkte, war die rote Lilie auf seinem Schreibtisch. Und die goldene Taschenuhr daneben. Er blinzelte einmal. Zweimal. Erst dann ging er zögernd auf sie zu und hob sie mit zitternden Fingern auf. Ein Zettel lag sorgfältig gefaltet unter ihr und er öffnete ihn mit ausdruckslosem Gesicht.

 

‚Ich zerstöre nichts grundlos.‘

 

Kids typische Signatur unter diesem einzigen lapidaren Satz grinste zur Abwechslung einmal nicht, sondern schmollte ihm entgegen, als hätte es ihr Zeichner als beleidigend empfunden, dass es Saguru auch nur für eine Sekunde für nötig erachtet hatte, den geklauten Schatz unter Einsatz des eigenen Lebens vor der mutmaßlichen Zerstörung zu retten. Er sah wieder auf die Uhr und untersuchte sie akribisch, obwohl er schon beim ersten Anblick gewusst hatte, dass es tatsächlich seine war. Er schloss die Augen und hielt sie sich ans Ohr. Ihr beständiges Ticken beruhigte seine angespannten Nerven umgehend und ein kaum merkliches, friedliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Er hätte es besser wissen müssen. Der Mondscheindieb ließ nicht zu, dass jemand bei seinen Auftritten verletzt wurde. Körperlich und seelisch.

 

Und offensichtlich kannten sie sich doch schon lange genug.

3. Kapitel: Ein beschaulicher Nachmittag

Autorennotizen

Shuichi wanderte unschlüssig auf der Straßenseite des Cafés Poirot auf und ab. Sollte er einen solch riskanten Schritt wirklich wagen? Die wenigstens halbwegs errungene Sicherheit gefährden, für die Conan und er so hart gearbeitet hatten? Alles in ihm schrie, sich von dem Mann, den ihre Todfeinde Bourbon nannten, fernzuhalten, doch seit er um Haaresbreite an einer Entlarvung vorbeigeschlittert war, konnte er sich einer gewissen Paranoia nicht erwehren, die den Wunsch in ihm weckte, den gefährlichen Gegner nicht wieder aus den Augen zu lassen. Er fühlte sich einfach nicht mehr ganz wohl in seiner Haut, jetzt da Rei ihn gefunden hatte. Aber er wusste auch, dass ein Untertauchen Subaru Okiyas für seinen Rivalen nur ein unumstößlicher Beweis gewesen wäre, tatsächlich recht gehabt zu haben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Rolle weiterhin auszuführen und zu hoffen, dass er eine Weile glaubte, den Falschen erwischt zu haben.

 

Und eine temporäre Verschnaufpause war alles, was sie im Angesicht eines solchen Gegners erwarten konnten. Conan hatte ihn einmal vor dem Zugriff des skrupellosen Undercover-Agenten retten können. Er war nicht weltfremd genug, um zu denken, dass Rei sich, kamen ihm nochmal Zweifel an seiner Identität, erneut auf eine falsche Fährte würde locken lassen. Andererseits würde es seinen Verdacht vielleicht zusätzlich entschärfen, wenn er erkannte, dass „Subaru“ keinerlei Berührungsängste ihm gegenüber hatte. Mit Sicherheit war er nicht der Ansicht, dass Shuichi Akai unverschämt genug war, ihm auf der Nase herumzutanzen, richtig?

 

... Vielleicht war das aber auch nur ein Vorwand, um den lebensgefährlichen Schritt zu rechtfertigen, den er gerade zu gehen im Begriff war.

 

Er atmete tief durch, überquerte die Straße und betrat das Poirot.

 

Rei blickte lächelnd auf, als die Türglocke schellte und begrüßte den neuen Gast höflich: „Guten Tag, mein Herr! Bitte setzen Sie sich, ich bin sofort-“ Er brach abrupt ab, als er erkannte, wer sie da mit seiner Anwesenheit beglückte und das Tablett in seiner Hand ruckte etwas, sodass das Service darauf klirrte. Nichts anderes deutete darauf hin, dass ihn Shuichis Anblick schockierte, nur seine Stimme – als er sich dazu zwang, den Satz mit einem marginal leiserem „... bei Ihnen“ abzuschließen – klang ein wenig dumpfer, als ob sich die Töne an gestocktem Atem vorbei ins Freie zwängen mussten. Shuichi verkniff sich ein Lachen und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Dann beobachtete er Rei dabei, wie dieser einen mürrisch aussehenden Mann und danach zwei kichernde Schulmädchen bediente, ehe er sich zu ihm gesellte.

 

„Herr Okiya“, lächelte er dabei etwas steif, „Was für eine ... unerwartete Überraschung. Ich habe Sie in dieser Gegend noch nie gesehen.“ „Ich hatte in der Nähe zu tun und habe Sie zufällig durchs Fenster gesehen“, erklärte Shuichi mühelos, „und da es ein wenig unhöflich gewesen wäre, einen Bekannten – und sei er ein noch so seltsamer Kauz – zu ignorieren, dachte ich, ich sage mal Hallo. Außerdem trifft es sich ganz gut, dass ich gerade ein wenig Appetit bekommen habe. Sind Sie hier wegen einer Zulieferung?“ In Reis Nacken brach kalter Schweiß aus und er erwiderte sichtlich angestrengt: „Herr Okiya, Sie müssen nicht unbedingt in Wunden bohren, wenn sichʼs vermeiden lässt. Es sollte Ihnen eigentlich klar sein, dass ich nicht wirklich ein Lieferant bin.“ „Tatsächlich?“, Shuichi hob unschuldig eine Augenbraue, „Das wusste ich nicht, immerhin hatte ich keinen Grund, an Ihrer Behauptung zu zweifeln, oder? Nun, trotzdem tut es mir leid, wenn ich Sie irgendwie in Verlegenheit bringe. Viel wichtiger: Wie geht es Ihren Freunden?“ Rei blinzelte verwirrt: „Welchen Freunden?“

 

„Na, den Freunden, auf die geschossen wurde, als Sie bei mir waren! Sie haben während Ihres Telefonats so etwas in der Art erwähnt. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert?“

 

Schweißtropfen rannen Reis Schläfe hinunter in seinen Kragen, als er kleinlaut kicherte: „Ah ... Ahaha ... Ja ... Das war ... wirklich alles ein höchst peinliches Missverständnis meinerseits. Noch einmal meine untertänigste Entschuldigung deswegen. Ähm ... Ich schätze, es ist wohl zu viel verlangt, Sie zu bitten, diese unschöne Sache zu vergessen, oder?“ Shuichi stützte sich selbstgerecht grinsend auf verschränkte Finger: „Nun, wenn Sie sich die Mühe machen würden, mir eine nachvollziehbare Erklärung zukommen zu lassen, könnte ich meine Neugier vielleicht tatsächlich zügeln. Ich meine, ich habe mir die Zeit genommen, die Sorgen eines Fremden anzuhören, da werde ich mich der Rechtfertigung eines Bekannten sicher nicht verschließen.“

 

Rei seufzte erleichtert und Shuichi wusste augenblicklich, dass er eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Erklärung hören würde: „Nun, sehen Sie, es ist so: Ich interessiere mich brennend für Kriminalfälle und bin, ohne angeben zu wollen, ein ziemlich guter Detektiv. Vor einiger Zeit, es ist schon ziemlich lange her, fühlten sich ein paar meiner Freunde herausgefordert und haben deswegen einen gespielten Mord inszeniert, quasi als Denksportaufgabe. Dass ich letztendlich all ihre Rätsel aufgelöst und die falschen Spuren entlarvt habe, hat natürlich nicht zu ihrer Zufriedenheit beigetragen. Seitdem hat es sich irgendwie eingebürgert, dass sie mich in unregelmäßigen Abständen zu diesem Mörder-und-Gendarm-Spiel herausfordern, das ich nicht ablehnen kann, möchte ich meinen Ruf verteidigen. Sie haben eine regelrechte Besessenheit entwickelt, mich zu Fall zu bringen und lassen sich immer aufwändigere Verbrechen einfallen. Und ich habe mich mit der Zeit wohl zu sehr von diesen Illusionen mitreißen lassen ...“

 

„Gut und schön“, murmelte Shuichi, „aber was hat das mit mir zu tun?“ „Dazu komme ich jetzt“, antwortete Rei und wrang verlegen einen Zipfel seiner Schürze, „Um es mir so schwer wie möglich zu machen, verteilen meine Freunde die Rollen nicht nur unter sich, sondern ziehen auch Freunde oder Verwandte hinzu, die mir nicht bekannt sind. Und diese werden immer sehr enthusiastisch dazu aufgefordert, die Fassade bis zum letztmöglichen Moment aufrechtzuerhalten. Deshalb kommt es oft vor, dass ich mir Zutritt zu den Häusern Fremder verschaffen muss, die mich sehr genau kennen, aber von denen ich nie sicher sein kann, ob sie auch wirklich die gesuchten Täter sind.“ Shuichi kicherte leise: „Ich glaube, ich verstehe, worauf Sie hinauswollen.“ Rei seufzte schwer: „Ich habe großes Vertrauen in meine Fähigkeiten, aber in derartigen Situationen begleitet mich stets dieses letzte Quäntchen Zweifel, nicht doch in eine ziemlich peinliche Situation gestolpert zu sein. Und das letzte Mal ... ist es eben leider zu einer solchen Situation gekommen.“

 

„Aber ich frage mich wirklich, wie Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind? Ich glaube nicht, dass ich in irgendeiner Weise in Verbindung mit ihrem Bekanntenkreis stehe.“

 

„Ich möchte nur so viel anmerken: Ich bin mir wirklich sehr, sehr sicher gewesen.“

 

„Dann haben Sie also verloren? Wie hoch war denn der Einsatz?“

 

„Nun, sagen wir, ich bin es nicht gewöhnt, die Drinks auf unseren Sauftouren selbst bezahlen zu müssen.“

 

„Aha, diesmal gingen die Runden also auf Sie, ja? Das war sicher teuer, bei so einer Menge Mitspieler.“

 

„Sie wissen gar nicht, wie teuer es mich zu stehen kam.“

 

Während Shuichi sich noch ins Fäustchen lachte und Rei sich sichtlich beschämt am Hinterkopf kratzte, trat seine Kollegin diskret an ihn heran und flüsterte ihm zu: „Toru, ist das ein Privatgespräch? Die anderen Gäste werden ungeduldig und der Chef guckt auch schon ganz misstrauisch rüber. Ich möchte dich ja nicht drängen, aber im Moment ist es so voll, dass keine Zeit ist für sowas. Nichts für ungut, mein Herr!“ Sie nickte Shuichi entschuldigend zu und er hob augenblicklich beschwichtigend die Hände: „Das tut mir leid, ich wollte keine Umstände machen.“ „Ah, verzeih“, raunte ihr auch ihr Kollege zu, „du hast recht. Ich mach schon weiter, Azusa.“ Sie lächelte ein bisschen verlegen und zog von dannen.

 

„Hm“, murmelte Shuichi, „jetzt bin ich ein wenig enttäuscht. Hätte ich gewusst, dass das Café eine so bezaubernde Bedienung beschäftigt, hätte ich mich nicht mit Ihnen begnügt.“ Dies entlockte Rei ein kurzes Lachen und er zwinkerte ihm verschmitzt zu: „Wenn Sie wüssten, wie oft ich diesen Satz am Tag zu hören bekomme ...“ Er zückte geschäftig sein Notizbuch: „Also, sind Sie nur hereingekommen, um mich zu verhören oder darf ich Ihnen etwas bringen?“

 

„Oh, natürlich. Ich würde gerne Kaffee sagen, aber ich habe heute schon wieder viel zu viel von dem Zeug vertilgt. Können Sie mir was anderes empfehlen?“

 

Shuichi wies interessiert auf die beiden Mädchen, die Rei zuvor bedient hatte: „Zum Beispiel, was haben die jungen Damen dort drüben bestellt? Sie scheinen begeistert zu sein.“ Der Kellner sah hinüber: „Das ist eines unserer neuesten Tee-Gedecke, heißer Hamamelis-Tee und eine Auswahl an Kasutera. Wir haben auch die kalte Version! ... Aber ich schätze, das ist eher ein Gericht für Frauen oder Naschkatzen. Sie scheinen mir nicht der Typ für süße Kuchen zu sein.“ „Oh, da irren Sie sich“, winkte Shuichi ab, „es hört sich sogar sehr gut an! Bringen Sie mir bitte dasselbe.“ Rei verbeugte sich leicht: „Einmal Hamamelis-Tee, heiß! Kommt sofort, der Herr!“

 

Während er wartete, beobachtete Shuichi seinen Rivalen aufmerksam. Rei bewegte sich behände durch seine Aufgaben, witzelte hier mit Gästen, unterhielt sich da mit seiner Kollegin, immer zwanglos und leichtfüßig, in keiner Weise sozial unbeholfen wie er selbst. Er fragte sich, ob dies seine wahre Persönlichkeit widerspiegelte oder ob sich der Undercover-Agent nur hervorragend verstellen konnte. Immerhin war er erwiesenermaßen dazu imstande, einen Kollegen – wenn auch ausländisch – den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. War er bereit, über jedwede Leichen zu gehen, um sein Ziel zu erreichen? Oder kam ihm, Shuichi, diese Ehre nur wegen ihrer wenig erbaulichen gemeinsamen Vergangenheit zuteil?

 

Kurze Zeit später servierte Rei ihm die Bestellung: „So, bitteschön, Kasutera in den Geschmacksrichtungen Honig, dunkle und weiße Schokolade, Karamell und Pistazie sowie den Tee. Lassen Sie es sich schmecken!“

 

„... Herr Amuro?“

 

„Hm?“

 

„Warum haben Sie das Gedeck für Linkshänder angerichtet?“

 

„... Oh. Irgendwie dachte ich ... Entschuldigen Sie, ich werde es ändern.“

 

„Nein, schon gut. Das schaffe ich schon allein.“

 

„Wirklich, ich weiß gar nicht, was über mich gekommen ist.“

 

Shuichi lächelte ihn nur zuvorkommend an, während er die Tasse auf die andere Seite zog und Rei sich den nächsten Kunden zuwandte. „Und ob du das weißt, du gerissener Hund“, dachte er nicht ganz unbesorgt bei sich. „Bourbon“ hatte also noch nicht aufgegeben. Es hätte ihn nicht überraschen sollen. Es war zu erwarten gewesen, dass der Detektiv sich nicht so einfach von einer Spur ablenken ließ, die ihn nicht umsonst zu dem Studenten Subaru Okiya geführt hatte. Wenn er nicht gut aufpasste, bestand also auch weiterhin die Gefahr, entlarvt und ausgeliefert zu werden.

 

Er würde seinen kleinen Komplizen bei nächster Gelegenheit darauf hinweisen müssen. Nicht, dass er befürchtete, ausgerechnet das Mini-Genie könnte ihre Tarnung zum Platzen bringen, aber Vorsicht war besser als Nachsicht, richtig?

 

Er nahm einige Bissen von dem Biskuit und kostete dann vorsichtig den dampfenden Tee. Hamamelis war nicht unbedingt eine alltägliche Sorte, was wahrscheinlich auch den Preis erklärte, doch er musste zugeben, dass ihm der leicht blumige Geschmack mehr zusagte als der sehr herbe eines Matchas.

 

Auf einmal erregte ein leidendes Stöhnen und ein halblauter Schrei die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Reis Kopf ruckte zur Seite und er konnte gerade noch einer älteren Dame zur Hilfe eilen, die vor den Augen ihres schockierten Gatten von ihrem Sitz rutschte und beinahe zu Boden gestürzt wäre, wenn der Kellner sie nicht vor einem harten Aufprall bewahrt hätte, indem er sie blitzschnell um die Hüfte fasste und ohne ersichtliche Mühe gegensteuerte, sodass er sie unbehelligt zurück in den Sitz schieben konnte. Sie presste eine verhaltene Entschuldigung hervor und er machte ihrem Mann Platz, der sich besorgt erhoben hatte und nun an ihre Seite eilte: „Du meine Güte, was ist denn passiert? Fühlst du dich nicht wohl?!“ Sie stöhnte und drückte sich mit beiden Armen den Bauch: „Ich weiß nicht ... Mir ist ... auf einmal so schlecht ...“ Plötzlich schob sie mit einem panischen Blick die Hand vor den Mund und sah hastig von ihrem Mann zu Rei und zurück. Der Kellner verstand schneller und wies in die entsprechende Richtung: „Zur Toilette geht es dort lang. Brauchen Sie Hilfe?“ Sie schüttelte den Kopf und sprang schnell auf, um so schnell es ihr möglich war den Gang hinunterzulaufen. Ihr Mann nickte ihm entschuldigend zu und folgte eilig.

 

Rei hatte kaum Zeit, das Geschehene einzuordnen, als zu seiner Linken ein lautes Ächzen erklang. Als er sich umdrehte, war bereits ein weiterer Gast aufgestanden und folgte dem Paar ein wenig gekrümmt. „Huh?“, entfuhr es ihm wenig intelligent, als sich gleich darauf noch ein Gast erhob und sich der Reihe anschloss. Neben ihm ertönte eine Stimme, die seine Gedanken in Worte fasste: „Du lieber Himmel, was ist denn jetzt los? Haben die alle was in den falschen Hals gekriegt?“ Die Antwort klang gedämpft, wie hinter vorgehaltener Hand geäußert: „... Ich weiß nicht ... irgendwie ... ist mir gerade auch nicht so gut ...“ Als ein weiterer junger Mann an ihm vorbeihechtete, um ebenfalls rechtzeitig zu den sanitären Anlagen zu gelangen, erschien Azusa mit einem verwirrten Gesichtsausdruck neben ihm: „Toru, was ist hier los? Warum ... diese ganzen Leute ...“

 

Shuichi beobachtete das Geschehen ebenso erstaunt, als es ein Stück weit entfernt von ihm erklang: „He, stimmt was nicht mit dir? Du bist so blass!“ Er sah sich um und sein Blick fiel auf die beiden Mädchen, mit denen er die Art der Bestellung teilte. Eines davon war kreideweiß im Gesicht und hielt sich – ähnlich der älteren Frau – den Bauch: „Keine Ahnung ... Hat ganz plötzlich ... angefangen ...“ Anschließend hustete sie krampfartig in ihre Handfläche und sprang sichtlich verstört auf. Ihre Freundin folgte ihr erschrocken, als sie an Rei und Azusa vorbeirannte und in der Toilette verschwand. Die beiden Kellner sahen sich irritiert an.

 

Plötzlich rief jemand quer durch den Raum: „Hey, das kann doch nicht sein, dass hier alle zufällig ʼne Kolik bekommen! Das muss ʼne Lebensmittelvergiftung sein!“ Panische Blicke wurden gewechselt. Azusas Hände fuhren zu ihrem Mund, als ihrem Kopf umgehend die Bedeutung der Worte bewusst wurde. Rei hob beschwichtigend die Hände und wandte sich an den Gast, der die Beschuldigung ausgesprochen hatte, ein Mann, der sie in den letzten Tagen oft besucht hatte und nie sonderlich freundlich gewesen war: „Bitte, lassen Sie uns keine voreiligen Schlüsse ziehen, werter Herr. Einer solchen Anschuldigung fehlt es wohl doch etwas an Grundlage, meinen Sie nicht?“ „Was fehlt da an Grundlage?!“, fuhr man ihn unbeherrscht an, „Wollen Sie uns echt weismachen, die haben alle ʼne akute Kaffeeallergie entwickelt?!“ Der Mann stand auf und stampfte auf ihn zu, um ihm einen warnenden Zeigefinger in die Brust zu bohren: „Ich sag Ihnen, die haben was Falsches gegessen! Und ich glaub nicht, dass das das Frühstück war, das sie zuhause verspeist haben!“ Azusa hielt entrüstet dagegen: „Aber das ist lächerlich! Unsere Speisen sind durchweg von hoher Qualität! Es ist unmöglich, dass-“ Getuschel unterbrach sie und die beiden Kellner fanden sich unmittelbar im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wieder.

 

„Er hat nicht unrecht. Wär schon ein komischer Zufall.“

 

„Stimmt schon. Wir sind hier schließlich in einem Café.“

 

„... Oh nein, meinst du, wir könnten auch ...?“

 

Rei spürte, wie sich die Atmosphäre gefährlich anspannte und erhob selbst die Stimme: „Bitte, meine Herrschaften, bleiben Sie ruhig! Es ist nicht gesagt, dass sich der Auslöser für das plötzliche Unwohlsein in unseren Speisen befindet. Bitte, geben Sie uns erst die Möglichkeit, die Lage zu sondieren.“ „Und Beweismittel beiseite zu schaffen?!“, entrüstete sich der Mann und Rei runzelte die Stirn. Ein Gedanke nagte an ihm, ohne es ins Bewusstsein zu schaffen. Jetzt, wo er darüber nachdachte, kam ihm dieser neue Gast vertraut vor, als hätte er ihn schon einmal außerhalb des Cafés gesehen. Ebenso seine Begleiterin, die sich ängstlich hinter ihn duckte und ihm ab und zu beschwichtigende Worte zuflüsterte. Aber er konnte sich einfach nicht erinnern. Azusa brummte leise, während sie den vorlauten Gast mit forschendem Blick musterte: „Also irgendwie kommt er mir bekannt vor. Ich könnte schwören, dass ich ihn schon mal gesehen habe, aber ich kann mich nicht erinnern, wo ...“

 

‚Dann bin ich also nicht der Einzige, dem er vertraut vorkommt.‘

 

Was auch mehr als ungewöhnlich war: War der Fremde nicht verdächtig schnell und vehement in seinen Verdachtsäußerungen?

 

Er entschied, dieses Rätsel dem ungleich wichtigeren hintanzustellen und raunte Azusa zu: „Ich gehe und sehe nach den Gästen. Wir sollten erstmal herausfinden, was sie überhaupt plagt, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen. Kannst du hier solange die Stellung halten?“ Ihre Augen verrieten einen Hoffnungsschimmer. Immerhin waren ihr seine analytischen Fähigkeiten nicht mehr ganz fremd, und so nickte sie ihm nur aufmunternd zu.

 

Da ihm der Zugang zur Damentoilette aus verständlichen Gründen verwehrt war, begann er seine Ermittlungen stattdessen auf der Seite der Herren.

 

Ihn erwartete ein Bild des Jammers.

 

Würgen, Stöhnen und andere einschlägige Geräusche wiesen ihn darauf hin, dass dieses Problem nicht als Zufall abgewiegelt werden konnte und eine genauere Untersuchung verlangte. Ansonsten würde sich ein Skandal anbahnen, der dem Poirot einen herben Schlag versetzen konnte. Wenn nicht sogar einen fatalen, sollte er sich zu schnell, zu verfälscht verbreiten.

 

Hinter ihm wurde die Tür aufgestoßen und jemand stürmte ihm geradewegs ins Kreuz. Als er sich umdrehte, erkannte er den Gatten des ersten Opfers, der ein wenig zurücktaumelte, dann aber hervorschnellte, ohne ihm Beachtung zu schenken, zu einem Waschbecken stürzte und sich erbrach. Rei verzog mitfühlend das Gesicht. Der Mann musste sich so schlecht fühlen, dass er nur schnurstracks irgendeine Schüssel gleich welcher Art angesteuert hatte. „Es tut ... mir wirklich sehr ... sehr leid“, stieß er zwischen Spucken und Würgen hervor, „Ich habe Sie nicht gesehen und ... und ... hatte es ... eilig ...“ Rei hob beschwichtigend die Hände: „Oh, nein, nein! Das ist wirklich kein Problem, ich hätte nicht im Weg stehen dürfen!“ Er sprang bei und hakte ihm einen Arm unter, als er ihn gefährlich schwanken sah: „Aber Ihnen ging es eben doch noch gut?! Was ist mit Ihrer Frau?!“ Der Mann atmete einige Male tief durch, ehe er sich einige Schlucke Wasser zugute führte und sich kalten Schweiß von der Stirn wischte: „Ich weiß auch nicht, auf einmal kam dieser Schub Übelkeit über mich und alles, woran ich denken konnte, war, es rechtzeitig zur Toilette zu schaffen. Aber jetzt ... geht es wieder ... glaub ich. Meine Frau ist allerdings schlimmer dran. Sie ist noch nicht herausgekommen, aber eine der anderen Damen kümmert sich zum Glück um sie.“ „Verstehe“, nickte Rei, „das ist gut. Mein Herr, wären Sie so freundlich, mir genau zu beschreiben, welche Symptome Sie plagen?“ Er drehte den Kopf in den Raum: „Das gilt für Sie alle, wenn es nicht zu viele Umstände macht.“ Die Anwesenden schienen wenig begeistert und aus einer der Kabinen ranzte es ungehalten: „Sehen Sie nicht, dass wir hier im Moment genug Probleme haben?! Meinen Sie wirklich, da haben wir Bock auf Interviews?!“ „Ich weiß, dass es ungelegen kommt und es tut mir ausgesprochen leid, Sie jetzt damit belästigen zu müssen“, erwiderte Rei mit fester Stimme, „aber ich fürchte, ich muss darauf bestehen.“

 

Als Antwort ertönte als erstes ein lautes, durchdringendes Gurgeln, gefolgt von einem kleinlauten Hüsteln. Er ignorierte das peinliche Geräusch höflich und konzentrierte sich auf seinen Gegenüber, der sich seinerseits bemühte, ein stoisches Gesicht zu bewahren. Der ältere Herr räusperte sich verlegen und erklärte: „Mir ist eigentlich nur ein wenig schlecht, sonst nichts. Meine Frau hingegen ... Ähm ...“ Er brach ab, offensichtlich nicht wissend, wie er die prekäre Beschreibung weniger prekär beschreiben konnte. Wieder grollte es laut durch den kleinen Raum und hinter einer der Türen brüllte es: „Himmelarschundzwirn, es ist doch wohl offensichtlich, was wir hier treiben, oder?! Wollen Sie uns wirklich zwingen, es auszusprechen?! Die ganze Angelegenheit ist doch sowieso schon unangenehm genu...“ Rei und der Alte schnitten Grimassen, als gequältes Stöhnen den Satz abrupt abschnitt, erneut gefolgt von eindeutigen Geräuschen. Der Kellner kratzte sich ein wenig überfordert am Kopf und ging zur letzten Kabine, um etwas hilflos anzuklopfen: „Und wie geht es Ihnen, mein Herr?“ „So weit alles in Ordnung“, antwortete es nach kurzem Zögern schüchtern, „Ich schätze, ich habe Glück, nicht wie mein Nebenmann. Mir ist nicht schlecht oder so, ich habe nur ... Naja ...“ „Schon gut“, fiel ihm Rei schnell ins Wort, „ich kann mir vorstellen, was Sie meinen. Gibt es irgendeinen Anlass dafür, ich meine, haben Sie heute etwas Ungewöhnliches gegessen?“

 

„Nein ... Nein, gar nichts. Nichts, was ich nicht üblicherweise auch esse. Keine Ahnung, woher das plötzlich kommt.“

 

Rei nickte verständig und sah den Alten an: „Und Sie?“ Doch der Mann schüttelte nur den Kopf. Rei seufzte und wandte dem nächsten den Kopf zu, obwohl dieser die Geste nicht sehen konnte: „Und S-“ „NEIN, okay?!“, kam es ohne Umschweife zurück, bevor er überhaupt ausreden konnte, „Nein, ich habe auch nichts verspeist, was derart heftigen Druck ausüben könnte! Das einzig Ungewöhnliche, was ich zu mir genommen habe, war Ihre heutige Empfehlung, dieser heiße Hamamelis-Tee!“ Neben Rei aus der Kabine gurgelte es durchdringend, dann kam es gepresst: „Stimmt, den hatte ich auch ...“ Rei stutzte und ahnte Übles. Der ältere Herr jedoch murmelte: „Also, ich hatte Kaffee und Crêpes.“ Er presste sich auf einmal beide Hände auf den Bauch, als dieser rumorte und sah Rei flehentlich an: „Wenn das alles wäre, würde ich gern ...“ Er schielte diskret auf eine der mittleren Kabinen, als ob er Reis Erlaubnis zur Benutzung benötigte und dieser sprang schnell beiseite: „Natürlich! Um Himmels Willen, lassen Sie sich nicht weiter aufhalten!“ Er marschierte energisch gen Ausgang, hinter sich das Knallen einer etwas zu eilig passierten Tür. Doch dann drehte er sich doch noch einmal um und fragte: „Aber es fehlt Ihnen allen nicht mehr, oder? Haben Sie vielleicht Schwindelgefühle? Kopfschmerzen? Vielleicht sogar Taubheitsgefühl in der Zunge oder irgendwelchen anderen Körperteilen?“

 

„... Nein, bis jetzt noch nicht.“

 

„Nein ... Was bedeutet es denn, sollte sowas eintreten ...?“

 

„Nein! Und jetzt gehen Sie endlich! Und machen Sie um Gottes Willen ja die Tür zu!“

 

---

 

Einige Zeit später stand Rei in der Küche vor dem Bord mit der Teeauswahl des Hauses. Seine Stirn war in tiefe Falten gelegt und er rieb sich gedankenverloren das Kinn. Er hatte auch ein Gespräch mit den Damen geführt – selbstverständlich durch die Tür – und es hatte keine neuen Erkenntnisse gebracht. Doch gerade das bestätigte den langsam in ihm aufkeimenden Verdacht. Er griff nach dem Hamamelis-Tee und starrte das Behältnis kurz an, ehe er es öffnete und vorsichtig daran roch. Er roch noch einmal. Und noch einmal, ehe er den hauchfeinen, aber eindeutigen Geruch, nach dem er gesucht hatte, wahrnahm. Sein Blick verfinsterte sich.

 

So war das also.

 

Aber wer spielte ihnen einen solch unverschämten Streich? Und warum, sollte es denn nicht nur der persönlichen Erheiterung dienen.

 

Er machte sich grübelnd auf den Weg zurück in den Speisesaal, wollte er seine Kollegin doch nicht länger allein den Fragen der Gäste ausgesetzt lassen. Kaum war er eingetreten, hörte er ungewollt den Kommentar eines der Gäste, der seiner Begleitung fast gelangweilt zuraunte: „Wenn ich gewusst hätte, dass das hier länger dauert, hätte ich mir vor dem ganzen Tohuwabohu noch eine Sahneschnitte bestellt.“

 

„Bist du verrückt? Wer weiß, was für Salmonellen sich in welchen Torten tummeln? Sei lieber froh, dass es uns nicht erwischt hat!“

 

Den Rest vernahm Rei nicht mehr, denn sein Gedächtnis hatte einen entscheidenden Hinweis bekommen. Seine Augen weiteten sich, als ihm endlich einfiel, woran er sich zuvor partout nicht hatte erinnern können. Eilig fischte er sein Handy aus der Tasche und zog sich noch einmal für einige Minuten vor dem geschäftigen Getuschel der Gäste zurück.

 

Als er wiederkam, blitzten Zähne in einem überheblichen Grinsen auf.

 

Nun konnte er sich ziemlich genau vorstellen, wie es abgelaufen war und auch, wer hinter dem ganzen Schlamassel steckte. Jetzt musste er es ihm nur beweisen.

 

Er staunte nicht schlecht, als er – zurück im Speisesaal – zwei nur zu gut bekannte neue Gesichter unter den Gästen entdeckte, die sich angeregt mit seinem inzwischen auch dazugekommenen Vorgesetzten unterhielten. „Herr Okamoto hat darauf bestanden, die Polizei einzuschalten“, ertönte es zu seiner Linken und er wandte sich Shuichi zu, der plötzlich an einem Tisch näher am Gang zu den sanitären Anlagen saß und auf etwas zu warten schien, „Ich schätze, er will die Sache nicht einfach in aller Stille verhandeln.“ „Okamoto?“, wiederholte Rei mit erhobener Augenbraue.

 

„Ja, der Mann, der von der Vergiftung überzeugt ist. Wird wohl nicht einfach werden, ihn davon abzubringen.“

 

Ein leises Gurgeln ließ Reis Nackenhaare zu Berge stehen und er studierte das Gesicht seines Gegenübers eindringlich: „Oh nein. Herr Okiya, sagen Sie nicht, dass Sie auch ...“ Shuichi lächelte verhalten zu ihm auf und erhob sich dann vorsichtig: „Ich hoffe, einer der anderen ist wieder so weit hergestellt, dass er den Platz mit mir tauschen kann.“ Damit verschwand er durch die Tür und Rei stöhnte verzweifelt. Wenn das so weiterging, würde das Café wirklich bald Schmerzensgeldforderungen gegenüberstehen.

 

Er gesellte sich mit einem Lächeln zu der Gruppe: „Guten Tag, Inspektor Takagi, Inspektor Sato. Ich würde gerne sagen, dass ich mich freue, Sie zu sehen, aber unter diesen Umständen ...“ Der brünette Polizist nickte ihm freundlich, aber ernst zu: „Herr Amuro, wir haben schon auf Sie gewartet.“ „Na toll“, warf der reichlich aggressive Gast ein, „der ermittelnde Bulle und einer der Hauptverdächtigen kennen sich persönlich. Ist dieses Café etwa schon oft auffällig geworden?!“ Auf Watarus Stirn bildete sich ein Schweißtropfen: „Nein, natürlich nicht. Nicht auf diese Art und Weise zumindest. Und bitte halten Sie sich mit derlei Kommentaren zurück, immerhin haben wir keinerlei Beweise für die Schuld der Belegschaft.“ „Noch“, brummelte der Mann in sich hinein. Seine Begleiterin, die beschämt zusammengekrümmt neben ihm stand, legte ihm schüchtern eine Hand auf den Arm: „Takuya, jetzt nimm dich doch ein bisschen zusammen! Was, wenn sie dich wegen Beamtenbeleidigung belangen?!“ Rei wandte sich interessiert an sie: „Tut mir leid, wir haben uns nun schon ein paarmal hier gesehen, aber ... Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“

 

„Koharu Okamoto. Ich bin seine Schwester.“

 

Er kniff konzentriert die Augen zusammen: „Okamoto ... Ich könnte schwören, der Name sagt mir irgendwas. Haben wir schon mal außerhalb des Cafés miteinander zu tun gehabt?“ Sie schüttelte umgehend den Kopf: „Das ist unmöglich. Ich kenne Sie nicht. Und Okamoto ist ein relativ gebräuchlicher Name.“ Er legte lächelnd den Kopf schief: „Natürlich. Da haben Sie recht.“

 

‚Und sie ist ohne überhaupt erst zu überlegen außergewöhnlich überzeugt davon.‘

 

Wataru lenkte ihn von seinen Überlegungen ab: „Wie geht es den Betroffenen?“ Er wandte sich ihm zu: „Einigen von ihnen zum Glück inzwischen etwas besser. Aber die meisten haben noch immer mit Übelkeit und ... Nun, mit Übelkeit zu kämpfen.“

 

„Ist das jetzt Ihr Ernst? Sie verlassen sich auf die Aussagen eines Verdächtigen?!“

 

„Herr Okamoto, bitte. Wegen Herrn Amuros Glaubwürdigkeit müssen Sie sich beileibe keine Sorgen machen. Es spricht ihn zwar nicht von jedwedem Verdacht frei, aber er ist der Assistent des berühmten ‚Schlafenden Kogoro‘! Wenn ich Ermittlungsmethoden vertraue, dann seinen.“

 

Rei kratzte sich verlegen am Kinn: „Inspektor, ‚Assistent‘ ist zu viel des Guten. Ich bin lediglich sein Schüler!“ „Aber das ist mehr, als viele andere von sich behaupten können“, mischte sich Miwako lässig abwinkend ein, „Keine falsche Bescheidenheit, würde der Kommissar jetzt sagen.“

 

Keinem von ihnen fiel auf, dass die Okamotos ihn für wenige Sekunden groß anstarrten. „Der ‚Schlafende Kogoro‘? Dieser genialistische Beika-Detektiv?“, hakte Koharu vorsichtig nach und Rei hob eine Augenbraue: „Ganz recht. Aber, wie gesagt, ich bin erst vor Kurzem sein Schüler geworden. Warum? Gibt es ein Problem?“

 

„Nein ... Nein, gar keins.“

 

Sie wich seinem prüfenden Blick aus, doch ehe er das seltsame Verhalten kommentieren konnte, klapperte eine Tür und Azusa trat ein. „Ah“, sagte Wataru, „Frau Enomoto! Wie sieht es aus?“ „Sie fühlen sich jetzt ein bisschen besser“, erwiderte die Kellnerin zurückhaltend, „Aber sie sind noch immer ... sehr beschäftigt.“ „Also immer noch freier Durchgang bis in die Schüssel“, entgegnete Miwako in ihrer typisch unsentimentalen Art, „Was immer die Leute gegessen haben, es kann nicht gesund gewesen sein.“

 

Aufs Stichwort sprang eine weitere Frau auf und rannte zur Toilette. Azusa sah ihr besorgt hinterher: „Oje, sie ist allein gekommen. Meinen Sie, ich sollte mich um sie kümmern?“ Miwako rümpfte die Nase: „Glaub kaum, dass das nötig sein wird. So voll, wieʼs da drin ist, wird sich schon jemand finden.“ Rei horchte stirnrunzelnd auf: „Voll? Aber es waren doch nur eine Dame und eines der Mädchen betroffen?“ Azusa strich sich bedrückt mit einer Hand über die Stirn und murmelte: „Während du weg warst, sind noch vier weitere Frauen erkrankt. Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, Abhilfe zu schaffen.“ Sie seufzte schwer.

 

Miwako bedachte Rei mit einem missbilligenden Blick, der ihm deutlich zu erkennen gab, was sie von einem weiteren Privatdetektiv hielt, der ihre Ermittlungen „unterstützte“: „Und was haben Sie herausgefunden? Ich wette, Sie waren nicht nur unterwegs, um Hilfestellung zu leisten, nicht wahr?“ Er grinste betroffen: „Nun, ich habe tatsächlich ein paar Informationen eingeholt, zumindest von denen, die nicht zu sehr abgelenkt waren.“ Er ging einige Stichpunkte durch: „Jedes der Opfer leidet an erheblichem Durchfall, einige zusätzlich an leichten bis mittelschweren Übelkeitsanfällen. Keines von ihnen hat über Schwindelanfälle, Krämpfe oder sonstige Beschwerden geklagt.“ „Pah, als ob das nicht schon genug wäre“, grummelte Takuya in seinen Bart, während er halbherzig seiner Schwester zuhörte, die ihm ein wenig nervös etwas ins Ohr flüsterte. Rei musterte das Paar scharf: „Ich denke nicht, dass wir es hier mit einem tödlichen Gift zu tun haben, trotzdem ist es wohl sicherer, vorsorglich einen Krankenwagen zu rufen.“ Wataru nickte: „Ja, das wird wohl das Beste sein. Ich verstehe nicht, warum überhaupt erst wir hergerufen worden sind, wenn es eher nach einem gesundheitlichen Notfall ausgesehen hat.“ „Dafür muss ich mich entschuldigen“, warf der Vorarbeiter des Poirot ein, „Ich habe mich zu sehr von den Vorwürfen verwirren lassen und dabei vergessen, dass die Genesung der Gäste oberste Priorität genießt. Ich werde es sofort veranlassen.“

 

„Wennʼs nichts Fatales ist, wozu dann schwere Geschütze auffahren?“, rief Takuya jedoch plötzlich dazwischen und alle starrten ihn fassungslos an. Wataru blinzelte perplex: „Äh ... Haben Sie nicht bis vorhin noch mit aller Macht versucht, möglichst alle Institutionen zu verständigen, die irgendetwas zur Aufklärung des Vorfalls beitragen könnten? Außerdem: Fatal oder nicht, wir können ohne medizinische Einschätzung nicht weitermachen!“ Miwako zischte ungehalten: „Ganz zu schweigen davon, dass wir die Leute nicht mit einem unbekannten Gift im Körper rumlaufen lassen können!“

 

„Wenn hier erstmal das Oberseuchenkommando anrückt, kommen wir doch nie nach Hause! Die werden uns vorsorglich alle einzeln durchleuchten! Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass es hier Leute gibt, die nicht den ganzen Tag Zeit haben?!“

 

Getuschel ertönte im ganzen Saal und einige Gäste warfen tatsächlich verstörte Blicke auf ihre Armbanduhren.

 

„Was seltsam ist“, dachte Rei bei sich, „ist, dass er sich vorhin noch über meine Einmischung entrüstet hat und mein Urteil jetzt auf einmal für bare Münze nimmt.“ Plötzlich stutzte Azusa und sah erstaunt zu ihm auf: „Moment mal! Du hast doch vorhin auch gesagt, dass es noch viel zu früh ist, von einer Straftat auszugehen! Und jetzt klingst du beinahe so, als ob es tatsächlich eine Vergiftung ist!“ Er schloss kurz die Augen, um seine Gedanken zu ordnen und blickte dann ernst in die Runde: „Leider muss ich eingestehen, dass eine bewusst herbeigeführte Magenverstimmung kaum noch auszuschließen ist. Und ebenfalls, dass die Ursache dafür in diesem Café zu finden ist.“ Seine Zuhörer rissen schockiert die Augen auf. Er sah Miwako direkt an: „Es sei denn, Ihre Befragung ist um ein Vielfaches anders verlaufen als meine. Ich habe mir die Speisen und Getränke und sogar Medikamente der Opfer aufzählen lassen, die sie seit heute früh verzehrt haben und es gibt nicht einmal ansatzweise Übereinstimmung. Aber bei uns hat ein auffallend großer Teil das gleiche Menü bestellt und durch die Tatsache, dass die Symptome so geschlossen aufgetreten sind, müssen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Wurzel allen Übels in unserem Essen zu finden ist.“

 

Miwako wechselte einen niedergeschlagenen Blick mit Wataru und erwiderte finster: „Leider sind wir noch nicht dazu gekommen, vernünftig mit irgendjemandem zu reden.“ Sie wandte sich entschieden an ihren Partner: „Aber das werden wir umgehend nachholen. Inzwischen sollten sie sich wieder etwas gefasst haben.“ Damit wollte sie energisch davon marschieren, doch Rei schüttelte nur abweisend den Kopf: „Ich denke nicht, dass das noch nötig sein wird, Inspektor.“

 

Miwako hielt abrupt inne und beinahe stieß sie mit Shuichi zusammen, der von den sanitären Anlagen zurückkehrte und sie nicht schnell genug wahrgenommen hatte. Ihre Laune erreichte umgehend den Gefrierpunkt: „Oh, geht es Ihnen wieder besser? Das freut mich. Aber ich hoffe stark, dass Sie nicht auch noch gedenken, sich in polizeiliche Ermittlungen einzumischen. Einer von euch Schlaubergern reicht mir voll und ganz. Es wundert mich eigentlich, dass uns der Penner mit all seinen neunmalklugen Kurzen nicht auch schon längst mit seiner Anwesenheit beglückt hat.“ Shuichi wechselte einen peinlich berührten Blick mit Rei, der aufmerksam aufhorchte und kratzte sich am Hinterkopf: „Sie überschätzen mich, Maʼam. Ich habe lediglich ab und zu dem Meisterdetektiv Mori ein wenig assistiert. Ich glaube nicht, dass ich unter normalen Umständen viel Produktives beisteuern kann.“ Seine Hand fuhr schnell zu seinem Mund, als sich sein Magen mit einem verärgerten Gurgeln umdrehte: „Und außerdem ... fühle ich mich gerade um ehrlich zu sein sowieso nicht wirklich danach ...“ Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Erleichterung und Mitleid: „Dass ihr Amateurschnüffler auch immer erst gewaltsam außer Gefecht gesetzt werden müsst, bevor ihr Ruhe gebt.“ Missmutig schüttelte sie den Kopf. „Oh“, fiel es ihr dann noch ein, „hat Herr Amuro Sie schon befragt? Was Sie heute so alles zu sich genommen haben?“

 

„Nein, dazu hatten wir noch keine Gelegenheit. Allerdings gibt es da nicht viel zu berichten. Zum Frühstück hatte ich Toast mit Butter und Konfitüre, dazu Kaffee, alles angebrochen, also schon vorher getestet. Zum Mittag hatte ich einen Hotdog. Aber das ist schon drei Stunden her. Medikamente nehme ich nicht. Getrunken habe ich nur Mineralwasser und ein bisschen Scotch, aber aus altbewährten Flaschen, davon kannʼs also auch nicht kommen. Und hier habe ich das Gedeck ‚Hamamelis-Tee, heiß‘ bestellt. Hilft Ihnen das weiter?“

 

Wieder sah er Rei an, diesmal erwartungsvoll, doch der Detektiv beachtete ihn nicht mehr, sondern war in Gedanken versunken. Die Reaktion verriet ihm, dass er etwas Entscheidendes beigetragen hatte. Und tatsächlich zuckten Reis Mundwinkel hauchzart empor, als ob sich seine Erkenntnisse soeben verfestigt hatten.

 

Takuya derweil hatte es offensichtlich satt, übergangen zu werden, denn er fauchte unbeherrscht: „Wie auch immer, ich bin dagegen, die Sache so dermaßen aufzubauschen! Wozu aufwendige Untersuchungen durchführen, wenn sowieso niemand stirbt?!“ Watarus Mund klappte entgeistert auf: „Es geht hier um die Sicherheit der Gäste, Herr Okamoto!“

 

„Dann lassen Sie uns erst raus, dann können Sie so viele Notärzte herbeordern wie Sie wollen!“

 

„Wenn sich die Sache wirklich als Verbrechen entpuppen sollte, riskieren wir damit, den Täter entkommen zu lassen!“

 

„Sie haben doch all unsere Personalien, also wo ist Ihr verdammtes Problem?!“

 

„Darum geht es nicht, es könnten Beweise vernichtet werden!“

 

Die Schwester jammerte hilflos dazwischen: „Takuya, bitte reiß dich zusammen!“ Rei schüttelte nur verständnislos den Kopf: „Inspektor, ich begreife wirklich nicht, wozu wir diese Diskussion überhaupt führen. Rufen Sie doch einfach den Krankenwagen, anstatt sich von der Meinung eines Einzelnen beeinflussen zu lassen!“ „Oh, meine einzelne Meinung kann man also getrost ignorieren, aber Ihre ist das Nonplusultra, Herr Oberdetektiv?“, zischte ihn Takuya zornig an, „Oder sollte ich besser sagen, Detektiv-Ober, denn offensichtlich reichen Ihre Fähigkeiten für einen Job ja nicht aus?!“

 

Offensichtlich rechneten die Streithähne nicht mit Einmischung, denn sie zuckten zusammen, als Miwako energisch dazwischenrief: „Haltet gefälligst alle den Mund! Habt ihr nicht vielleicht was Wichtiges vergessen?! Amuro, Sie sagten, dass eine Befragung der Anwesenden nicht mehr nötig sei. Was haben Sie damit gemeint?“ Rei entschied, nicht weiter auf die Provokationen des Gastes einzugehen: „Dass Sie sich die Arbeit sparen können, vorausgesetzt, Sie wollen meiner Theorie vertrauen.“ „Du weißt, wer die Leute vergiftet hat?“, sprudelte seine Kollegin begeistert hervor und Rei beobachtete, wie sich Takuyas Hände krampfhaft zu Fäusten ballten. Er rieb sich die Stirn: „... Nein. Ich meinte damit, dass ich eventuell weiß, was die Leute in den falschen Hals bekommen haben.“ Takuya fuhr auf: „Wenn ich Sie dann vielleicht bitten dürfte, es uns allen zu verraten?! Ich denke, wir haben ein Recht darauf, zu erfahren, was wir hier an Biomüll kredenzt bekommen!“

 

„In dieser Beziehung stimme ich Ihnen sogar zu, wenn ich auch derart rufmörderisches Verhalten nicht gutheißen kann.“

 

„Takuya, er hat Rufmord gesagt! Sie können dich anzeigen! Halt dich doch endlich zurück!“

 

„Ach, halt dich raus, Koharu, davon verstehst du nichts!“

 

Miwako und Wataru wechselten einen unbeholfenen Blick und die Polizistin seufzte schließlich geschlagen: „Nun, wir werden Sie wohl eh nicht dazu bringen können, es für sich zu behalten. Schießen Sie los.“ Rei nickte selbstzufrieden: „Also, wie ich bereits sagte, haben zwei von den erkrankten drei Männern ...“ Er brach ab und blickte auf Shuichi, der sich wieder auf seinen Platz gesetzt hatte und sich diskret den Bauch rieb, um geistesgegenwärtig einzuwerfen: „Oder nein, drei von vier Männern und alle außer einer Frau das gleiche Gericht bestellt.“ Miwako nickte ebenfalls, eine Mischung aus Zufriedenheit und Enttäuschung, wollte sie selbst doch das Café nicht in Verruf gebracht sehen: „Dann sollten wir das besser genau überprüfen. Ich benachrichtige die Spurensicherung. Und einer von Ihnen ruft jetzt endlich mal einen Krankenwagen!“ „Würden Sie uns dann auch endlich erstmal raus lassen, bevor wir noch weiter unsere Zeit verplempern?“, knurrte Takuya.

 

Und brachte damit das Fass zum Überlaufen.

 

Sie fuhr herum und ihn ungehalten an: „Sie bleiben, Sie lassen sich untersuchen und vor allem halten Sie jetzt endlich mal den Mund! Das hier ist eine polizeiliche Ermittlung und wenn Sie unsere Methoden noch weiter in Frage stellen, höre ich mir Ihre Einwände gerne an. Durch die Gitter unserer Ausnüchterungszelle! Selbst wenn es den Opfern inzwischen wieder besser geht, haben Sie nicht das Recht, ihnen Hilfe zu verweigern, nur weil es Ihren Terminkalender durcheinanderbringt!“ Sie wandte sich dem offenen Raum zu und die Gäste zuckten erschrocken zusammen, als sie brüllte: „DAS GILT FÜR ALLE!“

 

Während Wataru verlegen lächelnd mit Gesten der Entschuldigung die verängstigten Leute zu beruhigen suchte, wartete Rei auf die Reaktion des Besserwissers. Takuya schien kurz zu überlegen, verschränkte dann mit einem wütenden Zungenschnalzen die Arme vor der Brust und brummte: „Na fein! Machen Sie doch, was Sie wollen!“

 

Rei stutzte.

 

‚Warum ist es jetzt plötzlich okay für ihn? Typen wie er lassen sich nicht durch einen kleinen Ausbruch einschüchtern, also was hat sich in den wenigen Minuten zwischen völliger Abwehr und Duldung geändert?‘

 

Er schüttelte den Kopf, hatte er derweil doch ein ganz anderes Problem. Wenn er den Fall erfolgreich abschließen wollte, musste er den Stein unbedingt vor dem Eintreffen der Spurensicherung ins Rollen bringen. Shuichi half ihm unerwarteterweise dabei, indem er laut fragte: „Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Herr Amuro! Was ist mit uns passiert? Und ... Puh ... was viel wichtiger ist: Kann es uns schaden?“ Rei wandte sich ihm zu: „Sir, ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass Sie keine bleibenden Schäden zu befürchten haben. Ich glaube nämlich nicht, dass es der Verursacher dieser Eskapaden zum Ziel hatte, jemanden zu töten. Das, was Ihnen auf den Magen schlägt, ist kein Gift.“

 

„Und was dann?“

 

„Ich denke, bei dem Auslöser für Ihre Beschwerden handelt es sich um Rizinusöl.“

 

Eine Weile war alles still. Shuichi runzelte ehrlich erstaunt die Stirn: „Rizinusöl?“ Rei nickte: „Es würde die relativ harmlosen Symptome erklären. Das Öl ist in Sachen natürliche Abführmittel beinahe ungeschlagen und man kommt da relativ leicht ran. Es hat als Nebeneffekt maximal Übelkeit und Erbrechen als Folge, das allerdings recht häufig. Allerdings kann Rizinusöl wie alles andere auch allergische Reaktionen auslösen. Wir können wohl froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“ Shuichi überlegte kurz: „Sie wollen also sagen ...“

 

„Rizinusöl wird wegen seiner darmtreibenden Eigenschaften verständlicherweise im Normalfall nicht unter sonstige Nahrungsmittel gemischt, zumindest nicht in einer Dosis, die ihre volle Wirkung entfalten kann. Aber jemand hat ein bestimmtes Gericht vom Poirot absichtlich mit Rizinusöl angereichert. Und dieses Gericht ist unser neuer Hamamelis-Tee.“

 

Wataru rieb sich nachdenklich das Kinn: „Das ist also das Gedeck, das ein Großteil der Leute bestellt hatte ...“ Shuichi jedoch warf zweifelnd ein: „Aber wenn es wirklich der Tee ... Puh ... der Tee ist, wie erklären Sie sich dann, dass immerhin zwei Leute dabei sind, die ihn gar nicht getrunken haben und trotzdem erkrankt sind?“ Rei schüttelte den Kopf: „Bevor wir diese These nicht bestätigen können, hat es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Wir sollten erst die Untersuchungsergebnisse der Spurensicherung abwarten. Es sei denn natürlich, Herr Okamoto hat auch gegen diesen Schritt etwas Entscheidendes einzuwenden.“ Er lächelte den Gast herausfordernd an. Dieser wurde puterrot, drehte sich Wataru zu und stieß gezwungen hervor: „Das ... das ist doch jetzt völlig egal! Sie sollten die Flaschen so schnell wie möglich sicherstellen, wer weiß, was sich diese Kanaillen einfallen lassen, um sie verschwinden zu lassen!“

 

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Ein leises Klicken erfüllte die Luft, als die Gestalt so vorsichtig wie sie konnte die Türen des Hängeboards öffnete und die darin verstauten Utensilien musterte. Zielsicher griff sie nach einem bestimmten Behältnis, las das Etikett und drehte es einige Male in den Händen hin und her, ehe sie erleichtert nickte, es klammheimlich in eine Jackeninnentasche sinken ließ und die Tür mucksmäuschenstill wieder verschloss.

 

„Was machen Sie denn hier? Gästen ist der Zugang zur Küche untersagt!“

 

Die Gestalt fuhr beinahe aus der Haut, als sie herum schwang und Rei erblickte, der mit hocherhobener Augenbraue im Türrahmen stand. Der Angesprochene krümmte sich zusammen und presste zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „... Tut mir ja echt unendlich leid, aber ... urplötzlich überkam es mich auch! Ich fürchte, ich hab mir auch ... was von diesem Rizinuszeug eingefangen!“ Die Augenbraue hob sich noch ein Stück weiter: „Und dann verschlägt es Sie in die Küche?“

 

„Mir ist so schlecht, ich kann kaum vernünftig denken! ... Mann, labern Sie nicht, sagen Sie mir lieber, wie ich von hier zur Toilette komme!“

 

Der Kellner sagte für einige Sekunden nichts, studierte seinen Gegenüber nur aufmerksam. „Rechts raus, dann links“, führte er schließlich gnädig aus und wies – noch immer höflich, aber bestimmt – gen Ausgang, „Brauchen Sie Hilfe?“ „Nein, nein“, winkte die Gestalt hastig ab und eilte an ihm vorbei, „wäre schon dankbar, wenn Sie mich bei der Sache in Ruhe lassen würden!“ „Verstanden“, rief man ihr hinterher, „Wenn Sie sich beeilen, können Sie sich gleich vom Polizeimediziner durchchecken lassen.“

 

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„Mit den Kranken ist alles in völliger Ordnung.“

 

„... Huh?“

 

Watarus Kommentar auf die entsprechende Aussage des Arztes spiegelte die Gedanken aller Zuhörer passend wider. „Alles in Ordnung?“, wiederholte er anschließend ähnlich dümmlich. Miwako, sowieso schon zum Bersten gereizt, keifte schrill: „Das nennen Sie in Ordnung?! Die Ärmsten haben sich die Gedärme aus dem Leib geschi-“ Ihr Partner fiel ihr blitzschnell ins Wort: „Was meinen Sie mit ‚Alles in Ordnung‘, Doktor? Was ist mit den Symptomen?“ Der Mann kratzte sich am Kopf und seufzte: „Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Was ich meine, ist: Sie sind körperlich gesund. Und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass dem einen oder anderen ein gepflegter Stuhlgang ab und zu schadet. Was ich aber feststellen konnte, ist das Rizinusöl, auf das Sie mich hingewiesen haben. Hervorragend kombiniert, meine Herrschaften Inspektoren. Normalerweise würde nicht mal ein Mediziner so selbstverständlich darauf kommen.“ Alle blinzelten und starrten dann misstrauisch auf Rei, der abwehrend die Hände hob: „Das war reiner Zufall! Ich kenn mich halt nur recht gut mit solchen Mitteln aus, weil mein alter Herr drauf geschworen hat!“ „Ein Jammer“, schnaubte Miwako überzogen enttäuscht, „und ich dachte schon, wir hätten unseren Täter gefunden.“ Rei lachte peinlich berührt.

 

Wataru kratzte sich am Hinterkopf: „Dann hatten Sie also tatsächlich recht, Herr Amuro. Aber Rizinusöl? Was für ein bösartiger Scherz! Wer tut denn nur so etwas? Gerade, weil es auch ältere Leute erwischt hat, die sowieso nicht so widerstandsfähig sind!“ Reis Blick verfinsterte sich: „Unterschätzen Sie die Lage nicht, Inspektor Takagi. Wenn Sie von einem Scherz ausgehen, sind Sie schwer auf dem Holzweg.“ „Was?“, fragte Wataru erstaunt, „Aber Sie haben doch vorhin selbst gesagt, dass der Täter keinen Schaden anrichten wollte?“ Der Detektiv verschränkte die Arme und schloss missmutig die Augen: „Ich räume durchaus ein, dass er das körperliche Wohl der Gäste nicht zu sehr in Mitleidenschaft ziehen wollte. Aber seine Absichten waren trotzdem alles andere als harmlos. Stellen Sie sich doch nur mal vor, was geschehen würde, sollte sich das Gerücht verbreiten, dass im Poirot verdorbene Speisen serviert werden!“

 

„... Nun, ich gebe zu, dass derartige Gerüchte, und seien sie noch so unwahr, extrem geschäftsschädigend sein können.“

 

„Multiplizieren Sie das mit dem traurigen Fakt, dass Gerüchte dazu neigen, ein monströses Eigenleben zu entwickeln, und Sie haben ein Riesenproblem! Ein bekanntes und beliebtes Café wie dieses wird davon vielleicht nicht gleich untergehen. Aber es wird auf unbestimmte Zeit erheblich verunsicherte Kunden geben, die auf Nummer sicher gehen werden und auf einen Besuch verzichten. Oder aber sich ein anderes Café suchen und lieber dort ihr hart verdientes Geld investieren. Ich denke, darauf hat es der Täter abgesehen: Uns Kunden abzuziehen und seinem eigenen Etablissement zuzufügen. Oder irre ich mich ...“

 

Rei öffnete die Augen und sah einen der Umstehenden scharf an: „... Herr Okamoto?“ Der vorlaute Mann wich schockiert ein Stück von ihm zurück: „Was?! Woher soll ich das wissen?!“

 

„Ganz einfach: Ich bezichtige Sie hiermit, unseren Tee mit Rizinusöl versetzt zu haben und Schuld zu tragen an den widrigen Umständen, in denen sich unsere Gäste derzeit befinden.“

 

„Ich hab überhaupt keine Ahnung, wovon Sie reden!“

 

„Das ist eine völlig haltlose Anschuldigung“, warf seine Schwester nach einigen Schrecksekunden nicht minder entsetzt ein, „Was sollte Takuya denn für einen Grund für so ein Verhalten haben?!“ Wataru kam ihr zu Hilfe: „Da hat sie recht, Herr Amuro! Sie können nicht einfach wahllos Anwesende beschuldigen, nur weil sie höchst unsympathisch sind!“ Miwako sah ihn ausdruckslos an: „Dieser Einwand entschärft die Sache nicht unbedingt, Takagi.“ Rei schüttelte mitleidig den Kopf: „Es verletzt mich, dass Sie offensichtlich so wenig von meinen moralischen Grundsätzen halten, Inspektor. Natürlich ist mein Vorwurf alles andere als haltlos. Herr Okamoto, warum berichten Sie uns nicht, wie Sie Ihren Lebensunterhalt bestreiten?“ Der Gast biss sich auf die Unterlippe und sah bestürzt zu Boden, während Miwako unwillig die Stirn runzelte: „Ich verstehe wirklich nicht, was seine Arbeit mit dem Motiv zu tun haben soll.“ Rei lächelte hinterlistig: „Ich habe doch gesagt, dass der Täter unsere Denunzierung zum Ziel hatte, richtig? Wer würde wohl den größten Vorteil aus einer solchen Situation ziehen? Wer wohl anderes als einem direkten Konkurrenten?“

 

„Ah“, entfuhr es Azusa endlich, „Jetzt weiß ich, warum mir die beiden so bekannt vorkommen! Sie sind der Besitzer des Cafés einige Straßen weiter und Sie eine Kellnerin dort!“ Takuya schnalzte gereizt mit der Zunge, seine Schwester presste sich nervös eine Faust an die Brust. Die beiden Polizisten blinzelten erstaunt und Rei grinste düster: „‚Takus Sahneparadies‘. Wenn mir einer unserer Gäste nicht zufällig einen Indikator geliefert hätte, wäre ich selbst nicht so schnell auf den Namen gekommen. Der Laden hat vor etwa drei Monaten aufgemacht, allerdings scheint er nicht sonderlich zu ziehen. Zumindest, wenn ich daran vorbeikomme, sehe ich kaum Kundschaft. Neue Geschäfte haben oft einen verdammt schwierigen Stand gegen alteingesessene wie das Poirot mit seinem guten Ruf und zahlreichen Stammkunden. Wollen Sie immer noch bestreiten, dass Sie starkes Interesse daran haben, uns ein wenig auszudünnen?“

 

„Vergessen Sie nicht eine verdammt wichtige Sache?!“, brüllte Takuya erregt und hielt sich demonstrativ den Bauch, „Ich habʼs doch vorhin in der Küche schon gesagt! Ich bin auch krank! Ich würd doch nicht selbst freiwillig Abführmittel mit solch unangenehmen Nebenwirkungen einnehmen, wenn ich davon wüsste!“ „Das klingt plausibel“, wandte Wataru ein, doch seine Partnerin legte, langsam interessiert an der Sache, den Kopf schief: „Hm, ganz von dem – unter diesen Umständen recht begründeten – Verdacht von Herrn Amuro befreit Sie diese Tatsache nicht. Wenn Sie der Täter wären, würde eine Erkrankung von Ihnen ablenken und Sie wüssten auch, dass Rizinusöl nicht tödlich wirkt und Sie deswegen keine Gefahr laufen, dauerhafte Nachteile davonzutragen.“ Rei hob eine Hand, als Takuya etwas einwenden wollte: „Wir müssen überhaupt nicht so weit gehen, diesen Umstand zu berücksichtigen, Inspektor. Herr Okamoto ist nämlich in keinerlei Weise betroffen, sondern kerngesund.“ Takuya herrschte ihn äußerst ungehalten an: „Woher wollen Sie das wissen, Sie Möchtegernschnüffler?! Können Sieʼs mir vielleicht ansehen?!“ Toru schüttelte den Kopf: „Nein, natürlich nicht.“

 

„Pah! Inspektor Takagi, das ist eine Farce! Ich verlange eine sofortige Entschuldigung von diesem-“

 

„Nicht ansehen. Aber anhören.“

 

„... Was?“

 

Rei seufzte, als er nicht nur Takuyas, sondern auch viele andere ratlose Gesichter auf sich gerichtet sah und wandte sich entschuldigend lächelnd an die anderen Opfer, die an den Tischen in unmittelbarer Nähe saßen, um sich von den Strapazen zu erholen: „Ich weiß, dass Ihnen das sehr unangenehm sein wird, aber bitte, haben Sie Verständnis dafür.“ Er rief in den Raum, der erfüllt war von dem angeregten Getuschel der übrigen Gäste: „Darf ich für eine Minute um Ruhe bitten? Wenn es Ihnen möglich ist, wäre ich dankbar, wenn Sie Ihre Unterhaltungen für eine Weile einstellen könnten.“

 

In der anschließenden Stille hätte man eine Nadel fallen hören.

 

Es dauerte keinen Atemzug, als ein leises Grollen durch die Luft hallte, nicht mehr so laut und ärgerlich, wie es zu Anfang der Fall gewesen war, doch immer noch deutlich vernehmlich. Eine Frau lief hochrot an und schien in ihrem Stuhl versinken zu wollen, doch gleich darauf begleitete sie weiteres feuchtes Gurgeln von rechts und links. Ein besonders lautes Grummeln ertönte von Reis Seite und Shuichi rieb sich verlegen lächelnd über den Bauch: „Oh, meine Güte. Ich dachte, ich wäre schon wiederhergestellt, aber offensichtlich werden wir alle noch eine Weile etwas von diesem Abenteuer haben.“ Rei nickte zufrieden: „Darmtätigkeit ist eine höchst unpraktische Angelegenheit. Man kann sie weder unterdrücken noch vortäuschen. Sie kommt und geht, wie es ihr gerade passt. Und mit einem Abführmittel intus ist es gleich nochmal so schwierig, sich von ihr zu befreien.“ Er blickte Takuya herausfordernd an: „Nun, Herr Okamoto? Wie lange wollen Ihre Nachwirkungen noch auf sich warten lassen?“

 

Der Mann knirschte mit den Zähnen: „Das ist Ihr Beweis?! Ein läppisches Magengrollen?! Ich bitte Sie, vielleicht verarbeitet mein Körper das Zeug nur schneller!“ Doch Miwako schien Reis Spur als lohnenswert zu erachten: „Nichts leichter als das. Sie müssen sich einfach nur einer ärztlichen Untersuchung unterziehen und wir werden den Beweis dafür haben, dass Sie die Wahrheit sagen.“

 

„Das ist Polizeiwillkür! Ich weigere mich-“

 

„Es steht Ihnen natürlich völlig frei, das Angebot abzulehnen. Aber ich verstehe beim besten Willen nicht, warum Sie diese Gelegenheit, Pluspunkte zu gewinnen, achtlos in den Wind schießen sollten.“

 

Takuya schreckte zurück und schluckte angespannt: „Ich ... ich hab Angst vor Ärzten.“ Dann wies er hitzig auf Shuichi: „Wie auch immer! Was viel wichtiger ist: Vielleicht ist es ja gar nicht der Tee! Warum erinnern wir uns nicht an die berechtigte Frage dieses Herrn zurück? Erklären Sie endlich, wie es möglich war, dass genau wie ich auch Leute, die Ihr gefährliches Gedeck nicht bestellt haben, erkranken konnten!“ Shuichi horchte auf: „Nun, das würde mich auch brennend interessieren.“ Takuya wirkte selbstgefällig, doch als er Reis Gesicht sah, verflog das schnell. Der Detektiv schmunzelte, als ob er nur darauf gewartet hatte, dass sein Pappenheimer in die Falle trat: „Was heißt denn genau wie Sie? Sie sind der Einzige, der den Tee nicht getrunken hat und trotzdem über Beschwerden klagt.“

 

„... Was? Aber Sie haben vorher doch selbst gesagt, dass zwei Leute keinen Tee bestellt haben!“

 

„Das ist richtig. Ich habe aber nie behauptet, dass sie keinen getrunken haben.“

 

„Sie sprechen wirr, Mann! Kommen Sie auf den Punkt!“

 

Rei wirkte beinahe gelangweilt, als er auf die betreffenden Personen zeigte: „Die beiden Herrschaften hatten andere Gerichte, das stimmt schon. Aber ihre Begleitungen hatten den heißen Hamamelis-Tee und weil sie ihn selbst noch nie getrunken haben, haben sie einige Schlucke davon gekostet!“ Er sah Takuya ernst an: „Wie ist es also möglich, dass Sie, der selbst keinen Tee bestellt und auch keine Möglichkeit zum Kosten gehabt hat, unter einem Abführmittel leidet, das er nie konsumiert haben kann?“ Er grinste provokant: „Sind Sie etwa ein Hypochonder?“ Takuyas Augen wurden groß und er sah sich verstohlen um. Alle Blicke waren auf ihn geheftet.

 

Nach einer Weile murmelte er schließlich: „Na schön ... Na schön! Ich bin nicht krank, okay?! Zufrieden?!“ Miwako legte den Kopf schief: „Und warum haben Sie etwas Gegenteiliges behauptet?“ Takuya schwieg, und so übernahm es einmal mehr Rei, die Frage zu beantworten: „Er benötigte dringend eine Ausrede, um mich von seinen Tätigkeiten in der Küche abzulenken, bei denen ich ihn vorhin erwischt habe.“

 

„Was? Was haben Sie in der Küche zu suchen gehabt?“

 

„Ich ... ich ...“, stotterte der Mann, offensichtlich in die Ecke gedrängt, „Ich wollte wirklich auf die Toilette und habe mich verlaufen und ...“ Wataru legte verwirrt einen Finger ans Kinn und fragte: „Apropos Küche ... Wie soll er eigentlich die Bestellungen präpariert haben? Er hatte doch gar keine Gelegenheit dazu, oder?“ „Ganz recht“, rief Koharu aufgebracht, „wir haben nicht auch nur in der Nähe der Küche gesessen! Außerdem wäre es wohl aufgefallen, wenn mein Bruder mitten im Betrieb aufgestanden und dort hinein marschiert wäre!“ Doch Rei ließ sich überhaupt nicht beeindrucken: „Er musste sie hier gar nicht mehr präparieren, denn das Rizinusöl war schon drin.“

 

„... Häh?!“

 

Wataru hatte eine einzigartige Art, die Gedanken aller zusammenzufassen, sodass Rei leise kicherte und sein Handy zückte: „Nachdem ich Herrn Okamoto als Verdächtigen separiert hatte, habe ich mir dieselbe Frage gestellt. Und dann habe ich mich daran erinnert, dass ein Teil einer unserer letzten Nahrungsmittellieferungen einen Tag zu spät bei uns eingetroffen war. Unser Lieferant hat Engpässe als Grund dafür angegeben, aber unsere jetzige Situation hat mich misstrauisch gemacht. Also habe ich ihn vorhin angerufen und noch einmal einige ... direktere Fragen gestellt. Und dabei kam heraus, dass die Kiste fälschlicherweise erst bei einem anderen Café abgeliefert worden war. Dreimal dürfen Sie raten, welches Café das war.“ Wataru sackte ein wenig in sich zusammen: „Wenn Sieʼs schon so sagen ... Die ‚Sahnehaube‘?“

 

„Das ‚Sahneparadies‘, korrekt. Das allein muss noch nichts heißen, aber auf Androhung von Konsequenzen hat unser Lieferant zugegeben, dass ihm Herr Okamoto ein stolzes Sümmchen zugesteckt hat, nur für ein absolutes Stillschweigen über diese Falschlieferung. Ich bezweifle, dass er je damit rausgerückt wäre, wenn ich nicht in den richtigen Stellen gebohrt hätte. Verraten Sie uns, was dermaßen schlimm an einer simplen Falschlieferung war, dass sie Ihrer Meinung nach verheimlicht werden musste, Herr Okamoto?“

 

„... Ich hab den Karton nicht aufgemacht! Ich hab ihn noch nicht mal angefasst!“

 

Rei ignorierte ihn: „Dann verrate ich es Ihnen: Er hat das Missverständnis ausgenutzt und das enthaltene Lebensmittel mit Rizinusöl versetzt in der Hoffnung, mit einigen unerklärlichen Krankheitsfällen unserem Ruf zu schaden.“ Takuya rief aufbrausend: „Dann verraten Sie mir doch mal, warum ich ausgerechnet diesen Tee dafür hätte verwenden sollen?! Soweit ich weiß, ist Hamamelis ein Heilmittel gegen Durchfall?! Hätte ich nicht befürchten müssen, dass sich die Wirkung aufhebt?!“ Rei schüttelte den Kopf: „Machen Sie sich nicht lächerlich, eine potente Arznei wie Rizinusöl wird sich immer gegen homöopathische Mittel wie Tees durchsetzen können.“ Wataru mischte sich erneut ein: „Aber warum ist er dann hergekommen, um sich die Sache anzusehen? Hätte er sich nicht möglichst fern von diesem Ort halten müssen, wenn er wusste, dass es bald Aufregung geben würde? Er musste damit rechnen, dass die Polizei eingeschaltet werden würde!“

 

„Ich vermute, er wollte sogar sichergehen, dass das geschieht. Er hatte vor, den Augenblick voll auszunutzen.“

 

„Aber er konnte doch nun wirklich nicht wissen, wann dieser Augenblick eintreten würde!“

 

Rei sah seinen Vorarbeiter und seine Kollegin an: „Seid ihr auch dieser Meinung?“ Azusa überlegte angestrengt, doch sein Vorgesetzter räusperte sich unsicher: „Nun ... Es gibt eine Möglichkeit, den ungefähren Zeitpunkt zu bestimmen. Herr Okamoto ist ebenfalls Gastronom. Wenn er gesehen hat, welche Menge Tee wir bestellt haben, kann er anhand von Erfahrung in etwa einschätzen, wann wir bei dem kontaminierten angekommen sein würden.“ Wataru schien noch immer nicht überzeugt: „Ja, aber er weiß doch nicht, welchen Tee Sie zuerst verwenden würden! Er ist doch kein Hellseher!“ Rei schüttelte den Kopf: „Das muss er nicht sein, Inspektor. Wie jedes Gewerbe hat auch die Gastronomie ihre Standard-Tipps und -Tricks. Einer davon ist der, dass man die neuen Waren immer nach ganz hinten räumt, damit man die älteren stets zuerst aufbraucht. Auch wenn sich das simpel und logisch anhört, wird das in normalen Haushalten längst nicht so kontinuierlich gehandhabt wie bei uns.“ Er lächelte: „Wenn er also den kontaminierten Tee im Karton nach ganz oben stellt, kann er sich zu fast hundert Prozent sicher sein, dass er im Schrank ganz hinten landet. Dann muss er nur abschätzen, für wie viele Tage die anderen Behältnisse ungefähr reichen und nach dieser Zeit kann er ungefährdet bei uns einkehren und darauf warten, dass etwas passiert.“ Watarus Blick erhellte sich: „Verstehe! Und mit dieser Methode kann er auch die Zeitspanne zwischen der Falschlieferung und den Vorkommnissen erweitern, sodass die Wahrscheinlichkeit, damit in Verbindung gebracht zu werden, schrumpft!“

 

„Ich will Ihren Enthusiasmus ja nicht bremsen, aber wird hier nicht ein ganz entscheidender Faktor übersehen?“

 

Alle verstummten und wandten sich an Shuichi, der den Einwand gebracht hatte. Rei hob eine Augenbraue: „Und der wäre, Herr Okiya?“ Shuichi gestikulierte vage: „Wie konnte er überhaupt erst Tee mit Rizinusöl versetzen? Wie der Name schon sagt, es ist Öl! Öl ist flüssig! Sie können mir nicht weismachen, dass Sie und Ihre Kollegen, selbst wenn Sie sehr im Stress sein sollten, tatsächlich nicht merken würden, völlig verklebte Teeblätter aufzubrühen! Es gibt Rizinus zwar auch als Pulver, das wird aber in der Kosmetik verwendet, nicht in der Medizin und hat deshalb längst nicht denselben Effekt. So wie ich das sehe, steht es Aussage gegen Aussage. Sie haben bisher nichts bewiesen.“ Der Inspektor schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Natürlich! Dass ich sowas Grundlegendes übersehen habe, ich fasse es nicht! Herr Amuro, ich sehe ja ein, dass tatsächlich viele Indizien auf Herrn Okamoto als Täter hindeuten, aber es ist wirklich nicht möglich, so feines, trockenes Material wie Teeblätter unbemerkt mit einer Flüssigkeit zu mischen. Es muss etwas anderes dahinterstecken!“

 

Alle lauschten gebannt, denn dieses Problem war ihnen in der Hast des Geschehens tatsächlich entgangen. Doch Reis unheimliches Schmunzeln blieb unbeeindruckt – im Gegenteil, es wuchs in die Breite und gewann an Zähnen: „Oh, aber es ist möglich. Oder zumindest in unserem speziellen Fall. Und diese Tatsache wird auch beweisen, dass niemand außer Herr Okamoto als Täter in Frage kommt.“ Miwako tippte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf ihren Bizeps und knurrte: „Und wie bitteschön sieht Ihr ‚spezieller Fall‘ aus?!“

 

„Wir benutzen für unser neues Gedeck keine Teeblätter. Wir benutzen Sirup.“

 

Rei drehte sich Takuya bedrohlich zu: „Wir wollten erst testen, wie es ankommt, bevor wir in die viel teureren Blätter investieren. Und diese Tatsache war nur der Belegschaft des Poirot bekannt. Niemand sonst wusste davon. Jeder würde im Normalfall bei dem Wort ‚Tee‘ umgehend an Blätter denken. Wenn also alle so freundlich wären, sich zurückzuerinnern an den Moment, an dem Inspektor Sato sich dazu entschlossen hatte, die Spurensicherung einzuschalten? An Herrn Okamotos Worte, die ihm in der Hitze des Gefechts herausgerutscht sind?“

 

Alle verfielen in tiefe Überlegung.

 

‚Das... das ist doch jetzt völlig egal! Sie sollten die Flaschen so schnell wie möglich sicherstellen, wer weiß, was sich diese Kanaillen einfallen lassen, um sie verschwinden zu lassen!‘

 

Augen weiteten sich und Rei erkannte, dass sie begriffen hatten. Er grinste wie ein Raubvogel, vollends bereit, seine Klauen in das entdeckte Beutetier zu schlagen: „Herr Okamoto. Wie kommt es, dass Sie wussten, dass die Beamten nach einer Flasche würden Ausschau halten müssen?“ Takuya begann, übermäßig zu schwitzen: „Ich ... ich habe sie gesehen ... Vorhin ... In der Küche ...“

 

„Und Sie haben uns noch immer nicht verraten, was Sie dort gesucht haben.“

 

„Ich sagte doch schon, dass ich mich nur verlaufen habe!“

 

„Haben Sie sie noch dabei oder konnten Sie sie zwischendurch in der Toilette entsorgen?“

 

Takuya erbleichte. Rei beantwortete die ungestellte Frage der Umstehenden: „Was er in der Küche gesucht hat, war die Flasche mit dem kontaminierten Hamamelis-Sirup. Er hat sie in seine Jackeninnentasche gesteckt. Wenn sie dort nicht mehr ist, hat er den Inhalt wahrscheinlich die Toilette runtergespült und sie dann durchs Fenster in den Hinterhof geworfen. Das bezweifle ich aber, da derlei Aktionen sehr verdächtig gewirkt haben müssten und die Toiletten heute aus gegebenem Anlass jederzeit gut besucht waren.“ Takuya ballte die Hände zu Fäusten: „Das ist eine Lüge! Er hat gar nicht sehen können, dass ich irgendetwas entwendet habe, weil ich schlichtweg nichts entwendet habe!“

 

„Und ich sage – wenn nötig unter Eid – aus, dass Sie die Schränke durchwühlt haben. Nach einer Flasche Hamamelis-Sirup. Die Sie im Anschluss in die Tasche gesteckt haben.“

 

Miwako trat vor und ging auf Takuya zu: „Wenn Sie erlauben?“ Sie teilte sein Jackett und fischte in einer der Taschen herum. Dann stutzte sie und zog die Sirupflasche hervor, las das Etikett und warf ihm einen forschenden Blick zu. Takuya entfuhr ein angesäuerter Laut, ehe er zu Boden sah. Rei bohrte weiter: „Also, woher wussten Sie es?“

 

„Ich habe ... ich habe sie gesehen, als ich die Falschlieferung überprüft habe ...“

 

„Sie behaupteten gerade eben, Sie hätten sie nicht angefasst.“

 

„...“

 

Rei schnaubte verächtlich: „Aber das ist jetzt auch gleichgültig. Inspektor Sato, ich bin mir sicher, dass Sie seine Fingerabdrücke auf der ganzen Flasche verteilt finden werden. Das sollte genug sein, um seine Schuld zu beweisen.“ „WAS?!“, schrie Takuya entrüstet, „Die sind da heute erst draufgekommen, als ich sie vorhin an mich genommen habe!“ Reis Lächeln hatte etwas Teuflisches: „Das dürfte sich schwer beweisen lassen, Herr Okamoto.“ Takuyas Mund klappte auf, sprachlos gegenüber der Kaltblütigkeit, mit der ihm die nun erst ersichtlich gewordene Falle gestellt worden war.

 

Miwako winkte missbilligend ab: „Wie auch immer. Sie haben zumindest bewiesen, dass unser Herr Große-Klappe hier mehr von der Sache weiß, als er durchblicken lassen möchte. Und Gott seiʼs geklagt, aber ich erkläre Sie hiermit für verhaftet wegen fahrlässiger Körperverletzung, Herr Okamoto. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen-“

 

„Bitte warten Sie.“

 

Miwako hielt inne, gerade im Begriff gewesen, den geknickt wirkenden Mann Richtung der zwei Beamten zu schieben, die die Eingangstür bewachten. Alle Augen richteten sich auf die Person, die die Worte ausgerufen hatte.

 

Koharu wrang die Hände: „Sie haben den Falschen, Inspektor Sato, Inspektor Takagi ... Herr Amuro. Alles, was Sie sagten, ist richtig. Aber ... Sie haben den Falschen.“ Takuya fuhr ihr unbeherrscht ins Wort: „Halt den Mund, Koharu! Ich hab dir schon mal gesagt, dass du davon nichts verstehst! Also sei endlich-“ Sie beachtete ihn gar nicht, sondern verankerte den Blick nur mit Reis: „Ich habe es getan. Ich habe heimlich die Kiste geöffnet und den Sirup mit Rizinusöl angefüllt. Takuya hat nichts damit zu tun.“ Sie senkte beschämt den Blick: „Sie haben recht, unser Café läuft alles andere als gut. Wir haben Schulden und wissen kaum, wie wir die Rechnungen bezahlen sollen. Und das Poirot hat sich als härtere Konkurrenz herausgestellt, als wir uns je hätten träumen lassen. Dabei bemühen wir uns so sehr ... Als die Kiste fälschlicherweise zu uns geliefert wurde, habe ich es als Wink des Himmels betrachtet. Ich habe sie geöffnet, mir ein passendes Abführmittel für den Inhalt der Flaschen besorgt und eine davon damit versetzt. Ich dachte mir, ein kleiner Schreck würde ein paar mehr Leute dazu bringen, uns auszuprobieren, anstatt in ihr Stammlokal zu gehen. Ich wusste nicht, dass es zu allergischen Reaktionen kommen kann, das müssen Sie mir glauben! Ich war verzweifelt! Ich weiß selbst nicht, was mich zu dem Zeitpunkt geritten hat! Es tut mir so leid!“

 

Sie schlug die Hände vors Gesicht und Takuya ließ den Kopf hängen. Miwako hatte das Bedürfnis, ihm aufmunternd auf die Schulter zu klopfen, doch wie jedes Verbrechen, egal ob groß oder klein, machte sie auch dieses zu wütend zum Trostspenden: „Ich würde es nicht unbedingt als kleinen Schrecken bezeichnen, wenn man es riskiert, alte Leute oder Kinder mit Krankheitserscheinungen zu belasten, die ihren Kreislauf so signifikant schwächen können. Haben Sie überhaupt mal vernünftig nachgedacht?!“ Die Frau schüttelte langsam den Kopf: „... Ich ... ich glaube, wenn ich das getan hätte, wäre es nie zu dieser Situation gekommen.“ Die Polizistin wandte sich an ihren Bruder: „Und warum haben Sie versucht, die Flasche vor der Spurensicherung zu verstecken? Haben Sie davon gewusst?!“ Koharu schreckte auf: „Nein! Takuya hat nichts damit-“

 

„Inspektor Sato. Gehen Sie nicht zu hart mit ihm ins Gericht. Er hatte keine Ahnung von den Eskapaden seiner Schwester.“

 

Koharus Kopf fuhr herum und richtete sich auf Rei: „Sie ... Was ... Woher ... Sie haben gewusst, was wirklich passiert ist?!“ Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf: „Frau Okamoto, ich will ehrlich mit Ihnen sein: Ohne Ihr Geständnis eben hätte ich Ihnen absolut nichts nachweisen können. Es war mir von Anfang an bewusst, dass Ihr Bruder unschuldig ist. So, wie er zu Beginn auf lückenlose Aufklärung gepocht hat, wäre es reiner Selbstmord gewesen, wenn er hier selbst der Täter gewesen wäre. Und die blanke Panik, mit der er kurz danach zurück zu rudern versucht hat, beweist zusätzlich seine Unschuld – und gleichzeitig Ihre Schuld. Es gibt hier niemanden sonst, den so fürsorglich zu beschützen ich ihm zutrauen würde. Ich brauchte einen Anlass, einen guten Köder, um Sie zum Reden zu bringen. Und seine ungeschickten Versuche, Ihnen den Hals zu retten, haben mir genügend Mittel dazu gegeben. Ich vermute, Sie haben ihm zwischendurch gestanden, was Sie getan haben. Deswegen hat er erst versucht, die Untersuchungen zu boykottieren und hat dann plötzlich aufgegeben, als er meinte, dass man das Mittel nicht mehr würde nachweisen können.“ Sie nickte: „Ich habe es ihm ins Ohr geflüstert – aber ich habe mich leider erst viel zu spät dazu durchringen können. Er ist so blass geworden, dass ich befürchtet habe, er würde zusammenbrechen.“ Sie straffte die Schultern und murmelte: „Aber ‚fürsorglich‘? Ich weiß, ich sollte nicht so sprechen, nach allem, was er für mich getan hat, aber es gibt nicht viele, die unsere Beziehung als ‚fürsorglich‘ bezeichnen würden ...“

 

Rei lächelte: „Es stimmt schon, auf den ersten Blick könnte man Sie als herrischen Bruder und unterdrückte Schwester ansehen, aber wenn man darauf achtet, fallen einem viele Dinge auf, die eine andere Sprache sprechen. Ihr Bruder beschimpft Sie zwar ständig, aber ich habe nicht einmal gesehen, wie er Sie die Eingangstür selbst öffnen ließ, vor Ihnen bestellt hat oder angefangen hat zu essen, ehe Sie nicht selbst Ihre Bestellung erhalten haben. Sie hingegen zucken nicht einmal, wenn er Sie anfährt, haben keinerlei Berührungsängste und geben ihm immer Ihre Cappuccino-Kekse, obwohl Sie sie offensichtlich ebenso sehr mögen. Anhand dieser kleinen Hinweise habe ich erkannt, dass Ihre Beziehung sehr positiv ist und Sie gut miteinander auskommen. Also habe ich auf die Macht der Geschwisterliebe gehofft und Ihren Bruder als Köder benutzt. Ich bitte um Entschuldigung deswegen.“

 

Sie schnaubte belustigt und blickte desillusioniert erst auf Shuichi, dann auf Wataru und schließlich auf Miwako: „War Ihnen bewusst, dass er nur eine Show abzieht?“

 

Shuichi räusperte sich: „Nun, er hat uns nicht eingeweiht, aber ... Ja, ab einem gewissen Zeitpunkt war es mir klar. Dadurch, dass er zuvor extrem eifrig und freigiebig mit Information umgegangen ist und dann plötzlich schlagartig zugeknöpft war und darauf bestand, der Spurensicherung die Sache zu überlassen, war es ziemlich deutlich, dass er Köder verteilt und dann auf etwas gewartet hat. Ich nehme an, darauf, dass einer von Ihnen eine Dummheit begeht, die er in seinem Sinne verwenden konnte. Die ‚Tatwaffe‘ zu entwenden zum Beispiel ...“

 

Miwako nickte: „Außerdem hat er nicht einmal eingeräumt, dass Sie ebenso als Tatverdächtige in Frage kommen, arbeiten Sie doch im selben Geschäft, sind noch dazu verwandt und hatten die gleichen ungünstigen Umstände sowie günstigen Voraussetzungen. Ich konnte es mir nur so erklären, dass er Sie in Sicherheit wiegen wollte, indem er seine Schuldzuweisungen vollends auf Ihren Bruder konzentriert.“

 

Wataru kratzte sich verlegen lächelnd am Kinn: „Und ... Naja ... Wie soll ich sagen ... Es hätte im Gegensatz zu seinen Behauptungen sehr wohl und eindeutig bewiesen werden können, dass Herrn Okamotos Fingerabdrücke auf der gestohlenen Flasche erst am heutigen Tag darauf hinterlassen worden sind. Sie werden unweigerlich diejenigen der Poirot-Besatzung verwischt haben, wenn man bedenkt, dass er sie nach allen anderen berührt hat. Ansonsten wäre es ja andersherum, verstehen Sie?“ Miwako starrte ihn ungläubig an: „Warte ... Du hast es erst so spät bemerkt?!“

 

Während sich der tollpatschige Inspektor eine leise gezischte Standpauke anhören musste, wandte sich Koharu an Rei und lächelte traurig: „Meinen Glückwunsch, Herr Amuro. Sie haben uns beide wirklich schön drangekriegt.“ Sie sah zu Takuya hinüber: „Aber ich bin erleichtert. Mein Bruder muss nicht für ein Verbrechen ins Gefängnis, das er nicht begangen hat. Dafür muss ich wohl dankbar sein.“ Er musterte sie nachdenklich: „Sie werden Ihr Geständnis nicht wieder zurückziehen, oder?“ Sie wirkte überrascht, als ob sie nicht gewusst hatte, dass eine solche Option bestand. Doch dann schüttelte sie den Kopf: „Nein, keine Sorge. Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, dass es mir entsetzlich leid tut. Ich hoffe, dass ich mich nach Verbüßen meiner Strafe nicht mehr ganz so schmutzig fühlen werde.“ Sie verbeugte sich tief vor ihm: „Danke für alles, Herr Amuro. Ohne Ihr Eingreifen hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gefunden, damit herauszurücken.“

 

Während sie die Polizei mit den Geschwistern abrücken sahen, bemerkte Shuichi wie nebenbei: „Ich frage mich, was aus den beiden wird.“ „Es ehrt sie, dass sie sich so leichtgläubig hinters Licht haben führen lassen“, erwiderte Rei, „Das bedeutet, dass sie noch nie wirklich über kriminelle Aktivitäten nachgedacht haben. Das wird der Richter auch in sein Urteil einfließen lassen. Ich glaube nicht, dass sie mit mehr als einer Geldstrafe zu rechnen haben. Allerdings wird das ihre finanzielle Situation nicht verbessern. Egal, was kommt, es wird sehr schwer für sie werden.“ Er schloss ermattet die Augen: „Verbrechen zahlt sich eben nicht aus.“ Shuichi musterte ihn von der Seite: „Was wohl der wahre Grund für ihre Anwesenheit heute war?“ Rei zuckte mit den Schultern: „Reiner Zufall, schätze ich. Er ist wahrscheinlich in letzter Zeit so oft zu uns gekommen, um unser beider Service zu vergleichen, sie hat ihn vermutlich begleitet, um ihn vor unvernünftigen Aktionen abzuhalten, wohlwissend, was sich ihretwegen bei uns für ein Drama anbahnte. Pech, dass er sich in seinem Wahn nicht von ihr hat zügeln lassen. Als dann das Desaster losgebrochen ist, hat er es für einen Wink des Schicksals gehalten und in seiner Not versucht, uns so sehr zu diffamieren wie möglich, nicht wissend, dass es seiner Schwester das Genick brechen konnte. Was für eine Ironie. Hätte er nicht auf den Polizeieinsatz bestanden, hätte man die Sache vielleicht diskret regeln können. Aber so hat er ihrem Geschäft selbst den größten Schaden zugefügt. Wie gesagt: Gerüchte verbreiten sich schnell. Zu schnell.“

 

„Hm“, brummte Shuichi nur und überlegte angestrengt. Dank der Vorkommnisse war es ein interessanter Nachmittag für ihn gewesen, auch wenn sein übertrieben hart arbeitender Magen den Spaß ein wenig gebremst hatte. Außerdem war und blieb es eine denkbar schlechte Idee, Rei zu viel von seinen eigenen detektivischen Fähigkeiten zu zeigen, weswegen er sich in diesem Fall stark zurückgenommen hatte. Es wäre zu auffällig gewesen, zu viele Mysterien in die gerade mal „zweite“ Begegnung zu packen. Er musste sich die Fragen, die ihm unter den Nägeln brannten, wohl oder übel aufheben für den Zeitpunkt, an dem die Schwarze Organisation hinter Schloss und Riegel saß.

 

Aber er konnte Bourbon, nachdem „Subaru“ mit ihm in Kontakt getreten war, einfach nicht mehr aus den Augen lassen. Conan würde es verstehen.

 

Er lachte laut auf: „Nun, einen positiven Aspekt hat das Ganze.“ Auf Reis fragenden Blick hin gluckste er amüsiert: „Zumindest muss ich Ihnen die Geschichte mit Ihren Freunden jetzt abnehmen. Immerhin haben Sie gerade bewiesen, dass Sie tatsächlich über ausgeprägtes detektivisches Gespür verfügen.“ Der Kellner schlug sich die Hände vors Gesicht: „Wie oft wollen Sie mir diese unerfreuliche Sache denn noch aufs Brot schmieren?!“ Shuichi kicherte nur, doch plötzlich brach er abrupt ab und blinzelte: „... Meine Güte ... Ich fürchte, eine andere unerfreuliche Sache ist noch nicht ganz ausgestanden ... Und dabei habe ich nur ein paar winzige Schlückchen nehmen können, ehe die ganze Hektik ausbrach ...“ Ein lautes Grollen ertönte und Rei rollte ein verlegener Schweißtropfen von der Stirn: „... Nun, Sie wissen, wo die Toiletten sind. Übrigens, wenn ich Sie wäre, würde ich mich beeilen, noch einen Platz zu bekommen.“ Shuichi sah ihn verwundert an: „Warum das?“ „Nun, ein Rätsel haben wir noch nicht ganz geklärt“, erwiderte Rei kryptisch, „Die Frage, warum es nur Leute erwischt hat, die unseren ‚Hamamelis-Tee, heiß‘ genossen haben.“

 

„Naja ... Sie haben doch ganz treffend herausgefunden, dass das Rizinusöl nur im Tee enthalten war, oder?“

 

„Schon, aber ... Was ist mit denen, die ‚Hamamelis-Tee, kalt‘ bestellt haben? Es sind dieselben Zutaten, nur eben als Eistee zubereitet.“

 

Shuichi starrte seinen Gegenüber glasig an, während diese Eröffnung durch sein Gehirn rauschte. Dann weiteten sich seine Augen: „Oh ... Es heißt ja ...“ Rei nickte erwartungsfroh: „Dass heiße Getränke die Verdauung fördern. In Ihrem Fall bedeutet das ‚zusätzlich‘. Und nach meinen Berechnungen müsste die Wirkung unseres ‚Hamamelis-Tee, kalt‘ ungefähr ...“

 

Die Eingangstür explodierte nach innen und eine Schar sehr verzweifelt aussehender Gäste, die das Café erst kurz zuvor erleichtert verlassen hatten, stürzte herein und hastete Richtung sanitärer Anlagen.

 

„... Jetzt einsetzen.“

 

Shuichi musterte ihn ausdruckslos: „Ich werde kein Wort mehr über Ihre Detektiv-Freunde verlieren, wenn Sie mich jetzt ausnahmsweise die Belegschafts-Toiletten benutzen lassen.“ Reis Mund verzog sich zu einem triumphalen Lächeln: „Abgemacht!“

4. Kapitel: Saguru gegen Heiji – Ein Büffet zum Dahinscheiden

Autorennotizen

Saguru ließ seinen Blick aufmerksam über die elegant gekleidete Menschenmenge schweifen, während er genüsslich an seinem Sekt nippte. Es waren viele Gesichter darunter, die er zumindest schon einmal gesehen hatte und er freute sich bei einigen davon über die Gelegenheit einer Plauderei.

 

Die Bankette der „Weapons And Feat Faction“ erfreuten sich einer großen Beliebtheit, geizten sie doch niemals mit Wein, Weib und Gesang und er musste zugeben, dass selbst er den jährlichen Einladungen mit freudiger Erwartung entgegensah. Dieser amerikanische Verband mit einer Niederlassung in Japan vereinigte einige der hochwertigsten Waffenhersteller unter sich und pflegte deswegen Beziehungen auch zu den exekutiven Körperschaften des Landes, die von ihnen unter anderem mit den typischen Dienstwaffen beliefert wurden. Viele teils hochrangige Polizisten tummelten sich daher unter den Festgästen und er machte sich eine gedankliche Notiz, einige neue Bekanntschaften zu knüpfen. Es war stets eine enorme Erleichterung, bei unerwünschten Einmischungen in laufende Ermittlungen den zuständigen Kommissar persönlich zu kennen – und ihn in halb betrunkenem Zustand gesehen zu haben. Er fand es zwar recht besorgniserregend, dass sich Hersteller, Lieferant und einflussreiche Abnehmer solch hochbrisanter Waren hier freundschaftlich per „Du“ begrüßten, doch solange es genug zuverlässige Männer darunter gab, denen er sein Leben anvertraut hätte, vertraute er auch darauf, dass sich Korruption und Bestechung in erträglichen Grenzen hielten. Männer wie Ginzo Nakamori zum Beispiel, der sich nicht weit entfernt von ihm mit Kollegen unterhielt, ab und zu zu ihm hinüber schielte und jedes Mal missmutig abweisende Gesten vollführte, wenn er sein Glas zum Gruß erhob. Oder aber sein eigener Vater, Tokios Polizeipräsident. Er wusste, dass er sich immer auf seinen alten Herrn verlassen konnte.

 

... Zumindest solange, wie dieser nicht gerade die Büffets ihrer Gastgeber plünderte und schon bei bloßer visueller Bewunderung um eine halbe Tonne Gewicht schwerer aussah.

 

Saguru seufzte und fing mit nachdrücklicher Entschlossenheit den vollbeladenen Teller ab, den Shun soeben selig lächelnd zu ihrem Esstisch befördern wollte: „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Du kannst deine Diät nicht einfach bei jedem Wohltätigkeitsdinner, Polizeiball oder Geburtstagsfest über den Haufen werfen, wenn wir damit auch nur die Spur einer Wirkung erzielen wollen!“ Er winkte einen Kellner heran: „Bitte tun Sie mir einen Gefallen und sagen Sie all Ihren Kollegen, dass dieser Herr für den Rest des Abends keine alkoholischen Getränke mehr zu sich nehmen möchte. Und bitte nehmen Sie auch keine Sonderbestellungen mehr von ihm entgegen, besonders nicht, wenn es sich dabei um Tee handelt, der mehr Zucker und Sahne als Tee enthält, in Ordnung?“

 

Shun streckte dem davoneilenden Mann entsetzt die Hand hinterher, um ihn aufzuhalten, doch Saguru gab ihm einen genervten Klaps auf die Finger und funkelte ihn warnend an. Sein Vater schluchzte entmachtet: „Auch du, mein Sohn?! Ich werde verhungern! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ein knusprig geröstetes Hühnerbeinchen schmeckt!“ „Das ist auch der Sinn der Sache“, sagte Saguru fest und bohrte ihm mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln den Zeigefinger in die gut gepolsterten Rippen, „So kann das nicht weitergehen, Papa! Bauchfett ist mit das Ungesündeste, womit sich ein menschlicher Körper belasten kann! Hast du überhaupt den Hauch einer Ahnung, wie viele Sorgen sich Mama um dich macht?! Wenn du so weiterfrisst, wirst du früher oder später am Herzinfarkt sterben! Oder am Hirnschlag! Oder du bekommst Diabetes! Die Treppen zuhause kommst du auch kaum noch ohne Atembeschwerden hoch. Und willst du es riskieren, nachts an Schlafapnoe zu ersticken?! Vom Bluthochdruck fange ich gar nicht erst an! Und wir könnten eine Menge Geld sparen, wenn wir wegen deines Rückenleidens nicht dreimal die Woche den Masseur bestellen müssten! Wusstest du, dass Fettleibigkeit Arthrose und Gicht auslösen können?! ... Ach, was rede ich, natürlich weißt du es! Wenn deine Gallenblase schreien könnte-“

 

Shun hob entmachtet die Hände und seufzte: „Ist ja gut, ist ja gut! Ihr habt ja recht! Ich sehe meine Fehler ein. Nur ...“ Er legte Saguru beide Hände auf die Schultern und klang reichlich weinerlich, als er mit einem Kopfschütteln jammerte: „Bitte stell du mir einen Teller zusammen. Ich selbst kann die Hälfte all dieser Köstlichkeiten einfach nicht ignorieren ... Es kommt mir einem Sakrileg gleich!“ Sein Sohn musterte ihn ausdruckslos, seufzte dann jedoch entmachtet und griff nach einem neuen Teller, um sich dem Büffet zuzuwenden.

 

Shun gestattete es sich, erleichtert aufzuatmen, nachdem er ihm den Rücken zugekehrt hatte und schielte dann verstohlen auf eine Platte schokolierter Obst-Stückchen. Mit einem wachsamen Auge auf Sagurus Hinterkopf hoben sich seine Finger beinahe automatisch, ergriffen eines davon und transportierten es mit Lichtgeschwindigkeit zum Mund.

 

„Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit, deinen Cholesterinspiegel zu senken, bin ich heute mal nachsichtig und gestatte dir ein gefülltes Ei. Möchtest du lieber eins mit Kräutern oder eins-“

 

Shun hätte in seinem Schreck beinahe das Holzstäbchen mit verschluckt, das in der Erdbeere steckte, konnte es jedoch gerade noch rechtzeitig ausspucken, ehe Saguru sich vollständig umgedreht hatte. Dieser musterte ihn misstrauisch, ehe er den Satz langsam vervollständigte: „... mit Speck?“ Shun schwitzte und versuchte, mit einem enthusiastischen Winken von sich abzulenken: „Kräuter, mein Junge, Kräuter! Die Tatsache, dass ich überhaupt in den Genuss eines Eis komme, stimmt mich schon mehr als glücklich!“ Es schien zu funktionieren, denn Saguru wandte sich mit einem nachdenklichen Brummen wieder den Speisen zu. Shun betupfte sich, ein wenig blass um die Nasenspitze, mit einer Serviette die Stirn und linste gen einer elegant angerichteten Etagere voller frittierter Thunfischbällchen. Sein Augenlid zuckte kurz, sein Blick glitt zu Saguru und zurück und schon machte er einen diskreten Schritt zur Seite, um blitzschnell zuzuschnappen.

 

Drei Bällchen verschwanden in seinem Mund, bevor er sich noch einmal nervös von seinem Unbeobachtetsein überzeugte. Eine Schinkenmelone, fünf Maki-Sushi, zwei Kaviarhäppchen, ein Löffel Kartoffelsalat, ein Mini-Hühnerbrust-Sandwich und einige Teriyaki-Hackbällchen wanderten in seinen Magen und erst den kleinen Cracker mit Preiselbeerfrischkäse musste er in Windeseile hinunterwürgen, spannten sich doch Sagurus Nackenmuskeln urplötzlich an.

 

Im nächsten Moment wirbelte der Junge herum, nur um seinen Vater unschuldig lächeln zu sehen, mit einer deutlichen Aufforderung zum Weitermachen. Saguru sah nicht im Mindesten überzeugt aus, doch wo nicht auf frischer Tat ertappt, da keine Konsequenzen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sein alter Herr tatsächlich endlich ein wenig Einsicht zeigte.

 

Das Lächeln verschwand, kaum, dass er den Blick wieder abgewendet hatte. Shun wusste, dass er nicht viel Zeit hatte, bis er wieder für erheblich lange Stunden der vollen Aufmerksamkeit seines strengen Aufsehers ausgesetzt sein würde, und so ergriff er geschickt zwei Lachs-Reisbällchen auf einmal und schob sie sich flink zwischen die Lippen. Durch Sagurus Unachtsamkeit ermutigt, folgte ein ganzer, etwas größerer Garnelenspieß, ein kleines Weißbrot mit mundgerecht zugeschnittenem panierten Schnitzel und schließlich eine daumendicke Krokette mit fruchtig-herzhafter Soße.

 

Diese hätte beinahe zu einem grausamen Erstickungstod geführt, als sich ihm von hinten plötzlich eine Hand auf die Schulter legte.

 

„Ich hoffe, das Büffet trifft ganz den Geschmack?“

 

Shun schaffte es gerade noch, den Sog umzukehren und den angebissenen Snack auf den Boden zu spucken. Gepresst hustend fahndete er sofort nach Saguru, der im Moment glücklicherweise mit einem Kellner sprach, zweifelsohne um sich zu erkundigen, ob für die Salatmarinade kalt- oder warmgepresstes Öl verwendet worden war.

 

Leger kickte er das Corpus Delicti unter den Tisch und wandte sich an den unbekannten Aggressor.

 

Soji Ienaga, der Gastgeber des Abends, ein kleiner, schmächtiger Mann von sechsundsechzig Jahren, der neben ihm wirkte wie ein Erdmännchen neben einem Nilpferd, lächelte freundlich: „Verzeihen Sie, mein Freund, ich wollte Sie nicht erschrecken. Offenbar waren Sie in Gedanken versunken ...“ „AHAHA, nicht doch, keineswegs! Ich habe mir die Sachen lediglich angesehen“, versicherte Shun etwas lauter als unbedingt nötig und reichte ihm die Hand.

 

Soji nickte: „Oh bitte, keine falsche Bescheidenheit! Greifen Sie nur tüchtig zu, es ist genug da!“ Er wunderte sich ein wenig, dass sein Gegenüber auf einmal den Tränen nahe schien, doch ignorierte den Umstand höflich. Stattdessen wies er neben sich auf einen hochgewachsenen, streng dreinblickenden Mann mit spitzem Schnauzbart: „Ich denke, Sie kennen Polizeipräsident Hattori, richtig? Da die Gala zum ersten Mal in Osaka ausgerichtet wird, hat er sich dazu entschlossen, uns die Ehre seines Besuchs zukommen zu lassen. Weil er noch nie an einer unserer Veranstaltungen teilgenommen hat, kennt er die Leute noch nicht gut genug, um sich angenehm mit ihnen zu unterhalten, deswegen dachte ich, dass Sie ein wenig Ihren Charme spielen lassen und das Eis für ihn brechen könnten?“

 

Augenblicklich von seinem derzeitigen Problem abgelenkt, lachte Shun lauthals und ergriff die ihm entgegengestreckte Hand, nicht ohne dem Neuankömmling zusätzlich noch herzlich auf die Schulter zu klopfen: „Natürlich, wir hatten schon ein paarmal das Vergnügen miteinander, nicht wahr, Herr Hattori? Ich wette, es war eine angenehme Überraschung, als die Veranstaltung so unerwartet in Ihren Jagdgrund verlegt wurde! Lassen wir die Arbeit aber zur Abwechslung außen vor und uns zünftig anstoßen!“ Heizo verspannte sich ein wenig, hatte er doch schon so einige Geschichten über die unmittelbar einnehmende Natur seines Tokioter Kollegen gehört – auch weitaus weniger freundliche – und konnte normalerweise so gar nichts mit derart lockeren Gestalten anfangen: „Ich freue mich auch, mich einmal außerberuflich mit Ihnen unterhalten zu können. Darf ich Ihnen meinen Sohn vorstellen? Das ist Heiji. Und das ist eine gute Freundin der Familie, Kazuha Toyama.“

 

Shun musterte die Jugendlichen an Heizos Seite und grinste begeistert: „Wohlgeraten, kann ich da nur sagen, guter Mann! Gesunde Jungs und hübsche Mädchen, ganz so, wie es sein soll!“ Kazuha verbeugte sich errötend, doch Heiji starrte ihn nur seltsam ungläubig an, bis ihm Heizo einen zünftigen Klaps auf den Hinterkopf gab: „Wo bleiben deine guten Manieren? Begrüß Herrn Hakuba gefälligst höflich!“ Der Junge warf ihm einen düsteren Blick zu und verneigte sich dann ebenfalls.

 

„Und wo ist die Frau Gemahlin, wenn ich fragen darf?“

 

„Shizuka kommt erst später. Sie hat zuvor noch etwas Wichtiges zu erledigen. Und selbst?“

 

„Ah, meine Frau lebt in Übersee, wie Sie vielleicht wissen, weswegen wir uns leider weitaus weniger oft sehen, als uns lieb wäre. Aber ...“

 

Shun drehte sich halb um, als er vertraute Schritte vernahm, die schräg hinter ihm verstummten: „Wofür hat man Kinder? Das ist mein Sohn Saguru. Er hat das schwere Los auf sich genommen, mich heute an ihrer statt zu begleiten.“ Saguru verbeugte sich formvollendet: „Polizeipräsident Hattori. Wir hatten noch nicht das Vergnügen miteinander, aber ich durfte Ihre Leistungen schon oft im Fernsehen bewundern. Sehr erfreut.“ „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, Heizo seufzte gereizt, „Meinen aufrichtigen Glückwunsch zu einem so wohlerzogenen Spross, Herr Hakuba. Ich wünschte, meiner hätte nur halb so viel davon.“

 

Heiji schnalzte eingeschnappt mit der Zunge, als er Sagurus überhebliches Grinsen sah. Dieser wandte sich an Shun: „Hier ist übrigens dein Essen, Vater. Bon Appetite.“ Während Shun fassungslos auf den Teller starrte und etwas murmelte, was verdächtig nach „Er hat sogar noch mehr als die Hälfte ignoriert“ klang, forderte Heizo seinen Sohn auf: „Warum gehst du nicht mit Kazuha und Saguru ein wenig die Umgebung erkunden? Ich würde mich gern mit den Herren ungestört unterhalten und ich bezweifle, dass das sonderlich interessant für euch sein wird.“ Heiji erkannte ein „Ich habe Polizeikram zu besprechen und werde dir sicherlich keine zusätzliche Gelegenheit dazu geben, dich in gefährliche Angelegenheiten einzumischen, also verschwinde“ wenn es ihm dermaßen unverblümt unter die Nase gerieben wurde, und so schnaubte er nur und wies Kazuha mit einem Ruck des Kinns an, ihm zu folgen. Saguru verbeugte sich erneut und begleitete sie dann ohne Widerworte, obgleich er sich sogar brennend dafür interessierte, was der Polizeipräsident von Osaka zu erzählen hatte.

 

Er fühlte seinen Vater hinter sich regelrecht aufblühen und seufzte leidend.

 

Am anderen Ende des Saales angelangt, schnappte sich Heiji zwei Orangensaftgläser vom Tablett eines vorbeieilenden Kellners, wovon er eines an Kazuha weiterreichte und brach endlich sein uncharakteristisches Schweigen: „Yo, ich wusste zwar, dass der Polizeipräsident von Tokio auf der Gästeliste steht, aber eigentlich hab ich gehofft, nicht ausgerechnet dich hier anzutreffen. Ich wollte nur mal unheimlich gern deine Eltern kennenlernen!“

 

„Das tut mir ja so leid. Sei du auch herzlich gegrüßt, Heiji. Guten Abend, Kazuha. Es freut mich außerordentlich, dich wiederzusehen.“

 

„Hallo, Saguru! Stimmt, die Sache in Paris ist doch tatsächlich schon wieder drei Monate her. Wie gehtʼs dir?“

 

„Sehr gut, danke ...“

 

Saguru linste zu seinem Vater hinüber und seine Augenbraue zuckte gereizt, als er sah, wie dieser sich gerade, offenbar in ein anregendes Gespräch mit seinem Kollegen vertieft, ein Erdbeertörtchen zugute führte. Der Teller, den er ihm zusammengestellt hatte, war natürlich längst leergegessen. Er seufzte erneut, während er sich ein Glas Sekt vom Tablett des nächstbesten Kellners nahm: „... Ein bisschen gestresst im Moment vielleicht, aber nichts Ernstes. Und selbst?“

 

Kazuha erwiderte verstimmt: „Dann haste es noch gut! Mit Heiji ist es immer stressig.“ Gleichzeitig wussten sie alle, dass sie es gar nicht anders haben wollte, hätte sie sich doch sonst nicht mit ihm abgegeben. „Ha-Ha“, brummte Heiji säuerlich, „Spiel dich doch nicht so als Opfer auf! Wer hat meinen Alten denn bekniet, ihn mit auf die Fete zu nehmen?!“ Er wies auf Sagurus Glas: „Und du? Sprit?! Ehrlich? Für so ʼnen regelkonformen Besserwisser biste ganz schön kühn drauf! Biste nicht noch minderjährig?“ Saguru legte den Kopf schief und deutete auf den blauen Stiel der Sektflöte: „Alkoholfrei natürlich. Nur die roten Stiele bedeuten promillehaltig. Ich mag den Geschmack, aber mit all den bewusstseinsbeeinträchtigenden Nebenwirkungen möchte ich mich wahrlich nicht belasten.“

 

„Che. Klugscheißer.“

 

Saguru beobachtete einmal mehr seinen Vater und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Ein Ober nahm Shun soeben ein leeres Bierglas ab.

 

‚Ich weiß genau, wer morgen einen rigorosen Reistag einlegen wird.‘

 

Heiji folgte seinem Blick und schnaubte belustigt: „Aber ich muss zugeben, ich bin echt platt! Das ist dein Alter? Er ist so ... so ...“ Sagurus Miene verdunkelte sich noch mehr, als Shun, laut über einen Scherz des Gastgebers lachend, eine gebratene Hühnerkeule ergriff und herzhaft hineinbiss. Der Ärger über die Respektlosigkeit seiner Gesundheit gegenüber nahm überhand und es rutschte ihm leise heraus: „Dick?“ Heiji hatte ihn trotzdem verstanden und hob erstaunt eine Augenbraue: „ „‚Unterhaltsam‘ wollte ich eigentlich sagen. Sieht aus, als ob man ziemlich viel Spaß mit ihm haben kann. Biste sicher, dass du nicht adoptiert bist?“ Kazuha boxte ihm in den Arm: „Du benimmst dich echt unmöglich!“ „Besser als du! Oder soll ich abhauen, damit du mehr Zeit hast, mit ihm zu flirten?“, ranzte er ungehalten zurück.

 

Saguru hielt sie mit seinen Worten davon ab, ihrem Freund den Hals umzudrehen: „Keine Panik. Ich bin noch nicht so tief gesunken, anderen die Freundin auszuspannen.“ Die beiden starrten ihn fassungslos an und Kazuha errötete heftig: „Ähm ... Äh ... Wir ... wir sind nicht soooo miteinander ...“ Er war ehrlich erstaunt: „Oh, ihr seid tatsächlich noch nicht weitergekommen? Alle Indizien sprachen dafür, deshalb dachte ich-“ Heiji fuhr fuchsig dazwischen: „Wie auch immer!“ Saguru zuckte mit den Achseln: „Um auf deine Frage zurückzukommen: Nein, ich bin nicht adoptiert. Allerdings heißt es oft, ich hätte viel von meiner Mutter.“

 

„Pft, das ist offensichtlich. Diskretion, Pflichtbewusstsein und Ernsthaftigkeit kommen eindeutig nicht von ihm.“

 

Kazuha traute ihren Ohren nicht: „Heiji! Biste noch ganz dicht?! Du kannst doch fremden Leuten nicht einfach unterstellen, dass sie-“ Sie schnappte nach Luft und hielt sich schnell den Mund zu, während sie schuldbewusst zu Saguru aufsah. Dieser musterte sie nur verständnisvoll lächelnd: „Dass sie großartig darin sind, Vergnügen aufzuspüren, aber jede andere Mühe gern mal ihre Untergebenen verrichten lassen? Kein Sorge, wir kennen die Gerüchte zur Genüge.“ Mehr sagte er nicht, als ob er es ihnen überlassen wollte, sich eine Meinung zu bilden.

 

Und Heiji knirschte nach kurzer Überlegung auch verlegen mit den Zähnen. Shun hatte freundlich und energiegeladen gewirkt, hatte ihm aber keinen ernstzunehmenden Hinweis für die Annahme geliefert, faul oder egoistisch zu sein. Er hatte überhaupt keinen Grund, schlecht über den Mann zu denken, außer dem, dass er seinen Sohn nicht mochte.

 

Er räusperte sich: „... ʼTschuldige. Das war über.“ „Schwamm drüber. Wie gesagt, wir sind es gewohnt“, winkte Saguru ab, sehr bemüht, sich seinen Ärger nicht ansehen zu lassen, wollte er doch Kazuha kein schlechtes Gewissen machen für Lügenmärchen, deren Verbreitung in der Verantwortung ganz anderer lag. Seine Mundwinkel fielen jedoch trotzdem, allerdings aus einem anderen Grund.

 

Sein Vater hatte sich offensichtlich dem letzten Rest Beobachtung entzogen, denn er und seine Gesprächspartner waren nirgendwo zu sehen.

 

Entschlossen stellte er sein Glas ab und stiefelte energisch los: „Verzeiht, aber ich muss kurz etwas überprüfen. Bin gleich wieder da.“ „Ah! Warte doch, Saguru“, rief Kazuha und lief ihm eiligst hinterher, woraufhin sich auch Heiji in Bewegung setzte. „Was ʼn los? Kriegste Schiss, wenn du deinen Papa aus den Augen verlierst?“, schnaubte er abfällig. Saguru rollte mit den Augen, doch er konnte schlecht sagen, ja, er hatte „Schiss“, dass sich sein Vater in Abwesenheit einer Stimme der Vernunft eigenhändig zu Tode mästete. Es war keineswegs so, dass er sich für ihn schämte. Aber er konnte auch keinen Vorteil darin erkennen, vor anderen Leuten all seine Schwächen in die Welt hinauszuposaunen. Und im Moment nutzte Shun die Kenntnis, dass ihn Saguru niemals vor anderen Leuten zurechtweisen würde, ohne jeden Zweifel schamlos aus und wollte es in Angesicht all der verführerischen Leckerbissen anscheinend auf eine spätere Standpauke ankommen lassen. Und er konnte sich darauf verlassen, eine zu bekommen.

 

Von seiner geschätzten Gattin, die Saguru, noch ehe der Morgen anbrach, über seinen ausschweifenden Lebensmittelkonsum informiert haben würde!

 

Er durchkämmte den Saal, dann die angrenzenden Gästezimmer und die Eingangshalle, sich stets der Verfolgung durch seine beiden Freunde bewusst. Als er schließlich eine frustrierte Runde gedreht hatte und zurück in den Speisesaal trat, sah er den Gesuchten aber plötzlich wieder am Büffet stehen, als hätte er nie etwas anderes getan. Saguru runzelte irritiert die Stirn. Gaukelte ihm sein Ärger nun schon Wahnvorstellungen vor?

 

„Nö, er war schon weg, keine Sorge“, ertönte es spöttisch hinter ihm, als ob Heiji seine Gedanken anhand seines dummen Gesichtsausdrucks gelesen hätte und er warf ihm einen säuerlichen Blick zu. Ehe er jedoch zu einem schlagfertigen Kontra ansetzten konnte, ging ein erschrockenes Raunen durch die Menge.

 

Heizo und Shun packten ihren Gastgeber gerade noch rechtzeitig an den Armen, als er wortlos zusammensackte und verhinderten so, dass er hart auf dem Boden aufschlug. Kazuha brachte nur ein überraschtes „Häh?“ heraus, doch Saguru und Heiji waren sofort hellwach und eilten auf ihre Väter zu, um die sich schnell eine Traube Neugieriger bildete.

 

Sie schoben sich durch die Leute hindurch und erreichten sie, als Shun bereits sein Handy ans Ohr hielt und mit wenigen, präzisen Worten einen Krankenwagen orderte. Heizo kniete neben Soji und stützte den schweratmenden Mann. „Was geht denn hier ab?“, entfuhr es Heiji ein wenig ungehalten, während er neben den beiden in die Hocke ging. „Herrn Ienaga geht es nicht so gut“, erwiderte Heizo gefasst, „Er hat plötzlich einen Schwindelanfall erlitten und jetzt hat er offensichtlich Probleme, Luft zu bekommen.“ Shun klappte das Handy zu und schüttelte den Kopf: „Der Notarzt ist unterwegs. Meine Güte, ich habe Ihnen schon letzte Woche gesagt, dass Sie sehr schlecht aussehen, mein Freund. Klagen Sie nicht schon seit Längerem über Schwäche und Übelkeit? Sie wollten sich doch untersuchen lassen!“

 

Soji kicherte unsicher und mit sichtlicher Mühe: „Ich hatte ... es vor, ja ... Aber ... es gab so viel zu tun ... wegen der Veranstaltung. Da konnte ich doch nicht ... einfach krankfeiern ... Und jetzt sehen Sie sich die Bescherung an ... Ausgerechnet heute ... Aber ein Arzt muss doch nun wirklich nicht ... sein ...“ „Sie sind leichenblass“, bestimmte Shun, „und mit Atemproblemen scherzt man nicht. Gastgeber oder nicht, Sie können Ihre Gesundheit nicht so aufs Spiel setzen!“ „Das sagt der Richtige“, murmelte Saguru, der sich von einem Kellner ein Glas Wasser hatte geben lassen und es nun Heizo hinhielt, damit dieser es wiederum dem Erkrankten anbieten konnte.

 

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Türen aufgingen und die Krankenhelfer mit einer Bahre hineinstürzten.

 

Es konnte wirklich alles sehr schnell gehen, wenn ein hohes Tier der Polizei höchstpersönlich einen Auftrag erteilte und so war Soji schnell versorgt und im Wagen verstaut. „Meine Güte“, ächzte Shun und tupfte sich mit einer Serviette Schweiß von der Stirn, „Bestimmt ein Kreislaufzusammenbruch. So ein Starrkopf aber auch. Meint, alles selber machen zu müssen und dann passiert so was.“ Saguru sah ihn ein wenig besorgt von der Seite an: „Bist du in Ordnung, Vater? Du bist auch ungewöhnlich weiß im Gesicht, wenn ich das anmerken darf.“ Er winkte ab: „Es geht schon. Die Sache gerade ging plötzlich nur so unglaublich schnell ... Ich habe mich wahrscheinlich nur etwas erschrocken.“ Saguru sah nicht ganz überzeugt aus und wollte das auch eben zum Ausdruck bringen, als ein Schrei durch den Saal ging und jemand an ihnen vorbei den Krankenhelfern hinterher stürzte.

 

„Mein Gott, VATER! Was ist denn nur geschehen?!“

 

Sie sahen dabei zu, wie eine schlanke, brünette Frau sich an Soji klammerte und die Pfleger mit aggressiven Fragen bombardierte. Heiji runzelte die Stirn: „Ist das seine Frau?“ „Nein, seine Tochter Kuraiko“, flüsterte Saguru, „Sie ist die Vize-Präsidentin seines Unternehmens. Sechsundvierzig Jahre alt, ledig und außergewöhnlich ambitioniert.“ Er wies auf ein großes Wandgemälde: „Das war seine ganze Familie. Außer ihr hatte Herr Ienaga noch einen jüngeren Sohn, aber er ist bei einem Motorradunfall vor fünf Jahren tödlich verunglückt. Seine Frau soll immer etwas kränklich gewesen sein und ist bereits vor zehn Jahren verstorben. In Kuraiko hat er aber wohl eine sehr verlässliche Mitarbeiterin. Das Geschäft blüht, seit sie einen Teil der Geschicke lenkt.“

 

„Wie gewohnt, mehr als ausführliche Informationen von dir. Interessierste dich für jede Leiche im Keller deiner Mitmenschen?“

 

„Ich interessiere mich für jeden Mitmenschen, der Beachtung verdient.“

 

Saguru lehnte sich bedrohlich grinsend näher an Heiji heran: „Über dich habe ich zum Beispiel auch so einige Informationen eingeholt.“ Heiji hielt sich schützend die Hände vors Gesicht: „Kya, Stalker!“ Kazuha legte verängstigt einen Finger an die Lippen: „Sag bloß, du hast dich auch über mich schlaugemacht?!“ Sagurus Blick entspannte sich: „Damen durchleuchte ich grundsätzlich nur mit deren ausdrücklicher Erlaubnis, Kazuha. Also keine Angst, du wirst mich auch in Zukunft nicht mit Kamera und Diktiergerät unter deinem Bett vorfinden.“

 

„Und was ist mit Frau Ienaga?“

 

„Sie hat mir alles über sich höchstpersönlich anvertraut. Oder aber ich habe es über meinen Vater von Herrn Ienaga erfahren.“

 

Die Sanitäter waren inzwischen verschwunden und Kuraiko sprach gerade mit den Teilhabern der WAFF und einigen Oberkellnern. Kazuha seufzte: „Das war ja ʼn kurzer Spaß. Meine Eltern werden sich sicher wundern, dass ich so früh zurückkomme.“ Saguru schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht, dass die Veranstaltung beendet wird. Ich wette, Kuraiko übernimmt den Part des Gastgebers, sonst hätte sie ihren Vater ins Krankenhaus begleitet. „Business as usual, was?“, murmelte Heiji. Saguru kicherte: „Tja, man kann von den Amis halten, was man will, aber geschäftstüchtig sind sie.“ Und während er seinem Vater freundschaftlich auf die Schulter klopfte: „Die wissen halt, an wen sie sich wenden müssen, um ihre Waren an ... den Mann zu bringen ...“ Der Satz war in einem humorvollen Ton begonnen worden, der sich in den letzten Worten jedoch in einem zögerlich irritierten verlor.

 

Noch während er gesprochen hatte, war Shun unter seiner Handfläche zusammengesackt.

 

Mehr aus einem Reflex heraus griff Saguru zu, konnte sein sonst so flinkes Köpfchen doch nicht begreifen, was vor sich ging. Beinahe hätte der massige Körper seinen viel schmächtigeren mitgerissen, wenn Heizo und Heiji nicht sofort geistesgegenwärtig beigesprungen wären. Schnell senkten sie Shun, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch hielt und leise stöhnte, zu Boden.

 

Noch immer weigerte sich Sagurus Verstand, das Geschehen einzuordnen und so gab er Shun einige irritierte Klapse aufs Revers: „Vater ...? Was ist los mit dir?“ Doch der Polizeipräsident schien andere Sorgen zu haben, als ihm eine Antwort geben zu wollen und Heizo fuhr seinen Sohn an: „Heiji, sieh nach, ob die Sanitäter noch da sind! Wenn nicht, ruf einen Krankenwagen! Beeil dich!“ Der Junge nickte nur und spurtete los.

 

Quälend langsam setzte Sagurus Gehirn die Bauteile des Rätsels zusammen, welches sich ihm in ungewohnter Komplexität offenbarte.

 

Sein Vater schwitzte wie nach einem Marathonlauf.

 

Er stöhnte, als ob ihn die Schmerzen jeden Moment überwältigen konnten.

 

Er war aschfahl im Gesicht.

 

Seine Atmung ging unregelmäßig.

 

Seine Lippen wiesen eine ungesunde, gräuliche Färbung auf.

 

Und er reagierte überhaupt nicht mehr auf seine Umgebung, sondern driftete offenbar besorgniserregend schnell in Bewusstlosigkeit ab.

 

Kein Wunder, dass Heizo auf Eile drängte. Saguru spürte sich erst aufwachen, als er wie aus reiner Gewohnheit kurz an Shuns Gesicht roch und den Gedanken an Zyankali sofort verwarf. Es stellte sich keine Erleichterung ein. Im Gegenteil. Augenblicklich schüttelte er, von sich selbst angewidert, den Kopf. Wenn Heiji ihn jetzt gesehen hätte, hätte er sich sicher wieder über seine Kaltschnäuzigkeit lustig gemacht – die er selbst ja immer als überlegene Rationalität bezeichnete. Und warum machte er sich gerade jetzt Sorgen über Heijis mangelndes Verständnis für jene überlegene Rationalität? Sein Vater brauchte Hilfe!

 

Es war doch nicht der lange befürchtete Herzanfall? Ausgerechnet jetzt? Warum überhaupt, wäre es zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht günstiger gewesen?! Konnte man überhaupt von einem günstigeren Zeitpunkt reden?!

 

„Saguru.“

 

Warum dachte er über so einen Unsinn nach? Er musste etwas tun! Spielte nur die Bauchspeicheldrüse mal wieder verrückt? ... Oder war es ein Mordversuch?

 

„Saguru.“

 

Puls checken. Atmung überprüf... Natürlich, Atmung war ja vorhanden. War es ein Schock? Sollte er die Beine hochlegen? Würde er sich vielleicht übergeben? Obwohl, was sein Körper einmal konsumiert hatte, ließ er so schnell nicht wieder los ... Jetzt war keine Zeit zum Scherzen! Sollte er ihn aufrichten und versuchen, ihn wieder wachzubekommen? Mund-zu-Mund-Beatmung ...? Nein, er atmete ja noch. Keine Panik nötig in dieser Beziehung. Was, wenn es ein Mordversuch war? ... Was, wenn es ein Mord werden würde ...? Verdammt, was hatte in all seinen schlauen Büchern bezüglich Erster Hilfe denn nur nochmal gestanden?!

 

„Saguru!“

 

Er schreckte auf und starrte Heizo, der ihn bei der Schulter gepackt und kurz geschüttelt hatte, stumm an. Shuns Kollege raunte ihm zu: „Beruhige dich und hilf mir. Wir müssen ihn in die stabile Seitenlage bringen.“

 

Oh ja ... Das war es.

 

---

 

Saguru hockte mit auf die Hände gestütztem Kinn auf einem braunen Plastikstuhl im Gang vor der Notaufnahme und wippte mit den Füßen hin und her. Er schämte sich maßlos.

 

Er, Oberschülerdetektiv Saguru Hakuba, der neue Sherlock Holmes, der Liebling der Londoner Medien, hatte vor all den Leuten die Nerven verloren. Es war dabei nur ein schwacher Trost, dass es niemand außer Heizo bemerkt hatte, weil er sich durch nichts anderes als einem glasigen Blick verraten hatte und alles viel zu schnell gegangen war, als dass jemand eine ausführliche Charakterstudie an ihm hatte durchführen können.

 

Der Krankenwagen war tatsächlich schon weg gewesen, aber dank Heijis vollem verbalen Einsatz war sehr schnell ein nächster angekommen, der Shun schnurstracks ins selbe Krankenhaus gebracht hatte, in dem sich auch Soji befand. Im Gegensatz zu Kuraiko hatte es für ihn kein Hindernis gegeben, ebenfalls mitzufahren und seinem Vater die Hand zu halten, auch hauptsächlich deswegen, weil er so durch den beständigen Pulsschlag einen stetigen Beweis dafür hatte, dass dieser noch lebte. Denn durch die Hektik um sie herum war seine heftige Atmung gar nicht mehr so deutlich zu sehen gewesen.

 

Nun wartete er darauf, dass ihn jemand darüber aufklärte, was los war. Das nächste, was er mit der erhaltenen Information tun musste, war, seine Mutter anzurufen. Er hoffte nur, dass sie beruflich nicht dermaßen eingebunden war, dass sie der zusätzliche Stress auch noch aufs Krankenlager beförderte.

 

Ein seltsamer, nicht sonderlich angenehmer Geruch kämpfte sich durch den Schleier aller möglichen Diagnosen in sein Bewusstsein und er runzelte die Stirn. Mit neugeweckter Wachsamkeit schnupperte er automatisch an seinen Fingern, da sie das Nächste waren, das sich in der Nähe seiner Nase befand. Und tatsächlich waren sie der Quell des penetranten Gestanks. Was um alles in der Welt hatte er berührt, das an ein Gemisch aus halb verdorbener Milch, ranziger Butter und einem Stall voller Ziegen erinnerte?!

 

„Gehören Sie zu Herrn Hakuba?“

 

Saguru sprang erschrocken auf, als neben ihm die Stimme des Arztes ertönte und er nickte hastig: „Was ist mit meinem Vater?“ Der Mann winkte beruhigend ab: „Zuallererst: Wir konnten seinen Zustand stabilisieren. Er befindet sich außer Lebensgefahr. Nicht, dass er zuvor darin geschwebt hat, ich will nur, dass Sie wissen, dass nichts Schlimmeres passieren wird. Es ist nur ...“ Er druckste herum und kratzte sich unsicher am Kopf, als wenn er überlegte, ob er das Thema wirklich mit einem angeblichen Sohn besprechen sollte, der dem Patienten kaum ähnelte. Sagurus Gesichtsausdruck jedoch schien ihn letztendlich dazu zu bewegen, die Karten auf den Tisch zu legen: „Wir haben im Blut Ihres Vaters außer erhöhtem Zucker und Alkohol eine weitaus schädlichere Substanz festgestellt. Weil er Symptome einer Lebensmittelvergiftung aufgewiesen hat, haben wir nach Giften gesucht und sind fündig geworden. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Gifte, die durch verdorbene Lebensmittel freigesetzt werden ... Deshalb meine Frage ... Wissen Sie eventuell, wo Ihr Vater so etwas wie ein Rodentizid eingenommen haben könnte?“ Saguru blinzelte fassungslos: „... Rattengift?“

 

„Korrekt. Difethialon, um genau zu sein.“

 

„Warum um alles in der Welt soll er Rattenköder geschluckt haben?! Und ... und wie?!“

 

„Das habe ich von Ihnen zu erfahren gehofft.“

 

Saguru ließ sich ermattet auf den Stuhl zurücksinken: „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Er ist ein Feinschmecker. Wenn bei uns etwas auf den Tisch kommt, dann mit Sicherheit keine Produkte, die mit Toxinen verpestet sind!“ Frustriert rieb er sich die Augen und ließ den Abend Revue passieren. In vielerlei Hinsicht ungesund, konnte man nicht behaupten, dass die zahlreichen Häppchen auf dem Büffet der Ienagas zum sofortigen Tode führten. Im Gegenteil, die beiden hatten sich bei der Qualität mit Sicherheit nicht lumpen lassen, mussten sie doch mehrere einflussreiche Persönlichkeiten um den Finger wickeln. Keine Chance, dass sie sich die Blöße gaben, billige verunreinigte Lebensmittel verarbeiten zu lassen. Es konnte nicht an dem abendlichen Schmaus liegen.

 

Denk, Gehirn, denk!

 

Plötzlich riss Saguru die Augen in stiller Einsicht auf und fuhr in die Höhe, sodass der Arzt einen überraschten Schritt rückwärts tat: „Doktor, kurz vor meinem Vater wurde ein anderer Mann mit ähnlichen, aber anscheinend weniger schweren Symptomen eingeliefert, Verdacht auf Kreislaufzusammenbruch! Tun Sie mir den Gefallen und führen bei ihm die gleichen Tests durch!“

 

„Aber was-“

 

„Bitte! Sein Leben könnte davon abhängen!“

 

Er hasste es, wenn er sich zu sehr an eine Situation gewöhnte, wenn sie mehrmals hintereinander erfolgte. Nur, weil es so unglaublich beliebt, weil potent war, gab es nicht nur in Zyankali ein Gift, dass zuverlässig tötete. Es gab auch andere, mit weniger einseitigem Ruf. Rattengifte gehörten dazu. Und vielleicht war in diesem Fall gar nicht sein Vater das Ziel des Giftanschlags gewesen.

 

---

 

Heiji seufzte in sein Limonadenglas, während einer der Firmenteilhaber auf dem Podium am Ende des Saals eine ausschweifende Rede hielt. Die Feier war von aufregend turbulent schnell zu sterbenslangweilig verkommen, obwohl er sich selbst für diese Erkenntnis schalt. „Wieʼs den beiden wohl geht?“, fragte sich Kazuha laut und rührte lustlos in ihrem Pudding, „Und Saguru? Er schien so verstört ...“ „War doch zu erwarten“, murmelte er missmutig, „stell dir mal vor, dein Alter würde plötzlich ohne jede Vorwarnung umkippen!“ Verstohlen schielte er zu Heizo hinüber, der ein paar Meter entfernt von ihnen stand und sich leise mit einem Bekannten unterhielt. Er runzelte die Stirn und sah schnell wieder weg, als sich ihre Blicke zu treffen drohten. Er räusperte sich: „Auf jeden Fall lassen sich die Leute hier nicht so schnell die Laune verderben. Aber ich schätze, man kannʼs ihnen nicht übelnehmen. Die Gesellschaft ist so groß, die meisten haben bestimmt noch nicht mal mitgekriegt, dass ʼn Notarzt hier war.“

 

Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche und er runzelte unwillig die Stirn, als er die Nummer des Anrufers erkannte: „Tja, jetzt werden wir ja erfahren, wie die Sache ausgegangen ist. Wenn man vom Teufel spricht ...“ Er drückte auf Annahme und flüsterte leise ins Mikrofon: „Na, mit dir hab ich nicht mehr gerechnet. Gibtʼs etwa ʼn Problem? Und es muss riesig sein, wenn du dich dazu herablässt, mich anzurufen.“ „Bist du noch auf der Party?“, kam Saguru ohne Umschweife zum Punkt. Heijis Stirn legte sich in noch tiefere Falten, denn er klang aufgeregt und abgehetzt. Trotzdem stichelte er: „Klar. Meinste, weil ein, zwei Leute umkippen, packen alle gleich ihre Koffer?“

 

„Hör zu, du musst mir helfen.“

 

„Sieh mal an. Und wie nett du fragst!“

 

„Heiji, wir haben keine Zeit, um Höflichkeiten auszutauschen! Ihr müsst augenblicklich das Büffet sperren lassen!“

 

„... Häh? Könntest du mir mal erklären, was-“

 

„Beide, mein Vater und Herr Ienaga, wurden mit Rodentizid vergiftet!“

 

„WAS?!“

 

Bei Heijis Aufschrei ging ein Raunen durch den Raum und Heizo fuhr sich erschöpft über die Augen, doch er achtete gar nicht auf die verärgerten Reaktionen. Sagurus Stimme wurde von Straßenlärm fast geschluckt: „Irgendein Bestandteil des Büffets ist vergiftet und ich glaube nicht, dass das ein Malheur ist. Jemand wollte jemanden töten! Ich bin auf dem Weg zurück. Halt die Leute irgendwie vom Essen ab, aber-“ „Kein Scheiß?!“, brüllte Heiji in den Hörer, „Denkste, da wär ich jetzt nicht selbst drauf gekommen?! Wir müssen sofort das ganze Menü sicherstellen!“

 

„Nein, Heiji, warte bitte, wir dürfen nichts-“

 

„Was heißt hier warten, verdammt?! Das kann zu ʼner Katastrophe führen! Warte von mir aus, bis dir Spinnweben unter den Achseln wachsen, aber ich hab hier Leben zu retten! Und Beweismittel sicherzustellen!“

 

„Heiji! Hör mir zu, das-“

 

Doch er hatte schon aufgelegt und steuerte schnurstracks seinem Vater entgegen, der sich ebenfalls bereits in Bewegung gesetzt hatte, um seinen peinlich geräuschvollen Spross von weiteren Störungen des abendlichen Ablaufs abzuhalten. Kazuha wimmerte und wartete auf den unausweichlichen Ausbruch.

 

---

 

Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe Saguru die Villa der Ienagas endlich wieder betreten konnte. Er entdeckte seine beiden Freunde fast unmittelbar beim Eintreten und konnte über die offensichtliche schlechte Laune seines Rivalen nur mitleidig den Kopf schütteln. Kazuha sah ihn ebenfalls und winkte ihn zu sich heran: „Da biste ja endlich! Heiji läuft schon auf ʼm Zahnfleisch wegen der Sache! Und alle sind sauer auf Herrn Hattori! Würdeste uns vielleicht mal erklären, wie ein spaßiger Abend so eskalieren konnte?!“ Saguru wischte sich außer Atem den Schweiß von der Stirn, zu erschöpft, um wütend zu sein: „Wem sagst du das? Das ganze Polizeiaufgebot draußen hat mich fast nicht rein gelassen. Erst, als ich sie irgendwie davon überzeugen konnte, dass ich auf der Gästeliste stehe, haben sie mich durchgelassen. Weil ich dadurch ein Tatverdächtiger bin!“ Er wandte sich an Heiji: „Du hast es raus posaunt, nicht wahr? Dass es versuchter Mord sein könnte? Mit aller Kraft, damit dich auch jeder hört?“

 

Heijis Augenbraue zuckte erbost und er knurrte beleidigt: „Was hätte ich denn tun sollen? Mich mit ʼnem Baseballschläger vors Büffet pflanzen und jedem, der zugreifen will, auf die Finger klopfen? Mein Alter hätte mich mit ʼnem Polizeigriff niedergestreckt! Mit ʼnem Polizeigriff, sag ich dir!“ Saguru ließ sich ächzend auf einen Stuhl sinken: „Tja, und bei all den wichtigen Persönlichkeiten hier hat niemand ein Risiko eingehen wollen und den Worten eines Oberschülers vollständiges Vertrauen entgegengebracht. Und jetzt haben wir die gesamte Besetzung aller Osaka-Reviere am Hals.“ „Ah“, Heiji hatte den Anstand, verlegen zu wirken, „Apropos ...“

 

Von hinten legte sich eine Hand auf Sagurus Schulter und er drehte den Kopf, um in das ein wenig gezwungen lächelnde Gesicht eines kräftigen Mannes zu blicken, der neben Heijis Vater stand: „Saguru Hakuba? Hauptkommissar Ginshiro Toyama. Man sagte mir, dass du die Frage beantworten könntest, warum die halbe Distriktbelegschaft ein scheinbar harmloses Büffet bewachen muss ...“

 

Saguru erklärte seine Beweggründe, wenn auch nicht gerne, ausführlich: „Sie wissen, dass hier vor Kurzem zwei Männer kollabiert sind? ... Gut. Im Blut beider Opfer wurden erhebliche Dosen des für Menschen gefährlichen Difethialon nachgewiesen, welches hauptsächlich Verwendung in Rattenködern findet. Als ich davon erfahren habe, habe ich es als absolut notwendig empfunden, sofort jemanden zu warnen, denn alles, was beide zu sich genommen haben können, muss sich in diesem Raum befinden. Tut mir leid, wenn die Situation übermäßig eskaliert ist ...“

 

„Und wie kommt Heiji darauf, dass es sich um versuchten Mord handeln könnte?“

 

„Das ist mir selbst schleierhaft, Sir.“

 

Ginshiro nickte nachdenklich: „Hm. Das ist tatsächlich besorgniserregend. Ich bin froh, dass wir nicht umsonst hier angerückt sind, sonst hätten wir einen Haufen Schwierigkeiten bekommen. Die Veranstalter hier sind nämlich schon auf Hundertachtzig ...“ „Das kann ich nachvollziehen“, räumte Saguru ein, „wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Sache auch ein wenig schonender verkündet. Darf ich dann vorschlagen, dass wir uns daran machen, den Fall zu untersuchen? Wurden die Speisen schon getestet?“ Ginshiro hob erstaunt eine Augenbraue, aber Heizo fiel ihm ins Wort, noch ehe er eines aussprechen konnte: „Das fehlte uns noch. Noch ein Möchtegern-Detektiv, der sich mit Vorliebe in Lebensgefahr begibt. Mal abgesehen davon, dass wir keine Unterstützung von Kindern benötigen, bist du direkt betroffen.“

 

„Schon, aber Sie können sich darauf verlassen, dass mich die Situation in keinster Weise beeinflusst. Wenn ich also höflichst darum bitten dürfte-“

 

„So, wie es dich direkt nach Herrn Hakubas Zusammenbruch in keinster Weise beeinflusst hat?“

 

Sagurus Augen weiteten sich und er starrte Heizo entgeistert an. Doch dieser winkte ab und stornierte damit jeden weiteren Versuch, sich in die Ermittlungen einzubringen: „Toyama, sorg dafür, dass die Spurensicherung sich jedes kleinste Fingerfood gründlich ansieht. Wir können es uns nicht erlauben, noch mehr Unfälle geschehen zu lassen, wenn so viele hochrangige Polizeibeamte involviert sind. Und ihr ...“ Er blickte die drei Jugendlichen scharf an: „Haltet euch gefälligst raus, verstanden?! Ganz besonders du, Saguru. Ich meine es ernst. Lass dich nicht von meinem übereifrigen Sohn zu irgendwelchen tollkühnen Manövern wie einem Geschmackstest oder so überreden!“ Damit zogen sie von dannen, Ginshiro ihnen noch eine entschuldigende Geste zuwerfend.

 

Saguru blinzelte verblüfft und Heiji schnaubte abfällig: „Che, als ob ich den zu irgendwelchen Manövern überreden müsste!“ Mit einem vorwurfsvollen Blick auf Saguru knurrte er: „Und es ist dir ja alles so schleierhaft, nicht wahr? Ist etwa nicht auf deinem eigenen Mist gewachsen, nicht wahr?!“ Saguru riss sich energisch zusammen und zuckte mit den Schultern: „Wenn ich gesagt hätte, dass ich es für einen Mordversuch halte, hätten wir im schlimmsten Fall den Täter gewarnt. Ich will kein Öl ins Feuer schütten.“

 

„Was sagt dir überhaupt, dass es nicht einfach nur ein bedauernswerter Unfall ist?“

 

„Die Dosis, Kazuha. Sie haben festgestellt, dass mein Vater eine große Dosis innerhalb kürzester Zeit eingenommen hat, aber nachdem sie auf mein Bitten hin auch Herrn Ienaga untersucht hatten, stellte sich heraus, dass sein Körper unter einer ähnlich starken toxischen Belastung leidet, die aber schon seit einer längeren Zeit auf ihn einwirken muss, sodass seine Organe langsam in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ein solcher Effekt kann nur ausgelöst werden, wenn eine sehr geringe Menge an Gift über einen längeren Zeitraum verabreicht wird. Jemand versucht, Herrn Ienaga umzubringen und das so diskret und hinterhältig wie möglich.“

 

Das Mädchen schnappte erschrocken nach Luft und Saguru strich sich stöhnend durchs Haar: „Das bleibt aber erstmal unter uns, okay? Es ist sicher besser, wenn sich der Täter durch das Verkünden des „Missverständnisses“ wieder eine Zeitlang in Sicherheit wiegt. Ohne meinen Vater wird es sowieso kompliziert genug werden, auf eigene Faust zu ermitteln, noch dazu, weil wir hier nicht in Tokio sind.“

 

Heiji klang zu ihrer beider großen Verwunderung schuldbewusst: „Tja, tut mir leid wegen dem ganzen Tohuwabohu. War wohl etwas aufgeregt ...“ Doch Saguru winkte nur gleichgültig ab: „Schon gut. Ich habe mit so etwas gerechnet, als ich dir Bescheid gegeben habe. Und außerdem stimme ich in dieser Beziehung ausnahmsweise mal mit dir überein: Das wichtigste war, weitere Opfer zu vermeiden und den Täter an der Flucht zu hindern. Ich hoffe, dass zumindest das funktioniert hat ...“

 

„Du gibst mir recht? Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

 

„Aber ich hätte es trotzdem vorgezogen, wenn du nicht die ganze verflixte Kavallerie aufgescheucht hättest.“

 

Er schloss müde die Augen: „Und ausgerechnet, wenn es um eine persönliche Sache geht ...“ Heiji schmollte, doch plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einer listigen Fratze: „He, diese Ausgangsposition erinnert mich doch irgendwie an die Sache mit dem antiquierten Viehzeug! Da durften wir auch nicht frei ermitteln! ... Wie wärʼs? Machen wir wieder ʼnen Wettstreit?“ Kazuha boxte ihm einen Ellenbogen in die Rippen, als wollte sie sagen, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt für so einen geschmacklosen Witz war, doch Saguru blickte ihn nachdenklich von der Seite an, ehe er murmelte: „Hm, warum nicht? Ich habe meine Reputation wiederherzustellen, wenn ich mich recht erinnere?“ Heiji grinste breit: „Versuch es, wenn duʼs schaffst. Dieser Giftmischer gehört mir!“ Kazuha blickte von einem zum anderen: „Aber wo fangen wir an?“ Die beiden Jungs sahen sich erwartungsvoll an und begannen dann simultan zu schmunzeln.

 

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„Autsch! Das war meine Hacke, du Trampel!“

 

„Selber Trampel! Kriech halt ʼn bisschen schneller, Tranfunzel!“

 

„Komm ja nicht auf die Idee, mir unter den Rock zu schielen, ich tret dich in die Erdumlaufbahn, kapiert?!“

 

„Würde es euch viel ausmachen, eurer Gezänk auf später zu verschieben? Es wäre nicht nützlich für unsere Mission, jetzt erwischt zu werden!“

 

„Wo sind wir überhaupt? Biste sicher, dass es hier zur Küche geht?“

 

„Ganz sicher, keine Sorge. Und bitte senk deine Stimme etwas.“

 

„Ich kann nichts dafür, ich bin ʼn Mädchen, sie ist so schrill!“

 

„Senk du lieber dein Haupt etwas, damit du nicht wieder an die Tischunterseite stößt! Das erweckt mindestens genauso viel Aufmerksamkeit!“

 

„Ich kann nichts für meine Statur. Ich hoffe, Herr Hattori hat die Kollegen von der Spurensicherung nicht vor uns gewarnt.“

 

„... Weiß nicht. Wäre schlecht für uns. Aber vielleicht hat erʼs in der Aufregung ja vergessen?“

 

„Ist er üblicherweise so vergesslich?“

 

„Ich darf immer noch träumen, oder?!“

 

„Ich glaube, wir sind da. Hier in der Nähe müsste die Tür zur Küche ... Ah, da!“

 

Eine der Tischdecken der langen Tischreihen hob sich vorsichtig und Sagurus Kopf kam darunter zum Vorschein. Er linste hastig zu beiden Seiten und huschte dann, als er sich von vollkommener Nichtbeachtung überzeugt hatte, einige Meter über offenes Terrain zu einer unscheinbaren weißen Tür, die er blitzschnell aufstieß, um in den dahinterliegenden Raum schlüpfen zu können. Dann drehte er sich um und gab ein Zeichen, woraufhin ihm Kazuha etwas unbeholfener, aber erstaunlich flink folgte. Zuletzt schlich Heiji hinterdrein und die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem Klicken.

 

Die drei atmeten erleichtert auf, bevor sie sich aufrichteten und den Blick durch die Küche schweifen ließen.

 

Dort war die Polizei gerade eifrig dabei, alle möglichen Speisen und auch einzelne Zutaten einzutüten, unangenehm beobachtet von dem Chefkoch, der sich lautstark über den bloßen Verdacht, einer seiner Leckerbissen könnte gesundheitsschädigend sein, ausließ. Der Polizist, der ihn befragte, wirkte höchst leidend und hatte sich offenbar dazu entschlossen, ihn schimpfen zu lassen, wenn er danach ein wenig kooperativer wurde.

 

Niemand beachtete die Neuankömmlinge.

 

Sie nickten sich zu und begannen damit, sich die bereits bestehenden Ergebnisse anzusehen, die auf kleinen Schildern neben den jeweiligen Gedecken standen, immer darauf bedacht, so natürlich wie möglich aufzutreten, um in niemandem den Verdacht zu wecken, dass sie eigentlich gar nicht hergehörten. Vielleicht war es auch Heijis Bekanntheitsgrad zu verdanken, dass die Beamten nur manchmal desinteressiert aufblickten und sich dann sofort wieder in ihre Arbeit vertieften. Zum Glück erschien es nicht so, dass sein Vater auf sie hingewiesen hatte.

 

Bisher gab es keinen Treffer. Und irgendwie bezweifelte Saguru es, dass sich das Gift in einem der öffentlich greifbaren Häppchen befand. Wie sonst war es zu erklären, dass nur Soji und sein Vater davon betroffen waren und es bisher keine weiteren Opfer gab? Es gab einen Zeitpunkt, an dem Shun seiner Überwachung entkommen war, kurz bevor Soji zusammengebrochen war. Und in diesem Moment mussten sie beide etwas zu sich genommen haben, das sie ins Krankenhaus befördert hatte. Es war Sojis Haus, das Corpus Delicti konnte also überall versteckt sein, doch es war naheliegend, ein Lebensmittel in der Küche zu finden. Es war ein Ansatz, so gut wie jeder andere, und so hoffte er auf sein Glück und dass es ihn möglichst schnell auf die richtige Spur führte.

 

„He, Heiji! Du kannst nicht einfach anderer Leute Schränke durchwühlen! Sowas gehört sich nicht!“

 

Kazuhas Zischen ließ ihn aufhorchen und er sah zurück auf Heiji, der vor dem offenen Kühlschrank stand und sie vorwurfsvoll anstarrte: „Was meinste denn, weswegen wir hier sind?! Sollen wir etwa jedes Mal artig die Herren Polizisten fragen, ob sie uns die Türen öffnen? Schalt doch mal deinen Verstand ein, du Ziege!“ Sie ging gar nicht auf ihn ein: „Apropos Ziege ... Findeste nicht, dass es hier irgendwie total bestialisch stinkt ...?“ Er senkte die Nase in den Schrank und schnüffelte ein bisschen, ehe er sie angewidert rümpfte: „Pfui Spinne! Du hast ausnahmsweise mal recht! Was ist das?!“ Saguru trat neben sie und schnupperte ebenfalls. Er runzelte irritiert die Stirn, denn ihm kam der Geruch unangenehm vertraut vor.

 

... Natürlich! Seine Hände!

 

Er hob sie zur Bestätigung noch einmal ans Gesicht und nickte dann nur. Es war tatsächlich derselbe Geruch. Aber wie kam er vom Kühlschrank der Ienagas an seine Finger?

 

Wortlos schob er seine Freunde beiseite und ignorierte dabei Heijis leisen Protest. Stattdessen untersuchte er die Bestandteile des Kühlschranks und wurde schließlich bei einer kleinen Käseglocke fündig, in deren Umfeld der Gestank am intensivsten erschien. Als er sie anhob, wehte ihm ein Schwall besonders starken Aromas entgegen. Hinter sich hörte er Heiji begeisterungslos stöhnen.

 

‚Das ist ...‘

 

Und plötzlich machte es ‚Klick‘. Er hatte während des Transports ins Krankenhaus die ganze Zeit die Hände seines Vaters umklammert. Käsegeruch befand sich an seinen Fingern. Und dieser Laib war auf ein erbärmlich kleines Stückchen Überrest geschrumpft.

 

Heiji streckte die Hand aus und schien nach der Platte greifen zu wollen: „Heiligs Blechle, das Zeug mieft wie ein ganzer Hinterhof schwitzender Schafe! Was ist das für-“ „Fass es nicht an“, entfuhr es Saguru und er packte etwas unsanft sein Handgelenk. Dann wandte er sich an einen der Polizisten: „Wachtmeister, würden Sie sich bitte einmal diesen Käse ansehen? Ich glaube, es könnte unsere Tatwa... unser Problemfall sein.“ Der Mann sah überrascht auf und stieß sich vom Tisch ab, um sich zu ihnen zu gesellen: „Das kann eigentlich nicht sein. Wir haben die Speisekarte genauestens studiert und Käse pur steht nicht darauf.“ Er winkte seinem Kollegen zu: „He, schick mal den Maestro rüber!“ Und an die Jugendlichen gewandt: „Heiji, du weißt, dass du hier hinten eigentlich nichts zu suchen hast. Oder hat dir der Präsident ausnahmsweise mal erlaubt, dich einzumischen?“ Der Junge kratzte sich grinsend am Hinterkopf: „Ach, wissen Sie, der hatʼs endlich aufgegeben! Hat gesagt, bei mir sei Hopfen und Malz verloren!“ Der Polizist schaute ihn zweifelnd an, ebenso wie seine Freunde, wenn auch aus anderem Grund. Doch zu einem Einwand kam es nicht, denn schon stand der Koch hinter ihnen und murrte: „Nun? Wo haben Sie die nächste Ungereimtheit entdeckt, meine Herren? Und was machen Kinder in meiner Küche?!“

 

„Können Sie uns sagen, für welche Ihrer Gedecke Käse verwendet wurde?“, fragte Saguru, ehe der Polizist zu Wort kam. Der Koch erwiderte unwillig: „Nun, nicht, dass geschmacklose Fastfood-Gören das zu schätzen wüssten, aber Käse kommt nur in einer meiner Kreationen vor, den gewöhnlichen Obstspießen, es handelt sich dabei um Jumbunna, einen delikaten australischen Blauschimmelkäse mit bröckeliger, aber trotzdem cremiger Textur und-“

 

„Kräftigem Geschmack. Mit zunehmendem Alter bildet sich das Aroma von Walnüssen heraus und der Geschmack wird zunehmend milder.“

 

Der Koch blinzelte verblüfft und in seinen Augen erschien so etwas wie zögerlicher Respekt. Saguru lächelte: „Ich komme aus England. Wir genießen dort wesentlich öfter als hierzulande mal ein Stückchen Käse und ich bin sehr experimentierfreudig.“ Er wies auf den Käse im Kühlschrank: „Dies hier ist ein Vieux-Boulogne, ein Rotschmierekäse aus Frankreich. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, ihn kosten zu dürfen, aber ich kenne die Bilder. Geschmack deshalb mal außer Acht gelassen, ist er als weltweit geruchsintensivster Käse vor allem für sein durchdringendes Aroma bekannt. Haben Sie zufälligerweise auch ihn für die heutigen Speisen verwendet?“

 

„Oh nein“, winkte der Koch mit neugewonnener Zuneigung ab, „diese Köstlichkeit ist die Leibspeise des gnädigen Herrn! Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie hier irgendeinem der japanischen Gäste munden würde. Dafür ist es doch ein zu westlicher Geschmack, wenn Sie verstehen? Herr Ienaga liebäugelt ja seit langem mit dem Westen, mag westliches Essen, hat sich diese Villa im westlichen Baustil gekauft, treibt Geschäfte mit Amerikanern und hat mich angestellt, gerade weil ich im Ausland gelernt habe. Ein sehr weltoffener Mann, wenn ich das betonen darf!“ Saguru nickte: „Verstehe. Also isst niemand außer Herr Ienaga davon?“

 

„Niemand.“

 

„Und fassen andere Leute vielleicht von Zeit zu Zeit die Käseglocke an? Um sie zu verrücken oder an einen anderen Platz zu stellen, zum Beispiel?“

 

„Nein, da die gnädige Frau sie immer ganz hinten hinstellt, hat niemand von uns einen speziellen Grund, sie zu berühren. Ganz im Gegenteil, die gnädige Frau wurde einmal sogar fuchsteufelswild, weil eines der Mädchen trotz dieser Vorsicht daran herum geschoben hat.“

 

„Die gnädige Frau?“

 

„Ja, die junge Frau Kuraiko verwaltet den Käse für ihren Herrn Vater. Er liebt ihn inbrünstig, doch leider verträgt er ihn nicht halb so gut. Deshalb erlaubt sie ihm immer nur ein kleines Stück pro Tag.“

 

„Warum kümmert sie sich persönlich darum?“

 

„Weil er ihn am liebsten als Betthupferl um Mitternacht verspeist und keiner von uns Angestellten in diesem Haus wohnt. Wir gehen spätestens um Zehn, sodass wir diese Aufgabe nicht übernehmen können. Aber das ist kein Beinbruch, die gnädige Frau kümmert sich gern um ihn.“

 

„Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen!“

 

„Es war mir ein Vergnügen, mit jemandem zu sprechen, der ein wenig mehr kulinarische Finesse aufweist. Anders als diese Kretins, die ohne jeden Anstand in andere Leute Essen herum bohren!“

 

Der Koch starrte den Polizisten an, der in verlegenen Schweiß ausbrach, fuhr herum und stolzierte zurück zu dem Beamten, der ihn befragen musste. Saguru kicherte ob der fassungslosen Blicke der Umstehenden: „Ein echter Koch empfindet großen Stolz gegenüber seiner Tätigkeit. Das sollten Sie bedenken, wenn Sie das nächste Mal ein Mitglied dieser Zunft verhören!“ Dann wies er auf die Platte mit dem Vieux-Boulogne: „Wenn Sie so freundlich wären, ihn zu untersuchen? Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass Sie in diesem Käse Rattengift finden werden.“

 

Wie sich herausstellte, hatte er recht. Außerdem wurden Platte und Glocke auf Fingerabdrücke untersucht und nur die des Gastgebers und seiner Tochter gefunden, wie es der Koch bereits angekündigt hatte.

 

Somit stand fest, dass es Kuraiko war, die die drei als nächstes befragen mussten. Heiji wandte seinen ganzen Einfluss auf, um ihnen einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, indem er die Polizisten bekniete, wenigstens eine halbe Stunde zu warten, ehe sie Heizo die Ergebnisse mitteilten.

 

Eine Viertelstunde ihrer kostbaren Atempause ging verloren, weil sich Kuraiko stets in der Nähe des Hauptkommissars aufhielt und oft von ihm angesprochen wurde. Kein Wunder, war sie doch diejenige, die von Umgebung, Gästen und allem anderen am meisten Ahnung hatte. Doch dann verließen sowohl Ginshiro wie auch Heizo den Raum, zweifelsohne um weitere Zeugen zu verhören und sie nutzten ihre Chance.

 

„Kuraiko“, rief Saguru gerade so laut, dass sie ihn hören konnte und hielt sie damit davon ab, sich in einem Gespräch mit anderen Gästen zu vertiefen. Sie wandte sich ihm zu und legte den Kopf schief, als ob sie kurz nachdachte, wen sie vor sich hatte: „... Ah, Saguru, nicht wahr? Wie geht es deinem Vater? Ich hoffe wirklich, dass er wieder auf die Beine kommt!“ Er schmunzelte, obgleich er sich nicht zum Lachen fühlte: „Danke, er wird schon wieder. Den bringt so schnell nichts um. Aber wir haben es sehr eilig, deswegen hoffe ich, dass Sie nichts dagegen haben, wenn ich gleich zum Punkt komme. Entspricht es den Tatsachen, dass Sie den Vieux-Boulogne für Ihren Vater verwalten, den er so gerne isst und nicht gut verträgt?“ Sie blinzelte kurz und er meinte, in ihrem Blick auf einmal einen gewissen Unmut zu erkennen, doch er rief sich selbst zur Contenance auf.

 

‚Lass dich nicht von Gefühlen leiten. Die Fingerabdrücke sagen in diesem Fall gar nichts aus. Im Zweifel für den Angeklagten.‘

 

„Darf ich fragen, was du mit dieser Frage bezweckst?“, konterte sie interessiert, aber nicht aggressiv, sodass er nicht sagen konnte, ob sie von seinen Beweggründen wusste, „Soweit ich weiß, suchen wir eine ‚Tatwaffe‘, zu der jeder der Gäste Zugriff hatte, oder? Diesen Käse isst aber nur mein Vater und er war nicht mal Bestandteil des Büffets! Woher weißt du überhaupt davon?“ Er schluckte unmerklich. Wenn sie erfuhr, dass sie unerlaubt ermittelten, gab es keine Garantie, dass sie sich kooperativ zeigte. Doch was konnte er ihr sagen, das ihren Verdacht nicht sofort unmissverständlich bestätigte?

 

„Ist das nicht ziemlich egal?“, ertönte Heijis ungeduldige Stimme neben ihm, „Fakt ist, der Käse enthält eine geringe Konzentration an Rattengift, gute Frau. Das wird innerhalb der nächsten Minuten sicher verlautbart. Und wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie die Einzige sind, die sich mit dem Zeug beschäftigt. Meinen Sie nicht, dass es besser wäre, einfach unsere Fragen zu beantworten, anstatt uns mit eigenen hinhalten zu wollen?“ Saguru warf ihm einen stechenden Blick zu, den er nur mit erhobener Augenbraue erwiderte, doch offenbar verfehlte die Drohung ihre Wirkung nicht. Kuraiko dachte kurz nach und seufzte dann: „Nun, ich schätze, es ergeben sich nicht mehr Nachteile für mich, wenn ich es euch sage, da ihr schon so viel wisst. Ja, ich und mein Vater sind im Normalfall die einzigen, die den Käse verwenden.“

 

„Im Normalfall?“

 

„Ihr könnt nicht abstreiten, dass dies hier ein besonderer Umstand ist. Wenn ihr herausgefunden habt, dass nur wir beide den Käse berühren, müsst ihr auch erfahren haben, dass er an einer öffentlichen Stelle aufbewahrt wird. Jeder hätte ihn vergiften und mir die Schuld in die Schuhe schieben können. Mit nur diesen Informationen könnte es im Moment sogar sein, dass sich mein Vater selbst hat umbringen wollen, Gott bewahre. Ich bin wohl auf die Sorgfalt und das Wohlwollen des Kommissars angewiesen ...“ Sie wirkte plötzlich besorgt, beinahe verängstigt und Kazuha stieß Heiji wütend an. Er kratzte sich verlegen am Kinn: „Oh ... Nein ... Das wollte ich damit eigentlich nicht sagen, ʼtschuldigung.“

 

Saguru übernahm wieder das Steuer: „Haben Sie irgendeine Idee, einen vagen Verdacht, wie das Gift in den Käse gelangt sein könnte? Jeder Hinweis zählt!“ Sie überlegte angestrengt: „Nein, ich ... Wir vertrauen allen unseren Angestellten, auch wenn die meisten noch relativ neu sind. Und eigentlich haben wir ein gutes Verhältnis zueinander ... Es sei denn ... Aber ... Nein, schon gut.“ Er horchte auf: „Ist Ihnen etwas eingefallen?“ Sie seufzte und rieb sich die Augen: „Nein, das kann nicht sein. Es ist so abwegig, dass ich es nicht einmal erwähnen will.“

 

„Ich habe Ihnen doch gerade gesagt, dass jeder Hinweis wichtig ist, oder? Ihm nachzugehen ist unsere Aufgabe und wenn er zu nichts führt, werden wir das herausfinden, keine Sorge.“

 

Sie sah ihn kurz an und seufzte dann ein weiteres Mal, ehe sie zögerlich murmelte: „Nun, ich weiß nicht, wie er es hätte anstellen sollen, aber unser Gärtner Kishimoto lagert immer einen gewissen Vorrat an Rattengift im Gartenhaus, weil wir hier ab und zu von diesen lästigen Biestern heimgesucht werden. Allerdings wüsste ich nicht, warum er meinem Vater so etwas antun sollte. Er arbeitet schon lange für uns und wir hatten nie Probleme ...“

 

„Und wie viele Leute können dieses Gartenhaus betreten?“

 

„Um ehrlich zu sein, ist es nur ein Schuppen. Und eigentlich können dort alle rein, aber keiner von uns macht das, weil dort nichts ist, was wir brauchen könnten. Ich zum Beispiel war schon jahrelang nicht mehr dort.“

 

Auf einmal ertönte Lärm aus Richtung der Küche und Saguru sagte eilig, als sie Heizos überragende Statur durch die Menschenmassen pflügen sahen: „Vielen Dank, Kuraiko. Sie haben uns sehr geholfen!“ Damit machten sie auf dem Absatz kehrt und türmten durch den nächstbesten Ausgang.

 

Heiji wischte sich pfeifend über die Stirn: „Hui, das war aber mal knapp!“ Kazuha wedelte unruhig mit einer Hand: „Wenn sie uns beim Schnüffeln erwischt hätten, hätten sie uns mit Sicherheit in die nächstbeste Abstellkammer gesperrt!“ Saguru sagte nichts. Er starrte nur finster zu Boden und wies ihnen den Weg in den Garten.

 

Heiji sah ihn eine Weile nachdenklich an und schlug ihm dann urplötzlich auf die Schulter: „Hey, aber zumindest wissen wir jetzt, wer der Täter ist, gelle?! Der Rest kann nur noch Routine sein! Also, lass dich ja nicht hängen, sonst stehl ich dir schneller die Show, als du protestieren kannst, hehe!“ „Huh?“, entfuhr es Kazuha, als Saguru wieder nichts erwiderte, „Was soll das heißen, Heiji? Wer soll der Täter sein? ... Meinste etwa den Gärtner?“ Sie überlegte kurz: „Naja, es scheint schon logisch, ich meine, wenn er der Einzige ist, der an das Gift rankommt und so ...“ Heiji stutzte, lächelte dann mitleidig und strich ihr tröstend über die Haare: „Gut, gut, streng dich nur weiter fleißig an, dann lernste vielleicht kurz vor deinem natürlichen Tod, vernünftig zu denken.“ Ihre Haare richteten sich auf wie die einer zornigen Katze.

 

Kurze Zeit später standen sie vor dem besagten Gartenhaus – einem sehr geräumigen und teilweise verglasten Treibhaus – und Heiji rüttelte am Griff: „Hmpf, was reiche Bonzen so alles als ‚Schuppen‘ bezeichnen ... Abgeschlossen. War ja klar. He, meinste, du könntest mal wieder deine flinken Finger spielen lassen, Kumpel?“ Er streckte Saguru kess die Zunge heraus und wies auf das Schloss. Doch sein Freund erblickte etwas über seine Schulter und erwiderte ruhig: „Ich glaube, das wird nicht nötig sein.“

 

„NʼAbend, Kinder. Was treibt euch denn zu so später Stunde in fremder Leute Hinterhöfe?“

 

Heiji und Kazuha drehten sich um und sahen einen älteren, verschmitzt lächelnden Mann in verdreckter Latzhose auf sich zukommen. Saguru verbeugte sich: „Sind Sie der Gärtner des Hauses, Herr Kishimoto?“ „Ganz recht“, nickte der Alte und schloss das Haus auf, zweifellos um die geschulterte Blätterharke wieder darin unterzustellen, „und eurem Aufzug nach zu urteilen, gehört ihr zu den heutigen Gästen, was? Könnt ihr mir mal verraten, was da für ein Aufriss veranstaltet wird? Die vielen Uniformierten machen mir ja die Hunde ganz wild!“

 

Heiji machte Anstalten, hinterdrein zu schlüpfen, als er durch die Tür trat und verschwand, doch Saguru packte ihn am Schlafittchen und rief stattdessen – gleichzeitig verärgert und erleichtert über die Sicherheitslücke – in die Dunkelheit: „Probleme mit den Lebensmitteln, guter Mann. Würde es Ihnen vielleicht was ausmachen, wenn wir uns hier ein wenig umsehen? Wir sollen für Frau Ienaga was Bestimmtes besorgen!“ Der Gärtner erschien wieder und rückte sich seine Schirmmütze zurecht: „Sicher, wenn die gnädige Frau euch schickt, kommt ruhig rein. Allerdings wüsste ich nicht, was sich hier für sie Interessantes befinden sollte. Es gibt nur Gartengeräte, den Rasenmäher, Tierfutter, Dünger ... Naja, alles, was man im Garten halt so braucht.“

 

Die drei wanderten an ihm vorbei und sahen sich unschlüssig um. Der Gärtner hingegen schritt zur Tür und knipste die ausschweifende Deckenbeleuchtung an. Als die Umgebung in helles Licht getaucht wurde, entfuhr Kazuha ein anerkennendes „Wow“ und er kicherte amüsiert: „Ein schickes Ferienhäuschen, nicht wahr? Wurde im Stil der englischen Gärten im viktorianischen Zeitalter gebaut. Manchmal im Sommer übernachte ich hier sogar.“

 

Selbst Saguru wirkte beeindruckt: „Es ist gut gepflegt. Kompliment!“ Der Mann zwinkerte ihm stolz zu: „Sankyu! Aber sagt mal, was braucht Frau Ienaga denn nun eigentlich? Ich kann bestimmt helfen!“ Der Detektiv legte einen Finger an die Lippen: „Sie hat erwähnt, dass Sie hier Rattengift lagern. Stimmt das?“ Der Gärtner stöhnte verzweifelt auf: „Ja, Kruzifix nochmal, sagt bloß, es sind schon wieder Ratten im Haus?! Wie viele von den Mistviechern muss ich denn noch loswerden, bis sie Ruhe geben?!“ „Nein, nein“, erwiderte Saguru schnell, „nichts dergleichen. Es trägt nur einfach dazu bei, dass ... sich der Aufriss schneller lösen wird und Ihre Hunde wieder zur Ruhe kommen können.“

 

„Ah, na dann. Ja, ich hab hier noch Rattengift. Wenn ihr was braucht, kann ich es für euch ins Haus bringen, aber selbst mitnehmen dürft ihr es nicht. Bei unsachgemäßer Verwendung kannʼs nämlich echt Schaden anrichten, das sag ich euch! Ich hab mal eine Weile zu viel von dem Zeug eingeatmet. War zwei Wochen lang krankgeschrieben. Echt ätzend, glaubt mir.“

 

Saguru legte den Kopf schief: „Hm. Gibt es keine Möglichkeit, dass Sie es uns so mitgeben?“ „Bist du verrückt, Junge?“, fragte der Gärtner besorgt, „Ich hab dir doch gerade gesagt, dass das nichts für euch ist. Ich will euch ja nicht unterstellen, nicht verantwortungsvoll handeln zu können, aber es ist mein Kopf, der rollt, wenn was passiert! Ganz zu schweigen davon, dass ich mich echt mies fühlen würde! Nein, nein, keine Chance!“ „Das heißt also, dass Sie es niemanden verwenden lassen würden, wenn Sie nicht dabei sind?“, piepste Kazuha dazwischen, immer noch verärgert über Heijis Überheblichkeit und bemüht, ebenfalls etwas Produktives zum Fall beizutragen. „Niemanden“, winkte er entschieden ab, „Wozu auch? Dafür bin ich ja da! Gegen mich kann kein vorwitziger Nager anrotzen, vertraut mir!“

 

Saguru überlegte angestrengt. Konnte er der Fürsorglichkeit des Mannes trauen und ihn mit der Wahrheit dazu bringen, so viele brauchbare Informationen auszuspucken wie möglich? Um den heißen Brei herumzureden würde sie nicht weiterbringen, das ahnte er, und so entschied er sich letztlich dazu, aus dem Gärtner einen Verbündeten zu machen. „Herr Kishimoto, es ist so“, begann er deshalb, „Zwei Gäste sind heute Abend durch mit Rattengift verseuchte Speisen schwer erkrankt und man sagte uns, dass Sie der Einzige sind, der Zugriff auf eben jenes Gift habe.“ Sein Gegenüber erbleichte: „Was? Aber wie ist das möglich? Ich gehe doch so gut wie nie in die Küche, und schon gar nicht ungewaschen! Habe ich das Zeug doch irgendwie übertragen ...? Um Himmels Willen, geht es den armen Leuten sehr schlecht? Sie werden wieder gesund, oder?“ Er wich mehrere Schritte von ihnen weg: „Meine Güte, dass dieses Teufelszeug so eine Wirkung entfaltet! Klebt es etwa immer noch an mir? Strahlt es von mir aus?! Bleibt bloß weg von mir, Kinder! Nicht, dass ihr auch noch umkippt! Du lieber Himmel, ich habe doch schon seit Wochen keine Köder mehr angefasst! Was für ein Teufelszeug! ... Ist sowas überhaupt möglich? Das habe ich ja noch nie gehört!“

 

Damit stand für ihn fest, dass der Gärtner ausnahmsweise nicht der Mörder sein konnte, und so lächelte Saguru beruhigend: „Keine Sorge, bei einem von ihnen wird es zwar etwas länger dauern, aber sie werden beide wieder auf die Beine kommen. Herr Kishimoto ... Ist Ihnen gar nicht bewusst, dass man Sie eines mutwilligen Tötungsdelikts verdächtigen könnte?“ „Wa...?!“, der Mann schreckte zurück, „Soll ... soll das heißen ... Mord?! Aber ich würde doch nie jemanden umbringen wollen! Ich muss was davon an den Fingern gehabt haben und es ahnungslos irgendwie übertragen haben ... Aber ich habe mit dem Essen doch überhaupt nichts am Hut?“

 

Seine Verwirrung war beinahe niedlich und sie erregte Sagurus Mitleid, der deshalb schnell erklärte: „Herr Kishimoto, wir glauben keineswegs, dass Sie es getan haben. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass der Verdacht aufkeimen könnte, wenn wir nicht Hinweise darauf finden, dass alles ein Unglück war. Versuchen Sie sich zu erinnern: Gab es in letzter Zeit Ungereimtheiten bezüglich des Vorrats? War der Inhalt vielleicht weniger potent? War eine Dose vielleicht leichter als die anderen oder ganz leer? War eine davon beschädigt? Stand sie an ungewohnter Stelle oder war sie auch nur ein wenig verrückt?“ „Nein, nichts dergleichen“, kam die desillusionierte Antwort und er wollte schon einen frustrierten gedanklichen Schrei ausstoßen, „Nur eine Dose war mal ganz verschwunden, aber-“

 

Im nächsten Moment krallten sich Heijis Finger in die Oberarme des Gärtners: „Das isses, Opa! Wann war das?!“

 

„Vor ... vor nicht ganz einem Monat?“

 

„Hat man das Ding wiedergefunden?! Weiß man, was damit passiert ist?! Oder werʼs entwendet hat?!“

 

„Nah“, winkte der Mann kichernd ab, „Das war sicher nur eine Fehllieferung oder ein Fehler meinerseits. Hab mich vielleicht bei der Bestellung verschrieben oder so, weißt du? Sowas passiert schon mal!“

 

„Passiert es Ihnen oft?“

 

„In meinen ganzen zwanzig Jahren Dienst hier nicht ein einziges Mal“, verkündete der Alte stolz und die Jungs sahen sich vielsagend an, „Aber wie gesagt, einmal ist immer das erste Mal. Bin ja auch nur ein Mensch, nicht wahr?“ Saguru fragte drängend: „Ist Ihnen vielleicht in letzter Zeit aufgefallen, dass jemand anderes als Sie dieses Haus betritt? Oder haben Sie sogar jemanden dabei erwischt?“

 

„Nein, keinen. Eigentlich fragt mich jeder, ob ich ihm bringen kann, was er benötigt, wenn er denn etwas von hier benötigt. Das letzte Mal war glaube ich Herr Ienaga selbst mal hier drin, aber das muss schon mindestens ein halbes Jahr her sein.“

 

„Und Frau Ienaga auch nicht?“

 

„Aha, die gnädige Frau betritt diesen Teil des Gartens gar nicht. Sagt immer, es sei ihr zu düster. Ist ʼne Sonnenanbeterin, versteht ihr?“

 

Saguru überlegte mit auf eine Hand gestütztem Kinn, ehe er fragte: „Meinen Sie, wir könnten eine Weile ungestört nach Hinweisen suchen? Wir versprechen, das Gift nicht unsachgemäß zu benutzen und auch sonst nichts in Unordnung zu bringen – oder Irrelevantes einzustecken.“ Der Gärtner schien unentschlossen, doch die Aussicht auf einen Mordverdacht machte ihn ängstlich, und so seufzte er nur und warnte sie eindringlich: „Versprecht mir, dass ihr nichts anfasst, was euch schaden kann! Ihr habt ja gesehen, was so ein unscheinbares Pulver anrichten kann!“

 

„Versprochen.“

 

„Na gut. Ich kann ja nochmal die Hunde ein bisschen ausführen. Freuen sich immer, wenn es mal wieder nach draußen geht ...“

 

Sie winkten ihm erleichtert nach, bis sich die Tür hinter ihm schloss und Saguru zog sofort drei Paar Einweghandschuhe aus der Tasche: „Na schön. Untersucht alles. Wir müssen einen Beweis finden, dass noch jemand außer Kishimoto in diesem Haus herumgestreunt ist. Egal wie unscheinbar, wenn es etwas ist, was mit Gärtnerei nichts oder nur unerheblich zu tun hat, grabt es aus!“

 

---

 

Sie hockten darum herum und sahen einstimmig verständnislos darauf herab. Es war für alle klar, dass es sich um ein Beweisstück handelte, doch wie sie es einordnen sollten, das wussten sie nicht. Heiji hob Kazuhas kostbaren Fund auf Augenhöhe und drehte ihn zwischen den Fingern hin und her: „... Ein ... Stein.“ „Ein Edelstein“, murmelte Saguru nachdenklich, „Für einen Normalen ist er zu glatt geschliffen.“

 

„Das ist ein Onyx.“

 

Die beiden Jungs starrten Kazuha ausdruckslos an, die vergnügt einen belehrenden Finger hob: „Ein echter Onyx ist ein Schmuckstein, sehr teuer, unheimlich beliebt bei Frauen! Die Esoterik schreibt ihm Kraft und Entspannung zu, außerdem soll er negative Energien ableiten! Abgesehen davon steht Onyx als schwarzes Mineral so gut wie jeder Frau exorbitant gut!“ „... Schmuck ...“, brummte Heiji schließlich langsam. Saguru ergänzte zögerlich, „... von einer Frau ...“ Er packte den Stein und ballte eine Faust: „Gut gemacht, Kazuha. Ich glaube kaum, dass Herr Kishimoto sich in seiner Freizeit Edelstein-Schmuck umlegt, noch dazu, wenn es tatsächlich ein so teurer ist, wie du behauptest! Und der Stein lag weit genug unter der Hobelbank, dass er seinem Ordnungssinn durchaus seit einer ganzen Weile entkommen sein könnte. Das bedeutet, dass eindeutig noch jemand anderes hier gewesen sein muss. Weiblich und gut betucht.“

 

„Oder mit einem spendablen Freund gesegnet. Nicht so wie Heiji hier!“

 

„Che!“

 

Sie starrten erneut. Heiji fragte unsicher: „Aber ... was machen wir daraus?“ „... Das weiß ich noch nicht“, gestand Saguru betroffen ein, „aber irgendetwas werde ich daraus machen!“ Kazuha hingegen wirkte tief in Gedanken versunken: „... Hört mal, ich will ja nicht unken, aber ... irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich das Ding schon mal irgendwo gesehen habe.“ Ihr Freund pochte ihr sarkastisch mit dem Fingerknöchel an die Schläfe: „Ach nee, ehrlich? So gut, wie du dich damit auszukennen scheinst, ist das sicher nicht das erste Mal, dass du ʼnen Onyx in Echt siehst, oder?!“ Dann ließ er die Hand sinken und runzelte die Stirn: „Aber ... um ehrlich zu sein, kommt er mir auch verdammt bekannt vor. Dabei achte ich gar nicht auf so ʼn Scheiß.“ „Dito“, nickte Saguru grübelnd, „Ich könnte schwören, dass ich erst vor Kurzem so einen Stein gesehen habe, obwohl ich mich auch nicht unbedingt als den Schmuckenthusiasten schlechthin bezeichnen würde.“

 

Er stand auf und klopfte sich die Hosenbeine ab: „Aber hier können wir nichts mehr erreichen. Lasst uns wieder reingehen und uns umhören. Ich will ihn den Bediensteten zeigen, vielleicht erkennt ihn einer von ihnen.“

 

Leider hatten sie ihr Glück wohl fürs erste verspielt, denn der Gärtner war wie vom Erdboden verschluckt, die übrigen Männer schienen sich beinahe beleidigt zu fühlen, das man sie über Schmuck ausfragte und keines der diensthabenden Hausmädchen arbeitete länger als eine Handvoll Monate im Haus, wussten deswegen nichts Sicheres, obwohl einige wenige von ihnen durchaus ein ähnliches Déjà-Vu-Erlebnis hatten wie die Freunde.

 

Bis sie an ein recht junges Mädchen gerieten, das selbst offensichtlich einigen Wert auf derlei Accessoires legte. Als es den Stein sah, rief es sofort: „Ah, das ist ein Onyx, wie ihn die gnädige Frau manchmal trägt! Heute übrigens auch!“

 

„Was trage ich heute auch?“

 

Saguru und Heiji zuckten ertappt zusammen und Kazuha entfleuchte ein schuldbewusster Schrei, als Kuraikos ruhige Stimme über sie hinweg schwebte und sich das Mädchen eingeschüchtert und auffallend eilig zurückzog. Sie drehten sich um und blickten geradewegs in die erwartungsvollen Augen der stellvertretenden Gastgeberin, die noch einmal geduldig fragte: „Na? Was soll ich heute tragen, was euch so interessiert? Wenn ihr wollt, kann ich es dir besorgen.“ Sie sah betont auf Kazuha, offensichtlich in der Annahme, dass es um ein Kleidungsstück ging, welches ihr als Geschlechtsgenossin gut gefiel. Doch auch, wenn sie tatsächlich eine höchst modebewusste und nicht unattraktive Frau war, trug sie nicht unbedingt Sachen, die sich auch eine Jugendliche an sich selbst vorstellen konnte und leider war Kazuha ein hoffnungsloser Fall im Aus-dem-Stehgreif-Lügen, sodass ihr einfach keine glaubwürdige Ausrede einfallen wollte.

 

Zu allem Überfluss marschierten nun auch noch Ginshiro und Heizo in ihre Richtung, sodass sich Saguru kurzerhand zu einem Frontalangriff entschied. Er hielt ihr den Stein in der offenen Hand entgegen und erkundigte sich scheinbar unschuldig: „Wir haben diesen Edelstein gefunden und weil er so unnatürlich gleichmäßig geformt ist, vermuteten wir, dass es kein gewöhnlicher Kiesel ist und ihn einer der Gäste verloren haben könnte. Das Hausmädchen eben hat auch tatsächlich gemeint, dass er Ihnen gehören könnte, Kuraiko. Vermissen Sie ihn zufällig?“ Sie legte nachdenklich den Kopf schief: „Wo habt ihr ihn denn gefunden?

 

‚Verdammt!‘

 

„Auf dem Boden.“

 

„... Verzeih, ich habe mich wohl missverständlich ausgedrückt. Auf dem Boden in welcher Umgebung, meine ich natürlich.“

 

Saguru wusste nicht genau, ob er seinen Frust komplett hinter seiner Fassade zu verstecken schaffte, als ihm bewusst wurde, dass sie ihm im Bezug auf kühle Überlegung ebenbürtig ... Nein, wahrscheinlich überlegen war. Er warf ihr Köder hin, die sie jedoch sofort mit Gegenfragen entschärfte, die wiederum ihn in Bedrängnis brachten. Er hätte nichts anderes von einer so abgebrühten Geschäftsfrau erwarten dürfen.

 

Eigentlich hatte er gehofft, dass der direkte Konfrontationskurs bei ihm ebenso gut funktionieren würde wie Heijis frecher Angriff zuvor, doch offensichtlich war sie ihm gegenüber um ein Vielfaches misstrauischer. Lag es daran, dass sie den Osaka-Detektiv zu kennen und richtig einzuschätzen glaubte?

 

„Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht, um frische Luft zu schnappen und haben uns dabei Ihren schmucken Garten angesehen. Und was meinen Sie, plötzlich kullert uns dieses hübsche Stück doch einfach so vor die Füße.“

 

Wie schaffte es ein impulsiver Trampel wie Heiji, immer so unbeteiligt zu klingen, wenn es darauf ankam?

 

Das fragte sich Saguru, als sein Freund wie selbstverständlich das Gespräch übernahm. Kuraiko hob eine Augenbraue: „Einfach so.“

 

„Jepp.“

 

„Im Dunkeln.“

 

„Meine Mami hat mich schon immer als Glückskeks bezeichnet.“

 

Die Frau wirkte nicht im Geringsten überzeugt, konnte ihre Zweifel jedoch nicht in Worte fassen, denn die Polizisten hatten sie erreicht und Heizo musterte seinen Sohn mit unverhohlenem Misstrauen: „Ich hoffe stark, dass ihr Frau Ienaga nicht über den Fall ausfragt. Ich habe euch verboten, euch einzumischen, oder?“ „Oh?“, fragte sie interessiert und Heiji entfuhr ein kaum hörbares verärgertes Schnaufen, „Diese jungen Leute sind nicht befugt, in dem Fall zu ermitteln?“ Der Polizeipräsident spitzte die Ohren: „Natürlich nicht, schließlich sind sie noch minderjährig! Es sind einfach nur überselbstsichere Rangen, die nicht wissen, wann sie ihre neugierigen Nasen besser nicht in jeden Abgrund stecken sollten.“ „Dann ist es ja gut, dass ich ihnen nicht meine ganze Lebensgeschichte anvertraut habe“, lächelte sie und Saguru wusste augenblicklich, dass sie kein Wort mehr aus ihr herausbekommen würden.

 

„Aber Vater“, protestierte Heiji scheinheilig, „das siehste völlig falsch! Wir wollten Frau Ienaga lediglich ihr Eigentum zurückbringen!“ Heizo runzelte die Stirn: „Eigentum?“ „Ja“, rief Heiji vergnügt, „Sieh mal, wir haben diesen schicken Klunker im Garten gefunden, nachdem wir aus reeeeiner Langeweile dort ziellos rumgewandert sind. Und Kazuha hier, die sich ein bisschen damit auskennt, hat angemerkt, dass er ziemlich wertvoll sein könnte, wenn er echt ist, deshalb haben wir uns sofort aufgemacht, den Besitzer wiederzufinden und sind bei ihr gelandet! Aber offenbar will sie sich das gute Stück noch nicht mal ansehen! Ich meine, vielleicht ist es ja nicht ihrer, aber möglicherweise erkennt sie ihn ja? Sie kennt hier viel mehr Leute als wir, richtig?“

 

Heizo und Ginshiro schienen tatsächlich ihre Zurückhaltung nicht nachvollziehen zu können und als sie die fragenden Seitenblicke spürte, seufzte Kuraiko schließlich und streckte die Hand aus: „Zeig ihn mir.“ Heiji grinste nur und hielt ihr den Onyx entgegen. Saguru empfand in diesem Augenblick ehrliche Bewunderung für ihn. Er hatte sie aus einer unterlegenen Position heraus dazu gebracht, ihnen Rede und Antwort stehen zu müssen, wie auch immer diese aussehen mochte. Und das vor zwei sehr einflussreichen Zeugen.

 

Was eigentlich seine Spezialität war.

 

Kuraiko wollte zugreifen, doch Heiji entzog ihr den Stein flink: „Ah, ʼtschuldigung, aber vorhin ist er einem der Gäste schon runtergefallen. Wir wollen nicht, dass er noch kaputtgeht, deshalb ...“ Sie rollte mit den Augen und begutachtete ihn dann sehr intensiv und Saguru hegte den Verdacht, dass sie es nur tat, um kooperativ zu erscheinen. Gleich darauf verkündete sie bestimmt: „Er gehört nicht mir und ich kenne auch niemandem, der einen solchen Schmuck trägt.“ „Häh?“, brummte Heiji gespielt erstaunt, „Aber Ihr Hausmädchen hat vorhin ganz sicher erwähnt, dass Sie heute so einen Stein tragen, richtig?“ Er wandte sich an seine Freunde, die nur stumm nicken konnten. Heizo seufzte entmachtet: „Frau Ienaga, niemand weiß besser als ich, wie sehr einem mein Sohn auf die Nerven gehen kann, deshalb kann ich Ihnen nur empfehlen, ihm einfach zu sagen, was er wissen will und dann zur Tagesordnung überzugehen.“

 

Sie sah ihn kurz wortlos an und stöhnte dann gereizt. Ihre Hände fuhren unter ihr gefaltetes Revers und umfassten die Kette, die darunter eingeschlagen war und von der man nur die perlenbesetzte Front auf der Brust erkennen konnte. Als sie jedoch an einer Seite zog, kam der Rest zum Vorschein, der aus sorgsam geschliffenen schwarzen Mineralen bestand.

 

Es war eine Onyx-Kette, die zu einem Drittel aus dem aufwendigen Perlenornament bestand und so nicht sofort identifiziert werden konnte.

 

Saguru hätte beinahe gejubelt, doch aus irgendeinem Grund – und auch aus offensichtlichen Gründen – hielt ihn Kazuhas Blick von jedwedem Triumphgefühl ab. Er wusste instinktiv, dass etwas nicht stimmte, als sie enttäuscht den Mund verzog und nur für ihn hörbar flüsterte: „Aber das ist nicht richtig ... Die Form ...“ Kuraiko hob einen der Steine mit zwei Fingern hervor und erklärte bereitwillig: „Sehen Sie, ich trage Onyx, das stimmt schon. Allerdings habe ich keinen der Steine verloren. Es sind alle vollzählig. Zählen Sie meinetwegen nach. Und außerdem: Die Form dieses Steins ist eine ganz andere. Er ist tropfenförmig geschliffen, die Kettenglieder sind aber halbmondförmig. Und er ist viel größer.“ Sie musterte Heiji betont herausfordernd, der ihn ausdruckslos wegsteckte: „Seid ihr jetzt zufrieden?“

 

Als er nichts entgegenzusetzen hatte, nickte Heizo zufrieden: „Nun, da das geklärt ist, sollten wir uns wieder wichtigeren Dingen widmen, meint ihr nicht? Sucht von mir aus nach dem Besitzer des Steins, aber geht Frau Ienaga nicht weiter auf den Geist!“ Ginshiro nickte zustimmend und machte eine ausladende Geste:“Frau Ienaga, ich habe noch einige weitere Fragen zu Ihrem Gärtner. Wenn Sie so freundlich wären ...?“ Sie wanderte mit ihnen davon.

 

Erst, als sie nicht mehr zu sehen waren, schnalzte Heiji wütend mit der Zunge: „Tse, das war wohl nix. Sie ist ʼne ganz schön harte Nuss.“ Kazuha wirkte bekümmert: „Ich hätte nie gedacht, dass ihr Frau Ienaga verdächtigt. Ich meine ... sie ist seine Tochter!“ „Das letzte Mal hatten wir einen Vater, der seinen Sohn auszuliefern bereit war“, murmelte er, „Ist doch nur legitim, auch die entgegengesetzte Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Ich bin mir absolut sicher ... Aber irgendwie ...“ Sagurus Stimme klang fest: „Nein, sie ist es. Ich weiß es. Aber wir können es nicht beweisen. Das wird wohl auch das Dilemma des Hauptkommissars und des Präsidenten sein. Ich glaube, sie haben gehofft, dass wir etwas gegen sie in der Hand haben.“

 

„Wie kommste ʼn darauf? Der Alte hat uns doch boykottiert, woʼs nur ging!“

 

„Wirklich? Auf mich wirkte es eher wie Hilfestellung. Denk doch mal nach: Wenn er wirklich nicht gewollt hätte, dass wir Kuraiko ‚belästigen‘, hätte er sie doch nicht dazu gedrängt, auf uns einzugehen! Es wirft ein ziemlich schlechtes Licht auf den Präsidenten, wenn bekannt wird, dass er Jugendliche willkürlich Zeugen beschuldigen lässt. Er hätte uns wegschicken können – wenn es nötig geworden wäre, auch mit Gewaltandrohung. Aber er hat mitgespielt. Ich fürchte, er hat einen Beweis erwartet, den wir letztendlich nicht liefern konnten ...“

 

„Jetzt mach mir noch ʼn schlechtes Gewissen“, knurrte Heiji und steckte die Hände in die Hosentaschen, doch Saguru hörte ihn gar nicht. „Hat der Stein wirklich nichts mit ihr zu tun“, überlegte er laut, „oder übersehen wir nur etwas ganz Wesentliches? Wenn ich davon ausgehe, dass nicht sie das Gift entwendet hat ... Welche Angestellte, wenn sie sich ein teures Schmuckstück leisten kann, trägt es schon während der Arbeit, wo das Risiko so hoch ist, es zu verlieren oder zu beschädigen? Wer immer den Onyx verloren hat, muss sich wegen eines Ersatzes keine Gedanken machen, was bedeutet, dass er genug Geld haben muss, um es sich leisten zu können. Aber reiche Gäste stehlen sich üblicherweise nicht in fremde ‚Geräteschuppen‘. Es kann nur ein Mitglied dieses Haushalts gewesen sein. Und die einzige Person, die auf irgendeine Weise Onyx trägt, ist Kuraiko.“

 

Während er, sich gedankenverloren das Kinn reibend, hin und her marschierte, seufzte Kazuha enttäuscht: „Schon Mist, dass wir so im Dunklen tappen. Als ich den Stein gefunden habe, habe ich echt gedacht, dass wir damit was erreichen.“ „So läuft das eben manchmal“, tröstete sie Heiji, „Kriminalfälle sind voll von falschen Fährten. Ist nicht das erste und wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal sein, dass wir in eine Sackgasse rennen.“ Sie zupfte nervös an ihren Ärmeln herum und flüsterte: „Ja, echt schade. Wenn wir wenigstens ganz sicher davon ausgehen könnten, dass es sich bei ihrem Schmuck um ein Set handelt oder so ...“

 

„... Ein Set?“

 

„Jepp. Teurer Schmuck wird oft im Set verkauft. Ich meine, ist doch klar, was bringt die schönste Halskette, wenn man keine passenden Ohrringe dazu hat? Unterschiedliche Designs sehen immer etwas ungekonnt aus, deshalb hat jede Dame, die was auf sich hält, ein aufeinander abgestimmtes Set, ist doch logo, oder?“

 

‚Ein Set ... mit ...‘

 

„Tja, wenn wir beweisen könnten, dass diese Kette zusammen mit anderem Gedöns ausgeliefert wurde, dann hätten wir natürlich was Konkretes in der Hand“, zuckte Heiji mit den Schultern, „aber da wir das nicht mit Bestimmtheit sagen können, bringt uns das auch nicht wirklich weiter. Schließlich kann der Händler für ʼne gute Kundin auch mal ʼn Auge zugedrückt haben. Oder sie hat das Ding gebraucht gekauft. Wir müssen was finden, was felsenfest beweist, dass sie noch andere Klunker aus Onyx besitzt. Müssen ja nicht Ohrringe sein, es würde auch ein Fingerring oder ein Armband-“

 

Weiter kam er nicht, denn Saguru rannte an ihm vorbei Richtung Speisesaal, so schnell und plötzlich, dass die Polizisten, die die Tür bewachten, gar nicht reagieren konnten, ehe er schon an ihnen vorbei hindurch gestürzt war. Heiji blinzelte verdattert und sprang ebenfalls auf: „He, wo willste denn hin, verdammt?! Warte!“ Er hetzte hinterher, doch er hatte das Pech, dass die Beamten nun leider ziemlich aufgescheucht waren und sich ihm rigoros in den Weg stellten: „Woah, Junge, mal langsam, ihr könnt da nicht einfach rein stürmen, der Saal ist zur eigenen Sicherheit der Gäste gesperrt!“ „Aber ...“, fing Heiji an zu diskutieren, wusste jedoch selbst nicht, wieso er unbedingt dorthin zurück wollte, außer dass er das Bedürfnis hatte, Saguru zu folgen.

 

Nur wenige Minuten später wurde dieser auch unsanft aus dem Zimmer befördert, doch anstatt sich um seine nun etwas zerknitterte Kleidung zu kümmern oder ihnen eine Erklärung zu liefern, lief er wieder los, dieses Mal zielstrebig auf den Ausgang zu, den die Polizisten und Kuraiko kurz zuvor genommen hatten. Heiji und Kazuha mussten laufen, um den Anschluss nicht zu verlieren und Heiji versuchte es ein weiteres Mal: „Jetzt warte doch mal, verdammt! Was ist denn plötzlich in dich gefahren?!“

 

Saguru antwortete nicht, sondern stürmte in die anschließende Eingangshalle, sah sich wild um und deutete, als er sein Ziel ausgemacht hatte, mit einem anklagenden Zeigefinger darauf.

 

„KURAIKO IENAGA!“

 

Sie drehte verwundert den Kopf in seine Richtung, ebenso wie Ginshiro, Heizo und der Rest der umstehenden Leute.

 

„Sie sind der Täter!“

 

Einen langen, peinlichen Augenblick war es mucksmäuschenstill. Doch dann packte Heiji ihn an der Schulter und schob sich ihm nervös in den Weg. „He, Meister, stopp mal, ich komm hier nicht ganz mit“, zischte er leise, „Gerade eben haben wir noch besprochen, dass wir nichts gegen sie in der Hand haben! Ich kann nachvollziehen, dass dich die Sache mitnimmt, aber auf Teufelkommraus jemanden zu beschuldigen braucht mehr als nur selbstsicheres Auftreten und ʼne laute Stimme!“ Saguru beachtete ihn nicht.

 

Kuraiko drehte sich komplett um und verschränkte mit einem milden Lächeln die Arme vor der Brust: „Und wovon redest du, wenn ich fragen darf? Ist es immer noch wegen des Steins? Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass er nicht mir gehören kann?“ Saguru schien völlig unbeirrt: „Ganz recht, es ist wegen des Steins. Unter anderem.“ Um sie herum ertönte Gemurmel und Raunen.

 

„He, he, was meint er mit ‚Täter‘? Ich dachte, es handelte sich um ein Missverständnis?“

 

„War die Sache mit dem Gift etwa doch kein Unfall? Ein Produktionsfehler?“

 

„Sag bloß, hier läuft ein Killer frei rum und uns wird nichts gesagt!“

 

Ginshiro hob beschwichtigend die Arme: „Meine Herrschaften, bitte keine Aufregung. Es gibt überhaupt keinen Anlass zur Beunruhigung!“ Und an Saguru gewandt sagte er ernst: „Eine solche Anschuldigung ist ja nicht von schlechten Eltern, mein Junge. Zumal es keine Hinweise auf ein Verbrechen gibt. Wo kein Opfer, da kein Täter!“ „Es gibt ein Opfer“, beharrte Saguru störrisch. Der Hauptkommissar seufzte verständnisvoll: „Ich weiß. Das mit Herrn Hakuba ist wahrlich bedauernswert, das gebe ich ja zu, aber nichtsdestotrotz nur ein Unfall ...“

 

„Sie haben vollkommen recht.“

 

Nicht nur Ginshiro, auch vielen anderen Gesichtern konnte man die Verwirrung ansehen. „Wie meinen?“, hakte er deswegen noch einmal zur Sicherheit nach, hatte er doch eher mit Widerworten und Schuldbeteuerungen gerechnet. Saguru senkte betroffen die Lider: „Dass mein Vater involviert wurde, war tatsächlich nicht mehr als ein dummes Missgeschick. Aber ihn meine ich auch nicht. Das bedauernswerte Opfer in diesem Fall ...“ Er hob wieder den Kopf und visierte Kuraiko direkt an: „Ist niemand anderes als Soji Ienaga! Sie haben mit List und Heimtücke versucht, Ihren Vater ins Grab zu bringen und dabei leider auch einen Unbeteiligten erwischt.“

 

Das Gemurmel wurde lauter und Ginshiro kratzte sich verlegen am Kopf: „Aber das ist doch Unsinn. Wenn jemand versucht hätte, Herrn Ienaga heimlich zu töten, ohne andere dabei zu gefährden, hätte er doch nicht riskiert, den Verdacht auf das Büffet einer ganzen Abendgesellschaft zu lenken. Und woher willst du sicher wissen, dass er es war, auf den man es abgesehen hatte? Polizeipräsident Hakuba dürfte mit Sicherheit wesentlich mehr potenzielle Feinde haben, oder?“

 

Saguru nahm diese Frage zum Anlass, ihnen das ganze Ausmaß der ärztlichen Diagnose mitzuteilen und man konnte erkennen, dass sich mit jedem Wort eine neue, ernste Aufmerksamkeit in ihren Gesichtern abzeichnete. „Es tut mir leid, dass ich eine so elementare Information bis jetzt für mich behalten habe, aber ich wusste nichts über die Umstände und habe befürchtet, dass eine Verkündung der Mordkommission den Täter dazu veranlassen könnte, Beweismittel verschwinden zu lassen.“ „Ich sehe, dass du einen guten Grund für deinen Verdacht hast“, renkte Ginshiro nun bereitwillig ein, „Aber verrate mir, warum der Täter es riskiert hat, ausgerechnet in dieser hektischen Zeit seinen Plan in die Tat umzusetzen? Hätte er nicht befürchten müssen, dass eben dieser Fall eintritt, in dem wir uns jetzt befinden? Ein Zusammenbruch des Opfers inmitten einer gut besuchten Gala dürfte doch nun wirklich kein angestrebtes Ziel gewesen sein, oder?“

 

„Haben Sie nichts davon gehört?“, schüttelte Saguru mit dem Kopf, „Diese Gala war ursprünglich und sogar eine ganze Zeit lang für Tokio geplant gewesen und erst vor etwa zwei Wochen nach Osaka verlegt worden, weil es einen heftigen Streit zwischen Teilhabern der WAFF und den vorherigen Veranstaltern gegeben hatte. Buchstäblich in letzter Sekunde hat sich Herr Ienaga dazu bereit erklärt, seine Villa für die Auslegung zur Verfügung zu stellen. Es besteht nicht die geringste Chance, dass der Täter mit dieser Entwicklung gerechnet haben könnte!“ Er wies erneut auf Kuraiko: „Sie haben versucht, Ihren Vater über einen längeren Zeitraum zu vergiften, damit er langsam und ohne unmittelbaren Verdacht zu erregen dahinsiecht! Sie wollten erreichen, dass die üblichen heftigen Vergiftungserscheinungen so sehr abgemildert werden, dass eine ärztliche Untersuchung bei einem Zusammenbruch eher von einer natürlichen kränklichen körperlichen Kondition ausgeht anstatt von Gewalteinwirkung. Und Sie haben es ja auch beinahe geschafft, schließlich haben wir bei Herrn Ienagas Zusammenbruch alle zuerst an einen Kreislaufkollaps gedacht. Es ist schon beinahe ein morbider Glücksfall, dass es meinen Vater ebenfalls erwischt hat! Aufgrund meiner Angaben, dass wir kurz zuvor gegessen haben, haben sie viel sensibler auf die Anzeichen reagiert und ihn auf Lebensmittelvergiftung getestet. Wenn nicht unbedingt ein verwandter Fall auftritt, denkt bei einem sowieso schon schwächlichen Mann wie Herrn Ienaga niemand in erster Linie an Fremdeinwirkung. So aber konnten wir die Verbindung herstellen und Gegenmaßnahmen ergreifen.“

 

„Das wirft aber eine weitere Frage auf“, entgegnete Ginshiro nachdenklich, „Wie erklärst du dir, dass deinen Vater eine Dosis unmittelbar dahingerafft hat, wo es ein Windei wie Ienaga Wochen gekostet hat, um Wirkung zu zeigen?“ „Um das zu beantworten“, erwiderte Saguru unbeeindruckt, „bräuchte ich die Tatwaffe.“ Ginshiro wechselte einen Blick mit seinem Vorgesetzten und nickte dann einem Wachtmeister zu, der nach wenigen Minuten die Käseglocke samt Inhalt überbrachte. Saguru, inzwischen wieder mit Handschuhen bekleidet, hob den Deckel und winkte die Polizisten näher heran: „Herr Hattori, wenn Sie mir eine Frage beantworten würden? Waren Sie die ganze Zeit bis zu dem Vorfall mit Herrn Ienaga und meinem Vater zusammen?“ Der Präsident schien nicken zu wollen, doch dann legte er eine Hand ans Kinn und brummte: „Hm, jetzt, wo du es sagst ... Ich habe in einem gewissen Moment kurz die sanitären Anlagen aufgesucht und anschließend einen entfernten Bekannten getroffen, mit dem ich mich ein wenig unterhalten habe.“

 

„Was war das für ein Moment, wenn ich nachhaken darf?“

 

„Nun, die beiden haben sich über ausländische Spezialitäten unterhalten und da ich mich nicht so brennend für dieses Thema interessiere, hielt ich es für einen guten Zeitpunkt, gewissen Bedürfnissen nachzugeben im festen Glauben, unterdessen keinen spannenden Gesprächsstoff zu verpassen.“

 

Saguru schippte mit den Fingern: „Danke, Sir, das fehlte mir noch. In diesem Moment muss sich die Einnahme des schädlichen Stoffes ereignet haben. Es gibt keine andere Möglichkeit, denn sonst wäre es Ihnen sicher sofort in den Sinn gekommen, die Verbindung zu diesem Käse herzustellen. Ich vermute, es ist so abgelaufen: Im Zuge des Themas sind die beiden Opfer auf eine von Herrn Ienagas Leibspeisen, den Vieux-Boulogne, zu sprechen gekommen. Es dürfte Sie nicht überraschen, wenn ich sage, dass mein Vater nicht wählerisch im Ausprobieren neuer Gerichte ist. Ich hege keinen Zweifel, dass er sich sehr neugierig ob des Geschmacks des gelobten Käses gezeigt hat, was Herrn Ienaga wiederum dazu bewegt haben muss, ihm eine Kostprobe zukommen zu lassen. Da die Belegschaft aber von seiner Unverträglichkeit dazu weiß und sie ihn wahrscheinlich von dem Gebrauch abgehalten hätte, haben die beiden beim Betreten der Küche Diskretion walten lassen, sodass sie niemand beim Naschen erwischt hat. Jetzt sehen Sie hier ...“

 

Die anderen beugten sich näher heran, als er mit dem Finger auf die wenigen zurückgelassenen Krümel auf der Platte wies: „Diese Überreste sind noch feucht und weich. Das bedeutet, dass noch vor gar nicht langer Zeit fast der gesamte Laib vorhanden gewesen sein muss. Sie haben also über dreiviertel des Käses innerhalb kürzester Zeit verzehrt und wie ich meinen Vater kenne, hat er das meiste selbst konsumiert, weil er nicht aufhören konnte, nachdem er erst auf den Geschmack gekommen war. Und im Eifer des Gefechts hat wahrscheinlich auch Herr Ienaga eine größere Portion zu sich genommen, als er es gewöhnt war. Dadurch wirkte, zusammen mit seiner Unverträglichkeit, das Gift viel heftiger auf ihn ein als sonst und sein Körper konnte nicht mithalten. Dahingegen war mein Vater zwar nicht vorbelastet, hatte aber eine ungleich höhere Dosis auf einen Schlag eingenommen, was ihn augenblicklich beeinträchtigt hat.“

 

Ginshiro brummte leise: „Hm ... Das klingt logisch. Aber wenn Frau Ienaga von dem Gift wusste, warum hat sie den Käse dann nicht an einem sicheren Ort verwahrt? Vorzugsweise heimlich? So war es doch ein gewaltiges Risiko, ihn unbeaufsichtigt zwischen den anderen Lebensmitteln zu lagern! Jeder Neugierige hätte einen Bissen davon nehmen können und wenn es ihm geschmeckt hätte, dauerhaft davon mopsen können, bis er selbst gesundheitliche Probleme bekommen hätte. Und wenn bei ihm eine Vergiftung festgestellt worden wäre, hätte die Tat unsanft auffliegen können!“ Doch Saguru schüttelte nur abweisend den Kopf: „Die Wahrscheinlichkeit dafür war ausgesprochen gering. Erstens wird keiner der Angestellten das gute Verhältnis zu den Arbeitgebern gefährden wollen. Kuraikos heftige Reaktion, als eines der Mädchen die Platte auch nur berührt hatte, wirkte da wohl als sehr abschreckendes Beispiel. Der Käse war tabu. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand, außer vielleicht der Koch, wirklich ein Bedürfnis hatte, davon zu kosten. Wie Sie sicher alle feststellen konnten, weist er ein unglaublich penetrantes Aroma auf. Selbst durch mehrmaliges Händewaschen wird man den Gestank nicht los und der eigentümliche Geschmack wiegt diese lästige Nebenwirkung mit Sicherheit nicht auf, zumal er für die meisten japanischen Gaumen wenig ansprechend sein dürfte. Der Geruch ist auch der Grund, warum sie ihn nicht irgendwo anders verstecken konnte, ohne dass irgendwann jemand vom Personal darauf aufmerksam geworden wäre und sich die berechtigte Frage gestellt hätte, warum ein Stück verderbliches Lebensmittel nicht im Kühlschrank aufbewahrt wurde. Nein, am wenigsten verdächtig war und blieb die Küche. Sie musste nur verhindern, dass jemand anderes außer ihr selbst und ihrem Vater den Käse anrührte. Deswegen war sie so zornig geworden, dass sich das Mädchen daran zu schaffen gemacht hat und nicht, weil sie eine teure Delikatesse mit niemandem teilen wollte.“

 

Nun schaltete sich auch Heizo ins Gespräch ein, deutlich fasziniert von der Beweisführung: „Und wo fließt nun der Edelstein von vorhin mit ein? Unter diesen Umständen würde es mich wundern, wenn es sich dabei tatsächlich nur um ein zufälliges Fundstück handelte.“ Saguru bestätigte den Verdacht: „Wie Sie sicher in der Zwischenzeit selbst festgestellt haben, ist der Gärtner des Hauses der Einzige, der Zugriff auf einen beachtenswerten Vorrat an Rattengift vorweisen kann. Er lagert es im Geräteschuppen – Treibhaus, Gartenhaus, Wintergarten, wie immer Sie das Gebäude auch nennen wollen – hinter der Villa. Wenn Sie das Mittel testen lassen, werden Sie mit Sicherheit feststellen, dass es sich um das gesuchte Präparat handelt. Wir konnten während eines Gesprächs mit ihm außerdem erkennen, dass er keineswegs leichtfertig damit umgeht. Ohne sein Wissen eine gewisse Menge davon abzuknapsen, dürfte problematisch sein.“

 

„Macht ihn das nicht in höchster Weise verdächtig? Er hat das Gift und lässt niemanden sonst ran?“

 

„Das ist der logische Schluss. Ich sagte aber, dass es problematisch ist, nicht unmöglich. Vor allem für jemanden, der sich auskennt, der Schlüssel für jedes Gebäude besitzt – kurz, jemanden mit Befehlsgewalt. Jemand wie Kuraiko.“

 

Die Angesprochene strich sich seufzend die Haare zurück: „Wie oft soll ich es denn noch sagen: Ich habe den Schuppen seit Jahren nicht mehr betreten. Und natürlich weiß ich in groben Zügen, was Kishimoto dort unterbringt, schließlich stellt er mir jedes neue Utensil in Rechnung. Aber im Allgemeinen ist das mehr sein Revier als unseres. Woher soll ich wissen, wo genau er das Rattengift lagert?“ „Genau das ist der Grund, warum Sie sehr angestrengt haben suchen müssen“, setzte er ihr seelenruhig entgegen, „Und während Sie all diese unübersichtlichen Ecken und Nischen durchstöbert haben, haben Sie das hier verloren.“ Er hielt auffordernd die Hand auf und Heiji legte ihm nach kurzer Bedenkzeit den Stein hinein.

 

„Diesen Onyx haben wir nicht im ‚Garten‘, sondern im Treibhaus selbst, noch dazu an einer schwer einsehbaren Stelle gefunden. Und er kann dort noch nicht allzu lange liegen, denn Herr Kishimoto scheint ein sehr reinlicher Mitarbeiter zu sein, der seine Arbeitsstelle in angenehmer Ordnung hält. Er hätte ihn sicherlich früher oder später gefunden, ich vermute also, dass er für maximal wenige Wochen dort gelegen haben muss. Und zufälligerweise wurde ihm vor ziemlich genau einem Monat eine Dose Rattengift entwendet. Doch den Zusammenhang werden Sie sicher bereits vermutet haben, ansonsten wären Sie unserer Frage nach dem Besitzer sicher nicht so vehement ausgewichen. Denn Sie sind die Einzige hier, die Schmuck aus diesem Mineral trägt. Dieser Stein gehört ohne jeden Zweifel Ihnen. Und jetzt erklären Sie uns bitte, wie Ihr Schmuck an einen Ort gelangen konnte, den Sie angeblich seit Jahren nicht betreten haben!“

 

„Saguru, zum letzten Mal, der Stein gehört nicht mir!“

 

Einmal mehr fischte sie ihre Kette unter dem Revers hervor und hielt sie ihm provokant entgegen: „Aus dieser Kette fehlt kein Stein, ganz zu schweigen davon, dass sie eine andere Form haben. Willst du mir unterstellen, dass ich lose Onyxe in meiner Hosentasche mit mir herumtrage, nur um sie an mich belastenden Tatorten ungeschickterweise liegenzulassen?“ Um sie herum kicherten einige der Zuschauer und Heiji ballte heimlich eine Faust.

 

War der Stress seinem Freund so sehr zu Kopf gestiegen, dass er zum Sprung angesetzt hatte, ohne den Abstand zu prüfen? Er hatte doch wohl nicht darauf gesetzt, dass eine gelassene Frau wie Kuraiko sich in einem Wortgefecht zu einem verbalen Fauxpas hinreißen ließ, oder?!

 

„Nein, von ‚lose‘ habe ich nichts gesagt“, entgegnete Saguru jedoch und hielt den Stein ins Licht, „Es war ein Anhänger.“ „Du meinst also, meine Kette hätte ursprünglich noch einen Onyx-Anhänger aufgewiesen“, lächelte sie amüsiert, „Aber ich muss dich enttäuschen. Sieh dir doch nur die Front an! Jeder filigrane Kunstkenner wird dir bestätigen, dass dieses Perlen-Ornament dazu bestimmt ist, für sich zu stehen. Wenn man einen Anhänger von dieser Größe zufügt, wirkt es hoffnungslos überladen. Und weil ich zugeben muss, dass es durchaus derart unästhetische Juweliere gibt, die die Grenze zwischen ‚üppig‘ und ‚zu viel des Guten‘ nicht kennen, gebe ich dir auch gleich einen anderen, ganz sachlichen Grund an die Hand, warum deine Theorie nicht in die Praxis umzusetzen ist: Durch das zusätzliche Gewicht würde sich die ganze Kette verziehen und nicht mehr natürlich fallen. Keine modebewusste Frau würde ein derart teures Schmuckstück wählen, das wie ein Kartoffelsack um ihren Hals hängt!“

 

„Sie missverstehen mich. Es war ein Anhänger. Allerdings der eines Ohrrings.“

 

Sie schüttelte mitleidig kichernd den Kopf: „Das wird ja immer besser. Jetzt fantasiert er sich schon irgendwelche Luftschlösser zusammen, weil all seine Verdächtigungen und Mutmaßungen keinen Sinn mehr ergeben.“ Sie wandte sich an den Präsidenten: „Ist es wirklich nötig, diese Farce noch weiter mitzumachen? Ist Ihnen die Karriere Ihres Sohnes wirklich so wichtig, dass Sie tatenlos zusehen, wie er und seine Freunde unschuldigen Bürgern haltlos Verbrechen anlasten?“ „Das liegt mir fern“, bestätigte er entschieden und musterte Saguru durchdringend, „Ich würde auch gerne erfahren, worauf du mit dieser Eröffnung hinaus willst.“ Saguru verschränkte die Arme vor der Brust: „Ich möchte lediglich von Frau Ienaga wissen, ob sie zu dieser Kette passende Ohrringe besitzt.“

 

„Und damit zugibt, an einem Ort gewesen zu sein, der eine erwiesene Tatwaffe beherbergt und den sie behauptet, lange nicht mehr betreten zu haben?“

 

„Nein. Das muss es nicht zwingend heißen. Nur, weil sie Ohrringe wie diese besitzt, muss es sie nicht unbedingt belasten.“

 

Er wandte sich wieder an die Frau: „Haben Sie oder haben Sie keine solchen Ohrringe, Kuraiko? Es kann Sie durchaus entlasten, wenn Sie ein vollständiges Set vorweisen können.“ „Zuallererst: Es gibt bis jetzt nicht einmal etwas Stichhaltiges, was mich konkret belastet“, spottete sie völlig unbeeindruckt, „Aber um nicht wieder beschuldigt zu werden, elementaren Fragen auszuweichen: Nein, ich besitze keine solchen Ohrringe. Ich besitze noch nicht einmal sonstigen Schmuck, der aus Mineralen besteht. Das hier ist das einzige Teil dieser Art.“

 

„Sind Sie ganz sicher? Haben Sie vielleicht früher einmal welche besessen, die Sie nur nicht mehr anlegen? Bitte denken Sie genau nach.“

 

„Ich versichere dir, ich weiß sehr genau, was sich in meiner Schmuckschatulle befindet. Und Onyx-Ohrringe gehören nicht dazu.“

 

„Sie sind sich absolut sicher?“

 

„Ich wiederhole mich nicht gern immer und immer wieder. Ich besitze keine Onyx-Ohrringe!“

 

„... Verstanden. Da kann man wohl nichts machen.“

 

Heiji meinte, seinen Ohren nicht zu trauen. All dieses selbstsichere Auftreten, das ganze schlaue Gerede, das nachdrückliche Bohren ... Und nun musste Saguru aufgeben, weil er die Redekunst seiner Kontrahentin unterschätzt hatte?! Das konnte nicht wahr sein!

 

„He, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?!“, er packte seinen Freund zornentbrannt am Kragen und zog ihn an sich, „Du willst mir nicht erzählen, dass du die ganze Konfrontation nicht zu Ende gedacht hast, oder?!“ Um sie herum entspannten sich die Leute und das Raunen erhob sich wieder in die Stille hinein. Kuraiko lachte kopfschüttelnd, ein tiefes, gelöstes Geräusch, und wandte sich zum Gehen. Heizos und Ginshiros Blicke ruhten noch eine Sekunde auf den beiden und man sah ihnen deutlich die Enttäuschung über ein solch kindisches, verantwortungsloses Gebaren an. Kazuha sah sich verzweifelt um, als sie sich und ihre Freunde von allen Seiten verlassen wähnte.

 

In der Hoffnung, irgendjemanden einen Geistesblitz zu bescheren, fragte sie Saguru lauter als gewöhnlich: „Aber ... Wie kommst du überhaupt darauf, dass es ein Ohrring gewesen sein könnte?“ Die stumme Frage, die sich anschloss, stimmte manche Zuhörer neugierig und es wurde wieder ein bisschen stiller im Raum.

 

‚Du hast doch nicht nur geblufft, oder?‘

 

Saguru seufzte und warf den Stein einige Male in die Höhe, stellte ihn dann zwischen zwei Fingern auf und hielt ihn ihr vor die Nase: „Siehst du diese feinen Kratzer und den kleinen Klecks durchsichtige Schicht am einen Ende des Tropfens? Das ist Heißkleber, wie ein Juwelier ihn benutzt, um einzelne Teile eines Schmuckstücks sicherer aneinander zu befestigen. Die Kratzer stammen von einem metallischen Rahmen. Dieser Stein war an eben dieser Stelle eingefasst.“ Er konnte praktisch sehen, wie Kuraiko mit den Augen rollte, obwohl sie ihnen den Rücken zugewandt hatte und, begleitet vom Hauptkommissar, noch immer auf den Ausgang zuschritt. Er fixierte sie weiterhin mit hoher Konzentration, während er unbefangen fortfuhr.

 

„Es handelt sich dabei um eine goldene Fassung mit fächerförmigen Schlaufen am äußeren Ende und einer gewundenen Krone aus Silber, die in das Schwarz des Steins übergeht.“

 

Sie hielt an.

 

„Zum Ohr hin reichen drei Perlen in zunehmender Größe, die größte davon eingefasst im Stecker selbst. Anders als bei den meisten Ohrhängern ist bei diesem Exemplar das breite Ende des Tropfens eingefasst, sodass sich die Masse zur Schulter hin verjüngt. Und über den Tropfen fallen drei sehr filigrane goldene Kettchen. Ein ausgesprochen schönes Stück, wenn ich das so sagen darf ...“

 

Sie hatte ihm den Kopf zugedreht und sah ihn nun stumm, aber durchdringend an.

 

Kazuha staunte nicht schlecht: „Das ist ja Wahnsinn! Das alles hast du nur aus ein paar Kratzern und einem Rest Kleber gefolgert?! So gut ist ja nicht mal Shinichi Kudo!“ Heiji blinzelte und beschloss, ihr im Angesicht dieser Eröffnungen Sagurus Vergleich mit der Königsklasse durchgehen zu lassen: „Kazuha, sei nicht blöd! Sowas ist unmöglich! Du hast dir das gerade aus den Fingern gesaugt, oder?“ „Nein“, antwortete ihm Saguru mit einer solchen Festigkeit, dass er plötzlich keinerlei Zweifel daran hegte, dass ein solcher Ohrring in diesem Haus existierte.

 

Und er hatte offensichtlich noch jemanden sehr überzeugt.

 

Heizo trat zu ihnen, hebelte Heijis Hand aus Sagurus Kragen und schob seinen Sohn ein wenig zur Seite: „Eine so genaue Beschreibung ist bei so wenig Basis tatsächlich ausgesprochen ungewöhnlich.“ Er musterte ihn eine Weile stumm und fragte dann voller Überzeugung: „Wo hast du ihn gesehen?“

 

„Auf dem Wandgemälde im Speisesaal.“

 

---

 

Sie sahen es sich an. Saguru, Heiji, Kazuha, Heizo, Ginshiro, der aus irgendeinem Grund nun noch ein bisschen dichter bei Kuraiko stand und so viele Schaulustige, wie nur irgendwie in den plötzlich viel zu kleinen Saal passten.

 

Nachdem die Polizei die protestierenden Gäste wieder hinausbefördert hatte und sie unter sich waren, studierten sie das Bild eingehend und kamen zu dem Schluss, dass Saguru recht hatte. Das Motiv zeigte Soji, seine Frau, seinen Sohn und Kuraiko, alle elegant gekleidet und zurechtgemacht. Und Kuraiko trug die Onyx-Kette und dazu passende schwarz-goldene Ohrhänger. „Können Sie es mir erklären?“, fragte Saguru in die nachdenklich Stille hinein, „Können Sie mir sagen, warum Sie auf diesem Bild die Ohrringe tragen, die Sie zu besitzen vorhin noch so vehement abgestritten haben?“

 

„Man will mich aufgrund eines Gemäldes festnageln“, schnaubte sie abfällig, „Das ist köstlich. Woher soll ich wissen, was sich der Künstler dabei gedacht hat? Vielleicht hat er gedacht, dass ich mit einem passenden Set besser aussehe? Das ist kein Beweis.“ Doch er wich nicht davon ab: „Sehen Sie sich doch die Kette an. Jedes einzelne Glied ist ausgemalt. Das Muster des Kleides Ihrer Mutter ist ausgemalt. Selbst der Aufdruck auf den Krawatten der Männer ist ausgemalt! Sie wollen uns weismachen, dass ein Maler, der in allen sonstigen Details so ungemein viel Sorgfalt walten ließ, plötzlich auf die Idee kommt, sinnlose Accessoires hinzuzufügen, noch dazu mit der Begründung, dass sein Auftraggeber ‚besser so aussieht‘? Ein recht kühnes Vorgehen, wenn Sie mich fragen.“

 

„Hm, vielleicht habe ich es auch einfach nur vergessen, dass ich mal solchen Schmuck besessen habe.“

 

„Mit Verlaub, ich glaube kaum, dass eine ‚modebewusste‘ Frau wie Sie es einfach so vergisst, wenn derart schöne Stücke ihrer Sammlung verloren gehen. Jeder andere Mensch hätte bei meiner Frage vorhin zumindest so etwas geantwortet wie ‚Ich glaube, ich hatte einmal ein passendes Set, aber ich besitze es leider nicht mehr‘. Sie aber haben eindringlich abgestritten, jemals mehr Onyx als in dieser Kette vorhanden besessen zu haben. Ist das nicht reichlich radikal?“

 

Sie musterte ihn nur wortlos, sodass sich der Hauptkommissar räusperte: „Frau Ienaga, Sie haben recht, ein Gemälde ich natürlich kein Beweis. Allerdings erregt es den berechtigten Verdacht, dass Sie uns etwas zu verschweigen versucht haben, was uns wiederum dazu zwingt, Maßnahmen zur Aufklärung zu ergreifen. Wir nehmen uns deswegen hiermit das Recht heraus, den Stein untersuchen zu lassen.“ Kazuha legte den Kopf schief und flüsterte Heiji zu: „Was bringt das denn? Er hat so lange im Dreck gelegen ... Meinst du, sie werden noch was finden?“ Er grinste zurück: „Keine Sorge. Es würde mich um ehrlich zu sein eher wundern, wenn sie nichts finden.“

 

Saguru flüsterte nickend: „Schmutz verwischt vielleicht Fingerabdrücke, aber mit etwas Glück lassen sie sich noch zuordnen. Es ist fast unmöglich, an einem Ohrring keine zu hinterlassen. Beim Öffnen, beim Schließen, beim Damit-Herumspielen ... Ohrringe werden unbewusst immer wieder angefasst. Außerdem liegen sie dicht an der Haut, es könnten sich also auch DNA-Spuren daran befinden. Denn weil sie ihn verloren hat, tendiert die Wahrscheinlichkeit gen Null, dass sie ihn vorher abwischen konnte.“

 

Kazuhas Mund formte ein anerkennendes „Oh“, als ihr Vater weitersprach: „Sollte es sich herausstellen, dass der Stein Ihnen gehört, werden wir das Haus nach Gift und Giftspuren durchsuchen. Sie werden bis zu diesem Zeitpunkt unter ständige Beobachtung gestellt. Entschuldigen Sie bitte die Umstände.“ „Ich schätze, das warʼs für sie“, flüsterte Kazuha, „Es gibt nun wirklich keinen Ausweg mehr.“ Doch Heiji und Saguru fühlten einen kalten Schauer im Nacken, während sie die Reaktion der Hauptverdächtigen studierten.

 

Kuraiko lächelte.

 

Sie lächelte, als ob sie der ganze Fall überhaupt nicht betraf. Die beiden Detektive sahen sich verstohlen an. Sie konnte doch nicht noch einen Trumpf im Ärmel haben, oder etwa doch? Sie grübelten so sehr, dass ihre Stimme sie beinahe brutal aus den Gedanken riss. „Hm, ich habe dieses Bild doch tatsächlich ganz vergessen“, flötete sie wie zu sich selbst, „Wenn man etwas tagein, tagaus sieht, beachtet man es irgendwann gar nicht mehr. Aber offensichtlich gibt es hier noch einige Leute, die sich auch für unbedeutende Details interessieren. Ich fürchte, ich habe deine Aufmerksamkeit unterschätzt.“ Sagurus Stirn legte sich in tiefe Falten. Brachte diese Frau denn gar nichts aus der Ruhe?

 

Sie fuhr seelenruhig fort: „Wenn man sich zu sehr an etwas gewöhnt, besteht die Gefahr, dass man es irgendwann für selbstverständlich hält. So wie Vater. Früher, als er noch mit meinem Bruder die Geschäfte geführt hat, war noch alles gut. Wir Frauen wussten nichts von ihren Angelegenheiten und konnten unser Leben in Luxus leben, wie wir es gewöhnt waren. Aber dann verloren wir erst Mutter und dann auch noch meinen Bruder. Danach wurden mir die Augen geöffnet.“

 

Wieder trafen sich Heijis und Sagurus Blicke. Dies sollte doch nicht etwa ein ...

 

„Plötzlich musste ich mich mit Wirtschaft und Finanzen beschäftigen. Nicht, dass mir das ein Dorn im Auge gewesen wäre. Es hat mir sogar Freude bereitet, nachdem ich erst in die Materie eingetaucht bin. Aber je tiefer ich tauchte, desto mehr Unrat stieg mir entgegen. Ich sage ja gerade Ihnen wahrscheinlich nichts Neues, wenn ich darauf hinweise, wie viel Geld man mit dem Waffenhandel machen kann. Und ... ganz besonders mit Illegalem.“

 

Ginshiro hob eine Hand: „Einen Moment mal, Frau Ienaga. Bevor Sie weiterreden, muss Ihnen klar sein, dass Sie sich selbst nicht belasten müssen.“ Sie lachte laut auf: „Oh, keine Sorge, das tue ich nicht! Alles, was mit dem ... heimlichen Teil unserer Firma zu tun hat, hat immer schon mein Vater geregelt. Für kein Geld der Welt hätte ich meine Unterschrift unter eins dieser Mordwerkzeuge gesetzt! Aber mein Vater hat den Hals nicht vollgekriegt. Zu mehr und mehr Gefälligkeiten haben ihn diese verfluchten Amis verleitet, ihm immer mehr überzählige und schlecht verarbeitete Knarren aufgeschwatzt! Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte er gar keine andere Wahl mehr, als sie ohne Rücksicht auf Verluste an den Mann zu bringen, selbst wenn dieser ‚Mann‘ weder Lizenz noch verantwortungsvolle Vergangenheit aufweisen konnte! Ich habe ihn so oft aufgefordert, die Zusammenarbeit mit der WAFF aufzulösen, aber es hätte einen gewaltigen finanziellen Verlust bedeutet, den er nicht gewagt hat, zu riskieren! Er hat sich wohl auch zu sehr an unseren ausschweifenden Lebenswandel gewöhnt, hielt ihn ebenfalls für selbstverständlich.“

 

Sie blickte plötzlich hasserfüllt zu Boden: „Und stattdessen sterben tagtäglich Unschuldige durch Waffen, die durch unsere Hände auf die Straße gelangen. Alles nur, weil die Firma einen zu feigen Inhaber hat, der sich nicht von falschen Freunden trennen will!“

 

Dann sah sie lächelnd wieder auf: „Deswegen wollte ich ihn absetzen. Habe ihm vorgeschlagen, ihm ein süßes Rentenleben zu ermöglichen, wenn er mir die Firma vorzeitig überlässt. Aber er hat mich durchschaut, wusste, dass ich der WAFF sofort den Rücken gekehrt hätte, sobald ich das Ruder in der Hand hielt. Weniger Luxus für ihn, verstehen Sie? Deshalb sah ich mich gezwungen, zu etwas härteren Mitteln zu greifen, um ihn zu stoppen. Permanent zu stoppen.“

 

Es wurde tatsächlich ein Geständnis.

 

„Es ist, wie Saguru gesagt hat. Ich wollte ihn umbringen. Ich wollte ihn dahinsiechen lassen, damit er merkt, dass ein Leben in Schmerzen kein süßes ist! Damit er merkt, wie unser Handeln andere Menschen verletzt!“

 

Saguru wandte nüchtern ein: „Warum haben Sie nicht einfach Anzeige gegen ihn erstattet? Das hätte die kriminellen Machenschaften auf beiden Seiten viel zuverlässiger gestoppt!“ Sie sah ihn an, als wunderte sie sich über den plötzlichen Einsturz seiner Intelligenz: „Und den Ruf unserer Firma ruinieren? Kunden einbüßen? Bankrott gehen? Alles nur, damit die ganzen unabhängigen, versteckten Nutznießer der WAFF sie übernehmen können, um den gierigen Fuß noch tiefer in unsere japanische Tür zu schieben?! Nein. Es gab keine andere Möglichkeit. Ich hätte der Menschheit einen Dienst erwiesen, aber du hast mich aufgehalten. Du kannst wahrlich stolz auf dich sein!“

 

Und nun war ihm klar, weswegen sie trotz des für sie so ungünstigen Verlaufs der Dinge keinerlei Anzeichen von Sorge oder Nervosität zu empfinden schien.

 

Sie fühlte sich vollkommen im moralischen Recht.

 

Es sagte für quälend lange Minuten niemand mehr etwas, ehe sich Ginshiro schließlich räusperte und ihr eine Hand auf den Arm legte, um sie in Richtung Ausgang zu weisen: „Nun ... Da Sie offensichtlich kein Interesse mehr daran haben, Ihre Taten zu leugnen, möchte ich Sie bitten, sich von uns aufs Revier begleiten zu lassen.“ Während er ihr ihre Rechte diktierte, musterte sie aufmerksam weiterhin die Jugendlichen, die wiederum sie nicht aus den Augen ließen. Kaum, dass er geendet hatte, fragte sie mit unverhohlener Achtung in der Stimme: „Ihr habt es gewusst, nicht wahr? Ihr wusstet, dass ich es war, seit unseres ersten Gesprächs über das Thema. Wie habt ihr mich so zuverlässig als Täter einordnen können?“ Kazuha sah zu ihren beiden Freunden auf. Auch sie hatte sich diese Frage schon mehrmals an dem Abend gestellt und war ehrlich gespannt auf die Antwort.

 

Saguru zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ob er einen gefährlichen Angriff von ihr erwartete, sollte er den Blickkontakt unterbrechen: „Wir haben Sie zu einem Zeitpunkt befragt, in dem der ‚Verdacht auf versuchten Mord‘ durch meine Aussage entschärft und wieder auf ‚Verdacht auf unglücklich kontaminierte Lebensmittel‘ gesunken war. Aber Sie erschienen von Anfang an sicher, dass die Ermittlungen früher oder später auf den Mordverdacht zurückfallen würden. Sie haben von ‚Vergiften‘ gesprochen, sich gefragt, ‚warum der Gärtner Ihrem Vater so etwas antun sollte‘ und haben sich Sorgen gemacht, dass der ‚Verdacht auf Sie fallen‘ könnte.“ Kuraiko blinzelte perplex: „Aber ... der junge Herr Detektiv des Ostens hat doch deutlich darauf hingewiesen, dass der Käse vergiftet war und man von Mord ausgehen musste?“ Heiji prokelte sich höchst unhöflich im Ohr und brummte abwesend: „Nö. Ich hab nur gesagt, dass der Käse eine geringe Konzentration an Rattengift enthält und dass wir Grund zu der Annahme hätten, dass Sie die Einzige sind, die sich mit dem Zeug beschäftigt. Keine Ahnung, warum Sie von diesen paar Fakten auf Mord geschlossen haben. Wir hätten auch einfach nur wissen wollen, woher Sie diese Nasenbeleidigung beziehen, um beispielsweise die einzelnen Stationen des Transports ausfindig zu machen und Möglichkeiten zu entdecken, wann und wie es zur Verunreinigung gekommen ist.“

 

„Und noch etwas“, ergänzte Saguru etwas steif, „Selbst, wenn man von Mord ausgegangen wäre, hätten die wenigen Informationen, die alle Unbeteiligten in dem Moment hatten, nur einen Schluss zugelassen.“ Er senkte den Kopf: „Nämlich, dass Soji Ienaga Shun Hakuba hatte vergiften wollen. Ihr Image ist perfekt, Kuraiko. Sie und ihr Vater sind respektable Geschäftspartner, skandalfrei, ehrenwert und seriös. Niemand, der kein internes Wissen besitzt, würde auf den ersten Blick davon ausgehen, dass einer von Ihnen Feinde hat, die bereit wären, über Leichen zu gehen. Mein Vater hingegen ist berufsbedingt stark gefährdet. Wenn ein Polizist zu Schaden kommt, ist es, wie ja auch der erste Gedankengang von Hauptkommissar Toyama bewiesen hat, viel naheliegender, sofort an ein Racheverbrechen zu denken, völlig egal, wer noch daran beteiligt ist. Sie aber haben nie ein anderes Opfer als Ihren eigenen Vater in der Sache gesehen.“ Er verankerte seinen Blick mit ihrem: „Es war nicht mehr als Instinkt, wirklich.“

 

„Hm“, schnaufte sie belustigt, „vom Instinkt eines anderen ausgebootet. Das ist mir seit meinen Lehrjahren nicht mehr passiert. Aber wisst ihr ... Diesen vermaledeiten Onyx habe ich seit seinem Verlust verzweifelt gesucht. Dass ich ihn ausgerechnet an dem Ort verloren habe, der sich fatal für mich erweisen soll ... Ich schätze, das ist Gottes überaus humorvolle Art, mich wissen zu lassen, dass ich die falschen Methoden angewandt habe.“

 

Damit ließ sie sich von zwei herbeigerufenen Polizisten abführen, ohne sich auch nur noch einmal umzuschauen.

 

Die drei Jugendlichen sahen ihr nachdenklich nach, bis Kazuha bekümmert flüsterte: „Sie hat die Gewalt angeprangert, für die ihr Vater stand und dann Gewalt benutzt, um ihn aufzuhalten. Ja, sie hat definitiv die falschen Methoden angewandt!“ Ginshiro seufzte angestrengt und klopfte den Jungs auf die Schultern: „Gut gemacht, ihr Rabauken! In einigen Augenblicken ist mir ja fast das Herz stehengeblieben, aber ihr habt den Fall sauber gelöst, Kompliment!“ Er spürte einen flammenden Blick im Rücken und lachte verlegen: „Ähm, jetzt müsst ihr mich aber entschuldigen! Ich habe eine Tatverdächtige abzuliefern!“

 

Er war schneller verschwunden, als Heiji ihn um Hilfe anflehen konnte, denn den von ihm verlassenen Platz füllte alsbald ein sehr streng dreinschauender, wenig glücklich wirkender Heizo und selbst Saguru, der sich eigentlich nicht davon hätte betroffen fühlen sollen, zog den Kopf ein wenig ein.

 

„Gute Arbeit.“

 

„... Häh?“

 

Heiji starrte seinen Vater an wie eine mit Backpulver gefüllte Ameise, doch Heizo sprach gelassen weiter: „Aber das nächste Mal seht bitte davon ab, der Polizei absichtlich vollständige ärztliche Diagnosen vorzuenthalten, Kollegen auszunutzen, Zeugen zu verschrecken oder Beweismittel einzustecken. Ihr könnt froh sein, dass alle Gäste in diesem Fall Tatverdächtige waren, somit auch ich und ich deswegen keine echte Befehlsgewalt hatte, aber ich an Toyamas Stelle hätte euch in Vieux-Boulogne geteert, in Weinblättern gefedert und diesem selbstverliebten Koch zum Filetieren vorgelegt. Und jetzt entschuldigt mich. Es wird Zeit, einen gewissen Verein unter die Lupe zu nehmen.“

 

Verdattert sahen sie ihn davon marschieren und starrten sich dann gegenseitig an.

 

Heiji war der Erste, der seine Gesichtsmuskeln entspannte und in ein breites Grinsen verfiel: „Tja ... Dann steht es jetzt wohl Eins zu Eins, was? Hab ja dieses Mal nicht viel Produktives beigetragen ...“ Saguru lächelte erleichtert: „Mehr als du denkst. Aber Eins zu Eins hört sich gut an.“ Sie kicherten simultan, bis Saguru aufschreckte: „Oh, verdammt! Ich muss zurück zum Krankenhaus! Kazuha, es war mir eine Freude. Heiji ... Ich fürchte, man sieht sich.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Saal. „Ja ja, du mich auch“, pöbelte Heiji ihm wohlwollend hinterher. Kazuha überlegte angestrengt und fragte dann ungläubig: „Sag mal, kann es sein, dass du ihn mit dem ganzen Wettstreit-Gesülze nur von der Sorge um seinen Vater ablenken wolltest?“

 

„Ach, halt die Klappe und verschon mich mit deinem sentimentalen Mist!“

 

Er versenkte verächtlich schnaubend die Hände in den Hosentaschen und schlenderte verdächtig schnell gen Ausgang: „Jetzt schwing schon die Hufe, Kazuha! Ich lad dich auf ʼnen Burger ein. Hab voll Hunger, hier durften wir uns ja nicht besonders sattessen!“ Sie schmunzelte nur und beeilte sich, um nicht den Anschluss zu verlieren.

 

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„Ich habe immer gewusst, dass Kuraiko meine Zusammenarbeit mit der WAFF zu schaffen macht. Aber sie hatten mich in der Hand. Sie haben mir gedroht, sich nach meinem armen Sohn auch noch um meine Tochter zu ‚kümmern‘, wenn ich nicht kooperiere ... Ich hatte die Wahl zwischen einem Leben, in dem ich mir um Geld keine Sorgen machen musste, solange ich ab und zu beide Augen zudrücke und einem Leben ohne Familie. Ich habe nicht lange überlegen müssen, wenn Sie verstehen. Aber um ehrlich zu sein, bin ich froh, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß, aber tun Sie mir dafür den Gefallen, auf meine Tochter achtzugeben ...“

 

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Ginshiro zog seufzend die Tür des Krankenzimmers ins Schloss und nickte den beiden Beamten zu, die rechts und links der Tür im Gang saßen. Er gesellte sich in Gedanken versunken zu Kazuha, Heizo und Heiji, die etwas abseits auf ihn warteten: „Herr Ienaga hat uns volle Kooperation zugesichert mit der Bedingung, dass wir Kuraikos Leben beschützen. Wir sollten uns daran machen, ihr eine wirklich gute neue Identität zu verschaffen. Die WAFF hat ihre schmutzigen Finger in verdammt vielen öffentlichen Pöstchen stecken.“ Heizo nickte nur und sie machten sich auf, um einige Zimmer weiterzumarschieren und dort höflich anzuklopfen. Ein dunkles „Herein“ ließ sie eintreten.

 

„Guten Morgen, Herr Hakuba“, flüsterte Kazuha grinsend und ging schnurstracks zum Nachttisch, um die leere Vase, die darauf stand, mit einem mitgebrachten Blumenstrauß zu füllen, „Geht es Ihnen wieder besser?“ Der Polizeipräsident von Tokio lachte ebenso leise, um seinen in einem Stuhl neben dem Bett zusammengesunkenen Sohn nicht zu wecken: „Bei so viel Fürsorge einer jungen Dame kann doch niemand lange krankfeiern, oder? Guten Morgen, die Herren! Ich hörte bereits von Saguru von der Sache mit den Ienagas. Was für eine traurige Entwicklung. Da meint man, einen Menschen gut zu kennen und dann wird man trotzdem so dermaßen überrascht ...“ „Wenn es Sie beruhigt, Kollege“, versicherte Heizo zuversichtlich, „Weder der Vater noch die Tochter sind wahrlich von Grund auf verdorben. Es ändert nichts an ihrer Schuld, aber es besteht noch Hoffnung, dass sie sich vielleicht wieder anzunähern schaffen.“ „Das sind gute Nachrichten“, freute sich Shun sichtlich, blickte dann linkisch auf Saguru hinab und hielt sich eine Hand vor den Mund, um den Besuchern zuflüstern zu können, „Übrigens, wie wäre es mit einigen vorzüglichen belgischen Pralinen?“ Sie sahen ihn ausdruckslos an und Kazuha brachte betroffen hervor: „Aber Herr Hakuba, Sie haben sich doch gerade erst von einer Vergiftung erholt! Wie sind Sie denn hier an Pralinen gelangt?!“

 

„Ich hab einen der Pfleger bestochen, kein Problem, kein Problem!“

 

„Sind Sie sicher, dass Sie so fette Süßigkeiten denn überhaupt schon wieder vertragen? Sie sollten es wirklich ein wenig leichter-“

 

Er sah sie verschämt und todtraurig an und sie schwitzte verlegen: „A... also gut ... Ähm ... Eine kann ich ja ...“ Sofort strahlte er wie ein Honigkuchenpferd und zog eine hübsch verzierte Schachtel unter einer gefalteten Tageszeitung hervor. Er hob den Deckel ab, freute sich sichtlich und streckte sie ihr einladend entgegen. Sie beugte sich, selbst nicht ganz ohne Vorfreude, darüber und ließ den Finger über die appetitliche Schokolade schweben ...

 

„CHRUATSCHIII!!!“

 

Sie erschrak so sehr, dass ihr ein lautes Quieken entfuhr. Leider war ihr nicht bewusst, dass sie sich sehr nah an Sagurus Ohr befand und wenn ihn Heijis garantiert unbeabsichtigtes Niesen nicht aufgeschreckt hätte, hätte es der schrille Ton getan, der ihr über die Lippen glitt. Sein Kopf fuhr mit einem orientierungslosen Ächzen auf und der Zufall wollte es, dass er geradewegs auf die offene Pralinenschachtel starrte. Er folgte der Hand, die sie hielt, über den Arm zu einem schockierten und sehr schuldbewussten Gesicht. Stumm betrachtete er seinen Vater, der die Schachtel langsam sinken ließ, sie auf Sagurus Knien ablegte, sich auf die andere Seite drehte und die Decke über den Kopf zog.

 

Saguru hob die Schachtel auf und reichte sie Heiji, der sie grinsend an sich nahm und sofort darin herumwühlte. Sein Ausdruck glich dem eines barmherzigen Engels: „Hallo, Kazuha. Was für eine angenehme Überraschung, dich zu sehen. Herr Hattori, Herr Toyama ... Heiji ...“ Der andere Detektiv winkte ihm grinsend mit bereits schokoladenverschmiertem Mund zu. Heizo ergriff das Wort: „Wir hatten etwas mit Herrn Ienaga zu besprechen und wollten uns nur kurz nach dem Befinden deines Herrn Vaters erkundigen. Offensichtlich waren unsere Sorgen unbegründet.“ „Oh nein, bei ihm sind Sorgen niemals unbegründet“, lächelte Saguru sonnig, „Aber seien Sie sich gewiss, dass wir uns in nächster Zeit sehr fürsorglich um ihn kümmern werden. Danke der Nachfrage.“

 

Die Decke zitterte heftig, als sich der Patient seine drohende Zukunft bildlich vorstellte.

 

In diesem Moment ging die Tür auf und der behandelnde Arzt schritt munter schwatzend herein: „Herr Hakuba, wir haben jetzt endlich die endgültigen Untersuchungsergebnisse reinbekom... Oh, entschuldigen Sie, ich wusste nicht, dass Sie so reichen Besuch haben! Dann komme ich später nochmal!“ Shun riss sich, erfreut über die Ablenkung von seiner Person, die Decke vom Kopf und winkte ihn wieder näher heran: „Nein, Herr Doktor, ist schon gut! Diese Herrschaften wissen sowieso Bescheid, nur keine Hemmungen!“ Der Arzt schnippte mit den Fingern und die Schwester an seiner Seite überreichte ihm ein Dokument: „Na, wenn das so ist! Schön, schön, was haben wir denn hier? Also ... Wie es sich ja herausgestellt hat, sind wir gestern Nacht eindeutig auf eine Vergiftung durch Difethialon gekommen, richtig? ... Tja, das ist bedauerlicherweise so nicht ganz korrekt gewesen.“ Alle runzelten die Stirn und Saguru schwante Übles: „Doktor ... Sie möchten aber nicht sagen, dass er doch einen Infarkt oder dergleichen erlitten hat, oder?“

 

„Aha, nein, keine Sorge, so schlimm ist es dann doch nicht. Es ist nur ... Wie uns unser Experte inzwischen versichert hat, konnte Ihr Herr Vater gar nicht von Difethialon beeinträchtigt werden ... Oder besser gesagt, nicht so schnell! Der Stoff wirkt nämlich zeitverzögert, das heißt, dass er erst nach ein paar Stunden seine Wirkung entfaltet. Das ist bei Rattengift sinnvoll, weil diese Biester ansonsten einen Bezug zum Futter und den toten Exemplaren aufbauen und die Köder dann nicht mehr fressen. Weil wir es in Ihrem Blut so schnell nachweisen und sofort mit Vitamin K gegensteuern konnten, hat sich die Effizienz des Giftes bis auf ein ungefährliches Maß minimiert. Und wenn ich das so anmerken darf, dank ihrer üppigen Leibesfülle hätte Sie die Dosis sowieso überhaupt nicht schädigen dürfen! ... Naja, kurz gesagt, es war nicht das Gift, was Sie auf die Bretter geschickt hat, Herr Hakuba ...“

 

Saguru war nicht wohl, doch er ließ sich nichts anmerken und fragte gefasst: „Und was war es dann? Kann man es heilen?“ Der Arzt lachte erneut: „Da würde ich mir keine Gedanken machen. Selbst kleine Kinder haben dieses Leiden schon überlebt. Es war eine schwere Magenkolik. Vereinfacht ausgedrückt: Sie haben sich schlicht und einfach ordentlich den Magen verdorben, Herr Hakuba.“

 

Alles war still. Erst als sich Shuns angeblich erkrankter Magen mit einem hungrigen Grollen bemerkbar machte, erstrahlte Sagurus Gesicht wieder in einem fröhlichen Lächeln: „Vielen Dank, Doktor. Wir sind wirklich erleichtert, dass es keine schwere oder gar tödliche Krankheit ist.“ „Kein Problem“, grinste der Arzt zurück und salutierte salopp, „Dann sehen wir uns bei der nächsten Kontrolle heute Abend, Herr Hakuba! Viel Spaß noch mit Ihrem Besuch!“ Shun machte Anstalten, ihn aufzuhalten, als er sich umdrehte und das Zimmer verließ, doch ein Blick von Saguru genügte, um ihn sich stattdessen verlegen am Kopf kratzen zu lassen: „Ja nun, wie das Leben so spielt, was? Ihr sagt immer, dass mich meine Völlerei ins Grab bringt, aber jetzt hat mir mein Fett stattdessen doch glatt das Leben gerettet! Siehst du, mein Junge, ich habe überhaupt keinen Grund mehr, abzuspecken!“

 

Ein dunkler Schatten legte sich über Sagurus Augenpartie und mit einem stechenden Blick auf seinen übertrieben grölenden Vater presste er mit mühsamer Contenance hervor: „... Ich setz dich für den Rest des Monats auf Nulldiät.“ Shun japste nach Luft und fuhr schockiert auf: „Was?! Nein, Saguru, das kannst du nicht-“

 

„Und ich rufe Mama an, die wird sich dann nächsten Monat um dich kümmern. Und du kannst sicher sein, dass sie dich auch auf Nulldiät setzt.“

 

„Saguru, Sohn, ich flehe dich an! Alles, nur nicht sie! Sie wird mich umbringen!“

 

„Und wenn der nächste Monat vorbei ist, werden wir dich durchchecken lassen. Und wenn deine Blutwerte dann immer noch nicht gesunken sind, werden wir Tante Haruka benachrichtigen. Und die wird dich für den Rest des Jahres auf Nulldiät setzen.“

 

„Oh mein Gooooott! Nicht Tante Haruka!“

 

Während sich Vater und Sohn weiterhin in einer gereizten Konversation verloren und Sätze wie „Ich werde verhungern“ mit solchen wie „Das ist auch der Sinn der Sache“ gekontert wurden, legte sich Heizo nachdenklich einen Finger an die Lippen: „Hm, wie kommt es nur, dass die einen Kinder so negativ geraten und die anderen wiederum so großartig?“ Heiji verdrückte die letzte Praline und ignorierte den enttäuschten Protest von Kazuha, die zu abgelenkt gewesen war, um das fortschreitende Verschwinden zu bemerken: „Che, keine Ahnung. Wird wohl an den Vätern liegen.“

5. Kapitel: Verhext und zugeneigt!

Autorennotizen

Sie konnte nicht fassen, dass sie es so lange nicht bemerkt hatte. Dabei erschien es jetzt, wo sie auf die kleinste Unregelmäßigkeit achtete, so überdeutlich, dass sie sich nicht entscheiden konnte, welchen ihrer zahlreichen dämonischen Helfershelfer sie zuerst für den Reinfall zur Verantwortung ziehen wollte.

 

Akako knabberte in wutentbrannter Grübelei auf ihrem Daumennagel, während sie auf einen kleinen Taschenspiegel starrte, der eine von ihr gewünschte Reflexion zeigte, ohne dass sie ihn passend auf das Motiv ausrichten musste. Sie hätte das auffallende Desinteresse viel früher erkennen müssen, die Schuld für ihre bisherige Ahnungslosigkeit gab sie aber Kaito, dem einzigen Jungen, der jedem Liebeszauber widerstand wie ein Fels in der Brandung. Oder zumindest hätte er der Einzige sein sollen. Doch nun war es klar wie die Consommé einer Sterneküche, dass die Magie noch eine zweite Person unbeeindruckt ließ.

 

Saguru Hakuba vergötterte sie nicht. Es war eine Unverschämtheit sondergleichen.

 

Sie wäre am liebsten sofort aufgesprungen, um ihn zur Rede zu stellen, denn sie war noch nie gut darin gewesen, sich von einem männlichen Wesen ignorieren zu lassen. Es war ein Affront, den sie nicht länger zu tolerieren bereit war, zumindest jetzt nicht mehr.

 

Er grüßte sie jeden Morgen, wenigstens so viel stand fest, und sie war sich auch seiner roten Ohren gewahr, wann immer sie mehr als einige wenige Worte mit ihm wechselte – was nicht oft vorkam, wie sie zerknirscht zugeben musste. Aber wie kam es, dass er ihr nicht trotzdem jede Sekunde ihres Lebens aufopferungsvoll zu Füßen lag?!

 

Saguru im Spiegel blätterte eine Seite im Englischbuch weiter, von dem sie wusste, dass sich dahinter ein Leitfaden irgendeiner wissenschaftlichen Untersuchung versteckte, die weit über den allgemeinen Kenntnisstand der Klasse hinausging.

 

Sie wischte knurrend über das kalte Glas und er verschwand. Stirnrunzelnd studierte sie ihr eigenes Ebenbild. Sagte ihm etwa ihr Äußeres nicht zu? Lächerlich! Sie war mit Abstand das schönste Mädchen der Schule, so schön, dass es ihrer Zaubertricks nicht einmal wirklich bedurfte, um allen den Atem zu rauben – sie ging nur gern auf Nummer sicher. Sie war so elysisch schön, dass inzwischen selbst einige Mädchen ihre Überlegenheit anerkannt hatten und sich Eifersucht gar nicht erst bildete. Es grenzte an Unmöglichkeit, dass derartiger Glanz einem Menschen mit Sagurus Wachsamkeit entging. Deswegen gab es nur eine logische Erklärung.

 

Saguru war Quereinsteiger. Sein verspäteter Schulwechsel musste ihm die Gelegenheit gegeben haben, ihrem ersten, allumfassenden Liebeszauber zu entgehen.

 

Es blieb deshalb nur eins für sie zu tun: Den Bann umgehend nachholen. Doch würde sie die Diskrepanz in der allgemeinen Bewunderung nun leider noch ein wenig länger erdulden müssen, bis die Pause eingeläutet wurde.

 

---

 

Kaum, dass die Lehrerin den Raum verlassen hatte, schickte Akako ihre Anbeter mehrere Runden auf dem Hof laufen, damit sie ihr bei ihrem Plan nicht im Wege standen und schlenderte zu dem wohlbekannten Trio, das sich stets unmittelbar nach Ende des Unterrichts formte. Es war ein merkwürdiger Anblick, Meisterdieb, Meisterdetektiv und Tochter des ermittelnden Hauptkommissars in neckischem Gespräch beisammen hocken zu sehen und nur Kaito hatte wohl eine Ahnung, wie sie auf jemanden, der sein Geheimnis kannte, wirken mussten. Da war er nun und zog die Aufmerksamkeit ihres Zielobjekts auf sich, ohne auch nur einen Finger krümmen zu müssen. Er hatte einfach natürliches Charisma, welches Saguru immer wieder an seinen Tisch zog und der sonst so blitzgescheite Schnüffler erkannte das noch nicht einmal.

 

Akako schmunzelte finster. Kaito würde schon sehr bald aufatmen können, denn sie würde die unaussprechliche Bürde auf sich nehmen, Saguru von ihm abzulenken. Dauerhaft. Und als nächstes würde sie sich ihn vorknöpfen und ihn endlich zu ihrem willigen Sklaven machen. Der Weg zur Herrschaft über alles Männliche würde danach nur noch ein Katzensprung sein, ohohohohoho ... Doch zuerst zum Wesentlichen.

 

„Darf ich euch stören?“, warf sie mit einem strahlenden Lächeln in die Runde und wandte sich, als die drei verstummten, an den Detektiv, „Könnte ich dich vielleicht kurz sprechen?“ Saguru blinzelte und sah irritiert auf Kaito hinab, der den Blick ebenso verwundert erwiderte. Er wies perplex auf sich: „... Mich?“ Es kam nicht oft vor, dass ihre Klassenschönheit sich dazu herabließ, mit ihm zu reden. Wenn es denn nötig war, schien sie es vorzuziehen, ihre Worte an Kaito oder Aoko zu richten und ihn so über Umwege zu erreichen. Er hatte daraus den traurigen Schluss gezogen, dass sie ihn nicht leiden konnte, wohl auch, weil sie offensichtlich Kaito mochte und er sich mit diesem nicht eben selten in die Haare geriet.

 

„Was ist nun?“, drängte sie ungeduldig und schreckte ihn damit aus seinen Gedanken auf, „Es wird auch nicht lange dauern!“ Er hob eine Augenbraue und räusperte sich zu ihrer Genugtuung sichtlich verlegen: „Nun, sicher. Womit kann ich denn dienen?“

 

‚Oh, schon sehr bald mit deiner gesamten Existenz!‘

 

Den korrekten Ausdruck besaß er offenbar schon. Jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, dass sein Körper ihm folgte.

 

„Unter vier Augen, wenn’s geht. Nichts für ungut, Aoko ...“

 

Das Mädchen hob schnell die Hände und schickte ihre Freunde mit der anschließenden Bemerkung in maßloser Überraschung zu Boden: „Oh, mach dir unseretwegen keine Sorgen! Wir verstehen schon! Manchmal möchten ein Junge und ein Mädchen eben unter sich sein! Nicht wahr, Kaito?“ Der Magier brummte nur und rappelte sich unbeholfen wieder auf, doch sah Akako das Misstrauen in seinen Augen. Sie warf ihm nur einen triumphalen Blick zu, während sie Saguru Richtung Flur schob.

 

Sie hatte offensichtlich einen Fehler begangen, indem sie sich dezent von ihm ferngehalten hatte. Je näher sie ihren Opfern kam, desto intensivere Wirkung entfaltete die Magie, und indem sie für Abstand zwischen ihnen gesorgt hatte, hatte sie zweifelsohne kontraproduktiv gehandelt. Diesen Fehler würde sie nun jedoch ausbügeln. Dafür hatte sie extra Parfüm mit hochaphrodisierendem Aroma angelegt, der ihre übrigen Mitschüler schon auf dem Schulweg in bettelnde Schoßhündchen verwandelt hatte. Jetzt musste sie nur dafür sorgen, dass Saguru einen ordentlichen Schwall davon in die Nase bekam und er würde Wachs in ihren Händen sein.

 

„Also?“, fragte Saguru gespannt, als sie auf dem Flur standen, etwas abseits der anderen kleinen und großen Gruppen, die auf der Suche nach Beschäftigung durchs Gebäude streiften, „Wie kann ich dir helfen?“ Sie setzte umgehend ein besonders unschuldiges Schmollen auf und legte künstlich verschämt eine Hand aufs Herz: „‚Helfen‘ ist ein gutes Stichwort. Ich weiß nicht weiter, Saguru. Es ist ein echter Notfall!“ Seine Stirn legte sich in besorgte Falten und er rückte unbewusst etwas näher an sie heran: „Das klingt erschreckend ernst. Bitte sprich ganz offen. Du kannst dir meiner Verschwiegenheit gewiss sein.“

 

‚Ganz recht, nur noch ein bisschen weiter ...‘

 

Sie machte einen Schritt auf ihn zu: „Es ist ernst. Sehr ernst sogar! Und es ist mir hochnotpeinlich, aber ...“ Sie fasste seine Hand und legte sie sich auf die Brust: „Naja, siehst du ... Vorhin ist mir doch glatt mein BH-Halter aufgesprungen und dummerweise finde ich auf Teufel komm raus die Schnalle nicht wieder! Du bist der Einzige, dem ich zutraue, sie ohne Hintergedanken herauszufischen, also ... Wärst du so lieb?“ Und damit streckte sie ihm ihre Oberweite entgegen – inklusive zwei gelöster oberer Knöpfe.

 

Einem derart direkten Annäherungsversuch hatte noch niemals jemand standhalten können, sei es nun Bekannter, Schüler oder Lehrer gewesen, lächelte sie siegesgewiss in sich hinein. Schon sehr bald würde die einzige Ausnahme auch wirklich die einzige bleiben.

 

Saguru starrte.

 

Und starrte.

 

Und starrte noch etwas mehr, ehe er den Blick hob und ein wenig bitter sagte: „Akako, du sollst wissen, dass ich derlei Scherzen nicht recht zugetan bin, deshalb weiß ich nicht, warum ihr euch ausgerechnet mich dafür ausgesucht habt. Ich würde mich zwar nicht unbedingt als Spielverderber bezeichnen, aber mancher Humor übertritt halt meiner Meinung nach gewisse moralische Grenzen und-“ Er lamentierte weiter, ohne ersichtliche Mühe ihren Ausschnitt ignorierend und nun war sie es, die starrte.

 

Es hätte anders laufen sollen. Sie hätte sich in diesem Augenblick seiner Bemühungen ergötzen sollen, in begeisterter Hilfsbereitschaft „versehentlich“ so viel Haut wie möglich zu streifen, nicht ihr durch die sehr höflich ausgedrückte Blume zu verstehen zu geben, dass ihr Verhalten gebührenden Anstand vermissen ließ!

 

„Meinst du, ich würde mit sowas scherzen, wenn es nicht wichtig wäre?!“, unterbrach sie ihn deshalb unwirsch und mit bereits leicht geröteten Wangen. Er verstummte und hob ungläubig eine Augenbraue. Nach einigen unangenehmen Sekunden brachte er mühsam hervor: „Du ... meinst das ernst?“ Vielleicht hatte er ja nur versucht, sich aus Furcht vor einer Blamage auf die rationale Ebene zu retten? Sie klaubte in Windeseile ihr verstreutes Selbstbewusstsein zusammen und lächelte so zuversichtlich wie möglich: „Natürlich! Ich stecke in einem Dilemma! Wenn du also endlich so freundlich wärst ...?“

 

‚Jetzt sei endlich ein Mann und steck deine Nase in meinen Ausschnitt!‘

 

Einige Male schnappte er nach Luft wie ein Fisch außerhalb des Wassers: „A... also ... Wäre es nicht viel sinnvoller, bei solchen Problemen ein Mädchen zu Rate zu ziehen?“

 

‚ZU VERNÜNFTIG!‘

 

Natürlich wäre es sinnvoller gewesen, aber welcher ganze Kerl berief sich denn bitteschön auf Logik, wenn es darum ging, ungestraft die Hand in eine prall gefüllte Bluse zu stecken?! Langsam wurde sie verzweifelt und nicht nur verhalten ärgerlich und mit einem entschiedenen Schritt ging sie auf Tuchfühlung, ihr verführerischstes Unschuldiges-Mädchen-Gesicht aufsetzend: „Oh nein, es ist noch tiefer gerutscht! Rette mich, Saguru!“

 

‚Nimm das, du Feind jeder verspielten Verführung!‘

 

Er wich einen Schritt zurück.

 

Er wich einen Schritt zurück!

 

Jungs wichen nicht vor ihr zurück, sie sprangen sie an! „Nein“, stammelte er etwas hilflos, „Ich denke wirklich, dass ich nicht der richtige Ansprechpartner für solche Dinge-“ Doch dann erblickte er hinter ihr Rettung und seine Augen leuchteten auf: „Aoko!“ Er eilte an ihr vorbei auf ihre Freundin zu, sie verdutzt stehen lassend.

 

Akako blinzelte mehrmals. Es war eine Sache, ihrer Ausstrahlung auf Abstand zu widerstehen. Doch einer direkten Konfrontation mit allen Regeln der Kunst zu entgehen deutete auf eine weitaus größere Resistenz als bisher angenommen hin.

 

Aoko erschien neben ihr: „Akako? Saguru meinte, du bräuchtest mich! ... Geht es dir nicht gut? Du bist so blass.“ Sie antwortete nicht, denn sie traute sich nicht zu, ihren aktuellen Zorn im Zaum halten zu können.

 

---

 

„Was bildet sich dieser vertrocknete Brite eigentlich ein?!“

 

Akako stampfte wutentbrannt auf und ab, die Flammen der Kerzen in ihrem heimlichen Verließ mit jeder Umdrehung hin und her flackernd: „Du hättest es sehen sollen, Luzifer! Er ... er hat mich dastehen lassen, als ... als hätte ich mich ihm angeboten!“ Etwas ratlos erklang es aus der Kristallkugel, die über einem kleinen, von vier speienden Kobras gehaltenen Podest schwebte: „Aber ist das nicht genau das, was Ihr getan habt?“ „Natürlich“, fauchte sie ungehalten zurück, „Aber mein Verführungsduft Nr.9 hätte ihn das genießen lassen müssen! Stattdessen hat er mich angesehen, als ob ... als ob es ihn angewidert hätte!“ Sie führte geistesabwesend die Hand zum Mund – und biss sich auf den Daumen, da der Nagel durch stetiges, angespanntes Kauen bereits zu einem bemitleidenswerten Stummel zusammengeschrumpft war. Sie stieß einen spitzen Schmerzensschrei aus und hüpfte heulend durch den Raum.

 

Die Kristallkugel folgte den hastigen Bewegungen und ein verlegener Schweißtropfen wanderte über das Glas. Welcher sich unversehens in einen stetigen Strom verwandelte, als sich ihr ein wilder Blick zuwandte.

 

„Eigentlich ist das alles deine Schuld“, zischte Akako und marschierte Richtung Zimmerecke, in der ein mächtiger Vorschlaghammer stand, „Du hast behauptet, Kaito Kuroba sei der einzige Mann, der niemals mein Sklave werden würde! Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen, Luzifer?!“ „Ich bin untröstlich, Herrin“, erwiderte der Dämon hastig, „aber tut jetzt bitte nichts Unüberlegtes! Saguru Hakuba dürfte tatsächlich nicht in der Lage sein, sich Eurem Willen zu widersetzen! Ich begreife selbst nicht, was ihm die Macht dazu verleiht!“

 

„Ich will keine Ausreden hören, du Nichtsnutz, nur konstruktive Lösungsvorschläge!“

 

„Aber der Liebeszauber ist für die meisten Menschen völlig ausreichend! Und gekoppelt mit Nr.9 ist er omnipotent!“

 

„Wie du siehst, ist er es eben nicht! Was gedenkst du mir also zu raten?!“

 

„Es ist mir ein absolutes Räts... Oh ... Da fällt mir ein, es gibt tatsächlich noch einen stärkeren Zauber ...“

 

„Was?! Und das sagst du mir erst jetzt?! Heraus damit!“

 

„Dürfte ich untertänigst darum bitten, dass Ihr erst den Hammer weg- ES IST EIN BANNSPRUCH ER HEISST KNECHTSCHAFT INNERHALB SELIGER SEHNSUCHT ICH HABE IHN EUCH VORENTHALTEN WEIL ER EXTREM GEFÄHRLICH IST DAS OPFER KÖNNTE IN SEINEM VERLANGEN GEWALTTÄTIG WERDEN UND DIE NÄHERE UMGEBUNG DES ANWENDERS AUCH!!!“

 

Akako ließ völlig in sich gekehrt den Hammer sinken: „Hm ... ‚Knechtschaft innerhalb seliger Sehnsucht‘ also ... Klingt vielversprechend! Wie führe ich ihn aus?“ Die Kugel ließ erleichtert den angehaltenen Atem entweichen und murmelte: „Ihr braucht einen Trank, den Ihr zu Euch nehmen müsst. Die Zubereitung ist dieselbe wie für ‚Spray zur Zwangsentleerung öffentlicher Getränkeautomaten, wenn du großen Durst, aber nur kleines Geld hast‘, lediglich die Reihenfolge der zugeführten Zutaten ist anders ... Aber Herrin? Ihr habt gehört, was ich über das Risiko gesagt habe, oder?“

 

„Ja ja, mach dir nicht in deine nicht existenten Hosen, du Schlappschwanz! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, in diesem Fall das Herz eines allzu störrischen Jungen! Es ist inakzeptabel, dass mein Einfluss einen toten Winkel hat – mal abgesehen von dem bereits erwähnten!“

 

„Aber ist es das wirklich wert? Es ist nicht gesagt, dass es funktioniert! Vielleicht ist er tatsächlich immun wie Kaito KiHMPF!“

 

Sie bewarf die Kugel mit Sitzkissen, bis die Proteste unter dem Berg von Stoff und Federn nur noch gedämpftes Kauderwelsch darstellten und wühlte dann weiter im Regal nach den benötigten Zusätzen.

 

‚Warte nur, Saguru Hakuba! Ab morgen wirst du mir gehören und wennʼs das Letzte ist, was ich tue!‘

 

---

 

Am nächsten Tag stand sie voller inneren Tatendrangs hinter der Tür zur Mensa und beobachtete Saguru, Kaito und Aoko, die an einem nicht weit entfernten Tisch ihr Mittagessen zu sich nahmen. Ihre Hand fuhr in ihre Tasche und förderte ein kleines Fläschchen zutage, das sie mit hitziger Vorfreude betrachtete.

 

‚Ihr müsst den Trank zu Euch nehmen, woraufhin Euer natürlicher Charme für vierundzwanzig Stunden vervielfacht wird. Wenn Ihr dann den Namen des Zaubers sprecht, der wie eine Initialisierungsformel funktioniert, und die Zielperson küsst, werden Botenstoffe direkt ins Nervensystem übertragen, die sie augenblicklich zu Eurem willenlosen Untertanen macht. Es muss nicht der ganze Name sein, die Anfangsbuchstaben reichen völlig aus, so mächtig ist der Spruch! Aber denkt bitte an meine Warnung und achtet auf Eure Umgebung, wenn-‘

 

Sie dachte zurück an die Worte ihres teuflischen Dieners und runzelte die Stirn, als sie sich nicht mehr recht des letzten Teils der Anweisung entsinnen konnte. Doch wenn er ihr entfallen war, konnte er so wichtig wohl nicht gewesen sein. „Die Initialen also ... Wie ungemein passend“, grinste sie in sich hinein.

 

Es mussten die Lippen sein, auf so viel hatte Luzifer rigoros bestanden, weil sie einen besonders empfänglichen Teil des Körpers darstellten und eine sofortige Wirkung somit sichergestellt war. Viel entscheidender jedoch war im Moment die Frage nach der erfolgreichen Annäherung an das arme Opfer ... Sie meinte natürlich, den Glücklichen, der schon bald ihr neuer Sklave sein durfte. Es war frustrierend genug, dass sie sich überhaupt Gedanken darüber machen musste, wie sie ihm am gewinnversprechendsten gegenübertreten sollte, normalerweise lasen ihr die Jungs schließlich jeden Wunsch von der Nasenspitze ab. Wie sollte sie sich nun aber Saguru gegenüber verhalten, der sich ihren Avancen offensichtlich mühelos entziehen konnte? Sollte sie dezent vorgehen und auf eine günstige Gelegenheit warten, um den stoischen Oberschülerdetektiv zu küssen?

 

Nein, entschied sie schließlich, leerte das Fläschchen in einem Zug, warf es in den nächstbesten Papierkorb und trat selbstbewusst in die Halle, um geradewegs auf ihre Freunde zuzusteuern. Sie musste zielstrebig und vor allem schnell vorgehen, denn wenn Saguru zu viel Zeit zum Überlegen bekam, würde er womöglich erneut entkommen, so wie es am Vortag geschehen war.

 

Saguru hatte allen schon großzügig etwas von seinem feinen englischen Tee ausgeschenkt und selbst einen großen Schluck genommen, als sie sich ohne Vorwarnung neben ihm aufbaute, eine entschlossene Hand auf die Tischplatte fallen ließ und lautstark bestimmte: „Saguru! KISS me!“

 

Die Münder umstehender Schüler klappten auf und niemanden wunderte es, dass Saguru spontan einen Schwall heißer Flüssigkeit auf Aoko spuckte, die ihrerseits einen herzhaften Schluck auf den ihr gegenübersitzenden Kaito spie. Überfordert mit der Situation ignorierte der Detektiv vorerst das Mädchen an seiner Seite und kümmerte sich um seine triefende Freundin: „Ach du meine Güte! Das tut mir entsetzlich leid, Aoko!“ Diese beachtete ihn gar nicht, sondern sprang auf und packte die Hexe an den Schultern: „Akako! Weißt du überhaupt, was du da gerade gesagt hast?!“

 

„Wow! Wie dreist!“

 

„Hat die überhaupt keinen Anstand?!“

 

„Das ist Akako Koizumi. Hast du was anderes erwartet?“

 

Aoko warf den umstehenden Lästermäulern scharfe Blicke zu und zog Akako hinunter an ihren Tisch: „Du kannst einen Jungen doch nicht einfach fragen, ob er ... ob er ...“ „He, bekomme ich vielleicht auch noch ʼne Entschuldigung, Dummoko?!“, patzte Kaito dazwischen und wischte sich finster dreinschauend mit einer Serviette das Gesicht ab. Saguru tat dasselbe mit dem nassen Tisch, nachdem er dem entrüsteten Mädchen diskret sein Taschentuch zugeschoben hatte: „Ich ... ich bin sicher, dass sie es nicht so gemeint hat. Es wird sich um ein bedauerliches Missverständnis-“ „Ich habe es so gemeint, wie ich es gesagt habe“, ließ sich Akako ähnlich laut vernehmen und krallte ihre Finger in seine Uniform, „KISS me!“ Sie spürte den Zauber tatendurstig in ihrem Körper zirkulieren. Wenn nicht jetzt, dann nie! Um sie herum hörten sie, wie die Mädchen den Atem anhielten und die Jungen leise schluchzten, als sie bereits Hochzeitsglocken zugunsten eines anderen läuten hörten.

 

Saguru sah ihr einige Sekunden lang schweigend in die Augen, legte dann seine Hände auf ihre ...

 

Und löste sie aus seinem Kragen, um sie behutsam von sich wegzuschieben: „Akako. Ich verlange eine Erklärung.“ Sie blinzelte verwirrt: „... Was?“

 

„Gestern deine seltsamen Anwandlungen und heute ... Naja, wieder? Woher weht der Wind, um es mal so zu sagen? Deine plötzliche ... Zuneigung erscheint mir etwas übereilt, wenn man bedenkt, dass wir zuvor nicht sonderlich oft miteinander verkehrt haben.“

 

Und schon wieder ließ seine übertriebene Rationalität die Peinlichkeit der Situation auf sie zurückfallen. Nie zuvor hatte ein Junge einen Kuss von ihr abgelehnt, aus welchen Gründen auch immer!

 

Sie hörte einige der „heimlich“ lauschenden Mädchen bereits verhalten kichern und errötend fischte sie in ihrem Repertoire an charmanten Kontern nach einer passenden Ausrede: „Ich war ... Ich bin ... Ich ... Ich habe ... eine ... Wette ...?“ Als sie plötzlich Verständnis in seinen braunen Augen aufflackern sah, strickte sie die Notlüge blitzschnell weiter: „Ja, ich ... habe eine kleine Wette verloren und jetzt muss ich dich zur Strafe küssen! So ein Pech, nicht wahr? Ahahaha!“ Sie zwinkerte ihm verschmitzt zu und lehnte sich ihm erwartungsvoll entgegen.

 

Er wich ihr jedoch umgehend aus und sie hätte vor Frust fast laut gebrüllt, wenn seine Antwort sie nicht völlig durcheinandergebracht hätte.

 

„Ja, das ist wirklich Pech für dich“, murmelte er mitfühlend, „zumal wir beide wissen, dass du mir nicht sonderlich zugeneigt bist. Aber keine Sorge, ich werde das nicht mitmachen. Bitte sag demjenigen, mit wem auch immer du diese lächerliche Wette abgeschlossen hast, dass es meine Schuld ist. Es ist absolut nicht witzig, jemanden zu zwingen, Dinge zu tun, die ihm missfallen! Und du solltest dich nicht aus Gruppenzwang dazu herablassen, Akako. Wenn sie wegen eines ernstgemeinten ‚Nein‘ gleich eingeschnappt sind, kann man sie schwerlich als ‚Freunde‘ bezeichnen.“ Er stand auf und wandte sich ab: „Ich werde uns frischen Tee besorgen.“ Damit entfernte er sich eilig.

 

Aus der Umgebung prustete es leise, seufzte aber auch erleichtert auf, während Akako ihm fassungslos hinterher starrte. Aoko blickte verzweifelt von einem zum anderen, ehe sie aufsprang und ihm hinterherlief: „Ich sorge dafür, dass er nicht nach den Verantwortlichen sucht und sie zur Rede stellt! Es war ja nur Spaß!“

 

„Ich glaub das einfach nicht“, flüsterte Akako nach einigen stillen Sekunden. Hätte sie doch bloß „gewonnen“ gesagt, dann hätte er ihr vielleicht den Gefallen getan und ihr ihren Preis zugestanden, seine eigenen Gefühle beiseitegelassen!

 

Plötzlich spürte sie ein Kribbeln im Nacken und drehte sich um, um Kaito sie sehr ernst mustern zu sehen. Hochnäsig runzelte sie die Stirn, nicht bereit, vor ihrem natürlichen Feind noch mehr Achtung zu verlieren: „... Was guckst du so, Zauberer?“ „Ich versuche gerade, zu verstehen, warum du dich auf einmal so sehr für unseren Herrn Detektiv interessierst, Hexe“, erwiderte er mit einem drohenden Unterton, „Ich warne dich. Wenn das wieder einer deiner grenzdebilen Pläne ist, mich dir gefügig zu machen, solltest du dir besser dreimal überlegen, ihn mit reinzuziehen.“

 

„Ich bin gerührt. Machst du dir etwa Sorgen um mich? Aber keine Angst, er wird meine wahre Identität schon nicht rausfinden.“

 

„Das meine ich auch gar nicht. Aber du könntest es bereuen, wenn du in deinem blinden Verlangen nach meiner großartigen Wenigkeit die falschen Leute betörst.“

 

„Es wird dich maßlos erstaunen, aber es geht nicht immer nur um dich.“

 

„Oh ja, ich bin immer völlig verdattert, wenn ich mal nicht im Mittelpunkt stehe! Und um was bitteschön geht es hier?“

 

„Zur Abwechslung mal um mich und meine Gefühle!“

 

„Wow! Das ist ja wirklich mal ʼne bahnbrechende Abwechslung ...“

 

Damit stand er auf und marschierte kopfschüttelnd von dannen. Akako sah ihm säuerlich nach. Hinter ihr stürmten alle anwesenden Jungs näher und riefen aufgeregt durcheinander: „Akako, Königin, kiss me auch!“ Sie wandte sich ihnen mit einem bezaubernden, aufgesetzten Lächeln zu und säuselte: „Ach nein, meine Lieben! Ich küsse niemanden, der nicht mindestens fünf Fremdsprachen fließend beherrscht!“

 

Während die Traube zum Ausgang stürzte, zweifellos um sich für das Anlegen einer beachtlichen Sammlung verschiedener Wörter- und Lehrbücher hoffnungslos zu verschulden, grübelte sie fieberhaft über ihr weiteres Vorgehen nach.

 

---

 

Akako schäumte. Gespräche mit Kaito hatten oft diesen Effekt, aber dieses Mal paarte sich das Unvermögen, seinen Respekt zu erlangen mit dem Gefühl, auch auf anderer Ebene versagt zu haben. Das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen.

 

Entschlossen wie eh und je blendete sie deshalb Aokos inzwischen wieder vergnügtes Gebrabbel aus und visierte Sagurus Rücken an, der schräg vor ihr in der ersten Reihe stand und aufmerksam ihrem Sportlehrer zuhörte. Aus irgendeinem Grund waren sie auf dem Schulhof zusammengerufen worden und sie hoffte, dass dies nicht bedeutete, in ihrem enthusiastischen Vorhaben gebremst zu werden.

 

„Okay, dann sind ja alle anwesend“, rief der Lehrer zufrieden und steckte die Klassenliste weg, „Gut! Hört zu, heute habe ich mir was Besonderes für euch einfallen lassen, um euch schlaffe Meute ein wenig auf Trab zu bringen! Es steht Dauerlauf auf dem Programm ... Lasst die Moserei und hört es euch doch erstmal an! ... Danke. Da mir ja sehr wohl bewusst ist, dass einige von euch die Langeweile, die sich einstellt, wenn man nur um den Platz rennt, keine zwei Runden überleben würden – Kaito, komm da runter! – habe ich für diesen Marathon eine Strecke durch die Stadt festgelegt. Es gibt Stationen, an denen ihr euch melden müsst, aber ansonsten vertraue ich auf eure Fairness. Abkürzungen und erst recht den Bus zu nehmen ist verboten, klar?! Und jetzt passt auf, ich werde euch die Etappen erklären ...“

 

Als sie sich wenig später nach Erläuterung der Strecke am Startpunkt aufwärmten, hüpfte Kaito, der Saguru beim Dehnen assistierte, aufgeregt auf und ab: „Na, das nenn ich mal ʼne super Idee! Hab schon gedacht, es geht wieder nur öde auf den Fußballplatz!“ „Oh, ich bin sicher, dass uns die Eislaufbahn wesentlich interessantere Einblicke gewährt hätte“, stichelte sein Freund grinsend und stöhnte schmerzerfüllt auf, als sein Oberkörper daraufhin ein Stück zu fest niedergedrückt wurde. Aoko klang nicht minder begeistert: „Das ist auf jeden Fall lustiger, als nur in der Halle rumzuturnen! Und Herr Ichikawa hat dem Sieger sogar eine kleine Überraschung versprochen! Lasst uns alle zusammen durchs Ziel gehen, okay?!“ „Auch wenn mich der zusätzliche Bonus, den derjenige bekommt, der Kaito schlägt, natürlich sehr motiviert“, widersprach ihr Saguru jedoch, „müsst ihr auf mich wohl verzichten.“

 

„Was? Warum? Du bist doch derbe sportlich?“

 

„Das ist es nicht. Ich bin durchaus fit genug, Täter bei Verfolgungsjagden nicht sofort entkommen zu lassen, aber ich fürchte, ich bin einfach mehr ein Flieger als ein Steher.“

 

„Huh?“

 

Kaito richtete den etwas zerknitterten Kragen von Sagurus Trainingsanzug: „Das sind Begriffe aus dem Pferderennsport. Es bedeutet einfach, dass er kurze Distanzen mit hoher Geschwindigkeit eher durchhält als lange Strecken, bei denen es auf mehr Ausdauer ankommt. Das heißt dann wohl du oder ich, Aoko! Aber stell dich schon mal darauf ein, dass du wie immer nur meinen Staub zu schlucken bekommst!“

 

Akako verfolgte das Geplänkel ihrer Freunde nur halbherzig, schmiedete sie doch gerade erneut Pläne, um ein ganz anderes Ziel zu erreichen. Was für ein Glück, ein Marathon durch die Stadt würde Sagurus Aufmerksamkeit ablenken und ihr mit Sicherheit viele günstige Gelegenheiten bescheren. Nicht, dass sie mehr als eine ... maximal zwei gebraucht hätte, vielen Dank. Welchen Fehler sie sich allerdings schwor, nicht noch einmal zu begehen, war, Saguru vor einer Maßnahme um Zustimmung zu bitten. Nein, ab jetzt wollte sie sich lautlos an ihre Beute heranpirschen und gnadenlos zuschlagen, wenn diese es am wenigsten erwartete.

 

Sie liefen gerade mal fünf Minuten und die beiden anderen Kraftpakete wetteiferten bereits voller Elan um den Sieg. Die bloße Aussicht auf einen Gewinn hatte sie augenblicklich in kleine Kinder verwandelt ... Oder besser gesagt, verhielten sie sich immer wie kleine Kinder, doch ein versprochenes Schmankerl ließ sie vollkommen degenerieren. Saguru seufzte. Er lief mit ihnen an der Spitze, hauptsächlich deswegen, um der überenthusiastischen Aoko eine Freude zu bereiten, da sie der Traum eines gemeinsamen Sieges so glücklich zu machen schien, doch er wollte sich schon bald schonend zurückfallen lassen. Ein Tempo wie dieses, so wusste er, gepaart mit der langen Strecke konnte er nicht durchhalten. War sie erst einmal ein bisschen weniger aufgedreht wegen der Anstrengung, würde sie höchstwahrscheinlich nicht mehr ganz so enttäuscht darüber sein.

 

Ein Stück weiter hinter ihm kicherte sich Akako ins Fäustchen. Schon bald würde er sie vergöttern, wie es einer Göttin wie ihr auch gebührte. Sie schob ihren Ärmel ein wenig hinauf und legte einen Armreif aus verschiedenen großen und kleineren bunten Perlen frei. Jede Perle enthielt einen bestimmten Zauber, den sie am Vorabend wohlweislich vorbereitet hatte. Mit einem davon würde sie ihren frechen Verweigerer mit Sicherheit zur Strecke bringen und der Marathon gab ihr die unverhoffte Gelegenheit dazu, unbeobachtet zu agieren. Sie pries ihr Glück und kniff eine kleine tiefschwarze Kugel von dem Reif ab, um sie düster lächelnd zu betrachten.

 

Mit diesem Schiebe-Zauber wollte sie eines der großen Gestecke, die zur Zierde auf der Mauer, an der sie soeben entlangliefen, direkt vor Sagurus Nase herunterstoßen. Wenn ihm ein Schwall voller Blumen direkt vor die Füße fiel, würde er sich mit Sicherheit genötigt fühlen, sie aufzusammeln. Sie würde ihm selbstverständlich pflichtbewusst dabei helfen und ihm ganz nebenbei einen Kuss stehlen. Sollte er sich deswegen beschweren, konnte sie immer noch behaupten, die Blumen hätten sie in romantische Stimmung versetzt. Einem solch reinen Motiv würde er nicht hadern können ...

 

Nicht, dass diese Ausrede überhaupt nötig war, schließlich würde er sie zu diesem Zeitpunkt bereits vergöttern!

 

Akako nickte zufrieden zu sich selbst und visierte eine der schweren Vasen an, um die Perle darauf zu zu schnippen. Sie zerplatzte in der Luft und mit einem leisen „Poff“ erschien ein kleiner Gnom, der sofort auf das Gefäß zusteuerte und mit dem Kopf dagegen prallte. Es wackelte ein wenig und kam dann wieder zum Stillstand. Der Zwerg nahm erneut Anlauf und rannte nochmal mit voller Kraft dagegen, erzielte jedoch nur denselben Effekt. Akako stutzte. Hatte sie sich etwa mit der Intensität des Zaubers verkalkuliert?

 

Wieder stieß der winzige Dämon auf harten Stein. Und wieder. Und wieder. Die Vase ruckelte und glitt immer weiter an den Rand des Simses. Akako drückte frohlockend die Daumen. Jetzt würde sie jeden Moment ... Aber ...

 

Moment. Ein gutes Stichwort.

 

Wenn die Vase nicht genau dann fiel, wann sie es beabsichtigt hatte ...

 

Sie fiel. Genau in dem Augenblick, in dem Saguru die Schussbahn kreuzte.

 

Akakos Augen wurden handtellergroß und sie rief erschrocken seinen Namen, als er auch schon aufsah und das schwere Gefäß unaufhaltsam auf sich zustürzen sah. Doch durch den Schwung, den das erhöhte Tempo mit sich brachte, konnte er nicht mehr ausweichen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und quiekte entsetzt, als sie es laut scheppern und poltern hörte. Erst nach vielen bangen Sekunden, in denen sie ihr Herz unangenehm im Hals pochen spürte, wagte sie es, durch ihre Finger hindurch zu spähen.

 

Und atmete erleichtert auf, denn Saguru lag am Boden unter einem angestrengt keuchenden Kaito, der ihn offensichtlich mit einem beherzten Stoß gerade noch rechtzeitig vor dem unschönen Ableben durch Erschlagen bewahrt hatte. Der Blick, den ihr der Magier sandte, hätte die Hölle gefrieren lassen können. Sie sah schnell weg.

 

Kaito stemmte sich in die Höhe und lachte gezwungen: „Jesses, achte mal ein bisschen darauf, wo du hinrennst! Eine Sekunde später und die Rübe wäre weg gewesen!“ Saguru rappelte sich ebenfalls benommen auf: „Ah ... Äh ... Ja ... Da... danke. Das war ... unwahrscheinlich knapp ...“ Er sah an der Mauer empor: „Wie es aussieht, stellen diese Gestecke eine Gefahr für Leib und Leben dar! Wir müssen den Besitzer verständigen!“ „Ja ja, aber nicht jetzt“, nörgelte Kaito und schob ihn energisch von der Unglücksstelle weg, ahnte er doch, dass ein solcher „Unfall“ nicht noch einmal geschehen würde, „Wir stecken mitten im Unterricht, schon vergessen? Keine Sorge, wir machen hier später sauber, jetzt lauf schon mal vor, Tranfunzeln wie dich und Aoko hol ich einfach zu leicht ein!“ Man merkte, dass Saguru ein wenig erschüttert war, denn er gehorchte widerspruchslos. Kaito winkte ihm grinsend nach.

 

Und drehte sich dann rot vor Zorn zu Akako um: „Sag mal, hast du einen KNALL?! Willst du jetzt alle Typen, die sich nicht für dich interessieren, ins Jenseits befördern?!“ Ihre Augenbraue zuckte reumütig, doch sie wandte trotzig den Blick ab: „Ich hab nicht die geringste Ahnung, wovon du redest.“ Er machte den Mund auf, um weiter zu wettern, doch dann überlegte er und seufzte schwer: „Ich kann mich nur wiederholen: Du machst einen Fehler. Aber du wirst ja sowieso nicht aufgeben, egal, was ich sage, also versuch doch wenigstens, ihm mit deiner kindischen Eifersucht nicht gleich den Schädel einzuschlagen!“ Er lief wieder los, ließ sie einfach stehen, wie er es so oft tat und sie fluchte hingebungsvoll.

 

Das wusste sie selbst! Bei den weiteren Aktionen war wohl etwas mehr Vorsicht angesagt.

 

Als sie bald darauf, nachdem sie den ersten Checkpoint passiert hatten und abgehakt worden waren, an einem Fluss entlang trabten, hielt sie die gereizte Stimmung für genügend verflogen, um einen nächsten Versuch zu wagen. Sie drehte ihr Armband und überlegte angestrengt. Der Weg war zu beiden Seiten von Rasen gesäumt, es gab keine Bäume und nur wenige Straßenlaternen, sodass nichts drohte, auf Saguru herabzufallen und ihm zur Gefahr zu werden. Sie nickte und pflückte sich eine braune Perle, deren Oberfläche sanft in der Sonne schimmerte. Als sie sie zu Boden fallen und dort zerspringen ließ, erschien ein Wesen, das stark an einen Maulwurf erinnerte. Der Dämon machte einen kleinen Luftsprung und tauchte kopfüber in den Sand neben dem Asphalt, um mit rasanter Geschwindigkeit auf Saguru aufzuholen. Akako rieb sich zuversichtlich die Hände.

 

Dieser Erdzauber würde ihn stolpern lassen – nur ein wenig, sodass er ins Straucheln kam – und sie würde ihm flink helfen, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. So würde sie auf jeden Fall nahe genug herankommen, um ...

 

Sie kicherte intrigant und beeilte sich, um rechtzeitig auf ihn aufzuschließen.

 

Saguru schaute geradeaus auf Kaito und Aoko, die mit einem beachtlichen Abstand vorauseilten und schüttelte den Kopf. Wie viel Energie hatten diese beiden nur? Zumindest half ihm die Entfernung, sich erfolgreich abzusetzen, was er schon sehr bald tun wollte, klopfte sein Herz doch schon wesentlich unregelmäßiger. Er sah die Bewegung neben sich nicht, die nur durch stetiges Aufwälzen lockerer Erde auf sich aufmerksam machte.

 

Winzige rote Augen waren auf seine Turnschuhe geheftet und beobachteten eine Weile den Rhythmus, bis der Dämon plötzlich aus seinem Tunnel schoss und blitzschnell einen Strahl glitschigen Schlamms auf den Weg spuckte. Sagurus Fuß fand auf dem rutschigen Untergrund keinen Halt mehr und mit einem erschrockenen Schrei verlor er jeglichen Bodenkontakt.

 

Nach Sekundenbruchteilen freien Falls fand er sich in der Horizontalen wieder.

 

Verwirrt blinzelte er hoch in den Himmel, der nach wenigen Augenblicken von zwei neugierigen Köpfen verdunkelt wurde. „Saguru! Auweia“, rief Aoko mitfühlend und reichte ihm die Hand, „Hast du dir wehgetan?!“ Er dachte darüber nach und erwiderte unsicher: „Nein ... Ich glaube nicht. Ich bin sogar recht weich gefallen. Auf den Rasen vielleicht ...?“ Sie sahen ihn aus irgendeinem Grund zweifelnd an und auch Kaito griff nun nach ihm, um ihn hochzuziehen.

 

„... Das wurde auch ... langsam Zeit ...“

 

Aoko hätte ihn vor Schreck beinahe zu früh wieder losgelassen, als sie mit großen Augen an ihm vorbei auf die Straße starrte: „Oh mein Gott! Akako!“ Sie stürmte an ihm vorbei und er drehte sich automatisch mit ihr um, während Kaito neben ihm in einen hysterischen Lachkrampf verfiel. Er hingegen fand das Schauspiel, welches sich ihm eröffnete, weit weniger amüsant.

 

Akako lag mit schmerzerfülltem Blick auf der Straße, eben genau an der Stelle, wo er zu Boden gegangen war und ihm wurde qualvoll bewusst, dass sie das weiche Polster darstellte, auf welches er gefallen war. Was sie in diesem Augenblick so dicht hinter ihm gesucht hatte, diese Frage kam ihm in seinem Unbehagen nicht.

 

Kaitos Lachen übertönte beinahe Aokos besorgte Frage nach ihrem Wohlergehen und es verbesserte die Situation nicht, dass Saguru mit einem extrem besorgten Gesichtsausdruck zu ihr stürzte und sie nach Verletzungen absuchte: „Ach du lieber Himmel! Das tut mir schrecklich leid! Bist du in Ordnung?!“ Sie ließ sich von den beiden in den Schneidersitz helfen und schnappte wiederholt nach Luft. Saguru war vielleicht leicht für einen Jungen, aber leider nicht leicht genug für ein Mädchen, und so war sie mehr als dankbar, dass sein Gewicht nicht mehr auf ihrem Brustkorb lastete. Er redete mit hochrotem Kopf auf sie ein, doch sie war zu aufgewühlt, um ihn zu verstehen. Aoko legte ihr beide Hände auf die Schultern, um sie aufrecht zu halten und beschwichtigte ihn: „Saguru, nimm Idioto und lauf schon mal vor, ich kümmere mich um sie. Keine Sorge, sie scheint nicht verletzt zu sein, nur ein bisschen durch den Wind.“

 

„Aber ich-“, begann er zu protestieren, doch Kaito warf ihm einen Arm um den Hals und zog ihn davon. „Nun komm einfach“, brachte er atemlos hervor, „Sie macht das schon!“ Als sie sich entfernten, Saguru sichtlich widerstrebend, hörte sie den Magier noch geiernd hinzufügen: „Was ist heute mit dir und deinen ganzen frauentechnischen Fettnäpfchen?! Erst erteilst du Aoko ʼne unfreiwillige Dusche und dann walzt du Akako platt! So viel Skrupellosigkeit ist man von dir Gentleman ja gar nicht gewohnt!“

 

„Halt bitte endlich den Mund, ja?!“

 

Man sah es Saguru anhand seiner knallroten Wangen deutlich an, wie unangenehm ihm die Sache war. Und ebenso deutlich erkennbar war es, wie sehr Kaito ihr das Missgeschick gönnte.

 

---

 

Es hatte eine Ewigkeit gedauert, Aoko loszuwerden, die aus Sorge um die Gesundheit ihrer Freundin gar nicht mehr von deren Seite hatte weichen wollen. Erst die Aussicht auf Kaitos viel zu leichten Sieg erreichte, dass sie sich mit der Warnung von ihr löste, sofort um Hilfe zu rufen, sollte sie urplötzlich in Ohnmacht fallen. Akako hatte die spitze Bemerkung, dass sie mit Sicherheit um gar nichts mehr rufen würde, hatte sie erstmal das Bewusstsein verloren, wohlweislich für sich behalten.

 

Nun lauerte sie, ein wenig zerzaust von den Fehlschlägen, doch trotzdem wieder guten Mutes hinter einer dichten Hecke, an der der Weg die Klasse vorbeiführte. Alles war fair im Krieg und in der Liebe, und so hatte sie sich heimlich abgesetzt und war mit ihrem Besen ein gutes Stück vorausgeflogen, um Vorbereitungen für ihren nächsten Versuch zu treffen.

 

Etwas entfernt ihr gegenüber stand ein schmaler Tisch voller zahlreicher, mit Wasser gefüllter Gläser darauf, die extra dafür abgestellte Mitschüler, in diesem Fall Keiko, an die vorbeikommenden Läufer verteilen sollten. Denn den Körper bei sportlicher Aktivität mit genügend Flüssigkeit zu versorgen, war wichtig für einen gesunden Stoffwechsel!

 

Akako zückte grinsend eine blaue Perle und warf sie in hohem Bogen über die Straße mitten unter die Gläser. Sie zerplatzte fast lautlos und unzählige winzige Gestalten, die entfernt an die Form fliegender Fische erinnerten, hüpften über den Rand in die Getränke hinein. Akako leckte sich aufgeregt die Lippen. Welches Glas auch immer Saguru nun erwischte, der Wassergeist darin würde sich umgehend in seinem Körper ausbreiten und ihn in einen Sekundenschlaf sinken lassen. Natürlich würde sie zufällig dazukommen und sich hilfsbereit davon vergewissern, dass er noch atmete und keinem lebensbedrohlichen Kreislaufzusammenbruch erlegen war! Ohne Gefahr, zurückgewiesen zu werden, würde sie dabei ganz zufällig auch seine Lippen streifen können ...

 

Aoko kam herangestürmt, dicht verfolgt von einem heftig schimpfenden Kaito.

 

„Lahmarsch, Lahmarsch, lahmer als ein Rotbarsch – an La~hand!“

 

„Hör auf, darüber zu lamentieren, Dummoko! Du weißt, wie schrecklich es ist!“

 

„Womit isst ein Oktopus Eis? – Mit seiner Seezunge!“

 

„Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Du willst nur so viele Fi... Fi... Fi... Meeresgesocks wie möglich in einem Satz unterbringen, um meinen Siegeswillen zu brechen!“

 

Keiko seufzte leidend, bereits an ihre Querelen gewöhnt, und klatschte warnend in die Hände: „War ja klar, dass ihr hier als erstes auftaucht. Jetzt nehmt euch schon was zu Trinken und haltet den Betrieb nicht auf!“ „Welchen Betrieb denn?“, fragte Kaito überheblich feixend und schirmte sich mit einer Hand die Augen ab, als ob er sehr, sehr weit in die Ferne blicken müsste, um nennenswertes Leben auszumachen. Sie rollte mit den Augen und hielt ihm ein Glas entgegen, das er grinsend entgegennahm und in einem Zug leerte. Akakos Geister waren darauf eingestellt, nur Saguru zu betäuben, und so wischte er sich höchst aufgeweckt über die Lippen und jauchzte laut auf: „Wooohooo! Das habe ich gebraucht!“

 

Ein Besen sauste auf seinen Scheitel hernieder, dem er in letzter Sekunde auswich: „Sei nicht so unhöflich, Idioto! Kannst du dich nicht mal bei Keiko bedanken?!“ Er lachte und tänzelte um Aokos Angriffe herum: „Entspann dich und trink lieber schnell was, sonst kippst du noch im entscheidenden Moment um! Und ich will doch wenigstens ein bisschen Herausforderung in diesem Rennen erleben! Wo hast du überhaupt den Besen her?!“

 

„Der lag da hinten im Gebüsch! Warum?!“

 

Hinter ihnen erreichte Saguru den Checkpoint und nahm dankend das ihm entgegengestreckte Glas an.

 

Im nächsten Moment zerdepperte es der horizontal heran sausende Besenstiel, der jedoch nicht bei ihm Halt machte, sondern auch gleich ausnahmslos alle anderen Gläser vom Tisch fegte.

 

Während er und Keiko wortlos auf das Chaos starrten, richtete sich Kaito wieder zu seiner vollen Größe auf und spöttelte heiter: „Und wieder einmal schlägt die Naturkatastrophe Nakamori zu!“ Das Mädchen warf das Werkzeug entsetzt von sich und vernahm das schmerzerfüllte Ächzen nicht, das ertönte, als der Besen über die Hecke trudelte: „Oh nein! Das tut mir so leid! Kaito, du Idiot! Warum bist du ausgewichen?!“

 

„Hey, ich lass mich nicht für ein paar Schlucke Wasser verdreschen!“

 

Aokos beste Freundin seufzte erneut, schwerer als zuvor und meinte gleichgültig: „Ist ja nicht so, dass es mich vollkommen überrascht.“ Sie zog eine neue Flasche aus einer Kiste hinter sich, öffnete eine Tasche, die mehr Gläser enthielt und schenkte Saguru ein frisches Getränk ein. Kaito jedoch sah auf seine imaginäre Armbanduhr und rief besorgt aus: „Meine Güte, schon so spät?! Jetzt müssen wir uns aber sputen, sonst schnappt sich noch ʼn anderer die Prämie und das wollen wir doch nicht?!“ Er packte Saguru am Arm und zerrte ihn davon. „Was ... Warte“, protestierte dieser, „ich hab doch noch gar nicht-“ „Ich spendier dir was von einem Automaten unterwegs“, wurde er unterbrochen, „Grüntee-Geschmack! Viel leckerer als so olles Zeug aus der Leitung!“

 

„Aber-“

 

„Quatsch nicht, komm! Dummoko, willst du da Wurzeln schlagen oder gibst du zu, dass ich fitter bin als du?“

 

Das Gezeter ging wieder los, nur diesmal anders herum und verblasste erst, als sie um die nächstbeste Ecke gebogen waren.

 

In ihrem Versteck lag Akako ausgestreckt auf dem Rasen und massierte sich verstimmt die pochende Stirn, die Aoko mit dem davon geschleuderten Besen getroffen hatte. Hatten sich etwa selbst ihre übernatürlichen Helferlein gegen sie verschworen? Wieso klappten ihre genial durchdachten Pläne nicht mehr?!

 

Auf einmal schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. War es etwa wieder Kaito, dessen Existenz ihre Magie durcheinanderbrachte? Ihre Augen verdunkelten sich. Diese Erklärung war nicht auszuschließen. Er war der vom Schicksal auserwählte Fluch ihres Lebens und möglicherweise färbte ein Teil davon durch seine Nähe auf Saguru ab.

 

Nun war alles klar. Sie musste die beiden trennen, wenn sie endlich nennenswerten Erfolg verbuchen wollte.

 

---

 

Es war lächerlich einfach gewesen. Sie hatte Saguru nur bitten müssen, das Tempo zurückzunehmen und mit ihr gemeinsam einen Takt langsamer zu laufen und er hatte ihr umgehend den Gefallen getan. „Verzeih, dass ich dich um so etwas Selbstsüchtiges gebeten habe“, lächelte sie ihn nun an, „aber die beiden sind mir entschieden zu schnell unterwegs und alleine laufen ist so einsam ...“ Er erwiderte das Lächeln freundlich, doch ohne sie anzusehen: „Mach dir deswegen keine Sorgen. Um genau zu sein, warst du meine Rettung. Mit diesen beiden Energiebündeln mithalten zu wollen grenzt an Selbstmord!“ Sie lachten simultan und verfielen dann wieder in komfortable Stille.

 

Akako musterte ihn diskret von der Seite und ein hauchfeines, hinterhältiges Schmunzeln huschte ihr übers Gesicht. Sie drehte die kleine, lindgrüne Kugel zwischen ihren Fingern hin und her. Dieses Mal würde nichts zwischen sie und ihren Erfolg geraten, so viel stand fest. Dieses Mal hatte sie sich für einen ordentlichen Windstoß entschieden, der ihm eine gute Ladung Staub in die hübschen Augen wehen würde. Derart blind und somit auf eine helfende Hand angewiesen, würde er es nicht verhindern können, wenn sie ihm näher kam als eine genaue Untersuchung eigentlich erforderte ...

 

Sie zerdrückte die Perle kichernd in einer entschlossenen Faust und unmittelbar entrann eine glitzernde grüne Fee ihren Fingern, die sich hoch in die Lüfte schwang und die Backen kräftig aufblies. Im nächsten Moment pfiff ihnen eine heftige Böe entgegen, die Akako verständlicherweise erwartet hatte und sich deswegen schützend den Arm vors Gesicht hielt, während Saguru jedoch unangenehm davon überrascht wurde, hatte sich doch den ganzen Tag noch nicht ein Lüftchen geregt. So aber war er der Wolke feinsten Sandes schutzlos ausgeliefert und wäre mit Sicherheit in die listige Falle gegangen ...

 

Wenn nicht im selben Augenblick eine schneeweiße Taube vom Himmel gestoßen und mit weit ausgebreiteten Flügeln direkt vor seinem Gesicht wild umhergeflattert wäre. Saguru machte einen erschrockenen Schritt zurück und so den Weg auf seine Begleiterin frei, die soeben erwartungsvoll den Arm sinken ließ, um zu sehen, wie gut ihr schlauer Plan umgesetzt worden war.

 

Sie bekam den Staub ab, der eigentlich für ihn bestimmt war, weil die heftigen Flügelschläge dessen Flugbahn empfindlich umleiteten. Geradewegs in ihr Gesicht.

 

Sie schrie spitz auf und alles, woran sie daraufhin für eine recht lange Zeit denken konnte, waren der stechende Schmerz in ihren Augen und der Wunsch, alle Vögel der Welt auszurotten.

 

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„Akako, ich denke wirklich, es wäre besser für dich, den Lauf abzubrechen. Herr Ichikawa wird das sicher verstehen!“

 

Saguru blickte besorgt auf sie hinab. Nicht nur ihr Lehrer, jeder hätte es verstanden, wenn er ihre geschwollenen Lider mit den schlecht trocknenden Tränenspuren darunter gesehen hätte. Akako lachte nur ein wenig hysterisch: „Nein. Nein, so schnell gebe ich nicht auf. Ich weigere mich, diesen Verlauf der Dinge zu akzeptieren!“ Er hob eine fragende Augenbraue. Er wusste natürlich, wie ehrgeizig sie war – um genau zu sein, unterschied sie sich darin kaum von ihren beiden Freunden – doch dass sie selbst starke Schmerzen ignorierte, um den Marathon zu gewinnen, imponierte ihm immens.

 

Sie hatten zu zweit fast eine Viertelstunde gebraucht, um den Sand aus ihren Augen zu bekommen, da sie nichts zum Auswaschen hatten und auf Akakos körpereigene Tränen angewiesen waren, die sie erst partout nicht hatte fallen lassen wollen. Er hatte sie immer wieder davon abhalten müssen, wie verrückt ihre Augen zu reiben, um es nicht schlimmer zu machen und hatte sich bemüht, die Fremdkörper so schonend wie möglich zu entfernen, doch selbst die sanfteste Behandlung hatte verheerende Spuren hinterlassen. Er wusste, wie sehr sie vor allem ihr eigenes gutes Aussehen schätzte und es wunderte ihn deshalb gar nicht, dass sie nun denkbar schlechte Laune hatte, hatte er doch nicht verhindern können, dass sie es im nächstbesten Schaufenster kontrollierte. Der Schock musste sie ziemlich getroffen haben, wahrscheinlich sogar mehr noch als das unangenehme Brennen. Kein Wunder also, dass sie nun höchst gereizt auf alles reagierte, was ihr auch nur ansatzweise missfiel. Und trotzdem kapitulierte sie nicht vor der höheren Gewalt.

 

Er lächelte beeindruckt und hoffte gleichzeitig, dass der versprochene Preis derartige Strapazen auch wirklich wert war.

 

Akako atmete hastig, innerlich kochend wie ein Bräter unter Starkstrom. Sie war seit langer Zeit nicht mehr so wütend gewesen. Es war eine Lappalie, hinter der sie herlief, also wieso war sie so verdammt schwer zu erreichen?! Ihr Ziel befand sich direkt neben ihr, warum konnte sie nicht einfach darüber herfallen und ihr Recht als schönstes Mädchen der Welt einfordern?! Eigentlich durfte sie für einen einzelnen Menschen solche Plagen überhaupt nicht durchmachen müssen! War es wirklich so schlimm, wenn vielleicht neben Kaito noch ein weiterer Junge sie nicht ganz so sehr vergötterte ...?

 

Sie schrie aggressiv und schreckte Saguru damit auf. Auf seine eilige Frage, was ihr fehlte, reagierte sie nur mit einer abweisenden Hand.

 

Derartige Gedanken waren unentschuldbar! Fing sie mit einem an, folgten unaufhaltsam andere, bis sie ihre gesamte Gefolgschaft verlor! Nein! Sie war die Königin und sie würde ihren Thron bis zum letzten Atemzug verteidigen! Gegen Kaito, gegen das Schicksal, gegen alles!

 

Ihr Kopf ruckte herum und sie stierte Saguru aus blutunterlaufenen Augen an, was ihn kurz eingeschüchtert schlucken ließ.

 

„Ich werde gewinnen!“

 

„O... okay. Du ... hast auf jeden Fall die richtige Einstellung!“

 

Damit rannte sie davon und brüllte ihm, als er mit ihr mitzuhalten versuchte, wütend zu: „Bleib gefälligst, wo du bist! Lauf ja nicht schneller, kapiert?!“ Er blinzelte verwirrt und bremste, rief ihr aber eindringlich hinterher: „Ist ja gut! Aber übertreib es bitte nicht!“

 

‚Ich werde gewinnen! Ich werde gewinnen! Ich werde dich zu meinem Untertanen machen!‘

 

Akako rannte für gut zehn Minuten alle möglichen ihr bekannten Abkürzungen entlang, ehe sie in eine kleine Seitenstraße stürmte, mit einem quietschenden Schlittern zum Stehen kam und sich wild umsah. Sie kicherte teuflisch und wirklich nur ein ganz klein wenig entrückt. Diese Gasse war hervorragend geeignet für einen Hinterhalt!

 

Sofort riss sie die größte Perle ihres Armbands ab, um sie mit aller Macht zu Boden zu schmettern. Ein langes Seil erschien zu ihren Füßen, gehalten von einer Horde erwartungsvoll dreinblickender Kobolde. Sie wies auf einen schlanken Baum an dem Abhang, der die rechte Seite der Straße abgrenzte und die Wesen stürmten gehorsam los.

 

Diesmal würde es funktionieren! Diesmal würde sie auf Diskretion pfeifen! Diesmal würde sie Saguru einfangen und erst wieder freilassen, wenn er ihr endlich ihren wohlverdienten Kuss zugestanden hatte! Und wenn sie seinen unwilligen Schädel in der Mauer versenken musste, um ihn stillzuhalten!

 

Wenige Minuten später schwebte einer der elastischen Äste über der Gasse, das Seil mit einem Ende daran festgezurrt, im anderen eine große Schlinge geknotet, die einladend auf dem Asphalt ruhte. Akako schmiss eine durchsichtige Perle hinein und das Seil verschwand aus ihrem Blickfeld. „So“, frohlockte sie mit einem trunkenen Lachen, „wenn er hier rein tritt, wird er mir nicht mehr entkommen! Und dann wird er mich vergöttern! Vergöttern! DENN ICH BIN DIE FRAU, DIE MAN VERGÖTTERN MUSS! KYAHAHAHAHAHA-“

 

Ihr Kopf ruckte zur Seite, als sie Schritte wahrnahm, die sich eilig näherten und sie manifestierte blitzschnell ihren Besen in der Hand, um sich hinaufzuschwingen und oberhalb der Mauer im kleinen Wäldchen zu verschwinden.

 

In ihrem Wahn registrierte sie nicht, dass die Geräusche aus der entgegengesetzten Richtung kamen. Und den kleinen Tisch mit den Wassergläsern darauf, gar nicht weit weg von ihrer Großwildfalle, hatte sie auch nicht bemerkt.

 

„Puh, das war knapp“, seufzte ihr Lehrer und wedelte die letzten feuchten Stellen seiner frisch gewaschenen Hände trocken, „Ich hätte selbst nicht so viel von dem Wasser trinken sollen. Aber meine Güte, es ist heute wirklich warm. Vielleicht hätte ich den Lauf auf einen anderen Tag verschieben sollen ...“ Damit trabte er geschwind auf seinen Tisch zu, um die Namensliste aus seinem Rucksack zu kramen, denn seinen Berechnungen nach würden bald die ersten Schüler diesen letzten Checkpoint erreichen.

 

Es kam, wie es kommen musste.

 

Saguru wunderte sich, als er nicht mehr weit entfernt lautstarkes Toben, frenetische Hilferufe und ohrenbetäubendes Lachen vernahm. Er rannte voller böser Vorahnung los und um die nächste Ecke – nur, um den Anblick dahinter in maßloser Bestürzung aufzunehmen.

 

Ihr Lehrer schwang zappelnd kopfüber an einem sichtlich belasteten Baum hin und her, während er sich die Seele aus dem Leib brüllte. Aoko lief aufgeregt unter ihm im Kreis, um ihn zu fassen zu bekommen, zweifellos, um ihm irgendwie herunterhelfen zu können. Kaito lag gekrümmt mit strampelnden Beinen am Boden und brach jedes Mal, wenn er einen Blick auf die baumelnde Respektperson warf, in dröhnendes Gelächter aus.

 

„Kaito, du Blödian, hör auf zu geiern und hilf mir gefälligst! Herr Ichikawa, bitte halten Sie doch still, so kann ich doch nichts machen!“

 

„Das ist dein Werk, hab ich recht, du Delinquent?! Warte, bis ich unten bin, dann kannst du was erleben! Deine Mutter wird davon erfahren, hörst du?! HÖRST DU?!“

 

„Ich hör ja, ich hör ja, ich bin ja nicht taub! Aber wenn Sie mir so drohen, habe ich irgendwie gar nicht das Bedürfnis, Ihnen runter zu helfen ... Streicht das, das hier ist zu lustig, um überhaupt irgendwas dagegen zu tun!“

 

„Kaito, ich befehle dir, sofort etwas gegen diese ... diese ... unentschuldbare Situation zu unternehmen, ansonsten werde ich rechtliche Schritte gegen dich einleiten, hast du mich verstanden?! ... ... Ich glaube, mir wird schlecht ...“

 

„Herr Ichikawa! Kaito, das ist nicht mehr witzig ... Äh, ich meine, das war es noch nie, aber ... Naja, unter gewissen Umständen ist es schon ziemlich ulkig, aber-“

 

„Aoko, fang du nicht auch noch an! Holt mich hier runter! HILFE!!!“

 

Saguru hielt einen neuen und höchst unproduktiven Ausbruch auf Kaitos Seite für einen guten Zeitpunkt, um einzugreifen, denn ihr Lehrer hatte bereits einen recht besorgniserregend roten Kopf und von noch mehr seiner Schüler in einer so prekären Lage entdeckt zu werden, hätte seiner Autorität wohl empfindlich geschadet.

 

Als sie es nach vielen Mühen zu dritt – Kaito entschied sich schließlich auch zum Handeln – immer noch nicht geschafft hatten, den Mann zu befreien, bestand der Magier auf die harte Tour und kletterte auf die Mauer, um das Seil mit einem von der an der Hauptstraße liegenden Konditorei geliehenen Messer durchzuschneiden. Vom Gewicht befreit, schnellte der Ast in die Höhe und riss den gesamten Stamm mit, um wie ein Peitschenschlag ins dahinterliegende Gebüsch zu surren, sich dann aufzurichten und noch ein wenig zu zittern, ehe er wieder zur Ruhe kam. Kaito befand sich bereits wieder auf dem Weg nach unten, und so hörte er weder den gedämpften Schrei, der bei dem heftigen Ruck ertönte, noch das anschließende leise Stöhnen.

 

Unten saßen sie alle erstmal völlig ermattet auf dem Bürgersteig und keuchten um die Wette. Kaito hob einen Zeigefinger: „Nur fürs Protokoll: Das geht nicht auf meine Kappe!“ Aoko nickte entschieden: „Das war echt gemein. Sowas macht Kaito nicht. Auf jeden Fall nicht absichtlich.“ „He, willst du damit behaupten, meine Zaubertricks gingen beizeiten schief?!“, protestierte er pikiert, aber sie winkte nur erschöpft ab. „Vergesst es“, brachte der Lehrer hervor, „Das sieht keinem von euch wirklich ähnlich. Ich war vorhin nur etwas ... aufgebracht.“ „Verständlich“, bestätigte Saguru mit einem Blick auf das zerstörte Konstrukt, „Sie hatten nur Glück, dass so schnell jemand von uns aufgetaucht ist. Wer macht sowas nur?“ „Was mich viel eher interessieren würde, ist, wie ich einen so dicken Strick einfach übersehen konnte“, schimpfte sich der Lehrer selbst.

 

„Sie waren wahrscheinlich in Gedanken versunken, vielleicht wegen des Unterrichts? Das Gehirn registriert dann manchmal die offensichtlichsten Dinge nicht mehr. Zauberer machen sich sowas oft zunutze, nicht wahr, Kaito? ... Damit meine ich nicht, dass das hier dein Werk ist.“

 

„Hm ...“

 

„Nun gut“, ächzte der Lehrer und zwang sich in die Höhe, massierte jedoch nach wie vor sein schmerzendes Bein, „keine Zeit zum Wunden lecken! Der Unterricht ist noch nicht vorbei, ihr Faulenzer! Trinkt was und dann ab zum Endspurt! Wie ich euch kenne, wollt ihr sicher nicht, dass das Rennen so endet, oder?“ „Mit Sicherheit nicht“, Kaito sprang auf und zog dabei auch Aoko in die Höhe, die wesentlich skeptischer aussah, „Machen Sie schon mal ʼne schicke Schleife um die Überraschung, ich hole sie mir schon sehr bald ab!“

 

„Das ist noch lange nicht gesagt, du Unruhestifter! Noch glaube ich an meine anderen Schüler, die dich irgendwann in deine Schranken weisen werden!“

 

„Träume soll man nicht zerstören! Also, bis gleich am Ziel!“

 

Bevor sie sich jedoch dem Ausgang zuwenden konnten, rief sie der Mann noch einmal zu sich und legte ihnen verschwörerisch die Arme um die Schultern: „Meine lieben Kinder, ich möchte nur noch einmal sichergehen, dass wir uns richtig verstehen. Diese ... also diese peinliche Sache eben ... die bleibt unter uns, in Ordnung?“

 

Während sich die drei endlich zur Zielgeraden begaben, trudelten von der anderen Seite durch die verloren gegangene Zeit schon die anderen Mitschüler ein. Vor allem die Jungen waren hochentzückt, als sie eine wohlbekannte Silhouette am Eingang der Gasse ausmachten und rannten ihr mit neugewonnener Energie entgegen.

 

„Akako, unsere Königin! Hast du etwa auf uns gewartet?!“

 

Akakos Gesicht war von ihren ungewöhnlich zerzausten Ponysträhnen überschattet, hier und da ragte ein Blatt oder Zweig aus ihren Haaren oder der Kleidung heraus.

 

Als sie näher kamen und sie den Kopf hob, schnappten alle entsetzt nach Luft, denn ihre geröteten Augen glichen denen eines Dämons, so voller Zorn, dass nicht einmal die Mädchen wagten, einen gehässigen Kommentar abzulassen. Quer über ihre Nase zeichnete sich ein dunkler, blutunterlaufener Striemen ab, als hätte sie etwas Dünnes, Elastisches besonders hart ins Gesicht getroffen. Alle schluckten eingeschüchtert, als sie sich unter ihrer lodernden Aufmerksamkeit wiederfanden.

 

Sie hob die Hand und winkte alle Jungs mit einem Fingerzeig näher. Ihre Stimme war ruhig, leise, aber ihre Lippen bebten unter der Anstrengung, nicht dem nächstbesten Lebewesen die Halsschlagader zu zerfetzen.

 

„... Bringt mir Saguru Hakuba. Egal wie.“

 

Sie legte dem vordersten Mitschüler mit einem verzerrten Grinsen die Hände auf die Schultern: „Der erste, der ihn mir herschafft, bekommt auch von mir eine ... kleine Überraschung.“

 

Saguru spitzte erstaunt die Ohren, als er ihren Lehrer in der Ferne schon wieder schreien hörte. War er etwa ein weiteres Mal Opfer eines üblen Streichs geworden? Er blieb stehen und blickte stirnrunzelnd zurück. Staub und Krawall stoben aus der kleinen Nebenstraße auf und keinen Wimpernschlag später walzte eine lärmende Traube Mitschüler heraus, um geschlossen mit ihm auf direkten Konfrontationskurs zu gehen. Ihr Lehrer ritt auf der Woge wie ein Rettungsboot im Sturm. Niemand achtete auf seine lauthals gerufenen Drohungen und Verwarnungen.

 

Saguru legte irritiert den Kopf schief. Er hatte nicht gewusst, dass sich so viele entschlossene Kämpfernaturen, die es allesamt mit Kaito aufnehmen wollten, in ihrer Klasse befanden. Er selbst hatte höhere Ziele, als den Magier im Schulunterricht zu schlagen, und so hielt er es für sinnvoll, ihnen den Weg freizumachen.

 

Doch als er sich auf die Seite des Bürgersteigs begab, legte sich seine Stirn in noch tiefere Falten, denn mit ihm schien sich auch die anrollende Masse zu verlagern.

 

Erneut direkt auf ihn zu.

 

Er blinzelte langsam und wechselte die Straßenseite. Sie wechselte ebenfalls. Er lief noch einmal zur anderen. So wie sie.

 

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. Irgendwie sah es aus, als ob seine Mitschüler mehr an seiner Person interessiert waren als an einem Wettrennen mit Kaito. Aber das war absurd. Es gab keinen Grund dafür.

 

... Kam es ihm nur so vor oder strahlte diese menschliche Planierraupe eine ominöse, bedrohliche Aura aus?

 

Er atmete einmal tief durch, nickte dann zu sich selbst, machte auf dem Absatz kehrt und spurtete los.

 

---

 

Die Klassensprecherin und die anderen freiwilligen Helfer, die die vorherigen Checkpoints verwaltet hatten, warteten gespannt auf dem Schulhof auf die ersten Läufer, die die Ziellinie überqueren würden. Vielleicht geschahen noch Zeichen und Wunder und jemand konnte tatsächlich Kaito Kuroba, die Sportskanone der Klasse, schlagen? Aus der Ferne machten sie turbulenten Radau aus, der sehr schnell lauter wurde.

 

Und dann kam jemand um die Ecke durch das Tor gerannt, als ob ihm der Teufel höchstpersönlich auf den Fersen war.

 

Er hetzte ihnen entgegen, sprengte das Zielband, rammte beinahe die völlig überraschte Klassensprecherin, die sich beim Ausweichen unsanft auf den Hosenboden setzte und hielt auch nicht an, als alle verwirrt hinter ihm herriefen.

 

Sie schüttelte entgeistert den Kopf. Sie hatte Saguru Hakuba immer eher für den intellektuellen Typen gehalten, auch wenn er natürlich fit genug war, um reihenweise Einser im Sport einzuheimsen. Dass er aber so schnell laufen konnte, hatte sie nicht für möglich gehalten.

 

Kaum dass sie sich wieder aufgerappelt hatte, zischte ein weiterer Blitz an ihr vorbei und schickte sie erneut rücklings zu Boden. „KAITO“, schrie sie nun doch ein wenig verärgert, „Kannst du nicht ein bisschen-“ Ein drittes Mal wurde sie zur Seite geschubst, doch Aoko warf ihr wenigstens eine entschuldigende Geste zu, ehe sie hinter ihren Freunden her galoppierte. Keiko reichte ihr die Hand und half ihr auf: „Sag mal, bist du sicher, dass hier die Ziellinie ist? Die sehen nicht aus, als ob sie in naher Zukunft anzuhalten gedenken.“ „Mach dich doch nicht lächerlich“, zischte sie ungehalten, „So blöd bin ich nicht, dass ich Herrn Ichikawas Anweisungen so dermaßen falsch verstehe!“

 

Im nächsten Augenblick rauschte ein tobender Pulk durch das Tor direkt auf die kleine Gruppe zu und jetzt hielten sie es doch für angebracht, so schnell wie möglich aus dem Weg zu taumeln. „ANHALTEN“, tönte es hysterisch von oben mit der Stimme ihres Lehrers, „SOFORT ANHALTEN! ICH WILL HIER RUNTER! DAS WIRD EIN NACHSPIEL HABEN!!!“ Die Traube raste an ihnen vorbei hinter den drei Abgesetzten her und verschwand um die Ecke des Schulgebäudes.

 

Die Zurückgelassenen sahen ihr eine Weile nach, dann sich gegenseitig an, sammelten seufzend die für die fleißigen Läufer bestimmten Fruchtsäfte ein und trabten gemächlich hinterdrein.

 

---

 

Saguru fiel auf die Knie und vornüber, wobei er sich gerade noch mit den Händen abstützen konnte, um nicht mit dem Gesicht zuerst auf dem harten Kies zu landen. Er konnte nicht mehr weiter, was immer auch geschah. Seine Energie war restlos verbraucht, er selbst total verschwitzt und zerzaust und selbst wenn ihm der Tod persönlich im Nacken gesessen hätte, hätte er keinen einzigen Schritt mehr machen können. Er wusste, dass es verrückt klang, dass es einfach nicht sein konnte, dass seine Klassenkameraden ihn mit entfesselter Mordgier verfolgten – und doch hatte er sich von ihnen kreuz und quer durch die Stadt jagen lassen, bis er schließlich die vertrauten Gebäude der Ekoda-Oberschule gesehen und blindlings auf sie zu gerannt war.

 

Kaito brauste an ihm vorbei, stieß die Hacken in den Boden und kam schlitternd zum Stehen: „Hey, Meisterdetektiv! Kannst du etwa nicht mehr? Dabei fingʼs doch gerade an, Spaß zu machen!“ Aoko erschien keuchend neben ihm und schlug ihm jubelnd auf die Schulter: „Wow, Saguru! Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden gibt, der Kaito so locker abhängen könnte!“ „Er hat mich nicht abgehängt, Dummoko“, motzte Kaito sofort, „immerhin hat er als erstes aufgegeben!“ „Aber er ist auch als erstes durchs Ziel gegangen“, streckte sie ihm schadenfroh die Zunge heraus, „Du bist nur ein mieser Verlierer, das ist alles!“ Saguru zitterte leicht und rieb sich die Gänsehaut von den Oberarmen: „Ich hatte einfach nur das Gefühl, Anzuhalten würde in einer Katastrophe enden ...“

 

Wie aufs Stichwort kam ihre Klasse um die Ecke gepoltert und stürzte sich ohne weiteres Federlesen auf ihn, was er jedoch nicht mitbekam, hockte er doch mit dem Rücken zu ihr.

 

Allerdings hatten die Angreifer nicht damit gerechnet, mit einem riesigen Schwarm Tauben konfrontiert zu werden und mit lautem Geschrei und Geplärr fiel der Pulk auseinander, als die Vögel mit atemberaubender Geschwindigkeit durch ihre Reihen pflügten. Vereinzelt verlor der Mob sofort an Grauen und die nun verstreut liegenden Jungs – und Lehrer – ächzten und japsten vor Anstrengung um die Wette. Nur einige wenige von ihnen hatten noch die Kraft, mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck langsam auf Saguru zu zu kriechen.

 

„Für ... Akako ... Für ... die Königin ...“

 

Saguru hatte sich inzwischen mühsam umgedreht und betrachtete sie perplex, wie sie voller Entschlossenheit die Hände nach ihm ausstreckten und die Arme um seine Beine wanden.

 

Und dann stand sie plötzlich mitten zwischen den anderen, völlig abgehetzt und voller Schrammen und blauer Flecke, aber offensichtlich bester Laune, warf mit einem überheblichen Lachen ihre Haare zurück und wies dann anklagend auf ihn: „Hab ich dich endlich, Saguru Hakuba! Jetzt kannst du mir nicht mehr entwischen! Wehr dich nicht länger und tritt endlich meiner Gefolgschaft bei! KISS!!!“ Sie stürmte los und stürzte sich voller Elan auf ihn.

 

Kurz bevor sich ihre Lippen berühren konnten, erschien ein schwarzhaariger Kopf zwischen ihnen und Akako landete mit ihrem zerkratzten Gesicht direkt darauf.

 

Sie blinzelte und brachte ein verständnisloses Krächzen heraus. Aoko blinzelte ebenfalls, doch nach dem dritten Zwinkern erstrahlte die Flamme der Leidenschaft in ihren blauen Augen und ihre Mundwinkel zogen sich um Akakos Mund in die Höhe. Dann schlang sie ihre Arme wie einen Schraubstock um die Hexe, die schockiert in ihren Mund schrie.

 

Um sie herum stöhnten alle pubertierenden männlichen Wesen lustvoll auf und erlagen einem kollektiven Anfall von Nasenbluten.

 

Während sich die Mädchen in der innigen Umarmung auf dem Boden wälzten – die eine selig, die andere entsetzt – ließ Kaito den Fuß, mit dem er seine Kindheitsfreundin in die Schussbahn gekickt hatte, wieder sinken und schlenderte seufzend zu Saguru, der noch immer nicht begriff, was geschehen war: „Komm mit. Es wird wohl besser sein, wenn du nicht in der Nähe bist, wenn sie den Bann aufzuheben schafft.“ Er packte Sagurus schlaffen Arm und hievte ihn sich über die Schulter, half ihm energisch auf und wollte ihn eben abtransportieren, als ihr Lehrer auf sie zustürzte und Saguru weinend in die Arme schloss: „Saguru! Oh, mein wunderbarer Saguru! Ich wusste, dass mir der Himmel einen Engel schicken wird! Ich habe niemals die Hoffnung aufgegeben, dass irgendwann mal jemand diesem vorlauten Fratz von Kaito beweisen wird, dass er nicht in jedem Bereich der Beste ist! Ich habe gesehen, wie elegant du über die Ziellinie geschwebt bist, ich habe es genau gesehen!“ „Elegant?“, fragte Kaito sarkastisch, „Wohl eher ‚panisch‘ ...“ Der Lehrer beachtete ihn gar nicht: „Du hast dir den Preis redlich verdient, mein Junge! Und weil ich gerade so unendlich glücklich bin, glücklicher, als ich je erwartet hätte, werde ich mit Sicherheit nicht damit knausern!“ Kaito nickte augenrollend: „Ja ja, ist in Ordnung. Wennʼs Ihnen nichts ausmacht, bring ich ihn jetzt zur Krankenstation. Unser Held hat sich nämlich anscheinend ziemlich übernommen, seine Gehirntätigkeit scheint um achtzig Prozent gesunken zu sein.“ Er wedelte mit der freien Hand demonstrativ vor Sagurus Gesicht herum, der daraufhin nur unsicher stöhnte.

 

Mit einem schnellen Griff entfernte er dabei auch gleich den Peilsender von dessen Kragen, dank dem er immer gewusst hatte, wo sich sein Freund gerade befand und ihm schnelle Hilfestellung hatte geben können.

 

---

 

Es stellte sich heraus, dass die „kleine Überraschung“ ein nicht ganz so kleines Mahl in einem sehr guten und beliebten Restaurant darstellte. Der Bonus beinhaltete, dass Saguru seine Freunde mitnehmen durfte, und so saßen sie wenige Tage später zusammen um einen reich gedeckten Tisch und unterhielten sich angeregt.

 

Das verrückte Rennen sprach keiner von ihnen mehr an, in erster Linie deshalb, weil Akako seltsam finster dreinschaute, kaum dass man sie an ihren Ponyritt mit Aoko erinnerte, während diese sich an rein gar nichts mehr erinnern konnte und nur herzlich darüber lachte, weil sie es für einen Scherz hielt. Zum anderen wollte sich Saguru nicht darauf einlassen, dass er seine nüchterne Seite von irrationaler Angst hatte untergraben lassen. Er konnte und wollte nicht erklären, wie er hatte glauben können, dass ihre Klassenkameraden ihn mit verwerflichen Hintergedanken verfolgten.

 

Während er, Aoko und Keiko nun über einem Okonomiyaki saßen und diskutierten, wie es am besten zubereitet wurde, suchte Kaito Akakos Blick und nickte kurz angebunden Richtung Ziergarten. Sie folgte ihm widerwillig, waren ihr die Narben ihrer misslungenen Mission doch noch zu frisch im Gedächtnis – einige davon konnte man sogar noch in ihrem Gesicht entdecken.

 

Kaito lehnte sich an das Geländer und kam ohne Umschweife zum Punkt: „Hat dich die Nacht, die du mit Aoko verbringen musstest, endlich zur Vernunft gebracht?“ Oh, es war nicht nur die Nacht mit Aoko gewesen – bis sie und Luzifer endlich den Gegenzauber für den unsäglichen Bannspruch gefunden hatten – die sie für mindestens einen Monat von jeder übermäßigen Geltungssucht kuriert hatte, sondern auch die den ganzen Tag andauernden Übergriffe durch wildfremde Männer, derer sie sich durch ihre Hexenkraft zum Glück effektiv hatte erwehren können. Selbst ihr Butler hatte sie trotz sofort folgender Schläge einige Male unsittlich berührt und es gab Dinge, auf die selbst eine zum Regieren geborene Göttin gut verzichten konnte. „Hn“, brummte sie nur eingeschnappt und er verfiel in ein schadenfrohes Grinsen. Doch dann wurde er plötzlich ernst: „Weißt du, ich sag das nicht nur um Sagurus Willen, aber du hast ein verdammtes Glück, dass du ihn nicht erwischt hast.“ „Ach ja?“, erwiderte sie flapsig, „Warum? Meinst du, ich könnte einen anspruchsvollen Engländer nicht angemessen unterhalten?!“

 

„Blödsinn, du dumme Gans! Mann, Akako, du musst mal von deinem Imperator-Trip runterkommen und dich fragen, was dir wirklich wichtig ist. Ich glaube dir nämlich nicht in zweitausend Jahren, dass das die Unterwerfung des männlichen Geschlechts ist!“

 

„Was weißt du schon über meine Wünsche?!“

 

Er seufzte schwer, als hätte er es mit einem trotzigen Kind zu tun: „Na schön. Du hast mich schon oft vor Dummheiten bewahrt, ich denke, ich erwidere den Gefallen einfach mal und erkläre dir wörtlich, warum du es nicht geschafft hast, ihn zu diesem vermaledeiten Kuss zu überreden. Und auch, was du mit ihm verloren hättest, wenn er nicht so verdammt verstockt wäre.“ Sie sah neugierig auf. Kaito und nicht in Rätseln sprechen? Das war etwas Neues. Doch sie erhoffte sich nicht viel. Immerhin wusste sie, was sie an Jungen hatte. Sie warf ihr Haar zurück: „Also gut, dann schieß los. Auch, wenn du mir mit Sicherheit nichts Interessantes zu sagen haben wirst.“

 

Er legte herausfordernd den Kopf schief: „Hast du schon einmal daran gedacht, dass sein Respekt für dich größer ist als sein Verlangen?“ Sie hielt inne: „... Was?“ Er schüttelte mitleidig den Kopf: „Akako. Saguru sieht in dir kein Objekt der Begierde, wie es all die anderen notgeilen Typen tun, sondern einen gleichberechtigten Gesprächspartner!“ Sie lachte laut auf: „Das ist ja hochgradig amüsant! Wie oft haben wir denn miteinander kommuniziert, dass er zu diesem Schluss gekommen ist?“ „Du redest vielleicht nicht mit ihm, aber du redest mit uns und er hört dich mit uns reden“, erklärte Kaito gleichgültig, „Und aus dem, was du sagst, hat er sich ein hübsches Bild von dir zusammengezimmert. Er wird nicht umsonst Meisterdetektiv genannt, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob er sich mit dieser Schlussfolgerung nicht fatal geirrt hat.“ Sie funkelte ihn wütend an und er hob beschwichtigend die Hände. Sie überlegte kurz und schnaubte dann abfällig: „Wenn er mich so toll findet, dann müsste er mir längst zu Füßen liegen. Meine Ausstrahlung ist groß, besonders, wenn der Junge ernste Gefühle für mich hegt. Was du sagst, kann also keinesfalls stimmen.“

 

Er fuhr sich stöhnend mit beiden Händen durchs Haar: „Du kapierst es einfach nicht! Dein Charme wirkt auf ihn wie auf jeden anderen Jungen auch! Sein Ehrgefühl ist aber viel zu groß, als dass er sich von seinen Trieben leiten ließe. Wenn er nicht so extrem unnachgiebig seinen Idealen gehorchen und sich weigern würde, seine anerzogene Höflichkeit abzulegen, würde er sich von deinen anderen sabbernden Fußabtretern überhaupt nicht unterscheiden.“ Sie blinzelte ihn perplex an: „... Häh?!“ Er lachte laut auf und grinste sie überheblich an: „Ich weiß, dass er dich mag. So viel hat er mir nämlich schon mal verklickert.“

 

„Aber ... Wie kann er sich dann meinen Befehlen widersetzen?!“

 

„Kann ein Mensch allein so stumpf sein?! Er ist in erster Linie ein Gentleman! Er behandelt dich nicht wie ʼne falsche Göttin, sondern wie ʼne echte Lady!“

 

Sie starrte ihn für eine sehr lange Zeit mit handtellergroßen Augen an. Und er mit vor Humor Glitzernden zurück.

 

Irgendwann runzelte sie die Stirn und ließ den Blick sinken. Das hieß also, dass sie Saguru mehr bedeutete als all den anderen ...?

 

Unwillig schüttelte sie den Kopf. So ein Unsinn. Sie hatte keinen Bedarf an Jungs, die ihrem Kommando nicht widerspruchslos gehorchten!

 

... Allerdings ...

 

Vielleicht war es ja tatsächlich auch für eine konkurrenzlose Göttin wie sie ganz praktisch, wenigstens einen Menschen zu haben, der sie von sich aus auf Händen trug ...

 

Saguru rief nach ihnen. Das Okonomiyaki war fertig. Mit einem letzten Blick auf den immer noch grinsenden Kaito und einem hochnäsigen Schnaufen wandte sie sich um und trat zurück in den Speisesaal. Und natürlich war der schnelle Temperaturwechsel daran schuld, dass sich ihre Wangen plötzlich wärmer anfühlten als sonst.

 

Hinter ihrem Rücken streckte Kaito linkisch die Zunge heraus.

 

Was er gesagt hatte, war so nicht ganz korrekt gewesen. Natürlich war Saguru von Akakos Erscheinung mehr als verzückt. Ein halbwegs gesunder Jugendlicher musste blind und schwachsinnig sein, um nicht auf ihre Anziehungskraft zu reagieren. Aber Saguru hatte Kaito niemals gesagt, dass er Akako mochte. Allerdings musste er das auch nicht.

 

Es war für Kaito, der ihn inzwischen besser kannte als der Detektiv wahrscheinlich vermutete, schlichtweg ersichtlich, dass Saguru absolut hingerissen von ihr war. Doch ihr das zu sagen, hätte bloß ein zu überbordendes Selbstvertrauen zur Folge gehabt und er entschied, dass die Welt eine noch selbstbewusstere Akako Koizumi einfach nicht mehr verkraftete.