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Verbündet im Kampf

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19.1.2020 17:21
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

3 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Albus Dumbledore

Albus Dumbledore ist der Schulleiter von Hogwarts, Harrys Mentor und der Kopf des Phönixordens, der Geheimorganisation, die sich dem Kampf gegen Voldemort verschworen hat. In seiner Jugend war Albus Dumbledore mit dem späteren schwarzen Magier Gellert Grindelwald befreundet. In einer Auseinandersetzung wurde seine Schwester Ariana getötet, was sich Dumbledore nie verzieh.

„Severus? Bist du da? Severus?“, rief die Stimme und gleichzeitig klopfte es wie wild an der Tür.

Severus seufzte. Hatte er nicht einmal in den Ferien seine Ruhe? Seit knapp vier Wochen war er hier in seinem Haus. Alleine. Es war gefährlich, in seiner Nähe zu sein, seit der Lord zurück war. Davon war der Tränkemeister überzeugt. Vor allem, weil der Lord gerade etwas plante. Was? Er wusste es nicht, und selbst wenn Albus noch hundert Mal bei ihm vorbei kam. Severus fluchte leise. Dabei war Dumbledore derjenige, der ihn immer wieder daran erinnerte, dass er sich bedeckt halten musste, damit seine Spionage nicht aufflog. Und jetzt stand er vor seiner Tür und brüllte, dass man es in London noch hören konnte. Seinen Trank konnte er jetzt vergessen, das hier war gerade eine absolut kritische Phase und er musste ihn alleine lassen. Mit einem Schwenk seines Stabes war der Kessel leer und das Feuer aus. Severus ging ziemlich genervt nach oben und öffnete die Tür.

„Geht es noch lauter? Ich denke, der Lord hat es noch nicht gehört.“, schnappte er. Dumbledore durfte ruhig wissen, dass Severus sauer war.

„Ich muss mit dir reden, Severus.“, schob der Weißhaarige sich an ihm vorbei. „Vielleicht solltest du die Tür schließen.“

Der Tränkemeister konnte sich gerade noch beherrschen, die Tür nicht zuzuknallen. Er hasste diese Art von ihm. Ja, er war sein Boss, aber das bedeutete nicht, dass er über jeden Aspekt seines Lebens bestimmen konnte. Aber genau das tat er. Regelmäßig. Gut, dass er nicht alles wusste, überlegte Severus nicht zum ersten Mal. Inzwischen ging Dumbledore voraus und setzte sich in Severus' Küche an den Tisch. Er sah aus, als erwartete er Tee von ihm, aber da konnte er lange warten. Bei Severus bekam nur einer Tee. Halt, nicht darüber nachdenken, verbot er sich jeden Gedanken an IHN.

„Was wollen sie?“ Severus blieb stehen und lehnte sich an die Küchenzeile. „Ich dachte, ich solle unauffällig bleiben? Mein Trank im Labor ist ruiniert, aber der Lord wartet darauf. Ich muss zurück und neu beginnen.“ Er wollte die Stimmung des Lords nicht noch verschlechtern, das war schon schlimm genug, seit Potter im Ministerium entkommen war.

„Es geht um Harry.“ Natürlich, was sonst? Albus Dumbledore kannte kein anderes Thema als diesen Bengel. Und wen belästigte er damit? Konnte er nicht mit Minerva darüber reden? Sie hielt genauso viel von Potter wie der geschätzter Direktor. Severus hingegen war froh, wenn er ihm wenigstens in den Ferien nicht im Kopf herumspukte, das machte er in der Schule schon oft genug. Albus ignorierte das Schweigen und die zusammengezogenen Brauen des Schwarzhaarigen, sprach einfach weiter. „Es geht ihm nicht gut. Seine Tante hat geschrieben. Ganz schlau wurde ich nicht aus dem Brief.“ Er hielt dem Tränkemeister einen Zettel hin.

„Mister Dumbledore, sie sollten mal nach Harry sehen. Da stimmt was nicht. P. Dursley.“, las er. „Und?“

„Sie hat Harrys Eule geschickt.“, antwortete Albus. „Dabei hat sie sonst nichts mit Magie am Hut.“

Petunia hatte nichts mit Magie am Hut? Das kannte der Slytherin aber anders. Sie war immer eifersüchtig auf Lily gewesen. Weil ihre Schwester zaubern konnte. Sie hatte sogar einen Brief geschrieben, weil sie auch nach Hogwarts wollte. Später hatte sie Lily in den Ferien immer beschimpft, aber es war kein wirklicher Hass gewesen, sondern Eifersucht und Neid. Ein wenig machte ihn das nun neugierig, aber nur sehr wenig. „Und?“, fragte er daher erneut.

„Nun ja, ich wollte nach ihm sehen. Und um sicherzugehen, dass auch alles bestmöglich geschützt ist, wollte ich, dass du mitkommst, Severus.“, erklärte der Besucher mit seinem typischen Funkeln in den Augen. Was heckte der alte Mann schon wieder aus?

„Ich? Ich soll zu Potter? Verdammt, ich habe Ferien!“, schnaubte Severus. Aber als er seinem Boss ins Gesicht sah, wurde ihm bewusst, dass er keine Wahl hatte. Verdammt, warum hatte er ihm damals geschworen, alles zu tun, um den Bengel zu schützen? Potter war nicht der Einzige, der gerade Schutz brauchte! Das Ministerium würde ihn ebenfalls schützen. Vor allem jetzt, da auch Fudge endlich glaubte, dass der Lord zurück war. Potter und der Lord hatten sich offenbar einen fulminanten Kampf im Atrium geliefert. Severus war nicht dabei gewesen, sollte immerhin als Spion weiterhin agieren können. Das wollten beide Seiten. Der Lord hatte ihn nicht gerufen, und Dumbledore bestand ebenfalls darauf, dass er in solchen Fällen unauffällig blieb.

„Severus, du bist ein starker Magier, außerdem hast du exzellente Heiler-Fähigkeiten, und zusätzlich jede Menge Tränke, sollte der Junge verletzt sein.“, argumentierte Albus. Er war ungeduldig, das sah man ihm an, auch wenn es nicht so direkt offensichtlich war. Aber die kleinen Bewegungen, als wollte er sofort aufspringen, und die unruhig hin und her huschenden Augen sprachen für sich. Severus kannte ihn schon sehr lange. Eigentlich wunderte er sich sogar, dass er es ihm nicht direkt befahl. Als hätte er seine Gedanken gelesen, erhob er sich und sah Severus mit durchdringendem Blick an: „Severus, du hast geschworen, alles zu tun, um den Jungen zu schützen.“

Der Schwarzhaarige hatte es gewusst. Murrend folgte er ihm nach draußen, nachdem er seinen Umhang angezogen hatte. Albus wollte etwas sagen, aber Severus zückte bereits seinen Zauberstab und legte eine Illusion über sich. Natürlich, der allzeit korrekte Albus Dumbledore wollte verhindern, dass die Muggel etwas über die magische Welt herausbekamen. Obwohl der Schulleiter derjenige war, der immer wieder davon sprach, die Muggelwelt und die magische Bevölkerung einander anzunähern. Absoluter Quatsch, Severus' Meinung nach. Aber darüber brauchte man mit ihm nicht zu diskutieren. Zufrieden mit dem Äußeren des Tränkemeisters ging Dumbledore voran, bis sie im Garten des Hauses standen, dann bot er Severus seinen Arm an. Einen letzten Blick um sich werfend, ob auch wirklich niemand etwas sehen konnte, legte Severus seine Hand darauf und spürte direkt, wie er sie apparierte. Er hasste es, per Seit-an-Seit-Apparieren zu reisen. Er hasste es, die Kontrolle abzugeben. Er hasste es, wenn jemand ihn in eine unbekannte Situation brachte.

Sie landeten in einer Gegend, die so typisch Muggel war, dass Severus sich Petunia direkt darin vorstellen konnte. Alles identisch, wenn man mal von den Farben der Häuser und der Autos vor den Garagen absah. Die Bepflanzung in den Gärten war einfallslos – Rosen und ein paar vermutlich hübsch aussehende Blumen, keine Kräuter- oder Gemüsebeete. Nichts Nützliches. Zügig ging Albus voran, er wusste offenbar, wo genau sie wohnten. Severus versuchte, sich auf die Begegnung mit Potter vorzubereiten. Warum ging Albus nochmal davon aus, dass er seine Fähigkeiten brauchte? Nur weil Petunia ihm Potters Eule geschickt hatte? Der Bengel heulte wahrscheinlich dem Köter hinterher. Nun gut, Severus hatte versucht, Black aufzuhalten, aber natürlich hatte der genau das Gegenteil von dem getan, worum er ihn bat. So wie immer. Er war nicht sonderlich traurig darüber, nun nicht mehr mit ihm zu tun zu haben, aber der Bengel hing scheinbar an der Flohbürste. Woher wusste Albus überhaupt von Severus' Fähigkeiten, fragte sich der Tränkemeister. Kaum jemand wusste es. Nur seine wahren Eltern und ER. Severus wusste, er hatte eine Menge Fehler in seiner Jugend gemacht, aber seine Herkunft hatte er immer geheim gehalten. Sowohl vor Dumbledore als auch vor dem Lord. Niemand sollte es wissen, was in ihm steckte.

„Severus?“, holte ihn Albus aus seinen Gedanken. Er war einige Meter vor ihm und deutete auf ein Haus. Eine 4 hing daran. „Das ist es. Harrys Zuhause.“

Na toll, etwas, das Severus nie wissen wollte. Und jetzt stand er da. Albus hatte bereits den Klingelknopf gedrückt. Wieso kannte er sich hier auf einmal damit aus? Auch der Tränkemeister besaß eine Klingel, aber bei ihm hämmerte er jedes Mal gegen die Tür. Seine Eltern hatten ihn damals zu den Snapes gegeben, damit er sicher aufwachsen konnte. Nicht ahnend, wie sich sein Pflegevater verändern würde. Seine Kindheit würde Severus sicher nie vergessen. Er schüttelte den Kopf, wollte nicht darüber nachdenken. Es war vorbei, nicht mehr zu ändern. Und nun war er hier, weil Albus eine Aufgabe für ihn hatte. Warum nur hatte er ihm geschworen, den Jungen zu beschützen? Der Schulleiter dachte noch immer, dass Severus Lily liebte, aber das tat er nicht. Jedenfalls nicht so, wie Albus glaubte. Wenn er auch nicht vorhatte, ihm das zu sagen. Lily war ihm immer wichtig, sie war seine beste Freundin, seine einzige Freundin, um es genau zu sagen. Severus riss sich aus seinen Gedanken, da auf der anderen Seite der Tür lautes Poltern zu hören war. Ein Mensch öffnete die Tür, der gerade noch so als Mann erkennbar war. Dieser Typ war unglaublich fett.

„Was wollt ihr Freaks hier? Wir wollen keine Freaks!“, polterte er los.

„Mister Dursley, nehme ich an.“ Wie schaffte Albus es, freundlich zu bleiben, fragte sich Severus. Von ihm sollte er das besser nicht erwarten. „Wir sind hier, weil ihre Frau uns geschrieben hat. Das hier ist mein Kollege, Professor Severus Snape, ich bin Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts und magischer Vormund von Harry Potter. Wir würden ihn gerne sehen und mit ihm sprechen.“

„Dieser nichtsnutzige Bengel? Der liegt in seinem … Zimmer und faulenzt, seit er hier ist!“, schimpfte der Fettwanst nun. Aber Severus konnte die plötzliche Unsicherheit erkennen, die dieser ... Mann zu verbergen suchte. „Und jetzt verschwindet hier!“

„Das werden wir, sobald wir mit Harry gesprochen haben.“, versprach Albus. Wieso in aller Welt war er immer noch so überfreundlich? Dieser Kerl hatte es nicht verdient, so wie er sprach. Dabei ignorierte Severus geflissentlich, dass er selbst auch nicht besonders nett zu Potter war. Aber immerhin beschützte er ihn, und das war in den vergangenen Jahren immer wieder notwendig gewesen. Albus sprach indessen weiter: „Lassen sie uns freiwillig hinein oder sollen wir uns Zugang verschaffen?“ Jetzt war eine unterschwellige Drohung hörbar.

Noch bevor der Fette die Tür zuschlagen konnte, war Albus eingetreten. Severus folgte ihm und schenkte Dursley einen seiner Blicke, die den Schülern mehr als deutlich zeigten, was los war. Er funktionierte auch hier. Dursley schrumpfte immer weiter unter dem Blick. Kein Wort des Protestes kam mehr von ihm, er ging  aus dem Weg. Leider half das nicht, den Potter-Bengel zu finden. Albus warf einen Blick in jeden Raum in dem winzigen Häuschen, ging sogar über die Treppe nach oben, während Severus Dursley im Auge behielt, der keinen Mucks mehr machte. Sonst war scheinbar niemand im Haus, jedenfalls war nichts zu hören. Severus blickte sich um, ohne Vernon Dursley aus den Augen zu lassen, fand aber niemanden. Erfolglos kam auch Albus nur eine Minute später wieder herunter.

„Wo ist Harry?“, wollte er drohend wissen. Seine freundliche Aura war wie weggeblasen, das sonst übliche Funkeln aus den blauen Augen verschwunden.

Scheinbar machte er damit Dursley sogar noch mehr Angst als Severus mit meinem Blick, denn der Fettwanst deutete mit zitternden Fingern auf die Tür unter der Treppe. Der Putzmittel-Schrank? Die linke Augenbraue des Tränkemeisters hob sich automatisch. Sie sperrten Potter in einen Schrank? Das würde nicht einmal ihm einfallen. Er konnte ihn nicht ausstehen, aber so erniedrigen? Entsetzt hastete Albus zu der Tür. Ein Vorhängeschloss sprang auf, ohne dass er ein Wort sprach. Die Tür klickte und ging auf. Es war stockdunkel darin, also hob Albus seinen Stab und ließ ihn ein wenig leuchten. Vorsichtig, als wollte er den Jungen nicht blenden. Wenn der Jugendliche schon seit Beginn der Ferien hier drinnen war, dann würde er Schwierigkeiten mit Tageslicht haben, so viel war sicher.

„Harry?“, fragte Albus gezwungen ruhig. Er steckte den Kopf in den Schrank.

„Professor Dumbledore?“, krächzte es nach einem Moment rau.

„Ja, mein Junge.“ Albus' Erleichterung war spürbar und hörbar. „Kannst du herauskommen?“

Severus widerstand dem Drang, seine Hand gegen seine Stirn zu schlagen. Natürlich konnte der Junge das nicht. Wenn er, wovon man ausgehen mussten, seit vier Wochen hier drin lag, dann war er nicht mehr in der Lage, alleine aufzustehen und zu gehen. Knurrend schob Severus sich an seinem Boss vorbei und ging in die Knie. Man musste dem Bengel helfen. Also kniete er sich in den Schrank – aufrecht kam er nicht einmal hinein, so eng war es – und versuchte, den Körper des Sechzehnjährigen auszumachen in dem diffusen Licht von Albus' Zauberstab. Er schob seinen linken Arm unter Harrys Schultern, den rechten unter seine Knie, dann richtete er sich langsam auf, damit keiner von ihnen an die Tür stieß. Der Bengel war viel zu leicht, abgemagert bis auf die Knochen. Severus weigerte sich, ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Nein, er wollte kein Mitleid fühlen, und das würde er unweigerlich, wenn er ihn genauer ansah. Also sah er stattdessen Albus an. Er verstand seine stumme Frage.

„Sie hören von uns, Dursley.“, schnappte er. „Du hast ihn, Severus?“ Der nickte nur knapp. „Wir apparieren nach London, in den Grimmauldplatz. Er gehört Harry. Von dort aus gehen wir durch den Kamin direkt in den Krankenflügel. Ich schätze, er braucht erst einmal Poppys und deine Hilfe.“

Severus nickte erneut, dann disapparierte er ohne ein weiteres Wort. Direkt in der Küche des – nun wohl ehemaligen – Hauptquartiers kam er an. Potter sah ihn mit trüben Augen an, schien noch nicht richtig begriffen zu haben, was mit ihm passierte. Der Tränkemeister ging nicht weiter darauf ein, vor allem, weil gerade auch Albus auftauchte. Er nahm sofort eine Handvoll Flohpulver in das hektisch angefachte Feuer. Mit einem knappen: „Hogwarts, Krankenflügel“, stieg Severus mit Harry auf dem Arm in die Flammen. Er spürte, wie sich Potter in seinen Armen verkrampfte. Am Ende schaffte er es nur mit Mühe, stehend aus dem Kamin zu steigen. Das hätte gerade noch gefehlt, dass Poppy mit ansah, wie er aus dem Feuer stolperte und möglicherweise vor ihren Füßen landete. Nein, auf die Sprüche konnte er wirklich verzichten.

Potters Augen waren geschlossen, als Severus ihn auf ein Bett legte. Albus kam gerade aus dem Kamin hinter ihm, Poppy stürmte aus ihrem Büro. Jetzt erst musterte Severus den Alptraum seiner schlaflosen Nächte genauer. Er war extrem blass, dunkle Augenringe, eingefallene Wangen, von denen eine blau verfärbt war. Über dem Auge war eine inzwischen geschlossene Platzwunde. Die Kleidung wirkte, als würde er dreimal hinein passen, war dabei zerrissen und abgetragen. Gerade deshalb wirkte er noch dürrer. Als Poppy ihn bis auf die Boxer auszog, erkannte Severus, dass er ausgemergelt war, jeder Knochen stach heraus. Blaue Flecke verschiedenen Alters zierten seinen Brustkorb, der rechte Arm war offenbar gebrochen. Am Oberschenkel zeigte sich ein halb verheilter, inzwischen entzündeter Schnitt. Eindeutige Spuren an der Hose und Unterhose des Jungen zeigten, dass er wohl schon länger nicht mehr ins Bad gekommen war. Wortlos ließ Poppy alles verschwinden, ein Reinigungszauber verbannte den Schweißgeruch. In seinem Schrank war es stickig und extrem heiß gewesen. Nein, das hatte niemand erwartet, dass der Junge so lebte. Der Tränkemeister musste sich seinen Kommentar nicht verkneifen, denn er war so schockiert, dass ihm die Worte fehlten. Es erinnerte ihn an einen anderen Jungen. Während Poppy die Verletzungen, die Merlin sei Dank nicht allzu schwer waren, versorgte, gingen Severus' Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Er war gerade vier Jahre geworden. Sein Vater brachte ihn nach England. „Du musst jetzt tapfer sein, mein Junge.“, kniete er sich zu ihm nieder, um ihm in die Augen zu sehen. „Du weißt, deine Mama wurde getötet, und ich möchte nicht, dass dir etwas passiert. Deshalb gebe ich dich zur Familie deiner Tante. Keiner weiß, dass sie mit uns verwandt ist. Deine Tante und dein Onkel werden dich wie ihr eigenes Kind großziehen, du wirst als Mensch bei ihnen leben. Niemand wird wissen, was du in dir trägst, denn ich habe eine Illusion auf dich gelegt, damit es keiner sieht und merkt. Bis zu deinem siebzehnten Geburtstag wird sich nichts verändern, dann erst erwacht dein Erbe. Ich habe dir einen Brief geschrieben, den wirst du vorher bekommen, darin erkläre ich dir alles. Hab keine Angst, mein Großer. Ich liebe dich, aber ich will nicht, dass dir etwas passiert, deshalb muss ich dich wegbringen.“

„Dad, ich will nicht weg! Ich bin brav, ich hab dich lieb!“, weinte der kleine Junge.

„Das weiß ich doch, mein Lieber!“, tröstete sein Dad. „Aber ich will nicht, dass du auch stirbst, deshalb bleib' bitte bei Tante Eileen. Sie wird wie eine Mama für dich sein.“

Damals wirkte sein Dad auf ihn, als würde ihm das alles nichts ausmachen, aber inzwischen wusste Severus, wie sehr es ihn bis heute schmerzte, seinen Jungen weggeben zu müssen. Um ihn zu schützen, musste er sich von ihm fernhalten. Damals hatten Zauberer Jagd auf sie gemacht und seine Mutter getötet, was seinen Vater beinahe umgebracht hätte. Er hatte Severus zu seiner Schwester gegeben, die mit einem Muggel verheiratet war und in seinem Stammbaum fehlte, daher war er dort ziemlich sicher gewesen. Severus hatte nur spärlichen Kontakt zu ihm, noch immer, um in Sicherheit zu sein. Es ging nicht nur um ihn. Erst, wenn dieser verdammte Krieg zu Ende war, konnte er vielleicht zu ihm. Zu seiner Familie.

Severus lebte sich schnell ein, und bald nannte er seine Tante Eileen und seinen Onkel Tobias Mama und Vater. Tobias war ein Muggel, so war er unauffällig. Keiner schöpfte jemals Verdacht. Doch nur ein Jahr später verlor Tobias seine Arbeit und begann mit dem Trinken. Als Severus sechs war, schlug er ihn das erste Mal, von da an häufte es sich. Severus hatte oft so ausgesehen, wie Potter nun hier im Krankenflügel lag. Wie hatte er sich gefreut, nach Hogwarts zu kommen. In seiner damals kindlichen Naivität erhoffte er sich, dass dort alles besser war. Lange glaubte er nicht daran, schon im Zug begegneten ihm Potter und Black. Von da an war die Schule der gleiche Alptraum wie sein vermeintliches Zuhause. Nie konnte er seinem Vater darüber schreiben, da er keinen Kontakt haben durfte. Aus Sicherheitsgründen. Noch immer wurde Severus wütend, wenn er daran dachte. Auch wenn sein Vater nichts dafür konnte. Er ahnte bis heute nicht, was sein Sohn durchmachen musste. Mit Lily hatte er sich angefreundet, kurz nachdem sie umgezogen waren, weil Tobias sich das vorherige Haus nicht mehr leisten konnte. Sie war die Einzige, die ihn so nahm, wie er war, die sich nicht daran störte, dass er keine neuen Sachen hatte. Sie nahm ihn tröstend in den Arm, wenn Tobias mal wieder seine Launen an ihm ausgelassen hatte.

Und doch wurde in der Schule etwas anders. Anfangs hatte Severus es nicht bemerkt, da er sich von allen fernhielt, so gut es ging. Doch am Beginn der vierten Klasse wurde ihm klar, dass jemand ihm mehr bedeutete, als es sein dürfte. Ein Siebtklässler. Er war der Anführer der Slytherins, alle sahen zu ihm auf. Was er sagte, war Gesetz. Eines Abends Anfang September, als die Rumtreiber ihn wieder einmal verletzt hatten, kam er zu Severus. Er nahm ihn mit in sein Einzelzimmer – als Schulsprecher hatte man gewisse Privilegien – und heilte die Schnitte. Einfach so, indem er ihm seine Hand auflegte. Die Wärme spürte Severus heute noch, sobald er daran dachte. Genau wie das Kribbeln. Seither hatte er sich immer wieder eingemischt. Er hatte Severus geschützt, hatte Potter und Black in ihre Schranken verwiesen. Leider nicht sehr lange, weil er dann Hogwarts verließ. Doch er blieb für den Jüngeren sogar Weihnachten in der Schule. Sie gingen ins Dorf, zu zweit, genossen den ganzen Weihnachtstag gemeinsam. Auch wenn sie nur als Freunde gehen konnten, niemand durfte etwas ahnen. Auf dem Rückweg, als sie alleine waren, hielt er seine Hand, küsste Severus, als sie am großen See standen und den Sonnenuntergang beobachteten. In dieser Nacht schlief Severus bei ihm. Zart verführten ihn seine schlanken, eleganten Finger, schenkten ihm die Erfüllung. Sie hatten keinen Sex, aber sie banden sich aneinander. Ihre Magie vereinte sie. Bis heute spürten sie diese Verbundenheit. Gefährten. Die absolut perfekte Verbindung, etwas, das jedes magische Wesen versuchte, zu finden.

Als Veela hatte er sich schon lange zu Severus hingezogen gefühlt, aber als er mit siebzehn erwachte, wusste er, dass der Jüngere sein Gefährte war. Da wusste er auch, dass mehr in ihm steckte als ein einfacher Mensch. Bis heute hatte er niemandem ein Wort gesagt. Nur sehr wenige Personen wussten von Severus' Erbe. Albus hatte keine Ahnung. Und so sollte das auch bleiben. Sie würden alles dafür tun, damit niemand etwas herausfand, denn magische Wesen hatten nicht gerade ein gemütliches Leben in der englischen Zauberwelt. Kaum irgendwo, um genau zu sein. Natürlich hatte sein Gefährte gespürt, was in ihm steckte, Veelas konnten mit Hilfe ihres Charmes nicht nur ihren Gefährten finden, sondern auch erkennen, ob sich ein magisches Wesen in ihnen verbarg. Auch wenn es, wie bei Severus damals, noch nicht erwacht oder unter einer Illusion verborgen war. Das war erst an Severus' siebzehnten Geburtstag passiert. In einem Brief seines Vaters, den er kurz zuvor bekam, hatte Severus alles erfahren, was er dazu wissen musste. Sein Wesen war erwacht und er hatte sich verwandelt. Sein Gefährte war bei ihm geblieben und hatte es ihm sehr erleichtert, die Verwandlung war nicht leicht gewesen. Doch gemeinsam mit einem Gefährten funktionierte es gut, und niemand hatte etwas mitbekommen. Jetzt versteckte er die äußeren Anzeichen – genau wie sein Gefährte und eigentlich alle magischen Wesen – unter einer Illusion.

Poppy schickte ihn nun, bestimmte Tränke für Potter zu holen. Ohne seine Gedanken zu bremsen ging Severus in mein Labor, wo er alles vorrätig hatte, was die Medihexe brauchte. Für den Moment genoss er einfach, sich an IHN zu erinnern. Nach ihrer Verbindung zu spüren, seine Anwesenheit in Severus' Geist wirkte beruhigend. Seit fast sechs Wochen waren sie nun getrennt, hatten keine Möglichkeit, sich zu sehen, zu berühren, miteinander zu sprechen. Der Tränkemeister hasste es, aber sein Wesen kam damit deutlich besser zurecht, als das des Veela. Der war devot, brauchte einen Gefährten. Ohne Severus würde er auf Dauer eingehen. Wobei devot nicht hieß, dass er nur passiv war, im Gegenteil! Gerade am Anfang war deutlich gewesen, dass er der Ältere von ihnen war. Er hatte Severus in die Kunst der körperlichen Liebe eingeführt.

Der Schwarzhaarige hielt inne, als ihn die Erinnerung überkam. So konnte er nicht in den Krankenflügel zurückgehen! Die Erregung in seiner Hose war unverkennbar, nicht einmal die Robe konnte es verbergen. Der Slytherin lehnte sich an die Wand in seinem Labor und schloss die Augen, ließ die Gedanken zu. Das brauchte er nun, und seinem Gefährten tat es sicher gut, wenn er diese positiven Gefühle über die Verbindung spürte. Es war die Nacht nach dem Abschluss seines Gefährten, die letzte Nacht in Hogwarts für ihn, gewesen. Seit Weihnachten war Severus mehr oder weniger bei ihm eingezogen, schlief Nacht für Nacht in seinem Bett, doch mehr als ‚Handarbeit‘ hatte es nicht gegeben. Immerhin war Severus gerade fünfzehn geworden, sein Gefährte war achtzehn. Aber in dieser Nacht wollten sie es. Beide. Es beendete das, was er an Weihnachten angefangen hatte. Die Bindung sollte vollständig sein. Die Sommerferien würden lang, sie konnten sich höchstens ab und zu treffen, damit keiner etwas ahnte. Und dann hatte Severus noch drei Schuljahre vor sich.

„Bitte, schlaf' mit mir!“, bat Severus ihn in dieser Nacht.

„Bist du sicher, Sev?“, raunte er, heiser vor Erregung.

„Absolut!“, lächelte der Schwarzhaarige, und küsste sich an seinem nackten Oberkörper hinunter. Er spürte seine Erregung gegen den Oberschenkel drücken. Ein erregtes Stöhnen zeigte ihm, dass auch er es wollte. Severus' Hände schoben sich unter seinen Hosenbund, rissen die Kleidung von seinem Körper. Er wollte ihn. Jetzt. Auch wenn der Jüngere keine Ahnung hatte, wie es weiterging. Doch das wollte er ihm nicht zeigen, also küsste er sich von den inzwischen abstehenden Brustwarzen über den Bauchnabel nach unten, über die feine Spur aus hellen, blonden Haaren, bis seine Lippen die herrlich weiche Haut schmeckten, die sich um seine pralle Erregung spannte. Severus leckte darüber, was ihn laut stöhnen ließ. Jetzt war er so weit, dass er alles von ihm bekommen konnte, wenn er weitermachte. Severus leckte über die Rinne, schmeckte die Lusttropfen.

„Mmh, du schmeckst so herrlich!“, murmelte er und nahm ihn ganz in seinen Mund auf. Der Ältere stieß mit seinem Becken nach oben, sodass Severus ihn festhalten musste, damit er nicht würgte. Eine Weile ließ er ihn gewähren, dann zog er sich zurück nach oben, küsste ihn verlangend. Severus' Finger zerrten an der Kleidung, bis er nackt auf seinem Gefährten lag. Mit kleinen, kreisenden Bewegungen an der Wirbelsäule entlang machte er Severus vollkommen willenlos. Er war Wachs in seinen Händen, zuckte nicht einmal zusammen, als sich der erste Finger in ihn schob. Zum Glück hatte er sich informiert und Gleitcreme verwendet. Severus schrie auf, als er diesen einen Punkt in ihm traf, der ihn Sterne sehen ließ. Spätestens jetzt wollte er mehr, wollte ihn ganz in sich spüren.

„Langsam!“, bremste er den Jüngeren, leise lachend. „Ich will dir nicht wehtun, Sev!“ Dennoch nahm er einen zweiten Finger hinzu, bereitete ihn langsam vor. Immer wieder streifte er seine Prostata, sodass er kurz davor war, einfach zu kommen.

„Mehr!“, verlangte Severus stöhnend. „Mach, ich kann nicht mehr!“

Und er positionierte sich an seinem Eingang, schob sein pralles Glied ganz langsam in ihn. Es ziepte ein wenig, aber das steigerte Severus' Erregung nur noch, er drängte sich ihm entgegen. „Beweg' dich!“, drängelte er, als der Ältere innehielt. Severus glaubte, fast platzen zu müssen, seine Erregung hatte ein neues Höchstmaß erreicht und er wusste nicht, wie lange er noch aushalten würde. Nicht sehr lange, da war er sicher. Langsam zog er sich aus Severus zurück, baute einen immer schneller werdenden Rhythmus auf, der ihn noch höher schweben ließ. Immer wieder traf er seine Prostata, ließ ihn schreien und Sterne sehen.

„Ahh!“, schrie Severus ein letztes Mal und spritzte auf seinen Bauch, als sein Gefährte erneut den Punkt traf. Nur wenige Stöße später verströmte dieser sein Sperma in ihm und Severus spürte, wie sie sich verbanden, noch mehr, als ohnehin schon.

Stöhnend lehnte Severus an der Wand, als ihn sein Orgasmus überrannte. Allein die Erinnerung an seinen ersten Sex schaffte das, gemeinsam mit den Gefühlen, die er von seinem Gefährten bekam, er hatte sich noch nicht einmal berührt. Verdammt, er war doch kein Teenager mehr! Und doch fühlte er sich gerade einfach nur gut. Noch eine Weile ließ er seine Augen geschlossen, genoss die Nachwehen des Orgasmus, bevor er sich daran erinnerte, dass er Tränke für Potter bringen sollte. Mit einem Zauber ließ er die Spuren verschwinden, atmete mehrmals tief durch und machte sich auf den Weg zurück in die Krankenstation.

Poppy wartete bereits auf ihn, oder besser auf seine Tränke. Der Jugendliche sah schon ein wenig besser aus, war jedoch bewusstlos. Unwillkürlich dachte Severus, dass es wohl besser so war, denn er hatte sicherlich starke Schmerzen. Auch, wenn er selbst nicht ganz menschlich war, so hatte er in seiner Kindheit, als er noch nicht verwandelt war, mehr als genug solche Momente erlebt, um zu wissen, wie es Potter nun ging. Albus wirkte ebenfalls mehr als besorgt. Immerhin war er der magische Vormund des Jungen und für ihn verantwortlich. Er hätte viel früher eingreifen müssen. Jetzt blieb ihm nur, den Gryffindor soweit wie möglich aufzubauen und seine Verwandten zu bestrafen. Zuerst zählte der Junge, dem Poppy und Severus gerade die Tränke einflößten. Danach atmete er deutlich tiefer und gleichmäßiger. Die blauen Flecke waren von Poppy eingecremt worden und heilten zusehends.

„Mehr kann ich nicht tun.“, zog sich Poppy schließlich zurück. Sie trank einen Schluck Wasser, dann setzte sie sich in einen Stuhl in der Nähe von Harrys Bett. Auch Severus und Albus setzen sich. „Die Verletzungen werden in den nächsten Tagen vollkommen verheilen. Sie deuten darauf hin, dass er geschlagen und getreten wurde. Über einen längeren Zeitraum. Die Verletzung am Oberschenkel sieht aus, als wäre er in eine Glasscheibe gerannt oder gefallen. Da werden wir warten müssen, bis er uns berichten kann, was genau passiert ist. Seine Sehschwäche konnte ich nun auch endlich korrigieren, da er jetzt alt genug ist. Vorher war er noch in einem starken Wachstum, da änderte es sich zu rasch. Allerdings ist die Sehschwäche nicht ererbt, wie wir vorher vermuteten, sondern rührt von einem Kopftrauma in der frühen Kindheit her. Nach dem Aufwachen wird er langsam immer schärfer sehen, ich denke, nach einem Tag ist alles in Ordnung mit seiner Sehkraft.“

„Kannst du sagen, wer das getan hat?“, erkundigte sich Albus.

„Nein.“, schüttelte Poppy den Kopf. „Es deutet alles darauf hin, dass eine Menge Kraft im Spiel war, aber es gibt keine eindeutigen Hinweise darauf, wer ihm das angetan hat. Weder bei früheren noch bei den heutigen Verletzungen.“

„Seine Tante hat mich alarmiert.“, murmelte Albus überlegend. „Etwas muss passiert sein, etwas, das in ihren Augen nicht normal war.“

„Das hier“, meldete sich Severus zu Wort, und seine Gestik umfasste Potter und dessen Zustand, „ist nicht normal.“ Seine Stimme war eisig. „Das ist Misshandlung in einem schweren Fall und die Auroren müssen darauf angesetzt werden.“

„Natürlich, Severus.“, stimmte Albus zerknirscht zu. „Aber ich würde gerne warten, was Harry uns dazu sagen kann.“

„Er wird nicht reden, jedenfalls nicht schnell genug.“, war der Tränkemeister sicher. Nickend stimmte die Medihexe zu und schenkte dem Kerkermeister einen wissenden Blick. Sie war die Einzige – außer Lily – die wusste, wie er immer wieder ausgesehen hatte.

„Nein, wird er wohl eher nicht. Vielleicht hätte er mit Sirius gesprochen, aber diese Möglichkeit fällt nun aus.“, bestätigte Poppy.

„Außerdem würde das diesem Fettwanst zu viel Zeit geben, um die Spuren zu verwischen oder gar zu verschwinden.“, fügte Severus noch an. „Auch wenn Magie mehr kann, als sich dieser Muggel vorstellt, alles kann sie nicht.“ Gerade konnte er nicht verbergen, dass er schockiert war. Zu sehr erinnerte ihn Potters Zustand an seine eigene Kindheit. Auch er hatte nur wenige Personen gehabt, denen er so sehr vertraut hatte, dass er mit ihnen über diese Dinge redete. Lily, aber auch nur, weil sie es bereits wusste, und sein Gefährte.

„Du hast Recht, mein Junge.“, seufzte Dumbledore und stand auf. „Ich werde Alastor und Kingsley informieren.“

Das wiederum erschien dem Tränkemeister und der Medihexe als eine gute Idee. Diese beiden Auroren mochten den Jungen sehr und würden alles sowohl diskret als auch schnell und gründlich bearbeiten. Dabei konnte man auch sicher sein, dass sie nichts übersahen und alles vor Gericht Bestand haben würde. Mit einem Mal tauchte Fawkes auf und setzte sich zu Harry. Schmunzelnd ließ Albus das zu, vor allem als er sah, dass der Phönix einige Tränen auf den wunden Körper fallen ließ.

Zu aufgewühlt, um seine Maske noch länger halten zu können, entschuldigte er sich, um in sein Labor zu gehen. Poppy würde sicher noch Einiges an Heiltränken brauchen, so wie Potter aussah. Außerdem musste er endlich den Trank für den Lord fertigstellen, den er vorher abbrechen musste. In seinen Räumen angekommen, verschloss Severus die Türen besonders sorgfältig hinter sich, um sicherzustellen, dass niemand zu ihm kam. Erst dann ging er in sein Schlafzimmer und sank auf sein Bett. Das Gesicht vergrub er in seinen Händen, die Ellbogen waren auf den angezogenen Knien aufgestützt. Die Angst von seinem Gefährten überrannte ihn gerade. Askaban. Er selbst war nur kurz dort gewesen, bevor Dumbledore ihn herausgeholt hatte. Sein Gefährte saß bereits seit Wochen da. Er konnte ihn nur vage spüren, aber das reichte, um ihn zum Zittern zu bringen. Das Grauen, das in den kalten Mauern herrschte, überfiel ihn immer öfter. Es schien, als hätte der Moment von vorher nicht lange angehalten. Wie lange hatte er selbst nicht mehr richtig geschlafen? Severus wusste es nicht mehr. Nur seiner eisernen Disziplin war es zu verdanken, dass er nicht einfach zusammenbrach.

Mit geschlossenen Augen rief er sich seinen Gefährten in Erinnerung. Das war nicht schwer. Eine angenehme Erinnerung, die ihn gerade nicht zum Verzweifeln brachte, zu finden, erwies sich als beinahe unmöglich. Letztlich ließ er einfach seine Gedanken schweifen. Sein Gefährte, wie er gezwungenermaßen eine junge, reinblütige Frau aus gutem Haus heiratete, um standesgemäß und unauffällig zu bleiben. Auch wenn er wusste, dass die Beiden nie das Bett geteilt hatten, ja sogar, dass die Hochzeit ungültig war – auch wenn keiner das ahnte – es zerriss ihn beinahe. Sein inneres Wesen war eifersüchtig. Anders konnte man es nicht nennen. Und doch, kurz danach hatte es sich als Glücksfall erwiesen, denn sein Gefährte war schwanger geworden. Als männlicher Veela nicht ungewöhnlich, aber es hätte alles auffliegen lassen können. Seine Frau wurde nun eingeweiht, auch wenn Severus sie unter einen Schweigezauber gestellt hatte. Weder absichtlich noch ungewollt konnte sie sie verraten. Und seither war sie immer auf ihrer Seite gewesen. Sie stellte keine Forderungen an ihren Mann, hatte inzwischen selbst einen Partner, achtete aber peinlich genau darauf, dass niemand auch nur den Hauch einer Ahnung hatte. Ihr Partner war Heiler, was ihnen bereits mehrmals das Leben gerettet hatte, dessen war sich Severus bewusst.

Die wenigen Familienmomente, die sie hatten. Die Geburt ihres Kindes war der glücklichste Moment in Severus' Leben. Er wusste, warum Lily sich damals vor ihren Sohn gestellt hatte, als der Lord ihn töten wollte. Sein Gefährte, und auch er selbst, würden das Gleiche tun. Im Leben eines Vaters – oder auch einer Mutter – gab es nichts Wichtigeres als ihr Kind. Zumindest sollte es so sein. Das erste Weihnachten, oder eher Midwinter, wie sie feierten, mit ihrem Kind, die strahlenden Augen beim Anblick der Kerzen und bunten Kugeln. Die reine Freude beim ersten Ritt auf dem Besen. Die Liebe, die in jeder Umarmung spürbar war. Wie sehr hatte sich Severus danach gesehnt, dass sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut, endlich nach Hogwarts kam und täglich um ihn war! Unwillkürlich legte sich ein Lächeln auf die sonst so maskenhaft strengen Züge und Severus schlief friedlich ein, noch während er auf dem Bett saß. Die Entspannung ließ seinen Körper zur Seite fallen, und er rollte sich unbewusst um das Kissen zusammen.

Nachdenklich hatte die Medihexe den Tränkemeister beobachtet, als er regelrecht aus dem Krankenflügel floh. Sie war wahrscheinlich die Einzige, die wusste, was er vor Augen sah. Poppy wusste, dass Lily ebenfalls darüber informiert gewesen war, wie es Severus in seinem Zuhause ging, aber sie konnte ihm nicht mehr helfen. Und von ihr selbst hatte er sich noch nie helfen lassen. Nein, das war nicht Severus' Art. Sie wusste, dass er viel mit sich herumschleppte, aber wenn er sich nicht helfen ließ, dann konnte sie nichts tun. Sie konnte ihm nur immer wieder andeuten, dass sie da war, wenn er jemanden brauchte. Er würde nicht kommen, außer er war nicht in der Lage, seine eigenen Verletzungen nach Todesser-Treffen zu versorgen. Und das war eher selten der Fall, er hatte neben seiner Meister-Ausbildung nach dem Tränkestudium eine Ausbildung zum Heiler gemacht. Aus Zeitmangel hatte er nie eine Prüfung abgelegt, aber er war ihr immer wieder eine große Hilfe im Krankenflügel, wenn es mehrere Verletzte nach Quidditch-Spielen gab. Oder wenn sie einmal ein paar Tage Urlaub machen wollte.

Seufzend wandte sie sich wieder dem Jugendlichen im Bett zu. Sie hatte ihm genug Tränke gegeben, dass er die nächsten 24 Stunden wohl durchschlafen würde. Dank Fawkes würde er deutlich schneller heilen als nur mit Tränken und Salben, aber alles ließ sie den Phönix bestimmt nicht machen, denn auch er konnte nicht unbegrenzt heilen. Sie cremte die Prellungen und Quetschungen erneut ein, nachdem sie ihn gewaschen hatte, verband die Wunde am Oberschenkel. Sie sah deutlich besser aus als noch vor zwei Stunden, aber besser war es, wenn sie verbunden war. Dann konnte Harry sich wenigstens bewegen. Einen letzten Blick auf ihn werfend, um sich zu versichern, dass er tief schlief, wandte sie sich den Tränke-Vorräten zu. Meistens füllte Severus sie während der Sommerferien auf. Aber dieses Jahr hatte Du-weißt-schon-wer ihn ziemlich in Beschlag genommen. Vor allem seit der von Harry vereitelten Aktion im Ministerium. Zumindest hatte es dazu geführt, dass nun jeder glaubte, Harry hatte seit einem Jahr die Wahrheit gesagt. Gerade im letzten Schuljahr hatte es da viele Schüler und auch eine Lehrerin gegeben, die das mehr als bezweifelt hatten. Und Harry hatte dafür gebüßt. Poppy seufzte erneut. Sie hatte die Narben an Harrys Hand gesehen. Umbridge hatte sich im letzten Jahr einen alten Zauber zunutze gemacht, der Poppy jegliches Eingreifen unmöglich gemacht hatte. Egal was sie versucht hatte, es war nicht gegangen. Auch die Professoren hatten damit große Probleme gehabt. Severus und Minerva hatten sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, um ihren Schülern zu helfen, mussten aber extrem vorsichtig sein, um nicht selbst gefeuert zu werden. Dann hätten sie niemandem mehr helfen können. Wenn schon Albus nicht dazu im Stande gewesen war. Er hatte es nicht geschafft, den Minister und den Schulrat zu überzeugen. Oder besser, den Schulrat hätte er – mit Hilfe von Lucius Malfoy – sogar auf seine Seite gebracht, aber Fudge hatte ein Gesetz gewirkt, dass ihm die absolute Macht verlieh. Und Umbridge hatte weitergemacht.

Nun, diese … inkompetente, nichtsnutzige und absolut … verabscheuungswürdige … Person würde so schnell keinem Kind mehr etwas zuleide tun. Nie wieder. Poppy konnte nicht anders, als verhalten zu grinsen, als sie daran dachte, was die Zentauren aus ihr gemacht hatten. Sie würde wohl nie wieder die Person sein, die sie einst war. Sehr zur Freude derer, die hier in der Schule mit ihr zu tun gehabt hatten. Und wahrscheinlich noch viel mehr Menschen. Körperlich hatte Poppy sie heilen können, aber ihr Geist war derart zerrüttet, dass sie auf dem Stand eines Kleinkindes war – und wohl auch bleiben würde. Die Zentauren hatten der Menschheit damit einen großen Gefallen erwiesen. Das würde Harry sicher wenigstens ein kleines Lächeln entlocken. Würde es, nach all dem, was passiert war? Poppy hoffte es. Der Junge hatte schon so viel durchgemacht, wie viel mehr konnte ein Kind schaffen? Und auch wenn die meisten Zauberer und Hexen das anders sahen, Harry war ein Kind. Er hatte in wenigen Tagen Geburtstag, dann wurde er sechzehn. Und die Menschen verlangten bereits seit Jahren von ihm, dass er irgendwann Du-weißt-schon-wen vernichten sollte. Sie verlangten einen Mord, von einem Kind! Was bei Merlin dachten sie sich eigentlich dabei? Der Junge hatte in seinem ersten Jahr, mit nicht einmal zwölf Jahren, den Stein der Weisen gerettet, mit nicht ganz dreizehn Jahren einen Basilisken getötet und die Rückkehr von Du-weißt-schon-wem verhindert, danach hatte er sich vor einem vermeintlichen Mörder fürchten müssen und sich mit Dementoren angelegt. Von diesem elenden Turnier in Harrys viertem Jahr nicht zu reden, oder die Konfrontationen mit Umbridge und dem dunklen Lord im Ministerium im letzten Jahr. Poppy schüttelte ärgerlich den Kopf. Keiner wagte es, den Namen dieses Schwarzmagiers auszusprechen, aber Harry sollte ihn vernichten. Ein Wunder, dass Harry überhaupt noch hier war. Die meisten Menschen wären unter diesem konstanten Druck längst zusammengebrochen, aber Harry hielt dem Stand, und war sogar noch in der Lage, die Misshandlungen in seinem Zuhause zu verbergen.

 

Einen Tag später sah der Jugendliche bereits deutlich besser aus und zeigte erste Anzeichen eines baldigen Erwachens. Fawkes war nicht von seiner Seite gewichen. Severus hatte neue Tränke geschickt, war aber selbst nicht aufgetaucht. Nach Albus' Andeutungen vermutete Poppy, dass er bei einem weiteren Todesser-Treffen gewesen war. Jedenfalls hatte Albus von einem Ordenstreffen und Informationen gesprochen, als er hier gewesen war. Danach war er wieder verschwunden. Seit Stunden war er weg. Sie hatte eigentlich gehofft, dass er da war, wenn Harry wach wurde. Langsam gab sie die Hoffnung auf, denn der Jugendliche wurde immer aktiver. Seine Augen zuckten unter den Lidern, er warf sich unruhig hin und her. Sie dimmte das Licht.

„Ruhig, Harry, du bist in Sicherheit.“, versprach die Medihexe. „Professor Dumbledore und Professor Snape haben dich nach Hogwarts gebracht. Du musst nicht mehr dorthin zurück. Professor Dumbledore wird sich darum kümmern. Auroren haben deine Verwandten befragt und ermitteln nun gegen sie. Du bist jetzt sicher, Harry. Komm schon, wach auf.“

Stöhnend schlug Harry letztlich doch die Augen auf, nur um sie gleich wieder zuzukneifen. Obwohl Poppy das Licht gedimmt hatte, war es viel zu hell um ihn. Er wusste nicht, wie lange er in dem Schrank gelegen hatte, aber immer war es dunkel um ihn gewesen. Der kurze Blick hatte ihm gereicht, um die Umgebung selbst ohne Brille zu identifizieren. Er war mal wieder im Krankenflügel. Na toll, darauf hätte er auch verzichten können. Ein leises Lachen der Medihexe machte ihn darauf aufmerksam, dass er nicht alleine war.

„Was …?“, krächzte er heiser und hustete.

„Nicht sprechen, Harry.“, mahnte Poppy. Sie hielt ihm ein Glas an die Lippen, in das sie ein wenig Wasser und etwas aus einer Phiole geschüttet hatte. Auch Fawkes hatte noch zwei Tränen hinzu gegeben, dann war er verschwunden. „Langsam trinken.“, kommandierte sie, als er gierig daran saugte. „Du kannst mehr bekommen, aber mach langsam, es nutzt keinem von uns, wenn du dich verschluckst.“

Gehorsam leerte Harry das Glas in kleinen Schlucken, dann noch eines. Mit einem wesentlich besseren Gefühl als zuvor öffnete er die Augen erneut. Als er seinen Kopf drehte, stöhnte er auf, weil ihm mit einem Mal schlecht wurde.

„Langsam, Harry. Dein Kreislauf braucht eine Weile, um wieder in Gang zu kommen.“, erklärte Poppy.

„Ich .. ich muss mal.“, presste Harry heraus, der den Drang kaum noch unterdrücken konnte.

„Ah ja.“, lächelte Poppy und wirkte einen Zauber, der Harrys Miene deutlich entspannte. „Auch dafür gibt es Zauber. Ich schätze, wir werden dich ein wenig aufpäppeln müssen, bevor du wieder alleine ins Bad kannst. Bis dahin nutzen wir die Zauber, auch für die restliche Hygiene. Wie fühlst du dich?“

„Erschlagen.“, hauchte Harry. Mit einem Mal überrollten ihn die Erinnerungen. Sirius, wie er durch den Schleier fiel, weil er ins Ministerium gekommen war, um ihn zu retten. Sein Pate war tot, weil er nicht gelernt hatte, seinen Geist zu verschließen. Ein Kloß bildete sich in Harrys Hals, Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er wandte sich ab, wollte seine Schwäche nicht zeigen. Seit er mit elf Jahren in die Zauberwelt gekommen war, wusste er, was von ihm erwartet wurde, und er wollte keine Schwäche zeigen. Aber er war schwach, da gab es nichts zu rütteln. Wie sonst konnte man sich erklären, dass er sich gegen seinen Onkel nicht wehren konnte? All die Jahre hatte er ihn geschlagen, wenn er die ihm gestellten Arbeiten nicht schnell genug geschafft hatte. Tante Petunia hatte von ihm verlangt, die Hausarbeit im Alleingang zu erledigen. Aber es war selten zu schaffen. In den letzten Jahren hatte er sich immer angestrengt, um es doch zu schaffen, war regelmäßig gescheitert. Dann hatte Onkel Vernon zugeschlagen. Meist so, dass niemand etwas sah, immerhin sollte er auch nach draußen. Um den Garten auf Vordermann zu bringen, den Zaun zu streichen, die Garage aufzuräumen, den Müll raus zu bringen, einzukaufen oder ähnliche Aufgaben zu erledigen.

Dieses Mal war es ein wenig anders gewesen, denn gleich nach einigen Tagen hatte Onkel Vernon ihn so stark auf die Wange geschlagen, dass er zur Seite getaumelt war. Dabei war er durch die Glastür gestürzt, die in die Küche führte. Die Scheibe ging zu Bruch und er hatte mehrere große Splitter abbekommen. Die meisten Scherben hatten nur kleinere Schnitte verursacht, aber eine war tief in seinem Oberschenkel gesteckt. Onkel Vernon war ziemlich blass geworden und hatte sie herausgezogen, dann hatte Tante Petunia ihm einen festen Verband, einen Druckverband angelegt, und sie hatten ihn in den Schrank gebracht, denn die Treppen schaffte er nicht mehr. Dort hatte er gelegen und vor sich hin gefiebert. Tante Petunia hatte ihm Essen und Trinken gebracht, aber er hatte das Essen verweigert, hatte es nicht hinunter gebracht. Aber wie war er hierher gekommen? Harry konnte sich an etwas erinnern, das ihm wie ein Traum erschien. Dumbledore und Snape waren zu ihm in seinen Schrank gekommen. Snape hatte ihn sogar auf den Arm genommen und getragen. War es kein Traum gewesen?

„Harry! Wie schön, dich wach zu sehen!“, riss die Stimme des Schulleiters den Jugendlichen nun aus seinen Gedanken. „Wie fühlst du dich?“

Harry antwortete nicht. Eigentlich wollte er ‚beschissen‘ sagen, aber das traute er sich dann doch nicht. Eine bessere Umschreibung gab es jedoch nicht. Also schwieg er lieber. Dumbledore allerdings schien keine Antwort zu erwarten. Er sprach einfach weiter. „Deine Tante hat sich an mich gewandt, sie hat Hedwig mit einer Botschaft geschickt. Daher haben Professor Snape und ich nach dir gesehen. Auroren ermitteln nun gegen deine Verwandten, denn sie haben dich schwer misshandelt, das haben sie bereits zugegeben. Es tut mir leid, Harry, dass ich deine Bitten dahingehend abgelehnt habe. Ich hätte dir mehr Glauben schenken sollen. Erst als Petunia deine Eule schickte, wurde mir bewusst, wie schlimm es ist.“ Er wirkte sehr betrübt. „Ich kann es nicht wieder gut machen, aber du musst nie wieder zurück. Für diesen Sommer bleibst du hier, unter Poppys und meiner Aufsicht, und für nächstes Jahr werden wir uns etwas einfallen lassen. Deine Hedwig habe ich in den Eulenturm geschickt, wenn es dir besser geht, kannst du sicher zu ihr. Sie ist eine sehr kluge Eule.“

Der junge Gryffindor nickte, schwieg aber noch immer, auch wenn er froh war, das zu hören. Nur, es war ihm egal, was nun wurde. Wie lange würde er noch leben? Was hatte er noch vom Leben? Sirius war tot, der Mensch, der ihm am meisten bedeutet hatte. Sein Pate, auf den er so viele Jahre verzichten musste, und der ihn nicht einmal zu sich hatte nehmen können, weil er als Mörder gesucht wurde. Für etwas, das er nie getan hatte. Hermine und Ron waren seine Freunde, aber sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen in den letzten Wochen. Sie entwickelten sich auseinander, denn Harry wollte nicht, dass sie in Gefahr waren. Jeder, der ihm nahe war, geriet ins Visier von Voldemort, dem wollte er seine Freunde nicht aussetzen. Auch wenn ihm klar war, dass sie immer an seiner Seite stehen würde. Zumindest Hermine. Bei Ron war er nicht so sicher, der hatte schon immer mal wieder Eifersucht gezeigt. Zeitweise hatten sie überhaupt nicht miteinander gesprochen. Er musste etwas tun, damit keiner mehr in Gefahr war. Und er wollte seinen Paten und seine Eltern endlich rächen.

„Harry, wenn es dir besser geht, würde ich gerne ein wenig Zusatzunterricht mit dir machen.“, überlegte Dumbledore nun laut. „Es war sicher nicht die beste Idee, dich im letzten Jahr von Professor Snape in Okklumentik unterrichten zu lassen, aber ...“

„Nein, Professor, das war eine gute Idee.“, unterbrach Harry ihn. „Ich hätte es lernen müssen, dann hätte Sirius nicht sterben müssen!“ Jetzt brach er doch in Tränen aus. „Es war meine Schuld! Er ist meinetwegen gestorben! Es tut mir leid, Sirius, es tut mir so leid!“

„Nein, Harry, nicht doch.“, nahm Dumbledore ihn ein wenig unbeholfen in den Arm. „Ich hätte dir sagen müssen, was das alles zu bedeuten hat. Schon viel früher, nicht erst, als alles zu spät war. Es war meine Schuld, mein Junge. Ich hätte erkennen müssen, dass du nicht in der Lage dazu warst, deinen Hass gegen Professor Snape beiseite zu legen. Genausowenig, wie er dazu in der Lage war, dich als Harry zu sehen. Du musst wissen, dein Vater ...“

„Ich weiß.“ Harry seufzte. „Dafür muss ich mich auch noch bei Professor Snape entschuldigen.“ Ein verwunderter Blick traf ihn. „Das … das ist privat.“ Und mehr bekam der Schulleiter nicht aus seinem Schüler.

Eine Weile schwiegen beide, dann räusperte sich Dumbledore. „Also, Harry, sobald Madam Pomfrey dich hier entlässt, zeige ich dir ein Gästezimmer, in dem du den Rest der Ferien wohnen kannst. Außer uns dreien ist derzeit nur Professor Snape hier. Hagrid kommt in knapp einer Woche zurück, er ist bei Madam Maxime in Frankreich. Unser Hausmeister hat ebenfalls gerade Urlaub, wann er kommt, kann ich dir nicht genau sagen, aber spätestens in zwei Wochen. Und dann, wenn es dir gut genug geht, werden wir unser Training aufnehmen. Denn egal ob es uns gefällt oder nicht, es ist dein Schicksal, gegen Voldemort anzutreten. Selbst wenn du es nicht wolltest, er wird dir keine Ruhe lassen und dich suchen, falls du verschwinden solltest.“

„Ich weiß.“, nickte Harry. „Ich werde lernen und mich ihm stellen, wenn ich dazu in der Lage bin. Niemand soll mehr meinetwegen sterben müssen.“

„Nichts anderes habe ich von dir erwartet.“, lächelte Dumbledore. „Ich werde mit Professor Snape reden, denn er ist besser als ich in Okklumentik. Wenn du von ihm lernst, lernst du von dem Besten. Und das ist sicher in deinem Sinne.“

„Ich werde lernen.“, versprach Harry. „Falls Professor Snape mich noch unterrichtet. Ich … ich hoffe, er nimmt meine Entschuldigung an.“ Die letzten Worte sprach er eher zu sich selbst.

„Ich rede mit ihm und ...“, setzte Dumbledore an. Doch sein Weitersprechen wurde effektiv verhindert, als der blutige Baron hastig auf ihn zu schwebte und entsetzt verkündete: „Professor Snape muss verletzt sein, er schreit ganz furchtbar in seinem Quartier!“

Dumbledore sprang auf und rannte los. Harry sah nur noch, wie er blass wurde, dann war der Schulleiter bereits an der Tür. So schnell wie in diesem Moment war Albus noch nie vom vierten Stock in die Kerker gerannt. Schon von weitem hörte er die qualvollen Schreie seines Tränkemeisters. Es klang, als würde er gefoltert. Zwar war heute ein Treffen der Todesser gewesen, doch danach hatte er mit Severus gesprochen. Er war nicht bestraft worden. Aber was hatte das dann zu bedeuten? Atemlos blieb Albus stehen, als er die Tür der Privaträume erreicht hatte. Das Portrait, das den Eingang sicherte, wich nicht beiseite, scheinbar hatte Severus sein Passwort geändert. Zu ungeduldig, um lange zu raten, wirkte Albus einen Sprengzauber und schleuderte das Portrait aus dem Weg. Er rannte in das Wohnzimmer, wo Severus in dem Moment zusammenbrach. Er zitterte so heftig, dass seine Zähne klapperten. Die Kleidung war feucht, aber nicht blutig. Dem Geruch nach war es Schweiß, obwohl es in den Kerkern wie immer ziemlich kühl war. Albus überlegte nicht lange, er hob Severus auf seine Arme und trat zum Kamin. Mit Mühe schaffte er es, Flohpulver ins Feuer zu werfen und durch die Flammen zum Krankenflügel zu gehen.

Severus hatte sich, nach seinem erholsamen Schlaf, endlich darüber gemacht, die Tränke für den Krankenflügel aufzustocken, während er den Trank, den der Lord gefordert hatte, erneut aufsetzte. Es ärgerte ihn ein wenig, denn hätte Albus nur eine Stunde später an seiner Tür geklopft, müsste das hier nicht sein. Dennoch ließ er nicht zu, dass seine Gefühle ihn beim Brauen beeinflussten, sodass er den Trank in einer sehr guten Zeit fertig hatte. Gerade rechtzeitig, denn kaum hatte er ihn abgefüllt, brannte das Mal an seinem Unterarm, und er musste dort erscheinen. Offenbar brauchte der Lord nun den Trank. Eine rasche Nachricht an Albus, dann reiste er durch den Kamin nach Malfoy-Manor, wo der Lord derzeit residierte. Dadurch, dass er durch den Kamin kam, war er früher dran als sonst, und stellte sich auf den ihm zugewiesenen Platz. Überrascht erkannte er, dass diejenigen, die nach dem Einsatz im Ministerium gefangen worden waren, zurück waren. Der Lord hatte sie offenbar kurz zuvor aus dem Gefängnis geholt, denn sie hatten wohl gerade Zeit gehabt, sich etwas zu waschen und umzuziehen. Severus tauschte nur einen kurzen Blick mit seinem Gefährten, aber der sagte für sie beide alles. Sie würden sich unter allen Umständen nach dem Treffen sehen. Wahrscheinlich würde er nach Spinners End gehen, dort trafen sie sich meist, weil es gut abgeschirmt war. Doch zuvor musste er das Treffen überstehen und Bericht erstatten. Noch war der Lord nicht anwesend, daher erlaubte er seinen Gedanken, einige Jahre in die Vergangenheit zu schweifen.

Sein Gefährte hatte keine Wahl gehabt, er musste sich direkt nach dem Abschluss dem Lord anschließen. Sein Vater hatte darauf bestanden, seinen Sohn direkt in den inneren Kreis gebracht. Etwas anderes kam für jemanden wie ihn überhaupt nicht in Frage. Severus war schnell klar gewesen, dass es vielleicht ihre einzige Chance war, etwas für magische Wesen zu ändern. Der Lord hatte sie damit geködert, aber inzwischen war ihm bewusst, dass es nicht mehr als das war. Ein Köder. Auch er hatte nicht vor, wirklich etwas zu ändern. Dummerweise war der Lord ein Blender, er konnte sehr überzeugend sein, sodass Viele erst zu spät bemerkten, wem sie sich da anschlossen. Genau wie sein Gefährte und er selbst. Aber sie steckten nun mittendrin und kamen nicht heil raus. Sie spionierten, er selbst für Dumbledore, sein Gefährte für das Ministerium. Auch wenn Fudge davon keine Ahnung hatte. Das war sicher auch besser so. Nein, er gab die Informationen direkt an die Chefauroren und die Leiterin der magischen Strafverfolgung weiter. Sie konnten nur hoffen, dass das am Ende reichte, um nicht das Schicksal der anderen Todesser zu teilen, falls Potter gewann. Albus hatte angedeutet, dass er dem Jungen Unterricht geben wollte. Das würde ihn sicher ablenken. Dennoch musste der Bengel dringend jemanden finden, mit dem er reden konnte. Severus wusste, wie schlimm es werden konnte, wenn man niemanden hatte, der einem zuhörte. Sein Gefährte war immer für ihn da, und er für ihn. Ohne einander hätten sie es wohl nicht heil bis hier überstanden.

Die Ankunft des dunklen Lords riss ihn aus seinen Gedanken. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich nun voll und ganz auf das Geschehen um ihn herum. Zuerst ließ er sich von einigen niederen Todessern berichten, was bei der Befreiung der Gefangenen passiert war. Albus würde das sicher wissen wollen. Anschließend kamen diejenigen dran, deren Aufgabe es war, hochrangige Beamte im Ministerium unter Imperius zu stellen. Sie mussten einige Strafen einstecken, weil es aufgrund von Severus' Informationen schwer wurde, die Beamten auch unter dem Einfluss zu halten. Die Auroren leisteten ganze Arbeit, indem sie zumeist bereits nach wenigen Stunden oder spätestens nach drei Tagen den Imperius brachen. Leider konnten sie nicht unbedingt diejenigen festnehmen, die den Zauber sprachen, da dann Severus leicht auffliegen konnte, da nur wenige von vornherein wussten, wer dafür zuständig war.

Nun richteten sich die roten Augen auf Severus. Der Tränkemeister wusste, was sein angeblicher Meister von ihm erwartete. Er sank auf die Knie, senkte den Kopf und reichte dem Lord die geforderten Tränke. Sorgfältig beschriftet. „Sehr gut.“, zischte der Lord. „Severus, du hast meine Erwartungen erfüllt. Du wirst deine Belohnung erhalten.“

„Vielen Dank, Herr.“, antwortete Severus demütig. Er hasste es, sich so zu erniedrigen, aber es musste sein. Nicht nur sein eigenes Leben hing daran, auch das seines Gefährten und ihrer gemeinsamen Familie. Und das war er nicht bereit, zu riskieren. Niemals. Egal wie kalt er nach außen hin wirkte, auch er hatte ein Herz. Und das schlug für seine Familie. Doch jetzt durfte er sich nicht ablenken lassen.

„Was plant Dumbledore?“, wollte der Lord wissen.

„Er versucht immer wieder, herauszufinden, wen ihr unter den Imperius stellen lassen wollt, Herr.“, berichtete Severus, noch immer mit gesenktem Kopf. „Außerdem wartet er auf das, was ich ihm berichte.“

„Darüber werde ich dich noch in Kenntnis setzen.“, nickte der Lord. „Immerhin wollen wir, dass der Narr an seinen Spion glaubt!“

Das zischende Lachen des dunklen Lords begleitete Severus, als er zurück auf seinen Platz ging. Ihm wurde kalt, als er merkte, dass sich der Lord denjenigen zuwandte, die er aus Askaban geholt hatte. „Ihr Versager solltet euch ein Beispiel an Severus nehmen!“, zischte er, diesmal wütend. „Ihr habt es nicht einmal geschafft, einem Haufen Kindern die Prophezeiung abzunehmen!“ Er ließ sie alle vor sich knien. Einschließlich Bellatrix Lestrange, die zwar nicht gefangen worden war, da er sie selbst aus dem Atrium des Ministeriums mitgenommen hatte, aber auch sie hatte in seinen Augen versagt. „Severus, deine Belohnung. Du darfst den ersten Fluch sprechen.“

Dem Tränkemeister wurde heiß und kalt. Er musste foltern, was er hasste, aber er durfte auch keinerlei Hinweis hinterlassen, dass einer dieser Menschen, die gerade vor dem Lord knieten, ihm mehr bedeutete. Sein Gefährte. Über ihre geistige Verbindung, die glücklicherweise auch bei aktiven Okklumentik-Schilden funktionierte, nahm er die Gefühle des Veela wahr. Er durfte ihn nicht offensichtlich verschonen. Es musste – und würde – echt wirken, wenn er den Fluch sprach, nur sie selbst wussten, dass es nicht das war, wonach es aussah. Sie konnten das Spiel perfekt. Er spürte die Unterstützung, die sein Gefährte ihm bot, und lehnte sich dankbar in diese geistige Umarmung, dann erst hob er seinen Zauberstab. „Crucio.“ Nacheinander schrien sie alle. Severus achtete auf den Lord, der ihm andeutete, wann er den Fluch beenden sollte. Es dauerte unendlich lange, bis es endlich für ihn zu Ende war.

Der Rest der Versammlung ging an Severus vorüber, auch wenn er sich bemühte, alle relevanten Informationen aufzunehmen. Am Ende mussten einige Todesser, darunter auch sein Gefährte zurückbleiben. Severus stolperte durch den Kamin zurück in sein Lehrerquartier und ging direkt weiter zu Albus, um zu berichten. Anschließend eilte er zurück in seine Räume, um nach Spinners End zu gehen und dort auf seinen Gefährten zu warten. Doch er kam nur bis in seine Räume. Plötzlich zerrissen wahnsinnige Schmerzen sein Innerstes. Er fühlte sich, als würde er auseinander gerissen. Schreie entkamen seinem Mund, er merkte es nicht einmal. Die Schmerzen waren so unglaublich, ein Cruciatus war beinahe angenehm dagegen. Er umklammerte panisch seinen Brustkorb, hatte das Gefühl, als würde etwas aus ihm herausgerissen. Brüllend vor Schmerz krampfte er sich zusammen und kämpfte. Sein Gefährte brannte, und Severus schrie sich die Seele aus dem Leib. Er spürte nicht mehr, wie Dumbledore zu ihm kam, ihn auffing, als er der Schwärze nachgab.

Eine Weile war es etwas besser, die Schmerzen in einem Rahmen, den er gerade noch so ertragen konnte. Langsam nahm er seine Umgebung wieder wahr. Er lag in einem Bett, die Gerüche um ihn machten ihm klar, dass er wohl im Krankenflügel lag. Doch noch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, schrie er panisch auf. Ein scharfer, heißer Schmerz brannte in seiner Brust, bis er mit einem Mal abriss. Absolute Leere machte sich in Severus breit. Erneut schrie er vor Qualen, als er seinen Gefährten nicht mehr spüren konnte. Er merkte nicht, dass Albus ihn in seine Arme zog, ihn an Ort und Stelle hielt. Unwillkürlich trat und schlug er um sich, Tränen der Verzweiflung brachen sich Bahn aus seinen Augen. Er merkte es nicht.

Entsetzt beobachtete Harry, wie der Weißhaarige darum kämpfte, Professor Snape zu halten. Solche Schmerzen, wie er aus den Schreien des Tränkemeisters entnehmen konnte, hatte er noch nie miterlebt. Keine körperlichen Schmerzen, das hatte Poppy als Erstes abgeklärt. Es mussten seelische Schmerzen sein, aber was löste so etwas aus? Dumbledore sprach beruhigend auf den Slytherin ein, der überhaupt nicht reagierte. Was bedeutete das? Die Qual, die aus den verzerrten Zügen sprach, ließ Harry selbst Schmerzen fühlen, obwohl er nicht wusste, was gerade passierte. Er konnte nur beobachten, wie der Professor immer wieder versuchte, der Qual zu entkommen, sich in den Armen des Schulleiters wand. Bis er irgendwann die Augen verdrehte und zusammensackte. Vorsichtig bettete Dumbledore ihn in die Kissen.

„Was …?“, wollte Harry nun wissen.

„Ich bin mir nicht ganz sicher.“, schüttelte der Älteste im Raum den Kopf. Er sah Poppy an, die ebenfalls den Kopf schüttelte. Sie war aber zu sehr damit beschäftigt, den Tränkemeister zu untersuchen, als dass sie mit ihnen sprechen konnte. „Lassen wir ihn erst einmal schlafen.“, entschied Dumbledore schließlich. „Vielleicht geht es ihm dann besser und er kann uns sagen, was genau passiert ist.“

„Ich kann nichts weiter für ihn tun.“, stellte Poppy nach einer Weile fest. „Rein medizinisch betrachtet fehlt ihm nichts, auch wenn er einen hohen Stresslevel anzeigt. Aber bei den Schmerzen, die er vorhin hatte, ist das auch kein Wunder. Nur kann ich leider nicht erklären, wo die Schmerzen herkamen. Kein Diagnosezauber zeigt etwas an. Ich bin ehrlich gesagt ratlos.“ Sie wirkte sogar ein wenig verzweifelt, weil sie ihrem Patienten nicht helfen konnte. Also wandte sie sich Harry zu: „Und nun zu dir, junger Mann. Du solltest dringend etwas essen. So lasse ich dich nicht gehen. Und ich weiß, wie ungern du hier bei mir bist.“

Seufzend setzte Harry sich ein wenig anders hin. Natürlich hatte sie Recht, er hasste es, hier im Krankenflügel zu sein. Aber die Aussicht, nicht zu seinen Verwandten zurück zu müssen, entschädigte ihn für Vieles. Also griff er zu, als sie ein Tablett mit Suppe und Brot vor ihn stellte. Er aß nicht alles, weil er es einfach nicht schaffte, dann wurde es ruhig um ihn. Die Medihexe ließ das Licht langsam verlöschen, da es Nacht wurde, und Harry legte sich hin, um endlich mal wieder in Ruhe zu schlafen. Hoffte er zumindest, denn er ahnte, dass Alpträume ihn begleiten würden. Im Ligusterweg hatte er kaum geschlafen, war ständig hochgeschreckt, weil er Sirius durch den Schleier fallen sah, oder Cedric, der von dem grünen Blitz getroffen wurde. Lange schlief er noch nicht, da wurde er bereits wieder wach, da der Professor, der zwei Betten weiter lag, leise wimmerte. Es klang so schrecklich, dass Harry in die Höhe schoss und aufstand. Leise tappte er zu dem Bett und strich über die Stirn des Tränkemeisters. Heiß und leicht feucht, der Professor schien Fieber zu haben. Harry sah sich um und griff nach einem feuchten Tuch, wischte damit dem Älteren den Schweiß ab. Die Medihexe war nirgendwo zu sehen.

Mit einem Mal öffneten sich die schwarzen Augen. Glasig blickten sie Harry an, ohne ihn wirklich zu sehen. „Wo …?“, krächzte er heiser.

„Sie sind im Krankenflügel, Professor.“, antwortete Harry ruhig. „Sie hatten Schmerzen, Professor Dumbledore hat sie hierher gebracht. Ich glaube, sie haben Fieber.“

„Hogwarts?“, wollte der Schwarzäugige wissen.

„Ja, in Hogwarts.“, bestätigte Harry.

Der Tränkemeister stemmte sich hoch. Zitternd und schwankend saß er am Bettrand und versuchte, aufzustehen.

„Nicht, Professor. Sie sollten liegen bleiben!“, mahnte Harry entsetzt. Was sollte er jetzt tun?

„Muss … gehen. Meine … meine Räume.“, hauchte Snape. Er stand tatsächlich auf, doch bereits nach zwei Schritten knickten seine Beine einfach ein. Harry fing ihn im letzten Moment auf, dann stand er da, denn er schaffte es nicht, den Professor wieder ins Bett zu hieven. Dafür war er zu schwer. Auf den Boden wollte er ihn aber auch nicht legen, sodass er seinen Zauberstab holen könnte, der noch auf dem Nachttisch neben seinem Bett lag.

„Kommen sie, Professor, ich bringe sie wieder in ihr Bett.“, versuchte Harry, seinen Lehrer zu überreden.

„Nicht … Bett. Muss … holen.“, widersprach Snape keuchend.

„Ich kann es holen.“, versprach Harry. „Ich bringe sie in ihr Bett, dann sagen sie mir, was sie wollen, und ich gehe und hole es.“

„Schlaf...zimmer. Bringen … zu … mir. Muss … sicher … sein!“, stöhnte der Tränkemeister.

„Was soll ich holen?“, wollte Harry wissen, und bugsierte Severus ins Bett, der sich schwer auf ihn lehnte, aber die zwei Schritte geschafft hatte.

„Du … weißt … dann …“ Zitternd schloss er die Augen erneut. Wieder wimmerte er vor Schmerz und scheinbar auch Verzweiflung. Eine Träne rollte über die Wange, unbemerkt vom Tränkemeister, der darum kämpfte, sich nicht dem Schmerz zu ergeben. Er wusste, er musste klar bleiben. Auch wenn sein Gefährte tot war, aber da war noch … Er musste sich kümmern! Dafür nahm er sogar Hilfe an, egal von wem. „Geh!“, drängte er. „Du wirst … wissen! Bring … zu mir!“ Der Ton war so angstvoll, so drängend, dass Harry tatsächlich losrannte. Severus sackte erschöpft in die Kissen und überließ sich seinen Erinnerungen, floh eine Weile vor der bitteren Realität. Nun war er alleine.

Erinnerung:

Severus lächelte leise. Er hatte es geschafft. Die Prüfungen waren überstanden. Drei lange Wochen hatte er in höchster Konzentration verbracht, aber es hatte sich gelohnt. Nun konnte er Bestnoten vorweisen. Gemeinsam mit Lily und einer Ravenclaw war er geehrt worden. Und nun waren sie – endlich – auf dem Weg nach Hause. Wobei er kein wirkliches Zuhause hatte. Er hatte ein Haus, da seine Zieh-Eltern inzwischen beide verstorben waren. Sie hatten es ihm nicht ausdrücklich hinterlassen, aber da es kein Testament gab und niemand ahnte, dass Severus nicht ihr Sohn war, wurde er zum Alleinerben ernannt. Jetzt gehörte Spinners End ihm, aber es war kein Zuhause. Dennoch würde er offiziell dort wohnen. Auch wenn er die meiste Zeit bei seinem Gefährten verbringen würde. In den letzten drei Jahren hatten sie sich viel zu selten gesehen, da niemand etwas von ihnen ahnen durfte. Ab und zu hatte er ein Wochenende oder mal eine Ferienwoche bei seinem Gefährten verbracht, mehr nicht. Zwar wussten einige Slytherins, dass sie gut befreundet waren, mehr aber auch nicht. Eigentlich hätte er apparieren können, aber es fühlte sich richtiger an, jetzt zum Abschluss noch einmal mit dem Hogwarts-Express zu fahren. Das Ende seiner Schulzeit. Es fühlte sich seltsam an, darüber nachzudenken, auch wenn er nicht böse darüber war, dass er die Rumtreiber nun nicht mehr sehen musste.

Und doch – Vieles in Hogwarts erinnerte ihn an seinen Gefährten. Wie sie es in dem Jahr, das sie wirklich gemeinsam in der Schule verbracht hatten, schafften, niemandem einen Hinweis zu geben, war Severus schleierhaft. Nie hatte es auch nur ein Gerücht gegeben. Vielleicht auch dank der Verlobung seines Gefährten, die kurz nach ihrer Bindung bekannt gemacht wurde. An seinem eigenen siebzehnten Geburtstag war sein Gefährte heimlich bei ihm gewesen. Das hatte seine Verwandlung deutlich erleichtert. Dabei hatte er selbst den Veela an sich gebunden. Seither war er selbst meist der dominante Part.

Er riss sich aus seinen Gedanken, als er die roten, leuchtenden Haare im Zug entdeckte. „Lily?“, fing er seine bis vor einiger Zeit beste Freundin im Zug ab. „Kann ich mit dir reden?“

„Du hast mir klar und deutlich deine Meinung gesagt.“, lehnte die Rothaarige ab. „Und dein Umgang zeigt sehr genau, welchen Weg du gewählt hast. Es gibt nichts mehr zu sagen.“ Mit diesen Worten schob sie eine Abteiltür auf und setzte sich zu den Rumtreibern.

Severus hatte es geahnt, Lily war genauso stur wie er. Seit ihm dieses Wort – Schlammblut – herausgerutscht war, hatten sie nicht mehr viel miteinander gesprochen. Es tat dem Slytherin weh, aber auf der anderen Seite wusste er, es wäre ihm schwer gefallen, Lily sein Glück zu verheimlichen. Und das musste er. Vor allem, weil er vorhatte, seinem Gefährten zu folgen und sich dem Lord anzuschließen. Sie wussten beide, dass es falsch war, aber sein Gefährte hatte keine Wahl gehabt, und nun wollte Severus ihn nicht alleine lassen. Allerdings hatte er vor, zu Dumbledore zu gehen, sobald sich eine Möglichkeit bot. Vorher musste er – mit Hilfe seines Gefährten – seine Okklumentik-Kenntnisse perfektionieren. Das war ohnehin notwendig, denn auch der Lord durfte nichts von ihrer Verbindung wissen. Er wusste, Lily würde bald dem Werben von Potter nachgeben, aber das musste er akzeptieren. Ihre Freundschaft hatte kaum noch eine Chance. Eine Weile blickte er noch in das Abteil, betrauerte das Ende dieser Freundschaft, dann wandte er sich ab und zog sich zurück. Es war an der Zeit, nach vorne zu sehen. Vielleicht konnte er mit Lily wieder in Kontakt treten, wenn er die Seiten gewechselt hatte.

Am Abend kam er verschwitzt und müde in Spinners End an. Noch bevor er ihn sah spürte er seinen Gefährten. Er ließ sich von ihm auffangen. „Alles in Ordnung?“, murmelte der Veela in sein Ohr. „Du warst ziemlich aufgewühlt während der Fahrt.“

Severus schlang die Arme um seinen Gefährten und küsste ihn. „Lily.“, erklärte er nur kurz. Er spürte, wie sich die Arme noch fester um ihn legten und ließ sich fallen. „Ich liebe dich!“, gestand er. „Bleib bei mir!“

„Ich werde immer an deiner Seite sein!“, versprach der Veela. „Heute Nacht bin ich bei dir. Morgen muss ich arbeiten, aber die nächsten Nächte gehören dir.“ Er unterbrach sich, um Severus zu küssen. „Wann beginnt dein Studium?“

„Offiziell am 1. September, aber die ersten Vorlesungen sind bereits ab Anfang August.“, erklärte Severus. „Die sind zwar keine Pflicht, aber wenn ich sie besuche, erreiche ich mein Ziel sicher schneller. Meine finanziellen Polster reichen nicht, wenn ich mir Zeit lasse.“

„Darüber brauchst du dir keine Sorgen machen.“, wandte der Veela ein.

„Ich will keine Unterstützung.“, lehnte Severus ab. „Und es wäre auch zu auffällig. Die meisten Slytherins wissen, wie ich dastehe. Sie würden nur versuchen, herauszufinden, wo ich das Gold her habe. Wir müssen unauffällig bleiben.“

„Ich rede nicht von mir, Sev!“, lächelte der Ältere. „Der Lord hat mich beauftragt, dich in seine Reihen zu holen. Er wird dein Studium und die Meisterlehre unterstützen. Er braucht deine Fähigkeiten. Wirst du mit mir gehen und dich ihm anschließen?“ Severus erkannte, dass sein Gefährte nicht sicher war, welche Antwort er lieber hören wollte. Einerseits wollte er ihn an seiner Seite haben, um nicht alleine dem Lord gegenüber zu stehen und ihn auszuspionieren, andererseits würde er seinen Gefährten gerne geschützt wissen.

„Ich werde mit dir gehen. Sobald ich die Okklumentik perfekt beherrsche.“, entschied Severus. „Gemeinsam werden wir den Lord ausspionieren, bis er vernichtet werden kann.“ Mit einem Kuss besiegelte er dieses Versprechen und hielt gleichzeitig seinen Gefährten sehr effektiv davon ab, etwas zu erwidern.

Ende der Erinnerung

Severus stöhnte auf. Ihm wurde erneut bewusst, dass er im Krankenflügel lag, und diese Erinnerung nichts als das war. Eine Erinnerung. Nie wieder würde er seinen Gefährten spüren. Die Leere in ihm schmerzte so sehr, wie es kein körperlicher Schmerz je könnte. Mit Mühe unterband er ein erneutes Stöhnen, er musste stark bleiben. Er hatte seinem Gefährten geschworen, niemals aufzugeben. Und dann war da noch … Eine weitere Erinnerung ließ ihn gedanklich in die Vergangenheit reisen.

Erinnerung:

„Sev?“, rief sein Gefährte fragend. „Wo bist du?“

„Labor!“, war die knappe Antwort des beinahe fertigen Tränkemeisters. Er arbeitete gerade an seinem Meisterstück und musste konzentriert bleiben. Nur noch wenige Minuten … „Warte kurz, ich bin gleich fertig.“, stoppte er seinen Gefährten, als der, in der Tür stehend, zum Sprechen ansetzte. Nur wenige Minuten später löschte Severus das Feuer, und füllte das Ergebnis in eine Phiole. Dann sah er auf und erkannte, dass sein Gefährte ziemlich blass wirkte. In sich hinein spürend merkte er, wie aufgewühlt der Veela war. Er erinnerte sich daran, dass sein Gefährte in den letzten Tagen ziemlich elend ausgesehen hatte und heute zu einem Heiler gehen wollte.

„Wie geht es dir? Was hat der Heiler gesagt?“, wollte Severus daher wissen.

„Ich … ich ...“, stammelte der Veela. Severus nahm ihn in den Arm, küsste ihn auf die Stirn, und strich beruhigend über seinen Rücken. „Ich bin schwanger.“ Nur ein Hauch, aber die Ohren von Severus waren deutlich besser als die von Menschen.

„Du …? Wir werden Eltern?“, staunte Severus und wusste einen Moment nicht, was er davon halten sollte. Dann festigte er seinen Halt um seinen Gefährten, als er dessen Zittern spürte. „Sch, es ist gut!“, lächelte er. „Ich bin überrascht, aber ich freue mich, sehr sogar!“

„Wirklich?“ Vorsichtig blickte ihn der Veela von unten her an.

„Ja, mein Lieber.“, schmunzelte Severus. „Es ist zwar vielleicht ein bisschen früh, immerhin bin ich noch in der Ausbildung, aber ich freue mich. Ich hoffe nur, unser Baby hat zumindest äußerlich mehr von dir.“

„Du bist wunderschön, Sev, glaub es mir doch endlich!“, brummte sein Gefährte. „Aber dennoch hoffe ich, du hast Recht, denn wenn es dir ähnlich sieht, haben wir schnell die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Und das sollten wir auf jeden Fall vermeiden. Ich muss mit meiner angeblichen Frau reden, damit sie die Schwangere mimt. Offiziell wird es ihr Kind, aber ...“ Er wurde unterbrochen, als Severus ihn innig und verlangend küsste.

„Unser Baby wird es erfahren, wenn es alt genug ist.“, wisperte er schließlich gegen die Lippen seines Gefährten. „Und jetzt komm, das müssen wir feiern!“

Ende der Erinnerung

An diesem Punkt riss sich Severus aus seinen Gedanken. Er wollte nicht weiter gehen in seiner Erinnerung, nicht hier. Nie wieder würde er seinen Gefährten spüren können. Hitze wallte in ihm auf, gefolgt von brennender Kälte. Das Lösen ihrer Verbindung war so schmerzhaft, dass er nun wusste, warum viele magische Wesen den Tod ihres Gefährten nicht überlebten. Und ginge es nicht um das Kind, würde er es nicht länger schaffen. Er presste seine Hände auf die Augen und wimmerte leise auf. Seine Gefühle drohten, ihn zu überwältigen, aber er durfte dem nicht nachgeben. Sein vom Fieber umnebelte Geist kämpfte darum, klar zu werden. Wie würde es nun weitergehen?

„Severus?“, riss ihn eine Stimme aus seinen Überlegungen. Mit glasigen Augen sah er auf und blickte in Albus' hellblaue, besorgt wirkende, Augen. „Was ist passiert?“

Der Tränkemeister kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben. Schweiß stand ihm auf der Stirn und er glühte regelrecht.

„Severus?“, fragte der Schulleiter erneut. Dann hob er die Augenbraue, als er die Puzzleteile plötzlich zusammensetzte. „Du bist gebunden?“

„War.“, stöhnte Severus auf. Dann brachen auf einmal alle Dämme. „Luc!“, schluchzte er auf und klammerte sich an seine Decke. Hastig biss er sich auf die Wange, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Der Weißhaarige strich ihm vorsichtig über den Kopf und die Schultern. Die Fingernägel des Slytherin gruben sich tief in die Handballen. Dieser Schmerz half ihm, die Kontrolle zurück zu erlangen. Gerade noch rechtzeitig, denn in dem Moment, als er seine Maske auf sein Gesicht legte, öffnete sich die Tür und ein blonder Schemen stürzte auf ihn zu. Mit einem Schrei warf er sich in die Arme des Tränkemeisters. „Pa!“, weinte er.

Verwirrt musterte Harry, der in der Tür stehen geblieben war, die Szene, während Dumbledore scharf beobachtete und seine eigenen Schlüsse zog.

Harry war in die Kerker gegangen, wie er es seinem Professor versprochen hatte. Erleichterung durchströmte ihn, als er nach unten kam, denn die Tür war offen. Er hatte im Krankenflügel nicht daran gedacht, nach einem Passwort zu fragen. Mal wieder war er  einfach losgestürmt. Genau das, was Professor Snape ihm immer vorwarf. Leichtsinnig. Wahrscheinlich hatte der Tränkemeister vorhin nicht einmal bemerkt, wen er da in seine Räume geschickt hatte. Vorsichtig spähte Harry um die Ecke, sah sich um. Niemand war zu sehen, aber das musste nichts heißen. Der Jugendliche zog seinen Zauberstab und schlich hinein. Das Wohnzimmer war weitaus heller und freundlicher eingerichtet, als Harry erwartet hätte. Die Menge an Büchern hingegen verwunderte ihn nicht. Egal wo er hinsah, überall fanden sich Bücher. In Regalen rund um das Zimmer an den Wänden, auf dem Couchtisch, auf kleinen Beistelltischchen, sogar auf dem Sofa selbst. Bunt gemischt, wie Harry mit einem neugierigen Blick feststellte. Fachliteratur zu Tränken, Kräutern und dunkler Magie sowie Verteidigung dagegen, aber auch Romane, die er aus der nicht-magischen Welt kannte. Aber das wollte Professor Snape sicher nicht haben. Also sah sich Harry weiter um. Der Professor hatte von seinem Schlafzimmer gesprochen. Sollte er wirklich …? Harry schüttelte sich, er wollte eigentlich nicht so genau wissen, wie es im Schlafzimmer des Kerkermeisters aussah. Und doch war er neugierig. Was war da, das Snape unbedingt wollte? So sehr, dass er sogar ihn, seinen Hassschüler Nummer 1, den Sohn seines ärgsten Feindes, freiwillig in seine Räume schickte? Oder war es eine Falle? Nein, das glaubte Harry nicht. Er war sicher, dass Snape gerade nicht dazu in der Lage war, ihn in eine Falle zu locken. Viel zu fertig war er gewesen.

Und überhaupt, was genau war mit Snape los? Es musste schlimm sein, wenn er so seine Haltung verlor. Nie  hätte Harry sich das ausgerechnet von diesem Mann vorstellen können und nun wollte er dringend wissen, wie es dazu kam. Diese Neugierde ließ Harry schneller vordringen, als er sonst gehen würde. Vor allem, als er unterdrücktes Schluchzen hörte. Das Geräusch kannte er von sich selbst, wenn man weinte und dabei auf die Fingerknöchel biss, damit es niemand mitbekam. Hastig öffnete er die Tür zum Schlafzimmer, und erstarrte. Hinter dem Bett, zwischen dem Bett und der Wand in einen schmalen Spalt gequetscht, kauerte Draco Malfoy. Er zitterte am ganzen Leib, sein Gesicht war tränenüberströmt, die Augen weit vor Angst. Er biss auf seine Faust, um nicht zu laut zu werden. Panisch blickte er Harry an, sein Zittern verstärkte sich sogar noch.

„Du wirst es wissen.“, hatte Snape gesagt. Ja, Harry wusste es. Draco Malfoy. Ihn wollte Snape bei sich haben. Nur, warum saß der Blonde hier und weinte? Was war passiert, und in welchem Zusammenhang stand das mit Snapes Zusammenbruch? Harry wusste, das gehörte zusammen. Nur, wie? Seine Feindschaft mit Malfoy drängte er in den Hintergrund. Er hatte sich gern mit dem Slytherin gemessen, aber er würde niemals jemanden treten, der bereits am Boden lag. Zu oft war er selbst in dieser Situation gewesen. Dudley hatte nie Rücksicht darauf genommen. Nein, er würde sich nicht auf dieses Niveau begeben.

„Draco?“, fragte er leise. Ihm fiel nicht einmal auf, dass er den Slytherin plötzlich beim Vornamen nannte. „Komm, ich bringe dich zu Professor Snape.“ Der Blonde reagierte, indem er versuchte, noch weiter von ihm weg zu kriechen. „Draco, ich tu dir nichts.“, versprach Harry. „Professor Snape schickt mich, dich zu ihm zu holen. Es geht ihm nicht gut, er ist im Krankenflügel. Aber er wollte, dass ich dich hole.“ Er reichte dem Blonden die Hand. Geduldig wartete er, sprach weiterhin ruhig auf Draco ein. Endlich griff der Blonde zu. Harry erschrak, als er die Hand sah, blutig gebissen in dem Versuch, sich ruhig zu verhalten. Draco musste wirklich panische Angst haben. Harry nahm ihn vorsichtig in den Arm, als er ihn hochgezogen hatte. Das Zittern ließ nicht nach. Der Schwarzhaarige stützte seinen früheren Gegner, als sie nach oben in den Krankenflügel gingen. Oder eher stolperten, denn Draco konnte sich kaum auf den Beinen halten. Erst in der Tür des Krankenflügels löste sich Draco von Harry und rannte zu seinem Hauslehrer.

„Ruhig, Draco.“, murmelte Severus, dem man ansehen konnte, dass er selbst ebenfalls nur mit Mühe ruhig blieb.

„Dad!“, schluchzte Draco. „Pa, er ist … er ist ...“

„Ich weiß, mein Engel, ich weiß.“, wisperte der Tränkemeister. Eine Träne löste sich aus seinem Auge, rollte langsam über die Wange, verschwand in Dracos blonden Haaren. Eng umschlungen wippten beide gemeinsam hin und her. Der Jugendliche schluchzte haltlos, klammerte sich an Severus fest, bis er schließlich erschöpft einschlief. Auch jetzt lockerte Severus seinen Halt um ihn nicht, strich weiter über den schmalen Rücken.

„Severus?“, machte Albus nun auf sich aufmerksam. Der Schwarzäugige sah auf. Er wusste, was sein Vorgesetzter wollte. „Seit meinem vierten Jahr bin ich an Lucius gebunden.“, erklärte er leise, seine Stimme heiser und rau vor Kummer. „Er ist – war ein Veela. Draco ist unser gemeinsamer Sohn. Zissa hat ihn vermeintlich geheiratet, sie ist informiert und hat uns immer geschützt. Sie hat Draco als ihren Sohn behandelt, aber Luc hat ihn ausgetragen. Er ist tot!“ Severus schluckte trocken, seine Unterlippe zitterte verdächtig. „Der Lord hat ihn nach dem Treffen zurückgehalten. Kurz nach unserem Treffen hat er angefangen, ihn zu foltern. Er brannte, und plötzlich … plötzlich konnte ich ihn nicht mehr spüren!“ Severus' Stimme brach und er vergrub sein Gesicht in Dracos Haaren. Seine Schultern bebten verdächtig, aber es war kein Laut zu hören.

„Es tut mir leid, Severus.“, flüsterte schließlich der Schulleiter. Er wusste, wie ungern Severus sich berühren ließ, aber dennoch legte er ihm die Hand auf die Schulter, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine war. Dankbar griff Severus nach diesem Halt. Doch Albus musste noch etwas wissen. „Severus? Bist du ein magisches Wesen? Wie sehr brauchst du deinen Gefährten?“ War das, was er gesehen hatte, erst der Anfang? Musste er um Severus' Leben fürchten? Würde Draco plötzlich alleine dastehen? Viele magische Wesen waren auf ihren Gefährten angewiesen, würden ohne diesen entweder eingehen oder aber verrückt werden. Manche wurden auch ihrer Umwelt gefährlich.

„Vampir.“, hauchte der Slytherin-Hauslehrer. „Ich bin dominant.“

„Das dachte ich mir.“, nickte Dumbledore bedächtig und sah Harry an, der ziemlich verwirrt aussah. „Männliche Veelas sind devot, brauchen einen dominanten Gefährten, um zu überleben.“ Er kannte sich aus mit magischen Wesen, auch wenn das Ministerium dieses Wissen verbannte. „Aber du brauchst sein Blut. Er war in Askaban. Wie lange hast du bereits kein Blut mehr?“ Jetzt war er wieder der vorausdenkende Ordensführer, der Kriegsstratege.

„Über sechs Wochen.“, gestand Severus, der keine Kraft mehr hatte, die Wahrheit zu verschleiern. Er brauchte Blut, dringend, aber er würde unter keinen Umständen jemanden hier gefährden. Schon immer hatte er sich erstaunlich gut im Griff gehabt, da er nie die Möglichkeit bekommen hatte, regelmäßig Blut seines Gefährten zu trinken.

„Wir müssen jemanden finden, der dir als Wirt dienen kann.“, beschloss Albus. „Ich würde es gerne machen, aber ich vertrage keine Blutbildungstränke.“

„Nein. Niemand soll wissen ...“, widersprach Severus.

Ohne darüber nachzudenken, entschied sich Harry in dem Moment und stieß sich vom Türrahmen ab. „Ich mache es.“, trat er neben das Bett.

„Ich mache es.“, trat Harry neben das Bett. Die Blicke der beiden Professoren wandten sich ihm zu, Dumbledore wirkte verwirrt, Snape schockiert. Wobei, Letzterer sah bereits eine Weile so aus. Das lag wohl nicht nur an Harry. „Ich weiß bereits davon, also braucht niemand mehr eingeweiht zu werden. Blutbildungstränke hatte ich inzwischen zur Genüge, also ist sicher, dass ich sie vertrage.“, argumentierte er. In den letzten Minuten? Stunden? hatte sich seine Meinung über den Tränkemeister komplett verändert. Auch wenn er so impulsiv wie immer entschieden hatte, stand er dazu. Leiser fügte er hinzu: „Professor, ich … ich möchte mich entschuldigen. Für das, was ich getan habe. Ich hatte kein Recht ...“

Das riss den Tränkemeister aus seiner Starre. „Sie haben es erfasst, Potter, sie hatten kein Recht!“ Zornig funkelte Snape ihn an. „Hatten sie Spaß, als sie es mit ihren Freunden geteilt haben?“

„Ich … ich habe nicht … sie wissen nicht ...“, stammelte Harry.

„Ihre Kommunikationsfähigkeit ist immer wieder erstaunlich.“, ätzte Snape, der zumindest äußerlich wieder wie der Alte wirkte.

Der Jugendliche straffte sich. „Professor, es tut mir wirklich leid. Ich kann es nicht ungeschehen machen, aber ich habe nie jemandem etwas davon erzählt. Sie können gerne meinen Kopf durchsuchen, wenn es sie überzeugt. Ich wollte nie in ihre Privatsphäre eindringen, ich war auf der Suche nach Antworten. Es tut mir leid!“ Und damit meinte er nicht nur, dass er in das Denkarium gesehen hatte, sondern auch die Behandlung durch seinen Vater und seinen Paten.

„Sie wiederholen sich, Potter.“, schnaubte Snape. „Denken sie, ich glaube ihnen, wenn sie es nur oft genug sagen?“

Harry breitete die Arme aus. „Sehen sie es sich an.“, bot er erneut an. Ziemlich energisch und stur. Offen blickte er dem Tränkemeister in die Augen. Skeptisch und ein wenig überlegend musterte Severus seinen Schüler, schob den schlafenden Draco in seinem Arm zurecht, dann griff er nach seinem Zauberstab.

„Severus!“, protestierte Dumbledore. „Du willst nicht ernsthaft ...“

„Nein, Professor Dumbledore.“, unterbrach Harry fest. Er funkelte den Schulleiter an, als dieser erneut zum Sprechen ansetzte. „Das ist eine Sache zwischen Professor Snape und mir. Ich habe es angeboten und es ist richtig, wenn er es annimmt. Ich möchte diese Sache zwischen uns ein für alle Mal klären.“

„Der berühmte Gryffindor-Mut?“, spottete Snape, dann drang er ohne weitere Vorwarnung in Harrys Geist ein. Sofort landete er in der Situation, über die sie gerade gesprochen hatten, und er fühlte die Verzweiflung und die Hoffnung auf Antworten auf seine Fragen, die Harry dazu trieben, in seine Erinnerungen zu sehen. Der Junge wollte wissen, warum er das alles lernen sollte. Er wollte die Fragen beantwortet haben, die Dumbledore ignorierte. Verdammt, das hatte Severus nicht einmal geahnt, der Junge hatte keine Ahnung! Kein Wunder, dass er so bockig gewesen war. Wie es schien, hatte er wirklich nie darüber gesprochen, was er gesehen hatte. Dabei hatte er ohnehin nur den Teil der Erinnerungen gesehen, der an der Oberfläche gewesen war. Seine Verbindung zu Lucius war tiefer im Denkarium gewesen. Normalerweise verbannte er diese Dinge weit nach hinten in seinem Geist, aber für den Unterricht hatte er sich einfach zu weit öffnen müssen. Er verdrängte den Gedanken an diese Erinnerungen, es tat zu weh. Stattdessen konzentrierte er sich erneut auf Harrys Geist. Seit wann war der Bengel denn plötzlich Harry? Severus schüttelte gedanklich den Kopf.

Plötzlich änderten sich die Gedanken des Jugendlichen, obwohl er es zu verbergen suchte. Offenbar eine Reaktion auf das, was er im Denkarium gesehen hatte und nun erneut erlebte. Er war zurück im Ligusterweg. Entsetzt sah Severus, wie er bereits von klein auf als Hauself missbraucht worden war, sah die Schläge von Vernon und Dudley, die Ignoranz von Petunia. Seine Tante hatte Harry nie geschlagen, wie es schien, aber Liebe hatte er auch niemals von ihr erfahren. Severus zog sich zurück, nicht verwundert, dass Harrys Gesicht tränennass war. „Wir sollten Okklumentik lernen.“, schlug er dem Jungen mit rauer Stimme vor. Er würde es nicht aussprechen, aber er hatte ihm verziehen. So, wie Harry ihn ansah, verstand er es sogar. Es war ein Friedensangebot.

„Ich werde diesmal wirklich lernen.“, versprach Harry, und hielt dem Tränkemeister die Hand hin. Nur unmerklich zögerte Severus, dann griff er zu. Harry spürte, wie kalt die Hand war, und auch das beinahe unmerkliche Zittern nahm er wahr. „Sie brauchen dringend Blut, oder?“ Snape schloss die Augen in einem Versuch, es nicht zu deutlich werden zu lassen. „Trinken sie, Professor. Ich werde mein Angebot nicht zurückziehen.“ Um es deutlich zu machen, hielt er sein Handgelenk direkt vor die Nase des Schwarzäugigen.

Zitternd atmete Severus ein, die Nasenflügel blähten sich. Seine Beherrschung bröckelte sichtlich. Mit einem Mal griff er nach Harrys Hand, zog sie dicht an seinen Mund. Harry spürte, dass er mit der Zunge über die Haut fuhr, die dann leicht kribbelte und taub wurde. Fasziniert sah er zu, wie Snapes Eckzähne sich verlängerten und in seine Vene bohrten. Es tat überhaupt nicht weh, kribbelte nur ein wenig. Gierig saugte der Vampir, wodurch er endlich wieder ein wenig Farbe bekam.

Dumbledore konnte kaum reagieren, aber er beobachtete den Schüler und erkannte, wann es zu viel wurde. „Severus, du solltest aufhören, es wird zu viel für Harry.“, mahnte er. „Auch er ist nicht gesund.“ Eigentlich hätte er das nicht zulassen dürfen, aber es war zu schnell gegangen.

Der Vampir hatte Mühe, sich zurückzuziehen, aber er schaffte es. Mit der Zunge leckte er noch einmal über die Bissstelle, wodurch sich die kleinen Wunden sofort schlossen. Neugierig betrachtete Harry sein Handgelenk, dem man nichts, aber auch gar nichts ansah. „Interessant.“, kommentierte er. Dann zuckte er erschrocken zusammen. „Haben sie jetzt all die Tränke geschluckt, die ich bekommen habe?“

Der Tränkemeister schüttelte den Kopf. „Das macht einem Vampir nichts aus. Ich schmecke sie, aber das beeinträchtigt mich nicht.“

„Zum Glück!“ Erleichtert sah Harry auf und merkte etwas. „Wo ist eigentlich Madam Pomfrey?“

Dumbledore reichte ihm eine Phiole. „Blutbildungstrank.“, erklärte er. „Poppy ist nicht hier, sie ist im Hauptquartier, da Remus auch versorgt werden muss. Letzte Nacht war Vollmond und er hatte keinen Banntrank.“

„Oh.“, machte Harry. „Kann ich ihn sehen?“ An den Werwolf hatte er schon eine Weile nicht mehr gedacht. Dabei war er ihm inzwischen sehr wichtig geworden.

„Wenn ihr beide wieder fit seid.“, versprach der Schulleiter. „Du solltest dich jetzt hinlegen und schlafen, es war ein langer Tag und eine noch längere Nacht. Dann kann der Blutbildungstrank auch richtig wirken.“

Gehorsam nickte Harry und kroch in sein Bett. Erst jetzt merkte er, dass er völlig erschöpft war und ihn leicht schwindelte. Das war sicher der Blutmangel. Aber er bereute nicht, Snape dieses Angebot gemacht zu haben. Sie standen auf der gleichen Seite, das wusste er nun. Aus irgendeinem Grund war er jetzt absolut sicher, dass Snape auf Dumbledores Seite war. Er vertraute ihm. Snape hatte ihm vertraut, und das konnte er nun auch. Nur noch halb wach hörte er, wie der Tränkemeister verlangte, dass Poppy nichts von seinem Wesen erfuhr. Sie hatte es bisher nicht herausgefunden, so sollte es auch bleiben. Irgendwie ahnte Harry, dass auch der nächste Tag lang werden würde, daher schloss er seine Augen und war erstaunlich schnell eingeschlafen.

 

Der Morgen kam ziemlich früh, denn Draco fuhr schreiend aus dem Schlaf, als es gerade dämmerte. „Dad!“, schrie er auf. Sein zweiter Vater zog ihn in die Arme und hielt ihn fest.

„Kein Traum?“, wisperte Draco verzweifelt.

„Leider nein.“, bestätigte Severus. „Draco, willst du darüber reden?“

„Ich … er hat sie bestraft. Alle, die im Ministerium dabei waren.“ Draco stockte und schluckte hart. Er klammerte sich an seinen Vater und verbarg sein Gesicht an Severus' Schulter. „Zissa und ich waren da, wir … wir mussten zusehen.“ Erneut schluchzte Draco auf. „Eine Weile hat er sie nur gefoltert, dann … sie mussten sich gegenseitig bestrafen, so schlimm wie nie zuvor. Dad … Dad hat sich geweigert. Er … der Lord hat einen Zauber in Parsel gesprochen, dann brannte Dad. Er hat so geschrien. Ich konnte mich nicht bewegen, Zissa hat mich festgehalten, aber auch sie hat geweint. Und dann war es still, er war weg. Einfach verschwunden, nur ein wenig Asche war da. Zissa hat mich mitgenommen, sie hat nur ein paar Sachen in meinen Koffer gepackt. Dann hat sie mich und meinen Koffer in deine Räume geschickt, Pa. Sie sagte, ‚warte dort auf deinen Vater‘.“

„Sie ist eine wahre Freundin.“, atmete Severus auf. „Dein Dad und ich hatten eine Abmachung. Egal was passiert, wir bringen dich in Sicherheit. Das hätten wir damals, direkt nach deiner Geburt schon machen sollen, aber der Lord hat mitbekommen, dass du geboren wurdest. Merlin sei Dank hat er immer geglaubt, dass Zissa dich auf die Welt gebracht hat. So haben wir entschieden, dich als Sohn von Zissa und deinem Dad aufwachsen zu lassen, ich wurde offiziell dein Pate. Damit konnte ich in deiner Nähe sein ohne aufzufallen. Aber jetzt wirst du verschwinden, Draco. Ich lasse nicht zu, dass du in Gefahr gerätst. Zissa wird ebenfalls verschwinden, so ist es ausgemacht. Damit aktivieren sich die Fallen im Manor. Wir hoffen, dass das den Lord dazu bringt, das Manor zu räumen. Luc wollte ihn nie dort haben, hatte aber keine Wahl.“

„Wohin soll ich gehen?“, hauchte Draco, der noch blasser als sonst war. „Ich will bei dir bleiben, Pa. Du sollst nicht alleine sein.“ Er konnte noch keinen klaren Gedanken fassen, realisierte nur, dass sein Vater ihn wegschickte.

„Du gehst zu Yasemine. Sie ist bei eurem Großvater.“, entschied Severus so leise, dass nur Draco es hörte. „Dort seid ihr in Sicherheit.“

„Und du, Pa?“

Sanft strich Severus eine Strähne des blonden Haares hinter Dracos Ohr. „Ich werde Harry helfen, den Lord zu vernichten, damit ihr zu mir könnt.“, versprach er, immer noch zu leise für Harry. „Draco, ich liebe euch beide mehr als mein Leben, deshalb will ich euch in Sicherheit wissen. Mein Dad wird auf euch aufpassen.“

Draco schmiegte sich an seinen Vater. So hatte Harry ihn noch nie erlebt. Mit angehaltenem Atem hatte er die Interaktion von Vater und Sohn verfolgt. Seine Augen wurden immer größer, als er realisierte, was der Tränkemeister auf sich genommen hatte. Er erkannte, dass auch Draco, gleich seinem Vater, eine Maske trug, wenn er in der Öffentlichkeit war. Auch er selbst war nicht anders, zeigte er doch normalerweise niemandem, wie es in ihm aussah. Die Zauberwelt sah ihn als ihren Helden, also gab er ihnen einen fröhlichen, strahlenden Jungen. Auch wenn er ganz anders war. Plötzlich spürte er einen durchdringenden Blick auf sich. Er sah auf und blickte in tiefschwarze Augen. Harry hielt dem Blick stand und nickte leicht, als er die Frage in den Augen sah. Snape konnte ihm vertrauen, er würde nichts verraten.

„Draco?“, holte sich Severus letztlich die Aufmerksamkeit seines Sohnes zurück. Erneut sprach er zu leise, als dass Harry etwas verstehen könnte, aber dieser versuchte nicht einmal zu lauschen. „Geh in meine Räume. Nimm deinen Koffer und reise durch den Kamin. Prince-Manor auf Little Inagua Island. Das ist eine Insel in der Nähe von Kuba, dort lebt eine Vampir-Kolonie. Meine Familie. Yasemine ist dort, sie wird sich freuen, wenn du kommst. Nimm keinen Kontakt nach England auf, unter keinen Umständen. Der Lord wird nach dir suchen. Ich will dich nicht auch noch verlieren.“ Der Tränkemeister schluckte, um die Tränen und die Trauer, die in ihm aufstiegen, zu bezwingen. „Ich liebe dich, Draco.“ Er küsste ihn auf die Stirn. „Geh, mein Sohn. Und sag deinem Großvater, dass ich mich melde, wenn es sicher ist.“

Draco umklammerte seinen Vater weinend, bis der ihn von sich schob. Einen Schritt ging er rückwärts, seine Hand nach Severus ausgestreckt. „Versprich mir, Pa, dass du uns holen kommst!“

„Ich werde tun, was ich kann, Engel.“ Es war ein Versprechen, wenn auch nicht das, was Draco gefordert hatte. Aber das konnte Severus nicht versprechen.

Mit einem Mal sprang Draco zurück zu seinem Vater. „Zissa hat mir noch etwas für dich gegeben.“, fiel ihm ein, und er zog einen Brief aus der Tasche, den er Severus reichte. Der Tränkemeister griff danach, dann schob er seinen Sohn energisch von sich. Wenn Draco nicht bald ging, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, das wusste er. Alles in ihm schrie danach, Draco und Yasemine bei sich zu behalten, aber um sie in Sicherheit zu wissen, schickte er sie weg. Sein Vater würde sich gut um die Kinder kümmern, aber er durfte sie nicht sehen. Um sich abzulenken, warf er einen Blick auf den Brief von Zissa. Nach den ersten Zeilen stockte er, seine Augen weiteten sich. Er sandte seinen Patronus zu Albus. Das hier wollte der Ordensführer sicher auch wissen. Wenig später beugten sie sich über die hastig geschriebenen Zeilen von Narzissa.

Lieber Severus,

es ist soweit, wir müssen Draco in Sicherheit bringen. Der Lord hat Lucius getötet, vor unseren Augen. Es tut mir leid, ich weiß, wie sehr Du darunter leiden musst, aber gib nicht auf. Euer gemeinsames Ziel ist immer noch da. Schütze Draco und Yasemine, das ist alles, was Lucius wollte. Wir hatten die Gelegenheit, noch einmal miteinander zu sprechen, als er von Askaban zurück war. Er wollte, dass ich Dir sage, wie sehr er Dich liebt. Es gab immer nur Dich für ihn. Aber nicht nur das sollte ich Dir sagen. Er hat, kurz bevor er ins Ministerium sollte, noch etwas herausgefunden. Du weißt, wie lange er schon forscht, weil er wissen wollte, wie der Lord es schaffte, zurück zu kommen. Horkruxe, Severus. Ja, Mehrzahl! Lucius hat die Zeit in Askaban damit verbracht, über diesen Fund zu grübeln und er wollte, dass Du alles darüber erfährst, was er herausfand. In seiner Bibliothek stehen noch einige verbotene Bücher zu diesem Thema, aber das haben wir nicht mehr geschafft. Sollte der Lord das Manor räumen, kannst Du dort suchen.

Aber nun dazu, was Lucius Dir sagen wollte: Es handelt sich wohl um sieben Horkruxe. Lucius konnte einen Teil sogar identifizieren. Ein Medaillon aus dem Erbe von Slytherin, das hat damals Regulus gestohlen. Darum musste mein Cousin wohl sterben, auch wenn außer dem Lord keiner weiß, was es mit dem Medaillon auf sich hat. Zumindest glaubt das der Lord. Befrage Kreacher, seinen ehemaligen Hauselfen. Wenn Regulus es gefunden hat, dann weiß Kreacher davon. Harry Potter ist der Alleinerbe von Sirius, also müsste ihm auch Kreacher gehören. Ein Ring ist ebenfalls ein Horkrux, dieser ist bereits in Deinem Besitz, wenn auch eher zufällig, denn Lucius wollte ihn Dir zeigen, aber es kam wohl etwas dazwischen. Der Ruf des Lords wegen der Sache im Ministerium. Er meinte, es sei in Deinem Safe in Hogwarts. Außerdem hat der Lord den Becher von Hufflepuff zu einem Horkrux gemacht, den hatte meine Schwester, aber er hat ihn zurückgefordert, nachdem er Lucius getötet hat. Ich kann nur spekulieren, wo er ihn nun versteckt, habe aber keine Ahnung.

Ich denke, und da stimmt Lucius mit mir überein, dass auch die Schlange einen Horkrux in sich trägt. Dann bleiben noch drei, von denen Lucius leider nichts weiß. Er konnte mir nur noch den Hinweis für Dich mitgeben, dass Horkruxe nur durch Basiliskengift oder Dämonsfeuer vernichtet werden können. Erst, wenn alle Horkruxe vernichtet sind, ist der Lord sterblich. Ich werde, gemeinsam mit Hephaistos, aus England verschwinden, aber wir halten Kontakt zu seinem Schwager Xeno und seiner Nichte Luna. Wenn Du eine Nachricht an mich hast, dann gib sie an Luna. Ich weiß, die Meisten halten sie für verrückt, aber da steckt mehr dahinter, ich denke, das weißt auch Du. Rede mit Dumbledore, damit Ihr die Horkruxe vernichten könnt, denn Draco und Yasemine sollen sicher aufwachsen. Mehr wollte Lucius nie, seine Familie in Sicherheit wissen. Er liebt Dich über alles, Severus, das solltest Du wissen. Du hast ihn so glücklich gemacht, wie ich es nie geschafft hätte.

Viel Glück, Severus, und alles Gute,

Zissa

„Horkruxe!“, krächzte Dumbledore. „Ich ahnte es, aber habe nie einen Hinweis gefunden, ob es stimmt, außer dem Tagebuch, das Harry damals vernichtet hat.“

„Horkruxe?“, fragte Harry, der die Beiden beobachtet hatte. Er ahnte, dass dies der Schlüssel war. Aber war hatte es mit dem Tagebuch auf sich? Es ging sicher um das, das Ginny damals beeinflusste. Mit einem anderen Tagebuch hatte er schließlich nie zu tun gehabt.

„Das, mein Junge, werde ich dir erklären, wenn wir unsere erste gemeinsame Stunde absolvieren. Du solltest dich ausruhen, damit dein Körper heilen kann. Wenn Poppy dich entlässt, dann wenden wir uns diesen Dingen zu.“, wimmelte der Schulleiter ab. „Das ist ein Thema, das nicht hierher gehört.“

„Aber ich will diesmal wirklich Antworten!“, forderte der Gryffindor. Er starrte Dumbledore fest in die Augen.

Ernst blickte Dumbledore ihn an, nickte schließlich. Ihm wurde erst jetzt bewusst, wie viel er dem Jungen in den letzten Jahren verheimlicht hatte. Es war das gute Recht des Jugendlichen, Antworten zu fordern. „Ich fürchte, du hast Recht, Harry. Ich werde dir Antworten geben. Du sollst wissen, was auf dich zukommt.“

„Und du wirst nicht alleine sein.“, fügte der Tränkemeister an. „Ich werde meinen Gefährten rächen. Du wirst Hilfe brauchen, ich werde an deiner Seite kämpfen, Harry. Auch, wenn ich offiziell weiterhin an der Seite des Lords stehen werde. Nun weiß ich auch, nach welchen Informationen ich suchen muss.“

„Seien sie bitte vorsichtig.“, bat Harry leise.

Severus nickte knapp, dann wandte er sich an den Schulleiter. „Wir sollten sehen, ob wir den Ring finden. Gehen wir in meine Räume.“

„Ich denke nicht, dass du bereits aufstehen solltest.“, entgegnete Dumbledore. Ihm stand noch deutlich der Zusammenbruch des Tränkemeisters vor Augen.

„Meinem Körper fehlt nichts.“, knurrte Snape. „Gegen den Rest kann Poppy auch nichts machen, also werde ich jetzt gehen.“

Ohne weiter auf Albus' Proteste zu achten stieg Severus aus seinem Bett, griff nach seinem Zauberstab, um den Krankenhaus-Kittel gegen seine Roben zu tauschen. Anschließend ging er voran durch die Tür, Harry zurücklassend. Er wusste genau, dass er nicht gehen dürfte, wenn Poppy zurück kam, daher flüchtete er nun. Tatsächlich fanden sie in seinem Safe den Ring, gut versteckt hinter einigen Phiolen mit wertvollen Tränken. Albus nahm ihn an sich, um ihn in seinem eigenen Büro zu untersuchen. Kaum, dass er die Tür repariert und hinter sich geschlossen hatte, sank Severus an der Wand entlang zu Boden. Ein ersticktes Schluchzen löste sich aus seiner Kehle. „Luc, du fehlst mir so!“, wisperte er unter Tränen.

Als Harry alleine war, legte er sich zurück und schloss die Augen. Seine Gedanken wirbelten. So viel hatte er in den letzten Stunden erfahren. Professor Snape war ein Vampir. Ein leises Kichern entfloh ihm, immer wieder gab es genau dieses Gerücht. Nie hätte er geglaubt, dass es stimmte. Und obwohl sie sich bisher gehasst hatten, vertraute ihm der Tränkemeister dieses Wissen an. Auch das Wissen über seinen Gefährten, das bisher noch nicht einmal der Schulleiter hatte. Dazu noch Draco. Nicht mehr Malfoy, nie wieder, da war sich Harry sicher. Er war schockiert gewesen, als er den Blonden so verzweifelt in der Wohnung des Tränkemeisters gefunden hatte. Der Slytherin, den er bisher für kalt, arrogant, eingebildet und besserwisserisch hielt, war mit einem Mal ein anderer Mensch geworden. Ein Bild, das sich in seinen Geist eingeprägt hatte. Nie wieder würde er das vergessen. Die Abscheu und den Hass gegen den Blonden konnte er nicht mehr aufrecht erhalten. Sein Bild hatte sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten gewandelt. Wie musste sich Draco fühlen? Irgendwie ahnte Harry es. Er erinnerte sich an die Begegnung mit den Dementoren, als er den Tod seiner Eltern wieder und wieder miterleben musste. Wie musste es da erst Draco gehen, der den Tod seines Vaters direkt miterleben musste? Und dann musste er auch noch von seinem anderen Vater weg, irgendwohin, wo er niemanden kannte. Harry fühlte Mitleid mit Draco. So etwas wünschte er niemandem.

Er konnte sich noch gut erinnern, wie er sich fühlte, so ganz allein in die Zauberwelt zu kommen. Damals war er dankbar gewesen, dass Ron sich mit ihm unterhielt. Diese Freundschaft war ihm viel wert, sie bedeutete alles für ihn. Wenn er jetzt weg müsste, Ron zurücklassen, ohne sich auch nur verabschieden oder später Kontakt halten zu können, dann wäre das schlimm. Harry zog sich der Magen zusammen, kein Wunder, dass Draco nicht von seinem Vater weg wollte. Das war auch etwas, was ihn verwirrte. Männer, die schwanger werden konnten und Kinder austrugen. Die Zauberwelt faszinierte ihn, schreckte ihn aber teilweise auch ab. Es war Vieles so anders, er fühlte sich, als wäre er in einer vollkommen anderen Welt, die so völlig außerhalb seines Vorstellungsvermögens war. Gerade in solchen Momenten machte es ihm Angst. Er wünschte sich Sirius zurück, sein Pate hätte ihm solche Dinge erklären können. Sirius hätte diese Welt für ihn entwirrt. Die Trauer um seinen Paten übermannte Harry gerade, er rollte sich zusammen und schmiegte sich in sein Kissen. Langsam schlief er ein, träumte von Sirius, Draco, seinem Professor und Mister Malfoy, der in Flammen stand.

Am nächsten Morgen, als Albus zu Severus kam, war dem Tränkemeister nichts mehr anzusehen. Er wirkte vollkommen normal, als er seinen Direktor in sein Wohnzimmer ließ. Auch er war neugierig, was Dumbledores Untersuchungen ergeben hatten.

„Wie geht es dir, Severus?“, wollte der Weißhaarige besorgt wissen. Severus gab keine Antwort, sondern fragte, was Albus herausgefunden hatte. „Nun, ich denke, das sollte auch Harry hören. Ich will ihn, sollte Poppy einverstanden sein, heute über all diese Dinge aufklären. Er muss wissen, was wir wissen.“

„Das hätte er schon viel früher erfahren sollen.“, schnaubte Severus.

„Du hast Recht, mein Junge.“, gab Albus betrübt zu. „Aber ich wollte ihn nicht überfordern, als er mir diese Fragen zum ersten Mal stellte. Damals war er nicht einmal zwölf Jahre alt. Und dann … Irgendwie habe ich es immer weiter vor mir her geschoben und dann war es zu spät. Vieles, was ich wusste, habe ich ihm nach dem Tod von Sirius erklärt, damals habe ich ihm auch den gesamten Wortlaut der Prophezeiung erzählt. Aber jetzt geht es darum, wie er Riddle vernichten kann.“

„Nicht er.“, unterbrach Severus ihn kalt. „Er ist ein Kind, wir werden ihn nicht in den Kampf schicken, und selbst wenn er hineingezogen werden sollte, wird er nicht alleine sein. Mir ist klar, dass er sich nicht davon abhalten lassen wird, gegen den Lord zu arbeiten, aber er sollte kein Mörder werden müssen. Er ist ein Kind, egal ob es eine Prophezeiung gibt oder nicht. Der Lord hat meinen Gefährten getötet, ich will Rache.“

„Wirst du an Harrys Seite kämpfen, so lange es nötig ist, bis der dunkle Lord vernichtet ist?“, fragte Albus.

„Das werde ich.“, schwor Severus. Seine Magie bezeugte den Schwur. „Ich werde nicht locker lassen, bis der Lord vernichtet ist, und meine Kinder im Frieden aufwachsen können. Aber ich werde nicht zulassen, dass du Harry als Figur in deinem Kriegsspiel nutzt. Er muss lernen, aber er ist nicht der Retter.“

„Kinder?“, wunderte sich Albus, ignorierte für den Moment die Anschuldigungen. Viel zu neugierig war er, als er diese Information bekam.

„Draco hat eine Schwester. Yasemine wurde geboren, kurz bevor der Lord zurückkehrte.“, wisperte Severus. Seine Finger umklammerten die Lehne des Sessels, in dem er saß, sodass die Fingerknöchel weiß hervortraten. „Luc wusste, er ist schwanger, und auf einmal begann das Mal, dunkler zu werden. Wir haben sie in Sicherheit gebracht, kaum dass sie geboren war. Draco ist nun auch dort. Er wird sich um seine Schwester kümmern.“

Severus' Augen blickten in die Ferne, als er sich erinnerte. Lucius war durch den Kamin in sein Wohnzimmer gekommen, kurz nachdem das neue Schuljahr begonnen hatte. Er, Severus, hatte geflucht, weil es so riskant war.

„Sev, ich muss dir etwas sagen. Das konnte nicht warten!“, hatte Lucius ihn unterbrochen. Beim Klang seiner Stimme sah Severus auf. Es klang so ungewohnt emotional, als würde Lucius gleich in Tränen ausbrechen. Dabei hatte er sein Wesen normalerweise gut unter Kontrolle, außer er war …

„Du bist schwanger?“, erriet Severus.

„Ja!“, strahlte Lucius, und ließ sich von Severus in die Arme ziehen. Diese Nacht verbrachte der Blonde im Schloss, weder er noch sein Gefährte bekamen ein Auge zu. Viel zu glücklich waren sie über diese Nachricht.

Doch nur wenige Wochen später wurde das schlechte Gefühl, das durch Potters Visionen ausgelöst wurde, zu einer untrüglichen Wahrheit: Der dunkle Lord schöpfte neue Kraft, arbeitete an seiner Rückkehr. Beweis dafür war ihr dunkles Mal, das immer deutlicher wurde. Sie hatten Angst bekommen, dass ihre Tochter dem Lord in die Hände fallen würde, doch sie hatten es geschafft. Yasemine wurde am 27. Mai geboren. Als Severus die Nachricht bekommen hatte, dass die Kleine auf dem Weg ins Leben war, hatte er sich davon geschlichen. Gemeinsam mit Draco war er durch den Kamin ins Manor gereist, und sie hatten Lucius zur Seite gestanden. Einzig Zissa und ihr Lebensgefährte Hephaistos, der Heiler war, halfen ihnen. Severus hatte sie unter einen Zauber gesetzt, dass sie weder absichtlich noch aus Versehen etwas verraten konnten. Während Draco ganz nach Lucius kam, war Yasemine ein Abbild von Severus. Nie hätten sie bei ihr behaupten können, sie wäre ein Kind von Lucius und Narzissa. Severus konnte seine Tochter nicht verleugnen. Deshalb hatte er sie nur wenige Wochen später, kurz vor dem dritten Wettkampf im Turnier, zu seinem Vater gebracht, mit der Bitte, sich um sie zu kümmern. Die folgende Nacht hatte Lucius weinend in seinen Armen gelegen, weil er seine Tochter weggeben hatte müssen. Inzwischen konnte Severus diese Verzweiflung nachvollziehen.

„Severus?“, riss Albus ihn nun aus seinen Erinnerungen. Der Tränkemeister sah mit stumpfen Augen zu ihm. Er wirkte gebrochen, fand der Schulleiter. Instinktiv wollte er ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch der Schwarzhaarige wich zurück. Albus steckte seine Hand in seine Robe und blickte traurig auf den Slytherin. „Willst du erst frühstücken, oder sehen wir gleich nach Harry?“

„Ich lasse mir einen Kaffee in den Krankenflügel bringen.“, stand Severus auf. Noch immer besorgt aussehend, folgte Albus ihm nach oben in den vierten Stock.

Harry frühstückte gerade. Die Phiolen auf seinem Nachttisch deuteten darauf hin, dass er wohl ein wenig Unterstützung brauchte, um richtig essen zu können. Kein Wunder, nachdem er in den letzten Wochen wohl kaum etwas zu sich genommen hatte, wie Poppy bestätigte. Dem Jugendlichen fehlten Nährstoffe, Vitamine und Mineralien, außerdem hatte er zu wenig Flüssigkeit aufgenommen. Dadurch war sein Magen verkleinert und kam nicht damit zurecht, normale Mengen aufzunehmen. Harrys Kreislauf war im Keller, jede Anstrengung zu viel. Dank Magie waren die Verletzungen verheilt, aber gerade die Ernährung würde in den nächsten Wochen nicht vollkommen normal verlaufen. Doch Poppy war zuversichtlich, dass er bis Schuljahresbeginn wieder normal essen konnte.

„Du siehst viel besser aus als noch gestern.“, begrüßte ihn Dumbledore erleichtert. „Guten Morgen, Harry. Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“

„Ging so.“, zuckte Harry die Schultern. Alpträume waren nichts Neues für ihn. Grund genug gab es, seine Ferien und die Kindheit bei den Dursleys, seine Abenteuer in den vergangenen Schuljahren, der Tod von Cedric und nun auch noch Sirius, dazu das, was er gestern über Snape und Draco – seit gestern nannte er ihn beim Vornamen, anders konnte er nicht mehr – erfahren hatte. Kurzum, seine Nacht war unruhig gewesen.

„Möchtest du darüber reden?“, bot der Weißhaarige an.

„Jetzt lasst ihn essen.“, schimpfte Poppy. „Er muss mindestens fünfmal täglich eine Portion essen, damit er wieder ein wenig zunehmen kann. Er schafft nur geringe Mengen, aber die sollte er auch essen!“

Brav machte sich Harry wieder über sein Tablett her, ignorierte die beiden Professoren. Severus bestellte Kaffee bei einer Hauselfe, während Albus um Tee bat. Die Medihexe untersuchte Severus, der dagegen protestierte, aber sie ignorierte das. Körperlich konnte sie jedoch nichts feststellen, auch wenn ihr Blick erkannte, dass es ihm nicht besonders gut ging. Aber dagegen konnte sie nicht viel tun.

„Wie geht es Harry? Können wir ihn mitnehmen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er hier bleiben will.“, erkundigte sich Albus in der Zwischenzeit.

„Nein, ich würde gerne gehen.“, nickte Harry energisch.

„Nun, wenn du gut isst und dich noch eine Weile schonst, dann kannst du nach dem Frühstück gehen, junger Mann.“, erlaubte Poppy. „Aber ich will dich jeden zweiten Tag sehen. Wenn du dabei nicht abnimmst, sondern ein wenig zulegst, dann kannst du wieder gehen, aber solltest du Gewicht verlieren oder andere Schwierigkeiten haben, dann bleibst du hier.“ Zu Albus gewandt fuhr sie fort: „Keine Trainingseinheiten, bis er wieder richtig fit ist, er braucht seine Magie zum Heilen. Sobald er Probleme mit Schwindel oder Übelkeit bekommt, bringst du ihn her.“

„Versprochen.“ Albus sah zu dem Jugendlichen, der hastig sein Frühstück beendete. Offensichtlich wollte er schnell aus dem Krankenflügel fliehen. Schmunzelnd stand er auf und verwandelte die Krankenhaus-Robe in normale Kleidung. Er würde wohl noch mit ihm einkaufen müssen, da der Junge nichts mitgenommen hatte. Im Haus seiner Verwandten hatte sich nicht viel gefunden, er hatte Kingsley geschickt, um nachzusehen, aber der kam mit fast leeren Händen zurück. Die wenigen Dinge, die der Auror gefunden hatte, waren nun in der kleinen Wohnung, die er Harry zur Verfügung stellen würde.

Sobald Harry den letzten Bissen seines Toasts in den Mund gesteckt hatte, stand er auf und blickte auffordernd zu Dumbledore. Severus hob überrascht die Augenbraue, er hatte damit gerechnet, dass er gleich mit vollem Mund sprechen würde, aber scheinbar hatte der Junge ein Mindestmaß an Anstand. Nicht wie Weasley, sein bester Freund, oder wie Potter senior damals, der hatte sich auch nicht darum geschert. Sie folgten dem Schulleiter in den fünften Stock, in die Nähe der Treppe, die zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum führte. Dort hielt der Weißhaarige vor einem Portrait mit mehreren Schlangen.

„Schlangen im Bereich der Löwen?“ Severus hob ein weiteres Mal seine Augenbraue.

„Ich habe sie hierher gebracht, denn so kann Harry seine Ferienwohnung mit Parsel sichern, wenn er es möchte.“, erklärte Dumbledore. Er zwinkerte Harry zu, sodass dieser mit einem Mal ahnte, dass der Schulleiter wusste, was damals bei seiner Einteilung passiert war.

Dankbar nickte er dem Ältesten zu, dann traten sie durch die Tür. Das Portrait hatte sich geöffnet, als sie davor gestanden waren. Harry musste es erst noch sichern. Das würde er machen, wenn er alleine war, nahm er sich vor. Aber vorher sah er sich um. Man trat direkt in ein kleines Wohnzimmer, wenn man hereinkam. Es war schlicht, aber gemütlich eingerichtet, ein weicher, warmer Teppich auf dem Boden lud zum Barfußlaufen ein, ein cremefarbenes Sofa und ein passender Sessel standen seitlich zum Kamin. Bücherregale säumten den Kamin und eine weitere Wand, an der dritten Wand stand ein Tisch mit drei Stühlen und ein Schrank, der Geschirr enthielt. Daneben war eine Tür, die in eine kleine Küche führte, in der Harry sogar kochen konnte, wenn er wollte. Eine weitere Tür führte ins Badezimmer, durch das man ins Schlafzimmer kam. Mehr bot die Wohnung nicht, aber das reichte Harry absolut. Für ihn war das hier bereits der reinste Luxus. „Danke! Das hier ist großartig!“, strahlte er daher.

„Es ist klein, aber ich dachte mir, dass du es lieber nicht zu üppig hast.“, erklärte Dumbledore. Harry nickte zustimmend. „Gut. Ich habe Kingsley in den Ligusterweg geschickt, er hat deine Sachen gebracht. Sie sind in deinem Koffer.“ Albus deutete auf  den Koffer, der neben der Badezimmer-Tür stand. „Allerdings scheint mir, du brauchst eine neue Garderobe. Als dein Vormund bin ich dafür zuständig und ich muss mich entschuldigen, dass ich mich erst jetzt darum kümmere. Ich war wirklich überzeugt, dass deine Verwandten ...“ Dumbledore brach ab, als er erkannte, wie Harrys Gesicht sich verfinsterte.

„Ich habe damals, in der ersten Klasse, darum gebeten, nicht mehr dorthin zu müssen. Warum haben sie da nicht nachgefragt?“, wollte Harry wissen.

„Es war ein Fehler.“, gestand der Weißhaarige. „Ich habe geglaubt, dass du übertreibst. Nie in dem ganzen Jahr hast du den Eindruck gemacht, dass es dir nicht gut geht. Daher glaubte ich, dass der Blutschutz, den du bei deiner Tante hast, ein wenig … Unwohlsein durchaus aufwiegt. Ich glaubte, sie würden dich im Haushalt helfen lassen, so wie es auch in Zauberfamilien durchaus üblich ist, wenn auch in anderen Dingen. Aber dass es so ausartet, das hätte ich nie geglaubt. Es tut mir wirklich leid, Harry. Ich hätte nachsehen müssen, das ist mir inzwischen auch klar, aber … Sie wirkten gut situiert, hatten einen Sohn in deinem Alter, den sie verwöhnten. Außerdem bekamen sie eine monatliche Zahlung für deinen Unterhalt. Ich war wirklich überzeugt, das Richtige getan zu haben, ich war sicher, dass es genug ist.“

„Ich weiß nicht, ob ich das jemals vergessen kann.“, erwiderte Harry bitter. „In meinem ersten Schuljahr habe ich gelernt, dass man Erwachsenen nicht vertrauen kann.“ Er sah seinen Tränkelehrer an. „Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wissen wollten, weil meine Verwandten die Schulbücher wegsperrten, kaum dass ich sie mit Hagrid gekauft hatte. Ich wollte es mir aufschreiben, aber das schien auch falsch zu sein. Später, als wir Hinweise auf den Stein der Weisen hatten, und darauf, dass jemand versuchte, ihn zu entwenden, gingen wir zu Professor McGonagall. Sie hat uns weg geschickt. Und dann“, jetzt sah er den Schulleiter an, „habe ich darum gebeten, nicht mehr zu meinen Verwandten zu müssen. Sie haben nicht einmal nachgefragt, sondern sofort abgelehnt. Und dass ich nicht genug zu essen bekam, haben auch nur meine Freunde ernst genommen. Sie haben mir Fresspakete geschickt, damit ich im Sommer nicht verhungere. Hedwig und ich hatten dennoch nicht genug. Sie haben mich eingesperrt, das Fenster vergittert. Ron und die Zwillinge haben mich rausgeholt. Kein Erwachsener hat nach mir gesehen. Niemand!“

Erregt lief Harry in dem kleinen Wohnzimmer auf und ab. Severus saß auf dem Sofa, das Gesicht in den Händen verborgen. Er kämpfte mit den Schuldgefühlen, die ihn übermannten. Ihm war durchaus bewusst, dass er genau wie alle anderen einfach weggesehen hatte. Wäre Harry in Slytherin gewesen, hätte er es gemerkt, aber so hatte er die Anzeichen ignoriert. Dumbledore hingegen starrte Harry an. Obwohl er gesehen hatte, wie sie Harry behandelten, konnte er noch immer das Ausmaß nicht glauben.

Der Tränkemeister fasste sich als Erster wieder. Er sah Harry an. „Es gibt keine Entschuldigung, die ich nun vorbringen kann. Du hast Recht, mit jedem einzelnen Wort, das du gerade gesprochen hast. Mehr noch. Ich glaubte damals, du seist arrogant und verwöhnt. Ich habe dich nieder gemacht, wo ich nur konnte, obwohl du nicht dein Vater bist. Ich war kindisch, weil ich meine Wut an dir ausließ. Meine Wut auf deinen Vater und dessen Freunde. Du kannst nichts dafür, und wusstest nicht einmal davon, und doch habe ich dich spüren lassen, welchen Hass ich auf sie habe. Dabei bin ich erwachsen und sollte darüber stehen. Du warst erwachsener als wir alle, dabei hättest du einfach nur deine Kindheit genießen sollen. Ich schwöre, dass ich dir in Zukunft zur Seite stehen werde. Noch einmal soll so etwas nicht passieren.“

„Aber es passiert!“, schrie Harry wütend. „Jeden Tag! Ich bin nicht das einzige Kind, das für seine Magie bestraft wird. Aber hier in Hogwarts sind wir immer auf uns gestellt, keiner kümmert sich. Die Lehrer kümmern sich um ihren Unterrichtsstoff und das war's. Egal was passiert, die Schüler haben keinen erwachsenen Ansprechpartner. Letztes Jahr hat Umbridge uns gefoltert. Das Einzige, was ich zu hören bekam, war, ich solle den Ball flach halten. Wäre Hermine nicht gewesen, hätten wir nicht einmal gewusst, wie wir unsere Wunden heilen können, wenn wir mal wieder mit der Blutfeder schreiben mussten. Aber niemand hat sich dafür interessiert. Im Gegenteil, wir mussten uns noch selbst helfen und Verteidigung lernen, damit wir vorbereitet sind. Und als wir das machten, wurden wir erneut bestraft. Als ich um Hilfe bat, wurde ich stehen gelassen. Sie“, er sah den Schulleiter an, „haben mich nicht einmal angesehen. Das ganze Jahr haben sie von mir verlangt, mit Professor Snape zu lernen, mir aber nicht einmal gesagt, warum. Hätten sie mir nur einmal gesagt, was Voldemort vorhatte, dann wäre ich nicht auf diese Vision hereingefallen. Sirius könnte noch leben! Meinetwegen wurde er getötet. Und auch ihretwegen, denn ich fiel auf die falsche Vision herein.“ Er sah Snape an. „Ich weiß, dass sie sich vor Umbridge nicht verraten konnten, aber sie hätten in meine Gedanken eindringen können und mir sagen, dass sie mir helfen. Dann … hätte Sirius nicht sterben müssen. Und Mister Malfoy auch nicht.“

Harry schluchzte auf und sank an der Wand entlang zu Boden. Severus wurde weiß im Gesicht. Scheinbar wurde ihm das jetzt erst bewusst. Er sprang auf und floh aus dem Zimmer, nach draußen auf den Flur.

„Severus!“, rief Albus ihm nach. Sein Blick huschte von der Tür, durch die Severus geflohen war, zurück zu Harry, der weinend und zitternd auf dem Boden lag. Eine Entscheidung treffend trat er zu dem Jugendlichen. Severus würde er jetzt wohl nicht finden, und er war der Vormund Harrys, hatte bisher schon viel falsch gemacht. Jetzt sollte er endlich da sein für den Jungen. Er setzte sich zu Harry und schlang die Arme um ihn. Der klammerte sich einfach nur fest und schmiegte sich in die Umarmung, ignorierte für den Moment das Wissen, wer ihn gerade hielt. Überhaupt einmal gehalten zu werden, tat ihm so gut, da wollte er nicht darüber nachdenken, wer es war. Nein, dieses Gefühl von Geborgenheit sollte noch eine Weile anhalten. Darüber nachdenken konnte er auch später noch. Es dauerte lange, bis seine Tränen endlich weniger wurden und er erschöpft einschlief. Albus blieb die ganze Zeit bei ihm, sprach leise auf ihn ein und strich ihm beruhigend über den Rücken.

Der Tränkemeister hingegen rannte blindlings durch die Gänge, über Treppen und durch geheime Pforten, bis er sich schließlich auf dem Nordturm wiederfand. Zitternd sank er zu Boden, als seine Kraft ihn endgültig verließ. Er, er selbst war Schuld, dass sein Gefährte sterben musste. Harrys Worte waren wie ein Schlag gewesen. Der Jugendliche hatte Recht. Er brachte den Tod. Lily und Potter waren seinetwegen gestorben. Mit ihnen hatte es angefangen. Und jetzt war sogar sein Gefährte deshalb gestorben, weil er einen Fehler gemacht hatte. Er hatte ihren Kindern den Vater genommen! Als ihm das bewusst wurde, gewann die Verzweiflung. Severus weinte nicht, er hatte nicht einmal mehr die Kraft dazu. Nur die Tränen, die über sein Gesicht strömten, konnte er nicht aufhalten. Er wünschte sich, alles hinter sich lassen und sterben zu können. Er war am Ende und konnte nicht mehr. Kraftlos blieb er liegen, auch wenn es eiskalt hier oben war. Sein Wille reichte nicht mehr, um etwas zu ändern.

Harry schlief nicht besonders lange, aber diesmal ruhig und ohne Alpträume. Die ganze Zeit hielt Albus ihn fest. Ihn plagte das schlechte Gewissen, denn auch er fand, Harry hatte Recht. Er hatte viel falsch gemacht in den letzten Jahren. Das würde er nun ändern, nahm er sich fest vor. Er würde von nun an für Harry da sein. Gleichzeitig machte er sich Sorgen um Severus, dem es mit Sicherheit nun ziemlich schlecht ging. Er schickte seinen Patronus zu Poppy, die sich sofort aufmachte, den Tränkemeister zu suchen. Leider erfolglos. Hogwarts war einfach zu groß, um es alleine effektiv zu durchsuchen. Gerade, als der Weißhaarige überlegte, Harry in sein Bett zu legen und selbst mit zu suchen, regte sich der Jugendliche. „Harry?“, fragte der Schulleiter vorsichtig.

„Professor Dumbledore?“, nuschelte Harry verschlafen. Oh Merlin, was war denn hier los? Warum lag er in den Armen des Schulleiters?

„Sag Albus zu mir.“, schlug der Schulleiter vor. „Immerhin bist du mein Mündel und ich will nun wirklich für dich sorgen. Machen wir einen neuen Anfang. Also, ich bin Albus. Natürlich nur, wenn wir unter uns sind.“ Er stoppte einen Moment, da Harry in diesem Augenblick erst so richtig realisierte, dass er in den Armen des Älteren geschlafen hatte, und zurück zuckte. „Es tut mir leid, dass ich mich nicht früher gekümmert habe. Ich hoffe, du kannst mit der Zeit wieder vertrauen. Auch wenn mir klar ist, dass das für dich nicht leicht wird. Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“

„Ja, danke, Professor.“, murmelte Harry. Er war immer noch vollkommen verwirrt, aber erstaunlicherweise hatte er tatsächlich gut geschlafen.

„Nicht Professor, Harry. Nenn' mich Albus, wenn wir unter uns sind.“, wiederholte der Ältere.

„Albus.“ Harry war nicht sicher, was er davon halten sollte. Weder von diesem Angebot, noch davon, dass er in den Armen des Älteren geschlafen hatte. Es fühlte sich seltsam an. Einerseits falsch, andererseits hatte er es genossen. Außer Sirius hatte noch kein Erwachsener ihm derart Halt gegeben. Es waren nicht die Arme des Professors, die er sich wünschte, sondern die von Sirius, aber trotz allem fühlte er sich ein wenig erleichtert. Er vertraute Dumbledore nicht richtig, aber er glaubte, dass dieser ernsthaft bereute, ihn alleine gelassen zu haben. Vielleicht sollte er ihm doch noch eine Chance geben. Dann fiel ihm ein, was er den beiden Professoren alles an den Kopf geworfen hatte, und er wurde rot. Seine Verlegenheit überspielend stand er auf.

„Ich fürchte, ich muss dich nun alleine lassen, Harry.“, seufzte Albus und stemmte sich mit einem leisen Stöhnen in die Höhe. „Ich denke, ich sollte nach Professor Snape suchen. Poppy kann ihn nicht finden. Warte bitte hier, du sollst deine Antworten bekommen.“

Noch bevor Harry etwas dazu sagen konnte, war Albus verschwunden. Harry erschrak, er erinnerte sich vage, dass Professor Snape davongelaufen war. Verdammt, was hatte er ihm an den Kopf geworfen? Wieder hatte er nicht nachgedacht. Der Tränkemeister würde sich doch nicht die Schuld am Tod seines Gefährten geben, oder? Doch, mit Sicherheit, das würde er. In der Hinsicht waren sie einander erstaunlich ähnlich. Alarmiert rannte Harry zu seinem Koffer und wühlte darin herum, bis er das Pergament fand. Er zog seinen Zauberstab und aktivierte die Karte. Hektisch suchte er sie ab, bis er endlich – nach langen fünf Minuten – den unbewegten Punkt entdeckte, der mit ‚Severus Snape‘ beschriftet war. Ganz oben auf dem Nordturm, versteckt in einer kleinen Ecke. Harry dachte nicht einen Moment nach, rannte aus dem Zimmer. Albus und Madam Pomfrey waren weit weg, würden Snape sicher nicht in der nächsten halben Stunde finden. Dort oben war es eisig, das wusste er aus Erfahrung. Und Snape hatte nicht einmal einen Umhang getragen, nur eine einfache Robe. Jeden Geheimgang nutzend, den er kannte, schaffte Harry es innerhalb einer Viertelstunde auf den Turm. Keuchend stürmte er oben durch die Tür und stockte. Severus Snape lag auf dem Boden, offenbar bewusstlos. Sein Gesicht war weiß und mit Tränenspuren überzogen, die Lippen blau. Er zitterte am ganzen Körper.

„Es tut mir leid!“, wisperte Harry. Vorsichtig griff er nach dem Tränkemeister, hob ihn in seine Arme. Mit seinem Zauberstab wirkte er einen Wärmezauber, dann wickelte er seinen Umhang um sie beide. Er wusste, er konnte den Professor nicht nach unten tragen, schweben lassen wollte er ihn auch nicht, dafür war die Treppe einfach zu eng. Also rief er seinen Patronus auf und hoffte, dass der einfach sprechen konnte, ohne den Zauber zu verändern.

„Sag Prof... Albus, ich habe Professor Snape gefunden, wir sind auf dem Nordturm.“, bat er den leuchtenden Hirsch. Tatsächlich lief der einmal um ihn herum, dann trabte er nach unten. Harry drückte sich selbst die Daumen.

Plötzlich durchlief ein Schauder den Körper des Tränkemeisters. Er wand sich und versuchte, Harrys Umarmung zu entgehen. „Meine Schuld.“, wisperte er. „Alles meine Schuld!“

„Nein, Professor, nicht!“, murmelte Harry und strich beruhigend über den Rücken des Slytherin. „Bitte, das wollte ich nicht.“

„Aber du hast Recht.“, krächzte Snape mit gebrochener Stimme.

„Es war Voldemort, der ihn getötet hat.“, schüttelte Harry den Kopf und hielt den Schwarzäugigen fest, der ihn wegschieben wollte. Die Schuldgefühle waren beinahe körperlich spürbar für Harry. „Er war es auch, der den Tod von Cedric befohlen hat. Ja, wir haben ihm die Gelegenheit dazu verschafft, aber ER hat sie getötet. Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren, aber Tatsache ist, dass keiner von uns den Zauberstab gehoben hat, um einen dieser Menschen zu töten. Das macht die Schuldgefühle nicht weniger, das weiß ich, aber lähmen sie sich nicht, Professor. Dann hat Voldemort erreicht, was er wollte. Wir dürfen ihn nicht gewinnen lassen. Weder über unseren Geist, noch über die Zauberwelt. Wenn er uns lähmt, dann hat er gewonnen. Wir sind, gemeinsam mit … Albus diejenigen, die wissen, wie er vernichtet werden kann. Es ist an uns, diese Aufgabe zu erfüllen. Professor, ohne sie schaffe ich es nicht. Helfen sie mir, bitte.“ Harry merkte, dass Snape ruhiger wurde, je länger er sprach. Offenbar hörte er aufmerksam zu.

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, ich weiß nicht, wie.“, hauchte der Tränkemeister.

„Sie sind nicht alleine, Professor. Hier, trinken sie.“ Harry hielt sein Handgelenk vor das Gesicht von Snape. Der wandte sich ab. Doch Harry hielt ihn weiterhin fest. „Sch, nicht. Nicht aufgeben. Sie haben noch Draco und Yasemine. Sie ist ihre Tochter, nicht wahr?“

„Ja.“, nickte Snape. „Sie ist eineinhalb Jahre alt. Sie ist noch so klein.“ Er verbarg sein Gesicht an Harrys Schulter. „Sie wird sich nicht einmal an ihren Dad erinnern.“

„Aber sie wird friedlich aufwachsen können, wenn wir Voldemort vernichten.“, gab Harry zurück. „Kämpfen sie, Professor. Für Draco und Yasemine.“ Harry hielt erneut sein Handgelenk vor den Mund des Vampirs.

Diesmal griff Severus zu und trank. Dankbar drückte er anschließend die Hand des Jugendlichen. Erst jetzt merkte er, wie kalt ihm war. Vorsichtig standen sie gemeinsam auf und probierten, ob sie die Treppe hinunter kamen. Severus stützte sich auf Harry, da seine Beine immer wieder weg knickten. Die Kälte hatte sie gefühllos und taub werden lassen. Und doch kämpfte er um jeden Schritt. Harry hatte wieder ein wenig Gefühl in ihm geweckt, anders als Schuld. Sein Willen war erneut erwacht, er würde diesen Kampf zu Ende führen und seine Kinder in Sicherheit bringen. Als er drohte zu stürzen, war plötzlich Albus da und hielt sie fest.

„Merlin sei Dank!“ Erleichterung machte sich im Schulleiter breit, als er sah, dass die beiden Schwarzhaarigen aufrecht standen. Harrys Patronus hatte ihn schockiert, da er den Jugendlichen eigentlich im Gästezimmer wähnte. Dass der Junge es schaffte, einen sprechenden Patronus zu wirken, wunderte ihn jedoch nicht. Schon von Anfang an war er ein starker Magier gewesen, der es schaffte, die Magie durch seinen Willen zu beeinflussen. Gemeinsam brachten sie Severus nach unten.

„Gehen wir in mein Zimmer.“, schlug Harry vor, als der Tränkemeister nur noch halb bei Bewusstsein war. „Das ist am nächsten von hier. Professor Snape braucht Wärme und Ruhe.“

Nickend stimmte Albus zu, und sie bugsierten Severus auf das Sofa in Harrys Wohnzimmer. Dort wickelte Harry eine Decke um ihn, während Albus die Hauselfen beauftragte, das Feuer zu schüren. Langsam fokussierten die schwarzen Augen wieder und fingen Harrys Blick ein. „Danke.“, flüsterte der Tränkemeister, so leise, dass Albus es nicht einmal mitbekam. Lächelnd nickte Harry und hielt ihm die Hand hin. Snape zögerte nicht, sondern schlug ein. Es war ein Neuanfang für sie. Sie standen auf der gleichen Seite und würden nun auch am gleichen Strang ziehen. Er war dem Jugendlichen dankbar, ihm wieder Hoffnung gegeben zu haben.

„Albus?“, machte Harry auf sich aufmerksam. Noch immer ging ihm die Anrede nicht leicht über die Lippen, aber er versuchte es. Das schockierte Gesicht von Snape, als er das hörte, ließ Harry kichern.

„Ja, Harry?“, wandte sich der Weißhaarige um.

„Was wolltest du mit mir besprechen?“, lenkte Harry die Aufmerksamkeit darauf, was eigentlich schon seit Stunden im Raum stand.

„Ah, ja. Genau.“, räusperte sich Albus und setzte sich neben Severus, da Harry im Sessel Platz genommen hatte. „Nun, du erinnerst dich an die Prophezeiung?“ Harry nickte nur. „Ich habe in deinem zweiten Schuljahr, als du das Tagebuch aus der Kammer des Schreckens gebracht hast, eine Theorie erstellt. Diese Theorie wurde bestätigt von Mister Malfoy. Ich habe es gestern erst erfahren.“

„Horkruxe?“ Harry fragte halb, halb machte er eine Aussage. Das war der Begriff, der gestern plötzlich aufgetaucht war und die Stimmung der beiden Professoren verändert hatte.

„Richtig. Weißt du, was das ist?“ Harry schüttelte den Kopf. „Nun, es ist ein dunkler Zauber, der die Seele eines Menschen zerteilt. Ein abgespaltenes Bruchstück kann mittels eines Zaubers an einen Gegenstand geheftet werden und ist so sicher, wenn der Zauberer getötet werden sollte. Denn dieses Bruchstück, das nicht mehr in seinem Körper ist, lebt weiter und kann mittels eines Zaubers – den du letztes Jahr erlebt hast – zurück in einen Körper gebracht werden. Voldemort hat mehrere Horkruxe geschaffen, laut Mister Malfoy sieben Stück. Einen davon hast du bereits vernichtet, das Tagebuch, und einer wurde wohl genutzt, um ihn zurück zu bringen. Ein weiterer befindet sich in unserer Hand, Mister Malfoy hat ihn in seine Hand bekommen und Professor Snape zugespielt. In dem Brief stand auch, dass ein weiterer Horkrux der Becher von Helga Hufflepuff ist, den wohl Mrs. Lestrange verwahrt hatte, bis Riddle ihn zurückforderte. Wo er nun ist, da können wir nur spekulieren. Allerdings hatte wohl Regulus, Sirius' jüngerer Bruder, einen entwendet. Offenbar hat er sich vom Lord abgewandt und versucht, ihn zu vernichten. Leider hat es Riddle herausgefunden und ihn getötet. Aber wir können Kreacher befragen, er war Regulus' persönlicher Hauself. Vielleicht kann er uns helfen. Dadurch, dass Sirius dich zum Alleinerben gemacht hat, gehört er dir und muss dir gehorchen.“

Es dauerte einige Minuten, bis Harry das alles richtig aufgenommen hatte. „Das heißt, ich soll ihn rufen?“, versicherte er sich schließlich. Albus nickte, und Harry verzog sein Gesicht, wollte den Erwachsenen aber nicht zeigen, wie sehr er es hasste, den Elfen, der Sirius verraten hatte, zu sich zu holen. „Na gut. Kreacher!“

Es ploppte, und der Hauself tauchte vor Harry auf. „Will nicht!“, protestierte er lauthals. „Kreacher gehört Meister Regulus, Master Sirius hat kein Recht, Kreacher zu vererben!“

„Ruhe!“, befahl Harry und augenblicklich kam kein Ton mehr aus Kreachers Mund. „Gut. Ich will übrigens auch nicht, aber es hilft nichts. Jetzt hör mir zu, Kreacher. Ich möchte etwas von dir wissen. Was ist mit Regulus geschehen?“

„Regulus war ein guter Meister!“, schwärmte der Hauself, und sein Gesicht glättete sich zu einem Lächeln. „Meister Regulus hat Kreacher vertraut. Kreacher hat Meister gut gedient! Aber dann hat Meister Regulus Kreacher eine Aufgabe gegeben, die Kreacher nicht erfüllen konnte. Meister Regulus war tot, aber die Aufgabe war immer noch da. Kreacher bestraft sich, versucht es wieder und scheitert. Immer. Kreacher bestraft sich, aber er kann den letzten Befehl seines Meisters nicht ausführen!“ Kreischend schlug Kreacher seinen Kopf gegen die Wand.

„Nicht, Kreacher!“, schrie Harry auf. „Hör auf damit! Ich verbiete dir, dich zu bestrafen!“ Egal wie sehr er ihn hasste, aber Gewalt verabscheute er noch viel mehr.

„Kreacher muss sich bestrafen!“, widersprach der Hauself. „Kreacher hat den Befehl seines Meisters nicht ausgeführt!“

„Ich habe dir auch einen Befehl gegeben.“, erinnerte Harry. „Was ist mit Regulus passiert?“

Langsam beruhigte sich Kreacher ein wenig und konnte schließlich berichten, wenn auch widerwillig. „Kreacher wurde von Meister Regulus zum dunklen Lord geschickt, weil dieser nach einem Hauself verlangte. Meister Regulus befahl Kreacher, mit dem dunklen Lord zu gehen und anschließend zurück zu kommen. Kreacher musste mit dem Lord gehen und einen schrecklichen Zaubertrank trinken, der Kreacher verdursten ließ, egal, wie viel Wasser er trank. Die Untoten im See zogen Kreacher hinunter, aber der Befehl von Meister Regulus sagte, dass Kreacher zurück kommen müsse. Also kam Kreacher zurück. Meister Regulus pflegte Kreacher gesund, dann musste Kreacher Meister Regulus zu dem See bringen, wohin er mit dem dunklen Lord gegangen war. Meister Regulus hat den Trank getrunken, der Kreacher so krank gemacht hat, aber er wurde nicht krank, weil er einen Stein dabei hatte, der das Gift kaputt gemacht hat. Meister Regulus und Kreacher kamen zurück mit einem Medaillon. Meister Regulus sagte Kreacher, er müsse gut darauf achten und es zerstören, wenn Meister Regulus es nicht schaffte. Dann musste Meister Regulus zum dunklen Lord und kam nicht wieder zurück. Seitdem versucht Kreacher, das Medaillon zu zerstören, aber es will nicht kaputt gehen!“

Erneut versuchte der Hauself, sich zu bestrafen, aber diesmal war Harry schneller und fing ihn ab. „Wo ist das Medaillon jetzt?“, wollte er wissen. Er sah zu Albus. „Wir können es zerstören, oder?“

„Ja, ich denke schon.“, nickte der Schulleiter. „Du hast den Basilisken damals mit dem Schwert von Gryffindor getötet, nicht wahr?“ Harry nickte verwirrt. „Dann ist es mit dem Gift getränkt, nehme ich an, und Basiliskengift ist wirksam gegen Horkruxe.“

„Master Harry kann es zerstören?“, hoffte Kreacher. Seine ganze Haltung änderte sich plötzlich, der Widerwillen verschwand spurlos.

„Es sieht so aus.“, bestätigte Harry nach einem Blick zu Albus. „Bring das Medaillon her, dann sehen wir, ob wir deine Aufgabe endlich vollenden können.“

So schnell konnte keiner schauen, war der Hauself verschwunden. Noch bevor sie etwas sagen konnten, tauchte er wieder auf. Diesmal hatte er eine Kette in der Hand, an der ein Medaillon hing.

„Das kenne ich!“, hisste Harry auf. „Das ist eines der schwarz-magischen Objekte, die wir mit Sirius letztes Jahr entsorgten, als wir den Salon aufgeräumt haben!“ Er ignorierte den kurzen Stich, den ihm die Erinnerung an Sirius versetzte.

„Kreacher musste es zurückholen, Kreacher musste den Befehl von Meister Regulus erfüllen.“ Der Hauself wand sich wie unter Schmerzen.

„Natürlich musstest du das, Kreacher.“, beruhigte Harry. Auch wenn er selbst nicht gerade ruhig war, da er nun Sirius vor Augen hatte. Sein Pate, wie er damals mit ihnen gemeinsam … Gewaltsam riss Harry sich aus den Gedanken. Er sah die beiden Älteren auf dem Sofa an. „Zerstören wir es gleich?“

„Gehen wir.“ Entschlossen stand Albus auf. Harry und Severus folgten ihm, ebenso Kreacher, dem Harry winkte, mit ihnen zu kommen. Minuten später waren sie im Direktorenbüro. Der Jugendliche wandte sich zuerst dem rot goldenen Phönix zu, der auf seiner Stange saß und sich die Streicheleinheiten gefallen ließ. „Danke für deine Hilfe, Fawkes.“, wisperte Harry in das weiche Gefieder. Dann erst sah er zum Schulleiter. Albus winkte sie zu einem steinernen Tisch, auf den sie das Medaillon legten, dann holte er das Schwert von Gryffindor aus der Vitrine.

Severus trat näher und besah sich die Spitze. „Hier scheint tatsächlich Basiliskengift an der Klinge zu sein.“, erkannte er.

„Severus, nimm das Schwert und vernichte den Horkrux. Ich hole in der Zwischenzeit den Ring, damit wir diesen auch gleich zerstören können.“, entschied Albus.

Zögernd griff der Tränkemeister nach dem Schwert. Er fühlte sich nicht bereit, gegen dieses dunkle Objekt zu kämpfen. Harry trat zu ihm. „Für Draco und Yasemine.“, wisperte er in das Ohr seines Lehrers. „Und für ihren Gefährten.“

Mit neuer Entschlossenheit hob Severus das Schwert. Einen Moment schloss er seine Augen, dann holte er aus und ließ es auf das Schmuckstück herunterfahren. Doch es prallte an dem Deckel einfach ab, fiel Severus dadurch beinahe aus der Hand, weil er so viel Schwung genutzt hatte. „Was …?“

„Ich weiß es nicht.“, schüttelte Albus den Kopf. „Es hätte funktionieren müssen.“

Zu dritt beugten sie sich darüber. Erstaunt erkannte Harry, dass das Medaillon nicht einmal einen Kratzer abbekommen hatte. „Vielleicht muss man es öffnen?“, riet er.

„Das ist durchaus möglich!“, lächelte Albus. Warum hatte er selbst nicht daran gedacht? Es war doch so einfach. Mit einem Öffnungszauber versuchte er sein Glück, dann nutzte er einen zweiten und dritten, alle ohne Erfolg. Auch der Tränkemeister versuchte es, er konnte schwarz-magische Zauber nutzen, doch auch die brachten keinen Erfolg.

Harry blickte einfach nur auf das Medaillon und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Wenn die beiden Älteren es mit Zaubern nicht schafften, dann hatte er keine Chance. Er kannte nicht einmal einen Bruchteil der Zauber, die sie anwandten. Während er auf die Gravur starrte, hatte er das Gefühl, die Schlangen darauf würden leben. Immer wieder wirkte es, als würden sie sich bewegen. „Öffne dich!“, zischte er auf einmal in Parsel. Albus und Severus zuckten zusammen, als der Jugendliche plötzlich anfing mit dem Zischeln, doch sie erstarrten, als das Medaillon sich öffnete. Es wurde eisig im Raum und dunkler Nebel bildete sich über dem Schmuckstück.

Der Nebel wurde immer dichter und nahm Formen an. Severus zuckte zurück, als Lucius Malfoy plötzlich sichtbar wurde. Gemeinsam mit Narzissa, sie küssten sich, umschlangen einander in eindeutigen Posen. Severus stand da, das Schwert erhoben, aber er konnte nicht zustechen. Er konnte sich nicht mehr bewegen, sich nicht dazu überwinden, seine Augen von dem Bild vor sich zu nehmen. „Nein!“, hauchte er zitternd.

Plötzlich spürte er eine Hand auf seinem Arm. Harry. „Es ist nicht echt.“, versprach der Jugendliche leise. „Für Draco und Yasemine. Vernichten sie ihn!“

„Draco. Yasemine!“ Severus straffte sich. „Nie wieder!“, schrie er auf, dann stach er zu. Einmal, zweimal, dreimal. Erschöpft sackte er schließlich zusammen.

Harry hielt ihn fest. „Sie haben es geschafft!“, freute er sich.

„Nun den Ring.“, erinnerte Albus.

„Ich mache es.“, beschloss Harry nach einem Blick auf den Tränkemeister. Er hob die Hand, als die beiden Erwachsenen protestieren wollten. „Ich weiß, dass ich es schaffen kann, denn ich habe bereits einen Horkrux vernichtet. Außerdem bin ich Kreachers Besitzer, somit kann ich sozusagen seine Aufgabe vollenden, auch wenn das Medaillon bereits zerstört ist.“ Er wurde leiser. „Ich will es tun. Für Sirius, für Cedric und für meine Eltern.“

Der Schulleiter sah ihn durchdringend an, sein Blick schien in die Tiefe von Harrys Seele zu gehen, dann reichte er ihm das Schwert, das er aus Severus' bebender Hand genommen hatte. Der Gryffindor straffte sich und griff danach. Seine Gedanken verweilten bei seinem Paten, Sirius wäre sicher stolz auf ihn, wenn er ihn jetzt sehen könnte. Vermutlich auch sein Vater, auch wenn er seit einiger Zeit nicht mehr ganz so stolz darauf war, der Sohn von James Potter zu sein. Die Bezeichnung 'Rumtreiber' war nichts, worauf man stolz sein konnte, davon war Harry inzwischen überzeugt. Dennoch, James war für für Lily und ihn selbst gestorben, wollte Lily Zeit verschaffen, um Harry in Sicherheit zu bringen vor Voldemort. So ein Mensch konnte nicht durch und durch böse sein, oder? Aber die Erinnerungen von Snape hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Mobbing, wie er selbst es jahrelang erlebt hatte; genau wie Dudley ihn selbst, hatte James gemeinsam mit Sirius Snape als Opfer auserkoren gehabt. Harry grübelte schon seit Monaten, was er nun von seinem Vater denken sollte. Hatte dieser am Ende wirklich auf der richtigen Seite gekämpft? Oder war alles, was man ihm erzählt hatte, falsch? Harry stand zögernd da, das Schwert erhoben. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte. Geschweige denn, was er tun musste. Auf seine Umwelt reagierte er nicht mehr, bekam nicht einmal mit, dass Albus auf ihn einsprach, damit er endlich den Horkrux vernichtete.

Besorgt beobachtete Snape das Ganze. Sein Kennerblick erkannte, dass Harry wohl noch nie richtig mit einem Schwert hantiert hatte. Seine ganze Haltung zeugte davon. Daran mussten sie arbeiten, entschied er. Das würde dem Jugendlichen Kraft, Ausdauer, Wendigkeit und gute Reflexe schenken. „Kreacher, kannst du ihm helfen?“, wollte er wissen, als Albus versucht hatte, das Schwert zu greifen, um die Vernichtung zu vollenden. Harrys Magie hatte jedoch einen Schild um sich gebildet, Albus kam nicht an ihn heran. Magisch war Harry stark, vielleicht sogar stärker als Albus, auch wenn er noch nicht alles davon kontrollieren konnte.

Der Hauself nickte mit riesigen Augen und sprang zu seinem neuen Meister. Als wäre er nicht vorhanden, durchdrang das kleine Wesen den Schild um Harry. Mit einem wahrhaft bewundernswerten Sprung packte er das erhobene Schwert, drückte es nach unten. Als Kreacher das Schwert bewegte, reagierte auch Harry wieder. Gemeinsam schlugen sie mit der Spitze des Schwertes den Ring entzwei. Zwei Schreie ertönten, einer von dem Horkrux, der andere von dem Jugendlichen. Harry sank zu Boden, ließ das Schwert einfach fallen. Seine Kraft war aufgebraucht, er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Aber vor allem war er vollkommen durcheinander. Auch er vergrub das Gesicht in den Händen, wie vorher der Tränkemeister.

„Master Harry hilft, Meister Regulus' Aufgabe zu vollenden.“, begann der Hauself. „Kreacher wird Master Harry helfen. Master Harry kann sich auf Kreacher verlassen.“

„Harry?“, fragte Albus vorsichtig.

„Ich … ich glaube, ich wäre gern allein.“, wisperte Harry und sah auf. In seinen Augen konnten die beiden Erwachsenen die Verwirrung erkennen, die sich des Jugendlichen bemächtigt hatte.

„Vielleicht solltest du darüber reden.“, schlug Albus vor.

„Ach ja? Und sie wissen, worüber ich reden soll?“, pampte der Grünäugige. Mit geballten Fäusten sprang er auf, wollte weiter schimpfen.

„Albus, lass mich mit ihm reden.“, ging Snape dazwischen. Er wandte sich seinem ehemaligen Hassschüler zu. „Komm, gehen wir ein Stück.“ Sein Ton machte klar, dass es keine Ausreden gab. Er ging Harry voraus und führte ihn nach draußen. Wütend und verunsichert stampfte Harry hinterher. Kein Wort fiel, sie gingen schweigend nebeneinander her. Langsam wurde Harrys Atem ruhiger und sein Herz schlug gleichmäßiger. Auch seine Gedanken wirbelten nicht mehr so sehr. Dankbar lief er nach einiger Zeit an der Seite des Mannes, den er bis vor ein paar Tagen gehasst hatte. Er spürte die innere Unruhe, die Snape ausstrahlte. Wie mochte es ihm gehen? Harry wagte es nicht, ihn zu fragen. Auch wenn sie einen neuen Anfang gemacht hatten, so nahe waren sie sich nicht. Noch nicht. Inzwischen gingen sie gemütlich am Ufer des Sees entlang. Es war herrlich warm, die Sonne schien und der Krake brachte das Wasser in Aufruhr. Die Ruhe tat Harry gut.

Severus, der den Jüngeren beobachtet hatte, begann nach einer Weile zu sprechen: „Ein Horkrux ist kein lebloses Stück Metall. Er wehrt sich gegen seine Vernichtung. Ein Teil der Seele des Erschaffers ist in dem Objekt eingeschlossen. Es versucht, den Angreifer zu verwirren, indem es die Gedanken beeinflusst. Es ist schwer, sich dagegen zu wehren, selbst wenn man weiß, was einen erwartet.“ Er hielt inne, blieb stehen. Sein Blick suchte den Harrys, die schwarzen Augen bohrten sich tief in die grünen. „Du hast gesehen, was der Horkrux mir vorgegaukelt hat. Er wollte mich schwächen.“

„Ich … ich dachte an das, was ich … in ihrem Denkarium gesehen hatte.“, gestand Harry, der bei dem Blick seines Lehrers nicht schweigen konnte. Weil der Slytherin wusste, was in ihm vorgegangen war. „Mein … mein Vater … ich dachte immer, er wäre einer der Guten, aber … ich ...“ Harry brach ab, starrte verunsichert auf den Boden vor sich.

„Du weiß nicht, was du nun denken sollst?“

„Ja … nein. Es ist so verwirrend. Sirius und Remus haben mir Vieles erzählt, aber … Auch das, was alle Anderen erzählt haben … Ich hatte geglaubt, ihn ein wenig zu kennen, aber jetzt … Seit ich ihn gesehen habe ... Ich verstehe einfach nicht, wie das ein und derselbe Mensch sein kann. Und wie … wie Mom ihn heiraten konnte.“, gestand Harry zögernd.

Severus begann, weiter zu gehen. Dabei überlegte er, wie viel er dem Jungen gegenüber erzählen sollte. Er verstand, wie Harry sich fühlen musste. Ihm selbst war es gerade ganz recht, dass er eine Aufgabe hatte. „Dein Vater war wie die meisten Menschen. Er hatte viele Gesichter. Zu seinen Freunden war er treu, freundlich, sie konnten ihm immer vertrauen. Aber er hatte seinen Hass gegen mich, gegen alles was schwarz-magisch ist, wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen. Sein Vater war Auror, Chefauror um genauer zu sein. Bevor James geboren wurde, unterrichtete seine Mutter sogar in Hogwarts. Sie war die Vorgängerin von Professor Flitwick. Sie waren beide Gryffindors, Fleamont und Euphemia Potter. Seine Eltern haben ihn erst sehr spät bekommen und ihn umso mehr verwöhnt, wie man sagt. Und dann war da noch die Tatsache, dass deine Mutter, in die er bereits seit der ersten Klasse verliebt war, ihn nur ansah, wenn sie mich verteidigte. Anfangs war es mehr oder weniger harmlos. Nicht angenehm für mich, das mit Sicherheit, aber es begann mit Kleinigkeiten. Nur, die Lehrer haben nicht reagiert. Je mehr ihnen, Potter und Black, quasi erlaubt wurde, desto schlimmer wurde es. Ich fing an, mich selbst zu verteidigen, also wurde es schlimmer, damit Lily Potter ansah. Aber was eigentlich sogar noch schlimmer für mich war, dass ...“ Er brach ab und schluckte.

„Niemand hat sich auf ihre Seite gestellt.“, wusste Harry. Wissend sah er den Älteren an, der seine Augenbraue fragend hob. „In der Grundschule hatte ich keine Freunde. Dudley hat sie alle vergrault. Sobald jemand auch nur andeutete, dass er oder sie freundlich zu mir sein könnte, sind mein Cousin und seine Freunde eingeschritten. Entweder sie gingen gegen mich vor, oder gegen diejenigen, die freundlich zu mir waren. Da hielten sich schnell alle von mir fern. Ich war alleine, keiner stand zu mir, wenn Dudley und seine Freunde auf mich losgingen, mich jagten, zu Boden schlugen, traten und boxten. Sie waren strohdumm, aber intelligent genug, um zu vermeiden, dass ein Lehrer etwas mitbekam. Mit der Zeit lernte ich, schnell genug zu sein. Sie haben mich dann nicht mehr so oft erwischt. Aber es half meist nur kurzfristig. Zuhause hat Dudley dann entweder seinen Eltern etwas vorgelogen, was ich gemacht hätte, oder die Arbeiten sabotiert, die ich machen musste, damit ich nicht fertig wurde. Das Ergebnis war immer das Gleiche: Onkel Vernon hat mich bestraft.“ Obwohl er eigentlich nicht so viel hatte sagen wollen, waren die Worte aus ihm heraus gesprudelt. Und auch, wenn er das wohl nicht zugeben würde, es tat gut. Komischerweise störte es ihn nicht einmal, dass er gerade mit dem Lehrer sprach, den er bisher am wenigsten hatte ausstehen können. Aber jetzt wusste er mehr, nicht alles, aber so viel, dass er wusste, der Tränkemeister verstand, wie er sich fühlte.

„Du hast Recht, genauso ging es mir mit deinem Vater.“, nickte Severus, der spürte, dass gerade der falsche Moment war, um weiter darauf einzugehen. Er würde später mit dem Jugendlichen reden müssen, jemand anderer kam wohl nicht so an ihn heran. Immerhin hatten sie Ähnliches erlebt. „Aber ich muss ihm zugute halten, dass die Strafpredigt deiner Mutter, die er nach dieser Aktion, die du gesehen hast, über sich ergehen lassen musste, etwas gebracht hat. Danach war es deutlich ruhiger um mich. Sie ignorierten mich. Ein Jahr später ging Lily erstmals mit Potter aus. Er wurde zu einem Kämpfer im Phönixorden, während ich mich dem Lord anschloss, weil ich Luc beistehen wollte. Ich wurde zu Albus' Spion. Potter und seine Freunde haben mir nie getraut. Natürlich nicht. Ich konnte auch nie vergessen, wie er mich behandelt hat, aber er hat sich damals richtig entschieden. Er war dir ein guter Vater, so wie ich das beurteilen kann. Lily hätte ihn nie geheiratet, wenn er sich nicht geändert hätte. Sie hat ihn geliebt, und beide haben dich geliebt, vergiss das nie, Harry.“

Schweigend liefen sie das letzte Stück des Weges, bis sie einmal um den See herum waren. Hedwig flog mit einem Mal über ihnen und setzte sich schließlich auf Harrys Schulter, der sie freudig begrüßte, sie streichelte. „Danke!“, lächelte Harry nach einer Weile in Richtung seines Professors. Snape nickte ihm nur zu. „Wir sollten einen Trainingsplan für dich aufstellen.“, wechselte er das Thema. „Schwertkampf, Schwimmen, Laufen, dazu Duellunterricht und Okklumentik.“

„Schwimmen?“ Harrys Stimme war vor Entsetzen eine Oktave höher als normal. Hedwig flatterte überrascht mit den Flügeln, blieb aber sitzen.

„Ja, Harry.“, nickte Severus ernst. „Du kannst es nicht, oder?“

„Nicht wirklich.“, gab Harry zu. „Ohne Ron wäre ich bei der zweiten Aufgabe im Turnier gescheitert.“

„Wer hat dir damals das Dianthuskraut gegeben? Ich weiß, dass es aus meinen Vorräten war.“, erkundigte sich der Tränkemeister neugierig und mit erhobener Augenbraue. Schon lange hatte er das wissen wollen, aber nun war die Gelegenheit günstig.

„Dobby.“, gestand Harry. „Er hatte den falschen Moody gehört, der darüber sprach, dass dieses Kraut hilfreich wäre. Er wollte mich retten. Ohne ihn weiß ich nicht, was ich gemacht hätte. Es tut mir leid, dass er es von ihnen geklaut hat.“

„Du solltest das Schwimmen lernen. Es kräftigt deinen Körper, baut gleichmäßig Muskeln auf, macht dich geschmeidig und trainiert sogar deine Ausdauer. Und das ohne dich dabei zu überfordern.“, meinte der Tränkemeister, ohne weiter darauf einzugehen. Allerdings nahm er sich noch einmal vor, später mit dem Jugendlichen zu sprechen, sobald dieser ihm genug vertraute. Harry musste das verarbeiten, was in den letzten Jahren passiert war, genauso wie die Kindheit bei seinen Verwandten. Aber das hatte noch ein wenig Zeit, im Moment waren andere Dinge wichtig. Jetzt konnte Severus zeigen, dass er es ernst meinte. Genau das brauchte Harry nun, er musste lernen, Vertrauen zu haben. Das begann damit, dass er zeigte, wie ernst es ihm war. Harry sollte lernen, dass er zu seinem Wort stand und ehrlich war. Und er war froh, eine Aufgabe zu haben, die ihn von seiner eigenen Trauer ablenkte.

„Trainieren sie mit mir?“ Die grünen Augen blickten ihn offen an.

„Dazu musst du vertrauen, Harry. Ansonsten kannst du das Schwimmen nicht lernen.“, wandte der Schwarzäugige ein.

„Ich … ich vertraue ihnen.“, murmelte Harry. „Eigentlich schon immer. Auch wenn ich gehasst habe, wie sie mit mir umgingen.“

„Ich werde weiterhin so mit dir umgehen müssen.“, gab Severus zu bedenken, der innerlich zusammen gezuckt war. Eindeutig Schuldgefühle, stellte er fest. Aber auch Überraschung, dass der Junge ihm vertraute. „Der Lord darf keinen Verdacht schöpfen. Die Schüler meines Hauses dienen ihm auch als Spione, sie erzählen ihren Eltern, was sie in der Schule erleben, diese geben es an den Lord weiter.“ Er atmete einige Male tief durch. „Bis zum Ende des letzten Jahres habe ich meinen Hass gegen deinen Vater genutzt, ich wollte nicht sehen, wie du wirklich bist.“

„Nennen sie mich deshalb nun Harry?“

„Ja.“, gab Severus zu. „Ich kann nicht mehr verleugnen, dass du viel mehr von deiner Mutter hast. Ich wollte es nicht sehen, dabei ist es so deutlich. Aber es ist überlebenswichtig, dass wir weiterhin ein Schauspiel liefern, sobald die Schule wieder beginnt.“

„Okay.“, nickte Harry verständig. „Es wird nicht leicht, aber ich werde es schaffen.“

„Gut, dann komm. Gehen wir essen und dann erstellen wir deinen Plan, damit du ab morgen loslegen kannst!“, schmunzelte der Ältere kurz. Harry verabschiedete sich von seiner Eule, dann folgte er dem Älteren.

Beim Essen in der großen Halle trafen sie auf Albus. Sie setzten sich an einen Tisch und griffen zu. Der Schulleiter blickte sie fragend an, doch Severus schüttelte andeutungsweise den Kopf. Also berichtete der Weißhaarige, dass Poppy erneut im Grimmauldplatz war, nur zur Kontrolle. Remus ginge es soweit gut, versprach er, als er Harrys Blick auffing.

„Kann ich ihn sehen?“, bat Harry.

„Ich denke schon. Ich bringe dich nach dem Essen hin.“, versprach Albus.

„Wir sollten einen Trainingsplan erstellen.“, mischte sich Severus ein.

„An was genau dachtest du?“, erkundigte sich Albus. Severus wiederholte, was er Harry bereits angedeutet hatte. Der Weißhaarige nickte. „Ich denke, wir sollten auch Theorie mit einbauen.“, teilte er seine Meinung am Ende mit. „Harry, du brauchst eine Vielzahl an Zaubern, um auf alle Gelegenheiten vorbereitet zu sein. Außerdem reißt Poppy uns den Kopf ab, wenn wir dich überfordern. Und wir müssen noch mehr darüber herausfinden, was die restlichen Horkruxe sind. Je schneller wir sind, umso besser.“

„Ich will nicht, dass noch jemand stirbt.“, wisperte Harry.

„Harry, du hast keine Schuld an den Toten. Es war Voldemort, niemand sonst.“, sprach Albus auf ihn ein. „Er will dir damit weh tun, weil er weiß, dass du die Hoffnung der Zauberwelt bist. Er ahnt, dass der Rest der Prophezeiung ihm die Lösung präsentiert, warum du überlebt hast und was genau dich dazu ermächtigen soll, ihn besiegen zu können. Ich denke, er hat Angst vor deinen Fähigkeiten. Deshalb will er dich schwächen, indem er Menschen, die dir wichtig sind, tötet oder verletzt.“

„Wir trainieren dich, Harry.“, mischte sich der Tränkemeister ein, dann blickte er zu seinem Vorgesetzten: „Wir werden ihn nicht dazu zwingen, diese dämliche Prophezeiung zu erfüllen. Er ist ein Kind, kein Krieger!“, mahnte er.

„Aber er sollte sich verteidigen können.“, wandte Albus ein, worauf der Schwarzäugige widerwillig nickte.

Dagegen konnte er kaum etwas sagen, immerhin zog Harry Unfälle und Begegnungen mit dunklen Magiern regelrecht an, als wäre er ein Magnet dafür. Gerade deshalb hatte er selbst auch an einen Trainingsplan gedacht. Der Junge musste sich verteidigen können, sollte aber nicht vorgeschickt werden, um den Lord zu töten. Er war ein Jugendlicher, kein Mörder. Und das sollte er nach Möglichkeit auch nicht werden. Harry war so unschuldig, er sollte sich nicht mit dem Wissen quälen müssen, in naher Zukunft den Todesfluch aussprechen zu müssen. Auf keinen Fall. Harry würde es tun, weil es von ihm erwartet wurde. Weil er das Gefühl hatte, sonst seine Freunde und die magische Welt im Stich zu lassen. Aber das war nicht das richtige Motiv für eine derartige Tat. Vor allem nicht, wenn es dabei um einen Jugendlichen ging, der eigentlich nichts als Unsinn, Streiche, Mädchen und vielleicht ein wenig auch die Schule im Kopf haben sollte. Plötzlich zischte Severus und umklammerte seinen linken Unterarm. „Ich muss gehen!“

„Sei vorsichtig, mein Junge.“, bat Albus, während der Tränkemeister bereits durch die Halle eilte. „Komm, Harry, du solltest noch ein wenig essen, danach reisen wir in den Grimmauldplatz.“

Mit einem unguten Gefühl im Magen beendete Harry seine Mahlzeit. Gemeinsam reisten sie durch den Kamin in das Hauptquartier des Ordens. Harry hatte kein Problem damit, dass der Orden sein Haus weiterhin nutzte, er selbst konnte nichts damit anfangen. Darin zu wohnen, vor allem allein, konnte er sich momentan nicht vorstellen. Es war zu sehr mit der Erinnerung an Sirius verknüpft. Dennoch freute er sich, dorthin zu kommen, weil er sich über ein Treffen mit Remus freute. Natürlich durfte der Werwolf so lange hier wohnen bleiben, wie er wollte.

Der Dunkelblonde umarmte Harry liebevoll. „Hey, Welpe! Wie geht's dir?“, wollte er wissen.

„Remus!“, schmiegte sich Harry Halt suchend an den besten Freund seines Paten. Er wollte nicht weinen, nicht schon wieder, daher vergrub er sein Gesicht am Brustkorb des Werwolfes. Albus verließ diskret den Raum, ließ sie alleine.

„Blöde Frage, ich weiß.“, nuschelte Remus. „Du vermisst Sirius. Professor Dumbledore hat mir kurz ein wenig erzählt, wie er dich gefunden hat. Jetzt weiß ich erst, wie sehr du ihn wirklich gebraucht hättest. Sirius hatte Recht, er wollte dich dort raus holen, aber wir haben es ihm immer ausgeredet, weil es für dich, und vor allem auch für ihn, ein Risiko gewesen wäre, immerhin war Sirius gesucht worden. Es tut mir leid, dass ich es ignoriert habe, ich hätte es besser wissen müssen als zu glauben, du übertreibst, wie ich es Sirius immer eingeredet habe.“

„Du hast ihn geliebt, oder?“, fragte Harry leise. „Ich hab' gespürt, wie du gezittert hast. Und ich hab' dich weinen hören.“

Remus schluckte trocken. „Ja.“, wisperte er schließlich. „Er war mein Partner. Ich … ich weiß nicht, wie ich jetzt noch weiter machen soll. Damals, als deine Eltern starben und er nach Askaban gebracht wurde, dachte ich, er wäre schuldig. Ich wollte es nicht glauben, aber … Irgendwann habe ich es geglaubt, weil ich es so oft gehört habe, auch wenn ich es mir einfach nicht vorstellen konnte, wieso. Es hat weh getan, ich war enttäuscht. Dann hatte ich Angst, als er geflohen war. Als ich dann die Wahrheit erfahren habe, war ich wütend auf mich selbst, weil ich das glaubte, was alle sagten, ohne Sirius eine Chance eingeräumt zu haben. Ich kannte ihn doch eigentlich besser. Aber Siri hat mich einfach in den Arm genommen, als wäre nie etwas gewesen. Er hat mir vergeben, wo ich mir selbst nicht vergeben konnte. Und jetzt … er fehlt mir.“ Remus' Stimme klang seltsam belegt am Ende.

„War er … dein Gefährte?“

„Nein, auch wenn er es gerne gewesen wäre. Ich habe meinen Gefährten noch nicht gefunden.“, schüttelte Remus den Kopf. „Woher weißt du darüber?“

„Ich … ich weiß nicht viel, aber ich kann dir nicht sagen, woher. Ich habe versprochen zu schweigen.“, erwiderte Harry und sah den Dunkelblonden bittend an.

„Ich werde nicht fragen, Welpe.“, versprach Remus lächelnd und drückte den Jugendlichen bestätigend an sich. „Aber du bist nicht in Gefahr, oder?“

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, Remus. Nicht mehr als sonst. Albus und Professor Snape haben mich nach Hogwarts gebracht. Sie wollen mit mir trainieren.“

Remus' bernsteinfarbene Augen weiteten sich. „Albus?“, hakte er nach.

Der Grünäugige zuckte mit den Schultern. „Er hat es mir angeboten. Zumindest so lange wir alleine sind. Ich nehme an, du darfst es wissen. Er will einen neuen Anfang, mich jetzt wirklich ernst nehmen. Mal sehen, ob er sich auch daran hält. Professor Snape ist auch auf meiner Seite, er hat geschimpft, als Albus darauf bestand, ich sei derjenige, der den Dunklen töten muss. Ich habe ihnen Einiges an den Kopf geworfen.“

„Severus auch?“, staunte Remus.

„Ja. Auch wir versuchen einen neuen Anfang, auch wenn am Ende kaum jemand davon wissen darf.“, erklärte Harry. „Dir vertraue ich, du wirst es niemandem verraten.“

„Das werde ich nicht, Welpe.“, schwor Remus. „Was ist los? Du wirkst angespannt.“

„Professor Snape ist bei Voldemort und ich spüre, wie die Verbindung immer aktiver wird. Aber ich will nicht zusehen!“ Harrys Augen wurden vor Angst weiter.

„Keine Angst, Welpe. Versuche, an die Stunden mit Severus zu denken. Was hat er dir letztes Jahr beigebracht?“, beruhigte Remus ein wenig.

„Alle Gefühle aus meinem Kopf zu verbannen. Aber ich hab' Angst!“

„Komm her.“ Remus setzte sich auf das Sofa, zog Harry zu sich. Er legte die Arme um den Jugendlichen. „Schließe die Augen und schiebe alles beiseite. Du kannst es. Glaube an dich. Entledige dich aller Gefühle. Nichts ist wichtig. Egal was du hörst oder fühlst, schiebe es beiseite. Du hast später Zeit, dich darum zu kümmern.“

Harry lehnte sich an Remus und versuchte, sich nur auf die Stimme zu konzentrieren. Er wurde deutlich ruhiger, und die Angst reduzierte sich. Tatsächlich schaffte er es eine ganze Weile, die Verbindung zu blockieren. Er merkte nicht einmal, wie Albus hereinkam und besorgt zusah. Mehr als zwei Stunden kämpfte er, bevor er den Kampf doch verlor. Er spürte regelrecht, wie er in den Kopf des dunklen Lords gezogen wurde.

In diesem Moment sah er, wie der Lord seinen Anhängern befahl, auf die Suche nach ihm zu gehen. „Meine Spione im Ministerium berichten, dass Potters Verwandte angeklagt wurden vor Muggelgerichten. Das bedeutet, dass Potter nicht mehr geschützt ist!“, zischte er wütend. „Findet ihn! Bringt ihn mir lebend und unversehrt, tötet die, die ihn schützen! Du nicht, Severus, du sollst dich nicht enttarnen, aber bring mir alle Informationen, die du bekommst.“

Der Lord entließ seine Todesser. Endlich konnte sich Harry aus der Vision lösen und spürte seine Umgebung wieder. Ihm war furchtbar schlecht, deshalb schob er die Hände von sich, beugte sich vor und übergab sich heftig. Eine Phiole wurde an seine Lippen gehalten und er trank. Egal wer ihm gerade etwas gab, er vertraute darauf, dass es helfen würde. Tatsächlich ließ der Würgreiz sofort nach und auch die Übelkeit verschwand nach einigen Minuten. Vorsichtig machte Harry die Augen wieder auf und erkannte die Medihexe von Hogwarts. „Ruhig atmen.“, kommandierte sie.

„Er weiß, dass ich nicht mehr bei meinen Verwandten bin und lässt die Todesser nach mir suchen!“, keuchte Harry.

„Ruhig, mein Junge.“, legte Albus ihm die Hand auf die Schulter. „Hier sind wir sicher, und auch Hogwarts ist gut geschützt. Leider wirst du dieses Jahr nicht in die Winkelgasse gehen können, um deine Schulbücher zu kaufen, das wird Molly mit übernehmen, wenn sie die Sachen für ihre Kinder einkauft. Ich werde mit ihr deshalb noch Kontakt aufnehmen. Solltest du noch etwas anderes brauchen, dann sag mir einfach Bescheid, entweder gebe ich es an Molly weiter oder ich besorge es selbst. Leider muss dann auch unser Kleiderkauf ausfallen, aber mir wird schon etwas einfallen, wie wir das Problem lösen.“

Erleichterung durchflutete Harry. Scheinbar meinte Albus es wirklich ernst, dass er ihn schützen wollte. Dennoch würde er abwarten und sehen, wie es sich entwickelte. Er atmete mehrmals tief durch und nickte schließlich. Poppy bestand darauf, dass er sich ausruhen sollte, daher gingen sie zurück nach Hogwarts. Remus versprach, ihn in den nächsten Tagen zu besuchen. Dankbar umarmte Harry ihn. „Du hast mir sehr geholfen!“, lächelte er.

„Das hast du selbst geschafft, Welpe.“, schmunzelte Remus.

„Deine Stimme hat mir die Ruhe gegeben, alles beiseite zu schieben.“, widersprach Harry. „Komm mich bald besuchen.“

„Mach ich. Und jetzt geh, damit du dich ausruhen kannst.“ Remus küsste ihn auf die Stirn und drückte ihn ein letztes Mal an sich. „Wir sehen uns bald!“ Er grinste, als der Jugendliche mit Albus ging. Offenbar hatte Harry nicht mehr auf dem Schirm, dass morgen sein Geburtstag war. Remus hatte den Schulleiter überredet, mit Ron und Hermine am Nachmittag kommen zu dürfen, um Harry zu überraschen.

Am Morgen wachte Harry nach einer unruhigen Nacht auf. Als sie zurück nach Hogwarts gekommen waren, hatte Professor Snape bereits auf Albus gewartet. Sie brachten Harry zu seinem Zimmer und beauftragten eine Hauselfe, ihm ein leichtes und bekömmliches Abendessen zu servieren. Danach konnte Harry noch ein wenig lesen, wenn er das wollte, aber er sollte möglichst bald schlafen, um sich zu erholen. Doch in der Nacht spukten erneut verschiedene Ereignisse aus der Vergangenheit durch seine Träume und ließen ihn nicht richtig zur Ruhe kommen. Am Morgen stand er auf, als es dämmerte. Schlafen konnte er nun sicherlich nicht mehr. Er sehnte sich nach frischer Luft, also zog er sich an und ging nach draußen. Dort würde er hoffentlich die Ruhe finden, die er brauchte. Erstaunt erkannte er, dass er nicht der Einzige war. Eine schmale, schwarze Gestalt lief auf der anderen Seite des Sees. Harry musste mehrmals hinsehen, um den Tränkemeister zu erkennen. Ohne seine Roben und den Umhang wirkte er so anders. Er trug Jogging-Kleidung und Turnschuhe. Natürlich alles in schwarz, aber dennoch ungewohnt. Staunend beobachtete Harry, wie er leicht und entspannt lief, beinahe schon rannte. Offenbar machte der Tränkemeister das häufiger.

Als er den Schüler entdeckte, lief Severus zu ihm hin. „Komm, dreh eine Runde mit mir.“, forderte er ihn auf und drosselte sein Tempo.

Zweifelnd sah Harry an sich hinunter, aber dann zuckte er die Schultern. Wenigstens Turnschuhe hatte er an, wenn schon keine Trainingskleidung. Aber wer wusste schon, vielleicht tat es ihm wirklich gut. Er versuchte, sich dem Professor anzugleichen mit den Schritten und der Atmung, aber das war gar nicht so einfach. Mit Mühe und Not schaffte er eine Runde um den See, dann japste er. Der Ältere zeigte ihm einige Übungen, die er machen konnte, um seine Beweglichkeit zu erhalten, oder besser noch, um sie zu steigern, dann erhöhte er sein Tempo und rannte eine weitere Runde um den See, während Harry sich mit den Übungen abmühte. Doch dem Jugendlichen tat es gut, wie er mit der Zeit feststellte. Seine wirbelnden Gedanken kamen immer weiter zur Ruhe. In einträglichem Schweigen liefen sie am Ende von Severus' Runde zum Tor des Schlosses, wo sie sich trennten. „Komm nach dem Frühstück zu mir, dann werden wir mit Okklumentik weitermachen.“, bestimmte der Tränkemeister, bevor er in die Kerker abbog. Harry nickte nur und lief nach oben, wo er duschen wollte.

„Happy Birthday!“, wünschten Poppy und Albus, als er in die große Halle kam. Mit großen Augen starrte er sie an. War heute wirklich ...? „Sag bloß, du hast vergessen, dass du heute Geburtstag hast?“, lachte die Medihexe.

„Heute ist der 31. Juli?“, fragte Harry. „Ich dachte, ich war viel länger im Ligusterweg. Ich habe irgendwie nie nachgesehen, welches Datum wir haben.“

„Ja, Harry, heute ist dein Geburtstag!“, gluckste Albus. „Ich wünsche dir alles Gute.“ Er reichte ihm ein kleines Päckchen.

„Danke.“, brachte Harry heraus und nahm das Geschenk an. Er drehte es ein paarmal in der Hand, was den Weißhaarigen erneut zum Glucksen brachte. „Du kannst es ruhig aufmachen, es beißt nicht!“

„Danke.“, wiederholte Harry, der es noch immer nicht fassen konnte. Vorsichtig riss er das Papier auf und hob den Deckel der Box ab. Sobald der Deckel nicht mehr darauf war, vergrößerte sich die Box selbständig und Harry ließ überrascht los, als sie beinahe fünfmal so groß wurde. Sie fiel ihm auf den Fuß, was Harry zischend einatmen ließ.

Jetzt lachte Albus sogar. „Entschuldige, Harry, aber das sah wirklich zu lustig aus!“ Er versuchte, ernst zu werden, scheiterte allerdings, denn noch immer zierte ein breites Grinsen sein Gesicht. „Wenigstens kann der Inhalt nicht kaputt gehen!“

Harry bückte sich und untersuchte den Inhalt genauer. T-Shirts, Hosen, Hemden, Pullover, sogar Unterwäsche und Socken fand Harry darin. Eine komplette Garderobe. Er sah mit großen Augen zu Albus. „Das … ich … das ist so viel, das kann ich doch nicht annehmen!“, stotterte er.

„Doch Harry, das kannst du.“, widersprach Albus ernst. Er wirkte niedergeschlagen und traurig, das typische Funkeln in seinen Augen fehlte gerade. „Du erinnerst dich, dass die Dursleys einen monatlichen Betrag für deinen Unterhalt bekamen?“ Harry nickte, vage erinnerte er sich, dass ihm das gesagt wurde. „Da sie dir offenbar nie einen Knut davon zukommen ließen, haben wir einen Großteil zurück gefordert. Von einem kleinen Teil dieses Geldes habe ich dir diese Garderobe besorgen lassen. Ich hatte Hilfe von Miss Granger und Mister Weasley, die genauer wussten, was du gerne trägst. Ich habe die Beiden zum Einkaufen geschickt. Ich hoffe, es passt dir, Miss Granger war sicher, die richtige Größe zu finden, aber wenn nicht, kann man mit einem kleinen Zauber ein wenig nachhelfen.“

Spontan stand Harry auf und umarmte seinen Vormund. „Danke!“, strahlte er nun.

Albus klopfte ein paar Mal mit der Hand auf Harrys Kopf und strahlte vor Freude über diese Umarmung. Es zeigte ihm deutlich, dass Harry auf dem Weg war, ihm zu vergeben, und dass er ihm zumindest ein wenig vertraute. Das war Albus viel wert. „Na dann komm, lass uns frühstücken. Wenn ich mich nicht irre, wartet danach eine Okklumentik-Stunde auf dich.“

Immer noch strahlend setzte sich Harry an den Tisch, auf dem ein Kuchen mit Kerzen stand. Für einige Zeit vergaß Harry seine Sorgen und genoss diese Feier. Im letzten Jahr hatte er zwar mit Sirius feiern können, aber da war die Verhandlung gegen ihn in seinem Kopf gewesen. Heute hingegen fühlte er sich frei von allen Sorgen. Auch wenn er wusste, dass Voldemort irgendwo da draußen auf ihn lauerte, aber das kümmerte ihn an diesem Morgen nicht.

„Was ist nun eigentlich mit den Dursleys?“, wollte er wissen. Immerhin hatte Albus das Thema zur Sprache gebracht. „Muss ich gegen sie aussagen?“ Er schauderte bei dem Gedanken. Lieber würde er sie einfach nur vergessen.

„Nein, natürlich nicht, Harry!“ Der Schulleiter wirkte entsetzt bei dem Gedanken. Dann realisierte er, dass Harry das annehmen musste, da es in der Muggelwelt so war. „Nein, in unserer Welt ist das anders. Sie wurden unter Veritaserum befragt, dabei kamen eine Menge Straftaten heraus. Sie werden nie wieder einen Fuß in die Freiheit setzen, auch wenn sie ihre Strafe in einem Muggelgefängnis verbringen werden. Dein Cousin wurde in ein sehr strenges Internat gebracht, vielleicht kann er sein Verhalten noch ändern. Aber es sieht nicht danach aus, was ich bisher gehört habe. Nun gut, er ist erst seit zwei Tagen da, aber er hat sich schon eine Menge geleistet dort.“

„Er wurde immer in seinem Verhalten unterstützt.“, gab der Jugendliche zu bedenken. „Eigentlich kann er nichts dafür, dass er so wurde.“

„Oh, Harry.“, seufzte sein neuer Vormund. „Du bist wirklich ein guter Mensch. Aber immerhin haben wir deinem Cousin die Möglichkeit gegeben, sich zu bessern. Deine Tante und dein Onkel bekommen diese Chance nicht. Egal was du sagen willst, das haben sie sich selbst zuzuschreiben. Sie haben kein Mitleid verdient, das hatten sie mit dir auch nicht. Petunia hat zugegeben, dass sie nur deshalb um Hilfe für dich bat, weil sie weiterhin das Geld haben wollten, um ihren Lebensstandard zu halten. Und jetzt iss, du solltest den Tag heute zumindest ein wenig genießen. Außerdem wartet Professor Snape auf dich.“

Gehorsam aß Harry nun weiter. Nach dem Frühstück eilte er nach unten in die Kerker. Albus versprach, dass seine neue Kleidung von den Hauselfen in seinen Schrank sortiert werden würde. Einen Moment überlegte Harry sogar, es selbst nach oben zu bringen und sich umzuziehen, aber dann dachte er daran, dass er Professor Snape versprochen hatte, ordentlich zu lernen. Dann sollte er vielleicht besser gleich nach unten gehen. Diesmal hatte er keine Angst, wenn auch ein etwas komisches Gefühl blieb. Sie hatten eine neue Basis gefunden. Der Professor erwartete ihn bereits.

„Komm' herein, Harry.“, grüßte er recht neutral. „Ich habe von Albus gehört, dass du gestern eine ganze Weile erfolgreich die Verbindung blockiert hast?“

„Ja Sir!“, nickte Harry stolz. „Aber Remus hat mir geholfen. Seine Stimme hat mich angeleitet.“

„Lupin kann keine Okklumentik.“, schüttelte Severus den Kopf.

„Das vielleicht nicht. Aber als ich ihm sagte, dass ich meinen Kopf leeren sollte, hat er mit mir gesprochen, mich beruhigt, und dadurch habe ich es tatsächlich geschafft. Ich habe mich auf seine Stimme konzentriert, sodass alles andere weit weg gerückt ist.“

„Hmm.“, brummte Snape. „Nun, das hätte ich nicht erwartet.“ Er runzelte die Stirn in höchster Konzentration. „Ich schätze, ich muss einen anderen Weg mit dir gehen. Damit sollten wir erfolgreich sein.“ Er hielt erneut inne, dann nickte er. „Ja, so müsste es klappen. Setz' dich, Harry. Entspann dich. Und dann schließe die Augen. Jetzt stelle dir eine Mauer vor. Hoch und fest. Sie umschließt deine Gedanken. Mach sie fest und rund, sodass alles geschützt wird vor ihr. Sie darf keine Löcher aufweisen. Nicht der geringste Spalt darf in ihr sein. Siehst du die Mauer?“ Harry nickte mit geschlossenen Augen. Das hier fiel ihm viel leichter. „Gut. Ich werde nun in deinen Kopf eindringen und sehen, wie dicht die Mauer ist. Legilimens.“

In Harrys Geist sah Severus eine Mauer aus roten Backsteinen vor sich. Fein säuberlich verputzt mit grauem Zement. Eine gewisse Anerkennung zuckte kurz durch Severus' Gedanken, doch dann konzentrierte er sich erneut auf seine Aufgabe. Er suchte die Mauer nach Rissen und kleinen Spalten ab. Punkten, an denen er ansetzen konnte. Vorne war sie fest, aber an der Seite bröckelte sie ein wenig. Harry konnte sich noch nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Gut, das war zu erwarten. Dennoch, er würde den Jungen nicht schonen, das half ihm nicht. Unerbittlich drückte er gegen eine weniger feste Stelle der Mauer. Es brauchte nicht viel Energie, um die kleine Stelle zu vergrößern. Er spürte, wie Harry versuchte, die Mauer wieder dicht zu machen, doch dafür wurde sie an einer anderen Stelle löchrig. Seine Konzentration ließ nach, und mit einem Mal war Severus durch. Er sah, wie Harry ein Geschenk von Albus zum Geburtstag bekam, spürte die Überraschung und die überbordenden Gefühle des Jugendlichen, der tatsächlich erst zum zweiten Mal wirklich seinen Geburtstag feierte. Severus brach ab und zog sich zurück. Sie machten einige Minuten Pause, dann begannen sie erneut. Immer wieder brach Severus durch Harrys Mauer.

Keuchend sackte Harry nach dem vierten oder fünften Mal in sich zusammen, er schnaufte, als wäre er eine Meile gerannt. Der Tränkemeister gab ihm einige Minuten, dann versuchten sie es erneut. „Harry, du hast es für den Anfang gut gemacht. Versuche, deine Konzentration nicht auf einen bestimmten Punkt zu richten, sondern die ganze Mauer im Blick zu haben. Auch wenn du spürst, dass ich gegen die Mauer drücke. Sobald du dich auf einen Punkt konzentrierst, werden anderswo Löcher entstehen, die du nie rechtzeitig wieder sichern kannst. Also, Konzentration. Bau die Mauer auf. Legilimens!“

Erneut drang Severus in den Geist des Gryffindor ein. Diesmal musste er deutlich länger suchen, bis er einen kleinen Riss fand. Wieder drückte er probehalber dagegen, aber diesmal machte Harry nicht den gleichen Fehler. Er konnte das Loch zwar nicht stopfen, aber er blieb konzentriert, auch wenn es ihn sehr viel Energie kostete. Lange hielt die Mauer daher nicht, bis sie immer löchriger wurde. Diesmal sah Severus die Erinnerung an Remus, wie er ihn gestern durch die Vision begleitet hatte. Der Lehrer zog sich zurück. Harry war vollkommen erschöpft, er zitterte. Mit einem wortlosen Zauber rief Severus einen leichten Stärkungstrank auf und reichte ihn dem Jugendlichen. Dankbar schluckte Harry.

„Ich denke, das reicht für heute.“, entschied Severus nach einem Blick auf die Uhr. Sie hatten beinahe drei Stunden gearbeitet. „Übe das, wenn du Zeit hast, bis es automatisch geht. Beim Essen, beim Duschen, vor dem Schlafen. So oft wie möglich. Es muss sich automatisieren.“

„Okay.“, keuchte Harry. „Danke, Professor. Ich habe das Gefühl, dass es diesmal klappt.“

Severus deutete ein kurzes Lächeln an. „Auf diesem Weg sollte es funktionieren, denn diesmal weiß ich, wie du reagierst. Der übliche Weg, den ich letztes Jahr mit dir gehen wollte, ist für dich der falsche. Ruh dich jetzt ein wenig aus, ich denke, Albus wird später mit dir noch eine Trainingseinheit absolvieren. Vorher solltest du allerdings etwas essen. Ich gehe davon aus, dass Dobby dir gerne etwas in deine Wohnung bringen wird.“ Harry stand auf und wandte sich zur Tür. „Wir sehen uns morgen früh, dann laufen wir gemeinsam. Ab morgen wird auch geschwommen.“

„Ja, Sir.“, antwortete Harry, dann ging er zurück nach oben. Die Aussicht, schwimmen zu müssen, behagte ihm überhaupt nicht. Auch wenn er die Wahrheit gesagt hatte, er vertraute Professor Snape. Weit mehr als Albus und beinahe genauso sehr wie Remus, was ihn tatsächlich überraschte. Und der Slytherin hatte sicherlich Recht, es würde ihm nicht schaden, schwimmen zu lernen. Die Kälte hatte ihm auch im Turnier nichts, oder wenigstens nicht viel, ausgemacht. Allerdings hatte sein bester Freund ihm damals das Leben gerettet. Harry hätte es nicht mehr geschafft, ans Ufer zu schwimmen. Ron war derjenige gewesen, der ihn sozusagen abgeschleppt hatte. Das musste dem Professor aufgefallen sein. Ungläubig schüttelte Harry den Kopf. Obwohl er bereits seit Jahren ahnte, dass Snape ihn beschützte, so war es doch etwas anderes, es auch von ihm selbst zu hören. Ihr Verhältnis hatte sich in den letzten Tagen sehr verändert. Wenn er ehrlich war, freute er sich sogar auf die Trainingseinheiten mit dem Tränkemeister.

„Dobby?“, rief er nach dem Hauselfen, sobald er seine momentane Wohnung betreten hatte.

„Was kann Dobby für Harry Potter Sir tun?“, wollte der kleine Kerl wissen, als er mit einem Ploppen aufgetaucht war.

„Bringst du mir bitte etwas zum Essen? Ein bisschen Obst und einige Kekse. Zum Mittagessen gehe ich dann in die große Halle.“, entschied Harry. „Ach, und die Zeitung von heute.“

„Natürlich, Master Harry Potter Sir!“, piepste Dobby und verschwand sofort. Einen Moment später tauchte er wieder auf, brachte einen Obstsalat und eine Schale mit Keksen. Den Tagespropheten legte er auf den Tisch.

„Danke, Dobby!“, lächelte Harry und griff zu.

„Dobby hilft Master Harry Potter Sir immer gerne!“, strahlte der Hauself. Er verschwand erneut. Harry nahm sich die Zeitung vor, überflog sie kurz. Viel Neues gab es nicht, doch ein Artikel auf der ersten Seite berichtete von mehreren Todessern, die von Auroren festgenommen wurden. Es waren keine ihm bekannten Namen, aber immerhin vier Anhänger Voldemorts weniger. Nur leider würde das nicht viel helfen, da der Dunkle immer mehr Menschen rekrutierte, wie Professor Snape regelmäßig berichtete.

Nur wenig später klopfte es an Harrys Tür und Albus steckte seinen Kopf herein, nachdem Harry ihm den Eintritt erlaubt hatte. „Darf ich reinkommen, Harry?“, wollte er wissen.

„Natürlich.“, nickte Harry. „Ich wollte mich noch bedanken, dass ich hier sein darf.“

„Das hätte ich schon viel früher machen sollen, mein Junge.“, winkte Albus deutlich betrübt ab. „Ich habe eine Menge Fehler gemacht. Aber ich habe mir vorgenommen, das von jetzt an besser zu machen. Deshalb will ich dir nun auch alle Informationen geben, die ich habe. Auch wenn manches davon noch auf Vermutungen basiert. Du hast mitbekommen, dass Severus einen Brief von Mister Malfoy bekommen hat?“ Harry nickte. „Darin stand unter anderem von den Horkruxen, die wir vernichteten. Außerdem wissen wir von dem Tagebuch, das du vernichtet hast, und von einem Becher, den Bellatrix Lestrange hatte, der aber wohl nun von Riddle selbst versteckt wurde. Es gibt zusätzlich die Vermutung, Nagini, Voldemorts Schlange, sei ein Horkrux. Es würde die unglaubliche Kontrolle erklären, die er über sie hat. Ausgehend von diesen Tatsachen und der Geschichte Tom Riddles habe ich versucht, eine Idee zu bekommen, welche Gegenstände er benutzt haben könnte.“

„Wie viele suchen wir?“, fragte Harry mit schreckgeweiteten Augen.

„Die Theorie spricht für sieben Horkruxe.“, antwortete Albus ernst. Harry atmete zischend ein. „Also, wir haben drei vernichtet, das Tagebuch, den Ring und das Medaillon aus dem Erbe Slytherins. Dann wissen wir mit Sicherheit von dem Becher aus dem Erbe von Hufflepuff. Wir vermuten die Schlange, ein Symbol für Slytherin. Das sind fünf. Fehlen also zwei, wenn die Theorie der sieben Horkruxe stimmt. Wobei wir davon ausgehen können, dass einer möglicherweise für die Rückkehr Voldemorts genutzt wurde. Allerdings weiß ich nicht, welcher das dann war. Vielleicht der Becher? Oder aber einer der beiden unbekannten? Wenn das Muster, das ich vermute, wirklich ein Muster ist, dann nutzt er Erbstücke der Gründer. Das Problem ist nur, es gibt von Rowena Ravenclaw kein Erbstück, das noch vorhanden ist. Das Einzige, was sie nachweislich hinterlassen hat, ist ihr Diadem, aber das ist bereits seit knapp 1000 Jahren verschollen. Von Gryffindor existiert das Schwert, das ist in meinem Büro und definitiv kein Horkrux. Also wissen wir nicht, wonach wir suchen müssen. Aber Voldemort kann nicht endgültig vernichtet werden, so lange noch ein Horkrux dort draußen ist.“

Albus schwieg, und Harry grübelte. „Aber … wie finden wir heraus, was die anderen Horkruxe sind? Und wo sie versteckt sind? Ich meine, das bedeutet, wir können ihn gar nicht vernichten!“

„Harry, beruhige dich!“, verlangte Albus. „Es wird Zeit und Mühe kosten, aber du bist nicht alleine. Remus hat zugesagt, wieder zu den Werwölfen zu gehen, vielleicht kann er Informationen bekommen, oder auch Werwölfe finden, die die Seiten wechseln wollen.“

„Ich will nicht, dass er verletzt wird.“, hauchte Harry. „Er … er ist der Einzige, den ich noch habe.“

„Wir werden auf ihn achten.“, versprach Albus. „Er bekommt Notfallportschlüssel und ich werde ihm eine Kette geben, die Schutzzauber beinhaltet. Außerdem sind Ordensmitglieder immer in seiner Nähe. Severus wird weiterhin als Spion agieren, er wird sich zwar nicht auf diese Dinge konzentrieren, aber vielleicht kann auch er uns Informationen bringen. Ich werde alle Quellen anzapfen, die ich kenne. Aber am wichtigsten: Wir werden gemeinsam gegen ihn vorgehen.“ Einige Minuten schwiegen beide. „Und jetzt komm, Harry, lass uns deinen Geburtstag feiern! Remus wird sich auch von dir verabschieden wollen, er muss morgen los.“

Mit leuchtenden Augen folgte Harry seinem Vormund in die große Halle, wo das Mittagessen wartete. Und nicht nur das, auch Remus, Hermine und Ron sprangen auf, als Harry die Halle betrat. „Alles Gute, Harry!“, gratulierten sie ihm, während sie ihn umarmten.

„Danke, dass ihr da seid!“, freute sich der Grünäugige. „Das ist mein erster richtiger Geburtstag!“ Für den Moment vergaß er sogar seine Trauer um Sirius, der sicher gerne hier bei ihm gewesen wäre.

„Dann lass uns richtig feiern, Kumpel!“, grinste Ron und setzte sich an den Tisch, wo lauter Köstlichkeiten auf sie warteten.

„Ron!“, stöhnte Hermine auf. „Du denkst auch immer nur ans Essen!“

„Welch scharfsinnige Beobachtung, Miss Granger.“, kommentierte Snape trocken, der in dem Moment die große Halle betrat. Er wandte sich an Harry und hielt ihm ein Päckchen hin. „Alles Gute zum Geburtstag. Hier, eine Kleinigkeit für sie. Ihren Trainingsplan habe ich ebenfalls fertig, Mister Potter, er liegt in ihrer Wohnung.“

„Danke, Sir!“, lächelte Harry und nahm die kleine Schachtel, die der Tränkemeister ihm reichte. Als der Ältere umdrehte und die Halle verlassen wollte, hielt er ihn zurück: „Wollen sie nicht mit uns essen?“

„Ich habe einen Trank auf dem Feuer, ich muss zurück.“, schüttelte Severus Snape seinen Kopf. „Dank ihres Trainings habe ich deutlich weniger Zeit für das Brauen der Vorräte. Genießen sie Tag, ab morgen wird es anstrengend.“ Mit diesen Worten verließ er mit gebauschtem Umhang die große Halle.

„Boah, Harry, hascht du Schnape verhekscht?“, fragte Ron staunend mit vollem Mund.

„Ron!“, schimpfte Hermine. „Du sollst nicht mit vollem Mund reden, das ist eklig!“

„Ich habe ihn nicht verhext, wir haben uns ausgesprochen.“, warf Harry ein, der einen Streit vermeiden wollte. „Aber das sollte unter uns bleiben, er ist immerhin Spion und darf keinen Verdacht erregen.“

„Wir werden nichts verraten.“, versprach Hermine sofort. Remus und Ron nickten.

„Dann setzt euch, greift zu und feiert!“, empfahl Albus. „Die Hauselfen haben sich selbst übertroffen! Sie haben sich sehr darüber gefreut, für Harry alles herzurichten.“

„Sklavenarbeit!“, murmelte Hermine missbilligend.

„Jetzt nicht, Mine!“, bremste Ron. „Ich denke nicht, dass sie hier in Hogwarts schlecht leben oder misshandelt werden. Also setz' dich und iss!“

Murrend setzte sich Hermine, aber sie sagte nichts mehr. Auch ihr schien das Essen zu schmecken, sie schlemmte, aber nicht so durcheinander wie Ron und mit wesentlich besseren Tischmanieren. Harry hingegen nahm sich nur wenig, wollte von allem ein bisschen probieren. Sehr viel konnte er nicht auf einmal essen, so weit war er noch nicht. Das würde wahrscheinlich noch einige Wochen dauern. Bis dahin bekam er entsprechende Tränke, die ihm einerseits das Essen erleichtern sollten, andererseits sein Gewicht langsam aufbauten. Jedoch genoss auch er das Essen. Remus beobachtete ihn aufmerksam, und man sah, dass er mit seiner Wut kämpfte, seine Augen wurden immer gelblicher.

Nach der Nachspeise gab es dann die Geschenke von Remus, Ron und Hermine. Strahlend packte Harry einen neuen Terminplaner und ein Buch über Verteidigung von Hermine aus, danach ein Set Quidditch-Bälle von Ron und seinen Brüdern und einen Zauberstabhalter für den Unterarm von Remus. Dankbar umarmte er seine besten Freunde und seinen Ersatzpaten, dann wandte er sich dem Geschenk des Tränkemeisters zu. Staunend zog er ein kleines Fläschchen mit einer silbrigen halb-flüssigen Masse darin heraus. Sofort erkannte Harry, dass es sich um Erinnerungen handelte. Eine kurze Notiz lag dabei:

Diesmal mit meiner Erlaubnis. Ein Denkarium wartet in Deiner Wohnung. S. Snape

Harry brauchte eine ganze Weile, um die Überraschung zu verdauen. Damit hätte er niemals gerechnet, und nun war er mehr als neugierig, was er da zu sehen bekommen würde. Vorher allerdings ging er mit Remus und seinen Freunden noch eine Weile auf dem Gelände des Schlosses spazieren und zeigte ihnen seine Wohnung. Am Ende bat er Remus, wirklich vorsichtig zu sein, damit ihm bei den Werwölfen nichts passierte.

 

In der Zwischenzeit hatte Severus in seinem Labor mehrere Kessel auf dem Feuer. Hochkonzentriert widmete er sich verschiedenen Tränken. Einen davon hatte der Lord beim letzten Treffen verlangt, den musste er wohl bald liefern. Die anderen beiden waren für den Krankenflügel, sie hatten ziemlich viel davon für Harry gebraucht, besser gesagt, der Junge brauchte das noch immer. Und die Arbeit lenkte ihn ab, sodass er nicht ständig an Lucius denken konnte. Die Erinnerungen an seinen Gefährten taten weh, vor allem, weil er auch seine Kinder nicht bei sich haben konnte. Deshalb vergrub er sich immer mehr in Arbeit. Schlafen konnte er ohnehin nicht, also konnte er auch arbeiten, war seine Devise. Bis kurz vor drei Uhr morgens stand er im Labor, dann waren die Tränke allesamt abgefüllt und er selbst hatte keine Aufgabe mehr, also legte er sich ins Bett, wissend, dass er in etwas mehr als drei Stunden mit Harry laufen wollte. Poppy hatte ihn vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass er aufpassen sollte, damit Harry nicht übertrieb.

Erneut waren seine Träume gefüllt mit Erinnerungen. Diesmal ging es in die Zeit zurück, kurz nachdem er sich an Lucius hatte binden lassen. Sein Gefährte war im Sommer überraschend zu ihm gekommen und wollte wenigstens einen oder zwei Tage mit ihm verbringen. Mit leuchtenden Augen hatte Severus ihn begrüßt, sich über die Abwechslung in seinem tristen Alltag gefreut. Am Abend vorher hatte Tobias mal wieder seine Laune an ihm ausgelassen und Severus zuckte schmerzerfüllt zusammen, als Lucius ihn umarmte.

„Was ist passiert?“, fragte Lucius alarmiert.

„Nichts weiter.“, schüttelte Severus verängstigt den Kopf. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass alles schlimmer wurde, wenn jemand versuchte, ihm zu helfen.

Doch Lucius ließ sich nicht abwimmeln, zog den langen Ärmel nach hinten und atmete zischend ein, als er die dunklen Flecken erkannte. Dort, wo Tobias ihn gepackt hatte. Severus wollte sich dem entziehen, doch Lucius ließ es nicht zu. Er apparierte sie ins Manor, direkt in seine Räume, und trug vorsichtig Heilsalbe auf. Kein Wort fiel, doch Severus zitterte ein wenig.

„Wo bist du noch verletzt?“, wollte der Blonde schließlich wissen. Seine Stimme war unendlich sanft, und doch schüttelte Severus den Kopf. „Sev, bitte, lass mich dir helfen.“, bat Lucius.

„Wie denn?“, wisperte Severus. „Wenn er sieht, dass ich Zauber genutzt habe, wird er ausrasten.“

„Wir müssen dich da rausholen.“, knurrte Lucius wütend.

„Es geht nicht.“ Verzweiflung ließ Severus' Stimme rau werden. „Du kannst nichts tun, sonst verraten wir uns. Ich will dich nicht verlieren. Bitte, ich schaffe das schon.“

„Ich soll zulassen, dass dieser miese Muggel dich, meinen Gefährten, misshandelt?“, fuhr der Veela auf. Die Luft um ihn herum war elektrisiert, Severus konnte die Macht des magischen Wesens zum ersten Mal wirklich fühlen. Instinktiv schlang er die Arme um ihn, damit sich Lucius beruhigen konnte.

„Wenn du jetzt etwas unternimmst, verraten wir uns.“, murmelte Severus. „Das ist unser Todesurteil. Halt mich einfach fest. Ich schaffe das schon. Meistens gehe ich ihm aus dem Weg.“

Lucius schlang die Arme um seinen Gefährten, der sein Gesicht an seinen Hals schmiegte. Eng umschlungen saßen sie auf Lucius' Bett, genossen die Nähe zueinander, aus der Severus neue Kraft schöpfte.

„Ich werde bei dir schlafen, so oft es geht.“, beschloss Lucius schließlich. „Ich komme einfach mit dem Besen. Wenn es dunkel ist, sieht man mich nicht, vor allem, wenn ich einen Desillusionierungszauber nutze.“

Tatsächlich hatte der Blonde das in den Ferien von da an sehr häufig gemacht, und Severus dadurch viele ruhige Nächte geschenkt. Als Severus aus diesem Traum erwachte, spürte er, wie sich eine Träne ihren Weg aus dem linken Auge bahnte. „Lucius!“, wisperte er verzweifelt in die Nacht. Ihm war klar, dass dieser Traum vor allem durch das ausgelöst worden war, was er über Harry erfahren hatte. Dessen Kindheit war wohl ähnlich seiner eigenen gewesen, aber bei ihm konnten sie nun etwas ändern, das war Lucius damals bei ihm selbst nicht gelungen. Sie hatten viele Ideen durchgesprochen in diesen Nächsten, aber letztendlich wäre nur die Möglichkeit geblieben, dass er selbst seinen Vater bei den Behörden anzeigte, aber dann wäre er in ein Waisenhaus gekommen und hätte dort vollkommen neu anfangen müssen. Ohne Lucius' Hilfe. Nein, lieber war er da geblieben und hatte sich so unsichtbar wie möglich gemacht, bis er endlich volljährig wurde. Unterstützt durch Lucius, der ihn selten alleine ließ. Severus stand auf, nun würde er nicht mehr schlafen können. Jetzt bräuchte er die starken Arme um sich, so wie früher in diesen Nächten in seinem Zuhause. Er wusste, wie sehr Lucius damals darunter gelitten hatte, ihm nicht mehr helfen zu können. Gerade deshalb half er nun Potter. Severus zog sich um und war viel zu früh fertig. Ob Potter rechtzeitig aus dem Bett kam?

Tatsächlich trafen sich die beiden Schwarzhaarigen pünktlich um 6:30 Uhr in der Eingangshalle. Ohne viele Worte liefen sie nebeneinander auf dem Weg um den See. Harry war in Gedanken bei dem, was er am gestrigen Abend im Denkarium gesehen hatte, als seine Gäste gegangen waren.

Lily, wie Severus Snape sie erlebt hatte. Anfangs als Kinder, im Alter von etwa acht Jahren, wie sie sich auf dem Spielplatz kennen lernten. Viele Stunden hatten sie dort gemeinsam verbracht. Harry konnte zusehen, wie sie langsam älter wurden, bis sie schließlich nach Hogwarts kamen. Auch dort waren sie lange gut befreundet gewesen.

Am Ende der Runde, als sie Dehn- und Kräftigungsübungen machten, sah Harry seinen Lehrer an. „Vielen Dank, Sir, für die Erinnerungen. Das war ein wunderschönes Geschenk, wohl das Beste, was ich jemals bekommen habe. Danke!“

„Hm.“, brummte Severus. Mehr sagte er nicht dazu. Er wusste, dass er gerade nicht besonders umgänglich war, aber er konnte es nicht ändern. Man sah ihm nichts an, das hatte er seit Jahren trainiert, aber seine Laune konnte leicht mit den schlimmsten Zeiten mithalten. Er wusste nicht, wie das jemals wieder besser werden konnte, aber er würde nicht aufgeben, bis ihr Ziel erreicht war. „Duschen und dann Frühstück, danach hast du Theorie mit Albus.“, kommandierte er am Ende. Nach diesen Worten zog er sich in seine Räume zurück, hielt es einfach nicht mehr aus. Zitternd sackte er zusammen, als die Tür geschlossen war. „Hilf mir, Luc!“, wisperte er unhörbar.

Harry lernte in den Augustwochen nicht nur schwimmen und Schwertkampf, dazu Okklumentik, fortgeschrittene Zauber und Duellieren, sondern auch viel Theorie. Er wusste bald, wie er schwarze Magie aufspüren konnte, nur half ihnen das leider nicht, weil sie keine Ahnung hatten, wo sie suchen mussten. Von seinem Tränkelehrer sah er nur zum Unterricht etwas, ansonsten verbarrikadierte sich der Slytherin in den Kerkern. Nur wenige Tage nach Harrys Geburtstag waren sie in der Kammer des Schreckens gewesen und hatten sich Basiliskengift und alles Brauchbare von der riesigen Schlange geholt. Ansonsten lernte Harry streng nach Trainingsplan, der ihm nur wenig Zeit für seine Freunde ließ. Wobei er so auch keine Zeit zum Grübeln hatte, was ihm ganz Recht war. Es dauerte nicht lange, da konnte Harry die Okklumentik beinahe perfekt und sie wollten dazu übergehen, wie er jemandem, der in seinen Kopf eindrang, das sehen lassen konnte, was er selbst wollte, sodass keiner Verdacht schöpfen würde. Das würde ihm sicher helfen gegen Voldemorts Angriffe.

Mehrmals wurde der Tränkemeister von Voldemort gerufen in dieser Zeit. Immer dann kämpfte Harry. Albus blieb an seiner Seite, konnte aber kaum helfen, ihn nur anleiten und da sein. Nicht immer schaffte es Harry auch, sich dauerhaft zu verschließen. Auch heute, am 20. August, nicht. Bereits während dem Frühstück – inzwischen saßen auch Hagrid und Hausmeister Filch mit am Tisch – hatte sich Severus hastig verabschiedet. Harry entschuldigte sich daraufhin bald und ging in seine Räume. Albus folgte ihm wenig später.

Konzentriert und mit Schweißperlen auf der Stirn saß Harry in seinem Sessel, die Augen geschlossen. Er spürte den Zug, der von Voldemort kam, doch er wollte nicht nachgeben. Es wurde immer schwerer, dem zu widerstehen. Nach mehr als drei Stunden bröckelten Harrys Barrieren dann doch. So ausdauernd war er noch nicht. Professor Snape hatte ihm gesagt, dass es mit der Zeit käme.

„Ruhig, Harry.“, mahnte Albus, als er merkte, dass der Jugendliche sich versteifte. „Du kannst es, aber je mehr du dich hinein steigerst, umso schwerer wird es. Durchatmen, mein Junge.“

Harry versuchte es, aber es wurde zunehmend schwerer. Mit einem Mal spürte er, wie die Mauern in sich zusammenbrachen. Jetzt konnte er nur noch Schadensbegrenzung betreiben und konzentrierte sich auf Erinnerungen, die der Lord sehen durfte. Nichtigkeiten. Situationen aus dem Unterricht, die nichts verrieten, Spaziergänge alleine am See, Hausaufgaben, Quidditch-Spiele. Jedoch konnte er dadurch nicht verhindern, dass er aus den Augen Voldemorts sah, wie er seine Anhänger bestrafte, weil sie ihn, Harry, nicht fanden. Nur mit Mühe konnte Harry einen Aufschrei verhindern, als er sich Snape zuwendete. „Severus, was weiß Dumbledore? Ich weiß, dass er der Vormund des Jungen ist!“, forderte Voldemort.

„Mein Lord, ich konnte herausfinden, dass Dumbledore den Bengel dort herausgeholt hat, aber wo er ihn versteckt hält, das konnte ich nicht herausfinden. Allerdings vermute ich, dass er ihn zu Lupin ins Ordenshauptquartier gebracht hat.“, antwortete der Tränkemeister, der gerade vor seinem vermeintlichen Meister kniete.

„Das ist nicht die Auskunft, die ich wollte!“, tobte der Lord und ließ Snape einen Cruciatus spüren. Lang hielt er ihn nicht aufrecht, nur wenige Sekunden. „Das soll dir eine Lehre sein!“ Er entließ den Tränkemeister, genau wie alle anderen. Noch war die Verbindung offen und Harry erlebte mit, wie Riddle sich nun gemeinsam mit seiner Schlange zurückzog. Dann wandte sich der dunkle Lord einem Bild an der Wand zu, hinter dem ein Safe verborgen war. Adrenalin peitschte durch Harrys Adern, als er realisierte, dass Voldemort keine Ahnung hatte von seiner Anwesenheit. Harry versuchte, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Dafür beobachtete er hochkonzentriert, wie Voldemort den Safe mit Parsel öffnete.

Beinahe zärtlich strich der dunkle Lord über etwas, das tief im Inneren des Safes steckte. Erst nach einer Weile nahm er es heraus, und Harry keuchte auf. Aus den Augen Voldemorts erblickte er den Becher von Helga Hufflepuff, einen der Horkruxe, nach denen sie suchten. Ohne dass er ihn jemals zuvor gesehen hatte, erkannte er ihn, wahrscheinlich weil er sich in Voldemorts Geist befand und dieser wusste, was es war. „Niemand wird dir schaden, du bist in Sicherheit!“, murmelte er leise.

Mit Mühe zog sich Harry zurück und spürte endlich wieder seinen Körper. Und jetzt auch die Übelkeit, die ihn nach solchen Visionen immer beherrschte. Er würgte und verlor. Albus reagierte schnell genug, hielt ihm einen Eimer hin, in den sich Harry erbrach. Als nichts mehr kam, wurde ihm ein Glas an die Lippen gedrückt und er schluckte, ohne die Augen zu öffnen.

„Langsam, Harry.“, mahnte eine Stimme und Harry riss die Augen auf.

„Professor Snape!“, keuchte er. „Sie … wie geht es ihnen? Ich konnte nicht ...“

„Ruhig, Harry.“, unterbrach Snape ihn. „Ab wann hast du zugesehen?“

„Als er sie bestraft hat, konnte ich es nicht mehr verhindern.“, antwortete Harry heiser. Seine Augen glänzten fiebrig. „Aber vielleicht war es auch gut, denn ich habe noch etwas gesehen, als er sie alle entlassen hatte. Er ging alleine an seinen Safe, der hinter einem Wandbild versteckt ist. Darin hat er den Becher!“

„Den Horkrux? Er hat den Horkrux bei sich in Riddle Manor?“, staunte Snape, als er seine Sprache wiedergefunden hatte. „Wo genau?“

„Ja, er hat ihn dort.“, nickte der Jugendliche. „Der Safe ist in seinem Arbeitszimmer, hinter einem Bild, auf dem ein Basilisk und mehrere Schlangen abgebildet sind. Die Schlangen bewachen den Safe, er hat mit ihnen gesprochen, damit das Bild den Safe freigibt.“

„Das bedeutet, man muss Parsel sprechen, um den Safe zu öffnen?“, versicherte sich Albus.

Harry nickte. „Ja. Mit Parsel ist es kein Problem, denke ich.“, bestätigte er.

„Gut zu wissen.“, überlegte der Weißhaarige. „Mal sehen, wie wir das für uns nutzen können. Ich würde jedenfalls nicht zu lange warten, damit er den Becher nicht in der Zwischenzeit irgendwo anders versteckt. Doch erst einmal ruhst du dich aus, Harry.“

„Aber … wird Voldemort dann nicht auf Professor Snape kommen? Fliegen sie dann auf, Professor?“, befürchtete Harry.

„Wir werden einen Weg finden, dass genau das nicht passiert.“, versprach der Schulleiter. „Aber wir müssen jede Chance nutzen, die sich uns bietet.“

„Wir werden einen Plan erstellen und dann den Horkrux vernichten.“, stimmte der Schwarzäugige zu. „Und bis dahin trainieren wir weiter mit dir. Auch wenn es bald nur noch heimlich geht. Die Bilder hat Albus als Schulleiter so weit im Griff, dass sie es nicht verraten können, aber das gilt für die Schüler und Lehrer nicht. Wenn beim Lord auch nur der geringste Verdacht aufkommt, dass wir einander zu nahe sind, könnte es gefährlich werden. In nicht einmal zwei Wochen beginnt das neue Schuljahr, morgen kommen bereits die Lehrer. Wir werden daher zu unserem alten Verhältnis zurückkehren müssen, wenn auch nur für alle anderen. Ich hoffe, du weißt inzwischen, dass es sich verändert hat.“

„Ja, Professor.“, nickte Harry und hielt ihm die Hand hin. Inzwischen spürte er auch, wann der Vampir Blut brauchte. Zumeist bei besonderer Anstrengung, entweder körperlich oder auch geistig. Bei psychischer Belastung wahrscheinlich auch, aber da ließ Snape nichts mehr nach draußen. Das war notwendig, denn außer Harry und Albus wusste hier niemand, dass er ein Vampir war, oder von seinem Gefährten. Mit den langen, schmalen Fingern griff Severus nach Harrys Arm. Die Zunge betäubte die Hautstelle, in die der Vampir anschließend seine Zähne schlug. Viel trank er nicht, aber es half ihm, den Alltag zu überstehen. Allein dies ließ eine neue Verbindung zwischen Harry und ihm entstehen, die auf Vertrauen basierte. Allerdings hatte er, nach Absprache mit Harry, eine Blockade in dessen Geist gewirkt, damit er weder versehentlich noch absichtlich verraten konnte, was er wusste.

„Wie wird Voldemort reagieren, wenn er merkt, was wir machen? Und wird es nun nicht gefährlich, wenn die Lehrer kommen, dass es sich herum spricht, dass ich hier bin? Ich meine, Professor Snape hat Voldemort doch gesagt, er wüsste nicht, wo ich bin.“, fragte Harry, während Severus trank.

Albus überlegte. Die zweite Frage konnte er leicht beantworten, denn Severus würde es dem Lord so darstellen, als hätte Albus Harry aus dem Grimmauldplatz geholt, damit er ihn im Auge behalten konnte. Als er zur Antwort des ersten Teils kam, wurde es schwieriger. „Ich bin nicht ganz sicher.“, gab er zu. „Das Problem ist, ich habe keine Ahnung, ob er weiß, dass wir bereits drei vernichtet haben. Wenn ja, dann wird er zusehen, dass er die anderen in Sicherheit bringt. Wobei wir keine Ahnung haben, wo er die anderen versteckt hat. Hat er wirklich das Diadem von Ravenclaw gefunden? Und was ist da noch? Wenn er allerdings seine Todesser danach schickt, dann könnte Severus etwas erfahren, was uns hilft, ihn jedoch auch wieder in Gefahr bringt. In jedem Fall wird es schwierig und wir müssen sehen, wie wir vorgehen. Aber von uns hängt es ab, ob Voldemort irgendwann vernichtet werden kann oder nicht.“

„Dann werden wir tun, was wir tun müssen.“, beschloss Severus hart. Er wollte seine Rache für den Tod seines Gefährten. „Es gibt einige Neuigkeiten von dieser Seite. Der Lord lässt übrigens nach Draco suchen, vor allem, da er nicht mehr ins Manor kommt. Zissa hat die Fallen aktiviert, als sie und Draco verschwanden, und diese haben einige seiner Anhänger aus dem innersten Kreis getötet oder zumindest schwer verletzt, sodass sie nicht an seiner Seite kämpfen können. Moody und seine Auroren haben ebenfalls zugeschlagen und erneut Todesser verhaftet und nach Askaban gebracht. Askaban ist inzwischen besser geschützt als je zuvor, noch einmal wird er dort niemanden befreien können. Das hat uns auf jeden Fall eine Menge Zeit erkauft, der Lord hatte vor, die Schule am 1. September anzugreifen, wenn die Schüler anreisen. Wobei, das wird er ohnehin nicht machen, wenn er hört, dass Harry bereits in der Schule ist, immerhin war es darum gegangen, Harry zu erwischen.“

„Bei Merlin!“, hauchte Albus. Harry starrte ihn entsetzt an.

„Allerdings.“, nickte Severus ernst. Auch ihn hatte es entsetzt und er war froh, dass es wenigstens vorerst abgewendet war. „Bellatrix ist verletzt, ebenso Rabastan. Rodolphus Lestrange dagegen ist tot, genau wie Avery und MacNair. Rosier, die Carrows und Dolohow sind auch verletzt, es wird Monate dauern, bis sie wieder einigermaßen auf den Beinen sind. Lucius“, er schluckte trocken und musste sich zwingen, seine Gedanken bei dem Bericht zu lassen, „fehlt in seiner Planung ungemein, er ist, war ein brillanter Taktiker.“ Nur mit Mühe konnte er ein Schluchzen unterdrücken. Dankbar ließ er einen Moment zu, dass Albus seine Hand auf die schmale Schulter legte. Er fühlte sich so unglaublich einsam und leer.

„Auch wenn ich prinzipiell niemandem wünsche, verletzt zu sein oder gar zu sterben, kann ich nicht umhin, dankbar dafür zu sein. Jedenfalls in diesem Fall.“, kommentierte Albus nach einer Weile. „Was ist mit dem Befehl, Harry zu bringen?“

„Ist erst einmal ausgesetzt, der Lord will, dass Harry sich sicher fühlt, damit er dann nach deinem Tod umso leichter zuschlagen kann. Das ist die nächste, wichtige Information.“ Damit lenkte sich Severus von den trüben Gedanken ab. „Der Lord wollte ursprünglich Draco diese Aufgabe geben. Ich bin froh, dass der Junge außer Reichweite ist.“ Severus atmete mehrmals tief durch, dann sah er Albus an. „Er will einen Schüler, um dich zu töten. Es gab mehrere Freiwillige. Adrian Pucey und Perry Montague haben das ‚große Los‘ gezogen.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Sie sind begeistert dabei und scheinen bereits zu planen. Theodore Nott, Vincent Crabbe und Gregory Goyle sind ihre Helfer, auch sie haben sich freiwillig gemeldet. Ich fürchte, du wirst in akuter Gefahr sein, sobald das Schuljahr beginnt.“

„Dann müssen wir einen Plan erstellen, dass weder mir noch sonst jemandem etwas passiert.“, entschied Albus. Er überlegte einige Minuten, dann funkelten seine Augen plötzlich. Severus ahnte, dass ihm das Folgende nicht gefallen würde. „Dann werden wir einen Plan machen müssen, dass du mich tötest, Severus. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Du zeigst dem Lord deine Loyalität und du verhinderst, dass jemandem etwas passiert, denn ich fürchte, die Schüler würden andere Kinder in Gefahr bringen, bei dem Versuch, mich zu töten.“

„Nein!“, widersprach Severus heftig. Niemals, er wollte nicht töten! Nur einen vielleicht: den Lord.

„Nicht wirklich, Severus.“, beschwichtigte Albus. „Darum müssen wir einen absolut perfekten Plan erstellen. Außer uns darf niemand auch nur eine Ahnung haben. Auch nicht deine Freunde, Harry. Und du musst trauern, Harry.“

„Das wird nicht besonders schwer.“, stellte Harry fest. Sobald seine Gedanken zu Sirius gingen, konnte man die Trauer erkennen. Es musste ja niemand wissen, dass er an seinen Paten und nicht an den Schulleiter dachte.

„Wer wird dann Harrys Vormund?“, warf Severus ein. „Wir müssen verhindern, dass er wieder zu jemanden wie den Dursleys kommt.“

Harrys Blick zuckte zu ihm und man konnte das Entsetzen sehen. Und die Angst. Am liebsten hätte er den Tränkemeister, aber das war unmöglich.

„Poppy.“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Albus. „Harry vertraut ihr, sie weiß ohnehin schon, dass wir gemeinsam arbeiten gegen Riddle. Wir müssen sie dann einweihen, damit Harry weiterhin mit mir in Kontakt bleiben kann. Sie muss zumindest wissen, dass ihr beide gut miteinander auskommt.“

„Aber, warum werfen wir die Schüler nicht einfach raus? Ich meine, wir wissen doch nun, dass sie hinter Voldemort stehen?“, fragte Harry plötzlich.

„Das wissen wir zwar, Harry, aber sie haben nicht das Mal. Und wenn wir sie einfach so als Todesser enttarnen, dann würden wir Severus verraten.“, erwiderte Albus. „Nein, wir müssen es anders angehen. Dafür machen wir einen Plan. Aber du solltest dich vor ihnen in Acht nehmen, sie sind auch deine Feinde. Allerdings solltest du sie das nicht wissen lassen, also sei einfach vorsichtig, in Ordnung?“

„Versprochen.“, nickte Harry ernst. Diesmal fühlte er sich wirklich wahrgenommen, nicht einfach nur beiseite geschoben. Er ließ zu, dass Albus einige Schutzzauber über ihn sprach, die zwar nicht alles abhalten konnten, aber ihm wenigstens einen gewissen Schutz boten, sollte er aus dem Hinterhalt angegriffen werden.

„Wer wird eigentlich neuer Verteidigungslehrer?“, wollte Severus mit einem Mal wissen. „Können wir ihn zumindest für das Training mit heranziehen?“

„Ich hätte gerne Remus gehabt, aber das Ministerium hat zu viel Einfluss, ich konnte es nicht erneut durchsetzen. Allerdings ist es mir gelungen, Kingsley zu verpflichten. Er hat bereits zugestimmt, Harry Zusatzunterricht zu geben!“, verriet der Schulleiter.

„Kingsley? Eine gute Wahl.“ Severus war wirklich zufrieden mit dieser Entscheidung, auch wenn er selbst gerne diesen Unterricht leiten würde. Vor allem deshalb, weil die Schüler dort mit viel mehr Begeisterung lernten. Zaubertränke mochten nur sehr wenige Schüler, vor allem weil es sehr genaues Arbeiten erforderte, was Schüler oft einfach nicht schafften.

„Ja, sehr gut!“, grinste Harry. „Er ist ein toller Lehrer, da bin ich sicher! Jedenfalls weiß er, wovon er spricht. Im Gegensatz zum letzten Jahr ...“

„Gut, ich bin froh, dass ihr meine Wahl billigt!“, gluckste Albus. „Dann lasst uns planen.“

„Harry sollte etwas essen.“, warf der Tränkemeister ein. „Er hat sich sehr erschöpft bei dem Versuch, den Lord aus seinem Kopf zu halten.“

Albus bestellte bei Dobby ein leichtes, bekömmliches aber dennoch nahrhaftes Mittagessen für sie alle. Er machte sich Sorgen um seinen Tränkemeister. Der Schwarzäugige wirkte die meiste Zeit viel zu normal für das, was er gerade durchmachte. Gemeinsam saßen sie nur Minuten später an Harrys Tisch beim Essen. Dabei tauschten sie sich über erste Ideen aus, wie sie es anstellen konnten, dass Severus Albus scheinbar tötete. Viel kam dabei noch nicht heraus, aber das war in Ordnung. Sie schickten Harry im Anschluss in die Bibliothek, er sollte noch einige Dinge nachlesen. Anschließend sollte er im Raum der Wünsche sein tägliches Sportprogramm absolvieren. Anfangs hatte ihm Professor Snape gezeigt, was er tun sollte, inzwischen konnte er es selbständig. Es war ihm deutlich lieber, als mit den beiden Erwachsenen über einen vermeintlichen Mord zu sprechen. Er schüttelte sich. Schnell war er in der Bibliothek fertig. Langsam wusste er, worauf es ankam, somit konnte er deutlich effektiver mit den Büchern arbeiten.

Bevor er zum Sport ging, besuchte er Dobby und ließ sich einen kleinen Imbiss geben. Poppy war nicht ganz zufrieden mit seinem Zustand, aber zumindest nahm er langsam ein wenig zu. Für den Geschmack der Medihexe ging es zu langsam, aber gerade wenn Harry eine Vision hatte, musste er sich danach öfter übergeben. Das förderte seine körperliche Verfassung nicht gerade. Dennoch musste sie zugeben, dass Harry wirklich hart an sich arbeitete. Dobby sorgte auch dafür, dass er das Essen nicht vergaß. Heute hatte er außer dem Imbiss noch eine Nachricht dabei.

„Master Harry Potter Sir hat Besuch bekommen!“, verkündete er freudestrahlend. „Miss Granger und Mister Weasley Sir warten und haben Dobby geschickt, Harry Potter Sir zu holen!“

„Wo? In meiner Wohnung?“

„Ja, Master Harry Potter Sir!“, nickte Dobby so heftig, dass seine langen Ohren flatterten.

Grinsend rannte Harry hin. Freudig umarmte er seine besten Freunde und nahm sie mit in den Raum der Wünsche. Gemeinsam machte Sport doch viel mehr Spaß, war er sicher. Schnell hatte Hermine die Übungen begriffen und verblüffte Ron mit ihrer Fähigkeit in diesem Bereich.

„Sport wird in Muggelschulen viel intensiver unterrichtet.“, lachte die Braunhaarige. „Das fehlte mir hier in Hogwarts bereits von Anfang an. Hier gibt es nur Quidditch. Nichts gegen diesen Sport, aber es ist einfach nicht jedermanns Sache, und es sollte doch eigentlich für jeden etwas geben. Warum wird so etwas nicht unterrichtet? Diese Übungen sind perfekt, um die Koordination, die Kondition, die Beweglichkeit und die Reaktionsfähigkeit zu trainieren. Das hilft jedem Zauberer, der ein Duell bestreiten will oder muss.“

„Richtig, Miss Granger.“, löste sich Severus aus der Tür. „Die Auroren machen ein ähnliches Programm durch in ihrer Ausbildung, genau aus diesen Gründen. Allerdings können wir froh sein, dass die wenigsten Todesser so etwas können.“

„Oh ja, das wäre fatal.“, nickte Ron. „Aber es wäre wirklich nicht schlecht, wenn es hier mehr Sportangebote gäbe.“

„Schlagen sie es dem Direktor vor.“ Severus wandte sich an Harry. „Kleine Änderung im Programm: Kingsley ist bereits im Schloss, er erwartet sie nach dem Abendessen in seinem Büro, damit er ihren aktuellen Stand kennt und ein Programm für sie ausarbeiten kann, Mister Potter.“

Harry nickte. Ihm war klar, dass Professor Snape nun wieder zu den alten Gewohnheiten zurückgehen musste, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Der Tränkemeister sah das Nicken und drehte sich um, verschwand aus dem Raum. Harry hatte gesehen, wie blass er war. Dunkle Ringe zierten seine Augen. Irgendwie hatte er selbst ähnlich ausgesehen, erst in den letzten Wochen war es langsam besser geworden. Severus Snape war tief verletzt durch den Tod seines Gefährten. Wie schlimm, konnte Harry nicht erahnen, aber er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Vampir den Kampf verlor. Seit sein Gefährte getötet worden war, trank der Slytherin deutlich häufiger als früher. Er brauchte viel mehr Blut, was für seinen schlechten Zustand sprach. Oder lag es daran, dass es nicht das Blut seines Gefährten war? Harry wusste es nicht, aber es wirkte alarmierend auf ihn, vor allem, seit er wusste, dass Severus Snape davor zum Teil mehrere Wochen kein Blut bekommen hatte. Klar war er dann schlecht gelaunt gewesen, aber niemals so blass und übernächtigt wie gerade. Albus' Plan schien ihm zu schaffen zu machen, denn seitdem wirkte er noch ungesünder.

„Okay, dann los!“, spuckte Ron in seine Hände.

„Ih!“, machte Hermine. Die beiden Jungs lachten, immerhin hatte Ron nicht wirklich gespuckt. Zu dritt machten sie nun Harrys Übungen, lachten und redeten miteinander. Harry erzählte ihnen Vieles aus den letzten Wochen, nur über die Mordpläne, die Horkruxe und Snapes Gefährten schwieg er sich aus. Schließlich waren sie schweißgebadet und duschten sich kurz ab. Danach setzten sie sich in Harrys Wohnzimmer und naschten von den Keksen, die Dobby ihnen gebracht hatte. Während er den Erzählungen seiner Freunde über deren Sommer lauschte, fiel Harry ein, dass es komisch war, wie es in seinem zweiten Jahr gelaufen war. Wenn Lucius Malfoy als Spion doch eigentlich auf ihrer Seite war, warum hatte er dann das Tagebuch in Ginnys Kessel geschmuggelt? Wusste er damals nicht, was er da in der Hand hatte? Oder hatte er es gar nicht getan? Warum aber war dann Dobby immer bei ihm aufgetaucht? Etwas stimmte da nicht und Harry nahm sich vor, mit Professor Snape darüber zu sprechen, wenn sie das nächste Mal alleine waren.

„Harry? Hey, Harry, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, lenkte Hermine seine Aufmerksamkeit nun wieder auf die Wirklichkeit.

„Entschuldigt, ich war in Gedanken.“, grinste Harry schuldbewusst. „Wo wart ihr gerade?“

„Nicht so wichtig.“, schüttelte Hermine den Kopf. „Was ist mit dir?“

„Ich habe mich mit Kreacher ausgesprochen.“, sprach Harry das Erste aus, was ihm durch den Kopf schoss, um von seinen Überlegungen abzulenken. Er wollte diese Informationen nicht mit seinen Freunden teilen, da er ihnen nichts von Malfoy erzählen konnte und durfte. „Regulus, Sirius' Bruder, war eigentlich auf unserer Seite. Zumindest am Schluss. Er hat das Geheimnis von Voldemorts scheinbarer Unsterblichkeit aufgedeckt. Wir, das bedeutet, A… Professor Dumbledore und ich, haben das nun erfahren.“

„Das heißt, du und Dumbledore wisst, wie ihr Du-weißt-schon-wen vernichten könnt?“, fuhr Ron auf. „Warum ist er dann noch da draußen und bringt wahllos Leute um?“

„Ron!“, rief Hermine entsetzt.

„Nein, Hermine!“, unterbrach der Rothaarige wütend. „Meine Familie leidet seit Jahren unter diesem Wahn, den Du-weißt-schon-wer verbreitet. Und Harry sagt mal nebenbei, dass er ihn vernichten könnte, und doch sitzt er lieber hier und macht sich ein gemütliches Leben!“

„Ron!“ Hermine hielt ihren Zauberstab in der Hand und ließ den Rothaarigen verstummen. „So einfach ist es sicher nicht, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Harry absichtlich wartet.“ Sie sah den Grünäugigen an, der blass geworden war.

„Nein, so einfach ist es nicht.“, wisperte er. „Es … ich kann nicht darüber reden, habe geschworen, Stillschweigen zu bewahren. Ich werde sehen, ob ich euch einweihen kann, aber nicht jetzt. Es wird auch sicher nicht schnell gehen, es ist ziemlich kompliziert.“

„Und du willst nicht töten, nicht wahr?“, fragte Hermine sanft, und legte ihm die Hand auf den Arm. Harry schüttelte verzweifelt den Kopf. „Du bist nicht alleine, Harry.“, versprach Hermine.

„Danke!“, lächelte Harry. „Aber ich will nicht, dass du, dass ihr in Gefahr seid. Er tötet meine Familie und meine Freunde, um mich zu schwächen.“

„Wenn ich helfen kann, dann sag Bescheid.“, umarmte ihn Hermine. Sie funkelte Ron an. Sie war stinksauer auf ihn, denn er hatte erst vor eineinhalb Jahren geschworen, Harry nicht nochmal im Stich zu lassen. Das hatte Harry ziemlich zugesetzt, dass Ron ihn damals so alleine gelassen hatte, als er im Turnier gelandet war. Dabei hätte der Rothaarige ihn wirklich besser kennen müssen. Aber eigentlich hatte sie gehofft, dass dieses Thema der Vergangenheit angehörte.

„Ich verschwinde.“, stand Ron auf. „Scheinbar bin ich hier im Weg.“ Sein Blick fiel auf Hermine und Harry, die sich noch immer umarmten.

„So ein Quatsch!“ Hermine löste sich von Harry. „Wir sind Freunde, mehr nicht. Und mehr wird da auch nie sein. Genau wie wir, Ron.“

„Wie ihr?“ Harry blickte verwirrt zwischen ihnen hin und her. „Ich dachte …“

Hermine lachte und Ron stimmte nach einem kurzen Moment ein. „Das war einmal.“, grinste er. „Wir haben festgestellt, dass wir mehr wie Geschwister sind. So wie du und Ginny. Die hätte sich übrigens im Sommer deine Anwesenheit gewünscht.“

„Warum?“, fragte Harry verständnislos.

„Oh, sie kommt nicht klar mit Bills neuer Freundin.“, lachte Hermine. „Fleur Delacour ist im Fuchsbau, um ihr Englisch aufzubessern. Ihretwegen hat sich Bill in den Innendienst bei Gringotts versetzen lassen. Ginny ist immer noch sauer auf Fleur und Viktor, weil sie im Turnier gegen dich gekämpft haben. Dass sie im Labyrinth unter Imperius standen, lässt sie dabei nicht gelten.“

„Wie geht es ihr?“, erkundigte sich Harry. Er mochte die Französin doch gerne, sie war nett zu ihm gewesen, als fast alle ihn im Stich gelassen hatten.

„Sie macht ein Praktikum bei Gringotts. Aber eigentlich will sie etwas anderes machen, die Welt der Banken ist nichts für sie. Das macht sie nur wegen Bill, aber ich denke, sie wird das bald auch aufgeben. Wenn sie sicher ist, dass sich Bill auch so für sie interessiert, und das ist eindeutig.“, erklärte Hermine, da Ron immer noch vor sich hin brummelte. Harry wusste, dass der Rothaarige einerseits selbst in die dunkelblonde Halbveela verschossen war, aber andererseits auch eine gewisse Ablehnung hegte, weil er sich damit auf Harrys Seite hatte stellen wollen.

„Aha.“, machte Harry. „Und was ist dann mit euch? Was habe ich noch alles verpasst?“

„Naja, ich ...“, begann Hermine, dann stockte sie und wurde rot.

„Was?“, fragten die beiden Jungs synchron.

„Ich habe Anfang August Viktor besucht.“, gestand Hermine schließlich. „Er war mit seiner Mannschaft in Deutschland, weil sie dort ein Länderspiel hatten. Er hat mich eingeladen, das Spiel anzusehen, danach haben wir einige Tage gemeinsam in den Bergen verbracht, waren Wandern.“

„Krum? Der ist doch bestimmt ein Todesser!“, fauchte Ron.

„Quatsch!“, entgegnete Hermine hitzig. „Er hat seit dem Abschluss nichts mehr mit angeblichen Todessern zu tun! In Durmstrang gibt es kaum jemanden, der den Ansichten von V… Vol… Voldemort“, noch immer machte ihr der Name ziemliche Angst, aber sie weigerte sich, den Namen zu umschreiben, „folgt. Karkaroff war der Einzige, die Schüler haben ihn loswerden wollen deswegen. Ja, sie nutzen dunkle Magie, aber so, wie wir die weiße. Heilzauber, Verwandlungen, Zauberkunst, solche Dinge. Was daran ist bitteschön falsch? Man kann auch mit weißer Magie foltern und töten. Es geht doch um die Absicht dahinter!“

Harry blinzelte, das war genau das, was Snape in einer der Erinnerungen zu seiner damals besten Freundin, Harrys Mutter, gesagt hatte. Fast wortwörtlich. Aber anders als Lily Evans, später Potter, hörte Ron nicht auf die Argumente seiner besten Freundin, sondern stand, rot vor Wut, auf. „Ich verschwinde. Hoffentlich werdet ihr beide bald wieder normal!“ Rums, schlug die Tür hinter ihm zu.

„Ron!“, rief Harry ihm hinterher und stand auf.

„Nicht, Harry!“, bat Hermine. „Er kriegt sich schon wieder ein. Du weißt doch, wie er ist, erst schreien, dann denken.“

„Ich dachte, das wird auch mal besser.“, flüsterte Harry ein wenig kläglich.

„Ron braucht noch eine Weile, um wirklich erwachsen zu werden.“, seufzte Hermine.

„Das hast du schon lange geschafft.“, grinste Harry, noch immer allerdings nicht komplett überzeugt. „Dann bist du also mit Viktor zusammen?“ Hermine nickte mit roten Wangen. „Gratuliere!“, umarmte Harry sie kurz. „Das habe ich eigentlich schon lange erwartet. Nach dem Weihnachtsball eigentlich schon. Auch wenn Ron damals noch ein wenig Hoffnungen hatte nach deinem Ausbruch, aber ich habe deine Augen gesehen, als sie abgereist sind.“

„Wir haben uns immer wieder geschrieben.“, gestand Hermine. „Erst wurden wir Freunde, aber dann, als wir uns getroffen haben, haben wir gemerkt, dass wir mehr füreinander empfinden. Ja, er ist mehr als zwei Jahre älter, aber das ist doch noch wenig, wenn auch meine Eltern im ersten Moment nicht begeistert waren. Aber er hat sich ihnen vorgestellt und sie haben ihn sogar für Weihnachten eingeladen!“

„Das freut mich für dich!“ Harrys Freude war ehrlich, das konnte ihm Hermine ansehen. „Komm, gehen wir zum Abendessen, danach habe ich dann noch einen Termin bei Kingsley. Meine Güte, ich glaube, das wird schwer, sich anzugewöhnen, ihn Professor Shacklebolt zu nennen!“

„Ja, das wird es!“, lachte Hermine mit ihm. „Gehen wir!“

 

Nach dem Abendessen folgte Harry dem nun wohl ehemaligen Auror in dessen Büro. Neugierig sah der Schüler sich um. Kingsley hatte bereits jetzt seine eigene Note in den Raum eingebracht. An den Wänden, wo keine Bücherregale standen, hingen afrikanisch aussehende Dinge: Masken, Kampfstäbe, Bilder mit Löwen, Elefanten und Giraffen. Die Wandfarbe erinnerte an eine Savanne, insgesamt war es hell und freundlich. Sie verbrachten die folgenden zwei Stunden damit, auszuloten, was Harry bereits konnte und was er noch lernen wollte oder musste. Zum wiederholten Mal war Harry an diesem Tag schweißgebadet, als er entlassen wurde. Und doch schaffte er bereits deutlich mehr als noch vor zwei Wochen.

„Gut, Harry, das war es für heute.“, entließ ihn Kingsley. „Ich weiß nun, was wir üben müssen und werde einen entsprechenden Plan erstellen. Außerdem werde ich mich mit deinen anderen Ausbildern absprechen, wie wir deine Zeit einteilen.“ Er lächelte Harry zu. „Du hast eine Menge gelernt. Ich glaube nicht, dass ich dir noch sehr viel beibringen kann. Nur wortlose Zauber, also ungesagte Nutzung deiner Magie, sollten wir noch lernen, dann bist du nicht so leicht zu durchschauen. Also, gute Nacht, Harry!“

„Gute Nacht, Kingsley, äh, ich meine, Professor Shacklebolt.“

„Schon gut, Harry, so lange noch kein regulärer Schulbetrieb ist, kannst du bei Kingsley bleiben! So, wie alle meine Freunde.“, lachte der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf. „Ich hoffe doch sagen zu können, dass wir befreundet sind.“

„Äh, also, ja, ich denke schon.“, stammelte Harry, vollkommen überrascht.

„Na dann, gute Nacht, Harry!“

„Gute Nacht, Kingsley.“

In dieser Nacht schlief Harry zum ersten Mal seit über einer Woche wieder unruhig. Vorher war er meist durch das viele Training zu erschöpft für Alpträume gewesen, aber heute beunruhigte ihn das, was mit Ron passiert war. Dementsprechend war er am Morgen beim Laufen auch nicht konzentriert bei der Sache und stürzte sogar, als er stolperte. Nur mit Mühe konnte Severus verhindern, dass er sich wirklich verletzte.

„Was ist los?“, knurrte der Tränkemeister.

„Entschuldigung, Sir.“, murmelte Harry deprimiert. „Ich war in Gedanken.“

„Das ist nicht alles, Harry.“, entgegnete Snape. „Wenn deine Gedanken dich so sehr nach unten ziehen, solltest du darüber reden.“

„Das sagen sie mir!“, platzte Harry heraus.

Severus zuckte zurück, als hätte Harry ihn geschlagen. Natürlich hatte der Junge Recht, aber er wollte das nicht zugeben. „Mäßigen sie ihre Zunge, Potter!“, zischte er. „Und jetzt los, wir laufen die Runde zu Ende.“ Severus rannte los, legte ein Tempo vor, das Harry nicht lange durchhielt. Doch diesmal nahm der Schwarzäugige keine Rücksicht, der Lord würde das schließlich auch nicht tun, redete er sich ein. Aber in Wahrheit wollte er keinen Spiegel vorgehalten bekommen. Er wollte nicht nachdenken, wollte einfach nur vergessen. Ablenkung. Nicht nachdenken müssen. Bei diesem Tempo musste er auf den Weg achten, damit er nicht stürzte. Am Ende ließ er Harry einfach hinter sich zurück, rannte ins Schloss und in die Kerker. Dort, in einem alten und ungenutzten Klassenzimmer, tobte er sich aus, bis er körperlich vollkommen erschöpft war. Seit dem Tod seines Gefährten hatte er keine Nacht mehr durchgeschlafen. Mehr als drei Stunden schaffte er nicht, dann kamen die Alpträume.

Harry ahnte davon nichts, als er nach dem Abendessen zu seinem Okklumentik-Unterricht ging. Tagsüber hatte er sich mit ungesagten Zaubern herum geplagt, denn auch Albus war der Meinung, dass das sehr wichtig für ihn war. Es war ohnehin im Lehrplan der sechsten Klasse, also käme es auch im Schuljahr immer wieder zur Sprache. Langsam zeigten sich erste Erfolge, was Harry eine Menge Konzentration und magische Energie gekostet hatte. Nach dem Essen war er daher entsprechend müde und wollte nichts lieber, als in sein kuscheliges Bett zu gehen. Etwas, das er auch erst hier wirklich kennengelernt hatte. Allerdings wusste er, wie wichtig der Okklumentik-Unterricht war. Leider hatte er dies auf eine Weise herausgefunden, die ihm noch immer Alpträume bescherte. Sirius war tot. Zumindest zum Teil seinetwegen. Harry konnte inzwischen akzeptieren, dass er ihn nicht getötet hatte, aber ohne sein voreiliges Handeln wäre Sirius nie ins Ministerium gegangen. Dann hätte Bellatrix ihn nicht erwischt. Kopfschüttelnd riss sich Harry aus seinen Gedanken. Er musste nun konzentriert sein, außerdem wollte er mit dem Professor noch über die Sache mit dem Tagebuch sprechen.

„An deinem Zeitmanagement musst du dringend arbeiten.“, empfing der Tränkemeister ihn knurrig, als er eine Minute nach der vereinbarten Zeit an die Bürotüre klopfte. „Irgendwelche Visionen?“

„Verzeihung, Sir.“ Harry trat ein. „Nein, Professor, keine Visionen. Aber ich konnte heute Nachmittag spüren, dass Voldemort wütend ist.“

„Gefühle wirst du immer spüren.“, nickte der Ältere. „Setz' dich. Auch er spürt deine Gefühle, deshalb hattest du zumindest die erste Zeit nach Blacks Tod Ruhe. Er konnte mit deiner Trauer und den Schuldgefühlen nicht umgehen. Auch die Liebe, die du scheinbar für deinen Paten empfunden hast und wohl auch immer noch empfindest, macht es ihm schwer. Aber fühle dich damit nicht zu sicher, es ist ihm weiterhin möglich, in deine Gedanken einzudringen. Du musst dich immer schützen. Und genau deshalb hören wir auch nicht auf mit dem Training.“

„Immer wachsam.“, wiederholte Harry das, was ihnen der falsche Moody zwei Jahre zuvor eingeprägt hatte.

Severus hob eine Augenbraue, nickte aber. „In Ordnung, Harry. Ich denke, du bist so weit, dass wir den nächsten Schritt gehen können. Bisher kannst du die Menschen aus deinen Gedanken heraushalten, sie vielleicht sogar aus deinem Kopf werfen. ABER, die wirkliche Kunst ist es, denjenigen, der in deinen Geist eindringt, etwas sehen zu lassen, sodass er nicht merkt, wie du ihn manipulierst. Daran wollen wir jetzt arbeiten. Überlege dir, was genau du zeigen willst. Dann baue deine Mauer auf, aber achte darauf, dass die Erinnerungen, die ungefährlich sind, draußen bleiben. Im optimalen Fall sollten sie die Mauer vollkommen verstecken, aber bis dahin brauchst du sicher eine Menge Zeit und Übung. Also, los geht's.“

Harry versuchte es. Immer wieder. Am Ende der beinahe dreistündigen Sitzung schaffte er es, seinem Professor fünf kleine Erinnerungen zu zeigen, wie er es am Anfang bereits instinktiv getan hatte, als seine Mauer in einer Vision zusammen brach. Nur dass diesmal die Mauer dahinter stand: Quidditch-Training, der Ritt auf Seidenschnabel, Unterricht in Zaubertränke (dabei hatte Severus ein schlechtes Gewissen bekommen, als er es aus dieser Perspektive und mit dem jetzigen Wissen sah), ein Abend mit Kartenspielen im Gemeinschaftsraum und ein Einkaufsbummel in der Winkelgasse.

„Gut gemacht.“, lobte Severus seinen Schüler. Sie waren wirklich weit gekommen auf die kurze Zeit. Warum hatte er immer geglaubt, der Junge sei nur mäßig begabt? Hier zeigte er sein wahres Potential, wie es schien. „Ich denke, das reicht für heute.“

„Danke.“ Harry ließ sich auf den Stuhl fallen und griff nach dem Wasserglas. „Sir, darf ich sie etwas fragen?“ Der Professor hob fragend die Augenbraue und sah ihn auffordernd an. „Ich grüble schon eine Weile darüber. Wenn Mister Malfoy“, er sah, wie der Tränkemeister zusammenzuckte und sich ein Schatten über sein Gesicht legte, „nicht auf der Seite von Voldemort stand, wie kam es dann, dass Ginny das Tagebuch bekommen hat? War er damals nicht beteiligt? Aber wie passt dann Dobby in die Geschichte?“

Severus war erstarrt, als er den Namen seines Gefährten hörte. Nur mit äußerster Mühe konnte er sich davor bewahren, seine Maske zu verlieren. Es fiel ihm schwer, nicht in die Erinnerungen abzudriften. Doch Harrys Frage war durchaus berechtigt. „Das war Luc.“, gab er heiser zu. „Allerdings waren die Umstände ein wenig anders. Keiner von uns wusste, was in dem Tagebuch steckte. Der Lord hatte es Lucius mit der Anweisung gegeben, dass es eines Tages nach Hogwarts müsse. Er würde wissen, wann es soweit ist. Das Buch selbst würde ihm einen Hinweis geben. Nun, Luc versteckte es weit hinten in seinen Regalen, vergaß es, sofern das möglich war. Das Problem war nur, dass der Lord ihn mit einem Zauber belegte, er konnte es nicht loswerden oder jemanden darüber informieren. Das hätte Dracos Leben gekostet. Daher wusste auch ich nichts davon. Erst nachdem das Tagebuch vernichtet war, klappte das. Eines Tages, im Sommer nach eurem ersten Jahr, lag es plötzlich auf Lucs Schreibtisch. Er ist zu Tode erschrocken und wusste, das war der Hinweis. Er hat Dobby genaue Anweisungen gegeben, wie er sich dir gegenüber verhalten sollte. Nun, der Elf hat versucht, sich daran zu halten, aber er ist ein wenig über das Ziel hinaus geschossen, wie ich merkte. Luc hatte keine Ahnung, wie gefährlich es werden könnte und ich wusste nicht, was dahinter steckte, das konnte Luc erst nach diesen Ereignissen berichten. Allerdings kann ich mit Sicherheit sagen, dass er nicht darüber reden konnte. Nicht einmal mit mir. Er hat sich wahnsinnige Vorwürfe gemacht, dass beinahe ein Kind getötet wurde. Von deinen Verletzungen gar nicht zu reden. Dobbys Verlust sah er daher als gerechte Strafe an. Er war dir nie böse. Er ...“ Severus musste abbrechen, er kämpfte erneut mit seinen Gefühlen. Plötzlich spürte er zwei Arme, die sich vorsichtig um ihn legten.

„Sie sind nicht alleine, Professor.“, murmelte Harry leise. „Albus und ich sind da, sie dürfen auch trauern. Mister Malfoy würde das sicher verstehen. Geben sie nicht auf, aber ...“ Harry unterbrach sich, als er merkte, wie der Tränkemeister sich an ihm festhielt. Eine Weile blieben sie so, bis sich Severus löste. „Du … solltest schlafen gehen.“, entschied er.

Harry nickte. „Gute Nacht, Professor.“, wünschte er und öffnete die Tür.

„Danke.“, wisperte Severus beinahe lautlos, doch Harry hatte es gehört und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

Die letzten Ferientage vergingen wie im Flug, und plötzlich waren die ersten Kutschen da. Harry stand am Portal und wartete auf seine Freunde. Er hoffte, dass Ron sich beruhigt hatte, rechnete aber nicht so richtig damit. Ron brauchte nicht lange, um sich über etwas aufzuregen, aber sehr lange, um sich wieder zu beruhigen. Aber auch, wenn Ron ihm sehr wichtig war, so war es für Harry doch nervig, wenn es immer und immer wieder passierte. Harry wollte schreien, er hatte sich dieses Leben doch nicht ausgesucht! Wieso war Ron auf etwas neidisch, was er selbst gar nicht haben wollte?

„Harry!“, rief eine Stimme. Er sah auf und spürte, wie ein Lächeln sich in sein Gesicht schlich. „Luna!“, grüßte er die Blonde. „Wie waren deine Ferien?“ Sie gingen ein Stück auf die Seite, sodass sie die anderen Schüler nicht behinderten. Die abfälligen Blicke, die manche Jugendliche auf Luna warfen, ignorierten sie. Harry mochte die etwas jüngere Luna sehr, auch wenn manche sie für verrückt hielten. Doch Harry ahnte, dass dies zum Teil einfach nur Tarnung war. Hinter Luna steckte mehr, als man sah, da war Harry sicher. Wenn er auch nicht sagen konnte, was genau das war. Die Blonde erzählte von ihren Ferien mit dem Vater, sie waren auf einer Expedition gewesen und hatten versucht, eines dieser magischen Wesen, an die Luna glaubte, zu finden.

Bald gesellten sich Hermine, Ginny, Ron, Neville, Seamus und Dean hinzu. „Wir sollten reingehen.“, empfahl Ginny, als sie bemerkte, dass keine weiteren Kutschen mehr ankamen. „Wir sind sonst zu spät zum Festessen.“ Sie lachten, als Ron direkt voranging. Am Gryffindor-Tisch hatte Lavender bereits einen Platz für ihn reserviert. Ohne seine Freunde eines Blickes zu würdigen, setzte sich der Rothaarige zu ihr.

Traurig sah Harry zu ihm, er fand es schade, dass die Freundschaft scheinbar zu Ende war. Ron war sein erster Freund gewesen, damals im Hogwarts-Express. So viel hatten sie gemeinsam überstanden. Nun konnte Harry nur hoffen, dass sie wieder zueinander fanden. Doch er musste sich auf sein Training konzentrieren, und anschließend auf den letzten Kampf. Auch wenn es bis dahin noch lange dauern würde. Gemeinsam mit Hermine, Ginny und Neville setzte er sich zu Dean und Seamus, die sich an das Ende des Tisches gesetzt hatten. Gerade rechtzeitig, denn Professor McGonagall kam mit den Erstklässlern herein. Während der Hut sein Lied sang, dachte Harry an Albus und Professor Snape. Ob sie bereits einen Plan erarbeitet hatten, wie der Slytherin den Schulleiter töten würde? Es würde sicher bald passieren. Sie wollten immerhin verhindern, dass die angehenden Todesser Schüler gefährdeten. Aber er selbst war nicht beteiligt, er war mehr mit seinem Training beschäftigt. Hermine hatte per Eule gefragt, ob sie daran teilnehmen durfte. Sie hatte ihm versprochen, an seiner Seite zu bleiben. Am Spezialtraining würde sie zwar nicht teilnehmen, damit sich Harry voll und ganz auf das Ziel konzentrieren und die Geheimnisse bewahren konnte, allerdings würden sie zusammen trainieren wie im letzten Jahr in der DA, hatten sie beschlossen. Als sie nach dem Essen nach oben gingen, entschuldigte sich Hermine kurz, sie wollte noch mit dem Schulleiter sprechen. Noch bevor sie sie deswegen fragen konnten, war sie weg.

Im Gemeinschaftsraum wartete bereits Professor McGonagall auf sie. „Guten Abend!“, begrüßte sie ihre Schüler. „Ich hoffe, sie alle sind gut angekommen. Es gibt einige Neuerungen. So werden sie alle in den nächsten Tagen einen Termin zur Untersuchung bei Madam Pomfrey haben, denn wir wollen in Zukunft sichergehen, dass sie alle gesund sind. Ihre Termine bei Madam Pomfrey bekommen sie morgen mit ihrem Stundenplan. Sollten sie glauben, nicht erscheinen zu müssen, werde ich sie persönlich hinbringen. Außerdem gibt es Sprechstunden bei den Lehrern, die genauen Termine finden sie auf einem Plan auf dem schwarzen Brett. Wir wissen, dass es einige Schüler gibt, die über Dinge reden wollen, die nicht zum Unterricht gehören, aber nicht immer möchten sie darüber mit ihrem Hauslehrer reden, deshalb ist es jedem freigestellt, die Sprechstunden der anderen Lehrer zu besuchen. Sie werden vertraulich behandelt, das bedeutet, der Lehrer wird alles für sich behalten, was sie mit ihm besprechen, außer sie möchten etwas anderes. Ich bin heute noch für eine Stunde in meinem Büro, sollten sie ein dringendes Anliegen haben. Gute Nacht.“

Später im Schlafsaal machte Ron demonstrativ seinen Vorhang zu. Irritiert sahen die Jungs von dem Bett zu Harry. „Was'n bei euch los?“, erkundigte sich Dean, der bei Seamus auf dem Bett saß. Die beiden waren offensichtlich ein Paar, so wie sie eng umschlungen dort saßen.

Harry zuckte die Schultern. „Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit vor etwa zwei Wochen.“, versuchte er eine Erklärung.

„Wo warst du eigentlich im Zug?“, lenkte Neville ab.

„Ich … war nicht im Zug.“ Harry schnaufte mehrmals tief durch. „Ich war hier. Al… Professor Dumbledore ist mein Vormund, er hat mich von meinen Verwandten weg geholt und hier untergebracht.“

„Das wurde aber auch Zeit.“, fand Seamus. „Es war ja fürchterlich, wie du jedes Jahr ausgesehen hast, wenn du aus den Ferien kamst.“ Dean stimmte zu, und sie entschuldigten sich, nie etwas getan zu haben, obwohl sie doch schon eine Weile Verdacht geschöpft hatten. Harry winkte ab, wahrscheinlich hätte es doch nichts geändert. Das war Vergangenheit, er wollte es einfach nur vergessen.

„Na dann lasst uns schlafen.“, schlug Neville vor, als sie betreten schwiegen. „Morgen geht der Unterricht wieder los.“

Sie legten sich in ihre Betten, und bald darauf war es still. In einem Bett ziemlich unnatürlich still, fand Harry. Er vermutete einen Stillezauber bei Dean und Seamus, die sich nun etwa acht Wochen nicht gesehen hatten. Auch er selbst nutzte einen solchen Zauber, sollte er Alpträume haben. In seiner Ferienwohnung hatte er das nicht gebraucht, aber hier im Schlafsaal war diese Lösung sicherlich besser.

Frühmorgens stand er auf und schlich sich nach unten, um joggen zu gehen. Das Laufen gefiel ihm, dafür stand er sogar freiwillig eher auf. Diese Ruhe im Kopf, die es ihm schenkte, half ihm, viele Dinge klarer zu sehen. Natürlich war er noch immer traurig über den Tod seines Paten, aber er hatte erkannt, dass es nicht das Ende war. Sirius würde nicht wollen, dass er trauerte und dabei das Leben vergaß. Lange machte er heute nicht, nur eine Runde in flottem Trab um den See. Gegen Ende der Runde traf er auf Luna. Die Blonde stand am See und blickte auf den Sonnenaufgang. „Guten Morgen, Harry!“, lächelte sie ihn an, als er zu ihr kam.

„Guten Morgen, Luna!“, grinste er, als er nahe genug war. „Du bist früh auf.“

„Willst du den Schlickschlupfen davon laufen?“, erkundigte sich Luna in ihrer eigenen Art. „Du musst wissen, dass das nicht lange funktioniert, sie finden dich immer wieder. Aber ich kann dir ein Amulett machen, damit sie dich in Zukunft ignorieren.“

„Äh, ist es schlimm, wenn sie mich erwischen?“, wollte Harry wissen.

„Naja, sie können deine Gedanken verwirren und verknoten, wenn sie in deinen Kopf eindringen.“, erklärte Luna. „Dann vergisst du, was du eben tun wolltest. Oder du weißt nicht mehr, was du in deinen Aufsatz schreiben musst. Wenn es ganz schlimm wird, erkennst du nicht einmal deine Freunde mehr.“

„Dann hätte ich gerne ein Amulett gegen sie.“, hörte Harry sich sagen. Die Nähe zu Luna machte ihn seltsam kribbelig. Beinahe, als wären die Schlickschlupfe bereits in seinem Kopf. Sein Mund war plötzlich ganz trocken, und er wusste nicht mehr, was er sagen sollte.

„Ich denke, wir sollten reingehen.“, überlegte Luna schließlich, als die Sonne ganz zu sehen war. „Wahrscheinlich willst du noch duschen und den Schweißgeruch loswerden. Auch wenn ich ihn ganz angenehm finde, aber ein umbumbliger Schlitzfatzer könnte sich dadurch angezogen fühlen und dich verfolgen.“

„Ein …?“ Harry stoppte seine Frage, bevor er sie richtig stellen konnte, nicht sicher, ob er wirklich wissen wollte, wovon die Ravenclaw sprach. Stattdessen räusperte er sich und entschied, duschen zu gehen, damit er rechtzeitig zum Frühstück in der großen Halle war. „Bis später!“, winkte er Luna zu.

Im Schlafsaal ignorierte Ron seinen ehemals besten Freund, ging mit Lavender und ihrer Freundin Parvati in die große Halle. Hermine sah Harry an, dass er bedrückt war, aber da sie nichts tun konnte, legte sie ihm einfach den Arm um die Schulter. Dankbar nahm Harry diese halbe Umarmung an und ging gemeinsam mit der Braunhaarigen nach unten. Ginny schloss sich ihnen an. Hermine bekam ihren Tagespropheten geliefert und vertiefte sich sofort darin, allerdings legte sie ihn bald beiseite. Bis auf eine Meldung, dass erneut drei Todesser verhaftet wurden, stand nichts Interessantes darin. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich daher auf ihre Hauslehrerin, denn Professor McGonagall hatte die Stundenpläne für sie. Da Harry bereits gegessen hatte, als er seinen bekam, ging er direkt nach unten in die Kerker, da er als erstes Zaubertränke hatte. Gefolgt von Wahrsagen und Zauberkunst. Morgen hatte er dann Verwandlung, Verteidigung und Kräuterkunde. Gerade auf Verteidigung war er bereits gespannt. Diesmal würden sie sicher etwas lernen, er stellte es sich ähnlich wie bei Remus vor und war neugierig, wie Kingsley – nein, Professor Shacklebolt es anging.

„Potter, wie hast du es denn in den Kurs hier geschafft?“, wollte Theodore Nott wissen. „Hast du die Beine breit gemacht? An deiner Braukunst kann es ja nicht liegen, weil damit ist es nicht besonders weit her.“

„Ignorier' ihn!“, murmelte Hermine, als Harry zurückschlagen wollte. Der biss die Zähne zusammen und zählte in Gedanken langsam bis zehn, dann wurde er erlöst.

Mit gebauschtem Umhang öffnete der Tränkemeister die Tür des Klassenzimmers. Harry erinnerte sich daran, dass sie nun wieder so wie früher miteinander umgehen mussten und machte sich darauf gefasst, fiese Bemerkungen zu hören. Es musste sein, wohl noch eine ganze Weile. Dennoch versuchte er, konzentriert und ordentlich zu arbeiten. In den Erinnerungen, die der Professor ihm geschenkt hatte, war deutlich gewesen, wie gut seine Mutter in diesem Fach war. Vielleicht hatte er ein wenig von dem Talent geerbt? Er merkte, dass ihm sein neues Sehvermögen half, denn nun konnte er zumindest die Anweisungen richtig lesen. Auch das Okklumentik-Training war hilfreich, denn er ließ sich nicht mehr so leicht ablenken und arbeitete deutlich konzentrierter. So klappte dann sogar der Trank, den sie heute brauen sollten.

Severus beobachtete seine Klasse, um seine eigenen Gedanken im Zaum zu halten. Beim Abendessen gestern war seinen Slytherins bereits aufgefallen, dass Draco fehlte. Zwar hatten die Kinder der Todesser diese Information schon gehabt, aber vielleicht hatten sie heimlich geglaubt, dass er doch auftauchen würde. Einzig Blaise Zabini schien wirklich traurig, er war Dracos bester Freund gewesen. Seine Mutter war soweit Severus wusste neutral, seinen Vater kannte Severus nicht näher, seit über einem Jahr galt er als verschollen. Heute beim Frühstück gab es dann an allen Tischen Gerüchte, was mit seinem Engel passiert sein könnte. Ein Stich durchfuhr ihn, wie so häufig in letzter Zeit. Er wusste, es lag an der gerissenen Verbindung zu Luc, und doch konnte er es nicht unterbinden. Nur das jahrelange Training verhinderte, dass Andere etwas erkannten. Seine Maske saß. Das Zittern seiner Hand konnte er nur verbergen, wenn er sie unter den Umhang steckte. Zu wenig Nahrung und vor allem zu wenig Blut, diagnostizierte er selbst. Er konnte einfach nichts essen, die Schmerzen verhinderten das. Und Harry gab ihm zwar Blut, aber es war einfach nicht das von Luc. So wie ein Wolf auch Beeren und Obst fressen konnte, aber es würde nie reichen.

Die Schüler brauten konzentriert, das erwartete er auch von diesem Elitekurs. Ron Weasley hatte es nicht in den Kurs geschafft, Harry erstaunlicherweise schon. Sein ZAG-Ergebnis war nicht perfekt, aber das Ministerium hatte bereits vor einigen Jahren gefordert, Schüler in die UTZ-Kurse zu lassen, die ‚Erwartung übertroffen‘ hatten. Das wurde nun durchgesetzt und er musste es zulassen. Weasleys Note wurde nachträglich noch eine Stufe nach unten korrigiert – vom Ministerium, nicht von ihm – weil die Prüfer die Punkte falsch gezählt hatten. Deshalb war er nun nicht hier. Vielleicht war das auch ein Punkt, warum er mit Harry Streit hatte, überlegte Severus. Der Slytherin hatte durchaus mitbekommen, wie Harry von seinem ehemals besten Freund behandelt wurde. Dass der Grünäugige sich überhaupt noch mit Weasley abgab, war für Severus absolut unverständlich. Wie oft hatte er ihn bereits im Stich gelassen? Zu oft, wie Severus fand. Am Ende der Stunde lieferten alle Schüler ein Ergebnis ab, das zumindest optisch den Anforderungen entsprach.

Harry wollte gerade seinen Platz aufräumen, da riss er seinen noch immer beinahe vollen Kessel um. Er reagierte blitzschnell und schuf einen Bannkreis ohne Zauberstab, damit die Flüssigkeit sich nicht weiter verteilte, aber dadurch musste er zurückbleiben, als seine Freunde in den nächsten Unterricht eilten. Kaum, dass die Türe geschlossen war, wirkte Harry einen Zauber und alles war ordentlich.

„Was …?“, begann der Professor, unterbrach sich allerdings, als er Harrys Handgelenk vor seinem Gesicht hatte.

„Trinken sie, Professor.“, forderte der Schüler ihn auf. Zögernd griff Severus zu. „Ich habe gesehen, wie ihre Hand zittert. Und ich habe ein wenig gelesen in den Ferien, Kreacher hat mir Bücher aus dem Grimmauldplatz gebracht, das ist ein deutliches Anzeichen, dass ein Vampir Blut braucht.“, klärte Harry auf, als der Ältere gierig an seiner Vene saugte. Sie hatten einfach nur wenig Zeit.

„Danke, Harry.“ Man konnte dem Tränkemeister anhören, wie erleichtert er war.

„Es ist das falsche Blut, oder? Sie brauchen viel mehr als bisher.“, stellte Harry ruhig fest. Severus nickte nur, er fühlte sich ausgelaugt. Und doch musste er nun noch einige Dinge erledigen. Wann war das alles hier endlich vorbei? Er konnte einfach nicht mehr, und doch würde er nicht aufgeben, bis der Lord endlich tot war. Er merkte nicht einmal, wie Harry davon eilte, damit er rechtzeitig zu Verwandlung kam. Auch die Sorgen, die sich der Gryffindor machte, bekam er nicht mit.

Harry hingegen war froh, abgelenkt von seinen Gedanken zu sein. Noch immer dachte er oft an Sirius und war dann traurig, aber jetzt spukte auch Ron durch seine Gedanken, genau wie der Tränkemeister. Der Unterricht strengte ihn nicht mehr so sehr an, viele dieser Dinge hatte er in den letzten Wochen mit Albus wiederholt. Ungesagte Zauber, wie sie in diesem Jahr im Lehrplan standen, hatten ihren Schrecken für Harry verloren. Schnell hatte er in den Ferien herausbekommen, wie er seine Magie auch ohne Worte kanalisieren konnte. Der Okklumentik-Unterricht hatte ihm dabei sehr geholfen, was Harry nach einiger Überlegung sogar logisch erschien, denn dabei lernte er auch, konzentriert an etwas zu arbeiten. Bei den Wiederholungen schweiften seine Gedanken jedoch ab. Heute Abend hatte er wieder Schwerttraining. Professor Snape hatte die Grundzüge mit ihm in den Ferien gelernt, gab jedoch zu, selbst nicht besonders gut ausgebildet zu sein in dieser Disziplin. Sein Gefährte hatte das besser gekonnt, auch Draco war wohl ein geübter Kämpfer mit dieser Waffe. Albus war auch nicht besser, allerdings hatte sich herausgestellt, dass Kingsley ein hervorragender Schwertkämpfer war. Daher trainierte Harry das nun mit Kingsley, genau wie das Duellieren. Der Jugendliche beherrschte eine Menge verschiedenster Zauber, viele davon hatte er im letzten Jahr aus Büchern gelernt und der DA beigebracht, jetzt lernte er, welchen Zauber er wann am besten einsetzte. Er musste unvorhersehbar werden, fanden seine Ausbilder.

„Mister Potter, zeigen sie mir die Zauber?“, hörte er nun die Stimme von Professor McGonagall. Es war der zweite Schultag, die erste Stunde bei ihrer Hauslehrerin.

„Natürlich, Professor.“, beeilte sich Harry zu sagen. Er orientierte sich kurz an der Tafel, um welche Zauber es ging, dann führte er sie aus.

„Sehr gut, Mister Potter. Das sind zehn Punkte für Gryffindor.“, freute sich die Hauslehrerin der Löwen. „Helfen sie doch bitte ihren Klassenkameraden, damit alle den Stoff der letzten Jahre sicher beherrschen.“

Harry gesellte sich zu Dean und Seamus, die mit zwei Zaubern Probleme hatten. Nachdem er den Zauber nur einmal gesehen hatte, konnte Harry ihnen tatsächlich helfen. Dankbar machte sich das Paar erneut über die Wiederholungen, diesmal ohne Probleme. Harry hingegen ging zu Ron, Lavender und Parvati, die ebenfalls Schwierigkeiten hatten. Ron knurrte unwillig, aber er nahm dann doch die Hilfe an. Er wusste, wie gut Harry erklären konnte. Und da er schon den UTZ-Kurs in Zaubertränke nicht machen konnte, musste er sich in den anderen Fächern entsprechend anstrengen. Am Ende wollte er einen guten Abschluss machen, das war sein Ziel. Und dafür sprang er über seinen Schatten und ließ sich von Harry helfen, auch wenn er derzeit nicht besonders gut auf ihn zu sprechen war.

In Verteidigung lief es ähnlich ab, Kingsley – jetzt wirklich Professor Shacklebolt – wollte erst einmal herausfinden, was sie konnten. Schnell kristallisierte sich heraus, dass diejenigen, die mit Harry gelernt hatten, ihren Klassenkameraden weit voraus waren. Also teilte der ehemalige Auror die Schüler in kleine Gruppen ein, wobei immer einer aus der DA in den einzelnen Gruppen war, um den anderen die Zauber beizubringen. Harry bekam Blaise Zabini zugeteilt.

„Okay, Zabini, welche der Zauber kannst du? Dann gehen wir die durch, die du lernen musst.“, entschied Harry.

„Blaise.“, gab der Schwarzhaarige mit den hellen blauen Augen zurück. Harry starrte ihn verwirrt an. „Mein Name ist Blaise, und ich würde auch gerne so angesprochen werden, Harry.“

„Na gut.“, zuckte Harry die Schultern. Wenn er ehrlich war, fand er diesen Schüler noch mit am angenehmsten von all den Slytherins. Es hätte ihn schlimmer treffen können. Hermine stand neben Pansy Parkinson und verdrehte gerade genervt die Augen, während Seamus und Dean mit Crabbe und Goyle arbeiteten, Ron hatte Theodore Nott an seiner Seite. „Also, Blaise, welche Zauber machen dir Probleme?“

Konzentriert arbeiteten sie sich durch die Stunde und bekamen am Ende alle Punkte vom Verteidigungslehrer. „Sie haben alle mehr oder weniger gut zusammengearbeitet.“ Sein Blick traf Ron, der sich erst nach mehreren Ermahnungen von Kingsley darauf eingelassen hatte. „Daher bekommt jeder von ihnen zehn Punkte für friedliche Zusammenarbeit. Als Hausaufgabe wiederholen sie bitte die Zauber, die sie noch nicht sicher beherrschen, denn in der nächsten Stunde werde ich mit dem Stoff dieses Schuljahres beginnen und da liegt eine Menge vor uns. Guten Tag.“ Damit war die Klasse entlassen.

Harry ging noch einmal zurück zum Verwandlungsklassenzimmer, da er feststellte, dass ein Buch in seiner Tasche fehlte. Professor McGonagall lächelte ihm zu und erinnerte ihn daran, seinen Termin bei Madam Pomfrey auch einzuhalten.

„Ich bin ohnehin immer noch alle zwei Wochen dort.“, seufzte Harry. „Sie will mein Gewicht überwachen.“

„Das ist vollkommen richtig.“, nickte seine Hauslehrerin ernst. Sie hatte vom Schulleiter erfahren, in welchem Zustand Harry hier angekommen war.

„Ich weiß, aber es nervt trotzdem.“, grinste Harry ein wenig unglücklich. Professor McGonagall schmunzelte kurz, scheuchte ihn dann aber nach draußen, damit er zum Essen ging.

Auf dem Weg zur großen Halle spürte er mehr, als er es sah, dass jemand auf ihn wartete. Zwei Zauber, die aus einem dunklen Gang auf ihn zuflogen, wehrte er einfach stablos ab, das war kein Problem mehr für ihn. Er erkannte niemanden, aber ihm wurde jetzt erst bewusst, wie gefährlich es wirklich für ihn war. Daher nahm er sich vor, immer vorsichtig zu sein. Erst kurz vor der Halle steckte er seinen Zauberstab, den er dann doch noch gezogen hatte, wieder in den Halter von Remus. Durch den schmalen Spalt huschte er hinein und setzte sich zu seinen Freunden.

Hungrig machten sie sich über das Mittagessen her. Der Vormittag war anstrengend gewesen, aber gerade Harry und Hermine freuten sich, neue Dinge zu lernen. „Wie war es mit Zabini?“, erkundigte sich Hermine zwischen zwei Bissen bei Harry. Erstaunt sah Ginny sie an. „Naja, Professor Shacklebolt hat uns in Paaren wiederholen lassen. Ich musste mit Parkinson arbeiten, Harry bekam Zabini ab.“, erklärte die Braunhaarige.

„Blaise war ganz okay.“, zuckte Harry die Schultern.

„Blaise?“, fragten die Mädchen und Neville, der bei ihnen saß, unisono.

„Er hat sich beschwert, als ich ihn Zabini nannte. Also habe ich ihn mit Blaise angesprochen. Er hat auch Harry zu mir gesagt.“, antwortete Harry. „Er ist echt okay. Ich glaube nicht, dass er angehender Todesser ist. Er ist Draco Malfoys bester Freund.“

„Wo ist der überhaupt?“, wollte Ginny wissen. „Ist mir schon gestern aufgefallen, dass er nicht hier ist. Seine Gorillas sehen irgendwie komisch aus ohne ihn, aber sie scheinen Ersatz gefunden zu haben.“ Sie nickte zum Slytherintisch, wo die beiden Genannten Theodore Nott flankierten. „Es gibt Gerüchte, Malfoy ist ein Todesser und deshalb nicht mehr in der Schule. Aber andere behaupten, er wäre tot. Harry, du warst doch hier in der Schule in den Ferien, weißt du was?“

„Selbst wenn, denkst du, ich dürfte etwas sagen?“, konterte Harry. „Aber ich weiß nicht, wo er ist.“, fuhr er dann doch noch fort. Und das war nicht einmal gelogen, er wusste zwar Einiges, aber wo der Blonde war, davon hatte er keine Ahnung.

„Welcher von denen ist Zabini?“, erkundigte sich Ginny nun. „Aus eurem Jahrgang kenne ich nicht alle.“

„Großgewachsen, schlank, schwarze Haare, helle blaue Augen.“, gab Hermine zurück. „Er sitzt einzeln ganz oben am Tisch, in der Nähe der Lehrer.“ Sie sah einen Moment ziemlich nachdenklich drein. „Ich glaube, er wird ausgegrenzt, weil er kein Todesser ist oder werden will. Ich habe letztes Jahr mal mitbekommen, dass er deswegen einen Streit mit Nott hatte. Seine Mutter ist offiziell neutral, wobei sie anderen Gerüchten zufolge eine Anhängerin von V… Vol… Voldemort ist, sein Vater ist schon seit knapp einem Jahr verschwunden, er war gegen Voldemort. Es gibt Gerüchte, dass dieser ihn getötet hat, aber es wurde nie eine Leiche gefunden.“

„Scheiße.“, murmelte Harry. Er konnte sich gut vorstellen, wie sich Blaise damit fühlte. Gut, er wusste, dass Sirius tot war, denn er hatte es miterlebt, aber auch bei ihm gab es keine Leiche, die man beerdigen konnte. Einzig einen Gedenkstein hatte Remus im Garten aufgestellt, damit sie einen Ort hatten, an dem sie trauern konnten. Der Grünäugige warf einen Blick zum Slytherintisch und nahm sich vor, ein bisschen Zeit mit Blaise zu verbringen. Er tat ihm leid.

„Hattet ihr eure Untersuchung schon?“, erkundigte sich Ginny.

„Nein, sie machen es wohl nach Jahrgang und dem Alphabet, dann kommen wir später dran.“, schüttelte Harry den Kopf. „Aber ich werde gehen, auch wenn ich ohnehin alle zwei Wochen von ihr überprüft werde. Mal gespannt, wann mein Gewicht als passend gilt, wahrscheinlich bin ich dann schlachtreif!“ Harry kicherte leise und stellte sich mit Dudleys Ausmaßen vor – kopfschüttelnd verwarf er den Gedanken wieder, dazu würde es wohl nie kommen.

„Hey, Harry, wir müssen los!“, erinnerte ihn Hermine. „Gleich beginnt Kräuterkunde.“ Sie standen auf und gingen Richtung Gewächshäuser. Neville schloss sich ihnen an.

Am Abend war Harry fast schon fix und fertig, als er zu Kingsley ging, um mit ihm Schwertkampf zu trainieren. Kingsley empfing ihn mit einem Grinsen im Gesicht. „Gute Neuigkeiten!“, verkündete er nach der Begrüßung. „Remus ist im Rudel aufgenommen, wenn auch nicht besonders hoch in der Rangordnung. Aber das war zu erwarten. Er hat eine Nachricht geschickt und wollte, dass wir dir einen schönen Gruß von ihm ausrichten. Wörtlich meinte er: Welpe, es geht mir gut, mach dir keine Sorgen um mich. Du hast dein Training und die Schule, um die du dich kümmern musst, ich mache hier meine Aufgabe.“ Kingsley machte eine Pause. „Also, können wir nun?“

„Ja, ich denke, jetzt bin ich bereit!“, grinste Harry und brachte das Schwert in die richtige Position.

Sie simulierten einen Schwertkampf. Harry war noch immer im Nachteil, aber das war natürlich, immerhin machte er das hier erst seit etwa eineinhalb Wochen. Kingsley hatte ihm Jahre voraus, er hatte es bereits als Jugendlicher gelernt. Das Duelltraining würden sie mehr und mehr in den Unterricht verlegen, hatte der Professor entschieden, denn ansonsten hätte Harry keinerlei Freizeit mehr, das wollte keiner. Noch nicht einmal Severus. Bei dem hatte Harry am nächsten Abend Zusatzunterricht. Der Tränkemeister erschien ihm unkonzentriert und fahrig. Schließlich bot ihm Harry erneut seinen Arm an und war überrascht, keinerlei Bemerkung zu hören. Professor Snape griff mit einem dankbaren Blick zu und trank gierig. Im Anschluss gab er Harry einen weiteren Blutbildungstrank.

„Alles in Ordnung, Professor?“, fragte Harry vorsichtig.

„Was soll nicht in Ordnung sein?“, zischte der Slytherin als Antwort. Hastig biss er sich auf die bebende Unterlippe. Er musste sich beherrschen, denn auch, wenn Harry Bescheid wusste, er war noch immer ein Schüler. „Ich muss nachher noch einmal weg, aber ich erwarte von dir, dass du die Zeit nutzt und deine Übungen machst.“

„Natürlich, Professor.“, nickte Harry.

Auch Severus nickte. Er vertraute Harry inzwischen voll und ganz, etwas das er nie von sich gedacht hätte. Dieser Sommer hatte ihn verändert, mehr als er es wollte. Doch heute war noch einmal alles anders. Albus hatte ihm heute nach dem Essen, kurz bevor Harry kam, den Zeitplan mitgeteilt, und jetzt war es an ihm, ein entsprechendes Treffen in die Wege zu leiten. Deshalb musste er weg, auch wenn er seinen Schüler ungern alleine in seinen Räumen ließ. Aber sie mussten noch weiter trainieren, damit nicht am Ende alles scheiterte, weil Harry seine Gedanken nicht schützen konnte. Im Gegenteil, er musste in der Lage sein, dem Lord bestimmte Dinge zu zeigen, und deshalb trainierten sie hart. Sie entschieden, es als Nachsitzen laufen zu lassen, da Harry in der ersten Unterrichtsstunde bereits seinen Kessel umgeschüttet hatte. Das war zumindest unauffällig genug, dass niemand Verdacht schöpfte. Harry brauchte Ruhe, daher akzeptierte Severus, dass er hier blieb, auch wenn er selbst nicht da war.

Die nächsten Tage wurden sehr ruhig. Aber auch anstrengend, jedenfalls für Harry. Im Unterricht hatte er nur wenig Schwierigkeiten, außer in Zaubertränke, wo er sich zwar wirklich anstrengte, aber er würde wohl nie perfekt werden. Aber ihm reichte es, wenn er im Mittelfeld blieb. Dafür strengte er sich nun wirklich an. Er wollte dem Tränkemeister nicht noch zusätzlich Ärger machen, der hatte genug am Hals. Hermine half ihm, die Grundlagen zu verstehen, die er in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigt hatte, doch ihre Erklärungen waren Harry oft zu kompliziert, daher verbrachte er viel Zeit mit seinen Büchern und lernte daraus. Sobald er allein in den Gängen unterwegs war, versuchten immer wieder Schüler, ihn aus dem Hinterhalt anzugreifen. Erfolglos zwar, aber es machte Harry kribbelig, seine Instinkte warnten ihn immer häufiger, auch wenn er nie jemanden sah. Fast ständig fühlte er sich beobachtet, vor allem, wenn er mit Hermine in der Bibliothek saß. Aufblickend erkannte er Blaise Zabini, der ihn fragend musterte. Harry entschuldigte sich bei Hermine und ging nach auf den Flur, wandte sich in Richtung der Toiletten. Da es draußen schön war, waren kaum Schüler im Schloss. Er spürte, dass ihm jemand folgte und war sicher, es wäre Blaise. Der Slytherin war auch in seinem eigenen Haus isoliert, seit Draco nicht mehr da war. Als sie alleine in einem leeren Flur waren, blieb Harry stehen. „Alles okay, Blaise?“, wollte er wissen.

„Oh, hallo Harry.“, tat der Slytherin überrascht. Doch er wirkte nicht überrascht, eher besorgt, sogar angstvoll. Seine Augen huschten unruhig hin und her.

„Wieso bist du mir gefolgt?“, wunderte sich Harry.

„Gefolgt? Ich … ich wollte nur zur Toilette. Ich bin dir nicht gefolgt.“, schüttelte Blaise den Kopf und warf Blicke um sich, die vermutlich heimlich sein sollten, doch Harry, selbst lange genug in dieser Rolle gewesen, erkannte sie. Blaise schien Angst zu haben.

„Blaise, wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann sag mir Bescheid.“, bot er an. Abwartend sah er den Blauäugigen an. Doch der schüttelte nur den Kopf und ging weiter in Richtung Toiletten. Harry starrte ihm verwirrt hinterher. Er war sicher, Blaise hatte mit ihm sprechen wollen, aber warum jetzt auf einmal nicht mehr? Als er hinter sich etwas hörte, fuhr er herum, doch da war nichts. Er wünschte sich, seine Karte dabei zu haben, dann könnte er sich jetzt versichern, ob sein Instinkt Recht hatte. Möglicherweise war tatsächlich jemand dort gewesen und Blaise hatte es gesehen. Hatte er vor jemandem Angst? Harry nahm sich vor, ihn genauer zu beobachten.

 

Nur zwei Wochen später, noch hatte er nichts feststellen können mit Blaise, war Harry erneut beim Tränkemeister. Er spürte die Unruhe des Slytherin, ahnte, dass es bald so weit war. Albus hatte viele Dinge mit Harry besprochen, wenn er offiziell tot sein würde. Sie konnten nicht komplett ausschließen, dass etwas schief ging, daher wollte Albus Harry auf alles mögliche vorbereiten. Deshalb war der Jugendliche nicht überrascht, als der Tränkemeister die Stunde unterbrach. Doch als er seinen Todesser-Umhang überstreifte und einen Patronus an Albus schickte, bekam Harry ein ziemlich mulmiges Gefühl und entschied, hier zu bleiben. Der Professor hatte ihm angeboten, hier zu warten, für den Fall, dass er gegen eine Vision kämpfen musste, hatte aber auch gesagt, er müsse nicht warten. Aber hier war es ruhig, er musste auf niemanden Rücksicht nehmen, konnte nicht versehentlich etwas verraten, sollte er es nicht schaffen, sich zu verschließen, wenn es soweit war. Also machte es sich Harry auf dem Sofa bequem, wissend, dass die folgenden Stunden anstrengend werden könnten. Seine Schultasche hatte er dabei, daher begann er zunächst, seine Hausaufgaben zu vervollständigen. Inzwischen machte er die Aufgaben meist zügig und direkt, nachdem er sie aufbekam, schob sie nicht mehr vor sich her. Das verschaffte ihm so manche freie Minute, in der er Quidditch trainieren konnte oder weiter lernte. Auch wenn er nicht in jedes Training tatsächlich gehen konnte; durch die ganzen Zusatzstunden kam er häufiger zu spät oder sogar gar nicht. Katie, die neue Kapitänin, war ziemlich sauer, aber da er als Sucher nicht unbedingt mit den Treibern und Jägern spielen musste, sagte sie meist nicht viel. Was sollte sie auch sagen? Sie alle hofften auf Harry, dass er sie eines Tages von Voldemort befreite, also mussten sie auch solche Dinge akzeptieren. Er schaffte immerhin, was sie verlangte.

Nach einer knappen Stunde, in der Harry seinen Aufsatz für Kräuterkunde beendet hatte, spürte er die Verbindung aktiver werden. Er wehrte sich gegen das Eindringen in seinen Geist, auch wenn er neugierig war. Doch er war nicht bereit, ein Risiko einzugehen mit den ganzen Geheimnissen in seinem Kopf.

 

Severus ahnte das, als er mit den geforderten Tränken im Umhang durch den Kamin nach Riddle Manor ging. Er fühlte eine gewisse Erleichterung bei diesem Wissen. Er war nicht alleine. Diese Tatsache tröstete ihn und half ihm, sich für das Kommende zu wappnen. Der Lord erwartete ihn. Wie sie es sich erhofft hatten, war er alleine, denn diese Tränke nahm er nie entgegen, wenn andere Todesser hier waren. Darauf hatten sie ihre Pläne aufgebaut. Crabbe und Goyle Senior waren sicher hier, irgendwo im Manor, denn genau wie ihre Söhne eigneten sie sich hervorragend als Bodyguards. Nicht besonders intelligent, aber treue Befehlsempfänger mit Unmengen an Kraft. Auch ihre Zauber waren nicht zu verachten, wenn sie auch nicht besonders viele konnten. Dafür konzentrierten sie ihre Energie auf die, die sie schafften. Er kniete sich zu Füßen des Lords und hielt ihm die Phiolen hin.

„Steh auf.“, forderte der Lord, als er die Phiolen an sich genommen hatte. Severus gehorchte und stand nun mit gesenktem Kopf vor seinem Meister. „Was gibt es Neues in Hogwarts?“

„Es gibt Gerüchte über Draco Malfoy.“, berichtete Severus wahrheitsgemäß. „Viele glauben, er sei tot, andere behaupten, er sei im Ausland. Ich habe die Informationen überprüft, aber nichts gefunden, was wirklich nachprüfbar wäre. Die meisten Schüler erfinden nur etwas, um sich selbst wichtig zu machen. Dumbledore und Potter haben private Stunden, in denen er dem Bengel fortgeschrittene weiße Magie beibringt.“

„Das wird ihm auch nicht helfen!“, triumphierte der Lord. „Soll er ruhig. Potter hat keine Chance, mich zu töten, ich bin unsterblich. Unbesiegbar!“ Amüsiert tätschelte er Naginis Kopf, die wie meistens in seiner Nähe war. „Der Alte wird nie ...“ Er unterbrach sich, da die Tür aufging. „Crabbe, Goyle, ich sagte keine Störungen!“, fauchte er, als der irgendwie quadratisch anmutende Schädel von Goyle sich sehen ließ.

„Verzeiht, Mylord, aber wir haben jemanden hier im Manor erwischt!“, kam es leise und demütig von Goyle. Er drehte sich um und half Crabbe, jemanden herein zu zerren, der sich heftig wehrte. „Wir haben ihn im Arbeitszimmer vor dem Basiliskenbild erwischt.“ Sie zerrten den Mann auf die Beine und überreichten ihrem Meister einen Zauberstab.

„Dumbledore!“, erkannte Voldemort ihn. Angespannt verfolgte Severus, was passierte. Er hasste sich für das, was er gleich tun musste. Aber noch war es nicht an der Zeit.

„Riddle!“, spuckte Albus den Namen abfällig aus. „Noch immer genug Anhänger, um gegen mich triumphieren zu wollen?“ Er provozierte bewusst, damit der Lord nicht zum Nachdenken kam. Auf diese Art erhoffte er sich weitere Informationen. Vor allem aber wollte er Severus damit schützen, damit kein Verdacht gegen ihn aufkam.

„Du! Alter Mann, du kannst mich nicht besiegen! Ich bin unsterblich!“, höhnte Riddle.

„Niemand ist unsterblich.“, winkte Albus ab. Auch wenn er keinen Blick von seinem Gegenüber nahm, behielt er doch Nagini immer im Auge. Dennoch wirkte er erstaunlich gelassen und entspannt. Eigentlich müsste das dem Lord auffallen, doch dieser nahm gar keine Notiz davon. „Ich hätte dich für intelligenter gehalten. Solche Märchen auch noch zu glauben.“

„Es ist kein Märchen!“, zischte Voldemort wütend und gleichzeitig überheblich. „Ich wurde vernichtet, doch ich kam zurück! Und Potter ist nun nicht mehr vor meiner Berührung geschützt! Ich konnte ihn anfassen und ich werde ihn töten! Es gibt nichts mehr, was du für ihn tun kannst, alter Mann! Du wirst hier und heute sterben und mein Geheimnis bleibt geheim! Niemand kann mich töten, auch nicht Harry Potter! Ich werde immer wieder kommen, und wenn ihr mich sieben Mal tötet! Aber so lange lebst du nicht mehr, dass du das weitergeben kannst!“ Er zischelte, und Nagini wand sich auf Albus zu.

Statt zu flüchten, was Voldemort sicher erwartete, blickte Albus der Schlange genau in die Augen. Er wich keinen Zentimeter zurück, im Gegenteil, er ging auf Angriffsposition. Etwas irritiert beobachtete Riddle das und hielt seine Todesser zurück, die ihre Zauberstäbe hoben. Er wollte sehen, wie Dumbledore mit bloßen Händen gegen Nagini kämpfte, eine riesige Schlange, die mit einem tödlichen Gift ausgestattet war. Das versprach, ein interessantes Schauspiel zu werden. Immerhin hatte Goyle ihm den Zauberstab des Alten gegeben, den er erkannt hatte. Doch plötzlich weiteten sich seine rotglühenden Augen vor Entsetzen. Sofort erkannte er, was Dumbledore aus seinem Umhangärmel zog. Ein Basiliskenzahn. Noch bevor er reagieren konnte, hatte Albus die Spitze des Zahnes mit voller Wucht in Naginis Kopf getrieben. Grau-schwarzer Nebel stieg empor, und dieser Anblick lähmte den dunklen Lord für einen Moment vollkommen. Crabbe und Goyle starrten verwirrt auf das, was gerade passierte.

Allein Severus reagierte. Er riss seinen Zauberstab hoch und sprach – den Widerwillen erkannte einzig Albus – den tödlichen Fluch: „Avada kedavra!“ Ein grüner Zauber schoss aus dem Holz in Severus' Hand auf Albus zu und streckte ihn zu Boden. Severus betete darum, dass ihr Plan gelang. Nie würde er sich verzeihen, wenn es jetzt schief ging.

„Nagini!“ Voldemorts Stimme war nur ein Flüstern. Severus erkannte an der Mimik seines ‚Meisters‘, dass er realisierte: Albus Dumbledore wusste um die Bedeutung von Nagini. Ein weiterer Horkrux war vernichtet. Auch wenn noch drei blieben: Der Becher lag weiterhin im Safe des Lords, wo er sicher bleiben würde. Ein weiterer, von dem sie vermuteten, dass es Ravenclaws verschollenes Diadem sein könnte, war irgendwo gut versteckt. Vom letzten Horkrux wussten sie nichts, vermuteten nur, dass er für die Auferstehung genutzt worden war. Aber wenn alles so lief wie geplant, konnte Albus nun danach suchen. Doch erst einmal musste seine ‚Leiche‘ untersucht werden und dann hier weg. Severus kniete sich neben den Körper seines Mentors und suchte nach einem Puls. Nichts. „Er ist tot.“, verkündete er laut.

Auch Voldemort kniete sich nun zu ihm, tastete ebenfalls nach dem Puls und fand nichts. „Schafft ihn weg!“, befahl er seinen beiden Leibwächtern. Doch noch bevor diese Beiden bei ihnen waren, tauchte Fawkes in einem Feuerstrahl auf. Er setzte sich auf den Brustkorb seines Vertrauten, schnappte mit dem Schnabel nach dem Zauberstab seines Vertrauten, dann gab es einen weiteren Feuerball und die Beiden waren verschwunden. Unhörbar und ohne äußere Anzeichen atmete Severus auf. Dieser Teil hatte geklappt. Nicht auszudenken, wenn Crabbe und Goyle den Leichnam weg geschafft hätten.

Langsam, sehr langsam, stemmte sich der dunkle Lord in den Stand. Severus konnte die Wut pulsieren spüren. Die roten Augen wandten sich Crabbe und Goyle zu. „Wartet auf mich. Ich werde mit euch sprechen, wenn ich hier fertig bin. Das Kaminzimmer! Bewacht den Zugang!“ Die beiden Männer flohen regelrecht aus dem Raum. Voldemort wirkte einen Zauber, der verhindern sollte, dass noch jemand unerkannt die Grenzen des Hauses oder Grundstücks überquerte.

Erst jetzt wandte er sich Severus zu. „Severus, du hast bewiesen, dass du auf meiner Seite stehst.“, sprach er seine Gedanken aus. „Ich werde dich beizeiten dafür belohnen. Du wirst die Gelegenheit bekommen, dich an Potter zu rächen, wenn er vor mir kniet. Jetzt, wo Dumbledore ihn nicht mehr schützen kann, werden wir triumphieren. Doch vorher kosten wir unseren Sieg noch ein wenig aus. Wir werden Crabbe und Goyle nicht bestrafen, sondern den Auroren überlassen. Sie werden deine Beteiligung nicht weitergeben, aber glaubhaft machen, dass Dumbledore tot ist. Das wird die Zauberwelt in Angst und Schrecken versetzen. Wenn keiner weiß, dass du ihn ermordet hast, kannst du weiterhin als mein Spion dienen. Du hast mir einen sehr nützlichen Dienst erwiesen und wirst weiterhin treu an meiner Seite stehen. Gehe jetzt, damit niemand etwas vermutet. Zeige dich in Hogwarts, das wird sie überzeugen. Ich werde dich nur rufen, wenn ich sicher sein kann, dass du nicht gerade Unterricht hast oder gesehen werden kannst. Erwarte meinen Ruf in der Nacht oder am Wochenende. Theodore Nott oder Adrian Pucey werden alle anderen Nachrichten an dich weiterleiten.“

Severus verneigte sich tief, wie es von ihm erwartet wurde, dann ging er, ohne einen Blick auf die beiden Todesser, durch den Kamin in seine Räume in Hogwarts. Aus dem Feuer tretend bekam er keine Luft mehr. Nur ganz am Rande spürte er, wie er zusammen sank und von starken Armen aufgefangen wurde. „Atmen. Ganz ruhig atmen.“, hörte er schließlich Harrys Stimme. Langsam fand er zurück aus der Schwärze und spürte, wie seine Hände sich verzweifelt in Harrys Umhang klammerten. Plötzlich sprang er regelrecht auf. Ein innerer Drang bemächtigte sich seiner. Er musste es einfach wissen. „Albus!“, krächzte er.

„Ich komme mit.“, beschloss Harry. Severus überlegte nicht lange, nickte einfach. Harrys Gegenwart erleichterte ihn. Er deutete auf den Kamin. „Ich gehe voran, warte kurz, bis ich dich in den Schutz aufgenommen habe.“, bestimmte er hart und griff nach dem Flohpulver. „Malfoy-Manor.“ Harry folgte ihm nur eine Minute später. Er traf auf einen Tränkemeister, der hochkonzentriert einige Zauber wirkte. Als er geendet hatte, wandte sich Severus an Harry. „Hier sucht niemand. Ich habe die Fallen für Albus bereits deaktiviert, du bist jetzt auch in den Schutz integriert. Komm, sehen wir nach ihm.“ Eine unerträgliche Angst bemächtigte sich seiner. Er musste sich einfach selbst überzeugen, ob ihr Plan funktioniert hatte. Hastig eilte er durch das Manor in das vorbereitete Gästezimmer, immer gefolgt von Harry.

 

In der Zwischenzeit herrschte ein wahrer Tumult in der Winkelgasse, als Auroren auf zwei Männer aufmerksam wurden, die in der Nokturngasse herum schrieen. „Dumbledore ist tot! Der Lord wird siegen!“, wiederholten sie immer wieder. Schnell riefen sie Verstärkung und stellten die beiden Männer. Es brauchte nicht einmal ein Duell, einige einfache Entwaffnungszauber genügten. Gefesselt brachten sie die Gefangenen ins Ministerium, wo sie unter Veritaserum befragt wurden. Es gab immer einige Mitglieder des Zaubergamot, die gerufen werden konnten, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Dass es inzwischen kurz nach zwei Uhr morgens war, störte die Auroren nicht, denn sie erkannten, dass sie einen dicken Fisch an der Angel hatten. Was sie nicht wussten: Crabbe und Goyle, denn diese beiden hatten sie erwischt, hatten bereits einige Zeit in der Nokturngasse und auch in der Winkelgasse verbracht und dabei ihre Geschichte immer wieder erzählt, wie sie es vom Lord eingeprägt bekommen hatten. Auch mehrere Reporter, unter ihnen Rita Kimmkorn, die in der Winkelgasse wohnte, hatten es gehört. Am Morgen würde das die Schlagzeile der ersten Seite werden und für Rekordzahlen beim Tagespropheten sorgen.

„Was ist passiert, dass sie sich so freuen?“, stellte der Minister, der selbst zu der Befragung gekommen war, nach einigem Vorgeplänkel die entscheidende Frage.

„Dumbledore ist tot!“, grinsten die Männer schadenfroh. Crabbe sprach dann weiter: „Er ist in das Anwesen des Lords eingedrungen und hat versucht, in seinen Safe einzubrechen. Wir haben ihn geschnappt und vor den Lord gebracht. Er hat Nagini auf ihn gehetzt. Dumbledore hat gegen sie gekämpft und wurde anschließend von einem Avada getötet. Ihr habt bereits verloren! Unser Lord ist unbesiegbar, er wird uns aus Askaban holen! Er wird die Zauberwelt übernehmen und wir werden dann Minister!“ Er kicherte wie irre. Goyle fiel mit ein. Sie prahlten mit den Taten, die sie begangen hatten und amüsierten sich, als die Gesichter immer blasser und teilweise leicht grünlich wurden.

Der Minister und die Mitglieder des Gamot waren schockiert. Die Männer hatten unter Veritaserum ausgesagt, also stimmte es. Was das für den Widerstand bedeutete, war ziemlich klar. Wer würde nun gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen? Hatte Harry Potter alleine überhaupt eine Chance? Alastor Moody konnte dieses Gekicher irgendwann nicht mehr hören und belegte die Todesser mit einem Schweigezauber.

„Das Urteil?“, erkundigte er sich beim Minister.

Der wechselte nur einen Blick mit den Gamotsmitgliedern. „Magieentzug und Askaban.“, entschied er. Es gab genug Straftaten, die von ihnen gestanden worden waren, um sie mit dem Kuss des Dementors zu bestrafen, aber so ganz traute ihnen das Ministerium derzeit nicht, also hatten sie Askaban noch weiter gesichert und ließen die Dementoren nur noch in den Gängen patrouillieren. Es sorgte noch immer dafür, dass die Gefangenen ihre schlimmste Zeit wieder und wieder erlebten und so nicht in der Lage waren, auch nur einen Gedanken an Flucht zu schmieden, aber sie bekamen keinen Zugriff auf die Gefangenen, damit sie sie nicht befreien konnten. Moody übernahm es, den Zauber für den Magieentzug zu sprechen. Crabbe und Goyle wanden sich, aber es war still, der Zauber des Aurors wirkte noch immer. Erst, als die Kontrolle keinerlei Magiereste mehr in ihnen feststellte, beauftragte Moody vier seiner Auroren, die Gefangenen nach Askaban zu bringen.

Alastor Moody selbst rief eine Notfallsitzung des Ordens zusammen. Er apparierte nach Hogsmeade und eilte anschließend hinauf ins Schloss. Sie mussten unbedingt die Schutzzauber um die Schule erneuern, stellte er fest. Hoffentlich war Minerva bereits wach. Am Eingangstor wurde er von einem verweint aussehenden Wildhüter empfangen. „Komm'n sie, Pr'fessor McGonagall hat mich schon informiert, sie wird das Treffen im Schulleiterbüro abhalten. Kingsley is' bereits dort.“ Mit einem riesigen Tuch schnäuzte er sich die Nase, dann eilte er dem Chefauror voran.

Kingsley und Minerva erwarteten sie im Büro. Gerade kamen Molly, Arthur, Bill und Charlie durch den Kamin. Tonks saß am Tisch, sie hatte derzeit Tagschicht und wirkte dementsprechend verschlafen. Nach und nach trudelten die Ordensmitglieder ein. Ein Keuchen lenkte Moodys Aufmerksamkeit auf die Wand hinter dem Schreibtisch. Minerva stand da und hatte sich die Hand auf den Mund geschlagen. Entsetzt starrte sie in das Gesicht des Mannes, der in den letzten Jahren ihr Vorgesetzter gewesen war. Sein Portrait hing neben dem von Professor Dippet, Albus' Vorgänger.

„Also stimmt es wirklich.“, hauchte Alastor Moody. Er wandte sich an die anwesenden Ordensmitglieder. „Wir haben eben zwei Todesser befragt. Unter Veritaserum haben sie ausgesagt, dass Albus von ihnen getötet wurde.“

Auf dem Weg ins Gästezimmer konnte Harry seine Neugierde nicht mehr zurückhalten. „Was genau hatten sie geplant?“, platzte er heraus.

Severus war es Recht, so musste er nicht daran denken, mit wem er sonst hier gewesen war. Der Schmerz über den Verlust seines Gefährten raubte ihm beinahe die Besinnung, seit er hier im Manor war. „Albus ging, nachdem ich zum Lord gerufen wurde. Manche Tränke, die er verlangt, gebe ich nur ab, wenn er alleine ist.“ Harry sah ihn ungläubig an und kicherte schließlich. „Ja, auch der Lord ist eitel, wenn auch in anderer Hinsicht.“, bestätigte Severus. „Nun gut, weiter. Albus versuchte, an den Becher zu kommen, aber er ist mit Sicherheit gescheitert. Es sollte ein Ablenkungsmanöver sein. Crabbe und Goyle, die Väter deiner Klassenkameraden, haben ihn erwischt. Nun, er hat sich erwischen lassen, aber das haben sie nicht kapiert. Sie sind ihren Söhnen erstaunlich ähnlich. Also haben sie gehandelt, wie es von ihnen erwartet wurde. Sie brachten Albus zum Lord. Dieser hat Nagini auf ihn gehetzt und uns davon abgehalten, einzugreifen. Albus hatte den Basiliskenzahn dabei, den du ihm in deinem zweiten Jahr brachtest, gemeinsam mit dem Tagebuch.“ Harry erinnerte sich schaudernd und nickte. „Damit hat er Nagini getötet und den Horkrux in ihr vernichtet.“

„Also war diese Theorie richtig!“, unterbrach Harry.

„Allerdings. Als angeblich treuer Todesser habe ich den Todesfluch auf Albus gesprochen. Er war sicher, wenn ich es nicht wirklich will, kann er ihm nichts anhaben.“, fuhr Severus fort.

„Das heißt, sie wissen nicht, ob es funktioniert hat?“ Harry war entsetzt, kein Wunder, dass der Tränkemeister vorhin zusammen gebrochen war.

„Albus war sicher, es funktioniert, aber ich muss mich selbst überzeugen.“, wisperte Severus und konnte ein Zittern seiner Stimme nicht unterdrücken. Er musste weitersprechen, um nicht noch länger nachzudenken. „Ich hatte Albus einen Trank gegeben, der ihn für wenige Minuten wie tot erscheinen lässt. Verborgen in einer kleinen Kapsel, die er zwischen den Zähnen im richtigen Moment zerbeißen kann. Mein Fluch hat ihn getroffen und er ging zu Boden. Ich habe seinen Puls nicht mehr gefunden, auch der Lord war überzeugt, dass er tot war. Fawkes hatte ihn begleitet und alles ungesehen beobachtet, er kam und holte ihn im richtigen Moment. Laut Plan hat er ihn hier ins Gästezimmer gebracht, wo Albus wieder aufwacht. Wenn alles gut geht.“

Severus wurde immer schneller und riss am Ende eine Tür auf, die für Harry keinerlei Erkennungsmerkmale hatte. Eine unter vielen auf diesem Flur. „Albus?“

„Severus, mein Junge!“, kam es leise aus dem Bett. Albus hustete.

„Es hat geklappt!“ Die Erleichterung des Schwarzäugigen war greifbar.

„Es hat sogar wunderbar geklappt. Du hast es sehr gut gemacht, Severus. Die Nachwirkungen des Trankes werden langsam weniger.“, versicherte der Weißhaarige. „Fawkes hat sich um mich gekümmert.“

Severus trat zu ihm, musste einfach seine Hand auf den Arm seines Mentors legen. Er musste die Wärme und den Puls spüren. Albus hielt seine Hand fest, gab ihm Halt. „Ich lebe, Severus. Es ist gut.“ Sein Blick fiel auf Harry, der im Türrahmen stehen geblieben war. „Harry! Geht es dir gut?“

„Alles in Ordnung.“, lächelte der Jugendliche. „Ich konnte die Gefühle Voldemorts spüren, aber ich habe ihn draußen gehalten.“

„Das war sehr gut, Harry!“, strahlte Albus. „Trainiere weiterhin fleißig, du bist in kurzer Zeit sehr weit gekommen, aber du darfst nun nicht nachlassen.“

„Werde ich nicht.“, versprach Harry.

„Da hatte auch deine Freundin Miss Granger eine gute Idee, fällt mir ein, sie kam damit nach den Sommerferien zu mir.“ Albus' Augen starrten ins Leere, er schien sich zu erinnern. „Sie meinte, wir sollten Sportunterricht in Hogwarts einführen, so wie du im Sommer angefangen hast, das würde sicher allen Schülern gut tun und helfen, sie gesund zu halten. Leider konnte ich es so schnell nicht umsetzen, aber ich werde es nicht aus den Augen verlieren!“

„Ja, das wäre sicher gut, auch wenn ich froh bin, dass es dieses Jahr noch nichts wird, sonst hätte ich gar keine Freizeit mehr!“, grinste Harry. Plötzlich fiel ihm etwas ein und er drehte sich zum Tränkemeister hin. „Wird Voldemort ihnen jetzt befehlen, mich aus der Schule zu holen? Oder seinen anderen Anhängern, wie Montague, Pucey, Nott, Crabbe oder Goyle?“

„Du solltest dich zumindest von ihnen fernhalten. Noch gibt es keinen entsprechenden Befehl.“, beruhigte Professor Snape. „Ich werde keinen derartigen Befehl bekommen, denn der Orden soll bis zuletzt an mich glauben, hat der Lord beschlossen. Aber wiege dich niemals in Sicherheit, oft genug agieren übermotivierte Anhänger nicht so, wie sie sollen.“

„Ich werde aufpassen.“, nickte Harry. Er wusste, was von ihm abhing.

„Ihr solltet zurück in die Schule gehen.“, empfahl Albus. „Sicherlich spricht es sich bald herum und dann müsst ihr in Hogwarts sein. Inzwischen sollte das vorbereitete Portrait im Schulleiterbüro aufgetaucht sein. Der Zauber war nicht einfach, aber es wird funktionieren, bis ich wieder offiziell am Leben bin. Severus, du musst sehen, dass der Lord weiterhin an dich als seinen Spion glaubt. Hat es funktioniert, dass deine Beteiligung nicht bekannt wird?“

„Ich hoffe es.“, antwortete Severus. „Der Lord hat von sich aus entschieden, dass ich als Spion zu wertvoll für ihn bin. Er hat die Gedächtnisse von Crabbe und Goyle verändern wollen. Selbst. Danach wollte er, dass sie von Auroren geschnappt werden. Ich gehe davon aus, dass Moody entweder bereits Bescheid weiß oder aber bald davon erfahren wird.“

„Dann geht.“, drängte Albus. „Wir sehen uns, sobald sich die Wellen ein wenig beruhigt haben. Hier sucht keiner nach mir.“

„Sicher nicht.“, kommentierte Severus trocken. Er sah zu Harry. „Komm, wir müssen gehen. Es sollte nicht auffallen, dass du nicht in deinem Schlafsaal bist.“

Über den nächsten Kamin reisten sie zurück in Severus' Büro. Grinsend zog Harry seinen Tarnumhang heraus, den er seit dem Sommer immer bei sich hatte, und warf ihn über sich, bevor er durch die Tür ging, gefolgt von Severus, der gerade die Nachricht von Moody erhielt und zum Ordenstreffen in das Schulleiterbüro eilte. Ungesehen schaffte es Harry in sein Bett. Erschöpft fiel er in einen traumlosen Schlaf.

 

Beim Frühstück am Morgen ging ein Aufschrei durch die Reihen, als die Abonnenten des Tagespropheten ihre Zeitungen erhielten. Direkt auf der ersten Seite prangte ein großer, ganzseitiger Bericht über den Tod von Albus Dumbledore. Auch wenn – zumindest klein – dabei stand, dass es bisher dafür keine Bestätigung aus dem Ministerium gab, glaubten die Schüler, und auch die Lehrer, was darin stand. Als ein Beamter aus dem Ministerium durch die Tür in die Halle platzte und nach Harry Potter fragte, waren auch die letzten Zweifler sicher, dass es stimmte. Egal warum dieser Mann nach Harry fragte, sie waren überzeugt, dass es zusammenhing.

„Mister Potter, ich bin Bertie Higgs, ein Mitarbeiter des Ministeriums für Magie.“, stellte er sich vor, als er mit Harry hinter den Lehrertisch getreten war. Er warf einen Zauber über sie, sodass sie nicht belauscht werden konnten. „Ich bin unter anderem zuständig für magische Vormundschaften. Uns liegt ein Schreiben ihres bisherigen Vormunds Albus Dumbledore vor, dass im Falle seines Todes die Vormundschaft an Pythia Pomfrey, ihres Zeichens Medihexe hier in Hogwarts, gehen soll. Das bedeutet, dass Madam Pomfrey in Zukunft für sie zuständig ist. Sie hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht, verwaltet ihr Vermögen, kümmert sich um ihre Bedürfnisse. Haben sie das verstanden, Mister Potter?“

„Äh, ja. Ich denke schon.“, stammelte Harry, der etwas überfahren wirkte von der Rede.

„Mein Beileid zum Tod ihres Vormundes.“, erinnerte sich Higgs an seine guten Manieren.

In diesem Moment wirkte es, als würde Harry realisieren, was gerade passierte. Tränen schimmerten in seinen Augen. Als Bertie Higgs noch etwas sagen wollte, drehte sich Harry um und rannte quer durch die Halle, durch die Tür und nach draußen. Erst im Wald blieb er stehen. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, als er die Lichtung erkannte, auf der er bereits einige Male mit Luna die Thestrale besucht hatte. Hier ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Dass er gerade um Sirius weinte und nicht um Albus, wusste niemand, aber genau das hier wurde von ihm erwartet. Und, das wurde Harry in dem Moment bewusst, nach diesem Sommer hätte er auch um Albus so getrauert, wäre er wirklich gestorben.

Nach einer Weile spürte er mehr als er es hörte, dass sich jemand näherte. Schlanke, helle Arme legten sich um ihn und ihm strömte ein Duft in die Nase, den er jederzeit und überall wiedererkennen würde. „Luna.“

„Lass es ruhig raus, Harry.“, nahm sie ihn in den Arm. „Du weißt, dass er immer bei dir sein wird, so lange du ihn nicht vergisst.“ Gerade war Luna überhaupt nicht mehr träumerisch oder wirr, sondern einfach nur beruhigend da. Sie ließ zu, dass sich Harry an sie schmiegte und noch eine Weile leise weinte. Endlich hatte er die Kraft, die Tränen versiegen zu lassen. Eine ganze Zeit lang schmiegte er sich noch an Luna, genoss die heilsame Wärme ihrer Gegenwart. Er fühlte sich einfach nur geborgen und sicher. Schließlich hob er sein Gesicht an und sah in ihre hellen, blauen Augen. Ihr Blick hielt ihn gefangen. Ihre Augen strahlten eine Tiefe aus, in der Harry sich beinahe verlor. Und doch lebten sie. Unmerklich näherten sie sich einander an. Bis ihre Lippen sich aufeinander legten.

In Harry explodierte ein Feuerwerk. Nur ganz zart und vorsichtig lagen ihre Lippen aufeinander, aber es war berauschend und betörend. Alles kribbelte und Harry wollte mehr. Er zog Luna an sich, musste sie spüren. Genau auf dieses Gefühl, die Schmetterlinge im Bauch, die wie verrückt hin und her flogen, hatte er gewartet. Er hatte Cho geküsst, sogar einen Kuss mit Ginny getauscht, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was hier passierte. Dieser Kuss war … unbeschreiblich. Harry dachte nicht mehr, er fühlte nur noch. Und das, was er fühlte, war einfach perfekt.

Hektisch atmend trennten sie sich schließlich doch wieder. Ihre Finger verhakten sich automatisch ineinander. „Komm, gehen wir ein bisschen spazieren.“, schlug Luna leise vor. „Professor McGonagall hat den heutigen Tag für unterrichtsfrei erklärt. Sie werden eine Trauerfeier vorbereiten.“

„Ja, gehen wir spazieren.“, stimmte Harry zu. Lunas Gesellschaft war ihm angenehm, aber sonst wollte er gerade niemanden sehen. Auch wenn er wusste, es war gerade Hermine gegenüber ziemlich unfair, aber das würde er später klären. Jetzt war nur die süße, liebliche Luna wichtig, die an seiner Seite lief. Wie so oft barfuß. Sie blieben am Rand des Waldes, da Harry gerade nicht die Kraft hatte, sich den anderen Schülern zu stellen. Ohne ein Wort schien Luna es einfach zu wissen, was Harry gerade brauchte. Immer wieder blieben sie stehen und lehnten sich einfach aneinander. Manchmal berührten sich ihre Lippen, aber Harry zögerte dennoch ein wenig. Gerade war ihm das alles ein wenig viel, es wuchs ihm über den Kopf. Und Luna schien das zu verstehen, sie ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Dennoch schien sie die Nähe zu genießen, suchte immer wieder Hautkontakt zu Harry. Auch Harry genoss es, vor allem die Ruhe, die Luna nun ausstrahlte.

Gegen Abend gingen sie dann doch zurück in die große Halle zum Essen. Tagsüber hatten sie sich von Dobby etwas bringen lassen, da Harry keine Lust auf den Trubel gehabt hatte. Erleichtert lächelte Hermine, als sie ihn sah. Wissend blickte sie auf die immer noch verschlungenen Hände und strahlte sie an. Gemeinsam setzten sie sich an den Gryffindortisch, nahmen Luna einfach zwischen sich. Ginny stutzte einen Moment, dann ließ sie sich gegenüber auf die Bank sinken. Auch Neville setzte sich dazu. „Hi, Luna!“, grüßte er die Blonde. „Alles klar bei dir, Harry?“

Der Angesprochene nickte nur. Da sein Blick dabei Luna streifte, grinste nun auch Neville wissend. Dann wurde er ernst. „Harry, denkst du, Du-weißt-schon-wer wird nun angreifen? Ich meine, wenn Professor Dumbledore nicht mehr ist? Er war doch immer der Gegner, den Du-weißt-schon-wer gefürchtet hat?“

„Ich weiß es nicht.“, gab Harry zu. „Ich … ich konnte mich heute nicht damit beschäftigen. Aber ich schätze, ich werde mit Kingsley reden müssen. Ich meine, Professor Shacklebolt. Ich glaube, daran gewöhne ich mich nie.“ Er raufte sich die Haare, die ohnehin schon wirr abstanden, so wie immer halt. Luna griff mit einem sanften Lächeln nach seinen Händen und hielt sie fest. Als er etwas sagen wollte, küsste sie ihn einfach, was zu einem Raunen in der großen Halle führte. ‚Meiner‘ sagte das ganz klar und deutlich. Harry grinste in den Kuss, er war es gewohnt, aus allen möglichen Gründen heraus angestarrt zu werden, aber das hier war nicht ganz unangenehm. Zumindest so lange Luna ihn küsste, da schwebte er ohnehin in anderen Sphären. Das Kribbeln im Bauch liebte er jetzt schon, wollte dass es nie aufhörte. Hermine und Ginny seufzten nur, ein wenig neidisch, wie Neville fand.

„Du siehst deinen Viktor wenigstens in den Weihnachtsferien.“, flüsterte Ginny. „Aber ich habe nicht mal jemanden, von dem ich träumen kann.“

„Wie? Ich dachte, du und Michael Corner?“, wunderte sich Hermine.

„Schon lange nicht mehr.“, schüttelte die Rothaarige ihren Kopf, sodass die langen Haare flogen. „Aber momentan gibt es niemanden, und ich will auch nicht einfach irgendjemanden.“

„Ich auch nicht.“, gestand Neville. „Ich wünsche mir etwas, wie es meine Eltern hatten. Richtige, echte Liebe. Sie wären füreinander in den Tod gegangen.“ Seine Stimme wurde heiser.

Harry, der wusste, woran er dachte, drückte ihm aufmunternd die Hand. Es gab keine Worte, zumindest fand Harry keine, aber er wollte Neville wissen lassen, dass er nicht alleine war. Auch Hermine und Ginny zeigten ihm, dass sie da waren.

„Du wirst noch finden, was du suchst, Neville.“, meldete sich Luna mit einem leisen Singsang zu Wort. „Mach dich nicht verrückt, alles wird gut werden.“

Erstaunlicherweise wirkte Neville beruhigt und dankbar, als er das hörte. Sie wandten sich nun wieder dem Essen zu. In der Halle drehten sich die Gespräche zumeist um Dumbledore und seinen Tod, oder aber über Harry und Luna.

„Mister Potter?“, trat nun Kingsley Shacklebolt zu ihnen. „Ich würde sie gerne sprechen, nach dem Essen in meinem Büro.“

„Natürlich, Professor. Ich komme gleich.“, antwortete Harry.

„Lassen sie sich Zeit, erst wird in Ruhe gegessen.“, bestimmte der Professor mit einem halben Grinsen. In der Nacht war er, gemeinsam mit Moody, zum neuen Vorsitzenden des Phönixordens gewählt worden. In dieser Eigenschaft wollte er nun mit Harry sprechen. Sie wussten nur, dass Albus bestimmte Pläne und Ideen mit Harry ausgearbeitet hatte, was genau wollte er nun erfahren.

Eine Stunde später saßen sie in Kingsleys Büro. Auch Moody und Minerva waren anwesend. „Also, Harry.“, begann der Dunkelhäutige. „Wir würden gerne mit dir die weiteren Pläne des Ordens absprechen. Dazu brauchen wir eine Information von dir, was Albus mit dir geplant hat. Wie du nun weiter vorgehen wirst. Ich weiß, dass auch er und sogar Severus mit dir trainiert haben. Was hast du dort gelernt?“

Harry schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht sagen.“, lehnte er ab. „Al… Professor Dumbledore wollte nicht, dass sich dieses Wissen verbreitet. Aber zumindest weiß ich, wie ich Voldemort besiegen kann. Das wird aber noch dauern. Ich arbeite daran, aber der Professor und ich konnten nicht alles herausfinden, bevor ...“ Er brach ab und schluckte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er in den Augen des Ordens nun alleine dastand. Professor Snape wollte nicht, dass seine Beteiligung bekannt wurde, das war ihm zu riskant. Jeder aus dem Orden war ein Ziel für Voldemort, und das Wissen, dass Severus auf ihrer Seite stand, war mehr als gefährlich für ihn. Ihm wurde heiß und kalt gleichzeitig, doch er bemühte sich, dass ihm niemand etwas anmerken konnte. Gerade war er sehr froh zu wissen, dass Albus noch lebte. Der wollte sich nun wohl mit der Bibliothek der Malfoys auseinandersetzen.

„Harry, wir wissen, dass dich das sehr mitnimmt.“, sprach Professor McGonagall nun auf ihn ein. „Aber es ist wichtig, dass wir wissen, wie du nun weitermachen wirst, damit wir dich unterstützen können.“

„Im Moment brauche ich Zeit.“, erklärte Harry vorsichtig. „Ich muss bestimmte … Dinge finden. Vorher kann ich mich Voldemort“, hier zuckte seine Hauslehrerin zusammen, „nicht entgegen stellen. Jedenfalls nicht erfolgreich. Nur so viel, wir haben das Geheimnis seiner Unsterblichkeit gelüftet. Daran haben wir gearbeitet. Jetzt muss ich sehen, dass ich weitermache, aber es ist nicht einfach. Verschaffen sie mir Zeit, so viel wie möglich. Und fragen sie nicht, wenn ich zwischendurch verschwinde.“

„Nun gut, aber solltest du das Gelände verlassen und in der Öffentlichkeit unterwegs sein, wüssten wir gerne Bescheid.“, schränkte Kingsley ein. Harry nickte nach kurzem Zögern. Er konnte ihnen sagen, wenn er ging, aber er würde nicht sagen, wohin. Auch wenn er wohl nicht sagen würde, wenn er mit Professor Snape zu Albus ging. Aber dann war er ohnehin nicht in der Öffentlichkeit, also sprach nichts gegen das Versprechen. Er musste mit seinem Mentor sprechen, wie es nun weiterging. Wo sollten sie nun suchen?

„Wenn du Hilfe brauchst, Harry, dann melde dich.“, mischte sich nun Moody in seiner knurrigen Art ein. „Wir werden versuchen, dir zu helfen, ohne viele Fragen zu stellen. Aber wir werden uns Sorgen um dich machen, immerhin bist du noch nicht einmal volljährig.“

„Danach hat bisher auch niemand gefragt.“, schnappte Harry. „Seit ich in der Zauberwelt bin, erwarten die Menschen von mir, Voldemort endgültig zu vernichten. Keiner hat gefragt, wie alt ich bin, als ich mich Quirrell stellen musste. Niemanden hat es interessiert, dass ich noch nicht einmal dreizehn war, als ich in die Kammer des Schreckens ging, um Ginny zu retten. Niemand hielt es für nötig, mir von Sirius zu erzählen, nein, es wurde den Dementoren überlassen, mich davon abzuhalten. Keiner hat sich gekümmert, als ich im Turnier feststeckte. Professor Dumbledore hat mir zumindest inzwischen gestanden, dass er keinen Weg fand, mich rauszuholen, aber wenn Hagrid nicht gewesen wäre, hätte ich nicht einmal von den Drachen gewusst! Von Umbridge will ich nicht einmal reden. Da hat nie jemand gefragt, wie alt ich bin. Und jetzt, wo ich bereit bin, das mir auferlegte Schicksal zu erfüllen, da fällt euch plötzlich ein, dass ich nicht volljährig bin? Das könnt ihr euch sparen, ich weiß, was ich tue. Und ich entscheide, was ich wann mache. Ich bin dankbar, wenn ich Hilfe bekomme, aber ich entscheide, was und wann.“ Harry hatte sich in Rage geredet.

„Schon gut, Harry.“, versuchte Kingsley, ihn zu beruhigen. „Wir werden da sein, wenn du uns brauchst, dir aber ansonsten die Entscheidungsfreiheit lassen.“

Mehrmals atmete Harry tief durch. „Danke.“

„Gerne, Harry.“, lächelte Minerva McGonagall. „Ich mache dir einen Vorschlag. Ich weiß, dass du im Sommer eine Wohnung hier hattest. Du kannst sie weiterhin nutzen, aber auch dein Bett im Turm wird dir zur Verfügung stehen. Dann bist du unabhängiger.“

„Okay.“, lächelte Harry nun. Das erleichterte ihm Vieles. So würden sich seine Klassenkameraden nicht wundern, wenn er mal nicht in seinem Bett war. „Ich werde jetzt noch schnell in den Krankenflügel gehen.“

„Bist du verletzt?“, wollte seine Hauslehrerin entsetzt wissen.

„Nein.“, schüttelte Harry den Kopf. „Madam Pomfrey ist mein neuer Vormund, das hat Professor Dumbledore so bestimmt. Er hat mich abgesichert, dass ich nie wieder … Naja, ich meine … ich gehe jetzt wohl besser in den Krankenflügel.“

„Oh.“, war die etwas sprachlose Antwort, was Harry zum Lachen brachte.

„Seit wann verteidigst du ihn so, Junge?“, wunderte sich Moody nicht zum ersten Mal. „Dumbledore, meine ich.“

„Seit dem Sommer.“, verriet Harry. „Wir haben uns ausgesprochen und einen neuen Anfang gemacht. Ich sehe ihn inzwischen beinahe wie einen Vater. Er wollte eigentlich nicht, dass es sich herum spricht, aber im Orden ist es okay. Finde ich jedenfalls. Und erpressbar machen wir uns damit nun nicht mehr.“

„Wir werden es nicht weitergeben.“, brummte der Chefauror. „Aber jetzt solltest du schlafen gehen. Eine anstrengende Zeit liegt vor dir. Vor uns allen, wie ich befürchte. Melde dich, wenn du was brauchst, Junge.“

„Werde ich. Danke, Mister Moody.“, lächelte Harry. Er stand auf. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“, wünschten die beiden Lehrer, während Moody nur brummte.

Minuten später war Harry im Krankenflügel. Die Medihexe hatte ihn scheinbar erwartet. Ihre Augen waren leicht rot und geschwollen, sie musste geweint haben. Aber sie umarmte ihn mit einer Wärme, die Harry als mütterlich interpretierte. „Alles in Ordnung, Harry? Ich hatte schon früher mit dir gerechnet.“, murmelte sie.

„Es geht mir gut, ich war mit Luna draußen.“, antwortete Harry müde. „Wie geht es jetzt weiter?“

„Erst einmal läuft alles so weiter wie gehabt.“, beruhigte Poppy. „Wir werden uns mal in Ruhe zusammensetzen, damit wir alles besprechen können. Ich habe nicht vor, mich mehr als nötig einzumischen. Wenn etwas ist, dann kannst du zu mir kommen.“ Sie hielt einen Moment inne, um Harry die Chance zu geben, etwas zu sagen. Als nichts kam, sprach sie weiter. „Wie geht es Severus? Ich weiß, dass du ihn unterstützt. Was auch immer zwischen euch ist. Ich werde nicht fragen. Aber wenn du Probleme hast, dann komm zu mir.“

„Werde ich, Madam Pomfrey.“, versprach Harry.

„Also, das ist nun wirklich Quatsch. Du gehörst hier im Krankenflügel schon fast zum Inventar, und jetzt bist du sogar mein Mündel. Nenn' mich Poppy.“, bot sie an.

„Danke.“, grinste Harry. „Woher kommt der Name Pythia? Ich dachte immer, … dein Vorname wäre Poppy.“

Sie lachte. „Meine Eltern waren Forscher. Ich kam in Griechenland zur Welt, deshalb wollten sie mir einen außergewöhnlichen, griechischen Namen geben. Pythia war eigentlich früher ein Titel, nämlich für die weissagende Priesterin im Orakel von Delphi. Naja, so etwas habe ich nie geschafft. Als Schülerin hat sich dann aus den Namen Pomfrey Pythia Poppy entwickelt, das ist mir geblieben.“

„Oh.“, machte Harry und gähnte.

„Du solltest jetzt schlafen gehen. Du hast eine Menge mitgemacht. Vergiss deinen Schlaf nicht.“, mahnte sie. „Wir sehen uns morgen, dann mache ich die Kontrolle und die Untersuchung auf einmal. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Poppy!“ Harry lief nach draußen und wollte in den Turm.

„Kann ich mit dir reden?“, hielt ihn auf einmal eine Stimme aus den Schatten auf.

Beinahe zu Tode erschrocken hielt Harry inne und starrte in die Ecke, aus der die Stimme kam. Langsam löste sich die hochgewachsene, schmale Gestalt aus der Dunkelheit, die Harry dann doch erkannte. „Blaise!“, keuchte er.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“, kam es leise von Blaise.

„Schon gut.“, winkte Harry ab. Blaise war ein ruhiger Schüler, ziemlich unauffällig. Seit diesem Jahr auch recht einsam in seinem Haus, fiel Harry erneut auf. Schon seit fast zwei Wochen wartete er darauf, dass der Blauäugige ihn noch einmal ansprach. „Was möchtest du wissen?“

„Stimmen die Gerüchte? Ist Dumbledore wirklich tot?“

„Es scheint so. Keiner hat eine Leiche gesehen, aber ich habe erfahren, dass die Auroren zwei Todesser gefangen haben, die es unter Veritaserum aussagten.“, antwortete Harry nach einem Moment ehrlich. Er hasste es zu lügen, und wahrscheinlich wussten die meisten Slytherins ohnehin Bescheid.

Blaise sank in sich zusammen. „Dann kann er mir nicht mehr helfen.“, wisperte er.

„Helfen?“, erkundigte sich Harry, nun mehr als interessiert. Vielleicht bekam er nun heraus, was Blaise wollte, vielleicht konnte er ihm helfen. „Wobei?“

„Ich … ach, nichts.“, zuckte Blaise ungemütlich die Schultern und sah sich um. „Ich muss los, gute Nacht, Harry.“ Und weg war er.

Nachdenklich lief Harry in seinen Schlafsaal, er fühlte sich vollkommen erschlagen. In der letzten Nacht hatte er nur etwa zwei Stunden geschlafen, nun wollte er nachholen. Doch Ron hielt ihn auf. „Ich muss mit dir reden.“, kam es von dem Rothaarigen.

„Im Schlafsaal.“, nickte Harry ergeben und ging voran. Leise vor sich hin murrend folgte ihm Ron. „Also, was ist los?“, fragte Harry, als sie alleine waren.

„Wo warst du letzte Nacht?“, fauchte Ron. „Und sag nicht, dass du in deinem Bett warst, denn ich habe immer wieder nachgesehen. Erst beim Aufstehen warst du hier, aber noch um vier Uhr war dein Bett leer.“

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“, knurrte Harry und musste sich beherrschen, um nicht zu schreien. „Jeder erwartet von mir, Voldemort zu vernichten, aber wenn ich was dafür mache, dann passt es auch wieder nicht. Du kannst gerne meinen Ruhm haben, wenn du willst, aber den gibt es nur mit diesen ständigen Fragen. Und die nerven tierisch!“

„Du … du bist tatsächlich …? Dann ist Dumbledore wirklich …?“ Ron war blass geworden, so sehr, dass seine Sommersprossen die einzige Farbe in seinem Gesicht waren.

„Nein, ich war nicht dabei.“, winkte Harry ab. „Aber ich glaube nicht, dass der Bericht falsch ist. Übertrieben vielleicht. Jedoch wäre Dumbledore sicher schon aufgetaucht, wenn es nicht stimmen würde. Und … heute morgen war ein Mitarbeiter des Ministeriums, ein gewisser Bertie Higgs, hier, er hat mir erklärt, dass Dumbledore bestimmt hat, wer mein neuer Vormund sein wird. Madam Pomfrey hat jetzt das Sagen.“

„Bertie Higgs? Den hat Dad mal erwähnt, glaube ich.“ Ron war deutlich ruhiger. „Du und Luna?“, wechselte er dann abrupt das Thema.

Harry entspannte sich ein wenig. Wenn Ron so mit ihm sprach, hatte sich der Streit gelegt. Sie würden nicht mehr so eng sein wie früher, dafür war zu viel passiert, aber Harry wollte seinen ersten wirklichen Freund nicht verlieren. Wenn er ihm auch nicht mehr so bedingungslos vertraute. „Sie … sie ist was Besonderes.“, gab er zu. Genau wusste er nicht, was da nun war, also ging er in die Offensive. „Und bei dir und Lavender? Sie scheint ja wirklich auf dich zu stehen.“

„Jaaa.“, dehnte Ron, nicht ganz so begeistert, wie Harry erwartet hätte. „Sie ist extrem einnehmend. Ständig will sie knutschen und hängt an mir. Ich mag sie ja schon irgendwie, aber ...“

„Dann solltest du Schluss mit ihr machen.“, riet Harry.

„Wenn das mal so einfach wäre.“, seufzte Ron. „Wie hast du das mit Cho gemacht?“

„Äh, das hat sich irgendwie von selbst erledigt, bevor es richtig angefangen hat.“, zuckte Harry die Schultern.

„Du Glückspilz.“, murrte Ron. Harry lachte und klopfte seinem Freund, das war er nun wohl wieder, auf die Schulter. „Du machst das schon!“

„Hey, alles wieder klar bei euch?“, unterbrachen nun Neville, Dean und Seamus die Unterhaltung.

„Jaaa, denke schon.“, grinste Ron. „Wie hat Dumbledore immer gepredigt? In diesen Zeiten müssen wir zusammenhalten.“

„Ja, das sollten wir wirklich.“, nickte Neville.

„Lasst uns schlafen.“, gähnte Seamus. „Morgen ist wieder Unterricht, am Samstag dann die Trauerfeier für Dumbledore.“

Sie machten sich gemeinsam im Bad fertig, dann schlüpften sie in ihre Betten. „Übrigens, nicht wundern, Leute, ich habe eine eigene Wohnung hier im Schloss!“, verriet Harry noch vor dem Einschlafen. „Ein Vorteil, wenn der Schulleiter mein Vormund ist. Oder eher war. Aber die Wohnung bleibt mir.“

„Cool, dann können wir mal Party feiern!“, freute sich Dean. Sie lachten laut, doch nach und nach wurde es ruhiger, bis sie alle schliefen.

Die Trauerfeier für Dumbledore war groß und feierlich. Viel zu pompös, wie Harry fand. Luna war gemeinsam mit ihm hingegangen, er hielt sich aber fern von den Reportern. Er hatte keine Lust auf die Fragen. Luna unterstützte ihn dabei, hatte ihre Augen dort, wo Harry gerade nicht hinsah. Poppy blieb ebenfalls bei ihm, um ihn zu unterstützen. Sie nahm ihre Rolle als Vormund durchaus ernst, aber sie ließ Harry seine eigenen Entscheidungen treffen, so lange sie ihn nicht gefährdeten. In der Schüler-Vorsorge-Untersuchung war nichts Neues aufgetaucht, aber er hatte ein wenig zugenommen, was Poppy durchaus positiv fand. Dennoch würde sie ihn weiterhin engmaschig überwachen, hatte sie beschlossen. Harry beobachtete Professor Snape, der sich ganz im Hintergrund hielt. Er wirkte noch schmaler als sonst, sein Gesicht hohlwangig, die Augen mit dunklen Ringen. Wie lange würde er noch durchhalten? Die Trennung von seinem Gefährten machte ihm offenbar deutlich mehr zu schaffen als er zugab. Er fragte nicht von sich aus nach Blut, nahm aber Harrys Arm inzwischen dankbar und ohne Protest an. Nach beinahe jedem Unterricht blieb Harry kurz, aber vor allem bei ihren gemeinsamen Stunden trank der Vampir gierig. Jeden Tag schluckte Harry einen Blutbildungstrank, so viel brauchte der Schwarzäugige. Und doch schien es ihm nicht zu reichen. Mehrmals hatte Harry im Unterricht bemerkt, wie die Hand des Tränkemeisters zitterte. Er versuchte, es zu verbergen, aber ewig schaffte er das nicht. Sein Gefährte und seine Kinder fehlten ihm unendlich, wie es schien. Und gerade das machte ihn umso menschlicher in Harrys Augen. Daher gab er Luna nach der Feier einen Kuss und entschuldigte sich für eine Weile.

„Potter?“ Fragend sah der Slytherin ihn an, als er an der Tür des Büros klopfte. Dennoch ließ er ihn ein.

„Professor, kann ich irgendwas tun?“ Harry sah ihn besorgt an.

Severus schüttelte den Kopf. Es gab nichts, was Harry tun konnte. Gebundene Gefährten waren aufeinander angewiesen, mussten sich zumindest in ihrer Verbindung spüren. Seit Wochen war da, wo normalerweise die Verbindung zu Luc gewesen war, einfach nur ein Loch. Harrys Blut war, zusammen mit dem Wissen um seine Kinder, gerade alles, was ihn noch am Leben hielt. Ein wenig auch der Wunsch nach Rache. Er sank auf dem Sofa in sich zusammen, umklammerte sich selbst. Zögernd trat Harry zu ihm, unsicher, ob er seinen Professor anfassen durfte.

„Es schmerzt, als hätte ich ein Loch in meiner Brust.“, wisperte der Ältere irgendwann leise. Er hatte nicht mehr die Kraft, so zu tun, als wäre nichts. Als sich Harrys Arme um ihn legten, lehnte er sich in die Umarmung. „Der Lord hat nun Panik, dass Albus dir von den Horkruxen erzählt haben könnte.“, berichtete er beinahe lautlos. „Und er tobt, weil keiner Zissa oder Draco findet, nicht einmal eine Spur hat er. Das Vermögen der Malfoys fehlt ihm. Außerdem will er sie bestrafen für Lucius' Verrat.“ Zitternd atmete er ein, alleine das Nennen des Namens brauchte eine Menge Kraft.

„Sch.“, machte Harry. Fest hielt er ihn in den Armen, gab ihm ein wenig Kraft. „Ruhig atmen, Professor. Ich bin hier, schlafen sie ein wenig.“ Er ahnte, dass der Professor in den letzten Wochen kaum Schlaf fand.

Severus griff nach dem Arm, den Harry ihm hinhielt, eine stumme Aufforderung. Gierig trank er, aber es war einfach nicht das Blut, das sein Vampir wollte. Es war, als ob ein Fleischfresser auf einmal nur noch pflanzliche Nahrung bekommen würde. Erschöpft lehnte er sich am Ende zurück und schlief tatsächlich ein. Wie lange hatte er nicht mehr richtig geschlafen? Schon seit Luc in Askaban gewesen war. Damals noch aus Sorge und weil er Lucius' Gefühle so deutlich spürte. Seit seinem Tod plagten ihn Schmerzen und Alpträume. Mehr als drei oder vier Stunden pro Nacht schlief er nicht, jedenfalls nicht ohne Tränke. Harry hielt ihn und wachte über den Schlaf des Professors. Sobald sein Atem unruhig wurde, sprach er leise und beruhigend auf ihn ein. Zwischendurch überlegte er, wie er nun vorgehen sollte. Er musste dringend mit Albus sprechen, so viel war klar. Vielleicht hatte der Ältere eine Idee oder gar einen neuen Hinweis. Das Wichtigste war, die Horkruxe zu identifizieren, ihre Verstecke zu finden, und sie zu zerstören. Dann erst konnte er etwas gegen Voldemort unternehmen. Irgendwann döste auch er ein, neben dem Tränkemeister auf dem Sofa sitzend.

Erst am Abend wachten beide wieder auf, ein wenig verwirrt, weil sie im ersten Moment nicht genau wussten, wo sie waren. Severus zuckte hoch und straffte sich. Er löste sich von Harry. Auch wenn er dankbar war, weil dieser ihm einen ruhigen Schlaf verschafft hatte, aber das durfte kein Dauerzustand werden. Harry stand auf und räusperte sich unbehaglich. „Können wir zu Albus gehen?“, bat er rau.

„Nach dem Abendessen.“, nickte Severus. „Wir dürfen nicht auffallen. Die Gefahr ist zu groß.“

Harry nickte. „Ich bin froh, nicht auf mich alleine gestellt zu sein.“, gab er zu.

„Miss Lovegood wird dich sicher nicht alleine lassen.“, neckte Severus ein wenig. Gerade fühlte er sich besser als in den letzten Monaten, auch wenn ihm klar war, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde.

„Nein, sicher nicht.“, lächelte Harry, der rot angelaufen war.

„Na, dann ab mit dir zum Essen. Wir treffen uns zur Sperrstunde, dann fallen wir nicht so auf.“, entschied Severus. Das gab ihm ein wenig Zeit, wieder zu sich zu kommen. Dennoch ging er selbst auch zum Essen. Damit konnte er seine Schlangen im Auge behalten. Und das musste er, denn viel zu viele von ihnen waren bereits Anwärter auf das dunkle Mal. Diejenigen, die keinen Wert darauf legten, wurden intern stark unterdrückt, aber nach außen hin merkte das niemand. Er als Hauslehrer musste darauf achten, dass diesen wenigen Schülern nichts passierte. Dabei durfte er allerdings keinen Verdacht auf sich lenken, denn die anderen Schüler berichteten zuhause, was sie hier erlebten. Severus durfte nicht riskieren, dass sie einen Verdacht beim Lord erweckten. Als Spion aufzufliegen würde alle Pläne zunichte machen. Auf der anderen Seite verlangte der Lord auch von ihm, den Orden auszuspionieren, dafür musste er gewisse Abstriche machen. Eine Gratwanderung, und der Grat wurde immer schmaler. Severus kam sich meist vor wie bei einem Drahtseilakt. Nur mit Harry oder Albus musste er nicht so sehr aufpassen. Er spürte, wie sehr er solche Auszeiten brauchte.

„Severus, wir müssen in einer Lehrerversammlung klären, wie wir nun weitermachen.“, sprach Minerva ihn beim Essen an. „Zwar bin ich stellvertretende Direktorin, aber ich kann nicht als Schulleiterin, Hausvorstand und Verwandlungslehrerin gleichzeitig arbeiten. Entweder brauchen wir einen neuen Direktor, oder einen neuen Lehrer für Verwandlung und als Hauslehrer.“

„Wann?“, erkundigte sich Severus einsilbig.

„Morgen um zehn Uhr. Im Lehrerzimmer.“, war die prompte Antwort.

„Ich werde da sein.“, versprach der Tränkemeister, dann stand er auf und ging in die Kerker zurück. Er wollte noch einen Trank brauen, den Poppy angefordert hatte, bevor er mit Harry zu Albus ging. Beinahe pünktlich – etwa zehn Minuten nach Beginn der Sperrstunde – klopfte der Jugendliche an die Bürotür. Getarnt unter seinem Umhang trat Harry in das Büro, wo er den Umhang abnahm und in seine Tasche stopfte. Wortlos deutete Severus auf seinen Kamin. Nacheinander flohten sie ins Manor.

„Severus, Harry!“, grüßte Albus sie ziemlich erfreut. „Wie schön, dass ihr mich besuchen kommt!“

„Wir haben nicht viel Zeit.“, schränkte Severus ein. „Immerhin sollen wir unauffällig bleiben.“

„Gut, dann zügig.“, stimmte Albus ernst zu. „Ich konnte leider noch nichts herausfinden. Aber ich bin auch erst am Anfang meiner Suche. Mein Ziel sind die Bücher, in denen Informationen über die Gründer stehen, damit wir die letzten beiden Horkruxe, oder auch nur den letzten, identifizieren können. Wir vermuten zwar das Diadem von Ravenclaw, aber wir wissen nicht, ob Riddle das gefunden haben könnte. Die graue Dame spricht nicht darüber, das habe ich bereits mehrmals vergeblich versucht. Sie ist die Einzige, die vielleicht einen Hinweis liefern könnte.“ Er seufzte.

„Die graue Dame? Das ist doch der Hausgeist von Ravenclaw?“, wunderte sich Harry.

„Richtig, Harry.“, nickte Albus. „Aber, und das weiß kaum jemand, sie war auch die Tochter von Rowena. Ihr Name im Leben war Helena Ravenclaw.“

Harry schnappte nach Luft. Das überraschte ihn gerade so richtig. Selbst Severus Snape wirkte vollkommen geschockt. Offenbar wusste auch er das nicht. Doch er erholte sich eher von dem Schock. „Dann sollte Harry vielleicht mit Miss Lovegood sprechen.“, schlug er trocken vor.

Interessiert sah Albus auf den Jugendlichen, dessen Wangen zartrosa anliefen. Wissend schmunzelte der Weißhaarige. „Ah, junge Liebe!“, murmelte er. Dann wurde er wieder ernst. „Gibt es sonst etwas Neues?“

„Minerva hat erst einmal die Leitung der Schule übernommen, aber entweder brauchen wir einen neuen Lehrer, oder einen neuen Direktor. Sie schafft nicht beides, meinte sie heute zu mir. Morgen ist deswegen eine Lehrerversammlung.“, berichtete der Tränkemeister. „Der Lord sucht weiterhin nach Draco und Zissa, außerdem versucht er herauszufinden, wie viel du Harry an Information gegeben hast. Deshalb“, jetzt blickte er Harry ernst an, „musst du unbedingt darauf achten, dass dein Geist immer geschützt ist. Zwar habe ich die entsprechenden Informationen geschützt, aber darauf würde ich mich an deiner Stelle nicht ausschließlich verlassen. Der Lord ist zu gut in dem, was er tut.“

„Ich werde diesmal nicht schlampern.“, versprach Harry.

„Das weiß ich.“, versicherte Severus und legte Harry die Hand auf die Schulter. „Ich wollte dich damit nur daran erinnern, dass deine Vorsicht niemals nachlässt.“

„Ich sehe schon, ihr beiden ergänzt euch wunderbar!“, strahlte der Älteste. „Ich bin wirklich stolz auf euch und das, was ihr gemeinsam schafft.“ Eine Weile schwieg er und sah nachdenklich in die Ferne. „Harry, würdest du Kreacher bitten, mir einige Bücher aus dem Black-Haus zu bringen?“

„Natürlich, Albus, das ist kein Problem.“ Er rief nach seinem Hauselfen. Kreacher tauchte sofort auf. „Kreacher, bitte höre auf Professor Dumbledore hier. Er möchte sich verschiedene Bücher aus dem Grimmauldplatz ausleihen. Ich möchte, dass du ihm bringst, was er braucht, und die restlichen wieder zurück bringst.“

„Kreacher wird tun, was Meister Harry verlangt.“, verbeugte sich der Hauself. „Wird Meister Harry die Aufgabe von Master Regulus vollenden können?“

„Noch nicht.“, schüttelte Harry bedauernd den Kopf. „Deshalb brauchen wir die Bücher, vielleicht finden wir darin Informationen. Uns fehlen noch einer oder zwei Horkruxe, von einem dritten wissen wir immerhin wo er ist und was es ist. Aber wir kommen im Moment nicht daran.“

„Kreacher wird helfen, wo er kann.“, versprach der Hauself. Er ließ sich von Albus eine Liste von Büchern geben, in denen er Informationen vermutete, die aber in der Bibliothek der Malfoys fehlten. „Kreacher wird sehen, ob die Bücher im Haus sind, und sie bringen.“ Damit verschwand er.

„Harry, ich möchte dir etwas geben.“, winkte Albus den Jugendlichen zu sich. „Das hier ist der Ring, der einst ein Horkrux war. Noch habe ich nicht alle Geheimnisse darum gelöst, aber ich habe eine Ahnung, dass er für dich noch wichtig sein wird. Behalte ihn immer bei dir. Ich weiß nicht warum, aber ich spüre, dass es wirklich von entscheidender Bedeutung ist.“

„Das werde ich.“, versprach Harry, auch wenn er verwirrt war. Er steckte den Ring ein.

„Wie steht es mit den Befehlen Harry betreffend?“, erkundigte sich Albus besorgt bei Severus. „Kann er gefahrlos in Hogsmeade sein, oder in Hogwarts?“

„Derzeit schon.“, beruhigte Severus. „Der Lord will ihn in Sicherheit wiegen. Er ist überzeugt, Harry würde vor Angst vergehen, wenn er nun alleine dasteht und sieht, dass sogar der magisch starke Albus Dumbledore von ihm bezwungen wurde.“ Er sah Harry an. „Vielleicht solltest du zwischendurch auch entsprechende Gefühle durch die Verbindung sickern lassen. Aber auf keinen Fall die Verbindung aktiv werden lassen. Nur die Gefühle, die du empfindest, reichen schon aus, wenn du intensiv genug fühlst.“

„Ich werde es versuchen.“, nickte Harry, der verwirrt aussah. „Aber er wird auch merken, was mir Luna bedeutet, oder?“

„Das wird er, aber mit derartigen Gefühlen kann er nicht viel anfangen.“, nickte Albus. „Er kennt keine Liebe, das überfordert ihn.“ Harry wirkte nicht ganz überzeugt, aber ihm war klar, dass er seine Gefühle für Luna ohnehin nicht kontrollieren könnte, also war es ziemlich egal. Davon wusste Voldemort sicher schon.

„Wir gehen besser jetzt.“, mahnte Severus nun. „Wir sind schon zwei Stunden weg und dürfen nicht auffallen.“

„Geht ruhig.“, lächelte Albus. „Ich werde hier sein, wenn ihr mich braucht. Mit den Büchern bin ich sicher noch eine Weile beschäftigt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, aber solltest du, Severus, Vielsafttrank vorrätig haben, würde ich gerne erkunden, wo sich Riddle als Kind und Jugendlicher aufgehalten hat, vielleicht finde ich dann Hinweise auf mögliche Verstecke.“

„Ich werde sehen, was ich tun kann, aber derzeit habe ich nichts vorrätig, und auch einige Zutaten dafür fehlen mir. Der Lord hat eine Menge davon geordert und bekommen, wobei er im Moment damit nur wenig Unheil anrichten kann, da ihm die Leute fehlen. Moody ist sehr erfolgreich mit dem Verhaften von Todessern.“, berichtete Severus.

„Nun gut, dann kümmere ich mich erst einmal um die Recherche.“, entschied der ehemalige Schulleiter. „Ich wünsche euch eine gute Nacht.“

„Gute Nacht.“, wünschten die beiden Schwarzhaarigen und verschwanden in Richtung Kamin. Harry entschied, diese Nacht in seiner Wohnung zu schlafen, um nicht erneut aufzufallen. Dann konnte er kommen und gehen, wie er wollte. Und er konnte den Sonntag zum Ausschlafen nutzen, bevor er Laufen ging und anschließend Zeit mit Luna verbrachte. In seinem Koffer kramte er nach einem Lederband, das er früher als Gürtel genutzt hatte. Jetzt hängte er den Ring daran und knüpfte es um seinen Hals, wo er den Ring unter sein T-Shirt fallen ließ.

 

Severus hingegen musste erst einige Male tief durchatmen, als er alleine war. Im Haus seines Gefährten zu sein, war beinahe über seine Kraft gegangen. Es schmerzte so sehr, schien mit der Zeit eher mehr zu werden als weniger. Und doch würde er nicht aufgeben, egal was es ihn kostete. Zu viel hatte der Lord ihm genommen, als dass er ihn nun davonkommen lassen wollte. Sein Ziel war eindeutig Rache. Und wenn er dafür mit Gryffindors zusammenarbeiten musste, dann störte ihn nicht einmal das. Zumindest hatte er Albus in einem Flügel des Manors untergebracht, in dem sie selten gewesen waren. Die Erinnerungen dort waren nicht so stark. Wie oft er das allerdings noch schaffte, bevor Albus oder Harry etwas merkten, war er nicht sicher.

Am Morgen stand er gerädert auf. Erneut hatten ihn nach kurzer Zeit Alpträume heimgesucht. Dennoch rappelte er sich auf und ging duschen, damit die Kollegen keinen Verdacht schöpften. Die Schüler, das wusste er, beschwerten sich bereits über seine Launen und die Punktabzüge. Aber da das fast immer der Fall war, fiel es nicht besonders auf. Pünktlich erschien er im Lehrerzimmer und setzte sich auf seinen Stammplatz. So, dass er alles im Blick hatte, selbst aber mit den Schatten verschmolz. Eine hitzige Diskussion folgte, aus der er sich heraus hielt, dann wurde entschieden, dass Minerva die Leitung der Schule übernahm – immerhin hatte sie als Stellvertreterin bereits eine Menge Erfahrung – und sie suchten einen neuen Lehrer für Verwandlung. Hauslehrer für die Gryffindors wurde Kingsley Shacklebolt. Nicht besonders überraschend, fand Severus. Harry würde sich freuen.

„Gut, dann werde ich die Kandidaten für die Stelle in Augenschein nehmen.“ Mit diesen Worten beendete Minerva die Versammlung. „Sofern ich jemanden finde. Falls einer von euch eine Idee hat, ich bin offen für Anregungen. Vielen Dank!“

Erstaunlicherweise fand Minerva innerhalb weniger Tage einen neuen Lehrer. Jonathan Haugland war Schwede, aber bereits seit Jahren in England ansässig, da er sich in eine Engländerin verliebt hatte und mit ihr gegangen war. Er hatte Verwandlung studiert, aber bisher in der Forschung an neuen Zaubern gearbeitet. Da er und seine Frau vier Kinder hatten, war er wohl auch im Umgang mit Kindern und Jugendlichen geübt, also stellte Minerva ihn ein. Nach einer Woche Doppelbelastung atmete sie auf, als sie am Sonntag den neuen Lehrer vorstellen konnte. Jonathan würde jeden Tag durch den Kamin in sein Büro flohen, eine Neuerung. Er war der erste Lehrer, den Severus hier erlebte, der nicht im Schloss wohnte. Nur wenige Lehrer hatten Familie, warum wohl. Kaum eine Ehefrau und auch ein Ehemann würde einverstanden sein, wenn der Partner zehn Monate im Jahr nicht zuhause war. Er selbst hatte nur wenig Zeit mit Lucius gehabt, doch er hatte nichts ändern können. Der Lord hatte ihn an die Schule befohlen, und auch Albus wollte ihn in der Nähe haben, um schnell und unkompliziert Informationen auszutauschen. Anfangs wohl auch, um ihn zu kontrollieren. Jetzt saß er hier fest. Schon lange träumte er davon, in die Forschung zu gehen und Hogwarts hinter sich zu lassen. Gemeinsam mit Lucius hatte er entschieden, sobald der Lord vernichtet und Draco aus der Schule war, den Job zu kündigen. Im Manor hatte er sich ein Labor eingerichtet, das für jeden Tränkemeister ein absoluter Traum war. Doch davor war es nötig, den Lord zu vernichten.

Leider fand Albus keine relevanten Informationen. Auch er selbst konnte nichts beisteuern, der Lord hielt sich im Hintergrund, rekrutierte und trainierte neue Todesser. Das Leben in der Zauberwelt versprach eine trügerische Sicherheit. Severus trainierte weiterhin mit Harry, allerdings deutlich weniger, denn Okklumentik beherrschte der Jugendliche nun so perfekt wie es möglich war. Der Rest war nur noch Übung. Zum Schwimmen war es selbst mit Zauberei bald zu kalt. Ab und zu liefen sie gemeinsam am Morgen, doch zumeist trafen sie nicht mehr aufeinander. Die Weihnachtsferien würde er in der Schule verbringen, er hatte zugesagt, die Aufsicht der zurückgebliebenen Schüler zu übernehmen und auch den Krankenflügel zu besetzen, da Poppy plante, nach Hause zu fahren.

Harry genoss in den folgenden Wochen jede freie Minute mit Luna. Sie sprachen über viele Dinge, schwiegen aber auch viel gemeinsam. Oft gingen sie am Rand des verbotenen Waldes oder entlang des Ufers des großen Sees spazieren. Harry ging weiterhin beinahe jeden Morgen zum Joggen, es tat ihm richtig gut. Die gleichmäßige Bewegung und auch die Zeit mit Luna ließ ihn deutlich ruhiger werden, entspannter. Er ließ viele Dinge nun einfach auf sich zukommen. Manchmal lernten Luna und Harry auch gemeinsam, obwohl sie nicht im gleichen Jahrgang waren. Mehrmals versuchten sie, einzeln oder zu zweit, die graue Dame zu sprechen, doch der Geist flüchtete jedes Mal, sprach nicht ein Wort.

„Bitte warten sie!“, rief Harry ihr Anfang Oktober hinterher. Sie schwebte auf der Stelle. Keuchend schloss Harry zu ihr auf. „Sie sind Helena Ravenclaw, nicht wahr?“ Ein knappes Nicken des Geistes war die einzige Antwort, die Harry bekam. „Ich brauche ihre Hilfe, es ist wirklich wichtig! Ich befürchte, dass Tom Riddle damals in oder kurz nach seiner Schulzeit das Diadem ihrer Mutter gefunden hat … Hey, warten sie!“ Die graue Dame war einfach durch eine massive Mauer geschwebt und verschwunden, als Harry von dem Diadem gesprochen hatte. Er rannte um die Ecke, doch er sah nichts mehr von dem Geist. „Verdammt!“, fluchte er, dann lief er in die Bücherei, wo er Luna vermutete, da gerade der Nachmittagsunterricht vorbei war. Meist trafen sie sich dort, um die Hausaufgaben zu machen.

„Hey, was ist los?“, raunte Luna, als er abgehetzt neben ihr auf den Stuhl fiel.

„Ich habe die graue Dame gesprochen.“ Harry berichtete flüsternd, was er erfahren – oder besser nicht erfahren – hatte.

Luna schüttelte traurig den Kopf und erzählte, dass in ihrem Haus das Gerücht umging, sie wäre im Leben stumm gewesen und könnte auch als Geist nicht sprechen. Nachdem Harry Luna so viel wie er sagen konnte erzählt hatte, hatten sie es zu zweit versucht, aber da war sie nur umso schneller geflüchtet. Heute war Harry weiter als bisher gekommen, aber ein Erfolg war das sicher auch nicht. Luna alleine konnte in ihre Nähe, aber auch sie bekam kein Wort aus ihr heraus.

„Wieso ist das Diadem so wichtig?“, wisperte Luna nun eindringlich.

„Ich weiß, dass verschiedene … Artefakte von Voldemort verzaubert wurden und ihn nun am Leben halten.“, erklärte Harry vorsichtig. „Ich vermute, das Diadem ist eines davon. Falls er es gefunden hat. Andere Artefakte stammen von Salazar Slytherin und Helga Hufflepuff, da wäre es logisch, wenn er auch von Ravenclaw etwas genutzt hat. Ich muss diese Artefakte finden und vernichten, bevor ich Voldemort vernichten kann.“

„Weiß Hermine davon?“, wollte Luna wissen.

Harry schüttelte den Kopf. „Nein. Sie will helfen, aber ...“

„Du willst nicht, dass sie in Gefahr ist.“, folgerte Luna. „Deshalb erzählst du mir auch nicht mehr, oder?“ Harry nickte. „Du weißt, dass ich ohnehin in Gefahr bin, wenn du ständig bei mir bist.“

„Oder du bei mir!“, lachte Harry leise. Dennoch wollte und konnte er nicht auf Lunas Gegenwart verzichten.

„Genau!“, kicherte Luna mit ihm. Sie spielte darauf an, dass sie oft über Nacht bei ihm in der Wohnung blieb, doch sie ließen sich Zeit.

Jetzt beugten sie sich über ihre Bücher, denn Madam Pince fasste sie in ihre strengen Augen. Die Hausaufgaben machten sie eigentlich immer zusammen in der Bibliothek, manchmal mit Hermine, manchmal auch mit Ron, Ginny noch dabei. Die meisten Nächte schlief Harry in seinem Schlafsaal, auch wenn er lieber in seiner Wohnung blieb, doch er wollte seine Freunde nicht vor den Kopf stoßen. Außerdem wollte er verhindern, dass in der Schule Gerüchte aufkamen, weil er eine eigene Wohnung hatte. Ron und Hermine waren die meiste Zeit mit ihm zusammen, was die Übergriffe und Versuche der Slytherins, ihn anzugreifen, deutlich reduzierte. Dennoch war er inzwischen auf alles gefasst, wenn er alleine in den Fluren der Schule unterwegs war. Er wusste, wer ihm auflauerte, und selbst wenn der Befehl von Voldemort, ihn eben nicht zu töten oder zu ihm zu bringen, noch immer galt, so kümmerten sich einige der zukünftigen Anwärter kaum darum. Sie würden es sicher genießen, ihn leiden zu sehen. So lange er danach noch lebte und körperlich unversehrt war, würde es Voldemort sicher nicht stören, wenn sie vorher ein wenig … Spaß hatten.

Seine Freunde trainierten mit ihm im Raum der Wünsche, wenn sie Zeit dafür hatten. Manchmal kamen auch Ginny, Neville und einige andere aus der DA dazu. Harry brachte ihnen bei, was er von Albus, Kingsley und Professor Snape an Zaubern gelernt hatte, dazu die körperlichen Übungen. Diese halfen ihnen, beweglicher und fitter zu werden. Ron fielen die Übungen, im Gegensatz zum Sommer, nun deutlich leichter, während Hermine ihnen immer neue Übungen zeigte, die sie noch aus ihrer Kindheit kannte.

„Uff, was ist das für eine Übung? Das sieht so leicht aus, wenn du das machst, aber es ist echt schwierig!“, schnaufte Ron. Auch Harry und die Anderen hatten deutlich Schwierigkeiten.

Hermine lachte und schien nicht im geringsten außer Atem zu sein. „Das ist ein Kata. Als Kind habe ich Karate gelernt, meine Eltern wussten lange nicht, was meine magischen Ausbrüche bedeuten, und im Karate geht es auch und vor allem um Körper- und Geist-Beherrschung. Es hat mir geholfen, und es trainiert vor allem auch die Beweglichkeit des Körpers. Die Übungen ähneln dem, was Harry im Sommer gelernt hat, sind aber noch ein wenig … ausgefeilter. Damals ging es für mich darum, meine Energie in geregelte Bahnen zu lenken, aber es hat mir Beweglichkeit und Kraft geschenkt, deshalb bringe ich es auch euch bei, es kann nur helfen. Finde ich jedenfalls.“

„Ich finde sie zwar anstrengend, aber es tut gut. Ich mache weiter.“, kommentierte Harry leicht schnaufend. Da er noch immer jeden Morgen joggen ging – dafür begeisterte sich keiner seiner Freunde – fiel es ihm leichter. Außerdem kam ihm hier das Schwerttraining zugute. Eine Weile versuchten sie sich noch an den neuen Übungen, dann stellten sie sich gegenüber und zogen ihre Zauberstäbe. Sie verbeugten sich, dann griffen Ron, Hermine und Ginny an. Luna blieb bei den Duellen meist außen vor, sie fand daran keinen großen Gefallen. Auch sie lernte Verteidigungszauber, aber sie wollte Harry nicht angreifen. Harry hatte zu tun, sich nicht nur zu verteidigen, sondern auch anzugreifen.

„Stopp, wartet!“, unterbrach Hermine auf einmal das Duell. Ihre Freunde sahen ihr an, dass sie einen Geistesblitz hatte. „Harry, wir müssen einen Weg finden, dass du dich nicht nur verteidigen kannst, sondern auch angreifen. Gleichzeitig. Ich muss in die Bibliothek.“ Und weg war sie.

„Häh?“, wunderte sich Ron. Er sah Harry an. „Und nun?“

„Wir trainieren weiter, Hermine wird uns sagen, was sie sucht, sobald sie es gefunden hat.“, zuckte Harry die Schultern. „Also los!“ Auch er wunderte sich, was da in seine beste Freundin gefahren war, aber er kannte sie nun schon einige Jahre, sie würde erst darüber reden, wenn sie Genaueres wusste. Dank seiner neuen Ruhe hatte er die Geduld, abzuwarten.

Sie duellierten sich noch eine halbe Stunde zu dritt, während Luna Schild- und Entwaffnungszauber sowie weitere Verteidigungssprüche für sich alleine übte. Letztlich waren sie alle, außer Luna, schweißgebadet. Sie entschlossen sich, vor dem Essen zu duschen. Erst, wenn sie nach dem Essen in Harrys Wohnung waren, könnten sie Hermine fragen, was genau sie suchte. Luna wurde von ihnen in den Turm der Ravenclaws gebracht, denn Harry hatte Angst, dass die Slytherins sie gegen ihn nutzen könnten. Die Blonde hatte ihm versprochen, nie alleine unterwegs zu sein. Einige der DA-Mitglieder aus ihrem Haus versprachen Harry, auf sie zu achten.

„Also, was hast du gesucht?“, fragte Harry Hermine, kaum dass die Freunde nach dem Essen in seiner Wohnung saßen. Luna hatte sich ihnen wieder angeschlossen.

„Naja, ich habe überlegt, dass es doch möglich sein müsste, mit zwei Zauberstäben zu arbeiten.“, erklärte die Braunhaarige. „Ich habe ein wenig recherchiert“, Ron hatte zu tun, sein Lachen als Husten zu tarnen, „und herausgefunden, dass es tatsächlich möglich ist, wenn man erstens konzentriert genug und zweitens magisch stark ist. Wir sollten das versuchen, es würde dir helfen, Harry.“

„Okay.“, nickte Harry. Er zweifelte ein wenig, ob das wirklich möglich war, aber wenn Hermine sagte, das ging, würde er es probieren. Auf jeden Fall wäre es mehr als hilfreich. „Wir fangen am Sonntag an, Samstag haben wir Training, danach bin ich zu geschafft.“

Entspannt plaudernd saßen sie noch eine Weile beisammen, dann verabschiedeten sich Ron, Hermine und Ginny. Luna und Harry blieben in dieser Nacht in der Wohnung.

 

In den nächsten Wochen passierte nicht viel, doch sie trainierten weiter. Anfangs fiel es Harry schwer, mit zwei Zauberstäben – Lunas funktionierte außergewöhnlich gut für Harry – gleichzeitig zu zaubern, doch als er den Dreh endlich raus hatte, klappte es relativ gut. Professor Snape war erstaunt, als Harry ihm das erzählte, fand es aber eine sehr gute Idee und animierte Harry, weiter zu machen. Mit den Slytherins hatte er nur noch im Unterricht zu tun, für den Moment hatten sie es scheinbar aufgegeben, ihm nachzustellen. Einige Male versuchte er, außerhalb des Unterrichtes mit Blaise zu sprechen, aber der hielt sich von ihm fern, wirkte dabei jedoch immer verzweifelter, fand Harry.

Ron schaffte es schließlich sogar, mit Lavender Schluss zu machen, auch wenn es dafür sorgte, dass die Mädchen ihres Jahrgangs, mit Ausnahme von Hermine, ziemlich sauer auf ihn waren und nicht mehr mit den Jungs sprachen. Doch gerade das tat Ron unheimlich gut, fand Harry. Er war wieder mehr er selbst, versuchte nicht mehr ständig, anders zu sein. Ihre Freundschaft wurde wieder ein wenig enger, auch wenn Harry klar war, dass sie sich verändert hatten und wohl nicht mehr so eng befreundet sein würden wie in der ersten Klasse.

„Merlin, bin ich froh, sie los zu haben!“, grinste Ron eines Abends, als Lavender mit Lee Jordan Hand in Hand den Gemeinschaftsraum verließ. „Das war ja schlimmer als Fleur!“

„Häh?“, machte Harry, wenig intelligent. Auch Seamus, Dean und Neville sahen Ron verständnislos an.

„Naja, mein Bruder Bill, der Älteste von uns, war eine Weile mit Fleur zusammen, dieser Halbveela aus dem Turnier.“, erklärte Ron. „Zumindest bis Bill herausgefunden hat, dass er nicht der Einzige war, mit dem sie ins Bett hüpfte. Als Veela ist sie wohl unersättlich, bis sie ihren Gefährten gefunden hat. Bill hat sie mit Zweien seiner Kollegen erwischt, direkt in der Bank in einem Büro. Mom ist ziemlich froh darüber, sie konnte Fleur nie leiden.“

„Ich fand sie ganz nett.“, schüttelte Harry verwirrt den Kopf.

„Wir waren zu jung, passten nicht in ihr Beuteschema.“, prustete Ron los.

„Dann hattest du ja quasi Glück, dass sie dich abserviert hat beim Weihnachtsball!“, lachten sie gemeinsam. Ron verzog das Gesicht bei der Erinnerung an diese Abfuhr, lachte aber schließlich mit ihnen. Irgendwann, das schwor er sich, fand er auch eine nette neue Freundin für sich. Und dann würde er besser aufpassen, ob sie zu ihm passte. Nicht wie mit Lavender, mit der er nur aus Trotz geknutscht hatte.

Lachend und scherzend genoss Harry diese entspannte Zeit mit seinen Freunden. Viel zu oft holte ihn allerdings die Realität ein. Wie an diesem Abend, als er beim Tränkemeister war. „Der Lord ist immer noch hinter Informationen über dich her.“, warnte Professor Snape ihn. „Achte immer darauf, dass du deinen Geist verschließt. Wir können nicht verhindern, dass er Vieles über dich erfährt, was die Schüler an ihre Eltern weitergeben, aber du kannst verhindern, dass er darüber hinaus mehr erfährt, wenn du immer an deine Okklumentik denkst.“

„Mache ich, Professor.“, versprach Harry. „Was ist mit Remus?“

„Lupin ist im Rudel, aber er bekommt nur wenig Information.“, erklärte der Tränkemeister. „Allerdings hat Albus das erwartet, und auch Kingsley ist nicht besonders überrascht. Es geht weniger um Informationen, er soll ausloten, ob einige der Werwölfe bereit sind, die Seiten zu wechseln. Es ist nicht leicht, denn natürlich gibt keiner der Wölfe offen zu, dass er nicht mit dem Lord übereinstimmt. Nicht, wenn Greyback in der Nähe ist, das wäre Selbstmord. Aber Lupin ist zumindest nicht in unmittelbarer Gefahr.“

„Das ist gut.“ Harry atmete auf. Er reichte dem Vampir seinen Arm. Wortlos griff Severus zu und trank ein paar Schlucke Blut. Er war dem Jugendlichen mehr als dankbar. Nicht nur, dass er ihn mit Blut versorgte, er gab ihm auch ein Ziel, für das er kämpfen wollte. Harry hielt ihn aufrecht, das war Severus bewusst. Nur, was würde werden, wenn er sein Ziel erreicht hatte? Gab es ein normales Leben nach dem Lord für ihn? Draco würde ihn nicht mehr lange brauchen, das wusste Severus. Und Yasemine kannte ihn nicht einmal, sie würde bei ihrem Großvater bleiben können, oder Draco kümmerte sich um sie. Natürlich wollte er sie nicht alleine lassen, aber er wusste nicht, ob er am Ende des Kampfes noch die Kraft hatte, weiter zu machen. Wobei ein Ende derzeit nicht absehbar war, da weder er noch Albus einen Schritt weiterkamen. Harry trainierte und wurde immer besser, wie es schien, aber auch er kam nicht weiter. Severus wurde erneut bewusst, dass er es wohl nicht aufhalten konnte. Er wollte nicht, dass Harry sich dem Lord entgegen stellte, aber der Lord würde nicht zögern, ihn zu quälen und am Ende zu töten, sollte er Harry jemals in die Hände bekommen. Und das könnte jederzeit passieren, wenn er seine Meinung änderte. Severus ahnte, er würde Harry nicht helfen können, wenn die Anhänger unter den Schülern den Auftrag bekamen, ihn zum Lord zu bringen. Er schauderte. Wie lange würde es noch andauern, dass der Lord Harry nicht behelligte? Nein, es war sicher besser, wenn Harry lernte, sich zu verteidigen. Er hoffte nur, dass Harry nicht wirklich angreifen musste, das würde seiner Seele nicht besonders gut tun. Noch immer suchte er nach einem Weg, Harry außen vor zu lassen, doch er ahnte, dass es nicht möglich sein würde. Schon immer war Harry in derartige Situationen gekommen, mehr oder weniger freiwillig durch seine Art. Hilfsbereit, immer für Andere einstehend. Ganz wie seine Mutter. Severus seufzte lautlos, als Harry an diesem Abend weg war. Egal, was sein würde, er stand an Harrys Seite.

Harry hingegen ließ sich die gute Laune selten verderben, genoss die Zeit mit seinen Freunden. Sie gingen gemeinsam ins Dorf an den Hogsmeade-Wochenenden, machten zusammen Hausaufgaben oder trainierten miteinander. Mit dem Tränkemeister hingegen verbrachte er immer weniger Zeit, nicht viel mehr, als der Vampir zum Blut trinken brauchte. Inzwischen war Professor Snape davon überzeugt, dass er ihm nichts mehr beibringen konnte, was Okklumentik betraf. Zauber lernte er von Kingsley, der immer wieder auch bei Severus Rat suchte, wenn es um schwarze Magie ging. Nur selten gingen sie zu Albus, da dieser keine neuen Informationen hatte und sie nicht auffallen wollten. So standen plötzlich die Weihnachtsferien vor der Tür und sie verabschiedeten sich voneinander. Luna fuhr zu ihrem Vater, Hermine feierte mit ihren Eltern und Viktor, Ron im Fuchsbau mit seiner Familie. Harry war zu Poppy nach Hause eingeladen und neugierig, die Medihexe näher kennen zu lernen, also hatte er die Einladung der Weasleys freundlich aber bestimmt abgelehnt. Jedoch hatte er mit Luna zu Silvester ausgemacht. Dann würde er sie besuchen und sich ihrem Vater vorstellen. Ein wenig aufgeregt war er deswegen bereits, doch erst einmal ging er, als die Kutschen abgefahren waren, in den Krankenflügel.

„Bereit?“, erkundigte sich Poppy lächelnd. Harry nickte, und sie reisten durch den Kamin nach Buckton, wo die Medihexe direkt an den Klippen ein Strandhaus besaß. Es war nicht groß, aber es stand einsam und war gut geschützt, sodass Harry sogar zaubern konnte, wenn er wollte. Dafür hatte Poppy vor kurzem gesorgt, denn sie wollte das Beste für ihr Mündel, ohne ihn dabei einzuengen. Das Haus hatte zwei kleine Schlafzimmer, wovon eines für Harry gerichtet war, ein Bad und ein kleines Arbeitszimmer im Obergeschoss. Unten waren ein Gäste-WC, die Küche, das Wohnzimmer und der Kamin. Als Harry in seinem Zimmer das Fenster öffnete – das Haus hatte nun einige Monate leer gestanden und brauchte dringend frische Luft – hörte er das Meer rauschen. Er freute sich schon, seine Füße ins Wasser zu stecken, auch wenn es sicherlich eiskalt war. Noch nie war er am Meer gewesen, das musste er ausnutzen. Hastig verstaute er den Inhalt seines Koffers im Schrank. Seit er die Kleidung von Albus bekommen hatte, ging er deutlich sorgfältiger damit um. Früher hatte er die Sachen einfach in den Schrank geworfen, jetzt legte er alles ordentlich zusammen. Er wusste, er hatte sich seit dem Sommer sehr verändert. Hermine fand es gut, denn die Veränderung beinhaltete, dass er seine Hausaufgaben zügig erledigte und immer wieder lernte, wenn er etwas nicht gleich begriff, auch wenn das nur noch selten vorkam. Zwar trainierte er noch immer Quidditch und freute sich auch auf die verschiedenen Spiele, aber es war nicht mehr sein Lebensmittelpunkt. Das war eher Luna. Sie wusste inzwischen ziemlich viel von ihm, sogar dass er mit Professor Snape zusammen arbeitete, um Voldemort zu vernichten.

„Harry, du kannst dich gerne ein bisschen umsehen.“, erlaubte Poppy nun. „Aber nicht zu weit weg. Wir essen in zwei Stunden.“

„Dann gehe ich an den Strand!“, freute sich der Jugendliche.

„In Ordnung.“, lächelte die Medihexe. Sie trug nun nicht mehr die Kleidung, die sie im Krankenflügel immer anhatte, sondern eine schlichte Jeans und einen Pullover darüber. Ihre braunen Haare mit ein paar grauen Strähnen fielen offen über den Rücken hinab auf die Hüfte.

„Wow!“, machte Harry, als er sie so sah. Sein Blick glitt an ihr nach unten und zurück zu ihrem Gesicht. „Sie … du siehst viel jünger aus!“

„Danke!“, lachte Poppy. „Ich bin erst knapp fünfzig, auch wenn es nicht so scheint! Wenn du an den Strand willst, dann zeige ich dir einen kleinen Pfad, der dich hinunterführen wird. Dort, auf der rechten Seite von der Terrasse aus gesehen, siehst du einen einzeln stehenden Busch. Dahinter beginnt der Pfad. Er ist ein wenig steil und bei Regen nicht zu empfehlen, weil er sehr glitschig ist, aber wenn du vorsichtig bist, kannst du ihn benutzen. Ansonsten hast du einen weiten Weg, bis die Klippen zu Ende sind. Deshalb steht das Haus hier auch so einsam. Für mich perfekt, da es rundum nur Muggel gibt.“

„Alles klar, ich versuche mein Glück.“, winkte Harry. „Bis später dann!“

Poppy lächelte, als sie dem Jungen nachsah. Er war wirklich ein sehr lieber Kerl. Sie wünschte, sein Schicksal wäre nicht so hart, und doch hatte er dabei das Lachen und auch das Lieben nicht verlernt. Hoffentlich wurde er mit Luna glücklich. Sie passte gut zu ihm, fand Poppy. Gedankenverloren richtete sie einen herzhaften Auflauf her, von dem sie hoffte, dass er Harry schmeckte.

Der Jugendliche hingegen kletterte langsam den Pfad hinunter, bis er am Ende tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben an einem Strand war. Die weite Sicht ließ ihn stehen bleiben. Staunend sah er sich um. Wenn er nach links und rechts sah, war nur Sand zu sehen. Hinter ihm die Klippen und vor ihm – das Meer. So viel Wasser! Nie hätte er es sich so überwältigend vorstellen können. Das Rauschen klang unnatürlich laut in seinen Ohren. Die Wellen krachten auf den Sand. Der Wind war eisig, dennoch zog Harry seine Schuhe aus. Er wollte das Wasser spüren. Schon der trockene Sand fühlte sich angenehm, wenn auch sehr fremd unter seinen Füßen an. Das Laufen darauf war seltsam, Harry schwankte ein wenig, bis er sich an den weichen Untergrund gewöhnt hatte. Erst als er näher ans Wasser kam und der Sand nasser wurde, konnte er besser laufen. Die erste Welle, die seine Füße überrollte, ließ ihn quietschen, sooo kalt hätte er es nicht erwartet. Er sprang erschrocken zurück, lachte über sich selbst, und versuchte es erneut. Wie ein Kind tobte er nach kurzer Zeit durch Wasser und Sand, vergaß für eine Weile alles um sich herum, alle seine Sorgen. Er merkte nicht einmal, wie Poppy nach einer Weile am unteren Ende des Pfades stand und ihn lächelnd beobachtete.

„Harry?“, rief sie ihn letztlich doch, da das Essen fertig war. Außerdem sollte er bei dieser Kälte nicht so lange barfuß unterwegs sein. Dennoch gefiel ihr, wie entspannt der Grünäugige gerade war. So gelöst hatte sie ihn noch nie erlebt. Wie schön wäre es, wenn er immer so sein könnte. Aber nur zu schnell würde ihn die Wirklichkeit wieder einholen. Dem konnte Harry eigentlich nie entfliehen. Aber gerade deshalb war es wichtig für ihn, solche Auszeiten wie hier zu genießen.

Strahlend wandte er sich nun zu ihr um. „Das ist herrlich!“, schwärmte er.

„Das sieht man!“, lachte die Medihexe. „Aber das Essen ist fertig!“

Harry zog eine Schnute, griff aber nach seinen Schuhen, in die er die Socken gesteckt hatte. Poppy zauberte die Füße sauber und trocken, dann zog er sich wieder an und folgte ihr zum Haus. Unterwegs gingen die Gedanken wieder zurück zu den Ereignissen der letzten Monate. Er musste noch mit Poppy reden, denn bis zum neuen Jahr sollte Professor Snape nicht ohne Blut sein. Aber nur er selbst und Albus wussten über das Wesen des Slytherin Bescheid. Und das sollte sich auch nicht ändern. Harry würde ihn nicht verraten, wo er nun zumindest ein wenig das Vertrauen des Älteren hatte. Seit dem Sommer trank der Vampir etwa zwei bis vier Mal in der Woche. Obwohl er vorher teilweise wochenlang ohne Blut auskommen musste und auch konnte. „Was ist eigentlich, wenn jemand jetzt in Hogwarts krank wird?“, erkundigte er sich.

„Es sind nur wenige Schüler dageblieben.“, erklärte Poppy. „Wenn jemand krank oder verletzt sein sollte, dann wird Severus zunächst eingreifen. Er hat in seiner Tränkemeister-Ausbildung auch eine Grundausbildung zum Heiler gemacht. Sollte er nicht weiter wissen, kann er mich kontaktieren, und ich werde durch den Kamin gehen. Mein Kamin hier ist mit dem im Krankenflügel verbunden. In so einem Fall würde ich dich mit nach Hogwarts nehmen, denn ich möchte dich ungern alleine hier lassen.“

Sie traten ins Haus und wuschen sich kurz die Hände, dann setzten sie sich an den Tisch. „Guten Appetit!“, wünschte Poppy und stellte eine Lasagne auf den Tisch. Harry griff zu und ließ es sich schmecken. Die Medihexe freute sich über den gesunden Appetit des Jungen. Sie nutzte die Chance, in Ruhe mit ihrem Mündel zu sprechen. „Wie geht es dir inzwischen?“, wollte sie wissen.

„Dank Luna eigentlich ganz gut.“, gestand der Jugendliche mit rötlich schimmernden Wangen. „Sie ist da und gibt mir Ruhe. Seitdem schaffe ich es, die Hausaufgaben, das Zusatztraining, das Quidditch und auch den Schlaf unter einen Hut zu bringen.“

„Wie läuft dein Zusatztraining?“ Poppy war wirklich interessiert.

„Ganz gut.“, grinste Harry. „Das Duellieren hat Professor Shacklebolt inzwischen eingestellt, da ich das mit meinen Freunden mache. Hermine, Ron, Ginny und Luna sind richtig gut. Auch Neville, Dean und Seamus fordern mich regelmäßig heraus. Dabei lernen auch sie viel, denn sie werden an meiner Seite stehen, da kann ich sagen, was ich will. Schwertkampf mache ich weiterhin, auch wenn ich Voldemort wohl nicht mit dem Schwert besiegen kann. Aber es schult die Beweglichkeit und die Reflexe. Und es macht ehrlich gesagt auch ziemlich Spaß.“

„Wie ging eigentlich euer Quidditch-Spiel aus? Ich habe nur mitbekommen, dass Zacharias Smith verletzt wurde. Damit war ich dann beschäftigt.“

„Wir haben Hufflepuff mit 320 zu 100 Punkten geschlagen.“, grinste Harry. „Das war keine Herausforderung. Wenn es im Februar gegen Slytherin geht, wird es interessanter. Wobei ihr neuer Sucher auch nicht besonders gut ist. Aber ihre Jäger und die Treiber sind gefährlich.“

„Draco Malfoy war dein Lieblingsgegner, nicht wahr?“, riet Poppy.

„Er war eine Herausforderung.“, nickte Harry. „Aber ich bin froh, dass er verschwunden ist. Ich weiß, dass Voldemort ihn in seine Reihen aufnehmen wollte. Er sollte jemanden ermorden, das habe ich mitbekommen, als ich in Voldemorts Geist war. Egal was zwischen uns war, das wünsche ich niemandem.“

„Du bist ein guter Junge, Harry.“ Poppy strich ihm über den Kopf. „Ich wünschte, du hättest nicht dieses Schicksal.“

„Das macht mir nichts aus. Nicht mehr.“, murmelte Harry. Er sah auf und wirkte unheimlich erwachsen und reif. „Voldemort hat meine Eltern ermordet. Er hat Nevilles Eltern foltern lassen. Er hat mich in die Falle gelockt, sodass Sirius ermordet werden konnte. Meine Freunde sind immer in Gefahr, einfach nur, weil sie mit mir befreundet sind. Ich kenne sein Geheimnis und werde ihn bekämpfen, bis wir in Freiheit leben können.“

„Du bist noch so jung, Harry.“, seufzte die Braunhaarige. „Dabei wirkst du so erwachsen. Aber am Ende hast du wahrscheinlich Recht. Du-weißt-schon-wer wird dich nie in Ruhe lassen. Er ist wohl nicht gewohnt, dass jemand seinen Angriff überlebt, und das hast du nicht nur einmal geschafft. In seinen Augen bedeutet das, dass du stärker als er bist, und das macht ihm wahrscheinlich Angst. In seiner Angst greift er an. Und er wird nicht mehr aufhören, bis entweder du aus dem Weg bist oder er vernichtet ist. Wenn ich es mir aussuchen kann, dann will ich auf jeden Fall, dass du überlebst!“ Sie wuschelte ihm durch die Haare. „So, und jetzt genug schwere Themen. Du hast Ferien und sollst das auch genießen! Ich habe übrigens mit den Weasleys ausgemacht, dass wir sie am Tag nach Weihnachten besuchen. Sie sind immerhin deine Ersatzfamilie.“

„Und Silvester sind wir bei den Lovegoods eingeladen.“, fügte Harry hinzu.

Poppy lachte. „Hätte mich gewundert, wenn du mit Luna nichts ausgemacht hättest!“

„Ihr Vater will mich kennen lernen.“, gestand Harry. „So richtig. Ich meine, er hat mich interviewt, letztes Jahr, aber noch kennen wir uns nicht wirklich.“

„So gehört sich das ja auch.“, nickte Poppy ernst. „Ich schätze, da werden wir noch ein paar kleine Etikette-Stunden einlegen, damit du weißt, was dich erwartet und wie du dich verhalten musst.“

„Danke!“, umarmte Harry sie. „Du bist meine Rettung!“ Er fühlte sich wirklich wohl mit seiner neuen Betreuung. Poppy bestimmte nicht unnötig über ihn oder agierte als Mutter, sondern sie war da, wenn er Hilfe brauchte, ließ ihm aber sonst ziemlich viel Freiheit.

„Na, wir wollen doch nicht, das unser großer Held sich vor seinem zukünftigen Schwiegervater blamiert!“, neckte die Medihexe. „Aber heute nicht mehr. Du hast Freizeit bis zum Abendessen. Wenn du magst, kannst du deine Hausaufgaben gleich erledigen, aber ich werde dich nicht dazu zwingen. Hauptsache, du hast es am Ende der Ferien ordentlich erledigt. Ich habe in den letzten Monaten festgestellt, dass du außerordentlich zuverlässig bist. Hermine hat dir da gut getan. Ron sollte sich ein Beispiel an euch nehmen. Hoffentlich nicht mehr umgekehrt.“

„Ich habe das damals gemacht, weil ich dachte, meinen besten Freund sonst zu verlieren.“, gestand Harry. „Ron war mein erster Freund, daher wollte ich ihn nicht vergraulen, wenn er merkt, dass ich eigentlich gern lerne. Das war das Einzige, was mir niemand nehmen konnte, gut in der Schule zu sein.“

„Wenn er ein guter Freund ist, dann wird er es verstehen.“, beruhigte Poppy. „Aber mir ist klar, warum du so reagiert hast. Nur inzwischen solltest du dir auch bewusst sein, dass ein wahrer Freund zu dir steht, auch wenn du anders bist, als er.“ Sie schwieg eine Weile. „Ron wird sicher nicht mehr so eng als Freund sein wie in der ersten Klasse, aber ich denke, er wird erkennen, dass ihr gemeinsam schon so viel erlebt habt, und diese Erlebnisse schweißen in gewisser Weise zusammen. Eure Freundschaft wird sich weiter entwickeln, da bin ich sicher. Ron wird lernen, dass er keinen Grund hat, eifersüchtig zu sein.“

„Für ihn ist es halt schwer.“, verteidigte ihn Harry. „Ich meine, der jüngste von sechs Brüdern zu sein, ist bestimmt nicht einfach. Bill war ein wahnsinnig guter Schüler, genau wie Percy. Rons schulische Leistungen wurden und werden daran gemessen. Charlie war ein Ass im Quidditch, Kapitän der Mannschaft. Ron spielt zwar ganz gut, reicht aber an seinen Bruder nicht heran, weil seine Nerven zu sehr flattern, wenn es darauf ankommt. Fred und George sind zwar richtige Rumtreiber, aber sie haben bereits ihren eigenen Laden, erfinden Zaubertränke und ähnliche Dinge. Auch da kann Ron nicht mithalten.“

„Und du hast dir den Ruhm auch nicht ausgesucht.“, beendete Poppy resolut. „Dass Du-weißt-schon-wer es auf dich abgesehen hat, hättest du dir sicher auch anders gewünscht.“ Harry nickte energisch. „Siehst du. Also, gib Ron die Zeit, die er braucht.“

„Okay.“ Harry atmete tief durch. Er fühlte sich tatsächlich erleichtert, als hätte die Medihexe eine Last von seinen Schultern genommen. „Danke, Poppy!“

„Gerne, Harry!“, lächelte sie. „Und jetzt ab mit dir!“ Sie kümmerte sich um die Küche, was mit einigen Zaubern schnell erledigt war, dann setzte sie sich in den Wintergarten und vertiefte sich in einen Roman.

Harry hingegen ging in sein Zimmer, um die Weihnachtsgeschenke einzupacken. Anfang Dezember hatten sie ein Wochenende in Hogsmeade gehabt, unter starker Bewachung durch Auroren und Lehrer. Dort hatte er sich mit Geschenken eingedeckt. Nicht nur er. Allerdings hatte er im Schlafsaal keine Gelegenheit gehabt, die Sachen in Papier zu wickeln, also hatte er alles verkleinert im Koffer mitgenommen. Jetzt versuchte er mit wachsender Begeisterung, alles einzuwickeln. Da er es früher gleich beim Kauf einpacken hatte lassen, war das nun etwas absolut Neues für ihn. Zum Glück hatte Poppy ihm gesagt, dass er zaubern konnte, weil das Haus gut genug geschützt war. Andernfalls hätte er sich wohl eher selbst beklebt. Mit dem Klebezauber ging jedoch alles gut. Er schreckte auf, als es klopfte.

„Na?“, schmunzelte Poppy, als sie ihren Schützling entdeckte. „Alles eingepackt? Ich hoffe, du hast an die Namensschilder gedacht!“

„Ich hab das Papier beschriftet!“, grinste Harry. „Haben wir auch einen Baum?“

„Noch nicht, ich wollte morgen mit dir in den Wald, dass wir uns einen holen.“, schüttelte Poppy den Kopf.

„Wir schneiden einen ab?“ Harry wirkte schockiert.

„Nein, Harry, wo denkst du hin?“ Poppy blickte ihn einen Moment an, dann realisierte sie etwas. „Du kennst nur die Muggeltradition. Die schneiden zu Weihnachten einen Baum ab. Wir haben dafür Zauber, damit können wir einen Baum mitsamt Wurzeln aus dem Wald holen, den wir anschließend wieder zurück pflanzen können. Dem Baum passiert dabei nichts. Wir achten auch beim Schmücken darauf, dass wir ihn nicht verletzen. Ist dir nie aufgefallen, dass die Bäume in Hogwarts Wurzeln haben und nach Weihnachten zurück in den Wald kommen?“

„Oh.“, machte Harry. Das war ihm wirklich nie aufgefallen, obwohl er Hagrid schon geholfen hatte beim Transport der Bäume. Poppy nahm ihn kurz in den Arm. Anschließend gingen sie zum Abendessen nach unten.

 

Am Morgen war Harry schon vor Sonnenaufgang wach. Kurz war er desorientiert, bis er sich erinnerte, dass er mit Poppy bei ihr zuhause war. Da er nicht mehr schlafen konnte, entschied er, seine Trainingskleidung anzuziehen und eine Runde zu joggen. Von Poppy war noch nichts zu hören, also legte er eine Notiz auf den Küchentisch und lief nach draußen. Diesmal nicht an den Strand, da er gestern gemerkt hatte, wie anstrengend das Laufen im Sand war. Also wandte er sich in die Gegenrichtung und fand beinahe sofort einen Feldweg, auf dem er lief, damit er ganz sicher wieder zurück fand. Bald sah er die ersten Häuser eines Dorfes. Es wirkte malerisch und friedlich, kein Mensch war zu sehen. Aber es war gerade die Sonne aufgegangen, da war es den Menschen wohl zu früh. Außerdem war morgen Weihnachten, da schliefen sich die Leute aus. Nach etwas über einer Stunde war Harry zurück und sprang unter die Dusche, bevor er zu Poppy in die Küche ging, die bereits Frühstück hergerichtet hatte. „Guten Morgen, Harry!“, grüßte sie den Jugendlichen. „Und, hast du gut geschlafen?“

„Guten Morgen!“, lächelte Harry. „Ja, danke. Aber ich war früh wach, und da bin ich ein wenig laufen gegangen. Ich habe das Dorf gesehen.“

„Das war dann Buckton.“, nickte Poppy. „Dann komm, essen wir, danach holen wir uns einen Baum und schmücken ihn. Du kannst dann auch deine Geschenke darunter legen, wir nehmen sie dann übermorgen mit zu den Weasleys.“

„Denkst du, wir treffen dort auch Remus?“, fragte sich Harry.

„Ich weiß es nicht.“, zuckte Poppy die Schultern. „Ich weiß nur, dass er für den Orden im Rudel lebt. Ob er sich dort lösen kann, bezweifle ich. Aber vielleicht macht er es für dich. Er liebt dich sehr.“

„Ich weiß.“, lächelte Harry. „Ich hoffe nur, es geht ihm gut. Auch wenn ich weiß, dass es für ihn gefährlich ist, sich zu melden, so wünschte ich doch, er könnte mir sagen, dass alles in Ordnung ist bei ihm.“

„Das glaube ich dir. Aber jetzt komm, gehen wir in den Wald.“ Die Ablenkung funktionierte. Sie waren bald im Wald und Harry widmete sich ganz der Aufgabe, den perfekten Baum für ihr Weihnachtsfest zu zweit zu finden. Hin und her lief er, bis er ihn endlich entdeckte: den perfekten Baum. Er winkte Poppy zu sich. Sie ging einmal rund um den Baum, der etwas über mannshoch war. Gleichmäßig gewachsen und sehr dicht. „Ja, der ist perfekt.“, stimmte sie zu. „Dann mal los!“ Sie sah sich noch einmal gründlich um, ob keine Menschen in der Nähe waren, dann zog sie ihren Zauberstab. „Lignum terrae removere.“ Tatsächlich löste sich der Baum komplett mit Wurzelwerk aus dem Boden. Sie zauberte noch eine Lage Erde darum, dann ließ sie ihn mit einem Zauber verschwinden. „Jetzt steht er in unserem Wohnzimmer und wartet darauf, dass wir ihn schmücken.“

Fröhlich lief Harry voran und konnte es kaum erwarten. Poppy holte ihren Baumschmuck vom Dachboden. Seit Jahren war sie nicht mehr hier gewesen zu den Feiertagen, aber gerade Harrys Freude machte ihr klar, wie richtig die Entscheidung war, mit ihm alleine zu feiern. Mit einer kindlichen Begeisterung behängte Harry den Baum, passte dabei gut auf, dass er keinen Zweig knickte oder abriss. Dass er hauptsächlich rote und goldene Kugeln nutzte, wunderte sie nicht. Kerzenhalter folgten, vor allem, weil er im Ligusterweg immer nur Lichterketten gesehen hatte. Echte Kerzen gefielen ihm viel besser. Mit einem Zauber sorgten sie dafür, dass die Kerzen nicht tropfen oder die Flammen übergreifen konnten. Am Ende packten sie gemeinsam einen goldenen Stern an die Spitze. „Fertig!“, entschied Harry.

„Na dann geh schon und hol deine Geschenke!“, lachte die Medihexe. Sie selbst legte auch einige Päckchen darunter. Den Rest des Tages verbrachte Harry mit seinen Hausaufgaben, damit er die Ferien genießen konnte. Poppy machte es sich mit einem Buch bequem. Auch diese Nacht blieb ruhig, obwohl Harry spürte, dass wohl ein Todesser-Treffen war. Jedoch konnte er sich verschließen und entschied, Professor Snape zu kontaktieren, sobald es ging. Doch am Morgen war erst einmal Weihnachten. Harry und Poppy setzten sich unter den Baum. Sie naschten Plätzchen, die Poppy von den Hogwarts-Hauselfen bekommen hatte, und sangen Weihnachtslieder. Auch wenn keiner von ihnen wirklich singen konnte, aber Harry genoss es sehr. Es fühlte sich an, wie in einer Familie. Schließlich reichte er Poppy ein Päckchen. „Ich hoffe, es gefällt dir. Frohe Weihnachten und danke, dass du dich um mich kümmerst.“

„Das mache ich gerne, Harry!“, umarmte sie ihn. „Auch dir frohe Weihnachten.“ Sie hatte ebenfalls ein Geschenk für Harry. Beide packten nun aus, Poppy bekam eine Kette mit einem Pyrit, der in Silber gefasst war, Harry hingegen einen neuen Koffer und dazu einen magischen Rucksack, in den er viel mehr einpacken konnte, als es von außen sichtbar war. Dankbar umarmte Harry die Medihexe. Gemeinsam stellten sie sich nun in die Küche, um sich ein leckeres Menü zu kochen.

„Poppy, könnte ich nach dem Essen nach Hogwarts?“, fragte Harry zwischendurch. „Heute Nacht war wohl ein Todesser-Treffen, ich habe die Verbindung gespürt, auch wenn ich sie blockieren konnte. Ich würde Professor Snape gerne danach fragen und sehen, ob es ihm gut geht.“

„Natürlich, das machen wir. Ich komme mit, immerhin bin ich in medizinischen Fragen die Expertin.“, stimmte Poppy zu.

Mittags genossen sie ihr selbst kreiertes Mahl aus Lamm, Gemüse, Kartoffeln und cremiger Sauce, anschließend noch selbst gemachte Mousse aus verschiedenen Schokoladensorten. Währenddessen klärte die Medihexe ihren Schützling über die wichtigsten Verhaltensregeln in Reinblüter-Kreisen auf, auch wenn die Lovegoods sicher nicht so viel Wert darauf legten wie beispielsweise die Malfoys. Dennoch wollte Harry einen guten Eindruck machen. Noch nie hatte sich jemand die Mühe gemacht, ihm solche Dinge beizubringen, daher war er begierig und sog das Wissen in sich auf. Wobei die meisten Regeln nicht neu waren, viele davon galten auch in der Muggelwelt. Zwar hatten seine Verwandten ihm das nicht beigebracht, doch er hatte viel davon bereits gesehen, wenn Tante Petunia oder Onkel Vernon versuchten, Eindruck bei Geschäftsfreunden zu schinden. Auch, wenn es bei den Dursleys immer aufgesetzt gewirkt hatte. Mit den Tipps der Medihexe hoffte Harry, dass es bei ihm nicht so gespielt wirkte. Poppy zeigte Harry nach dem Essen außerdem noch ein paar nützliche Zauber, um das Geschirr zu reinigen und wegzuräumen, dann gingen sie zum Kamin.

In wenigen Minuten waren sie im Krankenflügel, von dort aus ging Harry in die Kerker. Er klopfte mit bebenden Fingern an die Tür, die nur Sekunden später aufgerissen wurde. „Was …?“, blaffte ein schlecht gelaunter Tränkemeister. Dann erkannte er seinen Besucher und zog die Augenbraue hoch. „Mister Potter? Und ich dachte, sie wären froh, zehn Tage zu verschwinden.“

„Kann ich reinkommen?“, bat der Jugendliche.

„Wenn es sein muss.“, schnaubte Severus, der wusste, er würde den Jungen wohl vorher nicht loswerden. Erst musste er sich anhören, was er zu sagen hatte. Kaum war die Tür geschlossen, wurde Harrys Sorge deutlich.

„Heute Nacht war ein Treffen, oder? Ist alles in Ordnung mit ihnen, Professor?“, sprudelte es aus Harry heraus.

„Es geht mir gut.“, seufzte Severus, nur mäßig überrascht. „Konntest du dich verschließen?“

„Ja.“, nickte Harry. „Es hat gut funktioniert, ich habe nur die Gefühle gespürt, aber mehr nicht.“

„Gut.“ Severus atmete erleichtert aus. „Und jetzt willst du wissen, was los war.“ Harry bejahte. „In Ordnung, aber es war nichts Unerwartetes. Der Lord wollte wissen, wo du nun bist, da einige Schüler ihm berichteten, du bist in den Ferien weg, aber nicht mit dem Zug gefahren. Aber da das Ministerium deine Vormundschaft geregelt hat, konnte ich ihm nichts sagen. Er hat nun seine Spione im Ministerium beauftragt, herauszufinden, bei wem du untergekommen bist. Ich hoffe, Poppy hat ihr Haus gesichert.“

„Ja, hat sie.“, bestätigte Harry. Ein kleines, aber durchaus freches Grinsen schlich sich in sein Gesicht. „Und nein, ich werde nicht streunen gehen. Das wollten sie doch eben sagen, oder?“

Severus' Mundwinkel zuckte kurz. Der Bengel kannte ihn ziemlich gut, wie es schien. Der Tränkemeister erkannte beinahe widerwillig, dass er die Gesellschaft von Harry nicht unangenehm fand, der Junge hatte viel von Lily. Er gab ihm Kraft, nun nicht aufzugeben.

„Trinken sie.“, bot Harry an, als er merkte, wie die Gedanken des Älteren abschweiften. Er hielt ihm den Arm hin. Der Vampir griff zu, inzwischen wusste er, dass Harry genauso stur wie seine Mutter war. Er musste es nicht laut sagen, Harry wusste, wie sehr ihm das Blut half. Noch immer fehlte ihm Lucius wie am ersten Tag, aber er konnte nun auch noch andere Dinge wahrnehmen, es war nicht mehr sein absoluter, sein einziger Fokus. Die Schmerzen waren immer da, aber sie dominierten seine Wahrnehmung nicht mehr. Das war – egal wie wenig er es zugeben wollte – Harrys Verdienst. Der Junge hatte ihm die Kraft gegeben, weiter zu machen. Gab sie ihm immer noch.

„Gibt es etwas Neues von Albus?“, erkundigte sich Harry.

„Nein.“, schüttelte Severus den Kopf. „Allerdings vermute ich, dass der Lord etwas mit den Werwölfen vorhat. Auch Lupin berichtet Ähnliches, wir haben aber keinen genauen Zeitplan und auch keine konkreten Pläne.“

„Und wenn ich ...“, begann Harry, doch Severus unterbrach ihn gleich: „Nein. Auf gar keinen Fall wirst du deine Schilde senken. Das ist es nicht wert.“

„Aber ...“

„Kein Aber, Harry. Es ist zu gefährlich, der Lord könnte deine Barrieren überwinden und alles herausfinden, was du weißt. Und irgendwann helfen auch meine Verstärkungen nicht mehr gegen ihn, dafür ist er zu stark.“, bestimmte Severus. „Du tust schon eine Menge mehr, als die meisten anderen Zauberer. Übertreib' es nicht.“ Er wollte nicht, dass Harry verletzt wurde.

Plötzlich grinste Harry und nestelte an seinem Umhang herum. Er zog ein Päckchen heraus und drückte es dem Tränkemeister in die Hand. „Frohe Weihnachten, Professor.“

Severus wurde blass und wehrte ab. Er wich zurück. Diese Geste erinnerte so sehr an Draco und Luc, dass es ihm die Luft zum Atmen nahm. Die Sehnsucht nach seiner Familie nahm überhand und er wollte einfach nur alleine sein. „Bitte geh.“, wisperte er rau.

„Professor? Es tut mir leid.“ Harry war richtig erschrocken. Das hatte er nicht gewollt.

Der Tränkemeister sank auf das Sofa, legte das Gesicht in einer verzweifelt wirkenden Geste in die Hände. „Luc!“, hauchte er. „Draco, Yasemine.“

Harry legte das Geschenk beiseite und trat an den Mann heran. Vorsichtig legte er ihm die Hand auf die Schulter. „Sir?“ Severus reagierte nicht. „Sir, sie vermissen ihre Familie, nicht wahr? Das werden sie immer, aber ich bin sicher, gerade Draco denkt auch intensiv an sie. Sie werden nie alleine sein.“

Severus merkte, dass Harry von sich selbst sprach. Wie hatte der Junge es nur geschafft, so positiv zu bleiben, nach all dem, was er erlebt hatte? Statt dass er aufgab und verzweifelte, half er ihm noch. Ausgerechnet ihm, dem miesepetrigen Kerkermeister, der ihm die letzten Jahre nicht gerade angenehmer gemacht hatte. Ja, das war Lilys Sohn. Eindeutig. Und in dem Moment ließ er zu, dass Harrys Arme sich um ihn legten. „Danke!“, murmelte er in die wirren, schwarzen Haare.

„Frohe Weihnachten.“, wiederholte Harry leise und strich über den schmalen Rücken.

„Frohe Weihnachten, Harry.“, antwortete Severus schließlich. Ein wenig zögerlich öffnete er dann auch das Geschenk und staunte über ein edles Muggelschachspiel. „Mondstein und Opal?“, riet er.

„Ja.“, nickte Harry. „Sie sind ein guter Schachspieler, auch wenn sie es kaum jemanden wissen lassen. Der Verkäufer in dem Laden verriet mir, dass sie es jedes Mal ansehen, wenn sie da sind.“

„Das ist eines Slytherin würdig. Seinem Tränkelehrer hinterher spionieren!“, schnarrte Severus, aber es war nicht wirklich böse. „Danke, Harry.“

„Gern geschehen!“, grinste Harry und meinte es auch so. Dann fiel sein Blick auf die Uhr. „Oh, ich muss los. Poppy wartet sicher schon.“

„Komm, ich bring dich nach oben.“, bot Severus an. „Ich muss ohnehin einen Kontrollgang machen. Und dann werde ich Filius herausfordern, auch er spielt sehr gut Schach.“

Harry verbarg sich unter seinem Tarnumhang, damit ihr gutes Verhältnis nicht herauskam, aber vor allem auch, weil nicht bekannt werden sollte, wo er war und dass er zwischendurch hier war. Im Krankenflügel wartete die Medihexe bereits, und als sie Severus erblickte, hob sie ihren Zauberstab, um ihn mit einigen Diagnosezaubern zu scannen.

„Ich bin weder verletzt noch brauche ich ihre Expertise.“, schnarrte der Tränkemeister unwillig. „Der Lord hat mich letzte Nacht nicht bestraft.“

Sie atmete hörbar auf. „Dann ist es ja gut.“, seufzte sie erleichtert. „Wie sieht es hier sonst aus?“

„Sam Cook, der Erstklässler aus Hufflepuff, hatte ein verstauchtes Sprunggelenk, als er meinte, mit Turnschuhen auf dem Eis laufen zu müssen. Ansonsten gab es keine Vorkommnisse.“, berichtete Severus.

Es gab insgesamt wenig Zwischenfälle in den letzten Monaten. Einzig die Slytherins, die Severus als angehende Todesser identifizieren konnte, machten Ärger. Harry sagte nicht viel dazu, aber gerade Severus ahnte, wie oft sie ihm auflauerten. Dennoch entkam der Junge regelmäßig. Wie auch immer er das schaffte. Bis heute wusste Severus es nicht genau, aber er hatte den Verdacht, dass Lupin ihm die Karte zurückgegeben hatte. Nachweisen konnte er das allerdings zu seinem eigenen Leidwesen nicht. Seit Jahren narrte ihn Potter, indem er nachts durchs Schloss streifte und nicht erwischt wurde. Wobei er dieses Jahr erstaunlich konzentriert arbeitete und komplett unauffällig war. Dieser neue Potter fing an, ihm zu gefallen. Severus schüttelte unwillig den Kopf. Das hier nahm Ausmaße an, die er nicht zulassen wollte. Suchte er unbewusst Ersatz für Draco? Für Luc gäbe es nie einen Ersatz, aber einen Schüler wie Draco, mit dem er sprechen konnte, vor dem er sich nicht verstecken musste, das versuchte sein Unterbewusstsein scheinbar für ihn zu arrangieren. Ja, der Jugendliche tat ihm in gewisser Weise gut, aber er durfte es nicht zu eng werden lassen. Harry war noch immer sein Schüler, nicht mehr und nicht weniger.

„Professor?“, riss ihn Harry nun aus den Gedanken. Irgendwann in den letzten Momenten musste er den Umhang herunter gezogen haben. Severus fixierte den Schüler mit seinem stechendsten Blick. „Was passiert nun wegen der Werwölfe? Heute Nacht ist Vollmond.“

„Ich weiß.“, schnappte Severus. „Aber wir haben keinen Anhaltspunkt.“ Er gestattete sich ein Seufzen. „Der Orden ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Lupin will versuchen, uns einen Hinweis zuzuspielen, denn sie werden sicherlich apparieren, bevor sie sich verwandeln. Ich musste dem Lord Wolfsbann brauen, damit die Werwölfe noch gezielter zuschlagen können. In drei Stunden erwartet mich der Lord mit einer frischen Ladung. Momentan muss er noch ziehen, bevor ich die letzte Zutat zugeben darf. In der Kürze der Zeit war es mir nicht möglich, ihn effektiv abzuändern. Mein Ziel ist es eigentlich, den Trank so weiter zu entwickeln, dass sie nicht mehr angreifen WOLLEN. Allerdings wird es in Zukunft auffällig, da Greyback und seine Meute nun bereits den Trank kennen.“ Es war wie verhext, er konnte nichts tun, obwohl er es wollte.

„Dann lassen sie ihn so, wie er ist.“, meinte Harry. „Ich will nicht, dass sie sich in Gefahr begeben. Und außerdem … das sage ich jetzt echt ungern … brauchen wir ihre Informationen.“

Severus dachte eine Weile darüber nach. „Gut, ich werde ihn nicht verändern.“, stimmte er schließlich zu. „Und ich werde tun, was ich kann, damit du Informationen bekommst. Ich habe Lily ein Versprechen geleistet: dich zu beschützen, so gut ich kann. Und das werde ich einhalten.“

„Danke.“, lächelte Harry. „Passen sie auf sich auf, Professor.“ Er wusste, woran der Ältere dachte. In den Erinnerungen, die er geschenkt bekommen hatte, war es die letzte Sequenz gewesen.

Beginn der Erinnerung:

Severus wartete außerhalb von Hogwarts, in der Nähe der heulenden Hütte. Plötzlich tauchte eine rothaarige Frau mit einem Baby auf dem Arm unmittelbar vor ihm auf.

„Lily!“, begrüßte Severus sie.

„Hey Sev!“, lächelte sie, wenn auch angespannt. Der Junge auf ihrem Arm war etwa ein Jahr alt, mit großen, strahlend grünen Augen, die leicht unwohl blickten, was sicher davon kam, dass seine Mutter gerade mit ihm appariert war. Die schwarzen Haare standen wirr vom Kopf ab. „Danke, dass du gekommen bist.“

Severus wandte sich ab und ging ihr voran in die Hütte. Dort waren sie alleine und geschützt. Erst, als die Tür geschlossen war, drehte er sich zu ihr um. „Was willst du? Ich dachte, du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben?“

„Es tut mir leid, Sev.“, wisperte Lily. „Ich hatte Unrecht. Inzwischen ist mir klar, dass schwarze Magie nicht böse ist. Aber du bist ein Anhänger von Voldemort. Die Todesser sind wirklich böse.“

„Ich weiß.“, gab Severus zu. „Ich … ich kann dir nicht sagen, warum ich letztendlich das Mal angenommen habe, aber im Vertrauen: Ich spioniere für Dumbledore. Niemand darf es wissen, aber ich will, dass du es weißt. Wir haben beide Fehler gemacht, aber ich wünschte, wir würden nicht im Streit auseinander gehen.“

„Das tun wir nicht. Nicht, wenn es nach mir geht.“, murmelte Lily. „Du hast Albus gesagt, dass wir in Gefahr sind. Danke dafür. Wir verstecken uns nun mit dem Fidelius. Deshalb musste ich dich irgendwo anders treffen. Wobei, wenn James und du aufeinander treffen, das wäre sicher auch nicht die beste Idee.“

„Sicher nicht.“, antwortete Severus trocken.

Lily lachte auf, und selbst Harry grinste. Doch mit einem Mal wurde sie wieder ernst. „Sev, ich … ich hab Angst.“, gestand sie.

„Dumbledore hat dich in Sicherheit gebracht.“, erwiderte Severus. „Wenn du dort bleibst und nicht zu mir kommst, dann sollte dir nichts passieren.“

„Ich weiß. Aber trotzdem … Ich habe ein ungutes Gefühl.“, flüsterte Lily. „Bitte, Sev, pass' auf Harry auf, wenn wir es nicht mehr können. Er ist nicht wie sein Vater, nicht, wenn ich es verhindern kann. Du musst ihn nicht zu dir nehmen, wenn du nicht willst, das macht sicher Sirius, aber bitte: Pass' auf ihn auf.“

„Ich ...“ Severus zögerte. Man konnte sehen, dass er nicht besonders begeistert war, aber am Ende straffte er sich. „Für dich, Lily. Ich werde auf den Jungen achten und ihn beschützen, so gut ich es vermag. Ihn aufnehmen kann ich nicht, das würde ihn in noch größere Gefahr bringen, aber ich werde mindestens ein Auge auf ihn haben, so oft es mir möglich ist.“, schwor er.

„Danke, Sev!“, fiel Lily ihm mitsamt dem Kind um den Hals. Nach einigem Zögern legte er vorsichtig die Arme um seine beste Freundin.

Ende der Erinnerung

Noch während Harry in Gedanken war, reisten sie zurück in Poppys Haus. Offenbar hatte Professor Snape ihr noch einen Hinweis gegeben, denn sie sprach einige Schutzzauber auf den Grund und schloss auch den Strand mit ein, sodass Harry ans Wasser konnte. Eine Weile genossen sie noch die Ruhe und lasen im Wintergarten sitzend, dann gingen sie in ihre Betten, immerhin wollten sie am Morgen bereits zum Frühstück im Fuchsbau sein.

Nach einer erholsamen und ruhigen Nacht wachte Harry gegen sieben Uhr morgens auf. Er freute sich auf den Besuch bei den Weasleys, und sprang daher aus dem Bett, damit er duschen konnte. Eine Stunde später stand er voll bepackt am Kamin.

„Du brauchst nur noch einen Sack und eine passende Mütze, dann kannst du als Weihnachtsmann junior durchgehen!“, lachte Poppy, als sie ins Zimmer trat.

Harry sah an sich hinunter. Er trug eine weiße Jeans und einen roten Pullover. Die Geschenke hatte er in seinen Armen verteilt. Immer noch lachend schuf Poppy ihm tatsächlich einen Sack, in den er seine Geschenke packen konnte. Als sie auch noch eine Zipfelmütze hinzufügen wollte, wehrte sich Harry allerdings doch. Er drohte ihr an, sie in ein Elfenkostüm zu hexen, damit sie zum Weihnachtsmann passte. Da erst gab die Medihexe nach und ließ Harry in Ruhe. Den Sack allerdings nahm er dann doch. Es war wirklich sehr viel einfacher, die Geschenke so zu transportieren.

„Dann los!“, grinste Poppy, als Harry seine Musterung von sich selbst beendet hatte. Sie deutete auf den Kamin, ließ ihm den Vortritt.

Doch sobald sie im Wohnzimmer des Fuchsbaus standen, erwartete sie absolutes und heilloses Chaos. Das Haus war in Trümmern, überall fehlten Teile. Menschen rannten durcheinander, Harry erkannte einige von ihnen als Ordensmitglieder, die anderen trugen Uniformen, die sie als Auroren oder Heiler auswiesen. Auf dem Sofa lag ein Verletzter, an den langen, orange-roten Haaren erkannte Harry Bill. Sein Gesicht war blutverschmiert und er krümmte sich vor Schmerzen. Zwei Heiler beugten sich über ihn, im Hintergrund erkannte Harry den Tränkemeister, der hastig in einem Kessel rührte, den er einfach auf den Wohnzimmertisch gestellt hatte. Poppy war schon nicht mehr neben ihm, sie hatte sofort in den Heilermodus geschaltet, als sie angekommen war. Entsetzt blickte Harry sich um und erkannte schließlich Molly, deren Gesicht tränenverschmiert war, auch auf ihrer Kleidung waren überall Blutflecken.

„Was ist passiert?“, fragte Harry entsetzt.

Nachdem Poppy und Harry verschwunden waren, machte Severus noch einen Kontrollgang, um nach dem Rechten zu sehen, bevor er zurück in sein Labor ging. Der Wolfswurz musste noch zerrieben werden, dann konnte er ihn langsam einrühren. Viermal im Uhrzeigersinn, sechsmal dagegen, eine Minute warten, dann erneut. So lange, bis sich alle Bestandteile aufgelöst hatten. Dabei durfte der Trank nie heißer als 95°C sein, aber auch nie kälter als 90°C. Um konzentriert arbeiten zu können, legte er einen Stille- und einen Verschlusszauber auf sein Labor, niemand sollte ihn stören können. Eine knappe Stunde später war der Trank fertig und Severus machte ihn transportfertig. Damit die Wölfe ihn heiß trinken konnten – so wirkte er am besten – legte er einen Zauber auf den Kessel und ging direkt durch den Kamin im Labor. Der Lord und die Werwölfe warteten bereits ungeduldig.

Severus fing den Blick Lupins auf, der nur die Augen bewegte. Verstehend blinzelte Severus kurz, doch das musste warten. Wenn der Lord dabei war, bestand die Gefahr, dass er sie erwischte. Erst wenn der Lord abgelenkt war, konnten sie sich verständigen. Remus Lupin wirkte noch verwahrloster als sonst, fiel dem Tränkemeister auf. Er war Teil des Rudels, aber in der Hierarchie nicht sehr hoch aufgestiegen. Alles andere hätte Severus auch sehr verwundert, immerhin war Lupin mehr als friedliebend und ging Konflikten, die er nicht mit Worten lösen konnte, lieber aus dem Weg. Noch nie hatte Severus diesen Werwolf in einem wirklichen Streit gesehen. Diskutieren lag ihm, alles Andere vermied er wie eine Katze das Wasser. Im Rudel müsste er sich seinen Stand erkämpfen, das würde er wohl nicht machen. Nicht wenn er kein klares Ziel vor Augen hatte. Der Dunkelblonde wirkte mehr als erleichtert, als er als Letzter den Trank von Severus bekam. Da der Lord gerade etwas mit Bellatrix und Rabastan besprach, die sich inzwischen von ihren Verletzungen erholt hatten, nutzte Severus die Chance und blickte in Remus' Augen. Mit einem ungesagten ‚Legilimens‘ drang er in den Geist des Werwolfes ein.

»Ich weiß leider nichts Genaues.«, erklärte Lupin in Gedanken. »Aber es geht definitiv gegen den Orden. Ein Angriff, einige Todesser und das Rudel. Sie sollten vor allem die Kinder schützen, Greyback ist extrem vorfreudig erregt.« Der Dunkelblonde schauderte. »Ich versuche, einen Hinweis zu geben, wenn wir apparieren. Das zumindest hat uns Greyback gesagt, wir werden kurz vor der Verwandlung dorthin apparieren, wo der Angriff stattfinden soll.«

Severus nickte knapp, zog sich dann zurück. Er durfte sich keinen Fehler erlauben, vor allem nicht in der Nähe des Lords. Diese Unterhaltung war bereits ein großes Risiko gewesen, aber notwendig. Jetzt musste er sehen, dass er weg kam. Außer, der Lord hatte vor, ihn bei dem Überfall einzusetzen, dann könnte er Kingsley genauer warnen. Doch das erwartete Severus nicht, immerhin hatte der Lord deutlich gemacht, dass er als Spion zu viel Wert war.

Tatsächlich wurde Severus entlassen, als der Wolfsbann ausgeschenkt war. Ihm wurde nur aufgetragen, alles im Auge zu behalten und zu melden, sollte Potter auftauchen. Auch dann sollte er nur berichten, was er über seinen Aufenthaltsort herausfinden konnte. Nach einer Verbeugung ging Severus zurück in sein Labor, wo er den Kessel abstellte, schnell aufräumte, und dann die Zauber löste. Hastig informierte er Minerva und Kingsley, die wenigen Informationen weitergebend, die er hatte. Viel zu wenig, wie er fand, aber er würde Harry nicht seine Rolle überlassen, das war einfach zu gefährlich. Auch wenn der Junge sich selbst anbot, um in den Geist seines schlimmsten Feindes einzudringen, aber das würde Severus niemals zulassen. Harry war nicht einmal volljährig, er nahm Dinge auf sich, die für einen Jugendlichen eigentlich unzumutbar waren, doch er beschwerte sich nicht. Ja, er hatte seine Meinung gesagt und vollkommen Recht gehabt, aber er hatte sich umgedreht und weiter gemacht. Severus bewunderte ihn für dieses Talent. Anders als er selbst konnte Harry die Vergangenheit wahrhaft hinter sich lassen. Auch wenn er um seinen Paten trauerte, so gab er dennoch nicht auf. Diese Stärke wünschte sich Severus für sich selbst auch. Ob es wirklich, wie Albus immer sagte, von den treuen Freunden abhing? Harry hatte Menschen, die fest an seiner Seite standen, die ihn nicht im Stich ließen. Er selbst hatte immer nur Lucius gehabt. Unwillkürlich umfasste Severus bei dem Gedanken seinen Oberkörper. In den letzten Jahren war auch ihr gemeinsamer Sohn mehr und mehr zu seinem Vertrauten geworden. Aber Severus wusste auch, dass ihn und Harry unterschied, wie sie auf die Menschen zugingen, Harry offen und aufgeschlossen, er selbst komplett verschlossen, er tat sich schwer, Vertrauen zu fassen.

„Snape?“, kam es nur wenige Minuten später aus seinem Kamin.

„Moody.“, knurrte Severus. Der Mann, der die Leitung des Ordens übernommen hatte, gemeinsam mit Minerva und Kingsley, ihm dabei aber überhaupt nicht über den Weg traute.

„Wir haben alle Ordensmitglieder informiert. Aber es ist zu wenig Zeit für eine Evakuierung, der Mond geht in wenigen Minuten auf.“, erklärte der alte Auror.

„Das ist mir bewusst.“, schnarrte Severus. „Wie ist der Plan?“

„Kein Plan, dafür haben wir zu wenige Informationen. Wir sind in Bereitschaft und im Alarmfall apparieren wir in die Nähe, greifen die Todesser und Werwölfe von hinten an. Im Optimalfall von erhöhten Standorten, damit uns die Wölfe nicht gefährlich werden. Alles andere müssen wir spontan entscheiden.“, befahl Moody. Er funkelte Severus noch einmal an. „Wage es nicht, uns in den Rücken zu fallen!“

Severus verdrehte nur die Augen, gab keine Antwort. Der alte Auror war bekannt für seine Paranoia, die im Laufe der Jahre immer schlimmere Ausmaße annahm. Einmal Todesser, immer Todesser war seine Devise. Gut, er kannte den Hintergrund bei Severus nicht, aber auch Luc hatte immer davon gesprochen, dass Moody ihm nicht vollkommen vertraute. Als Chefauror war er Ansprechpartner für seinen Gefährten gewesen. Moody verschwand ohne einen Gruß aus dem Kamin. Severus ging zurück in sein Labor, sie brauchten sicher eine Menge Heiltränke. Möglicherweise auch etwas für die Behandlung von Werwolfsbissen, das allerdings würde er frisch zubereiten müssen. Also richtete er die Zutaten und einen passenden Kessel her, sodass er es im Notfall schnell holen konnte. Sollte es notwendig werden, dann würde er ihn vor Ort brauen.

Viel Zeit hatte er nicht, bis ihn ein Patronus erreichte. „Der Fuchsbau wird angegriffen!“, richtete ihm die Katze mit Minervas Stimme aus.

Sofort ging Severus durch den Kamin ins Manor seines Gefährten, von dort aus konnte er apparieren. „Todesser und Werwölfe im Fuchsbau.“, informierte er Albus knapp. „Hier.“ Er warf ihm eine Phiole zu. „Vielsafttrank, du verwandelst dich in einen etwas jüngeren Zauberer mit roten Haaren. Achte auf die Zeit!“ Mit diesen Worten verschwand Severus. Er wusste, Albus würde nicht zögern, wenn die Weasleys und der Orden in so großer Gefahr waren, aber noch durften sie diesen Trumpf nicht ausspielen, das wussten sie beide. Severus konnte nur dann weiter spionieren, so lange niemand wusste, dass er noch lebte.

Er hatte sich einen Punkt etwa 160 Yards westlich vom Fuchsbau konzentriert, dort war Wald. Unbemerkt schlich er sich rasch näher, kletterte auf einen der dem Haus nächsten Bäume. Von dort aus konnte er mit Zaubern sowohl die Werwölfe als auch die Todesser erreichen und sah genug, um Freund und Feind unterscheiden zu können. In den Nachbarbäumen entdeckte er Tonks, eine junge Aurorin, und Xenophilius Lovegood, der als Nachbar scheinbar zu Hilfe geeilt war. Xeno nickte ihm kurz zu, dann konzentrierten sie sich darauf, Werwölfe und Todesser anzugreifen und kampfunfähig zu machen. Severus duckte sich tief hinter den Stamm seines Baumes, um eine Entdeckung so gut wie unmöglich zu machen, und feuerte einige Zauber auf einen der wilden Werwölfe ab, die er selbst entwickelt hatte. Das Dumme bei Werwölfen war, dass sie sehr viel resistenter gegen Magie waren als Menschen. Dennoch schaffte es Severus mit dem vierten Fluch, den Angreifer auszuschalten. Jetzt ging Severus allerdings in Deckung, da einer der Todesser aufgrund der Zauber gesehen hatte, wo er saß, und einen Fluch auf den Baum schoss, auf dem Severus sich versteckte. Die Nadeln der Tanne begannen bereits, Feuer zu fangen, als Xenophilius Lovegood vom Nachbarbaum aus einen Schockzauber auf den Todesser schoss und diesen damit aus dem Gefecht nahm. Schnell löschte Severus die Zweige ‚seines‘ Baumes. Dankbar nickte er seinem Mitstreiter zu und konzentrierte sich weiter auf die Werwölfe und die Todesser. Von der Ausgabe des Wolfsbann wusste er, dass Greyback ein Rudel von knapp vierzig Kämpfern hatte, das würde schwer werden. Doch der Todesser hatte ihn auf eine Idee gebracht. Severus nutzte Feuer, um einige der Werwölfe einzukreisen. Gemeinsam mit Tonks und Lovegood, die ihm beide anerkennend zugrinsten, schockte und fesselte er die Werwölfe anschließend.

Unten am Haus war die Situation deutlich dramatischer. Mehrere Werwölfe, unter ihnen Fenrir Greyback, hatten Ron und Ginny eingekesselt, da sie aus dem Haus fliehen mussten. Immer wieder trafen Zauber der Todesser das verwinkelte Haus und ließen es erzittern, Rauch stieg überall auf und große Löcher entstanden in den Außenmauern. Bill eilte seinen beiden jüngsten Geschwistern zu Hilfe, ließ einen der Wölfe mit einem Zauber mindestens 20 Yards rückwärts gegen einen Baum fliegen, wo er reglos liegen blieb. Der Nächste jaulte auf, als Bill ihm einen Zauber auf die empfindliche Nase jagte. Der Fluchbrecher wirbelte herum und donnerte seine Faust gegen einen der Werwölfe, die hinter ihnen waren und versuchten, sich anzuschleichen. Im gleichen Augenblick wirkte er einen ungesagten Zauber, der den Wolf blendete, dann fesselte er ihn mit Silber, so konnte er sicher nicht mehr entwischen. Zwei  Todesser wollten seine Ablenkung nutzen, doch Bill hatte sie aus dem Augenwinkel gesehen und wirkte einen Schutzzauber, um die Flüche abzuwehren, schaltete danach sofort auf Angriff um und die Zauberer aus. „Anfänger!“, knurrte er grinsend, ließ aber nicht nach, denn noch immer kreisten mehrere Werwölfe um seine Geschwister und ihn. Auch die jüngsten Weasleys hatten ihre Zauberstäbe in den Händen und man sah, dass sie mit Harry gelernt hatten. Sie hielten die Werwölfe mit Feuer und Silberregen auf Abstand, doch das rief die Todesser erneut auf den Plan.

„Sectumsempra!“, schrie einer von ihnen. Ron schrie auf, als ein tiefer Schnitt über seinen rechten Oberarm ihn dazu zwang, den Zauberstab fallen zu lassen. Seine Finger konnten ihn einfach nicht mehr halten.

Bill warf sich vor ihn, als Greyback, ein riesiger, schwarzer Werwolf, mit gefletschten Zähnen auf Ron zusprang, während Ginny aus nächster Nähe einen Schockzauber sprach. Ron, Bill und der Werwolf fielen in einem wirren Haufen zusammen. Ginnys Zauber wirkte nicht vollständig, Greyback war nicht komplett außer Gefecht, auch wenn er nicht richtig auf die Beine kam. Aber seine Zähne und die Klauen waren einsatzbereit, und die nutzte er auch. Bill hatte seinen Zauberstab verloren und kämpfte nun mit Fäusten und Füßen gegen den Rudelführer. Seine Drachenlederstiefel bohrten sich tief in die Flanke Greybacks, gleichzeitig donnerte er die Faust auf den Kopf des Werwolfes, der knurrend und zähnefletschend versuchte, ihn zu beißen. Immer wieder schoss der massige Schädel des Schwarzen nach unten und suchte nach seiner Beute. Mit seinen Klauen trat er um sich. Unter ihnen bildete sich bereits eine Blutlache. Rons Augen waren geschlossen und er wurde immer blasser.

Plötzlich sprang ein sandfarbener Werwolf dazwischen und knurrte den Rudelführer an. Charlie, Arthur, Kingsley und einige Auroren griffen nun gemeinsam die Wölfe an Greybacks Seite an, während der Sandfarbene den Alpha in die Flanke biss und versuchte, ihn von den Rothaarigen wegzuzerren. Blutüberströmt lag Bill auf dem Boden, die Augen geschlossen, aber der Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig. Auch Ron blutete heftig aus der Wunde am Oberarm, dazu hatte er kleinere Schnitte im Gesicht und am Oberkörper.

Ginny sah extrem blass aus, auch sie hatte einige Schnitte und Kratzer, ihre Kleidung war blutverschmiert, sie war aber die Einzige, die in dieser Gruppe noch einen Zauberstab hatte. Sie richtete ihn auf die Werwölfe. „Impedimenta! Obscuro! Petrificus totalus! Tarantallegra!“, rief sie wütend und gleichzeitig verzweifelt immer wieder, und griff nacheinander die vier Wölfe um sie herum an. An Greyback konnte sie nicht heran, um den Werwolf, der ihnen zu Hilfe geeilt war, nicht zu treffen, denn die Beiden wirbelten wild umher. Mit einem „Protego horribilis!“ schützte sie sich und ihre Brüder, als die Werwölfe ausgeschaltet waren und die ersten Todesser versuchten, ihren Platz einzunehmen. Sie spürte, wie ein Zauber von hinten über sie hinweg zischte, sah, wie der Todesser vor ihr plötzlich vornüber kippte. Jemand saß im Wald auf den Bäumen und half ihnen! Ginny war mehr als erleichtert, ließ ihren Schutz aber nicht fallen. Mehr konnte sie nicht mehr tun, gegen ihre Zauber schützten sich die Todesser ziemlich effektiv. Ein weiterer, rothaariger Zauberer wirbelte durch ihr Sichtfeld und schaltete die Todesser aus, die ihr noch gegenüber standen, dann verschwand er gleich, wandte sich den nächsten Zielen zu.

Albus hatte schnell reagiert, als Severus ihm das Fläschchen gegeben hatte. Sobald der Tränkemeister disappariert war, entkorkte er es, trank den Inhalt mit einem großen Schluck. Die Verwandlung war nicht gerade angenehm, aber das Schlimmste für Albus war die Zeit, die er warten musste, bis er den Weasleys zu Hilfe eilen konnte. Endlich war die Verwandlung abgeschlossen und auch er disapparierte. Bewusst hatte er sich für einen Punkt ein wenig vom Haus entfernt entschieden, so konnte er sich nun einen Überblick verschaffen. Es schien, als wäre der Orden überrannt worden. Überall hatten sich kleine Gruppen gebildet, die gegen Werwölfe und Todesser kämpften. Er sah Moody und Arthur, die gerade drei Todesser ausschalteten. Zwar stellten sich ihnen zwei weitere Todesser in den Weg, aber die waren ihnen nicht gewachsen. Albus allerdings griff den Werwolf an, der sich von der Seite anschlich, die gerade nicht gedeckt war. Er nutzte seine Magie, sodass der Werwolf schnell gefesselt war. Schnell zog er noch einen Bannkreis um die bewusstlosen Gegner – egal ob zwei- oder vierbeinig – und wandte sich wieder in Richtung des Fuchsbaus. Er sah, wie Ginny Weasley wirklich heldenhaft vier Werwölfe angriff, während zwei Werwölfe direkt vor ihr einen eigenen Kampf auszufechten schienen. Albus war fast sicher, den Größeren als Greyback identifizieren zu können. Der hellere, sandfarbene Wolf kam ihm auch vage bekannt vor. War das Remus? Oder besser gesagt, Moony? Aber Albus hatte ihn noch nie kämpfen sehen, der Mann ging jedem Gefecht, ja beinahe sogar jedem Streit aus dem Weg. Kämpfte er gerade wirklich oder war es ein anderer Werwolf, der ihm ähnlich sah? Doch schnell legte Albus diese Gedanken beiseite, zwar hatte Ginny die Werwölfe tatsächlich ausgeschaltet – sie würde später ein hervorragendes Ordensmitglied werden – und gefesselt, aber jetzt griffen zwei Todesser sie an. Schnell hatte er sie geschockt, da sie von seiner Seite her offenbar nicht mit einem Angriff rechneten und die Schutzschilde sehr löchrig waren. Mit einem Blick erkannte er, dass er hier nicht weiter helfen konnte, und huschte ein Stück weiter, wo er Tonks sehen konnte, die gerade von einem Werwolf überrannt wurde.

Ginny hingegen sah zu den beiden kämpfenden Werwölfen. Der Sandfarbene war deutlich kleiner und schmaler als der dunkle Greyback, dafür aber auch verbissener. Greyback hatte mehrere, tief aussehende und stark blutende Wunden. Der Kleinere war ebenfalls verwundet, aber es sah nicht ganz so dramatisch aus, fand Ginny. Er wirkte ziemlich angepisst, aber sehr wendig und agil. Wären sie in ihrer menschlichen Form würde Ginny sagen, er war nicht so außer Atem wie der Größere. Plötzlich zuckte sie zusammen, als eine schwarz gekleidete, fast unkenntliche Person neben ihr auftauchte und sich auf ihre Brüder stürzte. Sie richtete ihren Stab auf ihn.

„Miss Weasley!“, zischte Severus. „Ich muss ihrem Bruder helfen, sonst überlebt er nicht.“

„Okay, Professor.“, nickte Ginny erleichtert. Sie wusste nicht genau, welche Rolle der Slytherin in der ganzen Geschichte spielte, aber sie hatte Harry in den letzten Wochen und Monaten beobachtet. Sie war absolut sicher, dass Harry dem Professor vertraute, auch wenn sie es nicht genau erklären konnte. Außerdem war ihr nur zu bewusst, wie oft Snape ihnen schon geholfen hatte. Kurzum, sie vertraute ihm, dass er ihren Brüdern wirklich helfen wollte, und ließ es zu, behielt ihren Zauberstab oben und deckte dem Professor den Rücken.

Severus wandte sich zunächst dem jüngeren Bruder zu, der enorm viel Blut verloren hatte, und kümmerte sich um die Wunde, die der Sectumsempra verursacht hatte. Mit einem Zauber, der wie ein Lied klang, schlossen sich die Wundränder langsam. Erst nach mehreren Minuten atmete Severus auf. Die Wunde war geschlossen, nun lag es an dem Jugendlichen. Die restlichen Wunden bluteten nicht einmal mehr, also ignorierte er sie für den Moment. Wichtiger war es nun, die lebensgefährlichen Verletzungen bei Bill Weasley zu versorgen. Möglicherweise hatte Greyback ihn erwischt. Nun kam es nur noch darauf an, ob die Krallen oder die Zähne diese Verletzungen verursacht hatten. Das konnte er hier nicht beurteilen, aber da der Körper des Rothaarigen bereits glühte, war es beinahe eindeutig. Wenn er nicht gerade krank im Bett gelegen hatte, als der Überfall begann. Severus hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, Bill verlor immer mehr Blut. Der junge Mann war noch nicht lange im Orden, aber sehr fähig. Nach einer Weile war Severus relativ sicher, dass Bill es schaffen würde, wenigstens nicht zu verbluten.

Ginny beobachtete derweil den Kampf zwischen den Werwölfen weiter, die sich inzwischen ineinander verbissen hatten und versuchten, den jeweils Anderen auf den Boden zu drücken. Anfangs schien es, als würde Greyback gewinnen, doch ganz langsam wendete sich das Blatt, der Sandfarbene gewann immer mehr an Boden. Und mit einem Mal war es vorbei, der Kleinere schnappte noch einmal zu, schüttelte den großen, schwarzen Körper kräftig durch, dann lag Greyback reglos auf dem Boden. Mit einem triumphierenden Heulen stand der sandfarbene Wolf nun über dem Besiegten. Die anderen Werwölfe, sofern sie noch nicht ausgeschaltet waren, sahen auf. Einige von ihnen näherten sich dem Sieger des Zweikampfes und wirkten unschlüssig, tappten winselnd hin und her, einige andere kämpften umso verbissener. Allerdings griffen die Wölfe um den Sandfarbenen nun die anderen Werwölfe an. Zwei graubraune Wölfe sprangen vor und jagten drei andere Werwölfe auseinander, die gerade Hestia Jones und Molly Weasley ins Visier nahmen. Da einer der Werwölfe sich duckte, sprang der größere Graubraune über ihn hinweg und rammte einen der Todesser, der daraufhin stürzte und sich gefletschten Zähnen gegenüber sah. Ein scharfer Geruch nach Urin zeigte nur zu deutlich seine Angst, und er disapparierte noch im Liegen. Die restlichen, noch stehenden Todesser disapparierten ebenfalls einer nach dem anderen, daraufhin ergriffen auch die übrigen Werwölfe die Flucht. Außer dem Sandfarbenen blieben nur drei Werwölfe zurück, die ein wenig geduckt hinter diesem standen.

„Gut gemacht, Lupin.“, nickte Severus anerkennend. Er atmete ziemlich hastig, hatte viel Energie verbraucht, um die Blutungen zu stoppen. Dennoch bereute er nicht, so gehandelt zu haben. Der sandfarbene Wolf jaulte einmal kurz auf, stupste dann Bill mit der Nase an. „Ja, er wurde offenbar gebissen.“, bestätigte Severus die unausgesprochene Frage. „Ich hole einige Dinge, dann kann ich etwas brauen, das ihm vielleicht hilft.“ Er wandte sich an Ginny: „Miss Weasley, sorgen sie dafür, dass ihre Brüder ins Haus gebracht werden, ich muss kurz in mein Labor.“ Er disapparierte, bevor Ginny etwas entgegnen konnte, tauchte im Manor wieder auf, beinahe gleichzeitig mit Albus, der noch immer rote Haare hatte und völlig anders aussah. „Bist du verletzt?“, wollte er vom ehemaligen Schulleiter wissen. Der schüttelte nur den Kopf. Severus nickte zufrieden und hastete zum Kamin. „Ich muss weiter!“, blaffte er, als Albus etwas sagen wollte. „Ich komme, wenn die Lage unter Kontrolle ist.“

„Danke.“, hauchte Albus, der sichtlich mitgenommen aussah, aber nicht offensichtlich verletzt war. „Ich werde warten.“

Mit einem Nicken verschwand Severus durch den Kamin, schnappte sich den Kessel und die Zutaten, dann ging es per Flohpulver zurück in den Fuchsbau. Inzwischen waren sie dabei, die Verletzten ins Haus zu schaffen. Moody war nicht da, aber Kingsley berichtete knapp, dass er eine Appariersperre einrichten und die Werwölfe sichern wollte. Sie hatten dreizehn bewusstlose Werwölfe, die er als Gefangene ansah. Erstaunlich viele hatte es geschafft, in dem ganzen Chaos zu entkommen.

Die drei Werwölfe, die sich dem Sandfarbenen angeschlossen hatten, warteten ruhig an der Seite, während der Sandfarbene ebenfalls versorgt wurde. Er sah Severus mit seinen hellen, gelben Augen an. „Lupin, ich muss mich erst einmal um meinen Trank kümmern.“ Ein Jaulen und ein schief gelegter Kopf. „Es kann Bill helfen, dass er den Wolfsbann nicht braucht, sondern direkt eine Einheit mit dem Werwolf bildet und die Kontrolle behält. Zumindest ist das die Theorie, ich konnte ihn bisher nicht testen.“ Die Ohren von Moony zuckten entsetzt. „Keine Bange, es wird ihm nichts passieren. Das ist der schlimmste Fall: Es passiert einfach nichts.“ Severus schüttelte den Kopf, da stimmte doch was nicht. Remus hatte Bill bisher nicht einmal getroffen, soweit Severus wusste. Woher also diese plötzliche Sorge? Typisch Gryffindor? Oder steckte mehr dahinter? Da fiel ihm etwas ein: „Wurde noch jemand gebissen?“

„Das kann ich dir sagen.“, antwortete Kingsley von hinter ihm. Severus wirbelte herum. „Moodys Holzbein ist kaputt, aber das ist reparabel. Sturgis ist tot, einer der Wölfe hat ihn erwischt und er ist verblutet. Xenophilius Lovegood, der Nachbar von hinter den Hügeln, hat einige Kratzer von Werwolfskrallen, aber keinen Biss, Tonks jedoch wurde ebenfalls gebissen. Sie liegt in der Küche, Molly hat den Tisch in eine Liege verwandelt. Keiner ist unverletzt, aber nur diese Beiden wurden gebissen.“

„Ich werde den Trank in einer Menge brauen, dass er für Beide reicht, notfalls sogar für eine dritte Person.“, versprach Severus, stellte seinen Kessel auf den Wohnzimmertisch und begann mit dem Brauen, während die Verwundeten sich gegenseitig versorgten, so gut es ging. Alle schwereren Fälle wurden ins St. Mungos gebracht, um professionell geheilt zu werden. Tief in seine Arbeit versunken bemerkte er nicht, wie das Feuer erneut aufflammte, Poppy den Verletzten zu Hilfe eilte. Erst Harrys Frage: „Was ist passiert?“ ließ ihn aufsehen. Ginny warf sich schluchzend in seine Arme und berichtete unter Tränen, was sie erlebt hatte. Ron stand vom Sessel auf, in dem er mehr gelegen als gesessen hatte, gesellte sich zu ihnen. Noch war er unsicher auf den Beinen und wirkte blass, aber der Blutbildungstrank wirkte bereits. Severus war mehr als erleichtert, dass er genug Vorräte gebraut hatte.

„Mister Weasley?“, holte sich Severus die Aufmerksamkeit von Ron. „Setzen sie sich mit ihrer Schwester hin, sie ist ziemlich blass. Noch mehr Verletzte können wir heute nicht brauchen. Und sie, Mister Potter, kommen her und helfen mir.“ Nickend trat Harry zum Tränkemeister, der den Trank in zwei Becher abgefüllt hatte. Noch immer köchelte eine braune, zähflüssige Masse im Kessel, war aber deutlich weniger. Es roch nicht besonders gut, ungefähr so unangenehm, wie es aussah. „Bill und Tonks müssen je einen Becher trinken. Es wird ihnen nicht schmecken, sie werden sich dagegen wehren. Ich halte sie fest, eine Körperklammer hilft nicht, weil sie das Schlucken verhindert. Sie sorgen dafür, dass sie den Trank komplett zu sich nehmen.“ Mit diesen Worten hielt er Bill fest, der sich umso mehr gegen den Griff wehrte, je näher Harry mit dem Trank kam. Dennoch schaffte es Harry mit viel Mühe, ihm den Becher einzuflößen. Auch Tonks wurde so behandelt. Kaum war der letzte Tropfen der Flüssigkeit geschluckt, fielen sie in einen tiefen Schlaf. Severus war zufrieden, bisher war alles so, wie er es berechnet hatte. Jetzt konnten sie nur noch abwarten.

Severus sah sich um, wandte sich dann Xenophilius zu, den er um ein Gespräch unter vier Augen bat. Sie zogen sich in den Garten zurück, wo die Werwölfe sich eben zurückverwandelten. Erschöpft rollten sie sich an Ort und Stelle ein, um zu schlafen. Xeno beschwor vier Decken und legte sie über die Männer.

„Wir müssen Lupin nachher noch versorgen, auch wenn er schneller als andere heilt.“, stellte Severus fest, dann wandte er sich ganz Xenophilius zu. „Ich habe erfahren, dass sie Zissa eine Nachricht zukommen lassen können.“, kam er sogleich auf den Punkt. „Sagen sie ihr, die Todesser sind auf der Suche nach ihr, sie soll auf jeden Fall in Deckung bleiben, wo immer sie auch ist. Der Lord hat einen hohen Preis auf ihren Kopf ausgesetzt.“

Der Blonde nickte dankbar. „Ich werde es sie wissen lassen. Vielen Dank, Professor.“ Mit diesen Worten disapparierte er, wollte die Nachricht scheinbar sofort weitergeben. Severus konnte nur hoffen, dass es sicher war und er nicht erneut jemanden in Lebensgefahr brachte. Energisch wandte er sich ab, griff nach Lupin und hob ihn mühelos hoch, trug ihn ins Haus, damit er versorgt werden konnte. Poppy winkte ihm, sie schuf aus einem Holzscheit eine Liege, worauf er den verletzten Mann ablegen konnte.

„Einige Bisswunden, ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmeres!“, atmete die Medihexe auf, als sie eine erste, schnelle Diagnose erstellt hatte. „Ein Blutbildungstrank, ein Heiltrank und ein wenig Schlaf, dann ist er wieder auf den Beinen.“ Lautlos ließ Severus die Luft aus, die er angehalten hatte. Er mochte den Dunkelblonden nicht unbedingt, aber er respektierte ihn und wusste, er war ein wertvolles Mitglied des Ordens. Und jemand, der Harry sehr wichtig war. Und dem Jugendlichen wünschte er inzwischen, dass er glücklich war.

Nur langsam kehrte Ruhe im Fuchsbau ein. Lange konnten sie nicht im Haus bleiben, es war nicht mehr zu reparieren, stellten Arthur und Hestia Jones fest. Hestia hatte magische Architektur studiert und kannte sich mit der Materie aus. Harry bot den Weasleys sofort an, in den Grimmauldplatz zu ziehen, wenigstens bis sie eine neue Bleibe hatten. Kingsley versprach, dass sie eine Möglichkeit finden würden, um das Haus wieder aufzubauen. Doch vorerst waren die Weasleys sicherer, wenn niemand wusste, wo sie lebten. Zuerst transportierten sie die beiden neu infizierten Werwölfe und Remus in Harrys Haus, das noch immer unter Fidelius stand, in den aber alle eingeweiht waren. Zur Tarnung weihte Harry sie als vermeintlich neuer Geheimniswahrer erneut ein. Ihm fiel auf, dass sie unbedingt eine Lösung finden mussten, wie sie es in Zukunft handhabten, da Albus noch immer Geheimniswahrer war. Harry wollte auch, dass es so blieb, er vertraute ihm, aber Albus galt als tot, er konnte niemanden einweihen. Harry entschied, sich mit Albus und Professor Snape darüber zu unterhalten, sicher gab es eine Lösung.

Molly, Ginny und die Zwillinge machten es sich zur Aufgabe, alles zu packen, was sie brauchten. Charlie und Arthur halfen, die drei weiteren Werwölfe ins Ministerium zu bringen, wo sie nach ihrem Erwachen befragt werden sollten. Danach erst würde sich entscheiden, was mit ihnen passierte. Anschließend packten sie ebenfalls mit an, um endlich als Letzte den Fuchsbau zu verlassen. Nicht, ohne einen wehmütigen Blick zurück zu werfen. Aber die Magie, die das Haus all die Jahre zusammen gehalten hatte, verschwand mehr und mehr, immer wieder brach eine Mauer ein. Es knackte und knisterte unheilvoll. Nein, hier konnten sie nicht bleiben. Sie waren Harry mehr als dankbar, dass er ihnen eine Übergangslösung bot.

Severus war disappariert, als die Verletzten im Grimmauldplatz waren. Er wollte mit Albus sprechen. Sicher würde Harry das auch in naher Zukunft planen, aber dazu mussten sie warten, bis die Schule wieder anging, dann war es unauffälliger. Selbst Poppy sollte nichts ahnen, Albus hatte mit ihr geredet wegen der Vormundschaft, hatte aber nur angegeben, dass er als Anführer des Phönixordens stark gefährdet war und Harry nicht erneut der Willkür der Zauberwelt ausliefern wollte. Also musste Harry erst einmal bleiben, wo er war. Was vermutlich sein eigenes Haus war, immerhin würde Poppy die Verletzten nicht alleine lassen. Oder ins Ministerium bringen. Noch immer waren magische Wesen starken Einschränkungen unterworfen, die kaum jemand akzeptierte. Sie durften keine Gefährten haben, keine Kinder bekommen, nicht arbeiten – Lupin hatte damals eine einmalige Sondergenehmigung bekommen – und keinen Zauberstab besitzen. Auch das war Lupin zum Unterrichten erlaubt worden. Theoretisch hätte er ihn nach dem Jahr wieder abgeben müssen, aber scheinbar hatte sich niemand getraut, ihn dazu aufzufordern. Wahrscheinlich auch, um ihren Jungen-der-lebt nicht zu verärgern, denn ihre enge Beziehung war deutlich geworden.

„Severus! Merlin sei Dank, du bist unverletzt!“, begrüßte Albus ihn, als Severus im Manor angekommen war.

„Ich bin unverletzt und, soweit ich es beurteilen kann, unentdeckt geblieben.“, nickte Severus. „Sollte mich wider Erwarten jemand erkannt haben, dann werde ich es dem Lord als Vertrauen bildende Maßnahme erläutern, die notwendig war, um den Orden weiterhin an mich glauben zu lassen.“

Albus gluckste kurz, wurde aber schnell wieder ernst. „Wer ist verletzt? Was genau ist passiert? Ich habe nicht viel mitbekommen, habe versucht, überall ein wenig zu schützen.“

„Ich denke, du hast Miss Weasley und ihrem nächst-älteren Bruder das Leben gerettet, ebenso Bill. Das habe ich mitbekommen.“, antwortete Severus langsam. „Bill wurde von Greyback gebissen, und Tonks von einem weiteren Werwolf, sie sind infiziert. Ich habe ihnen einen neu entwickelten Trank gegeben, der nur hilft, wenn er direkt nach dem Biss gegeben wird. Theoretisch werden sie nun keinen Wolfsbann brauchen, da sie den Wolf in ihrem Inneren kontrollieren können. Außerdem sollten die Verletzungen schneller verheilen.“ Normalerweise heilten Verletzungen bei Werwölfen sehr schnell, aber erst nach der ersten Verwandlung. Bis dahin stieß der Körper die Magie regelrecht ab. „Sie sind im Grimmauldplatz, Poppy kümmert sich um sie. Genau wie die ganze Familie Weasley. Lupin hat gegen Greyback gekämpft, warum weiß ich nicht genau, aber ich vermute, er wollte die beiden jüngsten Weasleys beschützen.“

„Er hat gekämpft? Remus Lupin, der sonst jedem Kampf nach Möglichkeit aus dem Weg geht?“, staunte Albus. Also hatte er sich doch nicht getäuscht, als er den Kampf sah.

„Er hat nicht nur gekämpft, er hat Greyback getötet.“, stellte Severus klar. Seine Mundwinkel zuckten, als er das vollkommen verdatterte Gesicht seines ehemaligen Vorgesetzten sah. Wobei, auch ihn selbst hatte diese Tatsache beinahe das Atmen vergessen lassen, als er den Kampf beobachtete. Um einen Remus Lupin derart zu reizen, brauchte es einen sehr guten Grund. Und ob das allein die beiden – oder eher drei – Weasleys waren, das konnte Severus nicht genau sagen.

„Erstaunlich.“, schaffte Albus schließlich zu sagen. „Mehr als erstaunlich.“ Noch eine ganze Weile schwieg er.

Severus hatte in der Zeit Mühe, seine Erinnerungen an dieses Haus tief in sich zu begraben. Nacht für Nacht träumte er von Lucius, Draco und Yasemine. Manchmal gaukelte ihm sein Unterbewusstsein eine wunderschöne Zukunft vor, in der sie gemeinsam als Familie lebten. Danach war das Aufwachen ein harter Schlag, wenn er realisieren musste, dass es nie so kommen würde, da Luc tot war. Aber diese Träume ließen ihn auch kämpfen, denn er wollte für seine Kinder eine bessere Zukunft schaffen. Wenigstens sie sollten ein friedliches Leben führen können. „Wie geht es nun weiter?“, wollte er daher von Albus wissen.

„Wir versuchen herauszufinden, was der letzte Horkrux ist, ob er benutzt wurde oder wo wir suchen müssen. Um sicher zu gehen, würde ich es gerne herausfinden.“, antwortete Albus. „Erst dann machen wir einen Plan, wie wir den Becher zerstören können. Du musst nur darauf achten, ob Riddle ihn woanders versteckt.“ Er schüttelte den Kopf, als Severus etwas sagen wollte. „Rede mit Harry, ich habe ihm einen Zauber zum Finden von Horkruxen beigebracht. Du solltest ihn stab- und wortlos schaffen. Immer, wenn er dich ruft, dann kannst du damit prüfen, ob der Becher noch da ist. Sollte er einen anderen Horkrux zu sich holen, dann wirst du es ebenfalls merken, weil die Reaktion intensiver ist. Harry kann den Zauber nicht nutzen, um einen Horkrux genau zu orten, aber er spürt, wenn einer in der Nähe ist, da bin ich sicher. Wir konnten es noch nicht ausprobieren, aber Harry kann das sicher.“

„Ich werde mit ihm reden.“, versprach Severus. „Konntest du in der Zwischenzeit etwas über seine Verbindung mit dem Lord herausfinden?“

„Nur Theorien, aber nichts Konkretes.“, schüttelte Albus den Kopf. „Ich durchforste viele alte Bücher, die Bibliotheken der Malfoys und der Blacks sind dabei sehr hilfreich, aber bisher habe ich zu diesem speziellen Fall nichts gefunden.“

„Dieser Fall dürfte auch ziemlich einmalig sein.“, konterte Severus trocken.

„Leider.“, seufzte der Weißhaarige.

„Ich muss gehen.“, entschied Severus mit einem Mal. Länger konnte er hier nicht mehr bleiben, wenn er nicht einen Flashback riskieren wollte. „Es sind zwar nicht viele Schüler in Hogwarts, aber mir obliegt die Verantwortung im Krankenflügel, solange Poppy nicht da ist.“

„Oh, natürlich.“ Albus stand auf, um sich zu verabschieden. „Ich nehme an, du und Harry werdet mich im neuen Jahr besuchen?“

„Davon gehe ich aus, dass Harry nach dir sehen will!“, entgegnete Severus.

„Dann wünsche ich dir einen ruhigen Start ins neue Jahr, Severus, mein Junge.“, reichte Albus ihm die Hand.

„Auf Wiedersehen.“ Severus berührte die Hand so kurz, dass es beinahe schon unhöflich war, aber so war er eben. Wenn die Leute es anders wollten – ihr Pech. Nicht sein Problem.

Zurück in Hogwarts machte er einen Kontrollgang, aber es war alles ruhig, die wenigen anwesenden Schüler saßen in der großen Halle beim Mittagessen. Ungewöhnlich für ihn setzte er sich dazu, da er Hunger verspürte. Ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr gehabt hatte. Aber die durchwachte Nacht, der anstrengende gestrige Tag, und am Ende der Kampf und die Versorgung der Verletzten zehrten an seinen wenigen Reserven. Als er sicher war, dass keiner der Schüler seine Hilfe brauchte, legte er sich nach dem Essen in sein Bett und war kurz darauf tief und fest eingeschlafen. Im Traum erschien ihm erneut Lucius. Strahlend und wunderschön, mit diesem gewissen Funkeln in den Augen, das immer für Severus reserviert war.

„Nur wir beide sind hier, Draco ist bei Blaise!“, raunte er, und schlang die Arme um Severus. „Er ist schon so groß, es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht. Gestern war er noch ein Baby, und nun hat er bereits die dritte Klasse abgeschlossen. Und doch kann ich dieses Wunder noch immer nicht fassen. Sev, ich liebe dich so sehr!“ Mit einer Leidenschaft, die außer Severus keiner an ihm kannte, küsste Lucius seinen Gefährten, während sich seine Finger geschickt mit den vielen Knöpfen an seiner Robe beschäftigten. Lucius stöhnte erregt auf, als er feststellte, dass Severus darunter nackt war. Er leckte über die Haut, knabberte sanft mit den Zähnen über die Schlüsselbeine, bis ein tiefes Grollen aus Severus' Brust kam.

Severus fühlte das Feuer in sich, er liebte es, wenn Lucius ihm zeigte, was er wollte. Es machte ihn heiß auf mehr. Erregt riss er das Hemd von Lucius' Oberkörper, versenkte seine Zähne im Hals des Veela. Erst heute war er endlich angekommen im Manor, hatte seinen Gefährten mehr als drei Wochen nicht mehr gesehen, in wenigen Tagen musste er wieder zurück nach Hogwarts, weil das neue Schuljahr begann. Er wollte kein langes Vorspiel, dafür hatten sie später noch Zeit, jetzt wollte er seinen Partner spüren. Das Blut steigerte seine Erregung nur noch, auch Lucius stöhnte heiser auf und rieb sich an Severus' Oberschenkel. Mit der Zunge und den Lippen erkundete Severus den Brustkorb von Lucius, leckte die bereits abstehenden Brustwarzen, während er den Gürtel öffnete und die Hose zu Boden gleiten ließ. Auch Lucius trug nichts darunter, nur seine Erregung, auf der bereits die ersten Lusttropfen glitzerten. Severus drückte Lucius auf das Sofa, wissend, dass niemand sie hier stören würde. Das war ihr privater Bereich, nur Draco kam hier herein, aber der war bis zum nächsten Tag bei seinem besten Freund. Mit der Zunge nahm Severus die Lusttropfen auf, während sein Finger in der schmalen Spalte verschwand. Ein stab- und wortloser Zauber umhüllte ihn mit Gleitgel, bevor er ihn sanft in Lucius gleiten ließ.

Lucius keuchte auf und drängte sich Severus entgegen. „Mehr!“, verlangte er.

Severus zog seinen Finger zurück, nur um mit zwei Fingern erneut in den willigen Körper einzudringen. Vorsichtig weitete er Lucius, wollte ihm Lust und keinen Schmerz bereiten.

„Nimm mich!“, flehte Lucius. „Ich halte es nicht mehr aus, ich muss dich spüren!“

Die Gefühle seines Gefährten deutlich spürend zog Severus seine Finger zurück, nutzte den gleichen Zauber, um sein Glied vorzubereiten, dann drang er vorsichtig in seinen Partner ein. Eine Welle aus purer Lust und Erregung umspülte ihn und Lucius drängte sich ihm entgegen. Severus zog sich ein Stück zurück, nur um erneut zuzustoßen. Der Veela wollte ihn noch intensiver spüren, zog die Beine an. Damit änderte sich Severus' Eindringwinkel, und er traf mit beinah jedem Stoß den Lustpunkt seines Gefährten. Lucius schrie auf vor Erregung, konnte sich kaum noch beherrschen. Doch Severus griff mit zwei Fingern um die Peniswurzel, wollte es noch länger genießen. Er wusste, wie sehr Lucius das genoss, wenn sein Orgasmus auf diese Art hinausgezögert wurde, nur um sich am Ende noch viel heftiger zu entladen. Wieder und wieder stieß er in diese heiße Enge, hatte Mühe, nicht einfach vollkommen rücksichtslos zuzustoßen.

„Ah, ja, weiter so!“, stöhnte Lucius. Er klammerte seine Finger um Severus' Oberarme, den dieser Schmerz nur noch mehr erregte. Severus löste seine Finger vom Penis seines Geliebten und stützte sich mit den Händen neben Lucius' Kopf ab. Während er das Tempo ein weiteres Mal erhöhte, beugte er sich hinunter, um Lucius in einen intensiven Zungenkuss zu verwickeln. Lucius schlang die Beine um ihn, damit er noch tiefer eindringen konnte. Seine Erregung, die ohnehin bereits auf einem sehr hohen Niveau war, steigerte sich einmal mehr, als sein Penis zwischen ihren Körpern gerieben wurde. „Ah, ich komme. Seeeev!“, schrie Lucius auf, als sich das Feuer entlud. Severus spürte, wie sich das warme Sperma zwischen ihnen ausbreitete, fühlte die Kontraktion um seine eigene Erregung. Er stieß noch zweimal in die herrliche Enge, dann kam auch er tief in Lucius. Ein weiterer Biss in den Hals seines Gefährten ließ den Orgasmus noch ein Stück länger anhalten und er spürte, wie ihre Magie sie immer enger verband.

Plötzlich schreckte Severus hoch. Es war erneut ein Traum gewesen, aber er spürte die Feuchtigkeit in seiner Boxer. Er hastete unter die Dusche, um sich zu reinigen. Dort fielen die Tränen nicht auf, die unaufhörlich über seine Wangen rollten. Es war die Nacht, in der Yasemine entstanden war. „Luc!“, wisperte er immer wieder, vollkommen verzweifelt, während das Wasser alle Spuren weg wusch – die Tränen und das Sperma. Nur die Verzweiflung konnte es nicht entfernen.

 

Harry war einer der Ersten, die nach London reisten. Er beruhigte Kreacher, dass dieser Einfall in das Haus seine Richtigkeit hatte. Gemeinsam mit seinem Hauselfen richtete Harry ein reichhaltiges Frühstück her, denn keiner hatte in dieser Nacht geschlafen, und hungrig sollte niemand ins Bett gehen. Außerdem bat er Kreacher, die Gästezimmer zu verteilen, sodass jeder ein Bett hatte. Jetzt war er mehr als froh darüber, dass dieses Haus so riesig war. Sirius hatte ihm einmal erzählt, dass seine Familie früher in mehreren Generationen in diesem Haus gelebt hatte. Die ganze Familie beisammen, da brauchte es einfach Platz, damit man einander auch einmal aus dem Weg gehen konnte. Bis der Hauself zurückkam, hatte Harry bereits Eier und Speck in mehreren Pfannen auf dem Ofen.

„Kreacher hat Master Harry die Mastersuite gerichtet.“, berichtete der Hauself kurze Zeit später. „Miss Ginny ist in Master Regulus' altem Zimmer, Mister Ron in Master Sirius' Jugendzimmer. Mister und Mrs. Weasley sind im oberen Schlafzimmer, Miss Tonks und Mister Bill in den Gästezimmern auf der ersten Etage, damit Madam Pomfrey leicht nach ihnen sehen kann. Madam Pomfrey hat daher auch ein Gästezimmer im ersten Stock. Mister Charlie, Mister Fred, Mister George und Mister Lupin schlafen in Zimmern neben dem oberen Schlafzimmer.“

„Sehr gut, Kreacher.“, lobte Harry. „Das hast du wirklich perfekt gelöst.“

Gemeinsam richteten sie nun das Essen fertig her und bald roch es im Haus nach Eiern, Speck, Kaffee, Tee, Toast und sogar einem Schokoladenkuchen. Diese Gerüche brachten alle innerhalb kürzester Zeit in der Küche zusammen. Müde, und teilweise noch immer geschockt, setzten sie sich an die lange Tafel. Nur drei Personen fehlten: Remus, Tonks und Bill. Ersterer war durch die Verwandlung ohnehin nicht in der Lage, große Sprünge zu machen und würde frühestens am Nachmittag etwas zu essen hinunter bekommen. Tonks und Bill hingegen hatten Bettruhe.

„Wie geht es ihnen?“, wollte Harry von Poppy wissen.

„Das Fieber ist bereits gesunken, und die Wunden beginnen zu heilen.“, antwortete sie. Molly starrte sie erstaunt an. Lächelnd sprach Poppy weiter: „Mir scheint, Severus' neuer Trank zeigt Wirkung.“

„Du gibst ihnen etwas Experimentelles?“, fragte Molly Weasley mit zusammengezogenen Brauen. „Und wenn er sie vergiftet hat?“

„Das würde er nie tun!“, ergriff zur Verblüffung der Meisten ausgerechnet Harry Partei für den Tränkemeister. „Erstens, weil er wirklich auf unserer Seite steht. Zweitens ist er zu stolz auf seine Tränke. Wenn es nicht funktioniert, ist es ein Fehlschlag, und das tut er sich nicht an. Nein, er will, dass seine Tränke perfekt wirken, er würde niemandem etwas geben, von dem er nicht sicher ist, dass es funktioniert.“

„Und was war dann mit Nevilles Trank? Er hat angedroht, Trevor zu vergiften.“, klagte Ron an.

„Er hat es angedroht.“, nickte Harry. „Aber er hat beobachtet, dass Hermine Neville geholfen hat, außerdem hat er gesehen, dass der Trank richtig zubereitet ist anhand der Farbe und Konsistenz. Er wusste, dass der Trank in Ordnung ist. Er lässt uns nur dann einen Trank testen, wenn er absolut sicher ist, dass er ordentlich gebraut ist, also so gut wie nie. Nein, Professor Snape würde das nicht mit Tränken tun. Wenn er jemandem schaden will, dann anders. Zauber, Muggelwaffen, oder einfach seine Hände nutzen. Aber Zaubertränke sind ihm heilig. Es ist sehr schlimm für ihn, wenn er für Voldemort brauen muss und weiß, was dann damit passiert.“

„Bill und Tonks geht es deutlich besser, als es sein dürfte.“, mischte sich Poppy ein. „Wir werden sehen, was der Trank noch alles schafft, aber selbst so ist er ein voller Erfolg!“

Molly Weasley grummelte noch eine Weile, aber Arthur beruhigte sie auf seine Art. Schweigend genossen sie das Frühstück, dann zogen sich alle zurück, um eine Runde zu schlafen. Gegen Nachmittag erwachte Harry. Noch immer war es ruhig im Haus. Er beschloss, bei Remus zu klopfen. Harry gab es nur ungern zu, aber er hatte Sehnsucht nach dem Dunkelblonden. Seit dem Sommer, seit seinem Geburtstag, hatte er Remus nicht mehr gesehen.

„Komm rein, Welpe!“, rief Remus bereits, bevor Harry klopfen konnte.

„Woher …?“, wollte Harry wissen, als er im Zimmer stand.

Remus lachte. „Gerade direkt nach Vollmond ist das leicht. Ich habe deine Schritte erkannt, und dich auch noch gerochen.“

„Oh.“

„Na komm schon her, Welpe!“, öffnete Remus seine Arme. Harry schmiegte sich an ihn.

„Geht's dir gut?“, nuschelte Harry in Remus' T-Shirt.

„Ja, Welpe.“ Remus strich ihm beruhigend über den Kopf und den Rücken, hielt ihn dabei weiter fest. „Die Zeit im Rudel war nicht leicht und wird jetzt sicher nicht einfacher.“

„Nein, Remus, geh nicht mehr hin!“, fuhr Harry dazwischen.

„Sch, Harry.“ Remus gab ihm einen sanften Kuss auf den Scheitel. „Mir wird nichts anderes übrig bleiben, immerhin bin ich jetzt der Alpha.“ Harry hob den Kopf und blickte ihn fragend an. „Das haben Werwölfe von gewöhnlichen Wölfen übernommen. Sofern sie im Rudel leben, ist das stärkste Männchen der Anführer. Selten auch ein Weibchen, sofern sie stärker ist. Der Alpha wird immer wieder herausgefordert und zu Zweikämpfen gezwungen. So lange niemand stärker als er ist, bleibt er der Anführer. Ich habe letzte Nacht Greyback, den früheren Alpha, bekämpft und getötet. Also bin ich der Alpha. Auch wenn einige Werwölfe sich sofort abgewandt haben, sie werden mich sicher beim nächsten Vollmond herausfordern. Außerdem muss ich Bill und Tonks helfen, mit ihrem neuen Wesen zurecht zu kommen. Das kann ich besser im Wald, hier in der Stadt ist es erstens zu gefährlich, das Ministerium sollte das besser nicht mitbekommen, zweitens gibt es viel zu viele Reize für neue Werwölfe, das würde sie überfordern. Aber bis sie von Poppy als gesund erklärt werden, bleibe ich hier. Und jetzt erzähl, was gibt es bei dir Neues?“

Harry schmiegte sich in die starken Arme und begann, von den letzten Monaten zu erzählen. Remus war überrascht über das gute Verhältnis zwischen dem Jungen und seinem früheren Feind, hätte nicht geglaubt, dass Severus Snape und Harry Potter irgendwann miteinander auskommen würden. Und das, obwohl Harry sogar einen Teil ausließ. Er konnte über manche Dinge nicht reden, und das war auch gut so. Von Albus' Tod wusste Remus bereits, aber dass Poppy der neue Vormund war, überraschte ihn ebenfalls.

„So so, du und Luna?“, schmunzelte Remus am Ende. „Du hast dir wirklich ein tolles Mädchen geangelt.“

„Ich glaube, Luna hat mich geangelt.“, kicherte Harry. „Sie war da, als ich erfahren habe, dass Al… Professor Dumbledore gestorben ist.“

„Warum nennst du ihn nun wieder Professor Dumbledore?“, staunte der Werwolf.

„Ach ja, du weißt es schon.“, murmelte Harry, rot geworden. „Irgendwie habe ich gerade vergessen, dass ich es dir schon erzählt habe. Hier muss ich so aufpassen, dass ich nichts sage, denn außer dir weiß es niemand.“

„Ich werde es nicht weitergeben.“, versprach Remus. „Ich bin froh, dass es dir inzwischen recht gut geht. Sirius wäre sicher auch froh darüber.“

„Das hoffe ich.“, nickte Harry.

„Na komm, Welpe, gehen wir mal nach unten und sehen, wer sonst noch wach ist.“ Ein leises Stöhnen löste sich aus dem Mund des Werwolfes, als er aufstand.

„Was? Hast du Schmerzen? Bist du verletzt?“, wollte Harry besorgt wissen.

„Nein, nur Muskelkater. Ganz normal nach Vollmond.“, winkte Remus ab. „Und jetzt habe ich Hunger!“

„Dagegen werden wir sicher etwas finden.“, lachte Harry, und half Remus über die Treppe nach unten.

Molly wuselte bereits durch die Küche, kritisch beäugt von Kreacher, den sie offenbar vom Herd verbannt hatte. „Setzt euch!“, forderte die Rothaarige die Neuankömmlinge auf. „Gleich gibt es etwas zu Essen. Und dann sollten wir überlegen, was wir machen.“

„Gar nichts, Mrs. Weasley.“, wehrte Harry ab. „Erst einmal sollten sie sich von dem Schrecken erholen. Sie können hierbleiben, so lange sie wollen. Hier sind sie sicher. Nach dem Essen würde ich aber gerne meine Geschenke verteilen, ich habe sie oben bei meinem Umhang.“

„Ach, mein Junge!“, schluchzte Molly auf. „Dein Geschenk von uns ist noch im Fuchsbau, aber das wirst du nun nicht bekommen!“

„Was ist passiert?“ Harry war alarmiert.

„Arthur war vorhin noch einmal am Haus. Die Magie ist verschwunden, das Haus komplett in sich zusammengebrochen. Da ist nichts mehr zu retten.“

„Es tut mir leid.“ Harry trat auf Mrs. Weasley zu, ein wenig unsicher, was er nun tun sollte. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als sie ihn in eine feste Umarmung zog.

„Nicht doch, mein Junge. Es ist nicht deine Schuld, Harry.“, schimpfte sie ein wenig pikiert. „Du musst dich nicht für Dinge entschuldigen, für die du nichts kannst. Außerdem gibst du der ganzen Familie ein Dach über dem Kopf, das ist viel mehr wert.“

„Sie können hierbleiben, so lange es nötig sein wird.“, versprach Harry und löste sich von ihr. „Und jetzt sollten wir essen, bevor alles kalt wird.“

Remus saß bereits am Tisch und musterte hungrig den Inhalt der verschiedenen Töpfe. Auch die Kinder der Weasleys versammelten sich nun in der Küche, begleitet von dem nervtötenden Gezeter Mrs. Blacks. Harry stöhnte auf. „Kreacher, kannst du deine frühere Herrin dazu bringen, mit dem Geschrei aufzuhören? Ansonsten sprenge ich die Wand, wenn ich das Bild nicht abbekomme.“

„Das kann Kreacher leider nicht, Master Harry.“, duckte sich der Hauself, scheinbar in Erwartung einer Bestrafung.

Harry seufzte. „Na gut, dann sehen wir nachher, wie wir sie los werden. Ich weiß, Kreacher, du mochtest sie, aber mit dem Geschrei hier kann ich definitiv nicht leben.“

„Kreacher weiß.“, nickte er traurig. „Aber Kreacher weiß auch keine Lösung für Master Harry.“

Intuitiv kniete sich Harry neben den Hauself und umarmte ihn. Aus dem Augenwinkel sah er das Grinsen der Zwillinge, ignorierte es aber. Seit er mit Luna zusammen war, hatte er eine andere Sicht auf solche Wesen bekommen. Und das fand er selbst nicht verkehrt, im Gegenteil, er war Luna dankbar, dass sie ihm ihre Sicht der Dinge nahe brachte, wenn er auch nicht alles für sich selbst übernahm. Kreacher versteifte sich einen Moment, dann schien er die Berührung zu genießen und schmiegte sich an seinen Herrn.

„Gut gemacht, Welpe!“, wisperte Remus in Harrys Ohr, als er sich neben seinen Ersatzpaten setzte. Harry strahlte ihn an, kam aber nicht dazu, etwas zu erwidern, denn nun setzten sich alle an den Tisch und blickten erwartungsvoll zu ihm.

„Oh, äh ...“, stammelte Harry, als er merkte, dass er als Hausherr das Mahl beginnen sollte. Poppy lächelte ihm aufmunternd zu, und Remus nickte bestätigend. „Also, ich wünsche euch guten Appetit!“

„Guten Appetit!“, wünschten nun auch alle anderen und griffen zu.

Harry sah sich am Tisch um. Rechts neben ihm saß Remus, daneben Ron und Ginny, Charlie, Arthur und Molly Weasley, George, Fred, und Poppy auf seiner linken Seite. Allen sah man den Kampf der vorigen Nacht an, sie hatten Kratzer und kleinere Blutergüsse. Das Meiste hatte Poppy geheilt, aber sie sah inzwischen ziemlich müde aus. Wahrscheinlich hatte sie in der Zeit, als die Anderen schliefen, kein Auge zugetan, um den Verletzten zu helfen. „Alles in Ordnung?“, murmelte Harry, als er sich zu Poppy hinüber beugte.

„Es geht mir gut, ich bin nur müde. Es war ein langer und anstrengender Tag.“, gab die Medihexe zu. „Wir werden erst einmal hier bleiben, aber unsere Sachen aus meinem Haus holen. Das sollten wir gleich erledigen. In ein paar Tagen ist Silvester, da willst du sicher immer noch mit Luna feiern, oder?“ Harry nickte grinsend. „Dachte ich mir!“, lachte Poppy leise. „Dann iss ordentlich. Ich werde nachher noch einmal nach Bill und Tonks sehen.“

„Danke.“, mischte sich Remus ein, der dank seiner guten Ohren rund um Vollmond die leise Unterhaltung mithören konnte. „Kann ich dann auch nach ihnen sehen?“

„Darum hätte ich dich ohnehin gebeten.“, nickte Poppy. „Körperlich geht es ihnen besser, als man auch nur hoffen könnte, aber ihre Psyche ...“ Sie verstummte, doch Remus verstand.

„Was wird nun mit ihnen?“, erkundigte sich Charlie leise. Er hatte vor einigen Wochen seinen Job in Rumänien auf Eis gelegt, um seine Familie unterstützen zu können.

„Laut Gesetz müssten sie sich melden und unter Aufsicht leben.“, antwortete Remus niedergeschlagen. „Sie dürfen keinen Zauberstab besitzen, nicht heiraten, keine Kinder bekommen, nicht mehr arbeiten. Nun, Tonks wird sicher nicht ins Ministerium zurück können, auch wenn ihre Fähigkeiten nach einiger Zeit sicher sehr hilfreich in ihrem Beruf wären. Aber das Ministerium ist da anderer Meinung. Sie denken, Werwölfe sind grundsätzlich böse. Greyback ist das Maß aller Dinge. Bill wird es ähnlich ergehen, die Kobolde haben zwar nicht grundsätzlich ein Problem mit einem Werwolf, aber die Gefahr, dass sich sein Wesen herum spricht, ist einfach zu groß. Schließlich arbeiten viele Menschen gemeinsam mit den Kobolden in der Bank. Das ist ein Grund, warum ich sie mit ins Rudel nehmen werde. Der andere Grund liegt in ihrer veränderten Wahrnehmung. Sie riechen, schmecken, sehen, fühlen und hören nun anders als in menschlicher Form. Zwar wird es in Richtung Neumond deutlich weniger, aber es ist alles andere als eine menschliche Wahrnehmung, das müssen sie erst lernen. Und ganz ehrlich, das ist im Wald deutlich angenehmer als hier in der Stadt.“

„Pass gut auf sie auf.“, forderte Molly leise.

„Das werde ich.“, versprach Remus. Er war sich seiner Verantwortung durchaus bewusst. Auch wenn er sie nie hatte haben wollen, aber nun hatte er sie und würde sie auch für seine Zwecke nutzen. „Ich muss sobald wie möglich zurück ins Rudel, bevor einer von Voldemorts Wölfen meinen Platz beansprucht. Nicht alle Wölfe sind freiwillig auf der Seite der Todesser. Ich will alle, die auf unserer Seite sind, alle die mir folgen, vereinen und weg aus dem Wald bringen. Dazu müsste ich mit Minerva reden, vielleicht können wir in die Nähe von Hogwarts.“

„Wir sollten den Orden noch zusammenrufen und besprechen, wie wir weitermachen.“, schlug Arthur vor. „Kingsley und Moody sind sicher eine Hilfe, wenn wir planen, wie es nun weitergeht.“

„Rufen wir sie nach Hogwarts.“, entschied Remus. „Am besten noch heute Abend.“

Die nächsten Tage vergingen für Harry wie im Flug. Seine Geschenke hatte er einfach von Kreacher in die einzelnen Zimmer legen lassen, die Lust auf Weihnachten war ihnen allen dieses Jahr vergangen. Gerade Molly und Arthur Weasley wollten die neuen Umhänge, die Harry für sie gekauft hatte, nicht annehmen, weil sie nun ja schon bei ihm wohnen durften, doch Harry wollte von einer Rückgabe nichts wissen. „Bitte behalten sie sie.“, bat er. „Sie haben so viel für mich getan all die Jahre. Ihnen das Haus zur Verfügung zu stellen kostet mich nichts. Es ist das Einzige, was ich tun kann, um meine Dankbarkeit zu zeigen. Dieses Haus … es wird mich immer an Sirius erinnern, wir wollten eine Familie sein und hier gemeinsam leben. Jetzt kann ich mit meiner Wahlfamilie Zeit hier verbringen und ihnen ein Zuhause geben. Also bitte, tun sie mir den Gefallen, nehmen sie die Unterkunft als Dankeschön dafür, mir eine Familie zu geben, und die Umhänge als Weihnachtsgeschenk. Ich meine, in ein paar Tagen gehe ich zurück nach Hogwarts, dann würde das Haus hier ohnehin leer stehen, also bleiben sie einfach hier. Es ist keine Einschränkung für mich dabei. Nur Remus hat das gleiche Angebot, auch er kann immer hier wohnen, wenn er es möchte.“ Molly Weasley umarmte Harry mit Tränen in den Augen, um ihm zu danken, ihr Mann legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte zu. Sie liebten Harry wie einen Sohn und waren ihm mehr als dankbar. Das wollten sie auch zeigen.

Remus hingegen war nicht lange geblieben, er hatte nach der Versammlung des Phönixordens nur kurz im Grimmauldplatz vorbeigeschaut und berichtet, dass er sein neues, kleines Rudel noch vor Beginn des neuen Jahres im verbotenen Wald ansiedeln würde. Minerva McGonagall und Severus Snape hatten zugesagt, einige Hütten und Lebensraum auf einer Lichtung zu schaffen, diese auch entsprechend zu sichern, damit niemand zu Schaden käme. Harry erfuhr erst jetzt, dass einige der Werwölfe Gefährten und Kinder hatten, die sie verheimlichen mussten. Schon aus diesem Grund würden sie immer in Deckung bleiben. Der Rest von Greybacks Rudel weigerte sich, ihm zu folgen und war zu Voldemort zurückgekehrt. Sie hofften noch immer, dass der dunkle Lord ihnen ein neues Leben ermöglichte, ihnen die Freiheit schenkte. Remus' Rudel hingegen war auf ihrer Seite. Es erleichterte Harry, zu wissen, dass Remus einigermaßen sicher sein würde. So sicher, wie man in diesen Zeiten sein konnte.

Gemeinsam mit den Zwillingen, Ginny und Ron machte sich Harry darüber, das Haus rundum zu erneuern. Nur Fred und George durften ungehindert zaubern, aber das machte nichts, es gab eine Menge zu tun, was auch ohne Magie erledigt werden konnte. Auch Kreacher half dieses Mal begeistert mit. Charlie hatte sich an das Bild von Mrs. Black gewagt, aber bisher keinen Erfolg gehabt. Bill versprach, zu helfen, sobald er konnte. Wenn es nicht funktionierte, würden sie die Wand einfach komplett entfernen, entschied Harry schließlich. Das sollte möglich sein, hatte Kreacher gemeint. Auch Hestia, die sie um Hilfe deswegen baten, war sicher, dass die Wand nicht tragend war und daher entfernt werden konnte.

Nach zwei Tagen erkannte man die Küche und den Eingangsbereich nicht wieder. Als sie vor etwas über einem Jahr hier aufgeräumt hatten, waren sie damit beschäftigt gewesen, schwarz-magische Objekte zu vernichten und wenigstens Sauberkeit zu schaffen. Das war nun nicht mehr nötig, aber Harry wollte das Haus insgesamt freundlicher gestalten. So bekam die Küche mit Hilfe von Charlie und den Zwillingen weiße Wände und eine weiße Decke, die Möbel wurden zu einem hellen Holz umgewandelt, und der Tisch blank gescheuert und poliert. Die Handarbeiten übernahmen meistens Harry, Ginny und Ron, wenn er nicht gerade verschwunden war, was in den letzten beiden Tagen häufiger vorgekommen war. In der Eingangshalle verschwand der Trollbein-Schirmständer. Die Köpfe der Hauselfen hatte Sirius bereits entsorgt, das mussten sie nicht mehr tun. Auch hier strichen sie die Wände weiß, der Boden wurde gewachst, und die Treppe glänzte nach einigen schweißtreibenden Stunden ebenfalls wie neu. Der dunkle Flur wurde durch die weiße Farbe schon deutlich heller, außerdem bekam die Haustür einen Einsatz aus Glas, durch den man nach draußen sehen konnte, aber nicht herein. Charlie verwandelte die wuchtigen Garderobenschränke in eine luftige Kombination aus Schuhregal und Kommode, dazu hingen nun verschiedene Haken entlang der Wand, wo jeder Mantel oder Umhang Platz finden würde. Am Tag vor Silvester nahmen sie sich den Salon vor, der mehr und mehr zum Aufenthaltsraum werden sollte. Bisher trafen sie sich immer in der Küche, das war noch der Raum mit der angenehmsten Atmosphäre gewesen, aber das sollte sich nun ändern.

Harry hatte zunächst befürchtet, zu sehr an Sirius erinnert zu werden, wenn er hier blieb, aber durch die Arbeit und die Veränderungen hielt es sich in Grenzen. Ja, er dachte viel an Sirius, aber er verlor sich nicht mehr in seiner Trauer. Hier war er seinem Paten nahe und er spürte, dass die Umbauarbeiten im Sinn von Sirius waren. Das half Harry, nicht verrückt zu werden. Zwischendurch zog er sich auch manchmal zurück und legte sich ins Bett, leerte seinen Geist und ließ sich treiben. In einer dieser Auszeiten hatte er das Gefühl, Sirius wäre bei ihm. Ganz nah. Er ließ die Augen geschlossen und genoss dieses wohlige Gefühl, das er immer mit Sirius verbinden würde. Er fühlte sich umarmt und beschützt, absolut sicher und geborgen. Tief in seinem Inneren spürte Harry, dass Sirius ihm dankte für die Art, wie er sein Haus nun mit neuem Leben füllte. Er fühlte die Ruhe und Zufriedenheit, die Sirius nun ausstrahlte, und endlich konnte er loslassen. In dem Wissen, dass Sirius nun zu James und Lily kam, ließ er ihn gehen. Harry würde ihn nie vergessen, aber er klammerte sich nicht mehr an die Erinnerung. „Danke, Siri! Geh zu Mom und Dad, und vergesst nie, dass ich euch liebe!“, wisperte er in die Dunkelheit um sich herum. Das Gefühl, als würde er umarmt, wärmte ihn noch eine ganze Weile, dann entfernte sich die Wärme. Sirius war weitergegangen. Dessen war sich Harry absolut sicher. Vielleicht war es verrückt, aber es tat Harry unendlich gut, Abschied zu nehmen. Jetzt konnte er selbst ruhiger weitermachen. Er fühlte sich immer noch traurig, aber deutlich weniger als zuvor. Und er freute sich wieder auf die Zukunft, auf die Zeit nach dem Ende des Krieges. Mit Luna an seiner Seite. Seit einigen Wochen hatte er tatsächlich das Gefühl, es gebe ein Danach für ihn. Ein Leben nach dem Krieg. Er hatte wieder Hoffnung.

Am 31. Dezember verabschiedete er sich nach dem Mittagessen von Poppy und den Weasleys. Die zwei Stunden vorher hatte er Ginny und Ron mehr oder weniger verrückt gemacht, weil er nicht wusste, was er anziehen sollte, oder wie er seine Haare am besten frisierte. Letztlich war er bei einer gut sitzenden, schwarzen Jeans und einem Hemd im gleichen grün wie seine Augen gelandet. Ginny hatte seine Haare mit ein wenig Gel gebändigt. So könnte er zu Luna gehen, entschied Harry schließlich, und ging nach unten, um sich zu verabschieden. Poppy entschuldigte sich, sie wollte diese Nacht zum Ausschlafen nutzen, nachdem sie seit einer Woche nur wenig Schlaf abbekommen hatte. Bill wollte noch nach dem Bild sehen, danach verschwand er mit Tonks ebenfalls aus dem Haus und sie gingen zu Remus' Rudel. Er und Tonks wirkten ziemlich angeschlagen, aber nicht vollkommen am Boden zerstört. Remus hatte es offenbar geschafft, ihnen eine Perspektive zu geben. Harry bedankte sich bei dem Neu-Werwolf, dann ging er durch den Kamin zu Luna.

Die Blonde hatte bereits auf ihn gewartet, wie es schien, denn sie strahlte ihn an, als er aus dem Feuer stolperte. Eine kräftige Hand packte Harry an der Schulter und verhinderte, dass er tatsächlich stürzte. „Herzlich willkommen.“, brummte Xenophilius Lovegood amüsiert und hatte Mühe, sein Lächeln zu verbergen. Eine frische Narbe zog sich über seine linke Wange.

„Verzeihung, ich schaffe es nie, stehend anzukommen.“, nuschelte Harry, dann besann er sich auf die Etikette. Er streckte Lunas Vater die Hand entgegen. „Guten Tag, Sir. Es ist mir eine Ehre, sie wiederzusehen.“ So hatte er es von Poppy gelernt und er war bemüht, einen guten Eindruck zu machen. Auch Sirius hätte das gewollt, wurde ihm in dem Moment bewusst. Poppy hatte sich Zeit genommen, ihm die gängigen Regeln der magischen Gesellschaft nahe zu bringen, jetzt konnte er zeigen, was er gelernt hatte.

„Lass die Förmlichkeiten, Harry.“, schüttelte der Blonde den Kopf. „Wir haben uns bereits kennen gelernt und Luna hat mir so viel erzählt, dass ich das Gefühl habe, dich schon ein Leben lang zu kennen. Sag Xeno zu mir. Du gehörst schließlich jetzt zur Familie.“

„Äh, danke …. Xeno.“, stammelte Harry, der vollkommen überrumpelt war.

Luna kicherte leise und umarmte ihn nun, schmiegte sich an ihn. „Ich hab dich vermisst.“, gestand sie mit den Lippen an seinem Hals. Er bemerkte, dass sie die Kette mit dem Smaragdanhänger trug, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie roch nach Frühling, nach Blumen und ein wenig nach frischem Gras. Harry liebte diesen Duft, atmete tief ein.

„Ich dich auch, Engel.“ Harry küsste sie sanft. Es war ihm gerade egal, dass ihr Vater dabei zusah, aber er löste sich bald wieder von ihr. Sein Blick schweifte umher. Offenbar war er im Wohnzimmer angekommen. Die Außenwände wirkten rund und dadurch sah alles sehr ungewohnt aus. Aber sehr hell und freundlich. Gegenüber dem Kamin war eine gemütliche Sitzecke, links von ihm eine Wendeltreppe nach oben und in den Keller. Dahinter sah er einen Flügel und eine Harfe stehen. Er wusste, Luna machte selbst Musik, genau wie ihr Vater und früher auch ihre Mutter. Er freute sich schon, sie spielen zu hören.

„Na, dann lasse ich euch mal alleine. Ich muss den Klitterer noch fertig schreiben und dann drucken.“, räusperte sich Xenophilius, dann stieg er schmunzelnd die Treppe nach oben. Erst nach einer ganzen Weile lösten sie sich endgültig voneinander. Luna führte ihn herum. Unten waren noch eine große Küche, ein Esszimmer und ein Gästebad, im Keller hatte Lunas Mutter sich damals ein Labor eingerichtet, in dem sie experimentieren konnte. Im ersten Stock schlief und arbeitete Xeno, ein großes Familienbad war ebenfalls dort, das Harry bestaunte, denn es wirkte, als wäre er mitten im Wasser, weil die Fliesen ein Muster hatten wie spritzendes Wasser. Es passte zu Luna, fand Harry. Außerdem gab es hier noch das Schlafzimmer von Lunas Onkel Hephaistos, von dem Harry bisher nur wenig gehört hatte. „Onkel Hephaistos und seine … Freundin sind derzeit nicht da, sie empfinden es als zu gefährlich hier in England. Aber sie sind auch nicht einverstanden, wenn alle es als deine Aufgabe sehen, sie zu retten. Daher sind sie gegangen. Außerdem ist seine Freundin in Gefahr, wenn sie hier bliebe.“

„Wer ist denn seine Freundin?“, wollte Harry neugierig wissen.

„Das wirst du später erfahren.“, versprach Luna, ungewohnt ernst. „Dad und ich haben beschlossen, dass du wissen musst, worauf du dich einlässt, wenn wir zusammen sind.“ Sie sah ihn so ernst an, wie Harry sie noch nie gesehen hatte. Beklommen nickte er und griff nach Lunas Hand, wollte sie unbedingt aufmuntern. Ein Lächeln huschte über Lunas Gesicht, als sie die Finger ineinander verschlangen. Sie gab ihm einen kurzen Kuss, dann hüpfte sie – barfuß wie fast immer – die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Von Xenos Arbeits- und Schlafzimmer hörten sie das Rattern der Druckerpresse, aber Luna ließ sich dadurch nicht beirren, sie führte Harry nach oben.

„Irre ich mich oder wird das Haus nach oben hin kleiner?“, fragte Harry verwirrt.

„Ja, es wird kleiner.“, nickte Luna. Sie standen nun im Reich der blonden Ravenclaw, die die gesamte obere Etage für sich hatte. Es war ein großer Raum, der in einen Schlaf-, einen Arbeits- und einen Sitzbereich gegliedert war. Dort machten sie es sich nun gemütlich und Harry erzählte, was im Fuchsbau los gewesen war und wie die Weasleys nun in seinem Haus untergekommen waren. Dabei fiel ihm siedend heiß ein, dass er Luna nicht mitnehmen konnte, weil sie nicht in das Geheimnis eingeweiht war. Das müsste Albus machen, aber der galt offiziell als tot. Egal wie sehr er Luna und ihrem Vater vertraute, das durfte er nicht weitergeben, es war nicht sein Geheimnis. Luna sprach inzwischen weiter, während Harry seinen Gedanken nachhing. „Über uns ist noch eine Dachterrasse, dort wollen wir heute Nacht das Feuerwerk ansehen. Daddy hat auch einige Raketen bei den Weasleys gekauft, das wird sicher lustig. Sonst nutzt er den Raum eher, um nachts die Sterne zu beobachten, dort steht ein riesiges Teleskop.“

„Wow.“, staunte Harry. „Das klingt interessant. Meinst du, ich kann auch mal einen Blick …?“

„Klar!“, war Luna sicher. Sie schmiegte sich an ihn. „Daddy hat sicher nichts dagegen. Wir können das ja vor dem Feuerwerk mal ausprobieren. Aber erst einmal wollte ich mit dir zum Fluss, damit wir Plimpys fangen können, das gibt eine gute Suppe heute Abend.“

Harry fragte nicht, was denn Plimpys schon wieder waren. Es war ihm egal, wenn er nur Zeit mit seiner Luna verbringen konnte. Schon immer, seit sie in der DA mit ihrem verträumten Blick aufgetaucht war, faszinierte sie ihn. Ohne ihr aktives Vorgehen wäre er allerdings jetzt noch alleine. Sie hatte ihm deutlich gemacht, dass er mehr für sie empfand, noch bevor er selbst es auch nur geahnt hatte. Also folgte er ihr jetzt nach unten und durch eine der Schiebetüren im Wohnzimmer in den Garten. Der Bach, den Luna meinte, floss direkt durch den Garten. Überall blickten kleine Büsche durch den Schnee, und es glitzerte, als die Sonne darauf schien. „Wunderschön!“, wisperte Harry, zog Luna zu sich und küsste sie, diesmal deutlich intensiver als zuvor. Er war nicht sicher, wie lange er noch mit einfachen Küssen zufrieden war, und doch würde er ihr alle Zeit der Welt geben, so lange sie ihn so küsste wie gerade. Ein leises Keuchen entwich ihm. Immerhin war er ein Teenager, da durfte das doch sein! Luna kicherte gegen Harrys Lippen. „Ich liebe dich, du Löwe!“

„Ich … ich liebe dich auch, mein Engel!“, antwortete Harry, der sich mit einem Mal sehr sicher war, dass er die Wahrheit sagte.

„Dann komm, lass uns Angeln.“ Luna lief voraus zu einem kleinen Gartenschuppen, wo sie tatsächlich mehrere Angeln fanden. Damit ausgerüstet liefen sie zum Fluss und hatten bereits kurze Zeit später mehrere Fische gefangen, die Luna als Plimpys identifizierte. Harry war sich relativ sicher, dass es Stichlinge waren, zumindest hatte er in der Grundschule einmal ähnliche Fische gesehen, als sie einen Ausflug machten. Damals waren sie als Futter für verschiedene Raubfische oder Vögel genannt worden. Ob sie wirklich schmeckten? Harry war ein wenig neugierig. Essen konnte man es bestimmt, da war er nicht verwöhnt. Er hatte früh gelernt, das zu nehmen, was er bekam.

„Harry? Ich glaube, du hast schon wieder ein paar Schlickschlupfe in deinem Hirn.“, summte Luna und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Entschuldige, ich hab nachgedacht.“, murmelte Harry.

„Das ist zwar prinzipiell gut, aber du solltest auch mal abschalten.“, antwortete die Blonde. „Weißt du, wenn du dein Gehirn nicht einmal entspannen lässt, dann haben es die Schlickschlupfe viel leichter, in dein Gehirn einzudringen und dich zu verwirren.“

„Oh.“, machte Harry und beschloss, diese Aussage einfach so stehen zu lassen. Lunas Glaube an diese verschiedenen Wesen verwirrte ihn, gleichzeitig aber liebte er sie gerade dafür, dass sie sich nicht beirren ließ, auch wenn alle sie deswegen für verrückt erklärten. Aber was war so schlimm daran, an die Existenz von Schlickschlupfen, schrumpfhörnigen Schnarchkacklern oder so etwas zu glauben? Das tat niemandem weh.

„Du verstehst dich inzwischen ganz gut mit Professor Snape.“, warf Luna plötzlich in die Stille. „Er spielt nur noch, wenn er dich anfaucht.“

Harry wurde heiß und kalt. Niemand, auch Luna nicht, durfte davon wissen. Scheinbar entspannt zuckte er die Schultern, während seine Gedanken rasten. Die Wahrheit durfte er nicht sagen, aber anlügen wollte er Luna sicher auch nicht. „Wir haben das gleiche Ziel, wir wollen Voldemort vernichten.“, meinte er. „Ich habe mich für einen Fehler, den ich letztes Jahr gemacht habe, entschuldigt und wir versuchen nun, uns nicht mehr so intensiv zu hassen. Wobei sich das nicht herumsprechen sollte, denn Voldemort soll in ihm einen treuen Todesser sehen.“

„Hm, und ich dachte schon, ihr habt euch angefreundet. So wirkt es nämlich, als würdet ihr nur schauspielern.“ Luna überlegte einen Moment. „Aber wenn du nicht darüber reden willst, dann ist das in Ordnung, ich werde nicht mehr nachfragen. Und auch nichts sagen.“

„Das weiß ich doch, Engel.“, lächelte Harry und wusste genau, dass es stimmte. Sie wandten sich wieder den Angeln zu und schwiegen, bis sie genug Plimpys zusammen hatten, um eine Suppe daraus zu kochen. Luna summte leise vor sich hin und Harry ließ seine Gedanken treiben.

Gemeinsam standen sie gegen Abend in der Küche. Luna kümmerte sich um die Suppe, Harry hingegen richtete Lachs und Gemüse her. Xeno gesellte sich nach einer Weile dazu und rollte den Pastateig aus, den Luna bereits am Vormittag gerichtet hatte, formte Bandnudeln mit Magie. Ein bisschen Smalltalk, aber die meiste Zeit schwiegen sie entspannt. Harry fühlte sich rundum wohl und wünschte sich, das es einfach so bleiben könnte. Doch er wusste, das war ein unerfüllbarer Wunsch. Er würde nie wirklich Ruhe haben. So lange Voldemort hinter ihm her war, waren Momente wie dieser rar. Und sollte er es wirklich schaffen, hätte er erst Recht keine ruhige Minute mehr, die Menschen würden ihm keine Ruhe gönnen. Dennoch hatte er sein Schicksal angenommen und stellte sich Voldemort entgegen.

Beim Essen erzählte Xeno aus seiner eigenen Schulzeit. Er war ein paar Jahre über den Rumtreibern gewesen, hatte sie nur zwei Jahre an der Schule erlebt. Dennoch kannte er einige Begebenheiten, die Harry noch nicht über seine Eltern und deren Freunde wusste. Kleinigkeiten, kurze Erlebnisse. Wie seine Tochter jetzt war er in Ravenclaw gewesen, seine Frau ein Jahr unter ihm in Slytherin. Harry genoss es sehr, brachte ihn das doch seinen Eltern näher, auch wenn er immer weniger verstand, warum die Menschen behaupteten, er sei seinem Vater so ähnlich. Optisch mochte das stimmen, aber mehr war da nicht. Das Einzige, was ihn und seinen Vater noch verband war die Liebe zum Quidditch und zum Fliegen allgemein.

Nach dem Essen wurde das Gespräch deutlich ernster. „Harry, du solltest nun einige Dinge erfahren.“, begann Xeno, als sie sich im Wohnzimmer hingesetzt hatten. Ernst sah er den Freund seiner Tochter an. Die beiden Jugendlichen hatten ihre Finger ineinander verschlungen. „Du weißt von meinem Schwager, Hephaistos.“ Harry nickte. Der plötzliche Stimmungsumschwung ließ Harry alarmiert zu Xeno blicken. Das hier machte ihm ein wenig Angst. Daher lauschte er aufmerksam dem Blonden. „Er ist mit seiner … Partnerin in Deckung gegangen, denn sie wird von Todessern gejagt. Er kennt sie schon seit vielen Jahren, doch sie musste – auf Druck ihrer Eltern – einen anderen Mann heiraten. Dieser Mann, ich darf dir seinen Namen nicht verraten, denn das ist nicht meine Geschichte, ist an jemand Anderen gebunden. Deshalb wirst du auch den Namen der Gefährtin meines Schwagers nicht erfahren. Es ist zu gefährlich, auch wenn ich weiß, dass du das niemals absichtlich verraten wirst. Aber es stecken zu viele Geheimnisse darin, die ich nicht weitergeben darf.“ Er unterbrach sich. „Was weißt du über magische Wesen, Harry?“

„Nicht viel.“, gab Harry zu. „Ich weiß, dass es Veelas gibt, Vampire und Werwölfe. Viel mehr auch nicht. Vampire brauchen das Blut ihres Gefährten. Veelas können dominant oder devot sein, wobei männliche Veelas eigentlich immer devot sind, das bedeutet, sie brauchen einen Gefährten, der ihnen Halt gibt. Werwölfe müssen sich einmal im Monat bei Vollmond verwandeln. Normalerweise haben sie keine Kontrolle darüber, was der Wolf in diesen Nächten macht, erinnern sich nicht daran. Nur mit Wolfsbann klappt das zumindest teilweise. Wenn sie nicht alleine leben, dann haben sie die Rudelstrukturen normaler Wölfe übernommen.“

„Das ist mehr, als ich erwartet habe.“, gestand Xeno. „Nun, das Wissen über Werwölfe wundert mich nicht, aber Vampire und Veelas, darüber weiß kaum jemand etwas. Außer, dass es sie gibt, und dass Vampire Blut brauchen.“ Er überlegte eine Weile. Natürlich wusste er nicht, dass Harry über Professor Snape und Lucius Malfoy Bescheid wusste, damit hätte er sich Einiges erleichtern können. Aber er wollte nicht, dass Harry von ihm erfuhr, dass Professor Snape ein Vampir war. Harry hingegen wusste zwar von Narzissa, aber nicht, wie ihr Partner hieß. Zwar hatte er einen gewissen Verdacht, aber da viele magische Wesen und auch viele Zauberer und Hexen derzeit das Land verließen, weil Todesser hinter ihnen her waren, könnte es sich auch um jeden Anderen handeln. Daher schwieg er, denn es war auch nicht an ihm, Professor Snape oder seinen Gefährten zu verraten. Insofern verstand er Xeno nur zu gut.

Xeno ergriff erneut das Wort: „Nun, es gibt noch viel mehr magische Wesen. Das Ministerium will nicht, dass ihr darüber informiert werdet. Schon seit Jahren ist es verboten, darüber zu sprechen. In Hogwarts wurde schon seit vor meiner Zeit nicht mehr unterrichtet, welche magischen Wesen es gibt und wie sie leben. Früher war das wohl auch ein eigenes Unterrichtsfach. Und das, obwohl viele magische Wesen ihre Kinder unter einer Illusion in die Schule schicken, da sie nicht in der Lage sind, ihnen alles beizubringen, was sie wissen müssen. Sie werden gejagt und getötet. Das Ministerium unternimmt nichts. Bis vor etwa 20 Jahren haben sie sogar Kopfprämien bezahlt, aber das hat der vorherige Minister wenigstens unterbunden. Jedoch ist es noch immer nicht unter Strafe gestellt, magische Wesen zu verletzen. Es gibt genug Menschen, die es magischen Wesen ermöglichen, ihre Kinder unter Illusion aufwachsen zu lassen. Viele dieser Kinder waren über die Jahre unerkannt in Hogwarts und sind es noch immer.“

„Das ist ja schrecklich!“, wisperte Harry, dessen Augen vor Entsetzen geweitet waren. „Aber … dann ist es ja kein Wunder, wenn sie sich Voldemort anschließen! Immerhin verspricht er ihnen eine Veränderung.“

„Ja, das ist richtig.“, nickte Xeno nachdenklich. „Auch wenn sie meist nur zu bald merken, dass auch er nur Versprechen abgibt, die er nicht einhalten wird. Man müsste etwas im Denken der Menschen verändern, die Gesetze ändern. Aber derzeit ist das Hauptaugenmerk des Ministers auf die Vernichtung Voldemorts und seiner Todesser ausgerichtet. Doch damit ist es nicht getan. Selbst wenn du ihn heute vernichten würdest, wäre es noch lange nicht zu Ende.“

Das wurde auch Harry langsam klar. Sein Kampf war nicht der Einzige. Er sank in sich zusammen, als er realisierte, was alles auf ihn zukam. Doch Luna kannte ihn scheinbar bereits jetzt sehr gut. „Du musst das nicht alles alleine erledigen!“, bremste sie seine Gedanken. „Es gibt Menschen, die mit magischen Wesen an einem Strang ziehen, um das zu verändern, aber das geht erst, wenn Voldemort weg ist.“

„Richtig.“, nickte ihr Vater. „Und doch arbeiten viele daran, ein neues System zu entwickeln, das auch funktioniert, wenn es soweit ist. Man kann nicht einfach sagen, die magischen Wesen sind gleichgestellt, und es klappt. Viele dieser Wesen können auch sehr gefährlich sein. Vampire, die nicht gebunden sind, können im sogenannten Blutrausch Menschen töten. Werwölfe können Menschen töten oder verwandeln. Selbst Veelas sind gefährlich.“

Mit großen Augen sah Harry ihn an. Er hätte nicht geglaubt, dass Xeno mehr als ein Zeitungsmann war. Bisher hatte er immer geglaubt, der Mann war ein wenig verrückt, weil er an diese seltsamen Wesen glaubte, aber nach dieser Unterhaltung war er anderer Meinung. Mal wieder war sein Mund schneller als sein Gehirn. „Du solltest Minister werden!“, fand er. Xeno lachte hell auf. „Ich meine das ernst.“, bekundete Harry. „Du könntest die Veränderungen herbeiführen, die nötig sind. Du hast Verständnis für die magischen Wesen und weißt auch, was in der Politik wichtig ist, immerhin schreibst du darüber im Klitterer, auch, wenn Viele das nicht lesen. Außerdem bist du aus einer alten Familie, das ist immer noch sehr vielen Leuten wichtig.“

Luna lachte leise. „Siehst du, Daddy, Harry meint das auch.“ An Harry gewandt fügte sie hinzu: „Das sage ich Daddy nämlich schon eine Weile.“

„Wenn ihr meint.“, schüttelte Xeno den Kopf. „Aber zurück zum Thema. Wir wollten dir eigentlich etwas erklären, das wichtig ist, wenn du weiterhin mit Luna zusammen bist. Dabei muss ich aber darauf bestehen, dass du mir schwörst, über all das, was du nun erfährst, Stillschweigen zu bewahren.“

Harry war ein wenig irritiert, aber er vertraute Luna und ihrem Vater vollkommen. „Ich schwöre, all das, was ihr mir heute und in Zukunft anvertraut, nur mit eurer Zustimmung weiterzugeben. So lange ich keine Erlaubnis von euch habe, werde ich nichts davon weiter erzählen.“, schwor Harry und spürte, wie seine Magie den Schwur besiegelte.

Autorennotiz

Figuren und Handlungsorte habe ich mir von JKR geliehen, sie gehören mir nicht.

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Autor

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Kapitel:21
Sätze:7.018
Wörter:76.463
Zeichen:453.497

Kurzbeschreibung

In den Ferien vor seinem sechsten Jahr geht es Harry nicht besonders. Albus Dumbledore bekommt einen Hilferuf und geht mit Severus Snape in den Ligusterweg. Sie holen Harry heraus und nehmen ihn für den Sommer mit nach Hogwarts. Dort erfährt Harry Dinge, die er nie für möglich gehalten hätte und verbündet sich mit den beiden Erwachsenen gegen seinen größten Feind. Der Kampf gegen Voldemort wird alles andere als leicht, sie alle müssen einander vertrauen und alles geben, um ihr Ziel zu erreichen. Pairings stellen sich im Verlauf der Geschichte heraus, da will ich nicht zu viel verraten.