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101
5.12.2019 21:13
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

3 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Remus Lupin

Remus Lupin war in Harrys drittem Schuljahr sein Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Außerdem gehörte er zu den engsten Freunden Harrys Vaters. Sein größtes Geheimnis ist, dass er ein Werwolf ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

„Albus, bitte!“, flehte Remus den Direktor von Hogwarts an. „Ich habe James und Lily versprochen, auf Harry zu achten und er hat heute Geburtstag!“
„Remus, er ist in Sicherheit. Lily hat uralte Magie genutzt, um ihn vor Voldemort und den Todessern zu schützen, und dieser Blutschutz bleibt ihm, so lange er bei ihrer Schwester ein Zuhause hat.“, argumentierte Albus Dumbledore nicht zum ersten Mal.
Wie oft sie diese Diskussion so oder so ähnlich schon geführt hatten, war nicht mehr zählbar. Seit Remus seinen besten Freund und dessen Frau vor fast vier Jahren verloren hatte, versuchte er, aus Albus Dumbledore herauszubekommen, wo sein Welpe versteckt war. Er wusste nur, dass er bei Lilys Schwester und deren Mann war, aber weder, wo sie wohnten, noch wie sie hießen. Es war nicht so, dass er nicht auch andere Methoden versucht hatte, sie zu finden, doch es schien unmöglich zu sein. Daher hatte er Harry seit kurz vor Halloween vor vier Jahren nicht mehr gesehen und machte sich nun immer mehr Sorgen.
„Ich will ihm nichts tun, das weißt du genau.“, knurrte Remus. „Er hat Geburtstag, ich will ihm ein Geschenk machen. Was ist dabei, wenn ein Freund seiner Eltern ihm einen Stoffwolf schenkt? Meinetwegen auch anonym, wenn du meinst, dass es besser für Harry ist, aber ich will sicher sein, dass es ihm gut geht, immerhin habe ich das seinen Eltern versprochen. Er hat niemanden mehr, nachdem sein Pate seine Eltern verraten hat.“
„Ich war selbst nicht mehr da, um ihn nicht in Gefahr zu bringen, da ich nie sicher sein kann, dass mir nicht ein Todesser unerkannt folgt.“, gestand der Schulleiter. „Nun gut, Remus. Ich gebe dir eine Adresse, aber versprich mir, dass du dich nicht einmischen wirst. Du kannst dein Geschenk in sein Zimmer zaubern, wenn er schläft, aber du wirst dich ihm nicht zeigen.“
„Ich will nur sichergehen, dass es ihm gut geht.“, versprach der Werwolf. „Wenn alles in Ordnung ist, werde ich schnell wieder verschwinden.“
„Warten wir noch eine Weile, bis es Abend wird, dann fällst du nicht so auf.“, bestimmte Albus Dumbledore. „Desillusioniere dich, bevor du apparierst. Und nicht direkt dorthin, in Ordnung? Darf ich dir bis dahin eine Tasse Tee anbieten?“
„Danke.“, entgegnete Remus und setzte sich in den Sessel am Kamin. Wenigstens hatte der Schulleiter endlich mal ein Einsehen und würde ihm helfen. Zu lange wartete er darauf, nach seinem Welpen sehen zu können. Während sie schweigend ihren Tee tranken, gingen seine Gedanken zurück. Kurz nach dem Tod seiner Freunde in jener Halloweennacht vor fast vier Jahren hatte er auch noch erfahren, dass Sirius verhaftet worden war, weil er nicht nur James und Lily verraten, sondern auch noch Peter und einige Muggel ermordet hatte. Am Abend war er bei Dumbledore gewesen und hatte all das erfahren. Daraufhin war er nach oben auf den Nordturm gegangen, der eigentlich gesperrt war, aber das hatte ihn nicht gestört. Eigentlich hatte er sich vom Turm stürzen wollen, damit der Schmerz in seinem Inneren aufhörte. Er war allein, seine Freunde tot oder als Verräter und Mörder in Askaban. Doch oben auf dem Turm hatte er festgestellt, dass er nicht der Einzige war, dem die Ereignisse zu schaffen machten. Severus Snape war auch da gewesen, er hatte seinen Kummer in Whiskey ertränkt und stand ebenfalls am Geländer, schien zu überlegen, ob er springen sollte.
Was genau sie damals gesprochen und getan hatten, konnte er heute nicht mehr sagen, aber diese Nacht war ein Wendepunkt gewesen. Sie hatten sich ausgesprochen und waren sich nahe gekommen. Seither waren sie ein Paar, wenn es auch eine Weile gedauert hatte, bis sie es sich wirklich gestanden hatten, dass sie mehr füreinander empfanden. Kaum jemand wusste von ihrer Beziehung, aber der Orden und Dumbledore hatten es in der Zwischenzeit herausgefunden und waren ihnen behilflich, wenn es Schwierigkeiten gab. Da er im Zaubergamot saß, setzte er sich für weniger strenge Gesetze für Werwölfe ein und hatte es bereits geschafft, dass die Werwesen nicht mehr so sehr unter Druck gesetzt wurden. Sie durften arbeiten und auch Gefährten haben. Auch gegen Kinder wurde nun nicht mehr vorgegangen, da sie das Werwolfgen nur weitergeben konnten, wenn sie jemanden in ihrer Wolfsform bissen. Gut, er konnte mit Severus keine eigenen Kinder haben, auch wenn das mit Magie möglich war, aber immerhin durften sie nun auch zueinander stehen. Doch Severus wollte keine Kinder.
„Wie geht es euch?“, fragte Dumbledore, der zu ahnen schien, wo die Gedanken des Dunkelblonden waren.
„Es geht.“, zuckte Remus die Schultern. „Lucius hat Severus mal wieder zu sich eingeladen. Er will irgendwas loswerden, weil das Ministerium ihm die Hölle heiß macht. Sev meinte, sie durchsuchen sein Manor regelmäßig und wurden wohl auch schon fündig, einige verbotene schwarzmagische Objekte. Er ist mit einer Geldstrafe davongekommen, aber er wird vorsichtig. Jetzt versucht er offensichtlich, ein paar Dinge loszuwerden.“
„Seid vorsichtig.“, warnte Dumbledore. „Lucius Malfoy ist nicht unbedingt böse, aber immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht, er nimmt keine Rücksicht.“
„Ich weiß, und auch Severus ist sich dessen bewusst.“, seufzte der Werwolf. „Aber dennoch ist er ein Freund und Vertrauter aus früheren Tagen, also fühlt er sich ein wenig verpflichtet, will aber nichts ins Haus holen, was gefährlich für uns wäre. Gerade besucht er sein Patenkind.“
„Wie kommt er mit dem Wolfsbann voran?“, erkundigte sich der Weißhaarige.
Severus war dabei, Wolfsbanntrank zu entwickeln, der den Werwölfen half, mit ihrem inneren Wolf in Kontakt zu kommen und eine Einheit aus Mensch und Wolf zu bilden, sodass sie nicht mehr potentiell gefährlich waren. Natürlich konnte das auch anders genutzt werden, doch Severus hatte sich vorgenommen, seinem Partner zu helfen.
„Es klappt besser, als er dachte. Ich muss ihn allerdings eine ganze Woche vor Vollmond täglich nehmen.“, gab Remus zurück. „Es schmeckt widerlich, aber es hilft wirklich. Der Wolf und ich leben nun in Frieden nebeneinander, so lange ich den Trank nehme. Ich kann mich einfach einrollen und schlafen, auch wenn Sev in der Nähe ist. Aber dennoch versuche ich so oft wie möglich, irgendwo in einem abgeschiedenen Wald zu laufen. Es ist einfach natürlicher für den Wolf. Sich zu bewegen, meine ich. Moony liebt es, zu rennen. Wenn ich ihm das gebe, ist er friedlich.“
„Das ist wirklich ein großer Fortschritt.“, staunte Albus Dumbledore. „Richte Severus meine Hochachtung aus.“
„Werde ich.“, nickte Remus und trank seine Tasse leer. „Danke für den Tee. Bekomme ich jetzt die Adresse?“
„Versprich mir nochmal, dass du keine voreiligen Aktionen startest.“, verlangte Dumbledore und Remus versprach es. Dann erst bekam er die Adresse von Petunia und Vernon Dursley, bei denen Harry nun schon seit fast vier Jahren lebte. Der Dunkelblonde verabschiedete sich und ging durch das Schloss zum Tor, hinter dem er disapparieren konnte. Langsam schlich die Sonne Richtung Horizont und eine seltsame Stille lag über der Landschaft. Jetzt, in den Sommerferien, war das Gelände rund um Hogwarts einsam und leer. Nur der Schulleiter war die meiste Zeit hier und Hagrid, der Wildhüter. Selbst Argus Filch, der Hausmeister, war über den Sommer nicht in der Schule, sondern besuchte seine Schwester.
Am Tor angekommen desillusionierte Remus sich, damit er in Little Whinging nicht auffiel, dann konzentrierte er sich auf sein Ziel, drehte sich auf der Stelle und verschwand. Dieses Spiel wiederholte er mehrmals, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Nicht dass er welche bemerkte, seine Instinkte und seine Nase würden ihn warnen. Nur einen Lidschlag nach der letzten Apparation tauchte er am Rand einer kleinen Vorstadtsiedlung wieder auf und sah sich um. Es sah aus wie eine schlechte Kulisse für einen noch schlechteren Film. Alles einheitlich, jedes Haus gleich aufgebaut, die Gärten alle identisch, vorne Blumen, hinten noch ab und zu wenigstens eine Schaukel. Nur die Farben der Häuser variierten, ebenso die der Autos in den Einfahrten, ansonsten war alles gleich. Remus fragte sich, wer so leben wollte, kam aber auf keine Antwort. Anhand der Beschilderung suchte er sich seinen Weg, bis er den Ligusterweg entdeckte. Die Nummer vier war am anderen Ende, er war bei den hohen Zahlen angekommen. Aber Zeit war nun nicht mehr essentiell, wo er es endlich geschafft hatte, diese Adresse zu bekommen. Dennoch schritt er zügig auf das Haus von Harrys Verwandten zu.
Es wirkte gepflegt, fiel ihm auf. Der Rasen akkurat gemäht, die Zaunlatten frisch gestrichen, das Auto gewaschen, die Rosen blühten und zeigten keinerlei alte oder welke Blätter, die Garage, die offen stand, sauber und aufgeräumt. Auf der Terrasse saßen eine relativ dünne, pferdegesichtige Frau und ein ziemlich dicker Mann mit einem riesigen Schnauzer, die gemütlich ein Glas Wein tranken und sich leise unterhielten. Im Garten saß ein ziemlich übergewichtiger Junge auf einer Schaukel und lutschte ein Eis. Das mussten Harrys Tante, Onkel und Cousin sein, überlegte Remus, aber wo war Harry? Leise trat er näher, um vielleicht etwas zu hören, was ihm half.
„Hoffentlich ist der Freak nun bald mit dem Essen fertig.“, schnaubte der Mann. „Ich habe Hunger. Er ist nun fünf, da sollte er es doch fertig bringen, Steak und Kartoffeln zu kochen. Kann doch nicht so schwer sein.“
In dem Moment kam ein kleiner, schmaler Junge aus dem Haus getreten, den Kopf gesenkt und piepste leise: „Abendessen fertig.“
So schnell konnte Remus gar nicht reagieren, waren der Mann und sein Sohn schon im Haus. Durch das Fenster konnte er sehen, dass sie sich an den Tisch in der Küche setzten, der für drei Personen gedeckt war. Die Frau folgte ihnen ein wenig langsamer, setzte sich dann an den dritten Platz. Der kleine Junge saß in einer Ecke des Raumes auf dem Boden und knabberte an einem Kanten Brot, der scheinbar schon recht hart war. Immerzu hielt er den Kopf gesenkt, sodass die schwarzen, wirren Haare sein Gesicht verdeckten, doch Remus war sicher, dass er gerade Harry sah. Zorn ballte sich in ihm zusammen, doch er biss sich auf die Lippen, um nicht nachzugeben. Er hatte es versprochen und würde erst einmal nicht eingreifen, aber die Erinnerungen Dumbledore zeigen. Dieser war der Vormund des Jungen in der magischen Welt, er musste sich kümmern.
Doch was dann passierte, ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Der dicke Junge murrte, dass sein Fleisch trocken sei und plötzlich stand der Fettwanst, Remus musste ihn einfach so nennen, neben Harry, zog seinen Gürtel und begann, auf den Jungen einzuprügeln. Beim zweiten Schlag war Remus an der Küchentür, immer noch desillusioniert, beim vierten Schlag fing er den Gürtel ab und riss einmal kräftig daran, sodass Vernon Dursley auf dem Boden landete. Mit einem stab- und wortlosen Zauber war er gefesselt und stumm, einen weiteren Zauber später auch die Frau. Den Jungen der Beiden versetzte er in einen magischen Schlaf und legte ihn einfach auf den Boden. Dann ging Remus ganz langsam auf den kleinen Schwarzhaarigen zu, der sich in der Ecke klein gemacht hatte und dem Tränen über die Wangen liefen.

Er beendete den Desillusionierungszauber, bevor er den Jungen leise ansprach. „Harry? Ich bin Remus, ein Freund deiner Eltern. Komm her zu mir, ich bring dich hier weg. Komm, ich will dir helfen. Ich habe deinen Eltern versprochen, dich zu beschützen und habe nun endlich herausgefunden, wo du bist. Komm her, Harry.“
Es dauerte lange, bevor Harry seinen Kopf hob und Remus ansah. Kurz jedenfalls, dann beendete er den Blickkontakt sofort wieder. Doch nach fast zwei Stunden, in denen er geduldig mit Harry redete, ließ sich der Junge von Remus auf den Arm nehmen. Der Werwolf drückte ihn an sich, wickelte seinen Umhang um den zitternden Körper, und disapparierte. Harry brauchte dringend medizinische Hilfe. Hier würde er ihn keine Sekunde länger lassen. Momente später tauchte er in Severus' Haus in Spinners End wieder auf und rief nach seinem Partner, wissend, dass dieser wieder zurück sein müsste. Ein wenig genervt kam der Tränkemeister aus seinem Labor, er hasste es, wenn er bei seiner Arbeit gestört wurde und Remus wusste das auch. Wenn er also so herumschrie, musste etwas Dringendes sein. Das war schon am Klang der Stimme auszumachen und daher rannte er die Treppe nach oben ins Wohnzimmer. Dort stand Remus und hielt ein Bündel im Arm, von dem er nur erkennen konnte, dass unten Füße aus dem Umhang von Remus schauten, und oben verwuschelte, schwarze Haare.
„Hilf ihm!“, flehte Remus.
Entsetzt erkannte Severus das Ausmaß der Verletzungen, als Remus den Jungen vorsichtig auszog, und wirkte die ersten Zauber, die dem Kind das Atmen erleichterten, indem die Rippen wieder heilten. Für die Striemen brauchte er Heilsalbe, die musste er aus dem Labor holen. Stetig strömten Tränen aus diesen Augen, die Lilys glichen wie ein Ei dem anderen, über das blasse, eingefallene Gesicht, aber kein Ton war zu hören. Die knochige Hand krallte sich in Remus' Umhang und weigerte sich, loszulassen.
„Was genau ist passiert?“, fragte Severus ruhig.
„Albus hat mir die Adresse gegeben, ich sollte mich nicht einmischen.“, gab Remus zu. „Aber als dieser Fettwanst anfing, mit dem Gürtel auf ihn einzuprügeln, musste ich einschreiten.“
„Natürlich.“, nickte Severus zwischen zwei Zaubern. „Lange hätte er wohl nicht mehr ausgehalten. Er ist unterernährt, viel zu klein für sein Alter, überall Hämatome und ältere, schlecht zusammengewachsene Knochenbrüche. Er braucht langsames Aufpäppeln, damit sein Körper nicht schlapp macht. Wir müssen einen Heiler einschalten, es muss dokumentiert werden.“
„Kannst du ihm helfen, Sev?“, wollte Remus wissen.
„Ja, das Meiste kann ich richten, aber ich werde Poppy hinzuziehen.“, entschied Severus. „Weiß Albus schon Bescheid?“
„Nein, mir erschien wichtiger, den Jungen zu versorgen. Ich werde Albus nachher informieren, aber Harry wird dort nie wieder hingehen.“, knurrte Remus.
„Nein, sicher nicht.“, stimmte Severus zu.
Auch wenn er James Potter nie ausstehen konnte, das hier wünschte er seinem schlimmsten Feind nicht. Harry, und das war ganz offensichtlich Harry, er sah seinem Vater enorm ähnlich, nur seine Augen waren eindeutig von Lily, verfolgte den Wortwechsel mit angstgeweiteten Augen und wirkte panisch. Kein Wunder, ihre Stimmen waren wütend und sie knurrten ziemlich unfreundlich. Remus schien es als Erster zu bemerken und wandte sich dem Kind zu.
„Keine Angst, Harry, du bist in Sicherheit. Dir passiert nichts, Severus kümmert sich um dich, dass du keine Schmerzen mehr hast und besser schlafen kannst. Du musst nie wieder zurück zu deiner Tante und deinem Onkel, das verspreche ich dir.“, murmelte er leise und beruhigend.
Harry wirkte skeptisch, hielt sich weiterhin an Remus fest. Severus eilte in der Zwischenzeit in sein Labor und holte Heilsalbe, rief unterwegs seinen Patronus auf und schickte ihn zu der Heilerin, die normalerweise die Schüler in Hogwarts versorgte, denn bei ihr war er sicher, dass der Junge nicht in der nächsten Zeitung landen würde. Zurück im Wohnzimmer registrierte er nur am Rande, dass auch Albus Dumbledore hier war. Natürlich, er wollte sehen, dass Remus sich auch an seine Versprechen hielt. In diesem Fall allerdings war sogar Severus heimlich froh darüber, dass Remus sein Versprechen nicht gehalten hatte. Eine derartige Behandlung verdiente kein Kind, egal was sein Vater mit ihm gemacht hatte. Severus war gefangen von den grünen Augen des Jungen, die denen Lilys so sehr glichen, dass es weh tat. Vor allem, weil Schmerz und Verzweiflung so deutlich aus ihnen sprachen. Der Schulleiter diskutierte eben mit dem Werwolf.
„Du hättest ihn nicht einfach mitnehmen dürfen!“, forderte er.
„Ach so, hätte ich vielleicht zulassen sollen, dass das fette Schwein ihn tot prügelt?“, knurrte Remus. „Ich sag dir was, Albus: Zu diesen Leuten kommt der Junge nie wieder, und wenn du jetzt nichts in die Wege leitest, um seine Verwandten zu bestrafen, dann garantiere ich für nichts mehr!“
Severus entschied, einzugreifen. „Beruhige dich, Remus, du machst ihm Angst.“
Tatsächlich zitterte der Junge noch stärker als vorher, die Augen waren in Panik weit aufgerissen und er schien nicht sicher, ob er sich nun festklammern oder weglaufen sollte. Remus atmete einmal tief durch und strich dann beruhigend über den Rücken des Kleinen, sprach leise auf ihn ein, bis das Zittern ein wenig nachließ. Poppy, die in der Zwischenzeit aufgetaucht war, begann nun, die Verletzungen, die Severus noch nicht versorgt hatte, zu heilen. Mit einem Zauber schickte sie ihn schließlich schlafen, damit er sich erholen konnte. Sie legte ihm zwei Infusionen an, über die er mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt wurde. Erst, als alles getan war, was sie im Moment tun konnte, protokollierte sie gemeinsam mit Severus die verschiedenen Verletzungen des Kindes, damit es dann vor Gericht oder dem Zaubergamot Aussagekraft hatte. Der Werwolf setzte sich auf das Sofa, richtete Harry auf seinem Schoß bequem zurecht und legte eine Decke um den schmalen Körper. Dennoch fror Harry offensichtlich.
„Albus.“, begann Remus sehr leise. „Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass er wieder dorthin muss.“
„Nein, das werde ich auch verhindern. Der Junge muss seit Jahren so behandelt worden sein, das ist Kindesmisshandlung in einem Ausmaß, wie ich es noch nicht erlebt habe.“, schloss Poppy sich an.
„Aber wohin soll ich ihn bringen, dass er vor den Todessern geschützt ist?“, fragte sich der Schulleiter. „Der Blutschutz ist nicht zu verachten, dadurch kommen Todesser nicht an ihn heran.“
„Todesser werden bald sein geringstes Problem sein.“, entgegnete Severus hart. „Er geht nie wieder dorthin. Auch ich kann ihn schützen.“
„Du willst ihn bei dir behalten?“, staunte Poppy.
„Ich gehe davon aus, dass Remus ihn nicht mehr aus der Hand geben wird.“, stellte Severus fest. „Also bleibt er hier.“ Auch wenn ihm die Vorstellung nicht gefiel, aber wenn er seinen Partner vor die Wahl stellte, würde der sich womöglich für das Kind und gegen ihn entscheiden, und das wollte er sicher nicht. Laut würde er das nicht sagen, aber es war eine Tatsache.
„Meinetwegen.“, gab Dumbledore nach. „Aber der Gamot hat auch noch ein Mitspracherecht.“
„Ich weiß, dass ich ein Werwolf bin, aber du könntest es auch ein wenig leichter machen.“, forderte Remus, der den Unterton in Albus' Stimme identifizieren konnte.
„Gut, dann werde ich nun gehen und ein paar Auroren suchen, mit denen ich die Dursleys festnehmen kann.“, seufzte der Schulleiter. „Remus, kann ich deine Erinnerung daran sehen? Das wäre sicher hilfreich, wenn ich die dem Gamot zeigen kann, damit wir sie auch wirklich verhaften können.“
Der Werwolf nickte, befreite vorsichtig seinen rechten Arm, auf dem Harry bisher gelegen hatte, und zog mit seinem Zauberstab einen silbrigen Faden von seiner Schläfe, den er in eine von Severus' Phiolen gab. „Das dürfte ausreichend sein.“, kommentierte er die Erinnerung.
„Hier, eine Kopie vom Protokoll seiner Verletzungen.“, reichte ihm Poppy ein Pergament. „Das dürfte dann wirklich ausreichen.“
„Du wirst noch vor dem Gamot aussagen müssen, Remus. Und auch Severus wird dorthin müssen, wenn ihr ihn wirklich zu euch nehmen wollt.“, erinnerte Dumbledore.
„Das ist mir bewusst.“, erwiderte Severus kühl. „Aber ich habe Lily damals ein Versprechen gegeben, dass ich ihren Sohn beschützen werde und habe vor, das Versprechen nun einzulösen.“
Wie gut, dass ihm das eingefallen war, so konnte er wenigstens logisch argumentieren. Nein, er würde niemals sagen, dass er Angst davor hatte, wieder alleine zu sein, sollte Remus gehen.  Der Werwolf hatte ihn damals gerettet, ohne ihn wäre er nicht mehr hier. Und er wusste, Remus liebte sein Beinahe-Patenkind, hatte die ganzen Jahre immer wieder von ihm geredet und gehofft, dass er eines Tages herausfinden könnte, wie es dem Kleinen ging. Severus hatte sich immer herausgehalten, wollte nichts von Potter Junior wissen, doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste Severus zugeben, dass er schon in dem Moment, als er Harry gesehen hatte, aufgehört hatte, von ihm als ‚Potter‘ zu denken. Es lag an den Verletzungen, sicher, aber vor allem die Augen von Harry hatten Severus überzeugt, seinen Hass gegen James zu vergessen und nicht auf das Kind zu projizieren. Nie wieder.

Nur wenige Minuten später saß Remus mit dem Jungen im Arm alleine auf dem Sofa. Severus musste den Wolfsbann neu anfangen, da er unterbrochen worden war. Auch wenn er sich deswegen ziemlich knurrig gab, so wusste Remus doch, dass es einfach die Art des Tränkemeisters war, mit der Situation umzugehen. Albus und Poppy waren verschwunden, der Schulleiter würde sich um die Dursleys kümmern und Poppy hatte versprochen, täglich nach Harry zu sehen. Harry schlief nicht lange friedlich, bevor er hochschreckte und seine Augen panisch aufriss. Beruhigend redete Remus mit ihm und merkte, wie der kleine Körper sich ganz langsam wieder entspannte. Er seufzte, das hier würde noch viel Arbeit bedeuten. Aber da Severus hier mit ihnen war, hatte Harry die besten Chancen, denn auch wenn kaum jemand das wusste, Severus hatte in der Muggelwelt gelernt, mit traumatisierten Kindern umzugehen. Es war ihm ein Bedürfnis gewesen, nachdem er das erste Jahr als Hauslehrer in Hogwarts gewesen war. Gerade in Slytherin gab es viele Kinder, die zu Hause für die kleinsten Vergehen streng bestraft wurden und dann in der Schule kleine Hilfeschreie aussandten. Da hatte Severus seine Ferien und viele Wochenenden geopfert, um sich entsprechend fortzubilden.
„Hier, du solltest gleich trinken.“, riss ihn Severus schließlich aus seinen Gedanken. „Es sind nur noch etwa zwanzig Minuten, bis der Mond aufgeht. Gib mir den Bengel, ich werde mich um ihn kümmern.“
Remus griff nach dem Becher, als Severus Harry sicher hatte. Er konnte durch die harte Schale seines Partners hindurchsehen und erkannte, wie sehr ihn das Schicksal dieses Jungen mitnahm. Schnell hatte er den Trank geleert und verabschiedete sich kurz von Severus, bevor er disapparierte. Nach Möglichkeit suchte er sich immer ein Waldstück, in dem er laufen konnte, meist sogar der verbotene Wald bei Hogwarts, da würde ihm sicher kein Mensch begegnen, und mit den magischen Wesen lebte er soweit in Frieden, dass sie ihm nichts taten, solange er einfach nur rannte. Schnell hatte er einen Baum gefunden, in dessen unterster Astgabel er seine Kleidung und seinen Zauberstab ablegen konnte. Kaum war er ausgezogen, spürte er auch schon, wie die Verwandlung begann. Es war lange nicht mehr so schmerzhaft wie früher, seit er den Wolfsbann bekam. Lange hatte es gedauert, bis Severus und er eine Ebene in ihrer Beziehung erreicht hatten, dass sie einander helfen wollten. Anfangs hatte er erst einmal Severus helfen müssen, der seinen Kummer in Alkohol ertränkt hatte. Fast ein halbes Jahr hatte Severus jeden zurückgewiesen, der ihm nahe kam. Lily hatte ihm viel mehr bedeutet, als jemand geahnt hatte. Auch er selbst hatte eine ganze Weile gebraucht, bis er wieder klar denken konnte. Gerade der Verrat von Sirius hatte ihn hart getroffen, war für ihn noch schlimmer gewesen, als der Tod von Lily, James und Peter. Eben weil er nie geglaubt hatte, dass Sirius James verraten könnte.
Heute war es für Remus ein wenig ein Nachteil, dass er seinen Verstand behielt in seiner Wolfsform, denn er grübelte viel zu sehr wieder über die schreckliche Zeit nach. Vor allem weil er heute Harry gesehen hatte und dessen schrecklichen Zustand. Er war viel kleiner, als man erwarten könnte, immerhin war er fünf Jahre, wirkte aber nicht älter als vielleicht drei. Gesprochen hatte er gar nicht, außer im Garten seiner Verwandten, er konnte es also, weigerte sich aber nun. Das passierte häufiger mit traumatisierten Kindern, wusste er von Severus. Der Tränkemeister beherrschte sein ganzes Denken im Moment. Remus machte sich Sorgen, er hatte den Ausdruck in Severus' Gesicht genau erkannt, er machte sich Vorwürfe, weil er nicht eher etwas unternommen hatte. Hoffentlich begann er nicht wieder zu trinken. Lange genug hatte es gedauert, bis er vom Alkohol weggekommen war. Der Entzug im Sommer nach dem Tod der Potters war heftig gewesen. Severus war nicht er selbst gewesen, hatte aggressiv und bösartig reagiert, doch Remus war ihm nicht von der Seite gewichen und hatte ihm geholfen, das Ganze durchzustehen. Seither waren sie in einer mehr oder weniger stabilen Beziehung. Gerade am Anfang war Severus verunsichert gewesen, hatte Zweifel gehabt. Inzwischen waren diese Zweifel meist weg, doch ab und zu musste er ihn wieder aufbauen, denn der Tränkemeister hatte in seiner Kindheit ebenfalls nur Ablehnung erfahren, sein Selbstbewusstsein, das Andere sahen, war nur gespielt. Eine Fassade, hinter die Remus in der Zwischenzeit sehen konnte.
Gegen Morgen verwandelte er sich zurück, zog sich an und apparierte nach Spinners End. Leise schlich er ins Schlafzimmer, Severus wäre vielleicht schon wach, aber sicher noch im Bett. An der Tür blieb er kurz stehen, musste sich erst wieder unter Kontrolle bringen. Harry schien panisch, die Tränen liefen in Strömen aus seinen Augen, und doch kam kein Laut von ihm. Er wehrte sich gegen Severus' Hände, die ihn trösten wollten. Schnell trat er ans Bett und legte sich auf Harrys andere Seite, redete beruhigend auf den Jungen ein. Nach und nach entspannte sich der kleine Körper und Harry klammerte sich an Remus fest. Seine Schultern bebten, die Augen waren tränennass, als er zu dem Werwolf sah.
„Tut mir leid, Harry, dass ich nicht da war.“, murmelte Remus. „Aber ich werde dich nicht alleine lassen. Severus passt auch auf dich mit auf. Du bleibst bei uns, Welpe. Du musst nie wieder zurück zu diesen Menschen. Keiner wird dir mehr wehtun, das lassen wir beide, Severus und ich, nicht zu.“
Erschöpft schmiegte sich Harry an den warmen Körper an seiner Seite und war nach wenigen Minuten eingeschlafen. Remus hörte nicht auf, über den knochigen Rücken zu streicheln.
„Er hat kaum geschlafen letzte Nacht.“, berichtete Severus schließlich, als er tief schlief. „Er hat Vertrauen zu dir gefasst, aber im Moment offenbar nur zu dir. Gesprochen hat er nicht, ich denke, das wird noch eine ganze Weile brauchen, bis er soweit vertrauen kann, dass er wieder spricht. Du wirst in nächster Zeit wohl nirgends alleine hingehen können.“
„Wie geht's dir?“, wollte Remus leise wissen und sah seinen Partner fest in die Augen.
„Ich hätte mich kümmern müssen.“, hauchte Severus. „Das wird Lily mir nie verzeihen.“
„Mach dir keine Vorwürfe.“, redete Remus auf ihn ein. „Was vergangen ist, können wir nicht ändern, aber wir können nun für ihn da sein. Harry braucht dich, alleine schaffe ich es nicht, ihn da rauszuholen.“
„Er hat Vertrauen zu dir, aber mich will er nicht in seiner Nähe haben.“, gab Severus bitter zurück.
„Du weißt genau, dass er Zeit braucht, um Vertrauen zu fassen. Ich bin die Person, die ihn aus seiner Hölle weggebracht hat, kein Wunder, dass er sich an mich klammert.“
„Er weiß nicht, was genau nun passiert und klammert sich an die einzige Konstante, die sich ihm bietet.“, erklärte Severus deutlich ruhiger als zuvor. „Er muss erst lernen, dass es auch noch eine andere Welt außerhalb seines bisherigen Verständnisses gibt. Ich glaube nicht, dass er so schnell realisiert, dass es auch anders geht, wir werden viel Zeit darauf verwenden müssen, damit er lernt, dass Schläge und Bestrafungen nicht normal sind. Wahrscheinlich wird er nicht reden, bis er sich einigermaßen sicher fühlt.“
„Wir werden da sein.“, wiederholte Remus sein Versprechen.
„Ja, das werden wir. Er wird nicht alleine sein.“, bekräftigte Severus. „Schlaf, Remus. Du musst dich ausruhen. Ich koche in der Zwischenzeit, wecke euch dann gegen Mittag.“
„Danke, Sev.“, lächelte Remus und zog seinen Partner kurz zu sich, um ihn küssen zu können.
Erst als Severus ihn einige Stunden später wieder weckte, fiel ihm auf, wie ruhig Harry geschlafen hatte. Nicht einmal bewegt hatte er sich, atmete aber ruhig und gleichmäßig. Wer wusste schon, wie lange er nicht mehr richtig geschlafen hatte. Es tat ihnen richtiggehend leid, ihn jetzt aufzuwecken, aber es war notwendig, dass er etwas aß. Außerdem konnte er dann auch in die Badewanne.
„Harry, mein Kleiner.“, raunte Remus in Harrys Ohr und konnte gerade noch rechtzeitig zurückweichen, als Harry in die Höhe schoss. Panisch blickte der Junge sich um, schien verwirrt, weil er die Umgebung nicht kannte. In dem Moment, als er realisierte, dass es hell war, zuckte er zurück und rollte sich ein.
„Tut Freak leid. Tut Freak leid!“, wisperte er immer wieder vor sich hin.
Severus griff vorsichtig nach den kleinen Händen und zog sie zurück, damit er in die grünen Augen sehen konnte. Sie waren unnatürlich weit vor Angst. „Es ist alles in Ordnung, Harry.“, beruhigte er ihn. „Du musst keine Angst haben. Wir haben dich geweckt, damit du etwas essen kannst.“
Vorsichtig nickte der Junge und stand zittrig auf, lief zögernd hinter Severus her, der ihm den Weg in die Küche zeigte. Unterwegs hörte Severus die Türglocke, deutete daher nur kurz auf die Küche und mahnte Harry, einen Moment zu warten, er käme gleich wieder. Er wollte nur schnell die Tür aufmachen, wahrscheinlich Poppy, die nach Harry sehen wollte. Remus war kurz im Bad verschwunden, würde aber sicher auch in ein oder zwei Minuten nach unten kommen.
Severus stockte der Atem, als er mit Poppy zusammen in die Küche kam. Harry hatte einen Stuhl an den Herd geschoben und stand nun darauf, rührte eifrig in einer Pfanne, in der er Eier erkennen konnte. In einer zweiten Pfanne briet Speck.
„Harry?“, fragte der Tränkemeister vorsichtig.
„Gleich fertig, Sir.“, wisperte der Kleine völlig verängstigt. „Tut Freak leid.“ Wieder schienen Tränen über sein Gesicht zu laufen, aber da sie hinter ihm standen, konnten sie es nicht erkennen.

Sanft griff Severus nach dem Kochlöffel, drehte den Ofen aus und schnappte sich den Jungen, stellte ihn auf den Boden. „Du musst hier nicht kochen, Harry.“, erklärte er geduldig. „Ich wollte, dass du etwas isst, es ist schon fertig. Setz dich.“
Schnell huschte Harry in eine Ecke des Raumes und setzte sich auf den Boden. Verwirrt folgten ihm zwei Paar Augen.
„Wieso sitzt du auf dem Boden?“, wollte ein fassungsloser Severus wissen.
„Freak muss Boden sitzen.“, flüsterte Harry. „Darf nicht gute Möbel.“
Zorn wallte in Severus auf, doch er biss die Zähne zusammen. Mehrmals atmete er tief durch, dann ging er neben Harry in die Hocke. „Du bist kein Freak. Du bist Harry und ich möchte, dass du mit uns am Tisch sitzt zum Essen. Kannst du auf einem normalen Stuhl sitzen oder soll ich dir einen Hochstuhl richten?“, fragte er sanft.
Ohne ein weiteres Wort stand Harry auf und setzte sich zögerlich auf einen Stuhl, machte sich klein dabei. Jetzt sah Severus, dass er so nicht auf den Tisch kam, also verwandelte er gedankenlos den Stuhl in einen Hochstuhl. Die Reaktion des Jungen erschreckte ihn, panisch fuhr der Kleine in die Höhe und flüchtete aus der Küche, lief direkt Remus in die Arme, der gerade hereinkam. „Was …?“, fragte der Dunkelblonde.
„Ich schätze, die Misshandlungen gehen sogar noch weiter als wir ahnen.“, stellte Severus fest.
Remus setzte sich mit dem zitternden Bündel an den Tisch und rückte Harry einfach auf seinem Schoß zurecht, reichte ihm kleine Happen, die er essen sollte. Viel schaffte Harry nicht, bevor er sich erschöpft zurücklehnte. Jetzt erst kümmerte sich Poppy um ihn. Sie stellte fest, dass die Zauber und die Heilsalbe ihre Wirkung taten, es aber noch ein weiter Weg für Harry war, bis er die Folgen komplett überwunden hatte. Scheinbar waren auch die Folgen einer Gehirnerschütterung nicht richtig ausgeheilt, denn er hatte eine Sehschwäche, die eindeutig von einem Kopftrauma kam. Sie informierte Severus darüber, damit er einen entsprechenden Trank für den Jungen brauen konnte, um die Sehschwäche auszugleichen. Bis dahin sollte er am besten eine Brille tragen, damit er nicht so starke Kopfschmerzen hatte. Der Schwarzhaarige ließ alles über sich ergehen, so lange er bei Remus bleiben durfte. Im Anschluss an ihre Untersuchungen holte die Heilerin einen Schokoriegel aus ihrer Tasche und reichte ihn dem Jungen. „Hier, Harry. Du warst richtig tapfer, dafür hast du dir eine Belohnung verdient.“, lächelte sie ihn an.
Harry zuckte zurück, er wusste nicht, was das sein sollte. Natürlich kannte er das Wort Belohnung, aber bei ihm war das immer mit Schmerzen verbunden, daher wühlte er sich nun angstvoll in die Kleidung des Mannes, der ihm bisher nie weh getan hatte. Dieser Mann versprach eine gewisse Sicherheit. Außerdem war er so schön warm, dass Harry nicht fror, wenn er sich an ihn kuschelte. Der Mann, dessen Name wohl Remus war, schlang seine Arme um ihn und hielt ihn fest, wofür Harry ihm unendlich dankbar war. Er war so müde, dass ihm schon wieder die Augen zufallen wollten, aber er zwang sich, sie offen zu halten. Immer wieder hatte er gelernt, dass es nicht gut war, einzuschlafen, wenn etwas von ihm gefordert wurde. Und hier war er sich noch nicht sicher, was genau die Männer von ihm wollten. Für ihn war es unvorstellbar, dass er nicht arbeiten musste. Das würde sicher noch kommen, aber er würde bereit sein, damit sie ihn nicht bestrafen mussten.
„Wir sollten ihn baden, bevor er wieder einschläft.“, wandte Severus ein, als er sah, wie müde Harry war.
„Gute Idee. Komm, Harry, gehen wir ins Bad.“, grinste Remus ihn an.
Harry wurde schon wieder panisch, baden war nicht besonders toll, jetzt, wo ihm gerade so schön warm war. Aber bisher hatte Protest nicht geholfen, also fügte er sich und ließ sich von dem Mann namens Remus nach oben tragen. Der andere Mann, der mit den unheimlichen Augen und der schwarzen Kleidung, ließ Wasser in die Wanne laufen und tropfte noch etwas hinein, das Schaum machte. Harrys Augen wurden größer, so etwas hatte er bisher nur bei Dudley gesehen. Wenn der badete, musste Harry hinterher das ganze Bad gründlich putzen, da sein Cousin den Schaum überall herumspritzte. Er ließ sich ausziehen, konnte aber nicht verhindern, dass er erneut zitterte. Remus und Severus verstanden nicht, warum Harry schon wieder Angst hatte, aber sie wollten ihn nicht direkt fragen, damit machten sie ihm offenbar noch mehr Angst. Er versteifte sich, als Remus ihn hochhob und ins Wasser setzen wollte. Erst, als seine Füße auf dem Boden waren, entspannte er sich ein wenig und ließ sich hinsetzen.
„Warm?“, fragte er staunend.
„Natürlich.“, antwortete Severus fassungslos, während Remus noch immer sprachlos war. „Ist es angenehm, oder soll ich es wärmer machen?“
Harry schüttelte zögernd seinen Kopf. Es war so angenehm, dass er es kaum glauben konnte. Er schloss seine Augen und würde jeden Moment genießen, so schön wie es gerade war, würde es sicher nicht lange bleiben.
„Harry?“, riss ihn die dunklere Stimme von Remus aus seiner Entspannung. „Wie haben dich deine Verwandten gebadet?“
Panisch riss der Kleine die Augen wieder auf. „Freak nicht warm baden, nur kalt.“, erklärte er leise, was ihm immer wieder eingetrichtert worden war.
„Du bist kein Freak, Welpe.“, beruhigte ihn Remus. „Du bist Harry. Und du hast ein Recht darauf, gut behandelt zu werden.“
„Welpe?“, kam es unsicher von Harry.
„Das war schon früher mein Spitzname für dich.“, gab Remus leise zurück. „Aber es ist lieb gemeint, es bedeutet, dass du wie ein eigenes Kind für mich bist. Es heißt, dass ich dich lieb habe.“
Die beiden Erwachsenen konnten sehen, dass sie Harry gerade überforderten. Sie ließen ihn in Ruhe noch eine Weile in der Wanne sitzen, dann wusch ihm Severus vorsichtig die Haare, achtete dabei sorgsam darauf, dass der Kleine keinen Schaum in die Augen bekam. Er war inzwischen sicher, dass die Dursleys sich nie darum gekümmert hatten. Sie hätten ihn schon längst von dort wegholen müssen, aber dafür war es nun zu spät, sie konnten nur sehen, dass sie ihm langsam beibrachten, was es bedeutete, Kind zu sein. Kurz bevor er endgültig einschlief, holten sie Harry aus der Wanne und wickelten ihn in ein flauschiges, vorgewärmtes Badetuch, trockneten ihn ab und die Haare mit einem Zauber, zogen ihm dann einen Schlafanzug an, den Poppy ihnen in weiser Voraussicht gebracht hatte, und wollten ihn ins Bett legen. Doch Harry hatte wieder seine Finger in Remus' Hemd vergraben und ließ nicht los. Schulterzuckend legte Remus ihn in seinen Armen ein wenig bequemer hin und setzte sich mit ihm auf das Sofa.
Severus räumte die Küche mit einem Zauber auf und setzte sich dann zu seinem Partner, holte eine Flasche Saft und eine Flasche Wasser, eine Packung Schokolade für Remus, dazu ein Buch und begann, Remus vorzulesen. Lange hatten sie das nicht mehr gemacht, aber gerade schien es absolut richtig zu sein. Es half scheinbar auch Harry, der dadurch deutlich entspannter schlief. Früher hatte er bei solchen Gelegenheiten Wein getrunken, aber er wusste, wenn er auch nur einen Tropfen Alkohol zu sich nahm, könnte alles wieder von vorne losgehen. Damals hatte er seinen Schmerz in Alkohol ertränkt, hatte sich immer tiefer in den Sumpf hineingeritten in seiner Trauer. Ohne Remus wäre er da nicht rausgekommen und er hatte sich geschworen, dem Werwolf nie wieder so etwas zuzumuten. Bis heute wusste er nicht genau, was in der Zeit des Entzuges alles vorgefallen war, aber Remus hatte ihm zur Seite gestanden und war immer da gewesen. Jetzt konnte er ihm helfen, seinen Welpen wieder aufzupäppeln. Seinen Hass hatte er bereits begraben, nur die Enttäuschung, dass die Augen Lilys ihn so angsterfüllt ansahen, war in ihm, auch wenn er wusste, dass es unlogisch war.
Gegen vier Uhr nachmittags klopfte es an der Tür. Severus legte das Buch auf die Seite und ging, um aufzumachen, während Remus Harry in eine Decke einwickelte.

„Albus.“, grüßte Severus seinen Vorgesetzten. „Komm rein.“
Er führte ihn ins Wohnzimmer, wo Harry immer noch friedlich in Remus' Armen schlief, bot Tee an. Schnell verschwand er in der Küche und bereitete eine Kanne frisch zu, während Remus dem Weißhaarigen leise die Ereignisse des Nachmittages erzählte. Erst, als Severus wieder bei ihnen saß und einen Stillezauber auf Harry gelegt hatte, begann Dumbledore. „Ich habe die Dursleys verhaften lassen, wegen schwerer Kindesmisshandlung. Ihr eigener Sohn ist nun in einem Kinderheim der Muggel, wo sie versuchen werden, sein Wesen noch zu ändern. Er hat es nicht anders gelernt, das wird ihm niemand zur Last legen. Aber Petunia und Vernon Dursley sind wirklich grausam mit dem Kleinen umgegangen. Ich hätte doch eher nach ihm sehen müssen, aber da ich wusste, dass die Todesser mich beschatteten, wollte ich sie nicht zu ihm führen. Amelia Bones, die Leiterin der Strafverfolgung, hat sie persönlich verhört. Sie sind der Meinung, dass sie richtig gehandelt haben, denn Magie ist ihrer Meinung nach wider die Natur des Menschen, und sie wollten ihn von dieser Last befreien. Ihre Meinung, nicht meine.“, berichtete Dumbledore in kurzen Worten. „Ihr werdet wahrscheinlich trotzdem aussagen müssen, der Prozess muss wasserdicht sein, damit sie nicht vorzeitig rauskommen. Ich würde dem Kleinen das gerne ersparen, aber so, wie er an dir hängt, Remus, wird er wohl mitgehen müssen, denn sie werden es beschleunigen, wollen den Prozess schon sehr bald, also in den nächsten Wochen, beginnen lassen. Beweise haben sie im Haus genug gefunden, aber wenn ihr Harry zu euch nehmen wollt, dann ist es unbedingt erforderlich, dass ihr aussagt.“
„Wir werden ihn zu uns nehmen.“, bestätigte Severus, was ihm einen überraschten Blick von Remus einbrachte. „Er soll nicht leiden, hat es verdient, eine Kindheit zu haben. Natürlich gibt es viele Zauberer und Hexen, die ihn adoptieren würden, aber wie herausfinden, wer es ehrlich meint und wer ihn nur nimmt, weil er der Junge-der-lebt ist?“
„Das ist bei dir natürlich sichergestellt.“, gluckste der Direktor, wurde dann aber wieder ernst. „Poppy hat mir gesagt, dass er noch eine ganze Weile brauchen wird, um den Entwicklungsstand seines Alters zu erreichen. Auf euch wartet eine Menge Arbeit.“
„Du weißt, ich bin qualifiziert dafür.“, entgegnete Severus fest.
„Natürlich, das wollte ich auch nicht in Frage stellen.“, ruderte Albus zurück. „Schlaft euch aus, damit ihr zum Prozess fit seid. Ihr bekommt eine Vorladung.“
Severus nickte. „Was ist mit den Nachbarn? Wussten sie von Harry? Haben sie zugelassen, dass er misshandelt wurde?“
„Sie wussten, dass der Junge nur im Haus ist.“, erklärte der Ältere. „Allerdings haben sie es nicht weiter verwunderlich gefunden, da ihnen erklärt wurde, Harry hätte eine schwere Sonnenallergie und könne daher tagsüber nicht nach draußen, und in dem Alter kann man ein Kind auch nachts nicht nach draußen schicken. Was im Haus passierte, hat wohl niemand bemerkt, die Auroren haben nachgeforscht. Und die Küchentür geht so nach hinten auf, dass keiner direkte Sicht darauf hat. Die Dursleys haben alles dafür getan, dass niemand etwas bemerkt und haben sich erstaunlich schlau verhalten, was das betrifft. Leider. Ich habe eine Bekannte in der Nachbarschaft, auch sie hat nie Verdacht geschöpft. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes, dass sie sich so gut um den Neffen kümmern, der gesundheitlich stark eingeschränkt ist.“
Remus' Augen wurden immer gelber, je länger er zuhörte. Nur das kleine Bündel Mensch auf seinem Schoß hielt ihn zurück. „Sie werden bestraft.“, versprach ihm Severus, der ebenfalls sehr angestrengt war, um ruhig zu bleiben.
Der Direktor verabschiedete sich und winkte ab, als Severus ihn nach draußen begleiten wollte. Die Beiden sollten nun Ruhe haben, sie hatten dem Jungen einen großen Gefallen getan und brauchten Zeit, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Damals, als James und Lily getötet worden waren, hatte er nicht geglaubt, dass die Beiden sich erholen würden. Er hatte alles in seiner Macht stehende getan, um Severus vor dem Alkoholismus zu bewahren, aber er war machtlos gewesen. Bei Remus hatte er noch weniger Einfluss gehabt, und doch hatten gerade die Beiden, von denen man es am Wenigsten erwartet hatte, zueinander gefunden und sich gegenseitig aus ihrer Trauer geholt. Danach hatte es ihn nicht mehr überrascht, dass sie ein Paar wurden. Sie ergänzten sich perfekt und hatten selten Streit, was gerade bei ihrer Vergangenheit unglaublich erschien. Und jetzt wollten sie mit Harry eine Familie gründen. Albus schmunzelte, das war das Beste, was Harry passieren konnte. Der Prozess würde ihnen sicher Einiges abverlangen, aber wenn sie sich gegenseitig stützten, wie sie es die letzten vier Jahre getan hatten, dann würden sie es schaffen.

Harry schlief – nach einem kurzen Abendessen – die ganze Nacht ruhig und friedlich, so lange er in Remus' Armen lag, aber als der Werwolf am Morgen aufstand, weil er dringend ins Bad musste, fuhr er wimmernd hoch. Severus sprach beruhigend auf ihn ein und es schien, als würde er mit der Zeit tatsächlich ruhiger. Sie mussten sich dringend etwas einfallen lassen, damit auch Remus einmal ein paar Minuten für sich hatte. Spätestens zum nächsten Vollmond musste Harry erneut eine ganze Nacht auf ihn verzichten. Doch in den nächsten beiden Wochen ergab sich kaum eine Veränderung. Harry blieb fast ständig in Kontakt mit Remus, ließ diesen nicht einmal fünf Minuten alleine ins Bad gehen. Beim Duschen nahm er den Kleinen daher einfach mit, aber alles Andere war schon recht umständlich. Er akzeptierte nach und nach die Berührungen von Severus, zuckte nicht mehr ständig zurück, aber der Tränkemeister litt stark darunter, dass er sein Versprechen Lily gegenüber so sehr gebrochen hatte. Außerdem hatten sie keinen Moment für sich, was sich auf ihre Beziehung nicht gerade positiv auswirkte. Remus liebte den Jungen, seinen Welpen, sehr, aber es machte ihm zu schaffen, dass er ihn ständig mitnehmen musste. Kochte Remus, saß Harry auf der Arbeitsplatte und wimmerte, sobald der Werwolf sich weiter als einen Meter von ihm entfernte. War er außer Sicht, flossen die Tränen, wenn er auch keinen Ton von sich gab.
Als der Tränkemeister mal wieder mit dem Kleinen im Arm darauf wartete, dass sein Partner am Morgen aus dem Bad wiederkam und der Junge tränenüberströmt einen flehenden Blick nach dem anderen in Richtung Tür warf, fasste er einen Entschluss. Severus nahm sich vor, mit Remus zu reden, sodass sie den Kleinen langsam daran gewöhnen konnten, nicht nur Remus zu vertrauen. Der Tränkemeister streichelte den Rücken des Kleinen, während er weiter leise auf ihn einsprach. Er versprach ihm, dass Remus in ein paar Minuten kommen würde, wenn er im Bad fertig war. Daraufhin hob Harry seinen Kopf und blickte erwartungsvoll und ein wenig hoffend auf die Tür, bis Remus auftauchte. Erleichterung war fühlbar, als der Werwolf den Jungen in seine Arme nahm. Er brachte auch ihn ins Bad, dass er sich erleichtern und anziehen konnte. Noch immer hatte er nur die Kleidung, in der er ihn gefunden hatte und den Schlafanzug von Poppy. Sie sollten dringend einkaufen mit ihm gehen, aber ob er das durchstand? Doch es half nichts, ohne seine Maße traute sich Severus nicht zu, etwas Passendes zu kaufen.
„Wir sollten ihm Kleidung kaufen.“, schlug er daher beim Frühstück vor. „Harry?“ Er wartete, bis der Junge ihn ansah. Bei dem Namen reagierte er nur sehr verzögert, als müsste er erst darüber nachdenken, wer denn nun gemeint sei. „Du brauchst ordentliche Kleidung. Wir werden heute mit dir einkaufen gehen. Du kannst fast die ganze Zeit auf Remus' Arm bleiben, aber es werden viele Leute dort sein. Wir beide werden dich nicht aus den Augen lassen, aber du musst mir versprechen, dass du sagst, wenn es dir zu viel wird.“
Zögernd nickte Harry, auch wenn klar war, dass er sich wohl eher nicht melden würde. Der Junge hatte viel zu viel Angst, doch noch bestraft zu werden. Oder Schlimmeres, wer wusste schon, was er alles erlebt hatte in den letzten fast vier Jahren. So sehr, wie Harry klammerte, hatte Severus es noch nicht erlebt, obwohl er schon seit Jahren mit traumatisierten Jugendlichen arbeitete. Mit kleineren Kindern hatte er wenig Erfahrung, die kamen nicht nach Hogwarts.

Knapp zwei Stunden später reisten sie per Flohnetzwerk in den tropfenden Kessel, wo sie erstaunt gemustert wurden, aber dank Severus' eisiger Blicke ihre Ruhe hatten. Schnell gingen sie in den Hinterhof und Severus öffnete den Zugang zur Winkelgasse. Harry hatte sich verängstigt in Remus' Umhang verkrochen, blickte aber ab und zu kurz nach draußen, als wolle er sich versichern, dass er nicht alleine war. Remus hatte den Arm fest um ihn geschlungen, Severus ging an seiner Seite und hielt Harrys Hand fest. Immer wieder folgten ihnen Blicke, die von gerührt bis angewidert gingen, was die Beiden aber nicht kümmerte. Sie beeilten sich, in einen Kleiderladen zu kommen. Madame Malkins hatte nicht das Richtige für Kinder in Harrys Alter, daher gingen sie daran vorbei und ein paar Häuser weiter in ‚Bentons Zauberkleidung‘. So schlicht wie der Name war auch die Auswahl, aber sie hatten auch Kinderkleidung und der Verkäufer schien genau zu wissen, was er tat. Er blickte Harry abschätzend an und suchte dann eine ganze Menge Hosen, T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Pullover, Schuhe und Jacken heraus, die ihm fast alle auf Anhieb passten.
Mit vollen Taschen verließen sie den Laden schließlich wieder und Remus setzte Harry auf den Boden, er sollte zumindest ein wenig laufen, auch wenn er sich nicht überanstrengen durfte. Severus verschwand Richtung Apotheke, er brauchte eine Menge neuer Trankzutaten, während Remus und Harry in die Schaufenster sahen. Sie trafen auf Molly Weasley, die mit ihren beiden Jüngsten auch unterwegs war.
„Hallo, Remus!“, begrüßte sie den Werwolf. „Und das muss Harry sein. Hallo, kleiner Mann.“ Sie lächelte Beide freundlich an, aber Harry versteckte sich hinter Remus, wickelte sich in dessen Umhang ein. Der Dunkelblonde nahm ihn auf den Arm, als er die Unsicherheit des Kleinen spürte. Die neugierigen Blicke der beiden Kinder an Mollys Händen schienen ihn zu verunsichern, aber auch Remus wurde genau gemustert. Die Kinder kannten ihn nicht, er wusste die Namen nur, weil Molly und Arthur im Orden öfter von ihnen erzählt hatten, auch wenn sie sich in den letzten Jahren nicht getroffen hatten. Das letzte Mal ein Jahr nach dem Tod der Potters, daher wusste Molly auch von der Beziehung zwischen Severus und ihm.
„Hallo Molly.“, erwiderte Remus die Begrüßung. „Ja, das ist Harry. Hab keine Angst, Harry, das ist Molly mit Ronald, genannt Ron und Ginevra, genannt Ginny. Hallo ihr Zwei!“
„Ist Harry nicht in etwa so alt wie Ron? Er wirkt so viel jünger als Ginny.“, überlegte Molly, als sie einen Blick auf den Schwarzhaarigen erhaschte.
„Er ist misshandelt worden und unterernährt. Severus hofft, dass er es bis Hogwarts nachholt.“, erklärte Remus. „Woher wisst ihr …?“
„Albus war bei uns, er brauchte Arthur, damit sie bei der Verhaftung dieser Muggel keine unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.“, wusste die Rothaarige. „Braucht ihr Hilfe? Wenn etwas ist, dann meldet euch ruhig.“
„Im Moment geht es. Harry braucht viel Zeit und Geduld, um Vertrauen zu fassen. Er klammert extrem, aber das ist kein Wunder, nach dem, was er erlebt hat. Severus kümmert sich und ein wenig Vertrauen hat Harry auch zu ihm.“, entgegnete Remus.
„Meldet euch gerne, wenn ihr was braucht. Oder wenn er Kontakt zu Gleichaltrigen braucht.“, bot Molly nochmal an.
„Danke, Molly. Wenn er so weit ist, dann sehen wir weiter.“, lächelte Remus. „Ich werde nun noch zum Süßwarenladen mit ihm gehen, das kennt er wahrscheinlich nicht! Wiedersehen Molly, Wiedersehen Ginny, Wiedersehen Ron!“
Auch die Rothaarigen verabschiedeten sich nun und sie gingen auseinander. Remus setzte Harry wieder auf den Boden und nahm ihn an die Hand. Der Weg zum Süßwarenladen war nicht weit und Harry brauchte ein wenig Bewegung. Dennoch spürte er, wie unsicher der Kleine war und wie fest er sich an die Hand klammerte. Nur wenige Minuten später betraten sie den Laden und beinahe eine andere Welt. Staunend stand der Fünfjährige im Eingang und rührte sich erst einmal nicht von der Stelle. Er war so beschäftigt damit, alles in sich aufzunehmen, dass er nicht in der Lage dazu war, sich zu bewegen. Da hüpften Schokofrösche in einem Regal hin und her, Zuckerspinnen baumelten von Karamellfäden, Brauseraupen krabbelten in einer Bonboniere, Schnatz-förmige Kugeln aus goldgefärbtem Marzipan flatterten über ihren Köpfen und in manchen Ecken zischte und dampfte es.
„Möchtest du dir etwas aussuchen, Harry?“, fragte Remus, bekam jedoch keine Antwort.
Harry war dermaßen überwältigt, dass er nicht einmal registrierte, was er gefragt wurde. Seine Augen waren beschäftigt damit, alles aufzunehmen, die bunten Farben, die ungewohnten Formen und die Bewegung. Dabei hatte Remus doch gesagt, sie gingen in einen Süßigkeiten-Laden? Er verstand nicht, warum das so anders war als alles, was er kannte. Auch wenn er nie Süßigkeiten bekommen hatte, so war er doch mit in manchen Läden gewesen, wo es Süßes gab, aber das hatte sich nie bewegt und war auch nicht so bunt und so viel gewesen. Dudley würde sich bestimmt mit allem vollstopfen, Bauchweh bekommen und so lange jammern, bis Harry bestraft wurde. Remus erkannte, dass er von dem Jungen wohl keine Antwort bekommen würde, und begann einfach damit, verschiedene Dinge in einen Korb zu legen, damit Harry eine große Auswahl bekam. Für sich selbst nahm er Schokolade mit. Einen Lutscher gab er dem Kleinen schon einmal, als sie den Laden schließlich wieder verließen. Mit großen Augen starrte Harry die Süßigkeit ehrfürchtig an und traute sich nicht, ihn in den Mund zu nehmen.
„Na komm, Harry!“, lächelte Remus. „Gehen wir Severus suchen.“ Er griff wieder nach Harrys Hand und sie traten zurück auf die Straße. Inzwischen war deutlich mehr los als zuvor, es schien, als wären die Schulbriefe verschickt worden, denn eine Menge Jugendlicher war mit ihren Eltern unterwegs. Es war immerhin Mitte August, da deckten sich ohnehin viele Schüler für Hogwarts ein. Sie gingen gemächlich in Richtung Apotheke und Remus entschied spontan, noch einen Zwischenstopp im Buchladen zu machen, damit sie etwas hatten, das Harry ansehen oder sie ihm vorlesen konnten. Den Kleinen nahm er dafür wieder auf den Arm, das ging bedeutend schneller und er wollte nicht so lange in dem überfüllten Buchladen stehen. Er griff nach einigen Bilderbüchern und ein Märchenbuch landete ebenfalls in seiner Tasche. Nach nur fünf Minuten hatte er bezahlt und sie gingen wieder nach draußen, wo er Harry einmal mehr auf den Boden stellte, da er seine Tasche verkleinern und erleichtern wollte.
Plötzlich passierte es, eine ganze Gruppe Jugendlicher stürmte um die Ecke und sie waren auf einmal überall. Sie unterhielten sich lautstark und rangelten immer wieder miteinander. Remus und Harry wurden voneinander getrennt. Der Werwolf ahnte, dass der Fünfjährige Panik bekommen würde und bahnte sich recht rabiat seinen Weg durch die Schüler. Doch Harry war weg, er stand nicht mehr da, wo er eben noch gewesen sein musste.
„Harry?“, rief Remus fragend. Keine Antwort. „Halt!“, rief er zu den Jugendlichen hin. „Wartet bitte einen Moment. Habt ihr einen kleinen, schwarzhaarigen Jungen gesehen? Er stand eben noch hier.“
„Nein.“, kam es von mehreren, doch eine junge Frau deutete auf eine kleine Nebengasse. „Er ist in diese Richtung gelaufen, glaube ich.“
Remus bedankte sich knapp und rannte in die angegebene Richtung. Harry war sowieso schon total verängstigt, und jetzt waren sie auch noch getrennt worden, das half dem Jungen sicher nicht dabei, Vertrauen zu fassen. Der Werwolf verfluchte sich selbst, er hätte ihn niemals loslassen dürfen. Aber das konnte er jetzt nicht mehr ändern, er musste sehen, dass er den Kleinen fand und ihm helfen. Die Gasse, die er nun betrat, war duster, er konnte nicht besonders viel sehen. Harry schien sich im Dunklen sicherer zu fühlen, daher war eigentlich klar, dass er dorthin flüchtete, wo es finster war. Er schärfte seine Sinne, indem er den inneren Wolf an die Oberfläche holte. Dann folgte er seiner Nase und fand schnell den Geruch seines Welpen. Weit war der Kleine nicht gekommen, aber Remus wusste, er musste nun vorsichtig vorgehen.

Harry hatte Panik bekommen, als die vielen Jugendlichen auf einmal aufgetaucht waren und ihn von Remus trennten. Zu oft schon war er alleine gelassen worden und hatte dann sehen müssen, wie er mitten in der Nacht wieder nach Hause kam. Aber er wusste gar nicht, wo Severus und Remus wohnten, wusste noch nicht einmal, wie sie mit Nachnamen hießen. Waren die Beiden verheiratet, so wie seine Tante und sein Onkel? Harry wusste es nicht, es gab so viel, was er nicht wusste, und es machte ihm Angst. Er konnte die Situation nicht abschätzen, würde Remus nach ihm suchen oder aber ihn alleine lassen, weil er schon wieder nicht gefolgt hatte? Er hätte stehen bleiben müssen, aber das war nicht möglich gewesen, weil die Großen ihn so geschubst hatten. Also war er weggelaufen, hatte sich in die vermeintliche Sicherheit geflüchtet. In dieser kleinen Gasse war es dunkel und ruhig, keiner war da, der ihn bedrängte. Harry merkte nicht einmal, wie ihm Tränen über die Wangen strömten vor lauter Angst. War er wieder allein? Würde Remus mit ihm schimpfen, wenn er ihn fand, weil er sich versteckt hatte? Er zwängte sich in einen kleinen Spalt zwischen zwei Mauern und machte sich klein, schloss die Augen. Manchmal war es einfacher, die Realität auszublenden und sich vorzustellen, dass es besser war.
Jetzt träumte Harry davon, dass Remus wiederkommen würde, ihn suchte und sich freute, ihn zu finden. Dass er ruhig und freundlich mit ihm redete und ihn dann in den Arm nahm, damit die Angst verschwinden würde. Dieser Traum gefiel ihm, denn er fühlte sich so echt an. Sogar die Stimme, die zu ihm sprach, klang wie Remus. „Harry, komm her. Hab keine Angst. Es tut mir leid, ich hätte dich nicht loslassen sollen. Aber ich bin jetzt da, komm her zu mir.“, sprach die Stimme so sanft, wie er es nur kannte, wenn Tante mit Dudley sprach.
Ein kleines, zögerliches Lächeln breitete sich auf Harrys Gesicht aus, während die Augen geschlossen blieben. Diesen Traum wollte er genießen. Auf keinen Fall durfte er nun die Augen aufmachen, sonst wäre Remus sicher verschwunden. Die Stimme sprach weiter so sanft und ruhig zu ihm, kam dabei immer näher. Als er eine Berührung spürte, riss er die Augen erschrocken auf. Es war kein Traum! Remus war wirklich da und schloss ihn nun in die Arme! Harry konnte nicht anders, er schmiegte sich in die Umarmung, klammerte sich an dem weichen Umhang fest. „Nicht weggehen.“, wimmerte er leise.
„Nein, Welpe. Ich gehe nicht weg.“, versprach Remus. „Ich will dich bei mir haben, weil ich dich lieb habe. Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, was ‚Welpe‘ bedeutet?“
„Wie Kind von dir.“, wisperte Harry.
„Genau, mein Kleiner. Du bist für mich wie mein Kind und wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich dich schon viel eher zu mir genommen. Deine Eltern waren meine Freunde und als du ein Baby warst, war ich wie ein Pate für dich.“, versicherte Remus. „Komm, gehen wir Severus suchen, der wartet sicher schon auf uns.“ Remus richtete sich mit Harry im Arm auf und ging zurück in die Zauberstraße, zügig in Richtung Apotheke.

Dort stand Severus, der einen genervten Eindruck machte, aber als er Remus mit dem verweint aussehenden Harry im Arm entdeckte, wurden seine Züge ein wenig weicher. „Was ist passiert?“, wollte er wissen.
„Ein paar Jugendliche kamen ein wenig schwungvoll um die Ecke und wir wurden getrennt.“, berichtete der Werwolf. „Harry hat Panik bekommen und ist weggelaufen, aber ich habe ihn gefunden und ich denke, er hat nun zumindest ein wenig Vertrauen, dass ich ihn nicht einfach wieder weggebe.“
„Remus sagt, er Harry lieb.“, kam es leise von dem Jungen.
„Ja, das habe ich, und ich werde es dir immer wieder sagen, weil es stimmt.“, stupste der Dunkelblonde an die kleine Nase, bevor er sich an Severus wandte. „Hast du alles bekommen?“
„Ja. Sobald wir zuhause sind, kann ich den Trank beginnen, der Harrys Sehschwäche beheben wird.“, versprach er. „Wo hast du denn den Lutscher her, Harry?“
„Remus kauft.“, nuschelte der Grünäugige, während er den Lolli im Mund drehte, um die verschiedenen Geschmäcker zu bekommen. Bei seiner Flucht hatte er ihn eisern festgehalten, aber erst, als er wieder in den sicheren Armen des Werwolfes war, hatte er angefangen, ihn zu lutschen.
„Besorgen wir uns noch schnell Pizza und nehmen sie mit nach Hause?“, überlegte Severus. „Magst du Pizza, Harry?“
Unsicher sah der Kleine den Tränkemeister an. Zwar kannte er das Wort ‚Pizza‘, aber er wusste nicht genau, was es bedeutete. Es war etwas zum Essen, aber er hatte keine Ahnung, ob es gut war. Allerdings hatte Harry Angst davor, was passieren könnte, wenn er auf eine Frage nicht antwortete, also nickte er schließlich.
Severus sah die Unsicherheit des Fünfjährigen, daher ging er auf die Antwort nicht weiter ein, sondern entschied nach einem Blickwechsel mit seinem Partner, dass sie es so machen würden. Sie verließen die Winkelgasse durch den ‚Tropfenden Kessel‘ und gingen ein Stück die Straße runter, wo Severus eine gute Pizzeria kannte. Dort nahm er drei verschieden belegte Pizzen mit und sie apparierten nach Hause, nachdem Remus den Kleinen gewarnt hatte. „Harry, halt dich ganz fest an mir und mach am Besten die Augen zu. Du wirst einen Moment das Gefühl haben, keine Luft mehr zu bekommen, aber das hört schnell wieder auf. Hol nochmal tief Luft und dann geht es los.“
Erst, als er merkte, dass Harry seinen Anweisungen Folge leistete, disapparierte er mit dem Jungen, bis sie einen Moment später im Garten von Spinners End wieder auftauchten. „Alles in Ordnung, Harry?“, wollte Remus sofort wissen.
Harry war zwar ziemlich verwirrt, aber er hatte nicht das Gefühl, dass irgendwas Schlimmes passiert wäre, nur unangenehm war es gewesen, also nickte er, klammerte sich aber dennoch sicherheitshalber an Remus fest.
„Keine Angst, Harry, das ist in Ordnung. Am Anfang ist es oft irritierend, wenn man appariert, aber das ist der schnellste Weg von einem Ort zum Anderen. Du wirst dich sicher daran gewöhnen.“
Was, das sollte er öfter durchmachen? Keine Luft bekommen, das Gefühl, in einen engen Schlauch gepresst zu werden? Nein, das würde Harry sicher nie gefallen. Die Aussicht darauf, dass er das noch öfter mitmachen musste, ließ ihn schaudern.
„Kommt, Essen.“, mahnte Severus nun und sie gingen ins Haus.

Harry betrachtete die Pizza ein wenig verwirrt, so etwas kannte er nicht. Überhaupt hatte er das Essen, das er bei Severus und Remus bisher bekommen hatte, nicht gekannt. Bei seinen Verwandten hatte er nur Reste bekommen, matschiges Obst und Gemüse, das für die Dursleys nicht mehr gut genug gewesen war, oder Brot, das zumeist schon hart war. Severus schmunzelte kurz, reichte ihm ein Stück einer einfachen Schinken-Käse-Pizza und zeigte ihm, wie er es halten musste, damit er es essen konnte. Vorsichtig nahm er den ersten Bissen. Es schmeckte richtig gut und mit deutlich mehr Enthusiasmus aß er das ganze Stück. Als er alles gegessen hatte, beäugte er die anderen beiden Pizzen, konnte sich aber nicht dazu überwinden, nach einem weiteren Stück zu fragen.
Severus erkannte es schnell und reichte ihm ein weiteres Stück, diesmal zusätzlich mit Champignons und Oliven, froh darüber, dass der Junge mit Appetit aß. Zwar wich er immer noch nicht von Remus' Seite, saß auch jetzt wieder zum Essen auf seinem Schoß, aber er wirkte dennoch ein wenig sicherer. Doch auch, wenn er nun für seine Verhältnisse gut aß, so war es doch zu wenig und er musste ihm noch Nährtränke geben. Das würde noch eine ganze Weile nötig sein. Nach dem dritten Stück Pizza konnte man sehen, dass Harry müde wurde, er lehnte sich zurück und die Augen fielen ihm zu. Remus schob ihn in seinem Arm zurecht, sodass er weiteressen konnte.
Nach dem Essen zauberte Severus die Reste in die Küche und ging dann in sein Labor. Er würde nun den Trank für Harry aufsetzen, damit seine Sehschwäche behoben würde. Das gab ihm sicherlich auch ein Stückchen mehr Sicherheit, wenn er seine Umgebung scharf sah. Außerdem musste er die Nährtränke wieder auffüllen, viel davon war nicht mehr vorrätig. Etwa zwei Stunden später waren die Nährtränke fertig und abgefüllt, der zweite Trank für Harry brauchte noch eine Weile, die nächste Zutat lag schon bereit zum Schneiden. Gerade als Severus anfing mit dem Schneiden, tauchten Remus und Harry auf, die sich an die Seite stellten und ihm zusahen.
„Harry, trinkst du bitte diesen Trank?“, deutete Severus auf eine Phiole von dem Nährtrank, die er bereitgestellt hatte.
Brav schluckte der Junge, als ihm Remus die Phiole an die Lippen hielt. Er verzog das Gesicht, aber er spuckte es nicht aus.
„Gut gemacht, mein Kleiner.“, lobte der Tränkemeister. „Ich weiß, das schmeckt nicht besonders, aber es ist nötig, damit du gesund wirst. Wir wollen, dass es dir gut geht.“
Schüchtern lächelte Harry den Schwarzhaarigen an, versteckte sich aber gleichzeitig halb in den Roben von Remus. Severus freute dieses kleine Lächeln sehr, es zeigte ihm, dass der Kleine langsam sicher wurde. Und das nach so kurzer Zeit schon. Aber das war sicher erst der Anfang, es würde wohl noch hart werden. Vor allem die Vollmondnacht in knapp zwei Wochen machte ihm Sorgen. Der Kleine hing an Remus und hatte bisher nur zu ihm Vertrauen gefasst, wenn er nun eine Nacht ohne den Dunkelblonden verbringen musste, dann könnte es ihn wieder weit zurückwerfen. Und Remus musste vor dem Zaubergamot aussagen, da konnte er Harry auch nicht mit hineinnehmen, der Kleine sollte seinen Verwandten nicht nochmal gegenüberstehen müssen. Sie konnten nur hoffen, dass sie es bis dahin schafften, Harrys Vertrauen soweit aufzubauen, dass er auch bei dem Tränkemeister blieb.

Eine Woche später war nicht viel passiert, die Fortschritte der ersten beiden Wochen hatten sie mehr erwarten lassen. Noch immer sprach Harry nur das Notwendigste, und dann immer sehr leise und mit gesenktem Blick. Er klammerte sich weiterhin an Remus, der kaum alleine ins Bad gehen konnte. Nachts schlief er bei ihnen im Bett, und wenn der Werwolf nicht da war, dann wartete er voller Angst darauf, dass er zurückkam. Allerdings schreckte er nicht mehr zurück, wenn Severus ihn anfasste. Wenn jedoch Poppy kam, zuckte er zusammen und verkroch sich bei Remus. Die Heilerin schien ihm Angst zu machen. Auch Albus machte Harry panisch, so sehr, dass Remus mit ihm das Zimmer verlassen musste, wenn der Schulleiter zu Besuch kam. Der Trank, der die Sehschwäche beheben sollte, war fast fertig, was auch gut war, denn Harry weigerte sich, die Brille von Poppy aufzusetzen. Sie hatten nicht herausgefunden, woran es lag, aber das war hoffentlich nun vorbei, wenn der Trank ihm half. Nicht einmal Remus hatte sie ihm aufsetzen dürfen.
Nach dem Mittagessen hielt Harry seinen üblichen Mittagschlaf – noch immer in Remus' Armen – und Severus ging ins Labor, um den Trank fertigzustellen. Poppy wollte dabei sein, wenn der Fünfjährige den Trank nahm, um sicherzugehen, dass nichts passierte. Die Heilerin klopfte an die Tür, als Severus gerade die letzte Zutat in den köchelnden Trank gab und sie sahen zu, wie er von schlammig braun zu einem leuchtenden gelb wechselte.
„Fertig.“, kommentierte Severus zufrieden. „Noch eine halbe Stunde abkühlen, dann kann Harry trinken. Bis dahin müsste er wach sein.“
„Wie klappt es mit ihm?“, erkundigte sich Poppy.
„Gut, so lange wir mit ihm alleine sind.“, gab Severus zurück. „Allerdings hat er immer noch panische Angst davor, allein gelassen zu werden. Und ich denke, er kann immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr geschlagen wird. Wahrscheinlich glaubt er, immer noch zu träumen.“
„Er wird es sicher irgendwann verstehen.“, lächelte die Heilerin. „Ihr tut ihm gut.“
„Es macht Remus glücklich, ihn bei sich zu haben, auch wenn er sicher nicht mit so einer Anhänglichkeit gerechnet hat.“, gestand Severus.
„Wer hätte schon geglaubt, dass es einem Kind hier bei uns so schlecht geht.“, überlegte Poppy. „Und ich dachte, ich hätte schon viel gesehen, aber das hier macht mich noch immer sprachlos.“
„Remus muss morgen ins Ministerium.“, erzählte Severus nach einer Weile, die sie schweigend und nachdenklich verbrachten. „Ich fürchte, der Kleine wird mitkommen müssen, denn ich kann nicht mit ihm zuhause bleiben, auch ich soll aussagen. Immerhin habe ich die erste Behandlung durchgeführt und bin qualifiziert, eine Einschätzung seiner Psyche abzugeben.“
„Ich bin auch vorgeladen.“, informierte die Heilerin.
„Hoffen wir, Harry übersteht es gut.“, seufzte Severus. „Ich will nicht noch einmal von vorne anfangen mit ihm. Jetzt, wo er endlich gelernt hat, auf seinen Namen zu reagieren, vernünftig isst und nicht mehr bei jedem Geräusch zusammenzuckt.“
„Bereust du es, ihn hierbehalten zu haben?“, wollte Poppy wissen.
„Nein.“, kam es sofort und fest von Severus. Man konnte hören, dass es ehrlich war. „Auch wenn ich seinen Vater immer gehasst habe, aber er ist ein Kind, und so eine Behandlung hätte ich nicht einmal Potter senior gewünscht.“
„Natürlich nicht.“, murmelte die Heilerin.
Severus schluckte einen bösen Kommentar, als Remus und Harry in der Tür auftauchten. Die schwarzen Haare des Kindes standen noch wirrer ab als sonst. Der Kleine musste dringend wieder in die Badewanne, wie es aussah. Vielleicht wäre auch ein Friseurbesuch ratsam, aber bis er das durchstand, musste Harry erst einmal noch deutlich sicherer werden. Severus nahm sich vor, einen Zauber zu finden, mit dem er die Haare des Kleinen kürzen konnte.
„Na, Harry. Ausgeschlafen?“, erkundigte sich der Tränkemeister. Harry nickte schlaftrunken, was Severus schmunzeln ließ. „Ich habe hier einen neuen Trank für dich. Der soll dir helfen, besser zu sehen. Wahrscheinlich schmeckt er auch nicht so toll, aber trinkst du das bitte trotzdem aus?“
Der Tränkemeister reichte Harry einen Becher mit dem Trank. Zögerlich griff der Kleine danach und rümpfte die Nase, trank dann aber zügig aus. Er wusste, er musste es sowieso trinken, also besser gleich alles hinter sich bringen, das war Harrys Devise. Am Ende konnte er nicht verhindern, dass sein Körper sich schüttelte, weil es so bitter schmeckte.
„Hier, trink das nach, das macht den Geschmack weg.“, gab ihm Severus noch eine Tasse, aus der es ein wenig dampfte. Tee mit Honig, wenn seine Nase ihn nicht täuschte. Harry trank auch das in kleinen Schlucken und merkte schnell, dass es den Geschmack wirklich vertrieb.
„Gut gemacht, Welpe!“, grinste Remus ihn an und ließ zu, dass sich Harry an ihn schmiegte. „Was meinst du, gehen wir ein bisschen in den Garten?“, wollte er dann wissen.
Begeistert nickte Harry. Früher hatte er nur ab und zu zum Arbeiten nach draußen gedurft, hier hingegen konnte er spielen. Remus und Severus hatten extra für ihn eine Schaukel in den Garten gemacht. Sie sah aus wie ein Sessel und er konnte mit Remus zusammen darin sitzen. Meistens las Remus ihm dann auch ein Buch vor und Harry genoss diese Zeit besonders. Heute allerdings nahmen sie kein Buch mit, was Harry traurig bemerkte. Remus setzte sich mit ihm in die Schaukel und schließlich kam auch Severus dazu. Mit riesigen Augen sah sich Harry um, offensichtlich das erste Mal, dass er seine Umgebung scharf sah. Alles war so viel klarer und deutlicher und Harry nahm Dinge wahr, die er vorher nie gesehen hätte. Er konnte sich kaum sattsehen an dem Garten, an den vielen Blumen und den Vögeln und Bienen, den Schmetterlingen und Käfern, die herumschwirrten.
„Harry?“, lenkte der Tränkemeister die Aufmerksamkeit des Kleinen auf sich. „Morgen müssen wir in das Ministerium. Dort ist die Verhandlung gegen deine Tante und deinen Onkel. Sie werden bestraft dafür, dich so schlimm behandelt zu haben. Du brauchst keine Angst zu haben, sie können dir nichts tun, aber wir beide, Remus und ich, müssen dahin und da du nicht ohne uns bleibst, müssen wir dich mitnehmen. Denkst du, du schaffst das? Und bitte sei ehrlich.“
Kurz überlegte Harry, dann nickte er. Auch wenn er nicht wirklich sicher war, dass es so leicht wurde, aber wenn er bei Remus bleiben konnte, dann schaffte er das bestimmt. Es machte ihm wahnsinnige Angst, er wollte Onkel und Tante nie wieder sehen. Sicherheitshalber klammerte er sich erneut an Remus, dem er vertraute. Nie würde der Mann, der ihn als seinen Welpen bezeichnete, zulassen, dass ihm etwas passierte. Da war Harry sicher. Bei Severus war er sich auch ziemlich sicher, aber die schwarzen Augen, die er nicht einschätzen konnte, und die verschlossene Mimik irritierten Harry, daher war Severus ein nicht ganz so sicherer Hafen für ihn.
„Na, deine Zuversicht in Merlins Gehörgang.“, seufzte Severus. „Ich glaube es noch nicht so ganz. Möchtest du ein Buch anschauen, Harry?“
Der Junge nickte zaghaft, also zog Severus seinen Zauberstab und rief das Märchenbuch von Beedle dem Barden zu sich, das Remus gekauft hatte. Er würde Harry vorlesen, dadurch entspannte er immer so schön. Wie meistens zuckte der Fünfjährige heftig zusammen, als Severus seinen Zauber wirkte, und der Tränkemeister verfluchte sich innerlich. Er wusste, wie panisch es den Kleinen machte, wenn er mit Zaubern konfrontiert wurde, aber er vergaß es immer mal wieder, weil Zauberei für ihn etwas Selbstverständliches war. Harry jedoch hatte von seinen Verwandten wohl von Anfang an gelernt, dass Magie etwas Widernatürliches sei, und sie hatten versucht, es aus ihm heraus zu prügeln.
„Entschuldige, mein Kleiner.“, wandte sich Severus an Harry. „Zauberei ist nichts Schlimmes, aber manche Menschen, die es nicht können, haben Angst davor und reden es deshalb schlecht. Du wirst sicher auch eines Tages zaubern lernen.“
Ungläubig musterten die grünen Augen ihn daraufhin. Harry konnte es offensichtlich nicht glauben, dass es sein Ernst war. 
„Ich denke sogar, du kannst schon ein bisschen zaubern, wenn auch nicht gezielt.“, riet der Tränkemeister. „Ist um dich herum schon einmal etwas Komisches passiert, das keiner erklären konnte?“
Harry überlegte nicht lange. „Tante hat Haare schnitten, ganz kurz. Nach Schlafen wieder alle Haare da.“, erzählte er leise. „Und einmal Dudley jagt Freak … nein, Harry, und Harry plötzlich Treppe ganz oben.“
„Genau das meine ich.“, nickte Severus. „Das ist deine Magie. Du wirst noch einige Zeit brauchen, um sie richtig zu steuern, aber sie ist in dir drin. Und wenn du etwas ganz besonders willst, dann kann es sein, dass die Magie es jetzt schon möglich macht.“ Aber darüber würden sie sich heute keine Gedanken mehr machen. Er öffnete das Buch und las Harry das Märchen vom hüpfenden Kessel vor. Der Kleine schmiegte sich an den warmen Körper des Werwolfes – irgendwie schien er immer zu frieren – und genoss es, die samtig-warme Stimme zu hören, wie sie ihn in eine andere Welt entführte.
Nach dem Abendessen durfte er wieder baden und Severus wusch ihm ganz vorsichtig die Haare. Noch nie hatte er hier bei den beiden Männern Schaum in die Augen bekommen. Bei seiner Tante hatte es immer fürchterlich in den Augen gebrannt, wenn sie ihn gewaschen hatte, und sie hatte ihn ausgezankt, wenn er danach weinte. Hier durfte er weinen und wurde dann getröstet, so wie es Dudley immer passiert war. Nach dem Baden wurde er in ein warmes, weiches Handtuch gewickelt und sanft abgetrocknet, dann cremte Remus ihn ein und Severus trocknete seine Haare, bevor sie ihm einen kuschligen Schlafanzug mit einem Hasen darauf anzogen. So schöne Sachen wie hier hatte er noch nie gehabt. Und niemand hatte von ihm verlangt, irgendwas dafür zu tun, im Gegenteil, wenn er etwas arbeiten wollte, dann stoppten die Beiden ihn gleich wieder und versicherten, er müsse nicht arbeiten.
In der Nacht klammerte er sich an Remus, hatte immer noch Angst, dass er aus diesem schönen Traum aufwachen könnte und wieder zurück bei Onkel und Tante war. Doch der Mann namens Remus hatte noch nie geschimpft, weil er ihn nicht losließ, sondern streichelte ihn sogar und zog ihn fest in seine Arme. Harry würde es genießen, so lange es ging. Irgendwann war es bestimmt vorbei, wahrscheinlich sogar bald. Erwachsene mochten keine Kinder, die dauernd weinten und nicht das taten, was sie sollten. Aber es war so schön warm bei den beiden Männern im Bett, hier fror er nicht mehr. Bei Onkel und Tante war ihm immer kalt gewesen, tagsüber und vor allem nachts. Nie hatte er so ein weiches, kuschliges Bett gehabt. Oder einen Stoffwolf. Den hatte er von Remus bekommen, der lag auch mit im Bett. Severus hatte allerdings gesagt, der sollte genau da auch bleiben, der Kuschelwolf war nur fürs Bett.
„Guten Morgen, Welpe. Aufwachen, das Frühstück ist fertig!“, weckte ihn am anderen Morgen Remus' Stimme. Der Dunkelblonde hob Harry aus dem Bett und brachte ihn in die Küche, wo Severus das Frühstück hergerichtet hatte. Wie immer blieb Harry auf Remus' Schoß zum Essen. Dort fühlte er sich einfach sicherer, und der Werwolf hatte nichts dagegen. Ausnahmsweise gingen sie erst nach dem Frühstück ins Bad, wo Remus sich schnell duschte, während Harry auf der Toilette saß. Dann putzten sie ihre Zähne und zogen sich an. Heute hatte Severus dem Kleinen ein hellblaues Hemd und eine dunkle Stoffhose herausgesucht, damit er dem Anlass entsprechend gekleidet war. Auch wenn Harry nicht in den Gerichtssaal sollte, so waren sie doch in der Öffentlichkeit unterwegs. Bei den Knöpfen brauchte Harry Hilfe, aber dann war er schnell fertig und sie machten sich auf den Weg. Severus hatte sein bestes schwarzes Hemd und eine ebenfalls schwarze Stoffhose an, aber seine Roben blieben im Schrank. Selbst Remus hatte heute eine dunkle Stoffhose und ein weißes Hemd an, obwohl er sonst Jeans und T-Shirt bevorzugte. Wieder apparierten sie, aber Remus hielt ihn dabei ganz fest und wenn er die Augen schloss und die Luft anhielt, war es nicht ganz so schlimm für Harry.
Es waren bereits viele Menschen im Ministerium unterwegs, daher verkroch sich Harry wieder einmal in Remus' Umhang. Der Werwolf hatte einen nagelneuen Umhang angezogen, ebenso wie Severus. Um auf Dauer die Pflege von Harry zu bekommen, mussten sie einen guten Eindruck machen. Auch wenn es heute nicht darum ging, aber die Mitglieder des Zaubergamot trafen in beiden Fällen die Entscheidung. Sie setzten sich vor den Versammlungssaal, wo die Verhandlung stattfinden sollte, und warteten. Remus würde als Erster aufgerufen werden, hatten sie erfahren. Nach seiner Aussage war eine Pause angesetzt, danach durfte er dann mit Harry draußen bleiben und Severus musste seine Aussage machen. Auch, wenn man die Unsicherheit bei Harry deutlich spürte, als Remus in den Saal gerufen wurde, blieb er brav bei Severus auf dem Schoß sitzen. Die meisten Menschen ignorierten sie oder grüßten nur kurz, da konnte Harry sich verstecken.
Remus hingegen erzählte dem Zaubergamot, was er im Ligusterweg gesehen hatte, legte dar, warum er eingegriffen hatte und was genau dann passiert war. Anschließend beantwortete er eine Menge Fragen, vor allem darüber, wie es Harry nun ging. Am Ende war er fast ein wenig heiser und freute sich auf eine heiße Tasse Tee und ein Stück Schokoladenkuchen in der Cafeteria des Ministeriums. Die Dursleys hatten ihn nur verachtend und hasserfüllt angesehen, aber nichts gesagt. Sie schienen noch immer überzeugt davon, dass sie Recht hatten. Unmerklich schüttelte Remus den Kopf, bei den Beiden war alles zu spät.
Als niemand mehr Fragen an den Werwolf hatte, verkündete der Vorsitzende eine einstündige Pause. Mehrere Auroren nahmen die Dursleys in ihre Mitte und führten sie nach draußen. Schneller, als Remus reagieren konnte, waren sie durch genau die Tür verschwunden, hinter der Severus mit Harry wartete. ‚Wenn das mal gut geht!‘, hoffte der Werwolf und sprang eilig auf, rannte nach draußen.
Es war schlimmer, als er befürchtete. Severus hielt einen panisch zappelnden, schneeweißen und zitternden Harry im Arm, dessen Augen unnatürlich weit und voller Tränen waren. Eilig trat Remus zu ihnen und griff nach dem Fünfjährigen. Der versteckte sich sofort unter dem dunkelgrünen Umhang und Remus spürte, wie seine Schulter nass wurde. Beruhigend strich er über den Rücken des Jungen und redete leise auf ihn ein. Severus' Augen sprühten Blitze, er war extrem wütend, dass niemand an den Jungen gedacht hatte. Mehrere Mitglieder des Gamot, unter ihnen Albus Dumbledore und Lucius Malfoy, sahen sich das einen Moment an, traten dann auf sie zu.
„Was ist passiert?“, forderten sie zu wissen.
„Irgendwelche Idioten haben diese … diese Missgeburten hier vorbeigeführt, die sich seine Verwandten schimpfen.“, zischte Severus. „Der Junge hat gerade angefangen, ein wenig Vertrauen zu fassen und wir hatten ihm versprochen, dass er sicher ist. Und jetzt haben diese“, er murmelte etwas Unverständliches, „auch noch die Gelegenheit bekommen, ihm zuzurufen, dass sie ihn bald da rausholen und heilen würden!“
Remus' Augen wurden gelblicher, als der Zorn in ihm aufflackerte, doch ein Blick von Severus auf den zitternden Jungen in seinen Armen beruhigte ihn wieder. Harry war jetzt wichtiger, sein Welpe sollte keine Angst haben. Sie wurden in ein ruhiges Büro geführt, wo sie etwas zu Essen und Trinken bekamen. Hier konnten sie auf den Nachmittag warten, wenn die Verhandlung weiterging. Severus ging kurz, kam nach wenigen Minuten zurück und hielt Harry eine Phiole hin.
„Komm, mein Kleiner.“, lockte er ihn. „Bitte trink das, Harry. Hab keine Angst, du bleibst bei uns, du bist sicher. Das haben wir versprochen und wir werden unser Versprechen halten.“
Erst nach mehreren Minuten, in denen Severus weiterhin geduldig auf den Jungen einsprach, schluckte Harry den Inhalt der Phiole und schlief kurz darauf tief und fest.
„Ein Beruhigungstrank.“, erklärte Severus auf den fragenden Blick seines Partners. „Er braucht ein wenig Ruhe, alleine kommt er da nicht raus.“
Remus ließ sich von dem Tränkemeister helfen, seinen Umhang auszuziehen, wickelte seinen Welpen darin ein, damit er nicht mehr frieren musste, dann zog er ihn wieder fest an sich und fuhr fort, über seinen Rücken zu streicheln. Schweigend saßen sie beieinander und tranken Tee. Hunger hatte gerade keiner von ihnen. Kurz bevor die Pause um war und sie zurück zum Verhandlungssaal mussten, kam der Vorsitzende des Gamot in das Büro. „Bleiben sie sitzen.“, winkte er ab, als sie aufstehen wollten. „Wie geht es dem Jungen?“
„Dank eines Beruhigungstrankes schläft er, aber ich habe keine Ahnung, wie weit es ihn zurückwerfen wird.“, antwortete Severus kalt.
„Es tut mir leid, die Auroren sollten sie eigentlich aus der anderen Tür bringen, aber da gab es wohl ein Missverständnis.“, berichtete der Vorsitzende zerknirscht. „Ich habe gehört, sie wollen gemeinsam das Sorgerecht für den Jungen beantragen?“
„Richtig.“, war Severus' knappe Antwort.
„So wie ich sie beide hier erlebt habe und was ich bisher in Erfahrung bringen konnte, werde ich das befürworten. Ich sehe zu, dass wir den Prozess gegen die Dursleys beschleunigen können, denn es ist eindeutig erwiesen, dass sie absichtlich und mit vollem Wissen um die Folgen gehandelt haben. Wenn es klappt, dann können wir im Anschluss gleich darüber entscheiden. Natürlich müssten wir noch sehen, wie der Junge bei ihnen lebt, aber das ist nur ein kleiner Teil. Sie haben eine Menge Fürsprecher, nicht nur Albus Dumbledore und Madam Pomfrey haben sich dafür ausgesprochen, dass der Junge zu ihnen kommt, auch einige meiner Kollegen aus dem Gamot haben ihre Mittagspause damit verbracht, mir zu sagen, dass der Junge schnell bei ihnen beiden zuhause sein sollte.“, schmunzelte der Vorsitzende am Ende. „Bleiben sie hier, Mister Lupin. Ich lasse sie holen, wenn wir so weit sind. Der Kleine muss seine Peiniger nicht noch einmal sehen.“
Ein wenig versöhnt nickte der Tränkmeister und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss auf Harrys Kopf und einem ein wenig intensiveren auf Remus' Lippen von den Beiden, bevor er dem Älteren folgte, der ihn mit in den Versammlungssaal nehmen wollte. Vielleicht war der Vorfall, so schlimm er auch war, doch noch für etwas gut, denn andernfalls hätte sich der Gamot nicht so schnell darum bemüht, die Vormundschaft des Kleinen zu klären. Er hoffte nur, dass es Harry nicht wieder zurückwerfen würde und sie von vorne anfangen müssten mit ihm. Auch, wenn Remus kein Wort darüber verloren hatte, er hatte gespürt, wie sehr es den Werwolf mitnahm, wenn Harry zusammenzuckte, wenn er wieder einmal völlig lautlos weinte oder wenn er panisch flüchtete, sobald ein lautes, unbekanntes Geräusch kam. Und auch, wenn er es selbst nicht zugeben würde, aber ihm ging das ebenso nahe. Noch nie hatte er ein derart traumatisiertes Kind erlebt, nicht einmal die theoretischen Besprechungen in seinen Fortbildungen waren so schrecklich gewesen.

Als sie den Sitzungssaal betraten, riss sich Severus aus seinen Gedanken. Ruhig und beherrscht beantwortete er die Fragen nach dem Zustand ihres Kleinen. Wie ging es ihm am Anfang, wie jetzt? Welche Fortschritte machte er, was unterschied ihn von anderen Kindern und welche Ursachen waren anzunehmen? Gab es Beweise für körperliche Misshandlungen – außer denen, die Remus unterbunden hatte? Es schien Stunden zu dauern, aber Severus wusste, alles was er sagte, würde helfen, das Strafmaß für die Dursleys zu bestimmen. Er war ehrlich, hielt aber seine Meinung dennoch nicht zurück. Gegen späten Nachmittag waren die Mitglieder des Gamot endlich zufrieden und entließen ihn aus dem Zeugenstand. Petunia und Vernon Dursley wurden nach draußen gebracht, die Befragung unter Veritaserum und wahrscheinlich sogar schon das Urteil auf den folgenden Tag verschoben. Eine junge Frau aus dem Gamot ging, nach einer kurzen Unterredung mit dem Vorsitzenden, nach draußen und kam gleich darauf mit Remus und Harry wieder.
Der Kleine war wach und sah verschreckt zu den vielen fremden Menschen hin. Severus ging auf die Beiden zu und sah die Erleichterung in Harrys Gesicht, als er ihn entdeckte. Es schien, als hätte der Junge nun doch ein wenig Vertrauen zu ihm. Sanft strich er über die immer noch vom Schlaf gerötete Wange. „Alles klar, Harry?“, fragte er leise und bekam ein zögerndes Nicken, doch die in Remus' Hemd verkrampfte Hand bewies eher das Gegenteil. „Hab keine Angst, mein Kleiner. Dein Onkel und deine Tante sind nicht hier, sie werden dir nichts tun können. Remus und ich passen auf dich auf.“
Als Antwort schmiegte sich Harry dicht an Remus und griff mit seiner linken Hand – die Rechte hatte er in dem Hemd des Werwolfes – nach Severus. Lächelnd griff der Tränkemeister nach den kleinen Fingern und hielt sie fest in seiner Hand. So wandten sie sich schließlich dem Gamot zu. Severus konnte das Erstaunen und die Verwirrung auf dem Gesicht seines alten Freundes Lucius Malfoy nur zu deutlich erkennen.
„Sie beantragen das Sorgerecht für den jungen Harry James Potter?“, fragte der Vorsitzende.
„Das ist richtig.“, erwiderte Severus ruhig.
Die folgende Stunde verging unter weiteren Befragungen, nach Beruf, der Zeit und den Möglichkeiten, die sie Harry bieten konnten, über ihre Einstellung, vor allem weil Severus als Todesser bekannt war.
„Ich wurde von Albus Dumbledore als Spion entlastet, habe ihn bis zur Vernichtung meines scheinbaren Meisters immer mit Informationen aus dem Inneren Kreis versorgt. Glauben sie mir, oder befragen sie mich unter Veritaserum oder auch Legilimentik, ich stehe nicht hinter den Überzeugungen des sogenannten dunklen Lords, musste aber, um ihn zu überzeugen, Dinge tun, auf die ich sicher nicht stolz bin.“, gab Severus offen zu.
Diese Antwort schien die Mitglieder des Gamot zu überzeugen, denn nach einer kurzen Diskussion beendeten sie die Befragung. Die gleiche junge Frau, die vorher Remus geholt hatte, stellte nun noch eine abschließende Frage. „Sie sind nicht gebunden, soweit ich weiß. Normalerweise lassen wir Kinder nur von verheirateten oder gebundenen Paaren adoptieren. Wären sie bereit, die Bindung öffentlich zu machen und Harry nicht nur in Pflege zu nehmen, sondern sogar zu adoptieren? Ich denke, dieser Schritt gibt dem Kleinen mehr Sicherheit, gewollt zu sein, als jede Versicherung in bloßen Worten.“
Remus und Severus tauschten einen kurzen Blick, bevor der Tränkemeister ihr antwortete: „Wir haben bisher zusammengelebt, ohne es offiziell zu machen, weil es nichts an unserer Beziehung ändert, aber wir würden diesen Schritt machen, wenn wir Harry damit helfen können.“
Ein bestätigendes Nicken von Remus überzeugte den Zaubergamot und der Vorsitzende wandte sich direkt an Harry. „Harry, ich bin Rayman Cole. Ich weiß, du hast bestimmt Angst, aber kannst du mir vielleicht eine Frage beantworten?“, sprach er ruhig und sanft. „Willst du bei den beiden Männern, Severus Snape und Remus Lupin, bleiben? Sag mir bitte ganz ehrlich, ob es dir dort gefällt, denn wir müssen eine Entscheidung treffen, ob du dort bleiben kannst oder nicht.“
Entsetzt starrte Harry den Mann in dem pflaumenblauen Umhang an. Sie wollten ihn wegnehmen? Vielleicht sogar zurück zu Onkel und Tante? Panisch klammerte er sich an Remus und Severus fest, die hatten doch versprochen, bei ihm zu bleiben? Würden sie ihn nun einfach weggeben? Er konnte nicht verhindern, dass ihm schon wieder Tränen über die Wangen liefen. „Nicht weggehen!“, wisperte er ängstlich und sah dabei Remus und Severus an.
Severus streichelte ihm zärtlich über den Kopf, während Remus ihn fester hielt. Beide warfen zornige Blicke auf den etwas älteren, blonden Mann, der es geschafft hatte, Harry erneut zum Weinen zu bringen. Es war eindeutig zu viel für den misshandelten Fünfjährigen, warum sah das denn niemand?
„Ich denke, diese Antwort reicht uns.“, entschied eine ältere Dame, die Severus als Griselda Marchbanks erkannte. „Ich bin dafür, den Jungen zu den beiden Männern zu geben. Stimmen wir offen ab.“
„Gut, stimmen wir ab.“, stimmte Rayman Cole zu. „Wer ist dafür, dass Severus Snape und Remus Lupin das Sorgerecht für Harry Potter bekommen und ihn adoptieren dürfen, wenn sie sich gebunden haben?“
Fast alle Hände hoben sich sofort, Albus Dumbledore war der Erste, Lucius Malfoy zögerte einen Sekundenbruchteil, hob dann aber auch seine Hand, nachdem er Severus noch einmal eingehend angesehen hatte.
„Das ist eindeutig die Mehrheit.“, brachte Cole das Ergebnis auf den Punkt, als klar wurde, dass alle sich entschieden hatten. „Es wird hiermit festgelegt, dass das Sorgerecht und die Vormundschaft über Harry Potter ab dem heutigen Tag an Severus Snape und Remus Lupin gehen. Rechnen sie damit, dass sie in den nächsten Tagen Besuch bekommen, da wir – gerade in diesem Fall – sicherstellen müssen, dass es dem Jungen gut geht. Hier wurde schon zu viel übersehen, das wird sicherlich auch in den Gesetzen Folgen haben. Kinder sind alles, was wir haben, wir müssen sie besser beschützen. Aber ich denke, das dürfte in ihrem Fall eher eine reine Formsache sein, so wie der Junge sich ihnen gegenüber verhält. Sie werden die entsprechenden Papiere in den nächsten Tagen per Eule erhalten.“
Verwirrt hatte Harry die Rede des Vorsitzenden verfolgt, aber er hatte keine Ahnung, was das nun wieder bedeutete. Fragend sah er seine beiden Vertrauten an. Severus strich ihm kurz mit den Fingern über die Wange, wischte eine einzelne Träne weg und erklärte ihm dann: „Du darfst bei uns bleiben, Harry.“
„Gehen wir nach Hause.“, fügte Remus hinzu und warf einen kurzen Blick auf Cole, der zustimmend nickte.
„Alles Gute, Harry.“, wünschte Madam Marchbanks und einige andere Mitglieder des Gamot schlossen sich ihr an.
Harry war einfach nur froh, als Remus und Severus mit ihm zusammen nach draußen gingen. Einigermaßen sicher, dass er bei ihnen bleiben konnte, gab er seiner Müdigkeit nach und schlief noch auf dem Weg aus dem Ministerium hinaus auf Remus' Arm ein. Der Tränkemeister grübelte, was die Blicke seines ehemals guten Freundes Lucius bedeuten sollten, die er ihm immer wieder am heutigen Tag zugeworfen hatte. Ganz konnte er den Blonden nicht einschätzen. Wie sehr war seine Loyalität immer noch beim Lord? War er selbst nun als Spion aufgeflogen und würde es sich herumsprechen, dass er den Jungen zu sich nahm? Brachte er Harry damit in Gefahr? Er nahm sich vor, die Schutzzauber um sein Haus noch weiter zu verbessern, obwohl sie schon stark waren und sogar Albus Dumbledore neue hinzugefügt hatte. Am besten noch heute.

Die Verhandlung und die Ereignisse darum herum hatten Harry weit zurückgeworfen. Erneut ließ er Remus nicht aus den Augen, der Werwolf konnte nicht einmal alleine ins Bad gehen, um sich zu erleichtern. Er ließ sich nur von Severus noch anfassen, sobald Poppy kam, flüchtete er unter Remus' Kleidung. Als Albus kam, wurde es sogar noch schlimmer, Harry begann zu zittern und Tränen liefen über seine Wangen. Dabei gab der Kleine keinen Ton von sich, was es nur noch schlimmer machte. Es zerriss sogar Severus das Herz, den Jungen so zu sehen. Nur mit Mühe bekam ihn Remus dazu, ein paar Bissen zu essen. Er musste ihn füttern, weil Harry nie seinen Griff in der Kleidung des Werwolfes lockerte. In der Nacht schlief er unruhig, auch wenn er zwischen den einzigen beiden Menschen liegen durfte, denen er zu vertrauen schien. Immer wieder schreckte er hoch und musste sich versichern, dass er nicht alleine war.
Albus kam dennoch am nächsten Tag erneut, weil er ihnen vom weiteren Verlauf des Prozesses berichten wollte. „Ich hätte den Kleinen nie dort lassen dürfen.“, begann er. „Nach außen hin erweckten sie immer den Eindruck, sich wunderbar um Harry zu kümmern. Dass er nicht nach draußen konnte, haben sie ja schlüssig begründet, daher schöpfte wohl niemand Verdacht, auch wenn die drei Dursleys immer mal draußen waren. Es konnte ja niemand ahnen, dass Harry drinnen nicht fernsehen durfte, weil er arbeiten musste. Von den Schlägen und Prügeln wussten wir, er wurde wohl auch mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. Außerdem haben sie ihm wohl immer wieder eine Art Brille aufgesetzt, mit der er kaum etwas sehen konnte und ihn damit die Hausarbeit machen lassen, er ist dann regelmäßig gestürzt, weil sein Cousin ihm ein Bein gestellt hat, das er nicht sehen konnte. Mehrmals wohl auch die Treppe hinunter. Wer weiß, was sie ihm noch alles angetan hätten, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst, Remus. Ich bin wirklich froh, dass du mich überredet hast.“
„Nicht nur du, Albus.“, versicherte Remus mit Tränen in den Augen. „Mein armer Welpe. Das ist jetzt vorbei, endgültig.“
„Wir lassen ihn nicht mehr aus den Augen.“, schloss sich Severus an. „Ich habe ein Versprechen gegeben und werde das nun einlösen.“
„Ihr Beide tut ihm wirklich gut. Und er euch.“, stellte Albus fest. „Ich werde mich verabschieden, der Kleine traut mir nicht besonders, er soll Ruhe haben. Ich wünsche euch noch ein paar ruhige Tage und wir sehen uns dann in Hogwarts, Severus. Wie versprochen kannst du wenigstens die ersten Wochen zuhause schlafen, ich übernehme deine Pflichten.“
„Danke, Albus.“, nickte Severus. Es erleichterte ihn, für Harry da sein zu dürfen. „Ich werde pünktlich sein.“

Vier Tage später kamen drei Mitglieder des Gamot, Madam Marchbanks, Rayman Cole und die junge Frau, die ihnen geholfen hatte. Sie wollten Harrys neues Zuhause überprüfen. Da es Harry vollkommen überforderte, ging Remus mit ihm eine Weile spazieren, während Severus das Haus zeigte. Sie hatten ein Kinderzimmer für Harry gerichtet, auch wenn er das bisher nicht nutzte, dahin brachte er die drei Kontrolleure, wie sie es wollten, zuerst. Ein blauer Teppich und cremefarbene Wände wirkten neutral, aber die Bettwäsche auf dem Kinderbett, auf der kleine Hasen und Rehe hüpften, machte einen kindgerechten Eindruck. Vor dem Kinderbett lag ein Spielteppich, der Straßen aufgezeichnet hatte, daneben stand eine kleine Box mit Spielzeugautos. Die ersten Kinderbücher waren bereits in einem Regal einsortiert, und auch der Kleiderschrank war nun zumindest teilweise gefüllt. Das Zimmer hatte noch eine Menge Platz, sodass man später auch noch einen Schreibtisch hineinstellen konnte.
Im Bad standen drei Zahnputzbecher nebeneinander, die Kinderzahnpasta lag neben dem Rasierschaum. Kinderbad und Shampoo wurden gesehen, genau wie der kleine Sitz, den Harry auf die Toilette legen konnte, damit er nicht hineinrutschte, und der Hocker, der unter dem Waschbecken verstaut war. Alles in allem schienen die drei Mitglieder des Gamot zufrieden mit dem, was sie sahen. Severus erhaschte einen kurzen Blick auf Remus, der mit Harry im Arm zurück in den Garten trat, scheinbar waren sie im nahen Wald gewesen. Er bot noch Kaffee oder Tee an, doch die Gäste waren mit ihrer Besichtigung vollkommen zufrieden und verabschiedeten sich daher, gerade als Remus wieder in die Küche trat. Harry war auf seinem Arm eingeschlafen.
„Wie geht es ihm?“, erkundigte sich Madam Marchbanks.
„Er ist wieder vollkommen zurückgezogen, schreckhaft und ängstlich.“, berichtete Severus. „Er lässt Remus nicht aus den Augen und bleibt nur sehr ungern auf meinem Arm. Von anderen Menschen lässt er sich gar nicht anfassen, zittert, sobald sie nur in seine Nähe kommen. Wenigstens isst er einigermaßen, aber er spricht kaum, antwortet nur auf direkte Fragen. Von sich aus gibt er keinen Ton von sich.“
„Verstehen sie mich nun bitte nicht falsch, Mister Lupin.“, mischte sich die jüngere Frau ein. „Ich weiß, dass sie ein Werwolf sind und nun sieht es so aus, als wären sie die Hauptbezugsperson für den Jungen. Wie wird das dann bei Vollmond?“
Im ersten Moment zogen sich Remus' Brauen zornig zusammen, doch er zwang sich, durchzuatmen. Erst dann antwortete er. „Harry ist mein Welpe, ich würde nie zulassen, dass ihm etwas passiert.“, stellte er klar. „Beim letzten Vollmond war er bei Severus, während ich mich im verbotenen Wald bei Hogwarts verwandelt habe. Er wird das auch dieses Mal wieder akzeptieren müssen, denn ich werde als Wolf nicht in seiner Nähe sein.“
„Remus bekommt von mir einen Trank, den ich entwickelt habe, damit er mit seinem Wolf eine Einheit bildet. Dadurch bekommt er Kontrolle und ist nicht mehr gefährlich.“, warf Severus ein. „Das Patent wird gerade geprüft, aber die Wirkung ist bereits bestätigt. Remus ist, auch als Wolf, nicht gefährlich, so lange er nicht bewusst beißt.“
„Danke. Ich wollte wirklich nur wissen, ob sie sich bereits Gedanken gemacht haben und sie nicht beschuldigen.“, lächelte die junge Frau entschuldigend. „Es steckte wirklich keine böse Absicht hinter der Frage.“
„Schon gut, ich will ja auch, dass im Sinne von Harry entschieden wird.“, nahm Remus die Entschuldigung an. „Hier ist schon zu viel falsch gelaufen, das werde ich nicht länger zulassen.“
„In Ordnung. Ich denke, wir haben nun alles geklärt.“, entschied Rayman Cole. „Sie bekommen die Papiere in den nächsten Tagen, denn was wir gesehen haben, passt zu unserer Entscheidung. Wir geben ihnen gemeinsam das Sorgerecht für Harry Potter, und sollten sie sich binden, dann dürfen sie Harry auch adoptieren. Auf Wiedersehen.“
Auch die Anderen verabschiedeten sich nun und ein paar Minuten später waren Remus und Severus wieder allein mit Harry. Der Werwolf lehnte sich an die Arbeitsplatte, als Severus die Zutaten für Nudeln mit Tomatensauce herrichtete. Harry schien das zu mögen, und es ging schnell. Immer noch unsicher verfolgte Harry, der wieder wach war, jeden Handgriff des Tränkemeisters mit seinen Augen. Schmunzelnd reichte der Schwarzhaarige dem Jungen einige Tomatenstückchen und eine Ecke Käse. Ein kurzes, dankbares Lächeln erhellte das vom Weinen fleckige Gesichtchen und wärmte Severus' Herz auf.
Erst, als Harry wieder tief und fest schlief – er schlief überhaupt verhältnismäßig viel, wahrscheinlich brauchte sein Körper das, um aufzuholen – lenkte Severus das Gespräch auf den kommenden Vollmond. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“, seufzte er leise. „Der Kleine wird nicht bei mir bleiben, wenn du dich verwandelst. Aber du kannst ihn nicht mitnehmen. Ich würde ihn nur ungern unter dem Einfluss eines Trankes schlafen schicken, aber wenn er weiterhin so klammert, bleibt uns nichts Anderes übrig, fürchte ich.“
„Wir haben noch ein paar Tage.“, überlegte Remus. „Hoffen wir, dass er sich bis dahin wieder ein wenig fängt. Er vertraut dir.“
„Ja, aber nicht so wie dir.“, gab Severus zurück. „Wir sollten erneut damit anfangen, dass du ihn nicht mehr mit ins Bad nimmst, wenn du nur kurz dahin musst.“
„Machen wir es so.“, stimmte Remus zu. „Zum Duschen kann er mitkommen, alles Andere mache ich alleine.“
„Es wird hart, aber so lernt er, dass wir unsere Versprechen halten. Wir erklären ihm, dass du gleich wiederkommst, und wenn er sieht, dass es stimmt, lernt er nach und nach, zu vertrauen. Auch wenn es eine Weile dauern wird, aber das müssen wir durchhalten.“, entschied der Tränkemeister. „Vielleicht schafft er dann tatsächlich den Vollmond ohne Trank. Lieber wäre es mir, denn gerade in seinem Zustand sind Beruhigungstränke schnell überdosiert. Und das will ich ihm nicht antun.“
„Ich liebe dich, Sev.“, lächelte Remus plötzlich. „Ich glaube, das habe ich dir schon lange nicht mehr gesagt, aber es stimmt jetzt mehr denn je.“
Der Schwarzhaarige lehnte sich zu ihm und verwickelte ihn in einen intensiven Kuss. Aus Rücksicht auf den Jungen, der auf Remus' Schoß schlief, hielt er Abstand, aber er legte seine Gefühle für den Dunkelblonden in diesen Kuss. Nur selten sprach er über Gefühle, Remus wusste, wie er empfand. „Ich liebe dich auch.“, hauchte er, als sie sich voneinander lösten. „Nie hätte ich mir mehr gewünscht, als das was wir bisher hatten, aber Harry gehört dazu, wir sind eine Familie. Ich bin kein Mensch für Romantik, daher frage ich dich nur schlicht und einfach: Remus, willst du dich an mich binden und mit Harry zusammen meine Familie sein?“
Sprachlos starrte Remus ihn einen Moment an, bevor er „Ja, natürlich!“, herausbrachte.
Zufrieden setzte sich Severus zu seinem nun wohl Verlobten und ließ zu, dass Remus sich an ihn schmiegte. Er rief sich ein Buch auf und begann, leise zu lesen. So hatte ihn Remus damals vom Alkohol weggebracht. Um ihn von seinem Verlangen abzulenken, hatte sich der Werwolf vor etwa drei Jahren hingesetzt, ihn in die Arme gezogen und ihm vorgelesen. Nur ungern erinnerte der Tränkemeister sich an diese Zeit, außer an die Nähe, die seither zwischen ihnen herrschte. Die Nähe, die er anfangs kaum zugelassen hatte, aber so dringend brauchte. Damals wie heute. Nie würde er das zugeben, aber es war so. Seine Augen folgten dem Text im Buch und er las gedankenlos vor. Remus hatte die Augen geschlossen und seinen Kopf an Severus' Schulter gelehnt. Harrys Atmung ging tief und gleichmäßig, er schlief völlig entspannt. Es schien ihm gut zu tun, die ruhige Stimme von Severus zu hören.
Früher hätte er zu so einer Gelegenheit ein Glas Wein genossen. Er wusste, das war gefährlich, er könnte jederzeit wieder abhängig werden. Seine Finger zitterten leise, als die Erinnerungen deutlicher wurden. Erst, als Remus seine Hand ergriff, bemerkte er, dass es dem Werwolf wohl doch aufgefallen war.
„Geht's dir gut?“, wollte Remus wissen.
„Natürlich.“, blockte Severus ab.
„Lüg mich nicht an.“, knurrte Remus leise.
Severus stand auf und ging nervös hin und her. Vor Remus konnte er nichts verstecken, der Werwolf kannte ihn viel zu gut, besser als er sich selbst. Dazu musste er noch nicht einmal seine – momentan recht schwachen – Werwolfsinne einsetzen.
„Severus?“, hörte er die fragende Stimme seines Partners.
Seufzend ließ er sich neben den nun aufrecht sitzenden Werwolf fallen. „Wird es jemals aufhören?“, wisperte er unsicher.
Remus schien sofort zu wissen, wovon er sprach. Er legte seinen freien Arm um Severus' Schulter und zog ihn an sich. Beruhigend strich er über seine Seite. „Ich weiß es nicht, Sev.“, seufzte er. „Aber es heißt, dass es mit der Zeit leichter wird. Gerade stehst du enorm unter Stress, kein Wunder, dass alte Gewohnheiten nun wieder an die Oberfläche kommen. Ich bin da, Liebster.“
Severus wehrte sich eine Weile gegen die Umarmung, aber nur halbherzig, daher zog Remus ihn immer wieder zu sich hin. Schließlich legte er seinen Kopf an Remus' Seite und schloss die Augen. Die warme, etwas raue Hand des Werwolfes strich gleichmäßig und langsam über seinen Kopf, beruhigte ihn nach und nach wieder. Kurz bevor er einschlief, neckte ihn Remus ein wenig. „Willst du hier schlafen oder verlegen wir das Kuscheln doch lieber ins Bett?“, gluckste er.

Die nächsten Tage kämpften sie. Harry blieb nun bei Severus, wenn Remus ins Bad musste. Erst nur kurz, aber nach zwei Tagen dann auch zum Duschen. Schließlich ging Remus sogar aus dem Haus zum Einkaufen, damit Harry lernte, er kam wieder. Immer wieder sagte ihm der Werwolf, dass er nach einer bestimmten Zeit zurück käme und Severus zeigte ihm, wie die Zeiger der Uhr stehen mussten, damit Remus wiederkam. Nach und nach merkten sie, dass Harry begriff und ein wenig ruhiger wurde. Dennoch war der Vollmond für Harry schlimm, und gegen Mitternacht gab ihm Severus schließlich doch einen Trank, denn sonst würde er gar nicht schlafen. Am Morgen allerdings war der Kleine in der Dämmerung schon wach und wartete unruhig darauf, dass Remus auftauchte. Auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, es tat Severus weh, dass Harry zu ihm einfach nicht so viel Vertrauen hatte. Er konnte ja nicht wissen, dass es die dunklen Augen, die schwarze Kleidung und die Unlesbarkeit seiner Mimik waren, die Harry verunsicherten. Den ganzen Tag zweifelte er daher wieder an sich und seinen Fähigkeiten, grübelte und dachte an die Zeit, in der er abhängig vom Alkohol gewesen war.

Die Nacht direkt nach Vollmond wurde ebenfalls unruhig. Severus wurde immer wieder von seinen Erinnerungen aus dem Schlaf gerissen, und auch Harry schreckte mehrmals hoch. Am Morgen waren sie alle eher unausgeschlafen und entschieden, einen Tag am Meer zu verbringen. Harrys Augen weiteten sich. Er hatte schon viel vom Meer gehört, seine Verwandten waren in den letzten Ferien am Meer gewesen, natürlich ohne ihn (er war bei Onkel Vernons Schwester geblieben, wo er nicht arbeiten musste, die aber auch sehr streng war), und Dudley hatte die ganze Zeit davon geschwärmt. Es war der vorletzte Ferientag und am Morgen musste Severus zurück nach Hogwarts, auch wenn er vorerst die Erlaubnis hatte, zuhause zu schlafen. Gleich nach dem Frühstück brachen sie auf. Remus apparierte mit Harry auf dem Arm und sie kamen an einem ruhigen Strandabschnitt an. Der Grünäugige sah sich neugierig um, zum ersten Mal nicht ängstlich. Kein Wunder, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Die Wellen rauschten laut, die See war unruhig. Der Wind brachte den Geschmack von Salz mit sich, zerzauste ihre Haare. Severus griff in seinen Umhang und holte ein Lederband heraus, mit dem er seine etwas über schulterlangen, schwarzen Haare bändigte.
Einige Minuten vergingen, in denen Harry versuchte, alles um sich herum aufzunehmen. Schließlich ließ er sich auf den Boden stellen, beide Männer nahmen je eine seiner Hände und sie gingen ein Stück parallel zum Wasser. Es war ziemlich kühl, aber sie hatten dem Jungen eine warme Jacke und Mütze und Schal angezogen. Vorsichtshalber legte Severus noch einen Wärmezauber über ihn, der Kleine hatte kein funktionierendes Immunsystem. Unsicher stolperte Harry im Sand, nicht gewohnt, dass der Untergrund so leicht nachgab unter seinen Füßen, doch er strahlte vor Freude. Nach einer Weile traute er sich näher an das Wasser heran und beobachtete, wie die Wellen über den Sand wanderten und sich wieder zurückzogen. Der nasse Sand faszinierte ihn und schließlich setzte er sich tatsächlich hin und begann, den Sand zu formen. Endlich reagierte er wie ein Kind. Erleichtert lächelte Remus seinem Partner zu. Sie waren auf einem guten Weg, wie es aussah.
Gegen Mittag gingen sie ein Stück den Strand entlang, bis sie auf ein kleines Dorf trafen. Harry sollte etwas essen, fanden die Erwachsenen. Dafür suchten sie ein ruhiges Restaurant. Sie hatten Glück und fanden ein kleines Landgasthaus, wo es einzelne Nischen gab, sodass sie mit Harry alleine sitzen konnten. Eine Frau mittleren Alters führte sie in eine Nische ganz hinten, sodass nicht ständig jemand vorbeigehen würde. „Kann ich schon was bringen oder wünschen sie die Karte?“, fragte sie freundlich.
„Die Karte, bitte.“, bat Remus. „Haben sie vielleicht einen Hochstuhl für Harry?“
„Natürlich!“, lächelte sie warm. „Ich bringe ihn gleich. Zusammen mit der Karte.“ Sie wuselte aus ihrer Sichtweite, kam nur Momente später zurück, in der einen Hand zwei Karten, in der anderen einen hölzernen Hochstuhl. Der Stuhl landete auf der Kopfseite des Tisches, die Karten reichte sie ihnen mit einem freundlichen Lächeln, das kleine Fältchen neben ihre braunen Augen zauberte.

Nur zögernd ließ sich Harry in den Hochstuhl setzen, aber immerhin blieb er sitzen. Schnell überflog Severus die Karte und entschied sich, dann widmete er sich den Kindergerichten. Da war die Auswahl eher klein, aber Harry war unkompliziert. „Harry, möchtest du Fish and Chips?“, fragte Severus ruhig. Der Junge nickte vorsichtig. „Und was möchtest du trinken?“ Hilflos zuckte der Kleine die Achseln. Er hatte keine Ahnung, was er nun sagen sollte. Severus gab ihm eine kleine Auswahl: „Wasser, Tee, Kakao, Milch oder Saft.“
„Saft, bitte.“, entschied der Grünäugige sich schließlich.
„Ich habe Apfelsaft, Traubensaft, Blaubeersaft oder Orangensaft.“, bot die Kellnerin an.
Harry machte einen überforderten Eindruck, daher entschied Severus für ihn. „Traubensaftschorle für Harry, würde ich sagen. Earl Grey und ein großes Wasser für mich.“
„Ich nehme ein großes Glas Apfelschorle.“, schloss sich Remus an.
„Wissen sie schon, was sie essen wollen oder soll ich nochmal kommen?“, fügte die braunhaarige Frau hinzu.
„Fish and Chips für Harry, den gegrillten Lachs für mich.“, antwortete Severus.
„Für mich Haggis. Und als Nachspeise Schokoladenpudding.“, freute sich Remus, dass dies angeboten wurde.
„Gute Wahl!“, gratulierte die Braunhaarige und eilte davon.
„Du und deine Schokolade!“, neckte Severus seinen Verlobten, während die Bedienung hinter dem Tresen verschwand.
Es dauerte nicht lange, da kam sie wieder und brachte die Getränke, stellte sie vor die Drei. Schnell war sie wieder verschwunden. Severus ließ seinen Tee, der offensichtlich nicht mit einem Beutel zubereitet worden war, noch einen Moment stehen und nahm einen Schluck Wasser. In Harrys Glas steckte ein gelber Strohhalm, mit dem der Kleine nichts anfangen konnte. Remus grinste kurz und zeigte ihm, wie er damit trinken konnte. Vorsichtig versuchte es der Grünäugige und riss die Augen auf, als tatsächlich etwas in seinem Mund landete. Enthusiastischer als zuvor saugte er erneut und hatte schnell das halbe Glas geleert.
„Nicht so hastig.“, mahnte Remus leise. „Lass dir Zeit, sonst bekommst du Bauchweh. Du kannst nachher auch noch mehr haben, wenn du magst.“
„Gefällt es dir am Meer?“, wollte Severus von Harry wissen. Der nickte strahlend. „Sollen wir hier öfter herkommen?“ Wieder nickte Harry. „Harry, ich möchte, dass du mit mir sprichst, wenn ich dich etwas frage, denkst du, das kannst du?“
Zuerst nickte Harry, bis er merkte, was Severus gerade gesagt hatte. „Ja, Sir.“, murmelte er mit gesenktem Blick.
Der Tränkemeister griff sanft nach Harrys Kinn und drückte ihn ein wenig nach oben, sodass er in die grünen Augen sehen konnte. „Harry, du musst mich nicht ‚Sir‘ nennen. Sag Severus zu mir, oder auch Sev. In Ordnung?“
„Ja, Sevus … Servus … Severs …“, stammelte Harry unsicher.
„Se – ve – rus.“, betonte der Tränkemeister. „Ist nicht leicht, ich weiß. Sag Sev, das passt. Deine Mom hat mich auch immer so genannt!“
„Danke, Sev.“, flüsterte Harry.
„Gerne, mein Kleiner!“, lächelte der sonst so mürrisch erscheinende Tränkemeister freundlich.

Nach dem Essen, das hervorragend war, gingen sie noch einmal zurück an den Strand, spazierten gemütlich durch den Sand, Harry zwischen sich an beiden Händen. Und doch schien es, als wäre es nun nicht mehr so notwendig sondern eher beruhigend für Harry. Er klammerte nicht mehr so extrem. So konnten sie alle drei ein wenig entspannen. An einem Abschnitt, wo es eine Menge Muscheln gab, ließ Harry schließlich sogar die Hände der Erwachsenen los, um Muscheln zu suchen. Severus und Remus setzten sich auf einen Baumstamm, der wohl angespült worden war, und beobachteten ihren Kleinen. Weit entfernte er sich nicht von ihnen, aber keiner von ihnen hätte geglaubt, dass er sich überhaupt selbständig bewegen würde.
„Was wünscht du dir, wenn wir uns binden?“, brachte Severus das Gespräch dahin, wo seine Gedanken waren.
„Vielleicht kann Albus die Zeremonie durchführen.“, überlegte Remus. „Ich habe keine engen Freunde mehr, dank diesem Irren, der sie fast alle umgebracht hat. Ich wüsste nicht, wen ich einladen sollte, außer vielleicht die Weasleys, auch wenn ich nur im Orden kurz mit ihnen zu tun hatte. Aber immerhin hat Molly angeboten, mit Harry zu helfen, als ich sie in der Winkelgasse getroffen habe. Ich habe niemanden, bin alleine.“ Gegen Ende wurde seine Stimme immer leiser, als er realisierte, worüber er zuletzt vor etwa vier Jahren nachgedacht hatte, als er sich vom Turm hatte stürzen wollen.
„Ich weiß, was du meinst.“, gestand Severus leise. „Auch ich wüsste nicht, wen ich einladen sollte. Es gibt niemanden, der mir so nahe steht, auch wenn mich Lucius zum Paten von Draco gemacht hat. Theoretisch gehöre ich damit zwar zur Familie, aber …“ Auch er brach ab. Gleichzeitig griffen beide nach der Hand des jeweils Anderen und gaben sich gegenseitig Halt. Sie lehnten sich aneinander und beobachteten Harry, der mit wachsender Begeisterung über den Strand rannte und immer wieder Muscheln aufhob. Zwar ließ er sie dabei nicht aus den Augen, aber das hier war mehr, als Severus erwartet hätte.
Harry hingegen war so gefangen von den vielen neuen Eindrücken, dass er zum ersten Mal nicht überlegte, sondern einfach auf seine Umwelt reagierte. Die beiden Männer hatten ihn noch immer nicht weggegeben oder bestraft, obwohl er noch nichts gearbeitet hatte oder sich sonst wie dankbar hatte zeigen können. Vielleicht stimmte es ja doch, dass sie ihn gerne hatten. So wie Onkel und Tante Dudley behandelten. So wie er sich immer gewünscht hatte, behandelt zu werden. Er fühlte sich wohl bei Remus und Sev, war aber immer noch nicht ganz sicher, dass es nicht doch nur ein Traum war.
„Also eine einfache Bindung, nur wir Beide und Harry, Dumbledore führt die Zeremonie durch.“, entschied Severus nach einem längeren Schweigen und sah Remus fragend an.
„Du willst Malfoy nicht einladen?“, wunderte sich der Werwolf.
„Er hält nicht sonderlich viel von dir.“, begann Severus und Remus zog eine Schnute. „Du meinst wohl, überhaupt nichts.“, verfeinerte er die Aussage seines Verlobten. „So in etwa.“, gab Severus zu. „Jedenfalls, so jemanden will ich nicht an meiner Seite haben, wenn ich mich an den wichtigsten Menschen in meinem Leben binde.“
„Wir werden Zeugen brauchen.“, gab Remus zu bedenken.
„Dann sollten wir vielleicht Kingsley Shacklebolt und Minerva McGonagall fragen.“, überlegte Severus. „Ich denke, die Beiden dürften uns noch am Nächsten stehen.“
„Damit hast du sicher Recht.“, schmunzelte Remus. „Hast du auch eine Idee, wen wir als Paten für Harry nehmen?“
„Ich denke, wir sollten damit warten, bis wir sehen, zu wem er Vertrauen hat.“, bremste der Tränkemeister. „Ich möchte nicht noch einmal jemanden vor seine Nase setzen, dem er nicht vertraut.“
„Du hast Recht, Sev, wie immer!“, grinste Remus. „Wir sollten langsam aufbrechen, Poppy wird sicher schon bei uns sein. Auch wenn es Harry nicht gefällt, aber wir brauchen sie wohl noch eine Weile.“
Sie standen auf und fingen Harry ein, der inzwischen richtiggehend erschöpft schien. Remus nahm ihn auf den Arm und wickelte ihn unter seine eigene Jacke, als er merkte, wie kühl der Kleine war. Obwohl es gerade Ende August war, kam es ihnen hier ziemlich kalt vor. Und sie wollten nicht, dass Harry krank wurde. Sie apparierten zurück nach Spinners End und brachten Harry ins Bad, wo sie ihm ein warmes Bad einließen. Severus gab einen Badezusatz ins Wasser, der ihn aufwärmen würde. Außerdem noch etwas, das Schaum verursachte, denn sie hatten gemerkt, dass ihm das gefiel. Während er im Wasser saß, kam Poppy zu ihnen. Abgelenkt wie er war, da Remus ihm ein Schiff mit in die Wanne gegeben hatte und eine Muschel, die er heute gefunden hatte, untersuchte sie ihn schnell und wirkte zufrieden.
„Er hat ein wenig zugenommen und ist insgesamt stabiler. Noch ist es nicht vorbei, aber er ist auf einem wirklich guten Weg.“, lächelte die Heilerin zufrieden. „Er wirkt insgesamt auch ein wenig … lebendiger.“
„Wir waren heute an einem kleinen schottischen Strand.“, erklärte Severus knapp. „Es scheint, dass er nun langsam begreift, er kann uns vertrauen.“
Remus, der zwar auf die Unterhaltung geachtet hatte, Harry dabei aber nicht aus den Augen ließ, erkannte als Erster, dass der Kleine kurz davor war, einzuschlafen. Er hob ihn aus der Wanne und wickelte ihn in ein warmes Handtuch. Noch bevor er ihm auch nur einen Schlafanzug anziehen konnte, schlossen sich die grünen Augen und der Körper entspannte sich vollständig. Schmunzelnd trug Remus ihn ins Kinderzimmer, vielleicht klappte es sogar. Wahrscheinlich würden sie ihn bald wieder zu sich holen müssen, aber warum sollte er nicht zwischendurch wenigstens mal in seinem eigenen Bett schlafen? Immerhin war heute Severus' letzte Nacht hier, die er entspannt verbringen konnte. Poppy verabschiedete sich bald wieder und verließ das Haus. Severus und Remus genossen die nächsten beiden Stunden, die sie ohne Harry in ihrem Bett verbrachten. Erst gegen Mitternacht wurde Harry wach und sie holten ihn wieder zu sich, wo er schnell wieder einschlief.

Am nächsten Morgen wurde deutlich, dass es Harry noch lange nicht gut ging. Scheinbar waren sie doch zu lange draußen gewesen mit ihm, denn er fieberte und hustete ziemlich heftig. Remus blieb mit ihm liegen, packte ihn warm ein und ließ ihn schwitzen, während Severus im Labor einen frischen Trank gegen Erkältungen braute, den er in der Stärke an Harrys derzeitige Kondition anpasste. Gerade, als er das Feuer löschte, hörte er jemanden an der Tür. Fluchend stellte er den Kessel beiseite und eilte ins Erdgeschoss, öffnete die Tür. Da die Schutzzauber nicht reagiert hatten, kam der Besucher nicht in böser Absicht.
„Lucius.“, grüßte er seinen Besucher überrascht und ließ ihn eintreten.
„Warum so überrascht, mein Freund?“, erkundigte sich der Blonde. „So gut müsstest du mich kennen, dass ich interessiert bin, was dich dazu veranlasst haben könnte, den jungen Potter zu dir zu nehmen.“
„Ich hätte schon eher mit dir gerechnet, wenn ich ehrlich sein soll. Aber glaubst du wirklich, eine Antwort wird dich befriedigen? Als würdest du auch nur annähernd verstehen, wie ich denke.“, spottete Severus. „Du kannst auch nicht nachvollziehen, dass ich mich an Remus binden werde. Wieso solltest du verstehen, was dieser kleine Junge für mich bedeutet?“
„Versuche es.“, forderte Lucius ihn heraus.
„Nun gut, wie du willst.“, zuckte Severus die Schultern. „Er ist nicht wie sein Vater, viel eher wie Lily. Du hast keine Ahnung, wie seine Augen leuchten können, wenn er sich über etwas freut. Das ist der Ausdruck, den ich immer darin sehen will und ich werde alles dafür tun, dass er immer so glücklich aussieht. Es ist nichts, was man erklären kann. Der Junge hat viel zu viel durchgemacht. Du weißt, wie es mir in meiner Kindheit ergangen ist, aber gegen ihn hatte ich eine Bilderbuchzeit bei meinen Eltern.“
„Ich weiß, du vergisst, ich war bei der Verhandlung. Der Junge hat etwas Besseres verdient. Aber du und Potter? Das wird niemals gut gehen.“, prophezeite Lucius.
„Das hast du bei Remus und mir auch gesagt, und nun werden wir uns binden und Harry adoptieren.“, zischte Severus.
„Schon gut, schon gut.“, ruderte der Blonde zurück. „Ich wollte dich nicht beleidigen.“
„Dann sprich nicht so abfällig über meine Familie.“, verlangte der Tränkemeister. „Und sag endlich, warum du hierhergekommen bist. Ich habe noch einen Trank auf dem Feuer und muss nach Hogwarts. Ich kenne dich, du bist nicht nur aus Neugier hier.“
„Du hast Recht.“, wurde Lucius ernst. „Ich wollte dich bitten, etwas in Verwahrung zu nehmen. Das Ministerium ist hinter mir her, sie durchsuchen mein Manor mindestens einmal in der Woche, suchen nach schwarz-magischen Objekten. Das hier“, er zog eine kleine Schachtel aus seinem Umhang, „hat der Lord mir kurz vor seiner Vernichtung zur Aufbewahrung gegeben. Ich will verhindern, dass es dem Ministerium in die Hände fällt. Auch wenn alle glauben, dass du dem Lord nicht treu bist, ich bin mir sicher. Du hast hoch gepokert bei der Verhandlung. Veritaserum? Bei Legilimentik hättest du wahrscheinlich den Vorteil, aber das Serum kannst auch du meines Wissens nach nicht austricksen. Aber ich bin sicher, dass du auf der Seite des Lords stehst, immerhin war es sein Befehl, dass du unauffällig bleiben sollst und er wusste immer mehr über dich als wir alle, deshalb gebe ich das hier in deine Hände. Es ist nicht irgendein Objekt, sondern etwas, das unserem Lord sehr wichtig war. Alle anderen Objekte werden an Borgin und Burkes gehen, aber das hier kann ich nicht einfach verkaufen. Du wurdest rehabilitiert, das Ministerium verdächtigt dich nicht, daher kannst du es ungestraft aufbewahren. Am besten sogar in Hogwarts, dort kommt keiner auf die Idee, danach zu suchen.“
„Bist du wahnsinnig?“, fauchte Severus leise. „Du denkst, ich kann ungesehen ein schwarz-magisches Objekt, das dem Lord selbst gehörte, unter Dumbledores Augen in die Schule bringen? Der Schulleiter bringt mich nach Askaban und was wird dann aus Harry?“
„Severus, du schuldest mir was. Verstecke es und deine Schuld ist getilgt.“, antwortete Lucius kalt. „Verweigere dich und ich entlarve dich als echter Todesser anstatt Spion. Dann landest du auch in Askaban. Such es dir aus.“
Severus musste nicht lange überlegen, sein Gehirn arbeitete schon immer schnell. Er riss die Schachtel aus Lucius' Hand und zischte ihn an, er solle verschwinden. Der Blonde ließ sich nicht lange bitten, verließ das Haus ohne einen Abschiedsgruß. Hektisch atmend stand Severus im Wohnzimmer und versuchte, sich darüber klar zu werden, was er nun damit tun sollte. Am besten ging er zu Dumbledore damit, der wüsste sicher, was genau er da in den Händen hielt und wie sie es loswerden konnten. Sobald er diese Entscheidung getroffen hatte, wurde er deutlich ruhiger. Er sperrte die Schachtel in seinen Tresor und ging zurück in sein Labor, um den Trank für Harry zu holen.
„Was ist passiert?“, fragte Remus alarmiert, als er nach oben kam.
„Lucius!“, fauchte Severus, zitternd vor Zorn.
Remus legte Harry von seinem Bauch ins Bett und stand auf, schlang seine Arme um den Tränkemeister. Zunächst versteifte sich der Schwarzhaarige, doch der Werwolf ließ sich nicht beirren, streichelte über den Rücken und verteilte kleine Schmetterlingsküsse auf Hals und Nacken, und langsam beruhigte sich Severus wieder.
„Er hat mir gedroht, mich anzuschwärzen, sodass ich nach Askaban gehe.“, wisperte er schließlich. „Ich soll etwas verstecken, am besten in Hogwarts. Das Ministerium durchsucht eine Menge Haushalte nach schwarz-magischen Objekten und er hat fast alles zu Borgin und Burkes gebracht, doch er hat was vom Lord zur Aufbewahrung bekommen, das liegt gerade in meinem Tresor. Ich will es nicht behalten, es würde Gefahr bedeuten, aber die Drohung von Lucius muss ich ernst nehmen. Was soll ich nur machen?“
„Beruhige dich.“, befahl Remus. „Atme tief durch. Und dann redest du mit Albus, er wird sicher eine Lösung haben. Vielleicht findet ihr heraus, worum es sich handelt und wisst dann, wie ihr damit umgehen müsst. Und wenn Lucius dich fertigmachen will, muss er erst an mir vorbei.“
„Danke, Remus!“, lächelte Severus ein wenig zittrig. „Aber ich will nicht, dass du etwas Unüberlegtes tust und dich gefährdest. Unser Kleiner braucht dich, mehr wie mich.“
„Ich werde nichts Unüberlegtes tun, versprochen.“, erwiderte der Werwolf. „Auch wenn das nicht leicht ist, ich will euch beschützen. Du und Harry, ihr seid meine Familie. Aber du hast nicht ganz Recht, der Welpe braucht dich genauso wie mich. Ich bin froh, dass du erstmal noch nach Hause kommst, denn mit dem Kleinen könnte ich nicht zu dir, das ist zu viel für ihn. Erst muss er hier sicher genug sein. Gestern war schon zu viel für ihn, und da waren fast keine Menschen.“
„Wir haben einen Monat, dann muss ich wieder im Schloss bleiben, bis dahin übernimmt Albus meine Nachtschichten und die Bereitschaft für die Slytherins.“, informierte Severus. „Ich will gar nicht darüber nachdenken, was das dann für Vollmond bedeutet.“
„Mach dir nicht so viele Gedanken.“, mahnte Remus. „Ich kann bei ihm bleiben, nachdem keiner mir Arbeit geben will. Also habe ich Zeit für Harry. Und du bist jede Nacht hier, damit er auch weiter an dich gewöhnt ist, dann kann er wenigstens die Vollmondnächte bei dir verbringen. Er wird es lernen. Auch wenn es nicht leicht für ihn ist. Harry vertraut uns, aber er muss immer noch lernen.“
Sie warfen beide einen Blick auf den Jungen, der schlafend im Bett lag. Das Gesicht gerötet vom Fieber, die Haare inzwischen so lang, dass ihm einige Strähnen in die Augen fielen. Severus trat zum Bett, stellte endlich den Trank auf den Nachttisch und strich dem Kleinen die Strähnen aus dem Gesicht. Das Fieber war unvermindert hoch. Die Atmung ging leicht rasselnd und scheinbar bekam er durch die Nase keine Luft. Immer wieder schüttelte ihn Husten, doch er wachte nicht auf. Es tat ihm leid, doch er musste ihn wecken, damit er die erste Portion von dem Trank nehmen konnte. Doch diesmal hatte er ihn so gebraut, dass er ihn in Wasser oder Tee einnehmen konnte. Nur zögerlich öffnete Harry seine Augen, die glänzend waren, nahm nichts so richtig wahr.
„Hey, mein Kleiner.“, lenkte Severus die Aufmerksamkeit auf sich. „Du musst das hier trinken. Dann kannst du weiterschlafen, aber es ist wichtig, damit du gesund wirst.“
Bevor er trinken konnte, hustete Harry erst einmal ziemlich heftig, wobei er eine Menge Schleim heraufwürgte. Am Ende rollte er sich ein und umklammerte seinen Oberkörper. Alarmiert sprach Severus einen einfachen Diagnosezauber, der seinen Verdacht leider bestätigte. Harry hatte so stark gehustet, dass eine Rippe gebrochen war. In dem Moment entschied der Tränkemeister, dass sie Hilfe brauchten. „Remy, nimm den Kleinen, wir bringen ihn zu Poppy nach Hogwarts.“, ordnete er an. „Er hat sich beim Husten die Rippe gebrochen, das ist nicht gut. Ich kann ihm hier nicht helfen.“
Er selbst nahm den Trank und packte noch zwei weitere Schlafanzüge für Harry ein, dann schnappte er sich seinen eigenen Koffer, den er vor ein paar Tagen bereits gepackt hatte. Remus nahm Harry auf den Arm, der sich erschöpft in die warmen Arme kuschelte und die Augen wieder schloss. So reisten sie durch den Kamin in das Büro des Tränkemeisters und von dort aus weiter in den Krankenflügel.
Poppy kümmerte sich sofort um den Fünfjährigen, sie legte ihm erneut zwei Zugänge und schickte ihn schlafen. Mit einem Zauber heizte sie das Bett auf, damit Harry schwitzen konnte. „Das Fieber ist viel zu hoch für seinen geschwächten Körper, das hält er so nicht lange durch.“, warnte sie. „Er hat eine Lungenentzündung, ich weiß nicht, ob er das schafft. Bisher hat er so viel gekämpft, ich bin nicht sicher, wie viel Kraft zum Kämpfen er noch hat. Erst einmal behalte ich ihn hier und lasse ihn schlafen, die nächsten Tage werden zeigen, ob er durchkommt.“
„Nein!“, hauchte Remus.
„Er ist ein Kämpfer, er schafft das. Er muss es einfach schaffen.“, knurrte Severus, aber man konnte hören, dass es ihn ebenso mitnahm wie seinen Verlobten. Auch er konnte sich nicht vorstellen, ohne den Kleinen zu leben, hatte sich in den letzten Wochen erstaunlich gut daran gewohnt.
Der Werwolf setzte sich auf einen Stuhl, den er neben das Bett von Harry stellte. So schnell würde ihn niemand da wegbekommen. Sanft und gleichmäßig fuhr seine Hand über den wirren schwarzen Haarschopf. Severus stand neben ihm, streichelte die heiße Wange des Fünfjährigen. Haltsuchend klammerte sich Remus an seinen Partner, der nicht mehr tun konnte, als ihn festzuhalten. Poppy ließ sie eine Weile alleine, nachdem sie mit Überwachungszaubern sichergestellt hatte, dass sie keine Veränderung von Harrys Zustand verpasste. Gegen Mittag brachte sie den beiden Erwachsenen ein paar Sandwiches, wissend, dass sie sie nicht von Harrys Bett wegbekommen würde. Tee und Saft standen bereit. Schließlich tauchte der Schulleiter in der Tür auf. „Severus?“, fragte er leise.
Der Tränkemeister zuckte zusammen und sah hoch. Erschrocken blickte ihn Dumbledore an, man konnte sehen, dass Severus Tränen in den Augen hatte.
„Was ist passiert?“, wollte der Weißhaarige wissen.
„Poppy weiß nicht, ob er durchkommen wird.“, wisperte der Schwarzhaarige. „Er hat eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Beim Husten hat er sich eine Rippe gebrochen.“
„Es tut mir leid. Hier ist er in den besten Händen und er ist ein Kämpfer, er wird es schaffen.“, antwortete Dumbledore. „Jetzt verstehe ich auch, warum du die Lehrerkonferenz verpasst hast.“
„Konferenz? Tut mir leid.“, schüttelte Severus den Kopf und atmete tief durch. „Aber gut dass du da bist, Albus, ich wollte sowieso mit dir reden.“
„Harry und Remus können hier bleiben, so lange sie wollen.“, erlaubte der Schulleiter sofort.
„Danke. Aber darum ging es mir nicht.“ Severus stand schwerfällig auf und drückte Remus' Hand noch einmal. „Komme gleich wieder.“
Er ging in Richtung Kerker, gefolgt von Albus Dumbledore. In seinem Büro griff er in den Koffer, wo er die Schachtel von Lucius auf die Schnelle hineingelegt hatte. Er wandte sich dem Älteren zu und erklärte ihm kurz, wie er an die Schachtel gekommen war. „Was soll ich damit tun?“, wollte er am Ende wissen.
„Erst einmal musst du keine Sorge haben, dass du wegen Spionage nach Askaban kommst.“, versprach der Direktor. „Ich habe sichergestellt, dass keine Zweifel an deiner Ehrlichkeit entstehen. Egal was Lucius Malfoy vielleicht sagen oder tun wird. Und dieses Objekt werde ich mir heute in Ruhe ansehen und dann können wir gemeinsam entscheiden, was wir damit machen. Ich danke dir, dass du damit zu mir gekommen bist. Kümmere dich um euren Kleinen, der braucht euch nun Beide.“
„Danke, Albus.“, lächelte Severus kurz, er war deutlich erleichtert. „Und dann noch etwas Anderes. Remus und ich wollen uns binden und es wäre schön, wenn du die Zeremonie halten könntest. Allerdings wird das warten müssen, bis Harry wieder gesund ist, er gehört zu uns. Wir wollen ihn dann auch adoptieren.“
„Das freut mich für Harry, er hat ein bisschen Glück wirklich verdient.“, strahlte der Schulleiter kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Ich mache mir Vorwürfe, ich hätte sicherstellen müssen, dass es ihm gut geht.“
„Du wolltest sicherstellen, dass niemand an ihn rankommt, indem er dir folgt.“, beschwichtigte Severus. „Sie versuchen es immer wieder, das weiß ich sicher. Du bist bisher der Einzige gewesen, der wusste, wo Harry ist. Viele Todesser sind immer noch hinter ihm her, weil er den Lord vernichtet hat. Ich bin sicher, du hattest immer wieder Verfolger, und wer weiß, ob nicht sogar Ortungszauber auf dir liegen oder lagen.“
„Ich bin froh, dass du verstehst, warum ich so gehandelt habe.“, seufzte Albus. „Ich wünschte nur, ich hätte früher jemanden eingeweiht, der nach ihm sehen konnte, damit hätten wir Einiges verhindern können.“
„Ich gehe wieder zu Harry.“, entschied der Tränkemeister. „Zum Festessen komme ich und ich werde danach auch nach meinen Slytherins sehen.“
„Alles Gute euch Dreien.“, wünschte der Schulleiter und machte sich auf den Weg in sein Büro, während Severus wieder in den Krankenflügel ging.

Remus hatte darauf bestanden, bei Harry zu bleiben, so lange sein Zustand so kritisch war. Er hatte Angst, dass Harry es nicht schaffte und sie dann nicht bei ihm waren. Severus ging zum Essen, danach noch zu seinen Slytherins, bevor er sich zu Harry und Remus legte. Ohne ein Wort zu sagen, denn er würde nie offen zugeben, wie viel ihm die Beiden bedeuteten, die nun hier mit ihm im Bett lagen. Am Morgen stand er ziemlich unausgeschlafen auf, denn die Nacht war unruhig gewesen, immer wieder hatte Harry heftig gehustet oder Fieberkrämpfe gehabt. Poppy war da gewesen und hatte sich gekümmert. Wahrscheinlich brauchte sie Unterstützung, wenn Harry hier blieb. Eigentlich gehörte er ins St. Mungo, aber alle waren übereinstimmend dafür gewesen, ihm das so lange wie möglich zu ersparen, denn dort waren noch viel mehr Menschen, die er nicht kannte. Hier hatte er wenigstens eine bekannte Person, die sich um ihn kümmerte, dort würde das Personal ständig wechseln.
Beim Frühstück war Severus froh, dass es keine Beschränkung der Kaffeemenge gab, erst nach drei großen Tassen war er einigermaßen ansprechbar. „Alles in Ordnung?“, wandte sich Minerva schließlich an ihn. „Ich habe gehört, dass ihr Harry bei euch habt und es ihm nicht besonders gut geht.“
„Er hat die Nacht mehrere Fieberkrämpfe gehabt, aber zumindest scheint das Fieber ein wenig gesunken zu sein.“, berichtete Severus leise. „Er schwebt nicht mehr akut in Lebensgefahr, aber er ist noch nicht über dem Berg.“
„Wie ist das passiert?“, fragte sie bestürzt.
„Wir waren am Strand und haben wohl nach dem Mittagessen den Wärmezauber vergessen, wie es scheint.“, seufzte Severus. „Es war nicht wirklich kalt, aber für den Kleinen war es zu viel.“
„Kann ich was tun?“, erkundigte sich Minerva.
„Beten.“, war Severus' Antwort.
Sie legte ihm kurz die Hand auf den Unterarm, wissend, dass das alles war, was er an Trost tolerieren konnte. Nur bei Remus Lupin hatte er sich geöffnet, jeder Andere tat gut daran, Abstand zu halten. Ein dankbarer Blick traf sie für einen Moment, bevor Severus seine Maske wieder erstarren ließ. Ein langer Schultag wartete auf ihn und er war unausgeschlafen. Das würde vor allem Gryffindor eine Menge Punkte kosten, so viel war sicher.

„Konzentrieren sie sich gefälligst, Mister Eldridge!“, knurrte Severus in der vierten Stunde. „Das ist das dritte Mal in dieser Stunde, dass sie durch ihre fahrlässige Art die Mitschüler gefährden, weil sie sich nicht exakt genug an das Rezept halten. Zwanzig Punkte Abzug von Gryffindor!“

So ging es heute schon eine ganze Weile. Seit einer Woche war wieder Schule und Harry lag noch immer bewusstlos im Krankenflügel. Poppy hatte Unterstützung aus dem St. Mungo angefordert und bekommen, ein Heiler wechselte sich nun mit ihr ab, sich um den Kleinen zu kümmern. Die Schüler rissen sich zusammen, aber man konnte es dem Tränkemeister nicht Recht machen, das schien gerade unmöglich. Ausnahmslos alle, sogar die Slytherins, waren froh, als es endlich zum Ende der Stunde läutete. Sie hatten eine Menge Hausaufgaben bekommen, auch wenn Severus nicht wusste, wann er das alles korrigieren sollte.

Murrend machten sich die Schüler auf den Weg in die große Halle, wo es nun Mittagessen geben sollte. Gerade die Gryffindors schworen Rache, sie hatten an diesem Vormittag bei Snape fast siebzig Punkte verloren, nur weil der Tränkelehrer schlecht drauf war. Bisher hatte es sich in der Schule nicht herumgesprochen, welches Drama sich im Krankenflügel abspielte, und nur ganz Wenige wussten, dass Severus Snape nicht der Einzelgänger war, der er zu sein schien. Severus bekam das nicht mit, aber gerade die beiden Weasleys, die bereits in der Schule waren, schworen sich, das Leben des Tränkemeisters in nächster Zeit nicht leicht zu machen. Hätte er das gehört, würde er sicherlich Maßnahmen ergreifen, so aber war er unvorbereitet.

„Wie geht es ihm?“, war wie immer seine erste Frage, als er nach dem Nachmittagsunterricht das Zimmer betrat.

„Das Fieber ist wieder ein wenig gestiegen, aber insgesamt ist sein Zustand stabil.“, berichtete Devon Zabini, der zweite Heiler. Severus und Remus kannten ihn, er war einige Jahre über ihnen in Hogwarts gewesen, ein sehr ruhiger und besonnener Mann, vor allem für einen Halbitaliener. „Keine Fieberkrämpfe mehr seit gestern Mittag, das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer. Alles Andere müssen wir abwarten. Aber du solltest dich um Remus kümmern, er braucht eine Pause. Macht einen Spaziergang, geht Essen oder in die Badewanne. Ich kümmere mich um den Kleinen und schicke euch eine Nachricht, sollte sich etwas ändern.“

„Danke, Devon.“, erwiderte Severus ruhig. „Aber ich befürchte, er wird sich nicht weglocken lassen, bis Harry außer Gefahr ist.“ Er ging dennoch hinüber zu seinem Verlobten und legte die Arme um ihn. Remus lehnte sich schwer gegen ihn, sein Gesicht war besorgt, aber nicht mehr so verweint wie die ersten Tage, als er nach dem Unterricht gekommen war.

„Remus, gehen wir ein paar Schritte.“, schlug Severus vor.

„Ich bleibe bei Harry.“, gab Remus müde zurück.

„Du kannst ihm nicht helfen, wenn du dich selbst kaputt machst.“, argumentierte Severus ruhig. „Devon legt ihm neue Infusionen und wäscht ihn, dabei können wir gerade nicht viel tun. Schöpf ein wenig Kraft, dann kannst du ihm besser helfen. Und ich brauche dich auch.“ Der letzte Satz, so leise und undeutlich Severus ihn auch gesprochen hatte, überzeugte Remus letztendlich. Auch wenn er sich nur schwer von ihrem Kleinen trennen konnte, so wusste er doch, dass er Severus seit Ende Juli sehr vernachlässigt hatte und war froh, dass der Tränkemeister nicht wieder zum Alkohol gegriffen hatte. Nochmal hätte Remus nicht die Kraft, ihn da rauszuholen. Vor allem nicht jetzt, während sein Welpe um sein Leben kämpfte.

Noch immer fühlte er sich schockstarr, wenn er an den Moment dachte, in dem Severus entschieden hatte, den Kleinen in Poppys Obhut zu geben. Er war froh, dass Severus ihn nie vor die Wahl gestellt hatte, denn er wusste, dass der Tränkemeister immer wieder zweifelte, ob er das Richtige tat. Remus selbst war nicht sicher, wie er sich entscheiden würde, wenn Sev es verlangen sollte. Harry war sein Welpe und brauchte dringend jemanden, auf den er sich verlassen konnte und er hatte seinen Freunden versprochen, sich um den Jungen zu kümmern, sollte ihnen etwas passieren. Severus auf der anderen Seite war mehr als nur eine Affäre für ihn, er liebte und brauchte ihn an seiner Seite. Nein, eine Entscheidung zwischen den Beiden zu fällen, war unmöglich. Trotzdem musste er nun eine Entscheidung treffen, die ihm sehr schwer fiel, Severus brauchte ihn. Für Harry konnte er gerade nicht viel tun, der Kleine brauchte die Hilfe der Heiler dringender, aber sein Partner, für den konnte er da sein.

„Wir sind bald wieder da, Welpe.“, versprach er Harry, gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn und wandte sich dann Severus zu. „Eine halbe Stunde.“

Severus nickte und sie gingen nach draußen, in Richtung Portal, und von dort aus in den verbotenen Wald. Nur dort konnten sie sicher sein, dass sie Ruhe hatten. Kaum außer Sichtweite, griffen sie gleichzeitig nach der Hand des jeweils Anderen, hielten sich aneinander fest.

„Ich habe mit Albus geredet wegen dem Objekt von Lucius.“, begann Severus nach einer Weile zu berichten, um die Stille, die ihn bedrückte, zu unterbrechen. „Er wollte es sich ansehen, damit wir entscheiden können, was wir damit machen. Er ist sicher, dass Lucius mich nicht nach Askaban bringen kann.“

„Traust du ihm?“, versicherte sich Remus.

„Ja.“, war die schlichte Antwort. „Er wollte Harry nicht schaden. Es tut ihm ehrlich leid und er tut, was er kann. Ohne ihn könnte ich nicht bei euch sein. Er übernimmt die Nachtschichten und hat einen Zauber gewirkt, dass die Schüler, wenn sie nachts zu mir wollen, bei ihm ankommen. Meine Instinkte sind ruhig.“

„Ich konnte auch noch keine Unwahrheit bei ihm feststellen.“, musste Remus zugeben. „Aber momentan bin ich wohl keine große Hilfe.“

„Harry braucht dich, das ist gerade wichtiger.“, fegte Severus den Einwand beiseite. „Aber ich muss zugeben, ich brauche dich auch.“

Er sprach leise, aber der Werwolf bekam es mit. Remus blieb stehen und wandte sich Severus zu, nahm ihn in den Arm und zog ihn fest an sich. Mit der Nase am Hals des Tränkemeisters murmelte er: „Ich liebe dich so sehr, Sev. Ich kann nicht ohne dich leben!“

Sie standen sich gegenüber, lehnten ihre Stirn aneinander und schließlich trafen sich ihre Lippen. Sie genossen ihr Zusammensein für eine Weile, doch dann machten sie sich wieder auf in den Krankenflügel. Auch wenn Harry derzeit bewusstlos war, er konnte sicher spüren, ob sie bei ihm waren. Severus nahm die Hausaufgaben seiner Schüler mit, um sie an Harrys Bett zu korrigieren. Poppy hatte ein Einsehen mit ihm gehabt und einen kleinen Schreibtisch in den Nebenraum gestellt, in dem sie Harry behandelte. Dort wartete gerade auch schon das Abendessen auf sie. Dankbar lächelten sie den beiden Heilern zu, bevor sie sich zum Essen setzten.

 

„Kann ich euch kurz sprechen?“, wollte Albus Dumbledore ein paar Tage später wissen.

Severus sah von dem Aufsatz auf, den er gerade korrigierte, während Remus das Buch, aus dem er Harry vorlas, beiseitelegte. Sie hatten nicht mitbekommen, dass der Schulleiter nach dem Essen vorbeischaute. Harrys Fieber war fast weg und er wirkte deutlich ruhiger, wurde von Poppy aber noch in einem Heilschlaf gehalten, damit sein Körper sich erholen konnte. Synchron nickten beide Albus zu und er trat näher. Sein Blick fiel auf Harry.

„Wie geht es ihm?“, wollte er leise wissen.

„Deutlich besser.“, war die Auskunft von Remus. „Er hat das Schlimmste überstanden. Poppy will ihn noch ein paar Tage schlafen lassen, dann darf er langsam aufwachen. Allerdings wird er wahrscheinlich Monate brauchen, bis er wieder einigermaßen auf den Beinen sein wird.“

„Gut, gut. Das sind zwar nicht die besten, aber immerhin gute Neuigkeiten.“, lächelte der Direktor. „Ich habe nun eine ganze Weile geforscht, was es mit dem Buch von Lucius Malfoy auf sich hat.“

„Buch?“, fragte Remus irritiert.

„Oh, verzeih mir. In der Box, die Severus von Lucius Malfoy bekam, steckte ein Buch. Genauer, ein Tagebuch. Die Seiten sind leer, aber dem Datum nach entspricht es dem Jahr, in dem Tom Riddle sein sechstes Jahr hier in Hogwarts gemacht hat.“, erklärte sich Albus. „Es erschien mir seltsam, aber ich habe weitergeforscht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich bei dem Tagebuch um einen Horkrux handelt.“

Erschrocken atmeten die beiden Männer an Harrys Bett ein. Sie wussten, welch dunkle und böse Magie hinter diesem schlichten Wort steckte. Ein Horkrux war ein abgespaltener Teil einer menschlichen Seele, die durch einen brutalen Mord auseinander gerissen wurde und danach in einem Behälter aufbewahrt, damit der Mensch, dessen Seele es betraf, nicht sterben konnte.

„Ich gehe fast davon aus, dass es nicht der einzige Horkrux sein dürfte, wenn ich Tom Riddle richtig einschätze.“, konkretisierte Dumbledore.

„Das heißt, er könnte jederzeit wiederkommen?“, hauchte der Werwolf.

„Das würde erklären, warum manche Todesser immer noch so an ihm festhalten und sicher sind, dass er wiederkommen wird.“, murmelte Severus, als er sich wieder gefasst hatte. „Warum sie ihm trotz allem immer noch treu ergeben sind.“

„Richtig, und zwar ihr Beide.“, stimmte Albus zu. „Allerdings habe ich keine Ahnung, wie viele Horkruxe es sein werden oder welche Gegenstände er verwendet hat. Oder wo ich danach suchen soll, um es noch deutlicher auszudrücken. Das bedeutet, die Gefahr ist jetzt beinahe noch größer als zuvor, denn wir haben keine Ahnung, wo oder wann Riddle wiederkommt. Denn dass er wiederkommt, daran besteht für mich kein Zweifel. Außer, wir schaffen es, alle Horkruxe zu finden und zu zerstören.“

„Wie zerstört man einen Horkrux?“, hakte Remus nach.

„Die einzigen Methoden, die ich kenne, sind Basiliskengift und Dämonsfeuer.“, gestand Albus. „Und ich habe keine Ahnung, wie ich an das Gift kommen soll. Dämonenfeuer setze ich auch nur ungern ein, es ist sehr schwer bis gar nicht kontrollierbar. Aber so lange wir keine Ahnung haben, was genau wir zerstören müssen, werden wir das sowieso hinten anstellen müssen.“

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Severus, der seinen Arbeitgeber ein wenig kannte.

Dumbledore gluckste kurz. „Vor dir kann ich nichts verheimlichen.“ Dann wurde er wieder ernst. „Ich habe überlegt, ob ich mit Hilfe des Tagebuches etwas herausfinden kann. Da ein Seelenbruchstück darin steckt, kann ich damit Riddle kennenlernen. Vielleicht finde ich damit heraus, erstens wie viele Horkruxe, zweitens welche Behälter und drittens wo sie versteckt sind.“

„Du solltest vorsichtig sein.“, mahnte Severus. „Schwarze Magie ist gefährlich.“

„Ich weiß.“, nickte der Weißhaarige bedächtig und ernst. „Ich hatte gehofft, dass du mir hilfst.“

„Natürlich.“, stimmte der Tränkemeister sofort zu.

„Aber seid vorsichtig.“, bat Remus, als die Beiden gemeinsam den Krankenflügel verließen. Severus drehte sich zu ihm zurück und schenkte dem Werwolf einen intensiven Blick, hielt damit den Blick des Dunkelblonden eine Weile gefangen. Die schwarzen Augen zeugten von dem Versprechen, alles zu tun, damit Harry und Remus sicher waren, gleichzeitig aber nicht zuzulassen, dass ihm selbst oder Dumbledore etwas passierte. Schließlich wandte er sich um und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Seufzend griff Remus wieder nach dem Buch. Auch wenn Harry bewusstlos war, es fühlte sich gut an, dem Kleinen vorzulesen.

 

Severus und Albus gingen zusammen durch die Gänge des Schlosses, bis sie zum Wasserspeier kamen, der den Eingang zum Schulleiterbüro bewachte. „Zischende Zauberdrops“, murmelte der Ältere und der Weg wurde freigegeben. Erst, als sie oben angekommen waren, ließ die Anspannung ein wenig nach. Man konnte nie sicher sein, ob nicht der eine oder andere Anschlag auf den Schulleiter und einen möglicherweise enttarnten Spion verübt wurde. Daher ließen sie nie in ihrer Wachsamkeit nach, denn genügend Kinder von Todessern oder Sympathisanten waren in der Schule, teilweise auch unerkannt.

„Wie hast du es dir gedacht?“, interessierte sich der Tränkemeister, als sie neben dem Tisch standen, auf dem das unscheinbar wirkende Tagebuch lag.

„Um ehrlich zu sein, ich hatte auf deine Hilfe gehofft, Severus.“, gestand der Schulleiter zerknirscht. Severus blickte ihn an und hob seine Augenbraue fragend nach oben. „Du hast das Mal, daher wird dich die Magie als Todesser erkennen. Wenn du nun in das Buch schreibst, vermute ich, dass es dir antworten wird. Jedenfalls hoffe ich es. Dann kannst du versuchen, herauszufinden, was wir wissen wollen, indem du so tust, als ob du den Lord zurückholen willst. Außer dir fällt eine andere Lösung ein.“

Severus zog die Brauen in höchster Konzentration zusammen und überlegte, doch ihm fiel nichts ein, was sie anders machen könnten, daher stimmte er schließlich zu. Albus schob ihm Feder und Tinte hin. Einen kurzen Moment dachte Severus nach, dann tauchte er die Spitze der Feder in die dunkle Tinte, setzte an und schrieb.

Mein Name ist Raven Black.

Eine kurze Zeit passierte nichts, dann verschwanden die Buchstaben und wurden durch neue ersetzt.

Hallo Raven. Mein Name ist Tom. Tom Riddle.

Hallo Tom. Mein Lord.

Darf ich fragen, wie du an mein Tagebuch kommst, Raven?

Lucius hat es mir gegeben. Bei ihm ist es nicht sicher, aber er möchte euch zurückhaben. Leider haben wir nicht die Möglichkeit gehabt. Noch nicht. Wir warten auf den richtigen Moment.

Als Severus seinen Blick einen Moment von den Seiten nahm und zu Albus aufsah, nickte dieser ihm zu.

Wer genau bist du? Ich kann mich an keinen Raven erinnern. Ich weiß, wer Lucius ist und dachte, ich kenne seine Freunde.

Der Seelenteil schien misstrauisch zu sein. Aber Severus kannte sich gut genug aus, um das zerstreuen zu können.

Ich bin einer eurer neuen Todesser gewesen. Kurz bevor ihr umgebracht wurdet, habt ihr mir noch euer Mal geschenkt. Ein entfernter Verwandter der Blacks in London, ein Cousin zweiten Grades von Narzissa. Ich habe bis vor einigen Jahren in Amerika gelebt, kam aber zurück, um mich euch anzuschließen. Narzissas Mann hat mich zu euch gebracht, mein Lord. Lucius ist den Fängen des Ministeriums zwar entkommen, damit er eure Wiederauferstehung vorbereiten kann, wird aber zu genau beobachtet. Von mir weiß kaum jemand, dass ich euch gedient habe. Daher war er ziemlich sicher, dass das Tagebuch bei mir nicht entdeckt wird.

Jetzt kam es darauf an, würde das Bruchstück von Voldemorts Seele misstrauisch bleiben?

Kurz bevor ich umgebracht wurde? Was ist passiert?

Mein Lord, es gab eine Prophezeiung, soweit ich weiß. Ihr wolltet verhindern, dass sie eintrifft und seid gegangen, um diesen Potterjungen zu töten. Etwas ist schiefgegangen, was genau weiß ich leider nicht. Aber in jener Nacht wurde euer Körper vernichtet und der Potterjunge hat überlebt, alle feiern ihn als Helden der Zauberwelt. Keiner weiß genau, was passiert ist.

Es störte Severus gewaltig, so von dem Kleinen zu schreiben, der Junge war nicht mehr das, was er sich anfangs eingeredet hatte. Seine Nemesis war James Potter gewesen, der Kleine hatte zwar sein Aussehen geerbt, aber sonst nichts mit seinem Erzeuger gemeinsam, wie es schien. Aber hier musste er die Seele des dunklen Lords überzeugen, das ging so am leichtesten. Jetzt bildeten sich erneut Buchstaben.

Erzähl mir etwas von dir.

Severus zögerte kurz, dann schrieb er weiter.

Heute nicht mehr, ich möchte niemanden misstrauisch machen. Ich bin nicht alleine, da ich in der Arbeit bin.

Dann klappte er das Buch zu. „Ich kenne den Lord, er ist neugierig und je länger man ihn warten lässt, umso ungeduldiger wird er, das können wir vielleicht für uns nutzen.“, beschloss er.

„Lassen wir ihn also schmoren.“, gluckste der Direktor. „Dann erwarte ich dich an einem der nächsten Abende wieder hier.“

Mit einem knappen Nicken bestätigte Severus das und verabschiedete sich gleichzeitig.

„Mister Weasley, konzentrieren sie sich oder sie handeln sich einen Monat Nachsitzen ein.“, zischte Snape gegen Mitte Oktober ungnädig.

Charlie Weasley schien lieber mit seinem Nachbarn zu flüstern als sich auf seinen Trank zu konzentrieren und hatte nun zum dritten Mal nur dank der Aufmerksamkeit des Professors keine Katastrophe ausgelöst. Severus ließ den angefangenen Trank jetzt endgültig verschwinden und ordnete an, dass er von vorne anfangen sollte. Normalerweise erwartete er von diesem Gryffindor einigermaßen ordentliche Arbeit, aber heute ging bei ihm alles schief. Alles in allem war Severus froh, als die Stunde endlich vorbei war, doch er hielt Charlie Weasley zurück.

„Mister Weasley, sie bleiben noch, der Rest kann gehen.“, ordnete er an.

Der Rothaarige stellte sich neben das Lehrerpult, während Severus die Tür hinter den anderen Schülern schloss. Langsam drehte er sich zu dem Schüler um und ging auf seinen Schreibtisch zu. Er trank einen Schluck aus seinem Glas, bevor er weitersprach. „Was in aller Welt haben sie sich dabei gedacht, Mister Weasley? Sie sind intelligent genug um zu wissen, dass sie heute ihre Klassenkameraden stark gefährdet haben. Damit das nicht wieder vorkommt, werden sie vier Wochen lang den Hausmeister dabei unterstützen, die Räumlichkeiten des Schlosses zu reinigen. Heute Abend melden sie sich nach dem Essen bei Mister Filch, er wird ihnen sagen, was zu tun ist.“

„Ja, Sir. Verzeihung, Professor.“, antwortete der Rothaarige zerknirscht.

„Raus jetzt.“, befahl Severus. Er wollte zurück in den Krankenflügel, zu Remus und Harry, der endlich am Aufwachen war. Sechs Wochen lag der Kleine nun bewusstlos da. Das Fieber war weg und auch die Lungenentzündung war inzwischen ausgeheilt, aber dem Körper fehlten immer noch viele Nährstoffe und deshalb hatte Poppy ihn weiterhin schlafend gehalten. Doch seit ein paar Tagen ließ sie ihn langsam aufwachen und Severus wollte sehen, ob er bereits wach war.

Schnell räumte er alles zusammen, trank das Glas leer und verließ dann das Klassenzimmer. Er bemerkte nicht, dass er dabei beobachtet wurde. Als er die Tür des Krankenflügels hinter sich geschlossen hatte, kicherten die beiden Rothaarigen, die hinter ihm hergeschlichen waren, leise. „Und er hat doch etwas mit Madam Pomfrey! Hihi, Snape und Pomfrey, das hätte ich nie geglaubt!“, wisperte Bill Weasley.

„Ich habe es dir doch schon vor einer Woche gesagt!“, entgegnete Charlie ebenso leise.

Sie hasteten davon in ihren Gemeinschaftsraum, um ihren Freunden von ihrer Entdeckung zu erzählen. Severus hatte keine Ahnung, dass der Gryffindorturm sich über ihn amüsierte, während er mit seinem Verlobten an Harrys Bett saß. Der Kleine war noch nicht richtig wach, aber er wimmerte leise vor sich hin.

„Es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis er richtig wach ist.“, informierte Devon sie. „In dem Tempo, in dem er bisher wach wurde, braucht er vermutlich bis morgen Mittag, frühestens am Vormittag. Ruht euch aus, er wird euch brauchen und ihr werdet alle Kraft brauchen, die ihr habt. Geht schlafen, ich passe mit Poppy auf und sollte er wach werden, bevor ihr wiederkommt, dann gebe ich euch Bescheid und ihr kommt durch den Kamin innerhalb von Minuten zu ihm.“

Remus und Severus wollten protestieren, doch Poppy und Albus, der auch hereingeschaut hatte, erstickten jeglichen Protest, schoben sie einfach aus dem Raum. Der Schulleiter begleitete sie sogar noch bis in die Kerker, so als wollte er sichergehen, dass sie tatsächlich eine Auszeit nahmen. Die Schüler waren zu dieser Zeit in ihren Gemeinschaftsräumen, die Sperrstunde schon durch.

„Ich denke, wir können heute erneut in das Buch schreiben.“, überlegte Severus. Immer wieder in den letzten vier Wochen hatten sie die Neugier des Seelenbruchstückes gereizt und waren nun guter Hoffnung, bald Informationen zu bekommen.

„Komm morgen Abend zu mir, Severus, wir werden dort weitermachen, wo wir vor einigen Tagen aufgehört haben.“, stimmte Albus zu. „Aber heute gehört der Abend euch. Erholt euch und schöpft Kraft, damit ihr dem Kleinen helfen könnt.“

Severus und Remus verabschiedeten sich und gingen in die Privaträume des Tränkemeisters. Beide waren erschöpft von den letzten Wochen oder gar Monaten und Severus überlegte nicht lange. Bald war wieder Vollmond und Remus schien ziemlich verspannt von der ganzen Zeit, die er neben dem Bett gesessen hatte. Also ging der Tränkemeister ins Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne, holte noch eine Kanne Orangensaft aus der Küche und dann den Werwolf in die Wanne. Lange hatten sie nicht mehr so viel Zeit nur zu zweit gehabt, waren sich nicht mehr so nahe gewesen. Sie genossen es, auch wenn ihre Gedanken immer wieder zu Harry wanderten. Eng aneinandergeschmiegt schliefen sie in dieser Nacht, in der Hoffnung, dass ihr Kleiner am Morgen aufwachen würde.

 

„Komm schon, Welpe, mach die Augen auf.“, bat Remus am nächsten Vormittag, der glücklicherweise unterrichtsfrei war, weil Samstag.

Er saß am rechten Bettrand, während Severus links saß. Harry kämpfte ganz offensichtlich, die Augen bewegten sich hektisch unter den Lidern. Hin und her drehte sich der Kleine, atmete schnell und unruhig. Man konnte die Angst sehen, die das Aufwachen bei ihm begleitete. Geduldig sprach Remus auf ihn ein, unterstützt von Severus. Nach und nach lockten sie ihren Kleinen, zu ihnen zu kommen. Das Licht war gedimmt, damit es ihn nicht blendete, und außer den beiden Männern war nur Poppy anwesend, die den Aufwachprozess überwachte.

Endlich, nach fast zwei Stunden, öffnete er vorsichtig die Augen. Nur einen Spalt breit, aber die Erleichterung von Remus und Severus war greifbar, auch wenn Severus es sich nicht anmerken ließ.

„Hey, Welpe. Willkommen in Hogwarts.“, lächelte Remus.

Harry sah sich um und zuckte zusammen, als er die fremde Umgebung bemerkte. Seine Hand umklammerte Remus' Arm und er wirkte, als wollte er sich irgendwo verkriechen.

„Langsam, Harry.“, mahnte Severus. „Wir sind da, du bist in Sicherheit, aber wir mussten dich hierher bringen, damit Poppy dich besser versorgen konnte.“

„Nicht weggehen!“, wimmerte Harry heiser.

„Wir gehen nicht weg, mein Kleiner.“, versprach Remus leise. „Komm her zu mir, du bist sicher.“

Er zog Harry auf seinen Schoß und ließ zu, dass der Kleine sich einkuschelte, passte nur auf, dass die Kanülen in den Armen blieben und die Infusionen weiterliefen. Der Fünfjährige schien zu frieren und schmiegte sich dicht an den warmen Körper des Werwolfes. Severus nahm die Decke und legte sie über den Kleinen, strich ihm über den Kopf.

„Sev.“, hauchte Harry und lächelte ihm kurz zu.

„Ja, Harry.“, bestätigte der Tränkemeister. „Ich bin froh, dass du wieder wach bist, mein Kleiner.“

Sie konnten sehen, wie erschöpft der Fünfjährige war. Das Aufwachen hatte ihn sehr viel Kraft gekostet. Der Kleine schmiegte sich an den Werwolf und schloss die Augen erneut. Erleichtert lächelte Remus seinem Verlobten zu. Der gestrige Abend hatte ihnen beiden gut getan, sie waren deutlich entspannter als zuletzt. Nun wachten sie erneut über Harrys Schlaf, aber diesmal war es ein Schlaf aufgrund von Müdigkeit. Dennoch ließen sie ihn nicht zu lange schlafen, denn er musste sich wieder an normale Nahrungsaufnahme gewöhnen.

„Harry, mein Kleiner.“, strich Severus ihm mit den Fingern über die Wange. „Du musst aufwachen und etwas essen.“

Mühsam zwang der Kleine seine Augen auf, er wusste, es war nicht gut, wenn er Anweisungen nicht befolgte. Dann fiel ihm ein, dass er bei Sev und Remus war, die ihn noch nie geschlagen oder bestraft hatten, noch nicht einmal arbeiten musste er bei ihnen. War das alles doch kein Traum? Oder wollten sie ihn nur in Sicherheit wiegen? Und dann, wenn er sich sicher fühlte, kam dann alles auf einmal? Harry zitterte vor Angst, vor allem weil er nicht genau wusste, wo er war. Alles war so fremd für ihn.

Besorgt beobachtete Severus, wie die grünen Augen hektisch hin und her gingen, wie sich die alte Angst wieder in ihnen verbreitete. Er seufzte unhörbar auf, es würde noch lange dauern, bis der Kleine endlich ein normales Leben führen konnte. Fürs Erste reichte er ihm eine Schale mit Suppe, die er essen sollte. Harry zitterte so sehr, dass er ihn füttern musste, denn er würde alles verschütten, wenn er den Löffel selbst in die Hand nahm. Nicht einmal die Hälfte der Schale schaffte er, dann lehnte sich Harry zurück, er konnte nicht mehr.

„Schlaf, Harry.“, murmelte Remus' dunkle Stimme irgendwo über ihm und er schloss die Augen, war fast sofort eingeschlafen. Trotz aller seiner Ängste und Befürchtungen fühlte er sich sicher in diesen Armen.

„Ich belasse die Infusionen erst einmal noch.“, meldete sich Poppy zu Wort, als der Junge eingeschlafen war. „Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis er es schafft, normale Portionen zu essen, dadurch dass er nie genug bekommen hat, gewöhnte sich sein Magen an die geringen Portionen und hat sich verkleinert. Und jetzt war er etwa sechs Wochen bewusstlos und wurde über die Infusion ernährt. Da ist es kein Wunder, wenn er nur wenig isst, aber dafür sollte er fünf bis sechs Mahlzeiten täglich essen. In den nächsten Tagen wird er sicher noch die meiste Zeit schlafen, nur zum Essen oder für die Toilette wach werden, aber das wird besser, je mehr Nährstoffe er zu sich nimmt.“

„Ich muss ins Labor.“, stand Severus gegen zwei Uhr auf. „Du brauchst deinen Wolfsbann ab heute. Ich bringe ihn mit, wenn ich zum Abendessen komme.“

Remus nickte und legte sich mit Harry zusammen ins Bett. Der kommende Vollmond war schon zu merken und die letzten Wochen hatte er auch nicht besonders gut geschlafen. Der letzte Vollmond vor drei Wochen war anstrengend gewesen, seine Gedanken ständig bei dem bewusstlosen Jungen im Krankenflügel. Der gestrige Abend war wunderschön gewesen, aber auch da hatte er nicht so viel Schlaf abbekommen. So lange hatten sie nicht mehr beieinander geschlafen – zumindest nicht ohne Harry zwischen ihnen – das hatten sie gestern sehr ausgenutzt. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf Remus' Lippen, als er in den Schlaf glitt.

 

Am Abend klopfte Severus an die Tür von Albus' Büro. „Ah, Severus, mein Junge!“, begrüßte ihn der Schulleiter. „Wie geht es dem kleinen Harry?“

„Erschöpft, aber das wird sicher bald.“, antwortete Severus, seine Ungeduld nur ungenügend maskierend. „Kümmern wir uns um Riddle.“

„Ich hoffe, es gibt nicht noch mehr, was er über dich wissen will, bevor er seine Geheimnisse mit dir teilt!“, stöhnte Albus leise.

In den letzten Wochen hatten sie sich beinahe jeden Abend mit dem Tagebuch unterhalten. Tom hatte Raven ausgefragt und sie waren froh, dass Severus sich so enorm gut auskannte, denn er konnte meist sagen, welche Antwort den Lord zufriedenstellen würde. Dennoch hatte Tom immer neue Antworten gefordert. Sie waren nicht sicher, ob dieser Seelenteil überhaupt sagen konnte, welche anderen Seelenteile es gab und wo sie danach suchen konnten.

Hallo Raven, wie geht es meinem guten Freund Lucius? Und was ist mit Snape? Es scheint, als hätte er mich verraten.

Lucius Malfoy wird immer noch vom Ministerium belästigt. Aber sie finden nichts, da sollte man meinen, sie geben es irgendwann auf. Dieser Snape ist nahe an Dumbledore, wir sind nicht sicher, ob er noch auf unserer Seite ist. Aber da er auf euren Befehl an die Seite des Alten gegangen ist, wissen wir nicht, ob es nicht doch alles gespielt ist. Er ist undurchschaubar.

Dann solltet ihr vorsichtig sein. Behandelt ihn neutral; wenn ich wieder da bin, werden wir sehen, auf wessen Seite er steht.

Aber wie bekommen wir euch zurück, mein Lord?

Ich habe sechs Horkruxe geschaffen, einen davon hast du bereits in der Hand, aber da du wohl meine Hilfe brauchst, kannst du diesen nicht verwenden. Wenn du nach Hogwarts hinein kannst, dann nimm das Diadem von Ravenclaw, das ist in einem Raum im siebten Stock, gegenüber des Wandteppichs von Barnabas dem Bekloppten. Kommst du dorthin, Raven?

Severus wechselte einen kurzen Blick mit Albus Dumbledore, der den Kopf leicht schüttelte. Dann konzentrierte er sich wieder auf das Buch.

Nein, ich werde nicht nach Hogwarts kommen, fürchte ich. Dumbledore ist sehr aufmerksam, wer dahin kommt. Ich habe keine Kinder und auch sonst keinen Grund, in die Schule zu kommen.

Nun, da kann man wohl nichts machen, wir wollen schließlich Dumbledore nicht auf den Plan rufen. Aber es gibt da eine Höhle an der Küste, dort ist das Medaillon von Slytherin. Ich kann es dir zeigen.

Zeigt es mir, mein Lord, damit ich euch zurückholen kann!

So ungeduldig, mein treuer Diener? Dann sieh es dir an!

Erschrocken sah Severus auf und begegnete dem Blick Dumbledores, der ihm ermutigend zunickte. Hier konnte er ihm nicht helfen, ohne dass sie sich verdächtig machten. Allerdings hatte er den Zauberstab bereit, um ihm notfalls zu helfen. Der Tränkemeister blickte zurück auf das Buch, wo sich nun eine Seite öffnete, und ein kleines Bild erschien, erst nur Stecknadelkopf-Größe, dann wurde es größer und deutlicher erkennbar. Sie sahen eine Klippe im Meer, dort stürmte es und die Gischt spritzte über die schwarzen, scharfkantig aussehenden Felsen. Beide schauderten, bevor Severus seinen Kopf neigte und noch genauer hinsah, er musste herausfinden, wo genau der Horkrux war.

Er fühlte einen Zug, widerstand aber. Unter keinen Umständen wollte er dort hinein gezogen werden. Dennoch konnte er inzwischen gut erkennen, wie die Umgebung aussah. Er prägte es sich genau ein. Dann sah er, wo der Zugang zu einer Höhle war, man würde wohl schwimmen müssen, um den Eingang zu erreichen. Es ekelte ihn, als er erkannte, dass der Zugang mit Blut geöffnet wurde. Ein dunkler, schwarzer See wartete im Inneren, der überquert werden musste. Auf einer Insel schließlich war der Horkrux versteckt. Inmitten eines Beckens, in dem ein Zaubertrank ihn schützte.

Severus war erleichtert zu sehen, dass das Bild langsam wieder kleiner wurde. Vor Anstrengung hatten sich einige Schweißtropfen auf seiner Stirn gebildet und die Hand zitterte leise. Als das Bild verschwunden war, bildeten sich erneut Worte auf dem Papier.

Raven, ich hoffe, du hast dir das gut gemerkt. Suche das Medaillon, dann kann ich dir helfen, die Wiederauferstehung in die Wege zu leiten.

Danke für euer Vertrauen, mein Lord. Ich werde mich so schnell wie möglich auf den Weg machen.

Nimm einen Bezoar mit, wenn du an einen kommst, denn du musst den Trank zu dir nehmen, sonst kannst du den Horkrux nicht entfernen.

Danke mein Lord. Ich werde euch nicht enttäuschen!

Severus klappte das Buch zu und lehnte sich zurück, er fühlte sich erschöpft. Dennoch waren sie nun einen Schritt weiter. Sie wussten nun über zwei weitere Horkruxe Bescheid, außerdem hatten sie erfahren, dass sie noch nach drei weiteren suchen mussten. Das schien eine Menge Arbeit zu werden.

„Ruh dich aus, Severus, mein Junge.“, klopfte Albus ihm auf die Schulter. Er hatte die Zeichen der Anstrengung erkannt. „Wir warten bis nach dem Vollmond, um das Medaillon an uns zu bringen. Kümmere dich um deine Familie.“

Müde verließ der Tränkemeister das Schulleiterbüro. Es war inzwischen kurz nach Mitternacht, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellte. Er wollte nur noch ins Bett, entschied aber, einen Kontrollgang zu machen. Immerhin war es seine Pflicht als Lehrer an dieser Schule, und da gerade Sonntag angefangen hatte, konnte er am Morgen ausschlafen. In den Gängen war es ruhig, die Schüler scheinbar alle in ihren Betten. Da Hogsmeade-Wochenende war, kamen die meisten Schüler erst gegen Abend aus dem Dorf wieder nach Hause und waren dann dementsprechend müde. Kurz, bevor er in die Kerker abbiegen konnte – er hatte entschieden, in seinem Bett zu schlafen – hörte er Schritte. Schnell eilte er in die Richtung, sah sich dann aber keinem Schüler gegenüber sondern seiner Kollegin aus Gryffindor. „Severus!“, grüßte sie ihn erfreut. „Du siehst müde aus. Wie geht es dem kleinen Harry?“

„Minerva.“, erwiderte Severus. „Dem Kleinen geht es besser, er war heute kurz wach. Ich komme gerade aus Albus' Büro, wir arbeiten immer noch gegen den dunklen Lord.“

„Albus erwähnte so etwas in der Art vor einigen Tagen.“, nickte die Schottin. „Ach, ich wollte dich warnen: Meine Gryffindors haben scheinbar mitbekommen, dass du viel in den Krankenflügel gehst. Sie dichten dir eine Affäre mit Poppy an.“

„Was?“, fuhr Severus auf.

„Beruhige dich. Wir alle wissen, was dahintersteckt, aber lass die Schüler doch. Sie haben bisher keine Ahnung, warum du wirklich immer im Krankenflügel bist, und spätestens, wenn deine Bindung bekannt wird, dann haben die Gerüchte ein Ende.“, beruhigte Minerva ihn, bevor er noch mehr schreien konnte.

„Wenn sie nur ihre Aufgaben auch so zuverlässig erledigen würden.“, knurrte Severus. „Hat sich Harrys neuer Aufenthaltsort in der Zauberwelt noch nicht herumgesprochen? Das ist ja kaum zu glauben.“

„Nur zum Teil.“, wusste Minerva. „Lest ihr keine Zeitung?“

„In letzter Zeit nicht, wieso?“, erkundigte sich Severus mit erhobener Augenbraue.

„Es gab eine ganze Weile lang Gerüchte über Harry. Inzwischen wissen wohl alle, dass Remus ihn von seinen Verwandten geholt hat, weil er dort misshandelt wurde. Nur von deiner Beteiligung ist bisher nicht die Rede, was uns alle irgendwie verwundert, vor allem, weil du ja auch vor dem Gamot ausgesagt hast. Aber es scheint, als wüsste die Presse nichts von eurer Verbindung.“, berichtete die Schottin.

„Das ist ja mal eine interessante Wendung, ich war sicher, dass der Prophet sich über unsere Beziehung auslässt, das war einer der Gründe, warum ich ihn schon seit Harrys Befreiung nicht mehr gelesen habe.“, erklärte Severus und musste ein Gähnen unterdrücken.

„Du solltest schlafen gehen, Severus.“, riet Minerva. „Ruh dich aus, du musst für Harry da sein, er braucht dich. Gute Nacht.“

„Danke Minerva.“, nickte Severus seiner Kollegin zu. „Gute Nacht.“

„Harry, mein Kleiner. Ganz ruhig. Du bist sicher, hab keine Angst.“, sprach Severus einige Nächte später ruhig auf den Fünfjährigen ein, der sich tränenüberströmt in seine Arme geflüchtet hatte. „Remus kommt wieder, er lässt dich nicht alleine. Dafür liebt er dich viel zu sehr. Weißt du noch, du bist sein Welpe.“

„Wie Kind.“, wisperte Harry mit zitternder Stimme.

„Genau, wie sein Kind.“, bestätigte Severus. „Komm her, schlaf schnell, umso eher ist er wieder da.“

Remus rannte gerade als Wolf durch den verbotenen Wald und es waren noch einige Stunden, bis er sich wieder zurückverwandeln würde. Jetzt war es ungünstig, dass Harry vor einer Woche aufgewacht war, denn er hatte gerade angefangen, wieder ein wenig Vertrauen zu fassen und Remus war erneut seine Hauptbezugsperson geworden. Harry hatte auch Vertrauen zu Severus, aber nicht so stark wie zu Remus. Vorgestern waren Harry und Remus zu ihm in die Kerker gezogen. Das würde hoffentlich die Gerüchte über ihn und Poppy beenden, denn die Heilerin kam durch den Kamin, um nach Harry zu sehen. Die Kanülen waren aus seinen Armen entfernt worden, da er sich wirklich angestrengt hatte, ordentlich zu essen. Zusammen mit Nährtränken, die Severus ihm braute, aß er nun kleine Portionen, aber die zuverlässig.

„Sev dableiben.“, forderte Harry im Halbschlaf und klammerte sich an den Tränkemeister.

„Ich bleibe bei dir, mein Kleiner.“, bestätigte Severus ruhig. „Zum Frühstück ist Remus auch wieder da, und weil morgen Sonntag ist, haben wir den ganzen Tag Zeit. Am Montag muss ich dann wieder die Schüler unterrichten. Magst du mir morgen vielleicht im Labor ein bisschen helfen? Ich muss neue Tränke für den Krankenflügel brauen.“

Harry machte seine Augen noch einmal auf und strahlte ihn an. „Wirklich?“

„Ja, wirklich.“, bestätigte Severus schmunzelnd. „Ich würde mich freuen.“

„Ja!“, freute sich Harry und kuschelte sich in die Arme des Tränkemeisters. Es dauerte nicht lange, da schlief der Kleine wieder tief und fest, und überraschenderweise wurde Severus das nächste Mal wach, als Remus in das Bett krabbelte.

„Guten Morgen, Remus.“, wisperte er.

„Guten Morgen, Sev.“, grüßte ein überraschter Remus zurück, er hatte nicht gemerkt, dass Severus wach geworden war. „Wie war die Nacht?“

„Zuerst unruhig, aber dann haben wir ausgemacht, dass er nach dem Frühstück, bei dem du wieder da bist, mit mir ins Labor gehen darf. Seither schläft er ruhig.“, berichtete der Schwarzhaarige flüsternd.

Sie schlossen ihre Augen und schliefen beide ein, bis Harry schließlich etwa zwei Stunden später aufwachte und sich sofort an Remus schmiegte. Scheinbar hatte er immer noch nicht glauben können, dass der Dunkelblonde wiederkommen würde. „Remus wieder da!“, lächelte er und man konnte die Erleichterung sehen und hören.

„Ich habe es dir versprochen, Welpe.“, antwortete Remus. „Manchmal muss ich ein paar Stunden weg, aber ich werde immer wiederkommen. Ich hab dich lieb, Harry.“ Damit schloss er Harry in seine Arme. Sie blieben noch eine Weile aneinandergeschmiegt liegen, bis sie hörten, dass die Elfen in der Küche das Frühstück herrichteten. Noch im Schlafanzug setzten sie sich an den Tisch. Harry bekam einen Toast mit Marmelade, dazu eine Schale Joghurt mit Obst und Honig. Wie immer reichte ihm Severus einen kleinen Becher mit einem leicht bitter schmeckenden Trank, der ihm helfen sollte, die Mängel in seiner bisherigen Ernährung auszugleichen. Nach dem Essen ließen sie ein warmes Bad ein. Remus war von der Verwandlung vollkommen verspannt und Harry durfte heute zum ersten Mal wieder in die Wanne, die letzte Woche war er gewaschen worden. Die Kanülen in den Armen hatten es unmöglich gemacht, ihn unter die Dusche zu stellen oder gar in die Badewanne setzen zu lassen.

Remus setzte sich mit einem wohligen Seufzen in das warme Wasser, dann reichte er nach Harry. Der ließ sich nicht zweimal bitten und zog schnell seinen Schlafanzug aus. Severus hob ihn in die Wanne, wollte vermeiden, dass er beim Klettern möglicherweise stolperte und sich einen Knochen brach. Seine Knochenstruktur war immer noch brüchig, daher durfte der Junge nicht toben und herumrennen. Wobei, im Moment wollte er das scheinbar nicht, war vollkommen damit zufrieden, auf Remus' Schoß zu sitzen und von Severus vorgelesen zu bekommen. Ruhig saß der Fünfjährige mit Remus in der Wanne. Allein wollten sie ihn nicht ins Wasser lassen, da er noch nicht wirklich fit war. Severus hatte das Spielzeug aus Spinners End geholt und Harry spielte nun völlig hingerissen mit zwei der Muscheln, die er am Strand gefunden hatte.

„Poppy meinte gestern, er sollte einen Klimawechsel bekommen und sich in Ruhe in einer milderen Umgebung erholen.“, erzählte er Remus.

„Aber du kannst nicht mit.“, erkannte Remus die kleine Veränderung in seiner Stimme, die Andere nicht bemerken würden.

„Ich muss unterrichten. Aber die Wochenenden könnte ich zu euch kommen.“, bestätigte Severus. „Poppy schlug eine der portugiesischen Inseln vor, weil die nicht im Mittelmeer liegen. Das Klima dort ist optimal für Harry, vor allem für seine Lungen.“

„Aber dort zu wohnen können wir uns nie leisten.“, gab Remus zu bedenken.

„Müssen wir auch nicht. Albus hat erzählt, eine Tante von ihm lebt dort, sie würde uns, oder hauptsächlich euch Beide, aufnehmen, so lange es nötig ist. Da sie magisch ist, wäre auch Zauberei kein Problem und ihr Kamin ist an das Flohnetzwerk angeschlossen.“, wusste Severus. „Es ist für unseren Kleinen, ich werde akzeptieren, euch nicht täglich zu sehen. So wie früher mit uns Beiden.“ Bis letzten Juni hatten sie sich unter dem Jahr auch nur an den Wochenenden gesehen, da Severus in Hogwarts war und Remus immer wieder versuchte, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Er wohnte in Spinners End; seit dem Tod seiner Eltern hatte der Werwolf kein Zuhause mehr. Erst jetzt, mit Harry als Teil ihrer Familie, sahen sie sich öfter. Und es schien, als hätte sich Severus sehr daran gewöhnt.

Da fiel Remus etwas ein. „Sev, hast du mit Albus schon über die Bindung gesprochen?“, wollte er wissen.

„Ja. Er ist bereit, uns zu binden, sobald wir so weit sind. Im Prinzip können wir es jederzeit machen, da wir keine Gäste haben. Oder gibt es jemanden, den du einladen willst?“, hakte Severus nach.

„Nein, es gibt niemanden.“, antwortete Remus traurig. „Sirius, Peter und James waren meine Freunde, sonst hatte ich nie jemanden.“

„Remus traurig?“, wollte Harry wissen.

„Ja, Welpe. Ich bin traurig. Dein Dad war mein bester Freund. Seit er gestorben ist, habe ich keine Freunde mehr, außer Severus hat sich niemand mehr für mich interessiert seither.“, gestand Remus.

„Ich dein Freund, Remus!“, streichelte Harry vorsichtig über die Wange. „Freak auch keine Freunde. Aber Harry Freunde, Remus und Sev.“

Dankbar zog Remus den Kleinen in seine Arme und knuddelte ihn vorsichtig. Verletzen wollte er ihn natürlich nicht, aber die kindlichen Worte hatten ihn sehr berührt. „Komm, raus aus der Wanne mit uns!“, entschied er schließlich und hob Harry hoch, sodass er in dem warmen Handtuch landete, das Severus bereithielt. „Sev? Ich würde mich gerne an dich binden, bevor ich mit Harry auf Kur gehe.“

„Dann werde ich mit Albus sprechen. Wir brauchen nur noch Zeugen.“, stimmte Severus zu. „Ich kann gleich mit Minerva reden, sie weiß schon von unserer Verlobung. Willst du immer noch Kingsley Shacklebolt?“

„Ja, er ist das, was einem Freund am nächsten kommt. Ich kenne ihn seit Hogwarts, auch wenn er vier Jahre über uns war. Wir haben damals immer mal miteinander gesprochen, er hat gerne Brettspiele gespielt. Ich war einer der Wenigen, die diese Leidenschaft teilten.“, erklärte Remus. „Ich werde ihm noch heute eine Eule schicken.“

„Nimm meinen Raben.“, bot Severus an. „Odin hat nicht besonders viel zu tun, seit du hier bist. Sonst durfte er immer unsere Post hin und her fliegen.“ Beide tauchten in Gedanken einen Moment in die gemeinsame Vergangenheit ein, bis ein Geräusch sie hochschrecken ließ. Harry hatte das Handtuch inzwischen fallen gelassen und versuchte, sich anzuziehen. Allerdings hatte er offenbar noch nicht gelernt, Knöpfe zu schließen, denn gerade versuchte er es ziemlich erfolglos. Wenn man überlegte, was er bisher getragen hatte, war es nicht nötig gewesen, er hatte die Hosen geschlossener Weise anziehen können, weil sie weit genug waren. Jedes Mal, wenn er glaubte, es geschafft zu haben und die Hose losließ, ging der nur halb geschlossene Knopf wieder auf und die Hose rutschte ihm von der Hüfte. Während Remus sein Schmunzeln verbergen musste, damit Harry nicht verärgert wurde, kniete sich Severus zu dem Jungen und half ihm. Anschließend setzten sie sich ins Wohnzimmer, Remus an den Schreibtisch und Severus mit Harry auf das Sofa.

Als Remus mit seinem Brief fertig war, rief Severus seinen Raben Odin zu sich. Harry zuckte zusammen, als plötzlich ein ziemlich großer Rabe im Wohnzimmer auftauchte. Severus hatte ihm das Fenster offen gelassen, das oben unter der Decke war. Panisch flüchtete er hinter Remus, rannte so hastig, dass er beinahe gestürzt wäre, wenn der Werwolf nicht schnell genug reagiert hätte. „Langsam, Welpe!“, mahnte er. „Das ist Sevs Rabe, er tut dir nichts, er bringt die Post. Schau, ich habe einen Brief an einen Bekannten geschrieben. Den binde ich nun an Odins Bein und sage ihm, wo er ihn hinbringen muss: Zu Kingsley Shacklebolt, Ministerium in London.“

Mit riesigen Augen verfolgte Harry, wie der Vogel sein Bein hoch hielt, damit Remus den Brief festbinden konnte und schließlich, wie der Rabe elegant seine Schwingen ausbreitete und durch das Fenster davon flog. Er hatte mal etwas von Brieftauben gehört, als Dudley fernsehen durfte, aber von Raben war da nicht die Rede gewesen. Wieder zeigte sich, dass er in einer gänzlich fremden Welt gelandet war. Fremd für ihn, aber so normal für die beiden Männer, die mit seinen Eltern befreundet gewesen waren, wenn das denn stimmte. Da er nicht viel wusste, außer dass er seinem Vater ähnlich sah, konnten sie ihm alles erzählen. Tränen schossen in seine Augen, als ihm klar wurde, dass er hier noch weniger Kontrolle über sein Leben hatte als bei Onkel und Tante. „Hey, Welpe. Nicht weinen.“, bat Remus. „Was ist denn, mein Lieber?“ Harry antwortete nicht, konnte nicht in Worte fassen, was los war. Severus nahm ihn in den Arm, kopierte das, was er von Remus immer sah. Es war erstaunlich, wie zutraulich der Junge ihm gegenüber jetzt war. Vor seiner Krankheit wäre das nicht möglich gewesen.

„Hast du Angst, Harry?“, fragte Severus. Ein kleines Nicken. „Wovor hast du Angst? Dass du wieder alleine bist?“ Harry zögerte kurz, dann nickte er. „Oder dass etwas passiert, das du nicht kennst?“ Noch ein Nicken. „Vielleicht auch, weil du dich hier nicht auskennst?“ Harry schmiegte sich an Severus, der ein Nicken an seiner Schulter spürte. „Weil du niemanden hast, der zu dir gehört?“ Ein weiteres, sehr zögerliches Nicken.

Remus und Severus tauschten einen Blick, dann kniete sich der Dunkelblonde zu ihnen. Ächzend bückte er sich, nach der Verwandlung hatte er zumeist tagelang Muskelkater. Dennoch legte er seine Arme auch um den Fünfjährigen. „Harry, möchtest du unser Kind sein?“, fragte er sanft.

Mit geweiteten Augen blickte der Junge von Severus zu Remus und zurück. Harry konnte nicht glauben, was er da hörte. Sollte das bedeuten, dass er Eltern bekommen würde? Richtige Eltern? Remus und Sev wollten ihn wirklich haben? „Daddy Remus und Daddy Sev?“, versicherte er sich.

Remus musste sich ein Kichern verbeißen, als er die Kombination aus Daddy und Sev hörte. Wer hätte das noch vor ein paar Monaten geglaubt, dass ausgerechnet Severus gefragt sein würde als Vater?

„Ja, mein Kleiner. Genau so. Wir wären dann deine Daddys.“, antwortete Severus. „Möchtest du das?“ Der Kleine sah sie noch eine Weile überlegend an, dann nickte er ganz langsam. Man konnte die Hoffnung in seinen Augen sehen. Allerdings wirkte es auch, als könnte er es immer noch nicht wirklich glauben. Sie würden wohl Taten sprechen lassen müssen.

„Also gut, ich rede mit Albus. Wir haben vom Gamot die Erlaubnis, Harry zu adoptieren, wenn wir gebunden sind. Die Papiere dafür haben wir hier, er kann beide Zeremonien gleichzeitig durchführen.“, überlegte der Tränkemeister.


Etwa eine Woche später, an Halloween, standen sie einander gegenüber. Albus hatte seinen privaten Trainingsraum im Schulleiterturm ein wenig umgeräumt und dekoriert. Minerva stand neben Severus, Kingsley neben Remus. Harry hatte zwischen den Beiden Platz gefunden. Extra für diesen Tag hatten sie ihm einen Anzug und einen kleinen Festumhang angezogen, was die Kleidung von seinen zukünftigen Vätern widerspiegelte. Stolz hielt Harry das kleine Schmuckkästchen in der Hand, das Kingsley ihm gegeben hatte. Aufmerksam verfolgte er die Zeremonie, auch wenn er nicht ganz verstand, was genau der Weißhaarige da sagte. Aber Remus und Sev passten auf und achteten nur auf den Mann vor ihnen, also bemühte sich Harry auch, das zu tun. Er wollte sie stolz auf ihn machen und hatte Angst, dass sie doch nicht mehr seine Väter sein wollten, wenn er sich nicht benahm.

„… und so frage ich dich, Severus Snape, willst du dich an Remus Lupin binden und mit ihm dein Leben teilen, bis euer gemeinsames Leben einst zu Ende ist?“, sprach Albus Dumbledore gerade, der extra für diesen Tag einen himmelblauen Umhang zu einer hellrosafarbenen Robe trug.

„Ja, das will ich.“, antwortete Severus ernst. Wie immer trug er auch heute schwarz, aber sein Umhang war mit silbernen Ornamenten bestickt. Seine Hand war mit der von Remus verschränkt und sie sahen sich fest in die Augen.

„Ich frage auch dich, Remus Lupin, willst du dich an Severus Snape binden und mit ihm dein Leben teilen, bis euer gemeinsames Leben einst zu Ende ist?“, fragte er erneut.

„Ja, das will ich!“, lächelte Remus und strahlte seinen Partner an. Der Werwolf trug heute einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd, dazu einen weißen Umhang aus einem weichen Stoff. Harry wollte sich darin einkuscheln.

„Harry? Darf ich um die Ringe bitten?“, wandte sich der Direktor nun an den Jüngsten. Der Fünfjährige hob die Schmuckschatulle hoch und nestelte am Verschluss. Geduldig warteten sie, bis er ihn offen hatte, dann hielt er Severus die Box hin. Der Tränkemeister nahm einen der Ringe heraus und steckte ihn Remus an den Ringfinger der linken Hand.

„Dieser Ring ist nur ein äußeres Zeichen unserer Bindung, die unsere Seelen vereint. Trage ihn, um zu zeigen, dass du dich mit mir verbunden fühlst, dass wir unser Leben teilen und uns gegenseitig unterstützen und lieben bis an unser Ende.“, sprach Severus die zeremonielle Formel, doch man konnte sehen, wie viel Gefühl aus seinen Augen strahlte.

Nun nahm Remus den anderen Ring, steckte ihn an Sevs Finger, wiederholte dabei die gleichen Worte wie Severus zuvor. Wieder verschlangen sich ihre Hände ineinander. Albus zog seinen Zauberstab und wirkte einen Zauber. Als er damit auf die verschränkten Hände tippte, leuchteten die beiden Männer kurz auf. Severus und Remus sahen sich an, als wären sie alleine, sie schienen gar nicht wahrzunehmen, dass noch jemand mit ihnen hier war. Ihre Gesichter kamen sich immer näher und schließlich berührten sich ihre Lippen. Das Leuchten nahm noch einmal zu und hüllte sie ein, bis sie den Kuss nach einer Weile beendeten.

„Herzlichen Glückwunsch!“, gluckste Albus. „Darf ich fragen, welchen Ehenamen ihr gewählt habt?“

„Remus Lupin und Severus Snape-Lupin.“, verriet der Tränkemeister.

Nun gratulierten auch Kingsley und Minerva den beiden frisch Gebundenen. Doch es war noch nicht zu Ende, denn sie wollten schließlich auch Harry adoptieren. Remus hob Harry auf seinen Arm, Severus legte die Hand auf seine Schulter und sie wandten sich gemeinsam dem Schulleiter und Vertreter des Zaubergamot zu. „Remus Lupin, Severus Snape-Lupin.“, begann der Weißhaarige. „Ihr habt kundgetan, dass ihr Harry James Potter adoptieren wollt. Ist dies noch immer euer Wille? Wollt ihr dem Jungen die Eltern ersetzen, bis er selbst für sich sorgen kann?“

„Ja, das wollen wir.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig.

„Und du, Harry, möchtest du, dass diese beiden Männer, Severus und Remus, deine Väter sind?“, wollte Albus nun von dem Jungen wissen.

Harry wusste, er musste nun eine Antwort geben. Ganz hatte er nicht verstanden, warum das sein musste, aber es war offenbar notwendig, dass er sprach und nicht nur nickte, das hatten ihm Sev und Remus erklärt. „Ja, das will ich.“, kam es leise von dem Fünfjährigen.

„Danke, mein Junge!“, lächelte Dumbledore. „Dann soll es so sein: Harry James Lupin ist nun der Sohn von Remus Lupin und Severus Snape-Lupin. Herzlichen Glückwunsch ihr Drei!“ Harry fand sich in einer Doppelumarmung wieder, die ihm Wärme schenkte. Erst, als die beiden anderen Erwachsenen, Harry erinnerte sich, dass sie King und Minerva hießen, mit Sev und Remus redeten, lockerten sie ihre Arme um den Jungen.

„Herzlichen Glückwunsch auch von mir!“, lächelte die Schottin warm. „Jetzt seid ihr eine Familie.“

„So glücklich habe ich dich seit vor dem Abschluss nicht mehr gesehen, Rem.“, umarmte Kingsley seinen Freund. „Ich freue mich ehrlich für dich, dass du glücklich bist.“

„Danke. Auch, dass du heute hier bist.“, strahlte Remus. „Du gehst doch noch Essen mit uns?“

„Ihr alle seid eingeladen.“, fügte Severus hinzu und sah auch Minerva und Albus dabei an. „Wir haben einen Tisch im ‚Goldenen Schnatz‘ reserviert.“ Zu sechst machten sie sich wenige Minuten später auf den Weg nach Hogsmeade. Harry lief zwischen Remus und Severus, hatte je eine Hand von Beiden in seinen Händen. Einerseits weil es sich für die Erwachsenen richtig anfühlte, andererseits damit sie verhindern konnten, dass Harry stürzte, denn seine Knochen waren immer noch sehr porös und sie wollten einen Bruch vermeiden.

Das Restaurant entpuppte sich als kleines, aber sauberes Dorfgasthaus. Es war ebenerdig, wobei hinten wohl Privaträume waren. Vorne war die Gaststube, in der maximal etwa dreißig Personen Platz hatten, die im Moment aber nur von fünf Gästen besetzt war, die eben ihr Mittagessen serviert bekamen. Sie wurden zu einem Tisch am Fenster geführt, der für sechs Personen gedeckt war. Sogar ein Hochstuhl für Kinder stand schon bereit, doch Harry saß lieber bei Remus auf dem Schoß. Mit großen Augen beobachtete er, was um ihn herum passierte. Unterwegs hatte er mehrmals nachgefragt, ob sie jetzt wirklich seine Daddys waren. Er konnte es einfach nicht fassen, wie es schien. Jemand wollte ihn, den Freak, tatsächlich haben.

Sie bestellten Getränke, wobei Remus diesmal ein Glas Wein nahm, Severus allerdings eine Traubensaftschorle für sich und eine Birnenschorle für Harry bestellte. Kürbissaft mochte ihr Kleiner überhaupt nicht, da verzog er inzwischen das Gesicht. Am Anfang war nicht erkennbar gewesen, ob Harry etwas mochte oder nicht, aber er schien langsam sicherer zu werden. Minerva, Kingsley und Albus schlossen sich Remus an und bestellten Wein. Butterbier oder Feuerwhiskey passten einfach nicht zum Anlass. Zum Essen verfrachtete Remus Harry dann in den Hochstuhl, nachdem er ihn entsprechend vorgewarnt hatte.

„Du kannst aber richtig ordentlich essen, Harry!“, lobte die Schottin, als sie bemerkte, dass Harry nicht ein bisschen daneben kleckerte. Erschrocken sah Harry sie mit riesigen Augen an, beruhigte sich aber schnell wieder, als Severus ihm erklärte, dass das gut war. Es entsetzte die Hauslehrerin von Gryffindor, unter welchen Umständen sich Harry solche Manieren angewöhnen musste und sie war sehr froh, dass er nun ein liebevolles Zuhause hatte. Das wurde vor allem klar, als der Fünfjährige mit dem Essen fertig war und sich von Severus aus dem Stuhl heben ließ, bevor er sich auf dessen Schoß einrollte und schließlich einschlief.

Erst, als Severus die Rechnung beglichen hatte und sie gehen wollten, wachte er wieder auf. „Daddy tragen?“, wollte er wissen und Severus hob ihn mit einem leisen Schmunzeln hoch. „Ausnahmsweise, mein Kleiner.“, antwortete er. „Weil der Weg für dich zu weit ist.“ Allerdings wurde der Grünäugige ihm bald zu schwer, denn auch wenn er erst fünf Jahre und viel zu leicht war, so war es dennoch anstrengend, ihn auf dem Arm zu tragen, also setzte er ihn kurzerhand auf seine Schulter. Das wiederum sorgte für Erstaunen bei den Schülern, die ihnen begegneten, doch der Tränkemeister ignorierte es einfach.

„Vielleicht endet jetzt das Gerücht meiner Gryffindors.“, murmelte Minerva leise, was ihr eine hochgezogene Augenbraue von Remus und Albus einbrachte. Kingsley hatte sich bereits verabschieden müssen, da er Nachtschicht arbeiten musste und vorher wenigstens noch zwei oder drei Stunden schlafen wollte. „Einige meiner Löwen waren der Meinung, dass Severus wohl in Poppy verliebt sei, weil sie ihn beobachteten, wie er in den Krankenflügel ging, und das wohl häufiger.“, erklärte sie daher.

„Sev und Poppy?“, grinste Remus. „Auf die Idee muss man erstmal kommen! Wir hätten uns damals eher ausgemalt, welche schrecklichen Krankheiten ihn dahin zwingen!“

„Ich schätze, nun habt ihr für neue Gerüchte gesorgt! Wobei die Schüler vermutlich schnell dahinterkommen werden, was Sache ist, wenn sie deinen neuen Namen erfahren, Severus.“, gluckste Albus amüsiert vor sich hin.

„Ich gehe davon aus, dass sie es spätestens heute Abend von dir erfahren werden, ansonsten platzt du ja!“, konterte Severus ernst. „Darauf würde ich mein Monatsgehalt verwetten.“

„Ähm, nun, ich hatte es vor, das zu verkünden.“, gab Albus, rot geworden, zu, was einen Heiterkeitsausbruch bei Remus und Minerva zur Folge hatte. Schnell wechselte er daher das Thema: „Wann geht Harry nun auf Kur mit dir, Remus?“

„Poppy will ihn noch zwei Tage beobachten, dann werden wir packen und in drei Tagen dann abreisen.“, informierte Remus, als er wieder genug Luft bekam, um reden zu können. „Danke, dass du da etwas organisieren konntest, wo wir hinkönnen.“

„Keine Ursache. Meine Großtante ist einsam, aber sie liebt Gesellschaft. Hier in der englischen Luft kommt sie auch nicht gut zurecht, sie hatte immer Asthma-Anfälle. Seit sie auf São Jorge lebt, ist sie Anfall-frei. Sie freut sich schon auf ein wenig Leben in ihrem Haus.“, verkündete Albus.

„Sie weiß aber hoffentlich, dass Harry sich nicht anfassen lässt.“, unterbrach Severus ernst.

„Ich habe ihr einen kurzen Überblick über Harrys Vergangenheit gegeben, um Missverständnisse zu vermeiden. Sie wird vorsichtig sein, den Jungen aber mit Sicherheit verwöhnen, wo sie nur kann.“, warnte der Weißhaarige.

„In Ordnung.“, nickte Severus knapp, als sie in der Eingangshalle angekommen waren. „Vielen Dank, dass du uns gebunden hast und Minerva, danke, dass du meine Trauzeugin warst.“

„Gerne!“, erwiderten beide gleichzeitig. „Ich schätze, ihr wollt jetzt ein wenig alleine sein. Severus, ich erwarte dich zum Festessen. Und wegen des Medaillons machen wir nächste Woche etwas aus!“, fügte Albus noch hinzu.

„Ich werde da sein.“, versprach Severus und sie wandten sich in Richtung Kerker.

„Was machen wir zuerst? Das Diadem oder das Medaillon?“, wollte Severus wissen. Gestern hatte er Remus und Harry verabschiedet, sie waren nun auf São Jorge, einer portugiesischen Insel im Atlantik. Heute beim Frühstück hatte er einen kurzen Brief von seinem Mann bekommen und ein Bild, das Harry gemalt hatte. Es schien sehr schön dort zu sein. Am Wochenende wollte er sie besuchen, doch davor war noch Einiges zu erledigen. Sie wollten sich nun endlich um die Horkruxe kümmern, zumindest um die Beiden, von denen sie wussten, was und wo sie suchen sollten.

„Das Medaillon, würde ich sagen.“, entschied der Schulleiter. „Das Diadem ist hier in der Schule, da kommt so leicht kein Todesser hin, aber bei den anderen Horkruxen können wir nicht sicher sein, ob nicht jemand davon weiß.“

„Also auf an die Küste. Ich hoffe, ein Wärmezauber hilft im Wasser, das dürfte ziemlich kalt sein.“, stimmte Severus zu.

„Gehen wir.“, nickte auch Albus. „Die Schüler sind in ihren Gemeinschaftsräumen, hoffe ich zumindest, immerhin ist schon Sperrstunde, und Minerva weiß, dass wir heute eine Weile nicht hier sind.“

Sie verließen das ruhige Schloss und gingen bis zum Tor hinunter. Dort bot Albus Severus seinen Arm an, da er herausgefunden hatte, wohin genau sie apparieren mussten. Severus verließ sich ganz auf seinen Arbeitgeber und sie tauchten auf einer Klippe wieder auf. Einen Bezoar hatte er eingesteckt, bevor er an diesem Abend ins Büro des Direktors gegangen war. Die Klippe sah tatsächlich genauso aus wie in dem bewegten Bild aus dem Tagebuch, und sie sahen ein Stück entfernt die Felsspalte, die den Eingang zu der unterirdischen Höhle markierte. Albus sprang ohne zu zögern in das tosende Wasser und begann, auf die Spalte zuzuschwimmen. Severus folgte ihm nach einem tiefen Atemzug. Es war nicht weit, aber die Wellen waren ziemlich hoch und sie kämpften sich durch das Wasser.

Am Höhleneingang angekommen stiegen sie aus dem Wasser, trockneten sich mit einem Zauber und sahen sich um. Sofort erkannten sie den Eingang, auch wenn er auf jeden Anderen wie ein Stück normaler Felswand wirkte, aber Riddles Beschreibung war sehr gut gewesen. Die Seelenbruchstücke schienen Kontakt zueinander zu haben, ansonsten könnte das Tagebuch ihnen nicht helfen. Albus griff nach einem kleinen Messer und ritzte sich damit die Haut am Arm auf, sodass ein paar Tropfen Blut herausquollen, die er auf die Felswand drückte. Sofort öffnete sich ein Durchgang ähnlich der Wand, die in die Winkelgasse führte. Vorsichtig passierten sie ihn und sahen den dunklen, stillen See vor sich liegen. Mit einem Zauber prüfte der Ältere, ob sie gefahrlos gehen konnten, aber er fand keine Gefahr. Der Weg war sehr schmal, sie konnten nur hintereinander gehen, aber sie mussten fast einmal um den See gehen, bevor Albus wieder stehenblieb.

„Hier ist es.“, stellte er fest und griff scheinbar in die Luft, bis er plötzlich eine Kette in der Hand hatte. Sobald er sie berührte, war sie zu sehen. Severus griff ebenfalls danach und sie zogen ein kleines Boot aus dem See. „Nur einer kann darin fahren.“, bedauerte der Schulleiter, nachdem er es mit einem Zauber überprüft hatte. Severus musterte ihn nachdenklich. „Ich fahre.“, entschied Dumbledore. „Du wirst dringender gebraucht wie ich.“

„Wir könnten auch beide zu der Insel gelangen.“, kam es leise von Severus. „Aber bevor ich dir sage, wie das geht, will ich, dass du mir schwörst, dass nichts von dem, was ich dir offenbare, von dir verraten wird.“

Überrascht sah Albus ihn an. Was meinte sein Tränkemeister damit? Doch er würde nichts sagen, so lange bis er sicher war, dass der Weißhaarige kein Wort darüber verlieren könnte. „Ich schwöre, dass nichts, was du mir hier verrätst, jemals an die Öffentlichkeit geraten wird durch mich.“, leistete er schließlich einen bindenden, magischen Schwur.

Zufrieden nickte Severus und schloss kurz die Augen. Plötzlich verschwand er vor Albus' Augen und verwandelte sich. Gegen seinen Willen musste der Schulleiter herzlich lachen, als er sah, in was der Tränkemeister sich verwandelt hatte. „Eine echte Kerkerfledermaus!“

Die Fledermaus schlug ein paar Mal mit den Flügeln und war schnell in Richtung der Mitte der Höhle verschwunden. Albus stieg in das Boot, das sich daraufhin von alleine in Bewegung setzte. Als er auf der Insel ausstieg, war Severus bereits wieder in seiner menschlichen Gestalt und untersuchte ein steinernes Becken, in dem ein Licht zu leuchten schien. Das erhellte die ganze Höhle so weit, dass man sich orientieren konnte. In dem Becken war eine klare Flüssigkeit, doch er konnte sie nicht berühren. Weder mit der Hand noch mit dem Zauberstab.

„Er muss getrunken werden.“, überlegte Albus. „Und wahrscheinlich hat er eine Wirkung, die einen daran hindern soll, weiter zu trinken. Wer weiß, wie er sich dann auswirkt.“

„Ich denke, es dürfte sinnvoll sein, den Bezoar beim Trinken im Mund zu haben.“, stellte Severus seine Überlegungen dar. „Er kann die negative Wirkung dann sofort auslöschen. Es wird sicher nicht angenehm sein, denn den Bezoar sollte man besser nicht schlucken.“

„Wird er für diese Menge ausreichen?“, wollte Dumbledore wissen.

„Ja.“, war sich Severus sicher. „Ich werde den Trank nehmen.“

Albus wollte diskutieren, doch Severus gab dieses Mal nicht nach. Der Bezoar sollte helfen, da war kaum Gefahr dabei. Also beschwor er eine Schale herauf, mit der er den Trank abschöpfen konnte, steckte sich den Bezoar unter die Zunge und begann, den Zaubertrank abzuschöpfen und zu trinken. Er schüttelte sich, trank aber immer weiter. Der Geschmack war offenbar nicht angenehm, aber zumindest schien die befürchtete Wirkung auszubleiben. Fünfmal, sechsmal füllte er die Schale auf, dann war das Becken leer und sie konnten nach dem Medaillon greifen. Albus steckte es ein, dann wandte er sich in Richtung des Bootes. Er merkte nicht, dass Severus sich kurz an dem Becken festhielt, weil ihm offenbar schwindelig war. Schnell hatte sich der Tränkemeister wieder im Griff, steckte den Bezoar zurück in seine Tasche und verwandelte sich wieder in seine Animagusform.

„Die Geschichte, wie du zu einem Animagus wurdest, möchte ich aber schon noch hören. Weiß Remus …?“, schmunzelte Albus. Der Fledermaus-Severus nickte nur. Der Schulleiter gluckste, als er ins Boot stieg und der Fledermaus zusah, wie sie davon flog.

Erleichtert verließen sie, nur eineinhalb Stunden, nachdem sie angekommen waren, die Höhle wieder. Severus war wieder in seine menschliche Form gewechselt, damit er apparieren konnte, sobald es möglich war. Dort, wo sie ins Wasser steigen mussten, versuchten sie das Apparieren, doch das war nicht möglich, der Schutz der Höhle reichte noch ein Stück weiter. Also sprangen sie wieder in die eisigen Fluten und schwammen heraus, bis sie spürten, dass der Schutz verflog. Dann drehten sie sich, nach kurzer Verständigung, im Wasser und disapparierten. Zitternd vor Kälte tauchten sie vor dem Tor von Hogwarts wieder auf, sprachen einen erneuten Zauber, um sich zu trocknen und eilten in Albus' Büro, um den Horkrux in Augenschein zu nehmen.

„Das ist ein falscher Horkrux.“, bemerkte Albus enttäuscht. „Das hier ist niemals das Medaillon von Slytherin und es fühlt sich auch nicht nach schwarzer Magie an. Es lässt sich öffnen.“

Er ließ den Verschluss aufschnappen und zog ein kleines Stück Pergament hervor. Es war beschrieben:

An den Dunklen Lord
Ich weiß, ich werde tot sein, lange bevor du das liest,
aber ich will, dass du weißt, dass ich es war,
der dein Geheimnis entdeckt hat.
Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will ihn zerstören, sobald ich kann.
Ich sehe dem Tod entgegen in der Hoffnung,
dass du, wenn du deinen Meister findest,
erneut sterblich sein wirst.
R.A.B.

[Quelle: HP VI, Die Flucht des Prinzen, S. 614]

„R.A.B.?“, überlegte Severus. „Regulus?“

„Das dachte ich auch gerade. Es würde passen.“, stimmte der Schulleiter zu. „Regulus Arcturus Black war ein Todesser, nur diese reden Riddle als Dunkler Lord an. Dann war er offenbar auf unserer Seite, zumindest am Ende. Aber er ist wahrscheinlich tot, keiner hat seit über fünf Jahren ein Lebenszeichen von ihm erhalten. Was weißt du darüber, Severus?“

„Reg war eine Zeitlang mit mir zusammen.“, gestand Severus. „Er hat sich, wohl auch auf Druck seiner Eltern, das Mal mit sechzehn schenken lassen. Wir haben uns noch vor meinem Abschluss wieder getrennt, es passte einfach nicht. Danach hatten wir kaum noch Kontakt zueinander und dann, etwa ein Jahr vor der Vernichtung des Lords, verschwand er spurlos. Ich glaube nicht, dass er von dem Lord ermordet wurde, wie viele glaubten, denn der Lord hat uns nach ihm suchen lassen. Er kam auf die schwarze Liste, das hat bisher keiner lange überlebt, aber niemand konnte sagen, wo er war. Entweder war er extrem schlau und hat sich abgesetzt, so dass keiner ihn finden konnte, oder er ist tot. Ich vermute eher, dass er schon lange nicht mehr am Leben ist.“

„Also hilft uns das nicht weiter. Hatte er jemanden, dem er komplett vertraute?“, hakte Albus nach.

„Nicht dass ich wüsste.“, zuckte Severus die Schultern. „Nach mir hatte er zumindest keine offensichtliche Beziehung mehr. Er hat bis zum Schluss bei seinen Eltern gelebt.“

„Vielleicht sollten wir das Black-Haus durchsuchen.“, schlug Albus vor. „Wenn wir Glück haben, ist es dort versteckt, ansonsten stehen wir vor einem Problem.“

„Es ist unbewohnt?“, wollte Severus wissen.

„Ja. Sirius ist der einzige direkte Nachkomme, der noch lebt, ansonsten noch seine Cousinen Bellatrix, Narzissa und Andromeda.“, wusste Albus. „Heute entscheiden wir nicht mehr, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, werde ich mit Andromeda Kontakt aufnehmen, vielleicht kann sie uns hinein lassen. Alle Anderen sind in Askaban.“

„Sollten wir das Riddle schreiben?“, überlegte Severus leise.

Albus dachte eine Weile nach. Fawkes, sein Phönix, der bis zu dem Moment still in der Ecke auf seiner Stange gesessen hatte, flatterte auf und begann zu trillern, als würde er Ratschläge geben. Nach einigen Minuten sah der Schulleiter auf. „Ich denke, es wäre eine gute Lösung, dem Tagebuch zu sagen, dass der Horkrux nicht mehr da war. Scheinbar reicht der Kontakt nicht so weit, dass der aktuelle Standort gespürt wird, sondern nur der Ort, wo Riddle sie aufbewahrt hat.“, antwortete er. Er holte das Tagebuch aus dem Tresor, in dem er es eingesperrt hatte, damit es nicht in falsche Hände geriet. Severus setzte sich an den Schreibtisch und klappte es auf, tauchte die Feder in die Tinte und begann zu schreiben.

Mein Lord, ich war in der Höhle. Das Medaillon ist ausgetauscht worden.

Es folgte ein Schwall an Flüchen, die deutlich die Wut des Seelenbruchstückes zeigten. Schließlich schien er sich wieder zu beruhigen und sinnvolle Worte erschienen.

Raven, das ist nicht gut. Gibt es einen Hinweis, wer das war? Versucht jemand, mich zurückzuholen?

Ein Brief war dabei.

Severus zitierte das Schreiben und wartete ab.

R.A.B., das klingt nach einem meiner Anhänger. Regulus Arcturus Black. Ich hatte geglaubt, dass wenigstens einer der Black-Söhne mir treu ist, aber das wird ihm teuer zu stehen bekommen! Ich werde diese Familie ausrotten, wenn ich zurück bin! Raven, sorge dafür, dass sie bei meiner Rückkehr vor mir liegen, ich werde dich reich belohnen und sie werden meinen Zorn zu spüren bekommen!

Regulus Black ist seit Jahren verschwunden, mein Lord. Ihr habt eure Anhänger vor etwa sechs Jahren nach ihm suchen lassen, soweit ich weiß.

Dann ist dieser Horkrux wohl erst einmal unerreichbar für uns. Also brauchst du einen neuen Hinweis. Wende dich an Bellatrix Lestrange, sie hat einen Becher aus dem Besitz von Hufflepuff in ihrem Besitz, ich befahl ihr damals, ihn in ihr Verlies zu bringen.

Die Lestranges sind in Askaban. Es tut mir leid, mein Lord, dass ich euch nicht besser helfen kann.

Dann gibt es nur noch zwei, meine Schlange Nagini, wo sie ist, kann ich aber nicht sagen, denn sie wird mich finden, wenn ich wieder zurück bin. Außerdem einen Ring aus dem Vermächtnis meines Großvaters, Vorlost Gaunt. Ich habe ihn in seinem Haus versteckt, in einer kleinen Nische.

Ich werde herausfinden, wo das Haus steht und den Ring finden, mein Lord! Ich werde euch zurückholen und dann werdet ihr die Zauberwelt in eure Hände bekommen!

Ich werde dich reich belohnen, wenn du es schaffst, Raven, mein treuer Diener.

Danke, mein Lord. Ich werde mich beeilen.

Aufatmend schloss Severus das Buch. Es erschöpfte ihn, damit zu hantieren. Die dunkle Magie darin versuchte, ihn in ihren Bann zu ziehen und er musste sich mit aller Kraft darauf konzentrieren, sich nicht von dem Seelenbruchstück besitzen zu lassen. Aber es hatte sich gelohnt.

„Wir wissen, was sie sind und von fast allen, wo sie sind!“, hauchte Severus.

„Gut gemacht, mein Junge!“, gratulierte Albus. „Ruh dich aus, du musst erschöpft sein. Es scheint fast, als hätte der Zorn die Seele unvorsichtig werden lassen. Gut für uns!“

Müde nickte der Tränkemeister. Fawkes flatterte zu Severus und setzte sich auf seinen Schoß, rieb seinen Kopf an der Hand des Tränkemeisters und trillerte eine fröhliche Melodie dazu. Es stärkte Severus und er fühlte sich, als hätte er einige Stunden geschlafen. „Danke Fawkes!“, flüsterte er.

Der Tränkemeister verabschiedete sich vom Schulleiter und ging in die Kerker hinunter. Die Leere dort unten lockte ihn nicht, aber es war nötig. Harry brauchte diese Kur dringend, damit er wieder gesund wurde. In den letzten Jahren, seit er eine Beziehung mit Remus hatte, hatte er immer nach Spinners End gehen können, dort war der Werwolf gewesen. Nie hatte es sie beide gereizt, diesen Zustand zu ändern, aber jetzt, seit Harry ihre Familie vervollständigte, begann er, die Nähe zu genießen. Severus schüttelte den Kopf, er erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Kein Wunder, dass Gerüchte unter den Schülern entstanden, er hatte sich sehr verändert in den letzten Wochen seit Schulbeginn, da suchten die Schüler natürlich nach einer Erklärung. Doch ihm ein Verhältnis mit Poppy anzudichten, das erschien ihm schon ein wenig seltsam. Schüler kamen auf komische Ideen. Nun gut, das hatte sich inzwischen erledigt. Er erinnerte sich an das Abendessen an Halloween.

Flashback:

Dumbledore wartete, bis die Schüler an den Tischen saßen und hielt dann seine übliche Festtagsrede. Keines der Kinder passte auf, das Gemurmel war ziemlich laut. Doch am Ende wurde es plötzlich still. „… Und dann will ich noch eine Neuerung verkünden. Einer unserer Professoren hat sich gebunden. Herzlichen Glückwunsch, Professor Snape-Lupin!“

Absolute Stille herrschte in der Halle, dann begannen die ersten Slytherins zu klatschen. Man konnte direkt sehen, wie die Schüler sich von ihrer Überraschung erholten und sie tuschelten. Nun war klar, dass der Tränkemeister nicht wie geglaubt eine Beziehung mit der Heilerin hatte, sondern er war sogar verheiratet. Wahrscheinlich fragten sich die Meisten nun, zu wem der Name Lupin gehörte.

„Herzlichen Glückwunsch, Severus.“, kam es von den anderen Professoren und Severus musste eine Menge Hände schütteln.

So angestarrt schmeckte ihm das Essen kaum und er konnte es nicht erwarten, zurück in den Kerker zu kommen, wo Harry und Remus auf ihn warteten.

Flashback Ende

Stille erwartete ihn, aber da er völlig erschöpft von der Suche nach dem Medaillon und der anschließenden Konversation mit dem Tagebuch war, legte er sich einfach ins Bett, zog sich gerade noch die Robe und seine Hosen aus, bevor er unter die Decken kroch, die Augen schloss und einschlief.

Der nächste Morgen begann mit einem klingelnden Wecker. Severus schreckte hoch, so lange, dass er seinen Wecker tatsächlich brauchte, hatte er schon Jahre nicht mehr geschlafen, meist war er mindestens eine halbe Stunde früher wach. Schnell schaltete er ihn aus und schleppte sich ins Bad. Der Tränkemeister fühlte sich nicht besonders gut, aber das würde ihn nicht davon abhalten, seinen Unterricht ganz normal zu geben. Die Schüler waren immerhin hier, um etwas zu lernen. Das Frühstück ließ er ausfallen, sein Magen fühlte sich irgendwie aufgewühlt an. Lieber trank er nur eine Tasse Kräutertee, obwohl er sonst Kaffee bevorzugte. Aber mit diesem unruhigen Magen war er damit wohl besser dran. Pünktlich zur ersten Stunde stand er an seinem Klassenzimmer und ließ die Schüler, dritte Klasse Ravenclaw und Hufflepuff herein.

Eine Stunde später stellte er fest, dass er ziemlich unkonzentriert war und zwang seine Aufmerksamkeit zurück zu dem Heiltrank, den seine Schüler gerade brauten. Auf Unfälle konnte er definitiv verzichten, also musste er aufpassen, denn die Schüler neigten dazu, unkonzentriert zu arbeiten und Fehler zu machen. Egal wie oft er ihnen predigte, dass sie konzentriert bleiben und die Anweisungen genau befolgen mussten. Er machte seinen Kontrollgang durch die Klasse und blickte in die verschiedenen Kessel. Nur bei einer Hufflepuff-Schülerin war irgendwie alles schief gegangen, alle anderen Ergebnisse waren zumindest nicht völlig daneben. „Miss Cane, was ist das?“, fragte er gefährlich leise.

„Der Heiltrank für leichte Verbrennungen, Sir.“, antwortete die blonde Schülerin.

„Definitiv nicht.“, zischte Severus. „Der sollte in diesem Stadium blau-transparent sein, ihr Trank ist braun-grün und ziemlich dick. Wenn ich die Anweisungen in ihrem Buch ansehe, dann ist mir durchaus klar, warum, denn sie haben die falsche Seite aufgeschlagen. Beginnen sie noch einmal von vorne und blättern sie zwei Seiten zurück zu dem Rezept, das wir gerade durchnehmen. Und bevor ich es vergesse: Zehn Punkte Abzug für grobe Nachlässigkeit.“

Als er zurück zum Pult ging, fühlte er sich irgendwie schwummrig und er setzte sich hin, griff nach einigen Aufsätzen, die er korrigieren musste, damit es nicht auffiel. Der Rest des Vormittags verlief ähnlich und Severus ahnte, dass er nun wohl büßte, weil er nicht gefrühstückt hatte. Also ging er nach der vierten Klasse Slytherin und Gryffindor in die große Halle zum Mittagessen. Die Aufregung, die nach Halloween entstanden war, hatte sich wieder gelegt, Severus bekam nicht mehr Aufmerksamkeit als zuvor und war zufrieden damit. Beim Essen kam sein Rabe zu ihm und brachte wieder einen Brief von Remus. Severus lehnte ihn an seinen Becher und las, während er kaute.

Liebster Sev,

​​​​Harry und ich haben uns inzwischen eingewöhnt. Die letzte Nacht war ein wenig unruhig, aber wenn Harry bei mir schläft, dann klappt es gut. Wir waren am Meer, es gefällt Harry sehr und ich denke, wir werden es dir am Wochenende zeigen, wenn du hier bist. Das Wasser ist allerdings eiskalt, wir haben nur kurz unsere Füße hineingesteckt und sind dann wieder in unsere Socken und Schuhe geschlüpft. Allerdings merke ich, dass Harry deutlich leichter atmet, vor allem, wenn wir am Strand sind. Das ist genau das, was Devon meinte. Harry braucht einen Klimawechsel.

Lucy, Albus' Großtante, ist sehr geduldig mit ihm, aber bisher flüchtet er immer in meine Arme, wenn sie ihn anspricht. Allerdings habe ich es geschafft, uns alle an einen Tisch zu setzen zum Essen. Das Essen schmeckt anders als zuhause, es gibt hier wohl sehr viel Fisch und nur wenig Fleisch, denn Viele hier leben vom Fischfang, Fleisch hingegen muss importiert werden. Gemüse kommt aus Lucys Garten und es schmeckt wirklich gut, sogar Harry hat ordentlich zugegriffen. Das macht wohl auch die Luftveränderung, er hat mehr Hunger als sonst. Aber es tut ihm gut, er hat endlich ein wenig Farbe im Gesicht und ich bin zuversichtlich, dass er auch zunimmt.

Wir vermissen dich und freuen uns, wenn du am Wochenende kommst. Leider werde ich es wohl nicht schaffen, unseren Kleinen bis dahin an das Kinderzimmer zu gewöhnen, das Lucy ihm gerichtet hat, er schläft bei mir. Das heißt, in der Nacht hast du uns Beide zum Kuscheln!

In Liebe,

Remus und Harry

Der Brief gab ihm Auftrieb und der Nachmittag ging ihm deutlich leichter von der Hand. Im Anschluss setzte er sich an den Schreibtisch, die Arbeiten mussten korrigiert und bewertet werden, und wenn er es schaffte, alles zu erledigen, konnte er das Wochenende wirklich frei genießen. Sonst müsste er einen Teil mitnehmen, und das wollte er vermeiden. Daher verpasste er das Abendessen und wurde vom Feuer in seinem Kamin aus seiner Konzentration gerissen. „Severus?“, kam die fragende Stimme von Dumbledore. „Bist du da?“

Der Tränkemeister ging um seinen Schreibtisch und kniete sich vor den Kamin. „Ja, bin ich.“, antwortete er.

„Alles in Ordnung? Wir wollten uns vor einer halben Stunde im siebten Stock treffen.“, erinnerte Albus.

„Verzeihung, Albus.“, entschuldigte sich Severus zerknirscht. „Ich habe beim Korrigieren offenbar die Zeit vergessen. Ich komme sofort.“

„Nein, schon gut, das läuft uns nicht davon. Suchen wir morgen. Am Freitag bist du dann nicht da, nehme ich an.“, gluckste der Schulleiter.

„In Ordnung, also morgen nach der Sperrstunde.“, bestätigte Severus. „Ja, ich will am Freitag nach dem Unterricht zu Remus und komme am Sonntag gegen Abend zurück. Aufsicht habe ich keine.“

„Natürlich. Also suchen wir morgen und dann am Sonntag wieder, wenn es sein muss. Ich werde mich mit dem Haus der Gaunts beschäftigen und sehen, ob ich etwas dazu herausfinde. Außerdem will ich meine Kontakte im Ministerium aushorchen, ob ich eine Möglichkeit finde, in das Verlies der Lestranges zu kommen und den Becher zu holen.“, gab der Weißhaarige zurück.

Da fiel Severus etwas ein, was seit dem gestrigen Tag an ihm nagte. „Albus, was meintest du gestern damit, dass alle in Askaban sind? Narzissa ist doch nicht gefangen, zumindest nicht in Askaban.“

„Habe ich das gesagt?“, grübelte der Schulleiter. „Möglich, aber daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Mrs. Malfoy ist natürlich nicht in Askaban, aber sie können wir wohl nicht fragen, ob sie uns in das Haus ihres Cousins lässt, wenn wir Lucius Malfoy nicht misstrauisch machen wollen. Da war ich wohl ein wenig durcheinander.“

„Mir ist es auch erst in der Nacht aufgefallen, was genau du eigentlich sagtest.“, gestand der Tränkemeister leise.

„Du bist offenbar ein wenig erschöpft von der ganzen Geschichte.“, schmunzelte Albus. „Mach nicht zu lange mit deiner Arbeit, du siehst müde aus. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“, erwiderte Severus und der Schulleiter verschwand aus dem Feuer.

Der Schwarzhaarige erhob sich und rieb über seine Augen. Auch wenn er es dem Direktor gegenüber nicht zugegeben hatte, er war tatsächlich müde. Dennoch setzte er sich zurück an den Schreibtisch und korrigierte die Arbeiten zu Ende. Erst, als er gegen Mitternacht fertig war, ging er in seine Wohnräume und machte sich gleich bettfertig. Er war froh darüber, dass seine Schüler recht selbständig waren und ihn selten brauchten. Diesmal schien auch keiner seine spezielle Hilfe zu benötigen, daher hatte er zumeist Ruhe. Allerdings sah er mindestens einmal in der Woche im Gemeinschaftsraum nach, ob alles in Ordnung war. Das sollte er morgen machen, bevor er in den siebten Stock ging, nahm er sich vor.

Der Donnerstag begann ebenfalls mit dem Wecker. Es irritierte Severus, dass er nicht von selbst wach wurde, aber er versuchte, nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden. Nach einer schnellen Dusche zog er sich an und ging zum Frühstücken in die große Halle. Heute hatte er Hunger und er griff beherzt zu, Toast mit Schinken und Ei, dazu erneut Kräutertee. Den Kaffee hatte er nach dem ersten Schluck auf die Seite gestellt, er schmeckte ihm überhaupt nicht. Während des Unterrichts trank er heute mehr als sonst üblich und beschloss, dass er sehen musste, mehr zu schlafen. Diese kurzen Nächte taten ihm offenbar nicht gut.

Am Abend ging er pünktlich zur Sperrstunde in den Slytherin-Gemeinschaftsraum. Er kontrollierte die Zimmer und hatte nur an Wenigen etwas auszusetzen, seine Schüler wussten, dass er viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte. Nach etwa zwanzig Minuten verließ er den Bereich wieder, nachdem er seinen Schülern eine gute Nacht gewünscht hatte, und lief nach oben in den siebten Stock. So ganz klar war ihm nicht, was er dort erwarten sollte. Den Flur kannte er zwar, aber der war ziemlich leer, da oben gab es nur kahle Wände. Der Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten war der einzige Schmuck. Obwohl Schmuck sicher nicht ganz der richtige Ausdruck dafür war. Albus erwartete ihn schon. Fragend hob Severus seine Augenbraue.

„Hinter dieser Wand steckt eines der großen Geheimnisse von Hogwarts, ich habe einen Hinweis dazu von Remus erhalten. Der ‚Raum der Wünsche‘ oder auch der ‚Da und Fort Raum‘, wie ihn die Elfen nennen. Beides deutet auf die Funktion hin. Man muss sich genau das Richtige von dem Raum wünschen, dann macht er fast alles für dich. Braucht ihn niemand, ist er weg.“, erklärte Dumbledore. „Dann wollen wir mal sehen. Man läuft dreimal vor der Wand auf und ab und wünscht sich dabei genau, was man will.“

Severus beobachtete, wie der Weißhaarige dreimal vor der Wand auf und ab ging und dabei hochkonzentriert aussah. Plötzlich erschien eine Tür in der Wand, die einen Lidschlag zuvor nicht dagewesen war. Staunend stockte Severus einen Moment, währenddessen Albus bereits die Tür öffnete und Severus hinein winkte. Erst, als die Tür hinter ihnen geschlossen war, begann Albus wieder zu sprechen.

„Ich hoffe, der Wunsch von mir war präzise genug. Ich wollte den Raum, in dem Ravenclaws Diadem versteckt ist. Aber hier ist deutlich mehr als ein Diadem versteckt und wir haben leider keine Ahnung, wie es genau aussieht.“, seufzte der Direktor. „Ich schlage vor, wir nehmen uns jeder eine Reihe vor und untersuchen so den Raum nach und nach.“

„Wie wäre es mit einem Aufrufezauber?“, schlug Severus vor.

„Soweit ich weiß, blockiert der Raum diese Art Magie, aber versuchen wir es.“ Er zog seinen Zauberstab. „Accio Diadem von Ravenclaw.“ Nichts passierte, auch als sie einen anderen Aufrufezauber versuchten. Die Magie wurde einfach absorbiert. Also machten sie sich auf die Suche nach dem Schmuckstück, von dem sie nicht wussten, wie es aussah. Einzig, dass es aus Silber bestand, wurde in den Büchern übereinstimmend berichtet, ansonsten war nur bekannt, dass es verschollen war. Allerdings brauchten sie vermutlich eine Menge Glück, um hier etwas so Kleines zu finden. Der Raum war riesig, geschätzte fünfzehn mal zwanzig Meter, und das bei einer Deckenhöhe von über vier Metern. Regale standen Reihe um Reihe, die meisten von ihnen deckenhoch. Ab und zu stand auch ein geschlossener Schrank an den Mauern quer zum Verlauf der Regale. Alles war vollgestopft mit Krimskrams, alte Kleidung, Bücher, Spielsachen, Tierkäfige, sogar einige Skelette von seltsam erscheinenden Wesen sahen sie. Albus nahm sich die erste Reihe vor, also ging Severus in die zweite. Jedes Regalfach wollte durchsucht werden, sie hoben manche Dinge auf, weil sie nicht sehen konnten, was darunter war. Ein Diadem war nicht besonders groß, es konnte leicht übersehen werden, und das wollten sie auf keinen Fall riskieren.

Nach knapp drei Stunden hatten sie die ersten beiden Reihen geschafft und entschieden, Schluss für heute zu machen. Albus wollte am Wochenende, so er keinen anderen Termin bekam, alleine eine Reihe durchsuchen, am Sonntagabend wollten sie sich dann wieder treffen und gemeinsam weitersuchen. Kurz überlegten sie, noch jemanden ins Vertrauen zu ziehen, doch sie trauten niemandem genug, um das Risiko einzugehen. Es würde noch schwer genug werden, herauszufinden, wie sie an den Becher und das Medaillon kämen, aber das hier konnten sie alleine schaffen.

 

Am späten Freitagnachmittag packte Severus dann seine Tasche und stieg ins Feuer in Richtung São Jorge. Das Klima dort war gleichbleibend mild, so viel wusste er. Auch, dass die Insel vulkanischen Ursprungs war und damit wahrscheinlich eine reiche Vegetation hervorbrachte. Das war es aber auch schon. Er kam im Wohnzimmer der Großtante von Albus an und wurde von einem „Daddy Sev!“ begrüßt. Er konnte gerade eben seine Tasche fallen lassen, da warf sich Harry bereits in seine Arme. Der Junge sah nach den wenigen Tagen tatsächlich schon viel besser aus.

„Hallo mein Kleiner!“, lächelte Severus ihn kurz an. Dann sah er auf. „Hallo Remus!“, grüßte er seinen Ehemann warm. Remus kam zu ihm und gab ihm einen kurzen Kuss, bevor er sich umwandte und auf eine ältere Dame wies, die in der Tür stand. „Sev, das ist Lucy Kilmer, Albus' Großtante. Lucy, das ist Severus Snape-Lupin, mein Ehemann und Harrys zweiter Dad.“

„Hallo Severus. Ich hoffe, du hast nichts gegen diese persönliche Anrede, aber Remus und Harry haben mir so viel von dir erzählt, dass ich das Gefühl habe, dich schon lange zu kennen. Nenn mich bitte Lucy.“, reichte ihm die Frau mit den weißen Haaren und den gleichen blauen Augen, wie sie Albus hatte, die Hand. „Willkommen in meinem Haus.“

„Vielen Dank … Lucy.“ Die persönliche Anrede ging ihm nicht so leicht über die Lippen, aber ihr warmes Lächeln zeigte ihm, dass sie sich darüber freute, wenn er sie so ansprach.

„Daddy Sev, gehen wir zum Meer?“, bettelte Harry.

„Er kann es kaum erwarten, dir den Strand zu zeigen!“, schmunzelte Remus. „Es ist nicht weit. Aber Harry, wir sollten vorher zumindest die Tasche ins Schlafzimmer bringen, oder?“

Schmollend nickte der Fünfjährige und ließ sich wieder auf den Boden setzen. Remus zeigte Severus schnell, wo sie schliefen und wo das Bad war, dann gingen sie, ihre Schuhe anzuziehen. Harry versuchte es selbst und schaffte es fast, aber den Verschluss der Sandalen brachte er nicht alleine zu, da musste Severus helfen, der seine Schuhe noch anhatte. Mit Harry zwischen sich gingen Severus und Remus dann zum Strand hinunter. Es waren nur ein paar Minuten, dann hatten sie den Sand unter ihren Füßen. Severus sah sich um, vor sich das weite Meer, hinter sich Hügel und sogar Berge, wie es aussah. Ja, hier konnte man sich wohlfühlen, das verstand sogar der sonst so kühle Tränkemeister.

In dieser Nacht schliefen sie alle drei tief und fest. Harry lag zwischen seinen Daddys und fühlte sich absolut sicher. Die Angst und Unsicherheit, die ihn lange begleitet hatten, waren beinahe wie weggeblasen seit der Adoption. Es schien, als hätte sich mit seinem Nachnamen auch Harrys Angst verabschiedet. Nun, nicht vollständig, aber es ging ihm deutlich besser. Auch wenn die Erwachsenen sicher waren, dass sie immer wieder Reste dieser Angst entdecken würden. Wahrscheinlich würde er immer scheu und zurückhaltend bleiben, aber das war nicht schlimm.

Am Samstag machten sie einen Ausflug zum Parque da Silveira, wo sie auf Wild trafen, das Harry füttern und streicheln konnte. Bei Tieren hatte er komischerweise keinerlei Berührungsängste und Severus überlegte, ob sie nicht ein Haustier für Harry besorgen sollten. Doch das kam erst in Frage, wenn sie wieder zuhause waren, und es war nicht abzuschätzen, wie lange das dauerte. Remus war der Idee nicht ganz abgeneigt und sie entschieden, später noch genauer darüber nachzudenken. Gegen Mittag packten sie einen Korb mit Grillgut aus und schürten ein Feuer in einer der vielen Grillstellen. In der folgenden Nacht schlief Harry erneut tief und fest, er war sichtlich müde von dem Ausflug, daher ließen sie es am Sonntag ruhiger angehen und legten sich bis Mittag an den Strand, gingen zum Mittagessen zurück zu Lucy, die sich offensichtlich über Gesellschaft freute. Der Abschied am Nachmittag fiel allen schwer, aber Severus musste zurück nach Hogwarts und versprach, jedes dienstfreie Wochenende zu kommen. Die kommende Vollmondnacht würde Harry bei Severus in Hogwarts verbringen und Remus konnte dann im Wald laufen. In wenigen Tagen musste Severus wieder Wolfsbann brauen.

Den Sonntagabend verbrachte Severus erneut im Raum der Wünsche mit Albus, sie durchsuchten Gang vier und fünf, jedoch wieder erfolglos. Während der Suche plauderte Albus entspannt über alles Mögliche, Severus hörte nicht sehr aufmerksam zu, da keine Antworten gefordert waren. Doch schließlich horchte er auf. „Ich habe mit Alastor Moody gesprochen. Ihm traue ich insoweit, dass er sicher nie auf der Seite von Riddle war. Er meint, vielleicht gäbe es da eine Gesetzeslücke, die es uns ermöglicht, das Verlies der Lestranges zu durchsuchen. Allerdings ist das nicht sicher, er forscht nach.“, erzählte Albus. „Ich bin am Überlegen, die Kobolde einzuweihen. Vielleicht helfen sie uns auch, wenn sie wissen, worum es geht. Wir würden nur den Horkrux in dem Becher zerstören, wahrscheinlich sogar ohne dass der Becher dabei Schaden nimmt, das würde zumindest ihre Prinzipien nicht verletzen, denn wir entwenden nichts. Allerdings wird der Preis, den sie für diesen Gefallen verlangen, hoch sein.“

„Hast du bereits eine Idee, wie wir in das Black-Haus kommen, um das Medaillon zu suchen? Das wird sicher ebenso schwer wie hier werden, es zu finden.“, gab Severus zu bedenken.

Dumbledore seufzte. „Ja, mein Junge, wir haben uns keine leichte Aufgabe gesucht. Aber wenn wir verhindern wollen, dass Voldemort zurückkommt, dann müssen wir alle Horkruxe finden und auch vernichten. Wobei ich noch immer nicht weiß, wie wir an Basiliskengift kommen. Ich höre mich um und habe bereits einen Kleinganoven darauf angesetzt, vielleicht bekommt er etwas davon auf dem Schwarzmarkt. Manche alte, schwarz-magische Familien sollen auch etwas haben, aber das wird niemand zugeben, immerhin ist es verboten und wird mit mehreren Jahren Askaban bestraft.“

Diesmal machten sie um kurz vor elf Uhr nachts Schluss und gingen unverrichteter Dinge wieder in ihre Räume, um zu schlafen. Die Woche würde erneut lang werden.

Die Zeit verging und sie kamen nicht weiter. Inzwischen war es kurz vor den Weihnachtsferien, Remus brauchte erneut Wolfsbann. Dumbledore hatte weder von Moody noch von dem Kleinganoven etwas gehört und nun einen Brief an Andromeda Tonks geschrieben, die Schwester von Narzissa Malfoy und Bellatrix Lestrange. Auch wenn sie von ihrer Familie verstoßen worden war, sie war doch eine geborene Black und hatte möglicherweise Zugang zu dem Haus am Grimmauldplatz in London. Severus alias Raven hatte das Tagebuch in den letzten Wochen nicht in die Hand genommen, da sie nichts Neues hatten und genug Informationen, mit denen sie möglicherweise jahrelang arbeiteten. Gerade kam er wieder von Lucys Haus, wohin er den Wolfsbann für Remus gebracht hatte, als es an seiner Tür klopfte. Er öffnete und ließ den Schulleiter herein. „Albus.“, grüßte er ihn.

„Guten Abend, Severus.“, lächelte der Weißhaarige. „Ich habe endlich einen kleinen Fortschritt zu verbuchen! Ich habe herausgefunden, wo das Haus der Gaunts steht. Bist du am Wochenende hier oder auf São Jorge?“

„Ich habe Aufsicht und Remus verwandelt sich. Ich bin hier, aber Harry auch.“, antwortete Severus.

„Nun gut, dann sollten wir das vielleicht vorher noch machen, ich will nicht bis nach Weihnachten warten. Ich habe so ein Gefühl von Dringlichkeit.“, gestand Albus.

„Ich habe morgen Nachmittag keinen Unterricht.“, bot Severus an. „Ich muss nur rechtzeitig zurück sein, um Wolfsbann brauen zu können. Den bringe ich Remus gegen acht Uhr abends, dann schläft Harry schon. Unser Kleiner soll vorerst nichts davon wissen.“

„Treffen wir uns dann morgen nach dem Mittagessen?“, schlug der Direktor vor und Severus nickte zustimmend. „Geht's dir gut, Severus? Du siehst irgendwie blass aus?“, fragte Albus dann noch besorgt.

„Ich denke, ich werde heute Nacht ein wenig länger schlafen, die letzten Nächte waren zu kurz.“, gab Severus widerstrebend zu.

„Nun gut, dann wünsche ich dir eine gute Nacht und erholsamen Schlaf!“, lächelte der Schulleiter und verabschiedete sich.

 

Am nächsten Tag fühlte sich Severus, obwohl er bereits um kurz vor zehn Uhr eingeschlafen war, noch nicht wirklich besser und überlegte, ob er nicht vorbeugend einen Trank gegen Grippe nehmen sollte, denn es schien ihm wie eine beginnende Erkältung oder Grippe zu sein. Er war müde und antriebslos, unkonzentriert und manchmal schwindelig. Dennoch ging er nach dem Mittagessen mit Albus. Sie disapparierten hinter dem Tor, wobei der Schwarzhaarige dem Älteren erneut die Führung überließ.

„Wo genau sind wir?“, wollte er wissen, als sie angekommen waren.

„In der Nähe von Little Hangleton und Great Hangleton. Das Haus der Gaunts steht dort hinten im Wald. Gehen wir, bevor noch jemand auf uns aufmerksam wird.“, erklärte Albus.

Sie schritten in den Wald hinein, wobei der Tränkemeister vorsichtshalber mit einem Zauber ihre Spuren im Schnee verschwinden ließ. Nach einigen Metern standen sie plötzlich vor einem kleinen, verfallenen Haus. Wobei Ruine den Zustand des Hauses besser beschrieb. Die Tür war aus den Angeln gerissen, das Dach halb eingefallen und die Außenwände komplett von Efeu überwuchert. Vorsichtig näherten sie sich der Tür und wirkten einige Zauber, die sicherstellen sollten, dass sie alleine waren und keine Fallen auf sie warteten. Sie konnten nur wenig Magie ausmachen, aber die konzentrierte sich im Inneren des Hauses an einer Stelle an der Rückwand. Daher betraten sie das Haus mit gezückten Zauberstäben. Es war ein großer Raum, eine Art Wohnküche. An einer Seite gingen zwei Türen ab, die beide nicht mehr schlossen, dahinter verbargen sich Schlafräume, auf der anderen Seite waren ein Bad und ein weiterer, kleiner Schlafraum. 

„Dort hinten!“, wisperte Albus und deutete auf die Küchenzeile. „Es muss hinter dem Ofen sein, denke ich.“

Um sicherzugehen schoben sie den Ofen mit Muskelkraft auf die Seite, nicht riskieren wollend, dass Magie sich veränderte aufgrund der Banne, die offenbar über dem Horkrux waren. Sie konnten die Magie deutlich spüren. Gefährliche Banne lagen auf dem Ring, die mussten sie erst lösen, bevor sie den Horkrux an sich nehmen konnten. Severus schauderte kurz angesichts der Tatsache, wie viele Morde nur allein deswegen passiert sein mussten. Nur damit Riddle seine Seele spalten konnte, um damit so nahe an die Unsterblichkeit zu kommen, wie es möglich war. Als der Ofen endlich auf der Seite war, lag ein glattes Mauerstück vor ihnen, doch sie konnten spüren, an welcher Stelle die Nische sein musste. Mit einem Zauber untersuchte Albus die Stelle, ein Zauber, der Severus völlig unbekannt war. Ein kleiner Teil der Wand leuchtete daraufhin kurz silbrig auf.

„So primitiv!“, kam es leise von Albus. „Er vertraut viel zu sehr darauf, dass Menschen sich nicht verletzen wollen, doch ein paar Tropfen Blut schwächen uns nicht.“

Zum zweiten Mal schnitt er sich mit einem Messer in die Handfläche und drückte einige Tropfen seines Blutes auf die Stelle an der Wand, die vorher gestrahlt hatte. Sie leuchtete erneut auf und dann verschwand ein Stück Mauer. Eine einfache Illusion. Jetzt war die Nische frei, nur noch von Bannen geschützt. Gemeinsam wirkten die beiden Zauberer einige Gegenflüche, dann wollte Albus hineingreifen.

„Nicht!“, warnte Severus. Er zog ein Paar Drachenlederhandschuhe aus seinem Umhang und griff damit dann in den schmalen Spalt. „Das sollte schützen, wer weiß, was da noch drauf ist.“

Albus nickte anerkennend und gemeinsam beäugten sie den Ring, der auf Severus' Handfläche lag, als er seine Hand zurückzog. Ein schlichter Ring aus Gold mit einem schwarzen Stein. Auf dem Stein konnte man vage einige Striche erkennen, sicherlich war das einst deutlicher gewesen, wahrscheinlich ein Wappen. Einige Zauber später war klar, dass Severus' Ahnung ihn nicht getrogen hatte, der Ring war mit einem Fluch belegt, der denjenigen, der ihn mit bloßer Haut berührte, langsam und qualvoll töten würde. Vorsichtig wickelte Severus ihn in einen Handschuh ein und Albus steckte ihn in seinen Umhang, um ihn dann in seinem Tresor zu sichern. So lange sie nichts hatten, um die Horkruxe zu vernichten, mussten sie sie gut geschützt aufheben.

Sie apparierten zurück nach Hogwarts, gingen vom Tor in Richtung Portal. Schneefall hatte eingesetzt und Severus fror, obwohl er einen Wärmezauber auf sich legte. Er freute sich auf das Feuer in seinem Labor, denn er musste sich bald an den Wolfsbann machen.

„Ich nehme den Ring mit, du bist in deinem Labor?“, fragte Albus schließlich an der großen Treppe.

„Ja, ich braue Wolfsbann, und Poppy wird bald Erkältungstränke brauchen, davon sind vermutlich nicht mehr viele da.“, erwiderte Severus.

„Ich komme dann später eventuell noch mal zu dir, sollte ich etwas erfahren wegen der anderen … Artefakte.“, informierte der Direktor seinen Tränkemeister.

Schüler liefen um sie herum, es war gerade Zeit zum Abendessen. Die Kinder sollten nicht wissen, wovon die beiden Erwachsenen sprachen, das wäre nicht gut, wenn es sich verbreitete. Also verabschiedete sich Severus, er wollte sich einen Imbiss von den Hauselfen bringen lassen, sobald die Tränke soweit waren, dass er sie einige Zeit alleine lassen konnte. Und ein heißer Tee wäre jetzt auch sehr angenehm, überlegte er.

Zwei Stunden später füllte er die Erkältungstränke für die Heilerin ab und der Wolfsbann war ebenfalls fast fertig. Eine Hauselfe hatte ihm einen Kartoffelsalat und Schnitzel dazu gebracht und mit einem vollen Magen und einer Kanne heißem Kräutertee fühlte er sich deutlich besser als zuvor. Das flaue Gefühl war weg und er freute sich auf Remus. Auch wenn sie nur wenig Zeit miteinander verbrachten, aber wenn Harry fest genug schlief, konnten sie eine Weile in Lucys Wohnzimmer sitzen und reden.

Als der Wolfsbann fertig war, schöpfte er ihn ab in einen Kelch und trat an seinen Kamin. Mit Hilfe von Flohpulver war er in wenigen Augenblicken auf den Azoren. Remus erwartete ihn bereits und verzog das Gesicht in Anbetracht des Kelches, den Severus in der Hand hatte. Am Geschmack hatte er bisher nichts ändern können, auch wenn er es immer wieder versuchte. Bisher aber leider nicht erfolgreich. Der Dunkelblonde hielt sich die Nase zu und kippte den Trank hinunter, schüttelte sich dann und ließ sich auf das Sofa sinken.

„Danke, Sev.“, grinste er jungenhaft und reichte ihm den Becher wieder. „Du siehst besser aus als gestern. Gut geschlafen?“

„Ging so, aber dieses flaue Gefühl ist endlich weg. Die Hauselfen haben mir vorhin Essen gebracht und Tee, seither geht es mir besser.“, gestand Severus. „Ich war heute mit Albus im Haus der Gaunts, wir haben den Ring!“

„Wow!“, entfuhr es Remus lauter als beabsichtigt. Schnell senkte er seine Stimme wieder. „Das ist Wahnsinn! Aber was ist mit den Anderen?“

„Von der Schlange wissen wir nicht, wo sie ist, nach dem Diadem suchen wir noch immer, dieser Raum ist so wahnsinnig groß und gefüllt. Allerdings sollten wir es bis kurz nach Weihnachten schaffen, denn so viel Regale sind nicht mehr übrig zum Durchsuchen.“, berichtete Severus, nachdem er einen Stillezauber gewirkt hatte. „Albus arbeitet daran, dass wir möglicherweise in das Verlies der Lestranges kommen und dort den Horkrux im Becher zerstören können. Und dann ist noch das Medaillon, das vermutlich von Regulus Black gestohlen wurde. Wir wissen allerdings nicht, wie wir in das Black-Haus in London kommen, dort wollen wir danach suchen. Vielleicht kann Andromeda Tonks uns helfen, Albus versucht das jedenfalls.“

„Das könnt ihr leichter haben.“, verriet Remus. „Sirius hat es damals so eingerichtet, dass ich jederzeit ins Haus kann. Er meinte, dass ich dann immer ein Dach über dem Kopf habe, denn für ihn allein war das Haus immer zu groß. Allerdings war ich nicht mehr da, seit … Du weißt schon. Ich konnte es einfach nicht, weil ich so enttäuscht von ihm bin.“

Severus schloss ihn in die Arme, als er die Welle aus Trauer und Enttäuschung spürte, die von Remus ausging. Wie ein Ertrinkender klammerte sich Remus an seinen Mann und küsste ihn intensiv und verlangend. „Hier? Jetzt?“, keuchte Severus, als er sich kurz lösen konnte.

„Lucy ist nicht hier, sie ist ein paar Tage bei ihrer Nichte auf dem spanischen Festland.“, grinste Remus. „Unser Kleiner schläft tief und fest!“

 

In dieser Nacht kam Severus ziemlich spät zurück in seine Räume, oder eher ziemlich früh. Gegen halb zwei Uhr morgens fiel er ins Bett, fühlte sich aber besser als die letzten Wochen, Remus wusste genau, wie er ihn behandeln musste, damit es ihm gut ging. Erfrischt ging er am Morgen frühstücken und war so konzentriert im Unterricht wie seit Wochen nicht mehr.

„Hattest du einen schönen Abend?“, fragte ihn Albus in der großen Halle. „Ich war noch bei dir, aber du warst nicht da.“

„Ich habe den Wolfsbann abgeliefert und weiß nun, wie wir in das Haus kommen. Remus kann hinein.“, flüsterte Severus, sodass es sonst niemand hören konnte.

Die Augen des Schulleiters weiteten sich. „Das ist … großartig! Ich hatte schlechte Nachrichten, Mrs. Tonks hat sich bei mir gemeldet, sie kann nicht hinein, da sie mit allen Konsequenzen verstoßen wurde. Aber ihre Tochter kommt im Herbst in die Schule, das wird sicher interessant, sie ist ein Metamorphmagus.“

„Salazar steh uns bei.“, seufzte Severus theatralisch. „Als wären die beiden Weasleys nicht schlimm genug.“

Albus gluckste, sagte aber nichts dazu. Er mochte die Rothaarigen, aber Severus war meist das Ziel ihrer Streiche, auch wenn man ihnen nie etwas nachweisen konnte. Noch nicht, der Tränkemeister arbeitete daran. Wobei es bisher erstaunlich ruhig war, es gab noch keinen Vorfall, zumindest keinen, der ihm bekannt war. „Suchen wir heute noch einmal? Oder kommen Remus und Harry schon Nachmittag?“, wollte er noch wissen.

„Sie kommen nach dem Mittagessen, Remus will sich noch ausschlafen, damit er nachts fit ist.“, wusste Severus.

„Gut, dann suchen wir am Sonntagabend weiter.“, entschied Albus. „Und in den Ferien gehen wir nach London.“

Severus nickte nur. Er hatte nicht mehr viel Zeit und musste noch etwas vorbereiten für die erste Stunde, daher verabschiedete er sich nun von seinen Kollegen und ging zurück in die Kerker. Die siebten Klassen hatten heute die ersten Stunden bei ihm, alle vier Häuser gemeinsam, da nicht viele im Elitekurs waren. Mit ihnen wollte er heute einen Trank brauen, der die Sinne für eine gewisse Zeit verstärkte. Wenn sie es schafften, dann war er pünktlich zu Weihnachten fertig, das Festessen würde dann sicher noch intensiver riechen und schmecken, die Geschenke wären noch ansprechender, wenn sie alle Sinne betörten. Das hatten sie sich gewünscht, da er ihnen einige Projekte angeboten hatte, denn sie waren fleißig gewesen seit September und es hatte keinen einzigen Unfall gegeben. Das hier war nun ihre Belohnung, er hoffte, es würde sie motivieren, fleißig weiter zu lernen.

Wie erwartet waren die sieben Schüler aus der siebten Klasse konzentriert bei der Sache und schon bald füllten bunte Dampfwolken den Klassenraum. Bisher sah alles gut aus, zwar waren die Schüler unterschiedlich schnell, aber die einzelnen Tränke sahen perfekt aus. Die schnelleren Schüler bremste er schließlich ein wenig, damit sie nicht zu weit auseinander kamen, sie sollten einigermaßen gleichzeitig fertig werden. Am Ende mussten sie alle einen Stasiszauber wirken, damit sie in der nächsten Stunde weiterarbeiten konnten. Bis zu den Ferien hatte er noch zwei Doppelstunden mit diesem Kurs, das würde genau ausreichen. Zufrieden verließen die Sieben schließlich das Klassenzimmer. Auch der restliche Tag verlief unfallfrei und Severus beeilte sich, in seine Räume zu kommen. Remus und Harry waren sicher schon da.

„Daddy!“, begrüßte Harry Severus, als er nach dem Unterricht die Tür aufmachte.

Schmunzelnd nahm Severus ihn auf den Arm. „Na, Harry? Wie geht's dir?“

„Hab dich misst.“, erklärte Harry ernst.

„Du hast mich vermisst?“, hakte Severus nach und der Kleine nickte. „Ich dich auch, mein Kleiner. Was denkst du, korrigieren wir noch ein paar Aufsätze zusammen, damit Daddy Remus schlafen kann?“

„Helfen!“, forderte Harry, und Severus setzte ihn an den Schreibtisch, nachdem er einen Hochstuhl gezaubert hatte. Er reichte ihm ein wenig Pergament und eine Feder. Irritiert sah der Fünfjährige die Feder an und beobachtete dann seinen Vater. Der war sich der Blicke nur zu bewusst. Jetzt erst kam er dazu, Remus zu begrüßen, der die Interaktion der beiden Schwarzhaarigen amüsiert beobachtet hatte. Sie umarmten und küssten sich, dann merkte Severus an: „Leg dich hin, du siehst müde aus. Ich kümmere mich um Harry. Und nachher brauen wir für dich.“

„Danke, Sev.“, gähnte Remus. Die Nacht war Vollmond angesagt, da musste er sich ein wenig ausruhen; trotz Wolfsbann bekam er die Erschöpfung kaum in den Griff und die letzten Tage war er mit Harry beschäftigt gewesen. „Viel Spaß, Harry!“

„Schlaf gut Daddy!“, wünschte Harry leise.

„Danke mein Engel!“, lächelte Remus, dann ging er ins Schlafzimmer und würde sicher ein paar Minuten später schon tief und fest schlafen.

Severus setzte sich nun an seinen Schreibtisch, sodass Harry genau sehen konnte, was er machte. Er griff nach seiner Feder, schob das Tintenfass so, dass auch Harry daran kam, tauchte die Feder ein und arbeitete sich durch den ersten Aufsatz, strich die Fehler an und schrieb Bemerkungen an den Rand, auch wenn er wusste, dass die meisten Schüler nur die Note lasen, die er oben in die rechte Ecke schrieb. Heimlich beobachtete er Harry, der sehr ernst wirkte, während er auch immer wieder mit der Feder in die Tinte tauchte und damit auf seinem Pergament zeichnete. „Möchtest du auch andere Farben?“, bot Severus irgendwann an. „Ich habe nicht nur rot, sondern auch schwarz, blau und grün.“

Mit großen Augen sah Harry ihn an und Severus konnte die Aufregung sehen, doch der Kleine sagte nichts. Also holte Severus die anderen Farben einfach dazu und stellte sie offen vor Harry hin. Mit einem kurzen stab- und wortlosen Zauber stellte er sicher, dass der Fünfjährige die Farben nicht mischen konnte. Absichtlich würde er das sicher nicht machen, aber wenn er die Feder mal da und mal dort eintauchte, dann passierte es schnell. Mit dem Zauber blieben die Farben da, wo sie hin sollten. Bald war Severus mit seinem Stapel fertig und genoss es, Harry beobachten zu können. Er zeichnete außergewöhnlich sauber und konzentriert, es sah nicht aus wie das Werk eines Fünfjährigen. Nach und nach wurde klar, was Harry malte: zwei große Figuren, eine davon mit schulterlangen Haaren und einem Umhang, die andere in Hose und T-Shirt und mit ein paar Bartstoppeln. Dazwischen eine kleinere Gestalt mit wirr abstehenden Haaren. Die großen Figuren hielten die kleinere Gestalt an den Händen und alle drei lächelten, während sie wohl am Strand spazieren gingen. Jedenfalls waren Wellen und Schiffe im Hintergrund angedeutet und die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. „Fertig.“, beschloss er schließlich und zeigte es Severus.

„Sehr gut, Harry.“, lobte der Tränkemeister. „Das kann man genau erkennen, wir Drei gehen am Strand spazieren. Das hat dir gut gefallen.“ Harry nickte. Er wirkte müde. „Komm her, mein Kleiner.“, hob Severus ihn schließlich aus dem Hochstuhl und setzte sich mit ihm auf das Sofa. „Magst du etwas essen? Soll ich dir einen Joghurt bringen lassen?“

Erneut nickte Harry. „Mit Erdbeeren?“, wollte er wissen.

Jetzt war es an Severus, zu nicken. „Nicht erschrecken!“, warnte er Harry. Dann klatschte er kurz und eine Hauselfe erschien, was einen Schrei bei Harry auslöste. Severus nahm ihn fester in den Arm und sprach ganz ruhig: „Das ist eine Hauselfe, sie arbeiten hier in Hogwarts, Harry.“, erklärte er, dann wandte er sich an die Elfe. „Bring mir bitte einen Erdbeerjoghurt für Harry und einen Obstsalat. Dazu eine Tasse warmen Kakao und eine Kanne Kräutertee. Nachher Abendessen für zwei Erwachsene und ein Kind, aber erst gegen sieben Uhr.“

Die Elfe verbeugte sich und piepste: „Kommt sofort, Professor Snape-Lupin, Sir!“ Schon war sie wieder verschwunden und tauchte kurz danach mit dem Gewünschten wieder auf. Severus bat darum, es auf den Wohnzimmertisch zu stellen.

Sie aßen in Ruhe, wobei Harry auf dem Schoß seines Vaters blieb, dann gingen sie ins Labor. „Möchtest du mir helfen, Harry, oder nur zusehen?“, wollte er wissen.

„Schauen.“, entschied Harry, dem die vielen Dinge im Labor unheimlich waren. Hier in Hogwarts wirkte es gruselig, da es kein Fenster hatte. In Spinners End waren zwar auch nur Kellerfenster gewesen, aber zumindest war es viel heller dort. Hier machte das Labor Harry ein wenig Angst, aber er wollte es nicht zeigen. Allerdings fiel Severus auf, dass Harry dicht bei ihm blieb. Er hob ihn hoch und setzte ihn auf die Arbeitsplatte. Mit einem Aufrufezauber holte er den Kuschelwolf aus dem Kinderzimmer, wo Harrys Tasche stand, und drückte ihn dem Jungen in die Hand. Der Kessel war bereit, aber erst einmal mussten Zutaten hergerichtet werden.

Während Severus schnitt, schälte und zerdrückte, sah Harry ihm aufmerksam zu. Bald brodelte der kleine Kessel auf dem Feuer und Severus erwischte sich dabei, wie er Harry die ersten Lektionen zu verschiedenen Zutaten gab: „Das ist geriebenes Horn von einem Einhorn, es stärkt die Widerstandskraft gegen dunkle Magie. Man muss es sehr vorsichtig dosieren, es ist schwer zu bekommen und sehr wirkintensiv. Hier haben wir Murtlap-Essenz, die dient der Stärkung der Abwehr und Schmerzlinderung bei magischen Verletzungen. Wolfswurz wird auch Eisenhut genannt, das ist eine der wichtigsten Zutaten in diesem Trank. Außerdem noch Mondstein und Tentakelsamen, aber dabei muss man sehr vorsichtig sein, denn diese Tentakelsamen sind sehr giftig und nur ausgebildete Zaubertränkemeister dürfen sie kaufen und verwenden.“

Harry hörte sehr aufmerksam zu und schien alles in sich aufzusaugen. Severus erklärte ihm, dass es wichtig war, in welche Richtung man wann rührte und wie schnell das passierte. „Rührt man falsch, kann man die Wirkung eines Trankes ins Gegenteil verkehren, so haben sich schon manche Zauberer versehentlich vergiftet, wenn sie einen Heiltrank falsch herum gerührt haben.“

Gegen kurz vor sieben Uhr war er fertig und füllte den Trank um in einen Becher. „So, jetzt auf zu Remus, er muss ihn ganz frisch trinken, damit es ihm bald wieder besser geht.“, verkündete Severus.

„Daddy Sev, ist Daddy Remus krank?“, fragte Harry ängstlich.

„Es geht ihm bald wieder gut, keine Angst, Harry. Er ist nicht krank, aber der Mond macht ihn schwach und müde, darum bekommt er den Trank immer vor Vollmond von mir.“, erklärte Severus. Lange würden sie es vor Harry wohl nicht mehr verheimlichen können, der Kleine hatte sich in der Zeit bei den Dursleys angewöhnt, auch Kleinigkeiten genau aufzunehmen und zu analysieren. Und doch war es jetzt noch zu früh für Harry. Er sollte keine Angst haben.

Sie brachten Remus den Trank, der ihn so schnell wie möglich schluckte, dabei versuchte, sich die Abscheu nicht anmerken zu lassen. Natürlich merkte es Harry trotzdem. „Schmeckt nicht gut?“, fragte er.

„Nein, nicht wirklich. Aber es hilft, dass es mir besser geht.“, antwortete Remus ein wenig kläglich. „Komm, essen wir.“

Nach dem Essen legte sich Severus mit Harry ins Bett, las ihm noch eine Geschichte vor, dann machten sie das Licht zum Schlafen aus. Harry akzeptierte die Erklärung, dass Remus nicht bei ihnen war, weil er Ruhe brauchte. Aber, wie lange würde das noch gut gehen? Unruhig schlief Harry, träumte wohl nicht besonders gut, denn er schreckte immer wieder hoch und klammerte sich dann an Severus. Erst, als Remus gegen kurz nach Sonnenaufgang zu ihnen kam, wurde Harry ruhiger und schlief noch einmal ein paar Stunden. Zum Mittagessen saßen sie dann in der Küche. Remus wirkte müde, aber war zumindest unverletzt. Ein wenig schwerfällig vielleicht, weil er Muskelkater hatte. Daher ließen sie ihn am Nachmittag in der Badewanne liegen und gingen ins Dorf, damit sie ein Weihnachtsgeschenk für ihn kaufen konnten.

Am Sonntag reisten sie gemeinsam nach São Jorge, wo sie noch ein paar Stunden am Strand und im Garten von Lucy verbrachten, bevor Severus wieder zurück nach Hogwarts musste. In einer knappen Woche begannen die Weihnachtsferien, dann kam Severus wieder zu ihnen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Ursprünglich hatten sie nach Spinners End gehen wollen, aber am Freitag und Samstag hatten sie gemerkt, dass Harry wieder Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte, daher entschieden sie nun anders. Lucy hatte es ihnen angeboten, denn sie war bei ihrer Nichte und würde dort wahrscheinlich noch bis in den Januar hinein bleiben. Remus kümmerte sich – aus Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft – um den Garten und einige Arbeiten im Haus, so waren beide Seiten rundum zufrieden. Harry war ziemlich traurig, als sich Severus kurz vor dem Abendessen verabschiedete.

„Nur noch vier Tage, dann bin ich fast zwei Wochen hier bei euch.“, versprach Severus ihm. „Hilfst du Daddy Remus inzwischen, einen Baum zu finden und zu schmücken? Ich schicke euch unseren Weihnachtsschmuck.“

„Okay, Daddy Sev.“, antwortete Harry traurig. „Hab dich lieb.”

„Ich hab dich auch lieb, Harry.“, murmelte Severus in die schwarzen Haare, als er seinen Sohn noch einmal hochhob. „Bis bald, mein Kleiner.“

Zurück in Hogwarts meldete er sich bei Albus und sie trafen sich erneut vor dem Raum der Wünsche. Zwei Stunden später waren sie schon dabei, es für heute aufzugeben, als Severus sich dem Schrank an der Querwand zuwandte. Er öffnete die Tür und spürte eine unheimliche Kälte, die sich ausbreitete. „Hier scheint etwas zu sein.“, merkte er an, bevor er die Tür noch ein wenig weiter öffnete, um Licht hinein zu lassen.

Albus kam zu ihm und sie wandten sich dem Inneren des Schrankes zu. Nicht zum ersten Mal waren sie in einer derartigen Situation, viele schwarz-magische Objekte verbreiteten Kälte, wenn man in ihrer Nähe war. Aber bisher waren sie nicht auf einen Horkrux gestoßen. Doch diesmal schien es anders zu sein. Sie konnten nicht sagen, was anders war, aber das Gefühl war da, dass es diesmal nicht nur ein einfaches, schwarz-magisches Objekt war. Beide griffen gleichzeitig in ihre Umhänge und zogen drachenlederne Handschuhe heraus. Mit diesen schützten sie ihre Hände, bevor sie in den Schrank griffen. Langsam zogen sie die Hände mit dem Objekt zurück.

Nach und nach konnte man erkennen, dass es sich um einen zierlichen Reifen handelte, der aus Silber gefertigt zu sein schien. Einige Edelsteine waren eingefasst im breiten Teil und um den Rand war Schrift graviert, fein und kaum lesbar. „Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.“, las Severus vor. „Das ist es.“

„Ja, das ist es.“, stimmte Albus zu. „Wir haben wieder einen in unserer Hand. Es wird langsam. Aber wir haben dennoch viel Arbeit noch vor uns.“

„Weihnachten werden wir auf São Jorge feiern, aber am Ende der Ferien kommen wir her, dann können wir nach London gehen. Ich denke, Remus kann es dann so einrichten, dass wir ihn nicht ständig brauchen, um hineinzukommen.“, verriet Severus nach einigen Minuten Stille.

Albus nickte. „Das ist wirklich die beste Lösung. Ich bin froh, dass es so klappt. Das Diadem packe ich nicht zu dem Ring und dem Tagebuch, ich denke, es ist besser, wenn wir sie getrennt aufbewahren.“ Severus nickte dazu. „Die nächsten Tage lassen wir es entspannt angehen, dann genießt du Weihnachten. Euer erstes Fest zu dritt, das ist etwas Besonderes.“

Severus erwiderte nichts, lieber ging er zurück in seine Wohnräume. Erneut war ihm ein wenig flau, aber er schob es darauf, dass er seit Mittag nichts mehr gegessen hatte und es nun schon fast zehn Uhr abends war. Er musste sich unbedingt regelmäßigeres Essen angewöhnen, wie es aussah. Obwohl ihm das bisher nichts ausgemacht hatte, aber irgendetwas hatte sich verändert. Zurück in den Kerkern ließ er sich einige Sandwiches bringen und aß sie, während er in einem Buch über magische Wesen blätterte.

Unterbrochen wurde er nur von einem Flohanruf von Lucius. „Severus? Ich möchte mich entschuldigen, sollte ich dich in Bedrängnis gebracht haben.“, begann der Blonde. „Es war nicht meine Absicht, aber du weißt, dass ich mich auf dich verlassen musste. Ich brauchte deine Hilfe dringend.“

„Schon gut. Ich war auch nicht besonders ruhig an dem Tag. Harry war krank.“, winkte Severus ab. „Aber noch etwas. Die Zeitungen haben nichts davon geschrieben, dass Remus und ich den Kleinen aufgenommen haben, nur von Remus war die Rede. Was bedeutet das? Ich wollte dich schon lange fragen, aber irgendwie kam ich nie dazu.“

„Ich habe damals als Pressesprecher agiert.“, nickte der Blonde. „Ich wollte dich raushalten, immerhin sind wir Freunde. Außerdem wollte ich vermeiden, dass die Anhänger des Lords zu dir kommen. Sie sind immer noch hinter dem Jungen her, aber der Lord wollte nie, dass er getötet wird, jedenfalls nicht von uns. Er wollte ihn selbst töten. Seine Anweisungen waren klar und als seine damalige rechte Hand sollte ich dementsprechend handeln. Mal ganz davon abgesehen, der Minister ist nicht sonderlich angetan von homosexuellen Beziehungen, er will nicht, dass so etwas im Propheten landet. Da halten sich im Großen und Ganzen auch die Reporter dran. An den Werwolf traut sich keiner ran, der ist zu eng mit Dumbledore befreundet. Aber inzwischen ist Vielen klar, dass du mit ihm verheiratet bist, also wissen sie wohl auch, dass Harry bei dir und dem Wolf ist. Sei vorsichtig.“

„Bin ich immer, das weißt du doch.“, versicherte der Tränkemeister.

„Gut. Dann noch etwas Anderes. Narzissa und ich möchten dich einladen, Weihnachten mit uns und Draco zu verbringen.“, kam Lucius auf den Grund seiner Kontaktaufnahme zu sprechen.

„Lucius, du weißt, ich bin nicht mehr alleine. Ich werde Weihnachten mit meiner Familie verbringen.“, lehnte Severus kühl ab. „Ich komme, wenn es Harry besser geht.“

„Ist er immer noch so traumatisiert?“, staunte Lucius.

„Was denkst du denn?“, schnappte der Tränkemeister. „Er hat vier Jahre bei diesen Bestien gelebt! Das dauert noch eine ganze Weile. Wenn ihr Glück habt, komme ich zu Dracos Geburtstag!“

Der Blonde verabschiedete sich kühl und distanziert, aber durchaus höflich, dann verschwand er. Severus merkte schnell, dass er sich nun nicht mehr auf das Buch konzentrieren konnte, und ging ins Bett.

 

Die nächsten Tage waren ruhig und von Vorfreude geprägt. Alle freuten sich auf Weihnachten, vor allem die Schüler, denn sie alle fuhren nach Hause. Das war ein erstes Mal, normalerweise blieben immer ein paar Schüler hier. Das gab auch den Lehrern die Freiheit, zu feiern wo auch immer sie wollten, keiner musste Aufsicht machen. Immer wieder schnappte Severus Unterhaltungen auf, wer wo feiern wollte. Minerva würde nicht weit reisen, sie hatte ein Haus hier in Schottland, vielleicht hundert Kilometer von Hogwarts entfernt. Filius Flitwick plante, zu seiner Schwester und deren Kindern zu fahren, Pomona Sprout und Poppy Pomfrey wollten zehn Tage Urlaub in Marokko machen. Er selbst freute sich darauf, seine Männer um sich zu haben.

Die siebte Klasse schaffte die Tränke und sie füllten jeder eine Phiole ab. Die durften sie mit nach Hause nehmen und sie konnten sie dann am Tag vor Weihnachten schlucken. Es dauerte eine Weile, bis er richtig wirkte, über Nacht war optimal. Dann wurde Weihnachten ein ganz besonderes Erlebnis für sie. Sie bedankten sich mit einem alten Tränkebuch bei Severus, hatten es in Hogsmeade bei dem Buchhändler gefunden und ihm zu Weihnachten gekauft. Er bedankte sich, überrascht von der Geste, und ließ sie eine halbe Stunde eher gehen, gab ihnen nur eine Hausaufgabe mit auf: „Genießen sie ihre Ferien und berichten sie über ihre Erfahrungen.“

Am Abend des vorletzten Schultages packte Severus seinen Koffer und die Weihnachtsgeschenke ein. Am Montag war er kurz in Spinners End gewesen und hatte den Weihnachtsschmuck herausgesucht, ihn über den Kamin zu Harry und Remus geschickt. Nun war er gespannt, was sie damit gezaubert hatten. Leider musste er noch eine Weile ausharren, denn am morgigen Tag hatte er bis Mittag Unterricht. Nach dem Mittagessen fingen dann die Ferien an, die Schüler fuhren mit dem Zug nach Hause und die Lehrer reisten zumeist über die Kamine oder apparierten von Hogsmeade aus.

 

„Ich wünsche ihnen allen schöne Ferien und hoffe, wir sehen uns in zwei Wochen gesund und munter wieder!“, verabschiedete der Direktor nach dem Mittagessen die Schüler. Sofort setzte ein lautes Murmeln von etwa dreihundert Schülern ein und alle bewegten sich zielstrebig auf das Portal zu. Die Koffer waren von den Hauselfen in die Eingangshalle transportiert worden, dort herrschte nun für einige Minuten Chaos. In dieser Zeit verabschiedeten sich einige Kollegen von Severus, der in die Kerker gehen und abreisen wollte, sobald die Schüler mit den Kutschen unterwegs waren. So lange aber wartete er lieber in der Halle ab, denn durch diese Massen an Schülern wollte er sich nicht kämpfen.

„Severus?“, hielt ihn die Stimme von Albus noch einmal auf. „Kann ich kurz noch mit dir reden?“

„Natürlich, Albus. Was gibt es?“, entgegnete der Tränkemeister.

„Ist Lucy zuhause?“, wollte Albus wissen.

„Remus sagte, sie ist bei ihrer Nichte in Spanien und kommt erst im neuen Jahr wieder.“, informierte Severus. „Wir wollten ursprünglich in Spinners End feiern, aber als Harry das Wochenende hier war, hat er wieder Schwierigkeiten mit seiner Atmung gehabt, daher haben wir ihr Angebot angenommen und bleiben dort.“

„Dann werde ich sie wohl im Januar mal besuchen.“, überlegte der Weißhaarige. „Und wir sehen uns wann?“

„Wir kommen am 30. Dezember nach Spinners End.“, antwortete Severus. „Silvester gehen wir dann mit Remus nach London und sehen uns entweder dort oder zuhause das Feuerwerk noch an, wenn wir gesucht haben. Remus hat vorgeschlagen, dass er uns Mittag in das Haus lässt, dann aber mit Harry ein wenig in die Stadt geht, vielleicht einkaufen oder irgendwas für Kinder. Dann können wir in Ruhe ein paar Stunden suchen, bevor wir uns das Feuerwerk ansehen. Auf São Jorge gibt es da wohl nicht viel zu sehen.“

„Dann komme ich am 31. Dezember gegen Mittag zu euch nach Spinners End?“, konkretisierte der Schulleiter.

„Das wird das Beste sein.“, stimmte der Schwarzhaarige zu. „Schöne Feiertage!“

„Danke. Euch auch!“, wünschte Albus.

Eine halbe Stunde später war er endlich soweit, dass er mitsamt seinem Koffer in den Kamin steigen konnte. Vorher hatte er das Geschenk für Draco noch mit seinem Raben ins Manor geschickt, der Junge sollte wenigstens sehen, dass er an ihn dachte. Kurz darauf wurde er freudig begrüßt. Er brauchte ein paar Minuten, um sich ein wenig auszuziehen, denn im Gegensatz zu Schottland, wo es inzwischen fast einen Meter Schnee und Temperaturen um die -5°C hatte, war es auf São Jorge sonnig und fast 20°C warm. Harry wirkte entspannt, aber ruhig. Remus schmunzelte ein wenig, als er den verwirrten Blick seines Mannes sah. „Er hat den Baum heute Vormittag geschmückt.“, erklärte er. „Das war ziemlich anstrengend für ihn, aber er hat es ganz alleine geschafft. Eigentlich wollte ich ihn gerade für einen Mittagschlaf hinlegen.“

„Nich' schlafen.“, protestierte der Fünfjährige und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Doch, Harry, du solltest dich ein bisschen ausruhen, dann können wir danach an den Strand gehen.“, bestimmte Remus.

Bettelnd sah der Junge auf zu Severus, doch der schüttelte energisch den Kopf. „Nein, mein Kleiner. Das hilft nichts. Erst schlafen, dann gehen wir gemeinsam an den Strand.“

Also fügte sich Harry und ging brummelnd ins Bett. Durch seine Unterernährung und die lange Krankheit war er leicht erschöpft und musste Mittagschlaf halten. Normalerweise klappte es gut, aber an Tagen, wenn Severus kam, probierte er es gerne immer wieder. Seinen Mittagschlaf hielt er inzwischen im Kinderzimmer, daher zogen seine Väter sich ins Schlafzimmer zurück und genossen die Zeit zu zweit.

 

Zwei Tage später setzten sie sich mit Harry an den Baum. Der Fünfjährige blickte mit riesigen Augen auf die Kerzen am Baum. Er konnte es noch nicht richtig fassen, dass er nicht eingesperrt wurde. Nun wurde er auch geliebt, und sogar Geschenke für ihn lagen unter dem Baum. Das erste Päckchen war länglich und schmal. Remus gab es ihm und er riss an dem Papier, zu ungeduldig, um es langsam aufzumachen. Verwirrt sah er auf den Inhalt des Päckchens und die beiden Erwachsenen sahen entsetzt, wie der zunächst freudige Ausdruck verschwand und Enttäuschung wich. Sie verstanden es nicht, bis Remus auf einmal schaltete. Offenbar glaubte Harry, dass er damit arbeiten sollte.

„Harry, das ist ein Kinderbesen, auf dem kannst du fliegen.“, erklärte er daher ruhig. „Nicht besonders hoch oder schnell, damit dir nichts passiert, aber versuch es einfach, setz dich drauf!“

Ungläubig-erstaunt sahen die grünen Augen auf. Ein wenig Hoffnung gab es nun wieder in ihnen. „Fliegen?“

„Ja, fliegen.“, bestätigte Severus, der nun auch realisierte, was mit dem Kleinen passierte. „Versuch es ruhig.“

Und Harry probierte es. Er hielt den Besen fest, schwang sein Bein über den Stiel und setzte sich vorsichtig darauf. Etwa einen halben Meter über dem Boden war Schluss, höher stieg er nicht. Es konnte auch so noch genug passieren, wenn er stürzte, aber das Strahlen, das nun in die grünen Augen trat, machte es wett. Es dauerte nicht lange, da sauste Harry mit seinem Besen durchs Wohnzimmer und den Flur. Remus und Severus waren vollauf damit beschäftigt, alles Zerbrechliche aus dem Weg zu zaubern. Severus lehnte sich an Remus und beobachtete den kleinen Wirbelwind. So fröhlich hatte er ihn wohl noch nie gesehen, Harry lachte und jubelte beim Fliegen. Jedes Lachen brachte Severus zum Strahlen. Das hier war sein persönliches Glück, sie waren zusammen und Harry lachte. So sollte es bleiben. „Augenblick verweile doch, du bist so schön.“, murmelte Severus leise.

„Sev?“, fragte Remus ebenso leise.

„Das hier macht mich so glücklich, wie ich es noch nie in meinem Leben war.“, gestand der Tränkemeister schließlich.

„Ich liebe dich!“, wisperte der Dunkelblonde daraufhin in Sevs Ohr.

„Du bist mein Leben, Remus!“, gab Severus zurück und drehte sich weit genug, um ihn küssen zu können.

Sie wurden von einem Klirren aus der Ruhe gerissen. Offenbar hatte Harry doch noch etwas Zerbrechliches gefunden und beim Fliegen abgeräumt. Als sie hochschauten, sahen sie gerade noch, wie ein schreckstarrer Harry die Vase ansah, die sich scheinbar von alleine wieder zusammensetzte. Panisch blickte Harry zu ihnen. Sofort reagierte Severus, kniete sich neben ihn und nahm den zitternden Jungen in seine Arme.

„Ruhig, Harry, es ist in Ordnung.“, sprach er leise auf den Fünfjährigen ein. „Du hast gezaubert. Weißt du noch, du bist ein Zauberer und wir haben dir versprochen, dass du auch Magie hast, so wie wir. Deine Magie hat die Vase repariert und alles ist gut. Es ist nichts passiert, du musst keine Angst haben.“

„Daddy nicht böse?“, hauchte Harry.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“, versprachen Severus und Remus gleichzeitig. „Ich glaube, wir sollten dir eine Zone bauen, in der du sicher fliegen kannst!“, fügte Remus schmunzelnd hinzu.

„Bereit?“, fragte Severus, der Harry auf dem Arm hatte. Er bekam nur ein sehr zögerliches Nicken, Harry mochte Flohreisen überhaupt nicht. Doch heute wollten sie zurück nach England reisen, in das Haus, in dem er ganz am Anfang schon mal gewesen war. Harry konnte sich kaum daran erinnern, er wusste nur noch, dass es dort angefangen hatte, schön zu sein. Keine Schläge, keine Arbeit und kein Schreien. Die beiden Männer liebten ihn, hatten ihn sogar adoptiert und er trug nun ihren Nachnamen.

„Halt dich an mir fest und mach die Augen zu, damit du keine Asche abbekommst.“, riet Severus. „Ich passe auf, dass wir auch richtig ankommen.“ Sofort versteckte sich Harry unter dem schwarzen, aber durchaus weichen Umhang. Er hatte warme Sachen an, weil es in England gerade ziemlich kalt war und er nicht wieder krank werden sollte. Jetzt konnte er spüren, wie Severus das Flohpulver ins Feuer warf und hörte wie er das Ziel nannte. Anschließend wurde es warm und rauschte. Fest kniff Harry seine Augen zu, die Sev geheilt hatte. Er wollte ganz sicher nicht, dass Asche hinein kam. Das tat weh. Der Trank, der seine Augen repariert hatte, war schrecklich gewesen, er hatte fürchterlich geschmeckt und hinterher hatten die Augen ein wenig gebrannt, aber kurz danach hatte er plötzlich deutlich sehen können und sein Kopf tat nicht mehr weh.

„Augen auf, mein Kleiner!“, hörte er nun Sevs Stimme. Er sah sich um und erkannte Einiges wieder. „Willkommen zuhause!“ Severus setzte Harry ab und ließ ihn das Haus neu erkunden. Er bemerkte, welchen großen Schritt Harry gemacht hatte, denn er wirkte nicht ängstlich, sondern eher neugierig. Das Haus hatte er zuletzt Ende August gesehen, und er schien sich zu erinnern. Allerdings war er im Sommer nicht alleine herumgelaufen, entweder an Remus' Hand oder in seinen Armen. Jetzt zeigte er deutlich mehr Selbstbewusstsein. Als Remus auch da war, feuerten sie die Kamine im Wohnzimmer und in der Küche magisch an, sodass es warm im Haus wurde. Sie brachten Harrys Gepäck ins Kinderzimmer, ihr eigenes ins Schlafzimmer. Wahrscheinlich würde Harry wieder zu ihnen kommen in der Nacht, aber inzwischen war er schon so weit, dass er zumindest im eigenen Zimmer einschlief. Diese Auszeiten genossen Remus und Severus sehr, auch wenn sie beide den Jungen liebten, so brauchten sie doch ab und zu ein wenig Zeit füreinander. Während Harry das Haus erkundete, machten sich Remus und Severus daran, Abendessen zu kochen.

„Möchtest du Baden, Harry?“, wollte Severus nach dem Essen wissen. Harry nickte begeistert, er liebte das Planschen im warmen Wasser. „Dann hol deinen Schlafanzug und deine Zahnbürste, ich mache in der Zeit das Bad warm. Findest du das Bad noch?“

„Mhm.“, machte Harry und lief nach oben.

Remus machte sich über die Küche, Badezeit war die Zeit, in der Sev und Harry inzwischen meist alleine waren. Harry hatte zum Tränkemeister nun das gleiche Vertrauen wie zu Remus und sie hatten ihre eigenen kleinen Rituale. Baden gehörte einfach dazu. Ebenso Haare schneiden. Das war etwas, das nur Severus bei Harry durfte. Mit dem Zauberstab die Haare kürzen. Langsam war Harry immer ruhiger geworden, wenn sie zauberten, auch wenn er noch immer bei manchen Gelegenheiten zusammenzuckte. Erst, als er hörte, wie oben die Bad-Tür aufging und Harry ins Kinderzimmer lief, ging auch er hinauf. Vor dem Bettgehen lasen sie eine Geschichte und kuschelten zu dritt auf dem Bett.

In dieser Nacht dauerte es – wie erwartet – nicht besonders lange, bis Harry zu seinen Vätern ins Bett kroch. Zumindest das traute er sich inzwischen; wenn er Angst hatte oder nicht schlafen konnte, dann kam er zu ihnen und rollte sich nicht stumm weinend im Bett zusammen, bis sie es bemerkten und ihn holten. Aber damit hatten sie gerechnet, dieses Haus war noch keine sichere Zone für den Fünfjährigen. Sie frühstückten gemeinsam in aller Ruhe, dann erst zogen sie sich an.

Gegen Mittag kam dann Albus vorbei. Bis dahin flog Harry ein paar Runden auf seinem Besen, das liebte er offensichtlich. Aber kaum, dass der Weißhaarige das Haus betrat, flüchtete er sich zu Remus, versteckte sich hinter dem Werwolf. „Keine Angst, Welpe. Erinnerst du dich an Albus Dumbledore? Er ist der Chef von Daddy Sev, der Direktor von Hogwarts. Lucy ist seine Großtante.“, erklärte Remus ruhig.

„Nicht Tante!“, zitterte Harry.

„Nein, nicht jede Tante ist böse.“, beschwichtigte Severus. „Die meisten Tanten sind lieb. Deine Tante war wirklich böse, aber du musst nicht mehr hin, sie sind im Gefängnis.“ Es hatte sich herausgestellt, dass auch Petunia Harry regelmäßig geschlagen hatte, wenn auch nicht ganz so heftig wie Vernon Dursley, außerdem hatte sie ihm verfaultes Essen gegeben und viel zu wenig davon. Sie waren vom Gamot zu zwanzig und fünfundzwanzig Jahren Askaban verurteilt worden. Dort saßen sie nun und büßten langsam aber sicher ihren Verstand ein. Dudley war zunächst in einem Kinderheim gelandet, dann aber hatte die Schwester von Vernon ihn zu sich genommen, die zwar streng war, aber dennoch eine liebevolle Beziehung zu ihrem Neffen hatte und sich wirklich um ihn kümmerte. Trotzdem hatten sie keinen Kontakt, Harry sollte seine Ruhe vor dieser Verwandtschaft haben und sie waren ziemlich sicher, dass der Junge Harry auch gequält hatte, allerdings wohl aufgrund des Nachahmens, was Kinder in dem Alter ja meistens machten.

„Gehen wir?“, meldete sich nun Albus zu Wort, der es offenbar kaum erwarten konnte.

„Ja, wir können.“, bestätigte Severus. „Wir apparieren nach London in den Park.“

Remus nickte kurz und ging mit Harry einige Schritte weg, um ihn noch einmal vorzuwarnen und dann zu apparieren mit ihm. Severus erklärte dem Schulleiter in der Zeit genauer, wohin es ging. Minuten später waren sie am Grimmauldplatz und Remus ging voraus. Er legte einfach nur seine Hand auf den Türknauf, woraufhin die Tür aufschwang. Der Werwolf blieb stehen und wirkte einen Zauber, dann deutete er den beiden anderen Erwachsenen an, nach dem Knauf an der Tür zu greifen. Somit wurde sichergestellt, dass sie auch alleine in das Haus konnten, sollten sie heute nicht erfolgreich mit ihrer Suche sein. Harry und Remus verabschiedeten sich kurze Zeit später auch schon, da sie erst einkaufen wollten, ein paar neue Kleidungsstücke und Spielsachen für Harry sowie ein wenig Feuerwerk, und dann vielleicht noch ins London Aquarium. Der Fünfjährige liebte die Unterwasserwelt sehr und das wäre sicher ein Erlebnis für ihn. Der Aufenthalt im Black-Haus hingegen wäre eher langweilig, wenn nicht sogar gefährlich.

Einige Stunden später wusste Remus, dass er richtig entschieden hatte. Das Aquarium faszinierte den Schwarzhaarigen und er schien sich nicht losreißen zu können. Die vielen bunten Fische schwammen wild umher und er konnte sich nicht sattsehen an dieser Pracht. Immer wieder entdeckte er etwas Neues und wollte noch ein wenig länger schauen. Erst, als es schon Durchsagen gab, dass bald geschlossen würde, nahm Remus seinen Sohn auf den Arm und verließ das Aquarium wieder. Es war nicht weit bis zum Grimmauldplatz, daher liefen sie zu Fuß. Sogar am Ministerium für Zauberei kamen sie vorbei und trafen Arthur, der eben Feierabend machte und nicht nach Hause wollte, sondern in die Winkelgasse, weil er noch Feuerwerk kaufen sollte. Sie plauderten eine Weile, während sich Harry wieder bei Remus versteckte, und Arthur lud sie ein, am anderen Tag zum Kaffee vorbeizukommen, damit Harry wenigstens einmal eine Chance hatte, gleichaltrige Kinder zu treffen. Bill und Charlie fuhren zurück nach Hogwarts, aber Percy, Fred, George, Ron und Ginny würden da sein.

Sie trafen Albus und Severus vor dem Haus, da sie nun deutlich später dran waren, als sie geplant hatten. Severus, Remus und Harry apparierten nach Spinners End, Albus nach Hogwarts zurück, um alles für die Ankunft der Schüler vorzubereiten. Beim Abendessen erzählte Harry begeistert vom London Aquarium und den vielen Fischen, die er dort gesehen hatte. Nach dem Essen musste er diesmal nicht ins Bett, sondern durfte mit seinen Daddys aufbleiben, damit sie um Mitternacht dann Feuerwerk machen konnten. So etwas hatte Harry noch nicht erlebt, bisher hatte ihm das eher Angst gemacht, denn er war in seinem Schrank eingesperrt worden, während sein Onkel und Dudley selbst Raketen abgeschossen hatten. Harry hatte immer nur den Lärm gehört und war seither ziemlich panisch. Aber mit Sev und Remus, seinen Daddys, konnte doch nichts passieren, oder?

Ganz sicher war er sich nicht, daher klammerte sich Harry erneut an Remus, als sie nach draußen gingen. Severus entzündete das Feuerwerk – es war nicht-magisch – und mit der Zeit genoss auch Harry den Anblick, wenn er sich auch sicherheitshalber weiterhin festhielt. Nach dem Feuerwerk allerdings konnte er seine Augen absolut nicht mehr offen halten und wurde in sein Kinderbett gelegt, wo er den Rest der Nacht erschöpft schlief. Severus und Remus waren froh, doch entschieden zu haben, nicht in London zu bleiben, als sie Harrys Verhalten gesehen hatten und vor allem, als er einschlief.

Nach dem Frühstück, das schon fast ein Brunch war, weil sie so lange geschlafen hatten, verabschiedete sich Severus von den Beiden, denn er musste zurück nach Hogwarts. Auch wenn die Schüler erst am Abend ankamen, musste er doch schon Einiges erledigen bis dahin. Remus und Harry hingegen machten sich noch zwei ruhige Stunden, bevor sie zu den Weasleys in den Fuchsbau flohten. Wie erwartet blieb Harry in den sicheren Armen von Remus, sah sich aber nach einer Weile zumindest um, während die beiden Erwachsenen – Arthur musste überraschend arbeiten – sich unterhielten. Molly bot Hilfe und Rat an, da sie selbst schon eine Menge Erfahrung mit Kindern hatte, doch Remus lehnte höflich ab. Harry war anders als die Weasley-Kinder und brauchte auch eine andere Behandlung, jedenfalls zunächst noch. Allerdings stimmte er mit der Rothaarigen überein, dass Harry lernen sollte, mit Kindern in Kontakt zu kommen und sie machten aus, dass sie sich nach Harrys Kur öfter mal zum Spielen treffen würden.

Die rothaarigen Kinder tobten derweil fröhlich durch das Haus und teilweise den Garten. Für Harry war das fast ein wenig viel Lärm, aber so lange er nicht von Remus' Schoß musste, konnte er es akzeptieren. Ihn faszinierte das Haustier von Percy, der immer wieder mit einer grauen Ratte im Arm an ihm vorbei lief. Das Tier schien sich nicht besonders wohl zu fühlen, denn es versuchte immer wieder zu entkommen, einmal hüpfte es sogar auf die Arbeitsplatte, wo ein Kuchen stand.

„Percival Weasley!“, schimpfte seine Mutter daraufhin. „Sieh zu, dass Krätze hier verschwindet, sonst garantiere ich für nichts!“ Dieser Ausbruch lenkte die Aufmerksamkeit des Werwolfes auf die Ratte und er starrte geschockt hin, hielt plötzlich seinen Zauberstab in der Hand und betäubte das Tier. Percy schrie auf und seine beiden Brüder, die Zwillinge, kamen angerannt, um zu sehen, was da los war. „Remus? Was soll das werden?“, fragte Molly Weasley gezwungen ruhig. Sie kannte ihn als ruhigen und besonnenen Mann, der selten unüberlegt handelte, aber gerade wirkte er vollkommen verrückt. Nie hätte sie geglaubt, dass er so spontan reagieren würde. Seltsamerweise hatte sie keine Angst um ihre Kinder, denn sie wusste, wie sehr Remus Kinder liebte, sie war nur von seiner Reaktion geschockt.

Remus sah sie mit goldenen Augen an, konnte sich nur mühsam beherrschen. Leise, sodass nur die Mutter der Weasleys ihn hören konnte, sagte er: „Ich denke, das ist ein Animagus.“

„Oh.“, machte Molly und gestikulierte ein wenig schwach.

„Gib mir bitte die Ratte, Percy.“, bat Remus gezwungen ruhig. „Keine Angst, wenn es wirklich eine Ratte ist, passiert ihr nichts. Aber ich habe das Gefühl, diese Ratte schon einmal gesehen zu haben.“

„Aber …“, protestierte der Weasley-Spross, wurde jedoch von seiner Mutter resolut unterbrochen: „Percy, du hast Remus gehört. Er glaubt, er kennt diese Ratte. Wenn ihm nichts passiert, kannst du ihm Krätze ruhig einen Moment überlassen.“

„Percy, ich will … Krätze nichts tun, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine Ratte ist. Darf ich?“, kam es leise von Remus.

Harry beobachtete das Ganze mit schreckgeweiteten Augen. Das hier machte ihm Angst; noch nie, seit Remus ihn abgeholt hatte, war er so … angsteinflößend gewesen. Er konnte nicht verhindern, dass er zu zittern begann, gerade weil er nicht wusste, warum Remus jetzt so böse wirkte. Der Fünfjährige verstand es einfach nicht und bisher hatten ihm unbekannte Situationen nie Glück gebracht. Remus registrierte nicht einmal, wie viel Angst sein Kleiner im Moment hatte, aber Molly reagierte irgendwann darauf. „Harry, mein Kleiner!“, sprach sie ihn an. „Du brauchst keine Angst haben.“

Da erst realisierte Remus, was gerade passierte. „Hey, Welpe!“, schloss er Harry sanft in die Arme. „Ich bin nicht böse, nicht auf dich oder die anderen Kinder. Aber wenn die Ratte hier das ist, was ich denke, dann ist etwas Schlimmes passiert mit einem Freund von mir. Das erschreckt mich und ich will jetzt wissen, ob ich falsch liege.“

„Daddy?“, wimmerte Harry.

„Ich bin da, Harry, hab keine Angst.“, versicherte Remus. „Pass auf, wir nehmen die Ratte mit und gehen zu Daddy Sev. Dort bist du sicher, und ich werde die Ratte mit Albus Dumbledore untersuchen, einverstanden?“

Zögernd nickte Harry und Remus wandte sich an Molly: „Tut mir leid, aber ich glaube, wir müssen den Besuch abbrechen. Percy, wenn es wirklich nur eine Ratte ist, dann bekommst du sie heute noch wieder, ansonsten kaufen wir dir eine neue Ratte. Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht mehr sagen, das ist zu gefährlich.“

Molly Weasley nickte dem Werwolf zu und verabschiedete sich, während Percy schmollte. „Er hat Krätze seit fast vier Jahren, sie ist ihm zugelaufen.“, erklärte die Rothaarige.

„Das ist ganz schön alt für eine gewöhnliche Ratte.“, wusste Remus. „Die werden normalerweise nur ein bis zwei Jahre alt. Magische Ratten schaffen etwa fünf bis sechs Jahre, aber das ist auch das Äußerste.“

„Nimm sie mit und untersuche sie, Remus.“, gestattete Molly. „Percy wird es akzeptieren. Aber versprich mir, dass ihr uns wieder einmal besuchen kommt.“

„Das werden wir, oder Harry?“, lächelte Remus. Der Fünfjährige nickte zögernd, als er sah, dass sein Daddy sich hier wohlfühlte. Er selbst fand es ziemlich verwirrend, aber er würde wiederkommen, wenn es Remus gefiel. Der Dunkelblonde stopfte nun die geschockte Ratte in seine Tasche, nahm Harry hoch und ging zum Kamin. Er nahm Flohpulver, warf es in das Feuer und sagte: „Hogwarts, Büro von Severus Snape.“ Harry versteckte sich in Remus' T-Shirt, wie immer, wenn sie durchs Feuer reisten. Er hasste diese Art zu reisen, beinahe noch mehr wie das Apparieren, wobei ihm immer schlecht wurde.

„Remus? Was ist passiert?“, hörte er auf einmal die Stimme von Severus und machte die Augen wieder auf.

„Ich habe die hier bei den Weasleys gefunden.“, erklärte Remus und zog die immer noch bewegungslose Ratte aus seiner Tasche.

Verständnislos und etwas angeekelt starrte Severus die Ratte an, die am Schwanz von Remus' Hand gehalten wurde und baumelte. Gerade zweifelte er ziemlich am Verstand seines Ehemannes. Remus setzte Harry ab und schickte ihn ins Kinderzimmer. Der Kleine sollte das hier nicht mitbekommen, er war so schon verstört genug. Harry spürte, dass es seinem Daddy wichtig war, dass er nun eine Zeitlang alleine spielte und ging brav ins Kinderzimmer, das Severus hergerichtet hatte, als er das erste Mal hier gewesen war. Er setzte sich auf sein Bett, wickelte sich in die Kuscheldecke ein und blätterte durch eines seiner Lieblingsbücher, in dem eine kleine Raupe sich am Ende in einen wunderschönen Schmetterling verwandelte.

„Also?“, forderte Severus, als Harry die Tür hinter sich geschlossen hatte. Es irritierte ihn, dass Remus den Kleinen außen vor ließ, das hatte er noch nie gemacht, aber er wirkte gerade extrem aufgebracht.

„Holen wir Albus dazu.“, presste Remus heraus.

Der Tränkemeister zuckte die Schulter und rief nach dem Schulleiter über den Kamin. Es dauerte nur wenige Momente, bis der Weißhaarige aus dem Feuer trat. Fragend sah er Remus und die Ratte in seiner Hand an.

„Ich muss etwas gestehen, und das wird euch vielleicht erklären, warum ich eine Ratte anschleppe.“, begann Remus und wanderte unruhig hin und her. „James, Sirius und Peter haben bereits in unserem zweiten Schuljahr herausgefunden, was ich bin. Sie haben sich nicht von mir abgewandt, sondern im Gegenteil versucht, einen Weg zu finden, mir zu helfen. Nun, die Verwandlung konnten sie nicht aufhalten, das war klar, als Menschen konnten sie mich auch nicht begleiten, aber sie wollten mich nicht alleine lassen. Also haben sie gelernt und es im fünften Jahr geschafft, sie wurden Animagi. In ihrer Animagusform passierte ihnen nichts. James wurde zu einem Hirsch, Sirius ein großer, schwarzer Hund. Die Beiden hatten mich auch in Wolfsform im Griff. Sie waren mein Rudel, zusammen mit Peter, der zu einer Ratte wurde.“

Die Blicke von Severus und Albus wanderten von Remus' Gesicht zu der Ratte in seiner Hand und zurück. „Du meinst …?“, begann Severus.

„Diese Ratte sieht genauso aus wie Peter in seiner Animagusform. Ich habe ihn schon so oft gesehen, ich bin mir fast absolut sicher. Wenn das wirklich Peter ist, dann ändert sich alles, denn das würde bedeuten, dass Sirius ihn eben nicht umgebracht hat. Und wenn das nicht stimmt …“, endete Remus mit brüchiger Stimme.

„Testen wir es. Wenn es wirklich Mister Pettigrew ist, dann wird er uns einige Fragen beantworten müssen.“, entschied Albus. „Leg die Ratte auf den Boden.“

Remus nickte und ließ Krätze auf den Boden gleiten. Sie stellten sich mit etwas Abstand um sie herum und Albus hob seinen Zauberstab, wirkte einen Zauber, der jeden Animagus dazu zwang, sich zurück zu verwandeln. Im ersten Moment passierte nichts, dann begann die Ratte, sich zu verändern, sie wurde größer und das Fell verwandelte sich in Haare, die Pfoten wurden zu Händen und Füßen, die Arme und Beine schossen in die Länge, die Nase wurde kürzer, die Ohren wanderten nach unten und gleich darauf saß Peter Pettigrew vor ihnen, sah aus blassen Augen zu ihnen auf.

„Peter?“, stammelte Remus und wusste nicht mehr, was er denken sollte.

„Mister Pettigrew, willkommen in Hogwarts.“, begrüßte ihn Albus betont neutral.

Severus hingegen wirkte überrascht und Remus – wütend. Seine Augen waren nicht mehr bernsteinfarben und sanft, sondern gelb und zusammengezogen. Der Tränkemeister trat einen Schritt an seinen Mann heran, um ihn notfalls zu bremsen. Sollte wirklich alles sich ändern, brauchten sie Pettigrew noch, um eine offizielle Aussage zu machen.

„Ich dachte, du bist tot!“, klagte Remus an.

„Das dachten wir alle, Mister Pettigrew.“, fügte Albus an. „Was haben sie dazu zu sagen?“

„Ich … ich … Remus, Moony, mein Freund …“, stammelte der leicht untersetzte Mann mit dem lichter werdenden Haar. Severus wirkte einen Aufrufezauber und eine Phiole kam aus dem Labor. Er hielt es dem Animagus hin und der schluckte, als er dem Blick von Severus begegnete. Kein Wort fiel, aber ihnen war klar, dass das Veritaserum sein musste. Der Tränkemeister ging auf Nummer sicher und sein Blick war zum Fürchten.

„Rede!“, donnerte Remus schließlich, als klar war, das Serum wirkte. „Ich will wissen, was genau vor vier Jahren passiert ist!“

Der Wolf hatte die Macht, das war gerade leicht zu erkennen. Pettigrew begann zu zittern und wimmerte leise, begann aber zu erzählen. „Du hast keine Ahnung, wie das ist. Ihr alle wisst nicht, wie es ist.“, winselte er. „Der Lord hat mich gezwungen. Ich … ich habe Bellatrix getroffen, sie war so nett. Das war das erste Mal, dass jemand nett zu mir war. Für James, Sirius und Remus war ich doch immer nur ein Anhängsel. Nützlich, wenn sie einen Idioten brauchten. Dann, kurz nach unserem Abschluss, traf ich Bella und … und ich bin mit ihr gegangen, wurde zu einem der Diener des Dunklen. Er brauchte mich auch nicht, ich war immer nur der Fußabtreter. Und dann haben James und Sirius einen Plan gefasst. Sie glaubten, dass jeder zuerst an Sirius denken würde, wenn James sich, Lily und Harry mit dem Fidelius versteckt. Also haben sie mich genommen, damit rechnet keiner, haben sie gesagt. Wieder war ich nur der Idiot. Aber ich wusste, das war meine Chance, endlich mal Anerkennung zu bekommen. Also habe ich abgewartet, bis keiner mich beobachtet hat und bin dann zum Lord. Ich wusste, er würde mich belohnen, und ich würde endlich auch jemand sein. Der Lord wusste schon viel früher, wo die Potters waren, aber er wollte sichergehen, dass kein Verdacht auf mich fallen würde. Also hat er geplant und mir alles beigebracht. Sirius hat, nach dem Tod der Potters, schnell reagiert, aber ich konnte ihn austricksen, das erste Mal überhaupt. Es lief perfekt, alle glaubten, dass ich tot war und ich konnte verschwinden. Ich blieb so lange, bis sicher war, dass sie Sirius verhafteten, und ich habe sogar gehört, dass sie ihn gleich nach Askaban bringen. Erst, als er weg war, bin ich abgehauen und habe nach einer Zauberfamilie gesucht, bei der ich ausharren konnte, ob der Lord wiederkommen würde oder nicht. Da hatte ich ein ziemlich angenehmes Leben, bis Remus auftauchte. Mir war klar, dass er mich erkennen könnte, aber dieser dämliche Junge musste mich ja ständig vor seiner Nase rumzerren.“

Entsetzt lauschten die Drei und waren nun mehr als froh, dass Harry so folgsam war und im Kinderzimmer wartete. Hier war der eigentliche Verräter, der den Mord an seinen leiblichen Eltern ermöglicht hatte. Er hatte Schuld daran, dass Harry bei seinen Verwandten aufwachsen musste.

„Das bedeutet, Sirius Black ist unschuldig.“, stellte Albus irgendwann fest. „Ich muss ihn sofort aus Askaban holen. Pettigrew nehme ich mit, wir werden ihn vor den Zaubergamot stellen und das ganze Verbrechen aufklären.“

„Ich muss mich bei Sirius entschuldigen.“, hauchte Remus. „Albus, ich würde gerne mitgehen, wenn du ihn abholst.“

„Natürlich.“, nickte Albus. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigt, ich habe eine Menge Arbeit vor mir.“

„Lass ihn nicht entwischen!“, forderte Remus hart.

„Werde ich nicht.“, versprach der Schulleiter und wirkte einen Zauber. „Das verhindert, dass er sich verwandeln kann. Und wenn Fawkes mir hilft, dann werde ich direkt in das Büro von Moody kommen, so kann er unterwegs auch nicht einfach verschwinden.“ Wie gerufen tauchte nun der rot-goldene Feuervogel neben ihm auf, trillerte ein wenig vor sich hin und verschwand, als Albus mit einer Hand nach Pettigrew und mit der anderen Hand nach Fawkes griff, in einer Feuersäule.

Remus sank zitternd in sich zusammen. Severus fing ihn auf. „Remus?“, fragte er leise.

„Er … es … ich …“, stammelte der Werwolf.

„Komm her.“, zog Severus ihn in die Arme. „Du kannst nichts dafür, woher solltest du es denn wissen?“

„Ich konnte es nicht glauben, dass Sirius James verraten hat, aber es sah alles danach aus.“, wisperte Remus schließlich. „Es hat mich so … enttäuscht. Ich war entsetzt, dass ich mich so habe täuschen lassen. Ich hätte damals dafür sorgen müssen, dass er eine ordentliche Verhandlung bekommt, dann hätten sie ihn vielleicht mit Veritaserum befragt.“

„Nein, hätten sie nicht.“, entgegnete Severus. „Du vergisst, dass Veritaserum erst seit knapp zwei Jahren eingesetzt wird. Zu der Zeit damals gab es das zwar schon, aber es war noch nicht anerkannt.“

„Ich habe meinen besten Freund verraten.“, beschuldigte sich Remus.

„Du warst am Ende, genau wie ich. Du konntest keinen klaren Gedanken mehr fassen.“, beruhigte Severus. „Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, Remus. Du kannst jetzt für ihn da sein. Black war Harrys Pate, nicht wahr? Er wird ihn sehen wollen.“

„Und was ist mit dir?“, sorgte sich Remus. „Ihr habt euch gehasst, und jetzt bist du der Vater seines Patenkindes.“

„Und der Ehemann seines besten Freundes.“, ergänzte Severus trocken. „Remus, für dich bin ich bereit, diesen Krieg zumindest zu einem Waffenstillstand zu machen. Ich weiß nicht, ob ich mich mit ihm anfreunden kann, aber ich werde mich bemühen, nicht mehr mit ihm zu streiten. Ich liebe dich, Remus, und werde dir nicht deinen Freund nehmen.“ Der Werwolf hörte die Anstrengung, die es Severus kostete, leicht zu klingen und schmiegte sich dankbar in die starken Arme.

Er würde sich um Sirius kümmern, das hatte der verdient, war er doch vier Jahre in Askaban gewesen, unschuldig, wie sie nun wussten. Aber er würde Severus dabei nicht aufgeben. Sollte Sirius sich nicht mit der Situation abfinden und seinen Hass gegen den ehemaligen Slytherin ablegen, hätte die Freundschaft keine Chance mehr. Das würde nicht leicht werden. Vor allem nicht für … „Harry!“, entfuhr es dem Dunkelblonden. „Wir müssen ihn vorsichtig darauf vorbereiten. Das wird nicht leicht.“

„Nein, das wird es nicht.“, stimmte Severus zu. „Wir sollten nach ihm sehen, er ist schon fast zwei Stunden in seinem Zimmer. Er wird Angst haben.“

Sie standen auf und gingen zum Kinderzimmer, machten die Tür vorsichtig auf. Harry lag mit rot-geweinten Augen erschöpft auf dem Bett und schlief, das Kissen fest umarmt. Es versetzte beiden Erwachsenen einen heftigen Stich, sie hätten Harry nicht alleine lassen dürfen, er war immer noch viel zu unsicher für so etwas. Vorsichtig hob Remus ihn in seine Arme und sich setzten sich im Wohnzimmer auf das Sofa mit ihm. Severus wickelte eine weitere Decke um den immer noch viel zu dünnen Körper. Als er sanft über die rot-gefleckte Wange strich, spürte er, wie Harry sich an ihn schmiegte.

„Schon gut, mein Kleiner. Schlaf ruhig, wir sind da.“, wisperte Severus in das Ohr von Harry. „Wir lassen dich nicht alleine. Wir haben dich lieb.“

Remus zog ihn noch ein wenig zurecht in seinen Armen, dann lehnte sich Severus an beide an und schloss ebenfalls die Augen. Er fühlte sich schon wieder so erschöpft. Schnell schlief auch er, was für ein amüsiertes Grinsen in Remus' Gesicht sorgte. Allerdings breitete sich schnell auch ein wenig Sorge in dem Werwolf aus, denn es war schon auffällig, wie schnell Severus in letzter Zeit erschöpft war. Es schien, als würde dem Tränkemeister gerade alles ein wenig zu viel. Die Sorge um Harry, ihren gemeinsamen Sohn, die Schule, die Suche nach den Horkruxen. Remus seufzte, er konnte nichts ändern und Severus selbst würde nichts ändern. Der Schwarzhaarige würde weitermachen, bis er eines Tages zusammenbrach, dann würde er sich mit Tränken wieder aufrappeln und weitermachen. So lange, bis es seiner Meinung nach erledigt war. Andererseits konnte er seinen Partner, seinen Mann seit Halloween, auch verstehen. Wie hatte Severus eines Nachts gesagt: „Ich mache das für euch. Du und Harry, ihr sollt ein sicheres, schönes Leben ohne Angst haben. Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben, ich will mit euch glücklich sein, und das können wir nur, wenn nicht dieser dunkle Schatten über uns schwebt.“

Nach etwas über einer Stunde wachte Harry langsam wieder auf und weckte durch seine Bewegungen auch den Tränkemeister.

„Na ihr Zwei? Gut geschlafen?“, neckte Remus.

Harry sah skeptisch zu den beiden Erwachsenen. Ihm war nicht klar, was nun passieren würde. Bisher hatten seine Daddys sich gut um ihn gekümmert, aber was war jetzt? Er musste irgendwann beim Weinen eingeschlafen sein, stellte er fest. „Welpe?“, riss ihn Remus' Stimme aus seinen Grübeleien. „Es tut mir leid, Harry, dass ich dich weggeschickt habe. Diese Ratte war keine einfache Ratte. Das hat mir Angst gemacht, weil es Vieles ändern kann. Und das wird nun wohl auch passieren.“ Er unterbrach sich, wusste nicht genau, wie er nun weitermachen sollte. Wie erklärte man das einem Fünfjährigen, dessen Leben gerade erst von einem Alptraum zu einem normalen Leben wurde? Und jetzt sollte sich wieder alles ändern.

„Nicht weggehen!“, wimmerte Harry angstvoll.

„Sch, wir werden nicht weggehen.“, versprach Remus. „Wir müssen dir wohl Einiges erklären, das ist nicht einfach. Deine Eltern sind gestorben, weil ein böser Zauberer dich töten wollte. Sie haben dich beschützt. Wir wussten damals, dass der böse Zauberer dich finden wollte und sie haben sich versteckt. Nur ganz wenige Menschen wussten, wo ihr seid. Aber einer hat es an den bösen Zauberer verraten. Wir dachten bisher, dass es dein Pate Sirius war, aber heute, mit Hilfe dieser Ratte, haben wir herausgefunden, dass Sirius es nicht war, er hat sie nicht verraten und war nun vier Jahre unschuldig im Gefängnis. Albus Dumbledore wird jetzt dafür sorgen, dass er freikommt. Sirius wird dich sehen wollen, er ist dein Pate und hat sich bis zu diesem schlimmen Ereignis wirklich gut um dich gekümmert. Allerdings sind Sirius und Daddy Sev nicht befreundet, sie mögen sich gar nicht. Sirius wird nicht verstehen, dass Severus und ich verheiratet sind und dich adoptiert haben. Ich werde mit ihm reden, bevor er dich sehen darf, aber er liebt dich wirklich, davon bin ich überzeugt. Ich denke, du solltest ihm eine Chance geben, dich kennen zu lernen. Aber du kannst es frei entscheiden, ich will dich zu nichts zwingen, das ist schon viel zu oft passiert, mein Kleiner. Vielleicht sollten wir wieder zu Lucy gehen, dann kannst du in Ruhe darüber nachdenken.“

„Nicht weggehen!“, weinte Harry nun und klammerte sich mit beiden Händen an den Erwachsenen fest. „Will bei Daddy bleiben!“

Severus und Remus wechselten einen Blick. „Okay, wir werden noch hier bei Daddy Sev bleiben.“, beschwichtigte er. „Beruhige dich, mein Engel. Du bist unser Kind, wir lassen dich nicht mehr alleine.“

„Nein, Harry, wir lassen dich nicht alleine.“, bestätigte Severus ernst. „Aber du solltest wissen, dass es in nächster Zeit ein wenig viel werden kann. Sirius Black wird verlangen, dass du Kontakt zu ihm hast. Er ist dein Pate, das bedeutet in der Zauberwelt eine Menge. Er ist wie ein zweiter Vater für dich. Eigentlich wärst du zu ihm gekommen, als deine Eltern getötet wurden, aber dann haben sie ihn verhaftet und eingesperrt, zu Unrecht, wie wir jetzt wissen.“ Er konnte sehen, dass es zu viel für Harry wurde. Dem Fünfjährigen schwirrte der Kopf. Zitternd und mit geweiteten Augen saß er auf Remus' Schoß und klammerte sich fest, fast wie Anfang August. Eigentlich war er schon deutlich sicherer gewesen, aber das hier war ein herber Rückschlag für ihn. Für sie alle. „Schlaf, Harry, wir sind da und passen auf.“, redete er leise auf den Kleinen ein. „Es kann sein, dass Remus heute noch weg muss, aber dann bleibst du bei mir.“

„Nicht weggehen!“, schluchzte Harry.

„Welpe, ich habe mit Albus ausgemacht, dass ich Sirius mit abholen will, damit ich ihm alles erklären kann.“, begann Remus und streichelte Harrys Rücken. „Kannst du dich erinnern, dass dein Vater mein bester Freund war?“ Harry nickte nach einem Moment. „Und Sirius war ebenfalls der beste Freund von deinem Dad. Sirius versteht wahrscheinlich nicht, was in den letzten Jahren alles passiert ist, und da sollte ich als sein Freund es ihm erklären. Er wird nicht sofort zu dir kommen, das erlauben wir nicht, aber ich hoffe, du gibst ihm eine Chance, dass ihr euch kennen lernt.“

„Daddy kommt wieder?“, fragte Harry weinerlich.

„Ich komme wieder, versprochen.“, antwortete Remus ernst.

„Daddy hat Harry lieb?“

„Ja, Harry, ich habe dich sehr lieb!“, lächelte der Dunkelblonde.

„Ich habe dich auch lieb.“, bestätigte Severus, als Harry ihn fragend ansah. Er wirkte immer noch so unsicher, dass Severus überlegte, wie er ihn ablenken und auf andere Gedanken bringen konnte. „Und wenn du magst, zeige ich dir mein Geheimnis. Ich kann mich verwandeln, mit Magie. Möchtest du sehen, was ich für ein Tier bin?“

Neugierig geworden nickte Harry, während Remus ihn erstaunt musterte. Severus ließ ihn alleine auf dem Sofa sitzen und trat selbst einen Schritt zurück, konzentrierte sich und wechselte seine Gestalt. Er flog eine Runde durch das Zimmer, dann landete er an Remus' Arm, der ihn oben hielt, damit die Fledermaus landen konnte. Kopfüber hing er nun am Ärmel des Werwolfes. Mit großen Augen hatte Harry das Schauspiel verfolgt und streckte nun zögernd seine Hand aus. Vorsichtig strichen seine Finger über das kurze, weiche Fell am Körper der kleinen Glattnasenfledermaus. Remus wusste, dass Severus zur Art der kleinen Abendsegler gehörte, allerdings trug er schwarzes Fell, was untypisch war, da diese Art normalerweise zweifarbiges Fell in Brauntönen hatte. „Ganz weich und kuschlig!“, staunte der Fünfjährige. „Und das ist Daddy Sev?“

„Ja, das ist Severus.“, bestätigte Remus, aus dessen Stimme Stolz klang. „Manche Zauberer können das, sich in Tiere verwandeln. Das nennt man Animagus. Eigentlich muss man das dem Ministerium melden, aber dein Daddy Sev ist nicht gemeldet, das bedeutet, du darfst niemandem davon erzählen.“

„Okay, Daddy. Harry nichts verraten.“, versprach der Schwarzhaarige ernst. Er streichelte noch einige Male über den Bauch der Fledermaus, dann strich er vorsichtig über den Kopf. Nach einiger Zeit merkte Remus, wie dem Kleinen die Augen immer wieder zufielen.

Langsam entspannte sich Harry wieder und schlief schließlich erschöpft ein. Severus verwandelte sich wieder zurück und setzte sich auf das Sofa, strich dem schlafenden Harry über den Kopf. Lieber wäre es ihnen gewesen, wenn er noch etwas gegessen hätte, aber das war unmöglich, wenn er so angespannt war. Das kam nur alles wieder. Der Tränkemeister richtete daher einen seiner speziellen Nährtränke her, den er dem Jungen geben konnte, sobald er wieder wach wurde. Vorsichtig hob Remus ihren Sohn hoch und brachte ihn in ihr gemeinsames Bett. Severus duschte sich kurz und zog dann seinen Schlafanzug an, kroch zu Harry ins Bett und zog ihn in seine Arme. Jetzt erst konnte Remus sich frisch machen. Auch er kroch ins Bett, allerdings rechnete er mit einer Nachricht von Albus und schlief nicht sehr tief. Das Abendessen in der großen Halle wurde von dem Tränkemeister an diesem Tag einfach ignoriert, aber das passierte häufiger, daher fiel es niemandem auf.

Gegen kurz vor neun Uhr abends tauchte ein Patronus in Phönix-Form auf und sprach mich Dumbledores Stimme: „Remus, wenn du Sirius Black mit abholen willst, dann triff mich in zehn Minuten am Besuchereingang des Ministeriums in London.“

„Geh, ich bin hier bei ihm.“, murmelte Severus im Halbschlaf. „Bring ihn nach London, in sein Haus. Aber komm bitte zum Frühstück her, ich habe den ganzen Tag Unterricht.“

„Ich liebe dich, Sev!“, flüsterte Remus und küsste seinen Mann kurz. „Bis morgen früh!“ Er schlüpfte in seine Kleidung und huschte aus den Räumen des Tränkemeisters, erschreckte dabei einige Slytherins, die auf dem Flur unterwegs waren. „Guten Abend!“, grüßte er höflich und eilte weiter Richtung Eingangshalle, um zum Tor zu gelangen und von dort aus apparieren zu können.

Genau zehn Minuten nach Eintreffen des Patronus erschien er vor dem Besuchereingang des Ministeriums. „Remus, gut dass du kommst.“, begrüßte ihn der Weißhaarige. „Wir wollten gerade los.“ Sie gingen in das Ministerium hinein, wo sie in der Eingangshalle auf Alastor Moody, den Chefauror, Amelia Bones, die Leiterin der magischen Strafverfolgung, und Griselda Marchbanks, die neue Vorsitzende des Zaubergamot, trafen. Dumbledore stellte sie einander kurz vor, dann ging Moody voran zu den Kaminen. Von dort aus gab es einen mit einer Verbindung in die Nähe von Askaban, bis ins Fähr- und Wärterhaus der Gefängnisinsel. Dort wurden sie von einem grimmig aussehenden Auror in Empfang genommen und mussten ihre Zauberstäbe abgeben.

„Keine Stäbe auf der Insel.“, erklärte er kurz angebunden. „Nur die Wärter dürfen bewaffnet sein. Steigen sie in das Boot, es wird sie direkt zur Insel bringen. Apparieren ist nicht mehr möglich, sobald sie das Boot betreten. Sie werden auf der Insel erwartet.“

Mit einem mulmigen Gefühl stieg Remus in das kleine, schmale Boot. Da musste ein Zauber im Spiel sein, denn ansonsten würde so ein winziges Boot sicher untergehen, wenn fünf erwachsene Personen einstiegen. Und auf dem Rückweg sollte sogar eine sechste Person mitfahren. Auf dem Weg zur Insel befragte Madam Bones den Dunkelblonden, dann musste er möglicherweise nicht noch vor den Gamot, da die Vorsitzende auch dabei war. Er beantwortete alle Fragen wahrheitsgemäß, auch wenn er damit seine Freunde verraten musste, dass sie nicht-registrierte Animagi gewesen waren, doch das sollte möglichst geheim gehalten werden. Endlich waren die Fragen zu Ende, doch noch waren sie nicht auf der Insel. Unmerklich schüttelte sich Remus und verfluchte die Vorschriften, die keine Zauberstäbe erlaubten. Stablose Magie beherrschte er nicht besonders, daher konnte er nun auch keinen Wärmezauber wirken. Auch wenn er durch seinen inneren Wolf nicht so kälteempfindlich war, es war sehr windig und die Gischt spritzte immer wieder ins Boot. Bis sie an der Insel ankamen, waren alle durchgefroren.

Ein Wärter erwartete sie bereits und winkte ihnen, ihm zu folgen. Im Inneren war es kühl und dunkel, man konnte kaum einen Meter weit sehen. Die Wände waren kahl, einfach nur Steine, die miteinander verbunden waren, nicht verputzt, keine Farbe. Zelle reihte sich an Zelle. Sie folgten dem Wärter sicher fünf Minuten lang durch ein Labyrinth an Gängen, bis er vor einer Tür stehen blieb. „Hier ist es. Der Gefangene Sirius Black.“, erklärte er emotionslos.

Amelia Bones reichte ihm die Papiere, die bereits mehrmals geprüft worden waren. Der Wärter las sie noch einmal aufmerksam durch, dann reichte er sie zurück und öffnete die Tür. „Black?“, rief er in das dunkle Loch. „Steh auf und komm, du bist frei.“

„Frei?“, hauchte eine zittrige Stimme, die nur sehr entfernt an den kräftigen Tenor von Sirius erinnerte.

„Sirius?“, fragte der Werwolf leise und ungläubig.

„Moony? Bist du das?“, kam es ungläubig zurück.

„Ja, Tatze, ich bin hier, ich bring dich nach Hause.“, versicherte Remus.

Sie konnten hören, dass sich im Inneren der Zelle jemand erhob und langsam auf sie zukam. Remus war der Erste, der etwas erkennen konnte, sein Sehvermögen war, seit er ein Werwolf wurde, deutlich besser als das eines Menschen. Sirius war ausgemergelt, nur noch ein mit Haut überzogenes Skelett, bleich wie jemand, der noch nie in seinem Leben die Sonne gesehen hat, die Haare hüftlang und völlig verfilzt, die Kleidung nur noch Fetzen. Seine Augen hatten jegliches Funkeln verloren und er starrte Remus nur an, ohne ihn richtig wahrnehmen zu können. „Remus!“, hauchte er nochmals, dann brach er einfach zusammen.

Der Dunkelblonde reagierte blitzschnell und fing ihn auf. „Er braucht einen Heiler.“, stellte er fest.

Albus nickte. „Bringen wir ihn nach Hogwarts in den Krankenflügel. Poppy wird sich um ihn kümmern.“ Sie folgten dem Wärter, der sie zurück zum Boot brachte. Remus trug Sirius auf den Armen, der ihm unwahrscheinlich leicht vorkam. Albus hatte sicher Recht, den Black-Erben in den Krankenflügel zu schaffen. Dort war er vor Reportern geschützt, die ihm im St. Mungos sicher schnell auflauern würden. Die Rückreise schien ihm nicht so lange zu dauern wie der Herweg, allerdings apparierten sie vom Wärterhäuschen nicht zum Ministerium zurück sondern direkt vor das Tor von Hogwarts, jedenfalls Albus und Remus mit Sirius. Schnell eilten sie in den Krankenflügel und riefen nach der Heilerin. Die kam aus ihren Räumen und als sie sah, wen sie ihr brachten, schob sie sie in ihr Büro und von dort aus in das kleine Hinterzimmer, das mehr Privatsphäre versprach. Dort legte Remus seinen früheren besten Freund in das Bett und trat zurück, damit die Heilerin arbeiten konnte. Sowohl der Schulleiter als auch der Werwolf warteten gespannt, was sie sagen würde.

„Er wird sich erholen.“, verkündete die Heilerin etwa eine halbe Stunde und unzählige Zauber später. Sie steckte geschickt noch eine Kanüle in seinen linken Arm und hängte eine Infusion daran, die sie vorher mit einem Zauber aufwärmte. Anschließend heizte sie das Bett auf, denn Sirius zitterte immer noch erbärmlich. „Ich lasse ihn die nächsten Tage in einem Heilschlaf. Erst wenn er körperlich wieder in einer Verfassung ist, dass er wenigstens ins Bad kurz aufstehen kann, wecke ich ihn wieder auf. Und dann braucht er erstmal viel Ruhe. Ich schätze, er wird mindestens ein bis zwei Wochen hier liegen, bevor er in der Lage ist, sich einigermaßen alleine zu versorgen.“

„Danke!“, lächelte Remus. „Sagen sie mir Bescheid, wenn sie ihn aufwachen lassen?“

„Natürlich Remus.“, versprach Poppy. „Was sagt Severus dazu?“

„Er versucht, sich damit zu arrangieren.“, wich Remus aus. „Aber im Moment gilt unsere Sorge eher Harry, es nimmt ihn ziemlich mit. Er war dabei, als ich Pettigrew erkannte. Severus und ich haben versucht, ihm alles zu erklären, aber es ist nicht leicht, er hat Angst, dass sich nun wieder alles für ihn ändert. Der Junge ist vollkommen verwirrt und schläft gerade in den Armen von Severus. Er hat gebettelt, hier bleiben zu dürfen, weil er Angst hatte, einen von uns zu verlieren. Ich musste ihm versprechen, zum Frühstück da zu sein. Nun, ich gehe zu ihm, Sirius kann ich gerade nicht helfen.“

„Alles Gute. Und schlaft gut.“, wünschte Poppy.

„Gute Nacht!“, wünschten auch Albus und Remus, bevor sie aus dem Krankenflügel gingen und sich am Ende des Flures trennten, um in verschiedene Richtungen zu gehen.

„Wie geht's ihm?“, wollte Severus leise wissen, als Remus zurück ins Bett kroch.

„Abgemagert, völlig verwahrlost. Er ist im Krankenflügel, Poppy will ihn ein paar Tage in einem Heilschlaf halten und dann die nächsten Wochen nicht entlassen, bis sie ihn wieder ein wenig aufgepäppelt hat.“, antwortete Remus ebenso leise, um Harry nicht zu wecken.

„Er hat ruhig geschlafen.“, beantwortete Severus die stille Frage seines Mannes. „Aber ich durfte mich nicht bewegen.“

„Schlafen wir. Momentan können wir sowieso nichts tun.“, murmelte Remus und schloss die Augen.

Am Morgen musste Severus schließlich doch in die große Halle zum Frühstücken. Danach hatte er Unterricht, und da Harry wieder Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte, entschieden sie, dass er mit Remus zurück nach São Jorge gehen würde. Wenn Poppy soweit war, dass sie Sirius aufweckte, dann wollte Remus zu ihm gehen. Severus würde dann sehen, dass er zu Harry gehen konnte, damit ihr Sohn nicht alleine war. Auch wenn Lucy bis dahin wieder zurück war, wollten sie Harry nicht vernachlässigen. Der Kleine sollte sich nicht abgeschoben fühlen. Severus verabschiedete sich von seinen beiden Männern, wie er es nannte. Harry wurde ermahnt, brav zu sein und ordentlich zu essen und er versprach ihm, dass er schreiben würde. Harry freute sich immer, wenn Odin, der zahme Rabe, mit Post zu ihnen kam.

Am späten Vormittag waren Remus und Harry dann zurück in Lucys Haus, während Severus die Siebtklässler hatte und sich berichten ließ, wie sie die Wirkung des Trankes erlebt hatten. Sie alle schienen positiv überrascht davon, wie intensiv die Gefühle geworden waren und wünschten sich eine Wiederholung. Severus warnte sie, dass die Wirkung mit der Zeit nachließ, wenn der Körper sich daran gewöhnte, und auch, dass es eine Sucht hervorrufen könnte. So schnell wie mit manchen Drogen ging es zwar nicht, aber eine gewisse Gefahr bestand durchaus. Abgesehen davon war die Herstellung nicht ganz einfach und die Beschaffung der Zutaten benötigte zum Teil eine Genehmigung. Allerdings war Severus durchaus zufrieden mit seinen Schülern, sie alle hatten es geschafft, einen funktionierenden Sinnes-Intensivierungs-Trank herzustellen, etwas, das er in seiner Meisterausbildung gemacht hatte. „Gut gemacht.“, lobte er sie daher – untypisch für ihn, aber der Situation durchaus angemessen. „Das macht für jeden von ihnen zwanzig Zusatzpunkte für ihre Arbeit.“ Die überraschten und ungläubigen Blicke ließen ihn innerlich schmunzeln, auch wenn er es nach außen hin nicht zeigte.

Nach dem Unterricht machte er sich daran, die Arbeiten der anderen Klassen zu korrigieren, die er heute schon bekommen hatte, und schrieb einen kurzen Brief an Remus und Harry, den er mit Odin noch vor dem Abendessen auf den Weg schickte. Am Abend sprach Albus ihn an, als er gerade vom Essen in der großen Halle zurück in die Kerker gehen wollte, ob sie noch in den Grimmauldplatz könnten. Obwohl er eigentlich erschöpft war und schlafen wollte – langsam machte er sich Sorgen deswegen und überlegte sogar schon, Poppy zu konsultieren – sagte er doch zu und war sicher, eine oder zwei Stunden suchen zu können. Sie kamen gegen Mitternacht zurück, erfolglos, und Severus legte sich fast sofort in sein Bett, zog sich nur schnell aus. Duschen würde er am Morgen, dann wurde er wenigstens wach.

So vergingen auch die nächsten Tage und Poppy entschied, Sirius noch eine Weile länger in dem Heilschlaf zu lassen, da es nicht so schnell mit seiner Heilung ging wie gedacht. Severus hatte Aufsicht am Wochenende und konnte daher nicht nach São Jorge reisen. Sie schickten nur Briefe hin und her, wobei deutlich wurde, dass Harry wieder einen mittelschweren Rückfall hatte. Er klammerte und selbst seinen Mittagsschlaf hielt er nur, wenn Remus ihn im Arm hatte. Natürlich hatte Remus handeln müssen, als er Pettigrew erkannte, aber Severus verfluchte die Umstände, die seinem Kleinen so zusetzten. Ihm selbst ging es auch nicht besonders, allerdings hatte er sich noch nicht dazu aufraffen können, die Heilerin aufzusuchen. Jeden Abend verbrachte er mindestens zwei Stunden im Black-Haus, wo sie zwar alles Mögliche entdeckten, aber keinen Horkrux. Der Hauself, der dort lebte, murrte, aber er konnte nichts sagen, da es der Wunsch von seinem Besitzer gewesen war, dass auch Remus entscheiden durfte, wer ins Haus kam. Es gefiel ihm nicht und er ließ sich auch nichts von ihnen sagen, aber er konnte ihnen auch nichts tun, außer sie zu beschimpfen, was sie geflissentlich ignorierten.

Am Freitag, in seiner letzten Unterrichtsstunde des Tages, ließ Severus die Drittklässler einen Abschwelltrank brauen. Immer wieder ging er durch die Klasse, um sicherzustellen, dass alles korrekt ablief. Nicht jeder Schüler arbeitete auch konzentriert. Allerdings war seine eigene Konzentration heute ziemlich schlecht, ihm war flau, heute Morgen hatte er sich sogar übergeben müssen. Unauffällig griff er immer wieder zu und hielt sich an dem einen oder anderen Tisch fest, oder er lehnte sich an sein Pult, wenn der Schwindel ihn erwischte. Er betete darum, dass die Stunde bald zu Ende war und er sich hinlegen konnte. Als es endlich soweit war, ließ er die Schüler einen Stasis-Zauber wirken, damit sie in der nächsten Stunde genau dort weitermachen konnten. Er selbst würde die Kessel, wenn sie abgekühlt waren, ins Labor bringen, wo sie bis dahin stehen konnten. Hinter den letzten Schülern schloss er die Tür, um sich dann krampfhaft am Türrahmen festzuhalten. Er atmete mehrmals tief durch, dann öffnete er seine Augen wieder. Kleine, schwarze Punkte geisterten vor ihm herum und er wankte durch das Klassenzimmer zur Bürotür. Von dort aus kam er in sein Wohnzimmer und könnte sich hinlegen. Doch so weit kam er nicht. Wieder erfasst ihn ein heftiger Schwindel und es wurde schwarz vor seinen Augen. Der Tränkemeister bekam nicht mehr mit, dass er zusammenklappte und dabei einen der Kessel umstieß, schließlich mitten im kochend-heißen Zaubertrank lag.

 

Währenddessen tobte Harry mit seinem Besen durch das Haus von Lucy. Langsam hatte er sich wieder ein wenig beruhigt und wurde zuversichtlicher. Die Aussicht, Sirius zu treffen, versetzte ihn allerdings immer noch in Angst und Schrecken. Die Ereignisse an Neujahr hatten Harry weit zurückgeworfen, aber es schien Remus, als würde er sich schneller erholen.

„Harry?“, rief Remus ihn schließlich zu sich. „Wir sollten einkaufen gehen, Daddy Sev hat bald Geburtstag. Möchtest du etwas für ihn aussuchen?“

„Ja.“, war Harrys schlichte Antwort.

„Dann zieh dich um, dass wir in die Stadt gehen können. Dort finden wir bestimmt etwas.“, lächelte Remus.

Wie ein Wirbelwind rannte Harry in sein Kinderzimmer, Remus ging grinsend hinterher. Endlich reagierte Harry auch mal wie ein Kind, wenn auch nur im vertrauten Umfeld. Er beobachtete, wie Harry im Kleiderschrank kramte, ein T-Shirt und eine Jeans herausholte. Heute war es etwas windig, daher musste er noch einen Pullover anziehen. Socken konnte er anbehalten, die hatte er erst heute Morgen angezogen. In der Beziehung war der Kleine sehr selbständig, hatte es wohl bis zu seinem letzten Geburtstag sein müssen. Sie mussten ihm selten helfen, nur die Verschlüsse waren ihm manchmal zu kompliziert.

Zehn Minuten später machten sie sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt, die sie in etwas über dreißig Minuten erreichten. Immer wieder waren sie schon dahin gegangen, entweder am Strand entlang oder die Straße. Harry sollte ausdauernder werden, sodass normale Fußmärsche ihn nicht mehr überforderten. Hier auf São Jorge bekam er wenigstens richtig Luft, in England waren seine Lungen ein wenig überfordert. Aber Poppy war sicher, dass sich das in den nächsten Wochen geben würde. Nach Weihnachten hatte er eine knappe Woche durchgehalten, bevor er wieder angefangen hatte, zu keuchen. Deshalb waren sie hier, damit seine Lunge sich erholen konnte. Poppy hatte die Vermutung, dass er viel mit Putzmitteln der Muggel hantiert und sich damit die Lungenfunktion eingeschränkt hatte, aber das sollte sich mit der Zeit geben. Sobald alle Rest-Partikel aus seiner Lunge waren, müsste er wieder ganz normal atmen können, auch in England, wo die Luft deutlich verschmutzter war.

Kaum waren sie in der Nähe von Menschen, griff Harry wieder ängstlich nach Remus' Hand und hielt sich nahe bei ihm. Im Prinzip war das dem Dunkelblonden gar nicht so Unrecht, denn immerhin war so sichergestellt, dass er ihn nicht wieder verlieren konnte, wie es ihnen in der Winkelgasse passiert war. Es schien, als hätte der Kleine das ebenfalls nicht vergessen. Momentan war das in Ordnung, allerdings würde es in ein paar Jahren wohl eher für Verwirrung sorgen, wenn sich Harry dann immer noch so sehr an sie klammerte. Remus seufzte innerlich, sie hatten noch ein weites Stück Weg vor sich.

Zielstrebig gingen sie auf das kleine Lädchen in der Stadt zu, die einzige Einkaufsmöglichkeit in laufbarer Entfernung. Viel Auswahl gab es nicht, aber Remus nahm gleich einen Käse mit, den Severus bei seinem Aufenthalt hier offenbar genossen hatte. Dazu eine Auswahl Tee, der auf der Nachbarinsel angebaut wurde. Harry war bei den Schmuck-Sachen gelandet und deutete auf einen Anhänger aus Basalt. So manche Frau hier verdiente sich Geld dazu, indem sie solche Schmuckstücke aus gefundenem Basalt herstellte. Fragend sah Remus den Fünfjährigen an.

„Wie Augen von Daddy Sev.“, erklärte der.

Das allerdings stimmte, fiel Remus auf. Schwarz und glänzend. „Möchtest du ihm den Anhänger schenken?“, fragte er daher.

Harry nickte, also legten sie den Anhänger mit in den Einkaufskorb. Wenn es von Harry kam, würde sich Severus sicher darüber freuen, auch wenn er ansonsten keinen Schmuck trug, noch nicht einmal eine Armbanduhr. Er hatte eine, die ihm Lily geschenkt hatte, das wusste Remus, aber die hatte er seit ihrem Tod nicht mehr getragen. Außer den Geschenken für Severus kauften sie noch Lebensmittel für die nächsten Tage ein. Remus konnte sie vermehren mit einem Zauber, aber nicht aus dem Nichts erschaffen. Also besorgte er regelmäßig frische Sachen, damit Harry ordentlich essen konnte. Alles zusammen packten sie in den geflochtenen Korb, den Lucy ihnen zum Einkaufen in den ersten Tagen gegeben hatte. Bevor sie zurück gingen, setzten sie sich in ein kleines Café, wo Remus eine Tasse Tee trank, während Harry sich eine heiße Schokolade schmecken ließ, außerdem bekam er eine Portion frischen Obstsalat und Remus naschte vom frisch gebackenen Schokoladenkuchen.

Zum Abendessen zauberte der Werwolf eine Gemüsepfanne mit Nudeln und Chorizo, einer einheimischen, ziemlich scharfen Wurst, die Harry aber sehr gerne mochte. Lucy war nach Hause gekommen, während sie unterwegs waren, und freute sich, als sie nicht kochen musste. Sie erzählte vom Besuch bei ihrer Nichte, die inzwischen auch schon fast 150 Jahre alt war. Lucy selbst verriet, dass sie 182 Jahre zählte, was Remus kaum glauben konnte. Zwar war es für Zauberer und Hexen nicht ungewöhnlich, älter als Muggel zu werden, aber alles ab 150 Jahren war schon wirklich alt. Nie hätte er geglaubt, dass Lucy älter als vielleicht 120 Jahre wäre. Dabei fiel ihm auf, dass er keine Ahnung hatte, wie alt Dumbledore war. Die 100 hatte er sicher schon überschritten, aber um wie viel? Apropos, er wollte den Schulleiter noch fragen, ob Severus an seinem Geburtstag hierher kommen konnte, da sollte er sich vielleicht gleich darüber machen, wenn Harry im Bett war.

Daher brachte er den Fünfjährigen nach dem Essen ins Bad, duschte ihn nur kurz ab, bevor er den Schlafanzug anzog und sich in sein Bett kuschelte. Remus setzte sich zu ihm und las ihm eine Geschichte vor, etwas, wovon Harry früher nicht mal träumen konnte und das er nun umso mehr genoss. Lange hielt der Kleine seine Augen krampfhaft offen, aber schließlich schlief er doch ein, er war heute weit gelaufen und vorher sogar geflogen, das machte müde.

Ruhig ging Remus anschließend nach unten und kniete sich vor den Kamin. „Hogwarts, Büro des Direktors.“, sprach er, während er das grüne Pulver in das Feuer warf und seinen Kopf hineinsteckte. Er wirbelte umher, bis er endlich ankam und den Schreibtisch sehen konnte, an dem Dumbledore gerade über Papiere gebeugt war. „Albus?“, sprach er ihn an.

Der Weißhaarige schreckte hoch, lächelte aber, als er den Werwolf erkannte. „Remus. Guten Abend.“, grüßte er.

„Guten Abend, Albus.“, erwiderte Remus. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein, nicht im Geringsten.“, wiegelte der Schulleiter ab. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte nachfragen, ob Severus an seinem Geburtstag frei bekommt, damit er zu uns kommen kann.“, erklärte der Dunkelblonde. „Harry würde sich riesig freuen, und hier hat er keine Angst. Seine Panik, was Sirius mit ihm machen könnte, ist immer noch groß, auch wenn ich ihm sicherlich fünfmal täglich versichere, dass er unser Sohn ist und Sirius keine Möglichkeit hat, über ihn zu bestimmen. Deshalb würde ich es vorziehen, Severus hierher zu holen.“

„Meinetwegen gerne, ich weiß nur nicht, ob es in seine Pläne passt.“, lächelte Albus. „Willst du ihn überraschen?“

„Lieber nicht, das mag er gar nicht.“, schauderte Remus. „Er behält gerne die Kontrolle, vor allem seit seiner schlimmsten Zeit.“

„Nun gut. Ich wollte sowieso morgen etwas mit ihm besprechen, dann werde ich ihn fragen, ob er etwas vorhat. Wenn nicht, würden Minerva und ich auch gerne kommen. Außer natürlich, du hast etwas dagegen.“, schränkte der Weißhaarige ein.

„Nein, überhaupt nicht, Albus.“, verneinte Remus. „Dann kommt ihr zu einem späten Kaffee und bleibt mit zum Abendessen?“

„Das klingt nach einem guten Plan. Ich werde mit Severus reden, danach dann mit Minerva, und dir Bescheid sagen.“, entschied Albus.

„In Ordnung, vielen Dank. Dann will ich nicht weiter stören und mich verabschieden. Gute Nacht.“, endete der Werwolf.

„Gute Nacht, und Grüße an Lucy.“, verabschiedete sich auch Albus.

Remus bestätigte das und zog sich zurück. Es war ziemlich unbequem, so vor dem Kamin zu knien, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht, wenn er in Hogwarts mit jemandem sprechen wollte. Mit Severus sprach er nicht auf diese Weise, das machte ihnen beiden zu sehr zu schaffen, wenn sie sich zwar sahen, aber dann gleich wieder trennen mussten. Briefe waren die bessere Alternative, das hatten sie vor Jahren schon festgestellt. Lucy wartete bereits auf ihn und hielt ihm ein Glas Wein hin. „Auf ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr!“, prostete sie ihm zu.

„Das wünsche ich dir auch, Lucy.“, lächelte Remus. „Einen lieben Gruß von Albus. Und nochmal vielen Dank dafür, dass wir hier wohnen dürfen.“

„Gerne. Ihr seid wirklich angenehme Gäste. Ich bin froh, wenn etwas Leben im Haus ist. So lange ich in England lebte, war ich nie alleine im Haus, anfangs lebte ich mit meinem Mann bei seinen Eltern, dann sind auch meine Eltern mit eingezogen, und unsere Kinder und später sogar die Enkel haben eine lange Zeit bei uns gelebt. Erst, als ich mit der Lunge Probleme bekam und hierher zog, musste ich mich an das Leben alleine gewöhnen. Mein Mann war kurz davor gestorben, die Kinder und Enkel wollten nicht weg aus der Heimat.“, erzählte Lucy.

Jetzt verstand auch der Werwolf, warum sie sie aufgenommen hatte. Es half beiden Seiten. Gemütlich saßen sie beisammen und tranken den Wein, plauderten entspannt über alles Mögliche. Gegen kurz vor Mitternacht sagten sie einander „Gute Nacht“ und gingen in ihre Betten. Remus sah noch einmal nach Harry, der ruhig schlief. Wahrscheinlich würde er irgendwann zu ihm kommen, wenn er wach wurde, aber die Zeit, die er in seinem eigenen Bett verbrachte, wurde langsam immer länger. Aber nur hier, in England fehlte ihm diese Sicherheit scheinbar.

Nachdem Albus mit Remus gesprochen hatte, beugte er sich wieder über seine Unterlagen. Er versuchte noch immer, herauszufinden, wie er an den Becher im Verlies der Lestranges herankommen könnte. Er war inzwischen dabei, Kontakt mit den Kobolden von Gringotts aufzunehmen, in der Hoffnung, dass er eine Möglichkeit bekäme, in das Verlies zu gehen und den Horkrux in dem Becher zu zerstören, ohne aber den Becher aus dem Verlies entwenden zu müssen. Darum ging es den Kobolden seiner Meinung nach, er durfte nichts entwenden. Wenn er an Basiliskengift käme, dann hätte er eine Möglichkeit, den Horkrux zu vernichten ohne den Behälter zu zerstören. Außer bei der Schlange, die würde das Gift wohl auch nicht überleben. Allerdings hatte er keine Ahnung, wo diese sein könnte.

Der Schulleiter hatte früher am Abend auf den Tränkemeister gewartet, sie hatten eigentlich ausgemacht, sich zu treffen und nach London zu gehen, um weiter zu suchen. Albus hatte seinen Kamin mit dem in der Küche des Grimmauldplatzes verbunden, dann konnten sie unerkannt hin und her gehen. Doch Severus war nicht aufgetaucht. Auch in seinem Büro hatte er ihn nicht angetroffen, daher war er davon ausgegangen, dass sich der Schwarzhaarige wohl hingelegt hatte. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Severus in letzter Zeit schnell erschöpft war. Ein wenig packte ihn das schlechte Gewissen, vielleicht überforderte er den frischgebackenen Vater, aber auf der anderen Seite konnten sie nur dann sicher leben, wenn alle Horkruxe zerstört waren. Nur dann war die Gefahr gebannt, dass der Unnennbare zurückkam. Alleine zu suchen war auch zu gefährlich, wenn sie zu zweit waren, hatten sie deutlich bessere Chancen, den dunklen Zaubern zu widerstehen und die Banne zu brechen, die die Horkruxe schützten.

Schließlich brach er ab und legte sich, gegen ein Uhr morgens, ins Bett. Auch er brauchte Schlaf. Schnell war er eingeschlafen, lag aber noch nicht lange im Bett, als er das Gefühl hatte, plötzlich draußen in der Kälte zu sein. Er schreckte hoch, ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass er knapp über zwei Stunden geschlafen hatte. Um sich blickend entdeckte er den Blutigen Baron, der neben seinem Bett schwebte. Offenbar hatte er ihn geweckt, indem er durch ihn hindurch geschwebt war, was auch das Kältegefühl erklärte. „Herr Baron, welch ungewöhnlicher Besuch in der Nacht.“, sprach Albus ihn an. „Was ist passiert? Ich gehe davon aus, dass dies kein Höflichkeitsbesuch ist, angesichts der Uhrzeit.“

„Nein, Schulleiter.“, gab der Geist zurück. „Einige der Schüler aus Slytherin haben nach Professor Snape-Lupin gesucht, sie haben an seinen Räumen und dem Büro geklopft, aber er hat nicht reagiert. Das ist ungewöhnlich, normalerweise ist er immer für seine Schlangen zu sprechen. Sie haben weitergesucht und entdeckt, dass ein Trank unter der Tür seines Klassenraumes heraus läuft und haben mich gebeten, Hilfe zu holen, da ich nicht in das Klassenzimmer oder die Räume des Professors komme. Die Schüler sind zu der Heilerin gegangen, einer von ihnen scheint krank zu sein.“

„Ich bin unterwegs.“, versprach der Direktor und schwang die Füße aus dem Bett. Schnell warf er eine Robe und einen Umhang über und eilte anschließend in die Kerker. Vor der Klassenzimmertür war es still, die Schüler waren nicht mehr da. Albus fasste den Vorsatz, sich im Krankenflügel nach dem Vorfall zu erkundigen. Aber zuerst wollte er im Klassenzimmer nach dem Rechten sehen. Mit seinem Zauberstab tastete er nach den Schutzzaubern auf der Tür und entfernte sie. Vorsichtig öffnete er die Tür und trat ein, sodass er nicht in den Trank trat, da er keine Ahnung hatte, um welchen Trank es sich handelte. Sein Blick huschte durch das Klassenzimmer, wo einige Kessel unter Stasiszauber standen. Nur einer war umgerissen und als sein Blick noch ein Stück weiter wanderte, holte er zischend Luft.

Severus lag mitten im Trank, bewusstlos. Albus konnte sehen, dass sich sein Oberkörper hob und senkte, also atmete er. Doch sein rechter Arm, der mitten im Trank lag, war über und über mit roten Blasen bedeckt, genauso wie ein Teil seines Gesichtes. Wahrscheinlich der ganze Teil seines Körpers, der mit dem Trank Kontakt hatte. So schnell und so vorsichtig wie möglich zauberte er Severus auf eine heraufbeschworene Trage und ließ ihn vor sich her in den Krankenflügel schweben. Die Tür schloss er erst einmal einfach hinter sich, er würde sich nachher darum kümmern, den Trank vom Boden entfernen und die Tür wieder sichern. Erst einmal war Severus wichtiger. Eilig hastete er in den Krankenflügel. „Poppy?“, rief er, als er die Tür erreicht hatte.

„Hier!“, antwortete die Heilerin von einem Bett, in dem ein Schüler lag. Sie sah zunächst nicht auf, doch als sie schließlich ihren Blick hob, eilte sie sofort zu ihm. „Was ist passiert?“

„Ich habe ihn in seinem Klassenzimmer gefunden, er lag in einem Trank, allerdings weiß ich nicht genau, in welchem. Ich habe keine Ahnung, wie lange er schon da lag, aber ich vermute, schon eine Weile.“, berichtete Albus.

„Bringen wir ihn nach hinten zu Sirius.“, entschied Poppy. „Ich weiß, die beiden mögen sich nicht, aber ich muss mich um sie intensiv kümmern und kann nicht immer hin und her rennen.“ Sie öffnete die Tür und dirigierte Albus mit der Trage zu dem zweiten Bett im Raum. Sirius lag noch immer in einem Heilschlaf. Einige Zauber später wusste die Heilerin, was Severus fehlte. „Es sind hauptsächlich Verbrennungen, weil der Trank offenbar kochend heiß war, als er ihn abbekam.“, sagte sie erleichtert. „Ich kann die Verletzungen gut behandeln, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis alle Spuren verheilt sind.“

Albus spürte, dass das nicht alles war. „Warum wurde er bewusstlos? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Trank umgeschüttet hat, das muss schlimmer sein.“

„Ich stehe unter Eid, ich darf nicht sagen, was ich alles erfahre durch die Diagnosezauber.“, stoppte Poppy die aufkommenden Fragen des Direktors. „Ich werde es Severus sagen, wenn er wach ist, es ist seine Entscheidung, wer davon erfährt. Allerdings wäre es gut, wenn Remus hier wäre, wenn er aufwacht.“

„Ich kümmere mich darum. Wann wird er aufwachen?“, erwiderte Albus.

„Frühestens morgen Mittag.“, antwortete die Heilerin.

„Gut, dann werde ich Remus am Morgen verständigen. Was ist mit dem Schüler?“, kam es wieder von Albus.

„Eine Magen-Darm-Grippe, nichts allzu Schlimmes. Am Montag ist er wieder auf den Beinen.“, beruhigte Poppy.

Während sie miteinander sprachen, hatte die Heilerin den Arm und das Gesicht von Severus dick mit einer Heilsalbe eingerieben. Der Schulleiter verabschiedete sich und verließ den Raum, dann erst zog sie den Tränkemeister mit einem Zauber aus bis auf die Unterhose, um ihn weiter zu behandeln. Seine ganze rechte Seite war von Brandblasen überzogen, die zum Teil entzündet aussahen. Nach und nach cremte sie alles mit der Heilsalbe ein, legte schließlich noch eine Nadel in seinen linken Arm und hängte eine Infusion daran. Severus wimmerte leise, als sie die Blasen berührte, wachte aber nicht auf. Daraufhin sprach sie noch einen Schlafzauber über ihn, damit er erst einmal in Ruhe ausschlafen konnte, bis das Schlimmste geheilt war. Und was sie noch gefunden hatte, nun, das wollte sie ihm erst dann sagen, wenn Remus auch da war. Er würde Unterstützung brauchen. Das Ergebnis ihres Zaubers hatte sie überrascht, wenn nicht sogar schockiert. „Was ist da nur passiert? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das geplant hast.“, murmelte sie, warf noch einen sorgenvollen Blick auf ihren neuesten Patienten, dann checkte sie Sirius, legte einen Isolationszauber auf ihn, damit er nicht noch krank wurde, und ging zurück zu dem Schüler, der draußen im Behandlungsraum lag und inzwischen friedlich schlief.

 

Am nächsten Vormittag stürmten Remus und Harry in den Krankenflügel. Der Fünfjährige schien ängstlich und sah sich um, sobald sie den Raum betraten. „Wo ist Severus?“, fragte Remus alarmiert.

„Hinten in dem Raum, wo auch Sirius liegt.“, antwortete die Heilerin, die noch mit dem Schüler beschäftigt war. „Geht ruhig schon mal vor, ich komme gleich, und dann lassen wir ihn aufwachen. Es sieht schlimmer aus, als es ist.“

Remus und Harry gingen nach hinten in das Büro der Heilerin und von dort aus in den Nebenraum. Entsetzt sahen sie, dass Severus beinahe nackt im Bett lag, ein Wärmezauber war offenbar auf ihm, denn er war nicht zugedeckt. Er lag auf der linken Seite mit dem Rücken zu ihnen, während die rechte Seite rot und immer noch teilweise von Blasen überzogen war. Mit drei langen Schritten stand Remus neben dem Bett. Harry auf seinem Arm schniefte und krallte sich an ihm fest. „Keine Angst, Harry, Poppy hat versprochen, dass es ihm wieder gut gehen wird.“, beruhigte Remus den aufgebrachten Fünfjährigen. „Er schläft, damit er besser heilen kann.“

Vorsichtig griff Harry nach seinem Daddy Sev und strich ganz sanft über die Wange, darauf achtend, dass er nicht auf die Verletzungen kam. Jetzt kam auch die Heilerin zu ihnen. Sie brachte einige Phiolen mit sich und wirkte einen Zauber, den Remus als Aufwach-Zauber erkannte. Severus reagierte, indem er unruhiger wurde, sich drehte und mit einem Stöhnen erwachte.

„Du solltest auf der linken Seite liegen bleiben.“, empfahl die Heilerin ruhig. „Du hattest offenbar einen Kreislaufzusammenbruch und dabei einen Kessel mit einem kochenden Zaubertrank umgestoßen. Es sind Verbrennungen, die du hast, der Trank selbst hat keine Auswirkungen auf dich, er war noch nicht so weit, dass er Wirkung hätte. Es wird einige Tage dauern, bis die Verbrennungen abgeheilt sind. Aber die Ursache für deine Kreislaufprobleme ist eine ganz andere. Du hast schon länger Schwindelattacken, oder?“

Severus nickte müde.

„Du bist öfter erschöpft? Übelkeit? Erbrechen?“, hakte die Heilerin nach.

„Schwindel und flau im Magen, dazu müde. Ja.“, bestätigte Severus leise. Man konnte hören, dass es ihm zuwider war, das zugeben zu müssen, aber er war grundehrlich. „Was ist los?“

„Du bist schwanger, Severus.“, ließ Poppy die Bombe platzen.

„Schwanger?“, keuchten Severus und Remus gleichzeitig.

Harry sah nur verständnislos von einem zum anderen. Er verstand nicht, was hier passierte.

„Aber … aber ich habe nie einen Trank genommen, wie kann ich dann schwanger sein?“, fragte Severus, als er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte. Man konnte ihm ansehen, dass er geschockt war. Auch Remus hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte. Er hatte immer den Wunsch gehabt, dass sie Kinder hatten, aber Severus wollte nie einen Fruchtbarkeitstrank nehmen. Der Tränkemeister war nicht sicher, ob er ein guter Vater sein würde und er konnte eigentlich mit kleinen Kindern nichts anfangen, aber mit Harry machte er sich sehr gut. Hatte er seine Meinung geändert? Wohl eher nicht, der Schock zeigte deutlich, dass er keine Ahnung davon gehabt hatte. Außerdem hätte er das mit ihm besprochen, war Remus sicher. Der Schwarzhaarige lag völlig erstarrt in seinem Bett, nicht mehr in der Lage, zu reagieren.

„Wie lange?“, wollte Remus daher wissen.

„Ich denke, seit Mitte bis Ende Oktober etwa. Das macht einen vermutlichen Geburtstermin zwischen 20. und 31. Juli.“, informierte die Heilerin.

„Sev?“, fragte Remus ganz sanft.

„Ich … ich …“, wisperte Severus zitternd.

„Ruhig, Liebling.“, küsste Remus die Stirn des Tränkemeisters. „Alles in Ordnung?“ Natürlich nicht, Remus könnte sich in den Allerwertesten beißen, sobald er die Worte gesprochen hatte.

„Ich hab das nicht …“, hauchte Severus. „Wir … Harry … ich weiß nicht, ob wir das schaffen.“

„Willst du es denn?“, erkundigte sich der Werwolf betont neutral.

„Ich .. ich weiß nicht.“, überlegte der Schwarzhaarige. Er wusste, wie viel seinem Mann daran lag, aber im Moment war er völlig überfordert.

„Du musst das nicht jetzt entscheiden.“, bestimmte Poppy. „Aber ich kann dir gerade nichts gegen die Schmerzen geben, das würde dem Kind nicht gut tun. Einen passenden Trank für Schwangere habe ich nicht vorrätig.“

„Es geht schon.“, winkte Severus ab.

„Daddy?“, machte Harry auf sich aufmerksam. „Daddy Schmerzen?“

„Es geht schon, Harry. Ich halte es aus.“, versuchte Severus ein Lächeln.

„Daddy soll nicht Schmerzen haben.“, moserte der Kleine.

„Hier, Harry. Creme ihn vorsichtig damit ein, die Salbe hilft ihm beim Heilen und kühlt auch, damit es nicht so wehtut.“, reichte ihm Poppy einen Tiegel mit Salbe.

Ganz vorsichtig widmete sich Harry dieser Tätigkeit, blendete das Gespräch der Erwachsenen aus. Er achtete nur darauf, ob es seinem Vater gut tat und zuckte bei jedem hektischen Atmen zusammen. Immer wieder schnappte er etwas von dem Gespräch auf und sah letztendlich fragend zu Severus. „Daddy krank?“, wollte er wissen.

„Nein. Aber in meinem Bauch wächst ein Baby und ich wusste bisher nichts davon.“, erklärte Severus ruhiger, als er sich fühlte. „Das bedeutet, wenn ich das Baby auf die Welt bringe, wirst du ein großer Bruder.“

Mit der Reaktion seines Sohnes hätte er allerdings nicht gerechnet. Der Fünfjährige drehte sich ein wenig, legte seine Hand auf Severus' Bauch, der immer noch nur in Boxer auf dem Bett lag, küsste die nicht verbrannte Seite des Bauches und fing an, zum Bauch zu sprechen. „Hallo Baby, ich Harry, dein großer Bruder. Kommst du bald?“

Schockiert sahen ihn seine Väter an. Sie hatten mit einer Panikattacke gerechnet, dass er ersetzt werden könnte, aber sicher nicht damit, dass der Kleine es einfach so akzeptieren würde und sich auf das Baby freute. „Freust du dich?“, fragte Severus, der seine Sprache eher wiederfand.

„Ja. Harry guter großer Bruder.“, erklärte Harry ernst. Er drehte sich so, dass er mit einem Ohr am Bauch des Tränkemeisters lag und schloss die Augen. Als würde er nach dem Baby lauschen.

Severus und Remus tauschten einen Blick voller Stolz und Wärme. Der Werwolf konnte sich kaum beherrschen, so sehr freute er sich. Doch er wollte seinen Mann nicht dazu zwingen, das Baby seinetwegen zu bekommen. Damit würde er ihn auf Dauer nur unglücklich machen. „Wir werden Eltern.“, staunte Severus.

„Du willst es bekommen?“, versicherte sich Remus und der Tränkemeister nickte, wenn er auch noch ziemlich unsicher und durcheinander wirkte. Seine Augen strahlten ein Glück aus, das er sich nie erhofft hätte.

„Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das zugeht, aber ich könnte es nicht umbringen.“, gestand er schließlich.

„Wir werden herausfinden, wie es zuging.“, versprach Remus. „Und wenn nicht, dann ist es auch egal. Wir bekommen ein Baby!“ Jetzt konnte sich Remus nicht mehr beherrschen, sein Strahlen ließ sein Gesicht um Jahre jünger wirken. Er küsste Severus immer wieder, musste sein Glück einfach mit ihm teilen. Auch Severus entspannte sich ein wenig, schloss die Augen und schmiegte sich in die Berührung. Poppy ließ sie alleine, sah in der Zeit nach dem Slytherin draußen. Tränen des Glücks strömten aus den Augen des Werwolfes und er kam nicht hinterher damit, sie wegzuwischen. „Ich liebe dich, Sev.“, wiederholte er immer wieder. „Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt.“

„Ihr beide seid bisher die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“, erwiderte Severus. „Ich bin noch nicht ganz sicher, ob das auch für das Baby gilt, ich schätze, ich werde noch eine Weile brauchen, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen.“

„Warum hast du nie etwas gesagt, dass es dir nicht gut geht?“, wollte Remus schließlich wissen.

„Es war nie so schlimm, ich dachte, ich bekomme eine Grippe oder so.“, gestand der Tränkemeister. „Allerdings hatte ich vor, zu Poppy zu gehen, doch da kam wohl der Zusammenbruch dazwischen.“

„Kannst du dann weiter unterrichten?“, sorgte sich Remus. „Mit den ganzen Dämpfen und den gefährlichen Zutaten?“

„Im Unterricht komme ich nicht mit gefährlichen Zutaten in Kontakt.“, beschwichtigte Severus.

„Und was ist mit den Dämpfen?“, hakte Remus nach, der durchaus bemerkt hatte, dass sein Mann nur einen Teil beantwortet hatte.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, es gibt einen Zauber, der mich davor bewahrt, dass ich die Dämpfe einatme, wenn wir derartige Tränke durchnehmen.“, überlegte der Tränkemeister. „Ich möchte es nicht öffentlich machen.“

„Das verstehe ich.“, bestätigte der Dunkelblonde. „Du solltest es aber zumindest Albus verraten. Die Suche nach den Horkruxen ist gefährlich. Ich hatte bisher schon Angst um dich deswegen, aber jetzt …“

„Ich will diese Welt sicher für euch machen, für dich, für Harry und nun wohl auch für unser Baby.“, murmelte Severus. „Ich will keine Angst um euch haben müssen.“

„Ich weiß.“, flüsterte Remus.

Poppy unterbrach sie, als sie wieder hereinkam. „Ich habe hier einige Tränke für dich, die du regelmäßig nehmen solltest.“, ordnete sie an. „Ich weiß, ich muss dir nichts darüber erzählen. Ich will dich alle zwei Wochen spätestens sehen, oder wenn du auch nur ein keines Unwohlsein spürst. Egal was.“

„Ich werde mich regelmäßig melden und die Tränke nehmen.“, versprach der Tränkemeister. „Aber ich werde mich nicht die ganze Zeit ins Bett legen. Ich werde meinen Unterricht abhalten. Die Schüler und auch die Kollegen müssen nichts davon wissen.“

„Du solltest nur darauf achten, die Dämpfe der Zaubertränke nicht einzuatmen.“, bemerkte die Heilerin.

„Das ist mir bewusst.“, kam es kühl von Severus. Er fühlte sich offenbar in seiner Ehre angegriffen. „Ich werde einen Zauber nutzen, damit ich sie nicht einatme.“

„Nun, dann sollte alles in Ordnung sein.“, schnappte Poppy. „Aber heute bleibst du hier und morgen auch. Die Verbrennungen bedürfen meiner Expertise.“

Severus ergab sich und schloss die Augen. Er fühlte sich ausgelaugt und konnte sich kaum noch konzentrieren. Nun, da er wusste, dass er schwanger war, wurde ihm klar, dass ihm bestimmte Nährstoffe fehlen würden. Dafür auch die Tränke. Sobald er einen bestimmten Level davon in sich hatte, sollte es ihm besser gehen. Bis dahin konnte er auch noch ein wenig schlafen. Auch Harry wirkte, als würde er gleich einschlafen. Er hatte nie aufgehört, über den Bauch von Severus zu streicheln. Der Tränkemeister zog ihn an sich und beide schlossen die Augen, schliefen bald. Severus träumte ziemlich wirr, die Ereignisse nahmen ihn offenbar stark mit.
 

Remus blieb am Bett seines Mannes sitzen, wachte über den Schlaf von Severus und Harry. Noch immer war er wie betäubt und glaubte einfach nicht, dass sie ein Kind bekommen würden. Langsam wich der Schock und machte einer unglaublichen Zufriedenheit Platz. Sie bekamen ein Baby! Ein gemeinsames Kind! Das war immer sein Traum gewesen, aber er hätte es Severus nie aufgezwungen. Remus hatte bereits ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er seinem Partner Harry vor die Nase gesetzt hatte, aber Severus liebte den Jungen so sehr, wie es keiner jemals für möglich gehalten hätte. In Remus perlte ein Glücksgefühl und sorgte dafür, dass ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht festsaß. Es war das größte Glück für ihn und er beobachtete zufrieden die beiden Männer, die bislang die wichtigsten in seinem Leben waren. Immer wieder merkte er, dass Severus ganz offensichtlich Schmerzen hatte, aber sie konnten nichts tun, hatte Poppy gesagt. Sie hatte keine Schmerztränke vorrätig, die für Schwangere geeignet waren. Die musste der Tränkemeister erst brauen, aber mit den Verbrennungen war es ihm nicht möglich. Die rechte Hand konnte er im Moment gar nicht bewegen und an Zutaten schneiden war erst einmal nicht zu denken. Er verlangte nicht nur von seinen Schülern exaktes Arbeiten. Jedes Mal, wenn Severus stöhnte, griff Remus nach dem Tiegel mit der Heilsalbe und verstrich sie dünn auf der verbrannten Haut. „Danke.“, hauchte Severus beim dritten Mal gegen halb fünf Uhr abends.

„Schlaf.“, wisperte Remus. „Du kannst noch eine Weile ausruhen, dann wird Poppy darauf bestehen, dass du ordentlich isst.“

Severus verdrehte die Augen, er wusste, sein Mann hatte Recht. Er fühlte sich immer noch ziemlich verwirrt von den Erkenntnissen der letzten Stunden. Seine Entscheidung war gefallen, auch wenn es spontan gewesen war, aber er würde dabei bleiben. Harry und Remus schienen so glücklich mit der Aussicht auf ein Baby, dass er sich dem nicht entziehen konnte. Er wusste, wie sehr Remus sich das gewünscht hatte und bisher hatte er selbst es sich nicht vorstellen können, zu viel hatte er in seiner Kindheit mitgemacht und wusste nicht, wie man ein guter Vater war. Wobei, Harry war offensichtlich ganz zufrieden mit ihm.

Langsam ließ die Starre nach und er merkte, dass er den Gedanken an ein eigenes Baby nicht so schlimm fand, im Gegenteil. Irgendwie freute er sich auf das Kind, auch wenn es ihm noch ziemlich unwirklich vorkam. Nur wie es zu dieser Schwangerschaft gekommen war, wollte er schon herausfinden. Jemand hatte ihm offenbar einen Fruchtbarkeitstrank gegeben, ohne dass er es gemerkt hatte, das hätte auch deutlich schlimmer ausgehen können, wenn es jemand auf ihn abgesehen hatte. Er grübelte, wie es passiert sein konnte, kam aber auf kein Ergebnis, da immer wieder die Gedanken abglitten zu dem kleinen Wesen, das da in ihm wuchs. Das aber bedeutete nun einmal, dass er deutlich regelmäßiger essen musste, dafür würde wohl nicht nur die Heilerin sorgen. Und die Tränke musste er auch nehmen, damit er in der Lage sein würde, seinen normalen Unterricht abzuhalten, ohne dass die Schüler etwas mitbekamen. Er merkte nicht, dass er tatsächlich noch einmal einschlief, als die Schmerzen nachließen.

Erst die Heilerin, die das Abendessen brachte, weckte ihn wieder. Langsam aber sicher fühlte er sich absolut unwohl, so fast nackt auf dem Bett ohne eine Decke über sich. Ihm war klar, dass Poppy das gemacht hatte, um zu verhindern, dass irgendetwas an der blasigen Haut klebte und schmerzhaft entfernt werden musste. Aber hier lag er wie auf dem Präsentierteller, zumindest die Lehrer hatten Zutritt zu diesem Raum. Also entschied er, sich ohne weiteren Kommentar über die Art von der Heilerin über sein Essen zu machen. Er musste sie davon überzeugen, dass er in der Lage war, in seine eigenen Räume umzuziehen. Lange genug kannte er sie inzwischen, dass er ihr Verhalten einschätzen konnte. „Wie geht es eigentlich meinem Schüler?“, wollte Severus beim Essen wissen. Sie hatten ihm erzählt, wie Albus darauf aufmerksam wurde und ihn gefunden hatte.

„Nicht weiter tragisch, nur eine Magen-Darm-Grippe. Es geht ihm wieder gut, ich werde ihn heute noch hierbehalten, dann kann er am Montag zurück in den Unterricht.“, winkte die Heilerin ab. Erleichtert wandte sich Severus wieder seinem Tablett zu.

Nach dem Essen schlief er – dank der Tränke, die ihn aufpäppelten – schnell wieder ein, und Remus ging mit Harry über Nacht in die Wohnung in den Kerkern. Zum Frühstück waren sie wieder im Krankenflügel und aßen mit dem Tränkemeister gemeinsam. Der wirkte inzwischen deutlich wacher und ziemlich unruhig, er wollte offenbar hier raus und in sein gewohntes Umfeld. „Poppy, kann ich in meine Räume?“, fragte er daher nach dem Frühstück. „Ich werde mich dort den restlichen Tag ausruhen, aber ab morgen wieder unterrichten. Um den Schülern etwas beizubringen, brauche ich meine rechte Hand nicht unbedingt.“

Die Heilerin seufzte, untersuchte Severus aber dennoch gründlich und ließ ihn dann gehen. Der Tränkemeister biss die Zähne zusammen und ging durch den Kamin, nicht gewillt, sich den neugierigen Blicken der Schüler zu stellen. Wahrscheinlich wusste die halbe Schule schon, dass er Verbrennungen erlitten hatte und im Krankenflügel lag. Gerüchte machten hier sehr schnell die Runde. Vor allem, wenn es Lehrer betraf. Harry klammerte sich an Remus und schien sehr erleichtert, als er in dem vertrauten Umfeld war. Severus legte sich auf das Sofa, während Remus einen Wärmezauber wirkte, damit er nicht auskühlte. Es war unmöglich, etwas anzuziehen, wenn er seine Boxershorts bewegte, um auf die Toilette zu gehen, brannte es wie Feuer. Der Stoff rieb über die Blasen und riss sie teilweise wieder auf. Doch die Salbe half, die Verletzungen hatten sich schon deutlich zurückgebildet. Er hatte die Hoffnung, dass sie im Lauf des Tages soweit zurückgehen würden, dass er am morgigen Tag wieder Kleidung tragen und unterrichten konnte.

Harry blieb bei seinem Daddy Sev, versuchte ihn aufzumuntern und abzulenken. Immer wieder streichelte er den Bauch und redete mit dem Baby, das schien ihn total zu faszinieren. Es überraschte die Erwachsenen noch immer, dass er so entspannt damit umging. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er sich derart sicher bei ihnen fühlte, aber offenbar war er überzeugt, dass er bei ihnen bleiben konnte. Natürlich würden sie ihn wegen dem Baby nicht weggeben, aber mit dieser Angst hätten sie gerechnet, sobald sich etwas änderte. So wie es war, genossen sie es einfach und freuten sich darüber. Dennoch machte sich Severus Sorgen. Er wusste, dass Sirius die Adoption anfechten könnte, da er als Vormund nicht gefragt worden war. Remus schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich wusste er es nicht. Vorsichtig, sodass Harry es nicht mitbekam, sprach er seinen Gefährten darauf an. Vielleicht konnte Remus einschätzen, wie Sirius reagieren würde.

„Nein!“, hauchte Remus vollkommen entsetzt. „Er kann ihn uns wegnehmen?“

„Theoretisch.“, nickte Severus gezwungen ruhig. „Zwar hat der Gamot entschieden, dass wir ihn adoptieren dürfen, und es wäre rechtlich auch einwandfrei, wenn Black schuldig wäre. Da er aber unschuldig in Askaban saß, könnte er auf sein Recht pochen und wir müssten ihm den Kleinen geben. Gut, wir könnten vor den Gamot gehen und um ihn kämpfen, aber was das für ihn bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Was denkst du? Wird er darauf bestehen oder wird er das tun, was das Beste für den Kleinen ist?“

„Ich weiß es nicht. Sirius hat ihn immer geliebt, er wollte für ihn da sein, aber er wollte immer nur das Beste für ihn. Im Moment kann ich es nicht einschätzen, nach dem Aufenthalt in Askaban wird er sicher nicht mehr der gleiche Mensch wie früher sein.“, erwiderte Remus geschockt. „Ich werde mit ihm reden und hoffen, dass er vernünftig ist. Wenn er unseren Kleinen wirklich liebt, dann reißt er ihn nicht aus seinem Umfeld. Das würde er nicht verkraften.“

„Mach das.“, entschied der Tränkemeister. „Ich werde ihn nicht einfach weggeben, er ist mein Sohn. Aber Black soll ihn auch nicht aufgeben müssen, wenn der Kleine es will. Es muss nur langsam gehen.“ Remus nickte. Er hoffte wirklich, dass Sirius zuerst an Harry dachte, nicht an sich selbst. Er war so lange in Askaban gewesen, das könnte fatale Folgen für seine Psyche haben. Nein, das würde sicher Folgen haben. Aber wie würde es sich auswirken? Er musste es einfach schaffen, dass Sirius keine Ansprüche durchsetzen wollte. Dass er daran dachte, was für sein Patenkind das Beste war. Er konnte ja Pate bleiben und da dann viel Zeit mit Harry verbringen, sobald der Kleine sich an ihn gewöhnt hatte. An diese Hoffnung klammerte sich der Werwolf, damit ihn die Angst nicht lähmte.

 

Gegen Mittag brachte ihnen eine Hauselfe etwas zu Essen, das ganz sicher auf eine Bestellung von Poppy zurückging. Gehorsam leerte Severus seinen Teller, und auch Harry schien es zu schmecken. Der Tränkemeister nahm nun auch die Tränke ein, die Poppy ihm aufgetragen hatte, wollte auch selbst wieder fit genug sein, um ohne Einschränkungen unterrichten zu können. Anschließend kuschelten sich die beiden Schwarzhaarigen zusammen, um eine Runde zu schlafen, und Remus ging in den Krankenflügel, weil er nach Sirius sehen wollte. Der hatte in der vergangenen Nacht erste Anzeichen eines baldigen Erwachens gezeigt und Remus wollte seinen Freund nicht alleine lassen, wenn er nach diesem Alptraum erwachte.

Tatsächlich schien die Heilerin erleichtert, als sie den Werwolf sah. „Sirius wacht auf, ich wollte dich schon rufen.“, informierte sie ihn. „Er ist sehr unruhig, wirkt panisch. Allerdings solltest du ihm noch nicht zu viele Informationen auf einmal geben, er ist ziemlich angeschlagen und wird sicher anfällig bei Stress reagieren, ich will nicht, dass er krank wird.“

„Ich gehe zu ihm und werde vorsichtig sein.“, versprach Remus. Er trat ins Hinterzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Sofort roch er die Angst seines Freundes, setzte sich an das Bett und sprach leise und beruhigend auf ihn ein, versicherte ihm immer wieder, dass er in Hogwarts in Sicherheit sei, frei.

Irgendwann schlug Sirius seine grauen Augen auf. „Frei?“, murmelte er verständnislos und schien nicht einmal wahrzunehmen, wo er sich befand.

„Ja, frei. Tatze, es ist vorbei. Ich habe Pettigrew gefunden und vor den Gamot gebracht. Ich weiß jetzt, dass du unschuldig warst, bist, und es tut mir leid, dass ich gezweifelt habe.“, flüsterte Remus verzweifelt.

„Remus? Du bist wirklich hier?“, konnte der Schwarzhaarige es kaum glauben.

„Ja, ich bin hier. Halt dich fest.“, versicherte ihm der Werwolf und drückte sacht die knochendürre Hand. „Ich habe dich nach Hogwarts gebracht, damit Poppy dich wieder aufpäppelt. Danach kannst du dann wieder leben.“

„Harry? Was ist mit Harry?“, fuhr Sirius plötzlich hoch. Für ihn hatte er gekämpft in Askaban, wollte seinen Kleinen nicht alleine lassen. Der Gedanke an Harry hatte ihn aufrecht gehalten.

„Er ist bei … meinem Mann, es geht ihm … gut.“, antwortete Remus zögernd. „Aber du solltest erst wieder fit werden, dann reden wir über alles, was du verpasst hast.“

„Wie lange …?“, wollte der Schwarzhaarige wissen.

„Vier Jahre. James und Lily sind seit etwas über vier Jahren tot.“, informierte Remus vorsichtig.

„Vier Jahre? Bei Merlin!“ Sirius begann zu zittern und krallte sich an seinem Freund fest. Remus nahm ihn vorsichtig in den Arm, gab ihm Halt. Da erst schien Sirius zu realisieren, was der Dunkelblonde vorher gesagt hatte. „Dein Mann?“, hakte er nach. Irgendwie fühlte er sich gerade wie in einem Traum, es kam ihm nicht echt vor und doch spürte er, dass Remus bei ihm war, es roch anders, fühlte sich anders an als Askaban. Ein Schauder durchlief seinen Körper, als er an die Kälte dort dachte und er war froh, dass Remus das Wort ergriff.

„Ich bin seit zweieinhalb Monaten verheiratet.“, verriet Remus strahlend. „Wir haben Harry adoptiert. Aber du solltest dich erst einmal erholen, dann erzähle ich dir alles, was du wissen willst.“

„Da gebe ich Remus Recht.“, mischte sich nun die Heilerin ein, die in der Zwischenzeit hereingekommen war. „Askaban hat dich eine Menge Gewicht gekostet, du bist nur noch ein Skelett, dir fehlt es an Vitaminen und Nährstoffen, keine Abwehrkräfte, nichts. Erst einmal wirst du dich hier erholen, ansonsten kann dich eine Erkältung von Harry töten. Und Kinder sind nun einmal häufiger krank. Also, schön brav essen und trinken, dann bist du bald wieder auf den Beinen. Dann erst lasse ich jemand Anderen als Remus zu dir.“

Sirius kannte die Heilerin noch aus seiner Schulzeit, er wusste, er musste das tun, was sie ihm sagte. Sie hatte es in der Hand, wann er seinen Kleinen sehen konnte. Also ergab er sich der Notwendigkeit, versuchte zu essen, was sie ihm hinstellte. Nach ein paar Bissen schob er es von sich, leicht grün im Gesicht. Mehr ging einfach nicht, aber laut Poppy war das normal, denn in Askaban hatten sie nur unregelmäßig eine undefinierbare Pampe bekommen. Die Heilerin kannte die Praxis, verurteilte es aber, wie fast alle anderen Heiler auch. Die Gefangenen waren zwar in der Regel Verbrecher, aber doch immer noch Menschen, und so sollte man sie auch behandeln. Aber es war sinnlos, sie hatten schon viel versucht, aber bisher erfolglos. Schnell schlief Sirius wieder ein, nachdem er gegessen und die Heil- und Nährtränke geschluckt hatte.

Remus verabschiedete sich und ging zurück in die Kerker, wo Severus und Harry bereits auf ihn warteten. „Er ist wach?“, fragte Severus.

„Ja, aber völlig durch den Wind. Er versteht kaum, was hier los ist. Er hat nach Harry gefragt.“, erzählte Remus.

„Nicht weggehen!“, forderte Harry.

„Nein, Engel, wir werden nicht weggehen und dich auch nicht weggeben.“, versicherte ihm Severus. Auch wenn es ihm ein wenig Bauchschmerzen bereitete, weil er nicht sicher war, ob er dieses Versprechen halten konnte.

„Harry hat Daddys lieb und Baby auch.“, kam es von dem Kleinen.

„Wir haben dich auch lieb.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig, und Remus fügte hinzu: „Du musst keine Angst haben, dass wir dich wegen dem Baby weniger lieb haben. Du bist nun unser Großer. Und wir sind sehr stolz, wie toll du das alles meisterst.“ Er drückte den Fünfjährigen bestätigend an sich und hielt ihn eine Weile fest im Arm. Dann fuhr er fort: „Sirius ist dein Pate und er hat dich lieb. Er hat nach dir gefragt und macht sich Sorgen um dich. Wir werden dich nicht weggeben, aber er will dich sehen, mit dir sprechen, um zu sehen, dass es dir gut geht.“

Harry kuschelte sich an seinen Daddy und nickte schließlich. Er glaubte ihnen. Die Erleichterung bei seinen Vätern war greifbar. Leicht würde es für den Kleinen nicht werden, aber zumindest schien er nun die Sicherheit zu haben, dass er ein Zuhause hatte bei Menschen, die ihn wollten und liebten. Hoffentlich machte Black das nicht alles kaputt, sie hatten lange gebraucht, um Harry soweit zu bringen. Die Elfen brachten nun Kaffee, Tee, heißen Kakao und dazu Obst, damit sie einen Imbiss machen konnten. Severus setzte sich auf, bemerkte dabei eine deutliche Besserung der Schmerzen. Er griff nach Tee, wissend, dass er sonst wahrscheinlich gewaltigen Ärger mit Poppy bekam. Zum Frühstück allerdings würde er nicht auf Kaffee verzichten. Auch Remus trank lieber Tee und Harry genoss seine Schokolade. Es schien, als hätte er so etwas noch nie vorher gekostet, das erste Mal, dass sie es ihm gegeben hatten, war er völlig erstarrt und hatte sie ungläubig angeblickt. Inzwischen fragte er sogar danach, wenn er es nicht bekam.

Nach dem Abendessen brachten sie dann Harry ins Bett, denn Remus wollte Sirius nicht ganz alleine lassen, und mit Harry täglich durch den Kamin war auch nicht die beste Lösung, also blieben sie erst einmal hier. Mal sehen, wie lange Harry gut Luft bekam. Gesundheitlich ging es ihm deutlich besser als im Sommer und Herbst. Und in zwei Tagen war Sevs Geburtstag, dann feierten sie eben hier. Lucy würde sicher auch herkommen, wenn er sie fragte.

Als Harry schlief, half Remus seinem Mann in der Dusche. Severus fühlte sich deutlich besser, nachdem er frisch geduscht und noch einmal eingecremt war und war zuversichtlich, den Unterricht zu schaffen. Die Schmerzen waren deutlich zurückgegangen und die Blasen verheilten bereits. Und da er lange trainiert hatte, um mit beiden Händen zaubern zu können, brauchte er dafür nicht unbedingt die rechte Hand. Nur Schreiben konnte er mit links nicht, aber dann mussten die Schüler notfalls eben das Aufschreiben, was er ihnen sagte, oder er ließ einen Schüler an die Tafel schreiben. Wenn es sein musste, konnte er das auch mit einem Zauber machen, aber das war nicht besonders leserlich, das hatte er bereits ausprobiert.

Die Nacht wurde unruhig, so ganz wohl schien es Harry doch nicht zu sein bei dem Gedanken, sich mit Sirius zu treffen. Als er nachts keuchend aus dem Bett schreckte – er schrie nie, wenn er Alpträume hatte – holte ihn Remus ins Schlafzimmer, wo er zwischen seinen Vätern liegen konnte. Er redete nicht, aber riss immer wieder ängstlich die Augen auf, wenn er am Einschlafen war, als hätte er Panik vor seinen Träumen. Erst nach über zwei Stunden schlief er endlich wieder, und auch Severus und Remus konnten die Augen schließen, wenn auch nicht mehr sehr lange. Severus schälte sich knapp drei Stunden später aus dem Bett, um sich anzuziehen und zum Frühstück in die große Halle zu gehen, während Remus ihren Sohn ein wenig an sich zog, in der Hoffnung, dass er weiter schlief. Die Hauselfen würden sie mit Frühstück versorgen.

Während Severus am Vormittag unterrichtete, spielte Remus eine Weile mit Harry. Mittags aßen sie gemeinsam, der Tränkemeister kam dafür in die Wohnung, und Harry schlief dann noch einmal. Als Severus am Nachmittag nach dem Unterricht Zeit hatte, sich um Harry zu kümmern, ging Remus in den Krankenflügel. Ein paar Schüler sahen ihm neugierig nach, aber inzwischen schien sich herumgesprochen zu haben, dass er der Mann des Tränkemeisters war, denn sie sahen ihn nicht mehr fragend sondern eher neugierig an.

Sirius erwartete ihn bereits. „Remus!“, begrüßte er ihn deutlich freudiger als zuvor. „Endlich bist du da.“

„Immer langsam, Tatze!“, lächelte der Werwolf und ließ sich umarmen. „Wie geht's dir?“

„Besser. Der Hausdrache hier bemuttert mich, aber mit ihr kann man auch gut reden.“, gab Sirius ungewohnt ernst zu. „Aber ich will nun endlich wissen, was mit Harry ist.“

„In Ordnung.“, seufzte Remus und gab ihm eine Zusammenfassung der Ereignisse und der Erkenntnisse, wie Harry bei seinen Verwandten gelebt hatte.

Immer wieder wurde er von Sirius unterbrochen, der es nicht fassen konnte. „Dumbledore konnte ihn doch nicht einfach bei Petunia lassen, diese Frau hasst alles, was mit Magie zu tun hat!“, fluchte er. „Und dann schaut er nicht einmal nach ihm, fast vier Jahre lang! Das ist nicht dein Ernst!“

„Sirius, lass gut sein. Albus war wichtig, dass die Todesser nicht an ihn kommen, und das war bei den Dursleys der Fall. Und er konnte nicht nach ihm sehen, weil er immer wieder verfolgt wurde, sollte er Harry dem Risiko aussetzen? Es war ein Risiko, als ich dahin gegangen bin, auch ich hätte verfolgt werden können, aber ich bin froh, dieses Risiko auf mich genommen zu haben. Aber bei Albus war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ihm folgte, noch deutlich höher. Es war ein Fehler, aber er hat Risiken gegeneinander abgewägt und versucht, das Beste für Harry zu tun. Es war nicht gut, aber wir haben ihn nun bei uns und kümmern uns. Er wird lernen, was es heißt, Kind zu sein.“, entgegnete Remus erhitzt.

„Kann ich ihn sehen?“, fragte der Animagus leise.

„Ich würde ihn gerne darauf vorbereiten.“, bat Remus. „Auf Überraschungen reagiert er nicht besonders gut.“

„Bitte, Remus. Ich … er ist alles, was ich noch habe. Harry war der Grund, für den ich gekämpft habe in Askaban. Weil ich wusste, er braucht mich. Ohne den Gedanken an den Kleinen hätte ich längst aufgegeben. Ich will ihn zu mir nehmen, ihn glücklich sehen.“, wisperte Sirius.

„Okay. Ich rede mit ihm. Wenn er einverstanden ist, solltest du vielleicht zu uns kommen. Aber reiß ihn nicht aus seinem Umfeld, er hat sich gerade erst bei uns eingewöhnt. Wir haben ihn adoptiert und mussten ihm versprechen, ihn nicht wegzugeben. Bitte, denk an Harry, lass ihn glücklich sein und nicht noch einmal zusammenbrechen.“, flehte Remus.

„Das war es, was ich immer wollte, Harry glücklich machen. Wo ist er jetzt? Bei deinem Mann? Wer ist dein Mann?“, hakte Sirius nach.

„Ja, er ist bei meinem Mann. Seinem Daddy.“, bestätigte Remus und schwieg. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Sirius nicht auf seine Bitte eingegangen war. Wie sollte er dem Schwarzhaarigen begreiflich machen, mit wem er verheiratet war? Würde Sirius es verstehen? Würde er danach noch auf ihre Bitte eingehen oder auf seinem Recht bestehen? Der Schwarzhaarige sah ihn nur mit zusammengezogenen Brauen an. „Severus. Ich habe Severus Snape geheiratet.“

„Snape? SCHNIEFELUS?“, fuhr Sirius auf, doch Remus stoppte ihn sofort. „Sei still!“, knurrte er. „Wage nicht, so über meinen Mann zu reden! Du hast keine Ahnung, wer er wirklich ist! Ohne Sev wäre ich nicht hier. Als James und Lily tot waren, und ich dann auch noch die Meldung erhielt, dass sie dich verhaftet haben und Peter auch tot ist, war ich am Ende. Ich war allein, hatte niemanden mehr. Ich bin nach Hogwarts, Albus hat es mir bestätigt. Da bin ich auf den Turm gestiegen, wollte springen. Sev hat mich davon abgehalten, aber er war auch am Ende. Wahrscheinlich haben wir uns gegenseitig vom Selbstmord abgehalten. Jedenfalls haben wir uns in den folgenden Monaten gegenseitig gebraucht, um nicht aufzugeben. Du hast keine Ahnung, was wir durchgemacht haben. Irgendwann haben wir dann bemerkt, dass da mehr ist. Wir haben Gefühle füreinander entwickelt und sind seither zusammen. Geheiratet haben wir, weil wir sonst Harry nicht hätten adoptieren dürfen, ansonsten wären wir einfach so beieinander geblieben. Sev hat meinen Namen an seinen angehängt, Harry heißt nun auch Lupin mit Nachnamen. Du hast keine Ahnung, wie viel Harry ihm verdankt, der Kleine wäre noch lange nicht soweit, wenn Sev nicht wäre!“ Erregt war Remus aufgestanden und hin und her gelaufen. Er wollte sich nicht zwischen seinem Mann und seinem besten Freund entscheiden müssen, aber sollte Sirius ihn dazu zwingen, dann wusste er, für wen er sich entscheiden würde. Dann wäre Sirius allein, und das wollte er ihm nicht antun. Aber ohne Sev und Harry wollte er nicht leben müssen.

Ungläubig schüttelte Sirius den Kopf, er hatte gerade das Gefühl, als wäre das alles ein seltsamer Alptraum, und doch spürte er, dass er wach war. So etwas Verrücktes könnte er sich nicht einmal im Traum ausdenken. Harry Potter als Sohn von Severus Snape, der mit Remus Lupin verheiratet war. Verrückt. Eine andere Beschreibung fiel ihm nicht ein.

„Hör zu, Sirius. Es hat sich viel verändert, aber ich bin wirklich glücklich.“, fügte Remus nach einer Weile deutlich ruhiger hinzu. „Ich schlage vor, du erholst dich, bis Poppy dich gehen lässt, dann kommst du zu uns. Dort ist Harry sicher genug, dass er vielleicht auch mit dir redet. Hier wird er sich nur bei mir verstecken und du kriegst ihn nicht einmal richtig zu Gesicht. Und im Moment bist du, soweit ich Poppy verstanden habe, noch zu anfällig, weshalb sie nur mich hier herein lässt. Durch meinen inneren Wolf bin ich kaum anfällig für Infekte und auch kein Überträger. Daher werde ich dich nicht anstecken oder gefährden. Ich komme weiterhin, wenn Sev sich um Harry kümmert, und besuche dich, aber ich verlange von dir, dass du aufhörst, über Sev herzuziehen. Lerne ihn kennen, wirklich kennen, dann kannst du dir ein Urteil bilden. Ansonsten wirst du mich verlieren, das kann ich dir nur als Warnung mitgeben. Außerdem wirst du dann wohl auch Harry verlieren, denn er liebt seinen Daddy.“ Mit den letzten Worten drehte er sich um und verließ den Krankenflügel. Zügig ging er zurück in die Kerker, das hatte ihn viel Kraft gekostet, und doch hatte er es tun müssen. Ja, Sirius hatte eine schwere Zeit hinter sich, aber er war nicht der Einzige. Das musste er verstehen, ansonsten wäre ihre Freundschaft an einem Punkt, wo sie zerstörerisch wurde, und Remus hatte nun eine Familie, an die er denken musste.

„Alles in Ordnung?“, wollte Severus wissen, als er die Wohnung erreichte.

„Ich musste Einiges klarstellen.“, gab Remus aufgewühlt zurück. „Ich weiß nicht, ob wir noch eine Chance haben, Freunde zu sein. Er wollte wissen, wer mein Mann ist, und als ich es ihm sagte, wollte er anfangen wie früher, das konnte ich nicht zulassen. Ich habe ihm gesagt, er muss eine Entscheidung treffen. Wenn er dich nicht besser behandelt und vorher richtig kennen lernt, dann hat unsere Freundschaft keine Chance mehr. Allerdings hat er vor, Harry zu sich zu nehmen, wer weiß schon, wie gut seine Chancen sind, da er rechtlich gesehen Harrys Vormund ist. Er hat der Adoption ja leider nicht zugestimmt.“

Severus schlang die Arme um seinen Wolf, er wusste, wie nahe es ihm ging, wenn er so reagierte. Das war ein erneuter Beweis, wie sehr dieser Mann ihn liebte. „Ich liebe dich, Remus.“, wisperte er. „Hab keine Angst, Black will, dass Harry glücklich ist, das ist selbst mir klar. Ich habe mich erkundigt: Der Gamot hat uns die Erlaubnis gegeben, ihn zu adoptieren, das ist rechtlich einwandfrei, auch wenn Sirius kein Mitspracherecht bekommen hat. Einfach so kann er uns Harry nicht wegnehmen, aber alleine der Versuch wäre nicht gut für unseren Kleinen.“

„Halt mich!“, flehte der Werwolf mit Tränen in den Augen.

„Immer.“, versprach Severus und festigte seinen Halt. Auch Harry schlang nun die Arme um Remus' Beine, zeigte ihm damit, dass er nicht alleine war.

Bis zum nächsten Morgen hatte sich Remus wieder beruhigt. Er stand mit Severus auf und beglückwünschte ihn als Erster. „Alles Gute zum Geburtstag!“, küsste er den Schwarzhaarigen. Sie genossen eine gemeinsame Dusche, bevor Severus in die große Halle ging, um zu frühstücken und anschließend zu unterrichten. Erst am Nachmittag würden sie sich wiedersehen, und dann kamen Albus und Minerva sowie Lucy, um ein wenig zu feiern. Der Schulleiter hatte versprochen, dass die Elfen Kuchen und Torte liefern würden, ebenso Kaffee, Tee und heiße Schokolade für Harry. Bis dahin wollte Remus mit Harry zusammen ein wenig lernen, denn der Kleine schien sich zu langweilen in der Wohnung des Tränkemeisters, doch er war noch nicht abwehrstark genug, um nach draußen zu können. Hier in Schottland herrschte gerade eisige Kälte und fast ständig schneite es. Harry war an milde Temperaturen von mindestens 15°C tagsüber gewohnt. Sein Immunsystem konnte sich nicht so schnell umstellen, daher vermieden sie es, nach draußen zu gehen. An Silvester hatten sie einen Wärmezauber genutzt, aber das war keine Dauerlösung. Doch Harry war sehr interessiert daran, lesen zu lernen, also machte sich Remus darüber, es ihm beizubringen.

Nach dem Mittagessen legte sich Harry wie immer ins Bett. Remus blieb bei ihm. Wahrscheinlich musste Sirius heute auf einen Besuch von ihm verzichten, aber Remus fand, dass es vielleicht eine gute Möglichkeit für den Animagus war, nachzudenken. Er hoffte, dass ihre Freundschaft weiterhin bestand, aber seine Meinung hatte sich seit gestern nicht geändert, wenn Sirius nicht mehr der Tatsache klar kam, dass er mit Severus verheiratet war und diesen liebte, dann war es wohl vorbei. Nur für Harry wäre es schade, denn den Kleinen liebte Sirius. Das war schon immer deutlich gewesen. Auch wenn Harry im Moment eher Angst vor einer Begegnung hatte, doch auf lange Sicht gesehen wäre es sicher eine positive Beziehung, die Beide aufbauen könnten. Remus versuchte seine Angst zu ignorieren, Sirius könnte darauf bestehen, Harry zu sich zu nehmen. Wenn er darüber nachdachte, würde er nur den Kleinen mit seiner Panik anstecken und das konnten sie nicht brauchen. Er hoffte lieber, dass Sirius den Jungen so sehr liebte, dass er darüber nachdachte und so entschied, wie es das Beste für Harry war. Tief in seinem Inneren war ihm klar, dass er hier schon egoistisch war, er wollte Harry nicht aufgeben. Allerdings würde er das vielleicht sogar tun, denn auf eine Verhandlung wollte er es nicht ankommen lassen. Dann lieber Harry freiwillig zu Sirius geben, aber nicht sofort und ohne Vorbereitung, das würde Harry nicht überstehen. Das hatten Severus und er selbst in der Nacht beschlossen, auch wenn sie hofften, dass er bei ihnen bleiben konnte. Erst einmal musste er seinen Paten kennen lernen und eine Beziehung zu ihm aufbauen. Nur, war Sirius in der Lage, sich um Harry zu kümmern? Spurlos war Askaban sicher nicht an ihm vorübergegangen. Remus seufzte leise.

Schließlich weckte er Harry auf, damit er Zeit hatte, richtig wach zu werden, bevor die Gäste kamen. Harry brauchte etwa eine Stunde, bis er aufnahmefähig war. Seit einiger Zeit war er nicht mehr so schreckhaft und nahm sich auch die Zeit zum Wachwerden. Anfangs war er immer zurückgeschreckt, wenn er aufgeweckt wurde, weil er offenbar glaubte, bestraft zu werden für etwas, das er nicht getan hatte. Es schien, als hätte er die Zeit bei den Dursleys sehr tief in seinen Erfahrungen gespeichert.

Severus kam nach seiner letzten Stunde gegen kurz nach vier Uhr. Harry flog ihm in die Arme und ließ sich hochheben, auch wenn Severus ihn gleich wieder absetzte, da er aufgrund seiner Schwangerschaft nicht mehr so schwer heben sollte. „Alles Gute zum Burtstag, Daddy Sev!“, krähte der Fünfjährige fröhlich. „Hab dich lieb!“

„Danke, Harry!“, schmunzelte Severus und kniete sich zu seinem Sohn, um ihn umarmen zu können. „Ich freue mich, dass du hier bist.“

„Immer da bleiben?“, bettelte Harry mit Welpenblick.

Remus nahm ihn hoch, damit er ihm in die Augen sehen konnte. „Noch nicht, Welpe. Erst, wenn Poppy sagt, dass du ganz gesund bist, können wir hier bleiben.“

Weiter kamen sie nicht, da es im Kamin rauschte und Lucy im Büro auftauchte. Sie kam durch die offene Tür zu ihnen ins Wohnzimmer, reichte Severus die Hand und beglückwünschte ihn. Ihr Geschenk legte sie zu denen von Harry und Remus auf einen kleinen Tisch, bevor sie auch die Beiden begrüßte. Sie konnten nur wenige Worte wechseln, bis es an der Tür klopfte. Severus ließ Minerva und Albus herein, die gemeinsam gekommen waren. Auch sie wünschten dem Tränkemeister alles Gute und brachten Geschenke mit. Als alle da waren, bat Severus sie an den Tisch, wo die Elfen unter Anleitung von Remus alles hergerichtet hatten. Entspannt plauderten sie eine Weile, während sie Nusskuchen und Erdbeertorte aßen. Doch plötzlich stand Severus mit grünlichem Gesicht auf und entschuldigte sich kurz, hastete ins Bad und sie konnten hören, wie er sich übergab. Remus folgte ihm, damit er nicht alleine war.

„Verzeihung.“, krächzte Severus ein wenig heiser, als er zurückkam. Er war ziemlich blass und schob die Torte von sich, schenkte sich nur noch eine weitere Tasse Kräutertee ein.

„Was ist los, Severus?“, wollte Albus nun endlich wissen. Seit dem Wochenende versuchte er, aus seinem Tränkemeister heraus zu bekommen, warum er am Freitag bewusstlos geworden war.

Der wechselte einen Blick mit Remus, der ihm zulächelte und leicht nickte. Also atmete der Schwarzhaarige einige Male tief durch. „Ich bin schwanger.“, gestand er dann leise.

Einige Momente herrschte absolute Stille, dann redeten alle gleichzeitig. „Schwanger? Wie kann das sein?“ - „Wie lange schon?“ - „Wie geht so etwas denn?“ - „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich dominieren lässt!“ - „Wie weit bist du schon?“ - „Kannst du noch unterrichten?“

„Ruhe!“, knurrte auf einmal Remus, der merkte, wie panisch Harry bei dem Lärm wurde. Er nahm den Kleinen auf den Schoß und der schmiegte sich so fest an ihn wie schon lange nicht mehr.

„Nicht Daddy wehtun!“, schniefte er.

„Schon gut, Harry, sie tun mir nicht weh.“, beruhigte Severus. „Sie machen sich Sorgen und wundern sich, wie das passiert ist, dass ich ein Baby bekomme. Also, ich will, dass das unter uns bleibt. Nur Poppy weiß sonst noch davon und so soll es auch bleiben.“

„In Ordnung.“, stimmten die Gäste zu.

„Poppy vermutet, dass ich seit Mitte bis Ende Oktober schwanger bin. Ich muss wohl einen Fruchtbarkeitstrank genommen haben, kann mich aber nicht daran erinnern. Allerdings …“, Severus verstummte eine Weile und sah nachdenklich aus. „Da war dieser Tag, an dem ich so einen enormen Durst hatte. Normalerweise trinke ich im praktischen Unterricht nichts, weil es gefährlich sein kann, wenn Tränke schief gehen. Aber an diesem Tag, es war bevor Harry aus dem Heilschlaf erwachte, habe ich getrunken. Ich habe danach Charlie Weasley zurückgehalten. Er hätte die Gelegenheit dazu gehabt. Ansonsten lasse ich meine Getränke nicht aus den Augen.“

„Ich werde ihn befragen.“, versprach Minerva.

„Aber bitte so, dass es nachher nicht die ganze Schule weiß.“, schnappte Severus.

„Schon gut.“, beruhigte Minerva. „Ich werde es diskret angehen.“

„Und wie ist das mit dem Unterricht? Ist das nicht gefährlich mit den ganzen Dämpfen?“, erkundigte sich Lucy besorgt.

„Es gibt einen Zauber, der verhindert, dass ich die Dämpfe einatme. Ich muss mit einigen Zutaten aufpassen, wenn ich damit hantiere, aber die kommen nur bei den Siebtklässlern ab und zu vor, da ist die Gefahr so gut wie ausgeschaltet.“, antwortete Severus.

„Albus, ich möchte nicht, dass Severus mit dir weitermacht.“, forderte Remus. „Euer … Projekt ist zu gefährlich.“

„Es ist gefährlich.“, stimmte der Schulleiter zögernd zu. „Aber es ist auch unheimlich wichtig.“

„Ich weiß. Aber es kann sicher noch ein paar Monate warten.“, bestimmte Remus.

„Ich werde sehen, dass ich Severus aus der Praxis raushalte. Aber zumindest die Theorie, dafür werde ich ihn weiterhin brauchen.“, überlegte Albus.

„Damit kann ich leben.“, entschied der Werwolf schließlich.

Um das Thema wieder ein wenig leichter zu machen, entschied Severus, die Geschenke aufzupacken. Doch kaum hatte er das Päckchen von Harry in die Hand genommen, wurde er erneut unterbrochen, da es an der Tür klopfte. „Wer …?“, fragte er sich, doch alle zuckten die Schultern. Er öffnete die Tür und sah überrascht auf den Besucher. „Black?“

„Ja.“, kam es ruhig zurück. „Ich habe über das nachgedacht, was Remus gestern zu mir gesagt hat. Es tut mir leid, wie ich dich behandelt habe. Ich würde gerne einen neuen Anfang machen. Alles Gute zum Geburtstag, Severus.“

Sirius, auf den Poppy einen Zauber gelegt hatte, damit er sich nicht anstecken konnte, stand mit ausgestreckter Hand vor ihm, doch Severus machte keine Regung, ihm entgegen zu kommen. Einzig Remus ahnte, dass der Tränkemeister gerade überfordert war. „Komm rein, Sirius.“, bat der Werwolf. Was auch immer die Beiden zu besprechen hatten, an der offenen Tür war es nicht gut.

Lucy schien zu spüren, dass die Feierstimmung nun weg war und verabschiedete sich als Erste, bat Albus darum, ihr das Schloss zu zeigen, da sie es bisher nur aus Erzählungen kannte. Der Schulleiter war natürlich einverstanden und Minerva schloss sich an, wollte den Beiden die Möglichkeit geben, ihre Differenzen zu klären.

„Mir ist klar, dass es nicht einfach so vorbei ist.“, versicherte Sirius. „Aber ich meine es wirklich ernst, das kann ich versprechen.“

„Das wird sich zeigen.“, kam es schließlich von Severus. „Setz dich doch.“

Sirius setzte sich und nun fiel sein Blick zum ersten Mal auf Harry. Er lächelte den Fünfjährigen an. „Hallo, Harry. Ich bin Sirius, dein Pate. Wie geht es dir?“

Harry klammerte sich an Remus, nicht ganz sicher, was nun passierte, und versteckte sich an seiner Brust. Der Werwolf strich ihm beruhigend und stärkend über den Rücken, funkelte dabei Sirius zornig an. Er hatte ihm gesagt, wie verängstigt Harry war und dass er vorher mit ihm reden wollte, und nun kam der Animagus einfach reingeschneit und erwartete, dass er mit offenen Armen empfangen wurde?

Sirius zuckte zurück, als er dem Blick seines früheren besten Freundes begegnete. „Remus?“, fragte er irritiert. „Ich will ihm nichts tun und ihn auch sicher nicht wegnehmen. Nicht jetzt, wo ich sehe, wie er an euch hängt. Und dazu habe ich auch kein Recht mehr, denn ich habe damals, als sie mich einsperrten, die Vormundschaft auf Albus übertragen, damit nicht irgendwelche Todesser an den Kleinen rankommen. Bei ihm war ich sicher, dass er nicht die Seiten wechseln würde und Harry ausliefert. Ich will wirklich nur wissen, wie es Harry geht. Ich … ich war da. In der Nacht, als James und Lily … Hagrid war da, er hatte Anweisung von Dumbledore. Ich konnte ihn nicht umstimmen. Also habe ich ihm mein Motorrad gegeben, damit er den Kleinen transportieren kann. Wie sonst sollte er reisen? Ich wollte nicht, dass Harry noch mehr passiert. Deswegen bin ich Peter hinterher, ich war so wütend, weil Dumbledore nicht auf meinen Patronus reagierte. Ich habe ihm einen geschickt und darum gebeten, sich an James' und Lilys Wünsche zu halten, die nie wollten, dass Harry zu diesen Muggeln geht. Inzwischen ist mir klar geworden, er dachte, ich habe die Beiden verraten, deshalb hat er wohl nicht reagiert. Aber als ich dann Peter erwischt hatte, bin ich ihm voll in die Falle gegangen. Er hat mich noch verhöhnt, dass sein neuer Meister ihm einige nützliche Zauber beigebracht hat und grinsend klargemacht, dass ich nun an seiner Stelle nach Askaban gehe. Dann hat er seinen Finger abgeschnitten und einen Sprengzauber gesprochen. Ich konnte nur noch zusehen, wie er sich verwandelte und verschwand.“ Sirius hatte sehr leise und stockend gesprochen. Es schockierte und erleichterte ihn offenbar gleichzeitig, endlich darüber reden zu können und jemanden zu haben, der ihm glaubte. Remus war erstarrt, während er zuhörte und selbst Severus hatte ihn nicht unterbrochen.

Harry hatte offensichtlich nicht alles verstanden und sah seine Väter nun abwechselnd fragend an. „Daddy? Was …?“, stammelte er zitternd.

„Black, wenn ihn das traumatisiert, ziehe ich dir die Haut in Streifen ab!“, zischte Severus aufgebracht, aber relativ leise, um Harry nicht noch weiter zu verängstigen.

„Harry, es tut mir leid, dass ich mich nicht um dich kümmern konnte.“, wandte sich Sirius erneut an den Fünfjährigen. „Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen, wenn es deine Väter vielleicht auch nicht können. Mir ist klar, dass es dir bei deinen … Daddys gut geht und daran will ich nichts ändern, das verspreche ich dir, euch. Ich werde tun, was ich kann, dass es dir gut geht. Wenn es sein muss, halte ich mich auch von dir fern, aber bitte glaube mir, ich würde dir nie absichtlich wehtun.“ Damit stand er auf und wollte gehen, doch er wandte sich noch einmal um. „Severus, Remus, es tut mir leid, ich wollte euch den Abend nicht verderben. Ich wollte den ersten Schritt machen und zeigen, wie wichtig mir das alles hier ist. Ich meine die Entschuldigung vollkommen ernst, aber wenn du nicht in der Lage sein solltest, mir verzeihen zu können, Severus, dann sag es einfach, damit ich aufhören kann, mir Hoffnungen zu machen, meinen Freund und mein Patenkind zurückzubekommen. Ich habe die letzten vier Jahre nur deshalb überstanden, weil ich wusste, Harry braucht Hilfe und ich wollte da sein, wenn ich es kann. Wenn ihr es nicht mehr wollt, dann seid bitte so ehrlich und lasst mich nicht warten und unnötig hoffen. Nur der Gedanke an Harry und Remus hat mich die Zeit überleben lassen. Vielleicht kannst du, Remus, das verstehen, nach dem, was du mir gesagt hast, wie es dir ging. Ich gehe nach London, sobald die Heilerin es erlaubt, dann könnt ihr euer Leben weiterleben, ich lasse euch in Ruhe. Ihr braucht keine Angst haben, dass ich dann nochmal erscheine.“ Er verstummte und eine einzelne Träne rann über seine Wange. Sie ignorierend drehte sich Sirius um und wollte die Tür aufmachen, um zu gehen.

„Siri da?“, fragte plötzlich ein leises Stimmchen.

Erstarrt blieben alle Erwachsenen da, wo sie waren. Remus fand als Erster seine Sprache wieder. „Du erinnerst dich?“

„Harry weiß, Siri nicht böse.“, flüsterte der Kleine.

„Nein, ich bin nicht böse.“, stimmte der Animagus mit einem erleichterten Lächeln zu. „Ich hab dich lieb.“

„Harry bei Daddys bleiben?“, erkundigte sich Harry.

„Natürlich bleibst du bei deinen Daddys.“, versicherte Sirius. „Ich werde dich nicht wegnehmen, ich bin derzeit sicher nicht in der Lage, dich aufzuziehen. Aber ich will für dich da sein. Mit dir spielen, dir neue Sachen kaufen, dir vorlesen, auch mal mit dir spazieren gehen oder einen Ausflug machen. Dein Pate sein und mich ein bisschen um dich kümmern. Dich lieb haben, so wie deine Daddys dich lieb haben.“

„Siri Harry auch lieb?“ Fassungslos starrten die grünen Augen in die grauen von Sirius.

„Ja, Harry, ich hab dich auch lieb.“, lächelte er noch breiter, und sein Gesicht wurde entspannt, warm und freundlich.

„Setz dich.“, bat Severus und deutete auf einen Stuhl am Tisch. „Bleib zum Essen.“

„Danke.“, kam es leise und Sirius setzte sich gegenüber von Remus und Harry, um den Fünfjährigen nicht mit zu viel Nähe zu überfordern. Severus bot ihm Kaffee, Tee oder Saft an. „Tee, danke.“, nahm Sirius an und stutzte. „Sag mal, du trinkst Tee?“ Verwirrt starrte er Severus an. „Du hast dich mehr verändert, als ich glaubte.“

Remus und Severus wechselten einen Blick. Sie entschieden, nicht weiter auf diese Bemerkung einzugehen. Lieber rief Severus eine der Hauselfen und beauftragte sie, das Abendessen zu servieren. Zeit war es dafür inzwischen, und gerade Harry brauchte regelmäßige Mahlzeiten. Remus setzte Harry auf Severus' Schoß, um zum Kamin zu gehen. Minerva, Lucy und Albus waren vorhin so schnell verschwunden, sie waren aber eigentlich auch zu Essen noch eingeladen. Also wollte Remus sie über den Kamin wieder zu ihnen holen. Auch wenn er noch nicht sicher war, wie es mit ihnen und Sirius nun weitergehen würde, aber Harry schien nicht mehr panisch zu sein, war wohl nur erschrocken und ein wenig überfordert gewesen. Wahrscheinlich hatte er doch noch einige unbewusste Erinnerungen an seinen Paten. Und Remus wusste, dass die Beiden früher kaum zu trennen gewesen waren.

Harry kuschelte sich derweil an Severus, beäugte aber immer wieder Sirius, so lange der nicht direkt zu ihm hinsah. Ein angespanntes Schweigen herrschte im Zimmer, bis Remus zurückkam und berichtete, dass Albus und Lucy in ein paar Minuten kommen würden, Minerva hingegen hatte eine kranke Schülerin, um die sie sich kümmern musste, ließ sich daher entschuldigen.

„Schenke auspacken, Daddy!“, forderte Harry ihn nun auf.

„Na dann lass mal sehen.“, schmunzelte der Tränkemeister und griff wieder nach dem Päckchen von Harry, das er auf die Seite gelegt hatte, als Sirius kam. „Das ist von dir, mein Großer?“

Harry nickte mit strahlenden Augen. „Harry aussucht.“, bestätigte er. „Wie Daddys Augen.“

Vorsichtig öffnete Severus die kleine Holzkiste und nahm das Lederband mit dem schwarzen Anhänger heraus. „Danke, Harry!“, küsste er seinen Kleinen auf den Scheitel, genauestens beobachtet von Sirius. „Das ist wirklich schön.“ Er ließ sich von Remus helfen, es um seinen Hals zu hängen. Dann erst griff er nach dem Päckchen von Remus. Auch bei seinem Mann bedankte er sich mit einem Kuss, der von Sirius skeptisch beobachtet wurde. Harry hingegen schien es völlig normal zu finden, dass seine Daddys sich küssten. Er krabbelte von Severus' Schoß und holte das Geschenk von Minerva, lief dabei an Sirius vorbei, den er beäugte, aber sich nicht stören ließ, da er sich nicht bewegte. Eine Decke aus schwarzer Merino-Wolle, ganz weich und flauschig warm, hatte ihm die Schottin geschenkt. Der Tränkemeister legte sie auf sein Sofa, darin würde er sicher viele Abende verbringen. Von Albus bekam er ein Paar bunte Wollsocken, die er schnell schrumpfte und Harry gab, das würde er sicher nicht anziehen. Dazu aber noch ein Muggel-Schachspiel mit Figuren aus schwarzem Hämatit und weißem Opal, wenn sich Severus nicht täuschte. Überrascht sah Severus auf das offensichtlich teure Spiel.

„Es ist ein Erbstück.“, riss ihn Albus' Stimme aus seinen Gedanken, der mit Lucy gerade hereingekommen war. „Bei mir steht es nur im Regal und staubt ein, ich spiele nur unzureichend Zauberschach, und Muggelschach kann ich gar nicht. Du bist der beste Schachspieler den ich kenne, bei dir ist es in den besten Händen.“

„Vielen Dank, Albus.“, hauchte Severus, der sprachlos war.

„Und ich sehe, meine Socken haben auch einen begeisterten Abnehmer gefunden!“, gluckste der Schulleiter, als sein Blick auf Harrys neue Fußbekleidung fiel.

„Schön warm!“, bestätigte Harry, der seine Angst vor dem Älteren scheinbar überwunden hatte, wenn er sich auch noch nicht anfassen ließ.

„Dann ist es ja gut!“, lachte der Weißhaarige.

Schließlich öffnete Severus noch Lucys Päckchen und fand darin einen Gutschein für Eintrittskarten in einen spanischen Zoo. „Die Enkel meiner Nichte waren ganz begeistert und er gefiel auch allen Erwachsenen. Mit diesem Gutschein kannst du jederzeit hinein, das ist quasi eine Familieneintrittskarte ohne bestimmtes Datum.“, erklärte die ältere Dame.

„Vielen Dank, Lucy. Wir werden das sicher bald machen. Vielleicht gleich in den nächsten Ferien.“, versicherte Severus dankbar.

Die Elfen servierten nun das Essen, Lachsfilet in Orangensauce und dazu Gemüsebandnudeln, außerdem einen bunten Salat. Harry krabbelte zum Essen wieder auf Severus' Schoß, aß einfach vom Teller des Tränkemeisters mit. Albus beobachtete das schmunzelnd, Sirius ungläubig und Lucy kannte es kaum anders. Irgendwann, als Severus eine zweite Portion auf dem Teller hatte und die Beiden munter genossen, was die Elfen serviert hatten, drehte sich Harry halb zu Severus um. „Daddy, Baby auch essen?“, wollte er wissen.

Sirius verschluckte sich an seinem Lachs und hustete hektisch, während alle anderen eher neugierig auf Severus sahen, wie er das nun wieder beantworten würde. „Das Baby bekommt Stoffe von den Sachen, die ich esse, richtig Harry.“, erklärte er ernst. „Aber nicht so, wie wir essen, das kann unser Baby noch nicht. Es ist ja noch ganz klein. Aber die wichtigen Stoffe, und leider auch die gefährlichen, schwimmen in meinem Blut und damit wird das Baby versorgt. Deshalb darf ich auch manche Dinge nicht mehr essen und muss bei den Zaubertränken aufpassen.“

„Du … du bist … schwanger?“, stotterte Sirius.

„Ja.“, bestätigte der Tränkemeister schlicht. „Und ich würde es bevorzugen, wenn es sich nicht noch weiter herum spricht.“

„Das … nein, natürlich nicht. Es ist unglaublich. Herzlichen Glückwunsch!“, stammelte Sirius immer noch geschockt.

„Danke.“, schmunzelte Severus. „Hätte nicht gedacht, dass man dich so leicht aus der Fassung bringen kann, Sirius.“ Wieder hustete der Black-Erbe, aber diesmal lachten Remus, Albus und Lucy herzlich darüber, wie leicht der Tränkemeister den Animagus aus der Fassung bringen konnte. So wurde der Abend doch noch sehr amüsant und erst als Harry in den Armen seines Vaters einschlief, verabschiedeten sich die Gäste.

Remus beschloss, Harry nun eine Pause zu gönnen und am nächsten Tag nach São Jorge zu reisen, damit der Kleine mal wieder nach draußen kam, aber sie entschieden, dass sie Sirius einladen wollten, ab und zu einen Tag mit seinem Patenkind zu verbringen. Am Ende reichte Sirius Severus die Hand. „Danke, Severus, dass du dich um Remus und Harry kümmerst. So glücklich will ich die Beiden immer sehen. Ich hoffe, auch wir kommen irgendwann klar, auch wenn ich weiß, dass du mir nicht gleich verzeihen kannst. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann melde dich gerne. Und vielen Dank, dass ich bleiben durfte. Ich wünsche dir alles Gute, auch wenn ich heute ohne Geschenk kam.“, verabschiedete er sich.

„Deine Entschuldigung kam unerwartet und überraschend, aber deine Gesellschaft war wider Erwarten nicht ganz unangenehm.“, gab Severus zurück und schüttelte die angebotene Hand. „Gute Nacht.“

Zwei Tage später war es wieder deutlich ruhiger in Hogwarts. Harry und Remus waren am Tag nach dem Geburtstag zurück zu Lucy gegangen, erstens damit Harry wieder leichter atmen konnte, obwohl es diesmal weit weniger schlimm gewesen war, und zweitens, damit er nach draußen konnte und ein wenig Ruhe bekam. Auch wenn er den Trubel am Geburtstag relativ gut überstanden und die Nacht fast komplett in seinem Bett geschlafen hatte. Vorher war Remus noch kurz nach Spinners End gegangen, um den Zauberstab seines Freundes zu holen, den er dort aufbewahrt hatte, und ihn dem Animagus gegeben. Sirius durfte nach einem weiteren Tag im Krankenflügel nach London in sein Haus gehen. Dort wollte er für Ordnung sorgen, alles so herrichten, dass er irgendwann mal auch die Möglichkeit hatte, Harry wenigstens für ein paar Stunden oder auch über Nacht zu sich einzuladen. So wie das Haus seiner Eltern war, würde der Kleine sich bestimmt nicht wohlfühlen, und das wollte Sirius ändern. Damit war er zunächst beschäftigt, denn als Auror würde er wohl nicht wieder arbeiten. Mit Verbrechern hatte er genug für seinen Geschmack zu tun gehabt, er wollte lieber etwas Neues machen, wenn er auch noch keine Ahnung hatte, was genau. Aber Gold hatte er genug, daher musste er sich erstmal keine Sorgen machen.

Severus unterrichtete weiterhin ganz normal, nur den Zauber gegen die Dämpfe nutzte er in jeder Stunde, sicherer war es nun einmal. Auch wenn grundsätzlich keine gefährlichen Tränke gebraut wurden, manche Schüler konnten die ungefährlichsten Mischungen in etwas Giftiges verwandeln. Noch brauchte er keine Illusion, denn auch wenn er selbst das Gefühl hatte, einen Bauchansatz bei sich zu spüren, so war in seiner Robe nichts zu sehen. Die Verbrennungen bildeten sich immer weiter zurück und waren fast verheilt, Schmerzen hatte er keine mehr. Zumindest behauptete er das und auch wenn die Heilerin ihre Zweifel hatte, so kam sie nicht umhin zuzugeben, dass er sich wie immer verhielt. Zu sehen waren nur noch leise Rötungen, die er morgens und abends mit Heilsalbe eincremte.

Albus hingegen intensivierte seine Anstrengungen, eine Möglichkeit zu finden, an Basiliskengift zu kommen und den Horkrux im Verlies der Lestranges an sich zu bringen. Außerdem diskutierte er mit Severus über die Schlange, wo sie nach ihr suchen könnten, doch niemand hatte eine Idee. Zu Sirius wollte Severus nicht gehen, um nach dem Medaillon zu fragen und auch Albus war noch nicht dort gewesen, hatte allerdings darum gebeten, dass er die schwarz-magischen Objekte nicht einfach entsorgte. Er wollte Sirius nicht sagen, um was es ging, obwohl er sicher war, dass dieser nicht auf der Seite Voldemorts war. Dennoch wollte Albus nicht mehr Menschen einweihen als unbedingt nötig, um jedwedes Risiko zu vermeiden. Undenkbar, wenn einer der Todesser durch Zufall etwas mitbekam. Und Sirius war immerhin mit Narzissa Malfoy verwandt, als Kinder hatten sie ein sehr enges Verhältnis gehabt. Sie wussten nicht, wie sehr Lucius Malfoy ein Todesser war, zumindest hatte er sich freikaufen können, was aber nicht hieß, dass er auf ihrer Seite war. Im Gegenteil, er erschien ihnen sehr gefährlich, da er so unberechenbar war.

Etwas über eine Woche später klopfte es abends bei Severus und Minerva stand vor seiner Tür. Wortlos ließ er sie ein und bot ihr eine Tasse Tee an. Dankend nahm sie an und sie setzten sich auf das Sofa.

„Ich habe mit Charlie Weasley gesprochen.“, begann die Verwandlungslehrerin. „Keine Sorge, ich habe dafür gesorgt, dass er nicht darüber reden kann, was passiert ist, auch wenn ich das normalerweise ungern mache. Aber in diesem Fall … Jedenfalls, er hat zugegeben, dass er dir einen Fruchtbarkeitstrank in dein Glas gekippt hat. Sein Bruder hat den organisiert, auch mit ihm habe ich mich unterhalten, sie werden nicht darüber sprechen können. Bill hat den Trank im Sommer in der Winkelgasse gefunden und mitgenommen. Charlie ist auf der Suche nach etwas gewesen, dass sie gegen dich nutzen können und sie haben entdeckt, dass du viel Zeit im Krankenflügel verbringst. Da entstand das Gerücht, du hättest ein Verhältnis mit Poppy. Bill hat wohl letztes Jahr zufällig gehört, dass sie zu Albus sagte, sie hätte gerne Kinder gehabt und das hätte nie geklappt. Also haben sie entschieden, dir den Trank zu geben, vielleicht würde es helfen. Vor allem glaubten sie, dass sich dann deine schlechte Laune bessern würde, wenn euer Traum – zumindest das, was sie dafür hielten – in Erfüllung geht. Nun, es hat gewirkt, allerdings anders als sie es planten. Ich habe ihnen den Rest des Jahres Hogsmeade-Verbot gegeben und sie werden dich unterstützen müssen, ich habe ihnen Strafarbeit gegeben, wöchentlich bis zu den Sommerferien. Du kannst sie im Labor arbeiten lassen oder dir etwas ausdenken, ich stelle es dir frei. Außerdem sind sie für Quidditch auf Bewährung.“

Erregt ging Severus auf und ab, nicht genau wissend, was ihn gerade bewegte. Einerseits war er zornig, wütend darüber, dass die Entscheidung aus seiner Hand genommen wurde. Andererseits freuten sich vor allem Harry und Remus auf dieses Baby, das sie anderweitig nie bekommen würden. Er selbst war noch ein wenig gespalten in seinen Gefühlen, auch wenn die Freude langsam aber sicher überwog. Und doch war er wütend, dass ihm das aufgezwungen wurde. Auch auf sich selbst war er wütend, denn diesen Fehler hätte er genauso gut mit dem Leben bezahlen können. Jemand hatte es geschafft, ihm etwas in sein Getränk zu mischen, obwohl er wusste, dass eine Menge Todesser, die unerkannt waren, ihn als Spion tot sehen wollten. Er war nicht unbedingt aufgeflogen, aber da Albus vor dem Gamot für ihn ausgesagt hatte, war für die Meisten klar, dass er den dunklen Lord wohl betrogen hatte. Und jetzt hatte er noch Harry Potter aufgenommen, der den Lord vernichtet hatte, was ihn auf der Todesliste nun sicherlich ganz nach oben befördert hatte. Da durfte er sich solche Fehler nicht erlauben. Und doch war er wider Willen auch ein wenig beeindruckt, denn das Wissen, dass dieser Trank auch dann helfen konnte, wenn der Mann ihn trank, hatten nicht viele Zauberer. Dass Bill es wusste, zeigte, wie gut er sich mit Zaubertränken auskannte. Dennoch hätte es gerade den Weasleys klar sein müssen, dass man niemandem einfach so einen Trank unterjubeln durfte, immerhin war es nicht klar, wie derjenige darauf reagierte, ob es Wechselwirkungen mit anderen Tränken gab. Mal ganz davon abgesehen, dass es eine Sache der Freiwilligkeit sein sollte.

„Severus!“, holte ihn Minervas Stimme irgendwann aus seinen Gedanken. „Ich wollte wissen, ob es irgendwas gibt, was ich für dich tun kann.“

„Im Moment nicht. Aber danke, dass du herausgefunden hast, was genau passiert ist. Haben die Weasleys noch Reste des Trankes? Ich würde gerne die Zusammensetzung analysieren. Davon hängt es ab, wie die Geburt verläuft.“, antwortete Severus.

„Ich habe die Reste konfisziert, da ich mir schon dachte, dass du danach fragen wirst.“, gestand Minerva mit einem leisen Schmunzeln und reichte ihm eine kleine Phiole. „Wie wirkt sich das aus?“

„Es gibt hier tatsächlich die Möglichkeit, dass eine Frau, die mit mir Verkehr hat, schwanger wird, wenn ich einen bestimmten Fruchtbarkeitstrank zu mir nehme. Wenn der Trank für Frauen gedacht ist, verhilft er zwar in hoher Dosierung auch Männern dabei, schwanger zu werden, aber nur die richtige Zusammensetzung sorgt dafür, dass sich der Körper auch so weit umwandelt, um eine normale Geburt möglich zu machen. Ein männlicher Körper hat nun einmal keine Öffnung, aus der ein Kind kommen könnte.“, kommentierte Severus trocken, was seine Kollegin dazu brachte, ihre Hand vor den Mund zu schlagen, um nicht lauthals zu lachen.

Entspannt saßen sie noch eine Weile zusammen und tranken Tee, plauderten über die Ereignisse seit dem Sommer. Severus gestand, dass er sich selbst nicht wiedererkannte, seit Harry in sein Leben getreten war. Er war dankbar, dass nie jemand eine Frage nach den ersten Monaten nach Lilys Tod stellte, auch wenn zumindest die Kollegen alle wussten, aus welchem Tief Remus ihn geholt hatte. Aber danach war er zumindest nach außen hin der gleiche Mensch gewesen wie vorher schon. In seinem Inneren hatte sich etwas verändert, auch wenn das bisher nur Remus wirklich erlebt hatte. Durch Harry hatte er sich auch nach außen hin verändert und manchmal ängstigte es Severus, wie viel dieses Kind in ihm auslöste. Und das, obwohl er dessen Vater, dem der Kleine so ähnlich sah, noch immer nicht ausstehen konnte.

„Freust du dich auf das Baby?“, wagte Minerva schließlich, die Frage zu stellen, die ihr schon lange auf der Zunge lag.

„Ja.“, antwortete Severus schlicht, aber ehrlich. „Zuerst war ich mir nicht sicher, aber inzwischen bin ich froh, dass ich diese Entscheidung für das Kind getroffen habe.“

„Und ich bin froh, dass du Remus und Harry in dein Leben gelassen hast und nun glücklich sein darfst.“, lächelte Minerva, sodass sich kleine Lachfältchen um ihre Augen bildeten, die warm schimmerten. „Als du noch Schüler hier warst, habe ich mir Sorgen gemacht, weil du immer so einsam warst und eine Mauer um dich gezogen hast. Jetzt scheinst du mir angekommen zu sein.“

„Ich weiß es nicht, Minerva. Aber ich bin zufrieden mit meinem Leben.“, entgegnete Severus entspannt.

Bald darauf verabschiedete sich die Gryffindor-Hauslehrerin und ließ das Oberhaupt der Schlangen alleine. Severus war noch immer schnell müde, die Tränke schlugen nicht so gut an, wie Poppy sich erhoffte. Also hatte er sich angewöhnt, früher ins Bett zu gehen und nicht mehr die halbe Nacht am Schreibtisch zu verbringen. Es tat ihm gut und er hatte zumindest keine Schwindelanfälle mehr und auch das flaue Gefühl im Magen war weg. Eine leichte Übelkeit befiel ihn ab und zu am Morgen, aber es war nie schlimm.

Am Morgen kam sein Rabe mit Post von Harry und Remus zu ihm und er las den Brief beim Frühstücken. Gerade Harrys Bilder sammelte er und bisher hingen alle an seinen Wänden. Die meisten davon im Schlafzimmer, sodass er nachts etwas hatte, das er ansehen konnte, wenn er wach wurde und einsam war. Etwas, das er auch erst jetzt wirklich fühlte. Auch wenn er früher die Nächte genossen hatte, die Remus bei ihm geblieben war, so hatte er sich nie einsam gefühlt, wenn der Werwolf nicht da war. Jetzt schon, wobei er nicht sicher war, lag es daran, dass Remus nicht da war oder war es eher wegen Harry?

„Severus?“, beugte sich nun Albus zu ihm. Der Tränkemeister sah auf. „Sirius hat mich gebeten, einen Blick auf seine schwarz-magischen Objekte und die verschiedenen Zaubertrankzutaten zu werfen. Das ist auch dein Fachgebiet. Würdest du mich begleiten, wenn ich heute Nachmittag zu ihm gehe?“

„Ich muss bis zur letzten Stunde unterrichten, aber danach könnte ich eine oder zwei Stunden erübrigen.“, antwortete Severus leise.

„Gut, gut. Kommst du dann zu mir? Wir reisen über den Kamin, apparieren solltest du ja nach Möglichkeit vermeiden, oder?“, gluckste der Schulleiter.

„Ich werde da sein.“, seufzte Severus. Er ahnte bereits jetzt, dass es ein Fehler gewesen war, den Direktor über seine Schwangerschaft zu informieren.

Direkt nach seiner letzten Stunde stieg der Tränkemeister also die Stufen in Dumbledores Büro hinauf und keuchte am Ende leise, als er sich von der beweglichen Treppe hinter dem Wasserspeier nach oben tragen ließ. Der Weißhaarige erwartete ihn bereits und sie reisten sofort weiter in den Grimmauldplatz. Severus erkannte ihn kaum wieder, war er bis vor kurzem dunkel, modrig und irgendwie unbewohnbar gewesen, wirkte er nun hell und freundlich. Sirius hatte offensichtlich nicht nur ausgemistet, sondern auch renoviert, neue Farben genutzt, nicht mehr so viel schwarz und dunkelgrün, sondern eher beige, creme und weiß, durchbrochen von roten, gelben, blauen und hellgrünen Abschnitten. Es erschien ihm sogar, als wären mehr Fenster vorhanden, oder vielleicht hatte er sie auch nur geputzt. Widerwillig musste er gestehen, dass er beeindruckt war von der Veränderung.

„Hallo Severus.“, begrüßte der Animagus den Tränkemeister, der nach Albus gekommen war. „Willkommen in meinem Haus. Ich habe Tee gekocht und Gebäck ist auch da, wenn du Lust hast. Soweit ich weiß, kommst du direkt aus dem Unterricht, vielleicht magst du dich erstmal stärken.“

Den Tee nahm Severus dankbar an und er aß sogar ein Stück Kuchen, obwohl er sich sonst nicht so für Süßes begeisterte. Doch seit er schwanger war, mochte er auf einmal Dinge, die er sonst liegen gelassen hätte. Vielleicht war es auch ein unbewusstes Annähern an den Anderen, weil er Remus und Harry glücklich sehen wollte und wusste, wie viel der Mann ihnen bedeutete. Erst, als Severus und auch Albus, der ebenfalls nicht nein gesagt hatte, fertig waren, brachte Sirius sie in den Keller, wo er einen der Räume als Lager für solche Dinge nutzte, die er entsorgen wollte. Unwillkürlich drückte Severus die Daumen, dass das Medaillon tatsächlich hier dabei war, ansonsten wüssten sie nicht, wo sie mit dem Suchen anfangen sollten.

„Wo sind deine Hauselfen?“, wollte Albus schließlich wissen.

„Es gab nur noch einen, als ich hierher kam. Kreacher. Er hat früher meinem Bruder gehört und wollte mir noch nie gehorchen.“, schüttelte sich Sirius. „Aber er war vollkommen durchgeknallt, ich habe ihn ins St. Mungos gebracht und sie haben ihm einen Trank gegeben, mit dem er sanft einschlafen konnte. Sein einziger Wunsch war es, zu sterben, aber ich konnte ihn nicht einfach köpfen, wie es früher den Hauselfen meiner Familie blühte, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. Die Heiler hätten nichts mehr für ihn tun können, also haben sie ihn erlöst. Jetzt habe ich keine Elfen mehr. Aber da ich keine Arbeit habe, nutze ich die Zeit und bringe das Haus auf Vordermann.“

Severus empfand wachsenden Respekt vor diesem neuen Sirius. Er hatte mit dem Gryffindor von früher nichts gemeinsam, außer vielleicht sein Aussehen. Doch er riss seine Aufmerksamkeit nun wieder von dem Schwarzhaarigen weg und konzentrierte sich auf die Dinge, die er gesammelt hatte. Kurz verschaffte er sich einen Überblick. „Ich hoffe, du hast nichts davon angefasst.“, kommentierte er die Sammlung mit einer erhobenen Augenbraue.

„Nein, ich habe Drachenlederhandschuhe benutzt.“, antwortete Sirius. „Dort drüben im anderen Regal sind alle Trankzutaten von denen ich mir sicher bin, dass ich sie zum Teil nicht haben darf.“

„Gehen wir es in Ruhe durch, damit wir nichts übersehen.“, entschied Albus.

Ruhig und konzentriert sahen sie die Sachen durch. Fast alle Objekte waren mehr oder weniger gefährlich und sollten nach Möglichkeit nicht in Umlauf kommen, daher entschied Sirius, sie magisch zu verbrennen. Severus wollte sich eben den Trankzutaten zuwenden, da ließ ihn ein erschrockenes Zischen herumfahren.

„Das ist es!“, keuchte Albus, als wäre er meilenweit gerannt. „Das Medaillon von Slytherin!“ Vorsichtig prüften sie es gemeinsam mit einem Zauber. Es war tatsächlich das gesuchte Medaillon. Die Banne darauf waren bereits entfernt, also schien Regulus wirklich derjenige gewesen zu sein, der das Medaillon gestohlen hatte und offenbar wusste er auch, wie er damit umzugehen hatte. Zumindest lagen keine Banne mehr darauf, aber da Regulus wohl tot war, würden sie keine Antworten mehr darauf bekommen, ob es geschützt gewesen war oder nicht.

„Was ist damit?“, erkundigte sich Sirius.

„Das hier beweist, dass dein Bruder versucht hat, den dunklen Lord aufzuhalten.“, erklärte Severus. „Er hat versucht, das hier zu vernichten, war aber nicht sehr erfolgreich, da er entweder nicht wusste, wie ein Horkrux zerstört wird oder aber auch nicht mehr die Möglichkeit dazu hatte. Jedenfalls hat er diesen Horkrux vom Lord gestohlen und hierher gebracht. Er hat einen falschen mit einer Nachricht für den Lord hinterlassen und mit R.A.B. unterschrieben. Wir hatten gehofft, ihn hier zu finden, damit wir alle bekommen und vernichten können.“

„Horkruxe? Kann Voldemort deswegen nicht endgültig sterben?“, wollte Sirius mit schreckgeweiteten Augen wissen. Offensichtlich wusste er, was der Begriff bedeutete.

Albus nickte nur. „Und wenn wir kein Basiliskengift auftreiben können, weiß ich auch nicht, wie wir die vernichten sollen, die wir an uns bringen konnten, oder die wir in Zukunft noch finden.“

„Mehrzahl? Wie viele?“, hauchte Sirius, der inzwischen weiß wie die Wand war.

„Soweit wir wissen geht es um ein Tagebuch, ein Diadem, einen Ring, ein Medaillon – diese Dinge haben wir bereits – und einen Becher, der im Verlies deiner Cousine liegt. Außerdem noch die Schlange des Lords, Nagini, von der wir keine Ahnung haben, wo sie ist.“, fasste Albus zusammen.

„Also fehlen noch zwei, an die keiner herankommt?“, hakte Sirius nach.

„Bis jetzt noch nicht, aber wir arbeiten daran, auch wenn ich versuchen werde, Severus nicht in Gefahr zu bringen.“, gestand Albus.

Der Tränkemeister hatte inzwischen die Zutaten in Augenschein genommen und begann zu sortieren. „Alles, was auf dieser Seite steht“, er deutete nach rechts, „kannst du entsorgen, das würde ich nicht mehr nutzen. Zu alt, falsch gelagert oder sonst wie unbrauchbar. Die anderen Dinge kannst du nutzen, wenn du selbst Tränke braust, oder der Apotheke zum Kauf anbieten. Einige Dinge sind sehr selten, damit verdienst du nicht schlecht.“

„Nimm dir, was du brauchst.“, winkte Sirius ab. „Ich kann damit nichts anfangen, ich bin eine Niete in Tränken, und der Apotheker würde mich eh nur übers Ohr hauen. Nein, bei dir ist das Zeug bestens aufgehoben.“

„Moment mal, das ist Lobulaggift.“, entfuhr es Severus, als er ein Fläschchen ins Licht hielt und die Beschriftung entzifferte.

„Dann nimm es.“, forderte Sirius noch einmal auf. „Wenn du es brauchen kannst! Ich bin eine Tränkekatastrophe, bei mir liegt es nur herum. Und nehmt das Medaillon, wenn ihr damit Harry eine sicherere Welt bieten könnt. Mir tut das nicht weh.“

„Danke!“, freute sich Albus. „Das bringt uns einen großen Schritt weiter, Sirius.“

„Wie gesagt, ich kann nichts damit anfangen.“, zuckte der Grauäugige die Schultern. „Und es macht die Welt für Harry sicherer, also los. Ich kann es kaum glauben, dass mein Bruder wohl doch kein so überzeugter Todesser war. Es ist sicher in seinem Sinn, wenn ich es euch gebe, damit es zerstört wird. Nimm es.“

„Nochmal danke.“, kam es von Albus, und auch Severus bedankte sich. „Den Rest würde ich an deiner Stelle ins Ministerium bringen, die können es sicher entsorgen und verbrennen.“, riet Albus dem Black-Erben noch.

„Das werde ich gleich morgen machen.“, entschied Sirius. „Vielen Dank für eure Hilfe. Möchtet ihr mit mir auf Abend essen?“

„Ich muss zurück nach Hogwarts, damit kein Chaos ausbricht.“, lehnte der Schulleiter ab.

„Ich … ich bleibe.“, gab Severus schließlich nach und folgte dem Animagus zurück in die Küche, während Albus gleich aus dem Keller disapparierte.

Das Abendessen war ein vorsichtiges Annähern der Beiden. Der Waffenstillstand war unsicher, keiner wollte ihn gefährden, für Harry. Vielleicht auch ein wenig für Remus. Daher kam keine richtige Unterhaltung in Gang, sie waren zu verkrampft für ein normales Gespräch, tauschten die meiste Zeit nur höfliche Floskeln aus. Severus war innerlich froh, als das Essen vorbei war und er sich verabschieden konnte. Er bereute es ein wenig, zugesagt zu haben, aber die Aussicht, alleine in seiner Wohnung zu essen, hatte ihm auch nicht gerade Freude bereitet, da versuchte er wenigstens, seinem Mann und seinem Sohn eine Freude zu machen.

„Severus?“, fragte Sirius schließlich. „Darf ich offen sein?“

„Nur zu. Früher hat dich nichts davon abgehalten.“, blaffte der Tränkemeister. Er war müde und ihm war kalt, er wollte nur noch ins Bett.

„James war eifersüchtig auf dich, deshalb warst du sein bevorzugtes Ziel.“, begann der Animagus ruhig. „Er wollte was von Lily und die hatte nur Augen für ihn, wenn sie dich verteidigt hat. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, gegen meine Familie zu rebellieren, die alle der Meinung waren, ich gehörte nach Slytherin. Du warst das, was ich hätte sein sollen, laut meiner Familie. Es ging eigentlich nie gegen dich persönlich, sondern gegen das, was du mir gezeigt hast. Das war falsch, das ist mir klar und dafür kann ich mich nur immer wieder entschuldigen. Jetzt, wo ich weiß, dass du wirklich auf unserer Seite warst, bewundere ich dich, wie du das geschafft hast. Und ich bin dir wirklich dankbar, dass du dich um Remus und Harry kümmerst. Ich merke, dass du dich bei mir nicht besonders wohl fühlst und schätze, du weißt nicht genau, was du nun mit mir machen sollst. Lass dir einfach Zeit und sag mir dann, ob wir noch die Chance auf einen Neuanfang haben. Poppy hat mir einen Neuanfang ermöglicht, als ich aus Askaban kam. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und neu anzufangen. Ich würde mich freuen, wenn auch wir beide einen neuen Anfang schaffen würden.“

Severus war unsicher, wusste nicht genau, wie er nun reagieren sollte. Er wusste, Remus lag viel an seinem früheren Freund, aber er sollte sich nicht entscheiden müssen. Also musste er sehen, dass er mit Sirius zumindest irgendwie klar kam. Und der hatte sich wirklich verändert, war ruhiger, erwachsener als er ihn in Erinnerung hatte, sodass ein Neuanfang tatsächlich möglich schien. Aber wenn er es nur so einigermaßen schaffte, würde das Remus auf Dauer auch nicht gut tun, da kannte er Remus inzwischen. Der war kein typischer Werwolf, sondern eher süchtig nach Harmonie, auch wenn er dominant war. Und Harry sollte seinen Paten zurückbekommen, immerhin hatte er für seine Verhältnisse positiv auf Sirius reagiert.

„Ich weiß nicht, ob ich vergessen kann, was früher war.“, antwortete Severus schließlich. „Ihr habt mich verletzt und … Aber das ist vorbei und ich will versuchen, ob wir eine Möglichkeit finden, uns zu verstehen. Für Remus, für Harry.“ Zwischendurch hatte er mehrmals tief durchgeatmet, als könne er seine eigene Entscheidung nicht ganz fassen. Dennoch war es ehrlich gemeint.

„Danke. Das bedeutet mir viel.“, lächelte Sirius. Zum ersten Mal wirkte er richtig entspannt, seit Severus ihn vor einigen Tagen zum ersten Mal gesehen hatte. „Wie geht es dir? Ich habe mitbekommen, dass du wegen deiner Schwangerschaft Probleme mit Schwindel hattest, und was ist mit den Verbrennungen?“

„Die Tränke schlagen an, ich kann inzwischen wieder normal unterrichten. Die Verbrennungen sind verheilt, ich kann auch meinen Arm wieder uneingeschränkt benutzen.“, berichtete Severus.

„Die Schwangerschaft war nicht geplant, oder?“

„Nein. Ich wusste nicht, dass ich einen Fruchtbarkeitstrank eingenommen hatte.“

„Freust du dich?“, wollte Sirius wissen.

„Ich bereue es nicht.“, wich Severus aus. „Harry und Remus freuen sich darauf.“

„Dann wünsche ich dir alles Gute. Du siehst müde aus, leg dich ins Bett.“, empfahl der Animagus. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Severus mit seiner Antwort ausgewichen war, sprach ihn aber nicht darauf an, um den neuen Frieden nicht zu gefährden. Es war ihm wirklich ernst.

„Danke für das Essen.“, kam es von Severus. „Ich denke, ich werde deinem Rat folgen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, und sag schöne Grüße an Remus und Harry.“

„Mache ich. Wenn du ihnen schreiben willst, bekommst du die Adresse von mir, aber bitte tauche dort nicht einfach auf, Harry ist noch nicht gefestigt genug für derartige Überraschungen.“, bat der Tränkemeister. „Ich weiß, du liebst ihn und willst für ihn da sein, aber gib ihm ein bisschen Zeit, er hat schlimme Erlebnisse hinter sich und braucht nun länger, um Vertrauen zu fassen. Es geht nicht darum, dich von ihm fernzuhalten, sondern ihm zu helfen, sich an dich zu gewöhnen.“

„Versprochen. Danke.“, freute sich Sirius. „Ich werde es langsam angehen. Ich bin froh, wenn ich Teil seines Lebens sein kann. Ihr tut ihm gut, das sieht ein Blinder, und ich habe verstanden, dass er keinen Prozess mehr mitmachen sollte. Ich werde den Gamot nicht mit dem Fall beschäftigen, allerdings werde ich dennoch irgendwann Ärger machen, denn es soll anderen Kindern nicht wie Harry gehen. Ihr habt wirklich großartige Arbeit mit ihm geleistet. Danke, Severus. Gute Nacht.“

 

Zurück in Hogwarts fiel Severus völlig geschafft ins Bett, hatte nicht mehr die Energie, sich um die Korrekturen zu bemühen. Die Schüler mussten noch einen oder zwei Tage warten, er schaffte es einfach nicht. Auch wenn der Schwindel weg war, gegen die Müdigkeit kam er partout nicht an. Poppy würde er morgen sowieso aufsuchen müssen, sie wollte ihn regelmäßig zur Kontrolle sehen, da musste er wohl ehrlich sein. Allerdings konnte Severus nicht schlafen, ihm war kalt. Nach einer halben Stunde stand er seufzend noch einmal auf und holte sich die Decke von Minerva aus dem Wohnzimmer, legte sie unter seine Zudecke und kuschelte sich wieder ins Bett. Nur langsam wurde ihm warm und schließlich schlief er ein und konnte dann auch ruhig bis zum Morgen schlafen.

Poppys Untersuchung war relativ kurz und sie war zufrieden mit ihrem Patienten. Die Müdigkeit erklärte sie ihm damit, dass sein Körper sich umstellen musste. Wahrscheinlich würde es in ein paar Tagen oder spätestens ein bis zwei Wochen besser werden, versprach sie ihm. Beruhigt ging Severus in sein Büro, um sich endlich den Aufsätzen zu widmen, außerdem musste er noch die Trankzutaten von Sirius in seinem Labor ordentlich einräumen. Wobei, das wäre eine schöne Arbeit für Charlie Weasley, der als Strafe nun bei ihm arbeiten musste, bis zum Sommer jeden Donnerstagabend. Zutaten sortieren und ordentlich einräumen war eine Arbeit für heute, sein Bruder würde am Dienstag Aalaugen ernten, entschied der Tränkemeister, und ignorierte daher die Fläschchen, Kisten und Beutel, die auf dem Tisch standen. Die Aufsätze hingegen stapelten sich auch schon auf dem Schreibtisch, darüber setzte er sich nun. Erst als er mit einem Blick auf die Uhr feststellte, dass es schon Zeit zum Abendessen war, eilte er nach oben in die große Halle. Poppy hatte ihm klar gemacht, dass sie sehen wollte, dass er ordentlich aß, also sollte er wohl dahin gehen.

Vor der ersten Strafarbeit hatte er die Weasleys für diesen Abend gemeinsam bestellt. Kaum, dass sie in seinem Büro vor ihm standen, drehte er sich abrupt zu ihnen um, sodass sich sein Umhang bauschte. Zufrieden registrierte er das erschrockene Zusammenzucken der beiden Rothaarigen. „Meine Herren.“, begann er leise und betont ruhig. „Wie ich herausfinden musste, haben sie mir einen Trank untergeschoben. Ist ihnen jemals in den Sinn gekommen, was dabei alles passieren könnte? Haben sie daran gedacht, dass ich allergisch gegen eine Komponente sein könnte, oder möglicherweise andere Tränke zu mir genommen habe, die dadurch plötzlich anders wirken? Sie haben bewusst riskiert, mich zu vergiften, denn nichts anderes ist es, wenn man Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten nicht beachtet. Offenbar haben sie in meinem Unterricht nicht aufgepasst, denn ansonsten wären ihnen diese Tatsachen bewusst gewesen. So sehe ich mich gezwungen, ihnen diese Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie werden, zusätzlich zu den Arbeiten, die sie ableisten, jeder einen Aufsatz schreiben und mit eigenen Worten über ihre Unfähigkeit berichten, sowie über die möglichen Folgen. Und ich möchte zwei völlig verschiedene Aufsätze sehen, also fangen sie gar nicht erst damit an, gemeinsam arbeiten zu wollen. Diese Aufsätze sind jeweils mindestens 5.000 Wörter lang und zu schreiben, während ihre Kameraden in Hogsmeade sind. Ich erwarte sie nach dem nächsten Hogsmeade-Wochenende auf meinem Schreibtisch. Sie wissen, wann sie hier zu erscheinen haben, und erwarten sie nicht, dass sie leicht davonkommen werden, immerhin kann man das als Anschlag auf mein Leben werten. Außerdem erwarte ich ordentliche Leistungen im Unterricht, ich werde sie nicht schonen. Ehe ich es vergesse: Fünfzig Punkte Abzug von jedem von ihnen. Und jetzt verschwinden sie.“

Die beiden Rotschöpfe flüchteten regelrecht aus seinem Büro und Severus lehnte sich zurück. Er fühlte sich erschöpft und entschied, einen kleinen Spaziergang an der Luft zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen, bevor er sich erneut um die Aufsätze kümmerte.

 

So vergingen die nächsten Tage, und er kämpfte sich durch seine Aufgaben. Am Wochenende musste er in Hogwarts bleiben, da gleich mehrere Professoren auf einer Fortbildung waren und er daher das zweite Wochenende in Folge Aufsicht hatte. Früher hatte ihn das nicht gestört, aber nun wünschte er sich, zu Remus und Harry gehen zu können. Doch sie würden nicht kommen, denn Harry blühte endlich wieder ein wenig auf, da wollten sie ihn nicht das ganze Wochenende in der kleinen Wohnung einsperren. Auch wenn Remus gesagt hatte, sie würden kommen, er hatte es abgelehnt, denn er wollte den Kleinen nicht einengen. Dafür hatten sie entschieden, am folgenden Wochenende in den Zoo zu gehen und den Gutschein von Severus einzusetzen. Von Albus hatte er nur kurz gehört, dass er das Medaillon wie die anderen ‚Artefakte‘ sicher weggesperrt hatte, aber noch keine Möglichkeit wusste, wie er an den Becher kommen würde. Von der Schlange hatten sie ebenfalls noch keine Ahnung. Und das Tagebuch hatte angedeutet, dass die Schlange ihren Lord finden würde, wenn er wiederkam. So konnten sie im Moment nur hoffen, durch einen Zufall auf sie zu stoßen.

Die beiden Weasleys kamen zu den Strafarbeiten, auch wenn sie murrten. Doch Severus war gnadenlos. Charlie hatte die Zutaten sortieren müssen, Vieles davon war abgelaufen und musste ordnungsgemäß entsorgt werden – eine ziemlich unangenehme Aufgabe. Bill hatte am ersten Abend Aalaugen geerntet, auch sehr unangenehm, vor allem, weil man den Geruch nicht so leicht wieder loswurde. Danach hatte Severus andere Aufgaben für sie: Zutaten mussten eingelegt werden, das Labor geputzt und Kessel geschrubbt, Tränkereste entsorgt (hier passte er genau auf, dass sie nichts auf die Seite brachten) und die Bänke im Klassenzimmer gereinigt werden. Bereits nach einer Woche wurden die beiden Rothaarigen ziemlich kleinlaut und sie entschuldigten sich bei ihrem Professor.

„Professor Snape-Lupin?“, klopfte Bill am Mittwoch nach seiner ersten Strafarbeit an sein Büro. Unwillig ließ Severus ihn ein, vor allem, als er sah, dass der jüngere Bruder hinter ihm stand. Die beiden Rothaarigen traten mit gesenktem Kopf ein. Erst, als die Tür geschlossen war, hob der Ältere ein wenig den Kopf und begann zu sprechen. „Professor, es tut uns sehr leid, dass wir so unbedacht gehandelt haben. Wir hatten keine bösen Absichten. Ich habe letztes Jahr mitbekommen, dass Madame Pomfrey beklagte, sie hätte so gerne Kinder gehabt. Naja, dann sah ich im Sommer den Trank, als wir in der Winkelgasse waren. Und als Charlie mir zeigte, dass sie ständig im Krankenflügel waren, nahmen wir an, dass sie mit der Heilerin zusammen sind. Da dachte ich nur daran, ihnen und Madam Pomfrey zu helfen, ihren Wunsch zu erfüllen. Ich habe nicht nachgedacht, und Charlie hat mir nur geholfen. Es war mein Fehler, ich nehme die Konsequenzen auf mich.“

„Gerade ihnen sollte bewusst sein, was passiert.“, entgegnete Severus kalt. „Sie sind ein guter Schüler im Allgemeinen, daher hätte ich so etwas nie von ihnen erwartet. Ich habe sogar darüber nachgedacht, sie aus meinem Kurs zu werfen. So ein Fehler darf nicht passieren.“

„Ich weiß und ich kann mich nur entschuldigen, Sir.“, erwiderte Bill fest. „Mir ist klar, dass ich Mist gebaut habe und ich versuche, so etwas nie wieder zu tun. Mein Bruder hat nur wenig Schuld, ich habe ihm einen Teil des Trankes gegeben, falls er die Möglichkeit dazu bekommt.“

„Ich hätte auch darüber nachdenken müssen.“, gab Charlie Weasley zu und sah ihm offen in die Augen. „Es tut mir sehr leid, Professor. Ich werde jede Strafe akzeptieren, die sie uns geben, denn wir haben es nicht anders verdient.“

Severus hatte nicht nur auf die Worte der beiden Schüler geachtet, sondern auch dem gelauscht, was sie dachten. Er wusste, das war nicht in Ordnung, aber er wollte sichergehen. Doch es war tatsächlich die Wahrheit, die beide sprachen, was ihn durchaus beeindruckte. Nicht viele Schüler – und auch nicht viele Menschen allgemein – hatten den Mut, zuzugeben, dass sie einen Fehler gemacht hatten und auch die Konsequenzen zu tragen. Allerdings sprach er das nicht aus, sein Blick blieb undurchdringlich. Er wartete, bis er spürte, wie die Nervosität der Jugendlichen immer größere Ausmaße annahm, dann erst ergriff er das Wort. „Die Einsicht kommt spät.“, stellte er fest. „Aber immerhin scheint ihre Einteilung in das Haus Gryffindor gerechtfertigt zu sein. Sie waren leichtsinnig, wie nur Löwen es sein können, stur und rücksichtslos, aber immerhin mutig genug, ihren Fehler einzugestehen. Ich werde das anerkennen. Vorerst werden ihre Eltern nicht informiert, aber seien sie versichert, dass ich durchaus darüber nachdenke, sollten sie ihre Einsicht erneut vergessen und nachlässig arbeiten. Ich erwarte von ihnen in Zukunft, dass sie ihre Taten und deren mögliche Folgen überdenken. Den Punkteabzug werde ich allerdings nicht zurücknehmen. Und nun verschwinden sie, bevor sie noch mehr Punktabzug bekommen, weil sie nach der Sperrstunde auf den Gängen sind.“

Die Schüler verabschiedeten sich leise und verschwanden. Severus war unweigerlich beeindruckt von ihrem Rückgrat, das sie bewiesen hatten. Dennoch würde er ihnen noch viele weitere Abende vermiesen mit seinen Aufgaben. Der Tränkemeister konnte sehen, dass sie wirklich erkannten, welchen Mist sie gebaut hatten. Sie bereuten aufrichtig, doch Strafe musste sein. Noch einmal sollten sie so etwas nicht einmal in Erwägung ziehen. Sollte ihre Mutter davon erfahren, würden die beiden Jugendlichen wahrscheinlich einen Kopf kürzer gemacht, doch Severus wollte nicht, dass noch jemand davon erfuhr. Die Drohung dahingehend wollte er aber doch aufrechterhalten. Bereits an den ersten Abenden hatte er sich davon überzeugt, dass Minervas Blockade sicher war und die Beiden nichts verraten konnten. Weder absichtlich noch versehentlich. In der Zeit, als er Wolfsbann braute, nutzte er die Hilfe der Schüler aus, die ihm die Zutaten vorbereiten mussten. War die Zubereitung nicht exakt genug, ließ er es sie noch einmal machen, außerdem drohte er ihnen an, die vermasselten Zutaten von ihnen zurückzufordern. Schnell lernten sie, genau zu arbeiten. Es war ihnen offenbar lieber, als weitere Putzaktionen, außerdem wussten sie, wie wertvoll einige der Zutaten waren, mit denen sie hantierten.

Endlich kam das ersehnte Wochenende herbei. Seit fast drei Wochen hatte er Harry und Remus nun nicht gesehen, außer dass er Remus vor dem Vollmond den Banntrank gebracht hatte. Inzwischen war das Patent angemeldet und es schien, als würde alles gut gehen. Remus jedenfalls ging es mit dem Trank relativ gut, keine Verletzungen mehr, und selbst die Muskelschmerzen nach der Verwandlung hielten sich in Grenzen. Harry hatte er in der Zeit gar nicht gesehen, der Kleine hatte immer schon geschlafen, wenn er Remus den Trank gebracht hatte. Am Freitag direkt nach dem Unterricht griff er nach seinem Koffer und ging durch den Kamin zu Lucy, wo Harry ihm sofort um den Hals fiel. „Daddy!“, wurde er begrüßt und nahm den Kleinen in den Arm.

„Ich hab dich auch vermisst, mein Großer!“, schmunzelte Severus. „Wie geht's dir, Harry?“

„Harry geht gut.“, verkündete der Fünfjährige. „Lucy auf Harry aufpasst, wenn Daddy Remus nicht da. Harry gaaaanz brav sein.“

„Wirklich?“, fragte Severus mit weit offenen Augen, innerlich über Harry schmunzelnd. Der nickte heftig. „Dann ist es ja gut, dass ich ein Geschenk für dich dabei habe!“, lächelte er und reichte Harry ein kleines Päckchen. Ehrfürchtig nahm Harry es an sich und sah es eine Weile nur an, drehte es in der Hand herum. „Na los, mach es auf!“, forderte der Tränkemeister.

Endlich reagierte Harry, wie ein Kind in dem Alter reagieren sollte, und riss das Einwickelpapier ab. Ein Karton mit Deckel erschien und Harry machte den Deckel auf. Im Inneren lag eine Kette mit zwei Anhängern, einer Fledermaus und einem Wolf. Sie war aus Gold und Severus hatte sie mit einigen Zaubern versehen, die Harry schützen sollten; niemand konnte sie ihm abnehmen, sobald er sie trug. Außerdem wurde sie im Ernstfall zu einem Portschlüssel, der Harry zu ihm bringen würde, sollte dem Kleinen etwas passieren. Doch das musste der Junge nicht wissen, Hauptsache ihm gefiel die Kette. Staunend starrte der Grünäugige noch immer auf das Schmuckstück und traute sich nicht, es herauszunehmen. „Für Harry?“, fragte er ungläubig.

„Ja, für dich. Soll ich sie dir umhängen?“, antwortete Severus.

Harry nickte und drehte sich so, dass Severus den Verschluss im Nacken zumachen konnte. Andächtig strich Harry über die zierlichen Anhänger und schlang dann die Arme um Sevs Nacken. „Danke, Daddy!“, wisperte er.

„Gerne, Harry.“, küsste ihn sein Vater auf den Scheitel. Langsam stand Severus wieder auf, das Knien fiel ihm jetzt schon nicht mehr so leicht. „Remus!“, grüßte er seinen Mann mit leuchtenden Augen.

Der Werwolf hatte die Szene in der Tür stehend beobachtet und strahlte einfach nur pures Glück aus. „Hey, Sev!“, umarmte er seinen Partner nun kurz. „Du siehst besser aus als beim letzten Mal.“

„Mir geht es auch deutlich besser, vor allem jetzt, wenn ich bei euch bin.“, gestand Severus leise. Auch, wenn er es vor seinen Kollegen sicherlich verheimlichen würde, aber Remus und Harry waren die wichtigsten Menschen in seinem Leben, vor ihnen wollte er keine Geheimnisse haben. Wie schnell es mit Harry gegangen war, dass er so wichtig für Severus wurde, wunderte den Tränkemeister noch immer. Er konnte es nicht fassen, aber er bereute keinen einzigen Moment mit seinem Sohn. Ein glückliches Funkeln schlich sich in seine Augen, wie immer, wenn er an Harry dachte. Der Junge war etwas Besonderes.

„Gehen wir noch ein wenig an den Strand, in einer Stunde gibt es Abendessen und morgen geht es nach Barcelona in den Zoo!“, entschied Remus, der das Funkeln gesehen hatte und glücklich darüber lächelte. „Harry redet schon seit Tagen von nichts Anderem mehr, wir mussten immer Tierbücher ansehen!“

 

Der nächste Morgen begann sehr früh. Sie reisten mit dem Portschlüssel, den Lucy beigelegt hatte, nach Barcelona. In der Nähe des Zoos gab es eine Möglichkeit, wo Zauberer ankommen konnten, ohne aufzufallen. Von da aus waren es nur wenige Minuten zu Fuß in den Zoo. Harry gefiel es gar nicht, als er in Remus' Arm war und sie mit dem Portschlüssel reisten, es fühlte sich fürchterlich an und er hatte das Gefühl, ganz tief zu fallen. Alles um ihn herum war schwarz, er konnte nichts sehen, nichts hören, sich nicht bewegen, und dann fiel er. Immer tiefer, immer länger, immer schneller. Plötzlich war es vorbei, er war immer noch auf dem Arm von seinem Daddy. Nein, Portschlüssel mochte er nicht, noch viel weniger als Flohreisen und Apparieren, obwohl er da schon gedacht hatte, einmal und nie wieder. Aber er wusste, sie mussten auch wieder zurück zu Lucy. Schnell klammerte er sich an Remus, um sicherzugehen, dass nichts passieren konnte. Seine Daddys hatten ihn bisher immer beschützt, das würde sicher weitergehen. Jetzt spürte er, dass sie zu Fuß gingen und er konnte schon seltsame Geräusche von den Tieren im Zoo hören, wie Daddy Sev ihm gerade erklärte. Gleich wären sie im Tierpark angekommen.

Kurz nach dem Öffnen waren sie auch schon im Inneren und sahen auf den Plan, welchen Weg sie nehmen wollten. Harry wollte am liebsten alle Tiere besuchen, daher entschieden sie, dem Rundweg zu folgen und dann zu sehen, wo sie noch abbiegen mussten. Sie kamen nur langsam vorwärts, da Harry ständig irgendwo stehenblieb und einfach nur beobachtete. Noch nie hatten Remus und Severus ein so braves Kind gesehen, der Kleine blieb immer an der Hand von mindestens einem der Erwachsenen und probierte nie, schneller irgendwohin zu gelangen. Manchmal trug Remus ihn ein Stück, denn so fit war der Fünfjährige nicht, dass er ihn den ganzen Tag herumrennen lassen konnte. Der Mittagsschlaf entfiel an diesem Tag, sie saßen nur eine Stunde zum Essen in einem der Restaurants. Severus hatte zum Glück einen Geldbeutel aus Gringotts, der immer die richtige Währung ausgab, egal wo er gerade war, daher konnten sie entspannt Essen gehen.

Nach dem Mittagessen ging es ins Reptilienhaus. Sofort änderte sich Harrys Haltung und er wurde noch interessierter als zuvor, es schien, als zögen ihn die Schlangen magisch an. Zum ersten Mal überhaupt wartete er nicht, bis Severus, an dessen Hand er gerade ging, hinterher kam, sondern rannte sofort zu den Terrarien, in denen die Schlangen lagen. Remus las die Schilder, einige Vipern, eine Boa Constrictor, Pythons und viele mehr. Und auch die Schlangen schienen sich zu dem Fünfjährigen hin zu orientieren. Zumindest entstand dieser Eindruck, denn wann immer Harry an ein Terrarium herantrat, wurden die Schlangen im Inneren aktiver.

Plötzlich realisierten Severus und Remus, dass Harry nicht stumm davor stand, nein, er zischelte. „Er spricht Parsel?“, fragte Remus leise.

„Es scheint so. Jedenfalls klingt es fast genau wie das, was der Lord immer machte, um mit Nagini zu kommunizieren, nur sanfter.“, antwortete Severus ebenso leise. Er kniete sich neben Harry. „Verstehst du, was sie dir sagen?“

„Schlange sagt, ist langweilig hier.“, erklärte Harry. „Alle starren immer nur. Harry weiß, ist echt blöd.“

„Ja, das verstehe ich. Kaum jemand mag es, die ganze Zeit angestarrt zu werden.“, stimmte Severus ruhig zu. „Aber schau, die Schlangen haben auch Möglichkeiten, sich zu verstecken. In jedem Terrarium sind Höhlen und kleine Verstecke.“

„Warum Schlangen einsperrt?“, wollte Harry wissen.

„Weißt du, Welpe, manche der Schlangen hier sind giftig, wenn sie einen Menschen beißen, dann kann man daran sterben.“, wusste Remus. „Das macht den Menschen Angst. Und die ungiftigen Schlangen sind auch nicht ungefährlich, sie können, wenn sie groß genug sind, Menschen erwürgen, sodass sie keine Luft mehr bekommen. Und damit das hier nicht passiert, sind die Tiere eingesperrt. Außerdem brauchen es die Schlangen immer gleichmäßig warm und feucht, damit sie gesund bleiben. Und dafür sind die Terrarien da, denn hinter einem Gitter wäre es nachts oft zu kalt. Hinter Glas kann man die Temperatur und die Feuchtigkeit besser regulieren.“

„Warum Schlange nicht einfach sagen, nicht beißen Menschen?“, fragte Harry verwirrt.

„Weil es nur ganz wenige Zauberer gibt, die tatsächlich mit Schlangen sprechen können.“, erklärte Severus geduldig. „Du bist momentan der Einzige, von dem ich weiß. Vor ein paar Jahren gab es noch einen, aber der lebt inzwischen nicht mehr.“

Harry blickte seinen Daddy mit riesigen Augen an. War er doch ein Freak, so wie seine Verwandten es dauernd behaupteten? Plötzlich bekam er Angst, wollten seine Daddys ihn noch haben, wenn er ein Freak war? Und wenn nicht, musste er dann doch zurück zu Tante und Onkel? Ohne es zu merken, begann er leise zu wimmern und dicke Tränen liefen über seine Wangen. Panisch wich er immer weiter zurück, nur nicht anfassen lassen, sonst brachten sie ihn bestimmt zu Tante und Onkel. Er hätte nicht mit den Schlangen reden dürfen, als er sie verstanden hatte. Nein, er hätte einfach so tun müssen, als wären sie langweilig, so wie manche der anderen Kinder, die hier nur kurz herein sahen und gleich wieder gingen, als sich nichts bewegte. Harry wollte weg, ganz schnell und ganz weit, damit Severus und Remus ihn nicht erwischten und zurück zu den Dursleys bringen konnten. Jetzt, wo er bewiesen hatte, dass er ein Freak war, musste er schnell sein, denn keiner mochte Freaks, das wusste Harry. Hektisch sah er sich nach einem Fluchtweg um. Hinter ihm war eine Tür!

Mit einem Mal, so schnell konnten weder Severus noch Remus reagieren, rannte Harry auf eine Tür im hinteren Bereich des Schlangenhauses zu und verschwand dadurch. „Was …?“, fragte sich Remus, doch sein Partner unterbrach ihn: „Er hat immer noch Angst davor, wenn er anders ist, vermute ich. Aber das ist egal, wir müssen ihn suchen!“

„Komm, ich kann ihn riechen.“, zog der Werwolf Severus hinter sich her. Schnell folgten sie der Spur, die nur Remus wahrnehmen konnte. Severus dankte in Gedanken allen möglichen Göttern dafür, dass es erst ein paar Tage nach Vollmond und der Wolf noch so stark an der Oberfläche war. Wären sie eine Woche später gekommen, sähe das nun ganz anders aus. Doch die vielen Gerüche im Zoo bremsten Remus, immer wieder verlor er die Spur, weil andere Gerüche sie zum Teil verdeckten. Parfum von Besuchern, dann die Löwen und Tiger, an denen er offenbar vorbei gerannt war. Immer wieder musste der Werwolf ein wenig suchen, doch am Ende konnte er ihm in das Elefantenhaus folgen. Er konnte riechen, dass es höchstens zwei Minuten her war, seit Harry hier war. „Sev, er ist wahrscheinlich noch drinnen. Geh du von hier, ich sehe mich hinten um, ob es noch eine zweite Tür gibt, dann haben wir ihn.“, entschied Remus.

Severus nickte nur kurz und ging zur Tür, langsam in das Elefantenhaus hinein. Die Tiere waren draußen und daher war es drinnen sehr dunkel. Der Tränkemeister wartete einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Jetzt sah er sich um, blieb aber nahe der Tür, damit Harry nicht wieder davon konnte. Versteckmöglichkeiten hatte er hier genug, es gab einige exotische Pflanzen mit großen Wurzeln, unter denen ein Fünfjähriger wie Harry Platz hatte. Inzwischen konnte er Remus auf der anderen Seite sehen, der ihm bedeutete, dass Harry wohl wirklich hier war. Mit einem Zauber schloss er beide Türen, da sie alleine in dem Haus waren. „Harry?“, fragte er in die Richtung, die Remus ihm andeutete. „Harry, komm raus, wir sind hier, du musst keine Angst haben.“ Er ging auf die Pflanze zu, der sich Remus näherte und konnte schließlich sehen, dass die Blätter am Boden unnatürlich zitterten. Ihr Kleiner steckte offenbar darunter und bebte vor Angst.

Aber warum? Ganz verstand Severus nicht, was genau diese Panik ausgelöst hatte. Irgendwie hatte es damit zu tun, dass Harry mit Schlangen sprechen konnte, aber zunächst hatte er es gut aufgenommen. Erst als er ihm erzählt hatte, dass er eine seltene Gabe hatte, da war er weggelaufen. Merlin, jetzt fiel es Severus wie Schuppen von den Augen. Harry hatte anfangs von sich als Freak gesprochen. Seine Verwandten hatten zugegeben, dass sie ihm erklärt hatten, er sei ein Freak, weil er Magie beherrschte, das sei wider die Natur und deshalb hatte er diesen Namen bekommen. Und nun hatte er selbst, Severus, ihm erklärt, dass er etwas konnte, was außer ihm niemand schaffte. Dachte er nun wieder, dass er ein Freak sei und bestraft würde? Oder hatte er gar Angst, zurück zu den Dursleys zu müssen? Diese Erkenntnis schockte Severus, nie hatte er gewollt, dass der Junge seinetwegen Angst haben musste und jetzt hatte er ihn derart in Panik versetzt! Verdammt, wie bekam er den Kleinen nun dazu, ihm wieder zu vertrauen? „Harry, bitte komm raus.“, bat er leise.

Remus sah ihn verblüfft an, als er den veränderten Ton wahrnahm und spürte, dass Severus wohl wusste, was in dem Jungen vorging. Severus ignorierte ihn für den Moment und sprach weiter auf die Pflanze ein. „Harry, du bist kein Freak, nur weil du etwas kannst, das andere Zauberer nicht können. Du bist etwas Besonderes, ja, aber das bedeutet nicht, dass wir dich weniger lieb haben. Du brauchst keine Angst haben, du musst nie wieder zurück zu den Dursleys, egal was passiert. Wir haben dich adoptiert und geben dich nicht wieder weg. Du bist unser Sohn, unser Kind. Remus' Welpe. Bitte komm raus, wir machen uns Sorgen um dich.“

Severus spürte mit einem Mal, dass er kurz davor war, ohnmächtig zu werden. Offenbar hatte er zu wenig getrunken und war nun auch noch durch die Mittagshitze gerannt. „Rem!“, japste er hektisch, dann verdrehte er die Augen und fiel in sich zusammen. Remus schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen und legte ihn auf eine der Bänke, die hier standen.

„Daddy!“, schrie ein entsetzter Harry auf und kam aus seinem Versteck. „Daddy!“

„Harry!“, atmete Remus erleichtert auf und zog den Jungen kurz an sich. „Keine Sorge, es geht ihm gleich wieder gut, er hat sich ein wenig überanstrengt und ist die Hitze nicht gewöhnt. Schau, er macht die Augen schon wieder auf.“ Und es stimmte. Severus bekam wieder ein wenig Farbe und seine Augen öffneten sich langsam.

Verwirrt sah er um sich. Wie kam er auf die Bank und warum hielt Remus seine Beine in die Höhe? Harry war weggelaufen, erinnerte er sich, als eine kleine Hand über seine Wange strich. Moment mal, eine kleine Hand? Severus riss die Augen weiter auf. „Harry!“, hauchte er.

„Daddy?“, fragte der Kleine leise und beunruhigt. Tränen standen in seinen Augen.

„Harry, ist alles in Ordnung mit dir?“, wollte Severus wissen. Unbewusst strich er mit der Hand über Harrys Wangen, wischte die Tränen weg.

„Harry Angst. Daddy sagt, Harry kann Schlange sprechen, Harry ist Freak. Freak muss zu Tante. Harry will nicht Tante und Onkel, da alles schlimm.“, gestand der Fünfjährige.

Severus setzte sich vorsichtig auf und nahm Harry in den Arm, Remus strich ihm über den Rücken. „Welpe, du bist unser Sohn, wir haben dich lieb. Wir werden dich nicht wieder zu diesen … Monstern geben.“, versprach Remus. „Deine Tante und dein Onkel sind im Gefängnis, und da kommen sie so schnell auch nicht wieder raus. Du wirst sie wahrscheinlich nie wieder sehen, und selbst wenn, dann sind wir da. Sie können dir nichts mehr tun. Wir werden nicht zulassen, dass dich noch einmal jemand schlägt oder so behandelt. Und glaub mir, du bist ganz sicher kein Freak. Du bist etwas ganz Besonderes, so wie Daddy Severus gesagt hat. Wir sind stolz auf dich, dass du etwas so Tolles kannst!“

Ungläubig sah Harry vom Einen zum Anderen. Beide nickten ihm zu, lächelten ihn an, und schienen tatsächlich froh und erleichtert zu sein, dass er wieder da war. Obwohl er weggelaufen war, hatten sie ihn immer noch lieb? Aber er war doch weggelaufen und hatte sich versteckt, hatte Daddy Sev so angestrengt, dass er umgefallen war. Remus reichte Severus eine Flasche Wasser, damit sich der schwangere Tränkemeister wieder ein wenig erholen konnte. Auch Harry trank gierig, als Severus ihm die Flasche hinhielt.

„Geht's wieder?“, wollte Remus schließlich von seinem Mann wissen.

Severus nickte, er fühlte sich tatsächlich wieder gut. Hier war es angenehm und er bekam auch wieder genug Luft. Er würde es wohl nicht zugeben, aber am Meisten hatte ihm die Angst um Harry zu schaffen gemacht. Am liebsten würde er nun einfach verschwinden, aber wenn Harry den Rest des Zoos noch sehen wollte, dann würden sie bleiben. „Harry?“, holte er sich die Aufmerksamkeit des Grünäugigen. „Sollen wir nun die anderen Tiere noch ansehen oder willst du nach Hause?“

„Daddy bleiben!“, antwortete der Kleine nur und Remus nahm ihn auf den Arm. „Natürlich bleibst du bei uns.“, versprach er. „Und wenn du magst, dann trage ich dich auch durch den Zoo. Möchtest du dir die Elefanten und Giraffen auch noch ansehen? Und die Papageien haben wir auch noch nicht besucht.“

„Fanten und Papageier anschauen.“, forderte Harry nun, der auf Remus' Arm und mit Severus' Hand in seiner deutlich sicherer war als noch ein paar Minuten zuvor.

„Elefanten und Papageien also.“, entschied der Tränkemeister. „Na dann auf.“

Remus ließ Harry tatsächlich nicht mehr los. Die erste Zeit trug er ihn auf dem Arm, dann allerdings setzte er ihn auf seine Schulter, denn da konnte der Kleine auch noch richtig gut sehen. Mit einer Hand hielt er Harrys Füße, die andere griff nach Severus. Er wollte seine Familie beisammen halten, sie spüren. Auch er hatte Panik gehabt, als Harry weggerannt war, aber nun, wo Harry wieder ruhiger war und den Besuch auch genoss, war er froh, nicht gleich abgereist zu sein. Ein paar seltsame Blicke bekamen sie allerdings immer wieder, Muggel waren so intolerant. Zwei Männer und ein Kind, das schienen sie nicht besonders gut zu finden. Wenn sie nun auch noch wüssten, dass Severus schwanger war … Nicht auszudenken. Aber das wollten sie auch in der Zauberwelt geheim halten, obwohl es dort zumindest einige Menschen gäbe, die sie deshalb nicht verurteilten. Im Gegenteil, gerade schwule Paare nutzten diese Möglichkeit immer mal wieder.

Da sie nun alle den Zoobesuch genossen, blieben sie relativ lange da und sahen sich wirklich alle Tiere an. Erst kurz vor der Schließung der Gehege gingen sie nach draußen. Remus nahm Harry wieder von seiner Schulter in die Arme, da er spürte, wie müde er war. Ihm machte es nichts aus, den Jungen zu tragen, er merkte das Gewicht kaum. Da kam ihm der innere Wolf mal wieder zugute. Sie waren noch nicht an dem Punkt angekommen, von wo aus sie den Portschlüssel nutzen konnten, da schlief Harry bereits. Er merkte nichts mehr von der Heimreise und auch nicht, wie Remus ihn umzog und ins Bett brachte. Auch Severus legte sich bald hin, nahm aber vorher noch seine Tränke und aß eine Kleinigkeit, denn sonst würde Remus keine Ruhe geben und Poppy ihm was erzählen. Anschließend genoss er es, in Remus' Armen einschlafen zu können.

Der Sonntag wurde sehr ruhig, Harry schlief bis weit in den Vormittag hinein und auch Severus wachte nur auf, um ins Bad zu gehen, etwas zu trinken und seine Tränke zu nehmen, dann schmiegte er sich wieder an Remus und war schnell noch einmal eingeschlafen. Nach einem späten Frühstück gingen sie an den Strand und schlenderten entspannt ein Stück, beobachteten die Schiffe am Horizont. Harry und Remus liefen barfuß, vor allem der Fünfjährige lief gerne dort, wo die Wellen immer wieder über seine Füße rollten. Severus käme nie auf die Idee, mit nackten Füßen herumzulaufen, aber das verlangten sie auch nicht von ihm. Remus kicherte nur immer wieder, wenn er stehen blieb und den Sand aus seinen Schuhen entleerte. Ein Zauber würde es auch tun, aber manche Dinge zauberte Severus aus Prinzip nicht.

Langsam spürte man auch, dass Harry sicherer wurde. Gerade hier, wo er sich auskannte, ließ er schon mal die Hände seiner Väter los und rannte ein paar Meter voraus. Er sammelte Muscheln und Schnecken, fand sogar eine Qualle, die sie wieder ins Wasser zauberten, als niemand in der Nähe war. In Lucys Haus wartete eine verzauberte Kiste auf ihn, wo er all die gesammelten Dinge aufbewahrte. Gestern im Zoo hatte er einige Federn gefunden, die waren auch darin, genau wie bunte Steine oder auch mal ein besonders geformtes Blatt. Zum Mittagessen gingen sie zurück zu Lucy, die neugierig war, wie es ihnen im Zoo gefallen hatte.

„Harry kann Schlange sprechen!“, berichtete Harry mit leuchtenden Augen. „Und Harry hat Fanten sehen und Löwe und Tiger und Papageier und Affen. Und Esel streichelt.“

„Da hast du ja eine Menge erlebt, Harry!“, staunte Lucy. „Also hattest du einen schönen Tag.“

Harry nickte und ließ sich dann von Remus ins Bett bringen, der Mittagsschlaf musste einfach immer noch sein.

„Ja, den hatten wir. Danke Lucy.“, schmunzelte Severus. „Auch wenn Harry zwischendurch kurz Panik hatte und weg lief, weil er dachte, wir wollten ihn nicht mehr, weil er mit Schlangen sprechen kann. Wir haben ihn dann im Elefantenhaus wiedergefunden, wo er sich unter einer Wurzel versteckt hatte.“

„Oje, ist es noch nicht besser?“, fragte Lucy mitfühlend.

„Doch, es ist schon viel besser, er fällt nur noch selten in solche Angst-Reaktionen, aber es wird sicher so schnell nicht vorbei sein.“, antwortete Severus ruhig. „Hier fühlt er sich sicher, in Hogwarts auch. Spinners End kennt er zu wenig, aber auch dort geht er langsam aus sich heraus. Ganz schlimm ist es dann, wenn er in unbekannten Situationen festsitzt und an Dinge in seiner Vergangenheit erinnert wird. Er wird noch lange brauchen, bis er wirklich glaubt, dass er sicher ist, nicht geschlagen oder bestraft wird wegen Kleinigkeiten und auch, dass wir ihn nicht weggeben.“

„Bereust du, ihn adoptiert zu haben?“, hakte Lucy nach.

„Nein.“, schüttelte der Tränkemeister den Kopf. „Das habe ich nie getan. Ich bereue nur, dass ich Remus nicht schon viel eher unterstützt habe. Er wollte gleich nach einem halben Jahr zu Albus und ihn überreden, dass er Harry zu sich holen darf. Damals fühlte ich mich von dem Gedanken überfordert und ich hatte Angst, Remus zu verlieren, wenn er sich um Harry kümmert und keine Zeit mehr für mich hat. Ich war ein selbstsüchtiger Idiot und meinetwegen hat Harry so lange leiden müssen.“ Severus vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Lucy sah ihn nachdenklich an. „Was bedeutet der Kleine für dich?“, wollte sie wissen.

Langsam sah Severus auf. „Harry? Zuerst habe ich ihn als Ebenbild seines Vaters gesehen. James war mein persönlicher Alptraum in Hogwarts, er hat mich auserkoren. Als Mobbing-Opfer, würde man heute sagen. Aber seine Augen hat er von seiner Mutter. Mit Lily war ich schon vor Hogwarts befreundet, sie war die Einzige, die zu mir hielt. Immer. Bis ich meine Wut und meinen Frust einmal zu oft an ihr ausließ. Wir hatten danach nie wieder das gleiche enge Verhältnis als zuvor, auch wenn wir uns kurz vor ihrem Tod wieder näher kamen. Ihr Tod hat mich aus der Bahn geworfen. Ich habe angefangen, zu trinken. Nein, eigentlich habe ich schon eher angefangen, schon als ich mich mit ihr zerstritten habe, aber da war es noch nicht so schlimm. Nach ihrem Tod bin ich auf den Nordturm und habe mich so betrunken wie noch nie, aber es half nicht. Die Schmerzen waren so schlimm, ich wollte sie ertränken. Remus kam auch nach oben, einige Stunden später, er wollte springen. Irgendwie haben wir es nach unten geschafft. Einige Zeit habe ich dann nur getrunken, war nicht einmal in der Lage, mich zu waschen oder frische Sachen anzuziehen. Remus hat mich da rausgeholt, ohne ihn wäre ich nicht hier. Harry erinnert mich inzwischen an seine Mutter, ich habe ihr geschworen, auf ihn zu achten und nun habe ich so lange gewartet, weil ich Remus nicht verlieren wollte. Es tut mir leid, Lily! Es tut mir so leid!“ Am Ende vergrub er sein Gesicht wieder in den Händen. Seine Schultern bebten leise, aber kein Laut kam über seine Lippen.

Remus, der im Türrahmen stehen geblieben war, weil er ihn nicht unterbrechen wollte, trat zu ihm und zog ihn in die Arme. „Du kümmerst dich jetzt und Lily versteht sicher, warum es nicht eher ging.“, beruhigte er leise. „Du bist ihm ein wundervoller Vater, du bringst ihm das Lachen wieder bei. Lily wäre stolz auf dich.“

„Sie wäre sauer, weil ich getrunken habe.“, kam es dumpf von Severus.

„Vielleicht. Aber sie hätte dir dennoch vergeben.“, war sich Remus sicher. „Vor allem, wenn sie sieht, wie sehr du dich jetzt um ihn kümmerst. Du hast einen Fehler gemacht, das mag sein, aber dafür musst du nicht mehr büßen. Sev, hör auf, dich zu quälen. Eine Zeit lang warst du nicht du selbst, aber dafür musst du nun nicht auf dein Glück verzichten. Du bist es sehr wohl wert, geliebt zu werden und du hast es verdient, glücklich zu sein. Harry hat eine schwere Zeit hinter sich, aber du hast ihm schon sehr weit geholfen und er wird diese Zeit immer weiter hinter sich lassen. Dabei werden wir ihm helfen, und auch unser Krümelchen wird ihm helfen. Du gibst ihm täglich das, wonach er sich am meisten sehnt, eine Familie. Dazu Halt und eine helfende Hand. Nimmst ihn so, wie er ist. Das macht ihn glücklich. Und wenn Harry glücklich ist, dann sind es auch Lily und James.“

Severus hatte sich bei diesen Worten eng an seinen Partner geklammert und schien Hoffnung daraus zu schöpfen. „Danke, Remus. Ich bin froh, dass du da bist.“, murmelte er gegen die Schulter des Werwolfes.

„Ich liebe dich, Severus, und kann mir ein Leben ohne dich und Harry nicht mehr vorstellen. So schön es hier ist, ich will baldmöglichst wieder zu dir. Tut mir leid, Lucy, du bist wirklich eine tolle Frau, aber …“

„Schon gut!“, unterbrach ihn Lucy glucksend. „Mit Harry und Severus kann ich natürlich nicht mithalten. Ihr gehört zusammen und es tut mir manchmal sogar weh, wenn ich dich sehe, nachdem Severus abgereist ist. Ich werde das Haus hier wahrscheinlich verkaufen und zu meiner Nichte nach Spanien ziehen. Alleine will ich nicht mehr sein, und da meine Nichte nun in einem Landhaus lebt und mir angeboten hat, ich kann einen Teil davon haben, werde ich wahrscheinlich hier weggehen. Vielleicht behalte ich das Haus auch und ihr könnt dann hier Urlaub machen, wenn ihr Lust habt. Das Geld brauche ich eigentlich nicht, mein Mann hat mir mehr als genug Gold hinterlassen. Ihr seid eine sehr angenehme Gesellschaft und ich muss sagen, ich habe es nicht einen Tag bereut, Albus zugesagt zu haben, euch aufzunehmen. Auch wenn er mich gewarnt hat vor den Launen von Severus. Wo er aber mal wieder sehr übertrieben hat.“

„Sev hat sich verändert, seit Harry bei uns ist.“, erklärte Remus und sah seinen Mann an. „Du bist viel ruhiger und geduldiger geworden. Umgänglicher würden wohl viele sagen.“

„Daddy!“, hörten sie in dem Moment einen Schrei aus dem Kinderzimmer.

Severus und Remus sprangen auf und rannten zu Harry, der tränenüberströmt und zitternd in seinem Bett saß. Beide nahmen ihn in den Arm und er klammerte sich an seinen Vätern fest. „Was ist passiert, Harry?“, fragte Severus ruhig.

„Harry träumt, dass Daddys weg.“, schluchzte der Kleine.

„Wir sind da, mein Kleiner. Hab keine Angst.“, versprach Severus.

„Wir lassen dich nicht alleine, Welpe. Du bist sicher.“, schloss sich Remus an.

„Daddy Sev da bleiben?“, sah Harry hoffnungsvoll auf.

„Tut mir leid, ich muss zurück nach Hogwarts, die Schüler unterrichten.“, drückte Severus ihn an sich. „Wir werden dich bald zu Poppy bringen, und wenn die sagt, dass deine Lunge wieder in Ordnung ist, dann kommt ihr beide zu mir ins Schloss. Auch wenn es sonst keiner macht, aber wir Lehrer haben das Recht, unsere Familie bei uns zu haben.“

„Bald bei Daddy wohnen?“, freute sich Harry. „In großer Schule mit viel Kindern?“

„Ja. Ich werde mit Albus reden, dass das auch sicher klappt. Ansonsten suche ich mir eine andere Anstellung, sobald das Baby da ist.“, entschied Severus hart. „Ich will euch auch bei mir haben. Aber heute muss ich gehen, Harry. Wir können noch ein bisschen spielen und nach dem Abendessen muss ich dann weg.“

Sie suchten Karten heraus und spielten Uno mit Harry. Das war ein Spiel, das er sofort begriffen hatte und es schien ihm Spaß zu machen, vor allem, wenn er den Erwachsenen Karten hinlegte, dass sie weitere Karten ziehen oder aussetzen mussten. So wurde es doch noch ein fröhlicher Nachmittag. Erst am Abend, als sie fertig gegessen hatten, begann Harry wieder zu weinen. Er wollte nicht, dass Severus nach Hogwarts ging. Es zerriss Severus beinahe das Herz, von dem er ein Jahr zuvor abgestritten hätte, dass er eines hatte. Immer wieder zog er den Jungen an sich und hielt ihn fest, versprach ihm, mit Albus und Poppy zu reden, dass sie bald zu ihm kommen konnten.

Irgendwann riss er sich fast gewaltsam los und ging zum Kamin, verließ das Haus ohne einen Blick zurück, denn das konnte er nicht mehr. Er fühlte sich fürchterlich, weil das Weinen von Harry das Letzte war, was er hörte. Das musste ein Ende haben. Vielleicht lag es an seiner Schwangerschaft und den Hormonen, aber er konnte es nicht ausstehen, wenn Harry weinte. Er wollte ihn lachen hören, ihn glücklich sehen. Um sich abzulenken, ging er zu Albus. „Guten Abend, Severus. Wie war euer Wochenende?“, wurde er begrüßt.

„Deswegen bin ich hier, Albus.“, kam Severus sofort auf den Punkt. „Sobald Poppy ihr okay gibt, möchte ich, dass Remus und Harry hier bei mir einziehen können. Harry hat immer noch panische Angst, verlassen zu werden und er weint jedes Mal schlimmer, wenn ich gehen muss. Ich will keinen Rückfall, dass er wieder nicht spricht oder ähnliches.“

„Ich bin nicht sicher, ob Hogwarts die richtige Umgebung für so ein kleines Kind ist.“, grübelte der Schulleiter.

„Das weiß ich auch nicht, aber er soll keine Angst mehr haben, dass ich verschwinde und nicht mehr komme.“, unterbrach ihn der Tränkemeister. „Ich habe das Recht, die Beiden herzuholen und will es einfordern. Gerade wenn das Baby im Sommer auf die Welt kommt, werde ich es nicht alleine schaffen. Dann hast du die Möglichkeit, meine Familie hier willkommen zu heißen oder dir einen neuen Tränkelehrer suchen zu müssen.“

„Nun gut, wenn ihr es für richtig haltet, an mir soll es nicht scheitern.“, ruderte Albus zurück. „Dann werdet ihr deine Wohnung ein wenig vergrößern wollen, schätze ich? Eines der Nachbarklassenzimmer kann man sicher anfügen.“

„Danke, Albus.“, neigte Severus seinen Kopf ein wenig. „Wie weit sind deine Pläne zwecks des Bechers? Und was ist mit Nagini? Hast du schon Hinweise?“

„Ich bin die Gesetze und Gepflogenheiten der Kobolde durchgegangen, damit ich vielleicht eine Lösung finde.“, seufzte der Schulleiter. „Es ist nicht einfach, aber ich denke, wenn wir es schaffen, die Kobolde zu überzeugen, dass wir nichts stehlen wollen sondern nur den Horkrux in dem Becher vernichten, würden wir zumindest nicht gegen die grundlegenden Prinzipien verstoßen. Wenn die Kobolde uns helfen, müssten sie den Becher nur für eine Weile aus dem Verlies nehmen und wir tropfen dann das Basiliskengift darauf, sollten wir es schaffen, welches aufzutreiben. Dadurch wird dem Becher normalerweise nichts passieren, aber der Horkrux wäre vernichtet. Dann kann das Eigentum von Bellatrix Lestrange zurück in ihr Verlies und es ist – laut den Prinzipien der Bank – kein Schaden entstanden. Allerdings müssten wir dafür erst einmal Basiliskengift auftreiben und zwar genug für alle Horkruxe. Was die Schlange betrifft, weiß ich leider auch nicht mehr als zuvor.“

„Ich werde mit Lucius Kontakt aufnehmen, vielleicht finde ich etwas heraus.“, entschied der Schwarzhaarige.

„Aber sei vorsichtig, du weißt nicht, auf welcher Seite er steht.“, warnte Albus.

„Das ist mir durchaus bewusst.“, gab Severus kalt zurück. „Aber ich bin der Pate von Draco, das macht es zumindest nicht auffällig, wenn ich ins Manor gehe.“ Severus verabschiedete sich von seinem Verbündeten im Kampf gegen Voldemort und ging in seine Räume. Von dort aus nahm er Kontakt zu Lucius auf und sie verabredeten, dass Severus am Mittwoch, wenn er nachmittags etwas eher Schluss hatte, zu ihnen kommen würde und zum Abendessen bleiben sollte. Den Rest des Abends verbrachte er an seinem Schreibtisch, wo er die Aufsätze korrigierte, die sich erneut stapelten.

 

Schneller als erhofft kam der Mittwoch. Nach den Stunden am Nachmittag zog Severus sich um und entschied, eine Illusion über sich zu legen. Lucius und Narzissa kannten ihn zu gut, ihnen würde der kleine Bauchansatz sicher auffallen, auch wenn er eine Robe trug. Er packte noch ein paar Zutaten ein, die Draco für sein Kinder-Tränke-Set gebrauchen konnte, dann ging er durch das Feuer. Während er im Zutatenschrank gesucht hatte, war ihm aufgefallen, dass die Sortierung nicht optimal war, das musste er in den nächsten Tagen ändern. Doch jetzt zählte sein Patenkind. Der wartete schon auf ihn. „Guten Tag, Onkel Sev.“, begrüßte er ihn, eine Miniaturausgabe seines Vaters.

„Guten Tag, Draco. Ich habe dir etwas mitgebracht.“, übernahm Severus den Ton des Jungen. „Trankzutaten für dein Tränke-Set. Damit kannst du einen Trank brauen, der deine weißen Rosen bunt färbt.“

„Danke, Onkel Sev!“, strahlte der knapp Sechsjährige nun. „Vater hat mir erzählt, dass du einen Jungen adoptiert hast, der nur ein wenig jünger ist als ich. Bringst du ihn mal mit?“

„Hat dein Vater dir auch erzählt, dass Harry sehr viel Angst hat? Er ist bei seiner Tante und seinem Onkel gewesen und die haben ihn geschlagen, ihn in die kalte Badewanne gezwungen, er musste putzen und kochen, die Wäsche richten und wurde nicht einmal bei seinem Namen gerufen. Er bekam fast nichts zu essen und niemand hat ihm je gesagt, dass er ihn mag.“, erzählte Severus. „Darum hat er nun Angst, dass wieder etwas passiert, vor allem, wenn er an ihm unbekannten Orten ist. Deshalb bin ich mit ihm an Weihnachten nicht gekommen. Er muss erst sicher sein, dass ich ihn nicht wieder weggeben werde.“

„Aber du kannst ihn doch nicht weggeben, wenn du ihn adoptiert hast!“, empörte sich Draco. „Das ist doch dumm von dem Jungen, das nicht zu wissen.“

„Draco, du hast das alles gelernt.“, mahnte Severus. „Harry hingegen wurde beigebracht, dass Kinder, die anders sind, magische Kinder, Freaks sind, nichts wert, dass alle sie schlagen müssen, damit die Magie verschwindet. Harry weiß es nicht besser. Er lernt es langsam.“

„Dann war er bei dummen Muggeln?“, staunte Draco. „Aber Vater sagt, es ist der berühmte Harry Potter, warum war der bei den Muggeln? Er ist doch ein Zauberer, oder?“

„Ja, er ist ein Zauberer, auch wenn er bisher noch nicht bewusst zaubert, dafür hat er zu viel Angst. Seine Mutter hat einen alten, vergessenen Zauber angewandt und der schützt ihn vor bösen Zauberern. Und weil seine Tante die Schwester seiner Mutter ist, funktioniert der Schutz dort auch. Leider aber nicht bei seiner eigenen Familie. Remus, mein Mann, war sein inoffizieller Pate, er hat ihn zu sich genommen. Zu uns.“, versuchte Severus seinem Patensohn die Umstände zu erklären.

„Onkel Sev? Darf ich Harry mal treffen und ihm zeigen, wie zaubern geht?“, erkundigte sich der blonde Junge.

„Ich denke schon. Aber erst, wenn er wieder ganz gesund ist. Im Moment ist er noch auf Kur, weil er hier in England nicht richtig atmen kann.“, antwortete Severus. „Deswegen war ich auch so lange nicht hier bei dir. Harry hat mich dringender gebraucht.“

„Das ist in Ordnung, Onkel Sev, wenn du mich nur nicht vergisst.“, gab sich Draco großzügig.

„Welch weise Worte, mein Sohn!“, lobte ihn Lucius, der die Unterhaltung im Türrahmen stehend verfolgt hatte. „Severus, mein Freund, willkommen.“

„Vielen Dank, Lucius.“, gab Severus zurück und sie schüttelten sich die Hände.

„Narzissa lässt sich entschuldigen, sie kommt später. Ein wichtiger Termin ist ihr dazwischen gekommen.“, informierte Lucius seinen Freund.

„Vater, darf ich Onkel Sev meine neuesten Zauber zeigen?“, bettelte Draco.

„In Ordnung.“, erlaubte Lucius nach einem Moment. „Ich erwarte euch in zwei Stunden zum Abendessen im kleinen Salon.“

Ehe er es sich versah, wurde Severus von seinem Patensohn zu dessen Zimmer gezogen. Dort holte Draco seinen Kinderzauberstab heraus und ließ sofort bunte Blasen erscheinen, die er in der Luft dirigierte, bis sie eine Pyramide gebaut hatten. Anschließend ließ er sie wieder verschwinden und zauberte es dunkel und wieder hell. Sogar einen Schwellzauber auf seinen Stift schaffte er, sodass sein Bleistift nun mindestens dreimal so groß wie vorher war. Kichernd nahm Draco den Stift und malte damit auf einem Blatt Papier herum. „Für dich, Onkel Sev!“, reichte er ihm schließlich das Papier.

Überrascht nahm es der Tränkemeister, er hätte hier Pergament und Feder erwartet, aber nicht Papier und Bleistift. Doch als er das Ergebnis der Anstrengung sah, wurde ihm klar, dass Federn noch nicht das Richtige für Draco waren, er war dafür offenbar nicht koordiniert genug. Seine Zeichnung erinnerte eher an das, was Severus von Kindern erwartete, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was Harry produzierte. Dafür sprach Draco deutlich besser. Als er sich das Bild genauer ansah, glaubte er, Draco darauf zu erkennen. Jedenfalls stand neben der gemalten Figur der Name ‚Draco‘ in kindlichen Buchstaben. „Du hast mir ein Bild von dir gemalt?“, riet Severus. „Ich danke dir!“

Sie spielten noch eine Weile und bauten gemeinsam ein Puzzle, dann war es Zeit zum Abendessen, zu dem auch Narzissa da war. Beim Essen unterhielten sie sich dann über Dracos Ausbildung, über seine neuesten Fortschritte und darüber, dass er nun auch Französisch lernte, damit er irgendwann dann den Platz seines Vaters übernehmen konnte. Nach dem Essen ging Narzissa mit Draco aus dem Salon, er sollte baden und durfte sich danach von seinem Paten verabschieden, der in der Zwischenzeit noch ein wenig mit Lucius plauderte. Dabei kam er dann wie zufällig auch auf den Lord zu sprechen. „Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, ob ER wiederkommt?“, fragte er leise. „Es klang jedenfalls in seinen Reden immer so, als würde er eines Tages zurückkommen, sollte er sterben oder vernichtet werden.“

„Darüber weiß ich auch nicht mehr als du.“, antwortete Lucius vorsichtig. „Es gibt allerdings die Behauptung, dass die Schlange zurückkommt, sobald ER wieder da ist und ihn als wahren Herrn bestätigt.“

„Wo ist sie eigentlich?“, erkundigte sich Severus beiläufig. „Hatte er sie nicht bei sich?“

„Soweit ich weiß, war sie bei ihm, das stimmt.“, nickte Lucius. „Aber warum willst du das wissen?“

„Du hattest sie erwähnt, daher dachte ich, du weißt etwas.“, zuckte Severus betont gleichgültig die Schultern.

„Was ist eigentlich mit dem Objekt, das ich dir gegeben hatte?“, wollte Lucius plötzlich wissen.

„In Hogwarts gut verschlossen, keine Sorge.“, versicherte Severus.

„Gut. Der Lord würde uns beide umbringen, wenn es beschädigt werden sollte. Also pass gut auf!“, zischte der Blonde.

„Werde ich.“, versprach der Tränkemeister, unterbrach sich aber, als die Türe aufging und Draco im Schlafanzug hereinkam.

„Gute Nacht Onkel Sev, gute Nacht Vater.“, wünschte er höflich.

„Gute Nacht, Draco.“, lächelte Severus und umarmte seinen Patensohn kurz. Der verschwand mit seiner Mutter gleich wieder.

„Ich werde mich nun auch verabschieden.“, entschied Severus. „Ich muss noch einige Arbeiten korrigieren und einen Test vorbereiten. Außerdem mein Labor aufräumen, damit ich sicherstellen kann, dass alles da ist, was ich brauche. Gute Nacht, Lucius.“

„Nun gut, es ist ein wenig schade, dass du schon gehst, ich hätte gerne noch eine Partie Schach mit dir gespielt.“, erwiderte Lucius.

„Ein andermal gerne, Lucius. Ich habe Harry versprochen, am Wochenende zu ihm zu kommen, das kann ich nur, wenn ich meine Arbeit bis Freitag erledigt habe.“, erklärte der Tränkemeister.

„Bring ihn mal mit.“, forderte Lucius ihn auf. „Aber wenn du gehen musst, dann musst du gehen. Gute Nacht.“

Severus wartete gerade noch so lange, dass er sich auch von Narzissa verabschieden konnte, dann reiste er durch den Kamin zurück in seine Wohnung, wo Poppy ihn bereits erwartete, da sie ihn untersuchen wollte. „Alles in Ordnung und so, wie es aussieht, hast du gerade so die richtige Dosis von dem Trank abbekommen, dein Körper scheint sich zu verändern, das bedeutet, dass dein Kind wahrscheinlich auf natürlichem Weg geboren werden kann. Aber deine Blutwerte gefallen mir nicht besonders, nimm bitte morgens und abends die doppelte Menge der Tränke ein.“, war das Resümee der Heilerin.

„Danke Poppy. Ich habe den Trank analysiert und er ist so aufgebaut, dass er auch für Männer geeignet ist, allerdings weiß ich nicht, welche Menge ich aufgenommen habe.“, erklärte Severus.

„Nun, wie gesagt, es sieht gut aus. Allerdings kann ich es erst gegen Ende der Schwangerschaft endgültig sagen, ob eine natürliche Geburt möglich ist. Ansonsten machen wir einen Kaiserschnitt.“, informierte Poppy und verabschiedete sich.

Kaum, dass die Heilerin draußen war, saß Severus wieder am Schreibtisch und korrigierte weiter.

In den nächsten Tagen achtete Severus penibel darauf, die Tränke in der richtigen Dosierung zu nehmen, doch so wirklich besser wurden die Blutwerte auch dadurch nicht. Am liebsten hätte Poppy darauf bestanden, dass Severus sich eine Weile vom Unterricht fernhielt und ausruhte, doch das war nicht wirklich möglich. Einen Ersatz für Severus gab es nicht, sollte er ausfallen, mussten andere Lehrer seine Stunden unter sich aufteilen, und keiner verstand so viel von Zaubertränken wie er als Tränkemeister. Daher unterrichtete Severus weiter und ließ sich nichts anmerken. Auch wenn es ihm zunehmend schwerer fiel, da er immer wieder mit Schwindel zu tun hatte. Waren es wirklich nur die schlechten Blutwerte? Oder hatte die Abwesenheit seiner Familie genauso damit zu tun? Bisher war er kein Familienmensch gewesen, aber nun wollte er nicht mehr alleine sein. Es irritierte Severus, er kannte sich nicht wieder. Sobald er an Harry dachte, schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht, auch wenn er selbst es meist nicht bemerkte. Was er aber bemerkte, war dieses Glücksgefühl, das ihn durchströmte, wenn er die Bilder von Harry ansah, oder wenn ein neuer Brief eintraf. Und gleichzeitig die Leere in seinen Räumen, die ihm noch nie so deutlich bewusst geworden war. Nein, er wollte nicht mehr alleine sein. Mit Remus hatte es begonnen, aber auch, wenn sie einander sehr nahe gekommen waren, sich wirklich liebten, so war da doch nicht dieses Bedürfnis nach ständiger Nähe gewesen. Jetzt wollte er Remus und Harry bei sich haben, sie nicht nur am Wochenende kurz sehen. Er hoffte, dass er sie bald zu sich holen konnte. Deshalb hatte er bereits angefangen, die erweiterten Räumlichkeiten zu planen und herzurichten.

Am Freitag ging er wieder zu Harry und Remus, wobei diesmal auch die Heilerin mitkam, denn sie wollte sehen, wie es Harry gesundheitlich ging. Doch zunächst begrüßte Harry seinen Daddy sehr schwungvoll. Beinahe hätte er ihn umgeworfen, da Severus ihn erst im letzten Moment bemerkte. Es machte Remus und Severus unheimlich glücklich, ihn so ausgelassen zu erleben, da es für sie bedeutete, dass der Junge langsam sicher genug dafür wurde. Sie hofften, dass er es wirklich schaffte, seine Vergangenheit jetzt schon hinter sich zu lassen, auch wenn sie sicher waren, dass es immer wieder Rückschläge geben würde. Doch sicherlich würden die nach und nach weniger werden, wenn Harry sicherer und selbstbewusster wurde. Sie hatten in vergleichsweise kurzer Zeit schon sehr viel erreicht, was sie hoffen ließ, dass Harry irgendwann ein ganz normales Kind sein konnte. Vielleicht schon in ein paar Monaten oder einem Jahr. Dann konnte er mit Gleichaltrigen lernen, um gut auf Hogwarts vorbereitet zu sein. Sie wollten auf keinen Fall, dass er ohne Kontakt zu anderen Kindern aufwuchs, er sollte lernen, sich zu integrieren, ohne sich gleich vollkommen unterzuordnen. Aber bis dahin würde es wohl noch eine Weile dauern.

„Harry?“, holte sich Severus die Aufmerksamkeit seines Sohnes. „Poppy will dich untersuchen, ob du wieder nach England kannst.“

„Zu dir, Daddy?“, fragte Harry mit großen Augen.

„Ja, zu mir.“, schmunzelte Severus. „Ich habe bereits mit Albus geredet, meine Wohnung wird vergrößert, damit ihr beide bei mir einziehen könnt. Aber dafür musst du ganz gesund sein, Harry. Wir wollen nicht, dass du wieder so schlimm krank wirst wie letzten Herbst.“ Er schauderte, diese Erfahrung hatte er nie machen wollen. Selbst jetzt, wo er seinen Kleinen, oder wohl eher seinen Großen, gesund im Arm hielt, überkam ihn Panik, wenn er an diese Zeit dachte, als Harry um sein Leben kämpfte.

Der Fünfjährige schmiegte sich an den Tränkemeister und sah unsicher zur Heilerin, doch letztendlich nickte er. Poppy zog ihren Zauberstab und sprach verschiedene Diagnosezauber auf Harry, ignorierte dabei die fragenden Blicke von Severus und Remus. Lucy lehnte im Türrahmen und sah zu. Sie hatte sich an ihre Gäste gewöhnt und fühlte sich wohl mit ihnen. Und doch sah sie, wie sehr der Kleine an den beiden Vätern hing. Wie sehr sie einander brauchten, um wirklich glücklich zu sein. Sie war auch hier, wenn der Tränkemeister gegangen war, sah die Tränen, die Harry weinte und Remus sich gerade so verdrückte. Daher wünschte sie ihnen, dass Harry fit genug sein würde, um nach England zu gehen und dass sie als Familie zusammenleben könnten.

„Es geht ihm deutlich besser als beim letzten Mal, als ich ihn gesehen habe.“, verkündete Poppy nach etwa zehn Minuten angespanntem Schweigen. „Allerdings fürchte ich, er kann trotzdem noch nicht zurück nach England, der Temperaturunterschied ist gerade einfach zu groß und er liefe Gefahr, krank zu werden. Eine erneute Lungenentzündung würde er wohl nicht mehr einfach so wegstecken. Wartet bis Ende März, Anfang April, dann sollte es problemlos klappen und er kann sich bis zum nächsten Winter langsam akklimatisieren.“

Enttäuschte Gesichter blickten sie an. Selbst Harry wirkte traurig, obwohl er sicher nur die Hälfte verstanden hatte. Remus sah aus, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen, und selbst Severus konnte man die Enttäuschung mehr als deutlich ansehen, auch wenn er versuchte, sich gleichgültig zu geben. Doch seine Maske schien durchlässiger zu werden, oder aber er fühlte sich hier so wohl, dass er sich nicht komplett versteckte. Poppy schmunzelte, wer hätte geglaubt, dass der kalt und abweisend wirkende Tränkemeister so ein Familienmensch war? „Tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für euch habe.“, entschuldigte sie sich dann doch noch. „Dank euch hat sich Harry gut gemacht, das hätte ich im Sommer nie geglaubt. Er wird keine Folgeschäden zurückbehalten, seine Lungen funktionieren einwandfrei, und auch die Augen sind so gut, als hätte es diese Kopfverletzung nie gegeben. Seine Knochenstruktur ist noch ein wenig instabiler als bei Gleichaltrigen, aber wenn er seine Tränke weiter so zuverlässig nimmt, dann wird er das auch noch aufholen. Nur die Größe wird er wohl nie ganz einholen, er wird immer kleiner als andere in seinem Alter sein.“

„Nicht Daddy gehen?“, fragte Harry weinerlich. Seine Augen waren zwischen den Gesichtern seiner Väter hin und her gehuscht und er erkannte, dass es wohl nicht die gute Nachricht war, auf die sie alle gehofft hatten. Die Worte der Medihexe hatte er nur zum Teil verstanden, aber das schien klar zu sein. Dennoch musste er sich vergewissern.

„Poppy meint, du solltest noch bis Ende März, Anfang April hier bleiben, bis es auch bei mir wärmer ist. Im Moment ist es bei mir sehr viel kälter als hier, da ist der Unterschied einfach zu groß und du könntest schnell wieder krank werden. Das wollen wir auf keinen Fall. Weißt du, dein Körper kann sich nicht so schnell umgewöhnen. Es ist so kalt wie an Silvester, da hast du ziemlich gefroren, obwohl wir viel geheizt haben. Und wenn du dann nach draußen gehst, muss dein Körper sehr viel arbeiten, um dich warm zu halten, das schafft er nicht, weil du es nicht gewohnt bist. Erst im Frühling ist es langsam wärmer bei mir, dann kannst du dich umgewöhnen.“, erklärte Severus geduldig und nahm seinen Sohn in den Arm. „Das bedeutet, es sind noch etwa sieben oder acht Wochen, dann darfst du mit Daddy Remus zu mir kommen. Bis dahin habe ich dann noch ein wenig umgebaut, damit wir genug Platz haben. Meine Wohnung ist bisher ein bisschen zu klein, da ist es viel zu eng. Du sollst ein eigenes Zimmer haben, und wir brauchen Platz, damit du spielen, essen und lernen kannst.“

Harry schluchzte eine Weile, aber sie ließen sich nicht erweichen. Die Gesundheit ihres Sohnes ging vor. Leider konnte Severus nicht einfach bei ihnen bleiben, denn erstens waren zu viele magische Reisen nicht besonders gut für Schwangere und zweitens musste er als Hauslehrer ansprechbar sein, sollte etwas mit seinen Schülern sein. Nur selten kam es tatsächlich vor, dass nachts jemand zu ihm kam, aber wenn, dann sollte er sofort da sein. Das konnte er nicht ständig auf Albus abwälzen, auch wenn dieser gerade am Wochenende gerne einsprang, damit Severus hierher kommen konnte. Severus war ihm mehr als dankbar, diese Wochenenden gaben ihm so viel, er wollte auf keinen Fall darauf verzichten. Poppy verabschiedete sich bald, ließ die Familie mit Lucy alleine. Harry nahm Severus in Beschlag, wollte genau wissen, was sich an seiner Wohnung verändern würde. Der Tränkemeister hielt ihn fest und erzählte alles, was er selbst wusste, auch wenn das nicht besonders viel war. Nur langsam beruhigte sich Harry wieder.

Um Harry abzulenken, machten sie am Samstag einen Ausflug mit einem Glasbodenboot, damit der Kleine die Unterwasserwelt rund um die Insel sehen konnte. Und es funktionierte, Harry war vollkommen fasziniert und plapperte fröhlich vor sich hin. Auch für die beiden Männer war es faszinierend, die Vielfalt des Lebens unter Wasser zu beobachten. So bunt und lebendig hätte es niemand erwartet. Sogar Korallen konnten sie sehen. Severus holte eine Kamera aus seiner Tasche, die er besorgt hatte, weil er nun, mit Harry, ihr Leben dokumentieren wollte. Die ersten Bilder, die im Zoo entstanden waren, lagen bereits in seiner Wohnung. Noch hatte er es nicht geschafft, sie in ein Album zu kleben, aber das wollte er noch machen. Dann konnte Harry sie immer wieder ansehen. Am Abend schlief Harry noch vor der Gute-Nacht-Geschichte ein, kam aber erst gegen Morgen zu seinen Vätern ins Bett. Trotz der gefühlt schlechten Nachrichten blieb er relativ ruhig. Selbst der Sonntag verlief ruhig und entspannt, erst als Severus am Nachmittag wieder aufbrach, begann Harry erneut zu weinen.

„Ich muss ins Labor, Harry.“, schob der Tränkemeister ihn schließlich von sich. „Du brauchst neue Tränke, musst sie noch eine Weile nehmen, und ich auch, für das Baby. Damit wir beide, das Baby und ich, gesund sind.“ Das wirkte dann doch, auch Harry wollte, dass das Baby gesund war. Es schien, als liebte er seinen Bruder oder seine Schwester jetzt schon. Bisher hatte Poppy es ihm nicht sagen können, wenn überhaupt, wollte Severus es auch nur wissen, wenn Remus und Harry dabei waren. Zum Abschied streichelte Harry noch einmal über Severus' Bauch, dann umarmte er seinen Daddy noch einmal fest. Severus küsste ihn auf die Stirn und murmelte einen Abschiedsgruß.

Zurück in Hogwarts ging er wirklich direkt in sein Labor und setzte die benötigten Tränke auf. Es fiel ihm selbst immer schwerer, zurück nach Hogwarts zu gehen. Daher erhoffte er sich Ablenkung durch die notwendige Arbeit im Labor. Während er arbeitete und die Zutaten vorbereitete, stieß ihm erneut sein Zutatenschrank sauer auf. Auch wenn er vor kurzem Charlie Weasley aufräumen hatte lassen, herrschte schon wieder eine gewaltige Unordnung, sodass er nicht einmal sehen konnte, welche Dinge er erneuern musste. Also braute er die Tränke fertig, füllte sie ab, und machte sich anschließend daran, die Zutaten wieder ordentlich zu sortieren. Eine langweilige, aber sehr notwendige Arbeit, um die Übersicht zu behalten. Nichts war schlimmer, als beim Brauen eine notwendige Zutat nicht zu haben, weil einem die Übersicht fehlte. Nach einer Weile, als es langsam wieder übersichtlich sortiert war, fiel ihm die Phiole mit Lobulaggift auf, die er von Black – Sirius – bekommen hatte. Irgendetwas daran irritierte ihn. Er nahm sie heraus und hielt sie gegen das Licht, doch es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Vorsichtig öffnete er sie und roch kurz daran, bevor er sie beinahe fallen ließ. Mit zitternden Fingern verschloss er sie erneut, dann stürmte er aus der Tür und die Treppen nach oben, ignorierte dabei die neugierigen Blicke der Schüler, die noch auf den Gängen waren. Erst in Dumbledores Büro blieb er schwer atmend stehen.

„Severus, mein Junge. Was ist los, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen?“, fragte Albus überrascht. Der Anblick seines Tränkemeisters verwirrte ihn, so aufgelöst und aufgeregt hatte er ihn noch nie erlebt. Severus hielt ihm nur wortlos die Phiole hin, er hatte nicht genug Luft zum Sprechen übrig, so schnell war er hier herauf geeilt. Der Weißhaarige nahm sie und drehte sie planlos in der Hand hin und her. „Lobulaggift“ las er vom Etikett.

„Eben nicht.“, keuchte der Tränkemeister. Ob vor Anstrengung oder Überraschung war nicht genau erkennbar. „Das sieht auf den ersten Blick so aus, aber siehst du, wie es sich verhält, wenn du es schwenkst? Es ist nicht so flüssig, wie es sein sollte. Und im Licht schimmert es nicht dunkelgrau, sondern es ist schwarz, tiefschwarz. Ich habe daran gerochen, es ist definitiv kein Lobulaggift. Das hier ist Basiliskengift.“

Zischend atmete Albus ein. „Bist du sicher?“

„Absolut.“, bestätigte der Schwarzhaarige und nickte gleichzeitig. Er war noch immer überrascht, aber sichtlich erleichtert.

„Dann können wir die Horkruxe vernichten?“, freute sich der Direktor. „Und ich kann mit dem Direktor von Gringotts reden.“

„Im Prinzip schon. Aber dennoch müssen wir erst einmal überlegen, nicht überstürzt handeln. Hast du eine Ahnung, wie wir an die Schlange kommen sollen?“, schränkte Severus ein.

„Bisher leider nicht.“, gestand Albus.

„Dann schlage ich vor, dass wir noch ein wenig warten.“, bremste der Tränkemeister. „Hier sind die Horkruxe sicher, außer uns weiß keiner, dass du sie hast. Nimm Kontakt auf mit den Kobolden, aber lass uns sehen, ob wir die Schlange irgendwie finden. Das Tagebuch sagte, sie würde den Lord finden, wenn er wiederkommt. Das meinte auch Lucius. Das bedeutet, sie muss eine gewisse Verbindung spüren. Vielleicht können wir das für uns nutzen? Was ist, wenn wir die Horkruxe nahe zusammen bringen? Würde die Macht, die sie ausstrahlen, genügen, um die Schlange anzulocken?“

„Hmm. Da bin ich mir nicht sicher, aber wir sollten es versuchen. Wir müssen nur darauf achten, dass wir uns gegen die dunkle Macht wappnen, damit sie uns nicht in den Bann ziehen kann.“, überlegte der Ältere. „Allerdings sollten wir das zu einer Zeit machen, wenn keine Schüler im Schloss sind, damit sie nicht in Gefahr geraten.“

„Du hast Recht.“, stimmte der Schwarzhaarige zu. Auch wenn er nicht alle Schüler mochte, in Gefahr wollte er sie dennoch nicht bringen. Außerdem war da noch seine eigene Schwangerschaft. Dieses Kind durfte nicht in Gefahr gebracht werden, auf keinen Fall! „Machen wir es in den Sommerferien, wenn mein Baby auch da ist. Remus kann dann mit den Kindern nach Spinners End, damit sie nicht in Gefahr sind. Ihnen darf nichts passieren.“

„Gut, dann machen wir es so.“, entschied Albus. Er wirkte deutlich erleichtert und man sah die neue Hoffnung. „Ich rede mit den Kobolden, du siehst zu, dass es dir gut geht. Wann kommen Harry und Remus?“

„Ende März oder Anfang April, meinte Poppy. Dann ist es hier warm genug, dass Harry nicht gleich wieder Gefahr läuft, krank zu werden, wenn er nach draußen geht. Im Moment ist der Temperaturunterschied einfach zu hoch.“, informierte Severus. „Und ich will ihn nicht einsperren, das war er viel zu lange.“

„Und das werde ich mir wohl nie vergeben.“, seufzte Albus, der sich schuldig fühlte. Immer noch. „Ich war so naiv, hätte nie geglaubt, dass Lilys Schwester ihren Neffen nicht lieben könnte. Ich hätte einen Weg finden müssen, nach ihm zu sehen.“

„Nicht, Albus.“, stoppte ihn der Tränkemeister. Er hatte seinem Vorgesetzten inzwischen vergeben, er hatte Harry schützen wollen. Auch wenn er dabei einen Fehler begangen hatte, so war es doch nicht absichtlich oder bösartig gewesen. „Es nützt Harry nichts, wenn wir uns fertigmachen. Er braucht uns jetzt und wir können sehen, dass wir seine Zukunft besser gestalten, damit er seine Vergangenheit hinter sich lassen kann.“

„Weise Worte, mein Junge.“, staunte der Schulleiter.

„Nicht meine. Remus. Auch ich mache mir Vorwürfe. Ich habe Lily versprochen, auf ihren Jungen zu achten.“, gab Severus ungewohnt ehrlich zu.

„Wir alle machen Fehler, das mag stimmen, aber ich hätte damals auf Minerva hören sollen. Sie hat mich gewarnt, hat diese Muggel den ganzen Tag beobachtet, bevor ich Harry zu ihnen bringen konnte.“, erzählte der Weißhaarige. „Ich habe damals Hagrid geschickt, den Jungen aus dem Haus zu holen, als ich sie gefunden habe. Ja, ich war da, ich habe Voldemorts Angriff gespürt. Es war so mächtige Magie, dass es nur dort sein konnte. Die Magie war deutlich spürbar, da ich immer so auf Riddle geachtet habe. Sie hat mir den Weg gewiesen. James und Lily waren tot, und Harry, er war nur leicht verletzt. Ich wollte ihn mitnehmen, doch mir war klar, dass irgendwo draußen ein Verräter herumlief. Meines Wissens nach war Sirius der Geheimniswahrer und Harry vertraute ihm, also habe ich den Zaubergamot und die magische Strafverfolgung eingeschaltet, damit sie sich um Sirius kümmern, das war mein zweiter großer Fehler. Ich hätte ihn selbst verfolgen sollen, vielleicht wäre es dann nicht so sehr eskaliert. Deshalb habe ich Hagrid geschickt und ihm eingebläut, dass er sich Harry von niemandem wegnehmen lassen darf. Ich habe ihn am nächsten Abend erst zu den Dursleys gebracht. Minerva hat so etwas offenbar geahnt und den ganzen Tag im Ligusterweg verbracht, die Muggel beobachtet. Sie hat mich gewarnt, dass sie extrem muggelig sind und der Sohn völlig verzogen wird. Ich habe wirklich geglaubt, dass sie ihn lieben werden. Wie kann man seinen eigenen Neffen hassen?“

Das war das erste Mal, dass Severus mitbekam, wie Albus über diese eine Nacht, diese Entscheidung sprach, die so viel in seinem Leben verändert hatte. Die sein Leben heute noch stark beeinflusste. Auch seine Erinnerungen gingen wieder zurück und er spürte, wie er zu zittern begann. Schnell ließ er seine Hände in der Robe verschwinden und verabschiedete sich. Nachdenklich sah der Ältere ihm nach, wie er fluchtartig das Büro verließ. Albus Dumbledore spürte, dass Severus noch lange nicht alle seine Dämonen hinter sich gelassen hatte. Er erinnerte sich, wie damals, nach den Weihnachtsferien im Frühjahr 1982 Remus in seinem Büro aufgetaucht war.

Flashback:

„Hallo Remus. Wie geht es dir?“, fragte Albus seinen Besucher.

„Es geht, aber Severus, er braucht Hilfe.“, gestand der Werwolf müde und völlig erschöpft. Albus konnte sehen, dass er schon länger nicht mehr gut geschlafen hatte, außerdem war er unrasiert und ungekämmt. Offenbar nahm ihn etwas sehr mit. Noch immer der Tod seines besten Freundes? Aber er meinte ja, es ginge um Severus. Was war da wohl los? Doch er musste wohl warten, bis der junge Mann ihm mehr erzählte. „Ich will ihm helfen, aber ganz alleine schaffe ich es nicht.“

„Was ist los? Er lässt niemanden mehr an sich heran, seit Lily gestorben ist.“, berichtete Albus. Nicht, dass er es nicht versucht hätte, aber Severus ignorierte seine Anfragen komplett, meldete sich nicht.

„Er ist vollkommen am Ende. Schon vor ihrem gewaltsamen Tod ging es ihm nicht gut, er hat nach ihrem Streit angefangen zu trinken und inzwischen ist er vollkommen dem Alkohol verfallen. Er kommt da nicht mehr alleine raus, obwohl er es jetzt auch will.“, erklärte Remus. Erschöpft wischte er sich über die Augen, strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„Was genau hat sich verändert? Er will jetzt aufhören?“, hakte der Direktor nach.

„Wir haben uns getroffen. Auf dem Nordturm. In der Nacht, als Sirius verhaftet worden war. Severus war schon seit Lilys Tod oben und hat sich betrunken, er wollte vergessen. Ich weiß bis heute nicht, warum er nicht schon gesprungen ist. Als ich von dir erfahren habe, dass nicht nur James und Lily tot sind, sondern auch, dass Sirius sie verraten hat, ging ich auch hinauf. Ich wollte springen, aber irgendwie konnte ich es nicht, als auch Severus dort war. Wir sind irgendwann in seine Wohnung und blieben dort für eine ganze Weile, er hat es einfach akzeptiert, dass ich auf seinem Sofa geschlafen habe. Wo sollte ich hin? Sirius war ein Verräter, Peter war tot, genau wie James und Lily. Ich war ganz alleine, wusste nicht mehr, wohin. Severus hat fast nur getrunken, er saß stundenlang da und starrte in die Flammen im Kamin, hielt sich an seiner Flasche fest. Ich denke, es war seine Art zu trauern, vielleicht auch, seine Schuldgefühle zu ertränken. Keine Regung war in seinem Gesicht zu sehen, er war starr. Irgendwann bin ich zusammengebrochen, ich konnte nicht mehr. Obwohl er eigentlich vollkommen betrunken gewesen sein müsste, hat er mich aufgefangen und wir haben geredet. Über James, Lily, Sirius, Peter. Über uns und alles, was da zwischen uns war. Er hat mich in den Arm genommen, als ich ihn darum gebeten habe, mich zu halten. Auch, wenn er keine Ahnung hatte, was er genau da macht. Vielleicht war es der Alkohol, dass er so offen reagiert hat, aber ich bin froh darüber. Wir sind inzwischen zusammen. Jetzt will er auch aufhören mit dem Trinken, aber er schafft es fast nicht. Ich will ihm helfen, ihn da rausholen. Aus der Sucht. Aber ich schaffe es nicht alleine. Er ist seit zwei Wochen ohne Alkohol, der Entzug ist heftig, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, ich muss immer da sein, komme nicht zum Schlafen, und morgen ist Vollmond.“ Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in den Händen.

„Remus, ich werde kommen und helfen. Wo seid ihr?“, wollte Albus wissen.

„In Spinners End. Ich wusste nicht, wohin mit ihm, aber das Haus tut ihm nicht besonders gut. Gerade schläft er, ich habe ihm Traumlos-Trank gegeben, der wirkt noch vielleicht eine Stunde.“, wisperte Remus durch die Finger. Der junge Mann schien völlig am Ende seiner Kraft zu sein, er zitterte und schwankte. Hatte er es wirklich geschafft, zwei Wochen Entzug mit einem Alkoholiker alleine durchzustehen? Albus zollte ihm Respekt, das schafften die Wenigsten. Aber er wusste auch, dass Severus sicher nicht wollte, dass jemand ihn in diesem Zustand sah, der Schwäche ausstrahlte.

„Wie schlimm ist es?“, erkundigte sich Albus.

„Ich denke, die schlimmste Zeit hat er hinter sich.“, antwortete Remus müde. „Er kämpft immer noch gegen den Drang an und zittert fast dauerhaft, aber kein Delirium mehr, und die Aggressionen sind auch weg. Er ist fast wieder er selbst. Allerdings will ich ihn nicht alleine lassen. Wenn er anfängt mit Selbstvorwürfen, dann schafft er es möglicherweise nicht, dem Drang zu widerstehen. Auch wenn im Haus kein Alkohol mehr ist, er weiß, wohin er gehen muss, und noch einen Entzug schaffen wir beide nicht.“

Albus ging mit ihm und als Severus wieder wach wurde, konnte er sehen, wie peinlich es dem jungen Tränkemeister war, dass er ihn in diesem Zustand sah: zitternd, unrasiert, extrem abgenommen, blass mit Augenringen, die das Gesicht noch schmaler und ungesünder wirken ließen. Die Nacht wurde unruhig, Albus blieb an Severus' Seite, der wirklich hart kämpfte. Immer wieder hatte er ihn einfach in den Arm genommen und leise mit ihm gesprochen, wenn der Jüngere nicht mehr konnte. Das war das einzige Mal gewesen, dass sich Severus tatsächlich bei ihm festgehalten hatte. In jener Nacht war Albus sein Halt gewesen. Seither waren sie sich näher gekommen und er sah eine Art Sohn in dem Schwarzhaarigen. Ohne ein Wort der Anklage oder des Vorwurfs hatte er ihn nach drei weiteren Wochen zurück in Hogwarts willkommen geheißen, wo er den Unterricht abhielt, als wäre nie etwas gewesen.

Flashback Ende

Albus riss sich aus seinen Gedanken. Er musste sich dringend etwas für den Tränkemeister einfallen lassen, denn ihm ging es nicht besonders gut. Das war mehr als deutlich erkennbar, auch wenn die Schüler und die meisten Lehrer es nicht erkennen würden. Aber er selbst kannte den jungen Mann deutlich besser. Nie hätte er geglaubt, dass gerade Severus Snape sich in den Sohn seines Erzfeindes James Potter verlieben könnte. Der strenge und abweisende Kerkermeister war vernarrt in seinen Adoptivsohn und vermisste ihn sichtlich. Remus auch, das war dem Schulleiter klar, aber sobald der Name Harry fiel, huschte ein Schatten über das Gesicht von Severus. Ja, die Beiden mussten hierher, zu ihm. Sie waren eine Familie, das mussten sie nun auch nach außen hin sein können. Der Kleine bedeutete seinem Vater so viel, und jetzt war noch weiterer Nachwuchs unterwegs, der zwar nicht geplant war, aber scheinbar bereits geliebt wurde. Dann war der Tränkemeister endlich nicht mehr alleine. Sicher gab es in Zukunft dann auch weniger Beschwerden von Schülern, weil der Kerkermeister ihnen angeblich ungerechtfertigt Punkte abzog. Nun, grundlos war es sicher nie, aber übertrieben hart war er schon. Das wusste auch Albus, aber es war schwer, ihn zu ändern. Die notwendige Strenge hatte sich in Härte verwandelt. Vielleicht auch unbewusst, um niemanden nah genug an sich heran zu lassen, dass niemand Verdacht schöpfte. Er wollte seine Schwangerschaft und seine Familie schützen. Das war auch sein gutes Recht. Der Schulleiter seufzte, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen weiteren Brief an den Direktor von Gringotts, in dem er um einen persönlichen Termin bat, damit er mit ihm über den Becher sprechen konnte.

Achteinhalb Wochen später war es endlich so weit: Remus und Harry zogen in Hogwarts ein. Severus war in diesen Wochen mehrmals im Krankenflügel gewesen, weil er zusammengeklappt war, einmal sogar im Unterricht. Der Schwindel wollte einfach nicht weniger werden, egal, was er tat. Poppy fand keine Ursache dafür, sie vermutete, dass es psychische Gründe hätte. Die Trennung von Remus und Harry machte ihm zu schaffen, auch wenn er versuchte, es zu verbergen. Es war ihm peinlich, dass seine Kollegen und sogar die Schüler das mitbekamen. Der Kollaps im Unterricht war zum Glück in einer Theorie-Stunde passiert. Die Drittklässler, Ravenclaw und Hufflepuff, hatten ruhig und besonnen reagiert. Zwei von ihnen waren in den Krankenflügel gerannt und hatten Poppy alarmiert, zwei weitere hatten ihn auf die Seite gelegt. Muggelgeborene Schüler, die bereits ein wenig Erste Hilfe gelernt hatten. So war er schnell in medizinischer Behandlung, was gut war, denn auf dem kalten Boden in den Kerkern hätte er sich möglicherweise noch verkühlt. Auch die anderen Zusammenbrüche waren glücklicherweise im Beisein seiner Kollegen passiert, sodass er immer schnell Hilfe gehabt hatte. Poppy wollte ihn am liebsten im Krankenflügel behalten, aber das wollte Severus auf keinen Fall.

Bei jedem Zusammenbruch waren Harry und Remus gekommen, bis es ihm wieder besser ging. Auch wenn Severus das nie zugeben würde, er hatte sich gefreut, wenn er nicht alleine sein musste. Die Einsamkeit machte ihm zu schaffen, sodass er in den letzten Wochen häufiger im Lehrerzimmer und beim Essen in der großen Halle anzutreffen war. Es war nicht die Gesellschaft, nach der er sich sehnte, aber es lenkte ihn ab, obwohl er sich selten an den Gesprächen um ihn herum beteiligte. Noch immer wussten nur die wenigen Menschen über seine Schwangerschaft, die es seit seinem Geburtstag wussten. Doch seit zwei Wochen wurde das immer weniger, da er sich immer erschöpfter fühlte und sich meist früh schlafen legte. Den Geburtstag von Remus hatten sie bei Lucy gefeiert, nur Harry, Severus, Remus und Lucy. Mehr schaffte der Tränkemeister gerade nicht. Albus hatte ihm einen Teil der Arbeiten abgenommen, damit er mehr Ruhe hatte, doch es half einfach nicht.

Remus hatte in diesen Wochen intensiv mit Harry gelernt, um ihn abzulenken, denn auch er vermisste seinen Daddy sehr. Der Kleine konnte nun fast flüssig lesen und sprach deutlich besser als zuvor, fast so gut wie Draco auch. Den Blonden hatte Severus häufiger besucht, aber sich über seine Schwangerschaft ausgeschwiegen. Sein Verhältnis zu Draco war enger als zuvor, wenn auch deutlich kühler als das zu Harry. Sein Patenkind war einfach anders erzogen, fühlte sich zu alt für Umarmungen oder ähnliche Zuneigungsbekundungen. Sogar mit Sirius hatte er sich getroffen, als der Black-Erbe ihn darum gebeten hatte. Sie waren in London gewesen, hatten sich zum Kaffeetrinken getroffen und ausgesprochen. Eine Freundschaft war noch nicht entstanden, aber sie waren auf einem guten Weg, ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Remus war glücklich, das zu hören, denn auch seine Freundschaft mit dem Animagus war wieder enger geworden. Sirius war einige Male in São Jorge gewesen und baute langsam auch eine Beziehung zu seinem Patenkind auf. Remus und Severus beobachteten es intensiv und hatten entschieden, die Patenschaft bei Sirius zu belassen, denn es schien, als vertraute ihr Kleiner dem Animagus weiterhin. Dennoch war der Kleine vorsichtig und zurückhaltend Sirius gegenüber, blieb nicht alleine mit ihm. Aber er sprach mit Sirius und freute sich, wenn dieser zu ihm kam.

Diesen Donnerstag konnte Severus das Ende des Unterrichtes kaum abwarten. Er wollte endlich seine Familie bei sich haben. Severus vergaß sogar, der fünften Klasse, die er in der letzten Stunde hatte, Hausaufgaben aufzugeben. Die hielten sich still und verschwanden schnell und leise. Der Tränkemeister huschte durch sein Büro und betrat die Wohnung voller stiller Freude. Seine beiden Männer müssten schon hier sein, sie wollten vormittags alles packen und nach dem Mittagessen abreisen. Und richtig, fröhliches Kinderlachen schallte aus dem Zimmer, sobald er die Verbindungstür öffnete. Der Fünfjährige flog auf seinem Besen durch das inzwischen deutlich vergrößerte Wohnzimmer. Der Tränkemeister musste sich mit einem beherzten Sprung zur Seite aus der Flugbahn seines Sohnes bringen und fing ihn auf, als er plötzlich anhielt und sich auf ihn stürzen wollte.

„Daddy!“, freute sich Harry. „Du bist endlich da!“

„Hallo mein Kleiner!“, schmunzelte Severus. „Wie geht's dir?“

„Gut. Kann ich jetzt hier bleiben?“, antwortete der Kleine.

„Ja, ihr Beide bleibt jetzt hier bei mir.“, bestätigte Severus mit einem warmen Lächeln und drückte Harry kurz an sich. „Wir wohnen hier gemeinsam. Du hast bestimmt schon gesehen, dass ich ein wenig mehr Platz als früher habe. Jetzt hast du ein richtiges Kinderzimmer, nicht so ein kleines Loch wie vorher. Und viel heller als früher, wir haben nun richtige Fenster, sogar eine Tür nach draußen. Die Küche ist groß genug, dass wir selbst kochen und darin essen können, und auch im Wohnzimmer haben wir mehr Platz. Nur das Schlafzimmer und das Bad sind gleich geblieben. Wobei im Schlafzimmerschrank nun auch Platz für die Sachen von Daddy Remus ist. Gefällt es dir hier?“

„Ja, Daddy. Es ist toll!“, lachte der Schwarzhaarige fröhlich.

„Es ist wirklich schön geworden!“, bestätigte Remus, der bisher die Begrüßung schmunzelnd beobachtet hatte. Nichts erinnerte mehr an den verängstigten Harry, den er aus dem Ligusterweg geholt hatte. „Und du hast sogar Fenster und einen Zugang zum Schlossgelände. Ich glaube, hier fühlen wir alle uns wohl.“

„Albus hat dafür gesorgt, dass wir Licht haben.“, berichtete Severus. „Er meinte, damit wäre die Wohnung viel besser für ein Kind. Er hat das Schloss darum gebeten, und nur wir können durch diese Tür gehen, damit ist dafür gesorgt, dass wir keinen ungebetenen Besuch bekommen.“

Remus ging auf seinen Mann zu und zog ihn an sich, küsste ihn lange und intensiv. „Ich habe dich vermisst.“, gestand er leise.

„Ich dich auch.“, musste Severus zugeben und schmiegte sich an den Dunkelblonden. Seit er schwanger war, war er viel anhänglicher geworden, genoss körperliche Nähe sehr. Harry tobte inzwischen wieder durch die Räume und erkundete alle Ecken. Das Kinderzimmer hatte eine Tür, die es direkt mit dem Schlafzimmer verband, damit er nachts schnell bei seinen Daddys sein konnte, wenn er schlecht träumte. Die andere Tür führte in den Flur. Von dort aus konnte man alle Räume der Wohnung betreten, das Wohnzimmer, die Küche, das Bad und das Schlafzimmer. Nur der Zugang zum Büro des Tränkemeisters war vom Wohnzimmer aus zu erreichen, und von dort aus kam man entweder in das Klassenzimmer oder in das Labor. Im Wohnzimmer dominierte eine schwarze Sofalandschaft den Raum, daneben ein Glastisch, auf dem Schokolade für Remus und ein paar Kekse für Harry standen. Die Wände waren mit Regalen zugestellt, in denen Severus seine Bücher hatte. Einige Fächer enthielten Boxen, in denen er seine Habseligkeiten aufbewahrte. Einige Boxen und Regalfächer waren leer, dort konnten die Bücher und Kleinigkeiten von Harry und Remus unterkommen. Der Boden war aus Holz, mit einem Zauber aufgewärmt, sodass auch Harry barfuß oder in Strümpfen herumlaufen konnte, denn das hatte er sich wohl bei Lucy angewöhnt. Im Kamin flackerte ein Feuer, das ein warmes Licht gab und von draußen schien die Sonne herein. Das Fenster war ziemlich groß ausgefallen mit einer breiten Fensterbank, die hatte Severus mit Polstern versorgt, sodass man dort sitzen und lesen konnte.

Der Holzboden war auch in der Küche und im Flur. Die Wände des Flures waren von Bildern verziert, entweder Fotos in Bilderrahmen oder aber die Zeichnungen von Harry, die Severus beim Umräumen aus dem Schlafzimmer geholt hatte. Hier kamen sie deutlich besser zur Geltung, wenn sie Besuch hatten. Auch, wenn er es wohl nicht laut sagte, Severus war stolz auf die künstlerischen Fähigkeiten seines Sohnes. In der Küche standen ein Holztisch und dazu passend fünf Stühle und ein Hochstuhl. Die Möbel waren hell, dafür aber die Arbeitsplatten aus einem dunklen Granitstein. Remus konnte sofort sehen, dass Severus hier für ihn eingerichtet hatte, denn der Werwolf liebte es, für sie zu kochen. Die Küche war sein Reich und er fühlte sich sofort wohl darin. Anschließend führte Severus sie ins Kinderzimmer. „Harry, du kannst dir noch überlegen, welche Farben oder auch Bilder du an den Wänden und der Decke haben willst. Auch die Farbe des Teppichs kannst du dir aussuchen.“, erklärte der Tränkemeister. „Wenn das Baby auf der Welt ist, wird es erst einmal bei uns schlafen, aber es kann sein, dass wir weiterhin nur ein Kinderzimmer haben, das weiß ich nicht, dann müsstest du das Zimmer mit dem Baby teilen. Bis dahin sollst du dir es aber so gemütlich machen, wie du magst. Sag mir einfach, was du haben willst. Du kannst dich bis morgen Abend immer noch umentscheiden, aber dann bleibt es so, einverstanden?“

„Wirklich?“, staunte Harry.

„Ja. Mit Zauberei ist das alles möglich, aber wir werden nicht jeden Tag umdekorieren, also überlege es dir genau.“, erwiderte Severus.

„Ich werde das morgen mit dir machen, während Daddy Sev im Unterricht ist.“, versprach Remus. „Und dann kannst du es ihm zeigen, wenn er kommt, einverstanden?“

Harry nickte und sah schon ziemlich überlegend aus. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, was er wie haben wollte. Er war wirklich viel offener und hatte keine Angst mehr, so lange keine ihm unbekannten Menschen in der Nähe waren. Demnächst allerdings hatte sich Lucius mit Narzissa und Draco angekündigt, das würde sicher wieder eine Menge Aufregung werden. Aber Severus stimmte Lucius zu, dass Harry nicht ohne Kontakt mit Gleichaltrigen aufwachsen sollte. Remus wollte auch zu den Weasleys gehen mit ihm, immerhin schuldete er Percy noch ein neues Haustier, und er hatte ihm einen Besuch im Tierladen der Winkelgasse versprochen. Den er allerdings bisher aufschieben hatte müssen, da es Harry einfach nicht gut genug ging. Das würden sie demnächst wohl nachholen.

Sie ließen Harry auf seinem Schaukelstuhl sitzen und gingen nach nebenan ins Schlafzimmer. „Ich habe es etwas heller gestaltet, weil ich weiß, du magst es nicht so dunkel.“, gestand Severus, als er die Tür öffnete.

Remus warf einen Blick in den Raum und war sprachlos. Früher hatten hier schwarze Möbel, dunkelgrüne Wände mit silbernen Ornamenten und schwarze Bettwäsche ein dunkles und kühles Ambiente verbreitet, jetzt waren die Möbel aus einem walnussbraunen Holz und die Wände in hellen Gelbtönen gehalten. Die silbernen Ornamente waren geblieben, aber sie wirkten nun edel. Das Bett war mit einer dunkelgrünen Bettwäsche bezogen, dafür aber hatte Severus einen weißen Betthimmel darüber gezaubert. Der Teppich war cremeweiß und ganz weich, sodass es kein Problem war, barfuß zu laufen, was der Werwolf am liebsten machte. Auf den beiden Nachtschränkchen, die rechts und links vom Kopfende des Bettes standen, lagen Bücher. Das wunderte Remus überhaupt nicht, er wusste, der Tränkemeister las unheimlich gerne im Bett. Außerdem war auf Severus' Seite die Phiole mit seinem Trank, den er aufgrund der Schwangerschaft immer morgens und abends nehmen musste, daneben eine Kanne Wasser. „Das ist wunderschön geworden!“, strahlte Remus. „Danke. Ich liebe dich!“

Wieder küssten sie sich und konnten es kaum fassen, dass sie endlich beieinander bleiben konnten. Erst, als Harry an ihren Armen zupfte, sahen sie auf. „Du hast Hunger, Harry.“, ahnte der Tränkemeister. „Komm, gehen wir in die Küche und lassen uns einige Sandwiches bringen.“

„Ich muss mal.“, zappelte Harry herum, als Severus ihn hoch nahm.

„Dann komm.“, entschied der Tränkemeister, setzte ihn wieder ab und ging mit ihm ins Bad. Hier war alles schwarz-weiß gehalten. Die Fliesen waren schachbrettartig gemustert, die Dusche ebenerdig und in eine Nische gebaut, in der mehrere Düsen einen Wasserfall oder feinen Nebel schaffen konnten. Daneben eine schwarze Badewanne – ganz wollte der Tränkemeister nicht auf sein geliebtes Schwarz verzichten – und eine Toilette, die Harry nun ansteuerte. Auch hier hatte Severus für einen geeigneten Sitz gesorgt, und einen Hocker für Harrys Füße daneben gestellt. Der Kleine ging selbständig und wusch sich danach die Hände in dem kleinen Waschbecken, das in kindgerechter Höhe angebracht war und auf dem eine Schaumseife stand. Ein flauschiges und buntes Handtuch wartete nur darauf, dass er seine Hände abtrocknen wollte.

Nach dem Abendessen und einem kurzen Bad setzte sich Severus mit Harry auf das Fensterbrett im Wohnzimmer und las ihm eine Geschichte aus einem Muggelmärchenbuch vor. Der Kleine schlief bald ein. Remus hob ihn vorsichtig hoch und trug ihn ins Kinderzimmer, wo er ein Nachtlicht brennen ließ, damit Harry nicht völlig orientierungslos wurde in der Nacht, sollte er aufwachen. Außerdem gab er ihm seinen Kuschelwolf in die Hand. Zärtlich strich er seinem Kleinen über die Wange und deckte ihn sorgfältig zu. Zurück im Wohnzimmer fand er Severus, der noch immer auf dem Fensterbrett saß. Remus setzte sich zu ihm und zog ihn in die Arme. „Was hast du?“, wollte er schließlich wissen, denn er spürte, dass Severus bedrückt war.

„Ich …“ Severus konnte es nicht sagen. Seine Gefühle fuhren Achterbahn. Er freute sich so sehr, dass sie bei ihm waren, aber auf der anderen Seite war er unsicher, weil er solch ein Familienleben nicht kannte. Was, wenn er einen Fehler machte? Die Anspannung in ihm steigerte sich immer weiter.

„Es ist gut, Sev. Wir sind hier. Entspann dich.“, murmelte Remus in sein Ohr. „Du denkst an früher, an ein Glas Wein und ein gutes Buch dazu, nicht wahr?“

„Wird es jemals aufhören?“, wisperte der Schwarzhaarige.

Remus konnte das Zittern fühlen. „Ich weiß es nicht. Ich bin da.“, versicherte er leise.

Severus ließ sich fallen und lehnte sich an seinen Mann. Manchmal fragte er sich, was er dem Dunkelblonden bieten konnte, dass dieser nie gegangen war, aber er war froh darüber. Wie oft hatte er im Entzug Dinge gesagt, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, die aber Remus mit Sicherheit verletzt hatten? Und doch war er geblieben und hatte ihn nie alleine gelassen. Immer hatte er sich verlassen können auf den Werwolf. Vielleicht hatte ihn auch die Hoffnung gerettet. Die Hoffnung darauf, dem Werwolf zu einem leichteren Leben zu verhelfen. Statt zu trinken hatte er sich schließlich in die Forschung gestürzt und es geschafft, Wolfsbann zu entwickeln, damit Remus nicht mehr so leiden musste bei seiner Verwandlung, und auch, damit er die Kontrolle behielt. Darin waren sie einander erstaunlich ähnlich – sie wollten die Kontrolle behalten.

„Was hältst du davon, wenn wir uns in die Wanne legen?“, hauchte Remus nach einem längeren Schweigen. „Und dann früh ins Bett gehen?“ Severus' Antwort bestand darin, aufzustehen und Remus' Hand zu nehmen. Gemeinsam gingen sie ins Bad.

 

Die Nacht wurde unruhig, aber das hatten sie erwartet. Gegen kurz nach Mitternacht wachten sie auf, weil sie Harry weinen hörten. Der Kleine war aufgewacht und kannte sich nun nicht mehr aus. Also ging Remus zu ihm und redete eine Weile leise mit dem Fünfjährigen, der sich aber nicht beruhigen konnte. Schließlich kamen Remus, Harry und der Kuschelwolf, den Harry irgendwann Kana genannt hatte, zu Severus ins Bett. Der legte im Halbschlaf seine Arme um Harry und murmelte ihm beruhigende Worte zu, bevor sie wieder einschliefen, Harry in der Mitte zwischen seinen Daddys. Danach wurde es ruhig, alle schliefen friedlich.

Am Morgen schälte sich Severus vorsichtig aus dem Bett, weil er die Beiden nicht aufwecken wollte, aber er musste unterrichten. Das Frühstück nahm er weiterhin in der großen Halle ein, auch wenn er sicher war, dass es sich unter den Schülern schnell herum sprach, dass sein Mann und sein Sohn im Schloss lebten. Da Harry nun auch nach draußen konnte, würden sie schon bald gesehen werden. Nun, das würde die Gerüchte um sein Verhältnis mit Poppy, die noch immer im Umlauf waren, obwohl alle Schüler wussten, dass er verheiratet war, sicher zum Verstummen bringen.

„Guten Morgen!“, grüßte er gut gelaunt seine Kollegen und den Schulleiter. So gesprächig war er schon lange nicht mehr gewesen, und das fiel sofort auf am Lehrertisch.

„Guten Morgen, Severus!“, gab Filius Flitwick überrascht zurück. „So gute Laune heute?“

„Remus und Harry wohnen seit gestern im Schloss.“, verriet Severus leise.

„Na dann kann ich verstehen, dass du so gute Laune hast!“, lächelte Minerva. „Und sonst geht es dir auch gut?“

Er wusste, dass sie ihn auf die Schwangerschaft ansprach, es aber nicht verraten wollte. „Ja, alles in Ordnung.“, antwortete er daher schlicht.

Während Severus unterrichtete, tobte sich Harry mit Remus im Kinderzimmer aus. Die Wände wechselten die Farbe im Minutentakt. Bei der Decke war Harry schnell sicher, was er wollte. Einen richtigen Sternenhimmel. Also hatte Remus die Decke dunkelblau, fast schwarz gezaubert und verschiedene Sternbilder darauf verteilt, die in der Nacht leuchteten. Außerdem hatte er dann nachts ein wenig Licht, sodass er nicht in absoluter Dunkelheit schlafen musste, was ihn schnell in Panik versetzte. So ganz war die lange Zeit im Schrank bei seinen Verwandten noch nicht vergessen. Das Fenster hatte Harry sich so wie im Wohnzimmer gewünscht, daher hatte er nun auch Sitzkissen auf der Fensterbank, auf denen er sich einkuscheln konnte und die Schüler draußen beobachten, die gerade ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ hatten. Völlig fasziniert hatte Harry eine Weile sogar die Wände vergessen. Remus nutzte die Gelegenheit und drückte seinem Kleinen einen Snack in die Hand, den er aus der Hand essen konnte, während er den Unterricht draußen beobachtete.

Aus einer Laune heraus zauberte Remus in den nächsten knapp zwei Stunden auf eine Wand einen Wald mit vielen verschiedenen magischen Geschöpfen. Dort lief ein Einhorn herum und ein Phönix flog zwischen den Bäumen hin und her. Hippogreife und Niffler, Runespoor und Bowtruckles, Billywigs und Fwuupers, Diricawls und sogar ein Occamy tummelten sich auf der Wand. Als Harry sich endlich von der Unterrichtsstunde draußen losreißen konnte, starrte er fasziniert die Wand an. „Gefällt sie dir, oder soll ich sie anders zaubern?“, fragte Remus schließlich.

„Die ist toll, Daddy!“, strahlte der Kleine.

„Gut, dann lassen wir sie.“, freute sich Remus. „Dann gehen wir jetzt essen und danach machen wir die anderen Wände.“

„Okay, Daddy.“, stimmte Harry zu, der tatsächlich Hunger hatte.

Neugierig kam Severus am Nachmittag nach dem Unterricht zu ihnen. Gerade war Harry noch dabei, zu entscheiden, ob die Wand hinter dem Schrank blau oder grün werden sollte. Der Schrank selbst blieb einfach in dem Holz, aber Remus hatte einen Spiegel auf die Türen gezaubert, sodass Harry sich immer sehen konnte. Der Bettbezug hatte fliegende Besen und Schnatze darauf, der Boden war genau wie im Schlafzimmer und die Wand am Fenster war dort, wo kein Regal und kein Schreibtisch stand, hellblau mit goldenen Mustern. Die dritte Wand im Raum war hellgrün mit silber. Das hatte Harry gefallen, denn eine Wand mit Bewegung reichte, wie Remus entschieden hatte. Als Harry seinen Daddy entdeckte, sprang er vom Bett, auf dem er gesessen hatte, und rannte zu ihm. „Daddy! Du bist wieder da!“, freute er sich. „Daddy Remus hat leuchtende Sterne an die Decke gezaubert!“

„Dann hast du immer Licht in der Nacht!“, lächelte Severus. „Und es sieht wunderschön aus. Gefällt es dir, so wie es ist?“

„Ja, so soll es bleiben.“, bestimmte Harry ernst.

„Sehr gut! Dann können wir jetzt ein bisschen nach draußen gehen.“, entschied Severus. „Ich könnte ein bisschen frische Luft gebrauchen. Und ich sehe, du magst magische Wesen?“ Der Tränkemeister deutete auf die Wand mit dem Wald. Harry nickte mit leuchtenden Augen. „Dann sollten wir mal sehen, ob Hagrid zu Hause ist, er kann dir sicher das eine oder andere Wesen vorstellen.“, beschloss der Schwarzhaarige. „Zieh dich an, dann gehen wir.“ So schnell konnte keiner schauen, war Harry fertig angezogen und wartete an der Glastür im Wohnzimmer.

Schnell rannte Harry in den Flur, wo sie die Jacken und Schuhe hatten. Brav setzte er sogar seine Mütze auf, als Remus sie ihm hinhielt. Es war zwar nicht mehr ganz so kalt, aber so warm wie auf den Azoren war es noch lange nicht, und sie wollten verhindern, dass Harry wieder krank wurde. Lang genug hatte es gedauert, bis er endlich gesund war. Sein Immunsystem war noch nicht so stark, dass es die vielen, verschiedenen Keime, die hier in Hogwarts herum schwirrten, einfach so abwehren konnte. Vor allem, wenn der Körper gleichzeitig noch die Wärme erhalten musste. Komplett angezogen stand Harry nun erst einmal eine Weile in der offenen Tür. Ihm war durchaus bewusst, dass er nun zum ersten Mal nach draußen ging, wenn auch die Schüler Freizeit hatten. Zwischen seinen Daddys in Sicherheit, wagte sich der Kleine dann auch nach draußen. Einige Schüler waren ebenfalls im Freien, saßen lernend oder lesend am großen See oder liefen einfach herum. Sobald sie das Trio sahen, begannen sie zu starren. Je mehr Blicke auf sie gerichtet waren, desto unsicherer wurde Harry. Er klammerte sich ängstlich an seine Daddys.

Severus warf mit eisigen Blicken um sich und einige Schüler hatten den Anstand, rot zu werden und sich abzuwenden, doch die meisten von ihnen waren offenbar starr. „Was gibt es hier zu starren?“, knurrte der Tränkemeister ein paar besonders neugierige Schüler aus Gryffindor an. „Sie machen meinem Sohn Angst. Wer in dreißig Sekunden immer noch hier ist, dem ziehe ich dreißig Hauspunkte ab, und sie werden Strafarbeiten bei Mister Filch machen.“

Schnell verschwanden die Kinder, und Harry wagte sich wieder hinter Remus' Bein hervor, wo er in Deckung gegangen war, als es ihm zu viel wurde. Sie gingen weiter und die Blicke wurden zwar nicht weniger, aber sie hielten wenigstens größeren Abstand, sodass Harry nicht ganz so viel Angst hatte. Remus genoss es, Harry viele der Plätze zu zeigen, an denen er früher mit dessen Vater gesessen und gelernt oder gelesen hatte. Eine halbe Stunde später waren sie bei Hagrid, der gerade im Auftrag der Professorin für ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ einige Einhörner aus dem Wald geholt hatte. Im verbotenen Wald lebten sogar zwei Einhorn-Herden, und einige Tiere waren von Hagrid schon einmal gepflegt worden, wenn sie verletzt waren, diese waren nun bereit, sich von den Schülern ansehen und sogar anfassen zu lassen. Harry war begeistert, als eine junge Stute zu ihm kam und sich streicheln ließ. Seine Finger krabbelten über das seidige, warme Fell, und die Stute schien es zu genießen, denn sie hielt absolut still, auch wenn Harry anfangs erst lernen musste, wie er ihr etwas Gutes tat. Vorsichtig tasteten seine Finger schließlich sogar über das Horn, das nicht glatt war, sondern in sich gedreht. Dafür neigte die Stute ihren Kopf zu ihm hinunter. Der Fünfjährige war ganz vorsichtig, wollte der Stute nicht wehtun.

„Hier, gib ihr 'n paar Rüben.“, deutete Hagrid auf einen kleinen Eimer. Harry griff nach einer der Karotten und hielt sie der Stute hin. Mit ihren Lippen griff sie danach, als wüsste sie, dass sie ebenso vorsichtig sein musste, wie der Junge bei ihr.

„Das is' der Kleene von James un' Lily, nich' wahr?“, fragte Hagrid die beiden erwachsenen Besucher, die aufmerksam auf Harry achteten.

„Ja. Aber es sollte sich nicht herumsprechen.“, antwortete Remus.

„Werd's nie nich verraten. Wollt ihn damals nich' zu den Muggeln nich' geb'n. Die war'n nich' nett, denk' ich. Sie wollt'n ihn nie nich' hab'n. Black wollt'n nehm', aber das wollt' Dumbledore nich'. Wusst' was, was ich nich' gewusst hab. Aber s'war alles falsch. Hat mir leid getan, der junge Sirius, mein' ich. Der war fertig mit der Welt, als ich'n geseh'n hab. Hat mir sein Motorrad gegeb'n, damit ich den Jungen wegbringen konnt'. Hat er geliebt, sein Motorrad, genau wie seinen Kleenen.“, polterte Hagrid vor sich hin.

„Sirius ist frei.“, erzählte ihm Remus. „Er ist in London und versteht sich gut mit Harry. Sie kommen sich näher.“

„Weiß schon, dass er frei is'. War nich' zu überseh'n, der Prophet hat's groß raus gebracht. Sogar die Beteiligung von Professor Snape hab'n se nich' vergessen.“, grinste der Halbriese.

„Leider.“, grummelte Severus. Er hätte es lieber gesehen, wenn er nicht in der Zeitung gelandet wäre. Aber das hatte sich nicht vermeiden lassen. Die ganze Geschichte war im Ministerium schnell bekannt geworden, und das hatte die Presse natürlich mitbekommen. Und sie hatten es ausgeschlachtet. Immerhin hatten sie bisher geschafft, dass Harrys Geschichte nicht bekannt geworden war. Wahrscheinlich ging das aber nicht mehr lange gut, wenn sie hier in Hogwarts waren. Die Schüler würden ihn sehen, es ihren Eltern schreiben. Es würde wohl nicht lange dauern, bis die falschen Leute davon erfuhren. Und dann mussten sie wirklich gut auf ihren Kleinen aufpassen. Aber das Risiko gingen sie nun ein, denn Severus wusste, alleine würde er nicht mehr lange sein können. Er brauchte seine Familie um sich, war so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Trotzdem machte ihm das Ganze Angst. Auf keinen Fall wollte er seine Familie verlieren. So wechselten sich Angst und Freude immer wieder ab.

Sie verabschiedeten sich bald wieder von Hagrid, denn für Harry war es langsam Zeit zum Abendessen. Remus musterte seinen Mann, er spürte die Stimmungsänderung deutlich. Doch vorerst sprach er ihn nicht darauf an, das würde bis nach dem Essen warten müssen, wenn Harry schlief. Sie hatten nun zwei Tage Wochenende vor sich, allerdings hatten sich am Sonntag die Malfoys angekündigt, sie kamen zum Mittagessen und blieben bis nach dem Kaffeetrinken. „Sev? Was ist los?“, wollte Remus wissen, als Harry endlich eingeschlafen war. „Du hattest noch nie Stimmungsschwankungen, ist das nur die Schwangerschaft oder beschäftigt dich etwas so sehr?“

Severus schwieg eine ganze Weile, aber er schien nachzudenken. Remus zog ihn einfach an sich und blieb ruhig, wartete ab. Es war nicht leicht für den Tränkemeister, die richtigen Worte zu finden, um seine Gefühle auszudrücken. Vor allem, weil er nie gelernt hatte, über Gefühle zu sprechen. Doch er wusste, Remus würde sich nicht ablenken lassen. Nur Remus konnte er sich so weit öffnen, um überhaupt über Gefühle zu sprechen. „Ich hätte nie geglaubt, wie glücklich ein Kind macht.“, wisperte er schließlich. „Ich dachte immer, dass es nichts Schöneres gibt, als ein Leben mit dir, obwohl ich mich immer noch frage, was du an mir findest. Ja, ich bin froh, dass du mich nicht alleine gelassen hast, aber ich verstehe es nicht.“ Er verstummte für den Moment und wartete auf die Reaktion seines Partners.

„Sev, Liebe ist nichts, das man verstehen kann.“, lächelte Remus beruhigend. „Ich habe mich verliebt in dich, nicht in eine idealisierte Version von dir, sondern in dich, mitsamt deinen Ecken und Kanten. Du hast nie aufgegeben, hast so hart gekämpft, das habe ich bewundert. Du hast nicht nur dich selbst da rausgeholt, sondern mich auch noch mit. Du gibst mir ein Zuhause, nein, mehr noch, eine Perspektive. Du unterstützt mich, hast sogar Forschung betrieben, um mir zu helfen. Du bist da, wenn ich jemanden brauche und ich will nie wieder ohne dich sein. Und als ich Harry gebracht habe, hast du ihn einfach akzeptiert, ihn aufgenommen, ungeachtet dessen, dass er aussieht wie dein schlimmster Alptraum. Ich weiß, wie sehr du unter James gelitten hast, und doch hast du seinen Sohn sofort ins Herz geschlossen, bei dir aufgenommen. Bei uns aufgenommen. Severus, du bist der Mensch, ohne den ich nicht mehr leben will. Ich liebe dich.“

Der Tränkemeister schluckte. Zwar wusste er, was Remus empfand, aber so deutlich hatte dieser es bisher auch noch nicht ausgesprochen. Er hatte das Bedürfnis, auch ihm zu gestehen, was er empfand. „Du bist mein Leben, Remus.“, gestand Severus. „Du akzeptierst mich so, wie ich bin, hast nie versucht, mich zu ändern, auch wenn du der Mensch bist, für den ich alles verändern würde. Du machst mich glücklich, mehr als ich jemals geglaubt habe, fühlen zu können. Heute Nachmittag ist es mir bewusst geworden, wie sehr ich dich und Harry liebe. Und dann, als Hagrid von der Zeitung gesprochen hat, wurde mir auch bewusst, wie gefährlich es für Harry werden kann, wenn die Zeitungen darauf stoßen, wer dieses Kind an meiner Seite ist. Die Todesser wollen immer noch an Harry herankommen. Wie soll ich ihn beschützen? Ich möchte euch bei mir haben, euch nicht einsperren, aber das bringt euch in Gefahr, vor allem Harry. Da sind noch so viele, die ihn töten wollen.“ Er war froh, dass Remus seinen Halt um ihn festigte.

„Wir werden ihn gemeinsam beschützen, und im Sommer sorgen wir dafür, dass der Lord nicht mehr kommt.“, beruhigte Remus. Er hielt Severus fest und küsste ihn sanft in den Nacken, da er sich mit dem Rücken an Remus' Brustkorb lehnte. „Ich werde euch dabei helfen, denn auch ich will nicht, dass du oder Harry verletzt werdet. Oder unser Baby. Du willst die Welt sicherer machen. Genau das will ich auch. Lass mich dir dabei helfen. Für Harry, für unser Baby.“ Zärtlich strich der Werwolf dabei über den inzwischen deutlich gerundeten Bauch und liebkoste ihn. Mit geschlossenen Augen lehnte sich Severus fest an seinen Mann und genoss diese sanften Berührungen. „Ich kann es einfach nicht fassen!“, hauchte Remus irgendwann. „Wir bekommen ein Baby!“

„Ja, das ist wirklich unfassbar.“, bestätigte Severus. Seine Augen leuchteten.

„Bereust du es?“, fragte Remus leise. Er war unsicher, hatte er Severus doch gezwungen, wenn auch indirekt?

„Nein.“, antwortete Severus fest. Ehrlich. „Auch wenn ich anfangs gezweifelt habe. Aber du und Harry, ihr habt euch so sehr gefreut, da wollte ich es auch. Und inzwischen habe ich mich an den Gedanken gewöhnt und freue mich sogar darauf. Ich hätte es nie in Betracht gezogen, auch wenn ich wusste, dass du es dir irgendwann wünschen würdest. Ich war sicher, dass ich es nicht kann, ich habe nie gelernt, wie man ein guter Vater ist. Aber Harry scheint es zu passen, und so langsam glaube ich, dass ich es mit dir zusammen schaffen werde. Es ist unglaublich, dass da ein Baby in mir wächst! Poppy will morgen kommen und mich untersuchen. Vielleicht kann sie uns auch sagen, was es wird.“

„Willst du es denn wissen?“, staunte der Dunkelblonde.

Severus nickte. „Ja. Ich hatte genug Überraschung. Ich will mich wenigstens darauf vorbereiten, ob wir einen Sohn oder eine Tochter bekommen. Im Prinzip ist es egal, aber ich möchte es wissen, einfach nur, um vorbereitet zu sein.“

Nun war es an Remus, zustimmend zu nicken. „Das verstehe ich. Wir hatten wirklich eine Menge Überraschungen in den letzten Monaten. Dann lassen wir es uns sagen. Harry freut sich bestimmt auch, wenn wir wissen, ob er einen Bruder oder eine Schwester bekommt.“, freute sich Remus.

Er schmiegte sich an seinen Mann und sie genossen die Nähe zueinander. Nur kurz stand er auf und holte Tee aus der Küche, damit verbrachten sie den Abend. Wie früher las Severus heute vor, und Remus legte sich schließlich mit dem Kopf auf den Schoß des Tränkemeisters. Als ihm die Augen zufielen, gingen sie ins Bett, wo sie nicht besonders lange alleine waren. Harry brauchte offenbar noch eine Weile, um sich zu orientieren, denn er kam mitten in der Nacht, weil er nicht wusste, wo er war. Immerhin war er sicher genug, um selbst ins Schlafzimmer zu kommen, als er nicht mehr schlafen konnte. Sie ließen ihn in ihre Mitte krabbeln, und dort schlief er ruhig weiter.

Den Samstagvormittag nutzte Severus, um die Aufsätze der Schüler zu korrigieren. Auch wenn Albus ihm eine Weile die Arbeit abgenommen hatte, wollte er es nun wieder alleine schaffen. Mit Remus und Harry bei sich fühlte er sich auch deutlich besser. Die Arbeit ging ihm so leicht von der Hand wie lange nicht mehr. Ein Aufsatz nach dem anderen landete auf dem Stapel der fertig korrigierten. Hochkonzentriert benotete er die Ergüsse seiner Schüler. Nach drei Stunden kam Harry dann zu ihm und bettelte, dass er mit seinen Daddys nach draußen gehen wollte, also legte er die Aufsätze beiseite und sie gingen bis zum Mittagessen spazieren. Anschließend kam Poppy, daher durfte Harry heute auf seinen Mittagsschlaf verzichten.

Die Heilerin checkte den Fünfjährigen kurz, war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. „Er sollte noch ein wenig vorsichtig sein, die Knochenstruktur ist noch nicht ganz so stabil, aber es sieht gut aus, weit besser als vor fast neun Monaten. Gut gemacht, Harry, du hast deine Tränke offenbar immer brav genommen.“, grinste sie den Grünäugigen an, der sich bei Remus angekuschelt hatte. „Und jetzt zu dem werdenden Vater.“ Severus legte sich auf das Sofa und machte seinen Bauch frei. Die Heilerin untersuchte ihn mit dem Zauberstab und ihren Händen. Es war ein komisches Gefühl für Severus, er wollte instinktiv sein Baby beschützen, obwohl er wusste, dass Poppy ihn auf diese Art nur untersuchte und kontrollierte, ob mit dem Baby alles in Ordnung war.

Am Ende griff sie wieder nach dem Zauberstab. „Wollt ihr das Baby sehen?“, fragte sie. „Wollt ihr wissen, was es wird?“

„Ja.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig. Harry sah fragend zu ihnen, er hatte wohl nicht komplett verstanden, was hier passierte. Trotzdem blieb er still, aber aufmerksam, sah genau zu, was hier passierte.

Poppy murmelte einen Zauber, die Spitze ihres Stabes deutete dabei auf den Bauch von Severus. Schimmernd entstand eine Art Abbildung des Kindes über dem Bauch von Severus. Noch sehr klein, aber bereits deutlich als Baby erkennbar. Gerade schien es zu schlafen, den Daumen im Mund. Viel bewegte es sich nicht, aber die Augen der Erwachsenen erkannten schnell, was sie wissen wollten. „Ein Junge. Wir bekommen einen Sohn!“, stellte Severus staunend fest.

„Ich liebe dich!“, strahlte Remus, und küsste ihn liebevoll. „Harry schau, das ist dein kleiner Bruder.“ Staunend tappte Harry näher und versuchte, das Bild des Babys zu berühren, aber da es nur eine Abbildung war, tauchte seine Hand einfach durch.

Remus und Poppy mussten lachen über das verdatterte Gesicht des Fünfjährigen und selbst Severus schmunzelte. „Das ist ein Zauber, der zeigt, wie das Baby aussieht.“, erklärte er ruhig. „Wie ein Foto, zumindest so ähnlich. Damit kann Poppy sehen, ob dein Bruder gesund ist und richtig wächst. Schau, hier sind seine Hände, die Finger. Die Füße und die Zehen. Bis wir ihn halten können, dauert es aber noch ein paar Monate. Er muss ja noch sehr viel wachsen, im Moment ist er noch viel zu klein, um außerhalb meines Bauches zu überleben.“

„So wunderschön! Er hat deine Finger geerbt.“, merkte Remus an. „Künstlerhände.“ Auch er sah aus, als würde er das Baby am liebsten in die Arme nehmen.

Poppy ließ den Zauber noch eine Weile bestehen, damit die drei sich ihr neuestes Familienmitglied ansehen konnten. Deutlich konnte sie sehen, dass sie glücklich waren, selbst Severus strahlte vor Glück. Doch irgendwann musste sie ihn beenden, denn sie musste zurück in den Krankenflügel, wo ein Hufflepuff nach einem verunglückten Zauber in Verwandlung lag. Auch wenn es ihm soweit gut ging, er musste überwacht werden und sollte nicht zu lange alleine sein. Daher verabschiedete sie sich, und die Lupins gingen noch eine Weile nach draußen, nachdem Severus seine Illusion wieder aufgelegt hatte. Langsam schienen die Schüler sich an den Anhang des Tränkemeisters zu gewöhnen, denn sie starrten nicht mehr so intensiv wie noch am Tag zuvor.

„Severus, Remus!“, grüßte sie der Schulleiter, der offenbar gerade aus dem Dorf kam. „Und Harry. Hallo, kleiner Mann! Wie gefällt dir Hogwarts?“

„Ich mag die Einhörner.“, flüsterte Harry. Noch immer war er ziemlich schüchtern, obwohl er Albus schon öfter gesehen hatte. Aber hier war er im Fokus der Aufmerksamkeit, das half nicht so richtig, seine Ängste zu bekämpfen. Und doch zog er sich nicht vollkommen zurück, sondern antwortete dem Älteren. Auch, wenn er sich dabei an seinen Vätern fest hielt.

„Das verstehe ich. Die sind aber auch faszinierend!“, gluckste der Weißhaarige. „Dann geh mal schön zu Hagrid, der freut sich bestimmt, wenn du kommst. Aber lass dir einen Rat von mir geben: Sei vorsichtig mit seinen selbst gebackenen Keksen. Die sind höchstens gut, wenn du deine Zähne verlieren willst!“

„Danke.“, kam es von Harry. Er war froh, dass sein Daddy ihn nun auf den Arm nahm, dort fühlte er sich wesentlich sicherer. Remus und der Fünfjährige machten sich auf den Weg zu Hagrids Hütte, während Severus noch zurückblieb. „Albus, die Malfoys kommen morgen zu uns.“, warnte er vor. „Nur, dass du Bescheid weißt. Ich möchte, dass Harry ein wenig Kontakt zu Gleichaltrigen knüpft, und Draco ist mein Patensohn.“

„Das ist gut, wenn Harry Kontakt bekommt.“, stimmte Albus nachdenklich zu. „Aber sei vorsichtig mit Lucius. Er ist ziemlich radikal im Gamot, ich vermute, er wünscht sich, die Welt so zu verändern, wie Voldemort es wollte.“

„Ich werde vorsichtig sein. Aber ich hoffe noch immer, dass er einen Hinweis auf die Schlange geben kann.“, betonte Severus. Außerdem, aber das musste er nicht sagen, würde er sich verdächtig machen, wenn er sich plötzlich anders verhielt. Er verabschiedete sich und drehte sich um, um seinen Männern zu folgen. Die Stimme von Albus hielt ihn noch einmal auf.

„Ah, da fällt mir noch etwas ein. Ich habe heute Morgen einen Brief vom Direktor der Bank bekommen. Er hat endlich zugestimmt, sich mit uns zu treffen.“, informierte ihn der Direktor. „Eigentlich wollte ich alleine hingehen, aber er besteht darauf, dass auch du mitkommst. Warum auch immer, ich weiß es nicht. Kann ich mit dir rechnen?“

„Natürlich. Ich werde alles dafür tun, dass wir diese Gefahr beseitigen.“, versicherte Severus. Auch er verstand nicht, warum der Kobold ausgerechnet ihn dabei haben wollte, doch das würden sie wohl erst erfahren, wenn sie hin gingen. „Wann ist das Treffen?“

„Am Dienstagabend. Nach dem Essen können wir gemeinsam in die Winkelgasse reisen. Am besten kommst du dann in mein Büro und wir gehen durch meinen Kamin.“, schlug Albus vor.

„Ich werde da sein.“, versprach der Tränkemeister, dann verabschiedete er sich endgültig und folgte den beiden Männern, die im Moment das Wichtigste in seinem Leben waren.

 

Am Sonntag rannte Harry aufgeregt und ein wenig ängstlich durch die Wohnung. Heute wollten Freunde von Daddy Sev kommen, und die hatten auch ein Kind, das etwa so alt wie er war. Einerseits war er neugierig, andererseits hatte er Angst. Was, wenn das Kind wie Dudley war und ihn schlug oder verletzte? Lange hatte er nicht mehr an seinen Cousin gedacht, aber heute stand ihm wieder vor Augen, wie es früher gewesen war, bevor Remus ihn da weggeholt hatte und sein Daddy geworden war. Bevor alles schön geworden war. Irgendwann hob Severus ihn auf seinen Schoß und hielt ihn fest. Er ahnte sehr genau, was der Kleine fühlte. „Hab keine Angst, mein Kleiner.“, murmelte er leise. „Draco ist zwar vielleicht manchmal ein wenig seltsam, aber das liegt daran, wie er erzogen wird. Er wird dir nichts tun. Er ist kein Dudley, das verspreche ich dir.“

„Darf ich bei dir bleiben, Daddy?“, fragte Harry dennoch leise.

„Für's Erste ist das in Ordnung. Sieh dir Draco an, dann kannst du dir ein Bild von ihm machen.“, beruhigte Severus. „Und wenn du dann merkst, dass niemandem etwas passiert, dann kannst du ihm vielleicht auch dein Kinderzimmer zeigen und ihr könnt mit deinen Autos spielen.“

„Okay, Daddy.“, nickte Harry ein wenig erleichtert. Er kuschelte sich zu dem Tränkemeister und wurde merklich ruhiger. Sein Daddy nahm ihm das Versprechen ab, nichts über das neue Baby, über seinen kleinen Bruder zu sagen. Er wollte auf keinen Fall, dass die Malfoys etwas davon erfuhren. In der Beziehung war Harry sehr verlässlich, er verstand durchaus, was sein Daddy da von ihm wollte.

Remus war in der Küche und kochte. Da er von Severus wusste, dass die Malfoys ebenfalls gerne Fisch aßen, hatte er Fishermans Pie gerichtet, kleine Portionen für die beiden Kinder, etwas größere für die Erwachsenen. Außerdem hatte sich Harry eine Erdbeertrifle gewünscht, die Gläser warteten schon kalt gestellt. Severus nahm Harry auf den Arm und ging mit ihm in die Küche. Er liebte es, dem Werwolf beim Kochen zuzusehen. Und Harry schien es ebenso zu gehen. Außerdem bekam vor allem Harry immer mal wieder etwas ab. Gerade schnitt Remus Gurke für den Salat, da strahlte Harry ihn an und bekam ein ganzes Stück Gurke zum Knabbern. Severus schmunzelte, das wäre bei Draco nicht möglich, dem musste man schon Schokofrösche oder ähnliches geben, wenn man ihn zum Strahlen bringen wollte. Und selbst dann wäre er wahrscheinlich so erzogen, dass er sich zwar artig bedankte, sich aber nichts anmerken ließ.

Als das Rauschen im Kamin des Büros verkündete, dass jemand kam, ließ Severus Harry bei Remus und ging hinüber. Schnell überprüfte er noch seine Illusion – er wollte nicht, dass noch mehr Menschen über seine Schwangerschaft Bescheid wussten – und begrüßte dann seinen früheren besten Freund. Während sie zwanglos plauderten, bis Narzissa und Draco kamen, überlegte sich Severus, was sich verändert hatte. Alles hatte damals begonnen, als der Lord vernichtet wurde. Er selbst hatte sich verändert, und das Verhältnis zu Lucius war nie wieder geworden wie zuvor.

„Kommt, gehen wir in das Wohnzimmer.“, lud Severus ein, als alle Malfoys in seinem Büro waren. „Remus sagte eben, das Essen ist fast fertig. Darf ich euch noch einen Aperitif anbieten?“

„Gerne.“, nahmen die beiden erwachsenen Blonden an. Severus kannte ihre Vorlieben und reichte ihnen entsprechende Gläser. Er selbst trank sowieso nichts, und da die Malfoys von seiner Vorgeschichte wussten, fiel es auch nicht weiter auf. Remus nahm sich auch einen kleinen Drink und begrüßte ihre Gäste herzlich. Lucius war eher kühl dem ehemaligen Gryffindor gegenüber, Draco kopierte sein Verhalten, doch Narzissa begrüßte ihn ebenso herzlich wie Remus sie. Beim Essen schlief die Unterhaltung dank Narzissa nie ein und alle versicherten, dass es sehr gut war. Keiner konnte glauben, dass Remus es wirklich alleine gekocht hatte, ohne Hilfe von den Elfen des Schlosses. Alle bewunderten die Kochkünste des Dunkelblonden und machten ihm Komplimente dafür.

Während die Erwachsenen sich rege unterhielten, saßen die beiden Jungen ziemlich ruhig am Tisch. Draco beobachtete Harry neugierig, der einen ganzen Kopf kleiner als er selbst war und kein Wort sprach. Dieser Zwerg schien ihm ein wenig komisch, aber seine Mutter und auch sein Pate hatten ihm erklärt, dass Harry eine sehr schwere Zeit hinter sich hatte und deswegen noch sehr schüchtern war. Aber sein Vater hatte ziemlich deutlich gemacht, dass er sich Mühe geben musste, um sich mit dem Jungen anzufreunden. Also beobachtete er und wartete ab. Als sie die Nachspeise genossen hatten, schlug Severus den beiden Jüngsten vor, eine Weile im Kinderzimmer zu spielen. Nach einem kleinen Schupps von Remus ging Harry voran und zeigte Draco sein Zimmer.

Die magische Wand beeindruckte den Blonden mehr, als er zugeben wollte und er starrte eine Weile einfach nur darauf. „Hat Daddy Remus für mich gezaubert.“, erzählte Harry schließlich leise. „Magst du Auto spielen?“ Draco nickte und so lagen sie wenige Minuten später auf dem Spielteppich und schoben die Autos herum. Es waren magische Autos, die Harry zu Weihnachten bekommen hatte. Schnell wurde es fröhlicher, und sie lachten gemeinsam, wenn sie einen Unfall verursachten und die Autos in Einzelteile zerfielen. Sie reparierten sich wieder, sobald der magische Autoretter kam und eine Weile neben den kaputten Autos stehen blieb. Doch plötzlich schlug die Stimmung um, als Harry und Draco gleichzeitig zu einem Auto griffen. Der Schwarzhaarige hatte es einen Moment eher, aber der Blonde wollte es unbedingt und riss daran. Harry, inzwischen deutlich selbstsicherer, hielt es fest. Wie er es kannte, wollte Draco allerdings seinen Willen durchsetzen und schuppste Harry weg vom Teppich. Vergessen die Ermahnung des Vaters, nett zu dem Jungen zu sein. Nur sein Wille zählte, und den wollte er nun durchsetzen.

Als Harry gestoßen wurde und nach hinten fiel, war es, als wäre er wieder im Ligusterweg. Die Situation war einfach zu ähnlich. Panisch riss er die Augen auf. Draco stand mit verschränkten Armen vor ihm und starrte ihn wütend an. Wimmernd wich Harry zurück und stieß an den Schrank.

„Ich hole meinen Vater.“, entschied Draco plötzlich und drehte sich um. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Darauf hatte ihn niemand vorbereitet.

Kaum dass der Blonde das Zimmer verlassen hatte, öffnete Harry die Schranktür hinter sich und kroch so tief wie möglich hinein, in die vermeintliche Sicherheit. Im Schrank war er immer alleine gewesen, dort hatten sie ihn nicht verfolgt. Leise schluchzend kauerte er sich in der hintersten Ecke des Schrankes zusammen, eine schlimme Strafe erwartend. Daddy Sev und Daddy Remus hatten ihn nie geschlagen oder eingesperrt, aber dieser Blonde, der Vater von Draco, der sah sehr streng aus. Bestimmt war der böse, weil er seinen Sohn geärgert hatte. Er merkte nicht, dass ihm Tränen über die Wangen liefen und er zitterte.

Draco lief ins Wohnzimmer und traf auf seine Eltern, seinen Paten und dessen Mann. Mit hochgezogener Augenbraue sah Lucius seinen Sohn an. „Draco, was ist passiert?“, wollte er mit kühler Stimme wissen.

„Harry ist komisch.“, beschwerte sich Draco. „Er wollte mir mein Auto nicht geben und hat einfach geweint wie ein Baby.“

Entsetzt sahen sich Harrys Väter an. „Sehen wir nach.“, stand Severus auf und ging ins Kinderzimmer. Dort war keine Spur von Harry. „Harry? Ist alles in Ordnung? Es ist gut, niemand tut dir was. Wo bist du, mein Kleiner?“

Remus war ihm gefolgt und schnupperte. Zwar war erst in eineinhalb Wochen Vollmond, aber hier waren nicht so viele Gerüche durcheinander, da konnte er dem Kleinen folgen. Zielsicher ging er zum Schrank. Natürlich, fiel es Severus wie Schuppen von den Augen, am Anfang war er immer dahin geflüchtet, wenn er Angst gehabt hatte. Langsam öffnete er die Tür und Severus ging in die Knie, sprach leise und beruhigend in den Schrank hinein. Endlich konnte er nach seinem Sohn greifen. Völlig tränenverschmiert und verängstigt kam Harry zum Vorschein und klammerte sich sofort an ihm fest. „Nicht wehtun.“, weinte er. „Bin brav.“

„Sch, Harry, wir werden dir nicht wehtun. Keiner hier. Ganz bestimmt nicht. Daddy Remus und ich beschützen dich.“, versprach Severus. „Komm, geh mit Daddy Remus ein bisschen nach draußen. Wenn du wiederkommst, sind wir nur noch zu dritt, in Ordnung?“ Harry schniefte und nickte irgendwann vorsichtig, löste seinen Klammergriff nur, um ihn sofort bei Remus wieder anzuwenden. Der hob ihn hoch, half Severus noch beim Aufstehen, und verabschiedete sich letztendlich von den Malfoys, bevor er durch die neue Tür nach draußen ging. Sie würden wahrscheinlich die Einhörner besuchen, nahm Severus an.

„Tut mir leid.“, entschuldigte er sich bei den Gästen. „Es geht ihm zwar deutlich besser, aber er ist noch immer traumatisiert, und das wird sicher noch eine Weile andauern. Die Panikattacken werden weniger, aber sie sind noch nicht überwunden. Schon lange hat er nicht mehr so heftig reagiert, aber er kennt euch nicht und das macht ihm Angst.“

„Lucius hat Einiges erzählt, als die Verhandlung gegen seine Verwandten war.“, warf Narzissa ein. „Ich hätte nie erwartet, ihn so offen zu sehen. Ihr habt viel geleistet.“

„Remus hat das Meiste davon geschafft.“, schob Severus das Lob von sich. „Anfangs hat der Kleine mich nicht an sich heran gelassen. Das wurde erst seit der Adoption deutlich besser.“

„Wieso hat Harry nun geweint?“, fragte Draco, der bisher ziemlich ratlos zugehört hatte. „Ich bin ein Malfoy und er hätte es mir einfach geben können, dann wäre das nicht passiert.“ Die Erziehung seines Vaters, der sehr viel Wert darauf legte, seinem Sohn zu erklären, wie wichtig die Malfoys waren, schien Früchte zu tragen.

„Draco, er kennt es nicht, mit anderen Kindern zu spielen.“, versuchte sein Pate eine Erklärung. „Das einzige Kind, mit dem er bisher zu tun hatte, war sein Cousin, und der hat ihn geschlagen, getreten, gebissen und sogar die Treppe hinunter geworfen. Das zumindest haben wir herausgefunden. Was sonst noch alles passiert ist, wissen wir nicht. Da ist es kein Wunder, dass er nicht weiß, wie er reagieren soll. Vielleicht kannst du ihm das beibringen? Er soll nicht isoliert aufwachsen, und du bist schlau genug, es ihm auch beibringen zu können, wie man richtig spielt und reagiert.“

„Das werden wir entscheiden, wenn es soweit ist.“, entschied Lucius kühl. „Wir werden nun gehen, damit das Kind für heute Ruhe hat. Am 30. April ist bei uns ein Ballabend, du bist eingeladen. Natürlich gemeinsam mit Remus. Harry darf gerne auch kommen, wenn es nicht zu viel für ihn ist.“

„Ich werde sehen, ob ich kommen kann. Aber das kann ich nicht jetzt entscheiden.“, antwortete der Tränkemeister. Auf solche Dinge legte er zumeist keinen Wert, aber auf der anderen Seite versuchte er noch immer, Informationen von Lucius zu bekommen. Vielleicht hatte Remus auch Lust, dann würden sie wohl gehen. Harry konnte dann Zeit mit seinem Paten verbringen, das genoss er inzwischen häufiger.

„Bitte komm, Onkel Sev!“, bettelte Draco.

„Ich werde sehen.“, wiederholte Severus, und schenkte Draco ein Lächeln. „Ich komme dich bald besuchen.“

„Mach das.“, bestimmte Lucius. „Auf Wiedersehen, Severus.“

„Auf Wiedersehen!“, verabschiedeten sich auch Draco und Narzissa von dem Tränkemeister.

„Schade, dass es so endet. Ich wünsche euch dennoch einen schönen Nachmittag.“, lächelte Severus noch immer. Er machte sich daran, die Küche aufzuräumen, sobald die Blonden im Kamin verschwunden waren. Remus würde wohl mit Harry eine Weile draußen sein, und er selbst wollte gerade nicht aus der Wohnung, war froh um ein wenig Ruhe. Der Besuch hatte ihn angestrengt, die Illusion zu halten wurde immer kräftezehrender. Das merkte er auch im Unterricht, aber er wollte auf keinen Fall, dass jemand seine Schwangerschaft mitbekam. Es reichte, dass die Heilerin, der Direktor und Minerva es wussten, dazu noch Sirius. Mehr mussten es nicht werden, wenn es nach ihm ging. Daher legte er sich hin, sobald die Küche wieder sauber war. Er griff nach einem Buch, konnte sich aber kaum konzentrieren, da ihm die Unterhaltung mit Lucius durch den Kopf ging.

Erst als er plötzlich zwei Hände auf seinem Arm spürte, schreckte er hoch. Er hatte nicht bemerkt, dass er eingeschlafen war. Harry und Remus waren zurück, und der Kleine wirkte deutlich ruhiger, lächelte wieder zaghaft. Severus setzte sich auf und sah zum Fenster, das Licht war ganz anders als zuvor, er musste mindestens zwei Stunden geschlafen haben. Verwirrt sah er um sich.

„Alles in Ordnung?“, fragte Remus beunruhigt.

„Ich war nur ein wenig müde.“, winkte Severus ab. „Es geht mir gut.“ Und das stimmte auch, seine Männer waren hier, das reichte, um ein gutes Gefühl in ihm auszulösen.

„Dann komm, Abendessen ist fertig!“

Am Dienstag sagte Severus Harry schon vor dem Abendessen ‚Gute Nacht‘, da er in die große Halle ging, um danach direkt mit Albus in die Winkelgasse zu reisen. Sollte etwas mit seinen Schülern sein, hatte Remus versprochen, zu reagieren. Zwar war Remus weder Lehrer noch Erzieher, aber er hatte ein gutes Einfühlungsvermögen und würde den Schülern sicher helfen, sollten sie Hilfe brauchen. Harry hingegen war nicht besonders begeistert, da Severus ihm normalerweise noch etwas vorlas und mit ihm kuschelte, bevor er ins Bett musste, aber als sie ihm versprachen, dass er dafür in ihrem Bett schlafen durfte, ließ er Severus schließlich doch noch gehen. Er liebte ihre abendliche Routine. Seit Harry und Remus bei Severus eingezogen waren, hatte der Tränkemeister zumindest abends mit ihnen gegessen. Wenn sie früh schon wach waren, frühstückte er auch mit ihnen, ansonsten ging er in die große Halle. Mittags war er immer in der Halle, denn er wusste, wenn er in die Wohnung käme, würde Harry nicht wollen, dass er wieder in den Unterricht ging.

„Viel Glück!“, wünschte Remus seinem Mann und küsste ihn liebevoll. „Nicht erschrecken, wenn du kommst. Sirius hat sich angekündigt. Harry freut sich auf ihn, und ich denke, das wird ihn ablenken, wenn du nicht hier bist. Aber vielleicht bleibt er dann noch eine Weile, ein bisschen über alte Zeiten reden. Es tut ihm gut, wieder ein wenig Normalität zu genießen.“

„Wie geht es ihm?“, wollte Severus wissen. Er war dem Animagus näher gekommen, auch wenn sie noch nicht so eng befreundet waren, und machte sich ein wenig Sorgen, da Sirius scheinbar nicht ganz so gut mit seiner Vergangenheit klar zu kommen schien. Nach außen hin ließ er sich das nicht anmerken, aber Severus hatte viele Jahre gelernt, genau hin zu sehen.

„Er weiß nicht genau, was er mit sich machen soll.“, wusste Remus. Auch er machte sich noch immer Sorgen. „Als Auror will er nicht mehr arbeiten, wie er sagt, aber ich glaube, das ist nur vorgeschoben. Ich kann mir vorstellen, dass sie der Meinung sind, wer so lange in Askaban war, ist gefährlich für die Allgemeinheit. Jetzt will er etwas finden, womit er sich beschäftigen kann, denn nur zuhause sitzen liegt ihm nicht. Seinen Sitz im Zaubergamot hat er inzwischen eingenommen, aber das alleine scheint auch nicht sonderlich befriedigend für ihn zu sein.“

„Er soll sich Zeit nehmen. Erst einmal für sich selbst und auch für Harry und dann kann er darüber nachdenken, was er mit seiner Zeit anstellen will.“, gab Severus zurück. „Er muss die Erlebnisse in Askaban verarbeiten. Und wahrscheinlich auch noch den Tod seines besten Freundes, ich denke nicht, dass Askaban ihm bei der Verarbeitung geholfen hat. Dann erst ist er in der Lage, wieder Entscheidungen zu treffen, mit denen er auch zufrieden ist.“

„Du hast Recht.“, seufzte Remus und küsste ihn erneut kurz. „Ich liebe dich, Sev. Bis später!“

„Du bist mein Leben, Remus.“, murmelte Severus gegen die Lippen seines Mannes. „Ich beeile mich, denn auch ich werde dich vermissen.“ Im Gegensatz zu früher stimmte das jetzt so sehr, dass Severus es kaum verstand. Hatte er sich so sehr verändert? War das nur die Schwangerschaft, oder steckte mehr dahinter? Er wusste es nicht, aber er würde es hier und jetzt wohl auch nicht herausfinden. Denn auch sein 'Ausflug' heute war mehr als wichtig. Immerhin wollte er, zusammen mit Albus, dafür sorgen, dass Harry und ihr ungeborenes Baby sicher aufwachsen konnten. Auch Remus sollte sicher sein. Severus hatte immer Angst, Remus zu verlieren und dann alleine da zu stehen. Remus, Harry und das Baby bedeuteten ihm so viel, er konnte es kaum sagen. Und jetzt strahlte Harry ihn an, sobald er ihn sah.

„Gute Nacht, Daddy!“, umarmte Harry den Tränkemeister. „Komm bald wieder heim. Hab dich lieb.“

„Ich hab dich auch lieb, mein Großer.“, drückte Severus ihn an sich und küsste ihn auf die Stirn. Das weiche, dennoch wirre schwarze Haar duftete leicht nach Erdbeeren, so wie Harrys Shampoo. „Gute Nacht. Schlaf gut. Ich komme so schnell wie möglich wieder her, aber bis dahin schläfst du schon. Wenn du heute Nacht wach wirst, kannst du dich zu mir kuscheln. Aber ich hoffe, du schläfst schnell und gut.“ Severus umarmte Harry noch ein weiteres Mal, dann ging er in die große Halle, wo das Abendessen gerade begann. Viel Hunger hatte er nicht, aber das hatte er hier selten. Gemeinsam mit Harry und Remus schmeckte es ihm deutlich besser. Dennoch aß er, damit sein körperlicher Zustand stabil blieb. Gerade jetzt, in der Schwangerschaft, war das sehr wichtig.

 

Nach dem Essen folgte er dem Weißhaarigen in dessen Büro. Dort versicherte sich Albus, dass Severus das Basiliskengift bei sich hatte. Natürlich hatte Severus das auf dem Weg in die große Halle aus dem Labor geholt, denn in Harrys Nähe wollte er das nicht haben. Aber er hoffte, dass sie es heute brauchen konnten. Außerdem hatte der Tränkemeister Drachenlederhandschuhe dabei, falls sie mit dem Gift hantieren mussten. Albus ging voran, warf das Flohpulver ins Feuer und stieg mit den Worten „Zum Tropfenden Kessel in London“ hinein. Severus folgte ihm eine Minute später. Aus dem Feuer steigend klopfte er kurz über seinen Umhang, um ihn von Ascheresten zu befreien, wobei er unauffällig seine Illusion prüfte. Niemand konnte etwas sehen. Gemeinsam gingen sie in den Hinterhof und öffneten die Mauer zur Winkelgasse.

Wenige Minuten später betraten sie das weiße Gebäude, in dem die Bank war. Es war verhältnismäßig ruhig in der Zauber-Einkaufsstraße, so wie meistens außerhalb der Ferien. Tagsüber war mehr los, oder später am Abend, wenn die Kneipen voll waren. In der Bank war es ruhig, es war kurz vor Geschäftsschluss. Sie hatten Glück gehabt, dass sie um diese Zeit kommen durften. Severus hoffte, dass dadurch niemand mitbekam, dass sie hier waren. Der Kobold am Eingang jedenfalls schien zu wissen, dass sie einen Termin mit dem Direktor hatten, denn er erklärte ihnen ohne Nachfrage, wie sie zum Büro des Leiters der Bank kamen. Den Anweisungen folgend betraten sie kurz danach einen dunklen Flur, an dessen Ende der Direktor sein Büro hatte. Ein schlichtes Messingschild wies darauf hin, dass sie nun mit Direktor Garbak sprechen würden. Albus klopfte und wartete auf eine zustimmende Antwort, dann öffnete er die Tür und ließ Severus zuerst eintreten.

„Direktor Garbak.“, grüßte Severus mit einem Neigen seines Kopfes. Er hoffte, dass er den Namen richtig aussprach, hatte ihn nur draußen auf dem Schild gelesen.

„Professor Snape-Lupin, Professor Dumbledore.“, war die knappe Antwort des Kobolds. Er ließ sich nicht anmerken, ob sein Name richtig ausgesprochen worden war oder nicht. „Nehmen sie Platz, und dann verraten sie mir, was ich für sie tun soll.“

Auch Albus grüßte den Kobold sehr höflich, bevor er Platz nahm. Dann kam er sehr schnell und direkt auf den Grund ihres Besuches zu sprechen. „Direktor Garbak, bevor ich ihnen genau sagen kann, was ich mir von dem Besuch hier erhoffe, würde ich ihnen gerne einige Hintergrundinformationen geben, die meinen Wunsch ein wenig anders erscheinen lassen könnten.“, begann der Weißhaarige ruhig. Der Kobold nickte, also fuhr der Schulleiter fort: „Ihr Volk ist stolz darauf, neutral in den Kriegen der Zauberer zu sein. Ein Kobold sagte eines Tages zu mir, dass es aufgrund der Langlebigkeit der Kobolde für ihr Volk ein Leichtes wäre, die Kriege der Menschen auszusitzen. Aber leider ist das in diesem Fall nicht möglich, denn Tom Riddle, oder Voldemort, hat Horkruxe geschaffen, um mit deren Hilfe ein mehr oder weniger ewiges Leben zu erlangen.“

Albus hielt inne und beobachtete den Kobold genau, wollte wissen, ob er Horkruxe erklären musste, doch der Bankdirektor winkte ihm nur, fortzufahren. „Wir, das bedeutet Professor Severus Snape-Lupin hier und ich, haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese Horkruxe zu finden und zu vernichten, wenn das möglich ist, um diese Gefahr, dass der dunkle Lord wiederkommt, ein für alle Mal zu beseitigen.“, erklärte der Weißhaarige also weiter.

„Mir fiel einer der Horkruxe in die Hände.“, übernahm nun Severus. „Es war ein Tagebuch, in dessen Innerem ein Horkrux steckt. Mit Hilfe von diesem Tagebuch ist es uns gelungen, mehrere Horkruxe in die Hand zu bekommen: Einen Ring und ein Medaillon aus dem Erbe Slytherins, ein Diadem aus dem Erbe Ravenclaws. Und eben das erwähnte Tagebuch ist auch einer. Wir wissen auch, dass die Schlange, die der Lord immer bei sich hatte, ein Seelenbruchstück enthält, und dass einer in einem Becher aus dem Erbe von Hufflepuff ist. Um eben diesen Becher geht es.“

Hier unterbrach ihn Albus und sprach weiter: „Wir konnten herausfinden, dass Voldemort den Becher an einen seiner treuen Todesser weitergegeben hat. An Bellatrix Lestrange. Die hat ihn in ihrem Verlies aufbewahrt, hier in Gringotts. Ich weiß, die Prinzipien ihrer Bank sind ehern und unumstößlich, aber gäbe es eine Möglichkeit, den Horkrux zu zerstören? Wir wollen ihn nicht aus der Bank entfernen, sondern nur ein wenig Basiliskengift darauf tropfen, um den Horkrux zu zerstören. Der Becher würde dabei wohl nicht kaputt gehen.“

„Wir werden ihnen den Becher nicht aushändigen.“, entschied Direktor Garbak hart. Er hob die Hand, als Albus ansetzte, zu protestieren. „Aber ich werde mich mit den Ältesten meines Volkes beraten, und wir werden entscheiden, ob sie den Horkrux in unserer Anwesenheit zerstören dürfen, wenn wir sicherstellen können, dass der Becher dabei nicht beschädigt werden wird. Das müssen wir erst einmal herausfinden, vorher bekommen sie keine Antwort von uns. Allerdings werden sie eine Gegenleistung dafür bringen müssen, sollten wir ihnen das am Ende erlauben.“

„Das war mir bewusst. Die Zerstörung der Horkruxe ist aber absolut notwendig, um eine Rückkehr Voldemorts zu verhindern. Ansonsten besteht immer die Gefahr, dass er irgendwann zurück kommen kann. Und das wollen wir auf gar keinen Fall! Es soll ein für alle Mal vorbei sein. Noch einen Krieg gegen ihn möchte ich nicht riskieren. Wer weiß, was das aus der Zauberwelt macht. Aber ich verstehe durchaus, dass sie es nicht einfach so machen werden. Was wäre ihr Preis?“, erwiderte Albus.

„Das Schwert, das unsere Schmiede einst Godric Gryffindor geliehen haben. Es ist aus Koboldhand, und war für Godric Gryffindor als Leihgabe gedacht, aber seit seinem Tod weigern sich die Zauberer, es zurückzugeben.“, nannte der Kobold seinen Preis. Er grollte tief, und man konnte ihm seinen Unmut deutlich anhören. Dennoch war er den beiden Männern gegenüber sehr ruhig. Viel ruhiger und besonnener, als Severus je für möglich gehalten hätte.

„Das ist viel verlangt. Zu viel!“, protestierte der Schulleiter lautstark, doch der Kobold grinste nur und zeigte seine spitzen Zähne. „Das ist nicht zu viel, absolut nicht. Im Gegenteil, es ist noch wenig. Ihr erwartet etwas von uns, das absolut gegen unsere Prinzipien verstößt, und da dürfte der Preis eher gering sein im Vergleich, denn ihr habt ein Ergebnis, wenn ihr das Seelenbruchstück zerstört, wir haben nur ein Schwert wieder, das sowieso uns gehört. Wenn euch der Preis zu hoch ist, dann könnt ihr gerne gehen.“, spottete der Kobold.

„Auch ihr Volk hat etwas davon, wenn wir verhindern, dass der Dunkle Lord zurück kommt. Er hat auch ihnen Schwierigkeiten gemacht, das weiß ich mit Sicherheit, denn er wollte die Kontrolle über die Bank, und das wird er wieder wollen.“, machte Severus aufmerksam. Er bemühte sich, schneller zu sein als Albus, denn der würde sie hier um Kopf und Kragen reden, wenn er ihn nicht daran hinderte.

„Ihr seid ein Todesser, Professor Snape-Lupin. Ist es nicht in Eurem Interesse, dass der Dunkle Lord wiederkommt?“, fragte der Kobold lauernd. Die kleinen, schwarz-braunen Augen waren fest auf Severus gerichtet, ließen sich keine Regung entgehen.

Doch Severus ließ sich nicht provozieren. Ihm war bewusst, dass es für den Kobold verwirrend sein musste, denn er war nun einmal als Todesser gebrandmarkt, auch wenn er schon viele Jahre für Albus spionierte. Aber das konnte erst einmal jeder behaupten, das war Severus klar. Er musste natürlich sicher stellen, dass Severus nicht gleich mit dem Horkrux den Lord wieder erweckte. Er wich dem Blick nicht aus und antwortete absolut ehrlich. „Ich habe mich ihm angeschlossen, das stimmt.“, gab er zu. „Allerdings bin ich kein Anhänger von ihm. Das war ich vielleicht ganz am Anfang, aber mir wurde schnell klar, dass die Versprechungen nichtig waren. Als mir bewusst wurde, was da passierte, habe ich mich an Albus gewandt, denn Aussteigen ist nicht möglich, jedenfalls nicht lebend. Ich war als Spion in den Reihen des Lords, und es wäre mir mehr als Recht, wenn er endgültig vernichtet ist. Außerdem habe ich vor kurzem einen kleinen Jungen adoptiert und will nicht, dass er im Krieg aufwachsen muss. Ich will, dass er sicher ist. Und das wird er nicht sein, sollte der Lord wiederkommen.“

„Wir wissen, dass ihr Harry Potter adoptiert habt.“, sagte der Kobold. „Und wir wissen auch, dass ihr sein Verlies, obwohl es euer Recht wäre, noch nicht einmal betreten habt. Das respektieren wir, und das ist auch der Grund, warum wir euch überhaupt anhören. Aber ist der Junge nicht derjenige, der den Lord besiegt hat? Warum sollte er dann in Gefahr sein, wenn der Lord zurück kommt? Die Zauberer glauben doch, dass er ihn wieder besiegen kann.“

Der Tränkemeister knirschte mit den Zähnen, zwang sich aber, einigermaßen ruhig zu bleiben, denn er wusste, dass er gerade getestet wurde. Dennoch war hörbar, dass er wütend war. Seine Stimme klang leidenschaftlich. „Harry ist ein Kind und kein Krieger. Was die Leute denken, ist mir egal, ich werde diesen Jungen nicht kämpfen lassen in einem Krieg, der nicht seiner ist. Dieser Krieg ist Sache der Erwachsenen. Der Lord hat ihn zu einem Beteiligten gemacht, aber das werden wir, mein Mann und ich, nicht zulassen. Und sollte er wiederkommen, wird auch das Volk der Kobolde nicht mehr länger ignoriert werden, denn es war schon immer sein Ziel, die Macht über die Bank zu haben.“, wusste Severus. Er musste es einfach noch einmal betonen. Hier kämpfte er für die Sicherheit seiner Familie.

„Ihre Einstellung ist lobenswert.“, kommentierte Garbak süffisant. „Aber nicht viel wert, wenn es nur Worte sind. Zauberer sind bei uns Kobolden dafür bekannt, viel zu reden, aber nicht nach ihren Worten zu handeln. Das Einzige, womit ihr bisher gezeigt habt, dass ihr nicht so wie viele andere Zauberer seid, mit denen wir zu tun haben, ist die Tatsache, dass ihr Harry Potters Verlies nicht ausgeräumt habt. Der Junge ist seit Monaten bei euch und eurem Mann, und doch habt ihr noch keine Galleone herausgeholt. In der Allgemeinheit werden Kinder nach außen hin von den Zauberern zwar gut behandelt, aber nicht selten sieht es anders aus, wenn vermeintlich niemand zusieht. Zu oft haben wir mitbekommen, wie Kinder ausgebeutet wurden und das ist unserer Meinung nach der größte Verrat an der eigenen Rasse. Es gibt keine Gesetze gegen Ausbeutung von Kindern, und nur zu häufig müssen wir zusehen, wie Waisen alles genommen wird von denen, die sie eigentlich beschützen sollten.“

„Ich kann nur beteuern, dass ich den Jungen nicht wegen seinem Gold aufgenommen habe, sondern weil ich ihn mag und will, dass er friedlich und glücklich aufwachsen kann. Ich will ihm ein Zuhause geben und dafür sorgen, dass er sicher ist.“, knurrte Severus, dem die Unterstellungen des Kobolds nicht gefielen. „Und damit er sicher ist, müssen wir die Horkruxe zerstören und brauchen ihre Hilfe, Direktor Garbak. Ohne den Becher können wir nicht endgültig zerstören, was vom Lord noch übrig ist. Helfen sie mir, Harry sicher aufwachsen zu lassen.“ Severus war aufgestanden und erregt hin und her gelaufen, hatte sich emotional richtig hineingesteigert. Deutlich war zu sehen, wie sehr ihm das Wohl seines Adoptivsohnes am Herzen lag. Und auch das seines ungeborenen Sohnes, aber das wollte er nicht offen legen.

Bittend sah er den Kobold an, als er sich wieder setzte. Der überlegte noch einen Moment, dann räusperte er sich. „Ich werde mit den Ältesten sprechen, und wir werden ihnen unsere Entscheidung mitteilen.“, wiederholte Garbak ruhig und klopfte dreimal auf seinen Schreibtisch. Seine Tür öffnete sich, und ein offensichtlich deutlich jüngerer Kobold kam herein. Der Direktor trug ihm auf, die Gäste nach draußen zu bringen. Severus und Albus standen auf und folgten dem Kobold. Der Tränkemeister spürte, wie frustriert Albus sein musste. Er selbst war einfach nur erschöpft – mal wieder. Wobei es diesmal eher emotional war, er hatte sich bei diesem Termin ausgelaugt. Außerdem drehte sich alles um ihn, scheinbar waren die Dämpfe heute im Unterricht doch schädlicher gewesen als gedacht. Kein Wunder, manche Gryffindors waren absolut unfähig, eine Anleitung zu beachten. Wahrscheinlich hatte Greenwood mal wieder nur die Hälfte der Anweisungen befolgt. Wie der Junge es in die fünfte Klasse geschafft hatte, war ihm ein Rätsel. Die ZAGs würde er wohl in Zaubertränken nicht bestehen. Dann hätte er ihn endlich los, freute sich Severus kurz.

Unbemerkt hielt er sich einen Moment fest, als Albus mit dem Kobold noch einige Worte wechselte. Der Schwindel raubte ihm gerade fast die Sinne. „Severus? Alles in Ordnung?“, hörte er plötzlich die Stimme des Schulleiters.

„Es geht schon wieder.“, beeilte Severus sich zu sagen, während er seine Hand von der Wand nahm. Er atmete tief durch und folgte Albus und dem Kobold. Immer wieder schwankte er kurz, seine Stirn war inzwischen mit Schweißperlen überdeckt.

„Komm, ich stütze dich, dann gehen wir in den ‚Tropfenden Kessel‘ und durch den Kamin nach Hogwarts.“, schlug Albus vor. „Oder soll ich uns apparieren?“

„Apparieren.“, war die leise Antwort des Schwarzhaarigen, das einzige Zugeständnis an seine Schwäche, das er sich erlaubte. Er war Albus dankbar, dass er die Führung übernahm.

Albus griff nach dem Arm des Tränkemeisters und konzentrierte sich kurz, bevor er sich drehte und sie beide verschwanden. Einen Sekundenbruchteil später standen sie in der Nähe des Tores von Hogwarts, denn auch der Schulleiter konnte nicht hinein apparieren. Er ließ seine Hand an Severus' Arm, um ihn zu unterstützen, denn der Jüngere wirkte zittrig. Sie mussten einen Moment stehen bleiben, bis Severus sich aufrichtete und den Arm von sich schob, der ihn unterstützen wollte. Doch noch bevor sie einen Schritt machen konnten, waren sie von schwarzen Gestalten umringt, die plötzlich aus dem Wald und dem Dorf auftauchten. Ohne sich abzusprechen, stellten sich Severus und Albus Rücken an Rücken, um sich gegenseitig Deckung zu geben. Der Direktor rief seinen Patronus auf und schickte ihn zu Minerva, während Severus einen Schild beschwor. „Todesser am Tor!“, war die Nachricht, die der Phönix überbringen sollte.

Kaum war der Patronus verschwunden, flogen die ersten Flüche um ihre Ohren. Adrenalin rauschte durch die Adern von Severus, und das Schwächegefühl von vorher war verschwunden. Konzentriert hielt er seinen Schild aufrecht, damit Albus angreifen konnte. Er wusste nicht sicher, wer unter den Umhängen steckte, konnte aber auch nicht genauer hinsehen, er musste sich auf den Kampf konzentrieren. Die Todesser setzten keine Todesflüche ein, jedoch waren es deswegen keine angenehmeren Alternativen. Nur ungern wollte er getroffen werden. Allerdings konnte er schon nach wenigen Minuten spüren, wie sehr es ihn anstrengte, den Schild stark genug zu halten, während Albus einen Angreifer nach dem anderen ausschaltete. Als hinter ihnen das Tor aufging und Minerva sowie Filius in den Kampf eingriffen, standen nur noch zwölf von ursprünglich zwanzig Todessern aufrecht, die anderen waren geschockt oder gefesselt.

Minerva und Filius fackelten nicht lange, und gerade bei dem sehr kleinen Filius Flitwick konnte man deutlich sehen, dass Körpergröße nicht unbedingt mit Kraft gleichzusetzen war. Der Professor für Zauberkunst war ein begnadeter Duellant und ließ die vermummten Gestalten alt aussehen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis kein Todesser mehr stand. Kaum, dass sie bemerkten, wie wenig sie den vier Professoren entgegenzusetzen hatten, disapparierten acht und ließen die anderen zwölf zurück. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass Severus offenbar von einem Zauber getroffen worden war, denn er stand gebeugt und hielt mit der linken Hand seinen Bauch umklammert. Schweiß perlte von seiner Stirn, und er war extrem blass. Seine Atmung ging hektisch und abgehackt, war nur oberflächlich, als hätte er starke Schmerzen. Als die Todesser disapparierten, verdrehte er die Augen und sackte zusammen. Albus, der immer noch Rücken an Rücken mit ihm stand, reagierte blitzschnell und fing seinen Sturz ein wenig ab, ließ ihn sanft zu Boden gleiten.

„Severus?“, klopfte er leicht mit der Handfläche auf die blasse Wange. Der Tränkemeister öffnete die Augen wieder und beugte sich zur Seite, würgte kurz und erbrach einen Schwall Blut. Noch blasser als zuvor würgte er weiter und erbrach nochmals eine Menge Blut. „Bringt ihn zu Poppy, ich kümmere mich um die hier!“, befahl Albus und deutete auf die erstarrten und gefesselten Todesser.

Minerva und Filius nickten knapp und beschworen eine Trage herauf, auf die sie Severus levitierten. Der spuckte weiterhin Blut und hielt die Augen geschlossen, seine Hände krampften sich um die Trage. Auch der Kiefer wirkte verkrampft, als würde er die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien. Seine Kollegen beeilten sich, mit ihm in den Krankenflügel zu kommen. Zu ihrem Glück war es bereits weit nach der Sperrstunde, sodass sie keine Schüler auf den Fluren antrafen. Ein leises Stöhnen löste sich immer wieder von seinen Lippen, als die Trage sich ruckartig bewegte. „Poppy, schnell!“, rief Minerva, kaum dass sie die Türe aufgerissen hatte.

Die Heilerin reagierte sofort, und Severus lag Sekunden später in einem der Betten, während Poppy einen Diagnosezauber nach dem anderen wirkte. Ihre besorgte Miene wich allerdings bald wieder und sie atmete erleichtert auf. „Es sieht schlimmer aus, als es ist.“, berichtete sie. „Ein kleiner Riss in der Magenwand, das blutet heftig und schmerzt stark, ist aber mit einem einfachen und kurzen Zauber geheilt. Dennoch werde ich ihn einige Tage zur Beobachtung hierbehalten, er hat viel Blut verloren und wird wohl mindestens ein oder zwei Tage brauchen, bis er wieder alleine aufstehen kann. Remus sollte informiert werden, Minerva.“

„Merlin sei Dank.“, atmete die Verwandlungslehrerin auf. „Ich gehe gleich zu Remus.“

„Und ich werde Albus informieren.“, versprach Filius.

Sie verließen den Krankenflügel, als Poppy das Bett mit dem verletzten Professor nach hinten in das extra Zimmer schweben ließ. Die Heilerin weckte ihren Patienten in der Zwischenzeit kurz auf, um ihm einen Blutbildungstrank zu verabreichen, dann ließ sie zu, dass er weiter schlief. Das war im Moment das Beste, damit er so schnell wie möglich heilte. Es erleichterte sie zu wissen, dass dem Baby nichts geschehen war, denn sie wusste, wie sehr der Tränkemeister bereits jetzt an dem Kleinen hing. Wahrscheinlich würde er diesen Verlust nicht überstehen. Sie wusste, dass er nach Lilys Tod schwer alkoholabhängig gewesen war und auch, dass Remus ihn damals aus seinem Loch geholt hatte. Noch einmal würde der Werwolf das nicht schaffen.

 

Schnell eilte Minerva unterdessen in die Kerker hinunter und klopfte an die Tür zu den Privaträumen der Familie Lupin. Es dauerte nicht lange, bis Remus öffnete und ziemlich knurrig fragte, was los sei. Er hatte befürchtet, dass es einer von Sevs Schülern war, aber mit der Professorin hatte er nicht gerechnet.

„Remus, Severus liegt im Krankenflügel.“, berichtete Minerva und setzte gleich beruhigend hinzu: „Es geht ihm soweit gut, Poppy konnte ihn heilen, aber er hat Einiges an Blut verloren und muss wenigstens bis zum Wochenende im Krankenflügel bleiben. Er und Albus wurden am Tor von Todessern angegriffen.“

Remus wurde blass und musste sich am Türrahmen festhalten. Er war kaum fähig, eine Entscheidung zu treffen, was er nun machen sollte. Bei Harry bleiben? Zu Severus gehen? Harry aufwecken und mit ihm gehen? Ihn alleine lassen? Ging es Severus wirklich so gut, dass er sich keine Sorgen machen musste? Was war mit dem Baby?

„Ruf einen Hauselfen, die passen gerne auf Harry auf, dann kannst du wenigstens nach ihm sehen.“, riet ihm Minerva, als sie erkannte, wie durcheinander der Werwolf war. „Und die können dich schnell holen, sollte er wach werden, das dauert bei mir deutlich länger.“

„Danke, Minerva!“ Remus war erleichtert, dass ihm die Entscheidung abgenommen wurde. Er rief nach einem Hauselfen und beauftragte ihn, auf Harry zu achten und ihn selbst zu holen, sollte der Kleine wach werden. Dann eilte er in den Krankenflügel, wo Poppy ihn beruhigte und zu Severus brachte. Sie versicherte ihm, dass es nur eine kleine Wunde war, einzig der Blutverlust machte ihm noch zu schaffen, da das Blut erst nachgebildet werden musste. Aufgrund der Schwangerschaft dauerte es deutlich länger, bis der Blutbildungstrank richtig wirkte. Dem Baby allerdings ging es gut. Der Tränkemeister schien entspannt zu schlafen und auch sein Puls ging regelmäßig. Der Dunkelblonde atmete auf und blieb eine Weile bei seinem Mann sitzen, bevor er entschied, wieder zu Harry zu gehen. Am Morgen könnte er mit dem Kleinen wieder kommen, vielleicht war Severus dann auch wach. Wie konnte er ihn davon überzeugen, sich mehr zu schonen? Aber war das möglich? Wenn Todesser ihn angegriffen hatten, dann war er immer in Gefahr, doch er würde sich nicht in Hogwarts einsperren lassen. Er hoffte und betete, dass es bald vorbei war, damit er nicht dauernd Angst um seinen Mann haben musste.

 

Während die Heilerin im Krankenflügel Severus behandelte, wartete Albus auf die Auroren. Er hatte einen Patronus an Moody, den Chef der Auroreneinheit, geschickt und wusste, der Mann brauchte nicht lange, vor allem wenn er hörte, dass es um Todesser ging. Er war ein gnadenloser Jäger der Anhänger des dunklen Lords und verfolgte sie mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Leider hatte er es bisher nicht geschafft, alle Todesser zu fassen, die noch immer für Angst und Schrecken sorgten. Es wirkte, als würden sie sich nach und nach wieder organisieren, und die Auroren schafften es einfach nicht, dem einen Riegel vorzuschieben. Albus und Alastor, wie Moody mit Vornamen hieß, hatten Lucius Malfoy im Verdacht, konnten ihm aber nichts nachweisen. Der Weißhaarige konnte schlecht mit dem Tagebuch argumentieren, das würde wohl ihr Kartenhaus zum Einsturz bringen. Und weitere Hinweise hatten sie nicht.

Es dauerte tatsächlich nur etwas über fünf Minuten, bis die Auroren bei ihm eintrafen. Allen voran natürlich Alastor Moody, dicht gefolgt von Kingsley Shacklebolt, den er gerade ausbildete und der eine vielversprechende Karriere vor sich hatte, wie es aussah. Die anderen drei Auroren kannte Albus nicht namentlich, er wusste nur, dass zwei von ihnen in Durmstrang gewesen waren, und die Frau, die dabei war, hatte ihre Schulzeit in Beauxbatons verbracht. Schnell durchsuchten sie die gefangenen Todesser und stellten bei allen das dunkle Mal fest. Es waren ausnahmslose junge Männer, kaum älter als zwanzig und bisher unauffällig. Moody schickte die drei Auroren, die Albus nicht weiter kannte, die Todesser in die Zellen des Ministeriums zu bringen, während er seinem Jungauror auftrug, Albus als Zeugen zu befragen. Er selbst hörte aufmerksam zu, damit der junge Mann nichts vergaß.

„Bitte schildern sie genau, was hier passiert ist, Professor Dumbledore.“, bat Shacklebolt.

„Natürlich, Mister Shacklebolt.“, lächelte Albus. „Professor Snape-Lupin und ich waren in der Winkelgasse, wir hatten einen Termin in Gringotts. Als wir zurück apparierten, wurden wir von zwanzig Todessern umkreist. Severus baute sofort einen Schild auf und ich schickte einen Patronus an meine Stellvertreterin, der ihr sagte, dass Todesser am Tor von Hogwarts waren. Sie haben mit Schneidflüchen und dunklen Varianten des ‚Stupor‘ angegriffen, außerdem erkannte ich einige andere dunkle Angriffszauber. Der Schild von Severus hielt, bis meine Kollegen eintrafen. In der Zeit schaffte ich es, einen Teil der Todesser auszuschalten, indem ich sie schockte oder fesselte. Meine Kollegen griffen ein und acht Todesser disapparierten, während die restlichen vier unseren Schockzaubern zum Opfer fielen. Leider wurde Professor Snape-Lupin verletzt, daher habe ich die Professoren Flitwick und McGonagall, die uns zu Hilfe geeilt waren, mit ihm in den Krankenflügel geschickt.“

„Haben sie die Angreifer erkannt?“, wollte Kingsley wissen. „Oder konnten sie einen Grund für den Angriff gerade hier und heute ausmachen?“

„Ein klares, zweimaliges Nein. Sie waren maskiert und hatten Kapuzen auf. Keiner von ihnen hat gesprochen. Wir kamen eben von einem Termin in Gringotts, der seit ein paar Tagen ausgemacht ist, aber soweit ich weiß nur uns Beiden, Minerva als meiner Stellvertreterin und dem Bankdirektor bekannt war.“, berichtete Albus. „Möglicherweise hat Professor Snape-Lupin mehr erkannt, aber ich glaube nicht, dass er im Moment befragt werden kann. Er ist in den Händen von Madam Pomfrey.“

„Gut, sollten ihnen noch etwas einfallen, geben sie uns bitte Bescheid.“, bat der Jungauror mit der dunklen Haut und Moody nickte dazu.

„Natürlich.“, bestätigte der Schulleiter. „Ich werde ihnen Bescheid geben, wenn Professor Snape-Lupin befragt werden kann. Minerva McGonagall und Filius Flitwick sind sicherlich im Schloss, sie können sie gerne noch befragen.“

„Das wird nicht nötig sein. Sie sollten sich allerdings melden, wenn sie etwas zur Aufklärung beitragen können. Vielen Dank, Albus. Dann bis bald. Gute Nacht.“, verabschiedete sich Alastor Moody.

Auch Kingsley und Albus verabschiedeten sich voneinander, und die Auroren disapparierten. Nachdenklich ging der Weißhaarige durch das Tor auf das Gelände von Hogwarts und machte sich auf den Weg ins Schloss. Am Portal wartete Filius auf ihn. Er lächelte ihm beruhigend zu. „Severus geht es gut, es war nur eine kleine Wunde in der Magenwand, Poppy hat sie schnell geheilt.“, berichtete der Zauberkunstprofessor. „Nur hat er viel Blut verloren, er muss wohl einige Tage im Krankenflügel bleiben. Minerva informiert Remus.“

„Das ist gut.“, atmete Albus erleichtert auf. Er war wirklich froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. „Vielen Dank euch beiden. Ist dir etwas aufgefallen, Filius? Hast du jemanden erkannt? Du solltest dich in dem Fall möglichst bald bei Alastor Moody melden, er führt die Ermittlungen. Acht sind uns entkommen, zwölf haben wir gefangen genommen.“

„Ich werde ihn morgen nach dem Unterricht kontaktieren.“, versprach Flitwick. „Allerdings werde ich ihm wohl nicht weiterhelfen können, da ich niemanden sicher erkannt habe.“

„Nun gut, das habe ich vermutet.“, seufzte der Schulleiter. „Nochmals vielen Dank für deine Hilfe, Filius. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“

„Gute Nacht, Albus.“, erwiderte der kleine Professor. „Ich drehe noch meine Runde, die ich unterbrochen habe, als Minerva dir zu Hilfe eilte.“

„Ich werde noch einen Blick in den Krankenflügel werfen und nach Severus sehen.“, machte sich auch Albus auf den Weg. Tief in Gedanken versunken ging der Schulleiter in Richtung Krankenflügel. Unterwegs traf er nur auf die graue Dame, die schweigend an ihm vorbeischwebte. Automatisch grüßte er sie, bemerkte aber nicht einmal, dass er keine Antwort bekam. Sein Geist versuchte, eine Lösung zu finden, falls die Kobolde nicht helfen würden. Außerdem musste er einen Weg finden, die Schlange zu vernichten, damit sie ihnen nicht gefährlich werden konnte. Severus' Theorie hatte zwar etwas für sich, aber so ganz wollte er nicht daran glauben, dass es funktionierte. Würde die kombinierte Magie aus vier Horkruxen ausreichen, um die Schlange anzulocken? Den Becher konnten sie nicht dazu geben, das stand fest. Und die anderen Horkruxe mit in die Bank nehmen? Das würde zwar die Macht ein wenig erhöhen, aber dafür dann Nagini in die Winkelgasse locken. Nein, das ging auch nicht, das war viel zu gefährlich, sie wollten niemanden gefährden. Gerade deshalb hatten sie sich ja entschieden, es erst am Anfang der Sommerferien zu versuchen, da dann keine Schüler hier in Hogwarts waren und kaum Lehrer.

Außerdem dachte er erneut darüber nach, warum er nie nachgesehen hatte, ob Harry wirklich gut behandelt wurde. Natürlich hatte immer die Gefahr bestanden, dass er überwacht wurde, aber er wusste doch auch, wie man Verfolger abschütteln konnte. Diese Mühe hätte er sich machen müssen. Leider hatte er das versäumt und wenn Remus nicht so hartnäckig gewesen wäre, würde der Kleine heute noch gequält werden von seinen eigenen Verwandten. Der Junge war noch nicht einmal sechs Jahre alt und hatte bereits ein mehrjähriges Martyrium hinter sich. Das konnte er niemals wieder gut machen. Er konnte nur alles dafür tun, dass Harry sicher war, bei Severus und Remus. Dort hatte er endlich das liebevolle Zuhause, das er brauchte. So wie es jedes Kind verdient hatte. Schmunzelnd schüttelte er seinen Kopf. Dass ausgerechnet Severus Snape Harry Potter adoptierte, das war schon ein kleines, nein ein großes Wunder. Harry Potter, der schon jetzt seinem Vater erstaunlich ähnlich sah, jenem Mann, der Severus' Schulzeit zur schlimmsten Zeit seines Lebens gemacht hatte.

„Albus!“, begrüßte ihn Poppys Stimme, als er gedankenversunken die Türe geöffnet hatte. „Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst! Severus geht es soweit gut, es wird allerdings ein paar Tage dauern, bis er wieder fit genug ist, um seinen Unterricht abhalten zu können. Er hat eine Menge Blut verloren. Remus ist gerade bei ihm, kann aber nicht lange bleiben, da er Harry nicht lange alleine lassen will. Der Kleine schläft wohl, im Moment unter der Aufsicht eines Hauselfen, aber er ist so schon verängstigt genug.“

„Ich wollte nur kurz nach ihm sehen und dann auch ins Bett.“, erklärte der Schulleiter.

„Natürlich, komm mit.“, erlaubte die Heilerin und führte ihn nach hinten.

Remus kam ihnen entgegen, man sah ihm die Sorge, aber auch die Erleichterung an. Er hielt sich nicht lange bei ihnen auf, Harry brauchte ihn und es war nicht mehr lange bis Vollmond. Fünf Tage hatte er den Wolfsbann bereits bekommen, aber die letzten beiden Tage musste er wohl darauf verzichten, wie es aussah. Während Albus einen Blick auf den schlafenden Tränkemeister warf, eilte der Dunkelblonde zurück in die Kerker, wo Harry auf ihn wartete. Der Hauself verschwand, als Remus in die Wohnung trat. Der Kleine schlief noch, wie er erleichtert feststellte, daher legte er sich wieder ins Bett und schlief kurz darauf tief und fest.

„Daddy?“, weckte ihn am Morgen eine weinerliche Stimme. „Daddy Remus? Wo ist Daddy Sev?“

„Guten Morgen, Welpe.“, küsste Remus seinen Sohn auf die Stirn und zog ihn an sich. „Daddy Sev ging es gestern Abend nicht besonders gut, deshalb ist er zu Poppy gebracht worden. Er muss wahrscheinlich ein paar Tage im Krankenflügel bleiben. Wenn wir gefrühstückt haben, sehen wir nach ihm.“

Da er wusste, dass sein Daddy ihn wirklich erst nach dem Frühstück gehen lassen würde, beeilte Harry sich, im Bad fertig zu werden. Zehn Minuten später saß er fertig angezogen am Frühstückstisch und ließ sich sein Müsli geben. Remus unterband es, dass Harry alles in sich hinein schlang, denn sie hatten nichts davon, wenn Harry nun auch noch Magenschmerzen bekam. Lange genug hatten sie gebraucht, um den Kleinen aufzupäppeln, da wollte er nun nicht gleich wieder Magenbeschwerden riskieren. Doch eine Stunde nach dem Aufwachen war klar, dass er nun mit ihm in den Krankenflügel gehen musste.

Mit Harry an der Hand ging er aus der Wohnung und traf direkt auf eine Gruppe Slytherins, die wie üblich gemeinsam zum Frühstück gingen. Er ging mit Harry zur Seite, dass die Schüler Platz hatten, an ihnen vorbei zu gehen, denn sie waren deutlich schneller als Harry.

„Guten Morgen!“, grüßten einige Schüler freundlich, die ihn als Mann ihres Hauslehrers erkannten. „Mister Lupin, es gibt Gerüchte, dass Professor Snape-Lupin krank ist.“

„Es ist erstaunlich, wie schnell sich Nachrichten verbreiten.“, seufzte Remus. „Aber es stimmt, euer Hauslehrer ist im Krankenflügel. Er war gestern mit Professor Dumbledore unterwegs und sie wurden angegriffen, dabei wurde er verletzt. Aber er ist schon wieder auf dem Weg der Besserung. Spätestens am Montag wird er wohl wieder unterrichten.“

„Mister Lupin, ist das ihr Sohn?“, fragte eine blonde Schülerin nun und deutete auf Harry, der sich hinter Remus' Bein geflüchtet hatte angesichts der Masse an Schülern.

„Das ist Harry, unser Sohn, richtig!“, bestätigte Remus und hob den Fünfjährigen hoch, streichelte ihm liebevoll über den Kopf. „Er will seinen Vater besuchen. Sie sollten nun auch zum Frühstück gehen. Machen sie sich keine Sorgen, es geht ihm gut!“

„Vielen Dank, Mister Lupin.“, lächelte ihm die Schülerin kurz zu. „Sagen sie ihm gute Besserung von uns.“

„Das machen wir.“, versprach Remus und sogar Harry nickte ernsthaft. Wie es schien, mochte er die Blonde, die ihm so freundlich zugelächelt hatte.

Die Schüler gingen weiter in Richtung großer Halle, und Remus, nun mit Harry auf dem Arm, folgte ihnen ein Stück weit, bevor er zum Krankenflügel abbog. Drinnen setzte er Harry wieder auf den Boden, von wo aus der Kleine die Heilerin skeptisch musterte. Poppy winkte sie nach hinten durch, sie war gerade dabei, Frühstück für Severus zu bestellen und orderte auch noch ein bisschen Obst für Harry und Remus. Erleichtert sah Remus, dass Severus die Augen offen hatte und halb im Bett saß. Offenbar hatte Poppy das Kopfteil seines Bettes erhöht, damit er nicht ganz flach liegen musste.

„Daddy!“, jauchzte Harry, als er sah, dass Severus wach war. Sofort rannte er auf das Bett zu und versuchte, hinauf zu klettern. Grinsend trat Remus dazu und hob ihn hinauf, mahnte ihn aber, vorsichtig zu sein. Severus legte seinen rechten Arm um Harry und griff mit der linken Hand nach Remus' Fingern. Er musste sich einfach versichern, dass alles gut war. Die letzte Erinnerung, die er hatte, waren die Todesser und die Panik, die er verspürt hatte, als ein Zauber seinen Bauch traf. Er war mehr als froh, dass es seiner Familie gut ging. Dem Baby war nichts passiert, das hatte Poppy ihm sofort gesagt, als er die Augen aufgemacht hatte.

„Unser Kleiner hatte Glück!“, hauchte er, als Remus ihn vorsichtig umarmte.

„Du aber auch.“, wisperte Remus zurück. „Ich bin froh, dass es dir gut geht.“

„Tut mir leid, ich kann dir keinen Banntrank brauen.“, flüsterte Severus noch immer in das Ohr seines Mannes.

„Ich komm schon klar.“, beruhigte ihn Remus. „Machen wir ein Experiment daraus: Was passiert, wenn zwei Einheiten fehlen? Ich werde mich von Albus einsperren lassen, dann ist es sicher. Und Sirius passt sicher gerne auf Harry auf. Mach dir keine Gedanken, Sev, wichtig ist nur, dass du wieder gesund wirst.“

„Frühstück!“, verkündete die Heilerin nun und stellte ein Tablett auf das Bett.

Severus verzog das Gesicht, als er Haferschleim erkannte, zusammen mit dünnem Kräutertee. Das Obst hatte Poppy schon Harry gegeben, der genüsslich eine Traube naschte. Doch der Tränkemeister wusste es besser als zu protestieren, denn gegen diese Drachenmutter kam nicht einmal sein Sturkopf an. Und der war schon beinahe legendär. Während Severus versuchte zu essen – sein Magen protestierte ziemlich schnell, was laut der Heilerin ganz normal war – streichelte Harry über seinen Bauch, der nun ohne Illusion sehr deutlich zu sehen war. Der Fünfjährige hatte verstanden, dass sein Daddy nicht wollte, dass Andere es sahen oder wussten, sprach auch nur noch darüber, wenn der Bauch zu sehen war. Das hatte Severus ihm erklärt: wenn er den Bauch versteckte, dann sollte er nicht darüber reden. Aber wenn er zu sehen war, dann war alles in Ordnung, dann durfte er ihn streicheln und mit seinem kleinen Bruder reden. Das machte Harry wirklich gerne, er liebte es, seinen kleinen Bruder durch den Bauch seines Daddys zu streicheln und mit ihm zu reden.

Nach einer Stunde warf Poppy die beiden Besucher hinaus, da sie merkte, wie sehr es den Tränkemeister anstrengte, wenn Harry um ihn war. Der Kleine war lieb und aufmerksam, aber Severus konnte ihm nichts abschlagen und las ihm vor, was aber in seiner momentanen Verfassung nicht lange ging. Kaum waren Remus und Harry gegangen, schloss der Schwarzhaarige die Augen und schlief ein.

Harry und Remus gingen zurück in die Kerker, wo sie auf Albus trafen, der eben den Schülern die Tür zum Tränke-Klassenzimmer öffnete. „Guten Morgen!“, begrüßte sie der Schulleiter freundlich. „Wie geht es unserem Tränkemeister?“

„Besser. Er ist wach.“, berichtete Remus und musterte erstaunt den Weißhaarigen. „Aber er braucht wohl noch einige Tage, um richtig fit zu werden. Du unterrichtest selbst, Albus?“

„Ja, das muss ich wohl, wenn ich die Stunden nicht ausfallen lassen will. Einen Ersatz bekomme ich so schnell nicht her.“, seufzte der Weißhaarige.

„Soll ich einspringen?“, bot Remus kurzerhand an. „Ich bin kein Meister, aber zumindest die Jüngeren, so bis einschließlich fünfte Klasse, das schaffe ich mit Sevs Unterlagen. Ich müsste dann nur Sirius bitten, in der Zeit auf Harry aufzupassen.“

„Das wäre wirklich eine gute Lösung, Remus. Sprich mit Sirius, wenn du das ehrlich machen willst. Jetzt habe ich die siebte Klasse, die haben eine Doppelstunde, danach kämen die Viertklässler aus Gryffindor und Slytherin.“ Albus sah erleichtert aus, hoffend, dass diese Lösung wirklich klappte.

„Dann werde ich jetzt gleich mit Sirius reden und dir in der Pause Bescheid geben.“, versprach der Dunkelblonde. Er ging mit Harry in die Wohnung. Dort erklärte er seinem Sohn, was er gerade mit Albus besprochen hatte und fragte ihn, ob er einverstanden wäre, wenn Sirius auf ihn aufpasste. Ein wenig zögernd nickte der Junge und gab so sein Einverständnis. Unsicher, ob es wirklich das Richtige war, nahm Remus Kontakt zu Sirius auf, um ihn zu fragen. Natürlich sagte der Animagus sofort zu, er nutzte jede Gelegenheit, Zeit mit seinem Patensohn zu verbringen. Nur Minuten später trat er aus dem Kamin und fing Harry auf, der sich nur zu gerne von ihm umarmen und durch die Luft wirbeln ließ. Von der ersten Kontaktangst war nichts geblieben, zumindest Sirius gegenüber.

Tatsächlich übernahm Remus in den folgenden Tagen fast den gesamten Unterricht des Tränkemeisters. Zumindest die unteren Klassen, damit kam er zurecht. Schon die dritte Stunde am Mittwoch hielt er mit Hilfe der Notizen von Severus. Jetzt freute er sich über die penible Vorbereitung des Tränkemeisters, die er sonst oft schon verflucht hatte. Gerade in den ersten Jahren hatte Severus jede Stunde akribisch geplant. Nach seinem Entzug hatte er sämtliche Notizen weggeworfen und von Vorne angefangen, um sich abzulenken. Jede einzelne Stunde hatte er akribisch geplant mit dem ihm üblichen Perfektionismus. Jetzt kam es Remus zugute, er konnte seine erste Klasse (Gryffindor und Slytherin im fünften Jahrgang) ohne Probleme unterrichten, nur die Namen der Schüler kannte er natürlich nicht.

„Guten Morgen!“, begrüßte er die Schüler. „Wie sie sicher schon gehört haben, ist Professor Snape-Lupin derzeit im Krankenflügel. Ich bin seine Vertretung für die ersten bis fünften Klassen. Mein Name ist Lupin. Und ja, für alle, die es noch nicht wissen, ich bin der Mann eures Professors. Allerdings werde ich keine Fragen beantworten, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben, denn euer Professor erwartet, dass ihr am Ende dieser Stunde bei mir genauso viel gelernt habt wie bei ihm.“ Zufrieden sah er, wie die Hände, die sich bei seiner Namensnennung gehoben hatten, wieder verschwanden. „Zunächst darf ich um ihre Hausaufgaben bitten.“

Die Schüler suchten die Pergamentrollen aus ihren Taschen, woraufhin Remus sie mit einem „Accio“ einsammelte und in einen Korb zauberte, da er selbst keine passende Tasche besaß. Mit einem weiteren Zauber hatte jeder Schüler eine Klappkarte vor sich, auf die sie ihre Namen schreiben sollten, damit Remus sie auch richtig ansprechen konnte. Schnell war es wieder still in der Klasse, als der Dunkelblonde anfing, sie über die Trankzutaten des heutigen Tages auszufragen, und sie dann alles herrichten ließ für einen erweiterten Schrumpftrank. Er ließ sie zu zweit zusammengehen, dann sollten sie mit dem Brauen beginnen. Innerlich zitterte Remus ein wenig, er hatte Angst, dass jemand etwas komplett versaute. Eingreifen, so wie Severus es machte, konnte er dann nicht, nur mit Schilden das Schlimmste verhindern. Aber mit Schildzaubern kannte er sich aus, Verteidigung war immer sein bestes Fach gewesen, und gegen Zaubertränke die überschwappten oder gar explodierten, halfen auch bestimmte Schilde. Am besten war es aber, er sorgte vor und ließ es nicht so weit kommen. Also ging er ständig durch die Reihen und achtete darauf, dass die Schüler die Zutaten in der richtigen Reihenfolge vor sich liegen hatten, und auf die Tränke selbst, damit er frühzeitig an der Farbe erkannte, wenn etwas nicht stimmen sollte.

Er bemerkte Charlie Weasley in einem der Teams und beobachtete ihn unauffällig. Der Junge schien Talent zu haben, er arbeitete sauber und ordentlich, ohne sich besonders anstrengen zu müssen. Hatte er den Trank entgegen seiner Behauptungen selbst hergestellt? Oder zusammen mit Bill, seinem älteren Bruder? Den hatte er selbst nicht, da er bereits in der sechsten Klasse war. Vielleicht konnte Albus ihn beobachten, ob er in der Lage dazu wäre. Minerva hatte sie wohl dahingehend befragt, woher sie den Trank hatten. Aber die Verwandlungslehrerin war nicht besonders gut in Geistmagie, sie hätte wahrscheinlich nicht bemerkt, wenn sie angelogen worden war.

Nur am Freitag musste Albus den Unterricht komplett übernehmen, da in der Nacht davor Vollmond war. Aber da am Freitag sowieso fast nur sechste und siebte Klassen bei Severus im Unterricht waren, hätte der Schulleiter das auch nicht anders machen müssen, wenn kein Vollmond gewesen wäre. Harry verbrachte diese Zeit mit Sirius und es schien beiden gut zu tun. Sogar die Vollmondnacht schlief Harry mit seinem Paten in der Wohnung, wenn auch in seinem eigenen Kinderzimmer. Ein wenig unruhig, aber er schlief. Remus hingegen ließ sich tatsächlich von Albus einsperren, damit er sicher war, dass niemandem etwas passieren konnte. Die Verwandlung war etwas schmerzhafter als mit der durchgehenden Versorgung mit Banntrank, aber Remus hatte die Kontrolle. Er hatte inzwischen das Gefühl, sich mit seinem inneren Wolf ausgesöhnt zu haben und dadurch konnten sie sich miteinander verständigen. Der Wolf hatte akzeptiert, dass er keine Menschen beißen durfte, und Remus gab ihm in den meisten Fällen, was er wollte: die Freiheit, zu laufen. Das tat auch ihm selbst gut und verbesserte das Verhältnis zwischen ihm und dem Wolf, den er immerhin jahrelang unterdrückt hatte.

Da Harry jedes Mal nur kurz zu Severus durfte, ging Remus immer wieder auch alleine in den Krankenflügel, wenn Harry mit Sirius beschäftigt war. Die Beiden verstanden sich inzwischen richtig gut und immer häufiger hörten die Werwolf-Ohren im Unterricht das fröhliche Lachen des Fünfjährigen aus der Wohnung. Nicht selten bellte es auch, daher nahm Remus an, dass Sirius in Hundegestalt mit Harry tobte. Diese Zeit tat ganz offensichtlich beiden gut, also ließ er sie ihnen.

 

Am Freitagnachmittag ging Remus, der inzwischen ausgeschlafen hatte, wieder in den Krankenflügel und wurde besorgt aus schwarzen Augen gemustert. „Es geht mir gut!“, grinste der Dunkelblonde. „Es war ein wenig unangenehmer als sonst, sich zu verwandeln und auch der Muskelkater ist schlimmer als meistens, aber ich kann mich an meine, unsere, Nacht erinnern. Moony und ich haben sie gemeinsam verbracht, wir sind auch diesmal eine Einheit gewesen. Ich habe sogar das Gefühl, dass wir das ohne Banntrank schaffen könnten, aber das werde ich nicht unbedingt ausprobieren.“

„Beim nächsten Vollmond braue ich wieder für dich.“, versprach Severus. „Wie geht es Harry?“

„Sirius war bei ihm und er hat zwar ein wenig unruhig geschlafen, aber er hat geschlafen. Ein Glück, dass wir das große Bett für Harry schon haben, sonst hätte Sirius in unserem Bett schlafen müssen.“, berichtete Remus grinsend. „Mach dir keine Sorgen, werde lieber gesund.“

„Ich werde mir immer Sorgen um euch machen, weil ich euch liebe.“, gestand Severus leise. „Ich habe Poppy überredet, dass ich in unsere Wohnung kann. Am Wochenende soll ich noch liegen bleiben, aber ab Montag kann ich wieder unterrichten. Den Ball bei Lucius werde ich aber absagen müssen, so fit bin ich nicht, dass ich die Nacht durchtanzen und am Morgen dann unterrichten kann.“

„Na dann komm!“, flüsterte Remus verschwörerisch. „Bevor der Poppy-Drache noch auf die Idee kommt, ihre Meinung zu ändern!“ Er half seinem Mann aus dem Bett und sie gingen langsam in die Kerker hinunter. Da gerade fast überall noch Unterricht war – Severus hatte um diese Zeit normalerweise schon frei und die Kerker waren daher leer – begegneten sie niemandem außer dem blutigen Baron, dem Hausgeist von Slytherin. Severus hatte sich schon vor Wochen bei ihm bedankt, dass er in der Nacht, als er selbst bewusstlos im Klassenzimmer gelegen hatte, den Schulleiter informierte. Seither war der Geist zu ihm nicht mehr ganz so unfreundlich. Leise öffneten sie die Wohnungstür und gingen durch den Flur. Die Wohnzimmertür war offen und sie hörten fröhliches Lachen von Harry. Remus lächelte breit und Severus' Augen strahlten hell und freundlich. Es machte ihn glücklich, wenn Harry glücklich war. Doch nichts hatte ihn auf diesen Anblick vorbereitet: Harry saß auf dem Boden und vor ihm lag ein riesiger, schwarzer Hund auf dem Rücken. Der Junge krabbelte mit seinen Fingern über den Bauch des Hundes, bis der zusammenzuckte und sich einrollte. Da kicherte Harry wieder, und wenn man den Hund so ansah bekam man den Eindruck, er wäre kitzlig.

Im ersten Moment verstand Severus nicht, wie Remus so ruhig bleiben konnte, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Der Hund ist Black?“, stellte er ein wenig fragend fest. Die Antwort kam sofort, denn als seine Stimme zu hören war, sprang der Hund auf und verwandelte sich zurück in Sirius. „Ein Animagus?“, gab sich Severus überrascht, denn er wollte nicht, dass Remus für den vermeintlichen Verrat beschuldigt wurde.

„Ja, ich bin ein Animagus.“, gestand Sirius. „Und bevor du fragst, nein, ich bin nicht registriert. Daher hoffe ich, du behältst es für dich, denn ich habe nicht vor, das zu ändern. In diesen Zeiten fühlt es sich sicherer an, wenn nicht alles über mich bekannt ist.“

Severus schloss die Augen einen Moment, rieb sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. Dann sah er auf. „Wenn Pettigrew eine Ratte war und du ein Hund bist, was war dann Potter?“, hakte er nach, als hätte er keine Ahnung. „Lass mich raten. Ein Hirsch.“

„Ja, woher …?“, staunte Sirius.

„Es entspricht euren Patroni.“, informierte Severus, dann fügte er leise hinzu: „Genau wie meinem.“ In einem kurzen Moment hatte er entschieden, Sirius ebenfalls zu vertrauen, nachdem dieser sich ihm gegenüber geöffnet hatte.

„Was willst du …? Du bist auch ein Animagus?“, verstand Sirius noch im Fragen.

Severus nickte. Er entschied in diesem Moment, sich auf den Paten seines Sohnes einzulassen und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Es war seine Art, ihm zu zeigen, dass er vergab. Vergessen würde er wahrscheinlich nie, aber er konnte vergeben. „Ich bin ein nicht registrierter Fledermaus-Animagus.“, gestand er.

Sirius prustete los und selbst Remus, der das schon seit Jahren wusste, musste kichern.

„Ich weiß, dass die Schüler mich so nennen.“, gab Severus leise zu. „Albus war auch furchtbar amüsiert.“ Er nahm es Sirius nicht wirklich übel, dass dieser nun lachte, aber ein wenig enttäuschte es ihn schon.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Sirius sich wieder beruhigen konnte. In der Zwischenzeit drängte Remus seinen Partner dazu, sich auf das Sofa zu legen, denn er sollte immerhin viel liegen, damit sein Körper sich erholen konnte. Harry kuschelte sich sofort zu ihm, ging sicher, dass es seinem Daddy wirklich gut ging.

„Entschuldige, Severus, ich wollte dich sicher nicht auslachen.“, kam es schließlich kleinlaut von Sirius, der genau wusste, dass er eben wie früher gehandelt hatte. „Ich hätte nie geglaubt, dass du, ausgerechnet du, ein illegaler Animagus sein könntest. Und ich denke, du hast eine gute Form, aber dass sie so gut zu deinem Spitznamen passt, den dir die Schüler gerne geben, das hat mich gerade umgehauen.“

„Schon gut, Sirius.“, winkte Severus ab. Immerhin konnte auch er die Komik dieser Situation nicht abstreiten. „So kleinlich brauchen wir nun nicht zu sein. Mir ist klar gewesen, dass du das amüsant finden wirst, aber ich vertraue dir, dass du es nicht weitersagst.“

„Werde ich nicht.“, versprach Sirius ernst. „Ich bin stolz darauf, dass du mir soweit vertraust, ich will dich nicht noch einmal verletzen, das ist schon viel zu oft passiert.“

„Du hast dich verändert, mein Freund.“, staunte Remus.

„Askaban verändert jeden.“, hauchte der ehemalige Häftling. Er schien in Erinnerungen gefangen, seine Augen wurden trüb und er begann zu zittern.

Remus stand auf und nahm ihn in den Arm, setzte sich mit ihm auf das zweite, etwas kleinere Sofa. „Rede darüber.“, bat er leise. „Friss es nicht in dich rein, sonst wird es schlimmer.“

„Aber Harry …“, wandte Sirius ein.

„Der schläft.“, warf Severus ein und deutete an seine Seite, wo Harry sich entspannt zusammengerollt hatte. Seine Augen waren geschlossen, die Atmung ging langsam und tief. Er schlief eindeutig tief und fest.

Sirius gab seinen Widerstand auf. „Diese Kälte, ich kann sie immer noch manchmal spüren. Nicht nur die Temperatur, obwohl der Wind es schon ziemlich ungemütlich machte, aber vor allem die Kälte der Dementoren. Ständig hatte ich James und Lily vor Augen, wie sie tot vor mir lagen. Harry, wie er von Hagrid mitgenommen wurde. Mir war fast immer klar, dass Dumbledore ihn zu Petunia bringt, ich wollte durchhalten, um ihn eines Tages da rauszuholen. Das hat mich immer weitermachen lassen, auch wenn sie tagtäglich irgendwelche Leichen an mir vorbeischweben ließen. Die meisten Gefangenen geben irgendwann auf und schlafen einfach ein, wachen nicht wieder auf. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich da drinnen war, nach wenigen Tagen hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Die Kälte beherrschte alles. Irgendwann habe ich angefangen, in der Vergangenheit zu leben, viele Erlebnisse aus der Schulzeit habe ich in Gedanken wieder und wieder erlebt, damit ich nicht vollkommen durchdrehe. Da wurde mir nach und nach klar, dass wir dich schrecklich behandelt haben, Severus. Vorher habe ich das nie realisiert, wir haben dich geärgert, ein wenig getriezt, aber wie schlimm wir wirklich waren, das wurde mir erst in Askaban klar. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Hoffnung auf eine Verhandlung schon lange aufgegeben. Mir war klar, dass ich da nicht mehr rauskomme. Da habe ich einen Schwur mir selbst gegenüber geleistet: Wenn ich aus Askaban komme, egal wie, dann würde ich mich bei dir entschuldigen und versuchen, es wieder gut zu machen, was wir dir angetan haben. Nur als Remus mir erzählt hat, dass er mit dir verheiratet ist, habe ich es eine Weile vergessen.“ Sirius' Stimme war immer leiser geworden, man konnte seine Erschöpfung hören und sehen.

„Schlaf, Sirius. Ich verzeihe dir.“, murmelte Severus. Er wusste, dass Sirius ihn gehört hatte, denn der entspannte sich merklich und schloss die Augen. Remus hob ihn hoch und trug ihn in Harrys Zimmer, wo er ihn in das größere Bett legte, das eigentlich für Harry gedacht war, wenn er bereit dafür war, sein Kinderbett aufzugeben.

Anschließend ging er zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Armlehne des Sofas, sodass er Severus' Kopf neben sich hatte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie knapp er daran gewesen war, seinen Mann und das ungeborene Kind zu verlieren, und er musste sich einfach versichern, dass Severus hier bei ihm war, strich zärtlich immer wieder über die Wangen, den Hals, die Lippen des Tränkemeisters mit seinem Daumen, liebkoste seinen Partner mit den Fingern. Der schloss die Augen und genoss die Streicheleinheiten. Auch ihm war klar, wie knapp es gewesen war. Er und Albus hatten sich gegen zwanzig Todesser zur Wehr gesetzt und nur deshalb eine Chance gehabt, weil sie immer wieder miteinander trainiert hatten und sich aufeinander einstellen konnten. Außerdem waren es Todesser aus dem äußeren Kreis gewesen, die Severus noch nicht einmal kannte. Albus hatte ihnen die Namen gegeben, die außerdem auch im Tagespropheten gelandet waren, aber er hatte nur einen von ihnen überhaupt erkannt.

Nun fragten sie sich alle, was ihr Ziel war und wer dahinter steckte und diese ehemaligen Mitläufer organisierte. Sie hatten Lucius Malfoy im Verdacht, aber ohne Beweise konnten sie nicht gegen ihn vorgehen. Severus hatte kaum Kontakt, der Blonde hatte ihm den Rauswurf vor einiger Zeit offenbar übel genommen. Es tat Severus nur wegen Draco leid, der eigentlich ein sehr netter Junge war, allerdings von seinem Vater eine reinblütige und fanatische Erziehung erhielt. Schon jetzt hielt Draco sich für etwas Besseres und ließ es den anderen Kindern gegenüber auch raushängen. Seine ‚Freunde‘ schienen es zu akzeptieren, doch Harry gegenüber sollte er sich, nach Severus' Meinung, anders verhalten. Das würde er aber nie bei Lucius durchsetzen können, und er wusste, ein Kind von Remus und ihm würde noch weniger akzeptiert werden, denn von Werwölfen hielt Lucius überhaupt nichts. Narzissa schien damit kein Problem zu haben, aber auch das konnte täuschen. Es war schwer, sie zu durchschauen, sie hatte von klein auf gelernt, keine Gefühle nach außen hin zu zeigen.

Severus merkte nicht, wie er in Gedanken versunken langsam einschlief, während Remus' Finger weiterhin über beinahe jeden Zentimeter Haut fuhren, den sie erreichen konnten. Harry lag mit dem Kopf auf seinem Brustkorb und das gleichmäßige Schnaufen lullte Severus ein. Er fühlte sich absolut sicher und geborgen und fiel in einen tiefen, entspannten Schlaf. Remus schmunzelte leise und rief sich eine Decke auf, die er über die beiden Schlafenden breitete, während er einfach sitzen blieb und weiter streichelte.

Remus ließ alle schlafen, denn sie schienen es zu brauchen. Er machte sich daran, Abendessen zu kochen, wollte nicht bei den Elfen bestellen. Kochen machte ihm Spaß und er genoss es. Außerdem konnte er so seiner Familie zeigen, wie wichtig sie ihm waren. Und es lenkte ihn von den Sorgen ab, die er um Severus hatte. Schnell hatte er Hackfleisch zu einem Teig verarbeitet und in eine Form gegeben, um Hackbraten zu machen. Dazu richtete er Kartoffel-Karottenbrei und eine cremige Sauce. Einen Salat stellte er ebenfalls auf den Tisch, und als der Duft des Bratens sich in der Wohnung verteilte, erwachten die drei Schwarzhaarigen wieder. Für Severus hatte er bei Poppy nachgefragt, ob er das essen konnte, und sie hatte nur gemeint, er solle nicht zu viel Säurehaltiges essen, alles Andere sei in Ordnung. Gemeinsam setzten sie sich schließlich an den Tisch und aßen in Ruhe. Selbst Sirius, der sonst immer zu Scherzen aufgelegt war und meist für fröhliche Gespräche sorgte, starrte heute schweigend vor sich hin, als sie auf dem Sofa saßen.

„Sirius?“, fragte Remus schließlich. „Wie geht's dir? Und bitte, sei ehrlich.“

Der ehemalige Gryffindor sah auf. „Ich weiß es nicht.“, wisperte er. Er wirkte verzweifelt und verloren, hatte keinen Halt und keine Hoffnung mehr. Langsam holte ihn seine Vergangenheit ein.

„Bleib heute Nacht hier.“, entschied Severus. „Harry kann bei uns schlafen, dann hast du das Kinderzimmer für dich allein.“ Er wollte nicht, dass Sirius alleine war, denn er ahnte, wie schlecht es ihm wirklich gehen musste, wenn er so reagierte. Sollte der Grauäugige Selbstmord begehen, und die Gefahr bestand mit Sicherheit im Moment, würde es Remus wohl schlimm erwischen. Und so ungern Severus es zugab, selbst ihm würde ohne Sirius etwas fehlen. In den letzten Monaten hatte er sich erstaunlich schnell an ihn gewöhnt, seine Anwesenheit war nicht mehr nur geduldet, sondern angenehm.

„Danke.“, hauchte Sirius und schlang seine Arme um Harry, der es sich auf seinem Schoß gemütlich gemacht hatte. „Na, mein Kleiner? Magst du heute Nacht bei deinen Daddys oder bei mir schlafen?“

Harrys Blick huschte zwischen den Erwachsenen hin und her. Scheinbar konnte er sich nicht entscheiden. Oder wollte er nur sicher gehen, dass er niemanden traurig machte? Es würde zu ihrem Kleinen passen, war Severus sicher. „Harry, wenn du gerne bei deinem Paten schlafen willst, dann sag es einfach.“, ermutigte er ihn. „Genauso, wenn du bei uns bleiben willst. Es ist in Ordnung, egal wie du dich entscheidest.“

„Ihr seid nicht böse?“, versicherte sich der Fünfjährige.

„Nein.“, kam es gleichzeitig von allen Erwachsenen.

Harry kicherte kurz, dann wandte er sich zu Sirius um. „Ich will bei dir schlafen.“, entschied er.

„Na dann viel Spaß euch Beiden!“, grinste Sirius Severus und Remus an. „Genießt eure Nacht!“ Nun wirkte er wieder wie der Rumtreiber damals, bevor alles den Berg hinunter gegangen war.

Remus schlug ihm mit seiner Faust auf den Oberarm und knurrte unwillig, musste aber gegen seinen Willen doch lachen. Sirius schnappte sich ein Kissen, vom Sofa und warf es auf Remus, traf aber Severus, da er mit links geworfen hatte, weil er mit rechts Harry hielt. Der Tränkemeister zog eine Augenbraue in die Höhe und musterte den Grauäugigen mit unbewegtem Gesicht. Eine Zeitlang passierte nichts, dann konnte man ein kurzes Aufblitzen in den Augen von Severus sehen. Remus wusste, nun war Vorsicht angebracht. So schnell, wie keiner reagieren konnte, hatte Severus seinen Zauberstab in der Hand und auf Sirius gerichtet. Noch bevor Sirius das richtig begriffen hatte, war der Zauberstab schon wieder verschwunden. Harry sah seinen Paten kurz an, dann lachte er herzlich. Auch Remus prustete los. Mit einer dunklen Vorahnung sprang Sirius auf, hastete ins Bad und besah sich im Spiegel. Ein Schrei markierte den Zeitpunkt, an dem er entdeckte, was Severus gemacht hatte. „Pink?“, schrie Sirius auf. „Warum ausgerechnet pink?“

„Passt gut zu deinen grauen Augen.“, antwortete Severus trocken.

Remus prustete erneut und bekam fast einen Hustenanfall. Verständnislos sah Harry seine Väter an. „Warum hat Siri pinke Haare?“, wollte er wissen.

„Ich hatte kein Kissen zum zurück werfen.“, erklärte Severus. „Keine Sorge, sobald er zwei Stunden lang keine Dummheiten im Kopf hat, ist er die Farbe wieder los.“ Er schaffte es tatsächlich, ernst zu bleiben.

„Gibt es auch einen Gegenzauber?“, erkundigte sich Remus. „Ansonsten befürchte ich, dass er noch lange in pink herumrennt.“

„Moony, das ist unfair.“, beschwerte sich Sirius und zog einen Flunsch. „Du bist mein bester Freund, du musst doch zu mir halten.“

„Darum frage ich nach einem Gegenzauber.“, konterte Remus.

Sie lachten gemeinsam, denn hierbei konnte nicht einmal Severus ernst bleiben, dann wandte sich Sirius an Severus: „Ich hätte nicht gedacht, dass du einen Sinn für Humor hast.“

„Ich denke, es gibt Vieles, was du von mir nicht weißt.“, wurde Severus wieder ernst. „Umgekehrt genauso.“

„Dann sollten wir einen Neuanfang wagen. Was sagst du dazu?“, bot Sirius an.

Der Tränkemeister dachte nicht lange nach. Er hielt Sirius die Hand hin. „Ich bin Severus.“

Sirius ergriff die angebotene Hand. „Nett, dich kennen zu lernen, Severus. Ich bin Sirius.“ Harry sah ihnen nur verwirrt zu, er verstand nicht, warum sie sich einander neu vorstellten, obwohl sie sich doch schon länger kannten. Aber er sagte nichts, Fragen zu derart ernsten Themen stellte er selten. Da kam noch immer seine Kindheit bei den Dursleys durch.

Gemeinsam setzten sie sich nun an den Wohnzimmertisch, wobei Remus darauf bestand, dass Severus sich hinlegte, da er ziemlich blass wirkte. Sie spielten eine Weile Karten mit Harry und lachten viel. Der Kleine vergaß schnell wieder, was ihn zuvor verwirrt hatte. Erst, als Harry schon fast einschlief, beendeten sie den Abend und gingen zu Bett.

 

„Severus?“, klopfte es am späten Sonntagnachmittag an der Tür. Der Tränkemeister öffnete und ließ den Schulleiter herein. Er ging ihm voran ins Wohnzimmer und sie setzten sich.

Erst, als Albus eine Tasse Tee vor sich stehen hatte, kam er auf sein Anliegen zu sprechen. „Direktor Garbak hat sich gemeldet.“, berichtete der Weißhaarige. „Er hat nicht gesagt, welche Entscheidung sie getroffen haben, aber es ist wohl eine Entscheidung gefallen. Sie wollen uns morgen Nachmittag sehen. Schaffst du das zusätzlich zum Unterricht?“

„Ich werde es schaffen.“, war Severus zuversichtlich. „Für Harry, Remus und unseren Kleinen.“

„Gut, dann treffen wir uns nach dem Nachmittagsunterricht in meinem Büro.“, entschied Albus. „Ich habe von Garbak die Erlaubnis, dass wir direkt in die Bank flohen können. Ich erhoffe, dass dies ein positives Zeichen ist, bin mir aber nicht sicher.“

„Ich bringe das Basiliskengift mit.“, versprach Severus. „Gab es noch Erkenntnisse bei der Befragung unserer Angreifer?“

„Nein, leider nicht. Sie wussten weder, wo sie sich treffen, noch wer ihr Anführer ist. Er weiß offenbar genug, um als enger Anhänger Voldemorts erkannt zu werden, aber da gibt es genug, die in Frage kommen.“ Albus seufzte. „Wo sind Harry und Remus?“, wunderte sich der Weißhaarige nun.

„Sie sind zu den Einhörnern gegangen.“, schmunzelte der Tränkemeister. „Harry liebt sie und kann gar nicht genug bekommen.“

„Verständlich.“, gluckste der Schulleiter. „Dann noch einen schönen Abend!“

„Danke. Wir sehen uns morgen beim Frühstück.“, verabschiedete sich Severus. Er begleitete seinen Vorgesetzten noch zur Tür, war aber danach froh, wieder alleine zu sein. Im Moment war ihm Vieles zu anstrengend, da genoss er jeden ruhigen Moment, auch wenn er nicht bereute, Harry und Remus zu sich geholt zu haben.

Sirius war wieder in London, es ging ihm deutlich besser und er hatte entschieden, das Haus nun so richtig herzurichten. Er hatte vor, sein Leben endlich in den Griff zu bekommen und neu anzufangen. Die Entscheidung, nicht mehr als Auror zu arbeiten, war jetzt endgültig. Auch wenn er noch immer nicht wusste, wie er dann seine Zeit vernünftig einsetzen wollte, außer Kindern zu helfen, aber dafür brauchte es neue Gesetze. Doch zunächst war es für ihn wichtig, Zeit mit Harry zu verbringen, damit der seine Vergangenheit vergessen konnte. Und es schien, als ginge es dem Kleinen deutlich besser. Zwar war er immer noch schüchtern, aber immerhin akzeptierte er nun auch Fremde in seiner Nähe, ohne gleich zu flüchten. Zumindest, solange seine Vertrauten in Sichtweite waren.

Remus war nicht ganz so begeistert, als er von den Plänen Severus' hörte, aber er wusste, er konnte nichts daran ändern. Diese Diskussion hatten sie schon mehrmals geführt, doch Severus wollte es beenden. Und noch jemanden einzuweihen, war gefährlich. Severus war ein starker Magier, er wusste, wie er mit den Bannen umgehen musste. So übernahm der Werwolf wortlos die Korrekturen von den Aufsätzen der jüngeren Schüler, damit Severus Zeit für die Bank hatte. Er drückte ihnen die Daumen, dass sie erfolgreich wären.

Der Tränkemeister kam nach dem Unterricht nur kurz zu Harry und Remus, zog sich um und trank etwas. Er hatte die Hoffnung, bald zurück zu sein, wollte es dem Kleinen aber nicht versprechen. Er küsste den Fünfjährigen auf den Scheitel und drückte ihn an sich. Der Junge war ganz verrückt nach Kuscheleinheiten und genoss jede Berührung, Umarmung oder Zärtlichkeit. Da war offenbar immer noch Nachholbedarf. Dann beeilte er sich, ins Büro von Albus zu kommen. Der wartete schon auf ihn und ging diesmal voran durch den Kamin. Severus folgte ihm und landete direkt im Büro von Garbak. Das ließ ihn ein wenig optimistisch werden, allerdings waren Kobolde schwer einzuschätzen. Sie setzten sich, als der Direktor es ihnen anbot.

„Direktor Garbak, einen guten Abend.“, begrüßte ihn Albus.

„Direktor Dumbledore, Professor Snape-Lupin.“, entgegnete Garbak. „Ich habe mit den Ältesten gesprochen und wir haben eine Entscheidung getroffen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und klopfte dabei auf seinen Schreibtisch. Sich zur Ruhe zwingend saßen seine Besucher auf ihren Stühlen und warteten ab. Fast fünf Minuten passierte nichts, erst dann öffnete sich eine Tür hinter dem Direktor und ein Kobold trat ein. Er flüsterte kurz mit Garbak und reichte ihm eine Holzkiste. Dann verschwand er genauso schnell, wie er gekommen war. Der Kobold legte die Kiste auf seinen Schreibtisch und sah zu seinen Besuchern. „Unsere Entscheidung ist, dass euer Wunsch erfüllt werden soll, denn auch wir Kobolde wären betroffen, käme der Unnennbare zurück. Und euer Einsatz, Professor Snape-Lupin, hat uns überzeugt. Hier ist der Becher.“ Garbak öffnete das Holzkästchen und sie sahen den goldenen Trinkpokal im Inneren liegen. „Der Becher wird die Bank nicht verlassen, aber ihr könnt den Horkrux zerstören. Die Ältesten sind sicher, dass der Behälter keinen Schaden nehmen wird, daher erlauben wir euch diese Zerstörung.“

Ohne sich seine Erleichterung anmerken zu lassen, griff Severus in seine Tasche, holte die Drachenlederhandschuhe heraus und zog sie an. Albus' Protest ignorierte er gekonnt, er wollte es sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Das war es, worauf er so lange hingearbeitet und die ganzen Strapazen auf sich genommen hatte. Vorsichtig nahm er den Becher und stellte ihn auf den Tisch. Jetzt holte er die Phiole mit dem Basiliskengift aus seinem Umhang und öffnete sie sehr vorsichtig. Er hob sie hoch und erstarrte, denn er spürte, wie in ihm Widerstand erwachte, und konnte die Phiole nicht kippen. Es war unmöglich, egal wie sehr er sich gegen die Magie wehrte. Neben ihm sprach Albus ermutigend auf ihn ein, doch das hörte Severus nicht einmal. Das Seelenbruchstück hatte ihn mehr oder weniger im Griff, auch wenn der Tränkemeister wusste, dass sein Willen übernommen worden war, konnte er es nicht überwinden. Verzweifelt versuchte Severus, den Widerstand zu überwinden, um dieses Bruchstück endlich zu zerstören. Er spürte nicht, wie ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht lief, wie er zu zittern anfing. Es war ein Kampf zwischen zwei starken Willen.

Severus wusste, er war der Einzige, der es hier beenden konnte. Niemand war gerade in der Lage, die Phiole aus seiner Hand zu nehmen. Seine Magie verhinderte das und wurde dabei auch noch von der Magie des Horkruxes unterstützt. Aber er wollte es unbedingt beenden. Warum eigentlich? Für einen Moment dachte er tatsächlich darüber nach, warum er es zerstören sollte. Der Horkrux versprach ihm große Macht, er hätte endlich die Möglichkeit, sich gegen seine früheren Peiniger zu wehren, könnte dafür sorgen, dass niemand ihm mehr weh tat. Er könnte etwas verändern. Wollte er nicht alles verändern, die Welt besser machen? Der Horkrux versprach, ihm diese Macht zu geben. Ja, er wollte die Welt besser machen, für Remus, für Harry und für ihren ungeborenen Sohn.

Gebannt beobachtete Albus seinen Tränkemeister. Er war vollkommen erstarrt und schien nicht in der Lage, sich gegen den Horkrux zu wehren und ihn zu zerstören. Egal, was er selbst zu ihm sagte, er konnte Severus nicht aus dieser angespannten Starre holen, dieser schien ihn gar nicht zu hören. Doch Albus gab nicht auf, erinnerte Severus an Remus und Harry. Plötzlich ging ein Ruck durch den minutenlang starren Körper des Tränkemeisters, und er ließ drei Tropfen Basiliskengift auf den Becher tropfen. Deutlich spürte er nun, dass ein Bann auf dem Becher lag, der ihn davon abhalten wollte, aber der Gedanke an Remus, das Baby und Harry gab ihm Kraft, dem Horkrux zu widerstehen.

Sobald das Gift auf den Becher traf, entwich ihm eine dunkle Masse, die zischte und sich dann auflöste. In dem Moment brannte das Mal an Severus' Unterarm wie Feuer und er konnte gerade noch verhindern, die Gift-Phiole fallen zu lassen. Albus reagierte blitzschnell, griff nach dem Fläschchen, stellte es auf den Tisch, und hielt dann Severus fest, der mit seiner rechten Hand den linken Unterarm umklammerte. Es dauerte nur etwa eine Minute, dann war es vorbei, aber Severus war schweißgebadet. Albus bedankte sich herzlich bei dem Kobold und reichte ihm das Schwert, das er mitgebracht hatte. Dieser Preis schien ihm nicht zu hoch, wenn sie dafür dann die Möglichkeit hatten, die Wiederauferstehung des Dunklen zu verhindern. Der Kobold nickte und deutete auf den Kamin hinter sich. Dumbledore bugsierte seinen Tränkemeister hindurch und brachte ihn zurück nach Hogwarts. Von seinem Büro aus führte er ihn durch einen Geheimgang in die Kerker. Der Schwarzhaarige brauchte nun Ruhe.

Doch kaum im Kerker angekommen wussten sie, dass etwas nicht stimmte. Harry sah verweint aus und wirkte, als hätte er Schmerzen gehabt. Severus, der sich bis zu dem Moment schwer auf Albus gestützt hatte, richtete sich auf und schloss Harry in die Arme, der sich schluchzend an die Schulter des Tränkemeisters klammerte. Der hielt ihn einfach nur fest und setzte sich mit ihm auf das Sofa. Über den Kopf seines Sohnes hinweg sah er Remus fragend an. „Urplötzlich ist er vor etwa zwanzig Minuten zusammengezuckt und hat angefangen, zu schreien.“, berichtete der Werwolf. „Ich konnte nichts tun, wollte gerade Poppy holen, da hat es genauso plötzlich aufgehört, wie es angefangen hat. Er hat sich den Kopf gehalten und die Narbe wurde rot und ist ein bisschen aufgerissen, aber das habe ich schon wieder geheilt. Ich kann es mir nicht erklären.“

„Albus?“, fragte Severus, dem durchaus aufgefallen war, dass die Zeit genau mit dem Brennen seines Mals übereinstimmte.

„Ich habe eine Theorie, aber ich muss Einiges recherchieren.“, gab der Weißhaarige nachdenklich von sich. „Ich sage euch Bescheid, wenn ich etwas herausfinden sollte.“ Damit drehte er sich um und ging durch die Tür.

Remus setzte sich neben Severus auf das Sofa und strich Harry beruhigend über den Rücken. Die beiden Erwachsenen wechselten besorgte Blicke, sprachen aber nicht, weil sie ihren Sohn nicht ängstigen wollten. Der Kleine war völlig erschöpft und schloss die Augen immer länger, bevor er sie mühsam wieder aufriss. Remus und Severus strichen ihm weiter beruhigend über den Kopf, den Rücken, die Seiten und die Wangen, bis er schließlich doch eingeschlafen war. Gerade wollte Remus ansetzen, etwas zu sagen, als der Kamin im Büro rauschte und jemand nach Severus rief.

Severus zuckte zusammen, als er Lucius' Stimme aus seinem Büro hörte. Vorsichtig reichte er den schlafenden Harry an Remus weiter, überprüfte die Illusion, die seinen Bauch verdeckte, und ging ins Büro, kniete sich vor den Kamin. „Lucius.“, grüßte er den Blonden knapp. „Was kann ich für dich tun?“

„Weißt du, was vor einer Stunde etwa los war? Warum hat das Mal gebrannt?“, zischte Lucius.

„Woher soll ich das wissen? Mein Mal hat ebenfalls gebrannt.“, gab Severus kurz angebunden zurück. Er ließ sich nichts anmerken, nur eine gewisse Verwirrung. „Was hat das zu bedeuten?“

„Das versuche ich, herauszufinden. Irgendetwas Schwerwiegendes ist passiert, aber ich muss erst noch herausfinden, was und wer dahinter steckt. Ich hatte gehofft, du kannst mir einen Hinweis geben. Hast du das noch, was ich dir gegeben habe?“, fragte Lucius.

„Sicher verschlossen.“, antwortete Severus. Dass es nicht bei ihm, sondern bei Albus war, musste er ja nicht sagen, somit hatte er nicht gelogen.

„Gib es mir zurück. Das Risiko, wenn es in Dumbledores Nähe ist, ist viel zu groß, ich hätte es dir nie geben dürfen!“, forderte Lucius. Er wirkte angespannt, beinahe panisch, wenn ein Malfoy so aussehen konnte.

„Es bleibt hier, da ist es in Sicherheit. Hier sucht niemand danach.“, widersprach Severus. „Du hast es mir gegeben, hast mich gezwungen, es zu verstecken, sonst wolltest du mich nach Askaban bringen. Ich werde gut aufpassen, aber das Risiko, nach Askaban zu kommen oder von unserem Lord deswegen getötet zu werden, wenn er wiederkommt, gehe ich nicht ein. Das Ministerium wird nie auf die Idee kommen, Hogwarts deswegen zu durchsuchen, da wären sie Jahre beschäftigt. Bei dir hingegen gehen die Auroren ein und aus, weil sie etwas finden wollen. Bei mir ist es also weitaus sicherer.“

Auch wenn Lucius noch mehrmals versuchte, das Tagebuch von Severus zu bekommen, musste er schließlich aufgeben. Die Argumente des Tränkemeisters waren gut durchdacht, irgendwann fiel dem Blonden nichts mehr ein. Und offensichtlich bedrohen wollte er Severus scheinbar nicht. Doch der Kerkermeister wusste, dass das noch nicht alles gewesen sein konnte. Lucius würde nicht aufgeben, wenn er das Ziel hatte, den Horkrux zurück zu bekommen. Scheinbar wusste er nicht genau, was er da in die Hand von Severus gegeben hatte, aber das konnte sich nur um eine Frage der Zeit handeln, früher oder später fand der Reinblüter sicher heraus, dass das Tagebuch ein Horkrux war. Der Blonde war schwer einzuschätzen, machte meist das, was für seine Zwecke am besten war, aber in den letzten Wochen hatte er, wenn sie sich denn gesehen hatten, gerne mal über die derzeitige Situation ausgelassen. Das Ministerium ging nicht den Weg, den Lucius Malfoy für gut hielt, er wollte endlich die schwarze Magie legalisiert haben, vor allem da auch sein Sohn, wie er selbst, schwarz-magisch veranlagt zu sein schien. Severus ahnte, wenn Lucius wusste, was das Tagebuch war, dann würde er nicht mehr aufgeben und zusehen, dass er damit den Lord wieder erweckte. Und das musste Severus verhindern, möglichst ohne dass Lucius ihm in die Quere kam. Er würde vorsichtig sein müssen. Der Blonde schreckte nicht davor zurück, auch Remus und Harry zu bedrohen, und das wollte er auf jeden Fall verhindern.

„Remus?“, machte er seinen Mann aufmerksam, der mit Harry im Arm immer noch auf dem Sofa saß. Der Werwolf blickte auf und hob fragend eine Augenbraue. „Sei bitte extrem vorsichtig. Das Mal hat geschmerzt, als ich den Becher zerstört habe. Das war genau der Moment, als auch Harry Schmerzen hatte. Ich befürchte, dass es zusammenhängt. Jedenfalls ahnt Lucius wohl etwas. Er wollte das Tagebuch zurückhaben, aber ich kann es ihm nicht geben, denn er würde sofort bemerken, wenn der Horkrux vernichtet ist, und so kann ich es ihm auch nicht geben. Ich habe mich geweigert, es ihm zurückzugeben und er war, gelinde gesagt, nicht sonderlich erfreut. Wenn er mich nicht überreden kann, dann traue ich ihm zu, dass er mich mit euch erpressen will.“

„Ich werde aufpassen.“, versprach Remus. „Du weißt, dass meine Sinne deutlich besser sind, auch ohne Vollmond. Ich erkenne Portschlüssel instinktiv, werde daher auch keinen nehmen, und Harry greift sowieso nicht zu, wenn er nicht von uns das Okay bekommt. Hab keine Angst, Sev. Komm her.“

Der Schwarzhaarige, der bisher im Türrahmen stehen geblieben war, setzte sich auf das Sofa und lehnte sich an Remus. Mit einem Schwenk seines Zauberstabes löste er die Illusion und der Dunkelblonde begann, sanft über den Bauch zu streicheln. Mit geschlossenen Augen genoss Severus die Berührung. „Weißt du, dass es der Gedanke an euch Drei war, der mir die Kraft gegeben hat, den Horkrux zu vernichten?“, wisperte er. „Der Kleine hat getreten und mich damit in die Wirklichkeit zurückgeholt. Ohne diesen Tritt hätte ich es wohl nicht geschafft.“

„Du hast ihn gespürt?“, staunte Remus. Severus nickte nur und griff nach der Hand seines Partners, führte sie an eine Stelle seines Bauches. Plötzlich spürte auch Remus einen vorsichtigen Tritt an seiner Hand. Mit glänzenden Augen sah er Severus an, strahlte vor Glück. Mit seiner Hand blieb er auf dem Bauch, während er den Tränkemeister zärtlich küsste, dabei aber immer darauf achtete, dass Harry auf seinem Schoß liegen konnte ohne hinunterzufallen.

Sie ließen Harry noch eine halbe Stunde weiterschlafen und vertrieben sich die Zeit mit Küssen und Bauch streicheln. Dann weckten sie ihren Großen auf, damit sie gemeinsam ein spätes Abendessen genießen konnten. Bald wollten sie Harry auch einmal mit in die große Halle nehmen, wo normalerweise alle Anwesenden zum Essen waren. Aber damit wollten sie warten, bis Harry sich sicher genug dafür fühlte. Bis dahin aßen sie zu dritt in ihrer Wohnung.

Anschließend brachten sie Harry ins Bett, der seit einigen Wochen nur noch selten Mittagsschlaf hielt. Nur, wenn er sich sehr angestrengt hatte, oder wenn ihn etwas überforderte. Das allerdings passierte nun immer seltener, was Severus und Remus sehr glücklich machte. Der Tränkemeister las dem Fünfjährigen noch eine Geschichte vor, bis er eingeschlafen war. Leise stellte er dann das Buch auf die Seite, deckte Harry noch einmal richtig fest zu und gab ihm einen letzten Gute-Nacht-Kuss auf die wirren Haare. Glücklich sah er dem Kleinen noch einige Momente beim Schlafen zu, überwältigt von seinen eigenen Gefühlen, die er sich nie hätte träumen lassen, vor allem bei James Potters Kind.

Als sich die Arme von Remus um ihn schlangen, lehnte er sich an seinen Mann. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“, hauchte Remus in Sevs Ohr. „Du machst mich so glücklich, dass ich glaube, platzen zu müssen vor Glück.“ Seine Gefühle waren so deutlich, dass auch Severus sie fühlen konnte, und auf den Fluren konnte ihm jeder ansehen, wie glücklich er war.

„Ich kenne das Gefühl.“, gab Severus schmunzelnd zu. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich jemals so fühlen könnte. Du bist mein Leben, Remus, zusammen mit Harry und unserem Kleinen. Ich bin froh, mich für euch entschieden zu haben. Alle diese Entscheidungen waren schwer für mich. Damals auf dem Turm, als du mich gefunden hast. Ich wollte es nie zugeben, aber ich hatte mich schon in unserer Schulzeit in dich verliebt. Nur deshalb konnte Black mich damals in die heulende Hütte locken. Ich wollte herausfinden, was mit dir los ist, weil ich mehr für dich empfunden habe. Und dann warst du da, als ich am dringendsten jemanden brauchte. Nicht nur, als es mir gut ging, warst du da, sondern vor allem dann, als ich am Boden lag. Die Entscheidung für dich war das Beste, was ich jemals getan habe. Ich liebe dich, Remus, so sehr, dass ich es nicht fassen und schon gar nicht in Worte kleiden kann.“

Bei diesen Worten hatte Remus seine Umarmung noch deutlich verstärkt und schmiegte sich nun an Severus. Er hatte es schon in der Schulzeit gerochen, aber sich selbst dennoch nicht erlaubt, mit Severus etwas anzufangen, da er ihn nicht zu einem solchen Leben verdammen wollte. Auch heute noch waren Werwölfe gesellschaftlich ausgestoßen und wurden gemieden. Er hatte noch nie seit Hogwarts auch nur die Möglichkeit einer Arbeitsstelle gehabt. Ohne Severus säße er schon seit Jahren auf der Straße. Seine Eltern waren kurz nacheinander gestorben, etwa ein Jahr nach seinem Abschluss. Das Erbe hatte gerade für die Beerdigung gereicht und dann für eine kleine Wohnung, die er ein Jahr hatte halten können. Dann war der Vermieterin klar geworden, dass er ein Werwolf war, und sie hatte ihn ausgesperrt, seine Sachen hatte er nie wiedergesehen. Als er sich deswegen beim Ministerium beschwert hatte, war er nur ausgelacht worden. James hatte ihn dann eine Weile aufgenommen. Es war Glück gewesen, oder auch nicht, dass er in dieser einen Halloween-Nacht nicht dort war. Danach war er bei Severus untergekommen. Nicht nur ein Bett hatte er dort gefunden, sondern auch den Gefährten, den er sich immer gewünscht hatte. „Hast du es jemals bereut?“, wollte er leise wissen.

„Das mit uns? Nie.“, versicherte Severus ehrlich. „Nur eines bereue ich bis heute. Dass ich nicht schon viel eher ehrlich mit dir war.“ Er küsste Remus intensiv, wie um seine Worte zu bestätigen.

„Und Harry? Oder das Baby?“, hakte Remus noch weiter nach. Er musste einfach sicher gehen, dass er Severus nicht zu dieser Entscheidung gedrängt hatte.

„Harry? Nein. In dem Moment, als du mit ihm angekommen bist, war mir klar, mein Hass galt nur seinem Vater. Niemand hat es verdient, dass er so behandelt wird. Und unser Baby? Ich habe lange mit mir gerungen, denn ich hätte das nie in Erwägung gezogen. Aber bereut habe ich es nicht. Es hat gedauert, mich an den Gedanken zu gewöhnen, aber ich freue mich auf ihn.“, flüsterte Severus.

„Komm, du hast heute viel geleistet. Ich lass dir ein heißes Bad ein, das wird dir gut tun.“, entschied Remus schließlich.

Erst jetzt merkte Severus, wie kalt ihm war, wenn Remus nicht gerade nahe bei ihm stand. Er erinnerte sich daran, dass er schweißgebadet gewesen war, als sie Gringotts verließen. Wahrscheinlich stank er sogar fürchterlich, vor allem für die Nase des Werwolfes. Dankbar nickte er daher und ging ins Bad, wo er sich erst einmal kurz unter die Dusche stellte, um den Schweiß abzuwaschen, während Remus die Wanne füllte. Das heiße Wasser war wirklich sehr angenehm und wärmte ihn auf, daher lehnte er sich einfach zurück und ließ sich treiben. Remus beobachtete ihn schmunzelnd und begann, seine Beine zu massieren, die bei längerem Stehen nun häufiger schmerzten. Zwar gab Severus das nie zu, aber der Werwolf wusste es trotzdem.

 

Einen Tag später trafen sie sich kurzentschlossen mit Molly und Percy in der Winkelgasse. Remus schuldete dem Jungen immer noch eine Ratte, schließlich hatte er versprochen, die falsche Ratte zu ersetzen, und sie wollten für Harry einen Hund oder eine Katze kaufen, wenn er es wollte. Es schien ihm gut zu tun, mit Sirius als Hund zu toben und im Schloss war genug Platz für ein Haustier. Damit sie so sicher wie möglich waren, ging Sirius mit ihnen, Severus legte sich lieber hin, da er erschöpft war. Moody hatte eine hohe Absicherung durch seine Leute versprochen, ständig patrouillierten erfahrene Auroren in der Zauber-Einkaufsstraße. Als sie die Mauer öffnen wollten, trafen sie auf die Malfoys, die eben am Gehen waren. Abschätzig musterte der ältere Blonde die kleine Gruppe und schob seine Frau und seinen Sohn schnell vorwärts. Sirius und Remus wechselten einen Blick und zuckten die Schultern, Molly kannte es nicht anders, die Reinblüter verachteten ihre Familie, weil sie viele Traditionen nicht weiterführten und die Muggel nicht verabscheuten, Gold nicht als das Wichtigste ansahen.

Schnell eilten sie durch den Durchgang und machten sich auf den Weg. Kaum im magischen Tierladen angekommen, stürzte Percy zu den Ratten und fand schnell eine ganz junge, weibliche Ratte. Remus versprach, sie am Ende zu bezahlen, doch zuerst sollte Harry sich noch umsehen. Der Fünfjährige ging mit großen, erstaunt blickenden Augen durch den Laden, konnte sich am Ende aber nicht für ein Tier entscheiden, daher beschlossen sie, ein anderes Mal wiederzukommen. Sie würden das richtige Tier für Harry sicher noch finden, man durfte nicht eilen, wenn man so eine Entscheidung richtig treffen wollte.

Sirius entschuldigte sich, als die Weasleys im Tropfenden Kessel verschwunden waren, um nach Hause zu reisen. Er musste noch zum Ministerium, einiges wegen der Erbschaft und seinem Anspruch auf das Black-Erbe klären, wollte sie aber eine Stunde später in seinem Haus treffen. Sie planten einen gemütlichen Nachmittag mit verschiedenen Spielen, die Sirius extra für sein Patenkind besorgt hatte. Viel war nicht los in der magischen Einkaufsstraße, daher beschloss Remus, mit Harry auf den Spielplatz zu gehen, der ein Stück hinter Gringotts in einem kleinen Park lag. Das gefiel dem Kleinen sicherlich. Und mit den Auroren, die unterwegs waren, fühlte er sich sicher genug.

Kaum waren sie angekommen, tobte Harry schon durch den Sand. Remus setzte sich auf eine Bank am Rande und genoss die Sonnenstrahlen und Harrys Lachen. Bis ein Gefühl von Gefahr ihn aufmerksam werden ließ und er herumwirbelte. Mehrere schwarz gekleidete Figuren – allerdings keine Todesser-Kleidung – drangen mit Zaubern auf ihn ein und hielten ihn beschäftigt. Er hörte Harry hinter sich kurz schreien, konnte sich aber nicht umwenden, da er alleine gegen zehn Zauberer stand und zu tun hatte, nicht verletzt zu werden. Plötzlich, wie auf ein geheimes Zeichen hin, disapparierten die Schwarzgekleideten. Panisch wirbelte Remus herum, wissend, was er hinter sich finden würde. Nichts. Harry war weg. Den Spuren im Sand nach zu urteilen, hatten zwei weitere Männer seinen Kleinen geschnappt und waren mit ihm disappariert.

„Harry! Harry!“, schrie Remus verzweifelt und sank zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass er verletzt worden war, aber jetzt sah er das Blut, das aus einer tiefen Schnittwunde an seinem Oberschenkel tropfte, spürte den gebrochenen linken Arm und zahlreiche Prellungen.

„Mister! Hey, Mister!“, riss eine Stimme ihn aus seiner Verzweiflung. Eine junge Frau sah ihn an. „Was ist passiert? Soll ich einen Heiler rufen?“

„Auroren. Schnell!“, keuchte Remus. „Ich bin Remus Lupin, mein Sohn, Harry, er wurde entführt!“

„Oh Merlin!“, hauchte die Frau und sprang auf. „Ich laufe in die Apotheke und alarmiere die Auroren!“, versprach sie und verschwand. Nur Minuten später war sie mit einigen Auroren und einem Heiler wieder zurück.

„Remus!“, kam Devon zu ihm. Sobald er mitbekommen hatte, um wen es ging, war er sofort in die Winkelgasse geeilt. „Was ist passiert? Du bist verletzt.“

„Nicht so schlimm. Harry wurde entführt!“, wehrte Remus ab. Er berichtete den Auroren, unter ihnen Moody und Kingsley, was passiert war.

„Tut mir leid, es gab eine Schlägerei, unsere Leute mussten eingreifen. Möglicherweise ein Ablenkungsmanöver. Vor allem weil die Schläger untergetaucht sind. Sichern wir die Spuren. Remus, lass dich untersuchen.“, bestimmte Moody. Schnell wurden die vorhanden Magiespuren untersucht und aufgenommen, aber viel versprachen sie sich nicht davon. Es wirkte gut geplant. Zitternd beobachtete es Remus und spürte, dass es eine vergebliche Suche war. Devon wollte ihn mit ins St. Mungo nehmen, da er unter Schock stand, aber er wollte lieber nach Hogwarts zurück. Es würde Severus noch schlimmer treffen wie ihn und er musste für ihn da sein. Devon begleitete ihn, würde nie zulassen, dass der Werwolf alleine ging. Sie kamen im Kamin in Severus' Büro heraus und gingen hinüber ins Wohnzimmer.

Severus schreckte hoch, als er seinen Mann ansah. „Was ist passiert? Wo ist Harry?“, wollte er sofort wissen.

Remus schluchzte auf und klammerte sich an Severus fest. Er bekam kein Wort heraus, daher übernahm es Devon, den Tränkemeister vorsichtig aufzuklären über die Entführung von Harry.

„Nein!“, schrie Severus plötzlich auf. „Nein, nicht Harry! Wer war das? Ich werde sie persönlich in die Hölle bringen!“

„Severus, beruhige dich!“, befahl Devon ernst. „Du bist offensichtlich schwanger, denk an das Baby. Wenn du dich nicht beruhigst, muss ich dich ruhigstellen, damit nicht die Gefahr besteht, dass du das Baby verlierst!“

Severus sackte zusammen und ließ sich widerwillig von Remus auf das Sofa helfen.

„Ich hätte ihn beschützen müssen!“, kam es von dem Dunkelblonden nun leise und unter Tränen. „Ich habe die Augen geschlossen und mich in die Sonne gelehnt, weil niemand in der Nähe war. Ich habe nicht aufgepasst, deswegen konnten sie mich überrumpeln. Es tut mir so leid!“

„Nein, Remus.“, stoppte ihn Devon. „Ich habe mitbekommen, dass Moody festgestellt hat, dass du gegen zehn Zauberer angetreten bist, während sich zwei weitere an Harry geschlichen haben. Du hattest keine Chance, wurdest selbst verletzt. Du musst dich beruhigen, damit du ihm jetzt helfen kannst.“

„Was sollen wir tun?“, wisperte der Werwolf leise.

Da Severus und Remus nicht in der Lage waren, eine Entscheidung zu treffen, und auch nicht alleine bleiben sollten, rief Devon Albus Dumbledore zu Hilfe. Der kam sofort und blieb bei den beiden Männern im Kerker. Devon flohte zurück in die Klinik, wo er noch einige Zeit arbeiten musste. Er war innerlich froh, dass ausgerechnet er gerade Dienst gehabt hatte, als der Notruf herein gekommen war. Sobald er den Namen von Remus gehört hatte, war er in die Winkelgasse gefloht, um seinem Freund beizustehen. Unruhig ging Remus nun im Wohnzimmer auf und ab, während Severus, dem Devon noch einen Beruhigungstrank gegeben hatte, auf dem Sofa lag und abwesend ins Leere starrte. Man konnte die Angst und Sorge sehen und riechen, aber beide wussten nicht, was sie tun sollten, waren völlig verzweifelt. Albus hingegen nutzte das Flohnetzwerk und kontaktierte zunächst Alastor Moody, dann die Weasleys und alle möglichen Menschen aus der Zauberwelt, die ihm vielleicht einen Hinweis geben konnten, allen voran die Ladenbesitzer in der Winkelgasse. Er informierte auch Sirius darüber, was passiert war, da dieser immerhin besorgt auf Harry und Remus wartete. Der Schwarzhaarige kam sofort durch den Kamin, um Severus und Remus beizustehen, die immer verzweifelter wurden, wenn sich Albus wieder kopfschüttelnd aus dem Kamin zurückzog, um einen weiteren Anruf zu tätigen.

 

Harry hingegen versuchte, zu verstehen, was da passiert war. Er war auf der Schaukel gesessen und hatte es genossen, so hoch wie möglich zum Himmel zu kommen. Früher war das nicht möglich gewesen. Einmal hatte er es gewagt, sich auf Dudleys Schaukel zu setzen, da hatte sein Cousin ihn herunter geworfen und Onkel Vernon ihn am Abend, als er von der Arbeit gekommen war, ganz schlimm verprügelt, sodass er ein paar Tage nicht mehr sitzen konnte. Außerdem war er in seinen Schrank eingesperrt worden. Jetzt saß er hier im Dunklen. Die Schaukel hatte plötzlich gestoppt und jemand ihn von hinten gepackt. Sein Schrei war schnell mit einer Hand erstickt worden. Wie gelähmt war er danach gewesen und hatte sich nicht wehren können. Sie waren appariert, das hatte er erkannt, da er mit seinen Daddys schon appariert war, auch wenn es schon eine Weile nicht mehr passierte. Er hatte sich nicht einmal umsehen können, da war er schon hier in diese winzige Kammer geworfen worden. Hier war es dunkel und langsam stieg Harrys Panik. Anfangs hatte er an seine Daddys gedacht und war sicher gewesen, dass sie ihn bald rausholen würden. Aber inzwischen knurrte sein Magen und er hatte wahnsinnigen Durst.

Plötzlich öffnete sich die Tür und ein großer, dunkler Schatten kam herein. Hektisch rutschte Harry so weit wie möglich von der Figur weg. In Gedanken war er wieder im Ligusterweg und wimmerte leise. „Ruhe!“, befahl eine strenge Stimme. Sie klang verstellt. „Hier hast du eine Flasche Wasser und Brot. Das wird reichen, dass du nicht verhungerst. Wir haben wichtige Pläne mit dir, aber es dauert noch eine Weile, bis wir alles beisammen haben. Dann wirst du uns nützlich sein, und wer weiß, vielleicht haben wir danach ein bisschen Spaß mit dir!“ Gehässig lachte der Mann, denn es war eindeutig ein Mann.

„Ich will zu meinen Daddys!“, weinte Harry. Nein, er würde nicht einfach aufgeben, seine Daddys hatten ihm immer wieder gesagt, dass sie auf ihn aufpassen würden. Er war sicher, sie würden kommen und ihn befreien. Dennoch hatte er Angst, weil er nicht wusste, was auf ihn zukam.

„Du sollst still sein!“, herrschte die Stimme ihn an. „Und damit du es nicht vergisst, hier noch ein kleine Erinnerung!“ Mit einem Schlenker seiner Hand hatte der Mann plötzlich einen Stock, mit dem schlug er nach dem Jungen. Wimmernd kauerte Harry sich zusammen, rollte sich ein.

Die Schläge waren schmerzhaft, wenn auch nicht so schlimm wie das, was er bei seinem Onkel erdulden hatte müssen, aber als die Tür hinter dem Mann ins Schloss fiel, brach der Kleine in heftiges Schluchzen aus. „Daddy!“, hickste er, als er wieder ein wenig Luft bekam und das Weinen einem Schluckauf gewichen war. „Ich will nach Hause!“ Weinend versuchte er, die Tür zu öffnen, konnte aber nicht spüren, wo die Wand aufhörte und die Tür anfing. Er schlug mit den Fäusten auf die Wand ein, versuchte panisch, mit seinen Fingern ein Loch in den Putz zu bohren. Vergeblich. Immer wieder schlug er gegen die Wand und schrie um Hilfe. Bis ihn schließlich Schwärze ummantelte und endlich erlöste.

Plötzlich glühte die Kette an seinem Hals, das Leuchten wurde immer stärker, bis der ganze Körper des Jungen strahlte wie ein Stern. Als das Leuchten seine ganze Stärke entfaltet hatte, verschwand der Junge aus dem Raum und tauchte Sekunden später im Wohnzimmer neben Severus wieder auf. „Harry!“, schrien der Tränkemeister und Remus gleichzeitig auf.

Albus rief sofort die Heilerin hinzu, die sich nur Momente später über den Jungen beugte. Sirius trat beiseite. Der Schulleiter zog Remus und Severus ein wenig zurück, damit Poppy arbeiten konnte. Es dauerte nicht lange, da sah sie auf. „Er wurde offenbar mit einem Stock geschlagen, ich vermute Bambus. Ihm fehlt Flüssigkeit und er hat wohl nichts zu Essen bekommen. Aber körperlich geht es ihm soweit gut, ich konnte die Prellungen von den Schlägen heilen. Wie es um seine geistige Verfassung steht, das müssen wir abwarten.“, seufzte Poppy leise. „Er wird einen herben Rückschlag erleiden, vermute ich. Dabei hattet ihr ihn schon so weit.“

Severus nahm den Kleinen vorsichtig in den Arm und setzte sich auf das Sofa mit ihm. Nur mühsam unterdrückte er seine Wut, die ihn rot sehen ließ, als er hörte, dass sein Kleiner mit einem Stock geschlagen worden war. Allerdings half er Harry damit nicht, er musste ruhig bleiben. Remus kam zu ihm, auch er wirkte wütend, aber mehr noch besorgt. Er setzte sich neben Severus, und sie hielten Harry fest, der wimmerte und zuckte. Langsam schien er wieder zu sich zu kommen. Mit einem Schrei fuhr er hoch.

„Ruhig, Welpe.“, versuchte Remus ihn zu beruhigen. „Du bist zuhause, in Sicherheit. Alles gut, Engel. Wir sind bei dir!“

„Nicht wehtun, bitte nicht wehtun! Bin brav!“, wisperte Harry heiser und klammerte sich an seinen Vätern fest. Panik sprach aus all seinen Gesten und Blicken.

„Wir sind da, mein Kleiner!“, schloss Severus sich Remus an. „Hab keine Angst mehr. Du bist in Sicherheit.“

Erschöpft lehnte der Fünfjährige sich in die Umarmung seiner Väter und ihm fielen die Augen zu. Doch sobald sie zu waren, riss er sie schreiend wieder auf. Egal, was Severus und Remus machten, er beruhigte sich nicht. Auch Sirius kam nicht an ihn heran, obwohl sie sonst ein enges Verhältnis hatten. Verzweifelt versuchten sie, den Kleinen zu beruhigen, doch es klappte einfach nicht. Die Panik bei Harry steigerte sich eher weiter. Mitten in der Nacht traf Severus schließlich eine Entscheidung und flößte Harry einen Beruhigungstrank ein, der ihn schlafen schickte. „Ich sehe nur eine Möglichkeit.“, wandte er sich an Remus und Sirius. „Ich kann ihm diese Erinnerungen nehmen, denn er schafft es nicht, noch einmal von vorne anzufangen. Es geht nur um einige Stunden, das sollte möglich sein.“ Severus wirkte völlig fertig, er zitterte und seine Stimme war unruhig, auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er atmete einige Male tief durch, dann sprach er weiter. „Ich muss sowieso in seinen Kopf eindringen, um herauszufinden, ob er etwas erkannt hat. Da es um einen vergleichsweise kurzen Zeitraum geht, könnte ich die Erinnerung komplett löschen, und ihm stattdessen eine falsche einpflanzen."

Remus und Sirius dachten eine Weile darüber nach. Albus wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her. „Ich denke, das dürfte sinnvoll sein.“, entschied er schließlich. „Der Kleine schafft die ganze Verarbeitung nicht noch einmal, und ihr Beide auch nicht. Gerade du, Severus, wirst das Baby verlieren, wenn du so weitermachst. Das würdet ihr nicht überstehen.“

Remus stimmte zu, er wollte ihrem Kleinen den erneuten Kampf gegen die Dämonen ersparen. Auch ihm war klar, dass Severus das nicht leisten konnte, wenn er gleichzeitig auch noch die Schwangerschaft überstehen musste. Und die Suche nach den Horkruxen, auch wenn sie da nun schon Einiges geschafft hatten, aber so lange es nicht zu Ende war, würde Severus nicht aufgeben. Daher nickte er seinem Mann zu. Ja, Harry sollte das alles vergessen dürfen.

„Lass ihn vergessen.“, meldete sich Sirius nun ebenfalls leise zu Wort. „Er soll so glücklich bleiben wie er bis heute Nachmittag war.“

Sie warteten gemeinsam, bis der Beruhigungstrank langsam nachließ und Harry erste Anzeichen eines erneuten Erwachens zeigte. Es dämmerte bereits vor dem Fenster, als Harry orientierungslos seine Augen aufschlug. Albus und Sirius hatten sich verabschiedet, um den Kleinen nicht noch weiter zu verwirren, sobald die Gedächtnisveränderung abgeschlossen war. Sie hatten alles besprochen, während Harry schlief. Seine neue Erinnerung würde das Schaukeln beinhalten, allerdings ohne Intervention von außen, danach Kuchen und Kakao bei Sirius und einen gemütlichen Spielenachmittag, Abendessen und Gute-Nacht-Geschichte. Außerdem einen Alptraum, der erklären würde, warum er im Schlafzimmer wach wurde. Dorthin wechselten sie, bevor Harry richtig wach war. Außerdem würde der Alptraum auch eine Erklärung sein, sollte Severus etwas übersehen, auch wenn das keiner annahm. Der Tränkemeister arbeitete akribisch. Immer.

„Harry? Sieh mich bitte an und entspann dich.“, bat Severus ruhig und hielt seinen Zauberstab ein wenig versteckt im Ärmel, um Harry nicht zu erschrecken. „Hab keine Angst, dir passiert nichts. Aber ich muss wissen, was du gesehen hast. Legilimens.“

Remus hielt Harry im Arm, der leicht zitterte und immer wieder wimmerte. Der Dunkelblonde wusste, dass er die Erinnerungen im ersten Moment auch sah, bis Severus sie verändert hatte. Nach und nach schien der kleine Körper sich zu entspannen. Als Severus sich zurückzog, hatte das Weinen aufgehört und Harry lehnte schwer gegen seinen Daddy.

„Alles wieder gut, Welpe?“, wollte Remus wissen. „Du hattest einen ziemlichen Alptraum.“

Verwirrt nickte Harry und schmiegte sich an seine Väter.

„Dann schlaf wieder, mein Kleiner. Du kannst hier bleiben und bei uns noch ein bisschen schlafen.“, versprach Severus. „Ich muss jetzt aufstehen und unterrichten, aber Daddy Remus ist da.“ Er ging ins Labor und holte sich einen Aufpäppeltrank, den er auch als Schwangerer nehmen konnte. Danach fühlte er sich deutlich besser und in der Lage, den Unterricht abzuhalten. Remus würde ihm sicher Bescheid geben, wenn etwas passieren sollte. Wenn er da blieb, dann hätte Harry Verdacht geschöpft. Lieber sollte er noch einige Stunden schlafen, und dann mit Remus ein bisschen Luft schnappen. Allerdings nur auf dem Gelände von Hogwarts in nächster Zeit. Beim Frühstück berichtete er Albus leise von der erfolgreichen Gedächtnisveränderung, aber auch davon, dass Harry nichts gesehen hatte, das ihnen weiterhelfen konnte.

Der Schultag zog sich an diesem Mittwoch ziemlich in den Augen des Tränkemeisters und er war mehr als froh, am späten Nachmittag in seine Wohnung zu kommen und einen fröhlichen Harry an seinen Beinen hängen zu haben. Der Kleine hatte es gut überstanden. Severus dankte Merlin und allen Göttern dafür, Harry die Kette geschenkt zu haben, die ihm sicherlich das Leben gerettet hatte, indem sie ihn von seinen Entführern weggeholt hatte. Vielleicht hätte er die Schutzzauber noch schneller reagieren lassen sollen, sodass er bereits bei steigender Panik weg gebracht wurde, nicht erst, wenn er bewusstlos war. Darüber würde er sich noch machen, bevor Harry zum nächsten Mal das Gelände verließ. Dass Severus selbst in den nächsten Nächten immer wieder hochschreckte aus verschiedenen Alpträumen und sich hinterher jedes Mal aufs Neue versicherte, dass sein Sohn da war, erfuhr niemand außer Remus.

 

Am nächsten Tag wandte sich der Schulleiter beim Mittagessen in der großen Halle an Severus. „Ich denke, ich weiß jetzt, was Harrys Kopfschmerzen am Montag bedeuten. Ich komme heute Abend, wenn der Kleine schläft, und erkläre euch meine Theorie.“, bot er an.

„In Ordnung.“, stimmte Severus zu.

So lauschten Remus und Severus einige Stunden später der Erklärung des Direktors. „Ich habe schon lange versucht, herauszufinden, was die Narbe Harrys bedeutet.“, begann Albus. „Als wir dann die Theorie mit den Horkruxen bestätigt haben, befürchtete ich eine Weile, dass auch ein Bruchstück von Voldemorts Seele in Harry stecken könnte, doch das scheint es nicht zu sein. Aber dennoch steckt etwas von Voldemort in eurem Sohn, ein Teil seiner Magie. Als Riddle den Potters gegenüberstand, hat Lily sich geopfert. Uralte Magie war im Spiel und hat Harry gerettet. Lily hat bewirkt, dass der Unnennbare vernichtet wurde, deshalb konnte sein Fluch Harry nicht töten, sondern fiel auf ihn selbst zurück. Die Magie, die dabei wirkte, hat sich wohl an Harrys Magie geheftet, das bedeutet, er ist deutlich stärker, magisch gesehen, als andere Zauberer. Ihr solltet ihn langsam und vorsichtig an die Magie heranführen, damit er lernt, mit dieser Stärke umzugehen. Wenn er es erst mit elf Jahren anfängt, wird die Magie überschießen und ihn möglicherweise sogar verletzen, oder andere Schüler. Unter eurer Aufsicht kann er es lernen, die Magie zu kontrollieren. Wobei, Severus, du solltest warten, bis das Baby auf der Welt ist.“

„Harry ist also zum Teil schwarz-magisch, weil er Magie vom Lord hat?“, fasste Severus zusammen und Albus nickte.

„Er wird sich selbst Angst machen, wenn er seine Magie kennen lernt. Bisher hat er nur wenig Magie unbewusst genutzt, sicher auch aus Angst vor dem, was dann passieren könnte.“, war Remus sicher. „Aber wir werden mit ihm lernen und er wird nicht wieder glauben müssen, dass er ein Freak ist.“

„Nein, das muss er nicht.“, bekräftigte Severus. „Und das, was du eben sagtest, Albus, erklärt auch, warum Harry Parsel kann, denn die Potters sind aus der Gryffindor-Linie und nicht mit Slytherin verwandt. Nur Nachkommen Slytherins sprechen Parsel, aber durch die Magie des Lords kann es Harry offenbar auch.“

„Das klingt plausibel.“, nickte Albus zögernd. „Ich habe zwar noch nie von so einem Fall gehört, aber rund um Harry ist Vieles einzigartig.“

Sie diskutierten noch eine Weile, welche Folgen das nun für Harry haben könnte, aber da es ihres Wissens nach keinen vergleichbaren Fall gegeben hatte in der Geschichte der Zauberei, entschieden sie letztendlich, es auf sich zukommen zu lassen. Remus fragte noch nach den Ergebnissen der Vernehmung der gefangenen Todesser, doch das war nicht sehr ergiebig gewesen.

„Es waren nur niedrige Ränge, keiner von ihnen wusste, wer sie anführt oder wo sie sich getroffen haben.“, schüttelte der Weißhaarige seinen Kopf bedauernd.

Remus und Severus dankten ihm und verabschiedeten sich vom Direktor, der zurück in seinen Turm ging.

 

Einige Tage später, inzwischen war es Anfang Mai, war Remus bei Sirius, der sich endlich dazu überwunden hatte, neue Kleidung zu besorgen. Er hatte Remus gebeten, mit ihm zu gehen. Da es Wochenende war, blieb Harry bei Severus, denn das Chaos, das samstags normalerweise in der Winkelgasse und auch in Muggellondon herrschte, war für ihren Kleinen wohl doch noch ein wenig zu viel. Severus war froh, wenn er nicht so lange stehen musste. Und es versprach, ein langer Einkaufsmarathon zu werden, denn Sirius war viel dünner als früher, hatte seit seiner Befreiung nicht sonderlich zugenommen. Deshalb wollte er nun seine gesamte Garderobe erneuern. Und darauf hatte Severus keine große Lust. Also schickte er die beiden ehemaligen Rumtreiber alleine los, nachdem er ihnen genug Vorrat an Vielsafttrank gegeben hatte (noch einmal ging er kein Risiko ein, wenn Remus unterwegs war) und entschied, sich einen ruhigen Tag mit Harry zu machen. Den Kleinen ließ er so schnell wohl nicht mehr aus den Augen, wenn sie nicht gerade in ihren vier Wänden waren. Sirius und Remus waren durchaus in der Lage, sich notfalls zu verteidigen und in der vollen Winkelgasse war das Risiko für Todesser wohl zu hoch. Hagrid hatte die Einhörner inzwischen wieder frei gelassen, aber Severus und Harry machten dennoch einen Spaziergang in der Nähe des Waldes. Dort gab es immer wieder interessante magische und auch nicht-magische Tiere zu entdecken.

Sie gingen nicht weit in den Wald, denn dort waren die Reviere von Zentauren und anderen magischen Wesen, und die verteidigten diese sehr stark. Severus wollte gerade Harry nicht in Gefahr bringen, daher blieben sie am Rand. Dort gab es eine wunderschöne Lichtung, in die eine Spitze des großen Sees hineinragte. Während Harry noch ein wenig herum sprang, setzte sich Severus auf einen alten Baumstumpf und sah ihm zu. So ausgelassen war Harry nur, wenn niemand in der Nähe war.

Irgendwann kuschelte sich der Kleine dann zu seinem Daddy und wollte eine Geschichte hören. Severus überlegte nicht lange. „Früher gab es zahlreiche Vorkommen einer winzig-kleinen Vogelart.“, begann er leise. „Sie hatten goldene Federn und hießen Schnatzer. Die Schnatzer waren so schnell, dass kaum jemand sie richtig sehen konnte. Heute gibt es nicht mehr sehr viele von ihnen, weil Zauberer manchmal sehr dumm sind. Sie haben die Schnatzer gejagt und es war ein Beweis von Schnelligkeit und Geschicklichkeit, einen zu fangen. Sogar bei Quidditch-Spielen wurden sie genutzt. Leider sterben Schnatzer, wenn sie gefangen werden. Deshalb gibt es nicht mehr sehr viele von ihnen und sie stehen unter Schutz. Ein Zauberer hat vor einigen Jahren einen kleinen goldenen Ball mit Flügeln erfunden, der so verzaubert wurde, dass er wie ein Schnatzer fliegt, den müssen die Sucher beim Quidditch nun fangen. In Anlehnung an die Vögel, nach denen er geformt ist, heißt dieser Ball der goldene Schnatz.“

„Quidditch ist doch das, was die Schüler immer auf den Besen spielen, oder Daddy?“, erkundigte sich Harry. „Daddy Remus und ich haben sie manchmal gesehen, wenn wir spazieren waren und da hat er gesagt, sie spielen Quidditch.“

„Genau, das ist der einzige Sport, den es hier gibt.“, bestätigte Severus. „Leider, ich fände es deutlich besser, wenn sich die Kinder mehr bewegen müssten. Aber das Ministerium ist der Meinung, dass das nicht notwendig wäre. Vielleicht ändert sich das irgendwann, bis dahin müssen wir es eben alleine machen.“ Harry stimmte wortlos zu und strahlte seinen Daddy an.

Sie blieben noch eine ganze Weile am Ufer des Sees sitzen, warfen dem Kraken, der ein paar seiner Arme in die Luft gestreckt hatte, Tannenzapfen zu, die er aus dem Wasser holte und Harry zurückgab. Dem Jungen schien das Spaß zu machen, er kicherte immer wieder. Der Krake wurde irgendwann mutiger und kitzelte Harrys Bauch, wenn er ihm einen Tannenzapfen brachte. Dem Fünfjährigen schien das zu gefallen, er lachte und versuchte, sich zu revanchieren, krabbelte mit seinen Fingern über den Fangarm des Riesenkraken. Erst, als es Zeit zum Mittagessen wurde, nahm Severus Harry an die Hand und ging mit ihm zurück in die Kerker. Die Elfen hatten bereits das Essen auf den Tisch gestellt, daher wuschen sie sich nur kurz die Hände und setzten sich dann in die Küche.

Nach dem Essen ging Harry in sein Kinderzimmer und malte eine Weile, während Severus im Büro noch einige Aufsätze korrigierte. Plötzlich stürzte Draco tränenüberströmt aus dem Kamin. „Onkel Sev!“, schluchzte er. „Vater … bitte, komm schnell!“

Ohne lange zu überlegen oder auch nur einen Moment zu zögern, sprang Severus mit Draco in den Kamin. Wenn der Blonde so aufgelöst war, musste es etwas Schlimmeres sein, und er wusste, dass Narzissa in Frankreich war, sie würde erst kurz vor Dracos Geburtstag in etwa einem Monat zurückkommen. Im Manor angekommen, sah er sich um, erwartete zumindest einen blutüberströmten Lucius. Doch er lag nicht auf dem Teppich. Das Letzte, was Severus sah, waren ein höhnisches Grinsen und ein Zauberstab, der auf ihn zeigte, dann wurde alles um ihn herum schwarz.

Stöhnend kam Severus langsam zu sich. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er war oder wie er dahin gekommen war. Sein Kopf dröhnte, und er konnte eine ganze Weile keinen klaren Gedanken fassen. Nach und nach erinnerte er sich daran, wie Draco in seinem Büro aufgetaucht war und ihn ins Manor geholt hatte. Doch wie war er hierhergekommen? Wo auch immer hier war. Er wusste nicht mehr, ob er überhaupt im Manor angekommen war. Vorsichtig tastete er seinen Körper ab, soweit es ihm möglich war, denn erst jetzt stellte er fest, dass seine Hände vor dem Bauch gefesselt waren. Offenbar mit einem Zauber, denn Seil konnte er nicht spüren. Die Illusion auf seinem Bauch war scheinbar noch vorhanden, sie wirkte sich auch auf den Tastsinn aus. Um ihn war es dunkel, er konnte nur erahnen, dass er in einem kleinen Raum gefangen war. Schemenhaft erkannte er links von sich eine Wand und hinter ihm war offenbar auch eine, denn er lehnte halb daran. Da es zusätzlich feucht und kalt war, ging er davon aus, dass er in einem Kerker gefangen war. Der gleiche Kerker, in dem auch Harry gefangen gewesen war? Möglich war es, so viel Severus aus den unruhigen Erinnerungen Harrys wusste.

Plötzlich wurde es blendend hell um ihn, als die Tür aufging. Severus schloss die Augen bis auf einen kleinen Spalt, er wollte sehen, was auf ihn zukam. Erkennen konnte er nicht viel, einen schwarzen Schemen, der sich auf ihn zubewegte. Doch die Stimme, die ihn ansprach, erkannte er sofort und wusste daher nun auch, wo er war. „Severus, Severus.“, tadelte Lucius kühl. „Ich hätte wirklich gedacht, dass du auf meiner, auf unserer Seite stehst. Du hast deine Rolle wirklich gut gespielt, aber jetzt ist Schluss. Du kannst mir beweisen, dass du auf der Seite des Lords stehst, wenn du mir das Tagebuch wiedergibst. Mit Hilfe dieses Buches können wir den Lord zurückholen. Ich habe nachgeforscht und weiß nun, was das Brennen des Mals zu bedeuten hatte. Und ich hoffe für dich, dass du nicht das Tagebuch zerstört hast. Das warst doch du? Oder der Narr Dumbledore? Verweigere ruhig die Antwort, wahrscheinlich würdest du mich sonst anlügen. Also, was will ich von dir? Das Tagebuch und Potter. Wie der Junge entkommen konnte, ist mir ein Rätsel, aber mit deiner Hilfe kann ich ihn kriegen. Wenn wir den Jungen nutzen, um den Lord zurückzuholen, dann kann der Lord ihn endgültig vernichten, der Schutz wirkt dann nicht mehr. Ja, ich habe viel geforscht in meiner Bibliothek. Er kommt auf jeden Fall wieder, wenn wir ihm helfen, dann werden wir in seiner Hierarchie ganz oben sein, wir werden seine Stellvertreter sein. Dann ist auch Draco sicher. Er ist ebenso schwarz-magisch wie ich, er soll in einer neuen Welt aufwachsen, die schwarze Magie nicht mehr verteufelt.“

„Das kannst du vergessen.“, zischte Severus. „Mein Junge bleibt, wo er ist und das Tagebuch ebenso. Ich werde nicht zulassen, dass du meinen Sohn dafür nutzt, und erst recht nicht, dass er getötet wird! Glaube nicht, dass der Lord dich dafür wirklich belohnt, er will niemanden an seiner Seite, der auch nur annähernd an seine Macht heran kommt. Der Lord würde dich nur ausnutzen, und Draco ist kein bisschen sicher.“ Er musste es wenigstens versuchen, Lucius von der Wahrheit zu überzeugen, doch er wusste, der Blonde war verblendet und wollte es nicht sehen.

„Oh, du willst dich weigern? Gibst also zu, dass du den Lord verraten hast.“, lächelte der Blonde maliziös. „Und du wirst mich nicht von meinen Plänen abbringen, Giftmischer! Der Lord muss die Gesellschaft mit Gewalt erneuern, friedlich ist es nicht möglich! Mal sehen, wie lange du durchhältst. Irgendwann wirst du darum betteln, den Jungen ausliefern zu dürfen, und bis dahin werde ich ein wenig Spaß mit dir haben.“

„Mach mit mir, was du willst, du wirst meinem Sohn nicht ein Haar krümmen!“, knurrte der Tränkemeister. Innerlich wand er sich vor Angst, was war mit dem Baby? Würde der Kleine das überstehen? Wie sollte er es schaffen? Lucius durfte auf keinen Fall merken, dass er schwanger war, wer wusste, was er sich dann einfallen ließ. Severus konnte die Illusion ohne Stab lange aufrechterhalten, aber wenn er gefoltert wurde, dann würde es schwer. Mit aller Macht konzentrierte er sich darauf, die Illusion zu verfestigen. Daher war er auch völlig unvorbereitet, als ihn der erste Fluch traf. Er krümmte sich und biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Diese Genugtuung wollte er Lucius nicht geben. Wie lange er das durchhielt, wusste er nicht, aber er kannte den Blonden. Der war einfallsreich bei seinen Folterungen, und er war effektiv. Irgendwann schrie jeder, auch Severus.

Wie lange er gefoltert wurde, konnte er nicht ermessen, Zeit war bedeutungslos, es gab nur noch Schmerz. Auch als er schon lange heiser von den Schreien war, hörte es nicht auf, doch irgendwann umfing ihn gnädige Schwärze und beendete diese Folterrunde. Zitternd und blutend blieb der Tränkemeister im nun wieder dunklen Kerker des Manors zurück, als der Hausherr zurück in den Wohnbereich ging, wo sein Sohn langsam erwachte, der keine Ahnung hatte, was sein Vater mit ihm gemacht hatte, um Severus ins Manor zu locken. Draco erinnerte sich nicht, da Lucius ihn unter einen Zauber gestellt hatte. Er war zufrieden damit, wie es geklappt hatte.

 

Remus kam nach seinem Einkaufstrip in London gut gelaunt in die Kerker und rief nach Harry und Severus. Keine Antwort. Ein schneller Rundgang zeigte ihm, dass niemand da war. Seltsam. Es war Zeit zum Essen, aber keine Spur von den beiden Schwarzhaarigen. Die Jacken und Schuhe standen ordentlich im Flur, also waren sie auch nicht auf einem Spaziergang. Angstvoll schärfte er seine Sinne, ließ den Wolf an die Oberfläche. Noch einmal ging er durch die Wohnung, untersuchte sie mit seinen Sinnen. Er konnte riechen, dass sie hier gewesen waren, die Räume rochen nach ihnen, aber er konnte keinen von Beiden richtig verfolgen, dafür überlagerten die Gerüche sich zu sehr, weil sie in den letzten Tagen viel herumgelaufen waren. Als er das zweite Mal ins Kinderzimmer sah, hörte er ein leises Wimmern, mit menschlichen Ohren war es unhörbar, aber jetzt konnte er es deutlich wahrnehmen. Vorsichtig und extrem angespannt näherte er sich der Geräuschquelle. Es war ganz sicher Harry, aber was hatte das zu bedeuten?

Das Wimmern kam aus dem Schrank. Langsam öffnete er die Tür, er konnte niemanden außer Harry wahrnehmen, auch wenn das Wimmern nun aufgehört hatte. Es schien eher, als würde Harry die Luft anhalten, um ja kein Geräusch zu machen. Remus steckte seinen Kopf in den Schrank und wirkte einen leichten ‚Lumos‘. „Harry? Hey Welpe.“, sagte er beruhigend. „Ich bin's, Daddy Remus. Hab keine Angst, mein Kleiner. Komm her zu mir.“ Immer weiter sprach er auf den Fünfjährigen ein, zunächst ohne jegliche Reaktion.

Endlich, nach fast einer Stunde, kroch er langsam auf seinen Daddy zu. Weinend und zitternd klammerte er sich an Remus fest und ließ sich aus dem Schrank heben, gab aber keinen Ton von sich. Der Werwolf bekam es mit der Angst zu tun, was in aller Welt war passiert? Freiwillig hätte Severus ihren Kleinen niemals alleine gelassen, aber wo war er? Harry war gerade nicht in der Lage, ihm Auskunft zu geben, aber wenn etwas passiert war, dann musste Remus es wissen. Er spürte, wie die Panik in ihm zunahm und entschied sich, Hilfe zu holen. Harry nahm er mit dem linken Arm, damit er mit der rechten Hand seinen Zauberstab ziehen konnte. Seinen Wolf schickte er zu Albus, mit der Bitte, schnell zu ihm zu kommen. In seiner Stimme konnte er die Panik hören.

„Remus?“, kam die fragende Stimme des Schulleiters ein paar Minuten später von der Tür.

„Im Wohnzimmer.“, antwortete der Dunkelblonde zittrig. „Komm rein, Albus.“

„Was ist passiert?“, fragte Albus sofort, als er den Werwolf sah.

„Ich weiß es nicht.“, hauchte Remus hilflos und panisch. „Ich war mit Sirius in London, bin vor etwas über zwei Stunden heimgekommen. Keiner war hier, und ich habe Harry schließlich im Schrank im Kinderzimmer gefunden, völlig verängstigt, weinend und zitternd. Severus ist nicht hier, aber ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist, denn er würde Harry nie freiwillig alleine lassen.“ Er schluchzte auf, biss sich aber sofort auf die Innenseite der Wange, um es zu stoppen, damit er Harry nicht noch mehr Angst machte.

„Beruhige dich, Remus. Wir werden ihn finden.“ Der Schulleiter legte ihm eine Hand auf die Schulter, und sah auf den Kleinen in Remus' Schoß. „Harry, mein Junge. Vielleicht kannst du uns helfen, deinen Daddy zu finden. Kannst du dich erinnern, was passiert ist? Du musst es uns nicht erzählen; wenn du daran denkst, kann ich es mir in deinem Kopf ansehen. Vielleicht finden wir deinen Daddy dann schneller.“

Immer noch zitternd und tränenüberströmt nickte Harry nach einem Moment. Allerdings klammerte er sich ängstlich an Remus fest. Albus bedeutete dem Werwolf, sich mit dem Jungen auf das Sofa zu setzen, und er selbst nahm auf den Sessel gegenüber Platz. „Harry, wenn du dich jetzt erinnerst, dann schau mich bitte an.“, bat der Weißhaarige. „Es wird sich für dich ein bisschen komisch anfühlen, wenn ich es mir ansehe, aber es tut nicht weh. Wichtig dabei ist aber, dass du mich ansiehst, dann geht es leichter und schneller. Schaffst du das?“

Erneut nickte Harry und sah dem Schulleiter fest in die Augen. Albus hob seinen Zauberstab an und mit einem gemurmelten „Legilimens“ drang er in die Gedanken des Fünfjährigen ein. Schnell durchsuchte er die Erinnerungen, die für ein Kind erstaunlich detailliert waren, und zog sich dann zurück. „Vielen Dank, Harry. Das hast du toll gemacht. Jetzt sehen wir zu, dass wir deinen Daddy finden.“, lächelte er dem Kleinen zu. Dann wurde er ernst und wandte er sich an Remus. „Harry war in seinem Zimmer, weil Severus noch einige Aufsätze korrigieren wollte. Er hat mitbekommen, dass jemand bei Severus war und es scheint Draco Malfoy gewesen zu sein, allerdings kann ich hier nicht sicher sein, die Stimme in Harrys Erinnerung ist zu undeutlich. Aber ganz klar konnte ich die Anrede „Onkel Sev“ hören, und so spricht ihn nur Draco an, soweit ich weiß. Danach hat Harry zumindest nichts mehr gehört, was meiner Meinung nach dafür spricht, dass Severus zu diesem Zeitpunkt verschwunden ist. Vermutlich durch den Kamin. Wir sollten den Orden reaktivieren, zumindest einige, die kämpfen können. Denn wenn Lucius Malfoy Severus gefangen hält, dann ist er wohl auch derjenige, der die Todesser um sich geschart hat. Wir können also davon ausgehen, dass wir ihn nicht alleine antreffen und darauf sollten wir vorbereitet sein.“

„Du denkst, Malfoy hat ihn? Aber warum?“, wisperte Remus, gab sich seine Antwort aber gleich selbst: „Sev meinte vor einigen Tagen, dass Malfoy das Tagebuch zurück haben wollte. Gleich nachdem ihr den Horkrux im Becher zerstört habt. Natürlich hat er ihm das Tagebuch verweigert, aber er hat mich gewarnt, vorsichtig zu sein. Ich hätte nicht gehen dürfen. Aber wer rechnet auch hier in Hogwarts mit der Gefahr? Severus hat Harry niemals freiwillig alleine gelassen! Etwas Schlimmes ist mit ihm.“ Er spürte, wie er zu zittern begann und atmete einige Male tief durch. Severus brauchte ihn jetzt und wenn er durchdrehte, konnte er seinem Mann nicht helfen. Harry wurde auch immer panischer, er musste ruhig bleiben. „Ich hole Sirius und frage Lucy, ob sie sich um Harry kümmern kann.“, entschied Remus.

„Nicht weggehen, Daddy!“, schluchzte Harry auf.

„Sch, Welpe. Ich werde dich nicht alleine lassen.“, beruhigte der Werwolf seinen Kleinen. „Wir gehen und holen Daddy Sev. Aber da kann ich dich nicht mitnehmen, denn derjenige, bei dem er ist, wird ihn nicht freiwillig gehen lassen. Ich will nicht, dass du dort bist. Gehst du zu Lucy? Dort bist du sicher und wir müssen uns keine Sorgen um dich machen, sondern können uns um Daddy Sev kümmern.“

Der Kleine schluchzte noch einige Male, dann runzelte er die Stirn und dachte nach. Schließlich nickte er zögerlich. „Okay, Daddy. Aber du musst wiederkommen. Mit Daddy Sev.“, schniefte Harry.

„Ich komme wieder, versprochen.“, versicherte Remus und drückte Harry an sich. Mehr wollte er ihm gerade nicht versprechen, da er nicht wusste, ob Severus noch lebte. Lucius Malfoy hatte sicherlich ein Ziel, aber Severus würde unter keinen Umständen Harry ausliefern. Dass Harry das Ziel war, daran zweifelte Remus keine Sekunde, nicht umsonst war der Kleine zuvor entführt worden. Glücklicherweise erinnerte er sich daran nicht mehr, aber Remus dafür umso deutlicher, was auch seine Panik in Bezug auf Severus und ihr Baby steigerte. „Ich könnte dich nie alleine lassen, Welpe. Ich hab dich lieb.“

Albus hatte die Zeit genutzt und Lucy über den Kamin vorbereitet. Er hatte ihr erklärt, was passiert war und was sie nun planten. Remus packte in Windeseile einige Dinge für Harry, die er über Nacht brauchte, dann brachte er den Kleinen samt seinem Rucksack nach São Jorge. Noch lebte Lucy ab und zu dort, aber nicht mehr besonders lange. Er reichte ihr den Rucksack und Harry, sprach ihr hektisch seinen Dank aus, und war schon wieder im Feuer verschwunden. Der Schulleiter hatte in der Zwischenzeit den Kamin benutzt und einige Kämpfer vom Orden des Phönix gerufen. Sirius war schon da und nahm Remus in den Arm, spendete ihm ein wenig Trost. Einen Moment gab Remus seiner Angst nach, schluchzte in den Armen seines besten Freundes auf, doch dann biss er die Zähne zusammen und strich sich entschlossen über die Augen. Nun musste er sich beherrschen, um Severus helfen zu können. Sirius blieb an seiner Seite, um ihn zu unterstützen. Kurz darauf tauchten Arthur Weasley, Alastor Moody mit Kingsley Shacklebolt, Elphias Doge, Minerva McGonagall und einige andere Kämpfer auf. Ruhig stellten sie sich an die Wände und blickten auf Albus, der als Anführer in der Mitte stand und wartete, bis alle da waren.

„Danke dass ihr so schnell gekommen seid.“, begann Albus, als klar wurde, dass niemand mehr kam. „So wie es aussieht, hat Lucius Malfoy Severus gefangen. Ich kann es nicht beweisen, sonst hätte ich die Auroren informiert. Remus kam heute gegen Abend hierher und fand Harry weinend im Schrank, wo er sich versteckt hatte. Ich habe seine Erinnerung gesehen und es scheint, als wäre Draco zu Severus gekommen. Ganz deutlich ist es nicht, Harry hat nichts gesehen, nur einen Teil gehört, aber ich bin mir ziemlich sicher. Malfoy wollte etwas von Severus, das ich in Gewahrsam habe, etwas das den Lord wiederauferstehen lassen könnte. Wir arbeiten daran, sicherzustellen, dass er nicht wiederkommt, Severus und ich, sind aber noch nicht am Ende unserer Aufgabe angekommen. Meine Vermutung ist, dass Severus nun im Malfoy Manor oder einem seiner anderen Häuser gefangen gehalten wird, und das wahrscheinlich im Keller. Zunächst würde ich im Manor suchen, alle anderen Besitztümer auf der Insel haben keine Keller, das hat mir Kingsleys Recherche verraten, der die Pläne besorgt hat. Irgendwelche Ideen, wie wir ihn schnell da raus bekommen?“

Eine ganze Weile schwiegen alle, dann kamen die ersten Überlegungen. Gemeinsam setzten sie sich ins Wohnzimmer, die Hauselfen brachten Sandwiches, Tee und Kaffee, und planten. Remus war zu nervös, um ruhig sitzen bleiben zu können und tigerte im Wohnzimmer auf und ab, aß Unmengen von Schokolade. Ging es Severus gut? War er überhaupt noch am Leben? Was war mit dem Baby, ihrem kleinen Sohn? Wurde er möglicherweise gerade gefoltert? Sirius zog ihn nach einer Weile an sich und hielt ihn fest, murmelte beruhigend in sein Ohr. Remus verkrampfte seine Hand in Sirius' Umhang und musste die Zähne zusammenbeißen, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Seine Angst um Severus lähmte ihn geradezu. Er war froh um die Unterstützung, die Sirius ihm anbot. Ohne den Schwarzhaarigen wäre er wahrscheinlich zusammengebrochen.

Sie planten bis gegen vier Uhr morgens, dann zogen sie los. Albus und Moody brachen als Erste auf, sie hatten die meiste Erfahrung darin, Schutzzauber zu brechen, ohne dass sie einen Alarm auslösten. Am Ende würde sich das wahrscheinlich nicht ganz vermeiden lassen, aber sie wollten dann sofort losstürmen können, um die Todesser, die dort auf sie warteten, zu überraschen. Hoffentlich schliefen die alle noch, dann wären ihre Reaktionen vielleicht etwas verlangsamt. Leider kannte niemand den genauen Aufbau des Manors (so genau hatte Kingsley sich die Pläne nicht ansehen können), sodass sie nicht genau wussten, wo sich überall Todesser verstecken könnten. Sie würden suchen müssen. Vermutlich war auch der Zugang zum Kerker versteckt, zumindest gingen sie davon aus. Es würde nicht leicht werden, so viel war sicher. Das Malfoy-Manor war von Generationen von Schwarz-Magiern bewohnt worden, die sicher jeder etwas hinzugefügt hatten, was ihnen nun das Eindringen und Suchen erschweren würde.

„Okay, das ist der letzte Schutzzauber!“, wisperte Albus nach unendlichen fünfzig Minuten. „Macht euch bereit!“

 

In der Zwischenzeit versuchte Severus im Inneren des Manors, genug Luft zu bekommen, um schreien zu können, doch das war nicht so einfach. Der Blonde hatte sehr offensichtlich Spaß daran, an dem Tränkemeister immer neue Flüche und Zauber auszuprobieren. Einer schmerzhafter als der Andere und ohne längere Pause. Wurde Severus ohnmächtig, weckte Lucius ihn schon kurze Zeit später, meist mit eisigem Wasser, wieder auf, damit er von vorne beginnen konnte. Der Schwarzhaarige hatte schon lange keine Stimme mehr, seine Schreie waren heiser und kaum noch hörbar. Severus kämpfte, aber er konnte die Schreie nicht mehr unterdrücken. Der Schmerz ließ selten genug nach, und wenn doch einmal, dann kam er viel zu schnell in noch größerer Stärke wieder. Er wusste nicht, wie lange er das noch schaffen konnte, aber niemals würde er zulassen, dass Remus und Harry etwas passierte. Das Baby würde wohl mit ihm sterben und schon alleine diese Tatsache ließ Severus aufschreien. Es quälte ihn viel mehr, als jeder Fluch es könnte. Dieses kleine Wesen, das er so deutlich in sich spüren konnte, es hätte wohl nie die Chance, sein Leben zu beginnen. Und selbst wenn er es irgendwie schaffte, würde der Kleine aufgrund der Foltern Schäden davontragen?

Severus' Körper zuckte und bebte von den Folgen des Cruciatus. Wie viele Male war er diesem Fluch schon ausgesetzt gewesen? Er konnte es nicht mehr zählen, aber sein Körper zeugte davon, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Geist aufgab. Jegliche Kontrolle war verloren, und würde er nicht so gekrümmt auf dem Boden liegen, hätte Lucius schon längst den Bauch bemerkt und wüsste, dass er schwanger war. Wenn Severus es könnte, hätte er seinen Arm um den Bauch geschlungen, um seinen Kleinen ein wenig zu schützen, aber er konnte sich nicht bewegen. Nur zittern klappte noch irgendwie. Seine Wangen waren nass von den Tränen, die unaufhörlich aus seinen Augen rannen, weil er sein Baby nicht schützen konnte. Er schmeckte Salz und den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge, hatte sich lange schon die Lippen und die Wangen blutig gebissen.

Plötzlich zerriss ein schriller Ton die Stille um sie herum und Lucius fluchte kurz, dann verschwand er. Severus zuckte zusammen, dann ließ er sich dankbar in die Schwärze fallen und hoffte auf Vergessen. Lucius hingegen wusste genau, dass dieser Ton Feinde ankündigte. MacNair, Crabbe, Goyle und die Anderen würden sicher reagieren und sich den Angreifern entgegenstellen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es wohl keine Auroren waren, die kamen nicht vor acht Uhr für die Durchsuchungen. Auch wenn das in letzter Zeit ein wenig nachgelassen hatte. Hatte dieser Narr Dumbledore einen Verdacht, was Severus betraf? Dabei hatte er seinen Überwachungszauber wirklich vorsichtig angebracht, und Draco erst dann geschickt, als Severus wirklich alleine gewesen war. Er hätte den Zauber weiter wirken lassen sollen. Wie kam Dumbledore dann ausgerechnet auf ihn? Zufall? Instinkt? Vorahnung?

Als der Blonde in die Eingangshalle kam, tobte ein heftiger Kampf. Seine Todesser waren nicht alle hier, die Meisten schliefen zuhause, um keinen Verdacht zu erregen. Daher war er nun mit etwas über zehn Männern alleine hier. Seine Leute hielten Dumbledore und seinen Orden in Schach, doch Lucius war nicht blind, er sah, dass die Ordensmitglieder sicher nicht lange brauchen würden, um seine Männer zu überwinden. Von denen war keiner verletzt, während die Todesser fast alle Schnittwunden und mehr hatten. Als immer mehr Männer in schwarzen Umhängen ausgeschaltet wurden, vor allem von dem wütenden Werwolf, zog Lucius sich zurück. Selbst wenn sie die Männer verhaften sollten – er erkannte durchaus die beiden Auroren unter den Ordensleuten – sie würden Severus nicht bekommen. Schnell huschte er die Treppe in den Keller hinunter und öffnete mit einem Zauber die verborgene Tür, hinter der die Zellen waren. Er merkte nicht, wie Remus ihm folgte.

In der Zelle weckte er Severus mit einem Zauber und wollte ihn weiter quälen. Der Tränkemeister schrie heiser und wand sich in höchster Agonie auf dem Boden, als Lucius plötzlich von hinten angesprungen wurde. Er fiel rückwärts, sein Zauberstab flog durch die Luft und landete weit außerhalb seiner Reichweite im Dunklen. Ein schauderhaftes Knurren durchschnitt die absolute Ruhe hier im Keller. Lucius drehte seinen Kopf herum und erstarrte. Es war doch kein Vollmond, nicht einmal annähernd. Und doch blickten ihn ein paar gelber Augen an, und die Reißzähne des Werwolfes, der die Lefzen drohend zurückgezogen hatte, waren nur Zentimeter von seiner Nase entfernt. Angewidert beobachtete Lucius, wie der Geifer langsam von den Lefzen tropfte.

Mit einem Faustschlag versuchte Lucius, die Oberhand zu gewinnen, aber ohne seinen Zauberstab hatte er keine Chance. Vor allem nicht gegen einen Werwolf, der so viel Macht hatte, sich außerhalb des Vollmondes zu verwandeln. Abwartend und mit einem drohenden Knurren stand der Werwolf über ihm, bereit, ihn bei der kleinsten falschen Bewegung zu zerreißen. Den Schlag vorhin hatte er kaum wahrgenommen. Plötzlich zerriss ein neuer, qualvoller Schrei voller Schmerz und Panik die Stille. Severus bäumte sich auf und schrie fürchterlich. Remus stellte sich das Fell auf, das hier war anders, so einen Schrei hatte er noch nie gehört. Lucius, der merkte, dass die Aufmerksamkeit des Wolfes nicht mehr ihm gehörte, wollte sich aufrichten und nach seinem Zauberstab greifen. Mit einem gedachten ‚Accio‘ rief er seinen Stab zu sich, doch der Wolf bemerkte es, kurz bevor Lucius noch einen Zauber auf ihn sprechen konnte. Mit einem Ruck packte er die Hand des Blonden und riss daran, bis er sie im Maul hatte. Ein Kampf zwischen Lucius und dem Werwolf entbrannte, den der Blonde nicht gewinnen konnte.

Immer wieder schrie Severus auf, er bekam seine Umgebung nicht mehr mit. Nur die Schmerzen in seinem Inneren zählten noch. Sie waren anders als zuvor, qualvoller, spitzer, bedrohlicher. Sie kamen wellenförmig und waren in ihm. Er spürte, dass das Leben in seinem Bauch langsam und unter höchsten Qualen wich. Angst und Panik mischten sich mit Schmerzen, als er schrie. Es knackte und Severus wusste, dass mindestens zwei Rippen gebrochen waren, sein Kleiner strampelte in Panik und trat ihn so schlimm wie nie. Die Schmerzen zerrissen ihn, die Flüche vorher waren nicht halb so qualvoll gewesen.

Erst, als er hochgehoben wurde, realisierte Severus, dass der Kampf wohl vorbei war. Er zwang seine Augen auf und erkannte bernsteinfarbene Seelenspiegel, die ihn panisch anblickten. „Halt durch, Sev, ich bring dich hier raus.“, versprach die Stimme des Dunkelblonden in weiter Ferne.

„Remus!“, keuchte Severus auf, bevor er einen weiteren Schrei von sich gab und sich erneut aufbäumte.

Remus konnte ihn kaum halten, doch er klammerte ihn an sich fest. Ihm war klar, was es bedeutete, wenn Severus so schrie und dabei seinen Bauch hielt. Wehen. Aber sein Körper war nicht bereit, er konnte das Baby so nicht bekommen. Er versuchte zu apparieren, vergeblich, es ging nicht. Eine Appariersperre. „Halte durch, Sev, ich bring dich in Sicherheit!“, beschwor Remus seinen Mann.

Mit einem weiteren gequälten Schrei bäumte sich Severus auf. Remus hörte ein unheilvolles Knacken, dann verdrehte der Tränkemeister die Augen und sackte zusammen.

Langsam nahm Severus seine Umgebung wieder wahr. Zumindest teilweise. Er konnte sich nicht bewegen, und schaffte es auch nicht, die Augen zu öffnen oder zu sprechen, aber er konnte hören, dass sich um ihn herum Menschen bewegten. Nach und nach verstand er Teile ihrer geflüsterten Unterhaltung. Aber es kostete ihn sehr viel Konzentration.

„Ich weiß es nicht.“, seufzte eine Stimme, die er Poppy zuordnete. Sie klang müde und ein wenig verzweifelt, fand Severus. „Möglicherweise kann er uns hören, aber auch da bin ich mir nicht sicher. Wir können ihn jedoch erst operieren, wenn sein Zustand stabil ist, sonst stirbt er uns mit Sicherheit. Im Moment kann ich nicht sagen, wie es sich entwickelt.“

„Kämpfe, Sev!“, hörte er nun Remus nahe bei sich. „Lass uns nicht allein, ich brauche dich.“ Es klang, als würde der Werwolf weinen. Aber warum? Er war doch hier und hörte ihn, was also war los? Warum klang Remus so verzweifelt? Severus versuchte, seinen Namen zu sagen oder nach seiner Hand zu greifen, aber es war unmöglich. Sein Körper war scheinbar völlig erstarrt, er konnte nicht einen Muskel bewegen. Nicht einmal richtig spüren. Atmen schien zu funktionieren, auch wenn er es nicht bewusst steuern konnte. Er hatte keine Kontrolle darüber.

Aber darüber wollte er gerade nicht nachdenken, das machte ihm Angst. Lieber beschäftigte er sich mit anderen Dingen. Wo war Harry? Was genau war eigentlich passiert? Severus versuchte herauszufinden, wie er hierher gekommen war. Er nahm an, dass er im Krankenflügel lag, wo sonst wäre Poppys Stimme zu hören. Aber wie war er hierher gekommen? Angestrengt versuchte der Tränkemeister, zurück zu denken. Er hatte sich von Remus verabschiedet. Wo war der Dunkelblonde hingegangen? Auch da war sich Severus nicht sicher. Konzentriert dachte er nach. Sirius. Ja, Remus wollte zu seinem besten Freund. Sirius wollte sich neu einkleiden und hatte den Werwolf mitgenommen. Er selbst war mit Harry in Hogwarts geblieben, hatte sie aber mit Vielsafttrank versorgt, um Gefahren zu minimieren. Und dann? Da war Draco, er war durch den Kamin in sein Büro gekommen. Tränenüberströmt und panisch. Ohne nachzudenken war er ihm gefolgt. Dumm. Sehr dumm sogar. Aber dann? Severus konnte sich nur an Schmerzen und Schwärze erinnern.

„Komm schon, Sev, gib nicht auf!“, flehte Remus erneut. „Es tut mir leid! Bitte, komm zurück zu mir!“

Was? Warum tat es Remus leid? Und was tat ihm leid? Und was war mit Harry? Er hatte ihn alleine gelassen. Draco hatte ihn so sehr verwirrt, dass er vollkommen vergessen hatte, dass Harry noch im Kinderzimmer spielte. Er war völlig kopflos aus dem Haus gerannt, weil Draco ihn mit seinen Tränen überrascht hatte. War das ein Plan von Lucius gewesen? Hatte er Draco darauf trainiert, auf Kommando zu weinen und Panik vorzutäuschen? Oder hatte Lucius sich selbst mit einer Illusion belegt, damit sein Sohn glaubte, er sei schwer verletzt? Was war mit Draco und Lucius?

Was hatte Lucius genau mit ihm gemacht? Severus konnte sich nicht richtig erinnern, immer nur Schmerzen und Dunkelheit, unterbrochen von blendend hellem Licht. Folter. Mit Sicherheit. Das war Lucius' Spezialgebiet. Gemeinsam mit Bellatrix hatte er das meistens bei den Todessern übernommen. Hatte er den Bauch, die Schwangerschaft bemerkt? Panisch versuchte Severus, seinen Körper zu spüren. Was war mit dem Baby, mit ihrem Sohn? Er konnte nichts fühlen, war der Kleine tot? Jetzt schossen Erinnerungsfetzen vor seinem inneren Auge hin und her. Nun konnte er sich wieder an alles erinnern und wünschte sich, wieder zurück in die Schwärze fallen zu können. Zwar wusste er, dass er wohl keine Schmerzen mehr hatte, aber die Erinnerung war sehr lebhaft. Am Ende waren die Schmerzen anders gewesen. Severus war sicher, dass sich die Plazenta durch die Foltern gelöst hatte. Der Kleine hatte wie verrückt gestrampelt, war das ein Todeskampf gewesen? Verzweiflung machte sich in Severus breit, er hatte keine Ahnung, was passiert war und war sicher, sein Kind war tot. Das würde auch die absolute Verzweiflung von Remus erklären, die er immer wieder mitbekam.

„Severus? Ich weiß nicht, ob sie mich hören können, aber wir werden versuchen, ihnen zu helfen.“, hörte er plötzlich eine andere Stimme. Ein Mann. Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor, den Mann kannte er, aber nicht näher. Wer war das? Als der Mann weiter sprach, hatte Severus das Gefühl, von blauen Augen angesehen zu werden. „Sie müssen kämpfen, Severus. Halten sie durch, wir werden eine Operation durchführen, dann werden sie sich wahrscheinlich auch wieder bewegen können. Im Moment müssen wir das unterbinden, denn jede Bewegung bringt sie in Lebensgefahr. Geben sie nicht auf, ihre Familie braucht sie.“

Wer? Wen meinte der Mann damit? Remus sicher, den hatte er schon gehört, aber was war mit Harry? Und mit dem Baby? Hatte der Kleine den Kampf bereits verloren? Und das, bevor er eine Chance hatte, zu leben? Nein, bitte nicht, flehte Severus in Gedanken. Er hatte gekämpft, so sehr, war alles umsonst gewesen? Das konnte, durfte nicht sein! Warum sagten sie ihm nicht genau, was hier los war? Sie konnten ihn doch nicht so in der Luft hängen lassen! Wenn sie schon vermuteten oder gar wussten, dass er sie hören konnte! Warum erzählten sie ihm nicht einfach, was los war? Erneut loderte Panik in ihm auf und er wollte schreien. Minutenlang hatte er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, sich in die Panik hinein zu steigern, aber er schaffte es nicht, es zu verhindern.

„Nicht weinen, Sev!“, konnte er die warme Stimme von Remus hören, doch er kannte sie gut genug, um auch das leise Zittern wahrzunehmen. Er konnte sich gut vorstellen, wie die warme, immer leicht raue Hand über seine Wange strich, aber er spürte einfach nichts. „Es wird alles gut, du wirst sehen. Ich bin bei dir, ich lasse dich nicht alleine. Egal was passiert ist oder noch passiert! Ich liebe dich und werde dich nie verlassen. Und wenn die Heiler es nicht schaffen, dann fangen wir ein neues Leben an. Es ist mir egal, ob du unterrichtest und forschst oder nicht. Mach dir keine Gedanken, wenn du den Wolfsbann nicht mehr brauen kannst. Es ist mir egal, Hauptsache, du bleibst bei mir.“

WAS? Severus wollte schreien, warum konnte keiner ihm sagen, was los war? Er ahnte, dass er wohl nicht alles um sich herum mitbekam, es wirkte so zusammenhanglos. Als hörte er nur Schnipsel, nur Ausschnitte. Vielleicht war er auch nicht die ganze Zeit wach, und hörte deshalb nicht alles? Er konnte es nicht steuern, aber er achtete nun vermehrt darauf. Sein Zeitgefühl war dahin, aber nach und nach bemerkte er, dass er tatsächlich immer wieder weg war. Je mehr er auf die Geräusche achtete, umso deutlicher wurde es. Menschen verschwanden plötzlich, oder tauchten unvermittelt neben ihm auf, obwohl ihre Schritte vorher viel weiter weg gewesen waren. Severus wurde immer bewusster, dass er wohl längere Phasen bewusstlos war oder schlief, und nur wenige Zeiten hatte, in denen er geistig wach war.

„Severus, mein Junge.“, hörte er auf einmal die Stimme von Albus. Er klang erschöpft und irgendwie traurig. „Es tut mir so leid. Warum muss das immer euch passieren? Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen.“

Helfen? Wobei denn? Vielleicht hätte endlich jemand die Güte, ihm zu erklären, was hier los war? Albus konnte immerhin Legilimentik, könnte er nicht einfach in seinen Geist eindringen? Aber der verdammte Schulleiter war zu verdammt edelmütig und ehrenhaft! Severus konnte ihm die Erlaubnis nicht geben, daher hielt er sich aus seinem Geist fern. Vielleicht schaffte er es ja, in den Geist des Älteren einzudringen? Der Tränkemeister konzentrierte sich stark und sammelte seine Magie, soweit er sie spüren konnte. Viel war gerade nicht vorhanden, was in aller Welt war damit passiert? Wie lange lag er hier schon, wenn sie sich noch nicht regeneriert hatte? Er vermutete, dass er schon mindestens einige Tage im Krankenflügel lag, wenn er davon ausging, dass er immer wieder länger bewusstlos war. Aber darum ging es doch gerade nicht, erinnerte Severus sich selbst. Er wollte in den Geist von Albus eindringen, damit er endlich erfuhr, was hier los war. Doch bis er seine Konzentration weit genug aufgebaut hatte, war der Schulleiter schon wieder verschwunden.

Plötzlich ahnte er eine weitere Anwesenheit, auch wenn er keine Schritte gehört hatte. „Severus, ich habe heute einige deiner Slytherins in meiner Sprechstunde gehabt. Ja, du hörst richtig, deine Schlangen sind zu mir gekommen!“ Severus konnte Minervas Lächeln hören. „Sie machen sich Sorgen um dich. Wir haben nun Slughorn dazu überreden können, dich zu vertreten. Er unterrichtet Zaubertränke. Aber die Schüler gehen nicht zu ihm. Deine Schüler haben sich nach dir erkundigt. Ich musste einige Gerüchte zerstreuen, einige scheinen zu glauben, dass du von einem Werwolf gebissen wurdest. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass du in einer Neumondnacht verletzt wurdest, was gegen einen Werwolfangriff spricht. Wir brauchen dringend einen vernünftigen Lehrer für Verteidigung, wenn die Schüler solche Dinge übersehen.“ Sie schwieg eine Weile, und fügte dann noch leise an: „Bitte halte durch, wir vermissen dich!“

Severus hörte, wie sie schniefte und dann schnell davon ging. Sie hatte so nahe geklungen, war sie auf seinem Bett gesessen? Oder auf einem Stuhl daneben und hatte nur den Kopf zu seinem Ohr geneigt, damit niemand sie hören konnte? Er konnte nicht fühlen, ob sich sein Bett bewegte oder ob ihn jemand berührte. Sein ganzer Körper war taub, als wäre er nicht vorhanden. Immer wieder hörte er Geräusche, die ihm bewusst machten, dass er wohl gerade gewaschen wurde, aber er spürte keine Berührungen. Was für ein Zauber war das eigentlich? Ein ‚Petrificus totalus‘ würde seine Starre erklären, aber nicht, dass er nichts fühlen konnte. Gab es einen solchen Zauber? Ihm war keiner bekannt, der nicht nur lähmte, sondern auch Empfindungen blockierte. Lähmte? Konnte es das sein? War er gelähmt? War es das, was Remus gemeint hatte, vor ein paar Stunden oder auch Tagen? Konnte das sein? Wie sollte es dann weitergehen? Würde er seinen Mann nie wieder spüren? Nie wieder Harrys Arme fühlen, die sich um ihn schlangen? In Severus breitete sich eine schmerzhafte Leere aus, und er hatte das Gefühl, zu ersticken. Ihm war bewusst, dass er gerade wohl den Kampf gegen seine Tränen verlor. Hoffnungslosigkeit ließ ihn beinahe verzweifeln. Wenn er gelähmt war, wie sollte er dann seine Familie ernähren? Wie würde es weitergehen?

Als die männliche Stimme, die er nicht zuordnen konnte, erneut zu ihm sprach, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Severus, wir werden sie morgen operieren. Ihre Blutwerte sind gut genug, auch die anderen Werte sind stabil genug, und wir sind nun sicher, dass sie die Strapazen der Operation gut überstehen. Es wird eine Weile dauern, bis sie wieder etwas mitbekommen, aber dann wird es wahrscheinlich besser gehen. Sie werden sich dann wieder bemerkbar machen können, denke ich. Kämpfen sie, Severus.“, forderte die Stimme.

Aber wie? Severus fragte sich, gegen was er kämpfen sollte. Er hörte, dass jemand zu ihm kam und ahnte, dass es Remus war. Hoffentlich verriet der Werwolf ihm nun mehr. „Sev!“, schluchzte Remus auf. „Komm zurück zu mir! Bitte, ich brauche dich!“

‚Ich bin doch da!‘, wollte Severus antworten, aber es ging einfach nicht. Egal was er versuchte, sein Körper reagierte einfach nicht. Nur seine Ohren nahmen wahr, was um ihn herum passierte, hörten das unterdrückte Schluchzen seines Mannes. Es tat Severus weh, ihn so zu erleben, aber wie sollte er ihm klar machen, dass er hier war? Es ging einfach nicht, er war gezwungen, tatenlos zu bleiben, obwohl er nichts lieber tun wollte, als seinen Wolf in die Arme zu schließen und zu trösten. Noch jemand trat zu ihnen.

„Du musst jetzt gehen, Remus.“, mahnte Poppy sanft. „Wir kümmern uns um deinen Mann und werden alles tun, um ihn zu heilen. Aber du musst gehen.“

„Ich weiß, Poppy.“, schniefte Remus. „Bringt ihn mir zurück. Ohne Sev kann ich nicht weitermachen. Ich schaffe das nicht.“

„Komm, Rem, ich bin hier.“, mischte sich Sirius ein. Wer war noch alles da? „Severus schafft das, er ist ein Kämpfer. Gib ihn nicht auf.“

„Sev!“, murmelte Remus noch einmal ganz nahe. „Ich liebe dich, Sev, und ich will, dass du zu mir, zu uns zurückkommst. Gib ja nicht auf, hörst du? Du musst kämpfen. Egal, was passiert, kämpfe!“

‚Das werde ich!‘, wollte Severus versprechen, konnte es aber nur in Gedanken. Ja, er würde kämpfen und zu Remus zurückgehen. Vielleicht erfuhr er dann, was hier eigentlich los war. Seine Ohren nahmen wahr, dass Remus mit Sirius wegging, jemand anders hingegen zu ihm kam. Gemurmelte Zauber, die er nicht verstehen konnte, schwirrten um ihn herum und seine Gedanken wurden immer träger, bis schließlich die Dunkelheit gewann. Severus nahm nichts mehr wahr, seine Gedanken schwiegen, und er trieb in der Unendlichkeit.

 

Remus hingegen ließ sich nur widerwillig von Sirius aus dem Krankenflügel bringen. Er hatte panische Angst davor, seinen Mann endgültig zu verlieren. Seit über einer Woche kämpfte er um sein Leben, und sie wussten nicht, ob sie die Lähmung rückgängig machen konnten. Devon und Poppy kämpften um den Tränkemeister, der bei seiner Befreiung lebensgefährlich verletzt gewesen war. Mit Zaubern hatten sie dafür gesorgt, dass er sich nicht bewegen konnte, denn jede Bewegung könnte sein Leben beenden. Außerdem hatten sie mit weiteren Zaubern sichergestellt, dass er keine Schmerzen fühlen konnte. Nie würde Remus die Schreie vergessen, die Severus im Kerker des Malfoy-Manors ausgestoßen hatte. So voller Pein und Angst, wie er noch nie jemanden schreien hörte.

Diese Schreie waren der Auslöser dafür gewesen, dass er Lucius Malfoy besiegen konnte. Sie hatten den Werwolf in seinem Inneren gerufen und dafür gesorgt, dass er sich verwandeln konnte. Keine normale Verwandlung in einen Werwolf, sondern eine Animagus-Verwandlung in seinen inneren Wolf, wie Albus inzwischen sicher war. Es könnte stimmen, denn Remus hatte keinerlei Schmerzen bei der Verwandlung gehabt. Und am Ende war er genauso schnell wieder menschlich gewesen, wie er zuvor zum Wolf geworden war. Selbst seine Kleidung war ganz geblieben, ein absolutes Novum. Er hatte den Blonden getötet, ein Blutbad angerichtet, aber inzwischen war er freigesprochen worden. Der Zaubergamot hatte Notwehr und Nothilfe anerkannt, und sie waren zwar der Meinung, dass es ein wenig extrem war, aber durchaus keine Mordabsichten dahinter gesteckt hatten. Angesichts der Verletzungen von Severus waren ihm mildernde Umstände zugestanden worden, und somit war er ein freier Mann, der zwar die nächsten Monate unter Beobachtung war, aber zumindest durfte er sich frei bewegen. Aber all das wäre nichts, wenn Severus diese Operation nicht schaffen würde. Erneut schluchzte Remus auf und war dankbar, dass Sirius ihm nicht von der Seite wich, sondern ihn festhielt. Das würde ein langer Tag werden.

Den ganzen Tag ging Remus im Wohnzimmer auf und ab. Er war nicht dazu zu bewegen, etwas zu essen oder den Kerker in irgendeiner Weise zu verlassen. Anfangs hatten sie überlegt, im Krankenflügel zu warten, aber Remus hatte dort noch mehr Panik bekommen, daher hatte Sirius ihn hier herunter gebracht und versuchte nun, ihn abzulenken. Erfolglos. Nicht einmal Schokolade wollte er. Sirius blieb an seiner Seite und versuchte, ihm Halt zu geben, wenn er – was immer häufiger passierte, je länger die Operation dauerte – schluchzend in sich zusammen sackte. Endlich, nach mehr als vierzehn Stunden, kam die Nachricht von Poppy, dass sie es erstmal geschafft hatten. Sofort eilte Remus in den Krankenflügel. Sie hatten verhindern können, dass Severus ins St. Mungo gebracht wurde, aber mehrere Heiler wechselten sich nun ab und kamen nach Hogwarts, damit die Heilerin nicht alleine war. Sie musste sich schließlich auch noch um die Schüler kümmern. Doch es wäre unmöglich gewesen, den Tränkemeister zu verlegen, sein Zustand war zu instabil.

„Beruhige dich, Remus.“, fing Poppy den Dunkelblonden an der Tür ab. „Die Operation ist soweit gut verlaufen. Wir haben getan, was wir konnten. Die Brüche sind geheilt und stabil, die Nerven brauchen noch eine Weile, um sich völlig zu regenerieren, aber es sieht gut aus. Severus hat eine schwere Zeit vor sich, er muss hart arbeiten, doch wir sind zuversichtlich, dass er wieder normal leben kann. Diszipliniert dazu ist er auf jeden Fall, das hat er schon mehrmals bewiesen. Im Moment schläft er noch, wir werden ihn auch sicher nicht vor übermorgen aufwachen lassen, denn sein Körper ist geschwächt und er würde vermutlich starke Schmerzen haben. Du kannst kurz zu ihm, aber dann braucht er Ruhe.“

„Danke, Poppy.“, wisperte Remus und strich sich erschöpft die Haare aus der Stirn.

Die Heilerin brachte ihn in das kleine Zimmer, in dem sie Severus bereits nach seinen Zusammenbrüchen behandelt hatte. Der Werwolf setzte sich neben das Bett und griff nach der Hand von Severus, die er nun endlich wieder nehmen durfte. Nach der Diagnose hatten sie ihn versteift, um die Gefahr einer vollkommenen Lähmung oder gar seines Todes auszuschließen, und Remus durfte ihn zwar streicheln, aber nicht nach seiner Hand greifen. Das Risiko war einfach zu groß gewesen. Severus hatte bisher unwahrscheinlich viel Glück gehabt, das wollten sie nicht aufs Spiel setzen.

„Hey Sev!“, grüßte Remus seinen Mann leise und sehr erleichtert. „Schlaf dich aus, das Schlimmste hast du hinter dir. Ich bin hier und warte auf dich, ich werde bei dir sein, wenn du aufwachst. Es wird ein langer Weg, aber ich werde bei dir sein.“

Ein paar Minuten blieb er einfach noch bei dem Schwarzhaarigen sitzen, dessen Gesicht in dieser Umgebung noch blasser als sonst wirkte. Doch dann musste er wieder gehen, damit Severus die Ruhe hatte, die er momentan brauchte. Stattdessen ging er mit Poppy in ihr Büro, wo sie das kleine Bett mit dem Wärmezauber stehen hatte, um schnell reagieren zu können. Mit einem Zauber desinfizierte er seine Hände, dann griff er vorsichtig in das Bett hinein. Das Baby war so winzig, nur 30cm und knapp 1000g hatte ihr Kleiner geschafft, bevor er so plötzlich aus dem Bauch geholt werden musste. Auch um ihn hatten die Heiler gekämpft, aber jetzt sah es positiv aus. Der Kleine brauchte zwar noch intensive Betreuung, aber die akute Gefahr schien gebannt. Remus setzte sich auf den Schaukelstuhl, der neben dem Bettchen stand, und holte seinen Sohn heraus. Mit einem Wärmezauber auf sich nahm er den Jungen in den Arm und gab ihm das Fläschchen, das ihm die Heilerin reichte. Inzwischen saugte ihr Sohn kräftig. Einen Namen hatte er bisher noch nicht, sie waren sich noch nicht einig gewesen, hatten gedacht, dass sie noch Zeit hätten. Und Remus konnte sich nicht dazu durchringen, die Entscheidung alleine zu treffen.

Anfangs hatte der Kleine einfach nicht genug getrunken und war daher zu schwach gewesen, aber Poppy hatte ihm Infusionen gegeben, und langsam war es bergauf gegangen. Jetzt schaffte er die ganze Flasche, bevor er müde die Augen schloss und auf der nackten Brust seines Vaters einschlief. Auch Remus fielen die Augen zu, die Anspannung der letzten Woche forderte ihren Tribut. In einer knappen Woche war auch noch Vollmond, bis dahin musste er sich ein wenig erholen, vor allem, weil er es diesmal komplett ohne Wolfsbann schaffen musste. Poppy schmunzelte, als sie in ihr Büro kam und den schlafenden Mann mitsamt seinem ebenfalls schlafenden Sohn entdeckte. Mit einem Zauber deckte sie beide zu und ließ sie weiterschlafen, da gerade Remus so entspannt wirkte wie lange nicht mehr. Sie ging hinaus, wo Sirius wartete. „Er schläft.“, verriet sie ihm auf seinen fragenden Blick. „Er hat sich davon überzeugt, dass es Severus soweit gut geht und dann seinen Sohn gefüttert. Die beiden schlafen nun im Schaukelstuhl.“

Grinsend musterte Sirius das Bild, das ihm die Heilerin zeigte. Er entschied, seinen Freund nicht zu wecken, sondern nach Hause zu gehen. Dort wartete Harry auf ihn, auch er wollte wissen, wie es seinem Dad ging. Narzissa passte auf ihn auf, sie war nach dem Tod von Lucius mit Draco zu ihrem Cousin gezogen und hatte ihren Mädchennamen wieder angenommen. Harry vertraute ihr und blieb bei ihr, wenn Sirius sich um Remus kümmerte. Allerdings ging es dem Fünfjährigen nicht besonders gut mit der ganzen Situation. Remus hatte ihm nur gesagt, dass es Daddy Sev nicht gut ging. Zwar kam er immer wieder zu Harry und hielt ihn fest, versicherte ihm, dass er ihn nicht weggeben würde, doch so leicht steckte der Kleine das nicht weg. Remus gab sich alle Mühe und tat wirklich, was er konnte, aber lange hielt er das nicht mehr durch.

„Siri!“, wurde er von Harry begrüßt. „Wo ist Daddy? Und was ist mit Dad?“

„Hallo Harry!“, lachte Sirius zurück. „Dein Daddy schläft gerade bei deinem kleinen Bruder, er war wohl ein wenig zu müde und ist eingeschlafen. Ich habe ihn nicht aufgeweckt. Und deinem Dad geht es soweit gut, die Operation ist gut verlaufen, aber sie wollen ihn noch morgen schlafen lassen und erst übermorgen darf er langsam aufwachen. Danach darfst du dann auch zu ihm. Bis dahin bin ich richtig stolz auf dich, wie gut du das alles schaffst. Du hilfst deinem Daddy sehr.“

Er hob seinen Patensohn hoch und drückte ihn an sich. Wie sehr hatte der Kleine ihm gefehlt, und wie froh war er nun, ihn lachen zu sehen. Und doch wirkte er derzeit ziemlich traurig, weinte wieder viel. Die Nächte verbrachte er in Sirius' Armen, ansonsten konnte er gar nicht schlafen. Deshalb war er auch noch auf, obwohl es schon fast Mitternacht war.

„Guten Abend, Sirius.“, machte nun Narzissa auf sich aufmerksam, und der Schwarzhaarige gab den Gruß zurück. „Er hat sich nicht ins Bett bringen lassen. Nicht so lange er nicht wusste, was mit seinen Vätern ist.“

„Damit hatte ich gerechnet, Zissa.“, gab Sirius ruhig zurück. „Deshalb bin ich hergekommen. Wie war der Tag?“

„Unruhig, aber das war nicht unerwartet.“, informierte die Blonde. „Er ließ sich mit nichts ablenken, nicht einmal Dracos Zaubertricks lockten ihn.“ Die beiden Kinder lernten nun gemeinsam, auch wenn Draco Harry schon Einiges voraus hatte. Aber auf diese Art lernte Harry die Magie kennen ohne Angst davor zu haben. Und Remus hatte ihm versprochen, dass er zum Geburtstag einen Kinderzauberstab bekäme, so wie Draco einen hatte. Jetzt aber musste er erst einmal schlafen, daher ging Sirius mit ihm in sein Schlafzimmer, wo sie sich im Bad schnell bettfertig machten und dann unter die vorgewärmte Decke krabbelten. Kaum dass Harry lag, schlief er auch schon, klammerte sich dabei aber an Sirius fest, der auch schnell einschlief, der Tag war lang und anstrengend gewesen.

 

Am Morgen wurden sie sehnlich von Draco erwartet. Der Sechsjährige hatte sich in der letzten Woche stark verändert. Er war immer noch der Meinung, dass er es verdiente, wenn Andere zu ihm aufsahen, aber gerade bei Harry zeigte er erstaunlich viel Geduld. Lucius hatte seinen Sohn so erzogen, dass er später ein guter, reinblütiger Aristokrat würde, aber Narzissa hätte es lieber anders gesehen. Doch sie hatte nie die Kraft gehabt, sich gegen ihren Mann durchzusetzen. Die Ehe war von ihren Eltern arrangiert worden und Narzissa hatte nie eine Wahl gehabt. Der Status, den sie durch die Hochzeit bekommen hatte, war anfangs angenehm gewesen, doch mit der Zeit hatte sie mehr und mehr Schattenseiten entdeckt, und gerade für Draco wollte sie immer eine bessere Zukunft. Sie war nicht besonders traurig über den Tod ihres Mannes, hatte sofort ihren Mädchennamen wieder angenommen, den inzwischen auch Draco trug. Sirius als Oberhaupt der Black-Familie hatte sie zu sich geholt. Draco war der Alleinerbe des Malfoy-Imperiums, das Sirius und Narzissa gemeinsam für ihn verwalteten, wobei sie gerade dabei waren, alle illegalen Geschäfte abzustoßen und die legalen dafür auszubauen. Das kostete eine Menge Zeit und Energie, daher hatten sie fürs Erste einen Manager beauftragt, der die Legalität der einzelnen Geschäfte prüfte und ihnen regelmäßig Bericht erstattete. Das Manor stand derzeit leer, Narzissa hatte Sirius darum gebeten, später nachzusehen und eventuelle Fallen und dunkle Objekte zu entfernen. Wenn dann noch ein wenig umgebaut wurde, dann konnte sie sich vorstellen, mit Draco wieder dort zu wohnen. Sie mochte ihren Cousin, aber gemeinsam mit ihm leben konnten sich beide nicht auf Dauer vorstellen.

Nach dem Frühstück, das man eher als Brunch sehen konnte, da Harry bis nach zehn Uhr schlief, zogen sich die beiden Schwarzhaarigen an und reisten nach Hogwarts. Remus war bereits wach und wartete auf sie. Mit einem „Daddy!“ fiel er Remus um den Hals und klammerte sich an ihm fest.

„Hey, mein Großer!“, begrüßte ihn Remus und küsste ihn auf die Stirn. „Tut mir leid, dass ich so wenig Zeit für dich habe.“

„Du warst bei Dad und meinem kleinen Bruder.“, wusste Harry. „Es ist schon okay. Aber kann ich jetzt bei dir bleiben?“

„Ja, Welpe, du kannst heute und morgen hier bleiben.“, versprach Remus. „Wir sehen jetzt kurz nach deinem Dad, und dann besuchen wir deinen Bruder. Morgen könnte es sein, dass dein Dad aufwacht, aber heute schläft er noch den ganzen Tag.“

Gemeinsam gingen sie in den Krankenflügel, wo Severus immer noch unbewegt lag. Sein Oberkörper steckte in einem Korsett, damit er sich nicht zu viel auf einmal bewegen konnte, wenn er wach wurde. Außerdem stützte es die Muskulatur, die aufgrund der Nervenschädigung nicht ganz zuverlässig funktionierte. Vorsichtig streichelte Harry seinen Dad und küsste seine Wange, bevor er sich neben ihn setzte und leise anfing, zu erzählen. „Dray hat mir gestern einen Lichtzauber gezeigt.“, berichtete er. „Wir waren in seinem Zimmer und haben alles dunkel gemacht, dass wir nichts mehr gesehen haben. Ich hatte ein bisschen Angst, aber nur ein bisschen. Dann hat Dray seinen Zauberstab genommen und ‚Lumos‘ gesagt, und der Zauberstab hat geleuchtet wie eine Lampe! Das will ich auch probieren, wenn ich meinen Zauberstab habe. Daddy hat gesagt, ich bekomme einen zum Geburtstag. Du musst unbedingt wieder wach werden, Dad, damit du es auch sehen kannst.“

„Okay, Harry, wir müssen deinen Dad nun weiterschlafen lassen, er muss sich gut erholen, wenn er morgen aufwachen soll.“, mahnte Remus.

Brav streckte Harry seine Arme aus und ließ sich von seinem Daddy hochheben. Er wusste, dass sie nun zu seinem kleinen Bruder gingen, und wollte das Baby unbedingt sehen. Remus trug ihn nach nebenan, wo der Kleine bereits quengelte. Schnell sprach Poppy den Zauber zur Desinfektion, dann setzte sich Remus in den Sessel, den Poppy normalerweise nutzte, wenn sie etwas nachlesen wollte. Harry saß auf seinem Schoß und wollte das Baby füttern. Der Dunkelblonde wirkte einen Wärmezauber und ließ sich seinen Sohn von der Heilerin geben. Harry saß auf seinem linken Bein und er nahm das Baby in den rechten Arm. Der große Bruder nahm die Flasche von der Heilerin und steckte sie seinem kleinen Bruder in den Mund, der gierig saugte. Andächtig beobachtete Harry das Trinken und hielt die Flasche ganz still, damit nichts daneben ging. Als die Flasche leer war, nahm Remus den Kleinen hoch, damit er aufstoßen konnte. Dann legte er ihn so, dass Harry mit ihm kuscheln konnte, was der auch ausnutzte.

Nur zum Essen verließen Harry und Remus an diesem Tag den Krankenflügel. Sie blieben bei dem Baby und fütterten, wickelten und streichelten es. Immer wieder ging Remus in den Nebenraum, um nach Severus zu sehen und seine Hand zu halten, aber diese Hilflosigkeit machte ihn schier wahnsinnig. Sobald er neben dem Bett seines Mannes saß, liefen die Tränen. Er konnte es nicht ändern, auch wenn er wusste, dass sich Harry dann nur noch mehr Sorgen machte, wenn er verweint aus dem Zimmer kam. Sirius blieb an ihrer Seite, war da, wenn sie ihn brauchten. Der Animagus gab Remus Halt und kümmerte sich um Harry, denn das schaffte sein Vater gerade nicht.

Erst am nächsten Morgen wurde es ein wenig besser. In der Nacht waren sie erneut bei Sirius geblieben, Narzissa hatte sie mit Abendessen empfangen und Draco lenkte Harry ab, während die Erwachsenen über Severus' Zustand miteinander redeten. Doch nach dem Frühstück waren Remus und Harry nicht mehr zu halten gewesen und sofort nach Hogwarts in den Krankenflügel gereist. Poppy hatte den Kamin für sie freigegeben. Nun saßen sie an der Seite von Severus, der immer wieder erste Anzeichen zeigte, dass er bald aufwachen würde. Die Augen bewegten sich hektisch unter den Lidern, seine Arme und Beine zuckten immer wieder kurz und er begann, sich zu bewegen. Gegen Mittag war sich die Heilerin sicher, dass es bald soweit war, ihre Diagnosezauber zeigten an, er war fast wach. Sie dimmte die Beleuchtung und bedeutete Remus, sie sollten mit Severus reden, ihn zu sich locken.

 

Severus stöhnte. Sein Kopf dröhnte, und der Körper fühlte sich schwer und vollkommen verrenkt an. Was hatte er nur gemacht? Nicht einmal in seiner schlimmsten Alkohollaune hatte er so einen Kater gehabt. Er konnte sich nicht erinnern, was hier los war, und wie er hierhergekommen war, wo auch immer hier war. Es dauerte eine ganze Weile, bis er registrierte, dass jemand sprach und noch länger, um auch einzelne Worte zu verstehen, doch es schien keinen Sinn zu ergeben. Lieber konzentrierte er sich auf andere Sinne. Er spürte Hände, die über seine Arme und seine Wangen strichen. Wer wagte es, ihn so zu berühren? Der Tränkemeister zwang sich, seine Augen zu öffnen, wollte sehen, wer da bei ihm war. Es kostete ihn eine Menge Kraft, die Lider zu heben. Unscharf konnte er nur Umrisse erkennen. Ein kleiner Schemen auf seinem Bett, ein heller Fleck umrahmt von schwarz. Harry. Er war da und es ging ihm gut. Severus atmete hörbar auf. Dann glitt sein Blick weiter und er glaubte, Remus zu erkennen. Erleichtert schloss er die Augen wieder, es war viel zu anstrengend, sie offen zu halten.

„Sev? Kannst du mich hören?“, drang auf einmal die dunkle, ein wenig rauchige Stimme von Remus in sein Hirn vor. „Wir sind bei dir, hab keine Angst. Ruh dich aus, wir bleiben bei dir.“

Remus und Harry ging es gut. Und was war mit dem Baby? Konnte er das nicht auch noch sagen? Jetzt konnte Severus auch die Berührung von Remus an seiner Hand spüren. Mit letzter Kraft schaffte er es, kurz die Finger zu bewegen, um ein leichtes Drücken zustande zu bringen. Als Antwort verschränkte Remus seine Finger mit denen des Tränkemeisters. Das Letzte, was Severus spürte, waren die leicht rauen Lippen von Remus, die ihn auf die Stirn küssten, dann schlief er wieder ein.

„Es sieht alles soweit gut aus.“, verkündete Poppy, als Severus wieder schlief. „Seine Werte sind stabil und er schläft gerade.“

„Dann komm, Harry, gehen wir etwas essen und schauen nach deinem kleinen Bruder.“, entschied Remus. „Wir kommen danach wieder her und sehen, ob er heute noch einmal wach wird.“

„Remus?“, krächzte Severus etwa vierundzwanzig Stunden später, als er endlich richtig wach war.

„Nicht reden.“, mahnte der Dunkelblonde. „Trink erst einmal das hier. Poppy meinte, deine Stimmbänder sind wahrscheinlich ziemlich angeschlagen, der Trank hilft dir sicher. Und dann können wir reden.“

Der Tränkemeister spürte, wie Remus einen Zauber wirkte, der ihn ein wenig aufrichtete. Gerade genug, um Trinken zu können, ohne sich zu verschlucken. Irgendein leicht bitter schmeckender Trank wurde ihm eingeflößt, und Severus konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Doch sein Hals fühlte sich viel besser an. Remus bot ihm noch einen Kräutertee an, den er dankbar schluckte. Erst jetzt öffnete er die Augen und sah viel deutlicher als beim ersten Aufwachen. „Danke.“, hauchte er. „Was …?“

„Du willst wissen, was passiert ist?“, versicherte sich Remus, und sein Mann nickte. „Okay. Die kurze Zusammenfassung lautet: Wir haben dich befreit, die Todesser sind verhaftet, uns allen geht es gut, nur ein paar Kratzer und drei gebrochene Knochen auf unserer Seite, alles bereits vollständig geheilt. Du warst der Einzige, um den es kritisch stand, du warst schwer verletzt, und die Plazenta hatte sich gelöst, Poppy und Devon mussten einen Notkaiserschnitt durchführen. Dem Kleinen geht es soweit gut, auch wenn er noch intensive Pflege und Überwachung braucht. Auf der anderen Seite gab es einen Toten, Lucius Malfoy. Er kam meinem Wolf in die Quere, der zu seinem Gefährten wollte. Moony hat ihn zerrissen. Und bevor du jetzt versuchst, nachzurechnen: Nein, es war kein Vollmond. Albus ist der Meinung, ich habe eine Animagus-Verwandlung geschafft. Du warst etwas über eine Woche außer Gefecht gesetzt, Vollmond ist in ein paar Tagen, aber keine Sorge, ich komme klar. Sirius wird bei mir sein, wir laufen im Wald wie früher. Harry bleibt bei Narzissa und Draco, es gefällt ihm nicht besonders, aber er akzeptiert die Beiden, die inzwischen bei Sirius wohnen. Jedenfalls vorübergehend. Die Beiden heißen nun Black, Zissa hat ihren Mädchennamen wieder angenommen, und auch Draco wurde damit zu einem Black. Er ist Alleinerbe des Malfoy-Vermögens, Sirius und Narzissa verwalten es für ihn. Harry ist gerade mit Sirius bei unserem Kleinen, er kümmert sich liebevoll um seinen Bruder, der bisher noch keinen Namen hat, weil ich es nicht alleine entscheiden wollte.“

Severus schloss die Augen und schluckte. Wie lange war er weg gewesen? Es schien so viel passiert zu sein, es konnte nicht nur etwas über eine Woche sein. Halt suchend griff er nach Remus' Hand und klammerte sich fest. Er konnte sich an die Entführung und die Foltern nur zu deutlich erinnern, und ein Zittern ging durch seinen Körper, das nichts mit Kälte zu tun hatte. Sein Griff wurde fester in der Hoffnung, sich nicht in den Erinnerungen zu verlieren.

„Es ist vorbei, Sev. Du bist sicher!“, versprach Remus leise und zog ihn in seine Arme. Die Schultern des Tränkemeisters bebten leise, Schluchzer schüttelten seinen geschwächten Körper. Kein Laut war zu hören, was es nur noch unheimlicher machte. Remus setzte sich ein wenig anders hin, sodass er seinen Mann noch enger halten konnte. „Lass es raus.“, sprach er ihm dann zu. „Nur wir beide sind hier, friss es nicht in dich hinein, lass es raus, dann kannst du abschließen.“

Eine ganze Weile klammerte sich Severus an seinem Gatten fest, bis sich der Griff wieder lockerte. Die ganze Zeit war kein Laut zu hören. Remus stellte fest, dass Severus wohl vor Erschöpfung eingeschlafen war. Vorsichtig bettete er ihn wieder in die Kissen und deckte ihn zu. Sanft strich er ihm die Tränen von den Wangen und setzte sich dann in den Stuhl, der neben dem Bett stand, um auf das nächste Aufwachen zu warten. Leise öffnete sich die Tür hinter ihm. „Daddy?“, wisperte Harry fragend.

„Kommt rein.“, erlaubte Remus seinem Sohn und seinem besten Freund. „Er war schon einmal wach, wollte wissen, was passiert ist, aber er konnte die Augen nicht lange offen halten. Aber er wird sich bestimmt freuen, Harry zu sehen, wenn er wieder wach wird.“ Bewusst ließ er den emotionalen Zusammenbruch aus, das ging niemanden etwas an. Aber er nahm sich vor, gut auf Severus zu achten, sobald er hier entlassen wurde.

„Wird Dad wieder gesund?“, wollte Harry wissen. Er wirkte besorgt, schien Remus' Gesicht interpretieren zu können.

„Ja, das wird er.“, versprach Devon, der eben einige Diagnosezauber gewirkt hatte, nachdem er unbemerkt eingetreten war. „Seine Werte sind weit besser, als ich es erhofft habe. Er ist stark und ein Kämpfer. So wie es aussieht, wacht er wieder auf.“

Und der Heiler schien Recht zu haben, Severus' Augenlider flatterten und öffneten sich schließlich. „Harry!“, hauchte er.

„Dad!“, jauchzte Harry und schlang seine Arme um den Tränkemeister. Dabei war er sehr vorsichtig, schließlich wollte er seinem Dad nicht weh tun. „Ich hab dich vermisst. Wirst du bald wieder gesund?“

„Das kann ich vielleicht besser beantworten!“, schmunzelte Devon. „Es sieht sehr gut aus. Eine Weile werden wir ihn noch hierbehalten, aber wenn es so weitergeht, dann kommt er sicher noch vor den Ferien nach Hause. Das Stützkorsett wird ihm aber noch eine ganze Zeit bleiben.“

Severus räusperte sich. „ER ist hier, falls sie es noch nicht bemerkt haben, Heiler Zabini.“, merkte er kühl an, ihn wieder formell ansprechend, um auszudrücken, dass er sauer war. „Und ich hätte gerne einen exakteren Bericht meiner Verletzungen.“ So gut müsste der Heiler ihn inzwischen eigentlich kennen. Niemand mochte es, wenn andere über jemanden redeten, als wäre er nicht im Raum, aber Severus fühlte sich angegriffen dadurch, auch wenn er es nicht erklären konnte.

„Natürlich, Professor Snape-Lupin.“, wurde Devon Zabini wieder ernst. „Als sie von Remus Lupin eingeliefert wurden, hatten sie eine Rippenserienfraktur links, und mehrere Rippenbrüche rechts, ihr Schädel war angebrochen und die Wirbelsäule hatte mehrfache Splitterbrüche mit Nervenschädigung. Sie zeigten Folgeerscheinungen von multiplen Folterungen mit Muskelzittern, inneren Verletzungen und Schnittwunden, die sich über den ganzen Körper verteilten. Außerdem eine abgelöste Plazenta, was dazu führte, dass der Embryo in ihrem Körper zu ersticken drohte. Mit einem Notkaiserschnitt konnten wir den Jungen retten, doch ihr Zustand blieb kritisch. Aufgrund der Organschädigungen konnten wir die Wirbelbrüche nicht sofort behandeln, wir mussten sie in eine Art Stasis versetzen. Erst, als die Lunge und das Herz wieder kräftig genug waren, führten wir die Operation durch, bei der wir die Wirbelbrüche und die geschädigten Nerven reparierten. Es wird noch etwa vier bis fünf Tage dauern, dann sollten die Nerven sich wieder regeneriert haben, bis dahin können noch Schmerzattacken auftreten, hauptsächlich in den Beinen oder dem Unterleib. Durch die Beeinträchtigung der Nerven ist die Muskulatur des Rückens geschwächt und kann den Körper momentan nicht halten, daher müssen sie in den nächsten Wochen und wahrscheinlich sogar Monaten ein Korsett tragen, das außerdem verhindert, dass sie unbedachte Bewegungen machen, die die Heilung verzögern könnten.“

Mit unbewegtem Gesicht hatte der Tränkemeister dieser Ausführung gelauscht und dann die Augen geschlossen. Nur der verkrampfte Kiefer zeigte seine innere Aufgewühltheit. Harry strich ihm über die Wange und schmiegte sich an den angespannten Körper. Automatisch schlang Severus seinen Arm um ihn und zog ihn an sich. Nur langsam entspannte er sich wieder. Devon ließ sie alleine. „Unser Baby?“, flüsterte Severus schließlich.

„Es geht ihm gut, zu klein und zu leicht, aber inzwischen trinkt er richtig gut und atmet auch selbständig. Er hat deine langen Finger geerbt, wie es scheint. Seine Augen sind momentan blau, aber das kann sich noch ändern, meint Poppy. Haare hat er noch keine, nur diesen Flaum, den Babys im Körper haben.“

„Kann ich ihn sehen?“, wollte Severus wissen. Er musste sein Baby sehen, vorher konnte er nicht glauben, dass es ihm wirklich gut ging.

„Ich frage Poppy.“, bot Remus an, der das verstehen konnte. „Harry, bleibst du bei Dad?“

Ernst nickte Harry und wandte sich dann wieder dem Tränkemeister zu. „Tut dir was weh, Dad?“, fragte Harry schließlich.

„Nein, Harry. Ich bin nur noch etwas müde. Seit wann bin ich Dad?“, erkundigte sich Severus. Er brauchte Ablenkung, und das interessierte ihn wirklich. Bisher war er immer Daddy Sev gewesen, und obwohl er sich noch vor einem Jahr nicht hätte vorstellen können, jemals Vatergefühle zu haben, so war er doch mehr als stolz auf das, was zwischen ihnen passierte. Der Junge vertraute ihm.

„Naja, Dray meinte, es ist kompliziert, wenn ich euch beide ‚Daddy‘ rufe, dann wisst ihr gar nicht, wen ich meine.“, erklärte Harry. „Deswegen sag ich jetzt Daddy zu Daddy Remus, und zu dir Dad. Gefällt es dir nicht? Ich könnte auch Papa sagen.“

„Nein, schon gut, Dad gefällt mir gut. Ich wollte es nur wissen.“, winkte Severus ab. „Du verstehst dich also mit Draco?“ Das war ihm wichtig, immerhin war Draco sein Patenkind und hatte einen festen Platz in seinem Leben, auch wenn es in den letzten Monaten etwas schwierig gewesen war. Der Kleine war nicht sein Vater, bei dem war Severus eher erleichtert, dass er nicht mehr gefährlich werden konnte.

„Er ist eigentlich ganz okay. Nur manchmal ein bisschen komisch. Aber Tante Zissa schimpft, wenn er so tut, als wäre er der König.“, antwortete Harry.

Severus staunte, wie selbstverständlich Harry Narzissa als Tante ansprach, etwas, das noch vor einigen Wochen unmöglich gewesen war. Der Kleine schien angekommen zu sein, sich sicher zu fühlen. Jetzt musste er noch dafür sorgen, dass er absolut sicher war. Aber wenn es Albus und Remus wirklich geschafft hatten, die Todesser festzunehmen, dann war es vielleicht nicht mehr ganz so dringend. Er wollte keine Zeit verschwenden, aber zumindest musste er wohl nicht so viel Angst haben, dass ihm die Zeit davonlief, während er hier im Bett lag. Das Öffnen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Sev? Darf ich vorstellen? Unser Sohn.“, hielt ihm Remus ein kleines Bündel hin.

„So winzig!“, war Severus' erste Reaktion. Ehrfürchtig strich er mit seiner Hand über den Kopf und die Wange. „Ich konnte ihn nicht schützen!“, wisperte er plötzlich und begann erneut zu zittern.

„Hey, ruhig, Severus.“, hielt Remus ihn fest, so gut er konnte. In einem Arm hatte er immerhin ihren Kleinen. „Ihm ist nichts passiert, es geht ihm gut, auch wenn er etwa 12 Wochen zu früh kam. Sieh ihn dir an, er hatte so viel Glück und es geht ihm gut. Er wird wachsen und wir werden genauso für ihn da sein wie für Harry. Nur einen Namen braucht er noch.“

„Du hast ihm noch keinen Namen gegeben?“, staunte Severus.

„Nein. Das wollte ich mit dir gemeinsam entscheiden.“, lächelte Remus. „Aber ich denke, wir sollten einen Namen wählen, der ausdrückt, was für ein Glück er hatte und für uns ist.“

„Ben, die Kurzform für Benjamin, was Sohn des Glücks bedeutet?“, schlug Sirius vor, der bisher still zugehört hatte. „Oder Helge, was im skandinavischen heil, unversehrt, gesund bedeutet.“

„Felix oder Prosper, der Glückliche aus dem Lateinischen.“, wusste Remus.

„Kyle heißt der Glückliche im Gälischen und die Griechen sagen Tycho, was für Schicksal, Fügung, Glück steht.“, fügte Severus leise an.

„Tycho gefällt mir.“, entschied Remus spontan. „Das ist kein so gewöhnlicher Name, und es ist immerhin ein sehr ungewöhnliches Kind. Entstanden aus einem Zufall heraus, Fügung des Schicksals, wenn man so will. Und jetzt hatte er Glück, dass er alles gut überstanden hat und keine Schäden von der frühen Geburt bleiben.“

„Dann also Tycho.“, stimmte Severus zu. „Und Lyall als zweiten Namen? Dein Vater hätte es verdient, er hat viel für dich getan.“

„Tycho Lyall Lupin.“, nickte Remus und strahlte. „Danke Sev. Ich liebe dich!“

„Du bist mein Leben, Remus Lupin!“, gab Severus leise zurück. „Harry? Wie gefällt dir der Name für deinen Bruder?“

„Tycho ist schön.“, beschloss Harry und sah das Baby ernst an, schien zu überlegen, ob es ihm auch gefiel. Dann sah er, wie der Kleine unruhig wurde. „Er hat Hunger. Daddy, rufst du bitte Trippy?“

Remus nickte und klatschte in die Hände. Ein Hauself erschien. „Bringst du bitte die Flasche für meinen Bruder?“, bat Harry ihn.

Der Hauself verschwand, nur um beinahe sofort mit einem fertigen Fläschchen wieder aufzutauchen. Harry nahm es an sich, bedankte sich bei dem Elfen, und hielt es Tycho hin. Das Baby spürte den Sauger an den Lippen, schnappte danach und saugte gierig. Remus hatte sich inzwischen auch auf das Bett gesetzt und hielt seinen jüngsten Sohn so, dass Harry ihn füttern konnte. Der machte das mit einer Ernsthaftigkeit, dass Severus nur erstaunt eine Augenbraue hob. Egal wie erschöpft er war, das hier war es wert, die Augen offen zu halten. Er konnte sehen, wie stolz Remus auf Harry war. Der Kleine hatte sich gut gemacht, viel besser als man es nach diesen zehn Monaten erwarten könnte. Der Tränkemeister sah sich um, das hier war seine Familie und er wusste, das war sein größtes Glück und er würde alles tun, um das zu schützen. Er merkte nicht, wie er einschlief, zu erschöpft, um noch länger durchzuhalten.

 

Eine Woche später war er schon wieder fast vollständig geheilt. Er durfte aufstehen und sogar tagsüber zeitweise den Krankenflügel verlassen. Remus hatte den Vollmond gut überstanden, scheinbar hatte seine Verwandlung im Malfoy-Manor etwas verändert, denn die Verwandlung war kaum noch schmerzhaft für ihn, und er hatte sogar ohne Wolfsbann die Nacht in Erinnerung, war gemeinsam mit Moony in Kontrolle gewesen. Sie waren eine Einheit, das war die einzige Möglichkeit für ihn, es zu beschreiben. Noch hatte Harry keine Ahnung von der ganzen Situation, er war bei Narzissa und Draco geblieben und hatte in der Nacht bei seinem blonden Freund geschlafen, denn Sirius war bei Remus gewesen. Zwischen den beiden Kindern hatte sich eine sehr enge, beinahe brüderliche Beziehung entwickelt. Draco fühlte sich als Beschützer für den immer noch sehr kleinen Harry, der ihn wiederum davon abhielt, bei jeder Kleinigkeit seinen Kopf durchzusetzen. Die beiden Blonden hatten Severus bereits mehrmals besucht und vor allem Narzissa hatte sich wortreich dafür entschuldigt, wie Lucius ihn behandelt hatte. Sie hatte keine Ahnung gehabt, ihr Mann hatte offenbar die Zeit genutzt, in der sie nicht da war.

„Lucius war zunächst froh, dass der Lord weg war, denn da konnte er frei sein.“, erklärte sie. „Allerdings wurde er mit der Zeit immer fanatischer, er wollte die Gesellschaft verändern, aber politisch ging es nicht, da er nicht genug Mitglieder des Gamot und vor allem den Minister nicht auf seine Seite ziehen konnte. Da hat er dann wieder angefangen, vom Lord zu sprechen. Das ist jetzt vielleicht ein halbes Jahr her, und es wurde immer schlimmer. Es wurde schlimm, als sein Mal plötzlich brannte, da fand er heraus, wie der Lord vorgesorgt hatte, und wie er wiederkommen wollte. Lucius wurde bewusst, dass er derjenige sein musste, der den Lord zurückholt, damit er so sicher ist, wie er sein kann. Seine Meinung war, wenn der Lord sowieso zurückkommt, dann müsse er ihn zurückbringen, um den Vorteil zu haben. Außerdem wollte er sich wohl nicht die Finger schmutzig machen, sondern die Arbeit dem Lord und seinen Anhängern überlassen. Er hat angefangen, herauszufinden, wie er es schaffen könnte. Eigentlich wollte ich deshalb nicht nach Frankreich fahren, aber er hat darauf bestanden. Es war eine Prestige-Sache, ich habe jedes Jahr bei diesen Anlässen seinen Namen vertreten müssen. Die Frauen der führenden Männer der Gesellschaft treffen sich, um sich über Projekte zu unterhalten, die das Ansehen ihrer Männer noch weiter steigern. Jedenfalls war ich nicht sonderlich überrascht, dass er in meiner Abwesenheit etwas angefangen hat. Es tut mir leid, dass ihr darunter leiden musstet. Er wollte den Lord zurückholen, um die Gesellschaft durch ihn gewaltsam zu ändern, da es ihm ansonsten zu langsam ging. Der Überfall vor den Toren von Hogwarts auf euch war auch seine Idee, aber sicher nicht eine seiner besten. Er wollte den Direktor aus dem Weg schaffen und dich, Severus, wieder auf seine Seite holen. Ihm war klar, dass du wohl nicht mehr für den Lord und seine Ziele kämpftest. Es tut mir so leid.“

„Schon gut, Zissa, du kannst nichts dafür.“, beschwichtigte Remus, da er merkte, dass es Severus noch zu nahe ging. „Das war Lucius' Werk und er hat dafür gebüßt. Es tut mir leid, dass ich euch den Mann und Vater genommen habe.“

„Nein, Remus, du kannst nichts dafür.“, lächelte Narzissa. „So ein Ende hätte ich ihm nicht gewünscht, aber nun können wir leben, so wie wir es für richtig halten, und nicht nach seinem Fanatismus.“

Severus war überrascht, wie nahe sich Remus und Narzissa bereits waren. Als wären sie schon seit Jahren die besten Freunde. Und wie offen sie über die ganze Geschichte sprachen, das war ein deutliches Zeichen dafür, dass sie einander vergeben hatten. Jetzt erfuhr er auch noch, dass die Spuren dafür sprachen, dass Lucius auch Harry entführt hatte, was die festgenommenen Todesser bestätigten. Severus schwieg sich allerdings über die Gründe aus, sogar den Auroren und dem Zaubergamot gegenüber. Er wüsste nicht, warum Lucius das getan hatte, war seine Aussage.

Heute durfte Severus wieder eine Weile nach draußen, was er sofort ausnutzte. Tycho schlief in der Obhut der Heilerin, und Remus ging mit Severus und Harry ein Stück draußen spazieren. Da es Samstag war, trafen sie natürlich auch auf einige Schüler, die ihre Freizeit genossen und größtenteils am See lagen, lernten oder planschten.

„Professor!“, freute sich die gleiche blonde Schülerin, die vor Monaten Remus und Harry in den Kerkern angesprochen hatte. „Geht es ihnen besser? Wir vermissen sie im Unterricht.“

„Wie sie sehen, hat Madam Pomfrey mich nach draußen gelassen, also scheint mein Gesundheitszustand stabil genug für einen Spaziergang zu sein, Miss Cole.“, gab Severus zur Antwort. „Allerdings ist die Heilerin der Meinung, sie müsse mich bis zu den Ferien vom Unterrichten fernhalten, daher werden sie wohl weiterhin mit Professor Slughorn vorlieb nehmen müssen.“

„Schade. Da kann man wohl nichts machen. Dann wünsche ich ihnen alles Gute, Professor.“, lächelte die Schülerin.

„Ich danke ihnen, Miss Cole.“, antwortete Severus höflich, bevor die Blonde sich abwandte und zum See lief. „Ich hätte nicht gedacht, dass jemand meinen Unterricht vermissen würde.“, wunderte er sich. „War das ehrlich oder nur, um mich zufrieden zu stellen?“

„Es war ehrlich.“, antwortete Remus, der es so kurz nach Vollmond deutlich riechen konnte. „Es würde dich sowieso nicht zufrieden stellen, wenn sie dich anlügt! Aber denke an den Unterricht bei Slughorn, natürlich wollen sie dich zurück. Der Typ hat doch so wenig Ahnung von Tränken wie ich.“

„Dann hast du scheinbar mehr Ahnung wie er, denn er merkt das nicht.“, kommentierte Severus trocken und musste sich ein Schmunzeln verkneifen, als er den überraschten und verdutzten Gesichtsausdruck seines Mannes sah.

Mitte Juni durfte Severus den Krankenflügel endgültig verlassen und wieder in seine Räume im Kerker ziehen. Poppy bat ihn, noch wenigstens bis zum Ende des Schuljahres in Hogwarts zu bleiben, damit sie sicherstellen konnte, dass er auch wirklich zurechtkam. Das Korsett musste er noch mindestens bis Weihnachten tragen, hatten die Heiler entschieden, und es störte den Bewegungsablauf häufiger, als Severus geglaubt hätte. Damit konnte er weder lange stehen oder gehen, noch sitzen. Dabei hatte er schnell Schmerzen, was ihn aber nicht davon abhielt, ins Labor zu gehen und Wolfsbann zu brauen. Auch wenn Remus fast sicher war, ihn nicht zu brauchen, wollte er sichergehen. Sie würden das im Laufe der nächsten Monate erforschen, entschied Severus, aber so lange er in der Nähe von Kindern war, gingen sie lieber sicher. In der Hinsicht stimmte ihm Remus zu, allerdings war es ihm nicht ganz so Recht, dass Severus nun seinetwegen im Labor stand. Doch Severus hatte wenig Probleme, vor allem dank Remus, der ihm half, so gut er konnte, während Harry mit Sirius im Krankenflügel bei Tycho war.

Im Schloss war es ruhig in diesen Tagen, die Schüler waren mitten in den Prüfungen. Severus wollte seiner Vertretung beim Korrigieren der Arbeiten helfen, doch Slughorn wehrte ab, und auch Poppy verbot es dem Tränkemeister, sie hatte ihm schließlich noch nicht die Erlaubnis gegeben, wieder zu arbeiten. Für den Wolfsbann hatte sie beide Augen zugedrückt, da es Slughorn nicht möglich war, den Trank zu brauen, er war schließlich kein ausgebildeter Meister, sondern ein studierter Tränkebrauer, doch dieser konnte und durfte nicht mit allen benötigten Zutaten hantieren.

Nach wenigen Tagen durften sie auch Tycho zu sich holen, der zwar immer noch kleiner und leichter war als Babys normalerweise waren, aber inzwischen gut zurecht kam. Sie mussten nur dafür sorgen, dass es warm genug war, aber das war jetzt, im Sommer, nicht ganz so schwer. Sie genossen ihre Zeit als Familie. Am Montagabend klopfte es an der Tür, gerade als Harry aus der Badewanne kam und Severus Tycho fütterte. Schwerfällig stand der Tränkemeister aus seinem Schaukelstuhl auf, in dem er meistens saß, um das Baby zu füttern, und ging mit Tycho auf dem Arm zur Tür. „Albus! Guten Abend!“, grüßte er seinen Besucher und trat einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen. „Komm rein und nimm Platz.“

„Danke, Severus mein Junge.“, lächelte der Schulleiter. „Wie es scheint, geht es dir deutlich besser. Was macht euer jüngster Sohn?“

„Tycho geht es gut, er braucht zwar noch Wärmezauber und engmaschige Überwachung, aber wir durften ihn zu uns nehmen.“, antwortete Severus und nahm den Kleinen hoch, der seine Flasche leer hatte. „Aber darum bist du sicher nicht hier. Kann ich dir etwas anbieten? Tee vielleicht?“

„Ja, gerne.“, nahm Albus dankend an, und Severus beauftragte einen Hauselfen damit. „Aber du hast Recht, ich bin nicht nur wegen Tycho hier. Schöner Name übrigens, sehr ungewöhnlich. In Skandinavien häufiger, aber stammt aus dem Griechischen, wenn ich mich nicht irre.“

„Du irrst dich nicht!“, antwortete Severus, winkte dem Schulleiter dann aber, weiter zu sprechen, während der Hauself den Tee abstellte und wieder verschwand.

„Ja, warum ich hier bin.“, fuhr der fort. „Ursprünglich hatten wir ja geplant, die Horkruxe in knapp zwei Wochen zusammenzubringen, um zu sehen, ob wir die Schlange anlocken können. Da du nun derart angeschlagen bist, weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, das jetzt zu machen. Auch wenn ich Minerva eingeweiht habe und sie uns zur Seite stehen wird. Deshalb wollte ich mit dir reden, damit wir uns einen neuen Plan überlegen können, denn ein ganzes Jahr zu warten ist sicher gefährlich und ich möchte unser Schicksal nicht herausfordern. Wir hatten bisher eine Menge Glück, das möchte ich nicht aufs Spiel setzen.“

„Wenn Harry und Tycho bei Narzissa bleiben, dann hätten wir Sirius und Remus noch an unserer Seite.“, gab Severus zu bedenken. „Wenn wir zu fünft sind, haben wir eine Chance gegen die Schlange und die Horkruxe. Auch ich möchte nicht riskieren, noch ein Jahr zu warten. Je eher es zu Ende ist, umso sicherer sind unsere Kinder.“

„Nein, Sev, das Risiko ist zu groß, dass du dann wieder verletzt wirst.“, mischte sich Remus ein, der einen Teil gehört hatte. „Ich werde nicht zulassen, dass du deine Genesung aufs Spiel setzt!“

„Remus, wen sollen wir einweihen, dass ich dann zurückstehen kann? Wem können wir soweit trauen, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt? Und je mehr wir sind, umso sicherer können wir sein, dass keinem etwas passiert.“, argumentierte Severus. Er wollte nicht zurückstehen, es war auch sein Kampf!

„Wir werden alle Maßnahmen ergreifen, die uns Sicherheit geben.“, versprach Albus. „Wir haben das Basiliskengift, das uns gegen die Horkruxe hilft, und wir werden uns gegen die Schlange bewaffnen. Darf ich davon ausgehen, dass du uns unterstützt, Remus?“

„Allerdings. Ich werde nicht zulassen, dass Severus nochmal etwas passiert.“, knurrte der Dunkelblonde. Dann wandte er sich direkt an seinen Mann: „Harry ist im Kinderzimmer, er wartet darauf, dass du zu ihm kommst. Du sollst ihm heute vorlesen.“

„Dann werde ich nicht weiter stören.“, stand Albus auf. „Gute Nacht und wir reden am Wochenende noch einmal.“

Remus übernahm es, den Schulleiter bis zur Tür zu begleiten, während Severus mit dem schlafenden Tycho auf dem Arm ins Kinderzimmer ging. Dort legte er ihn vorsichtig in die Wiege und setzte sich dann zu Harry in den Sessel.

„Dad, liest du mir was vor?“, bettelte Harry und sah ihn mit seinen grünen Augen an.

„Natürlich.“, gab Severus zurück und Harry rannte zum Regal, um ein Buch zu holen. Damit kuschelte er sich zu seinem Vater, der ihm die Geschichte vom Fledermauskönig Taniko vorlas, der seine Untertanen vor dem bösen Eulenvolk beschützen wollte, und dabei sogar eine Allianz mit den Bussarden in Erwägung zog. Doch noch bevor die Fledermäuse und die Bussarde gemeinsam die Eulen vertreiben konnten, war Harry eingeschlafen. Schmunzelnd hob Remus, der im Türrahmen gelehnt hatte, den fast Sechsjährigen hoch und legte ihn ins Bett. Anschließend half er seinem Mann hoch, der durch das Korsett nicht aus dem Sessel kam. Da Tycho friedlich in seiner Wiege schlief, legten sie nur einen Überwachungszauber auf ihn und erneuerten den Wärmezauber, bevor sie zurück ins Wohnzimmer gingen.

„Sev, ich will nicht, dass du gegen die Horkruxe und Nagini kämpfst.“, brach Remus schließlich das Schweigen. Sorge färbte seine Stimme dunkel. „Ich will nicht noch einmal denken müssen, dass ich dich verliere.“ Er zitterte, als ihn die Erinnerung übermannte. Obwohl er die Zähne zusammen biss um nicht zu weinen, konnte er nicht verhindern, dass seine Augen feucht wurden. Severus griff nach seiner Hand und hielt sie fest, rieb mit dem Daumen über den Handrücken.

Die Berührung half dem Dunkelblonden, ruhiger zu werden. „Im Manor sind wir auf Todesser gestoßen und haben gekämpft.“, hauchte Remus. „Wir haben sie überrascht, ansonsten hätten wir wohl keine Chance gehabt. Dann kam Malfoy, und ich dachte, es ist aus, doch er ist ziemlich schnell wieder verschwunden. Meine Instinkte meldeten sich und ich folgte ihm in den Keller. Gerade noch rechtzeitig, um ihm durch eine massiv aussehende Wand folgen zu können. Und dann komme ich dazu, wie er dich foltert. Diese Schreie von dir werde ich nie vergessen. Der Kampf zwischen Moony und Malfoy hat nicht lange gedauert, aber es schien mir eine Ewigkeit zu vergehen. Immer waren da deine Schreie, und ich wusste, es war so eng. Jede Sekunde konnte es zu spät sein. Und dann, als ich dich hochgehoben habe, spürte ich, wie in dir etwas gebrochen ist. Du bist zusammengesackt, und ich war überzeugt, deine Leiche zu tragen. Dein Herzschlag war so langsam, dass ich nicht sicher sein konnte, ihn wirklich zu hören. Ich schaffe das nicht nochmal!“ Er schauderte und schluchzte kurz auf, vergrub sein Gesicht in Severus' Schulter.

Severus zog ihn in die Arme und hielt ihn fest. „Was ist da noch?“ Er konnte spüren, dass das nicht alles war.

Remus zögerte eine Weile. „Ich … ich habe dich angelogen.“, gestand er letztendlich zitternd. „Du bist mein Seelengefährte, ich habe es immer gespürt. Schon in unserer Schulzeit. Aber ich wollte dich nicht zwingen. Wollte dich nicht zu einem Leben voller Verachtung verurteilen. Als Gefährte eines Werwolfes hätten sie dich doch nur verurteilt. Dann haben wir uns kennengelernt und kamen uns näher, aber ich wollte dir immer noch die Wahl lassen. Und irgendwann war der Moment einfach vorbei, ich konnte es nicht sagen. Ich wollte dich nie an mich binden, um dir die Freiheit zu lassen. Lange war ich nicht sicher, ob ich nicht nur eine Affäre für dich war. Als ich mir endlich sicher war, hatte ich schon zu lange geschwiegen, ich konnte es nicht mehr. Du warst bei mir, da konnte ich tolerieren, dass wir nicht gebunden sind. Aber dich beinahe zu verlieren, das … ich will dieses Gefühl nie wieder haben.“

„Du hast es mir so lange verschwiegen, obwohl du es schon seit Jahren weißt? Warum?“, wollte Severus wissen. Er war nicht sicher, was er gerade fühlte. Er liebte Remus und war glücklich, dass er auch wirklich der Richtige für Moony war, aber gleichzeitig war er auch furchtbar enttäuscht, dass Remus so lange geschwiegen hatte.

„Ich hatte Angst.“, wisperte Remus. „Du warst schon immer jemand, der seine Freiheit mehr als alles andere liebte. Ich war sicher, du würdest die Beine in die Hand nehmen und rennen, wenn ich dir die Wahrheit sage, damit du nicht deine Freiheit verlierst. Und irgendwann merkte ich, dass die Gelegenheit vorbei war.“

Severus ließ die Worte eine Weile auf sich wirken, hielt dabei seinen Mann aber weiterhin im Arm. „Remus, ich liebe dich.“, gab er schließlich zurück. „Ich bin enttäuscht, dass du so wenig Vertrauen in mich hattest, aber ich verstehe durchaus, dass du irgendwann den richtigen Moment verpasst hattest. Aber glaube mir, nie habe ich mich von dir eingeengt oder eingeschränkt gefühlt. Im Gegenteil, erst durch dich habe ich mich ganz gefühlt. Ich hätte dich nie geheiratet, wenn es so gewesen wäre, auch nicht für Harry. Du warst alles für mich und bist es immer noch, auch wenn jetzt noch Harry und Tycho dazu kommen. Und gerade du solltest wissen, dass es mir schon immer egal war, was Andere von mir denken. Ich liebe dich und stehe dazu, auch wenn ich es sicher nicht in der Welt herumposaunen werde, dazu bin ich einfach nicht der Typ. Binde mich an dich!“

Mit großen Augen blickte Remus zu seinem Gatten auf. „Du bist nicht böse?“

„Nein.“, schmunzelte Severus. „Du bist mein Leben, Remus. Du hast versucht, alles für mich zu tun und dir selbst dabei eine Menge abgefordert. Wie könnte ich da böse sein?“

„Und du willst an mich gebunden sein? Ohne Notausgang, ohne Hintertür?“, staunte der Dunkelblonde.

„Wie ich eben bereits sagte: Ich hätte dich nicht geheiratet, wenn es mir nicht ernst wäre. Für mich ist das auch ohne Hintergedanken. Wenn ich mich an jemanden binde, dann meine ich es lebenslang, egal ob durch Heirat oder Bindung. Ohne dich will ich nicht mehr sein. Bitte binde uns.“, wiederholte der Tränkemeister seine Bitte.

Grinsend zog Remus ihn vom Sofa hoch und ins Schlafzimmer. Das ließ er sich nicht entgehen. Und Tycho schlief gerade, würde wohl noch eine Weile brauchen, bis er wieder Hunger hatte. Diese Zeit würde er ausnutzen. Und nach der Bindung würden sie sich deutlich spüren, die Gefühle des Gefährten waren dann so intensiv wie die eigenen. Viel Schlaf bekamen sie in dieser Nacht nicht, aber am nächsten Morgen waren sie glücklich und zufrieden. Allerdings war die Diskussion noch nicht beendet. Das wussten beide, aber so lange die Kinder wach waren, verschoben sie es. Doch kaum schliefen die Beiden wieder, wusste Severus, was Remus wollte, er konnte es spüren.

„Remus, bitte verstehe es.“, begann Severus, noch bevor sein Gefährte etwas sagen konnte. „Ich will, dass unsere Kinder sicher sind, dass sie aufwachsen können ohne die Bedrohung. Die Zauberer sahen Harry seit Jahren als ihren Retter an, was meinst du, was passieren wird, wenn wir die Bedrohung nicht vernichten? Sie werden nach ihm schreien, und du weißt selbst, wie unser Sohn damit umgehen kann. Gar nicht. Er soll sich nicht immerzu umsehen müssen.“

„Ich verstehe dich ja.“, gab Remus zu. „Aber ich habe Angst.“

„Du bist dabei.“, versprach der Schwarzhaarige. „Und Sirius auch. Vielleicht auch noch Minerva, aber Albus und ich sind uns einig, dass wir nicht zu viele ins Vertrauen ziehen sollten, denn dieses Wissen ist gefährlich.“

„Da gebe ich euch Recht, keiner sollte wissen, was alles möglich ist.“, erwiderte Remus. „Was genau plant ihr eigentlich? Ich habe gestern nur einen Teil gehört.“

„Wir wissen, dass die Schlange den Lord findet, wenn er wiederkommt.“, begann Severus. „Also hoffen wir, wenn wir alle Horkruxe, die wir haben – und das sind alle außer dem Becher, denn den darin enthaltenen Seelenteil haben wir bereits vernichtet – nahe aneinander bringen, dass dann die Macht groß genug ist, die Schlange anzulocken. Eine andere Möglichkeit, die Schlange zu finden, sehen wir nicht.“

„Und was wird dann mit Harry?“, wandte Remus ein. „Wird er es auch wieder spüren, wie die Vernichtung des einen Horkruxes?“

„Nein.“, versicherte der Tränkemeister. „Albus ist sicher, dass er einen Teil der Magie abbekommen hat, und wenn das stimmt, kann ich eine Blockade wirken, die die Magie von ihm zumindest für eine Zeit trennt. Auf Dauer kann ich das nicht machen, aber wenn alle Horkruxe vernichtet sind, wird das auch nicht mehr nötig sein. Die Magie wird wahrscheinlich nach und nach zu seiner eigenen werden. Allerdings ist so ein Fall nicht bekannt, daher wissen wir nicht, was passiert, wir können nur vermuten.“

„Kann man sie von ihm entfernen?“, fragte der Werwolf besorgt.

„Das würde ich nicht raten. Im besten Fall wird er den gleichen Schmerz empfinden wie zu dem Zeitpunkt, als der Lord den Fluch auf ihn gesprochen und mit der Narbe gezeichnet hat, und dann ist er frei. Aber im schlimmsten Fall wird er dabei seine eigene Magie ebenfalls verlieren und möglicherweise dauerhafte Schäden zurückbehalten.“, erklärte Severus.

„Du hast dich schon länger damit befasst.“, stellte Remus fest.

„Ja, ich wollte wissen, was es für unseren Kleinen, oder besser jetzt unseren Großen bedeutet.“, nickte Severus.

„Okay.“, entschied der Dunkelblonde plötzlich. „Wir werden es so machen und dann alle Horkruxe vernichten. Du hast Recht, wir müssen sicherstellen, dass unsere Kinder sicher aufwachsen können. Machen wir es am ersten Ferientag.“

„Danke, Remus.“, lächelte Severus. „Ich bin froh, dich an meiner Seite zu wissen.“

„Ich werde immer da sein!“, versprach Remus, und besiegelte dieses Versprechen mit einem Kuss, während er sanft über die Bissnarbe am Hals des Tränkmeisters strich, das äußere Zeichen ihrer Bindung.

 

In den folgenden Tagen bereiteten sich Remus, Severus, Sirius und Albus intensiv auf die Konfrontation mit den Horkruxen vor. Sirius wusste von einem Zauber, den man langsam um sich herum aufbauen konnte, um gegen dunkle Magie gewappnet zu sein. Es würde sie nicht komplett vor den Horkruxen schützen, die waren dafür zu stark, aber immerhin war es besser als ohne jeden Schutz. Es war eine Erleichterung für Remus, seinen Gefährten so geschützt wie nur möglich zu wissen. Außerdem trainierten sie Zauber, die Banne brechen konnten. So vorbereitet trafen sie sich dann am ersten Ferientag. Sie hatten mit Narzissa ausgemacht, dass sie an diesem Tag einen Ausflug mit Draco und Harry machte. Tycho blieb in der Obhut von Poppy.

Minerva und Albus erwarteten sie schon. Remus, Severus und Sirius hatten zuerst Harry verabschiedet und ihm viel Spaß gewünscht. Erst heute hatte Harry erfahren, dass Narzissa mit ihm und Draco nach Paris ins Disneyland reisen wollte, und war völlig überwältigt gewesen. Der Abschied war nicht so schwer geworden, wie sie befürchtet hatten. Aber das war auch einer der Gründe, warum sie es ihm erst heute gesagt hatten. Der andere Grund war, dass er sonst wohl kaum geschlafen hätte. Severus hatte Harry vorher zur Seite genommen und die Blockade gewirkt, was nicht lange dauerte. Der Kleine hatte es regungslos über sich ergehen lassen, da er seinem Dad vertraute. Die Blonde wusste nicht genau, was sie vorhatten, nur dass es für die Kinder zu gefährlich war.

Ausgerüstet mit Drachenlederhandschuhen öffnete Albus nacheinander die einzelnen Verstecke. Auch die Anderen hatten Handschuhe an, Severus hatte genug für alle mitgebracht. Er selbst griff nach dem Ring, Sirius nahm das Medaillon, Remus das Tagebuch, und Albus nahm das Diadem. Sie gingen durch das leere Schloss und in Richtung des großen Sees. Am Ufer hatte Albus eine kleine Hütte geschaffen, in der sie ihr Experiment wagen wollten. Im Inneren war nur ein Stein, der relativ groß und oben flach war. Darauf legten sie die Horkruxe, dicht aneinander. Sie spürten sofort die Intensivierung der Macht, die von den Horkruxen ausging. Trotz der Schutzzauber mussten sie sich konzentrieren, um nicht in den Bann gezogen zu werden. Severus und Remus hofften, dass die Blockade Harry wirklich half, ansonsten müsste er nun Höllenqualen durchmachen, denn auch der Tränkemeister spürte sein Mal so deutlich brennen, als würde der Lord rufen, doch eine Komponente fehlte – man konnte dem Ruf nicht folgen. Nur Remus erkannte es, weil er die Gefühle nach der Bindung so klar spüren konnte. Nun war warten angesagt. Sie hatten keine Ahnung, wie lange sie warten mussten. Um mit der dunklen Magie weniger Probleme zu haben, entfernten sie sich von dem Stein. Doch die Hütte verließen sie nicht, um sicherzugehen, dass sie nichts verpassten. Hier war mit allem zu rechnen.

Remus hatte Severus an sich gezogen. Die frische Bindung zeigte sich vor allem in dem Wunsch nach körperlicher Nähe. Auch spürte er die Schmerzen, die nach und nach zunahmen. Der Tränkemeister konnte nicht lange stehen, ohne Schmerzen zu bekommen, aber hier gab es keine Möglichkeit, sich zu setzen oder hinzulegen. Aber er wollte auch nicht gehen, denn sein größter Wunsch war es, das hier zu beenden, um die Welt für seine Kinder sicher zu machen. Der Werwolf strich entspannend über die Seiten des Schwarzhaarigen, um ihm zumindest ein wenig der Schmerzen zu nehmen. Severus gab nicht nach, doch als er zu zittern begann, nahm Remus ihn mit nach draußen. Sie blieben in der Nähe, aber außer Sichtweite. Dort zwang Remus seinen Gefährten, sich auf den Boden zu legen. Sofort konnte er spüren, dass die Schmerzen nachließen. Das Brennen im Arm blieb allerdings, was den Tränkemeister positiv stimmte, dass sie eine Chance hatten. Natürlich brauchte die Schlange eine gewisse Zeit, um von wo auch immer zu ihnen zu kommen. Gemeinsam hatten sie entschieden, zu warten, bevor sie die Horkruxe zerstören würden. Harry war versorgt, Narzissa hatte drei Tage und zwei Übernachtungen im Disneyland gebucht.

In der Hütte unterhielten sich Sirius, Albus und Minerva leise über die vergangenen Wochen. Darüber, wie sehr sich Severus verändert hatte im letzten Jahr. Dank dem kleinen Harry schien der abweisend, kalt erscheinende Tränkemeister zu einem liebevollen und einfühlsamen Menschen zu werden, der die Bedürfnisse eines kleinen Kindes, des Sohnes seines früheren Erzfeindes, weit über seine eigenen stellte, und alles dafür tat, dieses Kind glücklich zu machen. Sie hatten durchaus bemerkt, wie schlecht es Severus ging, dass er aber dennoch nicht aufgab, weil er die Welt für seine Kinder besser und schöner machen wollte.

Plötzlich sahen sie auf. Alle Drei hatten das Gefühl, dass es von einem Moment zum anderen eiskalt wurde. Was hatte sich geändert? Sich umblickend konnten sie nichts erkennen. Die Horkrux-Behälter lagen unbewegt auf dem Stein und auch in der Tür war nichts zu sehen. Und doch hatten sie das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte, mehr als nur die Temperatur. Auch Remus und Severus schienen es zu spüren, denn sie tauchten eben in der Tür auf und sahen sich erwartungsvoll um. Alle warteten darauf, dass nun etwas geschah. War es eine Reaktion der Horkruxe aufeinander oder kam Nagini?

Die Kälte nahm immer weiter zu, und langsam bildete sich Nebel um den Stein herum. Nervös blickten sich die Hexe und die Zauberer um, was passierte nun? Auch die schwarze Magie nahm zu, sie war deutlich zu spüren. Irgendetwas passierte hier, und das war auf jeden Fall gefährlich. Sehr gefährlich. Reichte ihre Vorbereitung? Angespannt griff Severus, der seine Handschuhe noch immer anhatte, in seinen Umhang und holte das Fläschchen mit Basiliskengift heraus. Staunend beobachtete Sirius das und vergaß für einen Moment den Grund, warum sie hier waren. „Das ist doch die Phiole, die ich dir gegeben habe? Aber ich kann mich nicht erinnern, dass Basiliskengift in meinem Haus war.“, überlegte er stirnrunzelnd.

Severus hob eine Augenbraue. „Deine Vorfahren haben es als ‚Lobulaggift‘ beschriftet. Ich bin eher zufällig dahintergekommen, dass es etwas weitaus Giftigeres und Wertvolleres ist. Du hast uns damit übrigens einen großen Gefallen getan.“ Er musste ein Schmunzeln unterdrücken, als er Sirius' geweitete Augen sah.

Der Animagus brauchte einige Momente, um seine Fassung zurück zu bekommen. „Gern geschehen. Wer weiß, wen ich versehentlich damit vergiftet hätte, wenn ich angefangen hätte, es zu benutzen.“, gab Sirius schließlich zurück, dann grinste er plötzlich. „Heißt das, ich bin der Retter dieser Aktion hier?“

„Sirius, dafür ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt!“, fauchte Minerva ihn an. „Seht euch das an, das kann nicht gut sein!“

Und wirklich, in der Minute, die sie auf Sirius und Severus geachtet hatten, war Einiges auf dem Stein passiert. Der Nebel war noch viel dichter und schwärzer, undurchdringlicher geworden, aber er schien eine menschliche Form anzunehmen. In der Mitte, genau über den Behältern, wurde er immer dunkler und fester, die dunkle Magie war deutlicher spürbar als zuvor. Die Auswirkungen erinnerten den Tränkemeister an den Lord, die Aura ähnelte ihm auf jeden Fall. Hier passierte etwas, das nicht gut war. Es fühlte sich beinahe so an, als würde der Lord gerade Gestalt annehmen. Waren sie gerade dabei, den Lord wieder zu erwecken? Das durften sie auf keinen Fall zulassen. Sie wollten ihn vernichten, ihre Kinder in Sicherheit wissen, nicht eine neue Gefahr herauf beschwören! Mit einem Blick und ihren Gefühlen verständigten sich Severus und Remus, sie mussten jetzt etwas tun, durften nicht länger warten. Die Gefahr war zu groß, und sie stieg mit jedem Moment, in dem sie zögerten, weiter. Wie lange konnten sie noch widerstehen? Nein, auch wenn Nagini nicht hier war, sie mussten die Horkruxe jetzt und hier zerstören, bevor es eskalieren konnte. Dafür hatten sie das Basiliskengift mitgenommen. Severus trat konzentriert einen Schritt an den Stein heran und hielt die Phiole darüber. Er wollte den Inhalt einfach über den Horkruxen verteilen, aber er kam nicht gegen die geballte Magie an. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den Sog, der ihn mitzureißen drohte, dachte an Tycho und Harry, und doch kam er nicht dagegen an. Auch Albus, Minerva und Sirius schienen hilflos, sie kamen nicht an den Tränkemeister heran.

„Severus! Vernichte sie!“, rief Minerva ihm zu. Man hörte ihrer Stimme an, dass sie die gleichen Schlüsse wie Severus gezogen hatte, und die Horkruxe vernichtet sehen wollte.

„Lass dich nicht von der Magie beherrschen, du kannst es überwinden!“, versuchte Albus ihn zu stärken. Auch wenn er lieber auf Nagini gewartet hätte, so kam er nicht umhin zu erkennen, dass die Gefahr zu groß war.

„Severus, mach es einfach, für Harry, für Tycho, für Remus. Deine Familie soll sicher sein.“, sprach Sirius auf ihn ein. Er war angespannt, wollte endlich die Gefahr vernichten, konnte aber selbst nichts tun. Das machte ihn verrückt, wenn er zusehen musste, ohne eingreifen zu können.

Doch nichts half. Severus schien eingefroren. Nur Remus erkannte, welcher Kampf in seinem Gefährten tobte, und er merkte auch, dass die dunkle Macht zu gewinnen schien. Egal, wie gut sie sich vorbereitet hatten, Severus konnte gegen die geballte Macht der vereinten Horkruxe nicht ankommen. Obwohl der Tränkemeister wirklich stark war, sowohl körperlich, als auch magisch und geistig, war seine Leistungsgrenze hier wohl überschritten. Der Werwolf wusste, er musste etwas tun, sein Gefährte brauchte Hilfe. Da kam Moony wieder an die Oberfläche. Remus spürte, dass er sich verwandeln würde und sprang zur Seite. Nur einen Moment später war er auf vier Pfoten. Die dunkle Magie schien ihm schwächer, hatte kaum einen Einfluss auf ihn. Er war nur auf seinen Gefährten fixiert, wollte ihn retten. Das erschrockene Schreien von Minerva, und das Aufkeuchen von Sirius und Albus bekam er nicht einmal mit, auch nicht, dass der Schulleiter die beiden anderen zurück hielt.

Moony trat an Severus heran und stieß ihn zurück. Der Tränkemeister taumelte, wurde aber von Sirius aufgefangen, der schnell hinzu gesprungen war. Der Animagus spürte die Anspannung, das Zittern, aber auch den Schweiß auf Severus' Körper. Einen Moment ließ Severus zu, dass Sirius ihn stabilisierte, dann trat er einen Schritt beiseite, um Remus, oder besser Moony, zu beobachten. Ganz vorsichtig schnappte der sandfarbene Wolf nach dem Gift in der Phiole. Erst, als sie ihn hatte, ließen Severus' angespannte Finger locker, sodass Moony den Behälter alleine hatte. Mit den Zähnen hielt er ihn fest, dann stellte er sich auf seine Hinterpfoten und stützte sich mit den vorderen Läufen an dem Stein ab. Der Nebel war inzwischen tiefschwarz und mit den Augen nicht mehr zu durchdringen, sie konnten spüren, dass darin etwas Großes passierte. Doch der Wolf neigte seinen massigen Kopf immer weiter, bis das Gift aus der Phiole auf die Horkruxbehälter tropfte. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei wich der Nebel, löste sich auf. Der Einfluss der Horkruxe schwand schnell, und plötzlich war es wieder warm und hell in der Hütte.

Severus erholte sich rasch und griff nach der Phiole, die inzwischen leer war. Nicht dass Moony noch etwas davon abbekam, kleine Reste konnten immer noch in dem Fläschchen oder am Hals sein. Seine Hand zitterte, aber nicht weil er sich vor dem Wolf fürchtete. Dieser Wolf verbreitete Wärme und Geborgenheit in ihm. Sirius griff danach und übernahm es, den Korken auf die Phiole zu stöpseln, und Albus testete, ob die Horkruxe auch wirklich zerstört waren.

„Du hast es geschafft!“, wandte er sich schließlich an den Wolf, der ruhig dastand und von Severus gestreichelt wurde. „Ruht euch aus, ich bringe die Behälter nach drinnen. Sie sind ungefährlich, wir werden sie in eine Vitrine stecken, immerhin sind es Erbstücke von Gründern!“

Moony leckte einmal kurz über die Hand von Severus, dann trat er einen Schritt zurück und verwandelte sich erneut. Strahlend fiel Remus seinem Gefährten um den Hals. „Ich habe es geschafft!“, jubelte er. „Ich konnte mich verwandeln, und nicht mal meine Kleidung ist zerfetzt!“

Sirius prustete los. „Remus, das ist typisch!“, lachte er. „Du vernichtest vier Horkruxe im Alleingang, wo es keiner von uns mehr geschafft hätte, und freust dich darüber, dass du dich verwandelt hast und deine Kleidung ganz geblieben ist!“

„Danke!“, hauchte Severus in das Ohr seines Gefährten, so leise, dass nur er es hören konnte. Er schmiegte sich eng an ihn, um die Wärme in sich aufzunehmen, da er vor Kälte zitterte. Severus fühlte sich vollkommen erschöpft und ausgelaugt, aber das würde er vor den Anderen nie zugeben.

„Ich liebe dich!“, wisperte Remus zurück. „Moony konnte nicht zusehen, wie du einen vergeblichen Kampf geführt hast.“

Immer noch zitternd löste sich der Tränkemeister nun von Remus und wandte sich ab. Niemand sollte von seiner Schwäche auch nur eine Ahnung bekommen. Er sah den Direktor an. „Gibt es einen Hinweis auf die Schlange?“, fragte er.

Der schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein. Sie hat die Schilde von Hogwarts nicht durchdrungen. Ich habe die Zauber dafür noch einmal verfeinert, ich würde es spüren, wenn sie kommt. Allerdings werde ich das höchstens ein paar Tage aufrecht erhalten können, denn es ist sehr kräftezehrend.“, erwiderte Albus ruhig. „Ich bleibe hier über die Ferien und werde auch Hagrid warnen. Sollte die Schlange auftauchen, schicke ich euch einen Patronus, macht euch bis dahin einen schönen Sommer. Ich werde die Befragung der Todesser weiterhin begleiten, möglicherweise finde ich dabei etwas heraus. Wenigstens einen Hinweis, wo wir weitersuchen können.“ Albus spürte und sah die Erschöpfung, aber er wusste, er hätte seinen Tränkemeister niemals außen vor lassen können, dafür war er zu eigensinnig und zu engagiert. Kein Wunder, er wollte seine Familie beschützen, in Sicherheit wissen. Dafür ignorierte man schnell einmal seinen eigenen Zustand, das wusste er. Auch Lily hatte so gehandelt, als sie Harry vor dem Tode bewahrte. Und er war froh, dass Severus ihn in diesem Kampf unterstützte, alleine wäre er noch lange nicht so weit. Würde er vielleicht niemals so weit kommen.

„In Ordnung.“, gab Remus zurück, bevor Severus antworten konnte. „Wir sind erreichbar, bleiben wahrscheinlich erst einmal im Land. Harry soll endlich einmal wirklich leben können. Und Tycho kann noch nicht weit reisen, Poppy hat versprochen, ihn weiter zu überwachen, aber er darf mit uns nach Hause.“

„Wir werden ins Prince-Manor ziehen.“, warf Severus ein. „Es liegt in Südengland, direkt am Meer. Harry wird sich freuen. Dort haben wir auch Platz, in Spinners End kann Harry nicht aus, es ist einfach zu klein für uns alle. Allerdings werden wir ein wenig renovieren müssen, es ist seit zehn Jahren unbewohnt.“

Das Manor, das Severus von seinen Großeltern geerbt hatte, kannte Remus bisher nur von Erzählungen. Bisher war sein Gefährte immer der Meinung gewesen, es sei zu groß, und die Erinnerungen wären nicht besonders angenehm. Egal wie oft Remus gebettelt hatte, denn er wollte es sehen, Severus hatte sich immer geweigert. Scheinbar hatten ihre beiden Söhne nun auch seine Einstellung dazu verändert. Severus blickte ihn nun direkt an und sah offensichtlich sein Erstaunen. „Ich hoffe, du bist einverstanden.“, fügte er an.

Eilig nickte Remus. „Natürlich. Alles was für Harry und Tycho gut ist.“, stimmte er zu. „Und du weißt, wie neugierig ich darauf bin!“ Das war deutlich an seinem Gesicht abzulesen, sodass Sirius ein Lachen nicht unterdrücken konnte. Auch Minerva schmunzelte. Noch nie hatte sie Remus so entspannt erlebt, genauso wenig Severus. Es schien, beiden war eine Last von der Seele gefallen. Die Vernichtung dieser Horkruxe, von deren wahrer Gefahr sie nur eine vage Ahnung hatte, da Albus ihr eine genaue Erklärung immer verweigerte, schien etwas ins Rollen gebracht zu haben, was wirklich gut war. Sie gönnte es dieser Familie mehr wie jedem Anderen, glücklich zu sein. Sie hatten schon so viel mitgemacht, das musste doch endlich mal gut werden!

„Dort hast du genug Platz, um zu laufen, wenn du ein Wolf bist.“, informierte Severus weiter, warum er die Entscheidung zu dem Umzug getroffen hatte. „Außerdem kannst du Obst und Gemüse anbauen, was in Spinners End nie klappte, weil der Garten zu klein war, um wirklich Platz dafür zu haben.“

Ja, das hatte Remus immer geärgert. Da er keine Arbeit fand, hatte er sich immer gewünscht, wenigstens im Garten zu tun zu haben, aber der war so klein, dass er gerade mal ein Kräuterbeet anlegen konnte. Ein kleiner Apfelbaum hatte auch darin gestanden, aber nur wenig Frucht getragen. Daher war er inzwischen weg, dort stand Harrys Schaukel. Die Aussicht auf einen großen Garten ließ Remus strahlen, und sie gingen gemeinsam ins Schloss zurück. Sie wollten ihre Sachen packen, damit sie am nächsten Morgen nach Hause gehen konnten. Auch wenn Harry erst am übernächsten Abend wiederkam, sie konnten dann schon das Manor soweit herrichten, dass Harry sich wohlfühlte.

Sirius verabschiedete sich schon eher, er ging zum Tor und apparierte dann nach London. Noch wusste er nicht genau, was er arbeiten wollte, aber er fühlte sich wieder wohl genug, um langsam darüber nachzudenken, wie er sein weiteres Leben gestalten könnte. Vorerst hatte er eine Aufgabe, denn er musste sich um die Familiengeschäfte der Malfoys kümmern, damit Draco sein Erbe irgendwann antreten konnte. Da Narzissa sich als Black wieder an seine Familie angeschlossen hatte, war er nun dafür verantwortlich, und das nahm er sehr ernst. So verbrachte er den Rest des Abends, sie hatten den ganzen Tag in der Hütte auf die Schlange gewartet, damit, die Geschäftsunterlagen weiter zu ordnen. Lucius hatte ein ziemliches Chaos hinterlassen, in den letzten Jahren hatte er sich offenbar nicht sonderlich bemüht, war mehr mit den Todessern beschäftigt gewesen. Und doch waren die Geschäfte sehr einträglich, wenn auch nicht alle davon legal waren. Diese stieß er ab, Draco sollte ein ehrenhafter Mann werden, wenn es nach Narzissa und ihm ging. Erst gegen ein Uhr morgens stand er gähnend vom Schreibtisch auf und ging schnell ins Bad und dann ins Bett.

Remus und Severus packten alles ein, was von Harry und ihnen selbst in den Räumen im Kerker war. Nur die Sachen, die Severus für den Unterricht brauchte, blieben hier. Zusätzlich packten sie auch die Dinge, die sie für Tycho bekommen hatten. Die Kollegen hatten alle eine mehr oder weniger große Kleinigkeit gebracht. Kleidung die mitwuchs, Spielsachen, ein Tragetuch und viele weitere Dinge. Der Kleine brauchte schon seinen eigenen Koffer. Das Tragetuch allerdings legten sie bereit, damit konnten sie ihren Kleinen transportieren. Ursprünglich hatten sie hier schlafen und erst am Morgen nach Worth Matravers reisen wollen, wo Prince Manor stand, aber da es noch nicht einmal neun Uhr war, gingen sie zu Poppy in den Krankenflügel, um nach Tycho zu sehen und ihn – wenn möglich – gleich mitzunehmen.

„Guten Abend!“, begrüßte die Heilerin ihre Besucher. „Hat euer Plan geklappt?“ Sie wusste nicht genau, was sie vorgehabt hatten, nur dass es etwas mit dunkler Magie war, die sie vernichten wollten. Eine plausible Erklärung hatten sie ihr liefern müssen, da sie zum einen auf Tycho aufpassen sollte und zum anderen, weil Severus sich erneut in Gefahr begab.

„Nicht vollständig, aber doch soweit, dass die akute Gefahr gebannt ist.“, gab Severus nur zurück.

„Wie geht's Tycho?“, lenkte Remus erfolgreich ab.

„Er schläft noch, wird aber sicher bald wach, die letzte Flasche ist schon über drei Stunden her.“, schmunzelte Poppy. „Er hat beinah die ganze Zeit geschlafen, ist nur zum Trinken aufgewacht.“

„Können wir ihn heute schon mitnehmen?“, wollte Severus wissen.

„Ich habe ihn bereits untersucht. Es geht ihm besser, als ich es erhofft hatte.“, begann die Heilerin. „Den Wärmezauber solltet ihr aufrecht erhalten, und ihn notfalls auch wecken, damit er regelmäßig trinkt. Tycho ist gewachsen und hat auch ein wenig zugenommen, das zeigt, dass er auf einem guten Weg ist. Allerdings will ich ihn mindestens einmal in der Woche sehen.“

„Das sollte kein Problem sein. Wir werden den Sommer in Prince-Manor in Südengland verbringen.“, informierte Severus. „Es ist am Flohnetzwerk angeschlossen, und du kannst gerne jederzeit kommen. Dort werden wir den gesamten Sommer sein, nach dem letzten Jahr braucht Harry ein wenig Ruhe und Stabilität. Auch Tycho soll in Ruhe ankommen. Wir wollen sichergehen, dass dem Kleinen nichts fehlt.“ Und er selbst brauchte auch Ruhe, da waren sich Remus und Poppy einig, aber das würde Severus nie offen zugeben.

Der Kleine schien zu merken, dass von ihm die Rede war, denn er wachte in dem Moment auf und quengelte. Rasch holte Poppy eine Flasche, die schon vorbereitet war, während Remus Tycho aus dem Bettchen hob und sich in den Stuhl setzte. Das Füttern ließ er sich nicht nehmen, und schon bald wirkte auch Tycho wieder zufrieden. Nach dem Füttern wurde er noch gewickelt, dann setzte Remus ihn in das Tragetuch. Die Heilerin hatte Severus ermahnt, ihn nicht zu viel zu tragen und durch das Korsett war es auch schwer, ihn an sich zu kuscheln, daher würde das dann eher die Aufgabe von Remus in den nächsten Monaten werden.

„Severus, dich will ich auch noch einmal untersuchen.“, stoppte die Heilerin sie, als sie gehen wollten.

Die Augen verdrehend setzte sich Severus auf das Bett, auf das Poppy deutete. Sie schwang ihren Zauberstab und murmelte Diagnosezauber. Nach einigen Minuten steckte sie den Stab wieder weg. „Du solltest dich etwas mehr schonen.“, mahnte sie. „Aber es scheint, als würdest du wenigstens deine Übungen regelmäßig machen. Das Korsett bleibt, aber wenn du so weitermachst, könnten wir es möglicherweise in vier Wochen stundenweise abnehmen, dass deine Muskeln sich wieder richtig aufbauen. Nicht schwer heben oder tragen, damit du den Erfolg nicht gefährdest.“

„In Ordnung, ich werde sehen, dass ich mich schone und meine Übungen mache.“, versprach Severus seufzend. „Kann ich jetzt gehen?“ Er hasste den Krankenflügel.

„Na dann verschwindet schon!“, lächelte die Heilerin, die ihre Patienten kannte. „Ich komme dann in spätestens einer Woche zu euch und sehe, wie es euch geht!“

Eilig verließen sie den Krankenflügel, nicht dass die Medihexe es sich doch noch anders überlegte. Tycho schien sich bei Remus wohlzufühlen, denn er schlief schon wieder, als sie in den Kerkern ankamen. Severus verkleinerte die Koffer, steckte sie in die Tasche, dann trat er an den Kamin. Mit einer Handvoll Flohpulver stieg er ins Feuer. „Prince-Manor“ schleuderte ihn durch die Kamine, bis er endlich das Anwesen seiner Großeltern zum ersten Mal seit kurz nach ihrem Tod wieder betrat. Remus folgte ihm eine Minute später, bis dahin hatte Severus schon seinen Blick im Kaminzimmer schweifen lassen. Die Hauselfen hatten zumindest für Sauberkeit gesorgt, aber er würde das dunkle Ambiente ändern müssen. Farben ändern war kein Problem, das brauchte nur wenig Magie, aber wenn er wirklich renovierte, dann kostete das eine Menge Energie. Doch sie hatten Zeit, konnten einen Raum nach dem anderen machen.

„Wow.“, entfuhr es Remus, als er angekommen war. „Und das ist nur das Kaminzimmer? Wie groß ist das hier eigentlich?“

„Es ist der Familiensitz einer alten, reinblütigen Familie.“, gab Severus trocken zurück. „Was hast du erwartet?“

Er klatschte kurz in die Hände, woraufhin ein Hauself erschien, dessen Augen immer größer wurden, als er erkannte, wer da stand. Schnell verneigte er sich bis auf den Boden. „Master zurück!“, piepste der Elf. „Tobby kann es kaum glauben! Was kann Tobby für Meister tun?“

„Tobby also.“, nickte Severus. „Das hier ist mein Mann, Remus Lupin, und mein jüngerer Sohn Tycho Lupin. Unser älterer Sohn Harry kommt erst morgen Abend. Du kannst uns eine Kleinigkeit zum Essen richten, in einer halben Stunde in der Küche. Und das Schlafzimmer ist fertig?“

„Natürlich Master Snape!“, versicherte der Hauself.

„Snape-Lupin.“, korrigierte Severus automatisch, was die Augen des Elfen noch größer werden ließ. „Wir brauchen eine Babywiege im Schlafzimmer, und das Kinderzimmer gleich neben dem Spielzimmer, das mit der Verbindungstür, muss bis übermorgen Abend fertig sein, damit Harry einziehen kann.“

„Natürlich Master Snape-Lupin.“, verbeugte sich der Hauself noch einmal, dann verschwand er.

Severus führte Remus durch das Haus. Es war riesig. Im Erdgeschoss kamen sie vom Kaminzimmer in die Eingangshalle, die im Prinzip nur die Haustür und die Treppen nach oben und unten enthielt. Von da aus führte Severus ihn in den Salon. Der war richtig groß, auf der einen Seite eine Sofalandschaft mit drei großen Sofas, auf der anderen Seite eine lange Tafel mit Platz für vierzehn Personen, wobei sichtbar war, dass man diese noch vergrößern konnte. Neben der Tafel war die Küche, die somit auf der Rückseite des Kaminzimmers sein musste.

„Die Gäste-Bäder sind im Keller.“, erklärte Severus. „Meine Großeltern haben sie einbauen lassen, vorher gab es für Gäste keine Möglichkeit. Aber sie wollten weder den Salon noch die Eingangshalle verkleinern, also wurden sie in den Keller verbannt.“

In der Küche richteten die Elfen eben das Essen her, es würde dann auf einem Tresen serviert werden, an dem einige Barhocker standen. „Wir werden wohl noch ein wenig umbauen müssen, aber die Küche wird dein Reich.“, versprach Severus. „Gehen wir nach oben, dort ist der Familientrakt, im zweiten Stock sind dann die Gästezimmer.“

Sie gingen die Treppe nach oben, die relativ breit gehalten war. Von der Treppe geradeaus kam man in eine kleine Bibliothek, in die Severus ein kleines Arbeitszimmer einbauen wollte. Sie blieben nur kurz und gingen dann durch die zweite Tür im Treppenhaus, die ins Schlafzimmer führte. Von dort aus konnte man ins Familienbad gehen, in dem eine freistehende Badewanne das Bild dominierte, die Dusche und die Toilette waren jeweils mit Mauern abgetrennt für die Privatsphäre.

„Ich denke, wir sollten hier die Waschbecken ein wenig umgestalten, dass die Kinder auch hinkommen.“, überlegte Remus. Der Tränkemeister nickte nur und öffnete die Schiebetür, die ins Kinderzimmer führte. Das schien bereits gut ausgestattet, denn zwei große Betten standen darin. Eine weitere Tür führte in einen leeren Raum.

„Wir können hier entweder das Kinderzimmer unterbringen, dann haben wir direkten Zugang vom Schlafzimmer aus.“, deutete Severus auf eine weitere Schiebetür, hinter der das Schlafzimmer lag. „Oder es als Spielzimmer nutzen, damit das Kinderzimmer wirklich ein Ruheraum bleibt.“

Von den beiden Zimmern aus führten Türen auf den Balkon, der einen herrlichen Blick auf das Meer bot. Auch im Salon war die Südwand fast komplett aus Glas, damit man den Ausblick genießen konnte. Zwischen Haus und Meer war nur ein riesiger Garten.

„Nach hinten haben wir noch mehr Grund, der Wald, den wir vom Schlafzimmerfenster aus sehen könnten, wenn es heller wäre, gehört zum Grund.“, schmunzelte Severus, der sehen konnte, wie erstaunt Remus alles musterte. „Über uns sind insgesamt sechs große Gästezimmer, alle mit eigenem Bad und noch ein kleiner Balkon. Aber das können wir uns ein anderes Mal ansehen, ich denke, wir können nun noch eine Kleinigkeit essen und dann ins Bett. Das Auspacken überlassen wir morgen den Elfen, während wir uns an die Renovierung machen.“

„Einverstanden!“, grinste Remus und folgte seinem Mann in die Küche. Dort aßen sie hungrig ein paar Sandwiches, dann fütterten sie Tycho noch einmal, legten ihn in das Babybett im Schlafzimmer, das sie mit einem Wärmezauber belegten, gingen ins Bad und schließlich ins Bett.

Am Morgen ließen sie sich das Frühstück auf dem Balkon servieren, wo sie auch eine Wiege für Tycho hinstellten. Sie ahnten bereits jetzt, dass sie hier wohl häufiger sitzen würden. Anschließend gingen sie daran, die Farben heller und freundlicher zu machen. Die Bibliothek blieb dunkel, zumindest die Regale. Remus setzte nur hellere Wände durch. Die Hauselfen hatten alles gut in Schuss gehalten, kein einziges Buch war eingestaubt. Severus beauftragte sie damit, im hinteren Bereich einen Teil abzutrennen, damit er dort seinen Arbeitsplatz bekam. Damit gaben sie sich am ersten Tag zufrieden und legten sich erschöpft schlafen.

 

Am nächsten Tag schickte Severus die Hauselfen, die Bücher und den Laborinhalt aus Spinners End zu holen, denn im Keller hatte er hier ein riesiges Labor, in dem er nun auch Forschung betreiben konnte, ohne seine Ergebnisse jedes Mal auf die Seite räumen zu müssen, wenn er einen anderen Trank brauen wollte. Auch die Kleidung und die persönlichen Dinge aus Spinners End kamen im Lauf des Tages ins Manor. Das kleine Haus im Arbeiterviertel würde er wohl verkaufen. Mit seiner Familie fühlte sich Severus jetzt schon wohl in Prince-Manor. Früher war es ihm zu groß erschienen, er brauchte nicht so viel Platz, aber er wollte es auch nicht verkaufen, immerhin war es ein alter Familienwohnsitz.

Am Nachmittag ließen sie die Elfen alleine und gingen durch den Kamin zu Sirius. Dort wollten sie auf Narzissa und die Kinder warten. Der Black-Erbe hatte Kuchen und Kaffee fertig, außerdem richtete er noch Tee für Remus, der von Kaffee herzlich wenig hielt. Während sie auf die Paris-Reisenden warteten, las Severus in Ruhe die Zeitung, die musste er wohl noch umbestellen, und Remus schwärmte Sirius derweil vom Manor vor. Sirius hingegen erzählte von den Geschäften von Lucius, holte sich den einen oder anderen Rat von Severus, wenn er nicht sicher war, ob etwas wirklich legal war. Schnell verging die Zeit bis zum Abendessen, zu dem dann auch Narzissa mit den beiden Kindern erschien.

„Dad! Daddy!“, rannte Harry auf sie zu, während Draco auf einen Stuhl sank. „Es war so toll! Da müssen wir unbedingt mal wieder hin!“ Dann erzählte er von den vielen tollen Dingen, die er erlebt hatte. Severus sah besorgt zu seinem Patenkind, während er Harry zuhörte, denn der saß einfach nur da und starrte müde ins Leere. Narzissa winkte ab und erklärte, dass er hoffentlich nur müde sei, da er in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte. Es hatte keine Auffälligkeiten mit Harry gegeben, was seine Väter erleichtert aufatmen ließ. Irgendwann bremsten sie Harrys Erzählung dann, damit er Essen konnte, denn er war noch immer untergewichtig, auch wenn er schon deutlich aufgeholt hatte, seit er bei ihnen war. Danach verabschiedeten sie sich von den Blacks, bedankten sich noch einmal herzlich bei Narzissa, dass sie Harry mit nach Paris genommen hatte, und gingen durch den Kamin. Harry schmiegte sich in Severus' Arme, der sich mit ihm gemeinsam in das Feuer stellte. Harry staunte ob der Größe des Hauses, aber im Prinzip war er viel zu müde, um sich genauer umzusehen. Remus, der mit Tycho direkt folgte, hob Harry in die Arme und trug ihn nach oben.

Die nächsten Tage verbrachten sie gemeinsam damit, das Haus zu erkunden, einen Spielbereich im Garten anzulegen, das Spielzimmer im ersten Stock einzurichten, und viele Stunden saßen sie gemütlich auf dem Balkon oder am Strand. Severus war sehr direkt gewesen und hatte alle Besuchsanfragen verschoben, damit sie erst einmal ankommen konnten. Nur Poppy kam, um sie zu untersuchen, ging aber bald zufrieden wieder.

Abends, wenn ihre Söhne im Bett waren, saßen Severus und Remus oft noch auf dem Balkon und genossen die Ruhe. Hier begannen sie auch, die letzten Monate langsam in Gesprächen aufzuarbeiten. Die nächsten Nachbarn waren weit weg, sie hörten nur die Wellen, die Vögel, den Wind und manchmal Grillen. Sie überlegten, wen sie zu Harrys Geburtstagsfeier einladen konnten. Er sollte endlich auch mit Gleichaltrigen mehr Kontakt haben. Mit Draco hatte es die letzte Zeit gut geklappt, aber die Freunde des Blonden, vor allem Vincent, Gregory und Pansy, waren nicht besonders gut mit ihm klar gekommen, da sie eifersüchtig waren, weil Draco plötzlich so eng mit Harry befreundet war. Sie waren wohl eher miteinander befreundet gewesen, da ihre Väter genau wie Lucius Todesser waren. Ron Weasley war ein Vorschlag von Remus, der Severus nicht besonders gut gefiel, aber letztendlich luden sie ihn und seine jüngere Schwester ein. Auch die Zwillinge würden wohl mitkommen, da Molly sie nicht alleine zuhause lassen konnte. Percy hingegen war bei einem anderen Freund eingeladen, ebenso Bill und Charlie.

Als Severus sich bei Narzissa melden wollte, um Draco einzuladen, informierte Sirius ihn, dass der Junge krank und der Heiler gerade bei ihm war. Er würde die Einladung weitergeben. Leider konnte der Grauäugige auch nicht mehr sagen, daher nahm sich Severus vor, später noch einmal nachzufragen. Da war dann auch Narzissa da.

„Severus!“, begrüßte sie ihn, als sein Kopf im Kamin auftauchte. „Keine Sorge, Draco hat sich nur einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Heiler Zabini war hier und er meint, Draco ist übermorgen wieder fit. Morgen soll er noch ausruhen und mit dem Essen aufpassen. Ich hoffe nur, Harry hat nichts abbekommen?“

„Nein, es geht ihm gut.“, beruhigte Severus. „Dann kann Draco sicher zu Harrys Geburtstag kommen.“

„Wann genau?“, wollte Narzissa wissen.

„Am 31. Juli. Ab zwei Uhr, dann haben sie genug Zeit, zum Spielen und Essen. Du bist auch eingeladen.“, informierte der Tränkemeister.

„Gerne!“, lächelte die Blonde. „Dürfen wir ihm ein Tier schenken? In Paris hat er mir eine Katze gezeigt, als wir in einem Tierladen waren. Eigentlich waren wir nur auf der Durchreise, um in den Park zu kommen, aber naja. Du kennst ja Draco, er kann an keinem Tierladen vorbeigehen.“

„Dann weißt du mehr als ich.“, entgegnete Severus. „Wir haben auch schon eine Weile darüber nachgedacht, aber in der Winkelgasse hat er sich nicht entscheiden können. Eine Katze wird willkommen sein.“

„In Ordnung! Dann werde ich vor dem Geburtstag noch einmal nach Paris flohen und die Katze holen. Ich bin ehrlich, ich habe sie schon für ihn reservieren lassen.“, gestand Narzissa lachend.

Gut drei Wochen später war es dann soweit: Harry wurde sechs Jahre alt. Am Morgen wartete auf Harry ein nagelneuer Spielplatz im Garten mit Schaukel, Rutsche und Sandkasten. Außerdem einige bunt verpackte Päckchen auf einem kleinen Tisch, den sie im Salon aufgestellt hatten, doch die sollten bis zum Nachmittag warten. Das Frühstück fand – wie fast jeden Tag – auf dem Balkon statt, da hatte Harry seine Geschenke noch nicht vor Augen, nur den Spielplatz. Logischerweise war er daher sehr zappelig und wollte schnell fertig werden, damit er alles ausprobieren konnte. Lachend schnappte Remus seinen Sohn und bugsierte ihn nach dem Frühstück noch einmal ins Bad, da er im Schlafanzug gegessen hatte. Gerade an solchen Tagen genossen sie alle diese Entspanntheit, sich nicht sofort anziehen zu müssen.

Innerhalb weniger Minuten war Harry fertig mit Anziehen. „Darf ich jetzt in den Garten, Daddy?“, bettelte er dann.

„Na dann ab mit dir!“, schmunzelte Remus und stellte sich unter die Dusche. Er wusste, Severus würde den aufgeweckten Jungen im Auge behalten, und die Hauselfen ebenso. Sie alle liebten Harry und würden sich eher ein Bein ausreißen als zuzulassen, dass ihm etwas passierte. Tycho schlief noch, er hatte seine Flasche getrunken, kurz bevor Harry wach wurde. Auch er war gewachsen und Poppy war zufrieden mit ihrem Frühchen. Nun konnte er in Ruhe die Dusche genießen, sie waren angekommen und er fühlte sich rundum wohl.

„Da haben wir einen Volltreffer gelandet!“, kommentierte Remus, als er zu Severus auf den Balkon trat. Lachend beobachtete er ihren Großen beim Spielen.

Harry genoss den Spielplatz in vollen Zügen. Rauf und runter, von der Rutsche auf die Schaukel, ein kurzer Zwischenstopp im Sandkasten, dann zurück auf die Rutsche. Die schien ihm am besten zu gefallen. Remus setzte sich in den Sessel neben Severus und gab ihm einen Kuss.

„Dir ist schon klar, dass er bis Mittag aussieht wie in Sand gebadet, oder?“, merkte der Tränkemeister trocken an.

„Dann stelle ich ihn nach dem Essen unter die Dusche.“, zuckte Remus die Schulter. „Dann ist immerhin sichergestellt, dass er sauber ist, wenn die Gäste kommen.“ Er sah es entspannt, denn seit einiger Zeit war es kein Problem mehr, den Jungen zu duschen oder zu baden. Ganz im Gegensatz zu früher, wo er Panik bekommen hatte, sobald er auch nur in der Nähe der Badewanne war.

Schweigend sahen sie ihrem Sohn zu, wie er ausgelassen durch den Garten tobte. Eine Weile genossen sie nur das Lachen des Kindes im Garten. Schließlich atmete Severus tief ein. „Ein Jahr.“, stellte er fest. „Ein Jahr ist er jetzt bei uns. Nie hätte ich geglaubt, so viel Liebe für ihn empfinden zu können. Er hat sich verändert, und ich bin so stolz darauf, ihm dabei geholfen zu haben.“

„Stimmt, es ist einfach unglaublich.“, stimmte der Dunkelblonde zu. „Lily wäre stolz auf dich, dass du ihren Sohn aufgenommen hast und ihm das Leben gibst, das sie ihm immer gewünscht hat.“

„Glaubst du, sie verzeiht mir, dass ich mich nicht eher gekümmert habe?“, wisperte Severus.

„Ja. Ganz sicher. Lily wäre stolz auf dich, dass du dich so nach oben gekämpft hast, und ihrem Sohn nun ein so toller Vater bist. Und ihm sogar einen Bruder geschenkt hast.“, war Remus sicher.

„Und doch haben wir es noch nicht geschafft.“, seufzte der Tränkemeister. „Wird er jemals wirklich sicher sein?“

„Ein paar Idioten wird es immer geben, aber wenn die Schlange gefunden ist, dann denke ich, wird er sicher genug sein, dass wir ihn auch irgendwann mal gehen lassen können.“, überlegte Remus. „Bis dahin aber bin ich froh, dass ich ihn mit Sirius und Narzissa zusammen zuhause unterrichten kann, ich könnte ihn nicht in eine normale Schule geben und aus den Augen lassen.“

Tycho unterbrach sie nun, er wurde wach und hatte Hunger. Remus stand auf und holte ihn, während Severus sich von einem Hauselfen die Flasche bringen ließ. Der Tränkemeister ließ sich den Kleinen von seinem Gefährten geben und gab ihm die Flasche. Auch wenn er ihn nicht heben oder herumtragen durfte, er wollte ihn so viel wie möglich bei sich haben, so lange er Zeit dazu hatte. Ab September war er wieder in Hogwarts, da würde er dann kaum noch etwas von seiner Familie haben. Nie hätte er geglaubt, dass er so ein Familienmensch werden könnte.

Nach dem Mittagessen steckte Remus Harry tatsächlich in die Badewanne, während Severus seine täglichen Übungen machte. Tycho schlief in der Nähe von Severus, der ihn kaum einen Moment aus den Augen ließ. Anschließend gingen sie in den Salon, der bereits für die Feier hergerichtet war, die Elfen hatten ein Kuchenbüffet aufgebaut und dazu einen Tisch, auf dem schon die ersten Geschenke lagen. Die Glasschiebetür war offen und die Treppe frei, sodass die Kinder in den Garten konnten. Es duftete nach Kaffee, Tee und Kakao, außerdem standen verschiedene Säfte und Wasser am Büffet. Hibbelig lief Harry hin und her, wartete darauf, dass endlich die ersten Gäste kamen. Noch nie war sein Geburtstag gefeiert worden, jedenfalls nicht, soweit er sich erinnern konnte. Seine Tante und sein Onkel hatten nur jedes Jahr neue Aufgaben hinzugefügt, wenn er ein Jahr älter geworden war. Doch das war vorbei, wurde Harry sich bewusst. Sein größter Wunsch war erfüllt worden – er hatte eine Familie bekommen.

„Wie lange noch?“, fragte er immer wieder.

„Harry, pass auf.“, begann Severus nach dem fünften oder sechsten Mal. „Deine Gäste sind um zwei Uhr eingeladen. Das ist, wenn der kleine Zeiger auf der Zwei und der große auf der Zwölf steht.“ Er deutete auf die Uhr neben dem Kamin. „Du siehst also, der große Zeiger muss noch von der Neun auf die Zwölf wandern, das sind fünfzehn Minuten. Willst du in der Zeit ein Buch ansehen?“

Und Harry ließ sich tatsächlich ablenken. Bücher liebte er und die Leseübungen, die Remus mit ihm gemacht hatte, zeigten Wirkung, denn Harry las ziemlich selbständig. So brachten sie die Zeit um, bis es im Kaminzimmer rauschte und sie hinübergingen, um die Gäste zu begrüßen. Narzissa, Draco und Sirius waren eben angekommen und schüttelten sich ein wenig Asche von der Kleidung.

„Alles Gute zum Geburtstag, mein Großer!“, wirbelte Sirius sein Patenkind herum, bevor auch Draco und Narzissa ihm gratulieren konnten.

Harry strahlte. Von seiner Unsicherheit war nichts mehr zu sehen, zumindest so lange er die Menschen um sich herum kannte. Und wenn jemand, dem er vertraute, mit ihm unterwegs war, dann kam er inzwischen auch mit anderen Menschen klar. Bevor sie mehr als ein paar Worte wechseln konnten, rauschte es erneut und die Weasleys erschienen der Reihe nach. Erst Fred und George, die keiner auseinander halten konnte, dann Ron und am Ende Molly mit Ginny. Auch sie gratulierten gleich sehr herzlich, ebenso Devon Zabini und sein Sohn Blaise, die gleich danach kamen. Die Geschenke wurden von den Hauselfen direkt auf den Tisch im Salon gezaubert, denn zuerst sollte es Kuchen geben. Schließlich kamen noch Lucy, Poppy, Albus und Minerva, die den Jungen alle in ihr Herz geschlossen hatten.

Severus führte sie nun in den Salon, zeigte ihnen vorher noch, wo es Toiletten gab, was gerade für die Kinder sicher wichtig zu wissen war, wenn es dann schnell gehen musste. Wahrscheinlich würde er demnächst noch eine Toilette unter der Treppe einbauen lassen, dann musste man nicht mehr nach unten gehen. Aber bisher hatte er lieber die Ruhe genossen. Umbauarbeiten konnten immer noch stattfinden, wenn er wieder in Hogwarts war. Er hatte vor, seine Familie mitzunehmen. So lange wollte er nicht auf sie verzichten. Aber jetzt waren Ferien und sie konnten die Zeit genießen.

Kaum im Salon angekommen, stürmten die Kinder das Kuchenbüffet und setzten sich an die Tafel, um zu essen und zu trinken. Eine vernünftige Unterhaltung mit den Kindern war nicht mehr möglich, aber das störte sie nicht, alle plapperten munter durcheinander. Tycho schien das nicht zu stören, er schlief friedlich im Tragetuch an Remus' Bauch gebunden. Alle Gäste bewunderten den kleinen Kerl, der sich immer weiter ins Leben kämpfte.

Molly hatte bisher noch keine Ahnung gehabt, dass die beiden Nachwuchs bekommen hatten. „Wer ist das denn? Der ist aber noch sehr jung!“, staunte sie, als Remus das Gesichtchen ein wenig aus dem Tuch holte.

„Das ist Tycho Lyall Lupin, unser zweiter Sohn.“, stellte der Dunkelblonde stolz vor.

„Euer zweiter Sohn? Ihr habt noch ein Kind adoptiert?“, wunderte sich die Rothaarige immer mehr. Immerhin kannte sie Severus aus dem Orden, und er war ihr nie wie ein Familienmensch vorgekommen, und das, was ihre Söhne aus Hogwarts berichteten, legte die Vermutung nahe, dass der Tränkemeister Kinder nicht besonders mochte. Schon die Adoption von Harry hatte sie sehr erstaunt, aber noch ein Kind?

„Tycho ist nicht adoptiert.“, klärte Severus auf, als die Kinder nach draußen liefen. „Er ist unser leiblicher Sohn. Deine Söhne haben mir einen Fruchtbarkeitstrank in mein Getränk gegeben, und ich wurde schwanger.“

„Meine …?“, keuchte Molly. „Das ist doch …. Ich glaube es einfach nicht!“

„Glaube es ruhig.“, erwiderte Minerva. „Ich habe sie befragt. Sie haben es zugegeben. Ihnen war nicht klar, was da passieren würde, sie waren der Meinung, sie würden Poppy damit einen Gefallen tun.“

„Mir? Wieso das?“, fragte die Heilerin.

„In der Zeit, als Harry im Krankenflügel lag, haben sie mich immer wieder dorthin gehen sehen.“, antwortete Severus. „Sie haben mir ein Verhältnis mit dir angedichtet. Und da sie vorher bereits gehört hatten, dass du gerne Kinder gehabt hättest, haben sie mir den Trank gegeben. Sie dachten, dass ich es dann schaffe, dich zu schwängern.“

Ungläubig starrte die Heilerin den Schwarzhaarigen an. Sirius prustete los, als er die verdutzten Gesichter sah und auch Remus kämpfte mit einem Lachanfall. Minerva versteckte ihr Grinsen hinter ihrer Teetasse. Selbst Albus und Lucy glucksten leise vor sich hin, während Narzissa und Devon nur schmunzelten. Zu verblüfft waren die Gesichter. Molly starrte vom Einen zum Anderen, unklar ob sie es nun glauben sollte oder nicht.

„Das ist richtig.“, bestätigte Minerva, als sie sich beruhigt hatte. „Die Gerüchte gab es eine ganze Weile. Es hat erst aufgehört, als die Kinder erfahren haben, dass Severus verheiratet ist und nun Snape-Lupin heißt. Da war klar, dass er wohl nicht unsere liebe Poppy geheiratet hat. Zumindest wurde es da weniger.“

„Es ist durchaus erheiternd zu erfahren, was die Schüler sich manchmal zusammenreimen.“, lächelte Albus. „Lasst euch von den Portraits etwas erzählen, das ist wirklich abendfüllend.“

„Wann ist der Kleine geboren?“, wollte Molly schließlich wissen.

„Am neunten Mai.“, antwortete diesmal Remus.

„Er hätte erst Mitte bis Ende Juli geboren werden sollen.“, fügte Severus ernst hinzu. „Aber als Lucius mich in seine Hände gebracht hatte, hat sich durch die Foltern die Plazenta gelöst und sie mussten ihn holen.“

Severus spürte, wie er zu zittern begann. Noch immer hatte er Alpträume deswegen, klammerte sich dann an Remus und ließ sich immer wieder bestätigen, dass es wirklich vorbei war. Diesmal reagierte Narzissa als Erste, die neben Severus saß und das Zittern bemerkte. „Zeigst du mir das Haus?“, bat sie ihn leise.

Der Tränkemeister nickte und sie gingen hinaus. Betroffene Blicke trafen Remus. „Wie schlimm ist es noch?“, wollte Albus besorgt wissen.

„Es wird besser, aber er hat immer noch heftige Alpträume.“, gestand Remus. „Tycho und Harry helfen ihm sehr. Und die Ruhe hier tut ihm auch gut. Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis er alles verarbeitet hat.“

„Sag Bescheid, wenn wir etwas tun können.“, verlangte Albus ernst. „Wir sind da, wenn ihr uns braucht.“

„Danke.“, antwortete Remus schlicht.

In dem Moment stürmten die Kinder herein. Harry wollte nun endlich seine Geschenke auspacken. Natürlich bekam er seinen Kinderzauberstab, den Remus ihm versprochen hatte, natürlich seine kleine Katze, die er in Paris gesehen hatte, mitsamt Zubehör, das Devon und Blaise mitbrachten. Außerdem einige Spiele und einen gestrickten Pullover von den Weasleys, ein Planschbecken von Albus und Minerva, einige Bücher von Lucy, und von Sirius Kleidung und ein Kinderfahrrad, ein Kindertränkeset von Severus, da Harry gerne mit im Labor war. Hier im Keller hatte er bereits einen zweiten Arbeitsplatz in kindgerechter Höhe eingerichtet. Harry war begeistert und wollte am liebsten alles gleichzeitig ausprobieren, was naturgemäß nicht möglich war. Doch das Planschbecken wurde gleich eingeweiht, es war glücklicherweise groß genug, dass alle sieben Kinder gleichzeitig darin baden konnten. Die Erwachsenen setzten sich nun auch in den Garten und genossen den sonnigen Tag.

Nach dem gemeinsamen Abendessen verabschiedeten sich die Gäste und reisten durch den Kamin wieder nach Hause. Harry war völlig überdreht und gleichzeitig total erschöpft, sodass Severus ihn noch einmal in die Badewanne schickte und einen beruhigenden Zusatz hinein gab, was dafür sorgte, dass Remus ihn aus der Wanne heben musste, weil er einschlief.

Der restliche Sommer verlief vollkommen entspannt, Severus wurde nach und nach ruhiger, weil Remus ihn immer wieder dazu drängte, über die Erlebnisse zu sprechen. Auch wenn er sich sträubte, so war er doch erleichtert, als er spürte, dass es ihm mit der Zeit tatsächlich besser ging. Remus war da und gab ihm Halt, ließ ihn schweigen, wenn er nicht reden konnte, hielt ihn einfach fest. Hier konnte er sich fallen lassen, durfte schwach sein. Harry ging immer wieder zum Spielen zu Draco, bei dem meist auch Blaise war, denn sein Vater musste arbeiten und konnte sich nicht so intensiv um ihn kümmern, wie er wollte. Narzissa hatte angeboten, die Betreuung zu gewährleisten. Sirius übernahm es dann immer wieder, ihnen die Geschichte der Zauberei näher zu bringen. An anderen Tagen besuchte er die Weasleys, wobei er dort nicht alleine blieb. Das Chaos in dieser kinderreichen Familie war ihm etwas unheimlich.

Gegen Ende August packten sie schließlich ihre Sachen und reisten zurück nach Hogwarts. Weder Severus noch Remus wollte sie trennen, daher hatten sie beschlossen, als Familie im Schloss zu leben. Tagsüber gingen Harry, Tycho und Remus  dann ins Malfoy-Manor, wo Harry in Zukunft gemeinsam mit Draco und Blaise lernen würde. Lesen, schreiben, rechnen, Grundlagen der Zauberei, Geschichte der Magie, Etikette, Tanzen und vieles mehr stand auf seinem Stundenplan. Den Unterricht hielten Narzissa, Sirius und Remus abwechselnd, die sehr viel Geduld und Spaß dabei hatten. Doch bis Ende August hatten die Kinder noch Freizeit, erst wenn Hogwarts wieder begann, startete auch für sie der Unterricht.

Vier Tage vor dem Beginn des neuen Schuljahres waren sie dann im Schloss. Severus musste zu einer Lehrerkonferenz, derweil erkundete Harry mit seinem Bruder und ihrem Daddy Hogwarts. Im letzten Schuljahr hatte er sich nicht getraut, das Innere genauer anzusehen, es waren ihm zu viele Schüler gewesen, aber jetzt war er neugierig. Remus, der Tycho wie fast immer im Tragetuch hatte, zeigte ihm die große Halle, wo alle zum Essen waren und die verschiedenen Feste stattfanden, verschiedene Klassenzimmer, den Astronomieturm und die Eingänge zu den vier Gemeinschaftsräumen. Er erklärte ihm die unterschiedlichen Häuser, in die die Schüler gewählt wurden und wie das passierte. Am Ende wagten sie sich in die Küche, wo die Elfen bereits fleißig arbeiteten, damit in ein paar Tagen alles fertig für die Schüler war. Sobald sie eintraten, wuselten einige Elfen um sie herum und boten ihnen allerlei Essen an. Remus nahm sich ein Steak mit Kartoffeln und Harry ein wenig Obst, das ihm die Elfen in Schokolade tauchten. Sie blieben eine ganze Weile dort und genossen es, umsorgt zu werden. Doch irgendwann wollte Harry wieder weitergehen und sie verließen die Küche.

Nach einem Abstecher in die Bibliothek gingen sie in den Krankenflügel und begrüßten Poppy, die dabei war, ihre Vorräte an Tränken zu sortieren und eine Liste zu erstellen, was sie von Severus brauchte. Harry umarmte die Heilerin sogar, was sie überrascht zur Kenntnis nahm. „Na, wie geht's dir, Harry?“, wollte sie wissen.

„Gut!“, strahlte Harry. „Ich hab das Schloss mit Daddy angeschaut, das ist echt riesig! Und wir waren sogar in der Küche, und ich hab' Obst mit Schokolade gekriegt!“

„Das klingt toll! Und was macht unser kleiner Mann?“, checkte sie Tycho mit ihrem Zauberstab. „Er ist wieder ein bisschen gewachsen und hat zugenommen. Ich würde sagen, es geht ihm gut.“

Zufrieden gingen sie wieder in die Kerker, nahmen gleich die Liste für Severus mit. Der Tränkemeister war schon wieder zurück und braute im Labor, schließlich kannte er die üblichen Bestellungen. Wenig überrascht nahm er daher die Liste an sich. Harry wollte zusehen, deshalb setzte Remus ihn auf die Arbeitsplatte, sodass er alles im Blick hatte. Der Dunkelblonde hingegen brachte Tycho ins Wohnzimmer, wo er ihn fütterte und frisch wickelte. Der Sechsjährige half derweil Severus, indem er einige Wurzeln schälte und klein schnitt. Stolz präsentierte er sein Werk, als sein Dad danach fragte und strahlte, als Severus es einfach in den Trank kippte, denn das zeigte ihm, dass er alles richtig gemacht hatte.

„Gut gemacht, Harry!“, lobte Severus. „Jetzt muss der Trank noch eine Weile köcheln, dann ist er fertig. Ich wirke dafür noch einen Zeitzauber, damit ich genau weiß, wann er abkühlen muss und einen Zauber, der dafür sorgt, dass er genau bei dieser Temperatur bleibt. Wir gehen dann erstmal essen und danach ist er fertig und wir können ihn abfüllen und zu Poppy bringen.“

Remus war mit dem Kochen beinahe fertig, als sie in die Küche kamen. Es duftete nach Fleisch, Pilzen und Kräutern. Außerdem kochten Nudeln im Topf. Tycho lag in der Babyschaukel, die im Türrahmen befestigt war – ein Geschenk von Poppy und Minerva. Leise brabbelte er vor sich hin, entdeckte gerade seine Hände. Mit seinen fast vier Monaten war er nun auch länger wach und konnte sich umsehen. Als er Severus erkannte, der sich über ihn beugte, begann er zu lächeln.

„Hallo mein Kleiner!“, murmelte der Tränkemeister und stupste kurz seinen Zeigefinger gegen die Nase seines Sohnes. Da er das Korsett nun stundenweise weglassen durfte, konnte er sich über Tycho beugen. Allerdings merkte er deutlich, dass sein Rücken noch nicht vollkommen geheilt war. Das würde wohl noch eine Weile dauern. Seine Alpträume waren inzwischen deutlich weniger geworden, aber gerade bei schnellen Bewegungen zeigte ihm sein Körper die Folgen deutlich. Jetzt war auch Remus fertig und sie setzten sich an den Tisch.

„Albus hat wieder jemand Neues für Verteidigung eingestellt.“, berichtete der Tränkemeister beim Essen. „Allerdings halte ich es für eine absolute Fehlbesetzung, dieser Mann hat vor sich selbst Angst, ich glaube nicht, dass er in der Lage ist, den Schülern beizubringen, beispielsweise einen Patronus zu erschaffen. Außerdem trägt er einen Turban, der ziemlich unangenehm riecht. Er biedert sich regelrecht an. Auch wenn er eigentlich nichts Schlimmes gesagt oder getan hat, meine Instinkte warnen mich. Ich werde ihn im Auge behalten.“

„Da bin ich neugierig, den werde ich mir auch mal ansehen.“, grinste Remus.

„Sei vorsichtig.“, warnte der Schwarzhaarige.

„Du weißt, dass meine Instinkte ziemlich gut sind. Mach dir keine Sorgen.“, besänftigte Remus seinen Mann. „Aber ich will sichergehen, dass du und die Schüler nicht in Gefahr seid.“

„Albus ist sicher, dass von Quirrell keine Gefahr ausgeht, er muss wohl schon immer recht schreckhaft gewesen sein.“, erklärte Severus. Ihm war allerdings klar, dass er keine Möglichkeit hatte, Remus abzuhalten. Der Werwolf würde alles tun, um seine Familie sicher zu wissen, das verlangte sein innerer Wolf. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass ihre Kinder in den sichersten Händen waren, denn ein Alphawolf wie Remus war beschützend. Manchmal sogar überbeschützend.

„Ach ja.“, fiel dem Schwarzhaarigen noch ein. „Albus hat mich nach der Konferenz noch beiseite genommen. Leider hatte er keine guten Neuigkeiten. Nagini ist spurlos verschwunden. Er weiß, dass der Lord sie bei sich hatte, als er die Potters angegriffen hat, doch danach ist sie nicht wieder gesehen worden. Weder er selbst, noch Sirius oder Hagrid haben sie gesehen. Sogar Pettigrew hat er befragt, der wartet noch immer auf den Kuss. Nichts. Kein einziger Hinweis, keine Spur, der er nachgehen konnte. Er ist alle Orte durchgegangen, die er mit Riddle in Verbindung bringen konnte, hat aber auch dort keinen Hinweis auf die Schlange bekommen.“

Remus konnte spüren, wie enttäuscht Severus war, auch wenn er einen lockeren Ton anschlug. Der Tränkemeister wollte alles tun, damit sie sicher waren und doch kam er nicht weiter. Er würde erst dann entspannen, wenn auch die Schlange vernichtet und die Gefahr gebannt war, dass der Lord zurückkam. Immer noch waren sie nicht sicher, das würde wahrscheinlich nie zu Ende sein. Es gab weiterhin Menschen, die der Meinung waren, Voldemort hatte Recht, und die Harry bestrafen wollten, weil er den Lord vernichtet hatte. Auch wenn es Lilys Werk gewesen war, aber das sahen sie nicht. Sie wollten jemanden bestrafen, und da Lily tot war, hatten sie es nun auf Harry abgesehen. Schon alleine deswegen waren sie hier im Schloss, denn es gab kaum einen sichereren Platz in England.

„Remus?“, riss ihn nun Severus' fragende Stimme aus seinen Gedanken.

„Entschuldige, ich war in Gedanken.“, wandte sich Remus an seinen Gefährten.

„Das war offensichtlich.“, spottete der Schwarzhaarige. „Ich wollte eigentlich nur wissen, was ihr heute noch geplant habt.“

„Harry wollte noch ein bisschen fliegen, daher habe ich ihm versprochen, ins Quidditch-Stadion zu gehen, auch wenn er an die Torringe nicht mal annähernd heranreichen wird.“, erklärte Remus.

So machten sie es dann auch. Harry trug stolz seinen Besen nach draußen und konnte es kaum erwarten, dass seine Väter endlich hinterher kamen. Im Stadion angekommen setzte er sich sofort auf seinen Besen und drehte die erste Runde. Schnell legte er sich in die Kurven und flog Achter und andere Figuren.

„Ein Naturtalent!“, staunte Minerva, die dazugekommen war. „Er hat das Talent seines Vaters geerbt.“

„Hoffentlich nur das!“, gab Severus trocken zurück.

Minerva musste lachen, der Tränkemeister konnte sie nicht mehr hinters Licht führen. Der kleine Harry hatte sich in sein angeblich nicht vorhandenes Herz geschlichen und es im Sturm erobert. Auch wenn der Kleine keine Ahnung davon hatte, er hatte den Tränkemeister stark verändert. Selbst die Schüler hatten es im letzten Schuljahr bemerkt und sie waren positiv beeindruckt davon. Er war nicht mehr so zynisch und bestrafte zwar immer noch gnadenlos, aber nicht mehr ungerechtfertigt. Auch die Punktevergabe war nach und nach deutlich fairer geworden, er bevorzugte die Schlangen nicht mehr länger.

Sie ließen Harry noch eine ganze Weile fliegen, bevor sie zurück ins Schloss gingen. Severus machte noch einen Abstecher in die Gewächshäuser, da er einige Kräuter zum Brauen brauchte. Mit großen Augen beobachtete Harry von der Tür aus die magischen Pflanzen, die sich teilweise vollkommen selbständig bewegen konnten. Schnell pflückte der Tränkemeister, was er brauchte, denn Tycho quengelte schon, da er Hunger hatte. Er meldete sich nur kurz bei Pomona Sprout und gab ihr Bescheid, was er geholt hatte. Während Harry mit Remus' Hilfe seinen kleinen Bruder fütterte, bereitete Severus die Kräuter im Labor zu, sodass er sie später verwenden konnte.

 

Die nächsten Tage waren ruhig, aber arbeitsreich. Severus braute fast ständig im Labor, um die Vorräte des Krankenflügels aufzustocken, Poppy sortierte die Fläschchen in die Regale, Remus richtete für Severus das Klassenzimmer her, genau wie die anderen Lehrer ihre Räume vorbereiteten. Harry durchstöberte das Schloss zum Teil sogar auf eigene Faust und entdeckte immer wieder etwas Neues. „Daddy, Dad, ich habe heute Sir Nick getroffen!“, erzählte er am zweiten Abend im Schloss. „Er hat mir von meinem ersten Dad erzählt!“

„Was hat er dir denn erzählt?“, wollte Remus wissen, während Severus die Augen verdrehte.

„Dass er richtig gut fliegen konnte und seine Mannschaft fast immer gewonnen hat.“, sprudelte es aus Harry heraus. „Und dass er ein richtig guter Zauberer war und tolle Sachen gezaubert hat. Bin ich auch ein guter Zauberer?“

„Du kannst schon eine Menge!“, versicherte sein Daddy. „Du kannst es hell und dunkel machen, du kannst deinen Stift farbig machen und sogar schweben lassen. Wenn du hier in die Schule gehst, wirst du sicher schnell lernen. Deine Magie ist stark und wenn du fleißig lernst, kannst du richtig gut werden.“

Am nächsten Abend berichtete er von einer großen Schlange, mit der er sich unterhalten hatte. Laut dem Grünäugigen war sie im Schloss gewesen, aber das erschien ihnen ziemlich unwahrscheinlich. Möglicherweise war es eine Schlange in einem Portrait gewesen, da gab es einige im Schloss. Und doch waren sie ein wenig beunruhigt und ließen ihn nicht mehr alleine herumlaufen. Doch da die Schüler am späten Nachmittag des folgenden Tages kamen, hatte sich das wohl sowieso erledigt, denn wenn die Schüler im Schloss waren, würde Harry nicht alleine herumstreunen. Fremde Menschen waren ihm immer noch unheimlich und er zog es vor, ihnen nicht alleine zu begegnen.

Und doch war er neugierig, als die Kutschen ankamen und stand in einem Klassenzimmer, das genau über dem Portal war. Remus war bei ihm und sie sahen aus den Fenstern. „Da sind Bill und Charlie!“, erkannte er plötzlich die beiden Rothaarigen, die er in den Ferien ab und zu getroffen hatte.

„Genau. Ihr Bruder wird mit dir in Hogwarts anfangen, du weißt schon, Ron.“, erwiderte Remus.

„Wann kommen wir in die Schule?“, fragte der Jüngere.

„Wenn ihr elf Jahre seid, wird der Schulbrief verschickt. Dann kommst du auch hierher als Schüler.“, erklärte sein Daddy.

„Das dauert aber noch sooooo lange!“, maulte Harry. „Ich will jetzt schon in die Schule gehen!“

„Dann wärst du jetzt aber viel jünger als die Erstklässler, und du kannst noch gar nicht so schnell lesen und schreiben.“, mahnte Remus. „Deshalb lernst du ab morgen mit Draco und Blaise. Sirius, Tante Narzissa und ich bringen euch diese Dinge bei, die ihr in Hogwarts können müsst.“

Remus schmunzelte, als er sah, was Harry für ein Gesicht zog. Sein Sohn war offensichtlich enttäuscht, noch nicht alt genug zu sein. Und vor einem Jahr war er noch überzeugt gewesen, ein Freak zu sein, weil er magisch war. So viel hatte sich geändert und er war froh darüber, Albus damals überredet zu haben. So glücklich und zufrieden hätte Harry von Anfang an sein sollen. „Magst du in die Halle gehen und bei der Auswahl zusehen?“, wollte er wissen. Sie hatten das Recht, mit in der Halle zu sitzen, aber er würde Harry nicht zwingen. Tycho lag schlafend in seinem Tragetuch, auf ihn würde er wohl einen Stillezauber legen müssen. Wenn Harry es wollte, dann aßen sie heute in der großen Halle.

„Darf ich dann bei Dad und dir sitzen?“, hakte Harry unsicher nach.

„Ich denke schon.“, antwortete Remus, der sich da aber nicht ganz sicher war.

„Dann will ich es sehen.“, beschloss Harry, nahm die Hand seines Vaters und ging mit ihm in Richtung der Treppe, um nach unten zu kommen. Kurz bevor die Erstklässler eintrafen, huschten sie durch die kleine Tür, die den Lehrern vorbehalten war. Albus schmunzelte, als er sie sah und ließ noch einen Platz erscheinen. Severus hob überrascht eine Augenbraue, rückte aber ein wenig zur Seite, damit Harry auf seinen Schoß klettern konnte. Auf einen eigenen Stuhl würde er sich nicht setzen, wenn so viele unbekannte Menschen in der Nähe waren, das kannten sie schon von ihm. Der Tränkemeister war mehr als überrascht, dass er sich überhaupt in die Halle traute. Remus mit Tycho setzte sich neben ihn auf den neu hinzugekommenen Stuhl.

„Hallo Harry!“, begrüßten ihn einige Professoren, allen voran Hagrid. Schüchtern lächelte der Kleine, als die Erwachsenen ihn anlachten. Die Schüler starrten nur noch. Zwar hatten sie bereits im letzten Jahr mitbekommen, dass ihr Zaubertränkelehrer verheiratet war und ein Kind adoptiert hatte, aber ihn nun so zu sehen mit einem kleinen Kind auf dem Schoß, das überraschte die Meisten von ihnen. Die Wenigsten registrierten in dem Moment, dass der Mann neben ihm ein Baby dabei hatte. Nur Bill und Charlie wussten von dem Kleinen, aber sie hatten versprochen, kein Wort zu verraten. Minerva hatte ganze Arbeit geleistet, sie konnten nicht darüber reden, dazu beigetragen zu haben.

Endlich kamen die neuen Erstklässler unter der Führung von Minerva McGonagall herein. Da erst wandte sich die Aufmerksamkeit von Severus weg. Die Auswahl an sich war das Gleiche wie immer, der Hut sang sein Lied und die Kinder setzten ihn auf. Es waren relativ viele Kinder, die eingeteilt werden wollten und Severus wurde erst aus seinen Gedanken gerissen, als Minerva „Tonks, Nymphadora“ aufrief. Das musste die Tochter von Andromeda Tonks sein, der Metamorphmagus. Der Hut brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. „Hufflepuff“ würde ihr Haus werden. Am Ende der Auswahl war es ziemlich harmonisch: Hufflepuff, Ravenclaw und Gryffindor hatten jeweils 12 neue Schüler, Slytherin 10. Alles in allem ein ausgeglichener Jahrgang. Albus hielt seine alljährliche Rede, die kaum variierte und von den älteren Schülern (und den Lehrern) daher ignoriert wurde, dann endlich erschienen die Speisen auf den Tischen.

Harrys Augen weiteten sich. Das alles sollte es geben? Und er konnte sich aussuchen, was er wollte? Doch die Auswahl war so riesig, dass er sich nicht entscheiden konnte. Letztendlich legte Severus einige Dinge auf seinen Teller, von dem auch Harry aß und wartete ab, was der Kleine nahm, damit er selbst den Rest essen konnte. Unglauben spiegelte sich in den Augen der Schüler wieder, als sie sahen, wie selbstverständlich der Sechsjährige vom Teller des Tränkemeisters mit aß. Für ihren Professor schien dies nichts Neues zu sein, jedenfalls verzog er keine Miene. Erst, als Harry sich zurücklehnte und offenbar satt war, begann Severus, ihm die Lehrer vorzustellen, die er bisher nicht kannte.

„Schau, Harry, da ist Professor Flitwick, er unterrichtet Zauberkunst, bei ihm lernst du später, wie du Dinge fliegen lassen kannst, Aufrufe- und Verschwindezauber und solche Dinge. Neben ihm sitzt Professor Sinistra, sie bringt dir Astronomie, also Sternenkunde bei.“ Harry winkte ihr kurz zu und lächelte schüchtern. „Dann haben wir Professor Quirrell, er unterrichtet Verteidigung gegen die dunklen Künste. Dort lernen die Schüler, wie sie sich gegen verschiedene Zauber wehren können.“

„Ha … Ha … Hallo jun … junger Mann. N … ni … nicht dass d … du es b … b … bräuchtest, n … ni … nicht wahr?“, stotterte der Professor, was einige Schüler, die nahe genug saßen, zum Kichern brachte.

Harry versteckte sich in Severus' Umhang. Irgendwie schien ihm der Mann unheimlich zu sein. Außerdem rieb er sich den Kopf, als hätte er Schmerzen. Aber da ihm beinahe schon die Augen zufielen, war der Tränkemeister sich nicht sicher, ob diese Beobachtung richtig war. Er übergab Harry an Remus, damit er sich um seine Schlangen kümmern konnte, denn der Kleine gehörte ins Bett. Erschöpft wie er war, ließ sich Harry widerstandslos ins Bett legen und zudecken, wollte nicht einmal mehr eine Geschichte hören.

„Gute Nacht, Harry!“, küsste Remus ihn auf die Stirn.

„Gute Nacht, Daddy!“, antwortete Harry müde. „Gibst du mir noch ein kaltes Tuch? Mein Kopf tut weh.“

Besorgt musterte Remus seinen Sohn, doch mit einem kühlen Tuch auf der Stirn – ein Zauber sorgte dafür, dass es auch im Schlaf genau dort blieb – schloss er die Augen und schlief ein. Der Dunkelblonde nahm sich vor, das zu beobachten und Poppy aufzusuchen, sollte es häufiger passieren. Als Harry schlief, machte er Tycho bettfertig, gab ihm noch eine Flasche und legte ihn ins Babybett, wo er schnell wieder einschlief. Bis Severus gegen zehn Uhr kam, war es ruhig in den Kerkern und er entschied sich, mit Remus ebenfalls früh schlafen zu gehen.

Das neue Schuljahr war nun schon einige Wochen alt und alle hatten sich an ihren Tagesablauf gewöhnt. Harry war tagsüber bei Draco im Manor – Narzissa und er waren bei Sirius wieder ausgezogen, da die Umbauarbeiten fertig waren – und lernte fleißig mit ihm und Blaise. Meistens war Remus dabei und unterrichtete sie, doch ab und zu machte er auch mit Sirius einen Ausflug. Er genoss die Zeit mit seinem besten Freund, der immer mehr grübelte, was er denn nun mit seinem Leben und seiner Zeit machen sollte. Die Malfoy-Geschäfte liefen inzwischen fast selbständig und er musste sich nicht mehr intensiv kümmern, hatte daher wieder viel freie Zeit und grübelte immer mehr. Auch wenn Moody ihm einen Job bei den Auroren angeboten hatte, das wollte er nicht mehr machen. Askaban hatte ihm viel mehr zugesetzt, als er sich selbst gegenüber eingestehen wollte. Es machte ihm Spaß, Draco, Blaise und Harry zu unterrichten, aber Remus' Hinweis, es doch mal in Hogwarts zu versuchen, ignorierte er. Das Schuljahr hatte schon angefangen und alle Stellen waren besetzt, argumentierte er. Remus nahm sich vor, mit Albus zu reden. Vielleicht gäbe es im nächsten Schuljahr eine freie Stelle für Sirius? Es wäre vergeudetes Talent, denn einerseits konnte Sirius gut mit Kindern umgehen und toll erklären, andererseits war er damals, bevor er nach Askaban gekommen war, ein hervorragender Auror gewesen, obwohl er nicht lange gearbeitet hatte nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung. Damals hatten sie ihn als möglichen Nachfolger von Moody gehandelt, der noch immer nicht im Ruhestand war. Obwohl er immer wieder bewiesen hatte, dass er ein Rumtreiber war, so war er doch im Dienst immer sehr zuverlässig gewesen. Er beherrschte seine Zauber und noch viel mehr, er kannte sich sogar mit schwarzer Magie ein Stück weit aus, auch wenn das etwas war, was er selbst lieber unter Verschluss hielt, er war nicht besonders stolz auf diesen Teil seiner Vergangenheit. Kein Wunder, erinnerte es ihn doch an seine Familie, die er lieber vergessen wollte. Mit Ausnahme von Regulus vielleicht, seit sich herausgestellt hatte, dass der doch kein überzeugter Todesser gewesen war.

Am Nachmittag nach dem Unterricht reisten Harry und Remus jeden Tag durch den Kamin zurück nach Hogwarts. Meistens gingen sie dann noch eine Weile spazieren, obwohl es nun im Oktober schon langsam kühl wurde. Dennoch tat ihnen die Bewegung gut, genau wie die frische Luft. Heute musste Remus den letzten Banntrank für diesen Zyklus nehmen, denn in der Nacht war Vollmond. Es wurde immer schwerer, es vor Harry zu verbergen, auch wenn er bisher die Erklärung schluckte, der Trank wäre zur Stärkung, weil der Mond ihn krank machte. Zwar ging es Remus weitaus besser als früher, doch er wirkte meist angeschlagen, als würde er eine Grippe bekommen. Der Tag vor und der Tag nach Vollmond waren die Schlimmsten, da merkte auch Harry, dass es ihm nicht gut ging und nahm Rücksicht. Noch nahm er es einfach hin, doch sie konnten die Fragen sehen, die nicht mehr lange auf sich warten lassen würden. Dennoch wollten sie es hinauszögern so lange es ging, denn Harry war immer noch sehr unsicher, wenn etwas Ungewöhnliches passierte. Tycho war kein Werwolf, da die Lykanthropie nicht vererbbar war. Nur wenn jemand von einem Werwolf gebissen wurde, verwandelte er sich auch in einen Werwolf. Und Severus war sich gar nicht mehr so sicher, wie stark Remus noch ein Werwolf war, da er sich bereits zweimal außerhalb des Vollmondes verwandelt hatte. Seine Kontrolle war sehr groß, ansonsten hätte er es nie geschafft, dem Wolf Platz zu machen, ohne jemanden zu gefährden. Nun, Lucius war getötet worden, aber das war die einzige Möglichkeit gewesen, Severus zu retten. Sie wussten nicht, ob der Banntrank überhaupt noch nötig war, aber so lange Harry in der Nähe war, gingen sie kein Risiko ein. Der Junge fragte nicht viel, das nicht, aber er war neugierig und beobachtete viel.

Am Abend brachte der Tränkemeister seine Söhne ins Bett. Nach der Geschichte durfte Harry noch ein Buch ansehen, bevor er schlafen musste. Der Sechsjährige war neugierig, denn schon bei den letzten Vollmonden war er sicher gewesen, dass sein Daddy nicht bei ihnen geschlafen hatte. Wohin verschwand er immer bei Vollmond? Und warum? Das fragte der Junge sich und er hatte sich vorgenommen, es herauszufinden. Was gar nicht so einfach war, aber nicht umsonst war Harry sehr aufmerksam. Als Severus mit Tycho nach draußen gegangen war und sich von Remus verabschiedete, setzte sich Harry auf sein Fensterbrett und starrte in die Dunkelheit. Er beobachtete, wie sein Vater die Wohnung verließ und zum Wald hin ging. Genau merkte er sich, wohin sein Daddy verschwunden war. Heute wollte er endlich dieses Rätsel lösen. Schnell schlüpfte er in seine Kleidung und wartete kurz, bis sein Dad mit Tycho im Bad war, denn der Kleine hatte heute noch nicht gebadet. Nun würde sein Dad ihn nicht erwischen und aufhalten können. Harry war sicher, sein Dad würde das nicht wollen, immerhin sagten sie ihm nicht, was da nicht stimmte. Aber etwas stimmte nicht, dessen war sich der Junge sicher. Beinahe lautlos schlüpfte Harry in seine Jacke und die Schuhe, und huschte aus der Wohnung. Seinen Stoffwolf Kana hatte er fest an sich gedrückt, und seine Katze Minnie, die er zum Geburtstag bekommen hatte, folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Draußen war es dunkel und sehr unheimlich. Harry schauderte unwillkürlich, aber er ging dennoch weiter. Kana machte ihm Mut, und seine Neugier siegte schließlich. Er ließ das Schloss hinter sich und ging Richtung Wald. Als er am Wald angekommen war, überlegte Harry. Wo könnte sein Daddy nun sein? So weit hatte er ihn nicht sehen können. Rufen konnte er nicht, schließlich wollte er ihm heimlich folgen. Nicht umsonst hatten Daddy und Dad nichts dazu gesagt. Normalerweise erklärten sie ihm alles, ohne dass er fragen musste. Aber dazu hatte er nie etwas gehört, im Gegenteil, seine Väter hatten immer alles getan, dass er nichts erfuhr. Das wollte er nun selbst erkunden. Also schlich er weiter und huschte am Waldrand entlang. Minnie schien zu ahnen, was ihr Herr wollte und lief in eine bestimmte Richtung, wartete dabei immer ab, ob Harry ihr folgte. Ohne darüber nachzudenken, lief er seiner Katze hinterher. Die führte ihn ein ganzes Stück tiefer in den Wald, und Harry klammerte sich an seinen Wolf. Es wurde immer grusliger. Langsam aber sicher bekam er Angst, der Wald hörte sich so lebendig an. Doch dann sah er seinen Daddy und wollte schon zu ihm laufen, als er sah, wie Remus sich auszog und seine Sachen auf einem Ast ablegte. Schließlich fiel das Mondlicht auf ihn, und die Verwandlung begann. Geschockt blickte Harry auf seinen Vater, dessen Gestalt sich gerade immer weiter in einen riesigen, sandfarbenen Wolf verwandelte. Sein Mund stand in einem stummen Schrei weit offen, doch im ersten Moment war er zu erstarrt. Erst, als die Verwandlung komplett vorbei war, löste sich der entsetzte, schrille Schrei von seinen Lippen.

 

Severus hingegen hatte sich mit Tycho in die Badewanne gesetzt und genoss es, mit dem Kleinen zu kuscheln, da er sein Korsett gerade nicht trug. Tycho quietschte und lachte, genoss die Zärtlichkeiten von seinem Dad, der ihn glücklich lächelnd beobachtete. Sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, von ihm ausgetragen. Es erstaunte ihn immer noch, wozu Magie in der Lage war, und wie sehr dieses kleine Bündel seine Liebe genoss. Tycho strahlte, sobald er eine zärtliche Geste, ein Lächeln bekam. So klein und doch so groß. Lange blieben sie nicht im Wasser, denn dem Kleinen fielen schnell die Augen zu und Severus wollte ihn ins Bett legen. Schnell trocknete er das Baby mit einem Zauber, zog ihm eine frische Windel und seinen Schlafanzug an, bevor er sich selbst ebenfalls einen Schlafanzug anzog, schließlich hatte er heute nichts mehr vor und würde früh ins Bett gehen. Er gab Tycho noch eine Flasche, damit er die nächsten Stunden ruhig schlief, und legte in dann in das Babybettchen. Noch einen schnellen Blick in das Kinderzimmer werfen, dann mit einem Buch ins Bett, entschied er, doch kaum hatte er die Tür vom Kinderzimmer offen, erstarrte Severus. Harrys Bett war leer – und unberührt. Das Buch, das Harry sich genommen hatte, lag auf der Fensterbank, wo er gerne zum Lesen saß. Minnie, die kleine Katze, war nirgends zu sehen und auch der Stoffwolf, der sonst immer im Bett lag, fehlte.

Severus zwang sich, tief durchzuatmen, um die aufsteigende Panik zu bekämpfen. Ein rascher Rundgang durch die Wohnung und sogar das Büro bestätigte seine Annahme: Harry war nicht da. Die Gedanken des Tränkemeisters rasten. War der Sechsjährige entführt worden? Oder hatte er nach ihm gesucht und war in der Schule unterwegs? Oder war er nach draußen gegangen? Unruhig versuchte er, eine Lösung zu finden, wie er Harry suchen konnte. Er wusste, alleine war es nicht möglich. Schnell trat er zum Kamin. „Albus?“, fragte er in die Flammen.

„Severus? Stimmt was nicht?“, kam es besorgt zurück. Der Schulleiter wusste, dass sich Severus kaum zu dieser ungewöhnlichen Zeit melden würde, wenn alles in Ordnung war.

„Harry ist verschwunden.“, berichtete der Tränkemeister mit einem leisen Zittern in der Stimme. Er konnte seine Gefühle nicht mehr vollkommen verstecken.

„Ich komme.“, versprach der Direktor und trat einen Moment später aus den Flammen. Die Kleidung des Schwarzhaarigen bedachte er zwar mit einem kurzen Blick, sagte aber nichts dazu. „Also, was genau ist das passiert?“

Der Tränkemeister schluckte mehrmals und atmete durch, um sich zu beruhigen, doch es klappte nicht. Seine Sorge um Harry war zu groß. „Remus ging, nachdem ich Harry eine Geschichte vorgelesen habe.“, begann Severus seinen Bericht. Er musste sich erneut zwingen, ruhig zu bleiben. „Harry darf dann noch ein Buch ansehen und geht anschließend ins Bett. Normalerweise sehen wir danach nochmal nach ihm, aber heute war ich zuerst mit Tycho in der Badewanne. Als der Kleine im Bett war, wollte ich nach Harry sehen, aber er war nicht da. Sein Bett ist unberührt, sein Kuschelwolf und die Katze sind auch verschwunden.“

„Beruhige dich.“, legte Albus ihm kurz die Hand auf den Arm. „Wir holen nun Poppy, damit sie auf Tycho aufpasst. Dann aktivieren wir die Geister und die Hauselfen, mit deren Hilfe werden wir Harry schnell finden. Und ich kann dich beruhigen, er hat die Grenzen Hogwarts nicht überschritten, das würde ich wissen.“

Ein wenig erleichtert atmete Severus auf. Allerdings gab es in der Schule und dem Außengelände noch genug Gefahren für einen Sechsjährigen. Nervös ging er im Wohnzimmer auf und ab, darauf wartend, dass sie endlich auf die Suche gehen konnten, aber genauso wissend, dass der Direktor Recht hatte, sie mussten koordiniert vorgehen, sonst hätten sie keine Chance. Am liebsten würde er einfach losrennen und den Kleinen suchen. Es war kalt draußen, der Sommer definitiv vorbei. Endlich kam die Heilerin und wurde von Albus kurz informiert, nickte schnell und setzte sich zu Tycho ins Schlafzimmer. Severus kam es vor, als wären Stunden vergangen, bis endlich einige Hauselfen und die Geister eintrafen. Die Temperatur in seiner Wohnung sank rapide, als die Geister sich versammelten.

„Geister und Hauselfen. Ich, Albus Dumbledore, Direktor der Hogwarts-Schule, habe euch gerufen, weil ein Kind in Gefahr sein könnte.“, sprach Albus die magischen Worte, die die Hauselfen und Geister dazu verpflichteten, ihm zu helfen. „Der kleine Harry Lupin wird vermisst. Er ist aus dieser Wohnung hier verschwunden, vor etwa ein bis eineinhalb Stunden. Er muss noch irgendwo auf dem Gelände der Schule sein, aber wir können nicht sagen, ob innen oder außen. Sucht ihn und gebt mir Bescheid.“

Die Geister schwebten durch die Wände und die Hauselfen verschwanden mit mehreren Plopps. Severus eilte nach draußen, er hatte das Gefühl, dort erfolgreicher zu sein als im Schloss. Albus ging durch die Flure rund um die Wohnräume und befragte die Portraits, ob sie Harry gesehen hatten. Natürlich erfolglos, denn selbst die wenigen Portraits, die nicht gerade geschlafen hatten oder verschwunden waren, hatten ihn nicht gesehen. Nun auch ein wenig besorgt, zog Albus immer weitere Kreise, leider weiterhin erfolglos.

Severus hingegen eilte – inzwischen ziemlich kopflos – durch den Außenbereich des Schlosses. Von seinen Wohnräumen aus lief er in Richtung des großen Sees, und dann im Zick-Zack zurück zum Schloss und wieder zum See, bis er in Richtung des verbotenen Waldes kam. Dort fiel ihm die Lichtung ein, auf der er im Sommer mit Harry gesessen hatte, kurz bevor Lucius … Nicht daran denken, mahnte er sich selbst. Sein Großer hatte sich dort wohlgefühlt, und sie waren schon mehrmals bei ihren Spaziergängen hier gelandet. Inzwischen kannte auch Remus diesen Platz, weil Harry ihn so sehr liebte. Vielleicht war er jetzt auch dort. Severus rannte schneller und betete in Gedanken, dass er Harry dort finden würde. Er verbat sich jeden Gedanken daran, dass Harry nicht gefunden würde, dass er entführt worden war. Dieser Gedanke lähmte ihn und ihm wurde eiskalt, wenn er auch nur am Rande daran dachte. Nein, er musste daran glauben, ihn zu finden, ansonsten könnte er nicht mehr vernünftig handeln. Doch auch auf der Lichtung war keine Spur von Harry zu finden.

„Denk nach, Severus!“, redete er sich selbst zu. „Wo könnte der Kleine noch sein?“

Plötzlich schlug er sich – völlig untypisch für ihn selbst – mit der flachen Hand auf die Stirn. Er war ein Zauberer, verdammt nochmal. Warum rannte er hier kopflos durch die Gegend, anstatt seine Zauberkraft zu nutzen? Schnell zog er seinen Zauberstab und wirkte Ortungszauber. Leider wirkten diese nur auf kurze Distanz. Also ging er den gleichen Weg wieder zurück, sprach den Zauber alle paar Schritte. Seine Verzweiflung wurde immer größer, je näher er dem Schloss kam, denn der Zauber schlug einfach nicht an. Er betete darum, dass die Geister oder die Hauselfen Erfolg gehabt hatten. Er würde sehen, ob Albus etwas herausgefunden hatte. Er musste einfach! Vollkommen verzweifelt öffnete er die Tür zu seinen, ihren Räumen und erstarrte.

Vollkommen bewegungslos starrte Severus auf die Szene, die sich ihm bot. Die Tür fiel unbeachtet hinter ihm ins Schloss, er reagierte überhaupt nicht darauf. Vor ihm, mitten im Wohnzimmer, lag vollkommen entspannt der riesige, sandfarbene Wolf, den er als Moony kannte. Er blickte auf, als wollte er ihm sagen, er sollte still sein. Der Wolf hatte sich zusammengerollt, und ein schwarzer, wirrer Haarschopf lugte heraus. Harry. Offenbar war der Kleine eingeschlafen und Moony hatte sich um ihn herumgerollt, um ihn warm zu halten und zu beschützen. Minnie lag auf dem Rücken des Wolfes und schlief ebenfalls, Kana, der Stoffwolf, war in den Händen des Jungen. Zumindest sah es so aus, die Fingerspitzen und ein Teil des Stofftieres lugten aus Moonys Fell heraus. Langsam erwachte Severus aus seiner Starre und ging zu den Beiden hinüber. Moony beobachtete ihn aus seinen gelben Augen und brummte leise. Er machte ein wenig Platz, sodass Severus nach dem Kleinen greifen konnte, ohne seinen Schlaf zu stören. Vorsichtig hob er ihn hoch, zuckte nur kurz zusammen, als der bekannte Schmerz durch seinen Rücken schoss. Ohne ihn zu wecken, trug er Harry in sein Bett. Moony stand auf folgte ihm lautlos.

Als Harry im Bett lag, deckte Severus ihn zu und sah ihn genauer an. Der Kleine war völlig verweint, die Augen ganz rot und geschwollen, Tränenspuren auf den Wangen. Was war da draußen nur passiert? Aber das würde wohl bis zum Morgen warten müssen, Moony konnte es ihm nicht erzählen. Doch auch der aufgewühlte Blick des Wolfes verriet, dass etwas passiert war. Hatte er ihn, trotz Wolfsbann, gebissen? Severus wurde schwindlig, als ihm diese Möglichkeit in den Kopf schoss, obwohl er gleichzeitig sicher war, dass genau das nicht passiert sein konnte. Der Junge war unverletzt, sonst hätte er es gesehen. Immerhin hatte er ihn ausgezogen, da der Kleine sich seine Kleidung angezogen hatte, bevor er nach draußen gegangen war. Immerhin. Außerdem wäre Moony dann nicht so ruhig und entspannt. Doch warum hatte der Kleine geweint? Hatte er sich verlaufen und den Weg nicht mehr gefunden? Oder war er tatsächlich hinter Remus her gewesen und hatte die Verwandlung gesehen? Severus musste sich vergewissern. „Er hat dich gesehen?“, fragte er Moony leise. Der Wolf nickte mit seinem massigen Kopf.

„Dann werden wir morgen wohl einige Fragen beantworten müssen.“, seufzte Severus, unendlich erleichtert, dass der Kleine wieder da war. Moony gab ein Geräusch von sich, das sich fast wie ein Lachen anhörte. Doch auch der Wolf schien ein wenig zittrig, fiel Severus auf. Schon oft hatte er diesen Wolf gesehen und glaubte, ihn zu kennen. Das hier hatte auch ihn geschockt. „Willst du raus und laufen?“, fragte Severus, doch Moony legte sich einfach auf den Boden neben dem Sofa. „Du bleibst also.“ Als Antwort leckte der Wolf einmal über Severus' Hand und legte ihm dann den Kopf auf den Schoß.

Der Tränkemeister ergab sich und ließ sich zurücksinken. Er zog seinen Zauberstab und rief seinen Patronus auf, schickte die silbrige Fledermaus zu Albus mit der Nachricht, dass Harry wieder da war. Poppy, die ihn hörte, kam aus dem Schlafzimmer. „Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen.

„Es geht ihm gut, aber ich vermute, wir werden ihm morgen Einiges erklären müssen.“, antwortete Severus, der schlagartig völlig erschöpft war. „Er hat die Verwandlung gesehen. Moony hat ihn zurückgebracht.“

Erst jetzt sah die Heilerin den riesigen Wolf, der auf dem Boden lag. Sie grinste kurz, aber dennoch weiteten sich ihre Augen. „Soll ich nach ihm sehen?“, fragte sie, als ihre professionelle Ader gewann.

„Nein. Er ist in Ordnung.“, versicherte Severus, der einen schnellen Check gemacht hatte, als der Kleine im Bett lag.

„In Ordnung.“, nickte die Heilerin. „Du solltest auch schlafen gehen, Severus, du bist ziemlich blass.“ Zusätzlich zu dieser Feststellung zog sie ihren Zauberstab und murmelte einige Diagnosezauber. „Und du solltest dein Korsett wieder anziehen, dein Rücken wird es dir danken.“, riet sie ihm noch, bevor sie ging.

Knurrend griff der Tränkemeister im Bad nach seinem Korsett. Er wusste selbst, dass er mit dem Hochheben und Tragen von Harry nichts Gutes für seine Muskeln getan hatte, aber er hatte nicht warten wollen, um Harry ins Bett zu bringen. Noch immer war er nicht in der Lage, mehr als zehn Kilogramm zu heben, ohne Schmerzen zu haben. Aber hätte er Harry stattdessen aufwecken sollen, damit er selbst ins Bett gehen konnte? Dennoch war er erleichtert, als der Schmerz nachließ, nachdem er eine Weile im Bett lag. Moony saß neben dem Bett, den Kopf neben Severus gelegt, und beobachtete ihn besorgt. Jedenfalls schien es dem Schwarzhaarigen so. Severus' Hand suchte automatisch den Halt in Moonys Fell am Kopf, streichelte unbewusst darüber. Der Wolf brummte leise. Die Nähe des Wolfes beruhigte ihn und er schlief langsam ein, wurde erst gegen drei Uhr morgens wieder wach, da Tycho Hunger hatte. Im Halbschlaf fütterte und wickelte er ihn, legte sich dann wieder hin. Der Wolf beobachtete alles aus seinen intelligenten Augen, die sich wieder schlossen, als Severus erneut in den Schlaf glitt.

Ein gellender Schrei weckte sie gegen halb sieben in der Früh. Harry! Schnell sprangen sie auf – Remus hatte sich etwa eine Stunde früher zurückverwandelt und einfach ins Bett gelegt – und rannten ins Kinderzimmer. Weinend saß Harry auf seinem Bett und drückte seinen Wolf an sich. Sie setzten sich rechts und links von ihm hin und nahmen ihn in den Arm. „Was ist denn los?“, fragte Severus ruhig.

„Ich hab geträumt, dass Daddy ein riesiger Wolf wurde.“, schluchzte Harry auf. Verängstigt klammerte er sich an seine Väter.

Remus nahm ihn hoch und drückte ihn fest an sich. „Ich bin hier, Harry. Du musst keine Angst haben.“, versicherte er ihm. Er atmete einige Male tief durch, denn jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. „Aber du hast nicht geträumt, Welpe. Ich bin ein Werwolf. Ich war nur wenig älter als du gerade bist, da hat ein Werwolf mich gebissen. Seitdem muss ich mich bei Vollmond verwandeln. Dein Dad hat einen Trank entwickelt, damit ich niemanden beiße. Das war immer meine größte Angst. Mit dem Trank ist die Verwandlung deutlich angenehmer und ich bin mit dem Wolf gemeinsam ein Team, wir entscheiden zusammen, was wir tun. Früher konnte ich mich an die Nächte nicht einmal erinnern, aber dank deinem Dad habe ich nun keine Angst mehr, weil ich entscheiden kann, was passiert.“ Er hielt inne, um abzuwarten, wie Harry reagierte.

Der sah ihn mit großen Augen ungläubig an. „Wie hat der Wolf in dir Platz, Daddy?“, wagte er schließlich zu fragen und Remus musste ein Grinsen unterdrücken.

„Das ist Magie.“, versuchte er eine Erklärung. „Genauer kann ich es auch nicht erklären. Der Wolf war früher viel kleiner, ist im Lauf der Jahre immer größer geworden, so wie auch wir wachsen.“

„Und Tycho?“, wisperte Harry. Er war schnell dabei, Rückschlüsse zu ziehen.

„Er ist genau wie du.“, beruhigte Remus. „Nur, wenn ich in Wolfsform jemanden beiße, dann muss derjenige sich auch verwandeln. Aber das will ich nicht, deswegen nehme ich den Trank von deinem Dad. Auch wenn der nicht besonders gut schmeckt, das hast du ja auch schon gesehen.“

„Harry?“, zog Severus nun die Aufmerksamkeit des Sechsjährigen auf sich. Der sah zu ihm. Schon wieder verweint, aber diesmal nicht mehr ganz so verzweifelt. „Warum bist du nach draußen gegangen? Was ist passiert?“

Harry druckste ein wenig herum, dann aber sah er ihm in die Augen. „Ich wollte wissen, wohin Daddy immer geht, wenn Vollmond ist. Jedes Mal.“, flüsterte er. „Und ich wusste, du gehst mit Tycho ins Bad, da bin ich Daddy hinterher. Und dann habe ich gesehen, wie er sich ausgezogen hat, und plötzlich war da der Wolf. Ich hatte solche Angst.“ Die Erinnerung ließ ihn zittern und er drängte sich an die Wärme seines Vaters. Tränen strömten unaufhaltsam aus seinen Augen, und die Angst, bestraft zu werden, kam zum ersten Mal seit Monaten wieder an die Oberfläche. „Es tut mir leid! Nicht böse sein, bitte!“, weinte er.

„Sch. Wir sind nicht böse.“, versprach Severus ruhig und schluckte seine Standpauke hinunter. „Wir haben uns Sorgen gemacht. Ich hatte große Angst, als ich in dein Zimmer gesehen habe und du nicht da warst. Albus und ich haben mit den Elfen und den Geistern nach dir gesucht. Wir waren mehr als froh, als du wieder da warst. Bitte, Harry, mach das nie wieder, einfach zu verschwinden!“

„Ich habe einen riesigen Schrecken bekommen, als du plötzlich hinter mir warst.“, fügte Remus hinzu. „Ich konnte dich nicht riechen, da der Wind von der anderen Seite kam. Und dann hörte ich auf einmal deinen Schrei, als ich mich gerade verwandelte. Mir war klar, dass du Angst haben musstest, aber ich wollte das nie. Du solltest dich doch nicht vor mir fürchten. Aber ich habe auch gespürt, dass dir kalt war und wollte dich so schnell wie möglich wieder nach drinnen bringen. Ich hoffe, ich habe dir damit nicht noch mehr Angst gemacht.“

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, Daddy.“, versicherte er. „Dein Fell war so schön weich und du warst so warm. Richtig kuschelig, viel schöner wie im Bett!“

„Ich habe ihn so lange angestupst, bis er auf meinen Rücken geklettert ist.“, erklärte Remus auf den fragenden Blick seines Mannes hin. „Dort hat er sich festgehalten, und ich bin in die Wohnung. Dadurch, dass wir die Tür mit Magie kodiert haben, konnte ich auch als Wolf nach drinnen. Wir sollten sie vielleicht noch ändern, dass Harry nachts nicht alleine nach draußen kann.“

Severus nickte knapp, darüber hatte er auch schon nachgedacht. „Harry, ist mit dir jetzt alles in Ordnung?“, fragte er dennoch.

„Ich … ich weiß nicht.“, murmelte der Junge. „Bin ich wirklich wach?“ Er konnte kaum glauben, was er hörte.

„Ja, du bist wach, Welpe.“, schmunzelte Remus. „Wir wollten dir das erst erzählen, wenn du älter bist, damit du keine Angst vor mir hast. Dass du es nun herausgefunden hast, war ungeplant und hat uns genauso überrascht wie dich. Aber bitte versprich mir, dass du mir nicht wieder hinterher kommst. Auch wenn ich dich nicht beiße, ich bin dennoch gefährlich, weil im Wolf die Instinkte viel dichter an der Oberfläche sind und da kann viel passieren, das will ich nicht. Außerdem ist der Wolf viel stärker, er kann dich leicht verletzen, wenn er nur spielen will.“

„Okay, Daddy.“, versprach Harry. Er schmiegte sich an Severus und sah ihn mit großen, bittenden Augen an. „Darf ich dann bei dir schlafen, Dad? Wenn Daddy nicht da ist?“ Da war sie wieder, die Unsicherheit des kleinen, misshandelten Jungen.

Severus lächelte ihm aufmunternd zu. „Wenn du das gerne möchtest, dann können wir das machen.“ Er nahm Harry in den Arm, der noch immer auf Remus' Schoß saß. „Und jetzt sollten wir frühstücken. Aufregung macht hungrig, und wir alle haben seit gestern Abend nichts gegessen. Heute und morgen haben wir Zeit, schließlich ist Wochenende. Daddy muss sich ausruhen, aber vielleicht machen wir etwas gemeinsam?“

„Okay.“, stimmte Harry zu und sie standen auf, um sich in die Küche zu setzen. Dort wartete das Frühstück schon auf sie und sie aßen in Ruhe. Anschließend legte Remus sich wieder in das große Bett, während Harry zusammen mit Severus Tycho fütterte, wickelte und anzog. Schließlich zogen auch die beiden Schwarzhaarigen sich an.

„Und, was möchtest du machen?“, fragte Severus, der heute den Kleinen im Tragetuch hatte. Allerdings mit Korsett, auch wenn er nie zugeben würde, dass es ihm nicht besonders gut ging. Aber ihm war klar, dass es nur schlimmer wurde, wenn er das Korsett nicht trug. „Ich würde nur gerne bei Albus vorbei gehen, er hat heute Nacht geholfen, dich zu suchen und ich will mich bedanken. Aber danach darfst du entscheiden.“

Harry griff nach Severus' Hand und sie gingen gemeinsam durch die Schule. Die Schüler kamen zum Teil gerade vom Frühstück oder gingen in die Bibliothek, um Hausaufgaben zu machen. Alle grüßten höflich, aber zurückhaltend. Sie wussten, dass ihr Professor ziemlich allergisch darauf reagierte, wenn sie seinen Sohn ängstigten.

„Bill!“, rief Harry plötzlich fröhlich und ließ die Hand los, um sich auf den Rothaarigen zu stürzen. Der fing ihn auf und wirbelte ihn durch die Luft. „Hallo Harry, mein Kleiner!“, lachte er.

„Machst du auch Aufgaben?“, wollte der Jüngere wissen. Severus lehnte sich an die Wand und wartete ab, froh darüber, dass der Junge so offen war.

„Ja, ich muss für deinen Dad einen Aufsatz schreiben und wollte gerade in die Bibliothek dafür, damit ich alles finde, was ich wissen muss.“, erklärte der Siebtklässler. „Und dann muss ich auch noch für andere Lehrer Hausaufgaben machen, weil ich diese Woche so viel trainiert habe. Kommst du heute Nachmittag zum Spiel?“

Fragend sah Harry zu Severus. Der ging auf ihn zu. „Möchtest du denn gerne zusehen?“, fragte Severus. Strahlend nickte Harry. „Dann werden wir hingehen.“, entschied der Tränkemeister. „Und sie, Mister Weasley, enttäuschen mich hoffentlich nicht. Sport mag wichtig sein, aber die Noten entscheiden darüber, ob sie ihren Beruf ausüben können oder nicht. Und ich weiß zufällig, das Gringotts nur die Besten nimmt.“ Jeder Lehrer in Hogwarts kannte den Berufswunsch des Rothaarigen, und Severus traute es ihm sogar zu, das zu schaffen. Nur wenige Zauberer schafften es, die Kobolde von ihren Qualitäten zu überzeugen, aber dieser Weasley hatte das Zeug dazu. Wenn auch Severus das niemals laut sagen würde.

„Natürlich, Professor.“, gab Bill ernst zurück, bevor er wieder zu Harry sah: „Dann bis heute Nachmittag. Charlie spielt auch mit. Und wenn du magst, dann drehen wir danach eine Runde auf dem Besen mit dir!“ Er winkte dem Sechsjährigen nochmal, dann ging er in Richtung Bibliothek davon.

Harry griff wieder nach der Hand seines Vaters und blickte ihn an. „Darf ich mit Bill fliegen?“, bettelte er mit Hundeblick. Severus zog es vor, erst einmal zu schweigen. Er selbst mochte Fliegen überhaupt nicht und wollte Harry lieber sicher auf dem Boden wissen, aber er wusste auch, dass der Junge das Fliegen liebte, und dass Bill und Charlie sehr verantwortungsbewusst waren. Auch wenn er das niemals laut sagen würde. Das konnte schließlich nicht angehen, dass er – als Slytherin – einen Gryffindor loben würde. Er lehnte es nicht sofort ab, das war alles an Zugeständnis, zu dem er bereit war. Harry schien zu begreifen, dass es keine Absage war, und hakte nicht weiter nach. Außerdem waren sie nun am Wasserspeier angekommen, der den Zugang zum Büro des Schulleiters bewachte.

„Eis-Mäuse.“, sagte Severus zu dem Wasserspeier, und er machte den Weg frei. Staunend folgte Harry seinem Dad auf die Treppe, die sie nach oben trug. Mit riesigen Augen beobachtete er, wie sich die Treppe bewegte. Am Ende angekommen klopfte Severus mit einem Türklopfer an die Tür und trat einen Moment später ein, als eine Stimme aus dem Inneren „Herein“ rief.

„Severus und Harry!“, begrüßte Albus sie. „Alles wieder in Ordnung?“

„Ja. Vielen Dank für deine Hilfe, Albus.“, antwortete Severus. „Harry ist Remus gefolgt und hat die Verwandlung beobachtet. Moony hat ihn zurückgebracht und er hat danach friedlich bis heute Morgen geschlafen. Jetzt weiß Harry auch über Remus' andere Seite Bescheid. Ich wollte mich nur noch einmal persönlich bedanken, dass du geholfen hast, ihn zu suchen.“

„Gerne, Severus.“, gluckste der Schulleiter. „Zitronenbonbon?“

„Nein danke.“, lehnte Severus ab, und auch Harry trat lieber einen Schritt zurück und griff nach der Hand seines Vaters.

„Wie geht es Remus?“, wollte Albus dann wissen.

„Er ruht sich aus. Die letzte Nacht hat er bei uns verbracht, wollte Harry nicht alleine lassen.“, informierte der Tränkemeister. „Wir haben Harry wie gesagt heute Morgen aufgeklärt, er weiß nun über seinen Vater Bescheid.“ Ein kurzes Schweigen entstand, in dem Harry sich in dem Büro umsah. Er bemerkte nicht, dass die beiden Erwachsenen ihn beobachteten. Nach einem kurzen Moment begannen Severus und Albus ein Gespräch über die Möglichkeiten, die Schlange zu finden, die der Kleine angeblich gesehen hatte, und die Überlegung, ob es sich um Nagini handeln könnte. Seit Schulbeginn diskutierten sie darüber, doch Albus war sicher, dass Nagini mit dem Horkrux nicht unbemerkt auf das Gelände käme, da er die Schutzbanne entsprechend verändert hatte. Eine Schlange alleine wäre unauffällig, daher war es durchaus möglich, dass Harry eine gesehen hatte, doch keiner der Geister hatte etwas gefunden. Wahrscheinlich war es eine der gemalten Schlangen gewesen, die genau wie die Portraits gerne die Bilderrahmen wechselten. Sie sprachen betont leise, um den Jungen nicht darauf aufmerksam zu machen, doch Harry war vollkommen fasziniert von dem Phönix Fawkes. Er ließ die Hand seines Vaters los und ging zu dem Feuervogel. Der hüpfte von seiner Stange und setzte sich auf die Kante des Schreibtisches, sodass Harry ihn erreichen konnte. Vorsichtig strich er ihm über das Gefieder, und Fawkes schloss die Augen und schmiegte sich an die Hand des Kindes.

„Können wir jetzt ins Stadion gehen?“, bettelte Harry, kaum dass er seine Portion gegessen hatte. „Bitte!“ So zappelig wie heute war er selten, eigentlich nie. Harry war wirklich ein braves Kind.

Remus war im Lauf des Vormittags langsam wach geworden, aber bis Mittag liegen geblieben. Severus hatte das Essen bei den Elfen geordert, um Remus zu entlasten, und nun saßen sie zusammen am Tisch. Harry war aufgeregt, er wollte endlich ein richtiges Quidditchspiel sehen. Sein Daddy und Sirius hatten ihm von den Spielen seines Vaters erzählt, wie er als Jäger erfolgreich seine Mannschaft zu Siegen geführt hatte. In den Ferien, wenn er mit Remus bei den Weasleys gewesen war, hatten ihm auch die beiden ältesten Kinder, Bill und Charlie, von den Spielen erzählt. Bill hatte nun sein letztes Jahr angefangen und Charlie war in der fünften Klasse. Er war seit Beginn des Jahres sogar Kapitän der Mannschaft.

„Wir werden erst in Ruhe fertig essen und Tycho füttern.“, entschied Severus. „Wir werden dann immer noch rechtzeitig kommen. Und keine Sorge, einen Platz bekommen wir auf jeden Fall und du wirst auch alles sehen können.“

Harry bemühte sich, ruhig sitzen zu bleiben, er wollte seinen Dad nicht verärgern. Und doch konnte er es kaum erwarten. Charlie hatte ihm erzählt, dass er als Sucher derjenige war, der das Spiel beenden und oft sogar entscheiden konnte, wenn er den kleinen, goldenen Schnatz fing, einen Ball mit Flügeln. Bill, der als Jäger spielte, machte Punkte, wenn er den Quaffel, eine großen Ball, der nicht magisch war, durch einen der Torringe der Gegner warf. Dann gab es noch die Klatscher, hatte Charlie ihm auch erzählt, die von den Treibern auf die Gegner geschossen wurden, damit die aus dem Spiel kamen. Und er oder sein Bruder wollten am Ende mit ihm fliegen, auf einem Besen, der viel höher und schneller als sein eigener fliegen konnte. Auch wenn sein Dad das noch nicht erlaubt hatte, wollte Harry nicht darüber nachdenken, denn er wollte unbedingt mit ihm fliegen. Normalerweise war sein Dad nicht böse auf Bill, der als Schulsprecher wohl ganz annehmbar für einen Gryffindor war. Der Sechsjährige wusste nicht viel über die Häuserrivalitäten, aber zumindest war sogar ihm klar, dass Gryffindor für seinen Dad, der ein Slytherin war, ein rotes Tuch darstellte.

Remus schmunzelte nur, er kannte seinen Mann und dessen Abneigung gegen alles, was mit Fliegen zu tun hatte. Eigentlich hatte es ihn ziemlich überrascht, dass er es zugelassen hatte, dass Harry auf einem Kinderbesen fliegen durfte. Er konnte aber auch die Aufregung von dem Kleinen verstehen, so ein Spiel erhitzte die Gemüter, und es war auch noch DAS Spiel der Saison, Gryffindor gegen Slytherin. Es war immer wieder das Spiel, bei dem Remus und Severus verschiedene Favoriten hatten. Als ehemaliger Gryffindor fieberte er natürlich mit den Löwen mit, während Severus logischerweise mit seinen Schlangen sympathisierte. Sie hatten schon häufiger gewettet und auch heute lief es darauf hinaus. Doch das musste offenbar warten, bis sie im Stadion waren, so zappelig wie Harry war.

Endlich waren alle fertig, und auch Tycho gefüttert und frisch gewickelt. Remus half Severus, ihn ins Tragetuch zu wickeln, da der Tränkemeister ihn nehmen wollte. Remus tat sich leichter, Harry zu tragen, denn in dem Gewühl, das sicherlich entstand, wollten sie ihn nicht vollkommen sich selbst überlassen. Wurde er von ihnen getrennt, reagierte er immer noch mit Panik. Und das wollten sie Beide vermeiden. Als sie die Wohnung durch die Tür zum Außengelände verließen, konnten sie in der Ferne schon die Schüler sehen, die zum Stadion liefen. Harry hüpfte aufgeregt auf und ab, als sie immer näher kamen. Ihn störten offenbar nicht einmal die Massen an Schülern, jedenfalls zeigten sich keine Zeichen von Unsicherheit bei ihm. Mit erhobener Augenbraue beobachtete Severus das. Er war stolz auf das, was sie in etwas mehr als einem Jahr bei dem Jungen erreicht hatten und freute sich, dass der Kleine lachen konnte und seine frühkindlichen Erfahrungen scheinbar langsam verblassten. Vergessen würde er so schnell wohl nicht, aber zumindest schien ein Neuanfang nicht nur möglich, sondern sogar schon begonnen zu haben.

Jetzt fehlte nur noch die Gewissheit, dass der Kleine wirklich sicher war. Genau wie Tycho, der sicherlich genauso gefährdet wäre, sollte der Lord zurück kommen. Severus wusste, dass er als Verräter auf der schwarzen Liste ganz oben stehen würde, wenn der Lord zurück kommen sollte, denn er würde einen der ersten Befehle seines ehemaligen Meisters verweigern, da Harry auszuliefern niemals in Frage käme. Und das würde er auf jeden Fall verlangen. Er konnte nur hoffen, dass es niemals dazu kam. Seit Lucius' Tod und der Verhaftung seiner Mitstreiter hatte es keine Überfälle nach Todesser-Muster mehr gegeben, daher schienen die Todesser nun ihre Macht verloren zu haben. Natürlich war Severus nicht so naiv zu glauben, dass kein Todesser mehr in Freiheit war, aber zumindest schienen sie nun nicht mehr organisiert zu sein. Allerdings war ihm klar, dass auch ein einzelner Feind den Kleinen hinterrücks töten könnte, und diese Angst würde er wohl nie verlieren. Remus wusste nichts davon, aber er selbst war mehreren Anschlägen in den letzten Jahren nur knapp entkommen. Allein die Tatsache, dass Albus nach dem Fall des Lords für ihn gesprochen hatte, hatte ihn auf die Todesliste ganz nach oben gebracht, da er für sie ein Verräter war. Dennoch würde er es immer vor Remus verbergen, denn dieser würde sonst vor Sorgen wohl nicht mehr schlafen können.

Doch er vertrieb die Gedanken aus seinem Kopf, heute war Quidditch angesagt, und es war Harrys erstes Spiel. Er fieberte mit, das konnte Severus sehen. Aufgeregt hüpfte der Sechsjährige weiter auf das Stadion zu, bis Remus ihn auf den Arm hob, da das Gedränge der Schüler zunahm. Severus scheuchte die Schüler auseinander; auch wenn sie ihn nun deutlich sympathischer fanden, weil er seine Söhne so fürsorglich behandelte, war er doch noch jemand, der Respekt einflößte. Die Jugendlichen wichen zurück, machten Platz für die Familie. Severus führte sie zur Tribüne für die Lehrer. Harry setzten sie zwischen sich. Mit einem leisen Knurren registrierte Severus, dass ausgerechnet der neue Kollege, Professor Quirrell, sich neben ihn setzte. Doch solange er nicht mit ihm sprach, konnte Severus ihn ignorieren und wandte daher seine Aufmerksamkeit seiner Familie zu.

„Was denkst du Harry, wer gewinnt?“, wollte Remus eben wissen.

„Charlie und Bill.“, war der Kleine sicher.

„Das denke ich auch. Gryffindor wird gewinnen!“, grinste Remus.

„Daran zweifle ich stark.“, widersprach Severus. „Meine Slytherins haben die besseren Besen, und ihr Training war sehr effektiv.“

„Okay, wollen wir wetten?“, forderte der Dunkelblonde ihn heraus. „Wenn die Löwen gewinnen, darfst du einen Monat lang keine schwarzen Sachen unter deine Robe ziehen, und die Robe bleibt offen, so lange du nicht braust.“

„Und wenn die Schlangen gewinnen?“, erkundigte sich Severus. „Bist du dann bereit, einen Monat lang auf Schokolade zu verzichten?“

Remus überlegte nur kurz, dann hielt er seinem Mann die Hand hin. „Einverstanden.“

„D … da … das ist ei … eine in … inter … interessante We … Wette.“, mischte der Professor mit dem Turban sich ein.

„Das ist eine Familienangelegenheit.“, knurrte Severus. „Und das bleibt es auch.“ Seine Ablehnung war mehr als deutlich, er hatte keine Lust, sich mehr als absolut notwendig mit ihm zu beschäftigen.

Quirrell wandte sich ab, doch er wirkte ziemlich verärgert. Severus machte sich keine Gedanken darüber, je weniger der Kerl ihn ausstehen konnte, umso weiter würde er von ihm wegbleiben, und das war ganz sicher in seinem Sinn. Remus schien skeptisch zu sein, aber das musste warten. Außerdem war es nun an der Zeit, dass das Spiel begann und die beiden Mannschaften flogen eben ins Stadion. Harry hüpfte vor Aufregung, und da sie ganz vorne standen, damit er auch genug sah, wirkte Severus einen Zauber, damit er nicht versehentlich hinunterfallen konnte. Die Spieler drehten eine schnelle Runde, dann stellten sie sich einander gegenüber auf. Madam Hooch stand in der Mitte und öffnete eben die Kiste mit den Bällen. Bevor sie die Bälle freiließ, forderte sie die Kapitäne auf, einander die Hände zu schütteln. Dann stiegen die Spieler auf ihre Besen und erhoben sich in die Lüfte. Charlie winkte in Harrys Richtung, als er an ihnen vorbei flog. Jetzt ließ die Schiedsrichterin den Schnatz und die Klatscher frei und warf den Quaffel in die Luft. Das Spiel hatte begonnen.

Der Quaffel wechselte die Hände so schnell, dass der Sprecher, Ralf Feller aus Ravenclaw, nicht hinterher kam, die Namen der Jäger zu nennen, die versuchten, ein Tor zu erzielen. Harrys Kopf schnappte hin und her, während er versuchte, dem Spielverlauf zu folgen. Währenddessen jagten die Treiber die Klatscher quer über das Spielfeld, um die Jäger aus dem Konzept zu bringen und es schien zu klappen. Die ersten Minuten waren das typische Abtasten der gegnerischen Mannschaft, das Severus und Remus bereits kannten, aber für Harry war alles neu. Charlie und der Sucher der Slytherins, Perry Bulstrode, drehten ihre Runden um das Stadion, wobei der Rothaarige Harry immer mal wieder zuzwinkerte. Der Zweitklässler, der für die Schlangen als Sucher spielte, hatte eine kleine Schwester in Harrys und Dracos Alter, wusste Severus. Eine der wenigen reinblütigen Familien, die mehr als ein Kind hatten. Die Weasleys waren eine große Ausnahme, die meisten Familien hatten nur ein oder maximal zwei Kinder. Woran das lag, wusste niemand, auch wenn das St. Mungo eine entsprechende Studie angefangen hatte.

Severus wurde von Jubel aus seinen Gedanken gerissen. Auf das Spiel blickend erkannte er, dass Bill offenbar einen ersten Treffer gelandet hatte. Harry jubelte lautstark, und Remus strahlte. Der Tränkemeister konzentrierte sich wieder auf das Spiel. Es wurde rasanter, aber auch koordinierter. Die Mannschaften fanden in das Spiel hinein, und die Pässe wurden genauer. Eben hatte Kaylee Cole, eine blonde Jägerin aus Slytherin, den Quaffel an die Kapitänin der Schlangen, Tara Jackson, abgegeben und brachte mit ihrem Wurf den Hüter der Gryffindors, einen Zweitklässler namens Sean Scott, in kurze Bedrängnis, doch er konnte abwehren. Der Quaffel fiel einige Meter in die Tiefe, dann fing Aidan Shaw ihn und gab ihn an Tara Jackson ab, die es erneut versuchte und diesmal traf sie den Ring.

„Ausgleich! Tara Jackson trifft für Slytherin und gleicht aus. 10 zu 10 ist der neue Stand!“, verkündete Ralf lautstark. „Doch Gryffindor ist nun im Besitz des Quaffels, Sharon Wright, ein Neuzugang bei den Löwen, passt zu Bill Weasley, der sein letztes Jahr hier in Hogwarts ist. Oh nein, das war ein Klatscher, Bill, dem hättest du besser ausweichen sollen! Trent Marshall hat den Klatscher gut gezielt!“

„Bill?“, schniefte Harry ängstlich.

„Keine Sorge, es geht ihm gut!“, versicherte Remus und deutete nach unten. Bill war nur einen Moment desorientiert gewesen, dann hatte er sich wieder gefangen. Den Quaffel hatte er verloren, aber Ian MacLaughlin war zur Stelle gewesen und hatte ihn gefangen, flog nun auf die Torringe zu, vor denen Samuel Clemens hin und her flog. Doch statt direkt auf das Tor zu zielen, gab er überraschend an Sharon Wright ab, die den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit des gegnerischen Hüters ausnutzte und das nächste Tor erzielte. Bill winkte Harry zu, scheinbar hatte er gesehen, wie panisch der Kleine einen Moment wirkte. Aber er musste sich wieder konzentrieren, die Slytherins waren in etwa gleichstark und das Spiel versprach, richtig spannend zu werden. Harrys Augen folgten den verschiedenen Bällen, wandten sich aber immer wieder zu Charlie, der nach dem kleinen goldenen Schnatz suchte. Er hatte einen Schnatz gesehen, da sie einmal zum Ende des Trainings ins Stadion gekommen waren und Charlie ihm den Ball gezeigt hatte.

Plötzlich raste Charlie gen Boden. Die Augen aller Zuschauer wandten sich ihm zu und Perry Bulstrode flog eilig in die gleiche Richtung. Rasch suchten Remus' Augen die Flugbahn ab, er war schneller mit den Augen als die anderen Zuschauer, da er seine Wolfssinne auch außerhalb des Vollmondes zumindest zum Teil nutzen konnte. Doch er sah nichts. „Ein Bluff.“, murmelte er und setzte auf Harrys fragenden Blick hinzu: „Er tut nur so, um den Sucher der Slytherins zu verwirren. Schau, er zieht wieder hoch.“

Im letzten Moment unterbrach Charlie seinen Sturzflug und stieg nach oben, beobachtete kurz seinen Gegner, und machte sich dann wieder auf die Suche nach dem Schnatz. Perry Bulstrode konnte gerade so eben eine Zusammenstoß mit dem Boden vermeiden und trudelte ein wenig, bevor er wieder nach oben flog. In dieser Zeit hatten die Jäger es geschafft, noch zwei Tore für Gryffindor und eines für Slytherin zu erzielen. Das Spiel wurde immer schneller und komplexer, nach einer halben Stunde stand es 120 zu 110 für Slytherin. Harry fieberte mit und nicht wenige Zuschauer warfen ihm immer wieder Blicke zu.

Gerade als Bill einen erneuten Wurf auf die Torringe von Slytherin startete, entstand Unruhe auf der Lehrertribüne. Eine Schülerin bahnte sich ihren Weg nach vorne. Sie kam hinter den Lupins zum Stehen. „Professor Snape-Lupin?“, erbat sie die Aufmerksamkeit des Tränkemeisters.

„Miss Kani?“, drehte sich Severus zu ihr um. Er ahnte, dass etwas nicht stimmte, als er das Gesicht des Mädchens sah. Sie wirkte besorgt.

„Madam Pomfrey schickt mich, sie zu holen.“, erklärte die Schülerin aus der ersten Klasse Ravenclaw zittrig. „Einer ihrer Schüler wurde in den Krankenflügel gebracht und sie sagte, sie bräuchte sie dringend, Professor.“

„Ich komme.“, gab der Schwarzhaarige knapp zurück, während seine Hände bereits an dem Tragetuch nestelten. Remus griff nach ihrem Sohn, sobald das Tuch gelöst war, und wickelte es um seinen Oberkörper. Man konnte sehen, dass er geübt darin war. Er zog Harry zu sich und nickte Severus kurz zu. Der Hauslehrer der Slytherins bahnte sich seinen Weg ziemlich rücksichtslos, und schnell machten ihm Lehrer und Schüler Platz, sodass er das Stadion verlassen konnte. Kaum draußen beschleunigte er seine Schritte und rannte beinahe bis in den Krankenflügel. „Poppy?“, fragte er ein wenig atemlos.

„Hier.“, antwortete die Heilerin von hinter einem Wandschirm. Severus trat hinzu. Auf dem Bett lag Jayla Berger, eine Erstklässlerin aus seinem Haus. Sie war blass und schweißgebadet, zitterte unkontrolliert und war offenbar nicht bei Bewusstsein.

„Was ist passiert?“, wollte Severus wissen.

„Ein Schlangenbiss.“, zeigte Poppy ihm die kleinen Löcher in Jaylas Arm. „Offenbar giftig, aber ich weiß leider nicht, welche Art Schlange das war. Hast du einen Trank, der das Gift neutralisieren kann, ohne zu wissen, welches Gift es ist?“

„Keinen Trank, aber ich hole einen Bezoar.“, gab Severus zurück, während er bereits am Kamin stand. Mit Flohpulver war er deutlich schneller. Nur eine Minute später war er zurück und reichte der Heilerin einen kleinen Klumpen. Sie griff danach und zwang dann den Mund der braunhaarigen Schülerin auf, drückte den Stein hinein. Es dauerte einen Moment, dann bekam das Mädchen langsam wieder ein wenig Farbe und das Zittern ließ nach. Poppy wirkte einen Diagnostik- und einige Stabilisierungszauber. Die Atmung der Schülerin wurde ein wenig gleichmäßiger und tiefer. Beunruhigt beobachtete Severus jede Regung und hoffte auf eine Entspannung des Gesichtsausdrucks der Heilerin. Die wirkte noch immer sehr besorgt, konnte jedoch nichts tun, da sie keine Ahnung hatte, welche Art Schlange Jayla gebissen hatte.

Severus bat um eine Blutprobe, damit wollte er im Labor analysieren, welches Gift genau in Jayla wirkte. Der Bezoar müsste das Gift neutralisieren, aber nur, solange das Gewebe nicht zu viel davon abbekommen hatte. Sollte das der Fall sein, brauchte er ein exakteres Gegengift. Und dafür musste er das Gift kennen. Mit der Blutprobe ging er in die Kerker und setzte sofort einen Kessel auf. Für die Analyse brauchte er einen Trank, der frisch sein musste. Es dauerte nur einige Minuten, bis der Trank fertig war und er gab einige Tropfen des Blutes dazu. Mit entsprechenden Zaubern trennte er nun die einzelnen Bestandteile voneinander und ließ sie auf ein speziell präpariertes Pergament tropfen. Mehrere Augenblicke vergingen, die Severus angespannt abwartete. Dann bildeten sich die ersten Linien auf dem Pergament. Der Tränkemeister wartete ungeduldig, und seufzte dann enttäuscht auf. Das Gift war keiner bekannten Schlange zuzuordnen. Eine Art Auflistung der Bestandteile entstand.

„Severus?“, hörte er plötzlich eine fragende Stimme aus seinem Büro. Schnell eilte er hinüber und sah die Heilerin im Kamin. Sobald sie ihn sah, sprach sie weiter: „Jayla ist wach und es scheint, als hätte der Bezoar das Gift neutralisiert. Ich behalte sie zur Beobachtung noch einen Tag hier, aber ich kann nichts mehr feststellen. Wie weit bist du?“

„Ich konnte die Bestandteile herausfiltern, aber es ist kein bekanntes Gift.“, klärte Severus sie auf. „Ich werde ein Gegengift entwickeln, wenn das möglich ist, sollte es weitere Bisse geben. Wir müssen Albus informieren, dass die Möglichkeit besteht, eine gefährliche Giftschlange ist im Schloss. Allerdings wage ich anhand der Bestandteile zu behaupten, dass das Gift nicht natürlichen Ursprungs ist. Hat Miss Berger etwas gesagt?“

„Nein. Sie kann sich nicht erinnern.“, schüttelte Poppy bedauernd ihren Kopf. „Das letzte, was sie weiß, ist dass sie die Bibliothek verlassen wollte, um zum Spiel zu gehen, auch wenn sie schon ein wenig spät dran war.“

„In Ordnung. Danke.“, entspannte Severus sich ein wenig. „Ich werde nach draußen gehen und sehen, wie das Spiel gelaufen ist. Harry hat es sich angesehen.“

„Das war sicher ein Erlebnis für den Kleinen!“, lächelte die Heilerin und verabschiedete sich.

Severus schmunzelte ebenfalls kurz, dann ging er nach draußen. Morgen würde ein Labortag werden, er wollte das Gegengift bald entwickeln, aber Remus sollte wissen, was los war und auch Albus musste informiert werden. Poppy blieb nun sicher im Krankenflügel, wahrscheinlich wartete sie nur darauf, dass das Spiel zu Ende war und sie die Verletzten versorgen musste. Er musste mit Remus reden, irgendwas war da vor dem Spiel passiert, als Quirrell mit ihnen gesprochen hatte. Außerdem – auch wenn er das nicht zugeben wollte – interessierte ihn, wer die Wette gewonnen hatte. Musste er nun wirklich einen Monat lang farbige Kleidung tragen? Oder aber Remus von der Schokolade fernhalten? Während er nach draußen ging, wunderte er sich ein wenig über die Ruhe. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass Essenszeit war, also hielten sich die Schüler wohl in der großen Halle auf, falls das Spiel zu Ende war. Und davon ging Severus aus, ansonsten würde er das hören. Der Lärm im Stadion war bis zum Schloss leicht zu hören, und es war still, als Severus nach draußen trat. Er nahm nicht den Umweg durch das Schloss, sondern seine Tür im Wohnzimmer.

Remus und Harry kamen ihm nicht entgegen, also waren sie entweder durch das Schloss nach innen gegangen, oder aber noch im Stadion. Da die Weasleys Harry fliegen lassen wollten, nahm er Letzteres an. Und richtig, als er das Stadion betrat, hörte er das helle, fröhliche Kinderlachen von Harry. Remus stand an der Seite und grinste von einem Ohr zum anderen, während er Tycho fütterte. Severus wagte einen Blick nach oben und bekam beinahe einen Herzinfarkt. Charlie Weasley flog in mindestens zehn Metern Höhe mit Harry vor sich auf dem Besen und beschleunigte eben sogar noch einmal. In einer halsbrecherischen Spirale flogen sie auf den Boden zu, und erst in eineinhalb Metern Höhe riss der Rothaarige den Besen gerade und hielt direkt vor seinem Professor an.

„Dad!“, strahlte Harry. Severus sah erst jetzt, dass er mit dem Tragetuch an Charlies Brust gebunden war, damit der Rothaarige die Hände frei hatte. „Das war toll! Charlie kann richtig schnell fliegen! Und ich konnte bis zum Dorf sehen!“ Strahlend und mit roten Wangen ließ sich Harry entfesseln und stieg dann vom Besen. Die Weasley-Brüder verabschiedeten sich von Harry und gingen in die Umkleide.

Severus wandte sich an seinen Mann. „Wie ist das Spiel ausgegangen?“, wollte er wissen.

Grinsend antwortete Remus: „540 zu 390. Für Gryffindor. Die Mannschaften waren wirklich gleich stark, aber Charlie als Sucher war um Längen besser als dein Schüler. Ich werde mich noch heute um deinen Kleiderschrank kümmern!“ Seine Gesicht strahlte in Vorfreude, endlich konnte er seinen Partner in anderer Kleidung sehen als immer nur schwarz. Natürlich, schwarz stand Severus gut, aber das bedeutete nicht, dass andere Farben nicht auch mal schön an ihm aussahen.

„Nicht dein Ernst.“, entgegnete Severus entsetzt.

„Oh doch, mein Lieber!“, lachte Remus. „Das ist mein absoluter Ernst. Schau doch auf die Anzeigentafel!“ Entsetzt sah Severus nach oben und hoffte immer noch, dass es ein Scherz war, doch die Anzeigetafel zeigte genau das Ergebnis, das Remus ihm gesagt hatte. Und diese Tafel war magisch, sie konnte nicht manipuliert werden. Innerlich fluchend drehte sich Severus wieder zu dem immer noch breit grinsenden Remus um. Der nahm Tycho hoch, der seine Flasche ausgetrunken hatte. Sein Gesicht wurde ernst. „Was war los, warum bist du während dem Spiel gegangen?“, wollte er wissen.

Severus warf einen Blick auf Harry, der allerdings damit beschäftigt war, mit seiner Katze herumzutoben. Also bekam er gerade nichts mit, würde sich nicht sorgen. „Poppy brauchte mich. Eine meiner Schülerinnen wurde von einer Schlange gebissen. Ich musste das Gift analysieren und sie hatte Glück, dass ein Bezoar geholfen hat. Das Gift ist offenbar nicht natürlichen Ursprungs, ich werde ein Gegengift entwickeln müssen. Morgen bin ich wohl den ganzen Tag im Labor, wenn wir eine gefährliche Schlange im Schloss haben, muss auch ein Gegengift vorhanden sein. Tut mir leid, ich weiß, wir wollten ins Dorf gehen.“

„Schon gut, die Sicherheit der Kinder geht vor.“, winkte Remus ab. „Wir werden noch öfter die Möglichkeit haben, ins Dorf zu gehen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Vielleicht machen wir dann zu dritt einen Ausflug, Sirius wollte schon eine ganze Weile in den Zoo in London mit Harry. Wie lange wirst du im Labor brauchen?“

„Ich weiß es nicht. Das Gift ist ziemlich komplex, ich bin nicht einmal sicher, ob ich es auf einmal schaffe.“, seufzte Severus. „Ich gehe zu Albus, er muss davon wissen. Wollen wir Essen bei den Hauselfen bestellen? Harry sieht ziemlich müde aus.“

„Ich habe schon etwas fertig, das braucht vielleicht noch zehn Minuten, bis es wieder warm ist.“, lächelte Remus. „Geh zu Albus, ich mache Harry in der Zeit bettfertig.“

„Rede nochmal mit ihm wegen der Schlange, die er vor Schulbeginn gesehen hat. Langsam habe ich den Eindruck, dass er vielleicht doch kein Bild gesehen hat. Möglicherweise kann er uns einen Hinweis geben.“, überlegte der Tränkemeister.

„Mach ich.“, versprach sein Mann. „Frag du auch Albus, er soll mal die Bilder und Geister befragen.“

Mit einem kurzen Kuss verabschiedete sich Severus für den Moment von seinem Gefährten. Er war nicht der Typ für intime Momente in der Öffentlichkeit, aber seit der Bindung – oder vielleicht auch schon seit der Schwangerschaft – hatte er ein größeres Bedürfnis nach Nähe als vorher. Seines Wissens nach war es eine Art Nebenwirkung der Bindung und wurde mit der Zeit weniger. Er beeilte sich, in das Büro von Albus zu gelangen, in der Hoffnung, dass dieser schon vom Essen zurück war. Unterwegs überlegte er, wie groß die Schlange sein müsste, ausgehend von der Größe der Bisswunde, die Jayla Berger hatte. Seine Vermutung ging dahin, dass sie mindestens 4 Meter sein müsste. Schockiert hielt er inne. Vier Meter? Ein Bild blitzte vor seinem inneren Auge auf. Nagini. Aber er schüttelte den Kopf. An solche Zufälle glaubte er nicht, warum sollte die Schlange jetzt auftauchen, obwohl sie vor etwas über drei Monaten versucht hatten, sie anzulocken. Einige Tage später, das hätte er verstanden, aber jetzt? Nach dieser Zeit. Nein, das war wohl nicht möglich. Außerdem meinte Albus doch, dass er einen Zauber gewirkt hatte, um zu merken, sollte Nagini mit dem Horkrux die Grenzen von Hogwarts überqueren. Dann fiel ihm die Schlange ein, von der Harry vor einiger Zeit gesprochen hatte. War es doch echt gewesen? Hatte er die Schlange gesehen, die jetzt Miss Berger gebissen hatte? Aber warum war dann bisher nichts passiert? Nicht dass er böse deswegen war, aber es war schon sehr mysteriös.

„Herein!“, rief Albus aus dem Inneren, als Severus den Türklopfer benutzte. „Ah, Severus! Guten Abend. Was kann ich für dich tun?“

„Guten Abend, Albus.“, erwiderte Severus höflich. „Eine meiner Schülerinnen, Jayla Berger, zweite Klasse, wurde heute etwa zu Beginn des Spiels von einer Schlange gebissen.“ Severus berichtete, was im Krankenflügel und in seinem Labor passiert war und teilte seine Überlegungen mit dem Direktor.

Nachdenklich sah Albus zu Severus und spielte geistesabwesend mit einer Feder. Schließlich wurde sein nachdenklicher Blick wieder klar und er wandte sich Severus zu. „Ich weiß nicht genau, was das bedeutet, aber ich hoffe, dass du schnell ein Gegenmittel brauen kannst.“, begann der Weißhaarige. „Deine Theorien sind nicht schlecht. Ja, es mag unwahrscheinlich klingen und ich habe keine Ahnung, ob es stimmt oder nicht. Der Schutz um Hogwarts ist eigentlich noch immer so ausgerichtet, dass ich es spüren müsste, wenn Nagini, die ja einen Horkrux in sich trägt, die Grenzen passiert. Natürlich gibt es sicher Wege, das zu umgehen. Dennoch ist der Horkrux eine Art, die Schlange zu verändern, dass sie im Schutz auffallen sollte. Daher ist es nicht gerade wahrscheinlich, dass es tatsächlich Nagini ist. Aber eines habe ich in meinen 120 Jahren gelernt: Egal wie unwahrscheinlich etwas sein mag, wenn es möglich ist, dann behalte es im Hinterkopf. Das außer Acht zu lassen, könnte der letzte Fehler sein. Wir werden die Augen offen halten. Ich setze morgen in der Früh eine Lehrerkonferenz an, bis dahin werde ich ein wenig forschen, möglicherweise finden wir Hinweise. Und die Geister und Bilder werde ich bis dahin auch befragen.“

„In Ordnung, ich werde da sein.“, versprach Severus.

„Gut. Brauchst du Hilfe im Labor? Bill Weasley könnte dir helfen, er ist ziemlich gut.“, schlug Albus vor.

„Nein, ich denke, das wird nicht nötig sein.“, lehnte Severus ab. „Es geht nicht darum, einen Trank zu brauen, sondern darum, etwas völlig Neues zu entwickeln. Das ist Meisterniveau.“ Einen Gryffindor und dann auch noch einen Weasley in seinem Labor? Niemals. Diese beiden Rothaarigen hatten genug angerichtet. Ja, er liebte Tycho über alles – auch wenn er das nicht laut aussprach – aber es war ihm aufgezwungen worden, ohne dass er eine Entscheidungsmöglichkeit gehabt hätte. Vielleicht hätte er das irgendwann tatsächlich in Erwägung gezogen, denn er wusste, wie sehr Remus Kinder liebte, aber erst dann, wenn die Gefahr, die von Voldemort ausging, gebannt war. Dieser Gedanke brachte ihn zurück in die Gegenwart. „Gibt es andere Hinweise auf Nagini?“, wollte er wissen.

„Nein, leider nicht.“, seufzte Albus. „Aber zumindest bin ich inzwischen sicher, dass es nicht mehr Horkruxe gibt. Ich habe deinen Vorgänger noch einmal intensiv befragt. Riddle war in Horaces Club, damals zu seiner Schulzeit. Und Horace hatte einen Narren an Tom gefressen. Ihn hatte Riddle damals gefragt, was passieren würde, wenn er nicht nur einen, sondern sechs Horkruxe erschaffen würde, also sieben Teile seiner Seele. Das bedeutet für uns, wenn wir Nagini vernichtet haben, ist die Gefahr tatsächlich gebannt. Das Tagebuch hat die Wahrheit geschrieben.“

Etwas enttäuscht verabschiedete Severus sich von seinem Vorgesetzten und ging zurück in die Kerker. Harry kam ihm im Schlafanzug entgegen, seine Haare rochen frisch gewaschen. Remus rief aus der Küche, das Essen war fertig. Anschließend brachten sie Harry ins Bett. Laut Remus hatte Harry eine große Schlange in der Nähe der Bibliothek in einer Nische entdeckt und nur kurz einen guten Tag gewünscht, woraufhin sie freudig überrascht war, jemanden zu treffen, der ihre Sprache konnte und so freundlich war. „Sie haben sich wohl nur sehr kurz unterhalten, weil die Schlange auf der Jagd nach einer Ratte war. Harry hat sie nicht einmal deutlich gesehen, sie war im Schatten.“, berichtete Remus ein wenig enttäuscht.

„Albus erkundigt sich bei den Bildern und den Geistern. Ach und Remus? Was genau ist heute Nachmittag passiert, als Quirrell bei uns saß?“, hakte Severus nach.

„Du hast es gemerkt, nicht wahr?“, schmunzelte der Werwolf. „Ich habe nur gemerkt, dass er irgendwas verbirgt und Angst vor mir hat. Leider nichts Konkretes.“

„Also können wir nur weiter beobachten.“, seufzte der Tränkemeister und sein Mann nickte.

„Und jetzt, mein Lieber, ist dein Kleiderschrank dran!“, verkündete Remus, als sie eine Weile geschwiegen hatten, und marschierte ins Schlafzimmer.

„Oh nein!“, wisperte Severus, wusste aber, dass es sowieso passieren würde. Immerhin hatte er sich auf diese Wette eingelassen. „Aber bitte, Remus, mach mich nicht ganz und gar lächerlich.“ Er dachte an die Kleidung von Albus und ihm wurde ziemlich flau. Schnell eilte er hinter seinem Gefährten her und beobachtete ihn bei seinem Zauber. Da er Remus' Verwandlungskünste kannte, war ihm klar, dass er die Kleidung nicht einfach wieder schwarz färben konnte, wenn er außer Sicht war, dafür sorgte Remus mit Sicherheit. Zumindest waren die Farben nicht so schreiend, wie er es befürchtet hatte. Die Hosen wurden zumeist blau, grün oder weiß, die Hemden ebenso, auch wenn er dort noch mehr Farben unterbrachte, gelb, rot und orange. Einige versah er auch mit Mustern, aber die würde Severus wahrscheinlich nicht tragen. Das zumindest stand ihm offen, er konnte anziehen, was er wollte. Seine Lehrerrobe blieb schwarz, aber er musste sie offen lassen, wenn er nicht gerade braute. Das würde sicher für die nächsten Gerüchte sorgen.

Den Sonntag verbrachte er im Labor. Solange er nicht darüber nachdachte, was er unter seinen Roben trug, war alles in Ordnung. Seine Roben konnte Remus nicht färben, denn diese waren so präpariert, dass sie nicht unter Spritzern von Tränken oder Ausdünstungen, Resten von Zutaten litten, deshalb waren sie nicht mehr veränderbar. Severus zwang sich, nicht weiter darüber nachzudenken, denn jetzt musste er all seine Konzentration auf die Entwicklung richten. Leider konnte er am Ende des Tages keinen Erfolg verbuchen, ein Gegengift war ihm nicht gelungen. Die Lehrerkonferenz hatte ohne ihn stattgefunden, Albus hatte mit ihm überein gestimmt, dass ein Gegengift zu finden wichtiger war, und kam anschließend in sein Labor, um zu berichten, dass es keine neuen Erkenntnisse gab, aber alle Lehrer nun die Augen offen hielten. Von den Geistern hatte er nichts erfahren, sie achteten wenig auf lebende Tiere, wie es schien. Die Portraits berichteten zumindest davon, dass zu dem Zeitpunkt, als Harry die Schlange gesehen hatte, eine größere, etwa drei bis fünf Meter lange Schlange in dunklen Ecken unterwegs gewesen war, aber sie hatten lange nichts mehr davon gesehen. Somit war nur klar, dass Harry tatsächlich mit einer echten Schlange gesprochen hatte, und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass es die Schlange war, die Jayla gebissen hatte, doch weiter kamen sie damit auch nicht. Albus ordnete an, dass die Geister und Bilder sowie die Lehrer sich sofort bei ihm melden sollten, falls sie gesichtet wurde.

Remus hatte seine Ankündigung in die Tat umgesetzt und sie waren mit Sirius, Draco, Blaise, Narzissa und Devon in den Zoo gegangen. Am Abend fiel Harry völlig erschöpft in sein Bett und sogar Tycho schien müde zu sein, er schlief in dieser Nacht zum ersten Mal komplett durch, bis Severus am Morgen aufstand, da er unterrichten musste.

In einer weißen Hose und einem grünen Hemd ging er in die große Halle zum Frühstücken. Seine Robe war vorne offen, wie es seine Wettschuld erforderte, und flatterte um seinen Körper. Sobald er eintrat, wurde es leise in der Halle, die Schüler starrten ihn mit großen Augen an. Vereinzelt konnte er Kommentare wie „Und das versteckt er sonst?“ oder „Der Typ ist heiß, das soll Professor Snape sein?“ hören. Er schoss mit dunklen Blicken um sich und setzte sich an seinen Platz. Schon vor einer Weile hatte er aufgehört, die Schüler darauf hinzuweisen, dass sein Name Snape-Lupin war. Unter sich, das wusste er, nannten sie ihn „Fledermaus“ oder sogar Schlimmeres. Schüler waren kreativ, was das betraf.

„Was ist denn bei dir passiert?“, fragte Minerva leise, doch Severus schwieg eisern.

„S … Se … Severus ha … hat mit sei … seinem M … Ma … Mann ge … gewe … gewettet.“, mischte sich Quirrell ein, wofür er sich einen ziemlich bösen Blick von eben jenem einfing.

„Ernsthaft?“, erkundigte sich die Verwandlungslehrerin.

„Ja.“, gab er zähneknirschend zu. Er wusste, Minerva würde nicht locker lassen. Außerdem hatte sie etwas gut bei ihm, sie hatte immerhin dafür gesorgt, dass die Tat der Weasley-Jungen nicht bekannt wurde. „Auf das Quidditch-Ergebnis.“

„Nun, das war wirklich ein spannendes Spiel, das haben wir schon Jahre nicht mehr gehabt.“, lächelte Minerva und ihre strengen Züge glätteten sich. „Beide Mannschaften hätten den Sieg verdient, aber ich bin nicht böse, dass meine Löwen ihn dann doch mitgenommen haben.“

„Gibt es Hinweise auf die Schlange?“, lenkte Severus ab.

„Nein, leider nicht.“, wurde Minerva wieder ernst. „Wie geht es Miss Berger?“

„Sie wurde als geheilt entlassen und nimmt wieder am Unterricht teil. Leider weiß sie nicht, was passiert ist.“, informierte der Tränkemeister. „Allerdings haben ihre Eltern angekündigt, sie möglicherweise von der Schule zu nehmen, wenn wir nicht herausfinden, was genau da passiert ist.“

„Wir werden es herausfinden.“, versprach Albus, der das Gespräch mit angehört hatte. „Ich rede mit den Eltern.“

Severus dankte ihm und widmete sich wieder seinem Frühstück. Erst, als er es nicht mehr weiter vermeiden konnte, stand er auf und eilte in die Kerker zurück, wo die Siebtklässler schon bereit standen. Er öffnete die Tür und ließ sie ein, stellte sich dann an sein Pult und wartete, bis alle saßen. „Keine Kommentare über meine Kleidung, wir sind hier im Unterricht, und ich erwarte weiterhin Bestleistungen von ihnen.“, forderte er kühl. „Die Hausaufgaben. Und anschließend werden wir die Theorie zum Felix felicis durchgehen, denn zumindest theoretisches Wissen wird von ihnen in den UTZ-Prüfungen verlangt.“

Schnell kehrte Ruhe ein und die Schüler arbeiteten konzentriert mit. Der restliche Tag verlief ähnlich, auch wenn einige Schüler empfindlich Punkte verloren, weil sie es wagten, eine Frage zu seinem neuen Kleidungsstil zu stellen. Beim Mittagessen bekam er vor allem von den weiblichen Kollegen Komplimente zu seiner Figur und der tollen Kleidung, was ihn regelmäßig die Augen rollen ließ und für Kicherattacken bei den Professorinnen sorgte. Er war froh, als er zurück in seine Wohnung gehen konnte. Selbst Harry starrte ihn an und strahlte, was Severus wieder einigermaßen versöhnlich stimmte. Harry würde ihn nicht anlügen, wenn er es schön fand, dann glaubte es sogar Severus.

 

Auch die nächsten Wochen verliefen ähnlich, wobei die Kommentare zu seiner Kleidung selten nachließen, den Schülern schien es zu gefallen und auch die Kollegen äußerten sich positiv. Mit der Zeit gefiel es sogar Severus, wenn ihm die Blicke auffielen, die zeigten, dass er für gutaussehend befunden wurde. Natürlich bedeuteten ihm nur Remus' Blicke wirklich etwas, die anderen waren einfach nur eine Bestätigung. In den Nächten verstärkten die Lehrer ihre Kontrollen in den Fluren, und die Portraits sowie die Geister waren aufgefordert, ungewöhnliche Vorkommnisse zu melden, doch die Schlange blieb verschwunden.

Zwei Wochen später, Anfang November waren sie bei Sirius eingeladen, da dieser Geburtstag hatte und mit seinen Freunden feierte. Seit Wochen war es das erste Mal, dass er Severus wiedersah, da beide mit ihrer Arbeit mehr als beschäftigt waren. Mit erhobener Augenbraue begrüßte er den Tränkemeister, der in einer beigen Stoffhose und mit hellblauem Hemd durch den Kamin kam, der Umhang, den er auf dem Arm trug, war dunkelgrün. „Du in Farbe?“, fragte er provokant.

„Ja. Und?“, knurrte Severus.

„Ignorier' ihn!“, riet Remus lachend, als er die Szene beobachtete. „Wir haben auf das Quidditch-Spiel gewettet und ich habe gewonnen. Er muss noch zwei Wochen auf schwarze Kleidung verzichten!“

„Das hat er mit mir auch einmal gemacht!“, lachte Sirius. „Damals musste ich einen Monat lang rosa Hemden tragen. Glücklicherweise war es in der letzten Schulwoche der sechsten Klasse, in den Sommerferien haben es nur die Potters gesehen.“

Jetzt lachte Remus und selbst Severus musste schmunzeln. „Die Farbe hat er mir wenigstens erspart.“, gestand er. „Das Schlimmste ist gryffindorrot bei einem Hemd und meinem Lieblingsschlafanzug.“

„Du trägst Schlafanzüge? Hätte ich nicht gedacht.“, grinste Sirius.

„Tust du auch, Flohbeutel, wenn Harry regelmäßig zu dir ins Bett krabbelt.“, konterte Severus und seine Mundwinkel zuckten, als Sirius immer röter im Gesicht wurde.

„Lust auf Kuchen? Kaffee und Tee sind fertig und Zissa ist mit Draco schon im Salon.“, lenkte Sirius ab und sie gingen nach oben.

„Onkel Sev?“, staunte Draco, als er ihn sah. „Wow, du siehst echt toll aus!“

„Da kann ich meinem Sohn nur zustimmen. Eine fantastische Wahl!“, komplimentierte Narzissa, als sie den Tränkemeister begrüßt hatte.

„Remus' Werk.“, grummelte Severus erneut.

„Keine Sorge, es ist nur noch zwei Wochen, dann darfst du wieder schwarz tragen!“, lachte Remus und fügte erklärend hinzu: „Wir haben auf das Spiel Gryffindor – Slytherin gewettet und die Löwen haben gewonnen. Ein Monat keine schwarze Kleidung war Sevs Einsatz, ich hätte einen Monat auf Schokolade verzichten müssen.“

„Armer Daddy.“, grinste Harry und man wusste nicht genau, wen er diesmal meinte.

Lachend setzten sie sich nun endlich an den Tisch und Remus zog die Schokoladentorte zu sich.

 

Zwei Wochen später kam Severus dann wieder mit schwarzer Kleidung und einige Schüler schienen sogar traurig darüber.

„Remus?“, fragte der Tränkemeister Mitte November kurz vor dem nächsten Vollmond. Die Kinder waren bereits im Bett und schliefen. „Was hältst du von Quirrell?“

„Du weißt, ich kenne ihn kaum, hatte bisher nicht die Gelegenheit, mehr als einige Sätze mit ihm zu wechseln, auch wenn ich ihn seit dem Spiel versuche, zu beobachten.“, begann der Werwolf vorsichtig. „Und dennoch habe ich ein Gefühl, das mich vor ihm warnt. Ich kann es nicht begründen, aber er scheint gefährlich zu sein, obwohl das unlogisch klingt. Ich meine, der Typ fürchtet sich vor allem. Vor kurzem habe ich erlebt, wie ein Schüler einen anderen Schüler erschrecken wollte und Quirrell kam dazu, genau in dem Moment, als der Schüler „Buh!“ gerufen hat. Quirrell hat geschrien und gezittert, bevor er so schnell verschwunden ist, wie man es ihm gar nicht zutraut.“

„Ich traue ihm auch nicht.“, gestand Severus. „Auch wenn ich es an nichts festmachen kann. Aber für gewöhnlich kann ich meinem Gefühl trauen. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass er ziemlich abwertend von der Schlangentheorie denkt. Er sagt nichts in die Richtung, aber seine Mimik spricht deutlich. Und ich finde, er treibt sich ziemlich oft alleine herum, auch wenn das kein Beweis ist, das ist mir klar. Meine Instinkte schreien nur, ich sollte aufpassen.“

„Es kann nicht schaden. Ich werde mich darum kümmern.“, versprach Remus. „Frag nicht, aber ich habe eine Idee, wie es gefahrlos möglich ist, muss aber mit Albus reden, ob es überhaupt geht.“

Severus empfing verwirrende Gefühle von seinem Gefährten. Scham, Neugierde, Hoffnung und ein wenig Angst und sogar Schuldgefühle. Das machte ihn neugierig, aber wenn Remus nicht wollte, dass er nachfragte, würde er abwarten. „Wie war Harrys Unterricht heute?“, lenkte er daher ab.

„Narzissa und ich mussten ihn alleine abhalten. Sirius fühlte sich nicht gut, er hat Bescheid gegeben, dass er nicht kommt, weil er die Kinder nicht anstecken wollte. Wir haben Devon zu ihm geschickt, der hat ihn unter Quarantäne gestellt, irgendwas Ansteckendes, für ihn wohl unangenehm aber nicht sonderlich gefährlich. Mindestens einen Monat lang darf er nicht in die Nähe der Kinder.“, berichtete Remus.

„Was hat er denn?“, erkundigte sich Severus erschrocken.

„Ich habe es nicht genau verstanden, aber wenn die Kinder sich anstecken, wird es gefährlich für sie, meinte Devon. Harrys Immunsystem ist immer noch ein wenig schwächer, und Tycho hat so gut wie keines. Wir können ihn nicht dauerhaft mit einem Zauber abschirmen.“, seufzte der Dunkelblonde.

„Du sorgst dich um deinen Freund.“, erkannte der Tränkemeister.

„Ja.“, gab Remus offen zu. „Gerade als er anfing, aufzublühen. Es schien, als hätte er Askaban endlich hinter sich gelassen. Er ist aufgegangen in der Aufgabe, die Malfoy-Geschäfte zu managen und die Kinder zu unterrichten, ich wollte Albus vorschlagen, ihn einzustellen. Die Einsamkeit wird ihn sicher wieder zurückwerfen.“

„Du kannst doch zu ihm.“, tröstete Severus. „Als Werwolf wirst du es kaum übertragen können, dein Immunsystem ist unserem weit voraus.“

„Das hat Devon auch gemeint. Aber das wird nicht häufig passieren, denn so lange du im Unterricht bist, habe ich die Kinder.“, erwiderte Remus.

„Nimm dir am Wochenende Zeit für ihn, ich schaff' das schon!“, lächelte Severus. Mit einem intensiven Kuss bedankte sich Remus bei seinem Gefährten.

„Daddy!“, zupfte Harry an einem Samstag Anfang Dezember an Remus' Ärmel. „Da war die Schlange!“ Remus und Harry waren auf dem Weg zum Mittagessen, das sie in der großen Halle einnehmen wollten. Tycho war bei Narzissa, die sich in den kleinen Kerl verliebt hatte und wohl die Patin werden würde. Noch vor einigen Monaten wäre Remus das niemals in den Sinn gekommen, doch seit September hatten sie ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufgebaut und vertrauten sich gegenseitig. Er wusste von Narzissa, dass sie sich noch mehr Kinder gewünscht hätte, doch als Draco gezeugt worden war, hatte Lucius sie nicht mehr angesehen. Severus war gerade im Labor, es schien, als hätte er endlich Erfolg mit dem Gegengift. Da hatten Harry und Remus beschlossen, alleine zum Essen zu gehen.

„Wo?“, fragte Remus, er hatte nichts gesehen.

„Dort drüben, bei der Statue.“, zeigte Harry auf eine Figur einer Hexe, von der Remus glaubte, sie stelle Morgana dar.

„Sehen wir nach.“, entschied er, und sie gingen vorsichtig auf die Statue zu, Remus mit gezogenem Zauberstab, Harry hinter sich schiebend. Auch wenn der Kleine mit Schlangen sprechen konnte, so würde Remus ihn niemals bewusst in Gefahr bringen.

Sie waren im zweiten Stock, hier gab es eigentlich nichts außer Klassenzimmern. Geplant war es nicht, dass sie hier entlang gingen, aber eine der Treppen hatte sich gedreht, als sie darauf unterwegs waren, und so sahen sie sich gezwungen, einen Umweg in die Halle zu nehmen. Harry machte das nichts aus, er liebte es, das Schloss zu erkunden, aber Remus war eigentlich ziemlich hungrig und wollte schnell in die Halle. Doch jetzt kümmerte er sich um die Schlange, die irgendwo da sein sollte. Vorsichtig wagte er einen Blick um die Statue herum, nichts. Er suchte den Flur genau ab, aber er konnte keine Hinweise auf die Schlange entdecken. Letzte Nacht war Neumond gewesen, das bedeutete, seine Wolfssinne waren eigentlich nicht sehr ausgeprägt, doch seit er sich bewusst verwandeln konnte, konnte er auch die Instinkte an die Oberfläche holen. Ebenfalls nichts. Er erschnupperte verschiedene Gerüche, die er nicht zuordnen konnte, aber möglicherweise waren das nur Parfums von Schülerinnen.

Zumindest konnte das sein. Ganz sicher war er nie. „Komm, gehen wir weiter.“, beschloss er deshalb. „Auch wenn sie hier war, inzwischen ist sie weg und ich weiß nicht, wohin. Wir wollten zum Essen und genau da gehen wir jetzt hin.“

„Okay, Daddy.“, murmelte Harry. Er wirkte ziemlich geknickt.

Remus nahm ihn auf den Arm. „Nicht traurig sein, Welpe. Ich glaube dir.“, versicherte er. „Ich werde später nochmal nachsehen. Versprochen.“ Natürlich glaubte er Harry, der Junge sprach bislang immer die Wahrheit. Auch wenn Remus klar war, dass sich das noch ändern konnte.

„Gehen wir heute noch zu Dray?“, fragte Harry direkt in Remus' Ohr, da er sich an seinen Vater gekuschelt hatte.

„Ja, wir wollen doch Tycho wieder abholen!“, schmunzelte der Dunkelblonde. Diese Freundschaft zeigte ihm, dass Harry sich inzwischen wirklich wohlfühlte. Und auch, dass die Erziehung von Lucius bei Draco nicht mehr so präsent war, denn dieser hätte eine solche Verbindung sicher nicht akzeptiert. Auch mit Ron und Ginny verstand sich Harry seit dem Sommer ganz gut, ebenso mit den Zwillingen der Weasleys. Sie trafen sich inzwischen häufiger, meist im Fuchsbau, aber in den Ferien waren die Weasleys ins Prince-Manor eingeladen, auch wenn Severus davon weniger begeistert war, doch da Harry sich freute, hatte er schließlich zugestimmt. Harry hatte sogar ein Geschenk für Bill, der vor einigen Tagen Geburtstag gehabt hatte, und eines für Charlie, der nächste Woche feierte, besorgt. Oder besser, von Remus besorgen lassen. Die beiden ältesten Weasleys waren ihm die liebsten, das war deutlich. Meistens saß er am Gryffindortisch mit ihnen, wenn sie in der Halle zum Essen waren.

Die Löwen verwöhnten den Kleinen von vorne bis hinten, aber sie gaben auch gut auf ihn Acht, daher hatte noch nicht einmal Severus bisher etwas dagegen gesagt. Auch heute setzte er sich ohne Nachzudenken zu den Löwen an den Tisch, und Remus setzte sich nach einem Moment dazu. Er war schließlich nicht gezwungen, am Lehrertisch zu sitzen, da er kein Lehrer war. „Darf ein ehemaliger Gryffindor zu euch kommen?“, fragte er dennoch in die Runde.

„Natürlich, Mister Lupin.“, erwiderte Bill und deutete auf die Bank ihm gegenüber, dann konnte er Harry im Blick behalten, der zwischen den beiden Rothaarigen saß. Mit einem Lächeln ging Remus um den Tisch herum und setzte sich, griff nach Steak und Kartoffeln mit ein wenig Gemüse.

„Sie waren in Gryffindor?“, staunte eine Schülerin, die vermutlich in der sechsten oder siebten Klasse war. Remus nickte nur, da er den Mund voll hatte. „Und da sind sie mit dem Hauslehrer der Slytherins verheiratet?“

Remus prustete. „Das hätte wohl früher auch keiner geglaubt.“, gab er schließlich zu. „Aber diese ganze Feindschaft ist doch Quatsch. Es sind unterschiedliche Charakterzüge, die den Hut dazu veranlassen, euch in die Häuser einzuteilen. Aber wer sagt denn, dass ihr euch dann nicht mit den anderen Häusern vertragen könnt? Ich will nichts gegen den Wettbewerb sagen, der kann auch anspornen, aber der Hass, der zwischen euch steht, der ist nicht gut und hat vor ein paar Jahren zu einem heftigen Krieg geführt. Und das alles nur, weil die Gründer angeblich einen Streit hatten und Slytherin sich gegen sie stellte? Das ist über tausend Jahre her und keiner weiß, ob es überhaupt stimmt. Denkt ihr nicht, dass das lächerlich ist?“

„Aber …“, wandte ein anderer Schüler ein, wurde jedoch unterbrochen.

„Nein, sagt nichts. Ich kenne das nur zu gut.“, winkte Remus ab. „Meine Freunde und ich waren auch nicht anders als ihr jetzt. Wir hatten es auf einen Slytherin abgesehen. Aber nur, weil ein paar Slytherins aufgrund von Machthunger böse wurden, müssen dann alle böse sein? Es gab auch Todesser, die vorher in Gryffindor, in Ravenclaw oder in Hufflepuff waren. Mein damals bester Freund war auch ein Gryffindor. Harrys Eltern haben ihn zu ihrem Geheimniswahrer gemacht, weil Voldemort Harry töten wollte. Und mein bester Freund war heimlich ein Anhänger des Dunklen und hat sie verraten. Seinetwegen hat Harry keine Eltern mehr. Seinetwegen hat Sirius Black mehrere Jahre unschuldig in Askaban verbracht. Seinetwegen war ich plötzlich alleine. Denkt mal darüber nach. Nicht ein Slytherin hat die Potters verraten, obwohl zumindest einer durchaus in der Lage dazu gewesen wäre, ihren Aufenthaltsort herauszufinden und zu verraten. Aber ein Gryffindor hat es getan.“

Es wurde still um ihn herum und es schien, als würden die Schüler tatsächlich darüber nachdenken. Das allein war es wert, den Schmerz in seinem Inneren auszuhalten, darüber gesprochen zu haben. Er spürte die beruhigende Präsenz von Severus in seinem Innern, sicher hatte der Tränkemeister seine Gefühle mitbekommen. Harry schien ein wenig verwirrt, er hatte wohl weniger als die Hälfte von dem, was Remus gesagt hatte, verstanden, aber darüber machte der Dunkelblonde sich gerade keine Sorgen. Früher oder später mussten sie ihrem Großen sowieso genauer erklären, was damals passiert war. Doch nun genossen sie erst einmal ihr Mittagessen. Remus machte sich eine gedankliche Notiz, dafür zu sorgen, dass auch Severus etwas aß und nicht nur forschte. So viel Zeit musste sein.

Als er mit dem Essen fertig war, bat er Harry, noch einen Moment sitzen zu bleiben und ging zum Schulleiter. „Albus?“, machte er ihn auf sich aufmerksam. „Harry hat eben auf dem Weg zum Essen die Schlange wiedergesehen, im zweiten Stock bei der Statue dieser Hexe. Ich konnte nichts entdecken, aber ich werde mich dort verstärkt umsehen, wenn ich Zeit habe.“

„Vielen Dank, Remus.“, lächelte der Schulleiter, aber man konnte sehen, dass er sich Sorgen machte. „Ich werde auch die Geister noch einmal bitten, genauer aufzupassen, doch bisher haben sie nichts gesehen.“

„Heute Nachmittag bin ich mit Harry bei Narzissa, aber heute Abend sehe ich mich noch einmal um.“, versprach Remus und wollte sich umdrehen, dann fiel ihm noch etwas ein, das er eigentlich schon längst machen wollte. „Ach ja, Albus. Vielleicht kannst du mir das sagen. James und Sirius wurde in unserem letzten Jahr ein Pergament abgenommen. Hast du eine Ahnung, wo das ist? Es ist eine geheime Karte von Hogwarts, damit könnte man das Schloss genauer überwachen, und die Schlange müsste eigentlich auch darauf erscheinen.“

„Eine geheime Karte des Schlosses?“, staunte der Weißhaarige. „Darum wurden sie nie erwischt!“

„Ja. Ich hätte das vielleicht schon eher sagen sollen, wollte im Oktober schon darüber reden, aber irgendwie habe ich es wieder vergessen.“, gestand Remus zerknirscht.

„Ich werde nachforschen.“, versprach Albus. „Wahrscheinlich hat Argus sie, bei ihm landen konfiszierte Dinge meistens.“

„Danke.“, lächelte Remus.

„Gerne. Viel Spaß heute Nachmittag!“, wünschte der Schulleiter.

Remus sammelte Harry ein und ging zurück in die Kerker. Severus begrüßte sie ziemlich euphorisch. „Es wirkt!“, erklärte er sofort. „Ich bringe es gleich in den Krankenflügel und gehe dann zu Albus.“

„Herzlichen Glückwunsch!“, freute sich Remus mit ihm und umarmte seinen Gefährten fest. „Wir sind dann bei Narzissa, komm einfach nach, wenn du etwas gegessen hast. Ach, und noch was, ich habe Albus gerade gebeten, nachzuforschen, wo die Karte der Rumtreiber gelandet ist. Wir haben sie in der fünften Klasse geschaffen, und sie wurde James und Sirius kurz vor Ende der Schulzeit abgenommen. Es ist eine Karte, die Hogwarts zeigt und alle, die da sind. Damit können wir Quirrell überwachen und möglicherweise auch die Schlange finden. Harry hat sie vorhin auf dem Weg zum Mittagessen wiedergesehen.“

„Langsam.“, schüttelte Severus seinen Kopf, verwirrt von der Flut der Informationen. „Also, Harry hat die Schlange wiedergesehen?“

„Ja, im zweiten Stock. Ich habe sie nicht gesehen, aber ich will noch einmal nachforschen. Ich glaube ihm, dass da etwas war.“, nickte Remus.

„Und das mit der Karte?“, hakte Severus nach.

„Die Karte der Rumtreiber. Wir, das heißt James, Peter, Sirius und ich, haben sie in der fünften Klasse geschaffen. Sie zeigt Hogwarts an und alle Geheimgänge, die wir kennen. Und eben den Aufenthaltsort der Personen, die im Schloss sind, sowie Geister und Haustiere. Man aktiviert sie, indem man mit dem Zauberstab darauf deutet und sagt: ‚Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin‘. Will man sie löschen, damit kein Anderer sie lesen kann, sagt man: ‚Unheil angerichtet‘“, erklärte Remus. „Sie wurde James und Sirius kurz vor dem Ende unserer Schulzeit abgenommen, und ich habe Albus gebeten, nachzuforschen, wo sie ist. Wenn wir sie haben, finden wir sicher heraus, ob Quirrell etwas im Schilde führt oder nicht.“

„Darum hat man euch nie erwischt?“, staunte Severus, und Remus nickte ein wenig schuldbewusst. „Ein starkes Stück Magie.“, gab der Tränkemeister schließlich zu. „Ich wüsste nicht, welche Zauber man wie kombinieren müsste, um so etwas zu erschaffen.“

„Es war nicht leicht, aber wir haben nie aufgegeben.“, schmunzelte Remus und küsste Severus noch einmal, da sie immer noch eng beieinander standen. „Bis später!“

„Gehen wir endlich?“, nörgelte Harry nun. „Ich will zu Dray, Tante Zissa und Tycho!“

„Hast du deine Zähne schon geputzt?“, fragte Remus. Harry nickte und zeigte seine Zähne, wo seit einigen Tagen eine große Lücke war, da seine beiden oberen Schneidezähne ausgefallen waren. „In Ordnung, dann gehe ich auch schnell noch ins Bad und danach können wir los!“

Zwanzig Minuten später tobten Harry, Draco und Blaise durch das Manor, während Narzissa und Remus im Wintergarten saßen, Tycho in einer Wiege zwischen sich. Die Blonde wirkte nachdenklich und geistesabwesend. „Alles in Ordnung?“, fragte Remus, doch sie reagierte nicht. „Narzissa?“

Sie zuckte zusammen. „Entschuldige, Remus, ich habe gerade nachgedacht.“

„Schon gut. Ist alles in Ordnung?“, wiederholte Remus seine Frage.

„Ja. Nein. Ach ich weiß nicht.“, seufzte sie.

„Was ist los?“, wandte sich der Dunkelblonde besorgt zu ihr.

„Ich weiß es nicht. Es ist alles ein wenig seltsam. Lucius und ich wurden verheiratet. Da konnten wir, vor allem ich, gar nicht mitreden. Ich habe mich mit der Zeit damit abgefunden, da ich nichts daran ändern konnte. Vor allem für Draco hat es mir immer leid getan, denn er wäre niemals glücklich geworden in der Art, wie sein Vater ihn erzog. Jetzt bin ich frei und habe eigentlich keine Ahnung, was ich mit meinem Leben machen soll. Ich hatte immer nur die Aufgabe, gut neben Lucius auszusehen, arbeiten kam nie in Frage, außer man zählt das Prestige zu pflegen dazu. Aber das bin ich nicht. Devon hat mich auch schon angesprochen, weil ich es mit den Kindern so gut kann. Ich bin gerne mit den Kindern zusammen und ich genieße es auch, wenn Devon zum Essen bleibt. Er … er ist so … verständnisvoll.“, versuchte Narzissa, ihre Stimmung zu erklären.

„Devon bedeutet dir etwas?“, erkundigte sich Remus, der die Gefühle der Blonden deutlich riechen konnte.

„Ich weiß es nicht, was genau da ist, aber ihm gegenüber habe ich ein seltsames Gefühl.“, gestand sie. „Wenn er bei mir ist, fühle ich mich anders, als wenn du so neben mir sitzt. Ich weiß dann oft nicht, was ich sagen oder machen soll. Er fehlt mir, wenn er nicht kommen kann oder gleich wieder gehen muss.“

„Du bist verliebt.“, stellte Remus ruhig fest.

„Meinst du?“, versicherte die Blonde sich.

„Hört sich so an.“, mischte sich Severus ein, der in der Tür stand. „Tut mir leid, ich hätte mich eher bemerkbar machen sollen.“

„Schon gut.“, winkte Narzissa ab. „Aber denkt ihr wirklich …?“

„Ja.“, stimmte nun auch Remus zu. „Ich kann es riechen. Dir ist warm und flattrig, wenn er in deiner Nähe ist, und du hast Sehnsucht, wenn er nicht da ist. Du würdest ihn am liebsten immer um dich haben und ihn ansehen können, weil du einfach nicht genug davon bekommen kannst und er immer mehr Platz in deinen Gedanken einnimmt.“ Errötend wandte sich Narzissa ab. Remus schmunzelte. „Was hältst du davon, wenn wir Draco und Blaise einmal zu uns nehmen und ihr einmal mit einander ausgeht?“

„Das würdet ihr tun?“, hauchte sie.

„Natürlich.“, nickte Severus, und Remus stimmte wortlos zu.

„Danke!“, lächelte Narzissa nun wieder. „Kommt, ich habe Kuchen und Kaffee, Schokolade für die Kinder. Devon müsste auch jeden Moment kommen, er wollte Blaise nach seiner Schicht abholen.“

Der Heiler arbeitete viel und es machte ihm auch Spaß, aber seit seine Frau verschwunden war, ihm nur einen Abschiedsbrief und einen schreienden Sohn hinterlassen hatte, war er ruhig und manchmal auch ein wenig verbissen geworden. Seine Ex-Frau hatte sich einen reichen Mann gesucht, und als sie ihn gefunden hatte, ließ sie ihren gemeinsamen Sohn zurück und verließ Devon Hals über Kopf. Sie hatte nicht einmal gewartet, bis er von seiner Schicht im St. Mungo nach Hause gekommen war, er hatte Blaise im Kinderzimmer eingesperrt gefunden, wo er wie am Spieß brüllte, weil er Hunger und Durst hatte. Damals war er fünf gewesen. Die Beiden lebten nun in einer kleinen Eigentumswohnung in London, mehr konnte Devon sich alleine nicht leisten, er wollte möglichst viel für Blaise tun, ihm alles bieten, was er brauchte. Daher war er mehr als froh, dass Narzissa den Jungen so gerne zu sich nahm und auf ihn achtete. Die Blonde nahm sein Gold nicht, weil sie es nicht brauchte, aber es war dem Heiler schon manches Mal peinlich gewesen, wenn er wieder einmal Überstunden machen musste, und Blaise dann sogar im Manor schlief.

Am Tisch beobachteten Severus und Remus die beiden anderen Erwachsenen. Die Anziehung schien nicht einseitig zu sein, obwohl Devon ziemlich reserviert war. Nicht nur das, er wirkte sehr deprimiert. „Devon, was ist los?“, fragte Remus am Ende direkt. Die Kinder waren schon wieder in Dracos Zimmer verschwunden, spielten mit der Eisenbahn.

„Die Krankenhausleitung verlangt, dass ich wieder in den normalen Schichtbetrieb einsteige.“, rückte Devon nach einem kurzen Schweigen mit der Sprache raus. „Seit Gina mich verlassen hat, habe ich nur tagsüber gearbeitet, damit ich Blaise bei mir behalten konnte. Sie sehen nicht ein, dass meine Kollegen weiterhin meine Nächte arbeiten sollen, und nun soll ich verstärkt Nachtdienst übernehmen.“

„Du kannst Blaise gerne weiter hier lassen, er fühlt sich wohl und es macht mir nichts aus.“, bot Narzissa sofort an.

„Das ist lieb von dir, aber dann habe ich ja gar nichts mehr von meinem Sohn.“, schüttelte Devon den Kopf. „Tagsüber lernt er hier und nachts bin ich in der Arbeit. So lange ich Nachtschicht habe, könnte ich ihn höchstens gegen Abend sehen, weil ich tagsüber schlafen muss. Am liebsten würde ich kündigen, aber ich kann es mir nicht leisten, eine eigene Praxis zu eröffnen.“

Mitfühlend legte ihm Narzissa eine Hand auf den Arm, sie alle verstanden, wie sehr es den Heiler bedrückte. Seine blauen Augen, die sonst vergnügt blitzten, waren trüb und glitzerten verdächtig. Verlegenes Schweigen breitete sich aus, keiner wusste, was er sagen sollte. Remus und Severus waren nicht reich, auch wenn es ausreichte, aber eine Praxis zu eröffnen, das konnten sie ihm nicht ermöglichen.

„Schlaf erst einmal darüber.“, schlug Remus schließlich leise vor. „Wir haben vorhin das Angebot gemacht, alle Kinder zu uns zu nehmen, dann könnt ihr beide einmal in Ruhe ausgehen, eine schöne Zeit haben. Und streite es nicht ab, Devon, das würdest du gerne!“ Remus grinste und deutete unmissverständlich auf seine Nase.

Der Heiler musste gegen seinen Willen lachen, er verstand die Andeutung nur zu gut. „Willst du das denn, Narzissa?“, fragte er dann, an die Blonde gewandt, die errötete.

„Gerne.“, wisperte sie.

„Dann nehmen wir die Kinder heute gleich mit.“, entschied Remus. „Du hast doch morgen frei, oder hat sich das auch geändert?“

„Ich muss morgen Abend die erste Nachtschicht arbeiten.“, seufzte Devon. „Aber ich würde gerne heute Abend mit dir ausgehen, Narzissa. Dein Anblick vertreibt die trüben Gedanken aus meinem Kopf.“

„Dann ist es abgemacht!“, grinste der Werwolf. „Macht euch fertig, wir holen die Kinder!“ Schneller als die Anderen schauen konnten, eilte Remus nach oben, wo er Draco bat, einige Sachen zu packen, da er heute im Schloss schlafen durfte. Draco jubelte, das wollte er schon lange, und rief eine Hauselfe, die Sachen für ihn zu packen. Blaise sah ein wenig traurig aus. „Du auch, Blaise. Ihr beide schlaft heute bei Harry!“, munterte Remus ihn auf. „Aber du musst nicht packen, deine Sachen sind ja noch eingepackt!“

„Wirklich?“, fragten Harry und Blaise gleichzeitig.

„Ja, wirklich!“, lachte Remus und freute sich über die Freude der Kinder. Nun gut, heute kam er dann offenbar nicht mehr dazu, nach der Schlange zu suchen, aber sie hatten so lange gewartet, dann war es nun auch egal, ob es ein wenig länger dauerte oder nicht.

Die Nacht auf Sonntag verlief wider Erwarten ruhig. Severus und Remus hatten das Bett in Harrys Zimmer vergrößert, da die Jungen beieinander schlafen wollten. Sicherheitshalber hatten sie auch die Schutzzauber angepasst, sodass die Kinder die Wohnung nicht verlassen konnten. Nach einer extralangen Gute-Nacht-Geschichte hatten sie noch eine halbe Stunde immer wieder gekichert, dann war es still im Kinderzimmer geworden. Remus hatte, nachdem Tycho in seiner Wiege im Schlafzimmer eingeschlafen war, einen Moment überlegt, nun doch noch nach der Schlange zu suchen, dann aber entschieden, ein bisschen Zeit mit seinem Mann zu verbringen. Er spürte, dass Severus Schmerzen hatte, aber nicht darüber reden wollte. So lockte er ihn in die Badewanne, damit die Muskeln durch die Wärme entspannen konnten, und massierte ihn anschließend im Bett noch eine Weile, bis der Tränkemeister völlig entspannt war und ruhig in den Schlaf glitt. Remus deckte ihn zu und legte sich zu ihm, nachdem er sich versichert hatte, dass der Überwachungszauber auf dem Kinderzimmer funktionierte, sollte einer der Drei wach werden.

Das Frühstück am Sonntag wurde lebhaft, da die drei Kinder sich gegenseitig übertönen wollten, aber schließlich sorgte ein Knurren von Severus für etwas mehr Ruhe. Gegen Mittag gingen sie zurück ins Manor, wo Narzissa sie bereits erwartete. Blaise ging mit seinem Vater in ihre Wohnung, da Devon noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen wollte, bevor er ihn wieder zu Narzissa brachte, um die Nachtschicht zu machen.

„Vielen Dank euch Beiden!“, lächelte der Heiler und lief leicht rot an. „Dank euch hatte ich einen wirklich fantastischen Abend. Nie hätte ich es gewagt, Narzissa anzusprechen. Aber es war … einfach schön. Vielen Dank!“

„Oh ja, dem kann ich mich nur anschließen!“, strahlte Narzissa. „Wahrscheinlich hätte ich noch Jahre gebraucht um zu merken, dass ich verliebt bin. Dank Remus' Nase habe ich nun die Chance, ein neues Leben kennen zu lernen.“

„Ihr hattet also einen schönen Abend?“, hakte Remus nach.

„Oh ja, es war wundervoll!“, schwärmte Narzissa. Sie verabschiedete sich von Devon, der ihr einen kurzen Kuss auf die Wange hauchte, die tiefrot anlief. Anschließend wandte sie sich an die Lupins. „Ihr bleibt doch noch zum Mittagessen? Die Elfen haben sich wahrscheinlich mal wieder selbst übertroffen.“

„Gerne!“, grinste Remus, und Severus ahnte, dass der Werwolf ihre Gastgeberin noch ausfragen wollte. Diese berichtete bereitwillig und mit leuchtenden Augen. Offensichtlich hatte sie wirklich einen wunderschönen Abend gehabt und ihn sehr genossen, vor allem die Gesellschaft von Devon. Nach dem Mittagessen verabschiedeten sich die Lupins von den beiden Blonden und gingen zurück nach Hogwarts. Severus übernahm die Kinder, damit Remus Sirius besuchen konnte.

„Dad?“, fragte Harry schließlich, als Tycho schlief. „Dray sagt, dass meine Mama mich verzaubert hat, damit ich nicht sterben kann.“

Draco und seine große Klappe. „Komm her, mein Großer.“, bat Severus, setzte sich auf das Sofa und nahm Harry auf den Schoß. „Er hat ein bisschen Recht. Deine Mama hat einen alten Zauber benutzt. Wir haben dir erzählt, dass ein böser Zauberer sie getötet hat, nicht wahr?“

Der Kleine nickte. „Und meinen Dad. Weil er mich töten wollte.“, hauchte Harry, weiß wie die Wand. „Aber warum?“

„Er wollte dich töten, weil es eine Prophezeiung, eine Vorhersage, gibt, laut der du in der Lage sein wirst, ihn irgendwann zu töten. Darum wollte er dich aus dem Weg schaffen, damit du ihm nicht gefährlich wirst. Und deine Mama war eine sehr kluge Hexe und sie hat dich so sehr geliebt, dass sie es geschafft hat, einen sehr alten Zauber zu nutzen, der dich beschützt hat. Darum bist du nicht gestorben in jener Nacht. Sie hat sich aus Liebe für dich geopfert, damit du leben kannst. Deshalb hat Albus dich damals zu deiner Tante gebracht, weil der Schutz deiner Mutter mit ihrem Blut weiterbestehen bleibt. Die Anhänger des dunklen Zauberers konnten dort nicht zu dir. Albus wusste nicht, was mit deiner Tante los war, wie sie und dein Onkel dich behandelt haben. Das hat dein Daddy herausgefunden und dich deshalb mitgenommen.“, erklärte Severus geduldig.

Harry zitterte und klammerte sich an ihm fest, er konnte sich offenbar erinnern. „Ich muss nicht wieder zu Tante und Onkel?“

„Nie wieder, Harry.“, versprach Severus und drückte Harry bestätigend an sich. „Wir lassen dich nie wieder weg von uns. Du bist unser Sohn, hab keine Angst.“

„Ich hab dich lieb, Dad!“, murmelte Harry, während er sich fest an den Tränkemeister schmiegte.

„Ich hab dich auch lieb, Harry!“, antwortete Severus automatisch, aber er spürte, wie wahr es war. Nie hätte er das geglaubt. Der Kleine hatte ihn verändert, so sehr, wie er selbst es niemals für möglich gehalten hätte. Und er war glücklich darüber.

„Werde ich irgendwann sterben?“, wollte Harry nun doch noch wissen.

„Du meinst, weil deine Mama dich beschützt hat?“ Der Sechsjährige nickte. „Sie hat dich vor dem bösen Zauberer beschützt, aber das bedeutet nicht, dass du nie sterben wirst. Du hast damals überlebt, als du so klein warst, nur die Narbe wird dir bleiben.“ Sanft fuhr Severus mit dem Zeigefinger die blitzförmige Narbe nach, die meistens unter den wirren schwarzen Haaren versteckt war. „Die ist das Zeichen dafür, dass du überlebt hast. Aber irgendwann wirst du auch sterben, so wie jeder irgendwann sterben muss. Ich hoffe allerdings, dass das noch sehr lange dauern wird.“

„Hat Dray deswegen gesagt, dass ich berühmt bin?“, erkundigte sich Harry.

Innerlich fluchte Severus, warum hatte Draco seinen Mund nicht halten können? Aber andererseits war er auch nur ein Kind, das von seinem Vater in eine bestimmte Richtung gedrängt worden war. Wie sollte er nun wissen, wann er besser schwieg? Andererseits mussten sie Harry vorbereiten, die Menschen erkannten ihn immer und überall. „Die Leute kennen deinen Namen, weil du der einzige bekannte Mensch bist, der nicht gestorben ist, obwohl der böse Zauberer dich töten wollte.“, bestätigte er Harrys Vermutung daher. „Du wirst wohl immer von ihnen als Held angesehen werden und sie werden dich immer wieder anstarren. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie dir wehtun.“

Harry schwieg und schien genau darüber nachzudenken, er schmiegte sich in die starken Arme, die um ihn lagen und lauschte dem ruhigen und gleichmäßigen Herzschlag seines Vaters, den er hören konnte, weil sein Ohr auf dessen Brust lag. Er bemerkte nicht einmal, wie er dabei einschlief. Severus schmunzelte leise und legte die Decke von Minerva über ihn, da der Kleine immer noch leicht fror. Lange würde er ihn nicht schlafen lassen, sonst könnte er in der Nacht nicht schlafen. Doch er musste ihn gar nicht aufwecken, denn als Tycho Hunger hatte, machte er seine Augen von selbst auf.

Remus kam zum Abendessen wieder und erzählte, dass Sirius sich furchtbar langweilte. Ihm ging es relativ gut, aber die Ansteckungsgefahr war noch gegeben, und es würde noch zehn Tage dauern, bis die Quarantäne für ihn aufgehoben wurde. Nicht einmal die Heiler kamen zu ihm, obwohl es abschirmende Zauber für genau solche Situationen gab, aber die waren Energie raubend und wurden daher selten genutzt. Nur zur Diagnose war Devon dort gewesen, seither bekam er seine Tränke durch Remus, dem Severus sie mitgab. Der Werwolf war nicht gefährdet, da sein innerer Wolf ihn vor derartigen Krankheiten schützte und er es auch nicht weitergeben konnte.

Am Montagmorgen hatte Harry Fieber. Severus hoffte, es wäre nur die Aufregung vom Wochenende, das Gespräch gestern hatte ihnen beiden viel abverlangt. Auch er selbst war nachts aus Alpträumen geschreckt, hatte wieder die tote Lily, seine beste Freundin aus seiner Schulzeit, vor sich gesehen, und auch von seiner Abhängigkeit hatte er geträumt. Ohne Remus und seine warmen Arme hätte er gar nicht schlafen können. Der Werwolf hatte ihn in die Arme genommen und ihm beruhigende Worte ins Ohr gewispert, bis sein Zittern nachgelassen hatte und er wieder eingeschlafen war. Sie riefen Poppy, doch die konnte nichts weiter als ein leichtes Fieber bei Harry feststellen. Daher blieben Remus und die Kinder im Schloss, Harry legte sich nach dem Frühstück auf das Sofa, weil er sich ziemlich matt fühlte. Severus ging in den Unterricht, während Remus sich um die Kinder kümmerte.

Immer wieder schreckte Harry aus seinem unruhigen Schlummer und wimmerte leise. Sein Gesicht war gerötet und die Augen glänzten fiebrig. Am späten Vormittag fuhr er hoch. „Daddy?“, rief er fragend, und Remus setzte sich zu ihm. „Die Schlange. Sie ist da und will beißen!“

„Sch, Welpe.“, nahm Remus ihn in den Arm. „Es ist gut. Du hast geträumt.“

„Aber ich habe die Schlange gehört!“, beharrte Harry. „Sie wollte Kinder töten! Daddy, was sollen wir tun?“

„Ich passe auf. Hab keine Angst.“, versprach Remus.

„Du musst nachsehen, Daddy!“, verlangte Harry.

Remus spürte die Angst seines Sohnes und nickte schließlich. „In Ordnung, Welpe. Ich werde nachsehen. Passt du ein paar Minuten auf Tycho auf? Ich bin in zehn Minuten wieder da. Dein Bruder hat erst vor einer halben Stunde getrunken, er schläft wahrscheinlich einfach. Wenn nicht, ruf eine Elfe und schick sie zu mir, in Ordnung?“

„Okay, Daddy.“, lächelte Harry, erleichtert, dass sein Vater ihm glaubte.

Remus nahm sich vor, schnell wieder zurück zu sein. Er ließ die Kinder ungern alleine, aber seine Instinkte rieten ihm dazu, Harrys Bitte zu folgen. Er spürte, dass er nicht warten durfte. Etwas stimmte nicht, und er konnte gerade niemanden rufen. Severus unterrichtete, ebenso die anderen Professoren. Albus war im Ministerium, soweit er wusste, da eine Versammlung des Schulrates anstand. Also ging er nach oben, dort, wo sie die Schlange am Samstag gesehen hatten. Nun, Harry hatte sie gesehen. Minuten später war Remus im zweiten Stock. Alles schien wie immer, und doch stellten sich seine feinen Härchen an den Armen und im Nacken auf. Gefahr drohte. Eine Schülerin wollte an ihm vorbeilaufen, er hielt sie auf. „Warten sie, Miss.“, stoppte Remus. „Bleiben sie hinter mir, da stimmt etwas nicht. Warum sind sie nicht im Unterricht?“

„Ich wollte auf die Toilette gehen.“, wisperte die Schülerin. „Damit es schnell geht, bin ich hierher, das ist die nächste Toilette und ich meine, die maulende Myrthe lebt hier, aber sie tut mir ja nichts.“

Jetzt erinnerte sich Remus, die Toilette mit dem depressiven Geist. Beinahe hätte er sie vergessen. Er sah vorsichtig um die Ecke, da seine Instinkte ihm sagten, die Gefahr war dahinter. Der Boden war vollkommen mit Wasser bedeckt, Myrthe hatte mal wieder für eine Überschwemmung gesorgt. Das machte sie offenbar immer noch regelmäßig. Plötzlich bildete sich eine Gänsehaut auf Remus' Rücken. Ein Zischen, zu leise für menschliche Ohren, war zu hören, und Remus musste sofort an Harry im Zoo in Barcelona denken. Parsel. Noch einmal sah er um die Ecke und erstarrte. Gelbe Augen spiegelten sich im Wasser, eine riesige Schlange war in dem Flur. Noch bevor Remus realisierte, dass er einen Basilisken sah, war er schon versteinert. Die Schülerin, die sich vorbeugte, weil sie erschrak, erstarrte ebenfalls, da sie glücklicherweise nur die Spiegelung sah, als sie Ausschau hielt.

 

Severus unterrichtete eben die fünfte Klasse, Gryffindor und Slytherin, als die Tür seines Büros aufging und ein verweinter, schluchzender Harry hereinkam. Entsetzt rannte der Tränkemeister nach hinten und griff nach Harry. „Harry? Was ist passiert?“, fragte er leise. In dem Moment war er Charlie Weasley dankbar, der die Klasse anfauchte, sich um ihre blubbernden Tränke zu kümmern, damit dem Kleinen nichts passierte.

„Daddy ist gegangen wegen der Schlange. Ich wollte, dass er schaut, weil ich gehört habe, sie will beißen und töten. Und er kommt nicht wieder!“, weinte Harry. „Tycho weint, aber die Elfen und Daddy kommen nicht!“ Schluchzend klammerte er sich an seinem Dad fest.

„Mister Weasley, sie haben die Aufsicht!“, schnappte Severus und nahm Harry auf den Arm, ging mit ihm in die Wohnung hinüber. Tycho schien Hunger zu haben, und er machte schnell eine Flasche fertig. Gemeinsam mit Harry und Tycho ging er zurück in seinen Klassenraum, er hatte die Verantwortung, sowohl für die Schüler als auch für seine Kinder.

Da Charlie Weasley seinen Trank fertig hatte, ließ er ihn sein Ergebnis abfüllen und gab Harry in seine Hände. Alles in ihm drängte danach, Remus zu suchen, aber zuerst musste er sicherstellen, dass die Schüler und ihre Söhne nicht in Gefahr waren. „Wer fertig ist, füllt seinen Trank ab und räumt seinen Platz auf. Als Hausaufgabe eine Zusammenfassung über den heutigen Trank und mögliche Fehlerquellen. Ein Blatt Pergament genügt, außer sie jagen noch einen Kessel in die Luft. Wer alles ordentlich hinterlassen hat, kann gehen, aber Ruhe, die anderen Schüler haben noch eine Stunde Unterricht. Mister Weasley, sie bleiben bitte hier und helfen mir mit Harry, sie bekommen eine Entschuldigung für ihre nächste Stunde.“, ordnete Severus an.

Zehn endlose Minuten später packte der letzte Schüler seine Sachen und ging leise aus dem Klassenzimmer. Nur Charlie war noch hier, mit einem verweint aussehenden Harry auf dem Schoß. Severus schob die Beiden durch sein Büro in ihr Wohnzimmer und ließ die Elfen etwas zu Essen und Trinken bringen. Dabei stellte sich heraus, dass sie nicht auf Harry reagiert hatten, weil sie nur auf das Klatschen von Erwachsenen reagieren sollten, da die Kinder im Normalfall den Elfen keine Befehle erteilen durften. Sonst wären die meisten Bestrafungen sinnlos, wenn die Schüler einfach nach Hauselfen rufen könnten. Er legte Tycho in eine Wiege und befahl einem Hauselfen, bei dem Baby zu bleiben und ihn zu holen, sollte etwas sein. Auch wenn Charlie in der Nähe war, er wollte dem Jungen nicht zu viel zumuten, immerhin war er erst sechzehn Jahre alt. Erst jetzt konnte er nach seinem Gefährten suchen. Vorher schickte er einen Patronus zu Albus, der hoffentlich bereits zurück in der Schule war, und informierte ihn, dass Remus vermisst wurde. Sich daran erinnernd, dass Remus etwas vom zweiten Stock gesagt hatte, eilte er dorthin. Als er ankam, musste er einen Aufschrei unterdrücken.

Remus lag auf dem Boden, leblos, grau, wie in Stein gemeißelt, neben ihm eine Schülerin, Ellen Snyder, Hufflepuff, dritte Klasse, erinnerte er sich automatisch, ebenso versteinert. Er ging neben seinem Gefährten in die Knie, merkte nicht einmal, wie sehr er zitterte. „Remus? Remus!“, schluchzte er auf, dann biss er sich auf die Lippen, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Severus! Was ist passiert?“, hörte er nun Albus' Stimme. Der Weißhaarige kam neben ihm zum Stehen und zog sofort seinen Zauberstab, um die Beiden zu untersuchen. Nach einer Weile legte er Severus die Hand auf die Schulter. „Sie sind versteinert, nicht tot. Ein Alraunen-Wiederbelebungstrank wird sie erwecken, und ihnen fehlt nichts. Pomona hat ein paar fast erwachsene Alraunen, soweit ich weiß, sie brauchen vielleicht noch eine Woche, dann kannst du sie haben.“, beruhigte er den Tränkemeister.

„Was hat das verursacht?“, fragte Severus mit rauer Stimme.

„Ich weiß es nicht.“, gab der Schulleiter zu. „Aber wir sollten es dringend herausfinden. Ich werde nachforschen, und auch Sirius Black mit einbeziehen, laut Remus ist ihm furchtbar langweilig, seit er unter Quarantäne steht. Seine Bibliothek dürfte in diesem Fall sehr nützlich sein. Nimm dir den restlichen Tag frei und kümmere dich um deine Jungs. Und mach dir keine allzu großen Sorgen, wir werden uns kümmern.“

Severus nickte und rauschte davon, in die Kerker. Er musste nun einfach sehen, dass es seinen Söhnen gut ging. Auch wenn er Charlie Weasley bis zu einem gewissen Punkt vertraute, doch gerade wuchs ihm alles über den Kopf. Er war es einfach nicht gewohnt, alleine für zwei Kinder verantwortlich zu sein, bisher hatte Remus diese Aufgabe bewältigt, und er selbst hatte sich um seine Schüler gekümmert und den Unterricht. Seine Gedanken gingen zum Vormittag zurück, er hatte nichts von seinem Gefährten gespürt. Jedenfalls nichts Ungewöhnliches. Hatte Remus gar keine Möglichkeit gehabt, die Bedrohung zu erkennen? Oder hatte er es für harmlos gehalten, bis es zu spät war? Was bedeutete das alles? Was sollte er nun tun? Wie konnte er seine Kinder beschützen, und die Schüler, die hier in Hogwarts waren? Seine Verantwortung schloss beides ein, aber wie sollte er das schaffen? Remus war sein Gefährte und er brauchte seine Nähe, um funktionieren zu können.

„Professor? Alles in Ordnung?“, riss die Stimme des Rothaarigen ihn aus seinen Gedanken.

Severus sah auf, Charlie Weasley saß auf dem Sofa, Harry auf seinem Schoß schien zu schlafen. „Remus wurde versteinert.“, brach es aus dem Tränkemeister heraus. Er zwang sich, tief durchzuatmen. Das hier war einer seiner Schüler, erinnerte er sich. Er musste sich beruhigen und seine Verantwortung wahrnehmen. „Danke, dass sie sich um Harry gekümmert haben. Ich werde ihn nun selbst übernehmen. Gehen sie und behalten sie das hier für sich.“

„Natürlich, Professor Snape-Lupin.“, nickte Charlie. „Wenn ich Harry nehmen soll, sagen sie mir bitte Bescheid, ich kümmere mich gerne um den Kleinen, er ist wirklich brav, so ein lieber Kerl.“

Severus presste die Lippen zusammen und nahm Harry in seine Arme, legte ihn ins Bett im Kinderzimmer. Der Jugendliche verließ die Räume und holte seine Schulsachen aus dem Klassenzimmer, das Severus offen gelassen hatte. Der Tränkemeister stand am Wohnzimmerfenster und starrte nach draußen, ohne etwas zu sehen. Seine Finger rieben die Nasenwurzel und er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was er nun tun sollte. Doch er konnte sich nicht konzentrieren, seine Gedanken drifteten ständig ab. Sein Innerstes war zu aufgewühlt, um klar denken zu können. Er registrierte nicht einmal, dass es an seiner Tür klopfte, schreckte hoch, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte.

„Ruhig, Severus.“, mahnte Albus. „Du hast nicht reagiert, als ich geklopft hatte, daher habe ich mir erlaubt, mir Zutritt zu verschaffen. Ich habe mir Sorgen gemacht. Wie geht es dir und den Kindern?“

„Harry schläft, ebenso Tycho.“, beantwortete Severus einen Teil der Frage. „Charlie Weasley hat sich um Harry gekümmert, während ich nach Remus gesucht hatte. Was geschieht jetzt? Remus und Harry sprachen von einer Schlange, er wollte sie suchen. Wie groß ist die Gefahr, in der die Schüler schweben?“

„Ich habe den Kollegen Bescheid gegeben, sie halten die Augen offen, ebenso die Portraits und die Geister.“, beruhigte der Schulleiter. „Ich habe übrigens nach der Karte geforscht, die Remus erwähnt hatte. Argus müsste sie haben, aber er muss erst suchen, die Karteikästen aus dieser Zeit sind schon ein wenig durcheinander. Er bringt sie mir, sobald er sie hat, dann können wir damit suchen. Vielleicht hilft uns das weiter.“

„Und was ist mit Remus und seiner Verwandlung?“, hakte Severus nach. „Wenn die Alraunen noch mindestens eine Woche brauchen, in einer Woche ist Vollmond, den Trank kann ich vorher nicht fertigstellen. Und auch den Banntrank kann ich ihm in dem Zustand nicht geben.“

„Mach dir keine Sorgen, Severus. Poppy ist sicher, dass die Verwandlung in dem Zustand nicht stattfinden wird, und sicherheitshalber wird sie ihn isolieren.“, versicherte Albus. „Atme durch, Severus. Du bist nicht alleine für alles verantwortlich. Ich weiß, du bist kein Mensch, der Verantwortung leichtfertig abgibt, aber du solltest es tun. Wir sind da, Severus. Minerva, Hagrid, Filius, Pomona, Poppy und ich werden dir helfen, soweit wir es können. Gib einen Teil deiner Verantwortung an uns ab, sonst machst du dich selbst kaputt.“

„Dad! Daddy!“, rief Harry in dem Moment voller Angst aus dem Kinderzimmer. Sofort lief Severus nach nebenan und hob seinen Sohn aus dem Bett.

„Harry, ich bin da.“, schloss er ihn in die Arme. Er wollte ihm nicht sagen, dass alles in Ordnung war, denn das war nicht der Fall.

„Wo ist Daddy?“, fragte der Kleine weinerlich.

„Er … er ist im Krankenflügel bei Poppy.“, erklärte Severus zögernd. „Ich muss ihm einen Trank brauen, damit es ihm besser geht, aber bis dahin ist er wie ein Stein. Leider dauert es ungefähr noch eine Woche, bis ich alle Zutaten habe und den Trank herstellen kann. Bis dahin müssen wir alleine zurechtkommen.“

„Daddy!“, schluchzte Harry und klammerte sich an Severus fest. „Nicht weggehen, Dad. Bitte nicht weggehen!“

„Sch. Beruhige dich, Harry. Ich bin hier. Du kannst bei mir bleiben, wenn du magst.“, versicherte der Tränkemeister. „Aber ich setze dich jetzt auf den Boden, du bist mir zu schwer, mein Großer.“

„Tut dein Rücken wieder weh?“, fragte der Grünäugige.

„Nein, aber ich will auch nicht, dass es passiert.“, lächelte der Tränkemeister für einen Moment.

Er ging zurück ins Wohnzimmer, wo Albus noch immer wartete, Harry lief dicht an seiner Seite, als hätte er Angst, dass Severus auf einmal verschwinden könnte. Beruhigend strich der Tränkemeister ihm durch die wirren schwarzen Haare. Er sah Albus an. „Und jetzt?“, wollte er wissen.

„Bleibt heute hier, ich melde mich bei dir. Deinen Unterricht heute Nachmittag übernehme ich.“, versprach Albus. „Atme durch und beruhige dich, wir sehen uns heute Abend, in Ordnung?“

„Danke, Albus.“, wisperte Severus, der wirkte, als stünde er kurz vor einer Panikattacke oder einem Zusammenbruch. Er wusste nicht, wie er seine Maske beibehalten sollte.

Besorgt musterte der Schulleiter den Tränkemeister noch einen Moment, dann drehte er sich um und ging. Er wusste, jetzt würde er nicht zu ihm durchdringen, die Aufgabe, sich um die Kinder zu kümmern, war sicher der bessere Weg. Niemals würde Severus zulassen, dass den Beiden etwas passierte. Auch wenn er es zu verbergen suchte, Severus liebte seine Männer. Harry hatte sein Herz erobert, seit er vor über einem Jahr zum ersten Mal einen Blick auf dieses Kind erhascht hatte und auch, wenn Severus versuchte, das geheim zu halten, die Schüler wussten, dass er sich verändert hatte. Und sie fanden es ziemlich gut. Es gab auch deutlich weniger Unfälle im Tränkeunterricht, eine Tatsache, die deutlich machte, dass diese Veränderungen gut waren.

Severus sackte in sich zusammen, als die Tür hinter Albus ins Schloss fiel, doch sofort straffte er seinen Rücken wieder und setzte sich mit Harry auf das Sofa, holte sich ein Buch, um den Sechsjährigen abzulenken. Das Fieber war weg, aber er war noch ein wenig matt. Bis Tycho wieder wach wurde, las er seinem Ältesten vor, dann spielten sie mit dem Kleinen eine Weile auf dem Boden. Es lenkte Severus von seinen Gedanken ab, die sich immer wieder um den versteinerten Remus drehten. Tycho konnte sich inzwischen selbständig drehen und rollte sich gerne dahin, wo er etwas Interessantes entdeckte. So hielt er Severus in Atem, denn hier im Wohnzimmer war nicht alles kindersicher, und die entsprechenden Zauber kannte der Tränkemeister nicht. Darum hatte sich Remus immer gekümmert. Zum Abendessen brachten die Elfen für Harry und Severus einige Sandwiches und Brei für Tycho. Seit einigen Tagen bekam der Jüngste keine Milch mehr zum Abendessen, was ihm noch nicht so zusagte. Daher brauchte Severus all seine Konzentration dafür, Tycho auch satt zu bekommen. Anschließend steckte er beide Kinder gemeinsam in die Wanne und brachte sie ins Bett.

Als Albus gegen kurz nach neun Uhr an der Tür klopfte und hereinkam, wusste Severus sofort, dass etwas passiert sein musste. „Wir hatten zwei weitere Schlangenbisse.“, berichtete der Schulleiter unaufgefordert und wirkte dabei unheimlich alt. „Nymphadora Tonks wurde gebissen, bei ihr schlägt das Serum nicht richtig an, da sie ein Metamorphmagus ist, aber sie ist außer Gefahr. Außerdem wurde Filius gebissen, ihm geht es inzwischen wieder gut, dank deines Gegenmittels.“

Wie betäubt starrte Severus ins Leere und sank auf dem Sofa zusammen. „Wir müssen sie finden.“, hauchte er. Dann fokussierte sein Blick wieder und er richtete sich auf. „Was ist mit der Karte? Hat Argus sie schon gefunden? Ansonsten helfen wir mit einem Aufrufezauber nach. Wir müssen alles nutzen, was uns helfen kann.“

„In Ordnung, ich werde nachsehen. Minerva ist als Katze unterwegs, vielleicht solltest du auch die Gestalt wechseln. Wir könnten Poppy bitten, auf deine Kinder zu achten.“, schlug Albus vor.

Langsam nickte Severus. „Du hast Recht.“, meinte er. „Ich rufe Poppy und verwandle mich dann. Morgen werde ich unterrichten, aber wahrscheinlich muss ich Harry mitnehmen, er klammert wieder.“

„Ruh dich dazwischen aus, du nutzt uns nichts, wenn du zusammenbrichst.“, riet der Weißhaarige.

„Ich weiß, was ich tue.“, fauchte der Tränkemeister, atmete dann tief durch. Es brachte nichts, wenn er den Schulleiter nun anschrie. Seine Verzweiflung durfte nicht die Oberhand gewinnen. Sie durfte nicht nach draußen gelangen. Das störte seine Konzentration und brachte Andere gegen ihn auf. „Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich in einer derartigen Situation bin. Ich schaffe das schon.“

„Das weiß ich. Aber du hast noch nie zwei Kinder gehabt, um die du dich kümmern musstest.“, besänftigte Albus. Direkt im Anschluss an seine Worte verließ er die Kerker. Severus atmete mehrmals tief durch und ging dann zum Kamin, um Poppy zu bitten, auf Harry und Tycho zu achten. Sobald die Heilerin in der Wohnung war, verließ der Tränkemeister sie, trat auf den Flur und verwandelte sich. Als Fledermaus waren seine Sinne deutlich schärfer und er konnte wahrnehmen, was um ihn herum passierte. Er flog für vier Stunden durch die Gänge des Schlosses, konnte aber nichts Ungewöhnliches ausmachen. Schließlich entschied er schweren Herzens, ins Bett zu gehen und wenigstens noch einige Stunden zu schlafen. Poppy war noch wach und versicherte ihm, dass alles ruhig gewesen war. Sie verabschiedete sich und wünschte eine erholsame Nacht. Erschöpft legte sich Severus ins Bett und schlief nur Momente später.

Am Morgen nach dem Frühstück flohte er Narzissa an, da es unmöglich erschien, Harry aus seiner Reichweite zu geben. Der Kleine klammerte fast so schlimm wie am Anfang. Die Blonde fragte, ob sie wenigstens Tycho nehmen sollte, als Severus ihr einen kurzen Überblick gegeben hatte, was passiert war. Dankbar nahm der Tränkemeister das Angebot an, und sie kam vorbei, um ihren Patensohn abzuholen. Zusammen mit Harry ging er schließlich kurz vor Unterrichtsbeginn ins Klassenzimmer, um die Schüler herein zu lassen. Der Sechsjährige setzte sich an einen Tisch, den Severus in die Nähe seines Pultes gestellt hatte. Ängstlich beobachtete Harry seinen Dad, ließ ihn keinen Moment aus den Augen, als hätte er Angst, dass der auch einfach verschwinden könnte. Severus konnte sich kaum auf den Unterricht konzentrieren und war froh, dass er schon einige Jahre unterrichtete. Für heute hatte er einen Theorie-Tag geplant, damit keine Dämpfe entstehen konnten, die Harry möglicherweise schadeten.

Bis zum Mittagessen klappte es erstaunlich gut, zwar musterten die Schüler den Sechsjährigen in ihrem Klassenzimmer verwundert, aber die eisigen Blicke des Tränkemeisters verhinderten, dass Fragen gestellt wurden. Harry malte nach einiger Zeit auf dem Pergament, das Severus ihm gegeben hatte, schrieb sogar einige Wörter auf eines der Blätter. In einer Pause warf Severus einen Blick darauf. Harry hatte ein Portrait von Remus gemalt, wie er Tycho auf dem Schoß hatte und fütterte. Daneben hatte er die Namen von Remus und Tycho geschrieben, dazu noch ‚Ich hab euch lieb‘.

„Gut gemacht, Harry.“, lobte Severus. „Du hast es genau richtig geschrieben.“

„Wird Daddy wieder gesund?“, wisperte Harry ängstlich.

„Ja, Harry.“, versprach Severus. Er musste es einfach glauben. Anders konnte er nicht existieren. Remus war sein Leben, genau wie Harry und Tycho. Seine Familie war das Wertvollste, was er hatte. Ohne sie konnte er nicht mehr sein. „Er wird gesund. Wir werden den Trank für ihn brauen, sobald die Alraunen fertig sind. Alraunen sind ziemlich seltsame Pflanzen, die versteinerte Personen wiederbeleben können, wenn sie richtig verarbeitet werden. Und dann kommt er zurück zu uns.“

„Du bist der beste Brauer von Zaubertränken, Dad.“, wusste Harry. „Du schaffst das bestimmt.“

„Danke, Harry!“, lächelte Severus. Die Zuversicht seines Sohnes stärkte ihn, half ihm, wieder mehr er selbst zu sein. „So, und jetzt kommt die nächste Klasse, ich muss mich wieder konzentrieren.“

„Ich bin ganz still!“, grinste Harry. „Das kann ich richtig gut!“ Ja, leider konnte Harry das wirklich gut. Severus wollte nicht darüber nachdenken, warum er es so gut konnte. Wieder machten sich Vorwürfe in ihm breit, warum nur hatte er nicht eher nachgesehen? Doch er konnte nicht weiter darüber nachdenken, da die Schüler hereinkamen. Auch hier starrten die Schüler Harry an, doch schnell herrschte Ruhe. Die Jugendlichen mochten den Kleinen und achteten penibel darauf, dass er nicht verletzt wurde.

Mittags aßen sie zusammen in der großen Halle am Lehrertisch. Harry saß wie üblich auf Severus' Schoß, hatte aber offensichtlich keinen richtigen Appetit. Er stocherte nur in seinem Essen herum, genau wie Severus. Außerdem klagte er über leichte Kopfschmerzen. So verließen sie die Halle schnell wieder, ihnen war die fröhliche Stimmung einfach zu viel. Auf Weihnachten freuten sie sich gerade überhaupt nicht. Selbst Harry machte sich Sorgen um Remus.

Severus erinnerte sich an die Worte von Albus, dass die Karte beim Hausmeister sein müsste. Sie hatten nun Zeit, den Hausmeister zu besuchen. Der Unterricht begann erst in knapp einer Stunde und Severus war zu unruhig, um Aufsätze zu korrigieren oder Trankproben zu bewerten. Lieber wollte er gerade etwas tun, um sich nützlich zu fühlen. Er klopfte an die Bürotür und wartete, bis der Hausmeister öffnete. „Argus.“, nickte Severus knapp. „Albus sagte, sie hätten ein Pergament von James Potter und Sirius Black konfisziert.“

„Das habe ich in der Tat, in ihrem letzten Schuljahr, kurz vor den Prüfungen.“, stimmte Argus Filch zu. „Leider habe ich es bisher nicht finden können, Professor, aber ich werde es zum Schulleiter bringen, sobald es auftaucht.“

„Darauf zu warten, fehlt uns bedauerlicherweise die Zeit.“, knurrte Severus und zog seinen Zauberstab, was den Hausmeister erblassen ließ. Genervt hob Severus eine Augenbraue, kommentierte es aber nicht weiter. Etwas Anderes war deutlich wichtiger. „Accio Karte des Rumtreibers.“

Etwas ruckelte in dem Aktenschrank, der ganz hinten an der Wand stand, eine Schublade ging auf und ein Stück altes Pergament flog auf den Tränkemeister zu, der es geschickt auffing. Nach einem kritischen Blick steckte der Tränkemeister das Pergament in die Tasche und ging mit Harry weiter. Den Hausmeister ignorierte er geflissentlich. Der Sechsjährige hatte in der Zwischenzeit die Katze des Hausmeisters vorsichtig gestreichelt. Die schien sich mit Minnie gut zu verstehen. Harrys Katze schlich um ihn herum. Sie war zu ihnen gestoßen, als sie die Halle verlassen hatten und dann hinter ihnen hergelaufen. Jetzt blieb sie mit Mrs. Norris zusammen im Flur.

Im Kerker ging Severus mit Harry ins Büro und legte das Pergament auf den Schreibtisch. Mit seinem Zauberstab deutete er darauf und murmelte: „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.“ Die ersten Linien bildeten sich auf dem Pergament, und langsam entstand eine lebende Karte von Hogwarts. „Oh Harry, wozu bringen mich diese Rumtreiber nur? Jetzt behaupte ich schon von mir, ein Tunichtgut zu sein.“, seufzte Severus, während er staunend beobachtete, wie die Karte zum Leben erwachte. Aufmerksam betrachtete er sie, erkannte sich und Harry in seinem Büro, sah Remus' Namen im Krankenflügel, was ihm einen Stich versetzte. Schnell blickte er weg, sah Albus auf dem Weg in seinen Turm, die meisten Schüler und Lehrer noch in der großen Halle beim Essen. Doch plötzlich stutzte er. Ein Name tauchte auf, der eine Wirkung hatte, als würde ein Eimer Eiswasser über Severus ausgeschüttet. Nagini. Sie ringelte sich durch eine der Lehrerwohnungen. Nach einem weiteren Blick auf die Position der Wohnräume war Severus sicher, dass er wusste, wer die Schlange in die Schule gebracht hatte. „Quirrell. Remus' Instinkte hatten Recht.“, murmelte er. Hastig trat er an seinen Kamin, das musste Albus sofort erfahren.

Momente später trat Albus aus dem Feuer, und sie beugten sich gemeinsam über die Karte. Harry beobachtete das Ganze ein wenig verwirrt und ängstlich. Er wusste nicht, was da passierte und das machte ihm Angst, vor allem im Zusammenhang mit seinem Daddy. Tränen liefen lautlos über seine Wangen, und er setzte unbewusst seine Magie ein, mit der er seinen Kuschelwolf zu sich rief. An dem klammerte er sich fest, als es weiterging, die Erwachsenen über das Pergament gebeugt standen und diskutierten, wie sie nun weiter vorgehen sollten. „Das ist doch eindeutig!“, fauchte Severus eben leise. „Quirrell muss Nagini ins Schloss gebracht haben, wie sollte sie sonst in seine Wohnung kommen?“

„Es könnte auch so sein, dass jemand es auf Quirinius abgesehen hat.“, mahnte Albus. „Jemand könnte die Schlange zu ihm gebracht haben. Es ist unwahrscheinlich, das gebe ich zu, aber wir sollten diesen Gedanken zumindest in Betracht ziehen. Severus, du bist sonst immer derjenige, der alle Aspekte in Betracht zieht, und auch, wenn du Quirinius nicht magst, gilt sogar für ihn die Unschuldsvermutung. Wir werden das beobachten. Sollte Nagini ihn beißen, haben wir dein Serum. Ansonsten hilft uns die Karte vielleicht auch, herauszufinden, wer für den Angriff auf Remus verantwortlich ist, denn ich habe keine Ahnung, was diese Versteinerung hervorgerufen hat. Meine Bücher haben mir bisher keinen vernünftigen Anhaltspunkt geliefert. Wir werden erst einmal beobachten und sehen, was passiert. Ich nehme die Karte an mich, so lange du Unterricht hast, dann verpassen wir nichts.“

Widerwillig gab Severus nach und nickte. Erst jetzt fiel sein Blick auf Harry, der lautlos weinend neben ihm kauerte. Er ging in die Knie und zog den Sechsjährigen an sich. „Wir werden deinen Daddy retten und die Schule beschützen. Versprochen, Harry!“, wisperte er in die Ohren seines Sohnes und spürte die kleinen Hände, die sich in seine Robe klammerten. Er wollte ihm keinen Beruhigungstrank geben, das würde ihn wahrscheinlich mehrere Stunden ausknocken. Sein Kreislauf war immer noch schwächer als bei Gleichaltrigen, und es war schwer, die richtige Dosis eines Trankes bei ihm zu finden. Also griff er nach seiner Hand und hielt sie fest, schob den Jungen ein Stück von sich, damit er ihn ansehen konnte. „Harry, ich muss unterrichten. Schaffst du das, oder soll ich dich zu Tante Zissa bringen?“, fragte er ruhig.

„Bei dir bleiben, Dad! Nicht weggehen!“, wisperte Harry zitternd.

„Du kannst bei mir bleiben, mein Kleiner, aber dann müssen wir jetzt ins Klassenzimmer. Nimm dir ein Buch mit, dann zaubere ich dir einen Sessel.“, versprach der Tränkemeister. Er nahm ihn noch einmal fest in die Arme.

„So einen wie letztes Jahr? Zum Schaukeln?“, wollte Harry hoffnungsvoll wissen.

„Wenn du magst.“, schmunzelte Severus, froh darüber, dass Harry nicht mehr so panisch war. „Ich gehe ins Klassenzimmer, du kommst mir nach?“ Harry nickte und huschte ins Kinderzimmer, sein derzeitiges Lieblingsbuch holen, ein Tierlexikon. Kana schleppte er weiter mit sich herum, doch diesmal sagte Severus nichts dazu. Der Kleine war so verängstigt, dass er diesen Halt brauchte. Während die Schüler sich auf ihre Plätze setzten und die Hausaufgaben wie gefordert aus ihren Taschen holten, half der Professor seinem Sohn, sich in den Schaukelsessel zu kuscheln. Einen Zauber später hatte er noch einige Kissen und eine Decke darin, in die er sich wickelte. Jetzt wirkte er bedeutend ruhiger und Severus wandte sich der Klasse zu.

Der Unterricht verlief problemlos und im Anschluss kam tatsächlich der Schulleiter wieder in die Kerker. Da Quirrell ebenfalls bis zur letzten Stunde unterrichtet hatte, hatte sich bisher nichts auf der Karte getan. Gerade korrigierte er offenbar die Aufgaben der Schüler, denn sein Punkt war unbewegt im Büro, die Schlange bewegte sich ebenso wenig, war aber im privaten Bereich. Daher setzte sich nun auch Severus hin und nahm sich einen Stapel Aufsätze, denn er musste ebenfalls Noten vergeben. Die Karte blieb neben ihm liegen und er warf immer wieder Blicke darauf, doch es tat sich nichts. Erst zur Essenszeit bewegte sich Quirrell wieder, ging aber auf direktem Weg in die große Halle. Auch Severus und Harry gingen nun hinauf, immerhin musste der Sechsjährige regelmäßig essen, um nicht wieder zu viel Gewicht zu verlieren. Momentan war er zwar immer noch sehr leicht, aber nicht mehr krankhaft untergewichtig, und diesen Erfolg wollte der Tränkemeister nicht gefährden. Beim Essen hatten sie außerdem Quirrell im Blick, das beruhigte Severus ein wenig. Er hatte wieder eine Aufgabe und war damit viel ruhiger. Die Sorge um Remus blieb, aber sie beherrschte nicht mehr sein ganzes Denken.

Leider dauerte es fast eine Woche, bevor wirklich etwas auf der Karte passierte. Bis Freitag hatte der Professor für Verteidigung nur Eines deutlich gemacht – die Schlange lebte bei ihm. Aber da sie die Wohnung nicht verlassen hatte, griffen Severus und Albus nicht ein. Noch nicht. Denn Nagini war definitiv nicht die Ursache dafür, dass Remus und Ellen Snyder versteinert waren. Das war ganz sicher etwas anderes gewesen, wenn auch bisher noch keiner wusste, was genau. Sie waren nicht sicher, ob die Anwesenheit Naginis damit zu tun hatte oder nicht. Geduldig warteten sie darauf, dass Quirrell einen Fehler machte. Dann würden sie zuschnappen. Auch wenn sie nicht ganz sicher waren, dass der stotternde Professor wirklich hinter dem Angriff auf Remus steckte, doch der Verdacht hielt sich hartnäckig, und sie waren guter Hoffnung, etwas herauszufinden, wenn sie nur lange genug warteten. Severus hatte seinen Vorrat noch einmal durchgesehen und festgestellt, dass er, von den Alraunen abgesehen, alles für den Wiederbelebungstrank hatte. Pomona war guter Hoffnung, diese heute oder spätestens morgen liefern zu können, somit würde er den Samstag wohl im Labor verbringen. Severus war Narzissa mehr als dankbar, die sich die meiste Zeit um Tycho kümmerte. Harry ging nicht aus seiner Nähe, schon gar nicht aus seinem Blickfeld, nachts schlief er bei ihm im Bett, und die Schüler hatten sich inzwischen auch an den Anblick gewöhnt, dass ein Kind in ihrem Tränke-Klassenzimmer war und sie manchmal beim Brauen beobachtete. Waren Charlie oder Bill in der Klasse, half er ihnen öfter sogar dabei, die Zutaten zu schneiden, was ihn ablenkte und auch Spaß zu machen schien.

Bis auf ein Mal schaffte Severus es nicht, Remus zu besuchen. Diese Steinfigur, die da im Krankenflügel lag, war so leblos, dass es Severus vollkommen aus der Bahn warf. Viel hatte nicht gefehlt und er wäre direkt am Bett seines Gefährten zusammengebrochen. Erst spät in der Nacht, als Harry und Tycho schliefen, hatte er die Emotionen zugelassen, und lautlos in sein Kissen geweint. Tagsüber merkte man ihm nichts an, seine Maske saß perfekt. Doch seinem Schulleiter konnte er nichts vormachen, der kam beinahe jeden Abend, offiziell wegen der Beobachtung der Karte. Aber er wusste, dass der Ältere auch ein Auge darauf hatte, dass Severus nicht wieder zum Alkohol griff, jedoch dachte der Tränkemeister nicht einmal daran, denn er hatte schließlich die Verantwortung über die beiden Kinder. Das Wochenende hatte er Beide bei sich. Gut, dass der Wiederbelebungstrank nicht viel Zeit in Anspruch nahm, das konnte er machen, wenn die Zwei schliefen.

Beim Abendessen saßen Harry und Severus gerade am Tisch und nahmen sich von den verschiedenen Schüsseln und Platten, als Pomona Sprout, die Kräuterkundelehrerin, sich neben sie fallen ließ. „Sie sind erntereif!“, teilte sie ihm strahlend mit. „Wenn du willst, kannst du nach dem Essen mit nach draußen kommen, dann nimmst du dir mit, wie viele du brauchst.“

„Das werde ich machen!“, lächelte Severus erleichtert. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, bald konnte er seinen Mann zurück zu sich holen. Natürlich würde er keine Minute warten, um die Alraunen zu holen und anfangen zu können. Zwar mussten sie sich dann beeilen, denn Narzissa wartete darauf, dass sie Tycho abholten, aber das war es wert. Scheinbar wurde es mit ihr und Devon langsam ernster, sie planten am Wochenende einen Ausflug mit Draco und Blaise nach Südfrankreich. Severus hatte ihr versprochen, seinen Sohn pünktlich nach dem Essen abzuholen, und er hasste es, Versprechen nicht einzuhalten. Deshalb beeilte er sich mit dem Essen, ebenso Harry, den er davon abhalten musste, alles in sich hinein zu schlingen. Offenbar hatte der Kleine verstanden, was die Professorin neben ihnen angedeutet hatte. Oder er spürte Severus' Nervosität und Anspannung, was durchaus sein konnte, da er ihn auf dem Schoß hatte.

Eine halbe Stunde später lugte Harry neugierig in das Gewächshaus. In die hatte er bisher nicht hinein gehen dürfen, nur einmal hatte er einen Blick hinein geworfen, und er war gespannt, was sich darin versteckte. Die Pflanzenvielfalt faszinierte ihn. Mit großen Augen sah er sich um.

„Harry, du kannst dich gerne umsehen, aber aus dem Bereich dort hinten bleib weg, die Pflanzen dort könnten dich verletzen.“, zeigte ihm die Kräuterkundelehrerin die hintere linke Ecke. „Und wenn du ganz brav bist, dann bekommst du nachher eine von meinen Zauberblumen. Schau, dort auf dem Tisch.“

Staunend trat Harry an den Tisch und versuchte zu erfassen, was er eigentlich sah. Die Blumen waren bunt. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel er sie ansah, hatten sie eine andere Farbe. Rot, gelb, blau, weiß, rosa, lila, silber, gold. Harry konnte sich nicht satt sehen. Die Form war zierlich, leicht spitz zulaufend und länglich. Sachte strich Harry über die Blüte, sie war ganz weich und samtig und sobald er sie berührte, öffnete sie sich und verbreitete einen zarten und leicht süßen Duft. „Die sind toll!“, strahlte Harry die Professorin an, die ihm zulächelte.

Da die beiden Erwachsenen noch nicht fertig waren, sah sich Harry nun noch ein wenig um. Manche Pflanzen bewegten sich auf ihn zu, als er näher kam, die machten ihm Angst, und er ging schnell wieder weg. Aber eine Blüte zog ihn magisch an. Sie glühte und um sie herum schienen kleine Fliegen zu schweben. Als Harry näher kam bemerkte er, dass es keine Fliegen oder Käfer waren, sondern ganz winzige, beinahe durchsichtige, geflügelte Wesen. Sie glitzerten, wenn das Licht der Blüte auf sie fiel. Vorsichtig streckte er seinen Finger aus, doch er hielt inne, bevor er eines der Wesen berührte. Er selbst mochte es nicht, ungefragt berührt zu werden, daher nahm er Rücksicht. Neugierig umschwirrten die winzigen Wesen seinen Finger, schließlich setzte sich sogar eines darauf. Langsam zog Harry seinen Finger ein wenig zu sich, um sie genauer zu betrachten. Das Wesen erschien ihm eindeutig weiblich zu sein. Beide bestaunten sich gegenseitig.

„Pixie-Feen.“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. Professor Sprout war ungehört hinter ihn getreten. „Sie leben mit der Feen-Blume hier in Symbiose, das bedeutet, ohne die Blume gibt es die Feen nicht und umgekehrt. Es ist eine Seltenheit und wenn die Blüte ihre Blätter abwirft, sind es wertvolle Trankzutaten, ebenso die grünen Blätter. Aber nur, wenn die Pixie-Feen vorher ihren Feenstaub darauf verteilt haben. Sie mögen dich, sonst hätten sie sich nicht gezeigt.“

„Komm, Harry, wir müssen Tycho abholen.“, mahnte Severus, der zwei Blumentöpfe mit Alraunen vor sich schweben ließ. Folgsam entließ Harry die winzige Fee von seinem Finger und setzte sie zurück auf die Blüte, die ihm am nächsten war.

Pomona Sprout hielt sie noch einen Moment auf und gab Harry eine der Zauberblumen. „Danke!“, lächelte Harry glücklich. Ganz vorsichtig hielt er sie in beiden Händen.

„Gerne, junger Mann. Komm mich mal wieder besuchen!“, schmunzelte die Professorin.

Strahlend hüpfte Harry neben seinem Vater in die Kerker zurück, wo er die Blume auf das Fensterbrett im Kinderzimmer stellte. Pomona hatte sie in einen kleinen Blumentopf gezaubert, den Harry nun sorgfältig an das Fenster schob. Dann erst trat er zu Severus, der in der Zwischenzeit die Alraunen in sein Labor gebracht hatte. Gemeinsam traten sie in den Kamin, um zu Narzissa und Draco zu reisen. Wenig überrascht nahmen sie die Anwesenheit von Devon und Blaise wahr, als sie ankamen.

„Guten Abend!“, grüßten sie einander.

Tycho streckte seine Arme aus und strahlte Severus an, der ihn sofort auf den Arm nahm. „Hallo mein Kleiner!“, begrüßte er ihn und wehrte lächelnd die patschenden Hände ab, die in seinem Gesicht herum tasteten. „Hattest du einen schönen Tag?“

„Da dada!“, machte Tycho.

„Und bei dir? Gibt es Neuigkeiten?“, wollte Narzissa wissen.

„Ich habe die Alraunen, kann heute noch anfangen, den Trank zu brauen.“, verkündete Severus hoffnungsvoll, doch gleich verlor sich der Ausdruck auf seinem Gesicht wieder. „Bei der Überwachung allerdings hat sich nichts weiter getan.“

„Gebt nicht auf.“, riet Devon. „Ich glaube an deine Instinkte, irgendwann macht er einen Fehler.“

„Danke. Für alles.“, erwiderte Severus und sah Devon und Narzissa an. „Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.“ Er meinte es ehrlich, und ihm war klar, dass es ihm früher wahrscheinlich egal gewesen wäre, aber nun war er mit beiden befreundet und sorgte sich tatsächlich. Ja, er hatte sich sehr verändert.

Sie verabschiedeten sich voneinander und die Lupins reisten zurück nach Hogwarts, wo Severus seine Söhne für die Nacht fertig machte. Tycho schlief bald und auch Harry war nach der Gute-Nacht-Geschichte schon fast eingeschlafen. „Harry, erschrick' bitte nicht, falls du aufwachst und ein Hauself hier ist.“, warnte Severus seinen Sohn. „Ich muss im Labor brauen, und vielleicht kann ich deinen Daddy gleich wiederbeleben, dann werde ich in den Krankenflügel gehen. Damit du nicht alleine bist, werde ich eine Hauselfe hier lassen, du kannst sie schicken, mich zu holen, in Ordnung?“

„'Kay, Dad.“, murmelte Harry schlaftrunken. Schmunzelnd blieb Severus noch einen Moment sitzen, bis der Sechsjährige eingeschlafen war. Dieses Glück erfüllte ihn bis in die Fingerspitzen, seine Söhne waren – neben Remus – sein ganzer Stolz und er konnte sich nicht vorstellen, ohne sie zu sein.

Erst als Harry und Tycho tief und fest schliefen, rief er eine Elfe und befahl ihr, die Kinder im Auge zu behalten und ihn zu holen, sollte etwas sein. Dann ging er ins Labor und begann, die Zutaten für den Wiederbelebungstrank vorzubereiten. Schnell hatte einen Kessel auf dem Feuer und fing an, den Trank zu brauen. Ohne bewussten Gedanken schnitt, schälte, stampfte und zermahlte er die Zutaten in der richtigen Reihenfolge, gab sie nach Rezept in den Kessel, rührte und regulierte die Temperatur, wie es notwendig war. Er merkte nicht einmal, wie die Zeit verging, oder dass er beobachtet wurde. Erst gegen drei Uhr morgens schreckte er auf, als er das Feuer löschte und den Trank abkühlen ließ. Zum ersten Mal seit Stunden hob er seinen Blick und starrte in die blauen Augen des Schulleiters.

„Es fasziniert mich immer wieder, dich beim Brauen zu beobachten.“, gluckste Albus. „Ich habe die Karte im Auge behalten und gesehen, dass du im Labor bist, daher ging ich davon aus, dass die Alraunen soweit sind. Quirinius ist schon schlafen gegangen, ebenso wie alle anderen. Es hat sich nichts getan, aber ich vermute, das Wochenende könnte das ändern. Morgen, oder besser heute, ist Hogsmeade-Samstag, die Schüler sind schon ganz ausgelassen. Quirinius hat Aufsicht, aber dich habe ich freigehalten. Ruh' dich aus, geh mit den Kindern ein wenig ins Dorf, sie brauchen auch frische Luft. Ich behalte weiterhin die Karte im Auge und melde mich, wenn sich etwas tut.“

„Ich werde Remus erst den Trank geben.“, widersprach Severus.

„Natürlich.“, stimmte Albus freundlich zu. „Davon ging ich aus, aber Poppy wird ihn sicher noch eine Weile bei sich behalten, um sicher zu gehen, dass ihm nichts fehlt, und in der Zeit könnt ihr spazieren gehen. Sollte sie ihn gleich entlassen, geht er sicher mit euch. Vielleicht kann er uns dann auch sagen, wer diesen Fluch auf ihn gesprochen hat.“

Schweren Herzens stimmte der Tränkemeister nach einer etwas längeren Diskussion schließlich zu, sich noch ein paar Stunden hinzulegen, bis der Trank abgekühlt genug war, dass Remus damit wiederbelebt werden konnte, ebenso die Schülerin, die bei ihm war. Bis dahin konnte Severus sowieso nichts tun. Albus verabschiedete sich und versprach, ihn nach dem Frühstück im Krankenflügel zu treffen, um beim Erwachen der beiden Versteinerten dabei zu sein. Erschöpft schickte der Schwarzhaarige die Elfe zurück in die Küche (oder wo auch immer sie nachts waren, er machte sich keine Gedanken darüber) und legte sich zu Harry ins Bett. Unbewusst schien der Kleine seine Anwesenheit zu spüren, denn er schmiegte sich an ihn, schlief aber weiter. Auch Severus schlief schnell ein, nur um knapp zwei Stunden später wieder aufzustehen, weil Tycho Hunger hatte.

Nach dem Frühstück – Tycho bekam immer noch Milch, aber wohl nicht mehr lange, so wie er inzwischen Abend für Abend den Brei aß – verpackte er den Kleinen ins Tragetuch auf seinen Rücken, und Harry ging neben ihm. Den Trank hatte er bereits abgefüllt und bereitstehen, also griff er nach den beiden Phiolen. Vor seiner Tür traf er auf einige aufgescheuchte Slytherins, die scheinbar gerade zu ihm wollten. „Professor!“, riefen sie aufgeregt durcheinander und begannen, gleichzeitig eine Erklärung abliefern zu wollen.

„Ruhe!“, donnerte Severus, mit einem Mal und es wurde still. „Und jetzt noch einmal langsam und nur von einer Person. Mister Bulstrode, erklären sie dieses Geschrei hier.“

„Ja Sir.“, antwortete der bullige Zweitklässler, und atmete einmal tief durch. „Wir wollten eben nach oben zum Frühstück und kamen aus dem Gemeinschaftsraum, da stolperten wir über Kaylee. Sie liegt dort hinten, Professor, sie ist versteinert!“

Sofort folgte Severus seinen Schülern, Harry rannte hinter ihnen her. Tara Jackson, eine der Jägerinnen aus dem Quidditch-Team, nahm ihn an die Hand und führte ihn mit sich, passte dabei auf, dass der Kleine nicht überrannt wurde. Außerdem hielt sie ihn ein wenig entfernt von dem größten Gedränge, damit er nicht unbedingt das versteinerte Mädchen sah. Das schwebte eben vor dem Tränkemeister in Richtung Krankenflügel. Er bedeutete Harry, ihm zu folgen, und Tara Jackson, die immer noch seine Hand hielt, ging ebenfalls mit. Sie war außerdem mit Kaylee befreundet und wollte wissen, wie es ihrer Freundin ging und was mit ihr passiert war.

An der Tür des Krankenflügels blieb der Tränkemeister stehen. „Egal wie sie alle zu Miss Cole stehen, sie warten hier draußen.“, befahl er. „Miss Jackson, bitte lassen sie nun meinen Sohn los. Es war sehr aufmerksam von ihnen, sich um Harry zu kümmern, aber das wird nun nicht mehr notwendig sein. Komm, Harry!“ Der Sechsjährige folgte seinem Vater in den Krankenflügel und sauste dann voran in den hinteren Raum, wo, wie er wusste, Remus lag. Se