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47
18.10.2019 21:25
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

3 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Remus Lupin

Remus Lupin war in Harrys drittem Schuljahr sein Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Außerdem gehörte er zu den engsten Freunden Harrys Vaters. Sein größtes Geheimnis ist, dass er ein Werwolf ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

„Albus, bitte!“, flehte Remus den Direktor von Hogwarts an. „Ich habe James und Lily versprochen, auf Harry zu achten und er hat heute Geburtstag!“
„Remus, er ist in Sicherheit. Lily hat uralte Magie genutzt, um ihn vor Voldemort und den Todessern zu schützen, und dieser Blutschutz bleibt ihm, so lange er bei ihrer Schwester ein Zuhause hat.“, argumentierte Albus Dumbledore nicht zum ersten Mal.
Wie oft sie diese Diskussion so oder so ähnlich schon geführt hatten, war nicht mehr zählbar. Seit Remus seinen besten Freund und dessen Frau vor fast vier Jahren verloren hatte, versuchte er, aus Albus Dumbledore herauszubekommen, wo sein Welpe versteckt war. Er wusste nur, dass er bei Lilys Schwester und deren Mann war, aber weder, wo sie wohnten, noch wie sie hießen. Es war nicht so, dass er nicht auch andere Methoden versucht hatte, sie zu finden, doch es schien unmöglich zu sein. Daher hatte er Harry seit kurz vor Halloween vor vier Jahren nicht mehr gesehen und machte sich nun immer mehr Sorgen.
„Ich will ihm nichts tun, das weißt du genau.“, knurrte Remus. „Er hat Geburtstag, ich will ihm ein Geschenk machen. Was ist dabei, wenn ein Freund seiner Eltern ihm einen Stoffwolf schenkt? Meinetwegen auch anonym, wenn du meinst, dass es besser für Harry ist, aber ich will sicher sein, dass es ihm gut geht, immerhin habe ich das seinen Eltern versprochen. Er hat niemanden mehr, nachdem sein Pate seine Eltern verraten hat.“
„Ich war selbst nicht mehr da, um ihn nicht in Gefahr zu bringen, da ich nie sicher sein kann, dass mir nicht ein Todesser unerkannt folgt.“, gestand der Schulleiter. „Nun gut, Remus. Ich gebe dir eine Adresse, aber versprich mir, dass du dich nicht einmischen wirst. Du kannst dein Geschenk in sein Zimmer zaubern, wenn er schläft, aber du wirst dich ihm nicht zeigen.“
„Ich will nur sichergehen, dass es ihm gut geht.“, versprach der Werwolf. „Wenn alles in Ordnung ist, werde ich schnell wieder verschwinden.“
„Warten wir noch eine Weile, bis es Abend wird, dann fällst du nicht so auf.“, bestimmte Albus Dumbledore. „Desillusioniere dich, bevor du apparierst. Und nicht direkt dorthin, in Ordnung? Darf ich dir bis dahin eine Tasse Tee anbieten?“
„Danke.“, entgegnete Remus und setzte sich in den Sessel am Kamin. Wenigstens hatte der Schulleiter endlich mal ein Einsehen und würde ihm helfen. Zu lange wartete er darauf, nach seinem Welpen sehen zu können. Während sie schweigend ihren Tee tranken, gingen seine Gedanken zurück. Kurz nach dem Tod seiner Freunde in jener Halloweennacht vor fast vier Jahren hatte er auch noch erfahren, dass Sirius verhaftet worden war, weil er nicht nur James und Lily verraten, sondern auch noch Peter und einige Muggel ermordet hatte. Am Abend war er bei Dumbledore gewesen und hatte all das erfahren. Daraufhin war er nach oben auf den Nordturm gegangen, der eigentlich gesperrt war, aber das hatte ihn nicht gestört. Eigentlich hatte er sich vom Turm stürzen wollen, damit der Schmerz in seinem Inneren aufhörte. Er war allein, seine Freunde tot oder als Verräter und Mörder in Askaban. Doch oben auf dem Turm hatte er festgestellt, dass er nicht der Einzige war, dem die Ereignisse zu schaffen machten. Severus Snape war auch da gewesen, er hatte seinen Kummer in Whiskey ertränkt und stand ebenfalls am Geländer, schien zu überlegen, ob er springen sollte.
Was genau sie damals gesprochen und getan hatten, konnte er heute nicht mehr sagen, aber diese Nacht war ein Wendepunkt gewesen. Sie hatten sich ausgesprochen und waren sich nahe gekommen. Seither waren sie ein Paar, wenn es auch eine Weile gedauert hatte, bis sie es sich wirklich gestanden hatten, dass sie mehr füreinander empfanden. Kaum jemand wusste von ihrer Beziehung, aber der Orden und Dumbledore hatten es in der Zwischenzeit herausgefunden und waren ihnen behilflich, wenn es Schwierigkeiten gab. Da er im Zaubergamot saß, setzte er sich für weniger strenge Gesetze für Werwölfe ein und hatte es bereits geschafft, dass die Werwesen nicht mehr so sehr unter Druck gesetzt wurden. Sie durften arbeiten und auch Gefährten haben. Auch gegen Kinder wurde nun nicht mehr vorgegangen, da sie das Werwolfgen nur weitergeben konnten, wenn sie jemanden in ihrer Wolfsform bissen. Gut, er konnte mit Severus keine eigenen Kinder haben, auch wenn das mit Magie möglich war, aber immerhin durften sie nun auch zueinander stehen. Doch Severus wollte keine Kinder.
„Wie geht es euch?“, fragte Dumbledore, der zu ahnen schien, wo die Gedanken des Dunkelblonden waren.
„Es geht.“, zuckte Remus die Schultern. „Lucius hat Severus mal wieder zu sich eingeladen. Er will irgendwas loswerden, weil das Ministerium ihm die Hölle heiß macht. Sev meinte, sie durchsuchen sein Manor regelmäßig und wurden wohl auch schon fündig, einige verbotene schwarzmagische Objekte. Er ist mit einer Geldstrafe davongekommen, aber er wird vorsichtig. Jetzt versucht er offensichtlich, ein paar Dinge loszuwerden.“
„Seid vorsichtig.“, warnte Dumbledore. „Lucius Malfoy ist nicht unbedingt böse, aber immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht, er nimmt keine Rücksicht.“
„Ich weiß, und auch Severus ist sich dessen bewusst.“, seufzte der Werwolf. „Aber dennoch ist er ein Freund und Vertrauter aus früheren Tagen, also fühlt er sich ein wenig verpflichtet, will aber nichts ins Haus holen, was gefährlich für uns wäre. Gerade besucht er sein Patenkind.“
„Wie kommt er mit dem Wolfsbann voran?“, erkundigte sich der Weißhaarige.
Severus war dabei, Wolfsbanntrank zu entwickeln, der den Werwölfen half, mit ihrem inneren Wolf in Kontakt zu kommen und eine Einheit aus Mensch und Wolf zu bilden, sodass sie nicht mehr potentiell gefährlich waren. Natürlich konnte das auch anders genutzt werden, doch Severus hatte sich vorgenommen, seinem Partner zu helfen.
„Es klappt besser, als er dachte. Ich muss ihn allerdings eine ganze Woche vor Vollmond täglich nehmen.“, gab Remus zurück. „Es schmeckt widerlich, aber es hilft wirklich. Der Wolf und ich leben nun in Frieden nebeneinander, so lange ich den Trank nehme. Ich kann mich einfach einrollen und schlafen, auch wenn Sev in der Nähe ist. Aber dennoch versuche ich so oft wie möglich, irgendwo in einem abgeschiedenen Wald zu laufen. Es ist einfach natürlicher für den Wolf. Sich zu bewegen, meine ich. Moony liebt es, zu rennen. Wenn ich ihm das gebe, ist er friedlich.“
„Das ist wirklich ein großer Fortschritt.“, staunte Albus Dumbledore. „Richte Severus meine Hochachtung aus.“
„Werde ich.“, nickte Remus und trank seine Tasse leer. „Danke für den Tee. Bekomme ich jetzt die Adresse?“
„Versprich mir nochmal, dass du keine voreiligen Aktionen startest.“, verlangte Dumbledore und Remus versprach es. Dann erst bekam er die Adresse von Petunia und Vernon Dursley, bei denen Harry nun schon seit fast vier Jahren lebte. Der Dunkelblonde verabschiedete sich und ging durch das Schloss zum Tor, hinter dem er disapparieren konnte. Langsam schlich die Sonne Richtung Horizont und eine seltsame Stille lag über der Landschaft. Jetzt, in den Sommerferien, war das Gelände rund um Hogwarts einsam und leer. Nur der Schulleiter war die meiste Zeit hier und Hagrid, der Wildhüter. Selbst Argus Filch, der Hausmeister, war über den Sommer nicht in der Schule, sondern besuchte seine Schwester.
Am Tor angekommen desillusionierte Remus sich, damit er in Little Whinging nicht auffiel, dann konzentrierte er sich auf sein Ziel, drehte sich auf der Stelle und verschwand. Dieses Spiel wiederholte er mehrmals, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Nicht dass er welche bemerkte, seine Instinkte und seine Nase würden ihn warnen. Nur einen Lidschlag nach der letzten Apparation tauchte er am Rand einer kleinen Vorstadtsiedlung wieder auf und sah sich um. Es sah aus wie eine schlechte Kulisse für einen noch schlechteren Film. Alles einheitlich, jedes Haus gleich aufgebaut, die Gärten alle identisch, vorne Blumen, hinten noch ab und zu wenigstens eine Schaukel. Nur die Farben der Häuser variierten, ebenso die der Autos in den Einfahrten, ansonsten war alles gleich. Remus fragte sich, wer so leben wollte, kam aber auf keine Antwort. Anhand der Beschilderung suchte er sich seinen Weg, bis er den Ligusterweg entdeckte. Die Nummer vier war am anderen Ende, er war bei den hohen Zahlen angekommen. Aber Zeit war nun nicht mehr essentiell, wo er es endlich geschafft hatte, diese Adresse zu bekommen. Dennoch schritt er zügig auf das Haus von Harrys Verwandten zu.
Es wirkte gepflegt, fiel ihm auf. Der Rasen akkurat gemäht, die Zaunlatten frisch gestrichen, das Auto gewaschen, die Rosen blühten und zeigten keinerlei alte oder welke Blätter, die Garage, die offen stand, sauber und aufgeräumt. Auf der Terrasse saßen eine relativ dünne, pferdegesichtige Frau und ein ziemlich dicker Mann mit einem riesigen Schnauzer, die gemütlich ein Glas Wein tranken und sich leise unterhielten. Im Garten saß ein ziemlich übergewichtiger Junge auf einer Schaukel und lutschte ein Eis. Das mussten Harrys Tante, Onkel und Cousin sein, überlegte Remus, aber wo war Harry? Leise trat er näher, um vielleicht etwas zu hören, was ihm half.
„Hoffentlich ist der Freak nun bald mit dem Essen fertig.“, schnaubte der Mann. „Ich habe Hunger. Er ist nun fünf, da sollte er es doch fertig bringen, Steak und Kartoffeln zu kochen. Kann doch nicht so schwer sein.“
In dem Moment kam ein kleiner, schmaler Junge aus dem Haus getreten, den Kopf gesenkt und piepste leise: „Abendessen fertig.“
So schnell konnte Remus gar nicht reagieren, waren der Mann und sein Sohn schon im Haus. Durch das Fenster konnte er sehen, dass sie sich an den Tisch in der Küche setzten, der für drei Personen gedeckt war. Die Frau folgte ihnen ein wenig langsamer, setzte sich dann an den dritten Platz. Der kleine Junge saß in einer Ecke des Raumes auf dem Boden und knabberte an einem Kanten Brot, der scheinbar schon recht hart war. Immerzu hielt er den Kopf gesenkt, sodass die schwarzen, wirren Haare sein Gesicht verdeckten, doch Remus war sicher, dass er gerade Harry sah. Zorn ballte sich in ihm zusammen, doch er biss sich auf die Lippen, um nicht nachzugeben. Er hatte es versprochen und würde erst einmal nicht eingreifen, aber die Erinnerungen Dumbledore zeigen. Dieser war der Vormund des Jungen in der magischen Welt, er musste sich kümmern.
Doch was dann passierte, ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Der dicke Junge murrte, dass sein Fleisch trocken sei und plötzlich stand der Fettwanst, Remus musste ihn einfach so nennen, neben Harry, zog seinen Gürtel und begann, auf den Jungen einzuprügeln. Beim zweiten Schlag war Remus an der Küchentür, immer noch desillusioniert, beim vierten Schlag fing er den Gürtel ab und riss einmal kräftig daran, sodass Vernon Dursley auf dem Boden landete. Mit einem stab- und wortlosen Zauber war er gefesselt und stumm, einen weiteren Zauber später auch die Frau. Den Jungen der Beiden versetzte er in einen magischen Schlaf und legte ihn einfach auf den Boden. Dann ging Remus ganz langsam auf den kleinen Schwarzhaarigen zu, der sich in der Ecke klein gemacht hatte und dem Tränen über die Wangen liefen.

Er beendete den Desillusionierungszauber, bevor er den Jungen leise ansprach. „Harry? Ich bin Remus, ein Freund deiner Eltern. Komm her zu mir, ich bring dich hier weg. Komm, ich will dir helfen. Ich habe deinen Eltern versprochen, dich zu beschützen und habe nun endlich herausgefunden, wo du bist. Komm her, Harry.“
Es dauerte lange, bevor Harry seinen Kopf hob und Remus ansah. Kurz jedenfalls, dann beendete er den Blickkontakt sofort wieder. Doch nach fast zwei Stunden, in denen er geduldig mit Harry redete, ließ sich der Junge von Remus auf den Arm nehmen. Der Werwolf drückte ihn an sich, wickelte seinen Umhang um den zitternden Körper, und disapparierte. Harry brauchte dringend medizinische Hilfe. Hier würde er ihn keine Sekunde länger lassen. Momente später tauchte er in Severus' Haus in Spinners End wieder auf und rief nach seinem Partner, wissend, dass dieser wieder zurück sein müsste. Ein wenig genervt kam der Tränkemeister aus seinem Labor, er hasste es, wenn er bei seiner Arbeit gestört wurde und Remus wusste das auch. Wenn er also so herumschrie, musste etwas Dringendes sein. Das war schon am Klang der Stimme auszumachen und daher rannte er die Treppe nach oben ins Wohnzimmer. Dort stand Remus und hielt ein Bündel im Arm, von dem er nur erkennen konnte, dass unten Füße aus dem Umhang von Remus schauten, und oben verwuschelte, schwarze Haare.
„Hilf ihm!“, flehte Remus.
Entsetzt erkannte Severus das Ausmaß der Verletzungen, als Remus den Jungen vorsichtig auszog, und wirkte die ersten Zauber, die dem Kind das Atmen erleichterten, indem die Rippen wieder heilten. Für die Striemen brauchte er Heilsalbe, die musste er aus dem Labor holen. Stetig strömten Tränen aus diesen Augen, die Lilys glichen wie ein Ei dem anderen, über das blasse, eingefallene Gesicht, aber kein Ton war zu hören. Die knochige Hand krallte sich in Remus' Umhang und weigerte sich, loszulassen.
„Was genau ist passiert?“, fragte Severus ruhig.
„Albus hat mir die Adresse gegeben, ich sollte mich nicht einmischen.“, gab Remus zu. „Aber als dieser Fettwanst anfing, mit dem Gürtel auf ihn einzuprügeln, musste ich einschreiten.“
„Natürlich.“, nickte Severus zwischen zwei Zaubern. „Lange hätte er wohl nicht mehr ausgehalten. Er ist unterernährt, viel zu klein für sein Alter, überall Hämatome und ältere, schlecht zusammengewachsene Knochenbrüche. Er braucht langsames Aufpäppeln, damit sein Körper nicht schlapp macht. Wir müssen einen Heiler einschalten, es muss dokumentiert werden.“
„Kannst du ihm helfen, Sev?“, wollte Remus wissen.
„Ja, das Meiste kann ich richten, aber ich werde Poppy hinzuziehen.“, entschied Severus. „Weiß Albus schon Bescheid?“
„Nein, mir erschien wichtiger, den Jungen zu versorgen. Ich werde Albus nachher informieren, aber Harry wird dort nie wieder hingehen.“, knurrte Remus.
„Nein, sicher nicht.“, stimmte Severus zu.
Auch wenn er James Potter nie ausstehen konnte, das hier wünschte er seinem schlimmsten Feind nicht. Harry, und das war ganz offensichtlich Harry, er sah seinem Vater enorm ähnlich, nur seine Augen waren eindeutig von Lily, verfolgte den Wortwechsel mit angstgeweiteten Augen und wirkte panisch. Kein Wunder, ihre Stimmen waren wütend und sie knurrten ziemlich unfreundlich. Remus schien es als Erster zu bemerken und wandte sich dem Kind zu.
„Keine Angst, Harry, du bist in Sicherheit. Dir passiert nichts, Severus kümmert sich um dich, dass du keine Schmerzen mehr hast und besser schlafen kannst. Du musst nie wieder zurück zu deiner Tante und deinem Onkel, das verspreche ich dir.“, murmelte er leise und beruhigend.
Harry wirkte skeptisch, hielt sich weiterhin an Remus fest. Severus eilte in der Zwischenzeit in sein Labor und holte Heilsalbe, rief unterwegs seinen Patronus auf und schickte ihn zu der Heilerin, die normalerweise die Schüler in Hogwarts versorgte, denn bei ihr war er sicher, dass der Junge nicht in der nächsten Zeitung landen würde. Zurück im Wohnzimmer registrierte er nur am Rande, dass auch Albus Dumbledore hier war. Natürlich, er wollte sehen, dass Remus sich auch an seine Versprechen hielt. In diesem Fall allerdings war sogar Severus heimlich froh darüber, dass Remus sein Versprechen nicht gehalten hatte. Eine derartige Behandlung verdiente kein Kind, egal was sein Vater mit ihm gemacht hatte. Severus war gefangen von den grünen Augen des Jungen, die denen Lilys so sehr glichen, dass es weh tat. Vor allem, weil Schmerz und Verzweiflung so deutlich aus ihnen sprachen. Der Schulleiter diskutierte eben mit dem Werwolf.
„Du hättest ihn nicht einfach mitnehmen dürfen!“, forderte er.
„Ach so, hätte ich vielleicht zulassen sollen, dass das fette Schwein ihn tot prügelt?“, knurrte Remus. „Ich sag dir was, Albus: Zu diesen Leuten kommt der Junge nie wieder, und wenn du jetzt nichts in die Wege leitest, um seine Verwandten zu bestrafen, dann garantiere ich für nichts mehr!“
Severus entschied, einzugreifen. „Beruhige dich, Remus, du machst ihm Angst.“
Tatsächlich zitterte der Junge noch stärker als vorher, die Augen waren in Panik weit aufgerissen und er schien nicht sicher, ob er sich nun festklammern oder weglaufen sollte. Remus atmete einmal tief durch und strich dann beruhigend über den Rücken des Kleinen, sprach leise auf ihn ein, bis das Zittern ein wenig nachließ. Poppy, die in der Zwischenzeit aufgetaucht war, begann nun, die Verletzungen, die Severus noch nicht versorgt hatte, zu heilen. Mit einem Zauber schickte sie ihn schließlich schlafen, damit er sich erholen konnte. Sie legte ihm zwei Infusionen an, über die er mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt wurde. Erst, als alles getan war, was sie im Moment tun konnte, protokollierte sie gemeinsam mit Severus die verschiedenen Verletzungen des Kindes, damit es dann vor Gericht oder dem Zaubergamot Aussagekraft hatte. Der Werwolf setzte sich auf das Sofa, richtete Harry auf seinem Schoß bequem zurecht und legte eine Decke um den schmalen Körper. Dennoch fror Harry offensichtlich.
„Albus.“, begann Remus sehr leise. „Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass er wieder dorthin muss.“
„Nein, das werde ich auch verhindern. Der Junge muss seit Jahren so behandelt worden sein, das ist Kindesmisshandlung in einem Ausmaß, wie ich es noch nicht erlebt habe.“, schloss Poppy sich an.
„Aber wohin soll ich ihn bringen, dass er vor den Todessern geschützt ist?“, fragte sich der Schulleiter. „Der Blutschutz ist nicht zu verachten, dadurch kommen Todesser nicht an ihn heran.“
„Todesser werden bald sein geringstes Problem sein.“, entgegnete Severus hart. „Er geht nie wieder dorthin. Auch ich kann ihn schützen.“
„Du willst ihn bei dir behalten?“, staunte Poppy.
„Ich gehe davon aus, dass Remus ihn nicht mehr aus der Hand geben wird.“, stellte Severus fest. „Also bleibt er hier.“ Auch wenn ihm die Vorstellung nicht gefiel, aber wenn er seinen Partner vor die Wahl stellte, würde der sich womöglich für das Kind und gegen ihn entscheiden, und das wollte er sicher nicht. Laut würde er das nicht sagen, aber es war eine Tatsache.
„Meinetwegen.“, gab Dumbledore nach. „Aber der Gamot hat auch noch ein Mitspracherecht.“
„Ich weiß, dass ich ein Werwolf bin, aber du könntest es auch ein wenig leichter machen.“, forderte Remus, der den Unterton in Albus' Stimme identifizieren konnte.
„Gut, dann werde ich nun gehen und ein paar Auroren suchen, mit denen ich die Dursleys festnehmen kann.“, seufzte der Schulleiter. „Remus, kann ich deine Erinnerung daran sehen? Das wäre sicher hilfreich, wenn ich die dem Gamot zeigen kann, damit wir sie auch wirklich verhaften können.“
Der Werwolf nickte, befreite vorsichtig seinen rechten Arm, auf dem Harry bisher gelegen hatte, und zog mit seinem Zauberstab einen silbrigen Faden von seiner Schläfe, den er in eine von Severus' Phiolen gab. „Das dürfte ausreichend sein.“, kommentierte er die Erinnerung.
„Hier, eine Kopie vom Protokoll seiner Verletzungen.“, reichte ihm Poppy ein Pergament. „Das dürfte dann wirklich ausreichen.“
„Du wirst noch vor dem Gamot aussagen müssen, Remus. Und auch Severus wird dorthin müssen, wenn ihr ihn wirklich zu euch nehmen wollt.“, erinnerte Dumbledore.
„Das ist mir bewusst.“, erwiderte Severus kühl. „Aber ich habe Lily damals ein Versprechen gegeben, dass ich ihren Sohn beschützen werde und habe vor, das Versprechen nun einzulösen.“
Wie gut, dass ihm das eingefallen war, so konnte er wenigstens logisch argumentieren. Nein, er würde niemals sagen, dass er Angst davor hatte, wieder alleine zu sein, sollte Remus gehen.  Der Werwolf hatte ihn damals gerettet, ohne ihn wäre er nicht mehr hier. Und er wusste, Remus liebte sein Beinahe-Patenkind, hatte die ganzen Jahre immer wieder von ihm geredet und gehofft, dass er eines Tages herausfinden könnte, wie es dem Kleinen ging. Severus hatte sich immer herausgehalten, wollte nichts von Potter Junior wissen, doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste Severus zugeben, dass er schon in dem Moment, als er Harry gesehen hatte, aufgehört hatte, von ihm als ‚Potter‘ zu denken. Es lag an den Verletzungen, sicher, aber vor allem die Augen von Harry hatten Severus überzeugt, seinen Hass gegen James zu vergessen und nicht auf das Kind zu projizieren. Nie wieder.

Nur wenige Minuten später saß Remus mit dem Jungen im Arm alleine auf dem Sofa. Severus musste den Wolfsbann neu anfangen, da er unterbrochen worden war. Auch wenn er sich deswegen ziemlich knurrig gab, so wusste Remus doch, dass es einfach die Art des Tränkemeisters war, mit der Situation umzugehen. Albus und Poppy waren verschwunden, der Schulleiter würde sich um die Dursleys kümmern und Poppy hatte versprochen, täglich nach Harry zu sehen. Harry schlief nicht lange friedlich, bevor er hochschreckte und seine Augen panisch aufriss. Beruhigend redete Remus mit ihm und merkte, wie der kleine Körper sich ganz langsam wieder entspannte. Er seufzte, das hier würde noch viel Arbeit bedeuten. Aber da Severus hier mit ihnen war, hatte Harry die besten Chancen, denn auch wenn kaum jemand das wusste, Severus hatte in der Muggelwelt gelernt, mit traumatisierten Kindern umzugehen. Es war ihm ein Bedürfnis gewesen, nachdem er das erste Jahr als Hauslehrer in Hogwarts gewesen war. Gerade in Slytherin gab es viele Kinder, die zu Hause für die kleinsten Vergehen streng bestraft wurden und dann in der Schule kleine Hilfeschreie aussandten. Da hatte Severus seine Ferien und viele Wochenenden geopfert, um sich entsprechend fortzubilden.
„Hier, du solltest gleich trinken.“, riss ihn Severus schließlich aus seinen Gedanken. „Es sind nur noch etwa zwanzig Minuten, bis der Mond aufgeht. Gib mir den Bengel, ich werde mich um ihn kümmern.“
Remus griff nach dem Becher, als Severus Harry sicher hatte. Er konnte durch die harte Schale seines Partners hindurchsehen und erkannte, wie sehr ihn das Schicksal dieses Jungen mitnahm. Schnell hatte er den Trank geleert und verabschiedete sich kurz von Severus, bevor er disapparierte. Nach Möglichkeit suchte er sich immer ein Waldstück, in dem er laufen konnte, meist sogar der verbotene Wald bei Hogwarts, da würde ihm sicher kein Mensch begegnen, und mit den magischen Wesen lebte er soweit in Frieden, dass sie ihm nichts taten, solange er einfach nur rannte. Schnell hatte er einen Baum gefunden, in dessen unterster Astgabel er seine Kleidung und seinen Zauberstab ablegen konnte. Kaum war er ausgezogen, spürte er auch schon, wie die Verwandlung begann. Es war lange nicht mehr so schmerzhaft wie früher, seit er den Wolfsbann bekam. Lange hatte es gedauert, bis Severus und er eine Ebene in ihrer Beziehung erreicht hatten, dass sie einander helfen wollten. Anfangs hatte er erst einmal Severus helfen müssen, der seinen Kummer in Alkohol ertränkt hatte. Fast ein halbes Jahr hatte Severus jeden zurückgewiesen, der ihm nahe kam. Lily hatte ihm viel mehr bedeutet, als jemand geahnt hatte. Auch er selbst hatte eine ganze Weile gebraucht, bis er wieder klar denken konnte. Gerade der Verrat von Sirius hatte ihn hart getroffen, war für ihn noch schlimmer gewesen, als der Tod von Lily, James und Peter. Eben weil er nie geglaubt hatte, dass Sirius James verraten könnte.
Heute war es für Remus ein wenig ein Nachteil, dass er seinen Verstand behielt in seiner Wolfsform, denn er grübelte viel zu sehr wieder über die schreckliche Zeit nach. Vor allem weil er heute Harry gesehen hatte und dessen schrecklichen Zustand. Er war viel kleiner, als man erwarten könnte, immerhin war er fünf Jahre, wirkte aber nicht älter als vielleicht drei. Gesprochen hatte er gar nicht, außer im Garten seiner Verwandten, er konnte es also, weigerte sich aber nun. Das passierte häufiger mit traumatisierten Kindern, wusste er von Severus. Der Tränkemeister beherrschte sein ganzes Denken im Moment. Remus machte sich Sorgen, er hatte den Ausdruck in Severus' Gesicht genau erkannt, er machte sich Vorwürfe, weil er nicht eher etwas unternommen hatte. Hoffentlich begann er nicht wieder zu trinken. Lange genug hatte es gedauert, bis er vom Alkohol weggekommen war. Der Entzug im Sommer nach dem Tod der Potters war heftig gewesen. Severus war nicht er selbst gewesen, hatte aggressiv und bösartig reagiert, doch Remus war ihm nicht von der Seite gewichen und hatte ihm geholfen, das Ganze durchzustehen. Seither waren sie in einer mehr oder weniger stabilen Beziehung. Gerade am Anfang war Severus verunsichert gewesen, hatte Zweifel gehabt. Inzwischen waren diese Zweifel meist weg, doch ab und zu musste er ihn wieder aufbauen, denn der Tränkemeister hatte in seiner Kindheit ebenfalls nur Ablehnung erfahren, sein Selbstbewusstsein, das Andere sahen, war nur gespielt. Eine Fassade, hinter die Remus in der Zwischenzeit sehen konnte.
Gegen Morgen verwandelte er sich zurück, zog sich an und apparierte nach Spinners End. Leise schlich er ins Schlafzimmer, Severus wäre vielleicht schon wach, aber sicher noch im Bett. An der Tür blieb er kurz stehen, musste sich erst wieder unter Kontrolle bringen. Harry schien panisch, die Tränen liefen in Strömen aus seinen Augen, und doch kam kein Laut von ihm. Er wehrte sich gegen Severus' Hände, die ihn trösten wollten. Schnell trat er ans Bett und legte sich auf Harrys andere Seite, redete beruhigend auf den Jungen ein. Nach und nach entspannte sich der kleine Körper und Harry klammerte sich an Remus fest. Seine Schultern bebten, die Augen waren tränennass, als er zu dem Werwolf sah.
„Tut mir leid, Harry, dass ich nicht da war.“, murmelte Remus. „Aber ich werde dich nicht alleine lassen. Severus passt auch auf dich mit auf. Du bleibst bei uns, Welpe. Du musst nie wieder zurück zu diesen Menschen. Keiner wird dir mehr wehtun, das lassen wir beide, Severus und ich, nicht zu.“
Erschöpft schmiegte sich Harry an den warmen Körper an seiner Seite und war nach wenigen Minuten eingeschlafen. Remus hörte nicht auf, über den knochigen Rücken zu streicheln.
„Er hat kaum geschlafen letzte Nacht.“, berichtete Severus schließlich, als er tief schlief. „Er hat Vertrauen zu dir gefasst, aber im Moment offenbar nur zu dir. Gesprochen hat er nicht, ich denke, das wird noch eine ganze Weile brauchen, bis er soweit vertrauen kann, dass er wieder spricht. Du wirst in nächster Zeit wohl nirgends alleine hingehen können.“
„Wie geht's dir?“, wollte Remus leise wissen und sah seinen Partner fest in die Augen.
„Ich hätte mich kümmern müssen.“, hauchte Severus. „Das wird Lily mir nie verzeihen.“
„Mach dir keine Vorwürfe.“, redete Remus auf ihn ein. „Was vergangen ist, können wir nicht ändern, aber wir können nun für ihn da sein. Harry braucht dich, alleine schaffe ich es nicht, ihn da rauszuholen.“
„Er hat Vertrauen zu dir, aber mich will er nicht in seiner Nähe haben.“, gab Severus bitter zurück.
„Du weißt genau, dass er Zeit braucht, um Vertrauen zu fassen. Ich bin die Person, die ihn aus seiner Hölle weggebracht hat, kein Wunder, dass er sich an mich klammert.“
„Er weiß nicht, was genau nun passiert und klammert sich an die einzige Konstante, die sich ihm bietet.“, erklärte Severus deutlich ruhiger als zuvor. „Er muss erst lernen, dass es auch noch eine andere Welt außerhalb seines bisherigen Verständnisses gibt. Ich glaube nicht, dass er so schnell realisiert, dass es auch anders geht, wir werden viel Zeit darauf verwenden müssen, damit er lernt, dass Schläge und Bestrafungen nicht normal sind. Wahrscheinlich wird er nicht reden, bis er sich einigermaßen sicher fühlt.“
„Wir werden da sein.“, wiederholte Remus sein Versprechen.
„Ja, das werden wir. Er wird nicht alleine sein.“, bekräftigte Severus. „Schlaf, Remus. Du musst dich ausruhen. Ich koche in der Zwischenzeit, wecke euch dann gegen Mittag.“
„Danke, Sev.“, lächelte Remus und zog seinen Partner kurz zu sich, um ihn küssen zu können.
Erst als Severus ihn einige Stunden später wieder weckte, fiel ihm auf, wie ruhig Harry geschlafen hatte. Nicht einmal bewegt hatte er sich, atmete aber ruhig und gleichmäßig. Wer wusste schon, wie lange er nicht mehr richtig geschlafen hatte. Es tat ihnen richtiggehend leid, ihn jetzt aufzuwecken, aber es war notwendig, dass er etwas aß. Außerdem konnte er dann auch in die Badewanne.
„Harry, mein Kleiner.“, raunte Remus in Harrys Ohr und konnte gerade noch rechtzeitig zurückweichen, als Harry in die Höhe schoss. Panisch blickte der Junge sich um, schien verwirrt, weil er die Umgebung nicht kannte. In dem Moment, als er realisierte, dass es hell war, zuckte er zurück und rollte sich ein.
„Tut Freak leid. Tut Freak leid!“, wisperte er immer wieder vor sich hin.
Severus griff vorsichtig nach den kleinen Händen und zog sie zurück, damit er in die grünen Augen sehen konnte. Sie waren unnatürlich weit vor Angst. „Es ist alles in Ordnung, Harry.“, beruhigte er ihn. „Du musst keine Angst haben. Wir haben dich geweckt, damit du etwas essen kannst.“
Vorsichtig nickte der Junge und stand zittrig auf, lief zögernd hinter Severus her, der ihm den Weg in die Küche zeigte. Unterwegs hörte Severus die Türglocke, deutete daher nur kurz auf die Küche und mahnte Harry, einen Moment zu warten, er käme gleich wieder. Er wollte nur schnell die Tür aufmachen, wahrscheinlich Poppy, die nach Harry sehen wollte. Remus war kurz im Bad verschwunden, würde aber sicher auch in ein oder zwei Minuten nach unten kommen.
Severus stockte der Atem, als er mit Poppy zusammen in die Küche kam. Harry hatte einen Stuhl an den Herd geschoben und stand nun darauf, rührte eifrig in einer Pfanne, in der er Eier erkennen konnte. In einer zweiten Pfanne briet Speck.
„Harry?“, fragte der Tränkemeister vorsichtig.
„Gleich fertig, Sir.“, wisperte der Kleine völlig verängstigt. „Tut Freak leid.“ Wieder schienen Tränen über sein Gesicht zu laufen, aber da sie hinter ihm standen, konnten sie es nicht erkennen.

Sanft griff Severus nach dem Kochlöffel, drehte den Ofen aus und schnappte sich den Jungen, stellte ihn auf den Boden. „Du musst hier nicht kochen, Harry.“, erklärte er geduldig. „Ich wollte, dass du etwas isst, es ist schon fertig. Setz dich.“
Schnell huschte Harry in eine Ecke des Raumes und setzte sich auf den Boden. Verwirrt folgten ihm zwei Paar Augen.
„Wieso sitzt du auf dem Boden?“, wollte ein fassungsloser Severus wissen.
„Freak muss Boden sitzen.“, flüsterte Harry. „Darf nicht gute Möbel.“
Zorn wallte in Severus auf, doch er biss die Zähne zusammen. Mehrmals atmete er tief durch, dann ging er neben Harry in die Hocke. „Du bist kein Freak. Du bist Harry und ich möchte, dass du mit uns am Tisch sitzt zum Essen. Kannst du auf einem normalen Stuhl sitzen oder soll ich dir einen Hochstuhl richten?“, fragte er sanft.
Ohne ein weiteres Wort stand Harry auf und setzte sich zögerlich auf einen Stuhl, machte sich klein dabei. Jetzt sah Severus, dass er so nicht auf den Tisch kam, also verwandelte er gedankenlos den Stuhl in einen Hochstuhl. Die Reaktion des Jungen erschreckte ihn, panisch fuhr der Kleine in die Höhe und flüchtete aus der Küche, lief direkt Remus in die Arme, der gerade hereinkam. „Was …?“, fragte der Dunkelblonde.
„Ich schätze, die Misshandlungen gehen sogar noch weiter als wir ahnen.“, stellte Severus fest.
Remus setzte sich mit dem zitternden Bündel an den Tisch und rückte Harry einfach auf seinem Schoß zurecht, reichte ihm kleine Happen, die er essen sollte. Viel schaffte Harry nicht, bevor er sich erschöpft zurücklehnte. Jetzt erst kümmerte sich Poppy um ihn. Sie stellte fest, dass die Zauber und die Heilsalbe ihre Wirkung taten, es aber noch ein weiter Weg für Harry war, bis er die Folgen komplett überwunden hatte. Scheinbar waren auch die Folgen einer Gehirnerschütterung nicht richtig ausgeheilt, denn er hatte eine Sehschwäche, die eindeutig von einem Kopftrauma kam. Sie informierte Severus darüber, damit er einen entsprechenden Trank für den Jungen brauen konnte, um die Sehschwäche auszugleichen. Bis dahin sollte er am besten eine Brille tragen, damit er nicht so starke Kopfschmerzen hatte. Der Schwarzhaarige ließ alles über sich ergehen, so lange er bei Remus bleiben durfte. Im Anschluss an ihre Untersuchungen holte die Heilerin einen Schokoriegel aus ihrer Tasche und reichte ihn dem Jungen. „Hier, Harry. Du warst richtig tapfer, dafür hast du dir eine Belohnung verdient.“, lächelte sie ihn an.
Harry zuckte zurück, er wusste nicht, was das sein sollte. Natürlich kannte er das Wort Belohnung, aber bei ihm war das immer mit Schmerzen verbunden, daher wühlte er sich nun angstvoll in die Kleidung des Mannes, der ihm bisher nie weh getan hatte. Dieser Mann versprach eine gewisse Sicherheit. Außerdem war er so schön warm, dass Harry nicht fror, wenn er sich an ihn kuschelte. Der Mann, dessen Name wohl Remus war, schlang seine Arme um ihn und hielt ihn fest, wofür Harry ihm unendlich dankbar war. Er war so müde, dass ihm schon wieder die Augen zufallen wollten, aber er zwang sich, sie offen zu halten. Immer wieder hatte er gelernt, dass es nicht gut war, einzuschlafen, wenn etwas von ihm gefordert wurde. Und hier war er sich noch nicht sicher, was genau die Männer von ihm wollten. Für ihn war es unvorstellbar, dass er nicht arbeiten musste. Das würde sicher noch kommen, aber er würde bereit sein, damit sie ihn nicht bestrafen mussten.
„Wir sollten ihn baden, bevor er wieder einschläft.“, wandte Severus ein, als er sah, wie müde Harry war.
„Gute Idee. Komm, Harry, gehen wir ins Bad.“, grinste Remus ihn an.
Harry wurde schon wieder panisch, baden war nicht besonders toll, jetzt, wo ihm gerade so schön warm war. Aber bisher hatte Protest nicht geholfen, also fügte er sich und ließ sich von dem Mann namens Remus nach oben tragen. Der andere Mann, der mit den unheimlichen Augen und der schwarzen Kleidung, ließ Wasser in die Wanne laufen und tropfte noch etwas hinein, das Schaum machte. Harrys Augen wurden größer, so etwas hatte er bisher nur bei Dudley gesehen. Wenn der badete, musste Harry hinterher das ganze Bad gründlich putzen, da sein Cousin den Schaum überall herumspritzte. Er ließ sich ausziehen, konnte aber nicht verhindern, dass er erneut zitterte. Remus und Severus verstanden nicht, warum Harry schon wieder Angst hatte, aber sie wollten ihn nicht direkt fragen, damit machten sie ihm offenbar noch mehr Angst. Er versteifte sich, als Remus ihn hochhob und ins Wasser setzen wollte. Erst, als seine Füße auf dem Boden waren, entspannte er sich ein wenig und ließ sich hinsetzen.
„Warm?“, fragte er staunend.
„Natürlich.“, antwortete Severus fassungslos, während Remus noch immer sprachlos war. „Ist es angenehm, oder soll ich es wärmer machen?“
Harry schüttelte zögernd seinen Kopf. Es war so angenehm, dass er es kaum glauben konnte. Er schloss seine Augen und würde jeden Moment genießen, so schön wie es gerade war, würde es sicher nicht lange bleiben.
„Harry?“, riss ihn die dunklere Stimme von Remus aus seiner Entspannung. „Wie haben dich deine Verwandten gebadet?“
Panisch riss der Kleine die Augen wieder auf. „Freak nicht warm baden, nur kalt.“, erklärte er leise, was ihm immer wieder eingetrichtert worden war.
„Du bist kein Freak, Welpe.“, beruhigte ihn Remus. „Du bist Harry. Und du hast ein Recht darauf, gut behandelt zu werden.“
„Welpe?“, kam es unsicher von Harry.
„Das war schon früher mein Spitzname für dich.“, gab Remus leise zurück. „Aber es ist lieb gemeint, es bedeutet, dass du wie ein eigenes Kind für mich bist. Es heißt, dass ich dich lieb habe.“
Die beiden Erwachsenen konnten sehen, dass sie Harry gerade überforderten. Sie ließen ihn in Ruhe noch eine Weile in der Wanne sitzen, dann wusch ihm Severus vorsichtig die Haare, achtete dabei sorgsam darauf, dass der Kleine keinen Schaum in die Augen bekam. Er war inzwischen sicher, dass die Dursleys sich nie darum gekümmert hatten. Sie hätten ihn schon längst von dort wegholen müssen, aber dafür war es nun zu spät, sie konnten nur sehen, dass sie ihm langsam beibrachten, was es bedeutete, Kind zu sein. Kurz bevor er endgültig einschlief, holten sie Harry aus der Wanne und wickelten ihn in ein flauschiges, vorgewärmtes Badetuch, trockneten ihn ab und die Haare mit einem Zauber, zogen ihm dann einen Schlafanzug an, den Poppy ihnen in weiser Voraussicht gebracht hatte, und wollten ihn ins Bett legen. Doch Harry hatte wieder seine Finger in Remus' Hemd vergraben und ließ nicht los. Schulterzuckend legte Remus ihn in seinen Armen ein wenig bequemer hin und setzte sich mit ihm auf das Sofa.
Severus räumte die Küche mit einem Zauber auf und setzte sich dann zu seinem Partner, holte eine Flasche Saft und eine Flasche Wasser, eine Packung Schokolade für Remus, dazu ein Buch und begann, Remus vorzulesen. Lange hatten sie das nicht mehr gemacht, aber gerade schien es absolut richtig zu sein. Es half scheinbar auch Harry, der dadurch deutlich entspannter schlief. Früher hatte er bei solchen Gelegenheiten Wein getrunken, aber er wusste, wenn er auch nur einen Tropfen Alkohol zu sich nahm, könnte alles wieder von vorne losgehen. Damals hatte er seinen Schmerz in Alkohol ertränkt, hatte sich immer tiefer in den Sumpf hineingeritten in seiner Trauer. Ohne Remus wäre er da nicht rausgekommen und er hatte sich geschworen, dem Werwolf nie wieder so etwas zuzumuten. Bis heute wusste er nicht genau, was in der Zeit des Entzuges alles vorgefallen war, aber Remus hatte ihm zur Seite gestanden und war immer da gewesen. Jetzt konnte er ihm helfen, seinen Welpen wieder aufzupäppeln. Seinen Hass hatte er bereits begraben, nur die Enttäuschung, dass die Augen Lilys ihn so angsterfüllt ansahen, war in ihm, auch wenn er wusste, dass es unlogisch war.
Gegen vier Uhr nachmittags klopfte es an der Tür. Severus legte das Buch auf die Seite und ging, um aufzumachen, während Remus Harry in eine Decke einwickelte.

„Albus.“, grüßte Severus seinen Vorgesetzten. „Komm rein.“
Er führte ihn ins Wohnzimmer, wo Harry immer noch friedlich in Remus' Armen schlief, bot Tee an. Schnell verschwand er in der Küche und bereitete eine Kanne frisch zu, während Remus dem Weißhaarigen leise die Ereignisse des Nachmittages erzählte. Erst, als Severus wieder bei ihnen saß und einen Stillezauber auf Harry gelegt hatte, begann Dumbledore. „Ich habe die Dursleys verhaften lassen, wegen schwerer Kindesmisshandlung. Ihr eigener Sohn ist nun in einem Kinderheim der Muggel, wo sie versuchen werden, sein Wesen noch zu ändern. Er hat es nicht anders gelernt, das wird ihm niemand zur Last legen. Aber Petunia und Vernon Dursley sind wirklich grausam mit dem Kleinen umgegangen. Ich hätte doch eher nach ihm sehen müssen, aber da ich wusste, dass die Todesser mich beschatteten, wollte ich sie nicht zu ihm führen. Amelia Bones, die Leiterin der Strafverfolgung, hat sie persönlich verhört. Sie sind der Meinung, dass sie richtig gehandelt haben, denn Magie ist ihrer Meinung nach wider die Natur des Menschen, und sie wollten ihn von dieser Last befreien. Ihre Meinung, nicht meine.“, berichtete Dumbledore in kurzen Worten. „Ihr werdet wahrscheinlich trotzdem aussagen müssen, der Prozess muss wasserdicht sein, damit sie nicht vorzeitig rauskommen. Ich würde dem Kleinen das gerne ersparen, aber so, wie er an dir hängt, Remus, wird er wohl mitgehen müssen, denn sie werden es beschleunigen, wollen den Prozess schon sehr bald, also in den nächsten Wochen, beginnen lassen. Beweise haben sie im Haus genug gefunden, aber wenn ihr Harry zu euch nehmen wollt, dann ist es unbedingt erforderlich, dass ihr aussagt.“
„Wir werden ihn zu uns nehmen.“, bestätigte Severus, was ihm einen überraschten Blick von Remus einbrachte. „Er soll nicht leiden, hat es verdient, eine Kindheit zu haben. Natürlich gibt es viele Zauberer und Hexen, die ihn adoptieren würden, aber wie herausfinden, wer es ehrlich meint und wer ihn nur nimmt, weil er der Junge-der-lebt ist?“
„Das ist bei dir natürlich sichergestellt.“, gluckste der Direktor, wurde dann aber wieder ernst. „Poppy hat mir gesagt, dass er noch eine ganze Weile brauchen wird, um den Entwicklungsstand seines Alters zu erreichen. Auf euch wartet eine Menge Arbeit.“
„Du weißt, ich bin qualifiziert dafür.“, entgegnete Severus fest.
„Natürlich, das wollte ich auch nicht in Frage stellen.“, ruderte Albus zurück. „Schlaft euch aus, damit ihr zum Prozess fit seid. Ihr bekommt eine Vorladung.“
Severus nickte. „Was ist mit den Nachbarn? Wussten sie von Harry? Haben sie zugelassen, dass er misshandelt wurde?“
„Sie wussten, dass der Junge nur im Haus ist.“, erklärte der Ältere. „Allerdings haben sie es nicht weiter verwunderlich gefunden, da ihnen erklärt wurde, Harry hätte eine schwere Sonnenallergie und könne daher tagsüber nicht nach draußen, und in dem Alter kann man ein Kind auch nachts nicht nach draußen schicken. Was im Haus passierte, hat wohl niemand bemerkt, die Auroren haben nachgeforscht. Und die Küchentür geht so nach hinten auf, dass keiner direkte Sicht darauf hat. Die Dursleys haben alles dafür getan, dass niemand etwas bemerkt und haben sich erstaunlich schlau verhalten, was das betrifft. Leider. Ich habe eine Bekannte in der Nachbarschaft, auch sie hat nie Verdacht geschöpft. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes, dass sie sich so gut um den Neffen kümmern, der gesundheitlich stark eingeschränkt ist.“
Remus' Augen wurden immer gelber, je länger er zuhörte. Nur das kleine Bündel Mensch auf seinem Schoß hielt ihn zurück. „Sie werden bestraft.“, versprach ihm Severus, der ebenfalls sehr angestrengt war, um ruhig zu bleiben.
Der Direktor verabschiedete sich und winkte ab, als Severus ihn nach draußen begleiten wollte. Die Beiden sollten nun Ruhe haben, sie hatten dem Jungen einen großen Gefallen getan und brauchten Zeit, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Damals, als James und Lily getötet worden waren, hatte er nicht geglaubt, dass die Beiden sich erholen würden. Er hatte alles in seiner Macht stehende getan, um Severus vor dem Alkoholismus zu bewahren, aber er war machtlos gewesen. Bei Remus hatte er noch weniger Einfluss gehabt, und doch hatten gerade die Beiden, von denen man es am Wenigsten erwartet hatte, zueinander gefunden und sich gegenseitig aus ihrer Trauer geholt. Danach hatte es ihn nicht mehr überrascht, dass sie ein Paar wurden. Sie ergänzten sich perfekt und hatten selten Streit, was gerade bei ihrer Vergangenheit unglaublich erschien. Und jetzt wollten sie mit Harry eine Familie gründen. Albus schmunzelte, das war das Beste, was Harry passieren konnte. Der Prozess würde ihnen sicher Einiges abverlangen, aber wenn sie sich gegenseitig stützten, wie sie es die letzten vier Jahre getan hatten, dann würden sie es schaffen.

Harry schlief – nach einem kurzen Abendessen – die ganze Nacht ruhig und friedlich, so lange er in Remus' Armen lag, aber als der Werwolf am Morgen aufstand, weil er dringend ins Bad musste, fuhr er wimmernd hoch. Severus sprach beruhigend auf ihn ein und es schien, als würde er mit der Zeit tatsächlich ruhiger. Sie mussten sich dringend etwas einfallen lassen, damit auch Remus einmal ein paar Minuten für sich hatte. Spätestens zum nächsten Vollmond musste Harry erneut eine ganze Nacht auf ihn verzichten. Doch in den nächsten beiden Wochen ergab sich kaum eine Veränderung. Harry blieb fast ständig in Kontakt mit Remus, ließ diesen nicht einmal fünf Minuten alleine ins Bad gehen. Beim Duschen nahm er den Kleinen daher einfach mit, aber alles Andere war schon recht umständlich. Er akzeptierte nach und nach die Berührungen von Severus, zuckte nicht mehr ständig zurück, aber der Tränkemeister litt stark darunter, dass er sein Versprechen Lily gegenüber so sehr gebrochen hatte. Außerdem hatten sie keinen Moment für sich, was sich auf ihre Beziehung nicht gerade positiv auswirkte. Remus liebte den Jungen, seinen Welpen, sehr, aber es machte ihm zu schaffen, dass er ihn ständig mitnehmen musste. Kochte Remus, saß Harry auf der Arbeitsplatte und wimmerte, sobald der Werwolf sich weiter als einen Meter von ihm entfernte. War er außer Sicht, flossen die Tränen, wenn er auch keinen Ton von sich gab.
Als der Tränkemeister mal wieder mit dem Kleinen im Arm darauf wartete, dass sein Partner am Morgen aus dem Bad wiederkam und der Junge tränenüberströmt einen flehenden Blick nach dem anderen in Richtung Tür warf, fasste er einen Entschluss. Severus nahm sich vor, mit Remus zu reden, sodass sie den Kleinen langsam daran gewöhnen konnten, nicht nur Remus zu vertrauen. Der Tränkemeister streichelte den Rücken des Kleinen, während er weiter leise auf ihn einsprach. Er versprach ihm, dass Remus in ein paar Minuten kommen würde, wenn er im Bad fertig war. Daraufhin hob Harry seinen Kopf und blickte erwartungsvoll und ein wenig hoffend auf die Tür, bis Remus auftauchte. Erleichterung war fühlbar, als der Werwolf den Jungen in seine Arme nahm. Er brachte auch ihn ins Bad, dass er sich erleichtern und anziehen konnte. Noch immer hatte er nur die Kleidung, in der er ihn gefunden hatte und den Schlafanzug von Poppy. Sie sollten dringend einkaufen mit ihm gehen, aber ob er das durchstand? Doch es half nichts, ohne seine Maße traute sich Severus nicht zu, etwas Passendes zu kaufen.
„Wir sollten ihm Kleidung kaufen.“, schlug er daher beim Frühstück vor. „Harry?“ Er wartete, bis der Junge ihn ansah. Bei dem Namen reagierte er nur sehr verzögert, als müsste er erst darüber nachdenken, wer denn nun gemeint sei. „Du brauchst ordentliche Kleidung. Wir werden heute mit dir einkaufen gehen. Du kannst fast die ganze Zeit auf Remus' Arm bleiben, aber es werden viele Leute dort sein. Wir beide werden dich nicht aus den Augen lassen, aber du musst mir versprechen, dass du sagst, wenn es dir zu viel wird.“
Zögernd nickte Harry, auch wenn klar war, dass er sich wohl eher nicht melden würde. Der Junge hatte viel zu viel Angst, doch noch bestraft zu werden. Oder Schlimmeres, wer wusste schon, was er alles erlebt hatte in den letzten fast vier Jahren. So sehr, wie Harry klammerte, hatte Severus es noch nicht erlebt, obwohl er schon seit Jahren mit traumatisierten Jugendlichen arbeitete. Mit kleineren Kindern hatte er wenig Erfahrung, die kamen nicht nach Hogwarts.

Knapp zwei Stunden später reisten sie per Flohnetzwerk in den tropfenden Kessel, wo sie erstaunt gemustert wurden, aber dank Severus' eisiger Blicke ihre Ruhe hatten. Schnell gingen sie in den Hinterhof und Severus öffnete den Zugang zur Winkelgasse. Harry hatte sich verängstigt in Remus' Umhang verkrochen, blickte aber ab und zu kurz nach draußen, als wolle er sich versichern, dass er nicht alleine war. Remus hatte den Arm fest um ihn geschlungen, Severus ging an seiner Seite und hielt Harrys Hand fest. Immer wieder folgten ihnen Blicke, die von gerührt bis angewidert gingen, was die Beiden aber nicht kümmerte. Sie beeilten sich, in einen Kleiderladen zu kommen. Madame Malkins hatte nicht das Richtige für Kinder in Harrys Alter, daher gingen sie daran vorbei und ein paar Häuser weiter in ‚Bentons Zauberkleidung‘. So schlicht wie der Name war auch die Auswahl, aber sie hatten auch Kinderkleidung und der Verkäufer schien genau zu wissen, was er tat. Er blickte Harry abschätzend an und suchte dann eine ganze Menge Hosen, T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Pullover, Schuhe und Jacken heraus, die ihm fast alle auf Anhieb passten.
Mit vollen Taschen verließen sie den Laden schließlich wieder und Remus setzte Harry auf den Boden, er sollte zumindest ein wenig laufen, auch wenn er sich nicht überanstrengen durfte. Severus verschwand Richtung Apotheke, er brauchte eine Menge neuer Trankzutaten, während Remus und Harry in die Schaufenster sahen. Sie trafen auf Molly Weasley, die mit ihren beiden Jüngsten auch unterwegs war.
„Hallo, Remus!“, begrüßte sie den Werwolf. „Und das muss Harry sein. Hallo, kleiner Mann.“ Sie lächelte Beide freundlich an, aber Harry versteckte sich hinter Remus, wickelte sich in dessen Umhang ein. Der Dunkelblonde nahm ihn auf den Arm, als er die Unsicherheit des Kleinen spürte. Die neugierigen Blicke der beiden Kinder an Mollys Händen schienen ihn zu verunsichern, aber auch Remus wurde genau gemustert. Die Kinder kannten ihn nicht, er wusste die Namen nur, weil Molly und Arthur im Orden öfter von ihnen erzählt hatten, auch wenn sie sich in den letzten Jahren nicht getroffen hatten. Das letzte Mal ein Jahr nach dem Tod der Potters, daher wusste Molly auch von der Beziehung zwischen Severus und ihm.
„Hallo Molly.“, erwiderte Remus die Begrüßung. „Ja, das ist Harry. Hab keine Angst, Harry, das ist Molly mit Ronald, genannt Ron und Ginevra, genannt Ginny. Hallo ihr Zwei!“
„Ist Harry nicht in etwa so alt wie Ron? Er wirkt so viel jünger als Ginny.“, überlegte Molly, als sie einen Blick auf den Schwarzhaarigen erhaschte.
„Er ist misshandelt worden und unterernährt. Severus hofft, dass er es bis Hogwarts nachholt.“, erklärte Remus. „Woher wisst ihr …?“
„Albus war bei uns, er brauchte Arthur, damit sie bei der Verhaftung dieser Muggel keine unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.“, wusste die Rothaarige. „Braucht ihr Hilfe? Wenn etwas ist, dann meldet euch ruhig.“
„Im Moment geht es. Harry braucht viel Zeit und Geduld, um Vertrauen zu fassen. Er klammert extrem, aber das ist kein Wunder, nach dem, was er erlebt hat. Severus kümmert sich und ein wenig Vertrauen hat Harry auch zu ihm.“, entgegnete Remus.
„Meldet euch gerne, wenn ihr was braucht. Oder wenn er Kontakt zu Gleichaltrigen braucht.“, bot Molly nochmal an.
„Danke, Molly. Wenn er so weit ist, dann sehen wir weiter.“, lächelte Remus. „Ich werde nun noch zum Süßwarenladen mit ihm gehen, das kennt er wahrscheinlich nicht! Wiedersehen Molly, Wiedersehen Ginny, Wiedersehen Ron!“
Auch die Rothaarigen verabschiedeten sich nun und sie gingen auseinander. Remus setzte Harry wieder auf den Boden und nahm ihn an die Hand. Der Weg zum Süßwarenladen war nicht weit und Harry brauchte ein wenig Bewegung. Dennoch spürte er, wie unsicher der Kleine war und wie fest er sich an die Hand klammerte. Nur wenige Minuten später betraten sie den Laden und beinahe eine andere Welt. Staunend stand der Fünfjährige im Eingang und rührte sich erst einmal nicht von der Stelle. Er war so beschäftigt damit, alles in sich aufzunehmen, dass er nicht in der Lage dazu war, sich zu bewegen. Da hüpften Schokofrösche in einem Regal hin und her, Zuckerspinnen baumelten von Karamellfäden, Brauseraupen krabbelten in einer Bonboniere, Schnatz-förmige Kugeln aus goldgefärbtem Marzipan flatterten über ihren Köpfen und in manchen Ecken zischte und dampfte es.
„Möchtest du dir etwas aussuchen, Harry?“, fragte Remus, bekam jedoch keine Antwort.
Harry war dermaßen überwältigt, dass er nicht einmal registrierte, was er gefragt wurde. Seine Augen waren beschäftigt damit, alles aufzunehmen, die bunten Farben, die ungewohnten Formen und die Bewegung. Dabei hatte Remus doch gesagt, sie gingen in einen Süßigkeiten-Laden? Er verstand nicht, warum das so anders war als alles, was er kannte. Auch wenn er nie Süßigkeiten bekommen hatte, so war er doch mit in manchen Läden gewesen, wo es Süßes gab, aber das hatte sich nie bewegt und war auch nicht so bunt und so viel gewesen. Dudley würde sich bestimmt mit allem vollstopfen, Bauchweh bekommen und so lange jammern, bis Harry bestraft wurde. Remus erkannte, dass er von dem Jungen wohl keine Antwort bekommen würde, und begann einfach damit, verschiedene Dinge in einen Korb zu legen, damit Harry eine große Auswahl bekam. Für sich selbst nahm er Schokolade mit. Einen Lutscher gab er dem Kleinen schon einmal, als sie den Laden schließlich wieder verließen. Mit großen Augen starrte Harry die Süßigkeit ehrfürchtig an und traute sich nicht, ihn in den Mund zu nehmen.
„Na komm, Harry!“, lächelte Remus. „Gehen wir Severus suchen.“ Er griff wieder nach Harrys Hand und sie traten zurück auf die Straße. Inzwischen war deutlich mehr los als zuvor, es schien, als wären die Schulbriefe verschickt worden, denn eine Menge Jugendlicher war mit ihren Eltern unterwegs. Es war immerhin Mitte August, da deckten sich ohnehin viele Schüler für Hogwarts ein. Sie gingen gemächlich in Richtung Apotheke und Remus entschied spontan, noch einen Zwischenstopp im Buchladen zu machen, damit sie etwas hatten, das Harry ansehen oder sie ihm vorlesen konnten. Den Kleinen nahm er dafür wieder auf den Arm, das ging bedeutend schneller und er wollte nicht so lange in dem überfüllten Buchladen stehen. Er griff nach einigen Bilderbüchern und ein Märchenbuch landete ebenfalls in seiner Tasche. Nach nur fünf Minuten hatte er bezahlt und sie gingen wieder nach draußen, wo er Harry einmal mehr auf den Boden stellte, da er seine Tasche verkleinern und erleichtern wollte.
Plötzlich passierte es, eine ganze Gruppe Jugendlicher stürmte um die Ecke und sie waren auf einmal überall. Sie unterhielten sich lautstark und rangelten immer wieder miteinander. Remus und Harry wurden voneinander getrennt. Der Werwolf ahnte, dass der Fünfjährige Panik bekommen würde und bahnte sich recht rabiat seinen Weg durch die Schüler. Doch Harry war weg, er stand nicht mehr da, wo er eben noch gewesen sein musste.
„Harry?“, rief Remus fragend. Keine Antwort. „Halt!“, rief er zu den Jugendlichen hin. „Wartet bitte einen Moment. Habt ihr einen kleinen, schwarzhaarigen Jungen gesehen? Er stand eben noch hier.“
„Nein.“, kam es von mehreren, doch eine junge Frau deutete auf eine kleine Nebengasse. „Er ist in diese Richtung gelaufen, glaube ich.“
Remus bedankte sich knapp und rannte in die angegebene Richtung. Harry war sowieso schon total verängstigt, und jetzt waren sie auch noch getrennt worden, das half dem Jungen sicher nicht dabei, Vertrauen zu fassen. Der Werwolf verfluchte sich selbst, er hätte ihn niemals loslassen dürfen. Aber das konnte er jetzt nicht mehr ändern, er musste sehen, dass er den Kleinen fand und ihm helfen. Die Gasse, die er nun betrat, war duster, er konnte nicht besonders viel sehen. Harry schien sich im Dunklen sicherer zu fühlen, daher war eigentlich klar, dass er dorthin flüchtete, wo es finster war. Er schärfte seine Sinne, indem er den inneren Wolf an die Oberfläche holte. Dann folgte er seiner Nase und fand schnell den Geruch seines Welpen. Weit war der Kleine nicht gekommen, aber Remus wusste, er musste nun vorsichtig vorgehen.

Harry hatte Panik bekommen, als die vielen Jugendlichen auf einmal aufgetaucht waren und ihn von Remus trennten. Zu oft schon war er alleine gelassen worden und hatte dann sehen müssen, wie er mitten in der Nacht wieder nach Hause kam. Aber er wusste gar nicht, wo Severus und Remus wohnten, wusste noch nicht einmal, wie sie mit Nachnamen hießen. Waren die Beiden verheiratet, so wie seine Tante und sein Onkel? Harry wusste es nicht, es gab so viel, was er nicht wusste, und es machte ihm Angst. Er konnte die Situation nicht abschätzen, würde Remus nach ihm suchen oder aber ihn alleine lassen, weil er schon wieder nicht gefolgt hatte? Er hätte stehen bleiben müssen, aber das war nicht möglich gewesen, weil die Großen ihn so geschubst hatten. Also war er weggelaufen, hatte sich in die vermeintliche Sicherheit geflüchtet. In dieser kleinen Gasse war es dunkel und ruhig, keiner war da, der ihn bedrängte. Harry merkte nicht einmal, wie ihm Tränen über die Wangen strömten vor lauter Angst. War er wieder allein? Würde Remus mit ihm schimpfen, wenn er ihn fand, weil er sich versteckt hatte? Er zwängte sich in einen kleinen Spalt zwischen zwei Mauern und machte sich klein, schloss die Augen. Manchmal war es einfacher, die Realität auszublenden und sich vorzustellen, dass es besser war.
Jetzt träumte Harry davon, dass Remus wiederkommen würde, ihn suchte und sich freute, ihn zu finden. Dass er ruhig und freundlich mit ihm redete und ihn dann in den Arm nahm, damit die Angst verschwinden würde. Dieser Traum gefiel ihm, denn er fühlte sich so echt an. Sogar die Stimme, die zu ihm sprach, klang wie Remus. „Harry, komm her. Hab keine Angst. Es tut mir leid, ich hätte dich nicht loslassen sollen. Aber ich bin jetzt da, komm her zu mir.“, sprach die Stimme so sanft, wie er es nur kannte, wenn Tante mit Dudley sprach.
Ein kleines, zögerliches Lächeln breitete sich auf Harrys Gesicht aus, während die Augen geschlossen blieben. Diesen Traum wollte er genießen. Auf keinen Fall durfte er nun die Augen aufmachen, sonst wäre Remus sicher verschwunden. Die Stimme sprach weiter so sanft und ruhig zu ihm, kam dabei immer näher. Als er eine Berührung spürte, riss er die Augen erschrocken auf. Es war kein Traum! Remus war wirklich da und schloss ihn nun in die Arme! Harry konnte nicht anders, er schmiegte sich in die Umarmung, klammerte sich an dem weichen Umhang fest. „Nicht weggehen.“, wimmerte er leise.
„Nein, Welpe. Ich gehe nicht weg.“, versprach Remus. „Ich will dich bei mir haben, weil ich dich lieb habe. Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, was ‚Welpe‘ bedeutet?“
„Wie Kind von dir.“, wisperte Harry.
„Genau, mein Kleiner. Du bist für mich wie mein Kind und wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich dich schon viel eher zu mir genommen. Deine Eltern waren meine Freunde und als du ein Baby warst, war ich wie ein Pate für dich.“, versicherte Remus. „Komm, gehen wir Severus suchen, der wartet sicher schon auf uns.“ Remus richtete sich mit Harry im Arm auf und ging zurück in die Zauberstraße, zügig in Richtung Apotheke.

Dort stand Severus, der einen genervten Eindruck machte, aber als er Remus mit dem verweint aussehenden Harry im Arm entdeckte, wurden seine Züge ein wenig weicher. „Was ist passiert?“, wollte er wissen.
„Ein paar Jugendliche kamen ein wenig schwungvoll um die Ecke und wir wurden getrennt.“, berichtete der Werwolf. „Harry hat Panik bekommen und ist weggelaufen, aber ich habe ihn gefunden und ich denke, er hat nun zumindest ein wenig Vertrauen, dass ich ihn nicht einfach wieder weggebe.“
„Remus sagt, er Harry lieb.“, kam es leise von dem Jungen.
„Ja, das habe ich, und ich werde es dir immer wieder sagen, weil es stimmt.“, stupste der Dunkelblonde an die kleine Nase, bevor er sich an Severus wandte. „Hast du alles bekommen?“
„Ja. Sobald wir zuhause sind, kann ich den Trank beginnen, der Harrys Sehschwäche beheben wird.“, versprach er. „Wo hast du denn den Lutscher her, Harry?“
„Remus kauft.“, nuschelte der Grünäugige, während er den Lolli im Mund drehte, um die verschiedenen Geschmäcker zu bekommen. Bei seiner Flucht hatte er ihn eisern festgehalten, aber erst, als er wieder in den sicheren Armen des Werwolfes war, hatte er angefangen, ihn zu lutschen.
„Besorgen wir uns noch schnell Pizza und nehmen sie mit nach Hause?“, überlegte Severus. „Magst du Pizza, Harry?“
Unsicher sah der Kleine den Tränkemeister an. Zwar kannte er das Wort ‚Pizza‘, aber er wusste nicht genau, was es bedeutete. Es war etwas zum Essen, aber er hatte keine Ahnung, ob es gut war. Allerdings hatte Harry Angst davor, was passieren könnte, wenn er auf eine Frage nicht antwortete, also nickte er schließlich.
Severus sah die Unsicherheit des Fünfjährigen, daher ging er auf die Antwort nicht weiter ein, sondern entschied nach einem Blickwechsel mit seinem Partner, dass sie es so machen würden. Sie verließen die Winkelgasse durch den ‚Tropfenden Kessel‘ und gingen ein Stück die Straße runter, wo Severus eine gute Pizzeria kannte. Dort nahm er drei verschieden belegte Pizzen mit und sie apparierten nach Hause, nachdem Remus den Kleinen gewarnt hatte. „Harry, halt dich ganz fest an mir und mach am Besten die Augen zu. Du wirst einen Moment das Gefühl haben, keine Luft mehr zu bekommen, aber das hört schnell wieder auf. Hol nochmal tief Luft und dann geht es los.“
Erst, als er merkte, dass Harry seinen Anweisungen Folge leistete, disapparierte er mit dem Jungen, bis sie einen Moment später im Garten von Spinners End wieder auftauchten. „Alles in Ordnung, Harry?“, wollte Remus sofort wissen.
Harry war zwar ziemlich verwirrt, aber er hatte nicht das Gefühl, dass irgendwas Schlimmes passiert wäre, nur unangenehm war es gewesen, also nickte er, klammerte sich aber dennoch sicherheitshalber an Remus fest.
„Keine Angst, Harry, das ist in Ordnung. Am Anfang ist es oft irritierend, wenn man appariert, aber das ist der schnellste Weg von einem Ort zum Anderen. Du wirst dich sicher daran gewöhnen.“
Was, das sollte er öfter durchmachen? Keine Luft bekommen, das Gefühl, in einen engen Schlauch gepresst zu werden? Nein, das würde Harry sicher nie gefallen. Die Aussicht darauf, dass er das noch öfter mitmachen musste, ließ ihn schaudern.
„Kommt, Essen.“, mahnte Severus nun und sie gingen ins Haus.

Harry betrachtete die Pizza ein wenig verwirrt, so etwas kannte er nicht. Überhaupt hatte er das Essen, das er bei Severus und Remus bisher bekommen hatte, nicht gekannt. Bei seinen Verwandten hatte er nur Reste bekommen, matschiges Obst und Gemüse, das für die Dursleys nicht mehr gut genug gewesen war, oder Brot, das zumeist schon hart war. Severus schmunzelte kurz, reichte ihm ein Stück einer einfachen Schinken-Käse-Pizza und zeigte ihm, wie er es halten musste, damit er es essen konnte. Vorsichtig nahm er den ersten Bissen. Es schmeckte richtig gut und mit deutlich mehr Enthusiasmus aß er das ganze Stück. Als er alles gegessen hatte, beäugte er die anderen beiden Pizzen, konnte sich aber nicht dazu überwinden, nach einem weiteren Stück zu fragen.
Severus erkannte es schnell und reichte ihm ein weiteres Stück, diesmal zusätzlich mit Champignons und Oliven, froh darüber, dass der Junge mit Appetit aß. Zwar wich er immer noch nicht von Remus' Seite, saß auch jetzt wieder zum Essen auf seinem Schoß, aber er wirkte dennoch ein wenig sicherer. Doch auch, wenn er nun für seine Verhältnisse gut aß, so war es doch zu wenig und er musste ihm noch Nährtränke geben. Das würde noch eine ganze Weile nötig sein. Nach dem dritten Stück Pizza konnte man sehen, dass Harry müde wurde, er lehnte sich zurück und die Augen fielen ihm zu. Remus schob ihn in seinem Arm zurecht, sodass er weiteressen konnte.
Nach dem Essen zauberte Severus die Reste in die Küche und ging dann in sein Labor. Er würde nun den Trank für Harry aufsetzen, damit seine Sehschwäche behoben würde. Das gab ihm sicherlich auch ein Stückchen mehr Sicherheit, wenn er seine Umgebung scharf sah. Außerdem musste er die Nährtränke wieder auffüllen, viel davon war nicht mehr vorrätig. Etwa zwei Stunden später waren die Nährtränke fertig und abgefüllt, der zweite Trank für Harry brauchte noch eine Weile, die nächste Zutat lag schon bereit zum Schneiden. Gerade als Severus anfing mit dem Schneiden, tauchten Remus und Harry auf, die sich an die Seite stellten und ihm zusahen.
„Harry, trinkst du bitte diesen Trank?“, deutete Severus auf eine Phiole von dem Nährtrank, die er bereitgestellt hatte.
Brav schluckte der Junge, als ihm Remus die Phiole an die Lippen hielt. Er verzog das Gesicht, aber er spuckte es nicht aus.
„Gut gemacht, mein Kleiner.“, lobte der Tränkemeister. „Ich weiß, das schmeckt nicht besonders, aber es ist nötig, damit du gesund wirst. Wir wollen, dass es dir gut geht.“
Schüchtern lächelte Harry den Schwarzhaarigen an, versteckte sich aber gleichzeitig halb in den Roben von Remus. Severus freute dieses kleine Lächeln sehr, es zeigte ihm, dass der Kleine langsam sicher wurde. Und das nach so kurzer Zeit schon. Aber das war sicher erst der Anfang, es würde wohl noch hart werden. Vor allem die Vollmondnacht in knapp zwei Wochen machte ihm Sorgen. Der Kleine hing an Remus und hatte bisher nur zu ihm Vertrauen gefasst, wenn er nun eine Nacht ohne den Dunkelblonden verbringen musste, dann könnte es ihn wieder weit zurückwerfen. Und Remus musste vor dem Zaubergamot aussagen, da konnte er Harry auch nicht mit hineinnehmen, der Kleine sollte seinen Verwandten nicht nochmal gegenüberstehen müssen. Sie konnten nur hoffen, dass sie es bis dahin schafften, Harrys Vertrauen soweit aufzubauen, dass er auch bei dem Tränkemeister blieb.

Eine Woche später war nicht viel passiert, die Fortschritte der ersten beiden Wochen hatten sie mehr erwarten lassen. Noch immer sprach Harry nur das Notwendigste, und dann immer sehr leise und mit gesenktem Blick. Er klammerte sich weiterhin an Remus, der kaum alleine ins Bad gehen konnte. Nachts schlief er bei ihnen im Bett, und wenn der Werwolf nicht da war, dann wartete er voller Angst darauf, dass er zurückkam. Allerdings schreckte er nicht mehr zurück, wenn Severus ihn anfasste. Wenn jedoch Poppy kam, zuckte er zusammen und verkroch sich bei Remus. Die Heilerin schien ihm Angst zu machen. Auch Albus machte Harry panisch, so sehr, dass Remus mit ihm das Zimmer verlassen musste, wenn der Schulleiter zu Besuch kam. Der Trank, der die Sehschwäche beheben sollte, war fast fertig, was auch gut war, denn Harry weigerte sich, die Brille von Poppy aufzusetzen. Sie hatten nicht herausgefunden, woran es lag, aber das war hoffentlich nun vorbei, wenn der Trank ihm half. Nicht einmal Remus hatte sie ihm aufsetzen dürfen.
Nach dem Mittagessen hielt Harry seinen üblichen Mittagschlaf – noch immer in Remus' Armen – und Severus ging ins Labor, um den Trank fertigzustellen. Poppy wollte dabei sein, wenn der Fünfjährige den Trank nahm, um sicherzugehen, dass nichts passierte. Die Heilerin klopfte an die Tür, als Severus gerade die letzte Zutat in den köchelnden Trank gab und sie sahen zu, wie er von schlammig braun zu einem leuchtenden gelb wechselte.
„Fertig.“, kommentierte Severus zufrieden. „Noch eine halbe Stunde abkühlen, dann kann Harry trinken. Bis dahin müsste er wach sein.“
„Wie klappt es mit ihm?“, erkundigte sich Poppy.
„Gut, so lange wir mit ihm alleine sind.“, gab Severus zurück. „Allerdings hat er immer noch panische Angst davor, allein gelassen zu werden. Und ich denke, er kann immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr geschlagen wird. Wahrscheinlich glaubt er, immer noch zu träumen.“
„Er wird es sicher irgendwann verstehen.“, lächelte die Heilerin. „Ihr tut ihm gut.“
„Es macht Remus glücklich, ihn bei sich zu haben, auch wenn er sicher nicht mit so einer Anhänglichkeit gerechnet hat.“, gestand Severus.
„Wer hätte schon geglaubt, dass es einem Kind hier bei uns so schlecht geht.“, überlegte Poppy. „Und ich dachte, ich hätte schon viel gesehen, aber das hier macht mich noch immer sprachlos.“
„Remus muss morgen ins Ministerium.“, erzählte Severus nach einer Weile, die sie schweigend und nachdenklich verbrachten. „Ich fürchte, der Kleine wird mitkommen müssen, denn ich kann nicht mit ihm zuhause bleiben, auch ich soll aussagen. Immerhin habe ich die erste Behandlung durchgeführt und bin qualifiziert, eine Einschätzung seiner Psyche abzugeben.“
„Ich bin auch vorgeladen.“, informierte die Heilerin.
„Hoffen wir, Harry übersteht es gut.“, seufzte Severus. „Ich will nicht noch einmal von vorne anfangen mit ihm. Jetzt, wo er endlich gelernt hat, auf seinen Namen zu reagieren, vernünftig isst und nicht mehr bei jedem Geräusch zusammenzuckt.“
„Bereust du es, ihn hierbehalten zu haben?“, wollte Poppy wissen.
„Nein.“, kam es sofort und fest von Severus. Man konnte hören, dass es ehrlich war. „Auch wenn ich seinen Vater immer gehasst habe, aber er ist ein Kind, und so eine Behandlung hätte ich nicht einmal Potter senior gewünscht.“
„Natürlich nicht.“, murmelte die Heilerin.
Severus schluckte einen bösen Kommentar, als Remus und Harry in der Tür auftauchten. Die schwarzen Haare des Kindes standen noch wirrer ab als sonst. Der Kleine musste dringend wieder in die Badewanne, wie es aussah. Vielleicht wäre auch ein Friseurbesuch ratsam, aber bis er das durchstand, musste Harry erst einmal noch deutlich sicherer werden. Severus nahm sich vor, einen Zauber zu finden, mit dem er die Haare des Kleinen kürzen konnte.
„Na, Harry. Ausgeschlafen?“, erkundigte sich der Tränkemeister. Harry nickte schlaftrunken, was Severus schmunzeln ließ. „Ich habe hier einen neuen Trank für dich. Der soll dir helfen, besser zu sehen. Wahrscheinlich schmeckt er auch nicht so toll, aber trinkst du das bitte trotzdem aus?“
Der Tränkemeister reichte Harry einen Becher mit dem Trank. Zögerlich griff der Kleine danach und rümpfte die Nase, trank dann aber zügig aus. Er wusste, er musste es sowieso trinken, also besser gleich alles hinter sich bringen, das war Harrys Devise. Am Ende konnte er nicht verhindern, dass sein Körper sich schüttelte, weil es so bitter schmeckte.
„Hier, trink das nach, das macht den Geschmack weg.“, gab ihm Severus noch eine Tasse, aus der es ein wenig dampfte. Tee mit Honig, wenn seine Nase ihn nicht täuschte. Harry trank auch das in kleinen Schlucken und merkte schnell, dass es den Geschmack wirklich vertrieb.
„Gut gemacht, Welpe!“, grinste Remus ihn an und ließ zu, dass sich Harry an ihn schmiegte. „Was meinst du, gehen wir ein bisschen in den Garten?“, wollte er dann wissen.
Begeistert nickte Harry. Früher hatte er nur ab und zu zum Arbeiten nach draußen gedurft, hier hingegen konnte er spielen. Remus und Severus hatten extra für ihn eine Schaukel in den Garten gemacht. Sie sah aus wie ein Sessel und er konnte mit Remus zusammen darin sitzen. Meistens las Remus ihm dann auch ein Buch vor und Harry genoss diese Zeit besonders. Heute allerdings nahmen sie kein Buch mit, was Harry traurig bemerkte. Remus setzte sich mit ihm in die Schaukel und schließlich kam auch Severus dazu. Mit riesigen Augen sah sich Harry um, offensichtlich das erste Mal, dass er seine Umgebung scharf sah. Alles war so viel klarer und deutlicher und Harry nahm Dinge wahr, die er vorher nie gesehen hätte. Er konnte sich kaum sattsehen an dem Garten, an den vielen Blumen und den Vögeln und Bienen, den Schmetterlingen und Käfern, die herumschwirrten.
„Harry?“, lenkte der Tränkemeister die Aufmerksamkeit des Kleinen auf sich. „Morgen müssen wir in das Ministerium. Dort ist die Verhandlung gegen deine Tante und deinen Onkel. Sie werden bestraft dafür, dich so schlimm behandelt zu haben. Du brauchst keine Angst zu haben, sie können dir nichts tun, aber wir beide, Remus und ich, müssen dahin und da du nicht ohne uns bleibst, müssen wir dich mitnehmen. Denkst du, du schaffst das? Und bitte sei ehrlich.“
Kurz überlegte Harry, dann nickte er. Auch wenn er nicht wirklich sicher war, dass es so leicht wurde, aber wenn er bei Remus bleiben konnte, dann schaffte er das bestimmt. Es machte ihm wahnsinnige Angst, er wollte Onkel und Tante nie wieder sehen. Sicherheitshalber klammerte er sich erneut an Remus, dem er vertraute. Nie würde der Mann, der ihn als seinen Welpen bezeichnete, zulassen, dass ihm etwas passierte. Da war Harry sicher. Bei Severus war er sich auch ziemlich sicher, aber die schwarzen Augen, die er nicht einschätzen konnte, und die verschlossene Mimik irritierten Harry, daher war Severus ein nicht ganz so sicherer Hafen für ihn.
„Na, deine Zuversicht in Merlins Gehörgang.“, seufzte Severus. „Ich glaube es noch nicht so ganz. Möchtest du ein Buch anschauen, Harry?“
Der Junge nickte zaghaft, also zog Severus seinen Zauberstab und rief das Märchenbuch von Beedle dem Barden zu sich, das Remus gekauft hatte. Er würde Harry vorlesen, dadurch entspannte er immer so schön. Wie meistens zuckte der Fünfjährige heftig zusammen, als Severus seinen Zauber wirkte, und der Tränkemeister verfluchte sich innerlich. Er wusste, wie panisch es den Kleinen machte, wenn er mit Zaubern konfrontiert wurde, aber er vergaß es immer mal wieder, weil Zauberei für ihn etwas Selbstverständliches war. Harry jedoch hatte von seinen Verwandten wohl von Anfang an gelernt, dass Magie etwas Widernatürliches sei, und sie hatten versucht, es aus ihm heraus zu prügeln.
„Entschuldige, mein Kleiner.“, wandte sich Severus an Harry. „Zauberei ist nichts Schlimmes, aber manche Menschen, die es nicht können, haben Angst davor und reden es deshalb schlecht. Du wirst sicher auch eines Tages zaubern lernen.“
Ungläubig musterten die grünen Augen ihn daraufhin. Harry konnte es offensichtlich nicht glauben, dass es sein Ernst war. 
„Ich denke sogar, du kannst schon ein bisschen zaubern, wenn auch nicht gezielt.“, riet der Tränkemeister. „Ist um dich herum schon einmal etwas Komisches passiert, das keiner erklären konnte?“
Harry überlegte nicht lange. „Tante hat Haare schnitten, ganz kurz. Nach Schlafen wieder alle Haare da.“, erzählte er leise. „Und einmal Dudley jagt Freak … nein, Harry, und Harry plötzlich Treppe ganz oben.“
„Genau das meine ich.“, nickte Severus. „Das ist deine Magie. Du wirst noch einige Zeit brauchen, um sie richtig zu steuern, aber sie ist in dir drin. Und wenn du etwas ganz besonders willst, dann kann es sein, dass die Magie es jetzt schon möglich macht.“ Aber darüber würden sie sich heute keine Gedanken mehr machen. Er öffnete das Buch und las Harry das Märchen vom hüpfenden Kessel vor. Der Kleine schmiegte sich an den warmen Körper des Werwolfes – irgendwie schien er immer zu frieren – und genoss es, die samtig-warme Stimme zu hören, wie sie ihn in eine andere Welt entführte.
Nach dem Abendessen durfte er wieder baden und Severus wusch ihm ganz vorsichtig die Haare. Noch nie hatte er hier bei den beiden Männern Schaum in die Augen bekommen. Bei seiner Tante hatte es immer fürchterlich in den Augen gebrannt, wenn sie ihn gewaschen hatte, und sie hatte ihn ausgezankt, wenn er danach weinte. Hier durfte er weinen und wurde dann getröstet, so wie es Dudley immer passiert war. Nach dem Baden wurde er in ein warmes, weiches Handtuch gewickelt und sanft abgetrocknet, dann cremte Remus ihn ein und Severus trocknete seine Haare, bevor sie ihm einen kuschligen Schlafanzug mit einem Hasen darauf anzogen. So schöne Sachen wie hier hatte er noch nie gehabt. Und niemand hatte von ihm verlangt, irgendwas dafür zu tun, im Gegenteil, wenn er etwas arbeiten wollte, dann stoppten die Beiden ihn gleich wieder und versicherten, er müsse nicht arbeiten.
In der Nacht klammerte er sich an Remus, hatte immer noch Angst, dass er aus diesem schönen Traum aufwachen könnte und wieder zurück bei Onkel und Tante war. Doch der Mann namens Remus hatte noch nie geschimpft, weil er ihn nicht losließ, sondern streichelte ihn sogar und zog ihn fest in seine Arme. Harry würde es genießen, so lange es ging. Irgendwann war es bestimmt vorbei, wahrscheinlich sogar bald. Erwachsene mochten keine Kinder, die dauernd weinten und nicht das taten, was sie sollten. Aber es war so schön warm bei den beiden Männern im Bett, hier fror er nicht mehr. Bei Onkel und Tante war ihm immer kalt gewesen, tagsüber und vor allem nachts. Nie hatte er so ein weiches, kuschliges Bett gehabt. Oder einen Stoffwolf. Den hatte er von Remus bekommen, der lag auch mit im Bett. Severus hatte allerdings gesagt, der sollte genau da auch bleiben, der Kuschelwolf war nur fürs Bett.
„Guten Morgen, Welpe. Aufwachen, das Frühstück ist fertig!“, weckte ihn am anderen Morgen Remus' Stimme. Der Dunkelblonde hob Harry aus dem Bett und brachte ihn in die Küche, wo Severus das Frühstück hergerichtet hatte. Wie immer blieb Harry auf Remus' Schoß zum Essen. Dort fühlte er sich einfach sicherer, und der Werwolf hatte nichts dagegen. Ausnahmsweise gingen sie erst nach dem Frühstück ins Bad, wo Remus sich schnell duschte, während Harry auf der Toilette saß. Dann putzten sie ihre Zähne und zogen sich an. Heute hatte Severus dem Kleinen ein hellblaues Hemd und eine dunkle Stoffhose herausgesucht, damit er dem Anlass entsprechend gekleidet war. Auch wenn Harry nicht in den Gerichtssaal sollte, so waren sie doch in der Öffentlichkeit unterwegs. Bei den Knöpfen brauchte Harry Hilfe, aber dann war er schnell fertig und sie machten sich auf den Weg. Severus hatte sein bestes schwarzes Hemd und eine ebenfalls schwarze Stoffhose an, aber seine Roben blieben im Schrank. Selbst Remus hatte heute eine dunkle Stoffhose und ein weißes Hemd an, obwohl er sonst Jeans und T-Shirt bevorzugte. Wieder apparierten sie, aber Remus hielt ihn dabei ganz fest und wenn er die Augen schloss und die Luft anhielt, war es nicht ganz so schlimm für Harry.
Es waren bereits viele Menschen im Ministerium unterwegs, daher verkroch sich Harry wieder einmal in Remus' Umhang. Der Werwolf hatte einen nagelneuen Umhang angezogen, ebenso wie Severus. Um auf Dauer die Pflege von Harry zu bekommen, mussten sie einen guten Eindruck machen. Auch wenn es heute nicht darum ging, aber die Mitglieder des Zaubergamot trafen in beiden Fällen die Entscheidung. Sie setzten sich vor den Versammlungssaal, wo die Verhandlung stattfinden sollte, und warteten. Remus würde als Erster aufgerufen werden, hatten sie erfahren. Nach seiner Aussage war eine Pause angesetzt, danach durfte er dann mit Harry draußen bleiben und Severus musste seine Aussage machen. Auch, wenn man die Unsicherheit bei Harry deutlich spürte, als Remus in den Saal gerufen wurde, blieb er brav bei Severus auf dem Schoß sitzen. Die meisten Menschen ignorierten sie oder grüßten nur kurz, da konnte Harry sich verstecken.
Remus hingegen erzählte dem Zaubergamot, was er im Ligusterweg gesehen hatte, legte dar, warum er eingegriffen hatte und was genau dann passiert war. Anschließend beantwortete er eine Menge Fragen, vor allem darüber, wie es Harry nun ging. Am Ende war er fast ein wenig heiser und freute sich auf eine heiße Tasse Tee und ein Stück Schokoladenkuchen in der Cafeteria des Ministeriums. Die Dursleys hatten ihn nur verachtend und hasserfüllt angesehen, aber nichts gesagt. Sie schienen noch immer überzeugt davon, dass sie Recht hatten. Unmerklich schüttelte Remus den Kopf, bei den Beiden war alles zu spät.
Als niemand mehr Fragen an den Werwolf hatte, verkündete der Vorsitzende eine einstündige Pause. Mehrere Auroren nahmen die Dursleys in ihre Mitte und führten sie nach draußen. Schneller, als Remus reagieren konnte, waren sie durch genau die Tür verschwunden, hinter der Severus mit Harry wartete. ‚Wenn das mal gut geht!‘, hoffte der Werwolf und sprang eilig auf, rannte nach draußen.
Es war schlimmer, als er befürchtete. Severus hielt einen panisch zappelnden, schneeweißen und zitternden Harry im Arm, dessen Augen unnatürlich weit und voller Tränen waren. Eilig trat Remus zu ihnen und griff nach dem Fünfjährigen. Der versteckte sich sofort unter dem dunkelgrünen Umhang und Remus spürte, wie seine Schulter nass wurde. Beruhigend strich er über den Rücken des Jungen und redete leise auf ihn ein. Severus' Augen sprühten Blitze, er war extrem wütend, dass niemand an den Jungen gedacht hatte. Mehrere Mitglieder des Gamot, unter ihnen Albus Dumbledore und Lucius Malfoy, sahen sich das einen Moment an, traten dann auf sie zu.
„Was ist passiert?“, forderten sie zu wissen.
„Irgendwelche Idioten haben diese … diese Missgeburten hier vorbeigeführt, die sich seine Verwandten schimpfen.“, zischte Severus. „Der Junge hat gerade angefangen, ein wenig Vertrauen zu fassen und wir hatten ihm versprochen, dass er sicher ist. Und jetzt haben diese“, er murmelte etwas Unverständliches, „auch noch die Gelegenheit bekommen, ihm zuzurufen, dass sie ihn bald da rausholen und heilen würden!“
Remus' Augen wurden gelblicher, als der Zorn in ihm aufflackerte, doch ein Blick von Severus auf den zitternden Jungen in seinen Armen beruhigte ihn wieder. Harry war jetzt wichtiger, sein Welpe sollte keine Angst haben. Sie wurden in ein ruhiges Büro geführt, wo sie etwas zu Essen und Trinken bekamen. Hier konnten sie auf den Nachmittag warten, wenn die Verhandlung weiterging. Severus ging kurz, kam nach wenigen Minuten zurück und hielt Harry eine Phiole hin.
„Komm, mein Kleiner.“, lockte er ihn. „Bitte trink das, Harry. Hab keine Angst, du bleibst bei uns, du bist sicher. Das haben wir versprochen und wir werden unser Versprechen halten.“
Erst nach mehreren Minuten, in denen Severus weiterhin geduldig auf den Jungen einsprach, schluckte Harry den Inhalt der Phiole und schlief kurz darauf tief und fest.
„Ein Beruhigungstrank.“, erklärte Severus auf den fragenden Blick seines Partners. „Er braucht ein wenig Ruhe, alleine kommt er da nicht raus.“
Remus ließ sich von dem Tränkemeister helfen, seinen Umhang auszuziehen, wickelte seinen Welpen darin ein, damit er nicht mehr frieren musste, dann zog er ihn wieder fest an sich und fuhr fort, über seinen Rücken zu streicheln. Schweigend saßen sie beieinander und tranken Tee. Hunger hatte gerade keiner von ihnen. Kurz bevor die Pause um war und sie zurück zum Verhandlungssaal mussten, kam der Vorsitzende des Gamot in das Büro. „Bleiben sie sitzen.“, winkte er ab, als sie aufstehen wollten. „Wie geht es dem Jungen?“
„Dank eines Beruhigungstrankes schläft er, aber ich habe keine Ahnung, wie weit es ihn zurückwerfen wird.“, antwortete Severus kalt.
„Es tut mir leid, die Auroren sollten sie eigentlich aus der anderen Tür bringen, aber da gab es wohl ein Missverständnis.“, berichtete der Vorsitzende zerknirscht. „Ich habe gehört, sie wollen gemeinsam das Sorgerecht für den Jungen beantragen?“
„Richtig.“, war Severus' knappe Antwort.
„So wie ich sie beide hier erlebt habe und was ich bisher in Erfahrung bringen konnte, werde ich das befürworten. Ich sehe zu, dass wir den Prozess gegen die Dursleys beschleunigen können, denn es ist eindeutig erwiesen, dass sie absichtlich und mit vollem Wissen um die Folgen gehandelt haben. Wenn es klappt, dann können wir im Anschluss gleich darüber entscheiden. Natürlich müssten wir noch sehen, wie der Junge bei ihnen lebt, aber das ist nur ein kleiner Teil. Sie haben eine Menge Fürsprecher, nicht nur Albus Dumbledore und Madam Pomfrey haben sich dafür ausgesprochen, dass der Junge zu ihnen kommt, auch einige meiner Kollegen aus dem Gamot haben ihre Mittagspause damit verbracht, mir zu sagen, dass der Junge schnell bei ihnen beiden zuhause sein sollte.“, schmunzelte der Vorsitzende am Ende. „Bleiben sie hier, Mister Lupin. Ich lasse sie holen, wenn wir so weit sind. Der Kleine muss seine Peiniger nicht noch einmal sehen.“
Ein wenig versöhnt nickte der Tränkmeister und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss auf Harrys Kopf und einem ein wenig intensiveren auf Remus' Lippen von den Beiden, bevor er dem Älteren folgte, der ihn mit in den Versammlungssaal nehmen wollte. Vielleicht war der Vorfall, so schlimm er auch war, doch noch für etwas gut, denn andernfalls hätte sich der Gamot nicht so schnell darum bemüht, die Vormundschaft des Kleinen zu klären. Er hoffte nur, dass es Harry nicht wieder zurückwerfen würde und sie von vorne anfangen müssten mit ihm. Auch, wenn Remus kein Wort darüber verloren hatte, er hatte gespürt, wie sehr es den Werwolf mitnahm, wenn Harry zusammenzuckte, wenn er wieder einmal völlig lautlos weinte oder wenn er panisch flüchtete, sobald ein lautes, unbekanntes Geräusch kam. Und auch, wenn er es selbst nicht zugeben würde, aber ihm ging das ebenso nahe. Noch nie hatte er ein derart traumatisiertes Kind erlebt, nicht einmal die theoretischen Besprechungen in seinen Fortbildungen waren so schrecklich gewesen.

Als sie den Sitzungssaal betraten, riss sich Severus aus seinen Gedanken. Ruhig und beherrscht beantwortete er die Fragen nach dem Zustand ihres Kleinen. Wie ging es ihm am Anfang, wie jetzt? Welche Fortschritte machte er, was unterschied ihn von anderen Kindern und welche Ursachen waren anzunehmen? Gab es Beweise für körperliche Misshandlungen – außer denen, die Remus unterbunden hatte? Es schien Stunden zu dauern, aber Severus wusste, alles was er sagte, würde helfen, das Strafmaß für die Dursleys zu bestimmen. Er war ehrlich, hielt aber seine Meinung dennoch nicht zurück. Gegen späten Nachmittag waren die Mitglieder des Gamot endlich zufrieden und entließen ihn aus dem Zeugenstand. Petunia und Vernon Dursley wurden nach draußen gebracht, die Befragung unter Veritaserum und wahrscheinlich sogar schon das Urteil auf den folgenden Tag verschoben. Eine junge Frau aus dem Gamot ging, nach einer kurzen Unterredung mit dem Vorsitzenden, nach draußen und kam gleich darauf mit Remus und Harry wieder.
Der Kleine war wach und sah verschreckt zu den vielen fremden Menschen hin. Severus ging auf die Beiden zu und sah die Erleichterung in Harrys Gesicht, als er ihn entdeckte. Es schien, als hätte der Junge nun doch ein wenig Vertrauen zu ihm. Sanft strich er über die immer noch vom Schlaf gerötete Wange. „Alles klar, Harry?“, fragte er leise und bekam ein zögerndes Nicken, doch die in Remus' Hemd verkrampfte Hand bewies eher das Gegenteil. „Hab keine Angst, mein Kleiner. Dein Onkel und deine Tante sind nicht hier, sie werden dir nichts tun können. Remus und ich passen auf dich auf.“
Als Antwort schmiegte sich Harry dicht an Remus und griff mit seiner linken Hand – die Rechte hatte er in dem Hemd des Werwolfes – nach Severus. Lächelnd griff der Tränkemeister nach den kleinen Fingern und hielt sie fest in seiner Hand. So wandten sie sich schließlich dem Gamot zu. Severus konnte das Erstaunen und die Verwirrung auf dem Gesicht seines alten Freundes Lucius Malfoy nur zu deutlich erkennen.
„Sie beantragen das Sorgerecht für den jungen Harry James Potter?“, fragte der Vorsitzende.
„Das ist richtig.“, erwiderte Severus ruhig.
Die folgende Stunde verging unter weiteren Befragungen, nach Beruf, der Zeit und den Möglichkeiten, die sie Harry bieten konnten, über ihre Einstellung, vor allem weil Severus als Todesser bekannt war.
„Ich wurde von Albus Dumbledore als Spion entlastet, habe ihn bis zur Vernichtung meines scheinbaren Meisters immer mit Informationen aus dem Inneren Kreis versorgt. Glauben sie mir, oder befragen sie mich unter Veritaserum oder auch Legilimentik, ich stehe nicht hinter den Überzeugungen des sogenannten dunklen Lords, musste aber, um ihn zu überzeugen, Dinge tun, auf die ich sicher nicht stolz bin.“, gab Severus offen zu.
Diese Antwort schien die Mitglieder des Gamot zu überzeugen, denn nach einer kurzen Diskussion beendeten sie die Befragung. Die gleiche junge Frau, die vorher Remus geholt hatte, stellte nun noch eine abschließende Frage. „Sie sind nicht gebunden, soweit ich weiß. Normalerweise lassen wir Kinder nur von verheirateten oder gebundenen Paaren adoptieren. Wären sie bereit, die Bindung öffentlich zu machen und Harry nicht nur in Pflege zu nehmen, sondern sogar zu adoptieren? Ich denke, dieser Schritt gibt dem Kleinen mehr Sicherheit, gewollt zu sein, als jede Versicherung in bloßen Worten.“
Remus und Severus tauschten einen kurzen Blick, bevor der Tränkemeister ihr antwortete: „Wir haben bisher zusammengelebt, ohne es offiziell zu machen, weil es nichts an unserer Beziehung ändert, aber wir würden diesen Schritt machen, wenn wir Harry damit helfen können.“
Ein bestätigendes Nicken von Remus überzeugte den Zaubergamot und der Vorsitzende wandte sich direkt an Harry. „Harry, ich bin Rayman Cole. Ich weiß, du hast bestimmt Angst, aber kannst du mir vielleicht eine Frage beantworten?“, sprach er ruhig und sanft. „Willst du bei den beiden Männern, Severus Snape und Remus Lupin, bleiben? Sag mir bitte ganz ehrlich, ob es dir dort gefällt, denn wir müssen eine Entscheidung treffen, ob du dort bleiben kannst oder nicht.“
Entsetzt starrte Harry den Mann in dem pflaumenblauen Umhang an. Sie wollten ihn wegnehmen? Vielleicht sogar zurück zu Onkel und Tante? Panisch klammerte er sich an Remus und Severus fest, die hatten doch versprochen, bei ihm zu bleiben? Würden sie ihn nun einfach weggeben? Er konnte nicht verhindern, dass ihm schon wieder Tränen über die Wangen liefen. „Nicht weggehen!“, wisperte er ängstlich und sah dabei Remus und Severus an.
Severus streichelte ihm zärtlich über den Kopf, während Remus ihn fester hielt. Beide warfen zornige Blicke auf den etwas älteren, blonden Mann, der es geschafft hatte, Harry erneut zum Weinen zu bringen. Es war eindeutig zu viel für den misshandelten Fünfjährigen, warum sah das denn niemand?
„Ich denke, diese Antwort reicht uns.“, entschied eine ältere Dame, die Severus als Griselda Marchbanks erkannte. „Ich bin dafür, den Jungen zu den beiden Männern zu geben. Stimmen wir offen ab.“
„Gut, stimmen wir ab.“, stimmte Rayman Cole zu. „Wer ist dafür, dass Severus Snape und Remus Lupin das Sorgerecht für Harry Potter bekommen und ihn adoptieren dürfen, wenn sie sich gebunden haben?“
Fast alle Hände hoben sich sofort, Albus Dumbledore war der Erste, Lucius Malfoy zögerte einen Sekundenbruchteil, hob dann aber auch seine Hand, nachdem er Severus noch einmal eingehend angesehen hatte.
„Das ist eindeutig die Mehrheit.“, brachte Cole das Ergebnis auf den Punkt, als klar wurde, dass alle sich entschieden hatten. „Es wird hiermit festgelegt, dass das Sorgerecht und die Vormundschaft über Harry Potter ab dem heutigen Tag an Severus Snape und Remus Lupin gehen. Rechnen sie damit, dass sie in den nächsten Tagen Besuch bekommen, da wir – gerade in diesem Fall – sicherstellen müssen, dass es dem Jungen gut geht. Hier wurde schon zu viel übersehen, das wird sicherlich auch in den Gesetzen Folgen haben. Kinder sind alles, was wir haben, wir müssen sie besser beschützen. Aber ich denke, das dürfte in ihrem Fall eher eine reine Formsache sein, so wie der Junge sich ihnen gegenüber verhält. Sie werden die entsprechenden Papiere in den nächsten Tagen per Eule erhalten.“
Verwirrt hatte Harry die Rede des Vorsitzenden verfolgt, aber er hatte keine Ahnung, was das nun wieder bedeutete. Fragend sah er seine beiden Vertrauten an. Severus strich ihm kurz mit den Fingern über die Wange, wischte eine einzelne Träne weg und erklärte ihm dann: „Du darfst bei uns bleiben, Harry.“
„Gehen wir nach Hause.“, fügte Remus hinzu und warf einen kurzen Blick auf Cole, der zustimmend nickte.
„Alles Gute, Harry.“, wünschte Madam Marchbanks und einige andere Mitglieder des Gamot schlossen sich ihr an.
Harry war einfach nur froh, als Remus und Severus mit ihm zusammen nach draußen gingen. Einigermaßen sicher, dass er bei ihnen bleiben konnte, gab er seiner Müdigkeit nach und schlief noch auf dem Weg aus dem Ministerium hinaus auf Remus' Arm ein. Der Tränkemeister grübelte, was die Blicke seines ehemals guten Freundes Lucius bedeuten sollten, die er ihm immer wieder am heutigen Tag zugeworfen hatte. Ganz konnte er den Blonden nicht einschätzen. Wie sehr war seine Loyalität immer noch beim Lord? War er selbst nun als Spion aufgeflogen und würde es sich herumsprechen, dass er den Jungen zu sich nahm? Brachte er Harry damit in Gefahr? Er nahm sich vor, die Schutzzauber um sein Haus noch weiter zu verbessern, obwohl sie schon stark waren und sogar Albus Dumbledore neue hinzugefügt hatte. Am besten noch heute.

Die Verhandlung und die Ereignisse darum herum hatten Harry weit zurückgeworfen. Erneut ließ er Remus nicht aus den Augen, der Werwolf konnte nicht einmal alleine ins Bad gehen, um sich zu erleichtern. Er ließ sich nur von Severus noch anfassen, sobald Poppy kam, flüchtete er unter Remus' Kleidung. Als Albus kam, wurde es sogar noch schlimmer, Harry begann zu zittern und Tränen liefen über seine Wangen. Dabei gab der Kleine keinen Ton von sich, was es nur noch schlimmer machte. Es zerriss sogar Severus das Herz, den Jungen so zu sehen. Nur mit Mühe bekam ihn Remus dazu, ein paar Bissen zu essen. Er musste ihn füttern, weil Harry nie seinen Griff in der Kleidung des Werwolfes lockerte. In der Nacht schlief er unruhig, auch wenn er zwischen den einzigen beiden Menschen liegen durfte, denen er zu vertrauen schien. Immer wieder schreckte er hoch und musste sich versichern, dass er nicht alleine war.
Albus kam dennoch am nächsten Tag erneut, weil er ihnen vom weiteren Verlauf des Prozesses berichten wollte. „Ich hätte den Kleinen nie dort lassen dürfen.“, begann er. „Nach außen hin erweckten sie immer den Eindruck, sich wunderbar um Harry zu kümmern. Dass er nicht nach draußen konnte, haben sie ja schlüssig begründet, daher schöpfte wohl niemand Verdacht, auch wenn die drei Dursleys immer mal draußen waren. Es konnte ja niemand ahnen, dass Harry drinnen nicht fernsehen durfte, weil er arbeiten musste. Von den Schlägen und Prügeln wussten wir, er wurde wohl auch mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. Außerdem haben sie ihm wohl immer wieder eine Art Brille aufgesetzt, mit der er kaum etwas sehen konnte und ihn damit die Hausarbeit machen lassen, er ist dann regelmäßig gestürzt, weil sein Cousin ihm ein Bein gestellt hat, das er nicht sehen konnte. Mehrmals wohl auch die Treppe hinunter. Wer weiß, was sie ihm noch alles angetan hätten, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst, Remus. Ich bin wirklich froh, dass du mich überredet hast.“
„Nicht nur du, Albus.“, versicherte Remus mit Tränen in den Augen. „Mein armer Welpe. Das ist jetzt vorbei, endgültig.“
„Wir lassen ihn nicht mehr aus den Augen.“, schloss sich Severus an. „Ich habe ein Versprechen gegeben und werde das nun einlösen.“
„Ihr Beide tut ihm wirklich gut. Und er euch.“, stellte Albus fest. „Ich werde mich verabschieden, der Kleine traut mir nicht besonders, er soll Ruhe haben. Ich wünsche euch noch ein paar ruhige Tage und wir sehen uns dann in Hogwarts, Severus. Wie versprochen kannst du wenigstens die ersten Wochen zuhause schlafen, ich übernehme deine Pflichten.“
„Danke, Albus.“, nickte Severus. Es erleichterte ihn, für Harry da sein zu dürfen. „Ich werde pünktlich sein.“

Vier Tage später kamen drei Mitglieder des Gamot, Madam Marchbanks, Rayman Cole und die junge Frau, die ihnen geholfen hatte. Sie wollten Harrys neues Zuhause überprüfen. Da es Harry vollkommen überforderte, ging Remus mit ihm eine Weile spazieren, während Severus das Haus zeigte. Sie hatten ein Kinderzimmer für Harry gerichtet, auch wenn er das bisher nicht nutzte, dahin brachte er die drei Kontrolleure, wie sie es wollten, zuerst. Ein blauer Teppich und cremefarbene Wände wirkten neutral, aber die Bettwäsche auf dem Kinderbett, auf der kleine Hasen und Rehe hüpften, machte einen kindgerechten Eindruck. Vor dem Kinderbett lag ein Spielteppich, der Straßen aufgezeichnet hatte, daneben stand eine kleine Box mit Spielzeugautos. Die ersten Kinderbücher waren bereits in einem Regal einsortiert, und auch der Kleiderschrank war nun zumindest teilweise gefüllt. Das Zimmer hatte noch eine Menge Platz, sodass man später auch noch einen Schreibtisch hineinstellen konnte.
Im Bad standen drei Zahnputzbecher nebeneinander, die Kinderzahnpasta lag neben dem Rasierschaum. Kinderbad und Shampoo wurden gesehen, genau wie der kleine Sitz, den Harry auf die Toilette legen konnte, damit er nicht hineinrutschte, und der Hocker, der unter dem Waschbecken verstaut war. Alles in allem schienen die drei Mitglieder des Gamot zufrieden mit dem, was sie sahen. Severus erhaschte einen kurzen Blick auf Remus, der mit Harry im Arm zurück in den Garten trat, scheinbar waren sie im nahen Wald gewesen. Er bot noch Kaffee oder Tee an, doch die Gäste waren mit ihrer Besichtigung vollkommen zufrieden und verabschiedeten sich daher, gerade als Remus wieder in die Küche trat. Harry war auf seinem Arm eingeschlafen.
„Wie geht es ihm?“, erkundigte sich Madam Marchbanks.
„Er ist wieder vollkommen zurückgezogen, schreckhaft und ängstlich.“, berichtete Severus. „Er lässt Remus nicht aus den Augen und bleibt nur sehr ungern auf meinem Arm. Von anderen Menschen lässt er sich gar nicht anfassen, zittert, sobald sie nur in seine Nähe kommen. Wenigstens isst er einigermaßen, aber er spricht kaum, antwortet nur auf direkte Fragen. Von sich aus gibt er keinen Ton von sich.“
„Verstehen sie mich nun bitte nicht falsch, Mister Lupin.“, mischte sich die jüngere Frau ein. „Ich weiß, dass sie ein Werwolf sind und nun sieht es so aus, als wären sie die Hauptbezugsperson für den Jungen. Wie wird das dann bei Vollmond?“
Im ersten Moment zogen sich Remus' Brauen zornig zusammen, doch er zwang sich, durchzuatmen. Erst dann antwortete er. „Harry ist mein Welpe, ich würde nie zulassen, dass ihm etwas passiert.“, stellte er klar. „Beim letzten Vollmond war er bei Severus, während ich mich im verbotenen Wald bei Hogwarts verwandelt habe. Er wird das auch dieses Mal wieder akzeptieren müssen, denn ich werde als Wolf nicht in seiner Nähe sein.“
„Remus bekommt von mir einen Trank, den ich entwickelt habe, damit er mit seinem Wolf eine Einheit bildet. Dadurch bekommt er Kontrolle und ist nicht mehr gefährlich.“, warf Severus ein. „Das Patent wird gerade geprüft, aber die Wirkung ist bereits bestätigt. Remus ist, auch als Wolf, nicht gefährlich, so lange er nicht bewusst beißt.“
„Danke. Ich wollte wirklich nur wissen, ob sie sich bereits Gedanken gemacht haben und sie nicht beschuldigen.“, lächelte die junge Frau entschuldigend. „Es steckte wirklich keine böse Absicht hinter der Frage.“
„Schon gut, ich will ja auch, dass im Sinne von Harry entschieden wird.“, nahm Remus die Entschuldigung an. „Hier ist schon zu viel falsch gelaufen, das werde ich nicht länger zulassen.“
„In Ordnung. Ich denke, wir haben nun alles geklärt.“, entschied Rayman Cole. „Sie bekommen die Papiere in den nächsten Tagen, denn was wir gesehen haben, passt zu unserer Entscheidung. Wir geben ihnen gemeinsam das Sorgerecht für Harry Potter, und sollten sie sich binden, dann dürfen sie Harry auch adoptieren. Auf Wiedersehen.“
Auch die Anderen verabschiedeten sich nun und ein paar Minuten später waren Remus und Severus wieder allein mit Harry. Der Werwolf lehnte sich an die Arbeitsplatte, als Severus die Zutaten für Nudeln mit Tomatensauce herrichtete. Harry schien das zu mögen, und es ging schnell. Immer noch unsicher verfolgte Harry, der wieder wach war, jeden Handgriff des Tränkemeisters mit seinen Augen. Schmunzelnd reichte der Schwarzhaarige dem Jungen einige Tomatenstückchen und eine Ecke Käse. Ein kurzes, dankbares Lächeln erhellte das vom Weinen fleckige Gesichtchen und wärmte Severus' Herz auf.
Erst, als Harry wieder tief und fest schlief – er schlief überhaupt verhältnismäßig viel, wahrscheinlich brauchte sein Körper das, um aufzuholen – lenkte Severus das Gespräch auf den kommenden Vollmond. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“, seufzte er leise. „Der Kleine wird nicht bei mir bleiben, wenn du dich verwandelst. Aber du kannst ihn nicht mitnehmen. Ich würde ihn nur ungern unter dem Einfluss eines Trankes schlafen schicken, aber wenn er weiterhin so klammert, bleibt uns nichts Anderes übrig, fürchte ich.“
„Wir haben noch ein paar Tage.“, überlegte Remus. „Hoffen wir, dass er sich bis dahin wieder ein wenig fängt. Er vertraut dir.“
„Ja, aber nicht so wie dir.“, gab Severus zurück. „Wir sollten erneut damit anfangen, dass du ihn nicht mehr mit ins Bad nimmst, wenn du nur kurz dahin musst.“
„Machen wir es so.“, stimmte Remus zu. „Zum Duschen kann er mitkommen, alles Andere mache ich alleine.“
„Es wird hart, aber so lernt er, dass wir unsere Versprechen halten. Wir erklären ihm, dass du gleich wiederkommst, und wenn er sieht, dass es stimmt, lernt er nach und nach, zu vertrauen. Auch wenn es eine Weile dauern wird, aber das müssen wir durchhalten.“, entschied der Tränkemeister. „Vielleicht schafft er dann tatsächlich den Vollmond ohne Trank. Lieber wäre es mir, denn gerade in seinem Zustand sind Beruhigungstränke schnell überdosiert. Und das will ich ihm nicht antun.“
„Ich liebe dich, Sev.“, lächelte Remus plötzlich. „Ich glaube, das habe ich dir schon lange nicht mehr gesagt, aber es stimmt jetzt mehr denn je.“
Der Schwarzhaarige lehnte sich zu ihm und verwickelte ihn in einen intensiven Kuss. Aus Rücksicht auf den Jungen, der auf Remus' Schoß schlief, hielt er Abstand, aber er legte seine Gefühle für den Dunkelblonden in diesen Kuss. Nur selten sprach er über Gefühle, Remus wusste, wie er empfand. „Ich liebe dich auch.“, hauchte er, als sie sich voneinander lösten. „Nie hätte ich mir mehr gewünscht, als das was wir bisher hatten, aber Harry gehört dazu, wir sind eine Familie. Ich bin kein Mensch für Romantik, daher frage ich dich nur schlicht und einfach: Remus, willst du dich an mich binden und mit Harry zusammen meine Familie sein?“
Sprachlos starrte Remus ihn einen Moment an, bevor er „Ja, natürlich!“, herausbrachte.
Zufrieden setzte sich Severus zu seinem nun wohl Verlobten und ließ zu, dass Remus sich an ihn schmiegte. Er rief sich ein Buch auf und begann, leise zu lesen. So hatte ihn Remus damals vom Alkohol weggebracht. Um ihn von seinem Verlangen abzulenken, hatte sich der Werwolf vor etwa drei Jahren hingesetzt, ihn in die Arme gezogen und ihm vorgelesen. Nur ungern erinnerte der Tränkemeister sich an diese Zeit, außer an die Nähe, die seither zwischen ihnen herrschte. Die Nähe, die er anfangs kaum zugelassen hatte, aber so dringend brauchte. Damals wie heute. Nie würde er das zugeben, aber es war so. Seine Augen folgten dem Text im Buch und er las gedankenlos vor. Remus hatte die Augen geschlossen und seinen Kopf an Severus' Schulter gelehnt. Harrys Atmung ging tief und gleichmäßig, er schlief völlig entspannt. Es schien ihm gut zu tun, die ruhige Stimme von Severus zu hören.
Früher hätte er zu so einer Gelegenheit ein Glas Wein genossen. Er wusste, das war gefährlich, er könnte jederzeit wieder abhängig werden. Seine Finger zitterten leise, als die Erinnerungen deutlicher wurden. Erst, als Remus seine Hand ergriff, bemerkte er, dass es dem Werwolf wohl doch aufgefallen war.
„Geht's dir gut?“, wollte Remus wissen.
„Natürlich.“, blockte Severus ab.
„Lüg mich nicht an.“, knurrte Remus leise.
Severus stand auf und ging nervös hin und her. Vor Remus konnte er nichts verstecken, der Werwolf kannte ihn viel zu gut, besser als er sich selbst. Dazu musste er noch nicht einmal seine – momentan recht schwachen – Werwolfsinne einsetzen.
„Severus?“, hörte er die fragende Stimme seines Partners.
Seufzend ließ er sich neben den nun aufrecht sitzenden Werwolf fallen. „Wird es jemals aufhören?“, wisperte er unsicher.
Remus schien sofort zu wissen, wovon er sprach. Er legte seinen freien Arm um Severus' Schulter und zog ihn an sich. Beruhigend strich er über seine Seite. „Ich weiß es nicht, Sev.“, seufzte er. „Aber es heißt, dass es mit der Zeit leichter wird. Gerade stehst du enorm unter Stress, kein Wunder, dass alte Gewohnheiten nun wieder an die Oberfläche kommen. Ich bin da, Liebster.“
Severus wehrte sich eine Weile gegen die Umarmung, aber nur halbherzig, daher zog Remus ihn immer wieder zu sich hin. Schließlich legte er seinen Kopf an Remus' Seite und schloss die Augen. Die warme, etwas raue Hand des Werwolfes strich gleichmäßig und langsam über seinen Kopf, beruhigte ihn nach und nach wieder. Kurz bevor er einschlief, neckte ihn Remus ein wenig. „Willst du hier schlafen oder verlegen wir das Kuscheln doch lieber ins Bett?“, gluckste er.

Die nächsten Tage kämpften sie. Harry blieb nun bei Severus, wenn Remus ins Bad musste. Erst nur kurz, aber nach zwei Tagen dann auch zum Duschen. Schließlich ging Remus sogar aus dem Haus zum Einkaufen, damit Harry lernte, er kam wieder. Immer wieder sagte ihm der Werwolf, dass er nach einer bestimmten Zeit zurück käme und Severus zeigte ihm, wie die Zeiger der Uhr stehen mussten, damit Remus wiederkam. Nach und nach merkten sie, dass Harry begriff und ein wenig ruhiger wurde. Dennoch war der Vollmond für Harry schlimm, und gegen Mitternacht gab ihm Severus schließlich doch einen Trank, denn sonst würde er gar nicht schlafen. Am Morgen allerdings war der Kleine in der Dämmerung schon wach und wartete unruhig darauf, dass Remus auftauchte. Auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, es tat Severus weh, dass Harry zu ihm einfach nicht so viel Vertrauen hatte. Er konnte ja nicht wissen, dass es die dunklen Augen, die schwarze Kleidung und die Unlesbarkeit seiner Mimik waren, die Harry verunsicherten. Den ganzen Tag zweifelte er daher wieder an sich und seinen Fähigkeiten, grübelte und dachte an die Zeit, in der er abhängig vom Alkohol gewesen war.

Die Nacht direkt nach Vollmond wurde ebenfalls unruhig. Severus wurde immer wieder von seinen Erinnerungen aus dem Schlaf gerissen, und auch Harry schreckte mehrmals hoch. Am Morgen waren sie alle eher unausgeschlafen und entschieden, einen Tag am Meer zu verbringen. Harrys Augen weiteten sich. Er hatte schon viel vom Meer gehört, seine Verwandten waren in den letzten Ferien am Meer gewesen, natürlich ohne ihn (er war bei Onkel Vernons Schwester geblieben, wo er nicht arbeiten musste, die aber auch sehr streng war), und Dudley hatte die ganze Zeit davon geschwärmt. Es war der vorletzte Ferientag und am Morgen musste Severus zurück nach Hogwarts, auch wenn er vorerst die Erlaubnis hatte, zuhause zu schlafen. Gleich nach dem Frühstück brachen sie auf. Remus apparierte mit Harry auf dem Arm und sie kamen an einem ruhigen Strandabschnitt an. Der Grünäugige sah sich neugierig um, zum ersten Mal nicht ängstlich. Kein Wunder, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Die Wellen rauschten laut, die See war unruhig. Der Wind brachte den Geschmack von Salz mit sich, zerzauste ihre Haare. Severus griff in seinen Umhang und holte ein Lederband heraus, mit dem er seine etwas über schulterlangen, schwarzen Haare bändigte.
Einige Minuten vergingen, in denen Harry versuchte, alles um sich herum aufzunehmen. Schließlich ließ er sich auf den Boden stellen, beide Männer nahmen je eine seiner Hände und sie gingen ein Stück parallel zum Wasser. Es war ziemlich kühl, aber sie hatten dem Jungen eine warme Jacke und Mütze und Schal angezogen. Vorsichtshalber legte Severus noch einen Wärmezauber über ihn, der Kleine hatte kein funktionierendes Immunsystem. Unsicher stolperte Harry im Sand, nicht gewohnt, dass der Untergrund so leicht nachgab unter seinen Füßen, doch er strahlte vor Freude. Nach einer Weile traute er sich näher an das Wasser heran und beobachtete, wie die Wellen über den Sand wanderten und sich wieder zurückzogen. Der nasse Sand faszinierte ihn und schließlich setzte er sich tatsächlich hin und begann, den Sand zu formen. Endlich reagierte er wie ein Kind. Erleichtert lächelte Remus seinem Partner zu. Sie waren auf einem guten Weg, wie es aussah.
Gegen Mittag gingen sie ein Stück den Strand entlang, bis sie auf ein kleines Dorf trafen. Harry sollte etwas essen, fanden die Erwachsenen. Dafür suchten sie ein ruhiges Restaurant. Sie hatten Glück und fanden ein kleines Landgasthaus, wo es einzelne Nischen gab, sodass sie mit Harry alleine sitzen konnten. Eine Frau mittleren Alters führte sie in eine Nische ganz hinten, sodass nicht ständig jemand vorbeigehen würde. „Kann ich schon was bringen oder wünschen sie die Karte?“, fragte sie freundlich.
„Die Karte, bitte.“, bat Remus. „Haben sie vielleicht einen Hochstuhl für Harry?“
„Natürlich!“, lächelte sie warm. „Ich bringe ihn gleich. Zusammen mit der Karte.“ Sie wuselte aus ihrer Sichtweite, kam nur Momente später zurück, in der einen Hand zwei Karten, in der anderen einen hölzernen Hochstuhl. Der Stuhl landete auf der Kopfseite des Tisches, die Karten reichte sie ihnen mit einem freundlichen Lächeln, das kleine Fältchen neben ihre braunen Augen zauberte.

Nur zögernd ließ sich Harry in den Hochstuhl setzen, aber immerhin blieb er sitzen. Schnell überflog Severus die Karte und entschied sich, dann widmete er sich den Kindergerichten. Da war die Auswahl eher klein, aber Harry war unkompliziert. „Harry, möchtest du Fish and Chips?“, fragte Severus ruhig. Der Junge nickte vorsichtig. „Und was möchtest du trinken?“ Hilflos zuckte der Kleine die Achseln. Er hatte keine Ahnung, was er nun sagen sollte. Severus gab ihm eine kleine Auswahl: „Wasser, Tee, Kakao, Milch oder Saft.“
„Saft, bitte.“, entschied der Grünäugige sich schließlich.
„Ich habe Apfelsaft, Traubensaft, Blaubeersaft oder Orangensaft.“, bot die Kellnerin an.
Harry machte einen überforderten Eindruck, daher entschied Severus für ihn. „Traubensaftschorle für Harry, würde ich sagen. Earl Grey und ein großes Wasser für mich.“
„Ich nehme ein großes Glas Apfelschorle.“, schloss sich Remus an.
„Wissen sie schon, was sie essen wollen oder soll ich nochmal kommen?“, fügte die braunhaarige Frau hinzu.
„Fish and Chips für Harry, den gegrillten Lachs für mich.“, antwortete Severus.
„Für mich Haggis. Und als Nachspeise Schokoladenpudding.“, freute sich Remus, dass dies angeboten wurde.
„Gute Wahl!“, gratulierte die Braunhaarige und eilte davon.
„Du und deine Schokolade!“, neckte Severus seinen Verlobten, während die Bedienung hinter dem Tresen verschwand.
Es dauerte nicht lange, da kam sie wieder und brachte die Getränke, stellte sie vor die Drei. Schnell war sie wieder verschwunden. Severus ließ seinen Tee, der offensichtlich nicht mit einem Beutel zubereitet worden war, noch einen Moment stehen und nahm einen Schluck Wasser. In Harrys Glas steckte ein gelber Strohhalm, mit dem der Kleine nichts anfangen konnte. Remus grinste kurz und zeigte ihm, wie er damit trinken konnte. Vorsichtig versuchte es der Grünäugige und riss die Augen auf, als tatsächlich etwas in seinem Mund landete. Enthusiastischer als zuvor saugte er erneut und hatte schnell das halbe Glas geleert.
„Nicht so hastig.“, mahnte Remus leise. „Lass dir Zeit, sonst bekommst du Bauchweh. Du kannst nachher auch noch mehr haben, wenn du magst.“
„Gefällt es dir am Meer?“, wollte Severus von Harry wissen. Der nickte strahlend. „Sollen wir hier öfter herkommen?“ Wieder nickte Harry. „Harry, ich möchte, dass du mit mir sprichst, wenn ich dich etwas frage, denkst du, das kannst du?“
Zuerst nickte Harry, bis er merkte, was Severus gerade gesagt hatte. „Ja, Sir.“, murmelte er mit gesenktem Blick.
Der Tränkemeister griff sanft nach Harrys Kinn und drückte ihn ein wenig nach oben, sodass er in die grünen Augen sehen konnte. „Harry, du musst mich nicht ‚Sir‘ nennen. Sag Severus zu mir, oder auch Sev. In Ordnung?“
„Ja, Sevus … Servus … Severs …“, stammelte Harry unsicher.
„Se – ve – rus.“, betonte der Tränkemeister. „Ist nicht leicht, ich weiß. Sag Sev, das passt. Deine Mom hat mich auch immer so genannt!“
„Danke, Sev.“, flüsterte Harry.
„Gerne, mein Kleiner!“, lächelte der sonst so mürrisch erscheinende Tränkemeister freundlich.

Nach dem Essen, das hervorragend war, gingen sie noch einmal zurück an den Strand, spazierten gemütlich durch den Sand, Harry zwischen sich an beiden Händen. Und doch schien es, als wäre es nun nicht mehr so notwendig sondern eher beruhigend für Harry. Er klammerte nicht mehr so extrem. So konnten sie alle drei ein wenig entspannen. An einem Abschnitt, wo es eine Menge Muscheln gab, ließ Harry schließlich sogar die Hände der Erwachsenen los, um Muscheln zu suchen. Severus und Remus setzten sich auf einen Baumstamm, der wohl angespült worden war, und beobachteten ihren Kleinen. Weit entfernte er sich nicht von ihnen, aber keiner von ihnen hätte geglaubt, dass er sich überhaupt selbständig bewegen würde.
„Was wünscht du dir, wenn wir uns binden?“, brachte Severus das Gespräch dahin, wo seine Gedanken waren.
„Vielleicht kann Albus die Zeremonie durchführen.“, überlegte Remus. „Ich habe keine engen Freunde mehr, dank diesem Irren, der sie fast alle umgebracht hat. Ich wüsste nicht, wen ich einladen sollte, außer vielleicht die Weasleys, auch wenn ich nur im Orden kurz mit ihnen zu tun hatte. Aber immerhin hat Molly angeboten, mit Harry zu helfen, als ich sie in der Winkelgasse getroffen habe. Ich habe niemanden, bin alleine.“ Gegen Ende wurde seine Stimme immer leiser, als er realisierte, worüber er zuletzt vor etwa vier Jahren nachgedacht hatte, als er sich vom Turm hatte stürzen wollen.
„Ich weiß, was du meinst.“, gestand Severus leise. „Auch ich wüsste nicht, wen ich einladen sollte. Es gibt niemanden, der mir so nahe steht, auch wenn mich Lucius zum Paten von Draco gemacht hat. Theoretisch gehöre ich damit zwar zur Familie, aber …“ Auch er brach ab. Gleichzeitig griffen beide nach der Hand des jeweils Anderen und gaben sich gegenseitig Halt. Sie lehnten sich aneinander und beobachteten Harry, der mit wachsender Begeisterung über den Strand rannte und immer wieder Muscheln aufhob. Zwar ließ er sie dabei nicht aus den Augen, aber das hier war mehr, als Severus erwartet hätte.
Harry hingegen war so gefangen von den vielen neuen Eindrücken, dass er zum ersten Mal nicht überlegte, sondern einfach auf seine Umwelt reagierte. Die beiden Männer hatten ihn noch immer nicht weggegeben oder bestraft, obwohl er noch nichts gearbeitet hatte oder sich sonst wie dankbar hatte zeigen können. Vielleicht stimmte es ja doch, dass sie ihn gerne hatten. So wie Onkel und Tante Dudley behandelten. So wie er sich immer gewünscht hatte, behandelt zu werden. Er fühlte sich wohl bei Remus und Sev, war aber immer noch nicht ganz sicher, dass es nicht doch nur ein Traum war.
„Also eine einfache Bindung, nur wir Beide und Harry, Dumbledore führt die Zeremonie durch.“, entschied Severus nach einem längeren Schweigen und sah Remus fragend an.
„Du willst Malfoy nicht einladen?“, wunderte sich der Werwolf.
„Er hält nicht sonderlich viel von dir.“, begann Severus und Remus zog eine Schnute. „Du meinst wohl, überhaupt nichts.“, verfeinerte er die Aussage seines Verlobten. „So in etwa.“, gab Severus zu. „Jedenfalls, so jemanden will ich nicht an meiner Seite haben, wenn ich mich an den wichtigsten Menschen in meinem Leben binde.“
„Wir werden Zeugen brauchen.“, gab Remus zu bedenken.
„Dann sollten wir vielleicht Kingsley Shacklebolt und Minerva McGonagall fragen.“, überlegte Severus. „Ich denke, die Beiden dürften uns noch am Nächsten stehen.“
„Damit hast du sicher Recht.“, schmunzelte Remus. „Hast du auch eine Idee, wen wir als Paten für Harry nehmen?“
„Ich denke, wir sollten damit warten, bis wir sehen, zu wem er Vertrauen hat.“, bremste der Tränkemeister. „Ich möchte nicht noch einmal jemanden vor seine Nase setzen, dem er nicht vertraut.“
„Du hast Recht, Sev, wie immer!“, grinste Remus. „Wir sollten langsam aufbrechen, Poppy wird sicher schon bei uns sein. Auch wenn es Harry nicht gefällt, aber wir brauchen sie wohl noch eine Weile.“
Sie standen auf und fingen Harry ein, der inzwischen richtiggehend erschöpft schien. Remus nahm ihn auf den Arm und wickelte ihn unter seine eigene Jacke, als er merkte, wie kühl der Kleine war. Obwohl es gerade Ende August war, kam es ihnen hier ziemlich kalt vor. Und sie wollten nicht, dass Harry krank wurde. Sie apparierten zurück nach Spinners End und brachten Harry ins Bad, wo sie ihm ein warmes Bad einließen. Severus gab einen Badezusatz ins Wasser, der ihn aufwärmen würde. Außerdem noch etwas, das Schaum verursachte, denn sie hatten gemerkt, dass ihm das gefiel. Während er im Wasser saß, kam Poppy zu ihnen. Abgelenkt wie er war, da Remus ihm ein Schiff mit in die Wanne gegeben hatte und eine Muschel, die er heute gefunden hatte, untersuchte sie ihn schnell und wirkte zufrieden.
„Er hat ein wenig zugenommen und ist insgesamt stabiler. Noch ist es nicht vorbei, aber er ist auf einem wirklich guten Weg.“, lächelte die Heilerin zufrieden. „Er wirkt insgesamt auch ein wenig … lebendiger.“
„Wir waren heute an einem kleinen schottischen Strand.“, erklärte Severus knapp. „Es scheint, dass er nun langsam begreift, er kann uns vertrauen.“
Remus, der zwar auf die Unterhaltung geachtet hatte, Harry dabei aber nicht aus den Augen ließ, erkannte als Erster, dass der Kleine kurz davor war, einzuschlafen. Er hob ihn aus der Wanne und wickelte ihn in ein warmes Handtuch. Noch bevor er ihm auch nur einen Schlafanzug anziehen konnte, schlossen sich die grünen Augen und der Körper entspannte sich vollständig. Schmunzelnd trug Remus ihn ins Kinderzimmer, vielleicht klappte es sogar. Wahrscheinlich würden sie ihn bald wieder zu sich holen müssen, aber warum sollte er nicht zwischendurch wenigstens mal in seinem eigenen Bett schlafen? Immerhin war heute Severus' letzte Nacht hier, die er entspannt verbringen konnte. Poppy verabschiedete sich bald wieder und verließ das Haus. Severus und Remus genossen die nächsten beiden Stunden, die sie ohne Harry in ihrem Bett verbrachten. Erst gegen Mitternacht wurde Harry wach und sie holten ihn wieder zu sich, wo er schnell wieder einschlief.

Am nächsten Morgen wurde deutlich, dass es Harry noch lange nicht gut ging. Scheinbar waren sie doch zu lange draußen gewesen mit ihm, denn er fieberte und hustete ziemlich heftig. Remus blieb mit ihm liegen, packte ihn warm ein und ließ ihn schwitzen, während Severus im Labor einen frischen Trank gegen Erkältungen braute, den er in der Stärke an Harrys derzeitige Kondition anpasste. Gerade, als er das Feuer löschte, hörte er jemanden an der Tür. Fluchend stellte er den Kessel beiseite und eilte ins Erdgeschoss, öffnete die Tür. Da die Schutzzauber nicht reagiert hatten, kam der Besucher nicht in böser Absicht.
„Lucius.“, grüßte er seinen Besucher überrascht und ließ ihn eintreten.
„Warum so überrascht, mein Freund?“, erkundigte sich der Blonde. „So gut müsstest du mich kennen, dass ich interessiert bin, was dich dazu veranlasst haben könnte, den jungen Potter zu dir zu nehmen.“
„Ich hätte schon eher mit dir gerechnet, wenn ich ehrlich sein soll. Aber glaubst du wirklich, eine Antwort wird dich befriedigen? Als würdest du auch nur annähernd verstehen, wie ich denke.“, spottete Severus. „Du kannst auch nicht nachvollziehen, dass ich mich an Remus binden werde. Wieso solltest du verstehen, was dieser kleine Junge für mich bedeutet?“
„Versuche es.“, forderte Lucius ihn heraus.
„Nun gut, wie du willst.“, zuckte Severus die Schultern. „Er ist nicht wie sein Vater, viel eher wie Lily. Du hast keine Ahnung, wie seine Augen leuchten können, wenn er sich über etwas freut. Das ist der Ausdruck, den ich immer darin sehen will und ich werde alles dafür tun, dass er immer so glücklich aussieht. Es ist nichts, was man erklären kann. Der Junge hat viel zu viel durchgemacht. Du weißt, wie es mir in meiner Kindheit ergangen ist, aber gegen ihn hatte ich eine Bilderbuchzeit bei meinen Eltern.“
„Ich weiß, du vergisst, ich war bei der Verhandlung. Der Junge hat etwas Besseres verdient. Aber du und Potter? Das wird niemals gut gehen.“, prophezeite Lucius.
„Das hast du bei Remus und mir auch gesagt, und nun werden wir uns binden und Harry adoptieren.“, zischte Severus.
„Schon gut, schon gut.“, ruderte der Blonde zurück. „Ich wollte dich nicht beleidigen.“
„Dann sprich nicht so abfällig über meine Familie.“, verlangte der Tränkemeister. „Und sag endlich, warum du hierhergekommen bist. Ich habe noch einen Trank auf dem Feuer und muss nach Hogwarts. Ich kenne dich, du bist nicht nur aus Neugier hier.“
„Du hast Recht.“, wurde Lucius ernst. „Ich wollte dich bitten, etwas in Verwahrung zu nehmen. Das Ministerium ist hinter mir her, sie durchsuchen mein Manor mindestens einmal in der Woche, suchen nach schwarz-magischen Objekten. Das hier“, er zog eine kleine Schachtel aus seinem Umhang, „hat der Lord mir kurz vor seiner Vernichtung zur Aufbewahrung gegeben. Ich will verhindern, dass es dem Ministerium in die Hände fällt. Auch wenn alle glauben, dass du dem Lord nicht treu bist, ich bin mir sicher. Du hast hoch gepokert bei der Verhandlung. Veritaserum? Bei Legilimentik hättest du wahrscheinlich den Vorteil, aber das Serum kannst auch du meines Wissens nach nicht austricksen. Aber ich bin sicher, dass du auf der Seite des Lords stehst, immerhin war es sein Befehl, dass du unauffällig bleiben sollst und er wusste immer mehr über dich als wir alle, deshalb gebe ich das hier in deine Hände. Es ist nicht irgendein Objekt, sondern etwas, das unserem Lord sehr wichtig war. Alle anderen Objekte werden an Borgin und Burkes gehen, aber das hier kann ich nicht einfach verkaufen. Du wurdest rehabilitiert, das Ministerium verdächtigt dich nicht, daher kannst du es ungestraft aufbewahren. Am besten sogar in Hogwarts, dort kommt keiner auf die Idee, danach zu suchen.“
„Bist du wahnsinnig?“, fauchte Severus leise. „Du denkst, ich kann ungesehen ein schwarz-magisches Objekt, das dem Lord selbst gehörte, unter Dumbledores Augen in die Schule bringen? Der Schulleiter bringt mich nach Askaban und was wird dann aus Harry?“
„Severus, du schuldest mir was. Verstecke es und deine Schuld ist getilgt.“, antwortete Lucius kalt. „Verweigere dich und ich entlarve dich als echter Todesser anstatt Spion. Dann landest du auch in Askaban. Such es dir aus.“
Severus musste nicht lange überlegen, sein Gehirn arbeitete schon immer schnell. Er riss die Schachtel aus Lucius' Hand und zischte ihn an, er solle verschwinden. Der Blonde ließ sich nicht lange bitten, verließ das Haus ohne einen Abschiedsgruß. Hektisch atmend stand Severus im Wohnzimmer und versuchte, sich darüber klar zu werden, was er nun damit tun sollte. Am besten ging er zu Dumbledore damit, der wüsste sicher, was genau er da in den Händen hielt und wie sie es loswerden konnten. Sobald er diese Entscheidung getroffen hatte, wurde er deutlich ruhiger. Er sperrte die Schachtel in seinen Tresor und ging zurück in sein Labor, um den Trank für Harry zu holen.
„Was ist passiert?“, fragte Remus alarmiert, als er nach oben kam.
„Lucius!“, fauchte Severus, zitternd vor Zorn.
Remus legte Harry von seinem Bauch ins Bett und stand auf, schlang seine Arme um den Tränkemeister. Zunächst versteifte sich der Schwarzhaarige, doch der Werwolf ließ sich nicht beirren, streichelte über den Rücken und verteilte kleine Schmetterlingsküsse auf Hals und Nacken, und langsam beruhigte sich Severus wieder.
„Er hat mir gedroht, mich anzuschwärzen, sodass ich nach Askaban gehe.“, wisperte er schließlich. „Ich soll etwas verstecken, am besten in Hogwarts. Das Ministerium durchsucht eine Menge Haushalte nach schwarz-magischen Objekten und er hat fast alles zu Borgin und Burkes gebracht, doch er hat was vom Lord zur Aufbewahrung bekommen, das liegt gerade in meinem Tresor. Ich will es nicht behalten, es würde Gefahr bedeuten, aber die Drohung von Lucius muss ich ernst nehmen. Was soll ich nur machen?“
„Beruhige dich.“, befahl Remus. „Atme tief durch. Und dann redest du mit Albus, er wird sicher eine Lösung haben. Vielleicht findet ihr heraus, worum es sich handelt und wisst dann, wie ihr damit umgehen müsst. Und wenn Lucius dich fertigmachen will, muss er erst an mir vorbei.“
„Danke, Remus!“, lächelte Severus ein wenig zittrig. „Aber ich will nicht, dass du etwas Unüberlegtes tust und dich gefährdest. Unser Kleiner braucht dich, mehr wie mich.“
„Ich werde nichts Unüberlegtes tun, versprochen.“, erwiderte der Werwolf. „Auch wenn das nicht leicht ist, ich will euch beschützen. Du und Harry, ihr seid meine Familie. Aber du hast nicht ganz Recht, der Welpe braucht dich genauso wie mich. Ich bin froh, dass du erstmal noch nach Hause kommst, denn mit dem Kleinen könnte ich nicht zu dir, das ist zu viel für ihn. Erst muss er hier sicher genug sein. Gestern war schon zu viel für ihn, und da waren fast keine Menschen.“
„Wir haben einen Monat, dann muss ich wieder im Schloss bleiben, bis dahin übernimmt Albus meine Nachtschichten und die Bereitschaft für die Slytherins.“, informierte Severus. „Ich will gar nicht darüber nachdenken, was das dann für Vollmond bedeutet.“
„Mach dir nicht so viele Gedanken.“, mahnte Remus. „Ich kann bei ihm bleiben, nachdem keiner mir Arbeit geben will. Also habe ich Zeit für Harry. Und du bist jede Nacht hier, damit er auch weiter an dich gewöhnt ist, dann kann er wenigstens die Vollmondnächte bei dir verbringen. Er wird es lernen. Auch wenn es nicht leicht für ihn ist. Harry vertraut uns, aber er muss immer noch lernen.“
Sie warfen beide einen Blick auf den Jungen, der schlafend im Bett lag. Das Gesicht gerötet vom Fieber, die Haare inzwischen so lang, dass ihm einige Strähnen in die Augen fielen. Severus trat zum Bett, stellte endlich den Trank auf den Nachttisch und strich dem Kleinen die Strähnen aus dem Gesicht. Das Fieber war unvermindert hoch. Die Atmung ging leicht rasselnd und scheinbar bekam er durch die Nase keine Luft. Immer wieder schüttelte ihn Husten, doch er wachte nicht auf. Es tat ihm leid, doch er musste ihn wecken, damit er die erste Portion von dem Trank nehmen konnte. Doch diesmal hatte er ihn so gebraut, dass er ihn in Wasser oder Tee einnehmen konnte. Nur zögerlich öffnete Harry seine Augen, die glänzend waren, nahm nichts so richtig wahr.
„Hey, mein Kleiner.“, lenkte Severus die Aufmerksamkeit auf sich. „Du musst das hier trinken. Dann kannst du weiterschlafen, aber es ist wichtig, damit du gesund wirst.“
Bevor er trinken konnte, hustete Harry erst einmal ziemlich heftig, wobei er eine Menge Schleim heraufwürgte. Am Ende rollte er sich ein und umklammerte seinen Oberkörper. Alarmiert sprach Severus einen einfachen Diagnosezauber, der seinen Verdacht leider bestätigte. Harry hatte so stark gehustet, dass eine Rippe gebrochen war. In dem Moment entschied der Tränkemeister, dass sie Hilfe brauchten. „Remy, nimm den Kleinen, wir bringen ihn zu Poppy nach Hogwarts.“, ordnete er an. „Er hat sich beim Husten die Rippe gebrochen, das ist nicht gut. Ich kann ihm hier nicht helfen.“
Er selbst nahm den Trank und packte noch zwei weitere Schlafanzüge für Harry ein, dann schnappte er sich seinen eigenen Koffer, den er vor ein paar Tagen bereits gepackt hatte. Remus nahm Harry auf den Arm, der sich erschöpft in die warmen Arme kuschelte und die Augen wieder schloss. So reisten sie durch den Kamin in das Büro des Tränkemeisters und von dort aus weiter in den Krankenflügel.
Poppy kümmerte sich sofort um den Fünfjährigen, sie legte ihm erneut zwei Zugänge und schickte ihn schlafen. Mit einem Zauber heizte sie das Bett auf, damit Harry schwitzen konnte. „Das Fieber ist viel zu hoch für seinen geschwächten Körper, das hält er so nicht lange durch.“, warnte sie. „Er hat eine Lungenentzündung, ich weiß nicht, ob er das schafft. Bisher hat er so viel gekämpft, ich bin nicht sicher, wie viel Kraft zum Kämpfen er noch hat. Erst einmal behalte ich ihn hier und lasse ihn schlafen, die nächsten Tage werden zeigen, ob er durchkommt.“
„Nein!“, hauchte Remus.
„Er ist ein Kämpfer, er schafft das. Er muss es einfach schaffen.“, knurrte Severus, aber man konnte hören, dass es ihn ebenso mitnahm wie seinen Verlobten. Auch er konnte sich nicht vorstellen, ohne den Kleinen zu leben, hatte sich in den letzten Wochen erstaunlich gut daran gewohnt.
Der Werwolf setzte sich auf einen Stuhl, den er neben das Bett von Harry stellte. So schnell würde ihn niemand da wegbekommen. Sanft und gleichmäßig fuhr seine Hand über den wirren schwarzen Haarschopf. Severus stand neben ihm, streichelte die heiße Wange des Fünfjährigen. Haltsuchend klammerte sich Remus an seinen Partner, der nicht mehr tun konnte, als ihn festzuhalten. Poppy ließ sie eine Weile alleine, nachdem sie mit Überwachungszaubern sichergestellt hatte, dass sie keine Veränderung von Harrys Zustand verpasste. Gegen Mittag brachte sie den beiden Erwachsenen ein paar Sandwiches, wissend, dass sie sie nicht von Harrys Bett wegbekommen würde. Tee und Saft standen bereit. Schließlich tauchte der Schulleiter in der Tür auf. „Severus?“, fragte er leise.
Der Tränkemeister zuckte zusammen und sah hoch. Erschrocken blickte ihn Dumbledore an, man konnte sehen, dass Severus Tränen in den Augen hatte.
„Was ist passiert?“, wollte der Weißhaarige wissen.
„Poppy weiß nicht, ob er durchkommen wird.“, wisperte der Schwarzhaarige. „Er hat eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Beim Husten hat er sich eine Rippe gebrochen.“
„Es tut mir leid. Hier ist er in den besten Händen und er ist ein Kämpfer, er wird es schaffen.“, antwortete Dumbledore. „Jetzt verstehe ich auch, warum du die Lehrerkonferenz verpasst hast.“
„Konferenz? Tut mir leid.“, schüttelte Severus den Kopf und atmete tief durch. „Aber gut dass du da bist, Albus, ich wollte sowieso mit dir reden.“
„Harry und Remus können hier bleiben, so lange sie wollen.“, erlaubte der Schulleiter sofort.
„Danke. Aber darum ging es mir nicht.“ Severus stand schwerfällig auf und drückte Remus' Hand noch einmal. „Komme gleich wieder.“
Er ging in Richtung Kerker, gefolgt von Albus Dumbledore. In seinem Büro griff er in den Koffer, wo er die Schachtel von Lucius auf die Schnelle hineingelegt hatte. Er wandte sich dem Älteren zu und erklärte ihm kurz, wie er an die Schachtel gekommen war. „Was soll ich damit tun?“, wollte er am Ende wissen.
„Erst einmal musst du keine Sorge haben, dass du wegen Spionage nach Askaban kommst.“, versprach der Direktor. „Ich habe sichergestellt, dass keine Zweifel an deiner Ehrlichkeit entstehen. Egal was Lucius Malfoy vielleicht sagen oder tun wird. Und dieses Objekt werde ich mir heute in Ruhe ansehen und dann können wir gemeinsam entscheiden, was wir damit machen. Ich danke dir, dass du damit zu mir gekommen bist. Kümmere dich um euren Kleinen, der braucht euch nun Beide.“
„Danke, Albus.“, lächelte Severus kurz, er war deutlich erleichtert. „Und dann noch etwas Anderes. Remus und ich wollen uns binden und es wäre schön, wenn du die Zeremonie halten könntest. Allerdings wird das warten müssen, bis Harry wieder gesund ist, er gehört zu uns. Wir wollen ihn dann auch adoptieren.“
„Das freut mich für Harry, er hat ein bisschen Glück wirklich verdient.“, strahlte der Schulleiter kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Ich mache mir Vorwürfe, ich hätte sicherstellen müssen, dass es ihm gut geht.“
„Du wolltest sicherstellen, dass niemand an ihn rankommt, indem er dir folgt.“, beschwichtigte Severus. „Sie versuchen es immer wieder, das weiß ich sicher. Du bist bisher der Einzige gewesen, der wusste, wo Harry ist. Viele Todesser sind immer noch hinter ihm her, weil er den Lord vernichtet hat. Ich bin sicher, du hattest immer wieder Verfolger, und wer weiß, ob nicht sogar Ortungszauber auf dir liegen oder lagen.“
„Ich bin froh, dass du verstehst, warum ich so gehandelt habe.“, seufzte Albus. „Ich wünschte nur, ich hätte früher jemanden eingeweiht, der nach ihm sehen konnte, damit hätten wir Einiges verhindern können.“
„Ich gehe wieder zu Harry.“, entschied der Tränkemeister. „Zum Festessen komme ich und ich werde danach auch nach meinen Slytherins sehen.“
„Alles Gute euch Dreien.“, wünschte der Schulleiter und machte sich auf den Weg in sein Büro, während Severus wieder in den Krankenflügel ging.

Remus hatte darauf bestanden, bei Harry zu bleiben, so lange sein Zustand so kritisch war. Er hatte Angst, dass Harry es nicht schaffte und sie dann nicht bei ihm waren. Severus ging zum Essen, danach noch zu seinen Slytherins, bevor er sich zu Harry und Remus legte. Ohne ein Wort zu sagen, denn er würde nie offen zugeben, wie viel ihm die Beiden bedeuteten, die nun hier mit ihm im Bett lagen. Am Morgen stand er ziemlich unausgeschlafen auf, denn die Nacht war unruhig gewesen, immer wieder hatte Harry heftig gehustet oder Fieberkrämpfe gehabt. Poppy war da gewesen und hatte sich gekümmert. Wahrscheinlich brauchte sie Unterstützung, wenn Harry hier blieb. Eigentlich gehörte er ins St. Mungo, aber alle waren übereinstimmend dafür gewesen, ihm das so lange wie möglich zu ersparen, denn dort waren noch viel mehr Menschen, die er nicht kannte. Hier hatte er wenigstens eine bekannte Person, die sich um ihn kümmerte, dort würde das Personal ständig wechseln.
Beim Frühstück war Severus froh, dass es keine Beschränkung der Kaffeemenge gab, erst nach drei großen Tassen war er einigermaßen ansprechbar. „Alles in Ordnung?“, wandte sich Minerva schließlich an ihn. „Ich habe gehört, dass ihr Harry bei euch habt und es ihm nicht besonders gut geht.“
„Er hat die Nacht mehrere Fieberkrämpfe gehabt, aber zumindest scheint das Fieber ein wenig gesunken zu sein.“, berichtete Severus leise. „Er schwebt nicht mehr akut in Lebensgefahr, aber er ist noch nicht über dem Berg.“
„Wie ist das passiert?“, fragte sie bestürzt.
„Wir waren am Strand und haben wohl nach dem Mittagessen den Wärmezauber vergessen, wie es scheint.“, seufzte Severus. „Es war nicht wirklich kalt, aber für den Kleinen war es zu viel.“
„Kann ich was tun?“, erkundigte sich Minerva.
„Beten.“, war Severus' Antwort.
Sie legte ihm kurz die Hand auf den Unterarm, wissend, dass das alles war, was er an Trost tolerieren konnte. Nur bei Remus Lupin hatte er sich geöffnet, jeder Andere tat gut daran, Abstand zu halten. Ein dankbarer Blick traf sie für einen Moment, bevor Severus seine Maske wieder erstarren ließ. Ein langer Schultag wartete auf ihn und er war unausgeschlafen. Das würde vor allem Gryffindor eine Menge Punkte kosten, so viel war sicher.

„Konzentrieren sie sich gefälligst, Mister Eldridge!“, knurrte Severus in der vierten Stunde. „Das ist das dritte Mal in dieser Stunde, dass sie durch ihre fahrlässige Art die Mitschüler gefährden, weil sie sich nicht exakt genug an das Rezept halten. Zwanzig Punkte Abzug von Gryffindor!“

So ging es heute schon eine ganze Weile. Seit einer Woche war wieder Schule und Harry lag noch immer bewusstlos im Krankenflügel. Poppy hatte Unterstützung aus dem St. Mungo angefordert und bekommen, ein Heiler wechselte sich nun mit ihr ab, sich um den Kleinen zu kümmern. Die Schüler rissen sich zusammen, aber man konnte es dem Tränkemeister nicht Recht machen, das schien gerade unmöglich. Ausnahmslos alle, sogar die Slytherins, waren froh, als es endlich zum Ende der Stunde läutete. Sie hatten eine Menge Hausaufgaben bekommen, auch wenn Severus nicht wusste, wann er das alles korrigieren sollte.

Murrend machten sich die Schüler auf den Weg in die große Halle, wo es nun Mittagessen geben sollte. Gerade die Gryffindors schworen Rache, sie hatten an diesem Vormittag bei Snape fast siebzig Punkte verloren, nur weil der Tränkelehrer schlecht drauf war. Bisher hatte es sich in der Schule nicht herumgesprochen, welches Drama sich im Krankenflügel abspielte, und nur ganz Wenige wussten, dass Severus Snape nicht der Einzelgänger war, der er zu sein schien. Severus bekam das nicht mit, aber gerade die beiden Weasleys, die bereits in der Schule waren, schworen sich, das Leben des Tränkemeisters in nächster Zeit nicht leicht zu machen. Hätte er das gehört, würde er sicherlich Maßnahmen ergreifen, so aber war er unvorbereitet.

„Wie geht es ihm?“, war wie immer seine erste Frage, als er nach dem Nachmittagsunterricht das Zimmer betrat.

„Das Fieber ist wieder ein wenig gestiegen, aber insgesamt ist sein Zustand stabil.“, berichtete Devon Zabini, der zweite Heiler. Severus und Remus kannten ihn, er war einige Jahre über ihnen in Hogwarts gewesen, ein sehr ruhiger und besonnener Mann, vor allem für einen Halbitaliener. „Keine Fieberkrämpfe mehr seit gestern Mittag, das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer. Alles Andere müssen wir abwarten. Aber du solltest dich um Remus kümmern, er braucht eine Pause. Macht einen Spaziergang, geht Essen oder in die Badewanne. Ich kümmere mich um den Kleinen und schicke euch eine Nachricht, sollte sich etwas ändern.“

„Danke, Devon.“, erwiderte Severus ruhig. „Aber ich befürchte, er wird sich nicht weglocken lassen, bis Harry außer Gefahr ist.“ Er ging dennoch hinüber zu seinem Verlobten und legte die Arme um ihn. Remus lehnte sich schwer gegen ihn, sein Gesicht war besorgt, aber nicht mehr so verweint wie die ersten Tage, als er nach dem Unterricht gekommen war.

„Remus, gehen wir ein paar Schritte.“, schlug Severus vor.

„Ich bleibe bei Harry.“, gab Remus müde zurück.

„Du kannst ihm nicht helfen, wenn du dich selbst kaputt machst.“, argumentierte Severus ruhig. „Devon legt ihm neue Infusionen und wäscht ihn, dabei können wir gerade nicht viel tun. Schöpf ein wenig Kraft, dann kannst du ihm besser helfen. Und ich brauche dich auch.“ Der letzte Satz, so leise und undeutlich Severus ihn auch gesprochen hatte, überzeugte Remus letztendlich. Auch wenn er sich nur schwer von ihrem Kleinen trennen konnte, so wusste er doch, dass er Severus seit Ende Juli sehr vernachlässigt hatte und war froh, dass der Tränkemeister nicht wieder zum Alkohol gegriffen hatte. Nochmal hätte Remus nicht die Kraft, ihn da rauszuholen. Vor allem nicht jetzt, während sein Welpe um sein Leben kämpfte.

Noch immer fühlte er sich schockstarr, wenn er an den Moment dachte, in dem Severus entschieden hatte, den Kleinen in Poppys Obhut zu geben. Er war froh, dass Severus ihn nie vor die Wahl gestellt hatte, denn er wusste, dass der Tränkemeister immer wieder zweifelte, ob er das Richtige tat. Remus selbst war nicht sicher, wie er sich entscheiden würde, wenn Sev es verlangen sollte. Harry war sein Welpe und brauchte dringend jemanden, auf den er sich verlassen konnte und er hatte seinen Freunden versprochen, sich um den Jungen zu kümmern, sollte ihnen etwas passieren. Severus auf der anderen Seite war mehr als nur eine Affäre für ihn, er liebte und brauchte ihn an seiner Seite. Nein, eine Entscheidung zwischen den Beiden zu fällen, war unmöglich. Trotzdem musste er nun eine Entscheidung treffen, die ihm sehr schwer fiel, Severus brauchte ihn. Für Harry konnte er gerade nicht viel tun, der Kleine brauchte die Hilfe der Heiler dringender, aber sein Partner, für den konnte er da sein.

„Wir sind bald wieder da, Welpe.“, versprach er Harry, gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn und wandte sich dann Severus zu. „Eine halbe Stunde.“

Severus nickte und sie gingen nach draußen, in Richtung Portal, und von dort aus in den verbotenen Wald. Nur dort konnten sie sicher sein, dass sie Ruhe hatten. Kaum außer Sichtweite, griffen sie gleichzeitig nach der Hand des jeweils Anderen, hielten sich aneinander fest.

„Ich habe mit Albus geredet wegen dem Objekt von Lucius.“, begann Severus nach einer Weile zu berichten, um die Stille, die ihn bedrückte, zu unterbrechen. „Er wollte es sich ansehen, damit wir entscheiden können, was wir damit machen. Er ist sicher, dass Lucius mich nicht nach Askaban bringen kann.“

„Traust du ihm?“, versicherte sich Remus.

„Ja.“, war die schlichte Antwort. „Er wollte Harry nicht schaden. Es tut ihm ehrlich leid und er tut, was er kann. Ohne ihn könnte ich nicht bei euch sein. Er übernimmt die Nachtschichten und hat einen Zauber gewirkt, dass die Schüler, wenn sie nachts zu mir wollen, bei ihm ankommen. Meine Instinkte sind ruhig.“

„Ich konnte auch noch keine Unwahrheit bei ihm feststellen.“, musste Remus zugeben. „Aber momentan bin ich wohl keine große Hilfe.“

„Harry braucht dich, das ist gerade wichtiger.“, fegte Severus den Einwand beiseite. „Aber ich muss zugeben, ich brauche dich auch.“

Er sprach leise, aber der Werwolf bekam es mit. Remus blieb stehen und wandte sich Severus zu, nahm ihn in den Arm und zog ihn fest an sich. Mit der Nase am Hals des Tränkemeisters murmelte er: „Ich liebe dich so sehr, Sev. Ich kann nicht ohne dich leben!“

Sie standen sich gegenüber, lehnten ihre Stirn aneinander und schließlich trafen sich ihre Lippen. Sie genossen ihr Zusammensein für eine Weile, doch dann machten sie sich wieder auf in den Krankenflügel. Auch wenn Harry derzeit bewusstlos war, er konnte sicher spüren, ob sie bei ihm waren. Severus nahm die Hausaufgaben seiner Schüler mit, um sie an Harrys Bett zu korrigieren. Poppy hatte ein Einsehen mit ihm gehabt und einen kleinen Schreibtisch in den Nebenraum gestellt, in dem sie Harry behandelte. Dort wartete gerade auch schon das Abendessen auf sie. Dankbar lächelten sie den beiden Heilern zu, bevor sie sich zum Essen setzten.

 

„Kann ich euch kurz sprechen?“, wollte Albus Dumbledore ein paar Tage später wissen.

Severus sah von dem Aufsatz auf, den er gerade korrigierte, während Remus das Buch, aus dem er Harry vorlas, beiseitelegte. Sie hatten nicht mitbekommen, dass der Schulleiter nach dem Essen vorbeischaute. Harrys Fieber war fast weg und er wirkte deutlich ruhiger, wurde von Poppy aber noch in einem Heilschlaf gehalten, damit sein Körper sich erholen konnte. Synchron nickten beide Albus zu und er trat näher. Sein Blick fiel auf Harry.

„Wie geht es ihm?“, wollte er leise wissen.

„Deutlich besser.“, war die Auskunft von Remus. „Er hat das Schlimmste überstanden. Poppy will ihn noch ein paar Tage schlafen lassen, dann darf er langsam aufwachen. Allerdings wird er wahrscheinlich Monate brauchen, bis er wieder einigermaßen auf den Beinen sein wird.“

„Gut, gut. Das sind zwar nicht die besten, aber immerhin gute Neuigkeiten.“, lächelte der Direktor. „Ich habe nun eine ganze Weile geforscht, was es mit dem Buch von Lucius Malfoy auf sich hat.“

„Buch?“, fragte Remus irritiert.

„Oh, verzeih mir. In der Box, die Severus von Lucius Malfoy bekam, steckte ein Buch. Genauer, ein Tagebuch. Die Seiten sind leer, aber dem Datum nach entspricht es dem Jahr, in dem Tom Riddle sein sechstes Jahr hier in Hogwarts gemacht hat.“, erklärte sich Albus. „Es erschien mir seltsam, aber ich habe weitergeforscht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich bei dem Tagebuch um einen Horkrux handelt.“

Erschrocken atmeten die beiden Männer an Harrys Bett ein. Sie wussten, welch dunkle und böse Magie hinter diesem schlichten Wort steckte. Ein Horkrux war ein abgespaltener Teil einer menschlichen Seele, die durch einen brutalen Mord auseinander gerissen wurde und danach in einem Behälter aufbewahrt, damit der Mensch, dessen Seele es betraf, nicht sterben konnte.

„Ich gehe fast davon aus, dass es nicht der einzige Horkrux sein dürfte, wenn ich Tom Riddle richtig einschätze.“, konkretisierte Dumbledore.

„Das heißt, er könnte jederzeit wiederkommen?“, hauchte der Werwolf.

„Das würde erklären, warum manche Todesser immer noch so an ihm festhalten und sicher sind, dass er wiederkommen wird.“, murmelte Severus, als er sich wieder gefasst hatte. „Warum sie ihm trotz allem immer noch treu ergeben sind.“

„Richtig, und zwar ihr Beide.“, stimmte Albus zu. „Allerdings habe ich keine Ahnung, wie viele Horkruxe es sein werden oder welche Gegenstände er verwendet hat. Oder wo ich danach suchen soll, um es noch deutlicher auszudrücken. Das bedeutet, die Gefahr ist jetzt beinahe noch größer als zuvor, denn wir haben keine Ahnung, wo oder wann Riddle wiederkommt. Denn dass er wiederkommt, daran besteht für mich kein Zweifel. Außer, wir schaffen es, alle Horkruxe zu finden und zu zerstören.“

„Wie zerstört man einen Horkrux?“, hakte Remus nach.

„Die einzigen Methoden, die ich kenne, sind Basiliskengift und Dämonsfeuer.“, gestand Albus. „Und ich habe keine Ahnung, wie ich an das Gift kommen soll. Dämonenfeuer setze ich auch nur ungern ein, es ist sehr schwer bis gar nicht kontrollierbar. Aber so lange wir keine Ahnung haben, was genau wir zerstören müssen, werden wir das sowieso hinten anstellen müssen.“

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Severus, der seinen Arbeitgeber ein wenig kannte.

Dumbledore gluckste kurz. „Vor dir kann ich nichts verheimlichen.“ Dann wurde er wieder ernst. „Ich habe überlegt, ob ich mit Hilfe des Tagebuches etwas herausfinden kann. Da ein Seelenbruchstück darin steckt, kann ich damit Riddle kennenlernen. Vielleicht finde ich damit heraus, erstens wie viele Horkruxe, zweitens welche Behälter und drittens wo sie versteckt sind.“

„Du solltest vorsichtig sein.“, mahnte Severus. „Schwarze Magie ist gefährlich.“

„Ich weiß.“, nickte der Weißhaarige bedächtig und ernst. „Ich hatte gehofft, dass du mir hilfst.“

„Natürlich.“, stimmte der Tränkemeister sofort zu.

„Aber seid vorsichtig.“, bat Remus, als die Beiden gemeinsam den Krankenflügel verließen. Severus drehte sich zu ihm zurück und schenkte dem Werwolf einen intensiven Blick, hielt damit den Blick des Dunkelblonden eine Weile gefangen. Die schwarzen Augen zeugten von dem Versprechen, alles zu tun, damit Harry und Remus sicher waren, gleichzeitig aber nicht zuzulassen, dass ihm selbst oder Dumbledore etwas passierte. Schließlich wandte er sich um und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Seufzend griff Remus wieder nach dem Buch. Auch wenn Harry bewusstlos war, es fühlte sich gut an, dem Kleinen vorzulesen.

 

Severus und Albus gingen zusammen durch die Gänge des Schlosses, bis sie zum Wasserspeier kamen, der den Eingang zum Schulleiterbüro bewachte. „Zischende Zauberdrops“, murmelte der Ältere und der Weg wurde freigegeben. Erst, als sie oben angekommen waren, ließ die Anspannung ein wenig nach. Man konnte nie sicher sein, ob nicht der eine oder andere Anschlag auf den Schulleiter und einen möglicherweise enttarnten Spion verübt wurde. Daher ließen sie nie in ihrer Wachsamkeit nach, denn genügend Kinder von Todessern oder Sympathisanten waren in der Schule, teilweise auch unerkannt.

„Wie hast du es dir gedacht?“, interessierte sich der Tränkemeister, als sie neben dem Tisch standen, auf dem das unscheinbar wirkende Tagebuch lag.

„Um ehrlich zu sein, ich hatte auf deine Hilfe gehofft, Severus.“, gestand der Schulleiter zerknirscht. Severus blickte ihn an und hob seine Augenbraue fragend nach oben. „Du hast das Mal, daher wird dich die Magie als Todesser erkennen. Wenn du nun in das Buch schreibst, vermute ich, dass es dir antworten wird. Jedenfalls hoffe ich es. Dann kannst du versuchen, herauszufinden, was wir wissen wollen, indem du so tust, als ob du den Lord zurückholen willst. Außer dir fällt eine andere Lösung ein.“

Severus zog die Brauen in höchster Konzentration zusammen und überlegte, doch ihm fiel nichts ein, was sie anders machen könnten, daher stimmte er schließlich zu. Albus schob ihm Feder und Tinte hin. Einen kurzen Moment dachte Severus nach, dann tauchte er die Spitze der Feder in die dunkle Tinte, setzte an und schrieb.

Mein Name ist Raven Black.

Eine kurze Zeit passierte nichts, dann verschwanden die Buchstaben und wurden durch neue ersetzt.

Hallo Raven. Mein Name ist Tom. Tom Riddle.

Hallo Tom. Mein Lord.

Darf ich fragen, wie du an mein Tagebuch kommst, Raven?

Lucius hat es mir gegeben. Bei ihm ist es nicht sicher, aber er möchte euch zurückhaben. Leider haben wir nicht die Möglichkeit gehabt. Noch nicht. Wir warten auf den richtigen Moment.

Als Severus seinen Blick einen Moment von den Seiten nahm und zu Albus aufsah, nickte dieser ihm zu.

Wer genau bist du? Ich kann mich an keinen Raven erinnern. Ich weiß, wer Lucius ist und dachte, ich kenne seine Freunde.

Der Seelenteil schien misstrauisch zu sein. Aber Severus kannte sich gut genug aus, um das zerstreuen zu können.

Ich bin einer eurer neuen Todesser gewesen. Kurz bevor ihr umgebracht wurdet, habt ihr mir noch euer Mal geschenkt. Ein entfernter Verwandter der Blacks in London, ein Cousin zweiten Grades von Narzissa. Ich habe bis vor einigen Jahren in Amerika gelebt, kam aber zurück, um mich euch anzuschließen. Narzissas Mann hat mich zu euch gebracht, mein Lord. Lucius ist den Fängen des Ministeriums zwar entkommen, damit er eure Wiederauferstehung vorbereiten kann, wird aber zu genau beobachtet. Von mir weiß kaum jemand, dass ich euch gedient habe. Daher war er ziemlich sicher, dass das Tagebuch bei mir nicht entdeckt wird.

Jetzt kam es darauf an, würde das Bruchstück von Voldemorts Seele misstrauisch bleiben?

Kurz bevor ich umgebracht wurde? Was ist passiert?

Mein Lord, es gab eine Prophezeiung, soweit ich weiß. Ihr wolltet verhindern, dass sie eintrifft und seid gegangen, um diesen Potterjungen zu töten. Etwas ist schiefgegangen, was genau weiß ich leider nicht. Aber in jener Nacht wurde euer Körper vernichtet und der Potterjunge hat überlebt, alle feiern ihn als Helden der Zauberwelt. Keiner weiß genau, was passiert ist.

Es störte Severus gewaltig, so von dem Kleinen zu schreiben, der Junge war nicht mehr das, was er sich anfangs eingeredet hatte. Seine Nemesis war James Potter gewesen, der Kleine hatte zwar sein Aussehen geerbt, aber sonst nichts mit seinem Erzeuger gemeinsam, wie es schien. Aber hier musste er die Seele des dunklen Lords überzeugen, das ging so am leichtesten. Jetzt bildeten sich erneut Buchstaben.

Erzähl mir etwas von dir.

Severus zögerte kurz, dann schrieb er weiter.

Heute nicht mehr, ich möchte niemanden misstrauisch machen. Ich bin nicht alleine, da ich in der Arbeit bin.

Dann klappte er das Buch zu. „Ich kenne den Lord, er ist neugierig und je länger man ihn warten lässt, umso ungeduldiger wird er, das können wir vielleicht für uns nutzen.“, beschloss er.

„Lassen wir ihn also schmoren.“, gluckste der Direktor. „Dann erwarte ich dich an einem der nächsten Abende wieder hier.“

Mit einem knappen Nicken bestätigte Severus das und verabschiedete sich gleichzeitig.

„Mister Weasley, konzentrieren sie sich oder sie handeln sich einen Monat Nachsitzen ein.“, zischte Snape gegen Mitte Oktober ungnädig.

Charlie Weasley schien lieber mit seinem Nachbarn zu flüstern als sich auf seinen Trank zu konzentrieren und hatte nun zum dritten Mal nur dank der Aufmerksamkeit des Professors keine Katastrophe ausgelöst. Severus ließ den angefangenen Trank jetzt endgültig verschwinden und ordnete an, dass er von vorne anfangen sollte. Normalerweise erwartete er von diesem Gryffindor einigermaßen ordentliche Arbeit, aber heute ging bei ihm alles schief. Alles in allem war Severus froh, als die Stunde endlich vorbei war, doch er hielt Charlie Weasley zurück.

„Mister Weasley, sie bleiben noch, der Rest kann gehen.“, ordnete er an.

Der Rothaarige stellte sich neben das Lehrerpult, während Severus die Tür hinter den anderen Schülern schloss. Langsam drehte er sich zu dem Schüler um und ging auf seinen Schreibtisch zu. Er trank einen Schluck aus seinem Glas, bevor er weitersprach. „Was in aller Welt haben sie sich dabei gedacht, Mister Weasley? Sie sind intelligent genug um zu wissen, dass sie heute ihre Klassenkameraden stark gefährdet haben. Damit das nicht wieder vorkommt, werden sie vier Wochen lang den Hausmeister dabei unterstützen, die Räumlichkeiten des Schlosses zu reinigen. Heute Abend melden sie sich nach dem Essen bei Mister Filch, er wird ihnen sagen, was zu tun ist.“

„Ja, Sir. Verzeihung, Professor.“, antwortete der Rothaarige zerknirscht.

„Raus jetzt.“, befahl Severus. Er wollte zurück in den Krankenflügel, zu Remus und Harry, der endlich am Aufwachen war. Sechs Wochen lag der Kleine nun bewusstlos da. Das Fieber war weg und auch die Lungenentzündung war inzwischen ausgeheilt, aber dem Körper fehlten immer noch viele Nährstoffe und deshalb hatte Poppy ihn weiterhin schlafend gehalten. Doch seit ein paar Tagen ließ sie ihn langsam aufwachen und Severus wollte sehen, ob er bereits wach war.

Schnell räumte er alles zusammen, trank das Glas leer und verließ dann das Klassenzimmer. Er bemerkte nicht, dass er dabei beobachtet wurde. Als er die Tür des Krankenflügels hinter sich geschlossen hatte, kicherten die beiden Rothaarigen, die hinter ihm hergeschlichen waren, leise. „Und er hat doch etwas mit Madam Pomfrey! Hihi, Snape und Pomfrey, das hätte ich nie geglaubt!“, wisperte Bill Weasley.

„Ich habe es dir doch schon vor einer Woche gesagt!“, entgegnete Charlie ebenso leise.

Sie hasteten davon in ihren Gemeinschaftsraum, um ihren Freunden von ihrer Entdeckung zu erzählen. Severus hatte keine Ahnung, dass der Gryffindorturm sich über ihn amüsierte, während er mit seinem Verlobten an Harrys Bett saß. Der Kleine war noch nicht richtig wach, aber er wimmerte leise vor sich hin.

„Es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis er richtig wach ist.“, informierte Devon sie. „In dem Tempo, in dem er bisher wach wurde, braucht er vermutlich bis morgen Mittag, frühestens am Vormittag. Ruht euch aus, er wird euch brauchen und ihr werdet alle Kraft brauchen, die ihr habt. Geht schlafen, ich passe mit Poppy auf und sollte er wach werden, bevor ihr wiederkommt, dann gebe ich euch Bescheid und ihr kommt durch den Kamin innerhalb von Minuten zu ihm.“

Remus und Severus wollten protestieren, doch Poppy und Albus, der auch hereingeschaut hatte, erstickten jeglichen Protest, schoben sie einfach aus dem Raum. Der Schulleiter begleitete sie sogar noch bis in die Kerker, so als wollte er sichergehen, dass sie tatsächlich eine Auszeit nahmen. Die Schüler waren zu dieser Zeit in ihren Gemeinschaftsräumen, die Sperrstunde schon durch.

„Ich denke, wir können heute erneut in das Buch schreiben.“, überlegte Severus. Immer wieder in den letzten vier Wochen hatten sie die Neugier des Seelenbruchstückes gereizt und waren nun guter Hoffnung, bald Informationen zu bekommen.

„Komm morgen Abend zu mir, Severus, wir werden dort weitermachen, wo wir vor einigen Tagen aufgehört haben.“, stimmte Albus zu. „Aber heute gehört der Abend euch. Erholt euch und schöpft Kraft, damit ihr dem Kleinen helfen könnt.“

Severus und Remus verabschiedeten sich und gingen in die Privaträume des Tränkemeisters. Beide waren erschöpft von den letzten Wochen oder gar Monaten und Severus überlegte nicht lange. Bald war wieder Vollmond und Remus schien ziemlich verspannt von der ganzen Zeit, die er neben dem Bett gesessen hatte. Also ging der Tränkemeister ins Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne, holte noch eine Kanne Orangensaft aus der Küche und dann den Werwolf in die Wanne. Lange hatten sie nicht mehr so viel Zeit nur zu zweit gehabt, waren sich nicht mehr so nahe gewesen. Sie genossen es, auch wenn ihre Gedanken immer wieder zu Harry wanderten. Eng aneinandergeschmiegt schliefen sie in dieser Nacht, in der Hoffnung, dass ihr Kleiner am Morgen aufwachen würde.

 

„Komm schon, Welpe, mach die Augen auf.“, bat Remus am nächsten Vormittag, der glücklicherweise unterrichtsfrei war, weil Samstag.

Er saß am rechten Bettrand, während Severus links saß. Harry kämpfte ganz offensichtlich, die Augen bewegten sich hektisch unter den Lidern. Hin und her drehte sich der Kleine, atmete schnell und unruhig. Man konnte die Angst sehen, die das Aufwachen bei ihm begleitete. Geduldig sprach Remus auf ihn ein, unterstützt von Severus. Nach und nach lockten sie ihren Kleinen, zu ihnen zu kommen. Das Licht war gedimmt, damit es ihn nicht blendete, und außer den beiden Männern war nur Poppy anwesend, die den Aufwachprozess überwachte.

Endlich, nach fast zwei Stunden, öffnete er vorsichtig die Augen. Nur einen Spalt breit, aber die Erleichterung von Remus und Severus war greifbar, auch wenn Severus es sich nicht anmerken ließ.

„Hey, Welpe. Willkommen in Hogwarts.“, lächelte Remus.

Harry sah sich um und zuckte zusammen, als er die fremde Umgebung bemerkte. Seine Hand umklammerte Remus' Arm und er wirkte, als wollte er sich irgendwo verkriechen.

„Langsam, Harry.“, mahnte Severus. „Wir sind da, du bist in Sicherheit, aber wir mussten dich hierher bringen, damit Poppy dich besser versorgen konnte.“

„Nicht weggehen!“, wimmerte Harry heiser.

„Wir gehen nicht weg, mein Kleiner.“, versprach Remus leise. „Komm her zu mir, du bist sicher.“

Er zog Harry auf seinen Schoß und ließ zu, dass der Kleine sich einkuschelte, passte nur auf, dass die Kanülen in den Armen blieben und die Infusionen weiterliefen. Der Fünfjährige schien zu frieren und schmiegte sich dicht an den warmen Körper des Werwolfes. Severus nahm die Decke und legte sie über den Kleinen, strich ihm über den Kopf.

„Sev.“, hauchte Harry und lächelte ihm kurz zu.

„Ja, Harry.“, bestätigte der Tränkemeister. „Ich bin froh, dass du wieder wach bist, mein Kleiner.“

Sie konnten sehen, wie erschöpft der Fünfjährige war. Das Aufwachen hatte ihn sehr viel Kraft gekostet. Der Kleine schmiegte sich an den Werwolf und schloss die Augen erneut. Erleichtert lächelte Remus seinem Verlobten zu. Der gestrige Abend hatte ihnen beiden gut getan, sie waren deutlich entspannter als zuletzt. Nun wachten sie erneut über Harrys Schlaf, aber diesmal war es ein Schlaf aufgrund von Müdigkeit. Dennoch ließen sie ihn nicht zu lange schlafen, denn er musste sich wieder an normale Nahrungsaufnahme gewöhnen.

„Harry, mein Kleiner.“, strich Severus ihm mit den Fingern über die Wange. „Du musst aufwachen und etwas essen.“

Mühsam zwang der Kleine seine Augen auf, er wusste, es war nicht gut, wenn er Anweisungen nicht befolgte. Dann fiel ihm ein, dass er bei Sev und Remus war, die ihn noch nie geschlagen oder bestraft hatten, noch nicht einmal arbeiten musste er bei ihnen. War das alles doch kein Traum? Oder wollten sie ihn nur in Sicherheit wiegen? Und dann, wenn er sich sicher fühlte, kam dann alles auf einmal? Harry zitterte vor Angst, vor allem weil er nicht genau wusste, wo er war. Alles war so fremd für ihn.

Besorgt beobachtete Severus, wie die grünen Augen hektisch hin und her gingen, wie sich die alte Angst wieder in ihnen verbreitete. Er seufzte unhörbar auf, es würde noch lange dauern, bis der Kleine endlich ein normales Leben führen konnte. Fürs Erste reichte er ihm eine Schale mit Suppe, die er essen sollte. Harry zitterte so sehr, dass er ihn füttern musste, denn er würde alles verschütten, wenn er den Löffel selbst in die Hand nahm. Nicht einmal die Hälfte der Schale schaffte er, dann lehnte sich Harry zurück, er konnte nicht mehr.

„Schlaf, Harry.“, murmelte Remus' dunkle Stimme irgendwo über ihm und er schloss die Augen, war fast sofort eingeschlafen. Trotz aller seiner Ängste und Befürchtungen fühlte er sich sicher in diesen Armen.

„Ich belasse die Infusionen erst einmal noch.“, meldete sich Poppy zu Wort, als der Junge eingeschlafen war. „Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis er es schafft, normale Portionen zu essen, dadurch dass er nie genug bekommen hat, gewöhnte sich sein Magen an die geringen Portionen und hat sich verkleinert. Und jetzt war er etwa sechs Wochen bewusstlos und wurde über die Infusion ernährt. Da ist es kein Wunder, wenn er nur wenig isst, aber dafür sollte er fünf bis sechs Mahlzeiten täglich essen. In den nächsten Tagen wird er sicher noch die meiste Zeit schlafen, nur zum Essen oder für die Toilette wach werden, aber das wird besser, je mehr Nährstoffe er zu sich nimmt.“

„Ich muss ins Labor.“, stand Severus gegen zwei Uhr auf. „Du brauchst deinen Wolfsbann ab heute. Ich bringe ihn mit, wenn ich zum Abendessen komme.“

Remus nickte und legte sich mit Harry zusammen ins Bett. Der kommende Vollmond war schon zu merken und die letzten Wochen hatte er auch nicht besonders gut geschlafen. Der letzte Vollmond vor drei Wochen war anstrengend gewesen, seine Gedanken ständig bei dem bewusstlosen Jungen im Krankenflügel. Der gestrige Abend war wunderschön gewesen, aber auch da hatte er nicht so viel Schlaf abbekommen. So lange hatten sie nicht mehr beieinander geschlafen – zumindest nicht ohne Harry zwischen ihnen – das hatten sie gestern sehr ausgenutzt. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf Remus' Lippen, als er in den Schlaf glitt.

 

Am Abend klopfte Severus an die Tür von Albus' Büro. „Ah, Severus, mein Junge!“, begrüßte ihn der Schulleiter. „Wie geht es dem kleinen Harry?“

„Erschöpft, aber das wird sicher bald.“, antwortete Severus, seine Ungeduld nur ungenügend maskierend. „Kümmern wir uns um Riddle.“

„Ich hoffe, es gibt nicht noch mehr, was er über dich wissen will, bevor er seine Geheimnisse mit dir teilt!“, stöhnte Albus leise.

In den letzten Wochen hatten sie sich beinahe jeden Abend mit dem Tagebuch unterhalten. Tom hatte Raven ausgefragt und sie waren froh, dass Severus sich so enorm gut auskannte, denn er konnte meist sagen, welche Antwort den Lord zufriedenstellen würde. Dennoch hatte Tom immer neue Antworten gefordert. Sie waren nicht sicher, ob dieser Seelenteil überhaupt sagen konnte, welche anderen Seelenteile es gab und wo sie danach suchen konnten.

Hallo Raven, wie geht es meinem guten Freund Lucius? Und was ist mit Snape? Es scheint, als hätte er mich verraten.

Lucius Malfoy wird immer noch vom Ministerium belästigt. Aber sie finden nichts, da sollte man meinen, sie geben es irgendwann auf. Dieser Snape ist nahe an Dumbledore, wir sind nicht sicher, ob er noch auf unserer Seite ist. Aber da er auf euren Befehl an die Seite des Alten gegangen ist, wissen wir nicht, ob es nicht doch alles gespielt ist. Er ist undurchschaubar.

Dann solltet ihr vorsichtig sein. Behandelt ihn neutral; wenn ich wieder da bin, werden wir sehen, auf wessen Seite er steht.

Aber wie bekommen wir euch zurück, mein Lord?

Ich habe sechs Horkruxe geschaffen, einen davon hast du bereits in der Hand, aber da du wohl meine Hilfe brauchst, kannst du diesen nicht verwenden. Wenn du nach Hogwarts hinein kannst, dann nimm das Diadem von Ravenclaw, das ist in einem Raum im siebten Stock, gegenüber des Wandteppichs von Barnabas dem Bekloppten. Kommst du dorthin, Raven?

Severus wechselte einen kurzen Blick mit Albus Dumbledore, der den Kopf leicht schüttelte. Dann konzentrierte er sich wieder auf das Buch.

Nein, ich werde nicht nach Hogwarts kommen, fürchte ich. Dumbledore ist sehr aufmerksam, wer dahin kommt. Ich habe keine Kinder und auch sonst keinen Grund, in die Schule zu kommen.

Nun, da kann man wohl nichts machen, wir wollen schließlich Dumbledore nicht auf den Plan rufen. Aber es gibt da eine Höhle an der Küste, dort ist das Medaillon von Slytherin. Ich kann es dir zeigen.

Zeigt es mir, mein Lord, damit ich euch zurückholen kann!

So ungeduldig, mein treuer Diener? Dann sieh es dir an!

Erschrocken sah Severus auf und begegnete dem Blick Dumbledores, der ihm ermutigend zunickte. Hier konnte er ihm nicht helfen, ohne dass sie sich verdächtig machten. Allerdings hatte er den Zauberstab bereit, um ihm notfalls zu helfen. Der Tränkemeister blickte zurück auf das Buch, wo sich nun eine Seite öffnete, und ein kleines Bild erschien, erst nur Stecknadelkopf-Größe, dann wurde es größer und deutlicher erkennbar. Sie sahen eine Klippe im Meer, dort stürmte es und die Gischt spritzte über die schwarzen, scharfkantig aussehenden Felsen. Beide schauderten, bevor Severus seinen Kopf neigte und noch genauer hinsah, er musste herausfinden, wo genau der Horkrux war.

Er fühlte einen Zug, widerstand aber. Unter keinen Umständen wollte er dort hinein gezogen werden. Dennoch konnte er inzwischen gut erkennen, wie die Umgebung aussah. Er prägte es sich genau ein. Dann sah er, wo der Zugang zu einer Höhle war, man würde wohl schwimmen müssen, um den Eingang zu erreichen. Es ekelte ihn, als er erkannte, dass der Zugang mit Blut geöffnet wurde. Ein dunkler, schwarzer See wartete im Inneren, der überquert werden musste. Auf einer Insel schließlich war der Horkrux versteckt. Inmitten eines Beckens, in dem ein Zaubertrank ihn schützte.

Severus war erleichtert zu sehen, dass das Bild langsam wieder kleiner wurde. Vor Anstrengung hatten sich einige Schweißtropfen auf seiner Stirn gebildet und die Hand zitterte leise. Als das Bild verschwunden war, bildeten sich erneut Worte auf dem Papier.

Raven, ich hoffe, du hast dir das gut gemerkt. Suche das Medaillon, dann kann ich dir helfen, die Wiederauferstehung in die Wege zu leiten.

Danke für euer Vertrauen, mein Lord. Ich werde mich so schnell wie möglich auf den Weg machen.

Nimm einen Bezoar mit, wenn du an einen kommst, denn du musst den Trank zu dir nehmen, sonst kannst du den Horkrux nicht entfernen.

Danke mein Lord. Ich werde euch nicht enttäuschen!

Severus klappte das Buch zu und lehnte sich zurück, er fühlte sich erschöpft. Dennoch waren sie nun einen Schritt weiter. Sie wussten nun über zwei weitere Horkruxe Bescheid, außerdem hatten sie erfahren, dass sie noch nach drei weiteren suchen mussten. Das schien eine Menge Arbeit zu werden.

„Ruh dich aus, Severus, mein Junge.“, klopfte Albus ihm auf die Schulter. Er hatte die Zeichen der Anstrengung erkannt. „Wir warten bis nach dem Vollmond, um das Medaillon an uns zu bringen. Kümmere dich um deine Familie.“

Müde verließ der Tränkemeister das Schulleiterbüro. Es war inzwischen kurz nach Mitternacht, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellte. Er wollte nur noch ins Bett, entschied aber, einen Kontrollgang zu machen. Immerhin war es seine Pflicht als Lehrer an dieser Schule, und da gerade Sonntag angefangen hatte, konnte er am Morgen ausschlafen. In den Gängen war es ruhig, die Schüler scheinbar alle in ihren Betten. Da Hogsmeade-Wochenende war, kamen die meisten Schüler erst gegen Abend aus dem Dorf wieder nach Hause und waren dann dementsprechend müde. Kurz, bevor er in die Kerker abbiegen konnte – er hatte entschieden, in seinem Bett zu schlafen – hörte er Schritte. Schnell eilte er in die Richtung, sah sich dann aber keinem Schüler gegenüber sondern seiner Kollegin aus Gryffindor. „Severus!“, grüßte sie ihn erfreut. „Du siehst müde aus. Wie geht es dem kleinen Harry?“

„Minerva.“, erwiderte Severus. „Dem Kleinen geht es besser, er war heute kurz wach. Ich komme gerade aus Albus' Büro, wir arbeiten immer noch gegen den dunklen Lord.“

„Albus erwähnte so etwas in der Art vor einigen Tagen.“, nickte die Schottin. „Ach, ich wollte dich warnen: Meine Gryffindors haben scheinbar mitbekommen, dass du viel in den Krankenflügel gehst. Sie dichten dir eine Affäre mit Poppy an.“

„Was?“, fuhr Severus auf.

„Beruhige dich. Wir alle wissen, was dahintersteckt, aber lass die Schüler doch. Sie haben bisher keine Ahnung, warum du wirklich immer im Krankenflügel bist, und spätestens, wenn deine Bindung bekannt wird, dann haben die Gerüchte ein Ende.“, beruhigte Minerva ihn, bevor er noch mehr schreien konnte.

„Wenn sie nur ihre Aufgaben auch so zuverlässig erledigen würden.“, knurrte Severus. „Hat sich Harrys neuer Aufenthaltsort in der Zauberwelt noch nicht herumgesprochen? Das ist ja kaum zu glauben.“

„Nur zum Teil.“, wusste Minerva. „Lest ihr keine Zeitung?“

„In letzter Zeit nicht, wieso?“, erkundigte sich Severus mit erhobener Augenbraue.

„Es gab eine ganze Weile lang Gerüchte über Harry. Inzwischen wissen wohl alle, dass Remus ihn von seinen Verwandten geholt hat, weil er dort misshandelt wurde. Nur von deiner Beteiligung ist bisher nicht die Rede, was uns alle irgendwie verwundert, vor allem, weil du ja auch vor dem Gamot ausgesagt hast. Aber es scheint, als wüsste die Presse nichts von eurer Verbindung.“, berichtete die Schottin.

„Das ist ja mal eine interessante Wendung, ich war sicher, dass der Prophet sich über unsere Beziehung auslässt, das war einer der Gründe, warum ich ihn schon seit Harrys Befreiung nicht mehr gelesen habe.“, erklärte Severus und musste ein Gähnen unterdrücken.

„Du solltest schlafen gehen, Severus.“, riet Minerva. „Ruh dich aus, du musst für Harry da sein, er braucht dich. Gute Nacht.“

„Danke Minerva.“, nickte Severus seiner Kollegin zu. „Gute Nacht.“

„Harry, mein Kleiner. Ganz ruhig. Du bist sicher, hab keine Angst.“, sprach Severus einige Nächte später ruhig auf den Fünfjährigen ein, der sich tränenüberströmt in seine Arme geflüchtet hatte. „Remus kommt wieder, er lässt dich nicht alleine. Dafür liebt er dich viel zu sehr. Weißt du noch, du bist sein Welpe.“

„Wie Kind.“, wisperte Harry mit zitternder Stimme.

„Genau, wie sein Kind.“, bestätigte Severus. „Komm her, schlaf schnell, umso eher ist er wieder da.“

Remus rannte gerade als Wolf durch den verbotenen Wald und es waren noch einige Stunden, bis er sich wieder zurückverwandeln würde. Jetzt war es ungünstig, dass Harry vor einer Woche aufgewacht war, denn er hatte gerade angefangen, wieder ein wenig Vertrauen zu fassen und Remus war erneut seine Hauptbezugsperson geworden. Harry hatte auch Vertrauen zu Severus, aber nicht so stark wie zu Remus. Vorgestern waren Harry und Remus zu ihm in die Kerker gezogen. Das würde hoffentlich die Gerüchte über ihn und Poppy beenden, denn die Heilerin kam durch den Kamin, um nach Harry zu sehen. Die Kanülen waren aus seinen Armen entfernt worden, da er sich wirklich angestrengt hatte, ordentlich zu essen. Zusammen mit Nährtränken, die Severus ihm braute, aß er nun kleine Portionen, aber die zuverlässig.

„Sev dableiben.“, forderte Harry im Halbschlaf und klammerte sich an den Tränkemeister.

„Ich bleibe bei dir, mein Kleiner.“, bestätigte Severus ruhig. „Zum Frühstück ist Remus auch wieder da, und weil morgen Sonntag ist, haben wir den ganzen Tag Zeit. Am Montag muss ich dann wieder die Schüler unterrichten. Magst du mir morgen vielleicht im Labor ein bisschen helfen? Ich muss neue Tränke für den Krankenflügel brauen.“

Harry machte seine Augen noch einmal auf und strahlte ihn an. „Wirklich?“

„Ja, wirklich.“, bestätigte Severus schmunzelnd. „Ich würde mich freuen.“

„Ja!“, freute sich Harry und kuschelte sich in die Arme des Tränkemeisters. Es dauerte nicht lange, da schlief der Kleine wieder tief und fest, und überraschenderweise wurde Severus das nächste Mal wach, als Remus in das Bett krabbelte.

„Guten Morgen, Remus.“, wisperte er.

„Guten Morgen, Sev.“, grüßte ein überraschter Remus zurück, er hatte nicht gemerkt, dass Severus wach geworden war. „Wie war die Nacht?“

„Zuerst unruhig, aber dann haben wir ausgemacht, dass er nach dem Frühstück, bei dem du wieder da bist, mit mir ins Labor gehen darf. Seither schläft er ruhig.“, berichtete der Schwarzhaarige flüsternd.

Sie schlossen ihre Augen und schliefen beide ein, bis Harry schließlich etwa zwei Stunden später aufwachte und sich sofort an Remus schmiegte. Scheinbar hatte er immer noch nicht glauben können, dass der Dunkelblonde wiederkommen würde. „Remus wieder da!“, lächelte er und man konnte die Erleichterung sehen und hören.

„Ich habe es dir versprochen, Welpe.“, antwortete Remus. „Manchmal muss ich ein paar Stunden weg, aber ich werde immer wiederkommen. Ich hab dich lieb, Harry.“ Damit schloss er Harry in seine Arme. Sie blieben noch eine Weile aneinandergeschmiegt liegen, bis sie hörten, dass die Elfen in der Küche das Frühstück herrichteten. Noch im Schlafanzug setzten sie sich an den Tisch. Harry bekam einen Toast mit Marmelade, dazu eine Schale Joghurt mit Obst und Honig. Wie immer reichte ihm Severus einen kleinen Becher mit einem leicht bitter schmeckenden Trank, der ihm helfen sollte, die Mängel in seiner bisherigen Ernährung auszugleichen. Nach dem Essen ließen sie ein warmes Bad ein. Remus war von der Verwandlung vollkommen verspannt und Harry durfte heute zum ersten Mal wieder in die Wanne, die letzte Woche war er gewaschen worden. Die Kanülen in den Armen hatten es unmöglich gemacht, ihn unter die Dusche zu stellen oder gar in die Badewanne setzen zu lassen.

Remus setzte sich mit einem wohligen Seufzen in das warme Wasser, dann reichte er nach Harry. Der ließ sich nicht zweimal bitten und zog schnell seinen Schlafanzug aus. Severus hob ihn in die Wanne, wollte vermeiden, dass er beim Klettern möglicherweise stolperte und sich einen Knochen brach. Seine Knochenstruktur war immer noch brüchig, daher durfte der Junge nicht toben und herumrennen. Wobei, im Moment wollte er das scheinbar nicht, war vollkommen damit zufrieden, auf Remus' Schoß zu sitzen und von Severus vorgelesen zu bekommen. Ruhig saß der Fünfjährige mit Remus in der Wanne. Allein wollten sie ihn nicht ins Wasser lassen, da er noch nicht wirklich fit war. Severus hatte das Spielzeug aus Spinners End geholt und Harry spielte nun völlig hingerissen mit zwei der Muscheln, die er am Strand gefunden hatte.

„Poppy meinte gestern, er sollte einen Klimawechsel bekommen und sich in Ruhe in einer milderen Umgebung erholen.“, erzählte er Remus.

„Aber du kannst nicht mit.“, erkannte Remus die kleine Veränderung in seiner Stimme, die Andere nicht bemerken würden.

„Ich muss unterrichten. Aber die Wochenenden könnte ich zu euch kommen.“, bestätigte Severus. „Poppy schlug eine der portugiesischen Inseln vor, weil die nicht im Mittelmeer liegen. Das Klima dort ist optimal für Harry, vor allem für seine Lungen.“

„Aber dort zu wohnen können wir uns nie leisten.“, gab Remus zu bedenken.

„Müssen wir auch nicht. Albus hat erzählt, eine Tante von ihm lebt dort, sie würde uns, oder hauptsächlich euch Beide, aufnehmen, so lange es nötig ist. Da sie magisch ist, wäre auch Zauberei kein Problem und ihr Kamin ist an das Flohnetzwerk angeschlossen.“, wusste Severus. „Es ist für unseren Kleinen, ich werde akzeptieren, euch nicht täglich zu sehen. So wie früher mit uns Beiden.“ Bis letzten Juni hatten sie sich unter dem Jahr auch nur an den Wochenenden gesehen, da Severus in Hogwarts war und Remus immer wieder versuchte, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Er wohnte in Spinners End; seit dem Tod seiner Eltern hatte der Werwolf kein Zuhause mehr. Erst jetzt, mit Harry als Teil ihrer Familie, sahen sie sich öfter. Und es schien, als hätte sich Severus sehr daran gewöhnt.

Da fiel Remus etwas ein. „Sev, hast du mit Albus schon über die Bindung gesprochen?“, wollte er wissen.

„Ja. Er ist bereit, uns zu binden, sobald wir so weit sind. Im Prinzip können wir es jederzeit machen, da wir keine Gäste haben. Oder gibt es jemanden, den du einladen willst?“, hakte Severus nach.

„Nein, es gibt niemanden.“, antwortete Remus traurig. „Sirius, Peter und James waren meine Freunde, sonst hatte ich nie jemanden.“

„Remus traurig?“, wollte Harry wissen.

„Ja, Welpe. Ich bin traurig. Dein Dad war mein bester Freund. Seit er gestorben ist, habe ich keine Freunde mehr, außer Severus hat sich niemand mehr für mich interessiert seither.“, gestand Remus.

„Ich dein Freund, Remus!“, streichelte Harry vorsichtig über die Wange. „Freak auch keine Freunde. Aber Harry Freunde, Remus und Sev.“

Dankbar zog Remus den Kleinen in seine Arme und knuddelte ihn vorsichtig. Verletzen wollte er ihn natürlich nicht, aber die kindlichen Worte hatten ihn sehr berührt. „Komm, raus aus der Wanne mit uns!“, entschied er schließlich und hob Harry hoch, sodass er in dem warmen Handtuch landete, das Severus bereithielt. „Sev? Ich würde mich gerne an dich binden, bevor ich mit Harry auf Kur gehe.“

„Dann werde ich mit Albus sprechen. Wir brauchen nur noch Zeugen.“, stimmte Severus zu. „Ich kann gleich mit Minerva reden, sie weiß schon von unserer Verlobung. Willst du immer noch Kingsley Shacklebolt?“

„Ja, er ist das, was einem Freund am nächsten kommt. Ich kenne ihn seit Hogwarts, auch wenn er vier Jahre über uns war. Wir haben damals immer mal miteinander gesprochen, er hat gerne Brettspiele gespielt. Ich war einer der Wenigen, die diese Leidenschaft teilten.“, erklärte Remus. „Ich werde ihm noch heute eine Eule schicken.“

„Nimm meinen Raben.“, bot Severus an. „Odin hat nicht besonders viel zu tun, seit du hier bist. Sonst durfte er immer unsere Post hin und her fliegen.“ Beide tauchten in Gedanken einen Moment in die gemeinsame Vergangenheit ein, bis ein Geräusch sie hochschrecken ließ. Harry hatte das Handtuch inzwischen fallen gelassen und versuchte, sich anzuziehen. Allerdings hatte er offenbar noch nicht gelernt, Knöpfe zu schließen, denn gerade versuchte er es ziemlich erfolglos. Wenn man überlegte, was er bisher getragen hatte, war es nicht nötig gewesen, er hatte die Hosen geschlossener Weise anziehen können, weil sie weit genug waren. Jedes Mal, wenn er glaubte, es geschafft zu haben und die Hose losließ, ging der nur halb geschlossene Knopf wieder auf und die Hose rutschte ihm von der Hüfte. Während Remus sein Schmunzeln verbergen musste, damit Harry nicht verärgert wurde, kniete sich Severus zu dem Jungen und half ihm. Anschließend setzten sie sich ins Wohnzimmer, Remus an den Schreibtisch und Severus mit Harry auf das Sofa.

Als Remus mit seinem Brief fertig war, rief Severus seinen Raben Odin zu sich. Harry zuckte zusammen, als plötzlich ein ziemlich großer Rabe im Wohnzimmer auftauchte. Severus hatte ihm das Fenster offen gelassen, das oben unter der Decke war. Panisch flüchtete er hinter Remus, rannte so hastig, dass er beinahe gestürzt wäre, wenn der Werwolf nicht schnell genug reagiert hätte. „Langsam, Welpe!“, mahnte er. „Das ist Sevs Rabe, er tut dir nichts, er bringt die Post. Schau, ich habe einen Brief an einen Bekannten geschrieben. Den binde ich nun an Odins Bein und sage ihm, wo er ihn hinbringen muss: Zu Kingsley Shacklebolt, Ministerium in London.“

Mit riesigen Augen verfolgte Harry, wie der Vogel sein Bein hoch hielt, damit Remus den Brief festbinden konnte und schließlich, wie der Rabe elegant seine Schwingen ausbreitete und durch das Fenster davon flog. Er hatte mal etwas von Brieftauben gehört, als Dudley fernsehen durfte, aber von Raben war da nicht die Rede gewesen. Wieder zeigte sich, dass er in einer gänzlich fremden Welt gelandet war. Fremd für ihn, aber so normal für die beiden Männer, die mit seinen Eltern befreundet gewesen waren, wenn das denn stimmte. Da er nicht viel wusste, außer dass er seinem Vater ähnlich sah, konnten sie ihm alles erzählen. Tränen schossen in seine Augen, als ihm klar wurde, dass er hier noch weniger Kontrolle über sein Leben hatte als bei Onkel und Tante. „Hey, Welpe. Nicht weinen.“, bat Remus. „Was ist denn, mein Lieber?“ Harry antwortete nicht, konnte nicht in Worte fassen, was los war. Severus nahm ihn in den Arm, kopierte das, was er von Remus immer sah. Es war erstaunlich, wie zutraulich der Junge ihm gegenüber jetzt war. Vor seiner Krankheit wäre das nicht möglich gewesen.

„Hast du Angst, Harry?“, fragte Severus. Ein kleines Nicken. „Wovor hast du Angst? Dass du wieder alleine bist?“ Harry zögerte kurz, dann nickte er. „Oder dass etwas passiert, das du nicht kennst?“ Noch ein Nicken. „Vielleicht auch, weil du dich hier nicht auskennst?“ Harry schmiegte sich an Severus, der ein Nicken an seiner Schulter spürte. „Weil du niemanden hast, der zu dir gehört?“ Ein weiteres, sehr zögerliches Nicken.

Remus und Severus tauschten einen Blick, dann kniete sich der Dunkelblonde zu ihnen. Ächzend bückte er sich, nach der Verwandlung hatte er zumeist tagelang Muskelkater. Dennoch legte er seine Arme auch um den Fünfjährigen. „Harry, möchtest du unser Kind sein?“, fragte er sanft.

Mit geweiteten Augen blickte der Junge von Severus zu Remus und zurück. Harry konnte nicht glauben, was er da hörte. Sollte das bedeuten, dass er Eltern bekommen würde? Richtige Eltern? Remus und Sev wollten ihn wirklich haben? „Daddy Remus und Daddy Sev?“, versicherte er sich.

Remus musste sich ein Kichern verbeißen, als er die Kombination aus Daddy und Sev hörte. Wer hätte das noch vor ein paar Monaten geglaubt, dass ausgerechnet Severus gefragt sein würde als Vater?

„Ja, mein Kleiner. Genau so. Wir wären dann deine Daddys.“, antwortete Severus. „Möchtest du das?“ Der Kleine sah sie noch eine Weile überlegend an, dann nickte er ganz langsam. Man konnte die Hoffnung in seinen Augen sehen. Allerdings wirkte es auch, als könnte er es immer noch nicht wirklich glauben. Sie würden wohl Taten sprechen lassen müssen.

„Also gut, ich rede mit Albus. Wir haben vom Gamot die Erlaubnis, Harry zu adoptieren, wenn wir gebunden sind. Die Papiere dafür haben wir hier, er kann beide Zeremonien gleichzeitig durchführen.“, überlegte der Tränkemeister.


Etwa eine Woche später, an Halloween, standen sie einander gegenüber. Albus hatte seinen privaten Trainingsraum im Schulleiterturm ein wenig umgeräumt und dekoriert. Minerva stand neben Severus, Kingsley neben Remus. Harry hatte zwischen den Beiden Platz gefunden. Extra für diesen Tag hatten sie ihm einen Anzug und einen kleinen Festumhang angezogen, was die Kleidung von seinen zukünftigen Vätern widerspiegelte. Stolz hielt Harry das kleine Schmuckkästchen in der Hand, das Kingsley ihm gegeben hatte. Aufmerksam verfolgte er die Zeremonie, auch wenn er nicht ganz verstand, was genau der Weißhaarige da sagte. Aber Remus und Sev passten auf und achteten nur auf den Mann vor ihnen, also bemühte sich Harry auch, das zu tun. Er wollte sie stolz auf ihn machen und hatte Angst, dass sie doch nicht mehr seine Väter sein wollten, wenn er sich nicht benahm.

„… und so frage ich dich, Severus Snape, willst du dich an Remus Lupin binden und mit ihm dein Leben teilen, bis euer gemeinsames Leben einst zu Ende ist?“, sprach Albus Dumbledore gerade, der extra für diesen Tag einen himmelblauen Umhang zu einer hellrosafarbenen Robe trug.

„Ja, das will ich.“, antwortete Severus ernst. Wie immer trug er auch heute schwarz, aber sein Umhang war mit silbernen Ornamenten bestickt. Seine Hand war mit der von Remus verschränkt und sie sahen sich fest in die Augen.

„Ich frage auch dich, Remus Lupin, willst du dich an Severus Snape binden und mit ihm dein Leben teilen, bis euer gemeinsames Leben einst zu Ende ist?“, fragte er erneut.

„Ja, das will ich!“, lächelte Remus und strahlte seinen Partner an. Der Werwolf trug heute einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd, dazu einen weißen Umhang aus einem weichen Stoff. Harry wollte sich darin einkuscheln.

„Harry? Darf ich um die Ringe bitten?“, wandte sich der Direktor nun an den Jüngsten. Der Fünfjährige hob die Schmuckschatulle hoch und nestelte am Verschluss. Geduldig warteten sie, bis er ihn offen hatte, dann hielt er Severus die Box hin. Der Tränkemeister nahm einen der Ringe heraus und steckte ihn Remus an den Ringfinger der linken Hand.

„Dieser Ring ist nur ein äußeres Zeichen unserer Bindung, die unsere Seelen vereint. Trage ihn, um zu zeigen, dass du dich mit mir verbunden fühlst, dass wir unser Leben teilen und uns gegenseitig unterstützen und lieben bis an unser Ende.“, sprach Severus die zeremonielle Formel, doch man konnte sehen, wie viel Gefühl aus seinen Augen strahlte.

Nun nahm Remus den anderen Ring, steckte ihn an Sevs Finger, wiederholte dabei die gleichen Worte wie Severus zuvor. Wieder verschlangen sich ihre Hände ineinander. Albus zog seinen Zauberstab und wirkte einen Zauber. Als er damit auf die verschränkten Hände tippte, leuchteten die beiden Männer kurz auf. Severus und Remus sahen sich an, als wären sie alleine, sie schienen gar nicht wahrzunehmen, dass noch jemand mit ihnen hier war. Ihre Gesichter kamen sich immer näher und schließlich berührten sich ihre Lippen. Das Leuchten nahm noch einmal zu und hüllte sie ein, bis sie den Kuss nach einer Weile beendeten.

„Herzlichen Glückwunsch!“, gluckste Albus. „Darf ich fragen, welchen Ehenamen ihr gewählt habt?“

„Remus Lupin und Severus Snape-Lupin.“, verriet der Tränkemeister.

Nun gratulierten auch Kingsley und Minerva den beiden frisch Gebundenen. Doch es war noch nicht zu Ende, denn sie wollten schließlich auch Harry adoptieren. Remus hob Harry auf seinen Arm, Severus legte die Hand auf seine Schulter und sie wandten sich gemeinsam dem Schulleiter und Vertreter des Zaubergamot zu. „Remus Lupin, Severus Snape-Lupin.“, begann der Weißhaarige. „Ihr habt kundgetan, dass ihr Harry James Potter adoptieren wollt. Ist dies noch immer euer Wille? Wollt ihr dem Jungen die Eltern ersetzen, bis er selbst für sich sorgen kann?“

„Ja, das wollen wir.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig.

„Und du, Harry, möchtest du, dass diese beiden Männer, Severus und Remus, deine Väter sind?“, wollte Albus nun von dem Jungen wissen.

Harry wusste, er musste nun eine Antwort geben. Ganz hatte er nicht verstanden, warum das sein musste, aber es war offenbar notwendig, dass er sprach und nicht nur nickte, das hatten ihm Sev und Remus erklärt. „Ja, das will ich.“, kam es leise von dem Fünfjährigen.

„Danke, mein Junge!“, lächelte Dumbledore. „Dann soll es so sein: Harry James Lupin ist nun der Sohn von Remus Lupin und Severus Snape-Lupin. Herzlichen Glückwunsch ihr Drei!“ Harry fand sich in einer Doppelumarmung wieder, die ihm Wärme schenkte. Erst, als die beiden anderen Erwachsenen, Harry erinnerte sich, dass sie King und Minerva hießen, mit Sev und Remus redeten, lockerten sie ihre Arme um den Jungen.

„Herzlichen Glückwunsch auch von mir!“, lächelte die Schottin warm. „Jetzt seid ihr eine Familie.“

„So glücklich habe ich dich seit vor dem Abschluss nicht mehr gesehen, Rem.“, umarmte Kingsley seinen Freund. „Ich freue mich ehrlich für dich, dass du glücklich bist.“

„Danke. Auch, dass du heute hier bist.“, strahlte Remus. „Du gehst doch noch Essen mit uns?“

„Ihr alle seid eingeladen.“, fügte Severus hinzu und sah auch Minerva und Albus dabei an. „Wir haben einen Tisch im ‚Goldenen Schnatz‘ reserviert.“ Zu sechst machten sie sich wenige Minuten später auf den Weg nach Hogsmeade. Harry lief zwischen Remus und Severus, hatte je eine Hand von Beiden in seinen Händen. Einerseits weil es sich für die Erwachsenen richtig anfühlte, andererseits damit sie verhindern konnten, dass Harry stürzte, denn seine Knochen waren immer noch sehr porös und sie wollten einen Bruch vermeiden.

Das Restaurant entpuppte sich als kleines, aber sauberes Dorfgasthaus. Es war ebenerdig, wobei hinten wohl Privaträume waren. Vorne war die Gaststube, in der maximal etwa dreißig Personen Platz hatten, die im Moment aber nur von fünf Gästen besetzt war, die eben ihr Mittagessen serviert bekamen. Sie wurden zu einem Tisch am Fenster geführt, der für sechs Personen gedeckt war. Sogar ein Hochstuhl für Kinder stand schon bereit, doch Harry saß lieber bei Remus auf dem Schoß. Mit großen Augen beobachtete er, was um ihn herum passierte. Unterwegs hatte er mehrmals nachgefragt, ob sie jetzt wirklich seine Daddys waren. Er konnte es einfach nicht fassen, wie es schien. Jemand wollte ihn, den Freak, tatsächlich haben.

Sie bestellten Getränke, wobei Remus diesmal ein Glas Wein nahm, Severus allerdings eine Traubensaftschorle für sich und eine Birnenschorle für Harry bestellte. Kürbissaft mochte ihr Kleiner überhaupt nicht, da verzog er inzwischen das Gesicht. Am Anfang war nicht erkennbar gewesen, ob Harry etwas mochte oder nicht, aber er schien langsam sicherer zu werden. Minerva, Kingsley und Albus schlossen sich Remus an und bestellten Wein. Butterbier oder Feuerwhiskey passten einfach nicht zum Anlass. Zum Essen verfrachtete Remus Harry dann in den Hochstuhl, nachdem er ihn entsprechend vorgewarnt hatte.

„Du kannst aber richtig ordentlich essen, Harry!“, lobte die Schottin, als sie bemerkte, dass Harry nicht ein bisschen daneben kleckerte. Erschrocken sah Harry sie mit riesigen Augen an, beruhigte sich aber schnell wieder, als Severus ihm erklärte, dass das gut war. Es entsetzte die Hauslehrerin von Gryffindor, unter welchen Umständen sich Harry solche Manieren angewöhnen musste und sie war sehr froh, dass er nun ein liebevolles Zuhause hatte. Das wurde vor allem klar, als der Fünfjährige mit dem Essen fertig war und sich von Severus aus dem Stuhl heben ließ, bevor er sich auf dessen Schoß einrollte und schließlich einschlief.

Erst, als Severus die Rechnung beglichen hatte und sie gehen wollten, wachte er wieder auf. „Daddy tragen?“, wollte er wissen und Severus hob ihn mit einem leisen Schmunzeln hoch. „Ausnahmsweise, mein Kleiner.“, antwortete er. „Weil der Weg für dich zu weit ist.“ Allerdings wurde der Grünäugige ihm bald zu schwer, denn auch wenn er erst fünf Jahre und viel zu leicht war, so war es dennoch anstrengend, ihn auf dem Arm zu tragen, also setzte er ihn kurzerhand auf seine Schulter. Das wiederum sorgte für Erstaunen bei den Schülern, die ihnen begegneten, doch der Tränkemeister ignorierte es einfach.

„Vielleicht endet jetzt das Gerücht meiner Gryffindors.“, murmelte Minerva leise, was ihr eine hochgezogene Augenbraue von Remus und Albus einbrachte. Kingsley hatte sich bereits verabschieden müssen, da er Nachtschicht arbeiten musste und vorher wenigstens noch zwei oder drei Stunden schlafen wollte. „Einige meiner Löwen waren der Meinung, dass Severus wohl in Poppy verliebt sei, weil sie ihn beobachteten, wie er in den Krankenflügel ging, und das wohl häufiger.“, erklärte sie daher.

„Sev und Poppy?“, grinste Remus. „Auf die Idee muss man erstmal kommen! Wir hätten uns damals eher ausgemalt, welche schrecklichen Krankheiten ihn dahin zwingen!“

„Ich schätze, nun habt ihr für neue Gerüchte gesorgt! Wobei die Schüler vermutlich schnell dahinterkommen werden, was Sache ist, wenn sie deinen neuen Namen erfahren, Severus.“, gluckste Albus amüsiert vor sich hin.

„Ich gehe davon aus, dass sie es spätestens heute Abend von dir erfahren werden, ansonsten platzt du ja!“, konterte Severus ernst. „Darauf würde ich mein Monatsgehalt verwetten.“

„Ähm, nun, ich hatte es vor, das zu verkünden.“, gab Albus, rot geworden, zu, was einen Heiterkeitsausbruch bei Remus und Minerva zur Folge hatte. Schnell wechselte er daher das Thema: „Wann geht Harry nun auf Kur mit dir, Remus?“

„Poppy will ihn noch zwei Tage beobachten, dann werden wir packen und in drei Tagen dann abreisen.“, informierte Remus, als er wieder genug Luft bekam, um reden zu können. „Danke, dass du da etwas organisieren konntest, wo wir hinkönnen.“

„Keine Ursache. Meine Großtante ist einsam, aber sie liebt Gesellschaft. Hier in der englischen Luft kommt sie auch nicht gut zurecht, sie hatte immer Asthma-Anfälle. Seit sie auf São Jorge lebt, ist sie Anfall-frei. Sie freut sich schon auf ein wenig Leben in ihrem Haus.“, verkündete Albus.

„Sie weiß aber hoffentlich, dass Harry sich nicht anfassen lässt.“, unterbrach Severus ernst.

„Ich habe ihr einen kurzen Überblick über Harrys Vergangenheit gegeben, um Missverständnisse zu vermeiden. Sie wird vorsichtig sein, den Jungen aber mit Sicherheit verwöhnen, wo sie nur kann.“, warnte der Weißhaarige.

„In Ordnung.“, nickte Severus knapp, als sie in der Eingangshalle angekommen waren. „Vielen Dank, dass du uns gebunden hast und Minerva, danke, dass du meine Trauzeugin warst.“

„Gerne!“, erwiderten beide gleichzeitig. „Ich schätze, ihr wollt jetzt ein wenig alleine sein. Severus, ich erwarte dich zum Festessen. Und wegen des Medaillons machen wir nächste Woche etwas aus!“, fügte Albus noch hinzu.

„Ich werde da sein.“, versprach Severus und sie wandten sich in Richtung Kerker.

„Was machen wir zuerst? Das Diadem oder das Medaillon?“, wollte Severus wissen. Gestern hatte er Remus und Harry verabschiedet, sie waren nun auf São Jorge, einer portugiesischen Insel im Atlantik. Heute beim Frühstück hatte er einen kurzen Brief von seinem Mann bekommen und ein Bild, das Harry gemalt hatte. Es schien sehr schön dort zu sein. Am Wochenende wollte er sie besuchen, doch davor war noch Einiges zu erledigen. Sie wollten sich nun endlich um die Horkruxe kümmern, zumindest um die Beiden, von denen sie wussten, was und wo sie suchen sollten.

„Das Medaillon, würde ich sagen.“, entschied der Schulleiter. „Das Diadem ist hier in der Schule, da kommt so leicht kein Todesser hin, aber bei den anderen Horkruxen können wir nicht sicher sein, ob nicht jemand davon weiß.“

„Also auf an die Küste. Ich hoffe, ein Wärmezauber hilft im Wasser, das dürfte ziemlich kalt sein.“, stimmte Severus zu.

„Gehen wir.“, nickte auch Albus. „Die Schüler sind in ihren Gemeinschaftsräumen, hoffe ich zumindest, immerhin ist schon Sperrstunde, und Minerva weiß, dass wir heute eine Weile nicht hier sind.“

Sie verließen das ruhige Schloss und gingen bis zum Tor hinunter. Dort bot Albus Severus seinen Arm an, da er herausgefunden hatte, wohin genau sie apparieren mussten. Severus verließ sich ganz auf seinen Arbeitgeber und sie tauchten auf einer Klippe wieder auf. Einen Bezoar hatte er eingesteckt, bevor er an diesem Abend ins Büro des Direktors gegangen war. Die Klippe sah tatsächlich genauso aus wie in dem bewegten Bild aus dem Tagebuch, und sie sahen ein Stück entfernt die Felsspalte, die den Eingang zu der unterirdischen Höhle markierte. Albus sprang ohne zu zögern in das tosende Wasser und begann, auf die Spalte zuzuschwimmen. Severus folgte ihm nach einem tiefen Atemzug. Es war nicht weit, aber die Wellen waren ziemlich hoch und sie kämpften sich durch das Wasser.

Am Höhleneingang angekommen stiegen sie aus dem Wasser, trockneten sich mit einem Zauber und sahen sich um. Sofort erkannten sie den Eingang, auch wenn er auf jeden Anderen wie ein Stück normaler Felswand wirkte, aber Riddles Beschreibung war sehr gut gewesen. Die Seelenbruchstücke schienen Kontakt zueinander zu haben, ansonsten könnte das Tagebuch ihnen nicht helfen. Albus griff nach einem kleinen Messer und ritzte sich damit die Haut am Arm auf, sodass ein paar Tropfen Blut herausquollen, die er auf die Felswand drückte. Sofort öffnete sich ein Durchgang ähnlich der Wand, die in die Winkelgasse führte. Vorsichtig passierten sie ihn und sahen den dunklen, stillen See vor sich liegen. Mit einem Zauber prüfte der Ältere, ob sie gefahrlos gehen konnten, aber er fand keine Gefahr. Der Weg war sehr schmal, sie konnten nur hintereinander gehen, aber sie mussten fast einmal um den See gehen, bevor Albus wieder stehenblieb.

„Hier ist es.“, stellte er fest und griff scheinbar in die Luft, bis er plötzlich eine Kette in der Hand hatte. Sobald er sie berührte, war sie zu sehen. Severus griff ebenfalls danach und sie zogen ein kleines Boot aus dem See. „Nur einer kann darin fahren.“, bedauerte der Schulleiter, nachdem er es mit einem Zauber überprüft hatte. Severus musterte ihn nachdenklich. „Ich fahre.“, entschied Dumbledore. „Du wirst dringender gebraucht wie ich.“

„Wir könnten auch beide zu der Insel gelangen.“, kam es leise von Severus. „Aber bevor ich dir sage, wie das geht, will ich, dass du mir schwörst, dass nichts von dem, was ich dir offenbare, von dir verraten wird.“

Überrascht sah Albus ihn an. Was meinte sein Tränkemeister damit? Doch er würde nichts sagen, so lange bis er sicher war, dass der Weißhaarige kein Wort darüber verlieren könnte. „Ich schwöre, dass nichts, was du mir hier verrätst, jemals an die Öffentlichkeit geraten wird durch mich.“, leistete er schließlich einen bindenden, magischen Schwur.

Zufrieden nickte Severus und schloss kurz die Augen. Plötzlich verschwand er vor Albus' Augen und verwandelte sich. Gegen seinen Willen musste der Schulleiter herzlich lachen, als er sah, in was der Tränkemeister sich verwandelt hatte. „Eine echte Kerkerfledermaus!“

Die Fledermaus schlug ein paar Mal mit den Flügeln und war schnell in Richtung der Mitte der Höhle verschwunden. Albus stieg in das Boot, das sich daraufhin von alleine in Bewegung setzte. Als er auf der Insel ausstieg, war Severus bereits wieder in seiner menschlichen Gestalt und untersuchte ein steinernes Becken, in dem ein Licht zu leuchten schien. Das erhellte die ganze Höhle so weit, dass man sich orientieren konnte. In dem Becken war eine klare Flüssigkeit, doch er konnte sie nicht berühren. Weder mit der Hand noch mit dem Zauberstab.

„Er muss getrunken werden.“, überlegte Albus. „Und wahrscheinlich hat er eine Wirkung, die einen daran hindern soll, weiter zu trinken. Wer weiß, wie er sich dann auswirkt.“

„Ich denke, es dürfte sinnvoll sein, den Bezoar beim Trinken im Mund zu haben.“, stellte Severus seine Überlegungen dar. „Er kann die negative Wirkung dann sofort auslöschen. Es wird sicher nicht angenehm sein, denn den Bezoar sollte man besser nicht schlucken.“

„Wird er für diese Menge ausreichen?“, wollte Dumbledore wissen.

„Ja.“, war sich Severus sicher. „Ich werde den Trank nehmen.“

Albus wollte diskutieren, doch Severus gab dieses Mal nicht nach. Der Bezoar sollte helfen, da war kaum Gefahr dabei. Also beschwor er eine Schale herauf, mit der er den Trank abschöpfen konnte, steckte sich den Bezoar unter die Zunge und begann, den Zaubertrank abzuschöpfen und zu trinken. Er schüttelte sich, trank aber immer weiter. Der Geschmack war offenbar nicht angenehm, aber zumindest schien die befürchtete Wirkung auszubleiben. Fünfmal, sechsmal füllte er die Schale auf, dann war das Becken leer und sie konnten nach dem Medaillon greifen. Albus steckte es ein, dann wandte er sich in Richtung des Bootes. Er merkte nicht, dass Severus sich kurz an dem Becken festhielt, weil ihm offenbar schwindelig war. Schnell hatte sich der Tränkemeister wieder im Griff, steckte den Bezoar zurück in seine Tasche und verwandelte sich wieder in seine Animagusform.

„Die Geschichte, wie du zu einem Animagus wurdest, möchte ich aber schon noch hören. Weiß Remus …?“, schmunzelte Albus. Der Fledermaus-Severus nickte nur. Der Schulleiter gluckste, als er ins Boot stieg und der Fledermaus zusah, wie sie davon flog.

Erleichtert verließen sie, nur eineinhalb Stunden, nachdem sie angekommen waren, die Höhle wieder. Severus war wieder in seine menschliche Form gewechselt, damit er apparieren konnte, sobald es möglich war. Dort, wo sie ins Wasser steigen mussten, versuchten sie das Apparieren, doch das war nicht möglich, der Schutz der Höhle reichte noch ein Stück weiter. Also sprangen sie wieder in die eisigen Fluten und schwammen heraus, bis sie spürten, dass der Schutz verflog. Dann drehten sie sich, nach kurzer Verständigung, im Wasser und disapparierten. Zitternd vor Kälte tauchten sie vor dem Tor von Hogwarts wieder auf, sprachen einen erneuten Zauber, um sich zu trocknen und eilten in Albus' Büro, um den Horkrux in Augenschein zu nehmen.

„Das ist ein falscher Horkrux.“, bemerkte Albus enttäuscht. „Das hier ist niemals das Medaillon von Slytherin und es fühlt sich auch nicht nach schwarzer Magie an. Es lässt sich öffnen.“

Er ließ den Verschluss aufschnappen und zog ein kleines Stück Pergament hervor. Es war beschrieben:

An den Dunklen Lord
Ich weiß, ich werde tot sein, lange bevor du das liest,
aber ich will, dass du weißt, dass ich es war,
der dein Geheimnis entdeckt hat.
Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will ihn zerstören, sobald ich kann.
Ich sehe dem Tod entgegen in der Hoffnung,
dass du, wenn du deinen Meister findest,
erneut sterblich sein wirst.
R.A.B.

[Quelle: HP VI, Die Flucht des Prinzen, S. 614]

„R.A.B.?“, überlegte Severus. „Regulus?“

„Das dachte ich auch gerade. Es würde passen.“, stimmte der Schulleiter zu. „Regulus Arcturus Black war ein Todesser, nur diese reden Riddle als Dunkler Lord an. Dann war er offenbar auf unserer Seite, zumindest am Ende. Aber er ist wahrscheinlich tot, keiner hat seit über fünf Jahren ein Lebenszeichen von ihm erhalten. Was weißt du darüber, Severus?“

„Reg war eine Zeitlang mit mir zusammen.“, gestand Severus. „Er hat sich, wohl auch auf Druck seiner Eltern, das Mal mit sechzehn schenken lassen. Wir haben uns noch vor meinem Abschluss wieder getrennt, es passte einfach nicht. Danach hatten wir kaum noch Kontakt zueinander und dann, etwa ein Jahr vor der Vernichtung des Lords, verschwand er spurlos. Ich glaube nicht, dass er von dem Lord ermordet wurde, wie viele glaubten, denn der Lord hat uns nach ihm suchen lassen. Er kam auf die schwarze Liste, das hat bisher keiner lange überlebt, aber niemand konnte sagen, wo er war. Entweder war er extrem schlau und hat sich abgesetzt, so dass keiner ihn finden konnte, oder er ist tot. Ich vermute eher, dass er schon lange nicht mehr am Leben ist.“

„Also hilft uns das nicht weiter. Hatte er jemanden, dem er komplett vertraute?“, hakte Albus nach.

„Nicht dass ich wüsste.“, zuckte Severus die Schultern. „Nach mir hatte er zumindest keine offensichtliche Beziehung mehr. Er hat bis zum Schluss bei seinen Eltern gelebt.“

„Vielleicht sollten wir das Black-Haus durchsuchen.“, schlug Albus vor. „Wenn wir Glück haben, ist es dort versteckt, ansonsten stehen wir vor einem Problem.“

„Es ist unbewohnt?“, wollte Severus wissen.

„Ja. Sirius ist der einzige direkte Nachkomme, der noch lebt, ansonsten noch seine Cousinen Bellatrix, Narzissa und Andromeda.“, wusste Albus. „Heute entscheiden wir nicht mehr, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, werde ich mit Andromeda Kontakt aufnehmen, vielleicht kann sie uns hinein lassen. Alle Anderen sind in Askaban.“

„Sollten wir das Riddle schreiben?“, überlegte Severus leise.

Albus dachte eine Weile nach. Fawkes, sein Phönix, der bis zu dem Moment still in der Ecke auf seiner Stange gesessen hatte, flatterte auf und begann zu trillern, als würde er Ratschläge geben. Nach einigen Minuten sah der Schulleiter auf. „Ich denke, es wäre eine gute Lösung, dem Tagebuch zu sagen, dass der Horkrux nicht mehr da war. Scheinbar reicht der Kontakt nicht so weit, dass der aktuelle Standort gespürt wird, sondern nur der Ort, wo Riddle sie aufbewahrt hat.“, antwortete er. Er holte das Tagebuch aus dem Tresor, in dem er es eingesperrt hatte, damit es nicht in falsche Hände geriet. Severus setzte sich an den Schreibtisch und klappte es auf, tauchte die Feder in die Tinte und begann zu schreiben.

Mein Lord, ich war in der Höhle. Das Medaillon ist ausgetauscht worden.

Es folgte ein Schwall an Flüchen, die deutlich die Wut des Seelenbruchstückes zeigten. Schließlich schien er sich wieder zu beruhigen und sinnvolle Worte erschienen.

Raven, das ist nicht gut. Gibt es einen Hinweis, wer das war? Versucht jemand, mich zurückzuholen?

Ein Brief war dabei.

Severus zitierte das Schreiben und wartete ab.

R.A.B., das klingt nach einem meiner Anhänger. Regulus Arcturus Black. Ich hatte geglaubt, dass wenigstens einer der Black-Söhne mir treu ist, aber das wird ihm teuer zu stehen bekommen! Ich werde diese Familie ausrotten, wenn ich zurück bin! Raven, sorge dafür, dass sie bei meiner Rückkehr vor mir liegen, ich werde dich reich belohnen und sie werden meinen Zorn zu spüren bekommen!

Regulus Black ist seit Jahren verschwunden, mein Lord. Ihr habt eure Anhänger vor etwa sechs Jahren nach ihm suchen lassen, soweit ich weiß.

Dann ist dieser Horkrux wohl erst einmal unerreichbar für uns. Also brauchst du einen neuen Hinweis. Wende dich an Bellatrix Lestrange, sie hat einen Becher aus dem Besitz von Hufflepuff in ihrem Besitz, ich befahl ihr damals, ihn in ihr Verlies zu bringen.

Die Lestranges sind in Askaban. Es tut mir leid, mein Lord, dass ich euch nicht besser helfen kann.

Dann gibt es nur noch zwei, meine Schlange Nagini, wo sie ist, kann ich aber nicht sagen, denn sie wird mich finden, wenn ich wieder zurück bin. Außerdem einen Ring aus dem Vermächtnis meines Großvaters, Vorlost Gaunt. Ich habe ihn in seinem Haus versteckt, in einer kleinen Nische.

Ich werde herausfinden, wo das Haus steht und den Ring finden, mein Lord! Ich werde euch zurückholen und dann werdet ihr die Zauberwelt in eure Hände bekommen!

Ich werde dich reich belohnen, wenn du es schaffst, Raven, mein treuer Diener.

Danke, mein Lord. Ich werde mich beeilen.

Aufatmend schloss Severus das Buch. Es erschöpfte ihn, damit zu hantieren. Die dunkle Magie darin versuchte, ihn in ihren Bann zu ziehen und er musste sich mit aller Kraft darauf konzentrieren, sich nicht von dem Seelenbruchstück besitzen zu lassen. Aber es hatte sich gelohnt.

„Wir wissen, was sie sind und von fast allen, wo sie sind!“, hauchte Severus.

„Gut gemacht, mein Junge!“, gratulierte Albus. „Ruh dich aus, du musst erschöpft sein. Es scheint fast, als hätte der Zorn die Seele unvorsichtig werden lassen. Gut für uns!“

Müde nickte der Tränkemeister. Fawkes flatterte zu Severus und setzte sich auf seinen Schoß, rieb seinen Kopf an der Hand des Tränkemeisters und trillerte eine fröhliche Melodie dazu. Es stärkte Severus und er fühlte sich, als hätte er einige Stunden geschlafen. „Danke Fawkes!“, flüsterte er.

Der Tränkemeister verabschiedete sich vom Schulleiter und ging in die Kerker hinunter. Die Leere dort unten lockte ihn nicht, aber es war nötig. Harry brauchte diese Kur dringend, damit er wieder gesund wurde. In den letzten Jahren, seit er eine Beziehung mit Remus hatte, hatte er immer nach Spinners End gehen können, dort war der Werwolf gewesen. Nie hatte es sie beide gereizt, diesen Zustand zu ändern, aber jetzt, seit Harry ihre Familie vervollständigte, begann er, die Nähe zu genießen. Severus schüttelte den Kopf, er erkannte sich selbst gerade nicht wieder. Kein Wunder, dass Gerüchte unter den Schülern entstanden, er hatte sich sehr verändert in den letzten Wochen seit Schulbeginn, da suchten die Schüler natürlich nach einer Erklärung. Doch ihm ein Verhältnis mit Poppy anzudichten, das erschien ihm schon ein wenig seltsam. Schüler kamen auf komische Ideen. Nun gut, das hatte sich inzwischen erledigt. Er erinnerte sich an das Abendessen an Halloween.

Flashback:

Dumbledore wartete, bis die Schüler an den Tischen saßen und hielt dann seine übliche Festtagsrede. Keines der Kinder passte auf, das Gemurmel war ziemlich laut. Doch am Ende wurde es plötzlich still. „… Und dann will ich noch eine Neuerung verkünden. Einer unserer Professoren hat sich gebunden. Herzlichen Glückwunsch, Professor Snape-Lupin!“

Absolute Stille herrschte in der Halle, dann begannen die ersten Slytherins zu klatschen. Man konnte direkt sehen, wie die Schüler sich von ihrer Überraschung erholten und sie tuschelten. Nun war klar, dass der Tränkemeister nicht wie geglaubt eine Beziehung mit der Heilerin hatte, sondern er war sogar verheiratet. Wahrscheinlich fragten sich die Meisten nun, zu wem der Name Lupin gehörte.

„Herzlichen Glückwunsch, Severus.“, kam es von den anderen Professoren und Severus musste eine Menge Hände schütteln.

So angestarrt schmeckte ihm das Essen kaum und er konnte es nicht erwarten, zurück in den Kerker zu kommen, wo Harry und Remus auf ihn warteten.

Flashback Ende

Stille erwartete ihn, aber da er völlig erschöpft von der Suche nach dem Medaillon und der anschließenden Konversation mit dem Tagebuch war, legte er sich einfach ins Bett, zog sich gerade noch die Robe und seine Hosen aus, bevor er unter die Decken kroch, die Augen schloss und einschlief.

Der nächste Morgen begann mit einem klingelnden Wecker. Severus schreckte hoch, so lange, dass er seinen Wecker tatsächlich brauchte, hatte er schon Jahre nicht mehr geschlafen, meist war er mindestens eine halbe Stunde früher wach. Schnell schaltete er ihn aus und schleppte sich ins Bad. Der Tränkemeister fühlte sich nicht besonders gut, aber das würde ihn nicht davon abhalten, seinen Unterricht ganz normal zu geben. Die Schüler waren immerhin hier, um etwas zu lernen. Das Frühstück ließ er ausfallen, sein Magen fühlte sich irgendwie aufgewühlt an. Lieber trank er nur eine Tasse Kräutertee, obwohl er sonst Kaffee bevorzugte. Aber mit diesem unruhigen Magen war er damit wohl besser dran. Pünktlich zur ersten Stunde stand er an seinem Klassenzimmer und ließ die Schüler, dritte Klasse Ravenclaw und Hufflepuff herein.

Eine Stunde später stellte er fest, dass er ziemlich unkonzentriert war und zwang seine Aufmerksamkeit zurück zu dem Heiltrank, den seine Schüler gerade brauten. Auf Unfälle konnte er definitiv verzichten, also musste er aufpassen, denn die Schüler neigten dazu, unkonzentriert zu arbeiten und Fehler zu machen. Egal wie oft er ihnen predigte, dass sie konzentriert bleiben und die Anweisungen genau befolgen mussten. Er machte seinen Kontrollgang durch die Klasse und blickte in die verschiedenen Kessel. Nur bei einer Hufflepuff-Schülerin war irgendwie alles schief gegangen, alle anderen Ergebnisse waren zumindest nicht völlig daneben. „Miss Cane, was ist das?“, fragte er gefährlich leise.

„Der Heiltrank für leichte Verbrennungen, Sir.“, antwortete die blonde Schülerin.

„Definitiv nicht.“, zischte Severus. „Der sollte in diesem Stadium blau-transparent sein, ihr Trank ist braun-grün und ziemlich dick. Wenn ich die Anweisungen in ihrem Buch ansehe, dann ist mir durchaus klar, warum, denn sie haben die falsche Seite aufgeschlagen. Beginnen sie noch einmal von vorne und blättern sie zwei Seiten zurück zu dem Rezept, das wir gerade durchnehmen. Und bevor ich es vergesse: Zehn Punkte Abzug für grobe Nachlässigkeit.“

Als er zurück zum Pult ging, fühlte er sich irgendwie schwummrig und er setzte sich hin, griff nach einigen Aufsätzen, die er korrigieren musste, damit es nicht auffiel. Der Rest des Vormittags verlief ähnlich und Severus ahnte, dass er nun wohl büßte, weil er nicht gefrühstückt hatte. Also ging er nach der vierten Klasse Slytherin und Gryffindor in die große Halle zum Mittagessen. Die Aufregung, die nach Halloween entstanden war, hatte sich wieder gelegt, Severus bekam nicht mehr Aufmerksamkeit als zuvor und war zufrieden damit. Beim Essen kam sein Rabe zu ihm und brachte wieder einen Brief von Remus. Severus lehnte ihn an seinen Becher und las, während er kaute.

Liebster Sev,

​​​​Harry und ich haben uns inzwischen eingewöhnt. Die letzte Nacht war ein wenig unruhig, aber wenn Harry bei mir schläft, dann klappt es gut. Wir waren am Meer, es gefällt Harry sehr und ich denke, wir werden es dir am Wochenende zeigen, wenn du hier bist. Das Wasser ist allerdings eiskalt, wir haben nur kurz unsere Füße hineingesteckt und sind dann wieder in unsere Socken und Schuhe geschlüpft. Allerdings merke ich, dass Harry deutlich leichter atmet, vor allem, wenn wir am Strand sind. Das ist genau das, was Devon meinte. Harry braucht einen Klimawechsel.

Lucy, Albus' Großtante, ist sehr geduldig mit ihm, aber bisher flüchtet er immer in meine Arme, wenn sie ihn anspricht. Allerdings habe ich es geschafft, uns alle an einen Tisch zu setzen zum Essen. Das Essen schmeckt anders als zuhause, es gibt hier wohl sehr viel Fisch und nur wenig Fleisch, denn Viele hier leben vom Fischfang, Fleisch hingegen muss importiert werden. Gemüse kommt aus Lucys Garten und es schmeckt wirklich gut, sogar Harry hat ordentlich zugegriffen. Das macht wohl auch die Luftveränderung, er hat mehr Hunger als sonst. Aber es tut ihm gut, er hat endlich ein wenig Farbe im Gesicht und ich bin zuversichtlich, dass er auch zunimmt.

Wir vermissen dich und freuen uns, wenn du am Wochenende kommst. Leider werde ich es wohl nicht schaffen, unseren Kleinen bis dahin an das Kinderzimmer zu gewöhnen, das Lucy ihm gerichtet hat, er schläft bei mir. Das heißt, in der Nacht hast du uns Beide zum Kuscheln!

In Liebe,

Remus und Harry

Der Brief gab ihm Auftrieb und der Nachmittag ging ihm deutlich leichter von der Hand. Im Anschluss setzte er sich an den Schreibtisch, die Arbeiten mussten korrigiert und bewertet werden, und wenn er es schaffte, alles zu erledigen, konnte er das Wochenende wirklich frei genießen. Sonst müsste er einen Teil mitnehmen, und das wollte er vermeiden. Daher verpasste er das Abendessen und wurde vom Feuer in seinem Kamin aus seiner Konzentration gerissen. „Severus?“, kam die fragende Stimme von Dumbledore. „Bist du da?“

Der Tränkemeister ging um seinen Schreibtisch und kniete sich vor den Kamin. „Ja, bin ich.“, antwortete er.

„Alles in Ordnung? Wir wollten uns vor einer halben Stunde im siebten Stock treffen.“, erinnerte Albus.

„Verzeihung, Albus.“, entschuldigte sich Severus zerknirscht. „Ich habe beim Korrigieren offenbar die Zeit vergessen. Ich komme sofort.“

„Nein, schon gut, das läuft uns nicht davon. Suchen wir morgen. Am Freitag bist du dann nicht da, nehme ich an.“, gluckste der Schulleiter.

„In Ordnung, also morgen nach der Sperrstunde.“, bestätigte Severus. „Ja, ich will am Freitag nach dem Unterricht zu Remus und komme am Sonntag gegen Abend zurück. Aufsicht habe ich keine.“

„Natürlich. Also suchen wir morgen und dann am Sonntag wieder, wenn es sein muss. Ich werde mich mit dem Haus der Gaunts beschäftigen und sehen, ob ich etwas dazu herausfinde. Außerdem will ich meine Kontakte im Ministerium aushorchen, ob ich eine Möglichkeit finde, in das Verlies der Lestranges zu kommen und den Becher zu holen.“, gab der Weißhaarige zurück.

Da fiel Severus etwas ein, was seit dem gestrigen Tag an ihm nagte. „Albus, was meintest du gestern damit, dass alle in Askaban sind? Narzissa ist doch nicht gefangen, zumindest nicht in Askaban.“

„Habe ich das gesagt?“, grübelte der Schulleiter. „Möglich, aber daran erinnere ich mich nicht mehr genau. Mrs. Malfoy ist natürlich nicht in Askaban, aber sie können wir wohl nicht fragen, ob sie uns in das Haus ihres Cousins lässt, wenn wir Lucius Malfoy nicht misstrauisch machen wollen. Da war ich wohl ein wenig durcheinander.“

„Mir ist es auch erst in der Nacht aufgefallen, was genau du eigentlich sagtest.“, gestand der Tränkemeister leise.

„Du bist offenbar ein wenig erschöpft von der ganzen Geschichte.“, schmunzelte Albus. „Mach nicht zu lange mit deiner Arbeit, du siehst müde aus. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“, erwiderte Severus und der Schulleiter verschwand aus dem Feuer.

Der Schwarzhaarige erhob sich und rieb über seine Augen. Auch wenn er es dem Direktor gegenüber nicht zugegeben hatte, er war tatsächlich müde. Dennoch setzte er sich zurück an den Schreibtisch und korrigierte die Arbeiten zu Ende. Erst, als er gegen Mitternacht fertig war, ging er in seine Wohnräume und machte sich gleich bettfertig. Er war froh darüber, dass seine Schüler recht selbständig waren und ihn selten brauchten. Diesmal schien auch keiner seine spezielle Hilfe zu benötigen, daher hatte er zumeist Ruhe. Allerdings sah er mindestens einmal in der Woche im Gemeinschaftsraum nach, ob alles in Ordnung war. Das sollte er morgen machen, bevor er in den siebten Stock ging, nahm er sich vor.

Der Donnerstag begann ebenfalls mit dem Wecker. Es irritierte Severus, dass er nicht von selbst wach wurde, aber er versuchte, nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden. Nach einer schnellen Dusche zog er sich an und ging zum Frühstücken in die große Halle. Heute hatte er Hunger und er griff beherzt zu, Toast mit Schinken und Ei, dazu erneut Kräutertee. Den Kaffee hatte er nach dem ersten Schluck auf die Seite gestellt, er schmeckte ihm überhaupt nicht. Während des Unterrichts trank er heute mehr als sonst üblich und beschloss, dass er sehen musste, mehr zu schlafen. Diese kurzen Nächte taten ihm offenbar nicht gut.

Am Abend ging er pünktlich zur Sperrstunde in den Slytherin-Gemeinschaftsraum. Er kontrollierte die Zimmer und hatte nur an Wenigen etwas auszusetzen, seine Schüler wussten, dass er viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte. Nach etwa zwanzig Minuten verließ er den Bereich wieder, nachdem er seinen Schülern eine gute Nacht gewünscht hatte, und lief nach oben in den siebten Stock. So ganz klar war ihm nicht, was er dort erwarten sollte. Den Flur kannte er zwar, aber der war ziemlich leer, da oben gab es nur kahle Wände. Der Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten war der einzige Schmuck. Obwohl Schmuck sicher nicht ganz der richtige Ausdruck dafür war. Albus erwartete ihn schon. Fragend hob Severus seine Augenbraue.

„Hinter dieser Wand steckt eines der großen Geheimnisse von Hogwarts, ich habe einen Hinweis dazu von Remus erhalten. Der ‚Raum der Wünsche‘ oder auch der ‚Da und Fort Raum‘, wie ihn die Elfen nennen. Beides deutet auf die Funktion hin. Man muss sich genau das Richtige von dem Raum wünschen, dann macht er fast alles für dich. Braucht ihn niemand, ist er weg.“, erklärte Dumbledore. „Dann wollen wir mal sehen. Man läuft dreimal vor der Wand auf und ab und wünscht sich dabei genau, was man will.“

Severus beobachtete, wie der Weißhaarige dreimal vor der Wand auf und ab ging und dabei hochkonzentriert aussah. Plötzlich erschien eine Tür in der Wand, die einen Lidschlag zuvor nicht dagewesen war. Staunend stockte Severus einen Moment, währenddessen Albus bereits die Tür öffnete und Severus hinein winkte. Erst, als die Tür hinter ihnen geschlossen war, begann Albus wieder zu sprechen.

„Ich hoffe, der Wunsch von mir war präzise genug. Ich wollte den Raum, in dem Ravenclaws Diadem versteckt ist. Aber hier ist deutlich mehr als ein Diadem versteckt und wir haben leider keine Ahnung, wie es genau aussieht.“, seufzte der Direktor. „Ich schlage vor, wir nehmen uns jeder eine Reihe vor und untersuchen so den Raum nach und nach.“

„Wie wäre es mit einem Aufrufezauber?“, schlug Severus vor.

„Soweit ich weiß, blockiert der Raum diese Art Magie, aber versuchen wir es.“ Er zog seinen Zauberstab. „Accio Diadem von Ravenclaw.“ Nichts passierte, auch als sie einen anderen Aufrufezauber versuchten. Die Magie wurde einfach absorbiert. Also machten sie sich auf die Suche nach dem Schmuckstück, von dem sie nicht wussten, wie es aussah. Einzig, dass es aus Silber bestand, wurde in den Büchern übereinstimmend berichtet, ansonsten war nur bekannt, dass es verschollen war. Allerdings brauchten sie vermutlich eine Menge Glück, um hier etwas so Kleines zu finden. Der Raum war riesig, geschätzte fünfzehn mal zwanzig Meter, und das bei einer Deckenhöhe von über vier Metern. Regale standen Reihe um Reihe, die meisten von ihnen deckenhoch. Ab und zu stand auch ein geschlossener Schrank an den Mauern quer zum Verlauf der Regale. Alles war vollgestopft mit Krimskrams, alte Kleidung, Bücher, Spielsachen, Tierkäfige, sogar einige Skelette von seltsam erscheinenden Wesen sahen sie. Albus nahm sich die erste Reihe vor, also ging Severus in die zweite. Jedes Regalfach wollte durchsucht werden, sie hoben manche Dinge auf, weil sie nicht sehen konnten, was darunter war. Ein Diadem war nicht besonders groß, es konnte leicht übersehen werden, und das wollten sie auf keinen Fall riskieren.

Nach knapp drei Stunden hatten sie die ersten beiden Reihen geschafft und entschieden, Schluss für heute zu machen. Albus wollte am Wochenende, so er keinen anderen Termin bekam, alleine eine Reihe durchsuchen, am Sonntagabend wollten sie sich dann wieder treffen und gemeinsam weitersuchen. Kurz überlegten sie, noch jemanden ins Vertrauen zu ziehen, doch sie trauten niemandem genug, um das Risiko einzugehen. Es würde noch schwer genug werden, herauszufinden, wie sie an den Becher und das Medaillon kämen, aber das hier konnten sie alleine schaffen.

 

Am späten Freitagnachmittag packte Severus dann seine Tasche und stieg ins Feuer in Richtung São Jorge. Das Klima dort war gleichbleibend mild, so viel wusste er. Auch, dass die Insel vulkanischen Ursprungs war und damit wahrscheinlich eine reiche Vegetation hervorbrachte. Das war es aber auch schon. Er kam im Wohnzimmer der Großtante von Albus an und wurde von einem „Daddy Sev!“ begrüßt. Er konnte gerade eben seine Tasche fallen lassen, da warf sich Harry bereits in seine Arme. Der Junge sah nach den wenigen Tagen tatsächlich schon viel besser aus.

„Hallo mein Kleiner!“, lächelte Severus ihn kurz an. Dann sah er auf. „Hallo Remus!“, grüßte er seinen Ehemann warm. Remus kam zu ihm und gab ihm einen kurzen Kuss, bevor er sich umwandte und auf eine ältere Dame wies, die in der Tür stand. „Sev, das ist Lucy Kilmer, Albus' Großtante. Lucy, das ist Severus Snape-Lupin, mein Ehemann und Harrys zweiter Dad.“

„Hallo Severus. Ich hoffe, du hast nichts gegen diese persönliche Anrede, aber Remus und Harry haben mir so viel von dir erzählt, dass ich das Gefühl habe, dich schon lange zu kennen. Nenn mich bitte Lucy.“, reichte ihm die Frau mit den weißen Haaren und den gleichen blauen Augen, wie sie Albus hatte, die Hand. „Willkommen in meinem Haus.“

„Vielen Dank … Lucy.“ Die persönliche Anrede ging ihm nicht so leicht über die Lippen, aber ihr warmes Lächeln zeigte ihm, dass sie sich darüber freute, wenn er sie so ansprach.

„Daddy Sev, gehen wir zum Meer?“, bettelte Harry.

„Er kann es kaum erwarten, dir den Strand zu zeigen!“, schmunzelte Remus. „Es ist nicht weit. Aber Harry, wir sollten vorher zumindest die Tasche ins Schlafzimmer bringen, oder?“

Schmollend nickte der Fünfjährige und ließ sich wieder auf den Boden setzen. Remus zeigte Severus schnell, wo sie schliefen und wo das Bad war, dann gingen sie, ihre Schuhe anzuziehen. Harry versuchte es selbst und schaffte es fast, aber den Verschluss der Sandalen brachte er nicht alleine zu, da musste Severus helfen, der seine Schuhe noch anhatte. Mit Harry zwischen sich gingen Severus und Remus dann zum Strand hinunter. Es waren nur ein paar Minuten, dann hatten sie den Sand unter ihren Füßen. Severus sah sich um, vor sich das weite Meer, hinter sich Hügel und sogar Berge, wie es aussah. Ja, hier konnte man sich wohlfühlen, das verstand sogar der sonst so kühle Tränkemeister.

In dieser Nacht schliefen sie alle drei tief und fest. Harry lag zwischen seinen Daddys und fühlte sich absolut sicher. Die Angst und Unsicherheit, die ihn lange begleitet hatten, waren beinahe wie weggeblasen seit der Adoption. Es schien, als hätte sich mit seinem Nachnamen auch Harrys Angst verabschiedet. Nun, nicht vollständig, aber es ging ihm deutlich besser. Auch wenn die Erwachsenen sicher waren, dass sie immer wieder Reste dieser Angst entdecken würden. Wahrscheinlich würde er immer scheu und zurückhaltend bleiben, aber das war nicht schlimm.

Am Samstag machten sie einen Ausflug zum Parque da Silveira, wo sie auf Wild trafen, das Harry füttern und streicheln konnte. Bei Tieren hatte er komischerweise keinerlei Berührungsängste und Severus überlegte, ob sie nicht ein Haustier für Harry besorgen sollten. Doch das kam erst in Frage, wenn sie wieder zuhause waren, und es war nicht abzuschätzen, wie lange das dauerte. Remus war der Idee nicht ganz abgeneigt und sie entschieden, später noch genauer darüber nachzudenken. Gegen Mittag packten sie einen Korb mit Grillgut aus und schürten ein Feuer in einer der vielen Grillstellen. In der folgenden Nacht schlief Harry erneut tief und fest, er war sichtlich müde von dem Ausflug, daher ließen sie es am Sonntag ruhiger angehen und legten sich bis Mittag an den Strand, gingen zum Mittagessen zurück zu Lucy, die sich offensichtlich über Gesellschaft freute. Der Abschied am Nachmittag fiel allen schwer, aber Severus musste zurück nach Hogwarts und versprach, jedes dienstfreie Wochenende zu kommen. Die kommende Vollmondnacht würde Harry bei Severus in Hogwarts verbringen und Remus konnte dann im Wald laufen. In wenigen Tagen musste Severus wieder Wolfsbann brauen.

Den Sonntagabend verbrachte Severus erneut im Raum der Wünsche mit Albus, sie durchsuchten Gang vier und fünf, jedoch wieder erfolglos. Während der Suche plauderte Albus entspannt über alles Mögliche, Severus hörte nicht sehr aufmerksam zu, da keine Antworten gefordert waren. Doch schließlich horchte er auf. „Ich habe mit Alastor Moody gesprochen. Ihm traue ich insoweit, dass er sicher nie auf der Seite von Riddle war. Er meint, vielleicht gäbe es da eine Gesetzeslücke, die es uns ermöglicht, das Verlies der Lestranges zu durchsuchen. Allerdings ist das nicht sicher, er forscht nach.“, erzählte Albus. „Ich bin am Überlegen, die Kobolde einzuweihen. Vielleicht helfen sie uns auch, wenn sie wissen, worum es geht. Wir würden nur den Horkrux in dem Becher zerstören, wahrscheinlich sogar ohne dass der Becher dabei Schaden nimmt, das würde zumindest ihre Prinzipien nicht verletzen, denn wir entwenden nichts. Allerdings wird der Preis, den sie für diesen Gefallen verlangen, hoch sein.“

„Hast du bereits eine Idee, wie wir in das Black-Haus kommen, um das Medaillon zu suchen? Das wird sicher ebenso schwer wie hier werden, es zu finden.“, gab Severus zu bedenken.

Dumbledore seufzte. „Ja, mein Junge, wir haben uns keine leichte Aufgabe gesucht. Aber wenn wir verhindern wollen, dass Voldemort zurückkommt, dann müssen wir alle Horkruxe finden und auch vernichten. Wobei ich noch immer nicht weiß, wie wir an Basiliskengift kommen. Ich höre mich um und habe bereits einen Kleinganoven darauf angesetzt, vielleicht bekommt er etwas davon auf dem Schwarzmarkt. Manche alte, schwarz-magische Familien sollen auch etwas haben, aber das wird niemand zugeben, immerhin ist es verboten und wird mit mehreren Jahren Askaban bestraft.“

Diesmal machten sie um kurz vor elf Uhr nachts Schluss und gingen unverrichteter Dinge wieder in ihre Räume, um zu schlafen. Die Woche würde erneut lang werden.

Die Zeit verging und sie kamen nicht weiter. Inzwischen war es kurz vor den Weihnachtsferien, Remus brauchte erneut Wolfsbann. Dumbledore hatte weder von Moody noch von dem Kleinganoven etwas gehört und nun einen Brief an Andromeda Tonks geschrieben, die Schwester von Narzissa Malfoy und Bellatrix Lestrange. Auch wenn sie von ihrer Familie verstoßen worden war, sie war doch eine geborene Black und hatte möglicherweise Zugang zu dem Haus am Grimmauldplatz in London. Severus alias Raven hatte das Tagebuch in den letzten Wochen nicht in die Hand genommen, da sie nichts Neues hatten und genug Informationen, mit denen sie möglicherweise jahrelang arbeiteten. Gerade kam er wieder von Lucys Haus, wohin er den Wolfsbann für Remus gebracht hatte, als es an seiner Tür klopfte. Er öffnete und ließ den Schulleiter herein. „Albus.“, grüßte er ihn.

„Guten Abend, Severus.“, lächelte der Weißhaarige. „Ich habe endlich einen kleinen Fortschritt zu verbuchen! Ich habe herausgefunden, wo das Haus der Gaunts steht. Bist du am Wochenende hier oder auf São Jorge?“

„Ich habe Aufsicht und Remus verwandelt sich. Ich bin hier, aber Harry auch.“, antwortete Severus.

„Nun gut, dann sollten wir das vielleicht vorher noch machen, ich will nicht bis nach Weihnachten warten. Ich habe so ein Gefühl von Dringlichkeit.“, gestand Albus.

„Ich habe morgen Nachmittag keinen Unterricht.“, bot Severus an. „Ich muss nur rechtzeitig zurück sein, um Wolfsbann brauen zu können. Den bringe ich Remus gegen acht Uhr abends, dann schläft Harry schon. Unser Kleiner soll vorerst nichts davon wissen.“

„Treffen wir uns dann morgen nach dem Mittagessen?“, schlug der Direktor vor und Severus nickte zustimmend. „Geht's dir gut, Severus? Du siehst irgendwie blass aus?“, fragte Albus dann noch besorgt.

„Ich denke, ich werde heute Nacht ein wenig länger schlafen, die letzten Nächte waren zu kurz.“, gab Severus widerstrebend zu.

„Nun gut, dann wünsche ich dir eine gute Nacht und erholsamen Schlaf!“, lächelte der Schulleiter und verabschiedete sich.

 

Am nächsten Tag fühlte sich Severus, obwohl er bereits um kurz vor zehn Uhr eingeschlafen war, noch nicht wirklich besser und überlegte, ob er nicht vorbeugend einen Trank gegen Grippe nehmen sollte, denn es schien ihm wie eine beginnende Erkältung oder Grippe zu sein. Er war müde und antriebslos, unkonzentriert und manchmal schwindelig. Dennoch ging er nach dem Mittagessen mit Albus. Sie disapparierten hinter dem Tor, wobei der Schwarzhaarige dem Älteren erneut die Führung überließ.

„Wo genau sind wir?“, wollte er wissen, als sie angekommen waren.

„In der Nähe von Little Hangleton und Great Hangleton. Das Haus der Gaunts steht dort hinten im Wald. Gehen wir, bevor noch jemand auf uns aufmerksam wird.“, erklärte Albus.

Sie schritten in den Wald hinein, wobei der Tränkemeister vorsichtshalber mit einem Zauber ihre Spuren im Schnee verschwinden ließ. Nach einigen Metern standen sie plötzlich vor einem kleinen, verfallenen Haus. Wobei Ruine den Zustand des Hauses besser beschrieb. Die Tür war aus den Angeln gerissen, das Dach halb eingefallen und die Außenwände komplett von Efeu überwuchert. Vorsichtig näherten sie sich der Tür und wirkten einige Zauber, die sicherstellen sollten, dass sie alleine waren und keine Fallen auf sie warteten. Sie konnten nur wenig Magie ausmachen, aber die konzentrierte sich im Inneren des Hauses an einer Stelle an der Rückwand. Daher betraten sie das Haus mit gezückten Zauberstäben. Es war ein großer Raum, eine Art Wohnküche. An einer Seite gingen zwei Türen ab, die beide nicht mehr schlossen, dahinter verbargen sich Schlafräume, auf der anderen Seite waren ein Bad und ein weiterer, kleiner Schlafraum. 

„Dort hinten!“, wisperte Albus und deutete auf die Küchenzeile. „Es muss hinter dem Ofen sein, denke ich.“

Um sicherzugehen schoben sie den Ofen mit Muskelkraft auf die Seite, nicht riskieren wollend, dass Magie sich veränderte aufgrund der Banne, die offenbar über dem Horkrux waren. Sie konnten die Magie deutlich spüren. Gefährliche Banne lagen auf dem Ring, die mussten sie erst lösen, bevor sie den Horkrux an sich nehmen konnten. Severus schauderte kurz angesichts der Tatsache, wie viele Morde nur allein deswegen passiert sein mussten. Nur damit Riddle seine Seele spalten konnte, um damit so nahe an die Unsterblichkeit zu kommen, wie es möglich war. Als der Ofen endlich auf der Seite war, lag ein glattes Mauerstück vor ihnen, doch sie konnten spüren, an welcher Stelle die Nische sein musste. Mit einem Zauber untersuchte Albus die Stelle, ein Zauber, der Severus völlig unbekannt war. Ein kleiner Teil der Wand leuchtete daraufhin kurz silbrig auf.

„So primitiv!“, kam es leise von Albus. „Er vertraut viel zu sehr darauf, dass Menschen sich nicht verletzen wollen, doch ein paar Tropfen Blut schwächen uns nicht.“

Zum zweiten Mal schnitt er sich mit einem Messer in die Handfläche und drückte einige Tropfen seines Blutes auf die Stelle an der Wand, die vorher gestrahlt hatte. Sie leuchtete erneut auf und dann verschwand ein Stück Mauer. Eine einfache Illusion. Jetzt war die Nische frei, nur noch von Bannen geschützt. Gemeinsam wirkten die beiden Zauberer einige Gegenflüche, dann wollte Albus hineingreifen.

„Nicht!“, warnte Severus. Er zog ein Paar Drachenlederhandschuhe aus seinem Umhang und griff damit dann in den schmalen Spalt. „Das sollte schützen, wer weiß, was da noch drauf ist.“

Albus nickte anerkennend und gemeinsam beäugten sie den Ring, der auf Severus' Handfläche lag, als er seine Hand zurückzog. Ein schlichter Ring aus Gold mit einem schwarzen Stein. Auf dem Stein konnte man vage einige Striche erkennen, sicherlich war das einst deutlicher gewesen, wahrscheinlich ein Wappen. Einige Zauber später war klar, dass Severus' Ahnung ihn nicht getrogen hatte, der Ring war mit einem Fluch belegt, der denjenigen, der ihn mit bloßer Haut berührte, langsam und qualvoll töten würde. Vorsichtig wickelte Severus ihn in einen Handschuh ein und Albus steckte ihn in seinen Umhang, um ihn dann in seinem Tresor zu sichern. So lange sie nichts hatten, um die Horkruxe zu vernichten, mussten sie sie gut geschützt aufheben.

Sie apparierten zurück nach Hogwarts, gingen vom Tor in Richtung Portal. Schneefall hatte eingesetzt und Severus fror, obwohl er einen Wärmezauber auf sich legte. Er freute sich auf das Feuer in seinem Labor, denn er musste sich bald an den Wolfsbann machen.

„Ich nehme den Ring mit, du bist in deinem Labor?“, fragte Albus schließlich an der großen Treppe.

„Ja, ich braue Wolfsbann, und Poppy wird bald Erkältungstränke brauchen, davon sind vermutlich nicht mehr viele da.“, erwiderte Severus.

„Ich komme dann später eventuell noch mal zu dir, sollte ich etwas erfahren wegen der anderen … Artefakte.“, informierte der Direktor seinen Tränkemeister.

Schüler liefen um sie herum, es war gerade Zeit zum Abendessen. Die Kinder sollten nicht wissen, wovon die beiden Erwachsenen sprachen, das wäre nicht gut, wenn es sich verbreitete. Also verabschiedete sich Severus, er wollte sich einen Imbiss von den Hauselfen bringen lassen, sobald die Tränke soweit waren, dass er sie einige Zeit alleine lassen konnte. Und ein heißer Tee wäre jetzt auch sehr angenehm, überlegte er.

Zwei Stunden später füllte er die Erkältungstränke für die Heilerin ab und der Wolfsbann war ebenfalls fast fertig. Eine Hauselfe hatte ihm einen Kartoffelsalat und Schnitzel dazu gebracht und mit einem vollen Magen und einer Kanne heißem Kräutertee fühlte er sich deutlich besser als zuvor. Das flaue Gefühl war weg und er freute sich auf Remus. Auch wenn sie nur wenig Zeit miteinander verbrachten, aber wenn Harry fest genug schlief, konnten sie eine Weile in Lucys Wohnzimmer sitzen und reden.

Als der Wolfsbann fertig war, schöpfte er ihn ab in einen Kelch und trat an seinen Kamin. Mit Hilfe von Flohpulver war er in wenigen Augenblicken auf den Azoren. Remus erwartete ihn bereits und verzog das Gesicht in Anbetracht des Kelches, den Severus in der Hand hatte. Am Geschmack hatte er bisher nichts ändern können, auch wenn er es immer wieder versuchte. Bisher aber leider nicht erfolgreich. Der Dunkelblonde hielt sich die Nase zu und kippte den Trank hinunter, schüttelte sich dann und ließ sich auf das Sofa sinken.

„Danke, Sev.“, grinste er jungenhaft und reichte ihm den Becher wieder. „Du siehst besser aus als gestern. Gut geschlafen?“

„Ging so, aber dieses flaue Gefühl ist endlich weg. Die Hauselfen haben mir vorhin Essen gebracht und Tee, seither geht es mir besser.“, gestand Severus. „Ich war heute mit Albus im Haus der Gaunts, wir haben den Ring!“

„Wow!“, entfuhr es Remus lauter als beabsichtigt. Schnell senkte er seine Stimme wieder. „Das ist Wahnsinn! Aber was ist mit den Anderen?“

„Von der Schlange wissen wir nicht, wo sie ist, nach dem Diadem suchen wir noch immer, dieser Raum ist so wahnsinnig groß und gefüllt. Allerdings sollten wir es bis kurz nach Weihnachten schaffen, denn so viel Regale sind nicht mehr übrig zum Durchsuchen.“, berichtete Severus, nachdem er einen Stillezauber gewirkt hatte. „Albus arbeitet daran, dass wir möglicherweise in das Verlies der Lestranges kommen und dort den Horkrux im Becher zerstören können. Und dann ist noch das Medaillon, das vermutlich von Regulus Black gestohlen wurde. Wir wissen allerdings nicht, wie wir in das Black-Haus in London kommen, dort wollen wir danach suchen. Vielleicht kann Andromeda Tonks uns helfen, Albus versucht das jedenfalls.“

„Das könnt ihr leichter haben.“, verriet Remus. „Sirius hat es damals so eingerichtet, dass ich jederzeit ins Haus kann. Er meinte, dass ich dann immer ein Dach über dem Kopf habe, denn für ihn allein war das Haus immer zu groß. Allerdings war ich nicht mehr da, seit … Du weißt schon. Ich konnte es einfach nicht, weil ich so enttäuscht von ihm bin.“

Severus schloss ihn in die Arme, als er die Welle aus Trauer und Enttäuschung spürte, die von Remus ausging. Wie ein Ertrinkender klammerte sich Remus an seinen Mann und küsste ihn intensiv und verlangend. „Hier? Jetzt?“, keuchte Severus, als er sich kurz lösen konnte.

„Lucy ist nicht hier, sie ist ein paar Tage bei ihrer Nichte auf dem spanischen Festland.“, grinste Remus. „Unser Kleiner schläft tief und fest!“

 

In dieser Nacht kam Severus ziemlich spät zurück in seine Räume, oder eher ziemlich früh. Gegen halb zwei Uhr morgens fiel er ins Bett, fühlte sich aber besser als die letzten Wochen, Remus wusste genau, wie er ihn behandeln musste, damit es ihm gut ging. Erfrischt ging er am Morgen frühstücken und war so konzentriert im Unterricht wie seit Wochen nicht mehr.

„Hattest du einen schönen Abend?“, fragte ihn Albus in der großen Halle. „Ich war noch bei dir, aber du warst nicht da.“

„Ich habe den Wolfsbann abgeliefert und weiß nun, wie wir in das Haus kommen. Remus kann hinein.“, flüsterte Severus, sodass es sonst niemand hören konnte.

Die Augen des Schulleiters weiteten sich. „Das ist … großartig! Ich hatte schlechte Nachrichten, Mrs. Tonks hat sich bei mir gemeldet, sie kann nicht hinein, da sie mit allen Konsequenzen verstoßen wurde. Aber ihre Tochter kommt im Herbst in die Schule, das wird sicher interessant, sie ist ein Metamorphmagus.“

„Salazar steh uns bei.“, seufzte Severus theatralisch. „Als wären die beiden Weasleys nicht schlimm genug.“

Albus gluckste, sagte aber nichts dazu. Er mochte die Rothaarigen, aber Severus war meist das Ziel ihrer Streiche, auch wenn man ihnen nie etwas nachweisen konnte. Noch nicht, der Tränkemeister arbeitete daran. Wobei es bisher erstaunlich ruhig war, es gab noch keinen Vorfall, zumindest keinen, der ihm bekannt war. „Suchen wir heute noch einmal? Oder kommen Remus und Harry schon Nachmittag?“, wollte er noch wissen.

„Sie kommen nach dem Mittagessen, Remus will sich noch ausschlafen, damit er nachts fit ist.“, wusste Severus.

„Gut, dann suchen wir am Sonntagabend weiter.“, entschied Albus. „Und in den Ferien gehen wir nach London.“

Severus nickte nur. Er hatte nicht mehr viel Zeit und musste noch etwas vorbereiten für die erste Stunde, daher verabschiedete er sich nun von seinen Kollegen und ging zurück in die Kerker. Die siebten Klassen hatten heute die ersten Stunden bei ihm, alle vier Häuser gemeinsam, da nicht viele im Elitekurs waren. Mit ihnen wollte er heute einen Trank brauen, der die Sinne für eine gewisse Zeit verstärkte. Wenn sie es schafften, dann war er pünktlich zu Weihnachten fertig, das Festessen würde dann sicher noch intensiver riechen und schmecken, die Geschenke wären noch ansprechender, wenn sie alle Sinne betörten. Das hatten sie sich gewünscht, da er ihnen einige Projekte angeboten hatte, denn sie waren fleißig gewesen seit September und es hatte keinen einzigen Unfall gegeben. Das hier war nun ihre Belohnung, er hoffte, es würde sie motivieren, fleißig weiter zu lernen.

Wie erwartet waren die sieben Schüler aus der siebten Klasse konzentriert bei der Sache und schon bald füllten bunte Dampfwolken den Klassenraum. Bisher sah alles gut aus, zwar waren die Schüler unterschiedlich schnell, aber die einzelnen Tränke sahen perfekt aus. Die schnelleren Schüler bremste er schließlich ein wenig, damit sie nicht zu weit auseinander kamen, sie sollten einigermaßen gleichzeitig fertig werden. Am Ende mussten sie alle einen Stasiszauber wirken, damit sie in der nächsten Stunde weiterarbeiten konnten. Bis zu den Ferien hatte er noch zwei Doppelstunden mit diesem Kurs, das würde genau ausreichen. Zufrieden verließen die Sieben schließlich das Klassenzimmer. Auch der restliche Tag verlief unfallfrei und Severus beeilte sich, in seine Räume zu kommen. Remus und Harry waren sicher schon da.

„Daddy!“, begrüßte Harry Severus, als er nach dem Unterricht die Tür aufmachte.

Schmunzelnd nahm Severus ihn auf den Arm. „Na, Harry? Wie geht's dir?“

„Hab dich misst.“, erklärte Harry ernst.

„Du hast mich vermisst?“, hakte Severus nach und der Kleine nickte. „Ich dich auch, mein Kleiner. Was denkst du, korrigieren wir noch ein paar Aufsätze zusammen, damit Daddy Remus schlafen kann?“

„Helfen!“, forderte Harry, und Severus setzte ihn an den Schreibtisch, nachdem er einen Hochstuhl gezaubert hatte. Er reichte ihm ein wenig Pergament und eine Feder. Irritiert sah der Fünfjährige die Feder an und beobachtete dann seinen Vater. Der war sich der Blicke nur zu bewusst. Jetzt erst kam er dazu, Remus zu begrüßen, der die Interaktion der beiden Schwarzhaarigen amüsiert beobachtet hatte. Sie umarmten und küssten sich, dann merkte Severus an: „Leg dich hin, du siehst müde aus. Ich kümmere mich um Harry. Und nachher brauen wir für dich.“

„Danke, Sev.“, gähnte Remus. Die Nacht war Vollmond angesagt, da musste er sich ein wenig ausruhen; trotz Wolfsbann bekam er die Erschöpfung kaum in den Griff und die letzten Tage war er mit Harry beschäftigt gewesen. „Viel Spaß, Harry!“

„Schlaf gut Daddy!“, wünschte Harry leise.

„Danke mein Engel!“, lächelte Remus, dann ging er ins Schlafzimmer und würde sicher ein paar Minuten später schon tief und fest schlafen.

Severus setzte sich nun an seinen Schreibtisch, sodass Harry genau sehen konnte, was er machte. Er griff nach seiner Feder, schob das Tintenfass so, dass auch Harry daran kam, tauchte die Feder ein und arbeitete sich durch den ersten Aufsatz, strich die Fehler an und schrieb Bemerkungen an den Rand, auch wenn er wusste, dass die meisten Schüler nur die Note lasen, die er oben in die rechte Ecke schrieb. Heimlich beobachtete er Harry, der sehr ernst wirkte, während er auch immer wieder mit der Feder in die Tinte tauchte und damit auf seinem Pergament zeichnete. „Möchtest du auch andere Farben?“, bot Severus irgendwann an. „Ich habe nicht nur rot, sondern auch schwarz, blau und grün.“

Mit großen Augen sah Harry ihn an und Severus konnte die Aufregung sehen, doch der Kleine sagte nichts. Also holte Severus die anderen Farben einfach dazu und stellte sie offen vor Harry hin. Mit einem kurzen stab- und wortlosen Zauber stellte er sicher, dass der Fünfjährige die Farben nicht mischen konnte. Absichtlich würde er das sicher nicht machen, aber wenn er die Feder mal da und mal dort eintauchte, dann passierte es schnell. Mit dem Zauber blieben die Farben da, wo sie hin sollten. Bald war Severus mit seinem Stapel fertig und genoss es, Harry beobachten zu können. Er zeichnete außergewöhnlich sauber und konzentriert, es sah nicht aus wie das Werk eines Fünfjährigen. Nach und nach wurde klar, was Harry malte: zwei große Figuren, eine davon mit schulterlangen Haaren und einem Umhang, die andere in Hose und T-Shirt und mit ein paar Bartstoppeln. Dazwischen eine kleinere Gestalt mit wirr abstehenden Haaren. Die großen Figuren hielten die kleinere Gestalt an den Händen und alle drei lächelten, während sie wohl am Strand spazieren gingen. Jedenfalls waren Wellen und Schiffe im Hintergrund angedeutet und die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. „Fertig.“, beschloss er schließlich und zeigte es Severus.

„Sehr gut, Harry.“, lobte der Tränkemeister. „Das kann man genau erkennen, wir Drei gehen am Strand spazieren. Das hat dir gut gefallen.“ Harry nickte. Er wirkte müde. „Komm her, mein Kleiner.“, hob Severus ihn schließlich aus dem Hochstuhl und setzte sich mit ihm auf das Sofa. „Magst du etwas essen? Soll ich dir einen Joghurt bringen lassen?“

Erneut nickte Harry. „Mit Erdbeeren?“, wollte er wissen.

Jetzt war es an Severus, zu nicken. „Nicht erschrecken!“, warnte er Harry. Dann klatschte er kurz und eine Hauselfe erschien, was einen Schrei bei Harry auslöste. Severus nahm ihn fester in den Arm und sprach ganz ruhig: „Das ist eine Hauselfe, sie arbeiten hier in Hogwarts, Harry.“, erklärte er, dann wandte er sich an die Elfe. „Bring mir bitte einen Erdbeerjoghurt für Harry und einen Obstsalat. Dazu eine Tasse warmen Kakao und eine Kanne Kräutertee. Nachher Abendessen für zwei Erwachsene und ein Kind, aber erst gegen sieben Uhr.“

Die Elfe verbeugte sich und piepste: „Kommt sofort, Professor Snape-Lupin, Sir!“ Schon war sie wieder verschwunden und tauchte kurz danach mit dem Gewünschten wieder auf. Severus bat darum, es auf den Wohnzimmertisch zu stellen.

Sie aßen in Ruhe, wobei Harry auf dem Schoß seines Vaters blieb, dann gingen sie ins Labor. „Möchtest du mir helfen, Harry, oder nur zusehen?“, wollte er wissen.

„Schauen.“, entschied Harry, dem die vielen Dinge im Labor unheimlich waren. Hier in Hogwarts wirkte es gruselig, da es kein Fenster hatte. In Spinners End waren zwar auch nur Kellerfenster gewesen, aber zumindest war es viel heller dort. Hier machte das Labor Harry ein wenig Angst, aber er wollte es nicht zeigen. Allerdings fiel Severus auf, dass Harry dicht bei ihm blieb. Er hob ihn hoch und setzte ihn auf die Arbeitsplatte. Mit einem Aufrufezauber holte er den Kuschelwolf aus dem Kinderzimmer, wo Harrys Tasche stand, und drückte ihn dem Jungen in die Hand. Der Kessel war bereit, aber erst einmal mussten Zutaten hergerichtet werden.

Während Severus schnitt, schälte und zerdrückte, sah Harry ihm aufmerksam zu. Bald brodelte der kleine Kessel auf dem Feuer und Severus erwischte sich dabei, wie er Harry die ersten Lektionen zu verschiedenen Zutaten gab: „Das ist geriebenes Horn von einem Einhorn, es stärkt die Widerstandskraft gegen dunkle Magie. Man muss es sehr vorsichtig dosieren, es ist schwer zu bekommen und sehr wirkintensiv. Hier haben wir Murtlap-Essenz, die dient der Stärkung der Abwehr und Schmerzlinderung bei magischen Verletzungen. Wolfswurz wird auch Eisenhut genannt, das ist eine der wichtigsten Zutaten in diesem Trank. Außerdem noch Mondstein und Tentakelsamen, aber dabei muss man sehr vorsichtig sein, denn diese Tentakelsamen sind sehr giftig und nur ausgebildete Zaubertränkemeister dürfen sie kaufen und verwenden.“

Harry hörte sehr aufmerksam zu und schien alles in sich aufzusaugen. Severus erklärte ihm, dass es wichtig war, in welche Richtung man wann rührte und wie schnell das passierte. „Rührt man falsch, kann man die Wirkung eines Trankes ins Gegenteil verkehren, so haben sich schon manche Zauberer versehentlich vergiftet, wenn sie einen Heiltrank falsch herum gerührt haben.“

Gegen kurz vor sieben Uhr war er fertig und füllte den Trank um in einen Becher. „So, jetzt auf zu Remus, er muss ihn ganz frisch trinken, damit es ihm bald wieder besser geht.“, verkündete Severus.

„Daddy Sev, ist Daddy Remus krank?“, fragte Harry ängstlich.

„Es geht ihm bald wieder gut, keine Angst, Harry. Er ist nicht krank, aber der Mond macht ihn schwach und müde, darum bekommt er den Trank immer vor Vollmond von mir.“, erklärte Severus. Lange würden sie es vor Harry wohl nicht mehr verheimlichen können, der Kleine hatte sich in der Zeit bei den Dursleys angewöhnt, auch Kleinigkeiten genau aufzunehmen und zu analysieren. Und doch war es jetzt noch zu früh für Harry. Er sollte keine Angst haben.

Sie brachten Remus den Trank, der ihn so schnell wie möglich schluckte, dabei versuchte, sich die Abscheu nicht anmerken zu lassen. Natürlich merkte es Harry trotzdem. „Schmeckt nicht gut?“, fragte er.

„Nein, nicht wirklich. Aber es hilft, dass es mir besser geht.“, antwortete Remus ein wenig kläglich. „Komm, essen wir.“

Nach dem Essen legte sich Severus mit Harry ins Bett, las ihm noch eine Geschichte vor, dann machten sie das Licht zum Schlafen aus. Harry akzeptierte die Erklärung, dass Remus nicht bei ihnen war, weil er Ruhe brauchte. Aber, wie lange würde das noch gut gehen? Unruhig schlief Harry, träumte wohl nicht besonders gut, denn er schreckte immer wieder hoch und klammerte sich dann an Severus. Erst, als Remus gegen kurz nach Sonnenaufgang zu ihnen kam, wurde Harry ruhiger und schlief noch einmal ein paar Stunden. Zum Mittagessen saßen sie dann in der Küche. Remus wirkte müde, aber war zumindest unverletzt. Ein wenig schwerfällig vielleicht, weil er Muskelkater hatte. Daher ließen sie ihn am Nachmittag in der Badewanne liegen und gingen ins Dorf, damit sie ein Weihnachtsgeschenk für ihn kaufen konnten.

Am Sonntag reisten sie gemeinsam nach São Jorge, wo sie noch ein paar Stunden am Strand und im Garten von Lucy verbrachten, bevor Severus wieder zurück nach Hogwarts musste. In einer knappen Woche begannen die Weihnachtsferien, dann kam Severus wieder zu ihnen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Ursprünglich hatten sie nach Spinners End gehen wollen, aber am Freitag und Samstag hatten sie gemerkt, dass Harry wieder Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte, daher entschieden sie nun anders. Lucy hatte es ihnen angeboten, denn sie war bei ihrer Nichte und würde dort wahrscheinlich noch bis in den Januar hinein bleiben. Remus kümmerte sich – aus Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft – um den Garten und einige Arbeiten im Haus, so waren beide Seiten rundum zufrieden. Harry war ziemlich traurig, als sich Severus kurz vor dem Abendessen verabschiedete.

„Nur noch vier Tage, dann bin ich fast zwei Wochen hier bei euch.“, versprach Severus ihm. „Hilfst du Daddy Remus inzwischen, einen Baum zu finden und zu schmücken? Ich schicke euch unseren Weihnachtsschmuck.“

„Okay, Daddy Sev.“, antwortete Harry traurig. „Hab dich lieb.”

„Ich hab dich auch lieb, Harry.“, murmelte Severus in die schwarzen Haare, als er seinen Sohn noch einmal hochhob. „Bis bald, mein Kleiner.“

Zurück in Hogwarts meldete er sich bei Albus und sie trafen sich erneut vor dem Raum der Wünsche. Zwei Stunden später waren sie schon dabei, es für heute aufzugeben, als Severus sich dem Schrank an der Querwand zuwandte. Er öffnete die Tür und spürte eine unheimliche Kälte, die sich ausbreitete. „Hier scheint etwas zu sein.“, merkte er an, bevor er die Tür noch ein wenig weiter öffnete, um Licht hinein zu lassen.

Albus kam zu ihm und sie wandten sich dem Inneren des Schrankes zu. Nicht zum ersten Mal waren sie in einer derartigen Situation, viele schwarz-magische Objekte verbreiteten Kälte, wenn man in ihrer Nähe war. Aber bisher waren sie nicht auf einen Horkrux gestoßen. Doch diesmal schien es anders zu sein. Sie konnten nicht sagen, was anders war, aber das Gefühl war da, dass es diesmal nicht nur ein einfaches, schwarz-magisches Objekt war. Beide griffen gleichzeitig in ihre Umhänge und zogen drachenlederne Handschuhe heraus. Mit diesen schützten sie ihre Hände, bevor sie in den Schrank griffen. Langsam zogen sie die Hände mit dem Objekt zurück.

Nach und nach konnte man erkennen, dass es sich um einen zierlichen Reifen handelte, der aus Silber gefertigt zu sein schien. Einige Edelsteine waren eingefasst im breiten Teil und um den Rand war Schrift graviert, fein und kaum lesbar. „Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.“, las Severus vor. „Das ist es.“

„Ja, das ist es.“, stimmte Albus zu. „Wir haben wieder einen in unserer Hand. Es wird langsam. Aber wir haben dennoch viel Arbeit noch vor uns.“

„Weihnachten werden wir auf São Jorge feiern, aber am Ende der Ferien kommen wir her, dann können wir nach London gehen. Ich denke, Remus kann es dann so einrichten, dass wir ihn nicht ständig brauchen, um hineinzukommen.“, verriet Severus nach einigen Minuten Stille.

Albus nickte. „Das ist wirklich die beste Lösung. Ich bin froh, dass es so klappt. Das Diadem packe ich nicht zu dem Ring und dem Tagebuch, ich denke, es ist besser, wenn wir sie getrennt aufbewahren.“ Severus nickte dazu. „Die nächsten Tage lassen wir es entspannt angehen, dann genießt du Weihnachten. Euer erstes Fest zu dritt, das ist etwas Besonderes.“

Severus erwiderte nichts, lieber ging er zurück in seine Wohnräume. Erneut war ihm ein wenig flau, aber er schob es darauf, dass er seit Mittag nichts mehr gegessen hatte und es nun schon fast zehn Uhr abends war. Er musste sich unbedingt regelmäßigeres Essen angewöhnen, wie es aussah. Obwohl ihm das bisher nichts ausgemacht hatte, aber irgendetwas hatte sich verändert. Zurück in den Kerkern ließ er sich einige Sandwiches bringen und aß sie, während er in einem Buch über magische Wesen blätterte.

Unterbrochen wurde er nur von einem Flohanruf von Lucius. „Severus? Ich möchte mich entschuldigen, sollte ich dich in Bedrängnis gebracht haben.“, begann der Blonde. „Es war nicht meine Absicht, aber du weißt, dass ich mich auf dich verlassen musste. Ich brauchte deine Hilfe dringend.“

„Schon gut. Ich war auch nicht besonders ruhig an dem Tag. Harry war krank.“, winkte Severus ab. „Aber noch etwas. Die Zeitungen haben nichts davon geschrieben, dass Remus und ich den Kleinen aufgenommen haben, nur von Remus war die Rede. Was bedeutet das? Ich wollte dich schon lange fragen, aber irgendwie kam ich nie dazu.“

„Ich habe damals als Pressesprecher agiert.“, nickte der Blonde. „Ich wollte dich raushalten, immerhin sind wir Freunde. Außerdem wollte ich vermeiden, dass die Anhänger des Lords zu dir kommen. Sie sind immer noch hinter dem Jungen her, aber der Lord wollte nie, dass er getötet wird, jedenfalls nicht von uns. Er wollte ihn selbst töten. Seine Anweisungen waren klar und als seine damalige rechte Hand sollte ich dementsprechend handeln. Mal ganz davon abgesehen, der Minister ist nicht sonderlich angetan von homosexuellen Beziehungen, er will nicht, dass so etwas im Propheten landet. Da halten sich im Großen und Ganzen auch die Reporter dran. An den Werwolf traut sich keiner ran, der ist zu eng mit Dumbledore befreundet. Aber inzwischen ist Vielen klar, dass du mit ihm verheiratet bist, also wissen sie wohl auch, dass Harry bei dir und dem Wolf ist. Sei vorsichtig.“

„Bin ich immer, das weißt du doch.“, versicherte der Tränkemeister.

„Gut. Dann noch etwas Anderes. Narzissa und ich möchten dich einladen, Weihnachten mit uns und Draco zu verbringen.“, kam Lucius auf den Grund seiner Kontaktaufnahme zu sprechen.

„Lucius, du weißt, ich bin nicht mehr alleine. Ich werde Weihnachten mit meiner Familie verbringen.“, lehnte Severus kühl ab. „Ich komme, wenn es Harry besser geht.“

„Ist er immer noch so traumatisiert?“, staunte Lucius.

„Was denkst du denn?“, schnappte der Tränkemeister. „Er hat vier Jahre bei diesen Bestien gelebt! Das dauert noch eine ganze Weile. Wenn ihr Glück habt, komme ich zu Dracos Geburtstag!“

Der Blonde verabschiedete sich kühl und distanziert, aber durchaus höflich, dann verschwand er. Severus merkte schnell, dass er sich nun nicht mehr auf das Buch konzentrieren konnte, und ging ins Bett.

 

Die nächsten Tage waren ruhig und von Vorfreude geprägt. Alle freuten sich auf Weihnachten, vor allem die Schüler, denn sie alle fuhren nach Hause. Das war ein erstes Mal, normalerweise blieben immer ein paar Schüler hier. Das gab auch den Lehrern die Freiheit, zu feiern wo auch immer sie wollten, keiner musste Aufsicht machen. Immer wieder schnappte Severus Unterhaltungen auf, wer wo feiern wollte. Minerva würde nicht weit reisen, sie hatte ein Haus hier in Schottland, vielleicht hundert Kilometer von Hogwarts entfernt. Filius Flitwick plante, zu seiner Schwester und deren Kindern zu fahren, Pomona Sprout und Poppy Pomfrey wollten zehn Tage Urlaub in Marokko machen. Er selbst freute sich darauf, seine Männer um sich zu haben.

Die siebte Klasse schaffte die Tränke und sie füllten jeder eine Phiole ab. Die durften sie mit nach Hause nehmen und sie konnten sie dann am Tag vor Weihnachten schlucken. Es dauerte eine Weile, bis er richtig wirkte, über Nacht war optimal. Dann wurde Weihnachten ein ganz besonderes Erlebnis für sie. Sie bedankten sich mit einem alten Tränkebuch bei Severus, hatten es in Hogsmeade bei dem Buchhändler gefunden und ihm zu Weihnachten gekauft. Er bedankte sich, überrascht von der Geste, und ließ sie eine halbe Stunde eher gehen, gab ihnen nur eine Hausaufgabe mit auf: „Genießen sie ihre Ferien und berichten sie über ihre Erfahrungen.“

Am Abend des vorletzten Schultages packte Severus seinen Koffer und die Weihnachtsgeschenke ein. Am Montag war er kurz in Spinners End gewesen und hatte den Weihnachtsschmuck herausgesucht, ihn über den Kamin zu Harry und Remus geschickt. Nun war er gespannt, was sie damit gezaubert hatten. Leider musste er noch eine Weile ausharren, denn am morgigen Tag hatte er bis Mittag Unterricht. Nach dem Mittagessen fingen dann die Ferien an, die Schüler fuhren mit dem Zug nach Hause und die Lehrer reisten zumeist über die Kamine oder apparierten von Hogsmeade aus.

 

„Ich wünsche ihnen allen schöne Ferien und hoffe, wir sehen uns in zwei Wochen gesund und munter wieder!“, verabschiedete der Direktor nach dem Mittagessen die Schüler. Sofort setzte ein lautes Murmeln von etwa dreihundert Schülern ein und alle bewegten sich zielstrebig auf das Portal zu. Die Koffer waren von den Hauselfen in die Eingangshalle transportiert worden, dort herrschte nun für einige Minuten Chaos. In dieser Zeit verabschiedeten sich einige Kollegen von Severus, der in die Kerker gehen und abreisen wollte, sobald die Schüler mit den Kutschen unterwegs waren. So lange aber wartete er lieber in der Halle ab, denn durch diese Massen an Schülern wollte er sich nicht kämpfen.

„Severus?“, hielt ihn die Stimme von Albus noch einmal auf. „Kann ich kurz noch mit dir reden?“

„Natürlich, Albus. Was gibt es?“, entgegnete der Tränkemeister.

„Ist Lucy zuhause?“, wollte Albus wissen.

„Remus sagte, sie ist bei ihrer Nichte in Spanien und kommt erst im neuen Jahr wieder.“, informierte Severus. „Wir wollten ursprünglich in Spinners End feiern, aber als Harry das Wochenende hier war, hat er wieder Schwierigkeiten mit seiner Atmung gehabt, daher haben wir ihr Angebot angenommen und bleiben dort.“

„Dann werde ich sie wohl im Januar mal besuchen.“, überlegte der Weißhaarige. „Und wir sehen uns wann?“

„Wir kommen am 30. Dezember nach Spinners End.“, antwortete Severus. „Silvester gehen wir dann mit Remus nach London und sehen uns entweder dort oder zuhause das Feuerwerk noch an, wenn wir gesucht haben. Remus hat vorgeschlagen, dass er uns Mittag in das Haus lässt, dann aber mit Harry ein wenig in die Stadt geht, vielleicht einkaufen oder irgendwas für Kinder. Dann können wir in Ruhe ein paar Stunden suchen, bevor wir uns das Feuerwerk ansehen. Auf São Jorge gibt es da wohl nicht viel zu sehen.“

„Dann komme ich am 31. Dezember gegen Mittag zu euch nach Spinners End?“, konkretisierte der Schulleiter.

„Das wird das Beste sein.“, stimmte der Schwarzhaarige zu. „Schöne Feiertage!“

„Danke. Euch auch!“, wünschte Albus.

Eine halbe Stunde später war er endlich soweit, dass er mitsamt seinem Koffer in den Kamin steigen konnte. Vorher hatte er das Geschenk für Draco noch mit seinem Raben ins Manor geschickt, der Junge sollte wenigstens sehen, dass er an ihn dachte. Kurz darauf wurde er freudig begrüßt. Er brauchte ein paar Minuten, um sich ein wenig auszuziehen, denn im Gegensatz zu Schottland, wo es inzwischen fast einen Meter Schnee und Temperaturen um die -5°C hatte, war es auf São Jorge sonnig und fast 20°C warm. Harry wirkte entspannt, aber ruhig. Remus schmunzelte ein wenig, als er den verwirrten Blick seines Mannes sah. „Er hat den Baum heute Vormittag geschmückt.“, erklärte er. „Das war ziemlich anstrengend für ihn, aber er hat es ganz alleine geschafft. Eigentlich wollte ich ihn gerade für einen Mittagschlaf hinlegen.“

„Nich' schlafen.“, protestierte der Fünfjährige und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Doch, Harry, du solltest dich ein bisschen ausruhen, dann können wir danach an den Strand gehen.“, bestimmte Remus.

Bettelnd sah der Junge auf zu Severus, doch der schüttelte energisch den Kopf. „Nein, mein Kleiner. Das hilft nichts. Erst schlafen, dann gehen wir gemeinsam an den Strand.“

Also fügte sich Harry und ging brummelnd ins Bett. Durch seine Unterernährung und die lange Krankheit war er leicht erschöpft und musste Mittagschlaf halten. Normalerweise klappte es gut, aber an Tagen, wenn Severus kam, probierte er es gerne immer wieder. Seinen Mittagschlaf hielt er inzwischen im Kinderzimmer, daher zogen seine Väter sich ins Schlafzimmer zurück und genossen die Zeit zu zweit.

 

Zwei Tage später setzten sie sich mit Harry an den Baum. Der Fünfjährige blickte mit riesigen Augen auf die Kerzen am Baum. Er konnte es noch nicht richtig fassen, dass er nicht eingesperrt wurde. Nun wurde er auch geliebt, und sogar Geschenke für ihn lagen unter dem Baum. Das erste Päckchen war länglich und schmal. Remus gab es ihm und er riss an dem Papier, zu ungeduldig, um es langsam aufzumachen. Verwirrt sah er auf den Inhalt des Päckchens und die beiden Erwachsenen sahen entsetzt, wie der zunächst freudige Ausdruck verschwand und Enttäuschung wich. Sie verstanden es nicht, bis Remus auf einmal schaltete. Offenbar glaubte Harry, dass er damit arbeiten sollte.

„Harry, das ist ein Kinderbesen, auf dem kannst du fliegen.“, erklärte er daher ruhig. „Nicht besonders hoch oder schnell, damit dir nichts passiert, aber versuch es einfach, setz dich drauf!“

Ungläubig-erstaunt sahen die grünen Augen auf. Ein wenig Hoffnung gab es nun wieder in ihnen. „Fliegen?“

„Ja, fliegen.“, bestätigte Severus, der nun auch realisierte, was mit dem Kleinen passierte. „Versuch es ruhig.“

Und Harry probierte es. Er hielt den Besen fest, schwang sein Bein über den Stiel und setzte sich vorsichtig darauf. Etwa einen halben Meter über dem Boden war Schluss, höher stieg er nicht. Es konnte auch so noch genug passieren, wenn er stürzte, aber das Strahlen, das nun in die grünen Augen trat, machte es wett. Es dauerte nicht lange, da sauste Harry mit seinem Besen durchs Wohnzimmer und den Flur. Remus und Severus waren vollauf damit beschäftigt, alles Zerbrechliche aus dem Weg zu zaubern. Severus lehnte sich an Remus und beobachtete den kleinen Wirbelwind. So fröhlich hatte er ihn wohl noch nie gesehen, Harry lachte und jubelte beim Fliegen. Jedes Lachen brachte Severus zum Strahlen. Das hier war sein persönliches Glück, sie waren zusammen und Harry lachte. So sollte es bleiben. „Augenblick verweile doch, du bist so schön.“, murmelte Severus leise.

„Sev?“, fragte Remus ebenso leise.

„Das hier macht mich so glücklich, wie ich es noch nie in meinem Leben war.“, gestand der Tränkemeister schließlich.

„Ich liebe dich!“, wisperte der Dunkelblonde daraufhin in Sevs Ohr.

„Du bist mein Leben, Remus!“, gab Severus zurück und drehte sich weit genug, um ihn küssen zu können.

Sie wurden von einem Klirren aus der Ruhe gerissen. Offenbar hatte Harry doch noch etwas Zerbrechliches gefunden und beim Fliegen abgeräumt. Als sie hochschauten, sahen sie gerade noch, wie ein schreckstarrer Harry die Vase ansah, die sich scheinbar von alleine wieder zusammensetzte. Panisch blickte Harry zu ihnen. Sofort reagierte Severus, kniete sich neben ihn und nahm den zitternden Jungen in seine Arme.

„Ruhig, Harry, es ist in Ordnung.“, sprach er leise auf den Fünfjährigen ein. „Du hast gezaubert. Weißt du noch, du bist ein Zauberer und wir haben dir versprochen, dass du auch Magie hast, so wie wir. Deine Magie hat die Vase repariert und alles ist gut. Es ist nichts passiert, du musst keine Angst haben.“

„Daddy nicht böse?“, hauchte Harry.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“, versprachen Severus und Remus gleichzeitig. „Ich glaube, wir sollten dir eine Zone bauen, in der du sicher fliegen kannst!“, fügte Remus schmunzelnd hinzu.

„Bereit?“, fragte Severus, der Harry auf dem Arm hatte. Er bekam nur ein sehr zögerliches Nicken, Harry mochte Flohreisen überhaupt nicht. Doch heute wollten sie zurück nach England reisen, in das Haus, in dem er ganz am Anfang schon mal gewesen war. Harry konnte sich kaum daran erinnern, er wusste nur noch, dass es dort angefangen hatte, schön zu sein. Keine Schläge, keine Arbeit und kein Schreien. Die beiden Männer liebten ihn, hatten ihn sogar adoptiert und er trug nun ihren Nachnamen.

„Halt dich an mir fest und mach die Augen zu, damit du keine Asche abbekommst.“, riet Severus. „Ich passe auf, dass wir auch richtig ankommen.“ Sofort versteckte sich Harry unter dem schwarzen, aber durchaus weichen Umhang. Er hatte warme Sachen an, weil es in England gerade ziemlich kalt war und er nicht wieder krank werden sollte. Jetzt konnte er spüren, wie Severus das Flohpulver ins Feuer warf und hörte wie er das Ziel nannte. Anschließend wurde es warm und rauschte. Fest kniff Harry seine Augen zu, die Sev geheilt hatte. Er wollte ganz sicher nicht, dass Asche hinein kam. Das tat weh. Der Trank, der seine Augen repariert hatte, war schrecklich gewesen, er hatte fürchterlich geschmeckt und hinterher hatten die Augen ein wenig gebrannt, aber kurz danach hatte er plötzlich deutlich sehen können und sein Kopf tat nicht mehr weh.

„Augen auf, mein Kleiner!“, hörte er nun Sevs Stimme. Er sah sich um und erkannte Einiges wieder. „Willkommen zuhause!“ Severus setzte Harry ab und ließ ihn das Haus neu erkunden. Er bemerkte, welchen großen Schritt Harry gemacht hatte, denn er wirkte nicht ängstlich, sondern eher neugierig. Das Haus hatte er zuletzt Ende August gesehen, und er schien sich zu erinnern. Allerdings war er im Sommer nicht alleine herumgelaufen, entweder an Remus' Hand oder in seinen Armen. Jetzt zeigte er deutlich mehr Selbstbewusstsein. Als Remus auch da war, feuerten sie die Kamine im Wohnzimmer und in der Küche magisch an, sodass es warm im Haus wurde. Sie brachten Harrys Gepäck ins Kinderzimmer, ihr eigenes ins Schlafzimmer. Wahrscheinlich würde Harry wieder zu ihnen kommen in der Nacht, aber inzwischen war er schon so weit, dass er zumindest im eigenen Zimmer einschlief. Diese Auszeiten genossen Remus und Severus sehr, auch wenn sie beide den Jungen liebten, so brauchten sie doch ab und zu ein wenig Zeit füreinander. Während Harry das Haus erkundete, machten sich Remus und Severus daran, Abendessen zu kochen.

„Möchtest du Baden, Harry?“, wollte Severus nach dem Essen wissen. Harry nickte begeistert, er liebte das Planschen im warmen Wasser. „Dann hol deinen Schlafanzug und deine Zahnbürste, ich mache in der Zeit das Bad warm. Findest du das Bad noch?“

„Mhm.“, machte Harry und lief nach oben.

Remus machte sich über die Küche, Badezeit war die Zeit, in der Sev und Harry inzwischen meist alleine waren. Harry hatte zum Tränkemeister nun das gleiche Vertrauen wie zu Remus und sie hatten ihre eigenen kleinen Rituale. Baden gehörte einfach dazu. Ebenso Haare schneiden. Das war etwas, das nur Severus bei Harry durfte. Mit dem Zauberstab die Haare kürzen. Langsam war Harry immer ruhiger geworden, wenn sie zauberten, auch wenn er noch immer bei manchen Gelegenheiten zusammenzuckte. Erst, als er hörte, wie oben die Bad-Tür aufging und Harry ins Kinderzimmer lief, ging auch er hinauf. Vor dem Bettgehen lasen sie eine Geschichte und kuschelten zu dritt auf dem Bett.

In dieser Nacht dauerte es – wie erwartet – nicht besonders lange, bis Harry zu seinen Vätern ins Bett kroch. Zumindest das traute er sich inzwischen; wenn er Angst hatte oder nicht schlafen konnte, dann kam er zu ihnen und rollte sich nicht stumm weinend im Bett zusammen, bis sie es bemerkten und ihn holten. Aber damit hatten sie gerechnet, dieses Haus war noch keine sichere Zone für den Fünfjährigen. Sie frühstückten gemeinsam in aller Ruhe, dann erst zogen sie sich an.

Gegen Mittag kam dann Albus vorbei. Bis dahin flog Harry ein paar Runden auf seinem Besen, das liebte er offensichtlich. Aber kaum, dass der Weißhaarige das Haus betrat, flüchtete er sich zu Remus, versteckte sich hinter dem Werwolf. „Keine Angst, Welpe. Erinnerst du dich an Albus Dumbledore? Er ist der Chef von Daddy Sev, der Direktor von Hogwarts. Lucy ist seine Großtante.“, erklärte Remus ruhig.

„Nicht Tante!“, zitterte Harry.

„Nein, nicht jede Tante ist böse.“, beschwichtigte Severus. „Die meisten Tanten sind lieb. Deine Tante war wirklich böse, aber du musst nicht mehr hin, sie sind im Gefängnis.“ Es hatte sich herausgestellt, dass auch Petunia Harry regelmäßig geschlagen hatte, wenn auch nicht ganz so heftig wie Vernon Dursley, außerdem hatte sie ihm verfaultes Essen gegeben und viel zu wenig davon. Sie waren vom Gamot zu zwanzig und fünfundzwanzig Jahren Askaban verurteilt worden. Dort saßen sie nun und büßten langsam aber sicher ihren Verstand ein. Dudley war zunächst in einem Kinderheim gelandet, dann aber hatte die Schwester von Vernon ihn zu sich genommen, die zwar streng war, aber dennoch eine liebevolle Beziehung zu ihrem Neffen hatte und sich wirklich um ihn kümmerte. Trotzdem hatten sie keinen Kontakt, Harry sollte seine Ruhe vor dieser Verwandtschaft haben und sie waren ziemlich sicher, dass der Junge Harry auch gequält hatte, allerdings wohl aufgrund des Nachahmens, was Kinder in dem Alter ja meistens machten.

„Gehen wir?“, meldete sich nun Albus zu Wort, der es offenbar kaum erwarten konnte.

„Ja, wir können.“, bestätigte Severus. „Wir apparieren nach London in den Park.“

Remus nickte kurz und ging mit Harry einige Schritte weg, um ihn noch einmal vorzuwarnen und dann zu apparieren mit ihm. Severus erklärte dem Schulleiter in der Zeit genauer, wohin es ging. Minuten später waren sie am Grimmauldplatz und Remus ging voraus. Er legte einfach nur seine Hand auf den Türknauf, woraufhin die Tür aufschwang. Der Werwolf blieb stehen und wirkte einen Zauber, dann deutete er den beiden anderen Erwachsenen an, nach dem Knauf an der Tür zu greifen. Somit wurde sichergestellt, dass sie auch alleine in das Haus konnten, sollten sie heute nicht erfolgreich mit ihrer Suche sein. Harry und Remus verabschiedeten sich kurze Zeit später auch schon, da sie erst einkaufen wollten, ein paar neue Kleidungsstücke und Spielsachen für Harry sowie ein wenig Feuerwerk, und dann vielleicht noch ins London Aquarium. Der Fünfjährige liebte die Unterwasserwelt sehr und das wäre sicher ein Erlebnis für ihn. Der Aufenthalt im Black-Haus hingegen wäre eher langweilig, wenn nicht sogar gefährlich.

Einige Stunden später wusste Remus, dass er richtig entschieden hatte. Das Aquarium faszinierte den Schwarzhaarigen und er schien sich nicht losreißen zu können. Die vielen bunten Fische schwammen wild umher und er konnte sich nicht sattsehen an dieser Pracht. Immer wieder entdeckte er etwas Neues und wollte noch ein wenig länger schauen. Erst, als es schon Durchsagen gab, dass bald geschlossen würde, nahm Remus seinen Sohn auf den Arm und verließ das Aquarium wieder. Es war nicht weit bis zum Grimmauldplatz, daher liefen sie zu Fuß. Sogar am Ministerium für Zauberei kamen sie vorbei und trafen Arthur, der eben Feierabend machte und nicht nach Hause wollte, sondern in die Winkelgasse, weil er noch Feuerwerk kaufen sollte. Sie plauderten eine Weile, während sich Harry wieder bei Remus versteckte, und Arthur lud sie ein, am anderen Tag zum Kaffee vorbeizukommen, damit Harry wenigstens einmal eine Chance hatte, gleichaltrige Kinder zu treffen. Bill und Charlie fuhren zurück nach Hogwarts, aber Percy, Fred, George, Ron und Ginny würden da sein.

Sie trafen Albus und Severus vor dem Haus, da sie nun deutlich später dran waren, als sie geplant hatten. Severus, Remus und Harry apparierten nach Spinners End, Albus nach Hogwarts zurück, um alles für die Ankunft der Schüler vorzubereiten. Beim Abendessen erzählte Harry begeistert vom London Aquarium und den vielen Fischen, die er dort gesehen hatte. Nach dem Essen musste er diesmal nicht ins Bett, sondern durfte mit seinen Daddys aufbleiben, damit sie um Mitternacht dann Feuerwerk machen konnten. So etwas hatte Harry noch nicht erlebt, bisher hatte ihm das eher Angst gemacht, denn er war in seinem Schrank eingesperrt worden, während sein Onkel und Dudley selbst Raketen abgeschossen hatten. Harry hatte immer nur den Lärm gehört und war seither ziemlich panisch. Aber mit Sev und Remus, seinen Daddys, konnte doch nichts passieren, oder?

Ganz sicher war er sich nicht, daher klammerte sich Harry erneut an Remus, als sie nach draußen gingen. Severus entzündete das Feuerwerk – es war nicht-magisch – und mit der Zeit genoss auch Harry den Anblick, wenn er sich auch sicherheitshalber weiterhin festhielt. Nach dem Feuerwerk allerdings konnte er seine Augen absolut nicht mehr offen halten und wurde in sein Kinderbett gelegt, wo er den Rest der Nacht erschöpft schlief. Severus und Remus waren froh, doch entschieden zu haben, nicht in London zu bleiben, als sie Harrys Verhalten gesehen hatten und vor allem, als er einschlief.

Nach dem Frühstück, das schon fast ein Brunch war, weil sie so lange geschlafen hatten, verabschiedete sich Severus von den Beiden, denn er musste zurück nach Hogwarts. Auch wenn die Schüler erst am Abend ankamen, musste er doch schon Einiges erledigen bis dahin. Remus und Harry hingegen machten sich noch zwei ruhige Stunden, bevor sie zu den Weasleys in den Fuchsbau flohten. Wie erwartet blieb Harry in den sicheren Armen von Remus, sah sich aber nach einer Weile zumindest um, während die beiden Erwachsenen – Arthur musste überraschend arbeiten – sich unterhielten. Molly bot Hilfe und Rat an, da sie selbst schon eine Menge Erfahrung mit Kindern hatte, doch Remus lehnte höflich ab. Harry war anders als die Weasley-Kinder und brauchte auch eine andere Behandlung, jedenfalls zunächst noch. Allerdings stimmte er mit der Rothaarigen überein, dass Harry lernen sollte, mit Kindern in Kontakt zu kommen und sie machten aus, dass sie sich nach Harrys Kur öfter mal zum Spielen treffen würden.

Die rothaarigen Kinder tobten derweil fröhlich durch das Haus und teilweise den Garten. Für Harry war das fast ein wenig viel Lärm, aber so lange er nicht von Remus' Schoß musste, konnte er es akzeptieren. Ihn faszinierte das Haustier von Percy, der immer wieder mit einer grauen Ratte im Arm an ihm vorbei lief. Das Tier schien sich nicht besonders wohl zu fühlen, denn es versuchte immer wieder zu entkommen, einmal hüpfte es sogar auf die Arbeitsplatte, wo ein Kuchen stand.

„Percival Weasley!“, schimpfte seine Mutter daraufhin. „Sieh zu, dass Krätze hier verschwindet, sonst garantiere ich für nichts!“ Dieser Ausbruch lenkte die Aufmerksamkeit des Werwolfes auf die Ratte und er starrte geschockt hin, hielt plötzlich seinen Zauberstab in der Hand und betäubte das Tier. Percy schrie auf und seine beiden Brüder, die Zwillinge, kamen angerannt, um zu sehen, was da los war. „Remus? Was soll das werden?“, fragte Molly Weasley gezwungen ruhig. Sie kannte ihn als ruhigen und besonnenen Mann, der selten unüberlegt handelte, aber gerade wirkte er vollkommen verrückt. Nie hätte sie geglaubt, dass er so spontan reagieren würde. Seltsamerweise hatte sie keine Angst um ihre Kinder, denn sie wusste, wie sehr Remus Kinder liebte, sie war nur von seiner Reaktion geschockt.

Remus sah sie mit goldenen Augen an, konnte sich nur mühsam beherrschen. Leise, sodass nur die Mutter der Weasleys ihn hören konnte, sagte er: „Ich denke, das ist ein Animagus.“

„Oh.“, machte Molly und gestikulierte ein wenig schwach.

„Gib mir bitte die Ratte, Percy.“, bat Remus gezwungen ruhig. „Keine Angst, wenn es wirklich eine Ratte ist, passiert ihr nichts. Aber ich habe das Gefühl, diese Ratte schon einmal gesehen zu haben.“

„Aber …“, protestierte der Weasley-Spross, wurde jedoch von seiner Mutter resolut unterbrochen: „Percy, du hast Remus gehört. Er glaubt, er kennt diese Ratte. Wenn ihm nichts passiert, kannst du ihm Krätze ruhig einen Moment überlassen.“

„Percy, ich will … Krätze nichts tun, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine Ratte ist. Darf ich?“, kam es leise von Remus.

Harry beobachtete das Ganze mit schreckgeweiteten Augen. Das hier machte ihm Angst; noch nie, seit Remus ihn abgeholt hatte, war er so … angsteinflößend gewesen. Er konnte nicht verhindern, dass er zu zittern begann, gerade weil er nicht wusste, warum Remus jetzt so böse wirkte. Der Fünfjährige verstand es einfach nicht und bisher hatten ihm unbekannte Situationen nie Glück gebracht. Remus registrierte nicht einmal, wie viel Angst sein Kleiner im Moment hatte, aber Molly reagierte irgendwann darauf. „Harry, mein Kleiner!“, sprach sie ihn an. „Du brauchst keine Angst haben.“

Da erst realisierte Remus, was gerade passierte. „Hey, Welpe!“, schloss er Harry sanft in die Arme. „Ich bin nicht böse, nicht auf dich oder die anderen Kinder. Aber wenn die Ratte hier das ist, was ich denke, dann ist etwas Schlimmes passiert mit einem Freund von mir. Das erschreckt mich und ich will jetzt wissen, ob ich falsch liege.“

„Daddy?“, wimmerte Harry.

„Ich bin da, Harry, hab keine Angst.“, versicherte Remus. „Pass auf, wir nehmen die Ratte mit und gehen zu Daddy Sev. Dort bist du sicher, und ich werde die Ratte mit Albus Dumbledore untersuchen, einverstanden?“

Zögernd nickte Harry und Remus wandte sich an Molly: „Tut mir leid, aber ich glaube, wir müssen den Besuch abbrechen. Percy, wenn es wirklich nur eine Ratte ist, dann bekommst du sie heute noch wieder, ansonsten kaufen wir dir eine neue Ratte. Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht mehr sagen, das ist zu gefährlich.“

Molly Weasley nickte dem Werwolf zu und verabschiedete sich, während Percy schmollte. „Er hat Krätze seit fast vier Jahren, sie ist ihm zugelaufen.“, erklärte die Rothaarige.

„Das ist ganz schön alt für eine gewöhnliche Ratte.“, wusste Remus. „Die werden normalerweise nur ein bis zwei Jahre alt. Magische Ratten schaffen etwa fünf bis sechs Jahre, aber das ist auch das Äußerste.“

„Nimm sie mit und untersuche sie, Remus.“, gestattete Molly. „Percy wird es akzeptieren. Aber versprich mir, dass ihr uns wieder einmal besuchen kommt.“

„Das werden wir, oder Harry?“, lächelte Remus. Der Fünfjährige nickte zögernd, als er sah, dass sein Daddy sich hier wohlfühlte. Er selbst fand es ziemlich verwirrend, aber er würde wiederkommen, wenn es Remus gefiel. Der Dunkelblonde stopfte nun die geschockte Ratte in seine Tasche, nahm Harry hoch und ging zum Kamin. Er nahm Flohpulver, warf es in das Feuer und sagte: „Hogwarts, Büro von Severus Snape.“ Harry versteckte sich in Remus' T-Shirt, wie immer, wenn sie durchs Feuer reisten. Er hasste diese Art zu reisen, beinahe noch mehr wie das Apparieren, wobei ihm immer schlecht wurde.

„Remus? Was ist passiert?“, hörte er auf einmal die Stimme von Severus und machte die Augen wieder auf.

„Ich habe die hier bei den Weasleys gefunden.“, erklärte Remus und zog die immer noch bewegungslose Ratte aus seiner Tasche.

Verständnislos und etwas angeekelt starrte Severus die Ratte an, die am Schwanz von Remus' Hand gehalten wurde und baumelte. Gerade zweifelte er ziemlich am Verstand seines Ehemannes. Remus setzte Harry ab und schickte ihn ins Kinderzimmer. Der Kleine sollte das hier nicht mitbekommen, er war so schon verstört genug. Harry spürte, dass es seinem Daddy wichtig war, dass er nun eine Zeitlang alleine spielte und ging brav ins Kinderzimmer, das Severus hergerichtet hatte, als er das erste Mal hier gewesen war. Er setzte sich auf sein Bett, wickelte sich in die Kuscheldecke ein und blätterte durch eines seiner Lieblingsbücher, in dem eine kleine Raupe sich am Ende in einen wunderschönen Schmetterling verwandelte.

„Also?“, forderte Severus, als Harry die Tür hinter sich geschlossen hatte. Es irritierte ihn, dass Remus den Kleinen außen vor ließ, das hatte er noch nie gemacht, aber er wirkte gerade extrem aufgebracht.

„Holen wir Albus dazu.“, presste Remus heraus.

Der Tränkemeister zuckte die Schulter und rief nach dem Schulleiter über den Kamin. Es dauerte nur wenige Momente, bis der Weißhaarige aus dem Feuer trat. Fragend sah er Remus und die Ratte in seiner Hand an.

„Ich muss etwas gestehen, und das wird euch vielleicht erklären, warum ich eine Ratte anschleppe.“, begann Remus und wanderte unruhig hin und her. „James, Sirius und Peter haben bereits in unserem zweiten Schuljahr herausgefunden, was ich bin. Sie haben sich nicht von mir abgewandt, sondern im Gegenteil versucht, einen Weg zu finden, mir zu helfen. Nun, die Verwandlung konnten sie nicht aufhalten, das war klar, als Menschen konnten sie mich auch nicht begleiten, aber sie wollten mich nicht alleine lassen. Also haben sie gelernt und es im fünften Jahr geschafft, sie wurden Animagi. In ihrer Animagusform passierte ihnen nichts. James wurde zu einem Hirsch, Sirius ein großer, schwarzer Hund. Die Beiden hatten mich auch in Wolfsform im Griff. Sie waren mein Rudel, zusammen mit Peter, der zu einer Ratte wurde.“

Die Blicke von Severus und Albus wanderten von Remus' Gesicht zu der Ratte in seiner Hand und zurück. „Du meinst …?“, begann Severus.

„Diese Ratte sieht genauso aus wie Peter in seiner Animagusform. Ich habe ihn schon so oft gesehen, ich bin mir fast absolut sicher. Wenn das wirklich Peter ist, dann ändert sich alles, denn das würde bedeuten, dass Sirius ihn eben nicht umgebracht hat. Und wenn das nicht stimmt …“, endete Remus mit brüchiger Stimme.

„Testen wir es. Wenn es wirklich Mister Pettigrew ist, dann wird er uns einige Fragen beantworten müssen.“, entschied Albus. „Leg die Ratte auf den Boden.“

Remus nickte und ließ Krätze auf den Boden gleiten. Sie stellten sich mit etwas Abstand um sie herum und Albus hob seinen Zauberstab, wirkte einen Zauber, der jeden Animagus dazu zwang, sich zurück zu verwandeln. Im ersten Moment passierte nichts, dann begann die Ratte, sich zu verändern, sie wurde größer und das Fell verwandelte sich in Haare, die Pfoten wurden zu Händen und Füßen, die Arme und Beine schossen in die Länge, die Nase wurde kürzer, die Ohren wanderten nach unten und gleich darauf saß Peter Pettigrew vor ihnen, sah aus blassen Augen zu ihnen auf.

„Peter?“, stammelte Remus und wusste nicht mehr, was er denken sollte.

„Mister Pettigrew, willkommen in Hogwarts.“, begrüßte ihn Albus betont neutral.

Severus hingegen wirkte überrascht und Remus – wütend. Seine Augen waren nicht mehr bernsteinfarben und sanft, sondern gelb und zusammengezogen. Der Tränkemeister trat einen Schritt an seinen Mann heran, um ihn notfalls zu bremsen. Sollte wirklich alles sich ändern, brauchten sie Pettigrew noch, um eine offizielle Aussage zu machen.

„Ich dachte, du bist tot!“, klagte Remus an.

„Das dachten wir alle, Mister Pettigrew.“, fügte Albus an. „Was haben sie dazu zu sagen?“

„Ich … ich … Remus, Moony, mein Freund …“, stammelte der leicht untersetzte Mann mit dem lichter werdenden Haar. Severus wirkte einen Aufrufezauber und eine Phiole kam aus dem Labor. Er hielt es dem Animagus hin und der schluckte, als er dem Blick von Severus begegnete. Kein Wort fiel, aber ihnen war klar, dass das Veritaserum sein musste. Der Tränkemeister ging auf Nummer sicher und sein Blick war zum Fürchten.

„Rede!“, donnerte Remus schließlich, als klar war, das Serum wirkte. „Ich will wissen, was genau vor vier Jahren passiert ist!“

Der Wolf hatte die Macht, das war gerade leicht zu erkennen. Pettigrew begann zu zittern und wimmerte leise, begann aber zu erzählen. „Du hast keine Ahnung, wie das ist. Ihr alle wisst nicht, wie es ist.“, winselte er. „Der Lord hat mich gezwungen. Ich … ich habe Bellatrix getroffen, sie war so nett. Das war das erste Mal, dass jemand nett zu mir war. Für James, Sirius und Remus war ich doch immer nur ein Anhängsel. Nützlich, wenn sie einen Idioten brauchten. Dann, kurz nach unserem Abschluss, traf ich Bella und … und ich bin mit ihr gegangen, wurde zu einem der Diener des Dunklen. Er brauchte mich auch nicht, ich war immer nur der Fußabtreter. Und dann haben James und Sirius einen Plan gefasst. Sie glaubten, dass jeder zuerst an Sirius denken würde, wenn James sich, Lily und Harry mit dem Fidelius versteckt. Also haben sie mich genommen, damit rechnet keiner, haben sie gesagt. Wieder war ich nur der Idiot. Aber ich wusste, das war meine Chance, endlich mal Anerkennung zu bekommen. Also habe ich abgewartet, bis keiner mich beobachtet hat und bin dann zum Lord. Ich wusste, er würde mich belohnen, und ich würde endlich auch jemand sein. Der Lord wusste schon viel früher, wo die Potters waren, aber er wollte sichergehen, dass kein Verdacht auf mich fallen würde. Also hat er geplant und mir alles beigebracht. Sirius hat, nach dem Tod der Potters, schnell reagiert, aber ich konnte ihn austricksen, das erste Mal überhaupt. Es lief perfekt, alle glaubten, dass ich tot war und ich konnte verschwinden. Ich blieb so lange, bis sicher war, dass sie Sirius verhafteten, und ich habe sogar gehört, dass sie ihn gleich nach Askaban bringen. Erst, als er weg war, bin ich abgehauen und habe nach einer Zauberfamilie gesucht, bei der ich ausharren konnte, ob der Lord wiederkommen würde oder nicht. Da hatte ich ein ziemlich angenehmes Leben, bis Remus auftauchte. Mir war klar, dass er mich erkennen könnte, aber dieser dämliche Junge musste mich ja ständig vor seiner Nase rumzerren.“

Entsetzt lauschten die Drei und waren nun mehr als froh, dass Harry so folgsam war und im Kinderzimmer wartete. Hier war der eigentliche Verräter, der den Mord an seinen leiblichen Eltern ermöglicht hatte. Er hatte Schuld daran, dass Harry bei seinen Verwandten aufwachsen musste.

„Das bedeutet, Sirius Black ist unschuldig.“, stellte Albus irgendwann fest. „Ich muss ihn sofort aus Askaban holen. Pettigrew nehme ich mit, wir werden ihn vor den Zaubergamot stellen und das ganze Verbrechen aufklären.“

„Ich muss mich bei Sirius entschuldigen.“, hauchte Remus. „Albus, ich würde gerne mitgehen, wenn du ihn abholst.“

„Natürlich.“, nickte Albus. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigt, ich habe eine Menge Arbeit vor mir.“

„Lass ihn nicht entwischen!“, forderte Remus hart.

„Werde ich nicht.“, versprach der Schulleiter und wirkte einen Zauber. „Das verhindert, dass er sich verwandeln kann. Und wenn Fawkes mir hilft, dann werde ich direkt in das Büro von Moody kommen, so kann er unterwegs auch nicht einfach verschwinden.“ Wie gerufen tauchte nun der rot-goldene Feuervogel neben ihm auf, trillerte ein wenig vor sich hin und verschwand, als Albus mit einer Hand nach Pettigrew und mit der anderen Hand nach Fawkes griff, in einer Feuersäule.

Remus sank zitternd in sich zusammen. Severus fing ihn auf. „Remus?“, fragte er leise.

„Er … es … ich …“, stammelte der Werwolf.

„Komm her.“, zog Severus ihn in die Arme. „Du kannst nichts dafür, woher solltest du es denn wissen?“

„Ich konnte es nicht glauben, dass Sirius James verraten hat, aber es sah alles danach aus.“, wisperte Remus schließlich. „Es hat mich so … enttäuscht. Ich war entsetzt, dass ich mich so habe täuschen lassen. Ich hätte damals dafür sorgen müssen, dass er eine ordentliche Verhandlung bekommt, dann hätten sie ihn vielleicht mit Veritaserum befragt.“

„Nein, hätten sie nicht.“, entgegnete Severus. „Du vergisst, dass Veritaserum erst seit knapp zwei Jahren eingesetzt wird. Zu der Zeit damals gab es das zwar schon, aber es war noch nicht anerkannt.“

„Ich habe meinen besten Freund verraten.“, beschuldigte sich Remus.

„Du warst am Ende, genau wie ich. Du konntest keinen klaren Gedanken mehr fassen.“, beruhigte Severus. „Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, Remus. Du kannst jetzt für ihn da sein. Black war Harrys Pate, nicht wahr? Er wird ihn sehen wollen.“

„Und was ist mit dir?“, sorgte sich Remus. „Ihr habt euch gehasst, und jetzt bist du der Vater seines Patenkindes.“

„Und der Ehemann seines besten Freundes.“, ergänzte Severus trocken. „Remus, für dich bin ich bereit, diesen Krieg zumindest zu einem Waffenstillstand zu machen. Ich weiß nicht, ob ich mich mit ihm anfreunden kann, aber ich werde mich bemühen, nicht mehr mit ihm zu streiten. Ich liebe dich, Remus, und werde dir nicht deinen Freund nehmen.“ Der Werwolf hörte die Anstrengung, die es Severus kostete, leicht zu klingen und schmiegte sich dankbar in die starken Arme.

Er würde sich um Sirius kümmern, das hatte der verdient, war er doch vier Jahre in Askaban gewesen, unschuldig, wie sie nun wussten. Aber er würde Severus dabei nicht aufgeben. Sollte Sirius sich nicht mit der Situation abfinden und seinen Hass gegen den ehemaligen Slytherin ablegen, hätte die Freundschaft keine Chance mehr. Das würde nicht leicht werden. Vor allem nicht für … „Harry!“, entfuhr es dem Dunkelblonden. „Wir müssen ihn vorsichtig darauf vorbereiten. Das wird nicht leicht.“

„Nein, das wird es nicht.“, stimmte Severus zu. „Wir sollten nach ihm sehen, er ist schon fast zwei Stunden in seinem Zimmer. Er wird Angst haben.“

Sie standen auf und gingen zum Kinderzimmer, machten die Tür vorsichtig auf. Harry lag mit rot-geweinten Augen erschöpft auf dem Bett und schlief, das Kissen fest umarmt. Es versetzte beiden Erwachsenen einen heftigen Stich, sie hätten Harry nicht alleine lassen dürfen, er war immer noch viel zu unsicher für so etwas. Vorsichtig hob Remus ihn in seine Arme und sich setzten sich im Wohnzimmer auf das Sofa mit ihm. Severus wickelte eine weitere Decke um den immer noch viel zu dünnen Körper. Als er sanft über die rot-gefleckte Wange strich, spürte er, wie Harry sich an ihn schmiegte.

„Schon gut, mein Kleiner. Schlaf ruhig, wir sind da.“, wisperte Severus in das Ohr von Harry. „Wir lassen dich nicht alleine. Wir haben dich lieb.“

Remus zog ihn noch ein wenig zurecht in seinen Armen, dann lehnte sich Severus an beide an und schloss ebenfalls die Augen. Er fühlte sich schon wieder so erschöpft. Schnell schlief auch er, was für ein amüsiertes Grinsen in Remus' Gesicht sorgte. Allerdings breitete sich schnell auch ein wenig Sorge in dem Werwolf aus, denn es war schon auffällig, wie schnell Severus in letzter Zeit erschöpft war. Es schien, als würde dem Tränkemeister gerade alles ein wenig zu viel. Die Sorge um Harry, ihren gemeinsamen Sohn, die Schule, die Suche nach den Horkruxen. Remus seufzte, er konnte nichts ändern und Severus selbst würde nichts ändern. Der Schwarzhaarige würde weitermachen, bis er eines Tages zusammenbrach, dann würde er sich mit Tränken wieder aufrappeln und weitermachen. So lange, bis es seiner Meinung nach erledigt war. Andererseits konnte er seinen Partner, seinen Mann seit Halloween, auch verstehen. Wie hatte Severus eines Nachts gesagt: „Ich mache das für euch. Du und Harry, ihr sollt ein sicheres, schönes Leben ohne Angst haben. Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben, ich will mit euch glücklich sein, und das können wir nur, wenn nicht dieser dunkle Schatten über uns schwebt.“

Nach etwas über einer Stunde wachte Harry langsam wieder auf und weckte durch seine Bewegungen auch den Tränkemeister.

„Na ihr Zwei? Gut geschlafen?“, neckte Remus.

Harry sah skeptisch zu den beiden Erwachsenen. Ihm war nicht klar, was nun passieren würde. Bisher hatten seine Daddys sich gut um ihn gekümmert, aber was war jetzt? Er musste irgendwann beim Weinen eingeschlafen sein, stellte er fest. „Welpe?“, riss ihn Remus' Stimme aus seinen Grübeleien. „Es tut mir leid, Harry, dass ich dich weggeschickt habe. Diese Ratte war keine einfache Ratte. Das hat mir Angst gemacht, weil es Vieles ändern kann. Und das wird nun wohl auch passieren.“ Er unterbrach sich, wusste nicht genau, wie er nun weitermachen sollte. Wie erklärte man das einem Fünfjährigen, dessen Leben gerade erst von einem Alptraum zu einem normalen Leben wurde? Und jetzt sollte sich wieder alles ändern.

„Nicht weggehen!“, wimmerte Harry angstvoll.

„Sch, wir werden nicht weggehen.“, versprach Remus. „Wir müssen dir wohl Einiges erklären, das ist nicht einfach. Deine Eltern sind gestorben, weil ein böser Zauberer dich töten wollte. Sie haben dich beschützt. Wir wussten damals, dass der böse Zauberer dich finden wollte und sie haben sich versteckt. Nur ganz wenige Menschen wussten, wo ihr seid. Aber einer hat es an den bösen Zauberer verraten. Wir dachten bisher, dass es dein Pate Sirius war, aber heute, mit Hilfe dieser Ratte, haben wir herausgefunden, dass Sirius es nicht war, er hat sie nicht verraten und war nun vier Jahre unschuldig im Gefängnis. Albus Dumbledore wird jetzt dafür sorgen, dass er freikommt. Sirius wird dich sehen wollen, er ist dein Pate und hat sich bis zu diesem schlimmen Ereignis wirklich gut um dich gekümmert. Allerdings sind Sirius und Daddy Sev nicht befreundet, sie mögen sich gar nicht. Sirius wird nicht verstehen, dass Severus und ich verheiratet sind und dich adoptiert haben. Ich werde mit ihm reden, bevor er dich sehen darf, aber er liebt dich wirklich, davon bin ich überzeugt. Ich denke, du solltest ihm eine Chance geben, dich kennen zu lernen. Aber du kannst es frei entscheiden, ich will dich zu nichts zwingen, das ist schon viel zu oft passiert, mein Kleiner. Vielleicht sollten wir wieder zu Lucy gehen, dann kannst du in Ruhe darüber nachdenken.“

„Nicht weggehen!“, weinte Harry nun und klammerte sich mit beiden Händen an den Erwachsenen fest. „Will bei Daddy bleiben!“

Severus und Remus wechselten einen Blick. „Okay, wir werden noch hier bei Daddy Sev bleiben.“, beschwichtigte er. „Beruhige dich, mein Engel. Du bist unser Kind, wir lassen dich nicht mehr alleine.“

„Nein, Harry, wir lassen dich nicht alleine.“, bestätigte Severus ernst. „Aber du solltest wissen, dass es in nächster Zeit ein wenig viel werden kann. Sirius Black wird verlangen, dass du Kontakt zu ihm hast. Er ist dein Pate, das bedeutet in der Zauberwelt eine Menge. Er ist wie ein zweiter Vater für dich. Eigentlich wärst du zu ihm gekommen, als deine Eltern getötet wurden, aber dann haben sie ihn verhaftet und eingesperrt, zu Unrecht, wie wir jetzt wissen.“ Er konnte sehen, dass es zu viel für Harry wurde. Dem Fünfjährigen schwirrte der Kopf. Zitternd und mit geweiteten Augen saß er auf Remus' Schoß und klammerte sich fest, fast wie Anfang August. Eigentlich war er schon deutlich sicherer gewesen, aber das hier war ein herber Rückschlag für ihn. Für sie alle. „Schlaf, Harry, wir sind da und passen auf.“, redete er leise auf den Kleinen ein. „Es kann sein, dass Remus heute noch weg muss, aber dann bleibst du bei mir.“

„Nicht weggehen!“, schluchzte Harry.

„Welpe, ich habe mit Albus ausgemacht, dass ich Sirius mit abholen will, damit ich ihm alles erklären kann.“, begann Remus und streichelte Harrys Rücken. „Kannst du dich erinnern, dass dein Vater mein bester Freund war?“ Harry nickte nach einem Moment. „Und Sirius war ebenfalls der beste Freund von deinem Dad. Sirius versteht wahrscheinlich nicht, was in den letzten Jahren alles passiert ist, und da sollte ich als sein Freund es ihm erklären. Er wird nicht sofort zu dir kommen, das erlauben wir nicht, aber ich hoffe, du gibst ihm eine Chance, dass ihr euch kennen lernt.“

„Daddy kommt wieder?“, fragte Harry weinerlich.

„Ich komme wieder, versprochen.“, antwortete Remus ernst.

„Daddy hat Harry lieb?“

„Ja, Harry, ich habe dich sehr lieb!“, lächelte der Dunkelblonde.

„Ich habe dich auch lieb.“, bestätigte Severus, als Harry ihn fragend ansah. Er wirkte immer noch so unsicher, dass Severus überlegte, wie er ihn ablenken und auf andere Gedanken bringen konnte. „Und wenn du magst, zeige ich dir mein Geheimnis. Ich kann mich verwandeln, mit Magie. Möchtest du sehen, was ich für ein Tier bin?“

Neugierig geworden nickte Harry, während Remus ihn erstaunt musterte. Severus ließ ihn alleine auf dem Sofa sitzen und trat selbst einen Schritt zurück, konzentrierte sich und wechselte seine Gestalt. Er flog eine Runde durch das Zimmer, dann landete er an Remus' Arm, der ihn oben hielt, damit die Fledermaus landen konnte. Kopfüber hing er nun am Ärmel des Werwolfes. Mit großen Augen hatte Harry das Schauspiel verfolgt und streckte nun zögernd seine Hand aus. Vorsichtig strichen seine Finger über das kurze, weiche Fell am Körper der kleinen Glattnasenfledermaus. Remus wusste, dass Severus zur Art der kleinen Abendsegler gehörte, allerdings trug er schwarzes Fell, was untypisch war, da diese Art normalerweise zweifarbiges Fell in Brauntönen hatte. „Ganz weich und kuschlig!“, staunte der Fünfjährige. „Und das ist Daddy Sev?“

„Ja, das ist Severus.“, bestätigte Remus, aus dessen Stimme Stolz klang. „Manche Zauberer können das, sich in Tiere verwandeln. Das nennt man Animagus. Eigentlich muss man das dem Ministerium melden, aber dein Daddy Sev ist nicht gemeldet, das bedeutet, du darfst niemandem davon erzählen.“

„Okay, Daddy. Harry nichts verraten.“, versprach der Schwarzhaarige ernst. Er streichelte noch einige Male über den Bauch der Fledermaus, dann strich er vorsichtig über den Kopf. Nach einiger Zeit merkte Remus, wie dem Kleinen die Augen immer wieder zufielen.

Langsam entspannte sich Harry wieder und schlief schließlich erschöpft ein. Severus verwandelte sich wieder zurück und setzte sich auf das Sofa, strich dem schlafenden Harry über den Kopf. Lieber wäre es ihnen gewesen, wenn er noch etwas gegessen hätte, aber das war unmöglich, wenn er so angespannt war. Das kam nur alles wieder. Der Tränkemeister richtete daher einen seiner speziellen Nährtränke her, den er dem Jungen geben konnte, sobald er wieder wach wurde. Vorsichtig hob Remus ihren Sohn hoch und brachte ihn in ihr gemeinsames Bett. Severus duschte sich kurz und zog dann seinen Schlafanzug an, kroch zu Harry ins Bett und zog ihn in seine Arme. Jetzt erst konnte Remus sich frisch machen. Auch er kroch ins Bett, allerdings rechnete er mit einer Nachricht von Albus und schlief nicht sehr tief. Das Abendessen in der großen Halle wurde von dem Tränkemeister an diesem Tag einfach ignoriert, aber das passierte häufiger, daher fiel es niemandem auf.

Gegen kurz vor neun Uhr abends tauchte ein Patronus in Phönix-Form auf und sprach mich Dumbledores Stimme: „Remus, wenn du Sirius Black mit abholen willst, dann triff mich in zehn Minuten am Besuchereingang des Ministeriums in London.“

„Geh, ich bin hier bei ihm.“, murmelte Severus im Halbschlaf. „Bring ihn nach London, in sein Haus. Aber komm bitte zum Frühstück her, ich habe den ganzen Tag Unterricht.“

„Ich liebe dich, Sev!“, flüsterte Remus und küsste seinen Mann kurz. „Bis morgen früh!“ Er schlüpfte in seine Kleidung und huschte aus den Räumen des Tränkemeisters, erschreckte dabei einige Slytherins, die auf dem Flur unterwegs waren. „Guten Abend!“, grüßte er höflich und eilte weiter Richtung Eingangshalle, um zum Tor zu gelangen und von dort aus apparieren zu können.

Genau zehn Minuten nach Eintreffen des Patronus erschien er vor dem Besuchereingang des Ministeriums. „Remus, gut dass du kommst.“, begrüßte ihn der Weißhaarige. „Wir wollten gerade los.“ Sie gingen in das Ministerium hinein, wo sie in der Eingangshalle auf Alastor Moody, den Chefauror, Amelia Bones, die Leiterin der magischen Strafverfolgung, und Griselda Marchbanks, die neue Vorsitzende des Zaubergamot, trafen. Dumbledore stellte sie einander kurz vor, dann ging Moody voran zu den Kaminen. Von dort aus gab es einen mit einer Verbindung in die Nähe von Askaban, bis ins Fähr- und Wärterhaus der Gefängnisinsel. Dort wurden sie von einem grimmig aussehenden Auror in Empfang genommen und mussten ihre Zauberstäbe abgeben.

„Keine Stäbe auf der Insel.“, erklärte er kurz angebunden. „Nur die Wärter dürfen bewaffnet sein. Steigen sie in das Boot, es wird sie direkt zur Insel bringen. Apparieren ist nicht mehr möglich, sobald sie das Boot betreten. Sie werden auf der Insel erwartet.“

Mit einem mulmigen Gefühl stieg Remus in das kleine, schmale Boot. Da musste ein Zauber im Spiel sein, denn ansonsten würde so ein winziges Boot sicher untergehen, wenn fünf erwachsene Personen einstiegen. Und auf dem Rückweg sollte sogar eine sechste Person mitfahren. Auf dem Weg zur Insel befragte Madam Bones den Dunkelblonden, dann musste er möglicherweise nicht noch vor den Gamot, da die Vorsitzende auch dabei war. Er beantwortete alle Fragen wahrheitsgemäß, auch wenn er damit seine Freunde verraten musste, dass sie nicht-registrierte Animagi gewesen waren, doch das sollte möglichst geheim gehalten werden. Endlich waren die Fragen zu Ende, doch noch waren sie nicht auf der Insel. Unmerklich schüttelte sich Remus und verfluchte die Vorschriften, die keine Zauberstäbe erlaubten. Stablose Magie beherrschte er nicht besonders, daher konnte er nun auch keinen Wärmezauber wirken. Auch wenn er durch seinen inneren Wolf nicht so kälteempfindlich war, es war sehr windig und die Gischt spritzte immer wieder ins Boot. Bis sie an der Insel ankamen, waren alle durchgefroren.

Ein Wärter erwartete sie bereits und winkte ihnen, ihm zu folgen. Im Inneren war es kühl und dunkel, man konnte kaum einen Meter weit sehen. Die Wände waren kahl, einfach nur Steine, die miteinander verbunden waren, nicht verputzt, keine Farbe. Zelle reihte sich an Zelle. Sie folgten dem Wärter sicher fünf Minuten lang durch ein Labyrinth an Gängen, bis er vor einer Tür stehen blieb. „Hier ist es. Der Gefangene Sirius Black.“, erklärte er emotionslos.

Amelia Bones reichte ihm die Papiere, die bereits mehrmals geprüft worden waren. Der Wärter las sie noch einmal aufmerksam durch, dann reichte er sie zurück und öffnete die Tür. „Black?“, rief er in das dunkle Loch. „Steh auf und komm, du bist frei.“

„Frei?“, hauchte eine zittrige Stimme, die nur sehr entfernt an den kräftigen Tenor von Sirius erinnerte.

„Sirius?“, fragte der Werwolf leise und ungläubig.

„Moony? Bist du das?“, kam es ungläubig zurück.

„Ja, Tatze, ich bin hier, ich bring dich nach Hause.“, versicherte Remus.

Sie konnten hören, dass sich im Inneren der Zelle jemand erhob und langsam auf sie zukam. Remus war der Erste, der etwas erkennen konnte, sein Sehvermögen war, seit er ein Werwolf wurde, deutlich besser als das eines Menschen. Sirius war ausgemergelt, nur noch ein mit Haut überzogenes Skelett, bleich wie jemand, der noch nie in seinem Leben die Sonne gesehen hat, die Haare hüftlang und völlig verfilzt, die Kleidung nur noch Fetzen. Seine Augen hatten jegliches Funkeln verloren und er starrte Remus nur an, ohne ihn richtig wahrnehmen zu können. „Remus!“, hauchte er nochmals, dann brach er einfach zusammen.

Der Dunkelblonde reagierte blitzschnell und fing ihn auf. „Er braucht einen Heiler.“, stellte er fest.

Albus nickte. „Bringen wir ihn nach Hogwarts in den Krankenflügel. Poppy wird sich um ihn kümmern.“ Sie folgten dem Wärter, der sie zurück zum Boot brachte. Remus trug Sirius auf den Armen, der ihm unwahrscheinlich leicht vorkam. Albus hatte sicher Recht, den Black-Erben in den Krankenflügel zu schaffen. Dort war er vor Reportern geschützt, die ihm im St. Mungos sicher schnell auflauern würden. Die Rückreise schien ihm nicht so lange zu dauern wie der Herweg, allerdings apparierten sie vom Wärterhäuschen nicht zum Ministerium zurück sondern direkt vor das Tor von Hogwarts, jedenfalls Albus und Remus mit Sirius. Schnell eilten sie in den Krankenflügel und riefen nach der Heilerin. Die kam aus ihren Räumen und als sie sah, wen sie ihr brachten, schob sie sie in ihr Büro und von dort aus in das kleine Hinterzimmer, das mehr Privatsphäre versprach. Dort legte Remus seinen früheren besten Freund in das Bett und trat zurück, damit die Heilerin arbeiten konnte. Sowohl der Schulleiter als auch der Werwolf warteten gespannt, was sie sagen würde.

„Er wird sich erholen.“, verkündete die Heilerin etwa eine halbe Stunde und unzählige Zauber später. Sie steckte geschickt noch eine Kanüle in seinen linken Arm und hängte eine Infusion daran, die sie vorher mit einem Zauber aufwärmte. Anschließend heizte sie das Bett auf, denn Sirius zitterte immer noch erbärmlich. „Ich lasse ihn die nächsten Tage in einem Heilschlaf. Erst wenn er körperlich wieder in einer Verfassung ist, dass er wenigstens ins Bad kurz aufstehen kann, wecke ich ihn wieder auf. Und dann braucht er erstmal viel Ruhe. Ich schätze, er wird mindestens ein bis zwei Wochen hier liegen, bevor er in der Lage ist, sich einigermaßen alleine zu versorgen.“

„Danke!“, lächelte Remus. „Sagen sie mir Bescheid, wenn sie ihn aufwachen lassen?“

„Natürlich Remus.“, versprach Poppy. „Was sagt Severus dazu?“

„Er versucht, sich damit zu arrangieren.“, wich Remus aus. „Aber im Moment gilt unsere Sorge eher Harry, es nimmt ihn ziemlich mit. Er war dabei, als ich Pettigrew erkannte. Severus und ich haben versucht, ihm alles zu erklären, aber es ist nicht leicht, er hat Angst, dass sich nun wieder alles für ihn ändert. Der Junge ist vollkommen verwirrt und schläft gerade in den Armen von Severus. Er hat gebettelt, hier bleiben zu dürfen, weil er Angst hatte, einen von uns zu verlieren. Ich musste ihm versprechen, zum Frühstück da zu sein. Nun, ich gehe zu ihm, Sirius kann ich gerade nicht helfen.“

„Alles Gute. Und schlaft gut.“, wünschte Poppy.

„Gute Nacht!“, wünschten auch Albus und Remus, bevor sie aus dem Krankenflügel gingen und sich am Ende des Flures trennten, um in verschiedene Richtungen zu gehen.

„Wie geht's ihm?“, wollte Severus leise wissen, als Remus zurück ins Bett kroch.

„Abgemagert, völlig verwahrlost. Er ist im Krankenflügel, Poppy will ihn ein paar Tage in einem Heilschlaf halten und dann die nächsten Wochen nicht entlassen, bis sie ihn wieder ein wenig aufgepäppelt hat.“, antwortete Remus ebenso leise, um Harry nicht zu wecken.

„Er hat ruhig geschlafen.“, beantwortete Severus die stille Frage seines Mannes. „Aber ich durfte mich nicht bewegen.“

„Schlafen wir. Momentan können wir sowieso nichts tun.“, murmelte Remus und schloss die Augen.

Am Morgen musste Severus schließlich doch in die große Halle zum Frühstücken. Danach hatte er Unterricht, und da Harry wieder Schwierigkeiten mit dem Atmen hatte, entschieden sie, dass er mit Remus zurück nach São Jorge gehen würde. Wenn Poppy soweit war, dass sie Sirius aufweckte, dann wollte Remus zu ihm gehen. Severus würde dann sehen, dass er zu Harry gehen konnte, damit ihr Sohn nicht alleine war. Auch wenn Lucy bis dahin wieder zurück war, wollten sie Harry nicht vernachlässigen. Der Kleine sollte sich nicht abgeschoben fühlen. Severus verabschiedete sich von seinen beiden Männern, wie er es nannte. Harry wurde ermahnt, brav zu sein und ordentlich zu essen und er versprach ihm, dass er schreiben würde. Harry freute sich immer, wenn Odin, der zahme Rabe, mit Post zu ihnen kam.

Am späten Vormittag waren Remus und Harry dann zurück in Lucys Haus, während Severus die Siebtklässler hatte und sich berichten ließ, wie sie die Wirkung des Trankes erlebt hatten. Sie alle schienen positiv überrascht davon, wie intensiv die Gefühle geworden waren und wünschten sich eine Wiederholung. Severus warnte sie, dass die Wirkung mit der Zeit nachließ, wenn der Körper sich daran gewöhnte, und auch, dass es eine Sucht hervorrufen könnte. So schnell wie mit manchen Drogen ging es zwar nicht, aber eine gewisse Gefahr bestand durchaus. Abgesehen davon war die Herstellung nicht ganz einfach und die Beschaffung der Zutaten benötigte zum Teil eine Genehmigung. Allerdings war Severus durchaus zufrieden mit seinen Schülern, sie alle hatten es geschafft, einen funktionierenden Sinnes-Intensivierungs-Trank herzustellen, etwas, das er in seiner Meisterausbildung gemacht hatte. „Gut gemacht.“, lobte er sie daher – untypisch für ihn, aber der Situation durchaus angemessen. „Das macht für jeden von ihnen zwanzig Zusatzpunkte für ihre Arbeit.“ Die überraschten und ungläubigen Blicke ließen ihn innerlich schmunzeln, auch wenn er es nach außen hin nicht zeigte.

Nach dem Unterricht machte er sich daran, die Arbeiten der anderen Klassen zu korrigieren, die er heute schon bekommen hatte, und schrieb einen kurzen Brief an Remus und Harry, den er mit Odin noch vor dem Abendessen auf den Weg schickte. Am Abend sprach Albus ihn an, als er gerade vom Essen in der großen Halle zurück in die Kerker gehen wollte, ob sie noch in den Grimmauldplatz könnten. Obwohl er eigentlich erschöpft war und schlafen wollte – langsam machte er sich Sorgen deswegen und überlegte sogar schon, Poppy zu konsultieren – sagte er doch zu und war sicher, eine oder zwei Stunden suchen zu können. Sie kamen gegen Mitternacht zurück, erfolglos, und Severus legte sich fast sofort in sein Bett, zog sich nur schnell aus. Duschen würde er am Morgen, dann wurde er wenigstens wach.

So vergingen auch die nächsten Tage und Poppy entschied, Sirius noch eine Weile länger in dem Heilschlaf zu lassen, da es nicht so schnell mit seiner Heilung ging wie gedacht. Severus hatte Aufsicht am Wochenende und konnte daher nicht nach São Jorge reisen. Sie schickten nur Briefe hin und her, wobei deutlich wurde, dass Harry wieder einen mittelschweren Rückfall hatte. Er klammerte und selbst seinen Mittagsschlaf hielt er nur, wenn Remus ihn im Arm hatte. Natürlich hatte Remus handeln müssen, als er Pettigrew erkannte, aber Severus verfluchte die Umstände, die seinem Kleinen so zusetzten. Ihm selbst ging es auch nicht besonders, allerdings hatte er sich noch nicht dazu aufraffen können, die Heilerin aufzusuchen. Jeden Abend verbrachte er mindestens zwei Stunden im Black-Haus, wo sie zwar alles Mögliche entdeckten, aber keinen Horkrux. Der Hauself, der dort lebte, murrte, aber er konnte nichts sagen, da es der Wunsch von seinem Besitzer gewesen war, dass auch Remus entscheiden durfte, wer ins Haus kam. Es gefiel ihm nicht und er ließ sich auch nichts von ihnen sagen, aber er konnte ihnen auch nichts tun, außer sie zu beschimpfen, was sie geflissentlich ignorierten.

Am Freitag, in seiner letzten Unterrichtsstunde des Tages, ließ Severus die Drittklässler einen Abschwelltrank brauen. Immer wieder ging er durch die Klasse, um sicherzustellen, dass alles korrekt ablief. Nicht jeder Schüler arbeitete auch konzentriert. Allerdings war seine eigene Konzentration heute ziemlich schlecht, ihm war flau, heute Morgen hatte er sich sogar übergeben müssen. Unauffällig griff er immer wieder zu und hielt sich an dem einen oder anderen Tisch fest, oder er lehnte sich an sein Pult, wenn der Schwindel ihn erwischte. Er betete darum, dass die Stunde bald zu Ende war und er sich hinlegen konnte. Als es endlich soweit war, ließ er die Schüler einen Stasis-Zauber wirken, damit sie in der nächsten Stunde genau dort weitermachen konnten. Er selbst würde die Kessel, wenn sie abgekühlt waren, ins Labor bringen, wo sie bis dahin stehen konnten. Hinter den letzten Schülern schloss er die Tür, um sich dann krampfhaft am Türrahmen festzuhalten. Er atmete mehrmals tief durch, dann öffnete er seine Augen wieder. Kleine, schwarze Punkte geisterten vor ihm herum und er wankte durch das Klassenzimmer zur Bürotür. Von dort aus kam er in sein Wohnzimmer und könnte sich hinlegen. Doch so weit kam er nicht. Wieder erfasst ihn ein heftiger Schwindel und es wurde schwarz vor seinen Augen. Der Tränkemeister bekam nicht mehr mit, dass er zusammenklappte und dabei einen der Kessel umstieß, schließlich mitten im kochend-heißen Zaubertrank lag.

 

Währenddessen tobte Harry mit seinem Besen durch das Haus von Lucy. Langsam hatte er sich wieder ein wenig beruhigt und wurde zuversichtlicher. Die Aussicht, Sirius zu treffen, versetzte ihn allerdings immer noch in Angst und Schrecken. Die Ereignisse an Neujahr hatten Harry weit zurückgeworfen, aber es schien Remus, als würde er sich schneller erholen.

„Harry?“, rief Remus ihn schließlich zu sich. „Wir sollten einkaufen gehen, Daddy Sev hat bald Geburtstag. Möchtest du etwas für ihn aussuchen?“

„Ja.“, war Harrys schlichte Antwort.

„Dann zieh dich um, dass wir in die Stadt gehen können. Dort finden wir bestimmt etwas.“, lächelte Remus.

Wie ein Wirbelwind rannte Harry in sein Kinderzimmer, Remus ging grinsend hinterher. Endlich reagierte Harry auch mal wie ein Kind, wenn auch nur im vertrauten Umfeld. Er beobachtete, wie Harry im Kleiderschrank kramte, ein T-Shirt und eine Jeans herausholte. Heute war es etwas windig, daher musste er noch einen Pullover anziehen. Socken konnte er anbehalten, die hatte er erst heute Morgen angezogen. In der Beziehung war der Kleine sehr selbständig, hatte es wohl bis zu seinem letzten Geburtstag sein müssen. Sie mussten ihm selten helfen, nur die Verschlüsse waren ihm manchmal zu kompliziert.

Zehn Minuten später machten sie sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt, die sie in etwas über dreißig Minuten erreichten. Immer wieder waren sie schon dahin gegangen, entweder am Strand entlang oder die Straße. Harry sollte ausdauernder werden, sodass normale Fußmärsche ihn nicht mehr überforderten. Hier auf São Jorge bekam er wenigstens richtig Luft, in England waren seine Lungen ein wenig überfordert. Aber Poppy war sicher, dass sich das in den nächsten Wochen geben würde. Nach Weihnachten hatte er eine knappe Woche durchgehalten, bevor er wieder angefangen hatte, zu keuchen. Deshalb waren sie hier, damit seine Lunge sich erholen konnte. Poppy hatte die Vermutung, dass er viel mit Putzmitteln der Muggel hantiert und sich damit die Lungenfunktion eingeschränkt hatte, aber das sollte sich mit der Zeit geben. Sobald alle Rest-Partikel aus seiner Lunge waren, müsste er wieder ganz normal atmen können, auch in England, wo die Luft deutlich verschmutzter war.

Kaum waren sie in der Nähe von Menschen, griff Harry wieder ängstlich nach Remus' Hand und hielt sich nahe bei ihm. Im Prinzip war das dem Dunkelblonden gar nicht so Unrecht, denn immerhin war so sichergestellt, dass er ihn nicht wieder verlieren konnte, wie es ihnen in der Winkelgasse passiert war. Es schien, als hätte der Kleine das ebenfalls nicht vergessen. Momentan war das in Ordnung, allerdings würde es in ein paar Jahren wohl eher für Verwirrung sorgen, wenn sich Harry dann immer noch so sehr an sie klammerte. Remus seufzte innerlich, sie hatten noch ein weites Stück Weg vor sich.

Zielstrebig gingen sie auf das kleine Lädchen in der Stadt zu, die einzige Einkaufsmöglichkeit in laufbarer Entfernung. Viel Auswahl gab es nicht, aber Remus nahm gleich einen Käse mit, den Severus bei seinem Aufenthalt hier offenbar genossen hatte. Dazu eine Auswahl Tee, der auf der Nachbarinsel angebaut wurde. Harry war bei den Schmuck-Sachen gelandet und deutete auf einen Anhänger aus Basalt. So manche Frau hier verdiente sich Geld dazu, indem sie solche Schmuckstücke aus gefundenem Basalt herstellte. Fragend sah Remus den Fünfjährigen an.

„Wie Augen von Daddy Sev.“, erklärte der.

Das allerdings stimmte, fiel Remus auf. Schwarz und glänzend. „Möchtest du ihm den Anhänger schenken?“, fragte er daher.

Harry nickte, also legten sie den Anhänger mit in den Einkaufskorb. Wenn es von Harry kam, würde sich Severus sicher darüber freuen, auch wenn er ansonsten keinen Schmuck trug, noch nicht einmal eine Armbanduhr. Er hatte eine, die ihm Lily geschenkt hatte, das wusste Remus, aber die hatte er seit ihrem Tod nicht mehr getragen. Außer den Geschenken für Severus kauften sie noch Lebensmittel für die nächsten Tage ein. Remus konnte sie vermehren mit einem Zauber, aber nicht aus dem Nichts erschaffen. Also besorgte er regelmäßig frische Sachen, damit Harry ordentlich essen konnte. Alles zusammen packten sie in den geflochtenen Korb, den Lucy ihnen zum Einkaufen in den ersten Tagen gegeben hatte. Bevor sie zurück gingen, setzten sie sich in ein kleines Café, wo Remus eine Tasse Tee trank, während Harry sich eine heiße Schokolade schmecken ließ, außerdem bekam er eine Portion frischen Obstsalat und Remus naschte vom frisch gebackenen Schokoladenkuchen.

Zum Abendessen zauberte der Werwolf eine Gemüsepfanne mit Nudeln und Chorizo, einer einheimischen, ziemlich scharfen Wurst, die Harry aber sehr gerne mochte. Lucy war nach Hause gekommen, während sie unterwegs waren, und freute sich, als sie nicht kochen musste. Sie erzählte vom Besuch bei ihrer Nichte, die inzwischen auch schon fast 150 Jahre alt war. Lucy selbst verriet, dass sie 182 Jahre zählte, was Remus kaum glauben konnte. Zwar war es für Zauberer und Hexen nicht ungewöhnlich, älter als Muggel zu werden, aber alles ab 150 Jahren war schon wirklich alt. Nie hätte er geglaubt, dass Lucy älter als vielleicht 120 Jahre wäre. Dabei fiel ihm auf, dass er keine Ahnung hatte, wie alt Dumbledore war. Die 100 hatte er sicher schon überschritten, aber um wie viel? Apropos, er wollte den Schulleiter noch fragen, ob Severus an seinem Geburtstag hierher kommen konnte, da sollte er sich vielleicht gleich darüber machen, wenn Harry im Bett war.

Daher brachte er den Fünfjährigen nach dem Essen ins Bad, duschte ihn nur kurz ab, bevor er den Schlafanzug anzog und sich in sein Bett kuschelte. Remus setzte sich zu ihm und las ihm eine Geschichte vor, etwas, wovon Harry früher nicht mal träumen konnte und das er nun umso mehr genoss. Lange hielt der Kleine seine Augen krampfhaft offen, aber schließlich schlief er doch ein, er war heute weit gelaufen und vorher sogar geflogen, das machte müde.

Ruhig ging Remus anschließend nach unten und kniete sich vor den Kamin. „Hogwarts, Büro des Direktors.“, sprach er, während er das grüne Pulver in das Feuer warf und seinen Kopf hineinsteckte. Er wirbelte umher, bis er endlich ankam und den Schreibtisch sehen konnte, an dem Dumbledore gerade über Papiere gebeugt war. „Albus?“, sprach er ihn an.

Der Weißhaarige schreckte hoch, lächelte aber, als er den Werwolf erkannte. „Remus. Guten Abend.“, grüßte er.

„Guten Abend, Albus.“, erwiderte Remus. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein, nicht im Geringsten.“, wiegelte der Schulleiter ab. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich wollte nachfragen, ob Severus an seinem Geburtstag frei bekommt, damit er zu uns kommen kann.“, erklärte der Dunkelblonde. „Harry würde sich riesig freuen, und hier hat er keine Angst. Seine Panik, was Sirius mit ihm machen könnte, ist immer noch groß, auch wenn ich ihm sicherlich fünfmal täglich versichere, dass er unser Sohn ist und Sirius keine Möglichkeit hat, über ihn zu bestimmen. Deshalb würde ich es vorziehen, Severus hierher zu holen.“

„Meinetwegen gerne, ich weiß nur nicht, ob es in seine Pläne passt.“, lächelte Albus. „Willst du ihn überraschen?“

„Lieber nicht, das mag er gar nicht.“, schauderte Remus. „Er behält gerne die Kontrolle, vor allem seit seiner schlimmsten Zeit.“

„Nun gut. Ich wollte sowieso morgen etwas mit ihm besprechen, dann werde ich ihn fragen, ob er etwas vorhat. Wenn nicht, würden Minerva und ich auch gerne kommen. Außer natürlich, du hast etwas dagegen.“, schränkte der Weißhaarige ein.

„Nein, überhaupt nicht, Albus.“, verneinte Remus. „Dann kommt ihr zu einem späten Kaffee und bleibt mit zum Abendessen?“

„Das klingt nach einem guten Plan. Ich werde mit Severus reden, danach dann mit Minerva, und dir Bescheid sagen.“, entschied Albus.

„In Ordnung, vielen Dank. Dann will ich nicht weiter stören und mich verabschieden. Gute Nacht.“, endete der Werwolf.

„Gute Nacht, und Grüße an Lucy.“, verabschiedete sich auch Albus.

Remus bestätigte das und zog sich zurück. Es war ziemlich unbequem, so vor dem Kamin zu knien, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht, wenn er in Hogwarts mit jemandem sprechen wollte. Mit Severus sprach er nicht auf diese Weise, das machte ihnen beiden zu sehr zu schaffen, wenn sie sich zwar sahen, aber dann gleich wieder trennen mussten. Briefe waren die bessere Alternative, das hatten sie vor Jahren schon festgestellt. Lucy wartete bereits auf ihn und hielt ihm ein Glas Wein hin. „Auf ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr!“, prostete sie ihm zu.

„Das wünsche ich dir auch, Lucy.“, lächelte Remus. „Einen lieben Gruß von Albus. Und nochmal vielen Dank dafür, dass wir hier wohnen dürfen.“

„Gerne. Ihr seid wirklich angenehme Gäste. Ich bin froh, wenn etwas Leben im Haus ist. So lange ich in England lebte, war ich nie alleine im Haus, anfangs lebte ich mit meinem Mann bei seinen Eltern, dann sind auch meine Eltern mit eingezogen, und unsere Kinder und später sogar die Enkel haben eine lange Zeit bei uns gelebt. Erst, als ich mit der Lunge Probleme bekam und hierher zog, musste ich mich an das Leben alleine gewöhnen. Mein Mann war kurz davor gestorben, die Kinder und Enkel wollten nicht weg aus der Heimat.“, erzählte Lucy.

Jetzt verstand auch der Werwolf, warum sie sie aufgenommen hatte. Es half beiden Seiten. Gemütlich saßen sie beisammen und tranken den Wein, plauderten entspannt über alles Mögliche. Gegen kurz vor Mitternacht sagten sie einander „Gute Nacht“ und gingen in ihre Betten. Remus sah noch einmal nach Harry, der ruhig schlief. Wahrscheinlich würde er irgendwann zu ihm kommen, wenn er wach wurde, aber die Zeit, die er in seinem eigenen Bett verbrachte, wurde langsam immer länger. Aber nur hier, in England fehlte ihm diese Sicherheit scheinbar.

Nachdem Albus mit Remus gesprochen hatte, beugte er sich wieder über seine Unterlagen. Er versuchte noch immer, herauszufinden, wie er an den Becher im Verlies der Lestranges herankommen könnte. Er war inzwischen dabei, Kontakt mit den Kobolden von Gringotts aufzunehmen, in der Hoffnung, dass er eine Möglichkeit bekäme, in das Verlies zu gehen und den Horkrux in dem Becher zu zerstören, ohne aber den Becher aus dem Verlies entwenden zu müssen. Darum ging es den Kobolden seiner Meinung nach, er durfte nichts entwenden. Wenn er an Basiliskengift käme, dann hätte er eine Möglichkeit, den Horkrux zu vernichten ohne den Behälter zu zerstören. Außer bei der Schlange, die würde das Gift wohl auch nicht überleben. Allerdings hatte er keine Ahnung, wo diese sein könnte.

Der Schulleiter hatte früher am Abend auf den Tränkemeister gewartet, sie hatten eigentlich ausgemacht, sich zu treffen und nach London zu gehen, um weiter zu suchen. Albus hatte seinen Kamin mit dem in der Küche des Grimmauldplatzes verbunden, dann konnten sie unerkannt hin und her gehen. Doch Severus war nicht aufgetaucht. Auch in seinem Büro hatte er ihn nicht angetroffen, daher war er davon ausgegangen, dass sich der Schwarzhaarige wohl hingelegt hatte. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Severus in letzter Zeit schnell erschöpft war. Ein wenig packte ihn das schlechte Gewissen, vielleicht überforderte er den frischgebackenen Vater, aber auf der anderen Seite konnten sie nur dann sicher leben, wenn alle Horkruxe zerstört waren. Nur dann war die Gefahr gebannt, dass der Unnennbare zurückkam. Alleine zu suchen war auch zu gefährlich, wenn sie zu zweit waren, hatten sie deutlich bessere Chancen, den dunklen Zaubern zu widerstehen und die Banne zu brechen, die die Horkruxe schützten.

Schließlich brach er ab und legte sich, gegen ein Uhr morgens, ins Bett. Auch er brauchte Schlaf. Schnell war er eingeschlafen, lag aber noch nicht lange im Bett, als er das Gefühl hatte, plötzlich draußen in der Kälte zu sein. Er schreckte hoch, ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass er knapp über zwei Stunden geschlafen hatte. Um sich blickend entdeckte er den Blutigen Baron, der neben seinem Bett schwebte. Offenbar hatte er ihn geweckt, indem er durch ihn hindurch geschwebt war, was auch das Kältegefühl erklärte. „Herr Baron, welch ungewöhnlicher Besuch in der Nacht.“, sprach Albus ihn an. „Was ist passiert? Ich gehe davon aus, dass dies kein Höflichkeitsbesuch ist, angesichts der Uhrzeit.“

„Nein, Schulleiter.“, gab der Geist zurück. „Einige der Schüler aus Slytherin haben nach Professor Snape-Lupin gesucht, sie haben an seinen Räumen und dem Büro geklopft, aber er hat nicht reagiert. Das ist ungewöhnlich, normalerweise ist er immer für seine Schlangen zu sprechen. Sie haben weitergesucht und entdeckt, dass ein Trank unter der Tür seines Klassenraumes heraus läuft und haben mich gebeten, Hilfe zu holen, da ich nicht in das Klassenzimmer oder die Räume des Professors komme. Die Schüler sind zu der Heilerin gegangen, einer von ihnen scheint krank zu sein.“

„Ich bin unterwegs.“, versprach der Direktor und schwang die Füße aus dem Bett. Schnell warf er eine Robe und einen Umhang über und eilte anschließend in die Kerker. Vor der Klassenzimmertür war es still, die Schüler waren nicht mehr da. Albus fasste den Vorsatz, sich im Krankenflügel nach dem Vorfall zu erkundigen. Aber zuerst wollte er im Klassenzimmer nach dem Rechten sehen. Mit seinem Zauberstab tastete er nach den Schutzzaubern auf der Tür und entfernte sie. Vorsichtig öffnete er die Tür und trat ein, sodass er nicht in den Trank trat, da er keine Ahnung hatte, um welchen Trank es sich handelte. Sein Blick huschte durch das Klassenzimmer, wo einige Kessel unter Stasiszauber standen. Nur einer war umgerissen und als sein Blick noch ein Stück weiter wanderte, holte er zischend Luft.

Severus lag mitten im Trank, bewusstlos. Albus konnte sehen, dass sich sein Oberkörper hob und senkte, also atmete er. Doch sein rechter Arm, der mitten im Trank lag, war über und über mit roten Blasen bedeckt, genauso wie ein Teil seines Gesichtes. Wahrscheinlich der ganze Teil seines Körpers, der mit dem Trank Kontakt hatte. So schnell und so vorsichtig wie möglich zauberte er Severus auf eine heraufbeschworene Trage und ließ ihn vor sich her in den Krankenflügel schweben. Die Tür schloss er erst einmal einfach hinter sich, er würde sich nachher darum kümmern, den Trank vom Boden entfernen und die Tür wieder sichern. Erst einmal war Severus wichtiger. Eilig hastete er in den Krankenflügel. „Poppy?“, rief er, als er die Tür erreicht hatte.

„Hier!“, antwortete die Heilerin von einem Bett, in dem ein Schüler lag. Sie sah zunächst nicht auf, doch als sie schließlich ihren Blick hob, eilte sie sofort zu ihm. „Was ist passiert?“

„Ich habe ihn in seinem Klassenzimmer gefunden, er lag in einem Trank, allerdings weiß ich nicht genau, in welchem. Ich habe keine Ahnung, wie lange er schon da lag, aber ich vermute, schon eine Weile.“, berichtete Albus.

„Bringen wir ihn nach hinten zu Sirius.“, entschied Poppy. „Ich weiß, die beiden mögen sich nicht, aber ich muss mich um sie intensiv kümmern und kann nicht immer hin und her rennen.“ Sie öffnete die Tür und dirigierte Albus mit der Trage zu dem zweiten Bett im Raum. Sirius lag noch immer in einem Heilschlaf. Einige Zauber später wusste die Heilerin, was Severus fehlte. „Es sind hauptsächlich Verbrennungen, weil der Trank offenbar kochend heiß war, als er ihn abbekam.“, sagte sie erleichtert. „Ich kann die Verletzungen gut behandeln, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis alle Spuren verheilt sind.“

Albus spürte, dass das nicht alles war. „Warum wurde er bewusstlos? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Trank umgeschüttet hat, das muss schlimmer sein.“

„Ich stehe unter Eid, ich darf nicht sagen, was ich alles erfahre durch die Diagnosezauber.“, stoppte Poppy die aufkommenden Fragen des Direktors. „Ich werde es Severus sagen, wenn er wach ist, es ist seine Entscheidung, wer davon erfährt. Allerdings wäre es gut, wenn Remus hier wäre, wenn er aufwacht.“

„Ich kümmere mich darum. Wann wird er aufwachen?“, erwiderte Albus.

„Frühestens morgen Mittag.“, antwortete die Heilerin.

„Gut, dann werde ich Remus am Morgen verständigen. Was ist mit dem Schüler?“, kam es wieder von Albus.

„Eine Magen-Darm-Grippe, nichts allzu Schlimmes. Am Montag ist er wieder auf den Beinen.“, beruhigte Poppy.

Während sie miteinander sprachen, hatte die Heilerin den Arm und das Gesicht von Severus dick mit einer Heilsalbe eingerieben. Der Schulleiter verabschiedete sich und verließ den Raum, dann erst zog sie den Tränkemeister mit einem Zauber aus bis auf die Unterhose, um ihn weiter zu behandeln. Seine ganze rechte Seite war von Brandblasen überzogen, die zum Teil entzündet aussahen. Nach und nach cremte sie alles mit der Heilsalbe ein, legte schließlich noch eine Nadel in seinen linken Arm und hängte eine Infusion daran. Severus wimmerte leise, als sie die Blasen berührte, wachte aber nicht auf. Daraufhin sprach sie noch einen Schlafzauber über ihn, damit er erst einmal in Ruhe ausschlafen konnte, bis das Schlimmste geheilt war. Und was sie noch gefunden hatte, nun, das wollte sie ihm erst dann sagen, wenn Remus auch da war. Er würde Unterstützung brauchen. Das Ergebnis ihres Zaubers hatte sie überrascht, wenn nicht sogar schockiert. „Was ist da nur passiert? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das geplant hast.“, murmelte sie, warf noch einen sorgenvollen Blick auf ihren neuesten Patienten, dann checkte sie Sirius, legte einen Isolationszauber auf ihn, damit er nicht noch krank wurde, und ging zurück zu dem Schüler, der draußen im Behandlungsraum lag und inzwischen friedlich schlief.

 

Am nächsten Vormittag stürmten Remus und Harry in den Krankenflügel. Der Fünfjährige schien ängstlich und sah sich um, sobald sie den Raum betraten. „Wo ist Severus?“, fragte Remus alarmiert.

„Hinten in dem Raum, wo auch Sirius liegt.“, antwortete die Heilerin, die noch mit dem Schüler beschäftigt war. „Geht ruhig schon mal vor, ich komme gleich, und dann lassen wir ihn aufwachen. Es sieht schlimmer aus, als es ist.“

Remus und Harry gingen nach hinten in das Büro der Heilerin und von dort aus in den Nebenraum. Entsetzt sahen sie, dass Severus beinahe nackt im Bett lag, ein Wärmezauber war offenbar auf ihm, denn er war nicht zugedeckt. Er lag auf der linken Seite mit dem Rücken zu ihnen, während die rechte Seite rot und immer noch teilweise von Blasen überzogen war. Mit drei langen Schritten stand Remus neben dem Bett. Harry auf seinem Arm schniefte und krallte sich an ihm fest. „Keine Angst, Harry, Poppy hat versprochen, dass es ihm wieder gut gehen wird.“, beruhigte Remus den aufgebrachten Fünfjährigen. „Er schläft, damit er besser heilen kann.“

Vorsichtig griff Harry nach seinem Daddy Sev und strich ganz sanft über die Wange, darauf achtend, dass er nicht auf die Verletzungen kam. Jetzt kam auch die Heilerin zu ihnen. Sie brachte einige Phiolen mit sich und wirkte einen Zauber, den Remus als Aufwach-Zauber erkannte. Severus reagierte, indem er unruhiger wurde, sich drehte und mit einem Stöhnen erwachte.

„Du solltest auf der linken Seite liegen bleiben.“, empfahl die Heilerin ruhig. „Du hattest offenbar einen Kreislaufzusammenbruch und dabei einen Kessel mit einem kochenden Zaubertrank umgestoßen. Es sind Verbrennungen, die du hast, der Trank selbst hat keine Auswirkungen auf dich, er war noch nicht so weit, dass er Wirkung hätte. Es wird einige Tage dauern, bis die Verbrennungen abgeheilt sind. Aber die Ursache für deine Kreislaufprobleme ist eine ganz andere. Du hast schon länger Schwindelattacken, oder?“

Severus nickte müde.

„Du bist öfter erschöpft? Übelkeit? Erbrechen?“, hakte die Heilerin nach.

„Schwindel und flau im Magen, dazu müde. Ja.“, bestätigte Severus leise. Man konnte hören, dass es ihm zuwider war, das zugeben zu müssen, aber er war grundehrlich. „Was ist los?“

„Du bist schwanger, Severus.“, ließ Poppy die Bombe platzen.

„Schwanger?“, keuchten Severus und Remus gleichzeitig.

Harry sah nur verständnislos von einem zum anderen. Er verstand nicht, was hier passierte.

„Aber … aber ich habe nie einen Trank genommen, wie kann ich dann schwanger sein?“, fragte Severus, als er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte. Man konnte ihm ansehen, dass er geschockt war. Auch Remus hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte. Er hatte immer den Wunsch gehabt, dass sie Kinder hatten, aber Severus wollte nie einen Fruchtbarkeitstrank nehmen. Der Tränkemeister war nicht sicher, ob er ein guter Vater sein würde und er konnte eigentlich mit kleinen Kindern nichts anfangen, aber mit Harry machte er sich sehr gut. Hatte er seine Meinung geändert? Wohl eher nicht, der Schock zeigte deutlich, dass er keine Ahnung davon gehabt hatte. Außerdem hätte er das mit ihm besprochen, war Remus sicher. Der Schwarzhaarige lag völlig erstarrt in seinem Bett, nicht mehr in der Lage, zu reagieren.

„Wie lange?“, wollte Remus daher wissen.

„Ich denke, seit Mitte bis Ende Oktober etwa. Das macht einen vermutlichen Geburtstermin zwischen 20. und 31. Juli.“, informierte die Heilerin.

„Sev?“, fragte Remus ganz sanft.

„Ich … ich …“, wisperte Severus zitternd.

„Ruhig, Liebling.“, küsste Remus die Stirn des Tränkemeisters. „Alles in Ordnung?“ Natürlich nicht, Remus könnte sich in den Allerwertesten beißen, sobald er die Worte gesprochen hatte.

„Ich hab das nicht …“, hauchte Severus. „Wir … Harry … ich weiß nicht, ob wir das schaffen.“

„Willst du es denn?“, erkundigte sich der Werwolf betont neutral.

„Ich .. ich weiß nicht.“, überlegte der Schwarzhaarige. Er wusste, wie viel seinem Mann daran lag, aber im Moment war er völlig überfordert.

„Du musst das nicht jetzt entscheiden.“, bestimmte Poppy. „Aber ich kann dir gerade nichts gegen die Schmerzen geben, das würde dem Kind nicht gut tun. Einen passenden Trank für Schwangere habe ich nicht vorrätig.“

„Es geht schon.“, winkte Severus ab.

„Daddy?“, machte Harry auf sich aufmerksam. „Daddy Schmerzen?“

„Es geht schon, Harry. Ich halte es aus.“, versuchte Severus ein Lächeln.

„Daddy soll nicht Schmerzen haben.“, moserte der Kleine.

„Hier, Harry. Creme ihn vorsichtig damit ein, die Salbe hilft ihm beim Heilen und kühlt auch, damit es nicht so wehtut.“, reichte ihm Poppy einen Tiegel mit Salbe.

Ganz vorsichtig widmete sich Harry dieser Tätigkeit, blendete das Gespräch der Erwachsenen aus. Er achtete nur darauf, ob es seinem Vater gut tat und zuckte bei jedem hektischen Atmen zusammen. Immer wieder schnappte er etwas von dem Gespräch auf und sah letztendlich fragend zu Severus. „Daddy krank?“, wollte er wissen.

„Nein. Aber in meinem Bauch wächst ein Baby und ich wusste bisher nichts davon.“, erklärte Severus ruhiger, als er sich fühlte. „Das bedeutet, wenn ich das Baby auf die Welt bringe, wirst du ein großer Bruder.“

Mit der Reaktion seines Sohnes hätte er allerdings nicht gerechnet. Der Fünfjährige drehte sich ein wenig, legte seine Hand auf Severus' Bauch, der immer noch nur in Boxer auf dem Bett lag, küsste die nicht verbrannte Seite des Bauches und fing an, zum Bauch zu sprechen. „Hallo Baby, ich Harry, dein großer Bruder. Kommst du bald?“

Schockiert sahen ihn seine Väter an. Sie hatten mit einer Panikattacke gerechnet, dass er ersetzt werden könnte, aber sicher nicht damit, dass der Kleine es einfach so akzeptieren würde und sich auf das Baby freute. „Freust du dich?“, fragte Severus, der seine Sprache eher wiederfand.

„Ja. Harry guter großer Bruder.“, erklärte Harry ernst. Er drehte sich so, dass er mit einem Ohr am Bauch des Tränkemeisters lag und schloss die Augen. Als würde er nach dem Baby lauschen.

Severus und Remus tauschten einen Blick voller Stolz und Wärme. Der Werwolf konnte sich kaum beherrschen, so sehr freute er sich. Doch er wollte seinen Mann nicht dazu zwingen, das Baby seinetwegen zu bekommen. Damit würde er ihn auf Dauer nur unglücklich machen. „Wir werden Eltern.“, staunte Severus.

„Du willst es bekommen?“, versicherte sich Remus und der Tränkemeister nickte, wenn er auch noch ziemlich unsicher und durcheinander wirkte. Seine Augen strahlten ein Glück aus, das er sich nie erhofft hätte.

„Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das zugeht, aber ich könnte es nicht umbringen.“, gestand er schließlich.

„Wir werden herausfinden, wie es zuging.“, versprach Remus. „Und wenn nicht, dann ist es auch egal. Wir bekommen ein Baby!“ Jetzt konnte sich Remus nicht mehr beherrschen, sein Strahlen ließ sein Gesicht um Jahre jünger wirken. Er küsste Severus immer wieder, musste sein Glück einfach mit ihm teilen. Auch Severus entspannte sich ein wenig, schloss die Augen und schmiegte sich in die Berührung. Poppy ließ sie alleine, sah in der Zeit nach dem Slytherin draußen. Tränen des Glücks strömten aus den Augen des Werwolfes und er kam nicht hinterher damit, sie wegzuwischen. „Ich liebe dich, Sev.“, wiederholte er immer wieder. „Du machst mich zum glücklichsten Menschen der Welt.“

„Ihr beide seid bisher die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“, erwiderte Severus. „Ich bin noch nicht ganz sicher, ob das auch für das Baby gilt, ich schätze, ich werde noch eine Weile brauchen, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen.“

„Warum hast du nie etwas gesagt, dass es dir nicht gut geht?“, wollte Remus schließlich wissen.

„Es war nie so schlimm, ich dachte, ich bekomme eine Grippe oder so.“, gestand der Tränkemeister. „Allerdings hatte ich vor, zu Poppy zu gehen, doch da kam wohl der Zusammenbruch dazwischen.“

„Kannst du dann weiter unterrichten?“, sorgte sich Remus. „Mit den ganzen Dämpfen und den gefährlichen Zutaten?“

„Im Unterricht komme ich nicht mit gefährlichen Zutaten in Kontakt.“, beschwichtigte Severus.

„Und was ist mit den Dämpfen?“, hakte Remus nach, der durchaus bemerkt hatte, dass sein Mann nur einen Teil beantwortet hatte.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, es gibt einen Zauber, der mich davor bewahrt, dass ich die Dämpfe einatme, wenn wir derartige Tränke durchnehmen.“, überlegte der Tränkemeister. „Ich möchte es nicht öffentlich machen.“

„Das verstehe ich.“, bestätigte der Dunkelblonde. „Du solltest es aber zumindest Albus verraten. Die Suche nach den Horkruxen ist gefährlich. Ich hatte bisher schon Angst um dich deswegen, aber jetzt …“

„Ich will diese Welt sicher für euch machen, für dich, für Harry und nun wohl auch für unser Baby.“, murmelte Severus. „Ich will keine Angst um euch haben müssen.“

„Ich weiß.“, flüsterte Remus.

Poppy unterbrach sie, als sie wieder hereinkam. „Ich habe hier einige Tränke für dich, die du regelmäßig nehmen solltest.“, ordnete sie an. „Ich weiß, ich muss dir nichts darüber erzählen. Ich will dich alle zwei Wochen spätestens sehen, oder wenn du auch nur ein keines Unwohlsein spürst. Egal was.“

„Ich werde mich regelmäßig melden und die Tränke nehmen.“, versprach der Tränkemeister. „Aber ich werde mich nicht die ganze Zeit ins Bett legen. Ich werde meinen Unterricht abhalten. Die Schüler und auch die Kollegen müssen nichts davon wissen.“

„Du solltest nur darauf achten, die Dämpfe der Zaubertränke nicht einzuatmen.“, bemerkte die Heilerin.

„Das ist mir bewusst.“, kam es kühl von Severus. Er fühlte sich offenbar in seiner Ehre angegriffen. „Ich werde einen Zauber nutzen, damit ich sie nicht einatme.“

„Nun, dann sollte alles in Ordnung sein.“, schnappte Poppy. „Aber heute bleibst du hier und morgen auch. Die Verbrennungen bedürfen meiner Expertise.“

Severus ergab sich und schloss die Augen. Er fühlte sich ausgelaugt und konnte sich kaum noch konzentrieren. Nun, da er wusste, dass er schwanger war, wurde ihm klar, dass ihm bestimmte Nährstoffe fehlen würden. Dafür auch die Tränke. Sobald er einen bestimmten Level davon in sich hatte, sollte es ihm besser gehen. Bis dahin konnte er auch noch ein wenig schlafen. Auch Harry wirkte, als würde er gleich einschlafen. Er hatte nie aufgehört, über den Bauch von Severus zu streicheln. Der Tränkemeister zog ihn an sich und beide schlossen die Augen, schliefen bald. Severus träumte ziemlich wirr, die Ereignisse nahmen ihn offenbar stark mit.
 

Remus blieb am Bett seines Mannes sitzen, wachte über den Schlaf von Severus und Harry. Noch immer war er wie betäubt und glaubte einfach nicht, dass sie ein Kind bekommen würden. Langsam wich der Schock und machte einer unglaublichen Zufriedenheit Platz. Sie bekamen ein Baby! Ein gemeinsames Kind! Das war immer sein Traum gewesen, aber er hätte es Severus nie aufgezwungen. Remus hatte bereits ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er seinem Partner Harry vor die Nase gesetzt hatte, aber Severus liebte den Jungen so sehr, wie es keiner jemals für möglich gehalten hätte. In Remus perlte ein Glücksgefühl und sorgte dafür, dass ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht festsaß. Es war das größte Glück für ihn und er beobachtete zufrieden die beiden Männer, die bislang die wichtigsten in seinem Leben waren. Immer wieder merkte er, dass Severus ganz offensichtlich Schmerzen hatte, aber sie konnten nichts tun, hatte Poppy gesagt. Sie hatte keine Schmerztränke vorrätig, die für Schwangere geeignet waren. Die musste der Tränkemeister erst brauen, aber mit den Verbrennungen war es ihm nicht möglich. Die rechte Hand konnte er im Moment gar nicht bewegen und an Zutaten schneiden war erst einmal nicht zu denken. Er verlangte nicht nur von seinen Schülern exaktes Arbeiten. Jedes Mal, wenn Severus stöhnte, griff Remus nach dem Tiegel mit der Heilsalbe und verstrich sie dünn auf der verbrannten Haut. „Danke.“, hauchte Severus beim dritten Mal gegen halb fünf Uhr abends.

„Schlaf.“, wisperte Remus. „Du kannst noch eine Weile ausruhen, dann wird Poppy darauf bestehen, dass du ordentlich isst.“

Severus verdrehte die Augen, er wusste, sein Mann hatte Recht. Er fühlte sich immer noch ziemlich verwirrt von den Erkenntnissen der letzten Stunden. Seine Entscheidung war gefallen, auch wenn es spontan gewesen war, aber er würde dabei bleiben. Harry und Remus schienen so glücklich mit der Aussicht auf ein Baby, dass er sich dem nicht entziehen konnte. Er wusste, wie sehr Remus sich das gewünscht hatte und bisher hatte er selbst es sich nicht vorstellen können, zu viel hatte er in seiner Kindheit mitgemacht und wusste nicht, wie man ein guter Vater war. Wobei, Harry war offensichtlich ganz zufrieden mit ihm.

Langsam ließ die Starre nach und er merkte, dass er den Gedanken an ein eigenes Baby nicht so schlimm fand, im Gegenteil. Irgendwie freute er sich auf das Kind, auch wenn es ihm noch ziemlich unwirklich vorkam. Nur wie es zu dieser Schwangerschaft gekommen war, wollte er schon herausfinden. Jemand hatte ihm offenbar einen Fruchtbarkeitstrank gegeben, ohne dass er es gemerkt hatte, das hätte auch deutlich schlimmer ausgehen können, wenn es jemand auf ihn abgesehen hatte. Er grübelte, wie es passiert sein konnte, kam aber auf kein Ergebnis, da immer wieder die Gedanken abglitten zu dem kleinen Wesen, das da in ihm wuchs. Das aber bedeutete nun einmal, dass er deutlich regelmäßiger essen musste, dafür würde wohl nicht nur die Heilerin sorgen. Und die Tränke musste er auch nehmen, damit er in der Lage sein würde, seinen normalen Unterricht abzuhalten, ohne dass die Schüler etwas mitbekamen. Er merkte nicht, dass er tatsächlich noch einmal einschlief, als die Schmerzen nachließen.

Erst die Heilerin, die das Abendessen brachte, weckte ihn wieder. Langsam aber sicher fühlte er sich absolut unwohl, so fast nackt auf dem Bett ohne eine Decke über sich. Ihm war klar, dass Poppy das gemacht hatte, um zu verhindern, dass irgendetwas an der blasigen Haut klebte und schmerzhaft entfernt werden musste. Aber hier lag er wie auf dem Präsentierteller, zumindest die Lehrer hatten Zutritt zu diesem Raum. Also entschied er, sich ohne weiteren Kommentar über die Art von der Heilerin über sein Essen zu machen. Er musste sie davon überzeugen, dass er in der Lage war, in seine eigenen Räume umzuziehen. Lange genug kannte er sie inzwischen, dass er ihr Verhalten einschätzen konnte. „Wie geht es eigentlich meinem Schüler?“, wollte Severus beim Essen wissen. Sie hatten ihm erzählt, wie Albus darauf aufmerksam wurde und ihn gefunden hatte.

„Nicht weiter tragisch, nur eine Magen-Darm-Grippe. Es geht ihm wieder gut, ich werde ihn heute noch hierbehalten, dann kann er am Montag zurück in den Unterricht.“, winkte die Heilerin ab. Erleichtert wandte sich Severus wieder seinem Tablett zu.

Nach dem Essen schlief er – dank der Tränke, die ihn aufpäppelten – schnell wieder ein, und Remus ging mit Harry über Nacht in die Wohnung in den Kerkern. Zum Frühstück waren sie wieder im Krankenflügel und aßen mit dem Tränkemeister gemeinsam. Der wirkte inzwischen deutlich wacher und ziemlich unruhig, er wollte offenbar hier raus und in sein gewohntes Umfeld. „Poppy, kann ich in meine Räume?“, fragte er daher nach dem Frühstück. „Ich werde mich dort den restlichen Tag ausruhen, aber ab morgen wieder unterrichten. Um den Schülern etwas beizubringen, brauche ich meine rechte Hand nicht unbedingt.“

Die Heilerin seufzte, untersuchte Severus aber dennoch gründlich und ließ ihn dann gehen. Der Tränkemeister biss die Zähne zusammen und ging durch den Kamin, nicht gewillt, sich den neugierigen Blicken der Schüler zu stellen. Wahrscheinlich wusste die halbe Schule schon, dass er Verbrennungen erlitten hatte und im Krankenflügel lag. Gerüchte machten hier sehr schnell die Runde. Vor allem, wenn es Lehrer betraf. Harry klammerte sich an Remus und schien sehr erleichtert, als er in dem vertrauten Umfeld war. Severus legte sich auf das Sofa, während Remus einen Wärmezauber wirkte, damit er nicht auskühlte. Es war unmöglich, etwas anzuziehen, wenn er seine Boxershorts bewegte, um auf die Toilette zu gehen, brannte es wie Feuer. Der Stoff rieb über die Blasen und riss sie teilweise wieder auf. Doch die Salbe half, die Verletzungen hatten sich schon deutlich zurückgebildet. Er hatte die Hoffnung, dass sie im Lauf des Tages soweit zurückgehen würden, dass er am morgigen Tag wieder Kleidung tragen und unterrichten konnte.

Harry blieb bei seinem Daddy Sev, versuchte ihn aufzumuntern und abzulenken. Immer wieder streichelte er den Bauch und redete mit dem Baby, das schien ihn total zu faszinieren. Es überraschte die Erwachsenen noch immer, dass er so entspannt damit umging. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er sich derart sicher bei ihnen fühlte, aber offenbar war er überzeugt, dass er bei ihnen bleiben konnte. Natürlich würden sie ihn wegen dem Baby nicht weggeben, aber mit dieser Angst hätten sie gerechnet, sobald sich etwas änderte. So wie es war, genossen sie es einfach und freuten sich darüber. Dennoch machte sich Severus Sorgen. Er wusste, dass Sirius die Adoption anfechten könnte, da er als Vormund nicht gefragt worden war. Remus schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich wusste er es nicht. Vorsichtig, sodass Harry es nicht mitbekam, sprach er seinen Gefährten darauf an. Vielleicht konnte Remus einschätzen, wie Sirius reagieren würde.

„Nein!“, hauchte Remus vollkommen entsetzt. „Er kann ihn uns wegnehmen?“

„Theoretisch.“, nickte Severus gezwungen ruhig. „Zwar hat der Gamot entschieden, dass wir ihn adoptieren dürfen, und es wäre rechtlich auch einwandfrei, wenn Black schuldig wäre. Da er aber unschuldig in Askaban saß, könnte er auf sein Recht pochen und wir müssten ihm den Kleinen geben. Gut, wir könnten vor den Gamot gehen und um ihn kämpfen, aber was das für ihn bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Was denkst du? Wird er darauf bestehen oder wird er das tun, was das Beste für den Kleinen ist?“

„Ich weiß es nicht. Sirius hat ihn immer geliebt, er wollte für ihn da sein, aber er wollte immer nur das Beste für ihn. Im Moment kann ich es nicht einschätzen, nach dem Aufenthalt in Askaban wird er sicher nicht mehr der gleiche Mensch wie früher sein.“, erwiderte Remus geschockt. „Ich werde mit ihm reden und hoffen, dass er vernünftig ist. Wenn er unseren Kleinen wirklich liebt, dann reißt er ihn nicht aus seinem Umfeld. Das würde er nicht verkraften.“

„Mach das.“, entschied der Tränkemeister. „Ich werde ihn nicht einfach weggeben, er ist mein Sohn. Aber Black soll ihn auch nicht aufgeben müssen, wenn der Kleine es will. Es muss nur langsam gehen.“ Remus nickte. Er hoffte wirklich, dass Sirius zuerst an Harry dachte, nicht an sich selbst. Er war so lange in Askaban gewesen, das könnte fatale Folgen für seine Psyche haben. Nein, das würde sicher Folgen haben. Aber wie würde es sich auswirken? Er musste es einfach schaffen, dass Sirius keine Ansprüche durchsetzen wollte. Dass er daran dachte, was für sein Patenkind das Beste war. Er konnte ja Pate bleiben und da dann viel Zeit mit Harry verbringen, sobald der Kleine sich an ihn gewöhnt hatte. An diese Hoffnung klammerte sich der Werwolf, damit ihn die Angst nicht lähmte.

 

Gegen Mittag brachte ihnen eine Hauselfe etwas zu Essen, das ganz sicher auf eine Bestellung von Poppy zurückging. Gehorsam leerte Severus seinen Teller, und auch Harry schien es zu schmecken. Der Tränkemeister nahm nun auch die Tränke ein, die Poppy ihm aufgetragen hatte, wollte auch selbst wieder fit genug sein, um ohne Einschränkungen unterrichten zu können. Anschließend kuschelten sich die beiden Schwarzhaarigen zusammen, um eine Runde zu schlafen, und Remus ging in den Krankenflügel, weil er nach Sirius sehen wollte. Der hatte in der vergangenen Nacht erste Anzeichen eines baldigen Erwachens gezeigt und Remus wollte seinen Freund nicht alleine lassen, wenn er nach diesem Alptraum erwachte.

Tatsächlich schien die Heilerin erleichtert, als sie den Werwolf sah. „Sirius wacht auf, ich wollte dich schon rufen.“, informierte sie ihn. „Er ist sehr unruhig, wirkt panisch. Allerdings solltest du ihm noch nicht zu viele Informationen auf einmal geben, er ist ziemlich angeschlagen und wird sicher anfällig bei Stress reagieren, ich will nicht, dass er krank wird.“

„Ich gehe zu ihm und werde vorsichtig sein.“, versprach Remus. Er trat ins Hinterzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Sofort roch er die Angst seines Freundes, setzte sich an das Bett und sprach leise und beruhigend auf ihn ein, versicherte ihm immer wieder, dass er in Hogwarts in Sicherheit sei, frei.

Irgendwann schlug Sirius seine grauen Augen auf. „Frei?“, murmelte er verständnislos und schien nicht einmal wahrzunehmen, wo er sich befand.

„Ja, frei. Tatze, es ist vorbei. Ich habe Pettigrew gefunden und vor den Gamot gebracht. Ich weiß jetzt, dass du unschuldig warst, bist, und es tut mir leid, dass ich gezweifelt habe.“, flüsterte Remus verzweifelt.

„Remus? Du bist wirklich hier?“, konnte der Schwarzhaarige es kaum glauben.

„Ja, ich bin hier. Halt dich fest.“, versicherte ihm der Werwolf und drückte sacht die knochendürre Hand. „Ich habe dich nach Hogwarts gebracht, damit Poppy dich wieder aufpäppelt. Danach kannst du dann wieder leben.“

„Harry? Was ist mit Harry?“, fuhr Sirius plötzlich hoch. Für ihn hatte er gekämpft in Askaban, wollte seinen Kleinen nicht alleine lassen. Der Gedanke an Harry hatte ihn aufrecht gehalten.

„Er ist bei … meinem Mann, es geht ihm … gut.“, antwortete Remus zögernd. „Aber du solltest erst wieder fit werden, dann reden wir über alles, was du verpasst hast.“

„Wie lange …?“, wollte der Schwarzhaarige wissen.

„Vier Jahre. James und Lily sind seit etwas über vier Jahren tot.“, informierte Remus vorsichtig.

„Vier Jahre? Bei Merlin!“ Sirius begann zu zittern und krallte sich an seinem Freund fest. Remus nahm ihn vorsichtig in den Arm, gab ihm Halt. Da erst schien Sirius zu realisieren, was der Dunkelblonde vorher gesagt hatte. „Dein Mann?“, hakte er nach. Irgendwie fühlte er sich gerade wie in einem Traum, es kam ihm nicht echt vor und doch spürte er, dass Remus bei ihm war, es roch anders, fühlte sich anders an als Askaban. Ein Schauder durchlief seinen Körper, als er an die Kälte dort dachte und er war froh, dass Remus das Wort ergriff.

„Ich bin seit zweieinhalb Monaten verheiratet.“, verriet Remus strahlend. „Wir haben Harry adoptiert. Aber du solltest dich erst einmal erholen, dann erzähle ich dir alles, was du wissen willst.“

„Da gebe ich Remus Recht.“, mischte sich nun die Heilerin ein, die in der Zwischenzeit hereingekommen war. „Askaban hat dich eine Menge Gewicht gekostet, du bist nur noch ein Skelett, dir fehlt es an Vitaminen und Nährstoffen, keine Abwehrkräfte, nichts. Erst einmal wirst du dich hier erholen, ansonsten kann dich eine Erkältung von Harry töten. Und Kinder sind nun einmal häufiger krank. Also, schön brav essen und trinken, dann bist du bald wieder auf den Beinen. Dann erst lasse ich jemand Anderen als Remus zu dir.“

Sirius kannte die Heilerin noch aus seiner Schulzeit, er wusste, er musste das tun, was sie ihm sagte. Sie hatte es in der Hand, wann er seinen Kleinen sehen konnte. Also ergab er sich der Notwendigkeit, versuchte zu essen, was sie ihm hinstellte. Nach ein paar Bissen schob er es von sich, leicht grün im Gesicht. Mehr ging einfach nicht, aber laut Poppy war das normal, denn in Askaban hatten sie nur unregelmäßig eine undefinierbare Pampe bekommen. Die Heilerin kannte die Praxis, verurteilte es aber, wie fast alle anderen Heiler auch. Die Gefangenen waren zwar in der Regel Verbrecher, aber doch immer noch Menschen, und so sollte man sie auch behandeln. Aber es war sinnlos, sie hatten schon viel versucht, aber bisher erfolglos. Schnell schlief Sirius wieder ein, nachdem er gegessen und die Heil- und Nährtränke geschluckt hatte.

Remus verabschiedete sich und ging zurück in die Kerker, wo Severus und Harry bereits auf ihn warteten. „Er ist wach?“, fragte Severus.

„Ja, aber völlig durch den Wind. Er versteht kaum, was hier los ist. Er hat nach Harry gefragt.“, erzählte Remus.

„Nicht weggehen!“, forderte Harry.

„Nein, Engel, wir werden nicht weggehen und dich auch nicht weggeben.“, versicherte ihm Severus. Auch wenn es ihm ein wenig Bauchschmerzen bereitete, weil er nicht sicher war, ob er dieses Versprechen halten konnte.

„Harry hat Daddys lieb und Baby auch.“, kam es von dem Kleinen.

„Wir haben dich auch lieb.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig, und Remus fügte hinzu: „Du musst keine Angst haben, dass wir dich wegen dem Baby weniger lieb haben. Du bist nun unser Großer. Und wir sind sehr stolz, wie toll du das alles meisterst.“ Er drückte den Fünfjährigen bestätigend an sich und hielt ihn eine Weile fest im Arm. Dann fuhr er fort: „Sirius ist dein Pate und er hat dich lieb. Er hat nach dir gefragt und macht sich Sorgen um dich. Wir werden dich nicht weggeben, aber er will dich sehen, mit dir sprechen, um zu sehen, dass es dir gut geht.“

Harry kuschelte sich an seinen Daddy und nickte schließlich. Er glaubte ihnen. Die Erleichterung bei seinen Vätern war greifbar. Leicht würde es für den Kleinen nicht werden, aber zumindest schien er nun die Sicherheit zu haben, dass er ein Zuhause hatte bei Menschen, die ihn wollten und liebten. Hoffentlich machte Black das nicht alles kaputt, sie hatten lange gebraucht, um Harry soweit zu bringen. Die Elfen brachten nun Kaffee, Tee, heißen Kakao und dazu Obst, damit sie einen Imbiss machen konnten. Severus setzte sich auf, bemerkte dabei eine deutliche Besserung der Schmerzen. Er griff nach Tee, wissend, dass er sonst wahrscheinlich gewaltigen Ärger mit Poppy bekam. Zum Frühstück allerdings würde er nicht auf Kaffee verzichten. Auch Remus trank lieber Tee und Harry genoss seine Schokolade. Es schien, als hätte er so etwas noch nie vorher gekostet, das erste Mal, dass sie es ihm gegeben hatten, war er völlig erstarrt und hatte sie ungläubig angeblickt. Inzwischen fragte er sogar danach, wenn er es nicht bekam.

Nach dem Abendessen brachten sie dann Harry ins Bett, denn Remus wollte Sirius nicht ganz alleine lassen, und mit Harry täglich durch den Kamin war auch nicht die beste Lösung, also blieben sie erst einmal hier. Mal sehen, wie lange Harry gut Luft bekam. Gesundheitlich ging es ihm deutlich besser als im Sommer und Herbst. Und in zwei Tagen war Sevs Geburtstag, dann feierten sie eben hier. Lucy würde sicher auch herkommen, wenn er sie fragte.

Als Harry schlief, half Remus seinem Mann in der Dusche. Severus fühlte sich deutlich besser, nachdem er frisch geduscht und noch einmal eingecremt war und war zuversichtlich, den Unterricht zu schaffen. Die Schmerzen waren deutlich zurückgegangen und die Blasen verheilten bereits. Und da er lange trainiert hatte, um mit beiden Händen zaubern zu können, brauchte er dafür nicht unbedingt die rechte Hand. Nur Schreiben konnte er mit links nicht, aber dann mussten die Schüler notfalls eben das Aufschreiben, was er ihnen sagte, oder er ließ einen Schüler an die Tafel schreiben. Wenn es sein musste, konnte er das auch mit einem Zauber machen, aber das war nicht besonders leserlich, das hatte er bereits ausprobiert.

Die Nacht wurde unruhig, so ganz wohl schien es Harry doch nicht zu sein bei dem Gedanken, sich mit Sirius zu treffen. Als er nachts keuchend aus dem Bett schreckte – er schrie nie, wenn er Alpträume hatte – holte ihn Remus ins Schlafzimmer, wo er zwischen seinen Vätern liegen konnte. Er redete nicht, aber riss immer wieder ängstlich die Augen auf, wenn er am Einschlafen war, als hätte er Panik vor seinen Träumen. Erst nach über zwei Stunden schlief er endlich wieder, und auch Severus und Remus konnten die Augen schließen, wenn auch nicht mehr sehr lange. Severus schälte sich knapp drei Stunden später aus dem Bett, um sich anzuziehen und zum Frühstück in die große Halle zu gehen, während Remus ihren Sohn ein wenig an sich zog, in der Hoffnung, dass er weiter schlief. Die Hauselfen würden sie mit Frühstück versorgen.

Während Severus am Vormittag unterrichtete, spielte Remus eine Weile mit Harry. Mittags aßen sie gemeinsam, der Tränkemeister kam dafür in die Wohnung, und Harry schlief dann noch einmal. Als Severus am Nachmittag nach dem Unterricht Zeit hatte, sich um Harry zu kümmern, ging Remus in den Krankenflügel. Ein paar Schüler sahen ihm neugierig nach, aber inzwischen schien sich herumgesprochen zu haben, dass er der Mann des Tränkemeisters war, denn sie sahen ihn nicht mehr fragend sondern eher neugierig an.

Sirius erwartete ihn bereits. „Remus!“, begrüßte er ihn deutlich freudiger als zuvor. „Endlich bist du da.“

„Immer langsam, Tatze!“, lächelte der Werwolf und ließ sich umarmen. „Wie geht's dir?“

„Besser. Der Hausdrache hier bemuttert mich, aber mit ihr kann man auch gut reden.“, gab Sirius ungewohnt ernst zu. „Aber ich will nun endlich wissen, was mit Harry ist.“

„In Ordnung.“, seufzte Remus und gab ihm eine Zusammenfassung der Ereignisse und der Erkenntnisse, wie Harry bei seinen Verwandten gelebt hatte.

Immer wieder wurde er von Sirius unterbrochen, der es nicht fassen konnte. „Dumbledore konnte ihn doch nicht einfach bei Petunia lassen, diese Frau hasst alles, was mit Magie zu tun hat!“, fluchte er. „Und dann schaut er nicht einmal nach ihm, fast vier Jahre lang! Das ist nicht dein Ernst!“

„Sirius, lass gut sein. Albus war wichtig, dass die Todesser nicht an ihn kommen, und das war bei den Dursleys der Fall. Und er konnte nicht nach ihm sehen, weil er immer wieder verfolgt wurde, sollte er Harry dem Risiko aussetzen? Es war ein Risiko, als ich dahin gegangen bin, auch ich hätte verfolgt werden können, aber ich bin froh, dieses Risiko auf mich genommen zu haben. Aber bei Albus war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ihm folgte, noch deutlich höher. Es war ein Fehler, aber er hat Risiken gegeneinander abgewägt und versucht, das Beste für Harry zu tun. Es war nicht gut, aber wir haben ihn nun bei uns und kümmern uns. Er wird lernen, was es heißt, Kind zu sein.“, entgegnete Remus erhitzt.

„Kann ich ihn sehen?“, fragte der Animagus leise.

„Ich würde ihn gerne darauf vorbereiten.“, bat Remus. „Auf Überraschungen reagiert er nicht besonders gut.“

„Bitte, Remus. Ich … er ist alles, was ich noch habe. Harry war der Grund, für den ich gekämpft habe in Askaban. Weil ich wusste, er braucht mich. Ohne den Gedanken an den Kleinen hätte ich längst aufgegeben. Ich will ihn zu mir nehmen, ihn glücklich sehen.“, wisperte Sirius.

„Okay. Ich rede mit ihm. Wenn er einverstanden ist, solltest du vielleicht zu uns kommen. Aber reiß ihn nicht aus seinem Umfeld, er hat sich gerade erst bei uns eingewöhnt. Wir haben ihn adoptiert und mussten ihm versprechen, ihn nicht wegzugeben. Bitte, denk an Harry, lass ihn glücklich sein und nicht noch einmal zusammenbrechen.“, flehte Remus.

„Das war es, was ich immer wollte, Harry glücklich machen. Wo ist er jetzt? Bei deinem Mann? Wer ist dein Mann?“, hakte Sirius nach.

„Ja, er ist bei meinem Mann. Seinem Daddy.“, bestätigte Remus und schwieg. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Sirius nicht auf seine Bitte eingegangen war. Wie sollte er dem Schwarzhaarigen begreiflich machen, mit wem er verheiratet war? Würde Sirius es verstehen? Würde er danach noch auf ihre Bitte eingehen oder auf seinem Recht bestehen? Der Schwarzhaarige sah ihn nur mit zusammengezogenen Brauen an. „Severus. Ich habe Severus Snape geheiratet.“

„Snape? SCHNIEFELUS?“, fuhr Sirius auf, doch Remus stoppte ihn sofort. „Sei still!“, knurrte er. „Wage nicht, so über meinen Mann zu reden! Du hast keine Ahnung, wer er wirklich ist! Ohne Sev wäre ich nicht hier. Als James und Lily tot waren, und ich dann auch noch die Meldung erhielt, dass sie dich verhaftet haben und Peter auch tot ist, war ich am Ende. Ich war allein, hatte niemanden mehr. Ich bin nach Hogwarts, Albus hat es mir bestätigt. Da bin ich auf den Turm gestiegen, wollte springen. Sev hat mich davon abgehalten, aber er war auch am Ende. Wahrscheinlich haben wir uns gegenseitig vom Selbstmord abgehalten. Jedenfalls haben wir uns in den folgenden Monaten gegenseitig gebraucht, um nicht aufzugeben. Du hast keine Ahnung, was wir durchgemacht haben. Irgendwann haben wir dann bemerkt, dass da mehr ist. Wir haben Gefühle füreinander entwickelt und sind seither zusammen. Geheiratet haben wir, weil wir sonst Harry nicht hätten adoptieren dürfen, ansonsten wären wir einfach so beieinander geblieben. Sev hat meinen Namen an seinen angehängt, Harry heißt nun auch Lupin mit Nachnamen. Du hast keine Ahnung, wie viel Harry ihm verdankt, der Kleine wäre noch lange nicht soweit, wenn Sev nicht wäre!“ Erregt war Remus aufgestanden und hin und her gelaufen. Er wollte sich nicht zwischen seinem Mann und seinem besten Freund entscheiden müssen, aber sollte Sirius ihn dazu zwingen, dann wusste er, für wen er sich entscheiden würde. Dann wäre Sirius allein, und das wollte er ihm nicht antun. Aber ohne Sev und Harry wollte er nicht leben müssen.

Ungläubig schüttelte Sirius den Kopf, er hatte gerade das Gefühl, als wäre das alles ein seltsamer Alptraum, und doch spürte er, dass er wach war. So etwas Verrücktes könnte er sich nicht einmal im Traum ausdenken. Harry Potter als Sohn von Severus Snape, der mit Remus Lupin verheiratet war. Verrückt. Eine andere Beschreibung fiel ihm nicht ein.

„Hör zu, Sirius. Es hat sich viel verändert, aber ich bin wirklich glücklich.“, fügte Remus nach einer Weile deutlich ruhiger hinzu. „Ich schlage vor, du erholst dich, bis Poppy dich gehen lässt, dann kommst du zu uns. Dort ist Harry sicher genug, dass er vielleicht auch mit dir redet. Hier wird er sich nur bei mir verstecken und du kriegst ihn nicht einmal richtig zu Gesicht. Und im Moment bist du, soweit ich Poppy verstanden habe, noch zu anfällig, weshalb sie nur mich hier herein lässt. Durch meinen inneren Wolf bin ich kaum anfällig für Infekte und auch kein Überträger. Daher werde ich dich nicht anstecken oder gefährden. Ich komme weiterhin, wenn Sev sich um Harry kümmert, und besuche dich, aber ich verlange von dir, dass du aufhörst, über Sev herzuziehen. Lerne ihn kennen, wirklich kennen, dann kannst du dir ein Urteil bilden. Ansonsten wirst du mich verlieren, das kann ich dir nur als Warnung mitgeben. Außerdem wirst du dann wohl auch Harry verlieren, denn er liebt seinen Daddy.“ Mit den letzten Worten drehte er sich um und verließ den Krankenflügel. Zügig ging er zurück in die Kerker, das hatte ihn viel Kraft gekostet, und doch hatte er es tun müssen. Ja, Sirius hatte eine schwere Zeit hinter sich, aber er war nicht der Einzige. Das musste er verstehen, ansonsten wäre ihre Freundschaft an einem Punkt, wo sie zerstörerisch wurde, und Remus hatte nun eine Familie, an die er denken musste.

„Alles in Ordnung?“, wollte Severus wissen, als er die Wohnung erreichte.

„Ich musste Einiges klarstellen.“, gab Remus aufgewühlt zurück. „Ich weiß nicht, ob wir noch eine Chance haben, Freunde zu sein. Er wollte wissen, wer mein Mann ist, und als ich es ihm sagte, wollte er anfangen wie früher, das konnte ich nicht zulassen. Ich habe ihm gesagt, er muss eine Entscheidung treffen. Wenn er dich nicht besser behandelt und vorher richtig kennen lernt, dann hat unsere Freundschaft keine Chance mehr. Allerdings hat er vor, Harry zu sich zu nehmen, wer weiß schon, wie gut seine Chancen sind, da er rechtlich gesehen Harrys Vormund ist. Er hat der Adoption ja leider nicht zugestimmt.“

Severus schlang die Arme um seinen Wolf, er wusste, wie nahe es ihm ging, wenn er so reagierte. Das war ein erneuter Beweis, wie sehr dieser Mann ihn liebte. „Ich liebe dich, Remus.“, wisperte er. „Hab keine Angst, Black will, dass Harry glücklich ist, das ist selbst mir klar. Ich habe mich erkundigt: Der Gamot hat uns die Erlaubnis gegeben, ihn zu adoptieren, das ist rechtlich einwandfrei, auch wenn Sirius kein Mitspracherecht bekommen hat. Einfach so kann er uns Harry nicht wegnehmen, aber alleine der Versuch wäre nicht gut für unseren Kleinen.“

„Halt mich!“, flehte der Werwolf mit Tränen in den Augen.

„Immer.“, versprach Severus und festigte seinen Halt. Auch Harry schlang nun die Arme um Remus' Beine, zeigte ihm damit, dass er nicht alleine war.

Bis zum nächsten Morgen hatte sich Remus wieder beruhigt. Er stand mit Severus auf und beglückwünschte ihn als Erster. „Alles Gute zum Geburtstag!“, küsste er den Schwarzhaarigen. Sie genossen eine gemeinsame Dusche, bevor Severus in die große Halle ging, um zu frühstücken und anschließend zu unterrichten. Erst am Nachmittag würden sie sich wiedersehen, und dann kamen Albus und Minerva sowie Lucy, um ein wenig zu feiern. Der Schulleiter hatte versprochen, dass die Elfen Kuchen und Torte liefern würden, ebenso Kaffee, Tee und heiße Schokolade für Harry. Bis dahin wollte Remus mit Harry zusammen ein wenig lernen, denn der Kleine schien sich zu langweilen in der Wohnung des Tränkemeisters, doch er war noch nicht abwehrstark genug, um nach draußen zu können. Hier in Schottland herrschte gerade eisige Kälte und fast ständig schneite es. Harry war an milde Temperaturen von mindestens 15°C tagsüber gewohnt. Sein Immunsystem konnte sich nicht so schnell umstellen, daher vermieden sie es, nach draußen zu gehen. An Silvester hatten sie einen Wärmezauber genutzt, aber das war keine Dauerlösung. Doch Harry war sehr interessiert daran, lesen zu lernen, also machte sich Remus darüber, es ihm beizubringen.

Nach dem Mittagessen legte sich Harry wie immer ins Bett. Remus blieb bei ihm. Wahrscheinlich musste Sirius heute auf einen Besuch von ihm verzichten, aber Remus fand, dass es vielleicht eine gute Möglichkeit für den Animagus war, nachzudenken. Er hoffte, dass ihre Freundschaft weiterhin bestand, aber seine Meinung hatte sich seit gestern nicht geändert, wenn Sirius nicht mehr der Tatsache klar kam, dass er mit Severus verheiratet war und diesen liebte, dann war es wohl vorbei. Nur für Harry wäre es schade, denn den Kleinen liebte Sirius. Das war schon immer deutlich gewesen. Auch wenn Harry im Moment eher Angst vor einer Begegnung hatte, doch auf lange Sicht gesehen wäre es sicher eine positive Beziehung, die Beide aufbauen könnten. Remus versuchte seine Angst zu ignorieren, Sirius könnte darauf bestehen, Harry zu sich zu nehmen. Wenn er darüber nachdachte, würde er nur den Kleinen mit seiner Panik anstecken und das konnten sie nicht brauchen. Er hoffte lieber, dass Sirius den Jungen so sehr liebte, dass er darüber nachdachte und so entschied, wie es das Beste für Harry war. Tief in seinem Inneren war ihm klar, dass er hier schon egoistisch war, er wollte Harry nicht aufgeben. Allerdings würde er das vielleicht sogar tun, denn auf eine Verhandlung wollte er es nicht ankommen lassen. Dann lieber Harry freiwillig zu Sirius geben, aber nicht sofort und ohne Vorbereitung, das würde Harry nicht überstehen. Das hatten Severus und er selbst in der Nacht beschlossen, auch wenn sie hofften, dass er bei ihnen bleiben konnte. Erst einmal musste er seinen Paten kennen lernen und eine Beziehung zu ihm aufbauen. Nur, war Sirius in der Lage, sich um Harry zu kümmern? Spurlos war Askaban sicher nicht an ihm vorübergegangen. Remus seufzte leise.

Schließlich weckte er Harry auf, damit er Zeit hatte, richtig wach zu werden, bevor die Gäste kamen. Harry brauchte etwa eine Stunde, bis er aufnahmefähig war. Seit einiger Zeit war er nicht mehr so schreckhaft und nahm sich auch die Zeit zum Wachwerden. Anfangs war er immer zurückgeschreckt, wenn er aufgeweckt wurde, weil er offenbar glaubte, bestraft zu werden für etwas, das er nicht getan hatte. Es schien, als hätte er die Zeit bei den Dursleys sehr tief in seinen Erfahrungen gespeichert.

Severus kam nach seiner letzten Stunde gegen kurz nach vier Uhr. Harry flog ihm in die Arme und ließ sich hochheben, auch wenn Severus ihn gleich wieder absetzte, da er aufgrund seiner Schwangerschaft nicht mehr so schwer heben sollte. „Alles Gute zum Burtstag, Daddy Sev!“, krähte der Fünfjährige fröhlich. „Hab dich lieb!“

„Danke, Harry!“, schmunzelte Severus und kniete sich zu seinem Sohn, um ihn umarmen zu können. „Ich freue mich, dass du hier bist.“

„Immer da bleiben?“, bettelte Harry mit Welpenblick.

Remus nahm ihn hoch, damit er ihm in die Augen sehen konnte. „Noch nicht, Welpe. Erst, wenn Poppy sagt, dass du ganz gesund bist, können wir hier bleiben.“

Weiter kamen sie nicht, da es im Kamin rauschte und Lucy im Büro auftauchte. Sie kam durch die offene Tür zu ihnen ins Wohnzimmer, reichte Severus die Hand und beglückwünschte ihn. Ihr Geschenk legte sie zu denen von Harry und Remus auf einen kleinen Tisch, bevor sie auch die Beiden begrüßte. Sie konnten nur wenige Worte wechseln, bis es an der Tür klopfte. Severus ließ Minerva und Albus herein, die gemeinsam gekommen waren. Auch sie wünschten dem Tränkemeister alles Gute und brachten Geschenke mit. Als alle da waren, bat Severus sie an den Tisch, wo die Elfen unter Anleitung von Remus alles hergerichtet hatten. Entspannt plauderten sie eine Weile, während sie Nusskuchen und Erdbeertorte aßen. Doch plötzlich stand Severus mit grünlichem Gesicht auf und entschuldigte sich kurz, hastete ins Bad und sie konnten hören, wie er sich übergab. Remus folgte ihm, damit er nicht alleine war.

„Verzeihung.“, krächzte Severus ein wenig heiser, als er zurückkam. Er war ziemlich blass und schob die Torte von sich, schenkte sich nur noch eine weitere Tasse Kräutertee ein.

„Was ist los, Severus?“, wollte Albus nun endlich wissen. Seit dem Wochenende versuchte er, aus seinem Tränkemeister heraus zu bekommen, warum er am Freitag bewusstlos geworden war.

Der wechselte einen Blick mit Remus, der ihm zulächelte und leicht nickte. Also atmete der Schwarzhaarige einige Male tief durch. „Ich bin schwanger.“, gestand er dann leise.

Einige Momente herrschte absolute Stille, dann redeten alle gleichzeitig. „Schwanger? Wie kann das sein?“ - „Wie lange schon?“ - „Wie geht so etwas denn?“ - „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich dominieren lässt!“ - „Wie weit bist du schon?“ - „Kannst du noch unterrichten?“

„Ruhe!“, knurrte auf einmal Remus, der merkte, wie panisch Harry bei dem Lärm wurde. Er nahm den Kleinen auf den Schoß und der schmiegte sich so fest an ihn wie schon lange nicht mehr.

„Nicht Daddy wehtun!“, schniefte er.

„Schon gut, Harry, sie tun mir nicht weh.“, beruhigte Severus. „Sie machen sich Sorgen und wundern sich, wie das passiert ist, dass ich ein Baby bekomme. Also, ich will, dass das unter uns bleibt. Nur Poppy weiß sonst noch davon und so soll es auch bleiben.“

„In Ordnung.“, stimmten die Gäste zu.

„Poppy vermutet, dass ich seit Mitte bis Ende Oktober schwanger bin. Ich muss wohl einen Fruchtbarkeitstrank genommen haben, kann mich aber nicht daran erinnern. Allerdings …“, Severus verstummte eine Weile und sah nachdenklich aus. „Da war dieser Tag, an dem ich so einen enormen Durst hatte. Normalerweise trinke ich im praktischen Unterricht nichts, weil es gefährlich sein kann, wenn Tränke schief gehen. Aber an diesem Tag, es war bevor Harry aus dem Heilschlaf erwachte, habe ich getrunken. Ich habe danach Charlie Weasley zurückgehalten. Er hätte die Gelegenheit dazu gehabt. Ansonsten lasse ich meine Getränke nicht aus den Augen.“

„Ich werde ihn befragen.“, versprach Minerva.

„Aber bitte so, dass es nachher nicht die ganze Schule weiß.“, schnappte Severus.

„Schon gut.“, beruhigte Minerva. „Ich werde es diskret angehen.“

„Und wie ist das mit dem Unterricht? Ist das nicht gefährlich mit den ganzen Dämpfen?“, erkundigte sich Lucy besorgt.

„Es gibt einen Zauber, der verhindert, dass ich die Dämpfe einatme. Ich muss mit einigen Zutaten aufpassen, wenn ich damit hantiere, aber die kommen nur bei den Siebtklässlern ab und zu vor, da ist die Gefahr so gut wie ausgeschaltet.“, antwortete Severus.

„Albus, ich möchte nicht, dass Severus mit dir weitermacht.“, forderte Remus. „Euer … Projekt ist zu gefährlich.“

„Es ist gefährlich.“, stimmte der Schulleiter zögernd zu. „Aber es ist auch unheimlich wichtig.“

„Ich weiß. Aber es kann sicher noch ein paar Monate warten.“, bestimmte Remus.

„Ich werde sehen, dass ich Severus aus der Praxis raushalte. Aber zumindest die Theorie, dafür werde ich ihn weiterhin brauchen.“, überlegte Albus.

„Damit kann ich leben.“, entschied der Werwolf schließlich.

Um das Thema wieder ein wenig leichter zu machen, entschied Severus, die Geschenke aufzupacken. Doch kaum hatte er das Päckchen von Harry in die Hand genommen, wurde er erneut unterbrochen, da es an der Tür klopfte. „Wer …?“, fragte er sich, doch alle zuckten die Schultern. Er öffnete die Tür und sah überrascht auf den Besucher. „Black?“

„Ja.“, kam es ruhig zurück. „Ich habe über das nachgedacht, was Remus gestern zu mir gesagt hat. Es tut mir leid, wie ich dich behandelt habe. Ich würde gerne einen neuen Anfang machen. Alles Gute zum Geburtstag, Severus.“

Sirius, auf den Poppy einen Zauber gelegt hatte, damit er sich nicht anstecken konnte, stand mit ausgestreckter Hand vor ihm, doch Severus machte keine Regung, ihm entgegen zu kommen. Einzig Remus ahnte, dass der Tränkemeister gerade überfordert war. „Komm rein, Sirius.“, bat der Werwolf. Was auch immer die Beiden zu besprechen hatten, an der offenen Tür war es nicht gut.

Lucy schien zu spüren, dass die Feierstimmung nun weg war und verabschiedete sich als Erste, bat Albus darum, ihr das Schloss zu zeigen, da sie es bisher nur aus Erzählungen kannte. Der Schulleiter war natürlich einverstanden und Minerva schloss sich an, wollte den Beiden die Möglichkeit geben, ihre Differenzen zu klären.

„Mir ist klar, dass es nicht einfach so vorbei ist.“, versicherte Sirius. „Aber ich meine es wirklich ernst, das kann ich versprechen.“

„Das wird sich zeigen.“, kam es schließlich von Severus. „Setz dich doch.“

Sirius setzte sich und nun fiel sein Blick zum ersten Mal auf Harry. Er lächelte den Fünfjährigen an. „Hallo, Harry. Ich bin Sirius, dein Pate. Wie geht es dir?“

Harry klammerte sich an Remus, nicht ganz sicher, was nun passierte, und versteckte sich an seiner Brust. Der Werwolf strich ihm beruhigend und stärkend über den Rücken, funkelte dabei Sirius zornig an. Er hatte ihm gesagt, wie verängstigt Harry war und dass er vorher mit ihm reden wollte, und nun kam der Animagus einfach reingeschneit und erwartete, dass er mit offenen Armen empfangen wurde?

Sirius zuckte zurück, als er dem Blick seines früheren besten Freundes begegnete. „Remus?“, fragte er irritiert. „Ich will ihm nichts tun und ihn auch sicher nicht wegnehmen. Nicht jetzt, wo ich sehe, wie er an euch hängt. Und dazu habe ich auch kein Recht mehr, denn ich habe damals, als sie mich einsperrten, die Vormundschaft auf Albus übertragen, damit nicht irgendwelche Todesser an den Kleinen rankommen. Bei ihm war ich sicher, dass er nicht die Seiten wechseln würde und Harry ausliefert. Ich will wirklich nur wissen, wie es Harry geht. Ich … ich war da. In der Nacht, als James und Lily … Hagrid war da, er hatte Anweisung von Dumbledore. Ich konnte ihn nicht umstimmen. Also habe ich ihm mein Motorrad gegeben, damit er den Kleinen transportieren kann. Wie sonst sollte er reisen? Ich wollte nicht, dass Harry noch mehr passiert. Deswegen bin ich Peter hinterher, ich war so wütend, weil Dumbledore nicht auf meinen Patronus reagierte. Ich habe ihm einen geschickt und darum gebeten, sich an James' und Lilys Wünsche zu halten, die nie wollten, dass Harry zu diesen Muggeln geht. Inzwischen ist mir klar geworden, er dachte, ich habe die Beiden verraten, deshalb hat er wohl nicht reagiert. Aber als ich dann Peter erwischt hatte, bin ich ihm voll in die Falle gegangen. Er hat mich noch verhöhnt, dass sein neuer Meister ihm einige nützliche Zauber beigebracht hat und grinsend klargemacht, dass ich nun an seiner Stelle nach Askaban gehe. Dann hat er seinen Finger abgeschnitten und einen Sprengzauber gesprochen. Ich konnte nur noch zusehen, wie er sich verwandelte und verschwand.“ Sirius hatte sehr leise und stockend gesprochen. Es schockierte und erleichterte ihn offenbar gleichzeitig, endlich darüber reden zu können und jemanden zu haben, der ihm glaubte. Remus war erstarrt, während er zuhörte und selbst Severus hatte ihn nicht unterbrochen.

Harry hatte offensichtlich nicht alles verstanden und sah seine Väter nun abwechselnd fragend an. „Daddy? Was …?“, stammelte er zitternd.

„Black, wenn ihn das traumatisiert, ziehe ich dir die Haut in Streifen ab!“, zischte Severus aufgebracht, aber relativ leise, um Harry nicht noch weiter zu verängstigen.

„Harry, es tut mir leid, dass ich mich nicht um dich kümmern konnte.“, wandte sich Sirius erneut an den Fünfjährigen. „Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen, wenn es deine Väter vielleicht auch nicht können. Mir ist klar, dass es dir bei deinen … Daddys gut geht und daran will ich nichts ändern, das verspreche ich dir, euch. Ich werde tun, was ich kann, dass es dir gut geht. Wenn es sein muss, halte ich mich auch von dir fern, aber bitte glaube mir, ich würde dir nie absichtlich wehtun.“ Damit stand er auf und wollte gehen, doch er wandte sich noch einmal um. „Severus, Remus, es tut mir leid, ich wollte euch den Abend nicht verderben. Ich wollte den ersten Schritt machen und zeigen, wie wichtig mir das alles hier ist. Ich meine die Entschuldigung vollkommen ernst, aber wenn du nicht in der Lage sein solltest, mir verzeihen zu können, Severus, dann sag es einfach, damit ich aufhören kann, mir Hoffnungen zu machen, meinen Freund und mein Patenkind zurückzubekommen. Ich habe die letzten vier Jahre nur deshalb überstanden, weil ich wusste, Harry braucht Hilfe und ich wollte da sein, wenn ich es kann. Wenn ihr es nicht mehr wollt, dann seid bitte so ehrlich und lasst mich nicht warten und unnötig hoffen. Nur der Gedanke an Harry und Remus hat mich die Zeit überleben lassen. Vielleicht kannst du, Remus, das verstehen, nach dem, was du mir gesagt hast, wie es dir ging. Ich gehe nach London, sobald die Heilerin es erlaubt, dann könnt ihr euer Leben weiterleben, ich lasse euch in Ruhe. Ihr braucht keine Angst haben, dass ich dann nochmal erscheine.“ Er verstummte und eine einzelne Träne rann über seine Wange. Sie ignorierend drehte sich Sirius um und wollte die Tür aufmachen, um zu gehen.

„Siri da?“, fragte plötzlich ein leises Stimmchen.

Erstarrt blieben alle Erwachsenen da, wo sie waren. Remus fand als Erster seine Sprache wieder. „Du erinnerst dich?“

„Harry weiß, Siri nicht böse.“, flüsterte der Kleine.

„Nein, ich bin nicht böse.“, stimmte der Animagus mit einem erleichterten Lächeln zu. „Ich hab dich lieb.“

„Harry bei Daddys bleiben?“, erkundigte sich Harry.

„Natürlich bleibst du bei deinen Daddys.“, versicherte Sirius. „Ich werde dich nicht wegnehmen, ich bin derzeit sicher nicht in der Lage, dich aufzuziehen. Aber ich will für dich da sein. Mit dir spielen, dir neue Sachen kaufen, dir vorlesen, auch mal mit dir spazieren gehen oder einen Ausflug machen. Dein Pate sein und mich ein bisschen um dich kümmern. Dich lieb haben, so wie deine Daddys dich lieb haben.“

„Siri Harry auch lieb?“ Fassungslos starrten die grünen Augen in die grauen von Sirius.

„Ja, Harry, ich hab dich auch lieb.“, lächelte er noch breiter, und sein Gesicht wurde entspannt, warm und freundlich.

„Setz dich.“, bat Severus und deutete auf einen Stuhl am Tisch. „Bleib zum Essen.“

„Danke.“, kam es leise und Sirius setzte sich gegenüber von Remus und Harry, um den Fünfjährigen nicht mit zu viel Nähe zu überfordern. Severus bot ihm Kaffee, Tee oder Saft an. „Tee, danke.“, nahm Sirius an und stutzte. „Sag mal, du trinkst Tee?“ Verwirrt starrte er Severus an. „Du hast dich mehr verändert, als ich glaubte.“

Remus und Severus wechselten einen Blick. Sie entschieden, nicht weiter auf diese Bemerkung einzugehen. Lieber rief Severus eine der Hauselfen und beauftragte sie, das Abendessen zu servieren. Zeit war es dafür inzwischen, und gerade Harry brauchte regelmäßige Mahlzeiten. Remus setzte Harry auf Severus' Schoß, um zum Kamin zu gehen. Minerva, Lucy und Albus waren vorhin so schnell verschwunden, sie waren aber eigentlich auch zu Essen noch eingeladen. Also wollte Remus sie über den Kamin wieder zu ihnen holen. Auch wenn er noch nicht sicher war, wie es mit ihnen und Sirius nun weitergehen würde, aber Harry schien nicht mehr panisch zu sein, war wohl nur erschrocken und ein wenig überfordert gewesen. Wahrscheinlich hatte er doch noch einige unbewusste Erinnerungen an seinen Paten. Und Remus wusste, dass die Beiden früher kaum zu trennen gewesen waren.

Harry kuschelte sich derweil an Severus, beäugte aber immer wieder Sirius, so lange der nicht direkt zu ihm hinsah. Ein angespanntes Schweigen herrschte im Zimmer, bis Remus zurückkam und berichtete, dass Albus und Lucy in ein paar Minuten kommen würden, Minerva hingegen hatte eine kranke Schülerin, um die sie sich kümmern musste, ließ sich daher entschuldigen.

„Schenke auspacken, Daddy!“, forderte Harry ihn nun auf.

„Na dann lass mal sehen.“, schmunzelte der Tränkemeister und griff wieder nach dem Päckchen von Harry, das er auf die Seite gelegt hatte, als Sirius kam. „Das ist von dir, mein Großer?“

Harry nickte mit strahlenden Augen. „Harry aussucht.“, bestätigte er. „Wie Daddys Augen.“

Vorsichtig öffnete Severus die kleine Holzkiste und nahm das Lederband mit dem schwarzen Anhänger heraus. „Danke, Harry!“, küsste er seinen Kleinen auf den Scheitel, genauestens beobachtet von Sirius. „Das ist wirklich schön.“ Er ließ sich von Remus helfen, es um seinen Hals zu hängen. Dann erst griff er nach dem Päckchen von Remus. Auch bei seinem Mann bedankte er sich mit einem Kuss, der von Sirius skeptisch beobachtet wurde. Harry hingegen schien es völlig normal zu finden, dass seine Daddys sich küssten. Er krabbelte von Severus' Schoß und holte das Geschenk von Minerva, lief dabei an Sirius vorbei, den er beäugte, aber sich nicht stören ließ, da er sich nicht bewegte. Eine Decke aus schwarzer Merino-Wolle, ganz weich und flauschig warm, hatte ihm die Schottin geschenkt. Der Tränkemeister legte sie auf sein Sofa, darin würde er sicher viele Abende verbringen. Von Albus bekam er ein Paar bunte Wollsocken, die er schnell schrumpfte und Harry gab, das würde er sicher nicht anziehen. Dazu aber noch ein Muggel-Schachspiel mit Figuren aus schwarzem Hämatit und weißem Opal, wenn sich Severus nicht täuschte. Überrascht sah Severus auf das offensichtlich teure Spiel.

„Es ist ein Erbstück.“, riss ihn Albus' Stimme aus seinen Gedanken, der mit Lucy gerade hereingekommen war. „Bei mir steht es nur im Regal und staubt ein, ich spiele nur unzureichend Zauberschach, und Muggelschach kann ich gar nicht. Du bist der beste Schachspieler den ich kenne, bei dir ist es in den besten Händen.“

„Vielen Dank, Albus.“, hauchte Severus, der sprachlos war.

„Und ich sehe, meine Socken haben auch einen begeisterten Abnehmer gefunden!“, gluckste der Schulleiter, als sein Blick auf Harrys neue Fußbekleidung fiel.

„Schön warm!“, bestätigte Harry, der seine Angst vor dem Älteren scheinbar überwunden hatte, wenn er sich auch noch nicht anfassen ließ.

„Dann ist es ja gut!“, lachte der Weißhaarige.

Schließlich öffnete Severus noch Lucys Päckchen und fand darin einen Gutschein für Eintrittskarten in einen spanischen Zoo. „Die Enkel meiner Nichte waren ganz begeistert und er gefiel auch allen Erwachsenen. Mit diesem Gutschein kannst du jederzeit hinein, das ist quasi eine Familieneintrittskarte ohne bestimmtes Datum.“, erklärte die ältere Dame.

„Vielen Dank, Lucy. Wir werden das sicher bald machen. Vielleicht gleich in den nächsten Ferien.“, versicherte Severus dankbar.

Die Elfen servierten nun das Essen, Lachsfilet in Orangensauce und dazu Gemüsebandnudeln, außerdem einen bunten Salat. Harry krabbelte zum Essen wieder auf Severus' Schoß, aß einfach vom Teller des Tränkemeisters mit. Albus beobachtete das schmunzelnd, Sirius ungläubig und Lucy kannte es kaum anders. Irgendwann, als Severus eine zweite Portion auf dem Teller hatte und die Beiden munter genossen, was die Elfen serviert hatten, drehte sich Harry halb zu Severus um. „Daddy, Baby auch essen?“, wollte er wissen.

Sirius verschluckte sich an seinem Lachs und hustete hektisch, während alle anderen eher neugierig auf Severus sahen, wie er das nun wieder beantworten würde. „Das Baby bekommt Stoffe von den Sachen, die ich esse, richtig Harry.“, erklärte er ernst. „Aber nicht so, wie wir essen, das kann unser Baby noch nicht. Es ist ja noch ganz klein. Aber die wichtigen Stoffe, und leider auch die gefährlichen, schwimmen in meinem Blut und damit wird das Baby versorgt. Deshalb darf ich auch manche Dinge nicht mehr essen und muss bei den Zaubertränken aufpassen.“

„Du … du bist … schwanger?“, stotterte Sirius.

„Ja.“, bestätigte der Tränkemeister schlicht. „Und ich würde es bevorzugen, wenn es sich nicht noch weiter herum spricht.“

„Das … nein, natürlich nicht. Es ist unglaublich. Herzlichen Glückwunsch!“, stammelte Sirius immer noch geschockt.

„Danke.“, schmunzelte Severus. „Hätte nicht gedacht, dass man dich so leicht aus der Fassung bringen kann, Sirius.“ Wieder hustete der Black-Erbe, aber diesmal lachten Remus, Albus und Lucy herzlich darüber, wie leicht der Tränkemeister den Animagus aus der Fassung bringen konnte. So wurde der Abend doch noch sehr amüsant und erst als Harry in den Armen seines Vaters einschlief, verabschiedeten sich die Gäste.

Remus beschloss, Harry nun eine Pause zu gönnen und am nächsten Tag nach São Jorge zu reisen, damit der Kleine mal wieder nach draußen kam, aber sie entschieden, dass sie Sirius einladen wollten, ab und zu einen Tag mit seinem Patenkind zu verbringen. Am Ende reichte Sirius Severus die Hand. „Danke, Severus, dass du dich um Remus und Harry kümmerst. So glücklich will ich die Beiden immer sehen. Ich hoffe, auch wir kommen irgendwann klar, auch wenn ich weiß, dass du mir nicht gleich verzeihen kannst. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann melde dich gerne. Und vielen Dank, dass ich bleiben durfte. Ich wünsche dir alles Gute, auch wenn ich heute ohne Geschenk kam.“, verabschiedete er sich.

„Deine Entschuldigung kam unerwartet und überraschend, aber deine Gesellschaft war wider Erwarten nicht ganz unangenehm.“, gab Severus zurück und schüttelte die angebotene Hand. „Gute Nacht.“

Zwei Tage später war es wieder deutlich ruhiger in Hogwarts. Harry und Remus waren am Tag nach dem Geburtstag zurück zu Lucy gegangen, erstens damit Harry wieder leichter atmen konnte, obwohl es diesmal weit weniger schlimm gewesen war, und zweitens, damit er nach draußen konnte und ein wenig Ruhe bekam. Auch wenn er den Trubel am Geburtstag relativ gut überstanden und die Nacht fast komplett in seinem Bett geschlafen hatte. Vorher war Remus noch kurz nach Spinners End gegangen, um den Zauberstab seines Freundes zu holen, den er dort aufbewahrt hatte, und ihn dem Animagus gegeben. Sirius durfte nach einem weiteren Tag im Krankenflügel nach London in sein Haus gehen. Dort wollte er für Ordnung sorgen, alles so herrichten, dass er irgendwann mal auch die Möglichkeit hatte, Harry wenigstens für ein paar Stunden oder auch über Nacht zu sich einzuladen. So wie das Haus seiner Eltern war, würde der Kleine sich bestimmt nicht wohlfühlen, und das wollte Sirius ändern. Damit war er zunächst beschäftigt, denn als Auror würde er wohl nicht wieder arbeiten. Mit Verbrechern hatte er genug für seinen Geschmack zu tun gehabt, er wollte lieber etwas Neues machen, wenn er auch noch keine Ahnung hatte, was genau. Aber Gold hatte er genug, daher musste er sich erstmal keine Sorgen machen.

Severus unterrichtete weiterhin ganz normal, nur den Zauber gegen die Dämpfe nutzte er in jeder Stunde, sicherer war es nun einmal. Auch wenn grundsätzlich keine gefährlichen Tränke gebraut wurden, manche Schüler konnten die ungefährlichsten Mischungen in etwas Giftiges verwandeln. Noch brauchte er keine Illusion, denn auch wenn er selbst das Gefühl hatte, einen Bauchansatz bei sich zu spüren, so war in seiner Robe nichts zu sehen. Die Verbrennungen bildeten sich immer weiter zurück und waren fast verheilt, Schmerzen hatte er keine mehr. Zumindest behauptete er das und auch wenn die Heilerin ihre Zweifel hatte, so kam sie nicht umhin zuzugeben, dass er sich wie immer verhielt. Zu sehen waren nur noch leise Rötungen, die er morgens und abends mit Heilsalbe eincremte.

Albus hingegen intensivierte seine Anstrengungen, eine Möglichkeit zu finden, an Basiliskengift zu kommen und den Horkrux im Verlies der Lestranges an sich zu bringen. Außerdem diskutierte er mit Severus über die Schlange, wo sie nach ihr suchen könnten, doch niemand hatte eine Idee. Zu Sirius wollte Severus nicht gehen, um nach dem Medaillon zu fragen und auch Albus war noch nicht dort gewesen, hatte allerdings darum gebeten, dass er die schwarz-magischen Objekte nicht einfach entsorgte. Er wollte Sirius nicht sagen, um was es ging, obwohl er sicher war, dass dieser nicht auf der Seite Voldemorts war. Dennoch wollte Albus nicht mehr Menschen einweihen als unbedingt nötig, um jedwedes Risiko zu vermeiden. Undenkbar, wenn einer der Todesser durch Zufall etwas mitbekam. Und Sirius war immerhin mit Narzissa Malfoy verwandt, als Kinder hatten sie ein sehr enges Verhältnis gehabt. Sie wussten nicht, wie sehr Lucius Malfoy ein Todesser war, zumindest hatte er sich freikaufen können, was aber nicht hieß, dass er auf ihrer Seite war. Im Gegenteil, er erschien ihnen sehr gefährlich, da er so unberechenbar war.

Etwas über eine Woche später klopfte es abends bei Severus und Minerva stand vor seiner Tür. Wortlos ließ er sie ein und bot ihr eine Tasse Tee an. Dankend nahm sie an und sie setzten sich auf das Sofa.

„Ich habe mit Charlie Weasley gesprochen.“, begann die Verwandlungslehrerin. „Keine Sorge, ich habe dafür gesorgt, dass er nicht darüber reden kann, was passiert ist, auch wenn ich das normalerweise ungern mache. Aber in diesem Fall … Jedenfalls, er hat zugegeben, dass er dir einen Fruchtbarkeitstrank in dein Glas gekippt hat. Sein Bruder hat den organisiert, auch mit ihm habe ich mich unterhalten, sie werden nicht darüber sprechen können. Bill hat den Trank im Sommer in der Winkelgasse gefunden und mitgenommen. Charlie ist auf der Suche nach etwas gewesen, dass sie gegen dich nutzen können und sie haben entdeckt, dass du viel Zeit im Krankenflügel verbringst. Da entstand das Gerücht, du hättest ein Verhältnis mit Poppy. Bill hat wohl letztes Jahr zufällig gehört, dass sie zu Albus sagte, sie hätte gerne Kinder gehabt und das hätte nie geklappt. Also haben sie entschieden, dir den Trank zu geben, vielleicht würde es helfen. Vor allem glaubten sie, dass sich dann deine schlechte Laune bessern würde, wenn euer Traum – zumindest das, was sie dafür hielten – in Erfüllung geht. Nun, es hat gewirkt, allerdings anders als sie es planten. Ich habe ihnen den Rest des Jahres Hogsmeade-Verbot gegeben und sie werden dich unterstützen müssen, ich habe ihnen Strafarbeit gegeben, wöchentlich bis zu den Sommerferien. Du kannst sie im Labor arbeiten lassen oder dir etwas ausdenken, ich stelle es dir frei. Außerdem sind sie für Quidditch auf Bewährung.“

Erregt ging Severus auf und ab, nicht genau wissend, was ihn gerade bewegte. Einerseits war er zornig, wütend darüber, dass die Entscheidung aus seiner Hand genommen wurde. Andererseits freuten sich vor allem Harry und Remus auf dieses Baby, das sie anderweitig nie bekommen würden. Er selbst war noch ein wenig gespalten in seinen Gefühlen, auch wenn die Freude langsam aber sicher überwog. Und doch war er wütend, dass ihm das aufgezwungen wurde. Auch auf sich selbst war er wütend, denn diesen Fehler hätte er genauso gut mit dem Leben bezahlen können. Jemand hatte es geschafft, ihm etwas in sein Getränk zu mischen, obwohl er wusste, dass eine Menge Todesser, die unerkannt waren, ihn als Spion tot sehen wollten. Er war nicht unbedingt aufgeflogen, aber da Albus vor dem Gamot für ihn ausgesagt hatte, war für die Meisten klar, dass er den dunklen Lord wohl betrogen hatte. Und jetzt hatte er noch Harry Potter aufgenommen, der den Lord vernichtet hatte, was ihn auf der Todesliste nun sicherlich ganz nach oben befördert hatte. Da durfte er sich solche Fehler nicht erlauben. Und doch war er wider Willen auch ein wenig beeindruckt, denn das Wissen, dass dieser Trank auch dann helfen konnte, wenn der Mann ihn trank, hatten nicht viele Zauberer. Dass Bill es wusste, zeigte, wie gut er sich mit Zaubertränken auskannte. Dennoch hätte es gerade den Weasleys klar sein müssen, dass man niemandem einfach so einen Trank unterjubeln durfte, immerhin war es nicht klar, wie derjenige darauf reagierte, ob es Wechselwirkungen mit anderen Tränken gab. Mal ganz davon abgesehen, dass es eine Sache der Freiwilligkeit sein sollte.

„Severus!“, holte ihn Minervas Stimme irgendwann aus seinen Gedanken. „Ich wollte wissen, ob es irgendwas gibt, was ich für dich tun kann.“

„Im Moment nicht. Aber danke, dass du herausgefunden hast, was genau passiert ist. Haben die Weasleys noch Reste des Trankes? Ich würde gerne die Zusammensetzung analysieren. Davon hängt es ab, wie die Geburt verläuft.“, antwortete Severus.

„Ich habe die Reste konfisziert, da ich mir schon dachte, dass du danach fragen wirst.“, gestand Minerva mit einem leisen Schmunzeln und reichte ihm eine kleine Phiole. „Wie wirkt sich das aus?“

„Es gibt hier tatsächlich die Möglichkeit, dass eine Frau, die mit mir Verkehr hat, schwanger wird, wenn ich einen bestimmten Fruchtbarkeitstrank zu mir nehme. Wenn der Trank für Frauen gedacht ist, verhilft er zwar in hoher Dosierung auch Männern dabei, schwanger zu werden, aber nur die richtige Zusammensetzung sorgt dafür, dass sich der Körper auch so weit umwandelt, um eine normale Geburt möglich zu machen. Ein männlicher Körper hat nun einmal keine Öffnung, aus der ein Kind kommen könnte.“, kommentierte Severus trocken, was seine Kollegin dazu brachte, ihre Hand vor den Mund zu schlagen, um nicht lauthals zu lachen.

Entspannt saßen sie noch eine Weile zusammen und tranken Tee, plauderten über die Ereignisse seit dem Sommer. Severus gestand, dass er sich selbst nicht wiedererkannte, seit Harry in sein Leben getreten war. Er war dankbar, dass nie jemand eine Frage nach den ersten Monaten nach Lilys Tod stellte, auch wenn zumindest die Kollegen alle wussten, aus welchem Tief Remus ihn geholt hatte. Aber danach war er zumindest nach außen hin der gleiche Mensch gewesen wie vorher schon. In seinem Inneren hatte sich etwas verändert, auch wenn das bisher nur Remus wirklich erlebt hatte. Durch Harry hatte er sich auch nach außen hin verändert und manchmal ängstigte es Severus, wie viel dieses Kind in ihm auslöste. Und das, obwohl er dessen Vater, dem der Kleine so ähnlich sah, noch immer nicht ausstehen konnte.

„Freust du dich auf das Baby?“, wagte Minerva schließlich, die Frage zu stellen, die ihr schon lange auf der Zunge lag.

„Ja.“, antwortete Severus schlicht, aber ehrlich. „Zuerst war ich mir nicht sicher, aber inzwischen bin ich froh, dass ich diese Entscheidung für das Kind getroffen habe.“

„Und ich bin froh, dass du Remus und Harry in dein Leben gelassen hast und nun glücklich sein darfst.“, lächelte Minerva, sodass sich kleine Lachfältchen um ihre Augen bildeten, die warm schimmerten. „Als du noch Schüler hier warst, habe ich mir Sorgen gemacht, weil du immer so einsam warst und eine Mauer um dich gezogen hast. Jetzt scheinst du mir angekommen zu sein.“

„Ich weiß es nicht, Minerva. Aber ich bin zufrieden mit meinem Leben.“, entgegnete Severus entspannt.

Bald darauf verabschiedete sich die Gryffindor-Hauslehrerin und ließ das Oberhaupt der Schlangen alleine. Severus war noch immer schnell müde, die Tränke schlugen nicht so gut an, wie Poppy sich erhoffte. Also hatte er sich angewöhnt, früher ins Bett zu gehen und nicht mehr die halbe Nacht am Schreibtisch zu verbringen. Es tat ihm gut und er hatte zumindest keine Schwindelanfälle mehr und auch das flaue Gefühl im Magen war weg. Eine leichte Übelkeit befiel ihn ab und zu am Morgen, aber es war nie schlimm.

Am Morgen kam sein Rabe mit Post von Harry und Remus zu ihm und er las den Brief beim Frühstücken. Gerade Harrys Bilder sammelte er und bisher hingen alle an seinen Wänden. Die meisten davon im Schlafzimmer, sodass er nachts etwas hatte, das er ansehen konnte, wenn er wach wurde und einsam war. Etwas, das er auch erst jetzt wirklich fühlte. Auch wenn er früher die Nächte genossen hatte, die Remus bei ihm geblieben war, so hatte er sich nie einsam gefühlt, wenn der Werwolf nicht da war. Jetzt schon, wobei er nicht sicher war, lag es daran, dass Remus nicht da war oder war es eher wegen Harry?

„Severus?“, beugte sich nun Albus zu ihm. Der Tränkemeister sah auf. „Sirius hat mich gebeten, einen Blick auf seine schwarz-magischen Objekte und die verschiedenen Zaubertrankzutaten zu werfen. Das ist auch dein Fachgebiet. Würdest du mich begleiten, wenn ich heute Nachmittag zu ihm gehe?“

„Ich muss bis zur letzten Stunde unterrichten, aber danach könnte ich eine oder zwei Stunden erübrigen.“, antwortete Severus leise.

„Gut, gut. Kommst du dann zu mir? Wir reisen über den Kamin, apparieren solltest du ja nach Möglichkeit vermeiden, oder?“, gluckste der Schulleiter.

„Ich werde da sein.“, seufzte Severus. Er ahnte bereits jetzt, dass es ein Fehler gewesen war, den Direktor über seine Schwangerschaft zu informieren.

Direkt nach seiner letzten Stunde stieg der Tränkemeister also die Stufen in Dumbledores Büro hinauf und keuchte am Ende leise, als er sich von der beweglichen Treppe hinter dem Wasserspeier nach oben tragen ließ. Der Weißhaarige erwartete ihn bereits und sie reisten sofort weiter in den Grimmauldplatz. Severus erkannte ihn kaum wieder, war er bis vor kurzem dunkel, modrig und irgendwie unbewohnbar gewesen, wirkte er nun hell und freundlich. Sirius hatte offensichtlich nicht nur ausgemistet, sondern auch renoviert, neue Farben genutzt, nicht mehr so viel schwarz und dunkelgrün, sondern eher beige, creme und weiß, durchbrochen von roten, gelben, blauen und hellgrünen Abschnitten. Es erschien ihm sogar, als wären mehr Fenster vorhanden, oder vielleicht hatte er sie auch nur geputzt. Widerwillig musste er gestehen, dass er beeindruckt war von der Veränderung.

„Hallo Severus.“, begrüßte der Animagus den Tränkemeister, der nach Albus gekommen war. „Willkommen in meinem Haus. Ich habe Tee gekocht und Gebäck ist auch da, wenn du Lust hast. Soweit ich weiß, kommst du direkt aus dem Unterricht, vielleicht magst du dich erstmal stärken.“

Den Tee nahm Severus dankbar an und er aß sogar ein Stück Kuchen, obwohl er sich sonst nicht so für Süßes begeisterte. Doch seit er schwanger war, mochte er auf einmal Dinge, die er sonst liegen gelassen hätte. Vielleicht war es auch ein unbewusstes Annähern an den Anderen, weil er Remus und Harry glücklich sehen wollte und wusste, wie viel der Mann ihnen bedeutete. Erst, als Severus und auch Albus, der ebenfalls nicht nein gesagt hatte, fertig waren, brachte Sirius sie in den Keller, wo er einen der Räume als Lager für solche Dinge nutzte, die er entsorgen wollte. Unwillkürlich drückte Severus die Daumen, dass das Medaillon tatsächlich hier dabei war, ansonsten wüssten sie nicht, wo sie mit dem Suchen anfangen sollten.

„Wo sind deine Hauselfen?“, wollte Albus schließlich wissen.

„Es gab nur noch einen, als ich hierher kam. Kreacher. Er hat früher meinem Bruder gehört und wollte mir noch nie gehorchen.“, schüttelte sich Sirius. „Aber er war vollkommen durchgeknallt, ich habe ihn ins St. Mungos gebracht und sie haben ihm einen Trank gegeben, mit dem er sanft einschlafen konnte. Sein einziger Wunsch war es, zu sterben, aber ich konnte ihn nicht einfach köpfen, wie es früher den Hauselfen meiner Familie blühte, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. Die Heiler hätten nichts mehr für ihn tun können, also haben sie ihn erlöst. Jetzt habe ich keine Elfen mehr. Aber da ich keine Arbeit habe, nutze ich die Zeit und bringe das Haus auf Vordermann.“

Severus empfand wachsenden Respekt vor diesem neuen Sirius. Er hatte mit dem Gryffindor von früher nichts gemeinsam, außer vielleicht sein Aussehen. Doch er riss seine Aufmerksamkeit nun wieder von dem Schwarzhaarigen weg und konzentrierte sich auf die Dinge, die er gesammelt hatte. Kurz verschaffte er sich einen Überblick. „Ich hoffe, du hast nichts davon angefasst.“, kommentierte er die Sammlung mit einer erhobenen Augenbraue.

„Nein, ich habe Drachenlederhandschuhe benutzt.“, antwortete Sirius. „Dort drüben im anderen Regal sind alle Trankzutaten von denen ich mir sicher bin, dass ich sie zum Teil nicht haben darf.“

„Gehen wir es in Ruhe durch, damit wir nichts übersehen.“, entschied Albus.

Ruhig und konzentriert sahen sie die Sachen durch. Fast alle Objekte waren mehr oder weniger gefährlich und sollten nach Möglichkeit nicht in Umlauf kommen, daher entschied Sirius, sie magisch zu verbrennen. Severus wollte sich eben den Trankzutaten zuwenden, da ließ ihn ein erschrockenes Zischen herumfahren.

„Das ist es!“, keuchte Albus, als wäre er meilenweit gerannt. „Das Medaillon von Slytherin!“ Vorsichtig prüften sie es gemeinsam mit einem Zauber. Es war tatsächlich das gesuchte Medaillon. Die Banne darauf waren bereits entfernt, also schien Regulus wirklich derjenige gewesen zu sein, der das Medaillon gestohlen hatte und offenbar wusste er auch, wie er damit umzugehen hatte. Zumindest lagen keine Banne mehr darauf, aber da Regulus wohl tot war, würden sie keine Antworten mehr darauf bekommen, ob es geschützt gewesen war oder nicht.

„Was ist damit?“, erkundigte sich Sirius.

„Das hier beweist, dass dein Bruder versucht hat, den dunklen Lord aufzuhalten.“, erklärte Severus. „Er hat versucht, das hier zu vernichten, war aber nicht sehr erfolgreich, da er entweder nicht wusste, wie ein Horkrux zerstört wird oder aber auch nicht mehr die Möglichkeit dazu hatte. Jedenfalls hat er diesen Horkrux vom Lord gestohlen und hierher gebracht. Er hat einen falschen mit einer Nachricht für den Lord hinterlassen und mit R.A.B. unterschrieben. Wir hatten gehofft, ihn hier zu finden, damit wir alle bekommen und vernichten können.“

„Horkruxe? Kann Voldemort deswegen nicht endgültig sterben?“, wollte Sirius mit schreckgeweiteten Augen wissen. Offensichtlich wusste er, was der Begriff bedeutete.

Albus nickte nur. „Und wenn wir kein Basiliskengift auftreiben können, weiß ich auch nicht, wie wir die vernichten sollen, die wir an uns bringen konnten, oder die wir in Zukunft noch finden.“

„Mehrzahl? Wie viele?“, hauchte Sirius, der inzwischen weiß wie die Wand war.

„Soweit wir wissen geht es um ein Tagebuch, ein Diadem, einen Ring, ein Medaillon – diese Dinge haben wir bereits – und einen Becher, der im Verlies deiner Cousine liegt. Außerdem noch die Schlange des Lords, Nagini, von der wir keine Ahnung haben, wo sie ist.“, fasste Albus zusammen.

„Also fehlen noch zwei, an die keiner herankommt?“, hakte Sirius nach.

„Bis jetzt noch nicht, aber wir arbeiten daran, auch wenn ich versuchen werde, Severus nicht in Gefahr zu bringen.“, gestand Albus.

Der Tränkemeister hatte inzwischen die Zutaten in Augenschein genommen und begann zu sortieren. „Alles, was auf dieser Seite steht“, er deutete nach rechts, „kannst du entsorgen, das würde ich nicht mehr nutzen. Zu alt, falsch gelagert oder sonst wie unbrauchbar. Die anderen Dinge kannst du nutzen, wenn du selbst Tränke braust, oder der Apotheke zum Kauf anbieten. Einige Dinge sind sehr selten, damit verdienst du nicht schlecht.“

„Nimm dir, was du brauchst.“, winkte Sirius ab. „Ich kann damit nichts anfangen, ich bin eine Niete in Tränken, und der Apotheker würde mich eh nur übers Ohr hauen. Nein, bei dir ist das Zeug bestens aufgehoben.“

„Moment mal, das ist Lobulaggift.“, entfuhr es Severus, als er ein Fläschchen ins Licht hielt und die Beschriftung entzifferte.

„Dann nimm es.“, forderte Sirius noch einmal auf. „Wenn du es brauchen kannst! Ich bin eine Tränkekatastrophe, bei mir liegt es nur herum. Und nehmt das Medaillon, wenn ihr damit Harry eine sicherere Welt bieten könnt. Mir tut das nicht weh.“

„Danke!“, freute sich Albus. „Das bringt uns einen großen Schritt weiter, Sirius.“

„Wie gesagt, ich kann nichts damit anfangen.“, zuckte der Grauäugige die Schultern. „Und es macht die Welt für Harry sicherer, also los. Ich kann es kaum glauben, dass mein Bruder wohl doch kein so überzeugter Todesser war. Es ist sicher in seinem Sinn, wenn ich es euch gebe, damit es zerstört wird. Nimm es.“

„Nochmal danke.“, kam es von Albus, und auch Severus bedankte sich. „Den Rest würde ich an deiner Stelle ins Ministerium bringen, die können es sicher entsorgen und verbrennen.“, riet Albus dem Black-Erben noch.

„Das werde ich gleich morgen machen.“, entschied Sirius. „Vielen Dank für eure Hilfe. Möchtet ihr mit mir auf Abend essen?“

„Ich muss zurück nach Hogwarts, damit kein Chaos ausbricht.“, lehnte der Schulleiter ab.

„Ich … ich bleibe.“, gab Severus schließlich nach und folgte dem Animagus zurück in die Küche, während Albus gleich aus dem Keller disapparierte.

Das Abendessen war ein vorsichtiges Annähern der Beiden. Der Waffenstillstand war unsicher, keiner wollte ihn gefährden, für Harry. Vielleicht auch ein wenig für Remus. Daher kam keine richtige Unterhaltung in Gang, sie waren zu verkrampft für ein normales Gespräch, tauschten die meiste Zeit nur höfliche Floskeln aus. Severus war innerlich froh, als das Essen vorbei war und er sich verabschieden konnte. Er bereute es ein wenig, zugesagt zu haben, aber die Aussicht, alleine in seiner Wohnung zu essen, hatte ihm auch nicht gerade Freude bereitet, da versuchte er wenigstens, seinem Mann und seinem Sohn eine Freude zu machen.

„Severus?“, fragte Sirius schließlich. „Darf ich offen sein?“

„Nur zu. Früher hat dich nichts davon abgehalten.“, blaffte der Tränkemeister. Er war müde und ihm war kalt, er wollte nur noch ins Bett.

„James war eifersüchtig auf dich, deshalb warst du sein bevorzugtes Ziel.“, begann der Animagus ruhig. „Er wollte was von Lily und die hatte nur Augen für ihn, wenn sie dich verteidigt hat. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, gegen meine Familie zu rebellieren, die alle der Meinung waren, ich gehörte nach Slytherin. Du warst das, was ich hätte sein sollen, laut meiner Familie. Es ging eigentlich nie gegen dich persönlich, sondern gegen das, was du mir gezeigt hast. Das war falsch, das ist mir klar und dafür kann ich mich nur immer wieder entschuldigen. Jetzt, wo ich weiß, dass du wirklich auf unserer Seite warst, bewundere ich dich, wie du das geschafft hast. Und ich bin dir wirklich dankbar, dass du dich um Remus und Harry kümmerst. Ich merke, dass du dich bei mir nicht besonders wohl fühlst und schätze, du weißt nicht genau, was du nun mit mir machen sollst. Lass dir einfach Zeit und sag mir dann, ob wir noch die Chance auf einen Neuanfang haben. Poppy hat mir einen Neuanfang ermöglicht, als ich aus Askaban kam. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und neu anzufangen. Ich würde mich freuen, wenn auch wir beide einen neuen Anfang schaffen würden.“

Severus war unsicher, wusste nicht genau, wie er nun reagieren sollte. Er wusste, Remus lag viel an seinem früheren Freund, aber er sollte sich nicht entscheiden müssen. Also musste er sehen, dass er mit Sirius zumindest irgendwie klar kam. Und der hatte sich wirklich verändert, war ruhiger, erwachsener als er ihn in Erinnerung hatte, sodass ein Neuanfang tatsächlich möglich schien. Aber wenn er es nur so einigermaßen schaffte, würde das Remus auf Dauer auch nicht gut tun, da kannte er Remus inzwischen. Der war kein typischer Werwolf, sondern eher süchtig nach Harmonie, auch wenn er dominant war. Und Harry sollte seinen Paten zurückbekommen, immerhin hatte er für seine Verhältnisse positiv auf Sirius reagiert.

„Ich weiß nicht, ob ich vergessen kann, was früher war.“, antwortete Severus schließlich. „Ihr habt mich verletzt und … Aber das ist vorbei und ich will versuchen, ob wir eine Möglichkeit finden, uns zu verstehen. Für Remus, für Harry.“ Zwischendurch hatte er mehrmals tief durchgeatmet, als könne er seine eigene Entscheidung nicht ganz fassen. Dennoch war es ehrlich gemeint.

„Danke. Das bedeutet mir viel.“, lächelte Sirius. Zum ersten Mal wirkte er richtig entspannt, seit Severus ihn vor einigen Tagen zum ersten Mal gesehen hatte. „Wie geht es dir? Ich habe mitbekommen, dass du wegen deiner Schwangerschaft Probleme mit Schwindel hattest, und was ist mit den Verbrennungen?“

„Die Tränke schlagen an, ich kann inzwischen wieder normal unterrichten. Die Verbrennungen sind verheilt, ich kann auch meinen Arm wieder uneingeschränkt benutzen.“, berichtete Severus.

„Die Schwangerschaft war nicht geplant, oder?“

„Nein. Ich wusste nicht, dass ich einen Fruchtbarkeitstrank eingenommen hatte.“

„Freust du dich?“, wollte Sirius wissen.

„Ich bereue es nicht.“, wich Severus aus. „Harry und Remus freuen sich darauf.“

„Dann wünsche ich dir alles Gute. Du siehst müde aus, leg dich ins Bett.“, empfahl der Animagus. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Severus mit seiner Antwort ausgewichen war, sprach ihn aber nicht darauf an, um den neuen Frieden nicht zu gefährden. Es war ihm wirklich ernst.

„Danke für das Essen.“, kam es von Severus. „Ich denke, ich werde deinem Rat folgen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, und sag schöne Grüße an Remus und Harry.“

„Mache ich. Wenn du ihnen schreiben willst, bekommst du die Adresse von mir, aber bitte tauche dort nicht einfach auf, Harry ist noch nicht gefestigt genug für derartige Überraschungen.“, bat der Tränkemeister. „Ich weiß, du liebst ihn und willst für ihn da sein, aber gib ihm ein bisschen Zeit, er hat schlimme Erlebnisse hinter sich und braucht nun länger, um Vertrauen zu fassen. Es geht nicht darum, dich von ihm fernzuhalten, sondern ihm zu helfen, sich an dich zu gewöhnen.“

„Versprochen. Danke.“, freute sich Sirius. „Ich werde es langsam angehen. Ich bin froh, wenn ich Teil seines Lebens sein kann. Ihr tut ihm gut, das sieht ein Blinder, und ich habe verstanden, dass er keinen Prozess mehr mitmachen sollte. Ich werde den Gamot nicht mit dem Fall beschäftigen, allerdings werde ich dennoch irgendwann Ärger machen, denn es soll anderen Kindern nicht wie Harry gehen. Ihr habt wirklich großartige Arbeit mit ihm geleistet. Danke, Severus. Gute Nacht.“

 

Zurück in Hogwarts fiel Severus völlig geschafft ins Bett, hatte nicht mehr die Energie, sich um die Korrekturen zu bemühen. Die Schüler mussten noch einen oder zwei Tage warten, er schaffte es einfach nicht. Auch wenn der Schwindel weg war, gegen die Müdigkeit kam er partout nicht an. Poppy würde er morgen sowieso aufsuchen müssen, sie wollte ihn regelmäßig zur Kontrolle sehen, da musste er wohl ehrlich sein. Allerdings konnte Severus nicht schlafen, ihm war kalt. Nach einer halben Stunde stand er seufzend noch einmal auf und holte sich die Decke von Minerva aus dem Wohnzimmer, legte sie unter seine Zudecke und kuschelte sich wieder ins Bett. Nur langsam wurde ihm warm und schließlich schlief er ein und konnte dann auch ruhig bis zum Morgen schlafen.

Poppys Untersuchung war relativ kurz und sie war zufrieden mit ihrem Patienten. Die Müdigkeit erklärte sie ihm damit, dass sein Körper sich umstellen musste. Wahrscheinlich würde es in ein paar Tagen oder spätestens ein bis zwei Wochen besser werden, versprach sie ihm. Beruhigt ging Severus in sein Büro, um sich endlich den Aufsätzen zu widmen, außerdem musste er noch die Trankzutaten von Sirius in seinem Labor ordentlich einräumen. Wobei, das wäre eine schöne Arbeit für Charlie Weasley, der als Strafe nun bei ihm arbeiten musste, bis zum Sommer jeden Donnerstagabend. Zutaten sortieren und ordentlich einräumen war eine Arbeit für heute, sein Bruder würde am Dienstag Aalaugen ernten, entschied der Tränkemeister, und ignorierte daher die Fläschchen, Kisten und Beutel, die auf dem Tisch standen. Die Aufsätze hingegen stapelten sich auch schon auf dem Schreibtisch, darüber setzte er sich nun. Erst als er mit einem Blick auf die Uhr feststellte, dass es schon Zeit zum Abendessen war, eilte er nach oben in die große Halle. Poppy hatte ihm klar gemacht, dass sie sehen wollte, dass er ordentlich aß, also sollte er wohl dahin gehen.

Vor der ersten Strafarbeit hatte er die Weasleys für diesen Abend gemeinsam bestellt. Kaum, dass sie in seinem Büro vor ihm standen, drehte er sich abrupt zu ihnen um, sodass sich sein Umhang bauschte. Zufrieden registrierte er das erschrockene Zusammenzucken der beiden Rothaarigen. „Meine Herren.“, begann er leise und betont ruhig. „Wie ich herausfinden musste, haben sie mir einen Trank untergeschoben. Ist ihnen jemals in den Sinn gekommen, was dabei alles passieren könnte? Haben sie daran gedacht, dass ich allergisch gegen eine Komponente sein könnte, oder möglicherweise andere Tränke zu mir genommen habe, die dadurch plötzlich anders wirken? Sie haben bewusst riskiert, mich zu vergiften, denn nichts anderes ist es, wenn man Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten nicht beachtet. Offenbar haben sie in meinem Unterricht nicht aufgepasst, denn ansonsten wären ihnen diese Tatsachen bewusst gewesen. So sehe ich mich gezwungen, ihnen diese Dinge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie werden, zusätzlich zu den Arbeiten, die sie ableisten, jeder einen Aufsatz schreiben und mit eigenen Worten über ihre Unfähigkeit berichten, sowie über die möglichen Folgen. Und ich möchte zwei völlig verschiedene Aufsätze sehen, also fangen sie gar nicht erst damit an, gemeinsam arbeiten zu wollen. Diese Aufsätze sind jeweils mindestens 5.000 Wörter lang und zu schreiben, während ihre Kameraden in Hogsmeade sind. Ich erwarte sie nach dem nächsten Hogsmeade-Wochenende auf meinem Schreibtisch. Sie wissen, wann sie hier zu erscheinen haben, und erwarten sie nicht, dass sie leicht davonkommen werden, immerhin kann man das als Anschlag auf mein Leben werten. Außerdem erwarte ich ordentliche Leistungen im Unterricht, ich werde sie nicht schonen. Ehe ich es vergesse: Fünfzig Punkte Abzug von jedem von ihnen. Und jetzt verschwinden sie.“

Die beiden Rotschöpfe flüchteten regelrecht aus seinem Büro und Severus lehnte sich zurück. Er fühlte sich erschöpft und entschied, einen kleinen Spaziergang an der Luft zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen, bevor er sich erneut um die Aufsätze kümmerte.

 

So vergingen die nächsten Tage, und er kämpfte sich durch seine Aufgaben. Am Wochenende musste er in Hogwarts bleiben, da gleich mehrere Professoren auf einer Fortbildung waren und er daher das zweite Wochenende in Folge Aufsicht hatte. Früher hatte ihn das nicht gestört, aber nun wünschte er sich, zu Remus und Harry gehen zu können. Doch sie würden nicht kommen, denn Harry blühte endlich wieder ein wenig auf, da wollten sie ihn nicht das ganze Wochenende in der kleinen Wohnung einsperren. Auch wenn Remus gesagt hatte, sie würden kommen, er hatte es abgelehnt, denn er wollte den Kleinen nicht einengen. Dafür hatten sie entschieden, am folgenden Wochenende in den Zoo zu gehen und den Gutschein von Severus einzusetzen. Von Albus hatte er nur kurz gehört, dass er das Medaillon wie die anderen ‚Artefakte‘ sicher weggesperrt hatte, aber noch keine Möglichkeit wusste, wie er an den Becher kommen würde. Von der Schlange hatten sie ebenfalls noch keine Ahnung. Und das Tagebuch hatte angedeutet, dass die Schlange ihren Lord finden würde, wenn er wiederkam. So konnten sie im Moment nur hoffen, durch einen Zufall auf sie zu stoßen.

Die beiden Weasleys kamen zu den Strafarbeiten, auch wenn sie murrten. Doch Severus war gnadenlos. Charlie hatte die Zutaten sortieren müssen, Vieles davon war abgelaufen und musste ordnungsgemäß entsorgt werden – eine ziemlich unangenehme Aufgabe. Bill hatte am ersten Abend Aalaugen geerntet, auch sehr unangenehm, vor allem, weil man den Geruch nicht so leicht wieder loswurde. Danach hatte Severus andere Aufgaben für sie: Zutaten mussten eingelegt werden, das Labor geputzt und Kessel geschrubbt, Tränkereste entsorgt (hier passte er genau auf, dass sie nichts auf die Seite brachten) und die Bänke im Klassenzimmer gereinigt werden. Bereits nach einer Woche wurden die beiden Rothaarigen ziemlich kleinlaut und sie entschuldigten sich bei ihrem Professor.

„Professor Snape-Lupin?“, klopfte Bill am Mittwoch nach seiner ersten Strafarbeit an sein Büro. Unwillig ließ Severus ihn ein, vor allem, als er sah, dass der jüngere Bruder hinter ihm stand. Die beiden Rothaarigen traten mit gesenktem Kopf ein. Erst, als die Tür geschlossen war, hob der Ältere ein wenig den Kopf und begann zu sprechen. „Professor, es tut uns sehr leid, dass wir so unbedacht gehandelt haben. Wir hatten keine bösen Absichten. Ich habe letztes Jahr mitbekommen, dass Madame Pomfrey beklagte, sie hätte so gerne Kinder gehabt. Naja, dann sah ich im Sommer den Trank, als wir in der Winkelgasse waren. Und als Charlie mir zeigte, dass sie ständig im Krankenflügel waren, nahmen wir an, dass sie mit der Heilerin zusammen sind. Da dachte ich nur daran, ihnen und Madam Pomfrey zu helfen, ihren Wunsch zu erfüllen. Ich habe nicht nachgedacht, und Charlie hat mir nur geholfen. Es war mein Fehler, ich nehme die Konsequenzen auf mich.“

„Gerade ihnen sollte bewusst sein, was passiert.“, entgegnete Severus kalt. „Sie sind ein guter Schüler im Allgemeinen, daher hätte ich so etwas nie von ihnen erwartet. Ich habe sogar darüber nachgedacht, sie aus meinem Kurs zu werfen. So ein Fehler darf nicht passieren.“

„Ich weiß und ich kann mich nur entschuldigen, Sir.“, erwiderte Bill fest. „Mir ist klar, dass ich Mist gebaut habe und ich versuche, so etwas nie wieder zu tun. Mein Bruder hat nur wenig Schuld, ich habe ihm einen Teil des Trankes gegeben, falls er die Möglichkeit dazu bekommt.“

„Ich hätte auch darüber nachdenken müssen.“, gab Charlie Weasley zu und sah ihm offen in die Augen. „Es tut mir sehr leid, Professor. Ich werde jede Strafe akzeptieren, die sie uns geben, denn wir haben es nicht anders verdient.“

Severus hatte nicht nur auf die Worte der beiden Schüler geachtet, sondern auch dem gelauscht, was sie dachten. Er wusste, das war nicht in Ordnung, aber er wollte sichergehen. Doch es war tatsächlich die Wahrheit, die beide sprachen, was ihn durchaus beeindruckte. Nicht viele Schüler – und auch nicht viele Menschen allgemein – hatten den Mut, zuzugeben, dass sie einen Fehler gemacht hatten und auch die Konsequenzen zu tragen. Allerdings sprach er das nicht aus, sein Blick blieb undurchdringlich. Er wartete, bis er spürte, wie die Nervosität der Jugendlichen immer größere Ausmaße annahm, dann erst ergriff er das Wort. „Die Einsicht kommt spät.“, stellte er fest. „Aber immerhin scheint ihre Einteilung in das Haus Gryffindor gerechtfertigt zu sein. Sie waren leichtsinnig, wie nur Löwen es sein können, stur und rücksichtslos, aber immerhin mutig genug, ihren Fehler einzugestehen. Ich werde das anerkennen. Vorerst werden ihre Eltern nicht informiert, aber seien sie versichert, dass ich durchaus darüber nachdenke, sollten sie ihre Einsicht erneut vergessen und nachlässig arbeiten. Ich erwarte von ihnen in Zukunft, dass sie ihre Taten und deren mögliche Folgen überdenken. Den Punkteabzug werde ich allerdings nicht zurücknehmen. Und nun verschwinden sie, bevor sie noch mehr Punktabzug bekommen, weil sie nach der Sperrstunde auf den Gängen sind.“

Die Schüler verabschiedeten sich leise und verschwanden. Severus war unweigerlich beeindruckt von ihrem Rückgrat, das sie bewiesen hatten. Dennoch würde er ihnen noch viele weitere Abende vermiesen mit seinen Aufgaben. Der Tränkemeister konnte sehen, dass sie wirklich erkannten, welchen Mist sie gebaut hatten. Sie bereuten aufrichtig, doch Strafe musste sein. Noch einmal sollten sie so etwas nicht einmal in Erwägung ziehen. Sollte ihre Mutter davon erfahren, würden die beiden Jugendlichen wahrscheinlich einen Kopf kürzer gemacht, doch Severus wollte nicht, dass noch jemand davon erfuhr. Die Drohung dahingehend wollte er aber doch aufrechterhalten. Bereits an den ersten Abenden hatte er sich davon überzeugt, dass Minervas Blockade sicher war und die Beiden nichts verraten konnten. Weder absichtlich noch versehentlich. In der Zeit, als er Wolfsbann braute, nutzte er die Hilfe der Schüler aus, die ihm die Zutaten vorbereiten mussten. War die Zubereitung nicht exakt genug, ließ er es sie noch einmal machen, außerdem drohte er ihnen an, die vermasselten Zutaten von ihnen zurückzufordern. Schnell lernten sie, genau zu arbeiten. Es war ihnen offenbar lieber, als weitere Putzaktionen, außerdem wussten sie, wie wertvoll einige der Zutaten waren, mit denen sie hantierten.

Endlich kam das ersehnte Wochenende herbei. Seit fast drei Wochen hatte er Harry und Remus nun nicht gesehen, außer dass er Remus vor dem Vollmond den Banntrank gebracht hatte. Inzwischen war das Patent angemeldet und es schien, als würde alles gut gehen. Remus jedenfalls ging es mit dem Trank relativ gut, keine Verletzungen mehr, und selbst die Muskelschmerzen nach der Verwandlung hielten sich in Grenzen. Harry hatte er in der Zeit gar nicht gesehen, der Kleine hatte immer schon geschlafen, wenn er Remus den Trank gebracht hatte. Am Freitag direkt nach dem Unterricht griff er nach seinem Koffer und ging durch den Kamin zu Lucy, wo Harry ihm sofort um den Hals fiel. „Daddy!“, wurde er begrüßt und nahm den Kleinen in den Arm.

„Ich hab dich auch vermisst, mein Großer!“, schmunzelte Severus. „Wie geht's dir, Harry?“

„Harry geht gut.“, verkündete der Fünfjährige. „Lucy auf Harry aufpasst, wenn Daddy Remus nicht da. Harry gaaaanz brav sein.“

„Wirklich?“, fragte Severus mit weit offenen Augen, innerlich über Harry schmunzelnd. Der nickte heftig. „Dann ist es ja gut, dass ich ein Geschenk für dich dabei habe!“, lächelte er und reichte Harry ein kleines Päckchen. Ehrfürchtig nahm Harry es an sich und sah es eine Weile nur an, drehte es in der Hand herum. „Na los, mach es auf!“, forderte der Tränkemeister.

Endlich reagierte Harry, wie ein Kind in dem Alter reagieren sollte, und riss das Einwickelpapier ab. Ein Karton mit Deckel erschien und Harry machte den Deckel auf. Im Inneren lag eine Kette mit zwei Anhängern, einer Fledermaus und einem Wolf. Sie war aus Gold und Severus hatte sie mit einigen Zaubern versehen, die Harry schützen sollten; niemand konnte sie ihm abnehmen, sobald er sie trug. Außerdem wurde sie im Ernstfall zu einem Portschlüssel, der Harry zu ihm bringen würde, sollte dem Kleinen etwas passieren. Doch das musste der Junge nicht wissen, Hauptsache ihm gefiel die Kette. Staunend starrte der Grünäugige noch immer auf das Schmuckstück und traute sich nicht, es herauszunehmen. „Für Harry?“, fragte er ungläubig.

„Ja, für dich. Soll ich sie dir umhängen?“, antwortete Severus.

Harry nickte und drehte sich so, dass Severus den Verschluss im Nacken zumachen konnte. Andächtig strich Harry über die zierlichen Anhänger und schlang dann die Arme um Sevs Nacken. „Danke, Daddy!“, wisperte er.

„Gerne, Harry.“, küsste ihn sein Vater auf den Scheitel. Langsam stand Severus wieder auf, das Knien fiel ihm jetzt schon nicht mehr so leicht. „Remus!“, grüßte er seinen Mann mit leuchtenden Augen.

Der Werwolf hatte die Szene in der Tür stehend beobachtet und strahlte einfach nur pures Glück aus. „Hey, Sev!“, umarmte er seinen Partner nun kurz. „Du siehst besser aus als beim letzten Mal.“

„Mir geht es auch deutlich besser, vor allem jetzt, wenn ich bei euch bin.“, gestand Severus leise. Auch, wenn er es vor seinen Kollegen sicherlich verheimlichen würde, aber Remus und Harry waren die wichtigsten Menschen in seinem Leben, vor ihnen wollte er keine Geheimnisse haben. Wie schnell es mit Harry gegangen war, dass er so wichtig für Severus wurde, wunderte den Tränkemeister noch immer. Er konnte es nicht fassen, aber er bereute keinen einzigen Moment mit seinem Sohn. Ein glückliches Funkeln schlich sich in seine Augen, wie immer, wenn er an Harry dachte. Der Junge war etwas Besonderes.

„Gehen wir noch ein wenig an den Strand, in einer Stunde gibt es Abendessen und morgen geht es nach Barcelona in den Zoo!“, entschied Remus, der das Funkeln gesehen hatte und glücklich darüber lächelte. „Harry redet schon seit Tagen von nichts Anderem mehr, wir mussten immer Tierbücher ansehen!“

 

Der nächste Morgen begann sehr früh. Sie reisten mit dem Portschlüssel, den Lucy beigelegt hatte, nach Barcelona. In der Nähe des Zoos gab es eine Möglichkeit, wo Zauberer ankommen konnten, ohne aufzufallen. Von da aus waren es nur wenige Minuten zu Fuß in den Zoo. Harry gefiel es gar nicht, als er in Remus' Arm war und sie mit dem Portschlüssel reisten, es fühlte sich fürchterlich an und er hatte das Gefühl, ganz tief zu fallen. Alles um ihn herum war schwarz, er konnte nichts sehen, nichts hören, sich nicht bewegen, und dann fiel er. Immer tiefer, immer länger, immer schneller. Plötzlich war es vorbei, er war immer noch auf dem Arm von seinem Daddy. Nein, Portschlüssel mochte er nicht, noch viel weniger als Flohreisen und Apparieren, obwohl er da schon gedacht hatte, einmal und nie wieder. Aber er wusste, sie mussten auch wieder zurück zu Lucy. Schnell klammerte er sich an Remus, um sicherzugehen, dass nichts passieren konnte. Seine Daddys hatten ihn bisher immer beschützt, das würde sicher weitergehen. Jetzt spürte er, dass sie zu Fuß gingen und er konnte schon seltsame Geräusche von den Tieren im Zoo hören, wie Daddy Sev ihm gerade erklärte. Gleich wären sie im Tierpark angekommen.

Kurz nach dem Öffnen waren sie auch schon im Inneren und sahen auf den Plan, welchen Weg sie nehmen wollten. Harry wollte am liebsten alle Tiere besuchen, daher entschieden sie, dem Rundweg zu folgen und dann zu sehen, wo sie noch abbiegen mussten. Sie kamen nur langsam vorwärts, da Harry ständig irgendwo stehenblieb und einfach nur beobachtete. Noch nie hatten Remus und Severus ein so braves Kind gesehen, der Kleine blieb immer an der Hand von mindestens einem der Erwachsenen und probierte nie, schneller irgendwohin zu gelangen. Manchmal trug Remus ihn ein Stück, denn so fit war der Fünfjährige nicht, dass er ihn den ganzen Tag herumrennen lassen konnte. Der Mittagsschlaf entfiel an diesem Tag, sie saßen nur eine Stunde zum Essen in einem der Restaurants. Severus hatte zum Glück einen Geldbeutel aus Gringotts, der immer die richtige Währung ausgab, egal wo er gerade war, daher konnten sie entspannt Essen gehen.

Nach dem Mittagessen ging es ins Reptilienhaus. Sofort änderte sich Harrys Haltung und er wurde noch interessierter als zuvor, es schien, als zögen ihn die Schlangen magisch an. Zum ersten Mal überhaupt wartete er nicht, bis Severus, an dessen Hand er gerade ging, hinterher kam, sondern rannte sofort zu den Terrarien, in denen die Schlangen lagen. Remus las die Schilder, einige Vipern, eine Boa Constrictor, Pythons und viele mehr. Und auch die Schlangen schienen sich zu dem Fünfjährigen hin zu orientieren. Zumindest entstand dieser Eindruck, denn wann immer Harry an ein Terrarium herantrat, wurden die Schlangen im Inneren aktiver.

Plötzlich realisierten Severus und Remus, dass Harry nicht stumm davor stand, nein, er zischelte. „Er spricht Parsel?“, fragte Remus leise.

„Es scheint so. Jedenfalls klingt es fast genau wie das, was der Lord immer machte, um mit Nagini zu kommunizieren, nur sanfter.“, antwortete Severus ebenso leise. Er kniete sich neben Harry. „Verstehst du, was sie dir sagen?“

„Schlange sagt, ist langweilig hier.“, erklärte Harry. „Alle starren immer nur. Harry weiß, ist echt blöd.“

„Ja, das verstehe ich. Kaum jemand mag es, die ganze Zeit angestarrt zu werden.“, stimmte Severus ruhig zu. „Aber schau, die Schlangen haben auch Möglichkeiten, sich zu verstecken. In jedem Terrarium sind Höhlen und kleine Verstecke.“

„Warum Schlangen einsperrt?“, wollte Harry wissen.

„Weißt du, Welpe, manche der Schlangen hier sind giftig, wenn sie einen Menschen beißen, dann kann man daran sterben.“, wusste Remus. „Das macht den Menschen Angst. Und die ungiftigen Schlangen sind auch nicht ungefährlich, sie können, wenn sie groß genug sind, Menschen erwürgen, sodass sie keine Luft mehr bekommen. Und damit das hier nicht passiert, sind die Tiere eingesperrt. Außerdem brauchen es die Schlangen immer gleichmäßig warm und feucht, damit sie gesund bleiben. Und dafür sind die Terrarien da, denn hinter einem Gitter wäre es nachts oft zu kalt. Hinter Glas kann man die Temperatur und die Feuchtigkeit besser regulieren.“

„Warum Schlange nicht einfach sagen, nicht beißen Menschen?“, fragte Harry verwirrt.

„Weil es nur ganz wenige Zauberer gibt, die tatsächlich mit Schlangen sprechen können.“, erklärte Severus geduldig. „Du bist momentan der Einzige, von dem ich weiß. Vor ein paar Jahren gab es noch einen, aber der lebt inzwischen nicht mehr.“

Harry blickte seinen Daddy mit riesigen Augen an. War er doch ein Freak, so wie seine Verwandten es dauernd behaupteten? Plötzlich bekam er Angst, wollten seine Daddys ihn noch haben, wenn er ein Freak war? Und wenn nicht, musste er dann doch zurück zu Tante und Onkel? Ohne es zu merken, begann er leise zu wimmern und dicke Tränen liefen über seine Wangen. Panisch wich er immer weiter zurück, nur nicht anfassen lassen, sonst brachten sie ihn bestimmt zu Tante und Onkel. Er hätte nicht mit den Schlangen reden dürfen, als er sie verstanden hatte. Nein, er hätte einfach so tun müssen, als wären sie langweilig, so wie manche der anderen Kinder, die hier nur kurz herein sahen und gleich wieder gingen, als sich nichts bewegte. Harry wollte weg, ganz schnell und ganz weit, damit Severus und Remus ihn nicht erwischten und zurück zu den Dursleys bringen konnten. Jetzt, wo er bewiesen hatte, dass er ein Freak war, musste er schnell sein, denn keiner mochte Freaks, das wusste Harry. Hektisch sah er sich nach einem Fluchtweg um. Hinter ihm war eine Tür!

Mit einem Mal, so schnell konnten weder Severus noch Remus reagieren, rannte Harry auf eine Tür im hinteren Bereich des Schlangenhauses zu und verschwand dadurch. „Was …?“, fragte sich Remus, doch sein Partner unterbrach ihn: „Er hat immer noch Angst davor, wenn er anders ist, vermute ich. Aber das ist egal, wir müssen ihn suchen!“

„Komm, ich kann ihn riechen.“, zog der Werwolf Severus hinter sich her. Schnell folgten sie der Spur, die nur Remus wahrnehmen konnte. Severus dankte in Gedanken allen möglichen Göttern dafür, dass es erst ein paar Tage nach Vollmond und der Wolf noch so stark an der Oberfläche war. Wären sie eine Woche später gekommen, sähe das nun ganz anders aus. Doch die vielen Gerüche im Zoo bremsten Remus, immer wieder verlor er die Spur, weil andere Gerüche sie zum Teil verdeckten. Parfum von Besuchern, dann die Löwen und Tiger, an denen er offenbar vorbei gerannt war. Immer wieder musste der Werwolf ein wenig suchen, doch am Ende konnte er ihm in das Elefantenhaus folgen. Er konnte riechen, dass es höchstens zwei Minuten her war, seit Harry hier war. „Sev, er ist wahrscheinlich noch drinnen. Geh du von hier, ich sehe mich hinten um, ob es noch eine zweite Tür gibt, dann haben wir ihn.“, entschied Remus.

Severus nickte nur kurz und ging zur Tür, langsam in das Elefantenhaus hinein. Die Tiere waren draußen und daher war es drinnen sehr dunkel. Der Tränkemeister wartete einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Jetzt sah er sich um, blieb aber nahe der Tür, damit Harry nicht wieder davon konnte. Versteckmöglichkeiten hatte er hier genug, es gab einige exotische Pflanzen mit großen Wurzeln, unter denen ein Fünfjähriger wie Harry Platz hatte. Inzwischen konnte er Remus auf der anderen Seite sehen, der ihm bedeutete, dass Harry wohl wirklich hier war. Mit einem Zauber schloss er beide Türen, da sie alleine in dem Haus waren. „Harry?“, fragte er in die Richtung, die Remus ihm andeutete. „Harry, komm raus, wir sind hier, du musst keine Angst haben.“ Er ging auf die Pflanze zu, der sich Remus näherte und konnte schließlich sehen, dass die Blätter am Boden unnatürlich zitterten. Ihr Kleiner steckte offenbar darunter und bebte vor Angst.

Aber warum? Ganz verstand Severus nicht, was genau diese Panik ausgelöst hatte. Irgendwie hatte es damit zu tun, dass Harry mit Schlangen sprechen konnte, aber zunächst hatte er es gut aufgenommen. Erst als er ihm erzählt hatte, dass er eine seltene Gabe hatte, da war er weggelaufen. Merlin, jetzt fiel es Severus wie Schuppen von den Augen. Harry hatte anfangs von sich als Freak gesprochen. Seine Verwandten hatten zugegeben, dass sie ihm erklärt hatten, er sei ein Freak, weil er Magie beherrschte, das sei wider die Natur und deshalb hatte er diesen Namen bekommen. Und nun hatte er selbst, Severus, ihm erklärt, dass er etwas konnte, was außer ihm niemand schaffte. Dachte er nun wieder, dass er ein Freak sei und bestraft würde? Oder hatte er gar Angst, zurück zu den Dursleys zu müssen? Diese Erkenntnis schockte Severus, nie hatte er gewollt, dass der Junge seinetwegen Angst haben musste und jetzt hatte er ihn derart in Panik versetzt! Verdammt, wie bekam er den Kleinen nun dazu, ihm wieder zu vertrauen? „Harry, bitte komm raus.“, bat er leise.

Remus sah ihn verblüfft an, als er den veränderten Ton wahrnahm und spürte, dass Severus wohl wusste, was in dem Jungen vorging. Severus ignorierte ihn für den Moment und sprach weiter auf die Pflanze ein. „Harry, du bist kein Freak, nur weil du etwas kannst, das andere Zauberer nicht können. Du bist etwas Besonderes, ja, aber das bedeutet nicht, dass wir dich weniger lieb haben. Du brauchst keine Angst haben, du musst nie wieder zurück zu den Dursleys, egal was passiert. Wir haben dich adoptiert und geben dich nicht wieder weg. Du bist unser Sohn, unser Kind. Remus' Welpe. Bitte komm raus, wir machen uns Sorgen um dich.“

Severus spürte mit einem Mal, dass er kurz davor war, ohnmächtig zu werden. Offenbar hatte er zu wenig getrunken und war nun auch noch durch die Mittagshitze gerannt. „Rem!“, japste er hektisch, dann verdrehte er die Augen und fiel in sich zusammen. Remus schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen und legte ihn auf eine der Bänke, die hier standen.

„Daddy!“, schrie ein entsetzter Harry auf und kam aus seinem Versteck. „Daddy!“

„Harry!“, atmete Remus erleichtert auf und zog den Jungen kurz an sich. „Keine Sorge, es geht ihm gleich wieder gut, er hat sich ein wenig überanstrengt und ist die Hitze nicht gewöhnt. Schau, er macht die Augen schon wieder auf.“ Und es stimmte. Severus bekam wieder ein wenig Farbe und seine Augen öffneten sich langsam.

Verwirrt sah er um sich. Wie kam er auf die Bank und warum hielt Remus seine Beine in die Höhe? Harry war weggelaufen, erinnerte er sich, als eine kleine Hand über seine Wange strich. Moment mal, eine kleine Hand? Severus riss die Augen weiter auf. „Harry!“, hauchte er.

„Daddy?“, fragte der Kleine leise und beunruhigt. Tränen standen in seinen Augen.

„Harry, ist alles in Ordnung mit dir?“, wollte Severus wissen. Unbewusst strich er mit der Hand über Harrys Wangen, wischte die Tränen weg.

„Harry Angst. Daddy sagt, Harry kann Schlange sprechen, Harry ist Freak. Freak muss zu Tante. Harry will nicht Tante und Onkel, da alles schlimm.“, gestand der Fünfjährige.

Severus setzte sich vorsichtig auf und nahm Harry in den Arm, Remus strich ihm über den Rücken. „Welpe, du bist unser Sohn, wir haben dich lieb. Wir werden dich nicht wieder zu diesen … Monstern geben.“, versprach Remus. „Deine Tante und dein Onkel sind im Gefängnis, und da kommen sie so schnell auch nicht wieder raus. Du wirst sie wahrscheinlich nie wieder sehen, und selbst wenn, dann sind wir da. Sie können dir nichts mehr tun. Wir werden nicht zulassen, dass dich noch einmal jemand schlägt oder so behandelt. Und glaub mir, du bist ganz sicher kein Freak. Du bist etwas ganz Besonderes, so wie Daddy Severus gesagt hat. Wir sind stolz auf dich, dass du etwas so Tolles kannst!“

Ungläubig sah Harry vom Einen zum Anderen. Beide nickten ihm zu, lächelten ihn an, und schienen tatsächlich froh und erleichtert zu sein, dass er wieder da war. Obwohl er weggelaufen war, hatten sie ihn immer noch lieb? Aber er war doch weggelaufen und hatte sich versteckt, hatte Daddy Sev so angestrengt, dass er umgefallen war. Remus reichte Severus eine Flasche Wasser, damit sich der schwangere Tränkemeister wieder ein wenig erholen konnte. Auch Harry trank gierig, als Severus ihm die Flasche hinhielt.

„Geht's wieder?“, wollte Remus schließlich von seinem Mann wissen.

Severus nickte, er fühlte sich tatsächlich wieder gut. Hier war es angenehm und er bekam auch wieder genug Luft. Er würde es wohl nicht zugeben, aber am Meisten hatte ihm die Angst um Harry zu schaffen gemacht. Am liebsten würde er nun einfach verschwinden, aber wenn Harry den Rest des Zoos noch sehen wollte, dann würden sie bleiben. „Harry?“, holte er sich die Aufmerksamkeit des Grünäugigen. „Sollen wir nun die anderen Tiere noch ansehen oder willst du nach Hause?“

„Daddy bleiben!“, antwortete der Kleine nur und Remus nahm ihn auf den Arm. „Natürlich bleibst du bei uns.“, versprach er. „Und wenn du magst, dann trage ich dich auch durch den Zoo. Möchtest du dir die Elefanten und Giraffen auch noch ansehen? Und die Papageien haben wir auch noch nicht besucht.“

„Fanten und Papageier anschauen.“, forderte Harry nun, der auf Remus' Arm und mit Severus' Hand in seiner deutlich sicherer war als noch ein paar Minuten zuvor.

„Elefanten und Papageien also.“, entschied der Tränkemeister. „Na dann auf.“

Remus ließ Harry tatsächlich nicht mehr los. Die erste Zeit trug er ihn auf dem Arm, dann allerdings setzte er ihn auf seine Schulter, denn da konnte der Kleine auch noch richtig gut sehen. Mit einer Hand hielt er Harrys Füße, die andere griff nach Severus. Er wollte seine Familie beisammen halten, sie spüren. Auch er hatte Panik gehabt, als Harry weggerannt war, aber nun, wo Harry wieder ruhiger war und den Besuch auch genoss, war er froh, nicht gleich abgereist zu sein. Ein paar seltsame Blicke bekamen sie allerdings immer wieder, Muggel waren so intolerant. Zwei Männer und ein Kind, das schienen sie nicht besonders gut zu finden. Wenn sie nun auch noch wüssten, dass Severus schwanger war … Nicht auszudenken. Aber das wollten sie auch in der Zauberwelt geheim halten, obwohl es dort zumindest einige Menschen gäbe, die sie deshalb nicht verurteilten. Im Gegenteil, gerade schwule Paare nutzten diese Möglichkeit immer mal wieder.

Da sie nun alle den Zoobesuch genossen, blieben sie relativ lange da und sahen sich wirklich alle Tiere an. Erst kurz vor der Schließung der Gehege gingen sie nach draußen. Remus nahm Harry wieder von seiner Schulter in die Arme, da er spürte, wie müde er war. Ihm machte es nichts aus, den Jungen zu tragen, er merkte das Gewicht kaum. Da kam ihm der innere Wolf mal wieder zugute. Sie waren noch nicht an dem Punkt angekommen, von wo aus sie den Portschlüssel nutzen konnten, da schlief Harry bereits. Er merkte nichts mehr von der Heimreise und auch nicht, wie Remus ihn umzog und ins Bett brachte. Auch Severus legte sich bald hin, nahm aber vorher noch seine Tränke und aß eine Kleinigkeit, denn sonst würde Remus keine Ruhe geben und Poppy ihm was erzählen. Anschließend genoss er es, in Remus' Armen einschlafen zu können.

Der Sonntag wurde sehr ruhig, Harry schlief bis weit in den Vormittag hinein und auch Severus wachte nur auf, um ins Bad zu gehen, etwas zu trinken und seine Tränke zu nehmen, dann schmiegte er sich wieder an Remus und war schnell noch einmal eingeschlafen. Nach einem späten Frühstück gingen sie an den Strand und schlenderten entspannt ein Stück, beobachteten die Schiffe am Horizont. Harry und Remus liefen barfuß, vor allem der Fünfjährige lief gerne dort, wo die Wellen immer wieder über seine Füße rollten. Severus käme nie auf die Idee, mit nackten Füßen herumzulaufen, aber das verlangten sie auch nicht von ihm. Remus kicherte nur immer wieder, wenn er stehen blieb und den Sand aus seinen Schuhen entleerte. Ein Zauber würde es auch tun, aber manche Dinge zauberte Severus aus Prinzip nicht.

Langsam spürte man auch, dass Harry sicherer wurde. Gerade hier, wo er sich auskannte, ließ er schon mal die Hände seiner Väter los und rannte ein paar Meter voraus. Er sammelte Muscheln und Schnecken, fand sogar eine Qualle, die sie wieder ins Wasser zauberten, als niemand in der Nähe war. In Lucys Haus wartete eine verzauberte Kiste auf ihn, wo er all die gesammelten Dinge aufbewahrte. Gestern im Zoo hatte er einige Federn gefunden, die waren auch darin, genau wie bunte Steine oder auch mal ein besonders geformtes Blatt. Zum Mittagessen gingen sie zurück zu Lucy, die neugierig war, wie es ihnen im Zoo gefallen hatte.

„Harry kann Schlange sprechen!“, berichtete Harry mit leuchtenden Augen. „Und Harry hat Fanten sehen und Löwe und Tiger und Papageier und Affen. Und Esel streichelt.“

„Da hast du ja eine Menge erlebt, Harry!“, staunte Lucy. „Also hattest du einen schönen Tag.“

Harry nickte und ließ sich dann von Remus ins Bett bringen, der Mittagsschlaf musste einfach immer noch sein.

„Ja, den hatten wir. Danke Lucy.“, schmunzelte Severus. „Auch wenn Harry zwischendurch kurz Panik hatte und weg lief, weil er dachte, wir wollten ihn nicht mehr, weil er mit Schlangen sprechen kann. Wir haben ihn dann im Elefantenhaus wiedergefunden, wo er sich unter einer Wurzel versteckt hatte.“

„Oje, ist es noch nicht besser?“, fragte Lucy mitfühlend.

„Doch, es ist schon viel besser, er fällt nur noch selten in solche Angst-Reaktionen, aber es wird sicher so schnell nicht vorbei sein.“, antwortete Severus ruhig. „Hier fühlt er sich sicher, in Hogwarts auch. Spinners End kennt er zu wenig, aber auch dort geht er langsam aus sich heraus. Ganz schlimm ist es dann, wenn er in unbekannten Situationen festsitzt und an Dinge in seiner Vergangenheit erinnert wird. Er wird noch lange brauchen, bis er wirklich glaubt, dass er sicher ist, nicht geschlagen oder bestraft wird wegen Kleinigkeiten und auch, dass wir ihn nicht weggeben.“

„Bereust du, ihn adoptiert zu haben?“, hakte Lucy nach.

„Nein.“, schüttelte der Tränkemeister den Kopf. „Das habe ich nie getan. Ich bereue nur, dass ich Remus nicht schon viel eher unterstützt habe. Er wollte gleich nach einem halben Jahr zu Albus und ihn überreden, dass er Harry zu sich holen darf. Damals fühlte ich mich von dem Gedanken überfordert und ich hatte Angst, Remus zu verlieren, wenn er sich um Harry kümmert und keine Zeit mehr für mich hat. Ich war ein selbstsüchtiger Idiot und meinetwegen hat Harry so lange leiden müssen.“ Severus vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Lucy sah ihn nachdenklich an. „Was bedeutet der Kleine für dich?“, wollte sie wissen.

Langsam sah Severus auf. „Harry? Zuerst habe ich ihn als Ebenbild seines Vaters gesehen. James war mein persönlicher Alptraum in Hogwarts, er hat mich auserkoren. Als Mobbing-Opfer, würde man heute sagen. Aber seine Augen hat er von seiner Mutter. Mit Lily war ich schon vor Hogwarts befreundet, sie war die Einzige, die zu mir hielt. Immer. Bis ich meine Wut und meinen Frust einmal zu oft an ihr ausließ. Wir hatten danach nie wieder das gleiche enge Verhältnis als zuvor, auch wenn wir uns kurz vor ihrem Tod wieder näher kamen. Ihr Tod hat mich aus der Bahn geworfen. Ich habe angefangen, zu trinken. Nein, eigentlich habe ich schon eher angefangen, schon als ich mich mit ihr zerstritten habe, aber da war es noch nicht so schlimm. Nach ihrem Tod bin ich auf den Nordturm und habe mich so betrunken wie noch nie, aber es half nicht. Die Schmerzen waren so schlimm, ich wollte sie ertränken. Remus kam auch nach oben, einige Stunden später, er wollte springen. Irgendwie haben wir es nach unten geschafft. Einige Zeit habe ich dann nur getrunken, war nicht einmal in der Lage, mich zu waschen oder frische Sachen anzuziehen. Remus hat mich da rausgeholt, ohne ihn wäre ich nicht hier. Harry erinnert mich inzwischen an seine Mutter, ich habe ihr geschworen, auf ihn zu achten und nun habe ich so lange gewartet, weil ich Remus nicht verlieren wollte. Es tut mir leid, Lily! Es tut mir so leid!“ Am Ende vergrub er sein Gesicht wieder in den Händen. Seine Schultern bebten leise, aber kein Laut kam über seine Lippen.

Remus, der im Türrahmen stehen geblieben war, weil er ihn nicht unterbrechen wollte, trat zu ihm und zog ihn in die Arme. „Du kümmerst dich jetzt und Lily versteht sicher, warum es nicht eher ging.“, beruhigte er leise. „Du bist ihm ein wundervoller Vater, du bringst ihm das Lachen wieder bei. Lily wäre stolz auf dich.“

„Sie wäre sauer, weil ich getrunken habe.“, kam es dumpf von Severus.

„Vielleicht. Aber sie hätte dir dennoch vergeben.“, war sich Remus sicher. „Vor allem, wenn sie sieht, wie sehr du dich jetzt um ihn kümmerst. Du hast einen Fehler gemacht, das mag sein, aber dafür musst du nicht mehr büßen. Sev, hör auf, dich zu quälen. Eine Zeit lang warst du nicht du selbst, aber dafür musst du nun nicht auf dein Glück verzichten. Du bist es sehr wohl wert, geliebt zu werden und du hast es verdient, glücklich zu sein. Harry hat eine schwere Zeit hinter sich, aber du hast ihm schon sehr weit geholfen und er wird diese Zeit immer weiter hinter sich lassen. Dabei werden wir ihm helfen, und auch unser Krümelchen wird ihm helfen. Du gibst ihm täglich das, wonach er sich am meisten sehnt, eine Familie. Dazu Halt und eine helfende Hand. Nimmst ihn so, wie er ist. Das macht ihn glücklich. Und wenn Harry glücklich ist, dann sind es auch Lily und James.“

Severus hatte sich bei diesen Worten eng an seinen Partner geklammert und schien Hoffnung daraus zu schöpfen. „Danke, Remus. Ich bin froh, dass du da bist.“, murmelte er gegen die Schulter des Werwolfes.

„Ich liebe dich, Severus, und kann mir ein Leben ohne dich und Harry nicht mehr vorstellen. So schön es hier ist, ich will baldmöglichst wieder zu dir. Tut mir leid, Lucy, du bist wirklich eine tolle Frau, aber …“

„Schon gut!“, unterbrach ihn Lucy glucksend. „Mit Harry und Severus kann ich natürlich nicht mithalten. Ihr gehört zusammen und es tut mir manchmal sogar weh, wenn ich dich sehe, nachdem Severus abgereist ist. Ich werde das Haus hier wahrscheinlich verkaufen und zu meiner Nichte nach Spanien ziehen. Alleine will ich nicht mehr sein, und da meine Nichte nun in einem Landhaus lebt und mir angeboten hat, ich kann einen Teil davon haben, werde ich wahrscheinlich hier weggehen. Vielleicht behalte ich das Haus auch und ihr könnt dann hier Urlaub machen, wenn ihr Lust habt. Das Geld brauche ich eigentlich nicht, mein Mann hat mir mehr als genug Gold hinterlassen. Ihr seid eine sehr angenehme Gesellschaft und ich muss sagen, ich habe es nicht einen Tag bereut, Albus zugesagt zu haben, euch aufzunehmen. Auch wenn er mich gewarnt hat vor den Launen von Severus. Wo er aber mal wieder sehr übertrieben hat.“

„Sev hat sich verändert, seit Harry bei uns ist.“, erklärte Remus und sah seinen Mann an. „Du bist viel ruhiger und geduldiger geworden. Umgänglicher würden wohl viele sagen.“

„Daddy!“, hörten sie in dem Moment einen Schrei aus dem Kinderzimmer.

Severus und Remus sprangen auf und rannten zu Harry, der tränenüberströmt und zitternd in seinem Bett saß. Beide nahmen ihn in den Arm und er klammerte sich an seinen Vätern fest. „Was ist passiert, Harry?“, fragte Severus ruhig.

„Harry träumt, dass Daddys weg.“, schluchzte der Kleine.

„Wir sind da, mein Kleiner. Hab keine Angst.“, versprach Severus.

„Wir lassen dich nicht alleine, Welpe. Du bist sicher.“, schloss sich Remus an.

„Daddy Sev da bleiben?“, sah Harry hoffnungsvoll auf.

„Tut mir leid, ich muss zurück nach Hogwarts, die Schüler unterrichten.“, drückte Severus ihn an sich. „Wir werden dich bald zu Poppy bringen, und wenn die sagt, dass deine Lunge wieder in Ordnung ist, dann kommt ihr beide zu mir ins Schloss. Auch wenn es sonst keiner macht, aber wir Lehrer haben das Recht, unsere Familie bei uns zu haben.“

„Bald bei Daddy wohnen?“, freute sich Harry. „In großer Schule mit viel Kindern?“

„Ja. Ich werde mit Albus reden, dass das auch sicher klappt. Ansonsten suche ich mir eine andere Anstellung, sobald das Baby da ist.“, entschied Severus hart. „Ich will euch auch bei mir haben. Aber heute muss ich gehen, Harry. Wir können noch ein bisschen spielen und nach dem Abendessen muss ich dann weg.“

Sie suchten Karten heraus und spielten Uno mit Harry. Das war ein Spiel, das er sofort begriffen hatte und es schien ihm Spaß zu machen, vor allem, wenn er den Erwachsenen Karten hinlegte, dass sie weitere Karten ziehen oder aussetzen mussten. So wurde es doch noch ein fröhlicher Nachmittag. Erst am Abend, als sie fertig gegessen hatten, begann Harry wieder zu weinen. Er wollte nicht, dass Severus nach Hogwarts ging. Es zerriss Severus beinahe das Herz, von dem er ein Jahr zuvor abgestritten hätte, dass er eines hatte. Immer wieder zog er den Jungen an sich und hielt ihn fest, versprach ihm, mit Albus und Poppy zu reden, dass sie bald zu ihm kommen konnten.

Irgendwann riss er sich fast gewaltsam los und ging zum Kamin, verließ das Haus ohne einen Blick zurück, denn das konnte er nicht mehr. Er fühlte sich fürchterlich, weil das Weinen von Harry das Letzte war, was er hörte. Das musste ein Ende haben. Vielleicht lag es an seiner Schwangerschaft und den Hormonen, aber er konnte es nicht ausstehen, wenn Harry weinte. Er wollte ihn lachen hören, ihn glücklich sehen. Um sich abzulenken, ging er zu Albus. „Guten Abend, Severus. Wie war euer Wochenende?“, wurde er begrüßt.

„Deswegen bin ich hier, Albus.“, kam Severus sofort auf den Punkt. „Sobald Poppy ihr okay gibt, möchte ich, dass Remus und Harry hier bei mir einziehen können. Harry hat immer noch panische Angst, verlassen zu werden und er weint jedes Mal schlimmer, wenn ich gehen muss. Ich will keinen Rückfall, dass er wieder nicht spricht oder ähnliches.“

„Ich bin nicht sicher, ob Hogwarts die richtige Umgebung für so ein kleines Kind ist.“, grübelte der Schulleiter.

„Das weiß ich auch nicht, aber er soll keine Angst mehr haben, dass ich verschwinde und nicht mehr komme.“, unterbrach ihn der Tränkemeister. „Ich habe das Recht, die Beiden herzuholen und will es einfordern. Gerade wenn das Baby im Sommer auf die Welt kommt, werde ich es nicht alleine schaffen. Dann hast du die Möglichkeit, meine Familie hier willkommen zu heißen oder dir einen neuen Tränkelehrer suchen zu müssen.“

„Nun gut, wenn ihr es für richtig haltet, an mir soll es nicht scheitern.“, ruderte Albus zurück. „Dann werdet ihr deine Wohnung ein wenig vergrößern wollen, schätze ich? Eines der Nachbarklassenzimmer kann man sicher anfügen.“

„Danke, Albus.“, neigte Severus seinen Kopf ein wenig. „Wie weit sind deine Pläne zwecks des Bechers? Und was ist mit Nagini? Hast du schon Hinweise?“

„Ich bin die Gesetze und Gepflogenheiten der Kobolde durchgegangen, damit ich vielleicht eine Lösung finde.“, seufzte der Schulleiter. „Es ist nicht einfach, aber ich denke, wenn wir es schaffen, die Kobolde zu überzeugen, dass wir nichts stehlen wollen sondern nur den Horkrux in dem Becher vernichten, würden wir zumindest nicht gegen die grundlegenden Prinzipien verstoßen. Wenn die Kobolde uns helfen, müssten sie den Becher nur für eine Weile aus dem Verlies nehmen und wir tropfen dann das Basiliskengift darauf, sollten wir es schaffen, welches aufzutreiben. Dadurch wird dem Becher normalerweise nichts passieren, aber der Horkrux wäre vernichtet. Dann kann das Eigentum von Bellatrix Lestrange zurück in ihr Verlies und es ist – laut den Prinzipien der Bank – kein Schaden entstanden. Allerdings müssten wir dafür erst einmal Basiliskengift auftreiben und zwar genug für alle Horkruxe. Was die Schlange betrifft, weiß ich leider auch nicht mehr als zuvor.“

„Ich werde mit Lucius Kontakt aufnehmen, vielleicht finde ich etwas heraus.“, entschied der Schwarzhaarige.

„Aber sei vorsichtig, du weißt nicht, auf welcher Seite er steht.“, warnte Albus.

„Das ist mir durchaus bewusst.“, gab Severus kalt zurück. „Aber ich bin der Pate von Draco, das macht es zumindest nicht auffällig, wenn ich ins Manor gehe.“ Severus verabschiedete sich von seinem Verbündeten im Kampf gegen Voldemort und ging in seine Räume. Von dort aus nahm er Kontakt zu Lucius auf und sie verabredeten, dass Severus am Mittwoch, wenn er nachmittags etwas eher Schluss hatte, zu ihnen kommen würde und zum Abendessen bleiben sollte. Den Rest des Abends verbrachte er an seinem Schreibtisch, wo er die Aufsätze korrigierte, die sich erneut stapelten.

 

Schneller als erhofft kam der Mittwoch. Nach den Stunden am Nachmittag zog Severus sich um und entschied, eine Illusion über sich zu legen. Lucius und Narzissa kannten ihn zu gut, ihnen würde der kleine Bauchansatz sicher auffallen, auch wenn er eine Robe trug. Er packte noch ein paar Zutaten ein, die Draco für sein Kinder-Tränke-Set gebrauchen konnte, dann ging er durch das Feuer. Während er im Zutatenschrank gesucht hatte, war ihm aufgefallen, dass die Sortierung nicht optimal war, das musste er in den nächsten Tagen ändern. Doch jetzt zählte sein Patenkind. Der wartete schon auf ihn. „Guten Tag, Onkel Sev.“, begrüßte er ihn, eine Miniaturausgabe seines Vaters.

„Guten Tag, Draco. Ich habe dir etwas mitgebracht.“, übernahm Severus den Ton des Jungen. „Trankzutaten für dein Tränke-Set. Damit kannst du einen Trank brauen, der deine weißen Rosen bunt färbt.“

„Danke, Onkel Sev!“, strahlte der knapp Sechsjährige nun. „Vater hat mir erzählt, dass du einen Jungen adoptiert hast, der nur ein wenig jünger ist als ich. Bringst du ihn mal mit?“

„Hat dein Vater dir auch erzählt, dass Harry sehr viel Angst hat? Er ist bei seiner Tante und seinem Onkel gewesen und die haben ihn geschlagen, ihn in die kalte Badewanne gezwungen, er musste putzen und kochen, die Wäsche richten und wurde nicht einmal bei seinem Namen gerufen. Er bekam fast nichts zu essen und niemand hat ihm je gesagt, dass er ihn mag.“, erzählte Severus. „Darum hat er nun Angst, dass wieder etwas passiert, vor allem, wenn er an ihm unbekannten Orten ist. Deshalb bin ich mit ihm an Weihnachten nicht gekommen. Er muss erst sicher sein, dass ich ihn nicht wieder weggeben werde.“

„Aber du kannst ihn doch nicht weggeben, wenn du ihn adoptiert hast!“, empörte sich Draco. „Das ist doch dumm von dem Jungen, das nicht zu wissen.“

„Draco, du hast das alles gelernt.“, mahnte Severus. „Harry hingegen wurde beigebracht, dass Kinder, die anders sind, magische Kinder, Freaks sind, nichts wert, dass alle sie schlagen müssen, damit die Magie verschwindet. Harry weiß es nicht besser. Er lernt es langsam.“

„Dann war er bei dummen Muggeln?“, staunte Draco. „Aber Vater sagt, es ist der berühmte Harry Potter, warum war der bei den Muggeln? Er ist doch ein Zauberer, oder?“

„Ja, er ist ein Zauberer, auch wenn er bisher noch nicht bewusst zaubert, dafür hat er zu viel Angst. Seine Mutter hat einen alten, vergessenen Zauber angewandt und der schützt ihn vor bösen Zauberern. Und weil seine Tante die Schwester seiner Mutter ist, funktioniert der Schutz dort auch. Leider aber nicht bei seiner eigenen Familie. Remus, mein Mann, war sein inoffizieller Pate, er hat ihn zu sich genommen. Zu uns.“, versuchte Severus seinem Patensohn die Umstände zu erklären.

„Onkel Sev? Darf ich Harry mal treffen und ihm zeigen, wie zaubern geht?“, erkundigte sich der blonde Junge.

„Ich denke schon. Aber erst, wenn er wieder ganz gesund ist. Im Moment ist er noch auf Kur, weil er hier in England nicht richtig atmen kann.“, antwortete Severus. „Deswegen war ich auch so lange nicht hier bei dir. Harry hat mich dringender gebraucht.“

„Das ist in Ordnung, Onkel Sev, wenn du mich nur nicht vergisst.“, gab sich Draco großzügig.

„Welch weise Worte, mein Sohn!“, lobte ihn Lucius, der die Unterhaltung im Türrahmen stehend verfolgt hatte. „Severus, mein Freund, willkommen.“

„Vielen Dank, Lucius.“, gab Severus zurück und sie schüttelten sich die Hände.

„Narzissa lässt sich entschuldigen, sie kommt später. Ein wichtiger Termin ist ihr dazwischen gekommen.“, informierte Lucius seinen Freund.

„Vater, darf ich Onkel Sev meine neuesten Zauber zeigen?“, bettelte Draco.

„In Ordnung.“, erlaubte Lucius nach einem Moment. „Ich erwarte euch in zwei Stunden zum Abendessen im kleinen Salon.“

Ehe er es sich versah, wurde Severus von seinem Patensohn zu dessen Zimmer gezogen. Dort holte Draco seinen Kinderzauberstab heraus und ließ sofort bunte Blasen erscheinen, die er in der Luft dirigierte, bis sie eine Pyramide gebaut hatten. Anschließend ließ er sie wieder verschwinden und zauberte es dunkel und wieder hell. Sogar einen Schwellzauber auf seinen Stift schaffte er, sodass sein Bleistift nun mindestens dreimal so groß wie vorher war. Kichernd nahm Draco den Stift und malte damit auf einem Blatt Papier herum. „Für dich, Onkel Sev!“, reichte er ihm schließlich das Papier.

Überrascht nahm es der Tränkemeister, er hätte hier Pergament und Feder erwartet, aber nicht Papier und Bleistift. Doch als er das Ergebnis der Anstrengung sah, wurde ihm klar, dass Federn noch nicht das Richtige für Draco waren, er war dafür offenbar nicht koordiniert genug. Seine Zeichnung erinnerte eher an das, was Severus von Kindern erwartete, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was Harry produzierte. Dafür sprach Draco deutlich besser. Als er sich das Bild genauer ansah, glaubte er, Draco darauf zu erkennen. Jedenfalls stand neben der gemalten Figur der Name ‚Draco‘ in kindlichen Buchstaben. „Du hast mir ein Bild von dir gemalt?“, riet Severus. „Ich danke dir!“

Sie spielten noch eine Weile und bauten gemeinsam ein Puzzle, dann war es Zeit zum Abendessen, zu dem auch Narzissa da war. Beim Essen unterhielten sie sich dann über Dracos Ausbildung, über seine neuesten Fortschritte und darüber, dass er nun auch Französisch lernte, damit er irgendwann dann den Platz seines Vaters übernehmen konnte. Nach dem Essen ging Narzissa mit Draco aus dem Salon, er sollte baden und durfte sich danach von seinem Paten verabschieden, der in der Zwischenzeit noch ein wenig mit Lucius plauderte. Dabei kam er dann wie zufällig auch auf den Lord zu sprechen. „Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, ob ER wiederkommt?“, fragte er leise. „Es klang jedenfalls in seinen Reden immer so, als würde er eines Tages zurückkommen, sollte er sterben oder vernichtet werden.“

„Darüber weiß ich auch nicht mehr als du.“, antwortete Lucius vorsichtig. „Es gibt allerdings die Behauptung, dass die Schlange zurückkommt, sobald ER wieder da ist und ihn als wahren Herrn bestätigt.“

„Wo ist sie eigentlich?“, erkundigte sich Severus beiläufig. „Hatte er sie nicht bei sich?“

„Soweit ich weiß, war sie bei ihm, das stimmt.“, nickte Lucius. „Aber warum willst du das wissen?“

„Du hattest sie erwähnt, daher dachte ich, du weißt etwas.“, zuckte Severus betont gleichgültig die Schultern.

„Was ist eigentlich mit dem Objekt, das ich dir gegeben hatte?“, wollte Lucius plötzlich wissen.

„In Hogwarts gut verschlossen, keine Sorge.“, versicherte Severus.

„Gut. Der Lord würde uns beide umbringen, wenn es beschädigt werden sollte. Also pass gut auf!“, zischte der Blonde.

„Werde ich.“, versprach der Tränkemeister, unterbrach sich aber, als die Türe aufging und Draco im Schlafanzug hereinkam.

„Gute Nacht Onkel Sev, gute Nacht Vater.“, wünschte er höflich.

„Gute Nacht, Draco.“, lächelte Severus und umarmte seinen Patensohn kurz. Der verschwand mit seiner Mutter gleich wieder.

„Ich werde mich nun auch verabschieden.“, entschied Severus. „Ich muss noch einige Arbeiten korrigieren und einen Test vorbereiten. Außerdem mein Labor aufräumen, damit ich sicherstellen kann, dass alles da ist, was ich brauche. Gute Nacht, Lucius.“

„Nun gut, es ist ein wenig schade, dass du schon gehst, ich hätte gerne noch eine Partie Schach mit dir gespielt.“, erwiderte Lucius.

„Ein andermal gerne, Lucius. Ich habe Harry versprochen, am Wochenende zu ihm zu kommen, das kann ich nur, wenn ich meine Arbeit bis Freitag erledigt habe.“, erklärte der Tränkemeister.

„Bring ihn mal mit.“, forderte Lucius ihn auf. „Aber wenn du gehen musst, dann musst du gehen. Gute Nacht.“

Severus wartete gerade noch so lange, dass er sich auch von Narzissa verabschieden konnte, dann reiste er durch den Kamin zurück in seine Wohnung, wo Poppy ihn bereits erwartete, da sie ihn untersuchen wollte. „Alles in Ordnung und so, wie es aussieht, hast du gerade so die richtige Dosis von dem Trank abbekommen, dein Körper scheint sich zu verändern, das bedeutet, dass dein Kind wahrscheinlich auf natürlichem Weg geboren werden kann. Aber deine Blutwerte gefallen mir nicht besonders, nimm bitte morgens und abends die doppelte Menge der Tränke ein.“, war das Resümee der Heilerin.

„Danke Poppy. Ich habe den Trank analysiert und er ist so aufgebaut, dass er auch für Männer geeignet ist, allerdings weiß ich nicht, welche Menge ich aufgenommen habe.“, erklärte Severus.

„Nun, wie gesagt, es sieht gut aus. Allerdings kann ich es erst gegen Ende der Schwangerschaft endgültig sagen, ob eine natürliche Geburt möglich ist. Ansonsten machen wir einen Kaiserschnitt.“, informierte Poppy und verabschiedete sich.

Kaum, dass die Heilerin draußen war, saß Severus wieder am Schreibtisch und korrigierte weiter.

In den nächsten Tagen achtete Severus penibel darauf, die Tränke in der richtigen Dosierung zu nehmen, doch so wirklich besser wurden die Blutwerte auch dadurch nicht. Am liebsten hätte Poppy darauf bestanden, dass Severus sich eine Weile vom Unterricht fernhielt und ausruhte, doch das war nicht wirklich möglich. Einen Ersatz für Severus gab es nicht, sollte er ausfallen, mussten andere Lehrer seine Stunden unter sich aufteilen, und keiner verstand so viel von Zaubertränken wie er als Tränkemeister. Daher unterrichtete Severus weiter und ließ sich nichts anmerken. Auch wenn es ihm zunehmend schwerer fiel, da er immer wieder mit Schwindel zu tun hatte. Waren es wirklich nur die schlechten Blutwerte? Oder hatte die Abwesenheit seiner Familie genauso damit zu tun? Bisher war er kein Familienmensch gewesen, aber nun wollte er nicht mehr alleine sein. Es irritierte Severus, er kannte sich nicht wieder. Sobald er an Harry dachte, schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht, auch wenn er selbst es meist nicht bemerkte. Was er aber bemerkte, war dieses Glücksgefühl, das ihn durchströmte, wenn er die Bilder von Harry ansah, oder wenn ein neuer Brief eintraf. Und gleichzeitig die Leere in seinen Räumen, die ihm noch nie so deutlich bewusst geworden war. Nein, er wollte nicht mehr alleine sein. Mit Remus hatte es begonnen, aber auch, wenn sie einander sehr nahe gekommen waren, sich wirklich liebten, so war da doch nicht dieses Bedürfnis nach ständiger Nähe gewesen. Jetzt wollte er Remus und Harry bei sich haben, sie nicht nur am Wochenende kurz sehen. Er hoffte, dass er sie bald zu sich holen konnte. Deshalb hatte er bereits angefangen, die erweiterten Räumlichkeiten zu planen und herzurichten.

Am Freitag ging er wieder zu Harry und Remus, wobei diesmal auch die Heilerin mitkam, denn sie wollte sehen, wie es Harry gesundheitlich ging. Doch zunächst begrüßte Harry seinen Daddy sehr schwungvoll. Beinahe hätte er ihn umgeworfen, da Severus ihn erst im letzten Moment bemerkte. Es machte Remus und Severus unheimlich glücklich, ihn so ausgelassen zu erleben, da es für sie bedeutete, dass der Junge langsam sicher genug dafür wurde. Sie hofften, dass er es wirklich schaffte, seine Vergangenheit jetzt schon hinter sich zu lassen, auch wenn sie sicher waren, dass es immer wieder Rückschläge geben würde. Doch sicherlich würden die nach und nach weniger werden, wenn Harry sicherer und selbstbewusster wurde. Sie hatten in vergleichsweise kurzer Zeit schon sehr viel erreicht, was sie hoffen ließ, dass Harry irgendwann ein ganz normales Kind sein konnte. Vielleicht schon in ein paar Monaten oder einem Jahr. Dann konnte er mit Gleichaltrigen lernen, um gut auf Hogwarts vorbereitet zu sein. Sie wollten auf keinen Fall, dass er ohne Kontakt zu anderen Kindern aufwuchs, er sollte lernen, sich zu integrieren, ohne sich gleich vollkommen unterzuordnen. Aber bis dahin würde es wohl noch eine Weile dauern.

„Harry?“, holte sich Severus die Aufmerksamkeit seines Sohnes. „Poppy will dich untersuchen, ob du wieder nach England kannst.“

„Zu dir, Daddy?“, fragte Harry mit großen Augen.

„Ja, zu mir.“, schmunzelte Severus. „Ich habe bereits mit Albus geredet, meine Wohnung wird vergrößert, damit ihr beide bei mir einziehen könnt. Aber dafür musst du ganz gesund sein, Harry. Wir wollen nicht, dass du wieder so schlimm krank wirst wie letzten Herbst.“ Er schauderte, diese Erfahrung hatte er nie machen wollen. Selbst jetzt, wo er seinen Kleinen, oder wohl eher seinen Großen, gesund im Arm hielt, überkam ihn Panik, wenn er an diese Zeit dachte, als Harry um sein Leben kämpfte.

Der Fünfjährige schmiegte sich an den Tränkemeister und sah unsicher zur Heilerin, doch letztendlich nickte er. Poppy zog ihren Zauberstab und sprach verschiedene Diagnosezauber auf Harry, ignorierte dabei die fragenden Blicke von Severus und Remus. Lucy lehnte im Türrahmen und sah zu. Sie hatte sich an ihre Gäste gewöhnt und fühlte sich wohl mit ihnen. Und doch sah sie, wie sehr der Kleine an den beiden Vätern hing. Wie sehr sie einander brauchten, um wirklich glücklich zu sein. Sie war auch hier, wenn der Tränkemeister gegangen war, sah die Tränen, die Harry weinte und Remus sich gerade so verdrückte. Daher wünschte sie ihnen, dass Harry fit genug sein würde, um nach England zu gehen und dass sie als Familie zusammenleben könnten.

„Es geht ihm deutlich besser als beim letzten Mal, als ich ihn gesehen habe.“, verkündete Poppy nach etwa zehn Minuten angespanntem Schweigen. „Allerdings fürchte ich, er kann trotzdem noch nicht zurück nach England, der Temperaturunterschied ist gerade einfach zu groß und er liefe Gefahr, krank zu werden. Eine erneute Lungenentzündung würde er wohl nicht mehr einfach so wegstecken. Wartet bis Ende März, Anfang April, dann sollte es problemlos klappen und er kann sich bis zum nächsten Winter langsam akklimatisieren.“

Enttäuschte Gesichter blickten sie an. Selbst Harry wirkte traurig, obwohl er sicher nur die Hälfte verstanden hatte. Remus sah aus, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen, und selbst Severus konnte man die Enttäuschung mehr als deutlich ansehen, auch wenn er versuchte, sich gleichgültig zu geben. Doch seine Maske schien durchlässiger zu werden, oder aber er fühlte sich hier so wohl, dass er sich nicht komplett versteckte. Poppy schmunzelte, wer hätte geglaubt, dass der kalt und abweisend wirkende Tränkemeister so ein Familienmensch war? „Tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für euch habe.“, entschuldigte sie sich dann doch noch. „Dank euch hat sich Harry gut gemacht, das hätte ich im Sommer nie geglaubt. Er wird keine Folgeschäden zurückbehalten, seine Lungen funktionieren einwandfrei, und auch die Augen sind so gut, als hätte es diese Kopfverletzung nie gegeben. Seine Knochenstruktur ist noch ein wenig instabiler als bei Gleichaltrigen, aber wenn er seine Tränke weiter so zuverlässig nimmt, dann wird er das auch noch aufholen. Nur die Größe wird er wohl nie ganz einholen, er wird immer kleiner als andere in seinem Alter sein.“

„Nicht Daddy gehen?“, fragte Harry weinerlich. Seine Augen waren zwischen den Gesichtern seiner Väter hin und her gehuscht und er erkannte, dass es wohl nicht die gute Nachricht war, auf die sie alle gehofft hatten. Die Worte der Medihexe hatte er nur zum Teil verstanden, aber das schien klar zu sein. Dennoch musste er sich vergewissern.

„Poppy meint, du solltest noch bis Ende März, Anfang April hier bleiben, bis es auch bei mir wärmer ist. Im Moment ist es bei mir sehr viel kälter als hier, da ist der Unterschied einfach zu groß und du könntest schnell wieder krank werden. Das wollen wir auf keinen Fall. Weißt du, dein Körper kann sich nicht so schnell umgewöhnen. Es ist so kalt wie an Silvester, da hast du ziemlich gefroren, obwohl wir viel geheizt haben. Und wenn du dann nach draußen gehst, muss dein Körper sehr viel arbeiten, um dich warm zu halten, das schafft er nicht, weil du es nicht gewohnt bist. Erst im Frühling ist es langsam wärmer bei mir, dann kannst du dich umgewöhnen.“, erklärte Severus geduldig und nahm seinen Sohn in den Arm. „Das bedeutet, es sind noch etwa sieben oder acht Wochen, dann darfst du mit Daddy Remus zu mir kommen. Bis dahin habe ich dann noch ein wenig umgebaut, damit wir genug Platz haben. Meine Wohnung ist bisher ein bisschen zu klein, da ist es viel zu eng. Du sollst ein eigenes Zimmer haben, und wir brauchen Platz, damit du spielen, essen und lernen kannst.“

Harry schluchzte eine Weile, aber sie ließen sich nicht erweichen. Die Gesundheit ihres Sohnes ging vor. Leider konnte Severus nicht einfach bei ihnen bleiben, denn erstens waren zu viele magische Reisen nicht besonders gut für Schwangere und zweitens musste er als Hauslehrer ansprechbar sein, sollte etwas mit seinen Schülern sein. Nur selten kam es tatsächlich vor, dass nachts jemand zu ihm kam, aber wenn, dann sollte er sofort da sein. Das konnte er nicht ständig auf Albus abwälzen, auch wenn dieser gerade am Wochenende gerne einsprang, damit Severus hierher kommen konnte. Severus war ihm mehr als dankbar, diese Wochenenden gaben ihm so viel, er wollte auf keinen Fall darauf verzichten. Poppy verabschiedete sich bald, ließ die Familie mit Lucy alleine. Harry nahm Severus in Beschlag, wollte genau wissen, was sich an seiner Wohnung verändern würde. Der Tränkemeister hielt ihn fest und erzählte alles, was er selbst wusste, auch wenn das nicht besonders viel war. Nur langsam beruhigte sich Harry wieder.

Um Harry abzulenken, machten sie am Samstag einen Ausflug mit einem Glasbodenboot, damit der Kleine die Unterwasserwelt rund um die Insel sehen konnte. Und es funktionierte, Harry war vollkommen fasziniert und plapperte fröhlich vor sich hin. Auch für die beiden Männer war es faszinierend, die Vielfalt des Lebens unter Wasser zu beobachten. So bunt und lebendig hätte es niemand erwartet. Sogar Korallen konnten sie sehen. Severus holte eine Kamera aus seiner Tasche, die er besorgt hatte, weil er nun, mit Harry, ihr Leben dokumentieren wollte. Die ersten Bilder, die im Zoo entstanden waren, lagen bereits in seiner Wohnung. Noch hatte er es nicht geschafft, sie in ein Album zu kleben, aber das wollte er noch machen. Dann konnte Harry sie immer wieder ansehen. Am Abend schlief Harry noch vor der Gute-Nacht-Geschichte ein, kam aber erst gegen Morgen zu seinen Vätern ins Bett. Trotz der gefühlt schlechten Nachrichten blieb er relativ ruhig. Selbst der Sonntag verlief ruhig und entspannt, erst als Severus am Nachmittag wieder aufbrach, begann Harry erneut zu weinen.

„Ich muss ins Labor, Harry.“, schob der Tränkemeister ihn schließlich von sich. „Du brauchst neue Tränke, musst sie noch eine Weile nehmen, und ich auch, für das Baby. Damit wir beide, das Baby und ich, gesund sind.“ Das wirkte dann doch, auch Harry wollte, dass das Baby gesund war. Es schien, als liebte er seinen Bruder oder seine Schwester jetzt schon. Bisher hatte Poppy es ihm nicht sagen können, wenn überhaupt, wollte Severus es auch nur wissen, wenn Remus und Harry dabei waren. Zum Abschied streichelte Harry noch einmal über Severus' Bauch, dann umarmte er seinen Daddy noch einmal fest. Severus küsste ihn auf die Stirn und murmelte einen Abschiedsgruß.

Zurück in Hogwarts ging er wirklich direkt in sein Labor und setzte die benötigten Tränke auf. Es fiel ihm selbst immer schwerer, zurück nach Hogwarts zu gehen. Daher erhoffte er sich Ablenkung durch die notwendige Arbeit im Labor. Während er arbeitete und die Zutaten vorbereitete, stieß ihm erneut sein Zutatenschrank sauer auf. Auch wenn er vor kurzem Charlie Weasley aufräumen hatte lassen, herrschte schon wieder eine gewaltige Unordnung, sodass er nicht einmal sehen konnte, welche Dinge er erneuern musste. Also braute er die Tränke fertig, füllte sie ab, und machte sich anschließend daran, die Zutaten wieder ordentlich zu sortieren. Eine langweilige, aber sehr notwendige Arbeit, um die Übersicht zu behalten. Nichts war schlimmer, als beim Brauen eine notwendige Zutat nicht zu haben, weil einem die Übersicht fehlte. Nach einer Weile, als es langsam wieder übersichtlich sortiert war, fiel ihm die Phiole mit Lobulaggift auf, die er von Black – Sirius – bekommen hatte. Irgendetwas daran irritierte ihn. Er nahm sie heraus und hielt sie gegen das Licht, doch es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Vorsichtig öffnete er sie und roch kurz daran, bevor er sie beinahe fallen ließ. Mit zitternden Fingern verschloss er sie erneut, dann stürmte er aus der Tür und die Treppen nach oben, ignorierte dabei die neugierigen Blicke der Schüler, die noch auf den Gängen waren. Erst in Dumbledores Büro blieb er schwer atmend stehen.

„Severus, mein Junge. Was ist los, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen?“, fragte Albus überrascht. Der Anblick seines Tränkemeisters verwirrte ihn, so aufgelöst und aufgeregt hatte er ihn noch nie erlebt. Severus hielt ihm nur wortlos die Phiole hin, er hatte nicht genug Luft zum Sprechen übrig, so schnell war er hier herauf geeilt. Der Weißhaarige nahm sie und drehte sie planlos in der Hand hin und her. „Lobulaggift“ las er vom Etikett.

„Eben nicht.“, keuchte der Tränkemeister. Ob vor Anstrengung oder Überraschung war nicht genau erkennbar. „Das sieht auf den ersten Blick so aus, aber siehst du, wie es sich verhält, wenn du es schwenkst? Es ist nicht so flüssig, wie es sein sollte. Und im Licht schimmert es nicht dunkelgrau, sondern es ist schwarz, tiefschwarz. Ich habe daran gerochen, es ist definitiv kein Lobulaggift. Das hier ist Basiliskengift.“

Zischend atmete Albus ein. „Bist du sicher?“

„Absolut.“, bestätigte der Schwarzhaarige und nickte gleichzeitig. Er war noch immer überrascht, aber sichtlich erleichtert.

„Dann können wir die Horkruxe vernichten?“, freute sich der Direktor. „Und ich kann mit dem Direktor von Gringotts reden.“

„Im Prinzip schon. Aber dennoch müssen wir erst einmal überlegen, nicht überstürzt handeln. Hast du eine Ahnung, wie wir an die Schlange kommen sollen?“, schränkte Severus ein.

„Bisher leider nicht.“, gestand Albus.

„Dann schlage ich vor, dass wir noch ein wenig warten.“, bremste der Tränkemeister. „Hier sind die Horkruxe sicher, außer uns weiß keiner, dass du sie hast. Nimm Kontakt auf mit den Kobolden, aber lass uns sehen, ob wir die Schlange irgendwie finden. Das Tagebuch sagte, sie würde den Lord finden, wenn er wiederkommt. Das meinte auch Lucius. Das bedeutet, sie muss eine gewisse Verbindung spüren. Vielleicht können wir das für uns nutzen? Was ist, wenn wir die Horkruxe nahe zusammen bringen? Würde die Macht, die sie ausstrahlen, genügen, um die Schlange anzulocken?“

„Hmm. Da bin ich mir nicht sicher, aber wir sollten es versuchen. Wir müssen nur darauf achten, dass wir uns gegen die dunkle Macht wappnen, damit sie uns nicht in den Bann ziehen kann.“, überlegte der Ältere. „Allerdings sollten wir das zu einer Zeit machen, wenn keine Schüler im Schloss sind, damit sie nicht in Gefahr geraten.“

„Du hast Recht.“, stimmte der Schwarzhaarige zu. Auch wenn er nicht alle Schüler mochte, in Gefahr wollte er sie dennoch nicht bringen. Außerdem war da noch seine eigene Schwangerschaft. Dieses Kind durfte nicht in Gefahr gebracht werden, auf keinen Fall! „Machen wir es in den Sommerferien, wenn mein Baby auch da ist. Remus kann dann mit den Kindern nach Spinners End, damit sie nicht in Gefahr sind. Ihnen darf nichts passieren.“

„Gut, dann machen wir es so.“, entschied Albus. Er wirkte deutlich erleichtert und man sah die neue Hoffnung. „Ich rede mit den Kobolden, du siehst zu, dass es dir gut geht. Wann kommen Harry und Remus?“

„Ende März oder Anfang April, meinte Poppy. Dann ist es hier warm genug, dass Harry nicht gleich wieder Gefahr läuft, krank zu werden, wenn er nach draußen geht. Im Moment ist der Temperaturunterschied einfach zu hoch.“, informierte Severus. „Und ich will ihn nicht einsperren, das war er viel zu lange.“

„Und das werde ich mir wohl nie vergeben.“, seufzte Albus, der sich schuldig fühlte. Immer noch. „Ich war so naiv, hätte nie geglaubt, dass Lilys Schwester ihren Neffen nicht lieben könnte. Ich hätte einen Weg finden müssen, nach ihm zu sehen.“

„Nicht, Albus.“, stoppte ihn der Tränkemeister. Er hatte seinem Vorgesetzten inzwischen vergeben, er hatte Harry schützen wollen. Auch wenn er dabei einen Fehler begangen hatte, so war es doch nicht absichtlich oder bösartig gewesen. „Es nützt Harry nichts, wenn wir uns fertigmachen. Er braucht uns jetzt und wir können sehen, dass wir seine Zukunft besser gestalten, damit er seine Vergangenheit hinter sich lassen kann.“

„Weise Worte, mein Junge.“, staunte der Schulleiter.

„Nicht meine. Remus. Auch ich mache mir Vorwürfe. Ich habe Lily versprochen, auf ihren Jungen zu achten.“, gab Severus ungewohnt ehrlich zu.

„Wir alle machen Fehler, das mag stimmen, aber ich hätte damals auf Minerva hören sollen. Sie hat mich gewarnt, hat diese Muggel den ganzen Tag beobachtet, bevor ich Harry zu ihnen bringen konnte.“, erzählte der Weißhaarige. „Ich habe damals Hagrid geschickt, den Jungen aus dem Haus zu holen, als ich sie gefunden habe. Ja, ich war da, ich habe Voldemorts Angriff gespürt. Es war so mächtige Magie, dass es nur dort sein konnte. Die Magie war deutlich spürbar, da ich immer so auf Riddle geachtet habe. Sie hat mir den Weg gewiesen. James und Lily waren tot, und Harry, er war nur leicht verletzt. Ich wollte ihn mitnehmen, doch mir war klar, dass irgendwo draußen ein Verräter herumlief. Meines Wissens nach war Sirius der Geheimniswahrer und Harry vertraute ihm, also habe ich den Zaubergamot und die magische Strafverfolgung eingeschaltet, damit sie sich um Sirius kümmern, das war mein zweiter großer Fehler. Ich hätte ihn selbst verfolgen sollen, vielleicht wäre es dann nicht so sehr eskaliert. Deshalb habe ich Hagrid geschickt und ihm eingebläut, dass er sich Harry von niemandem wegnehmen lassen darf. Ich habe ihn am nächsten Abend erst zu den Dursleys gebracht. Minerva hat so etwas offenbar geahnt und den ganzen Tag im Ligusterweg verbracht, die Muggel beobachtet. Sie hat mich gewarnt, dass sie extrem muggelig sind und der Sohn völlig verzogen wird. Ich habe wirklich geglaubt, dass sie ihn lieben werden. Wie kann man seinen eigenen Neffen hassen?“

Das war das erste Mal, dass Severus mitbekam, wie Albus über diese eine Nacht, diese Entscheidung sprach, die so viel in seinem Leben verändert hatte. Die sein Leben heute noch stark beeinflusste. Auch seine Erinnerungen gingen wieder zurück und er spürte, wie er zu zittern begann. Schnell ließ er seine Hände in der Robe verschwinden und verabschiedete sich. Nachdenklich sah der Ältere ihm nach, wie er fluchtartig das Büro verließ. Albus Dumbledore spürte, dass Severus noch lange nicht alle seine Dämonen hinter sich gelassen hatte. Er erinnerte sich, wie damals, nach den Weihnachtsferien im Frühjahr 1982 Remus in seinem Büro aufgetaucht war.

Flashback:

„Hallo Remus. Wie geht es dir?“, fragte Albus seinen Besucher.

„Es geht, aber Severus, er braucht Hilfe.“, gestand der Werwolf müde und völlig erschöpft. Albus konnte sehen, dass er schon länger nicht mehr gut geschlafen hatte, außerdem war er unrasiert und ungekämmt. Offenbar nahm ihn etwas sehr mit. Noch immer der Tod seines besten Freundes? Aber er meinte ja, es ginge um Severus. Was war da wohl los? Doch er musste wohl warten, bis der junge Mann ihm mehr erzählte. „Ich will ihm helfen, aber ganz alleine schaffe ich es nicht.“

„Was ist los? Er lässt niemanden mehr an sich heran, seit Lily gestorben ist.“, berichtete Albus. Nicht, dass er es nicht versucht hätte, aber Severus ignorierte seine Anfragen komplett, meldete sich nicht.

„Er ist vollkommen am Ende. Schon vor ihrem gewaltsamen Tod ging es ihm nicht gut, er hat nach ihrem Streit angefangen zu trinken und inzwischen ist er vollkommen dem Alkohol verfallen. Er kommt da nicht mehr alleine raus, obwohl er es jetzt auch will.“, erklärte Remus. Erschöpft wischte er sich über die Augen, strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„Was genau hat sich verändert? Er will jetzt aufhören?“, hakte der Direktor nach.

„Wir haben uns getroffen. Auf dem Nordturm. In der Nacht, als Sirius verhaftet worden war. Severus war schon seit Lilys Tod oben und hat sich betrunken, er wollte vergessen. Ich weiß bis heute nicht, warum er nicht schon gesprungen ist. Als ich von dir erfahren habe, dass nicht nur James und Lily tot sind, sondern auch, dass Sirius sie verraten hat, ging ich auch hinauf. Ich wollte springen, aber irgendwie konnte ich es nicht, als auch Severus dort war. Wir sind irgendwann in seine Wohnung und blieben dort für eine ganze Weile, er hat es einfach akzeptiert, dass ich auf seinem Sofa geschlafen habe. Wo sollte ich hin? Sirius war ein Verräter, Peter war tot, genau wie James und Lily. Ich war ganz alleine, wusste nicht mehr, wohin. Severus hat fast nur getrunken, er saß stundenlang da und starrte in die Flammen im Kamin, hielt sich an seiner Flasche fest. Ich denke, es war seine Art zu trauern, vielleicht auch, seine Schuldgefühle zu ertränken. Keine Regung war in seinem Gesicht zu sehen, er war starr. Irgendwann bin ich zusammengebrochen, ich konnte nicht mehr. Obwohl er eigentlich vollkommen betrunken gewesen sein müsste, hat er mich aufgefangen und wir haben geredet. Über James, Lily, Sirius, Peter. Über uns und alles, was da zwischen uns war. Er hat mich in den Arm genommen, als ich ihn darum gebeten habe, mich zu halten. Auch, wenn er keine Ahnung hatte, was er genau da macht. Vielleicht war es der Alkohol, dass er so offen reagiert hat, aber ich bin froh darüber. Wir sind inzwischen zusammen. Jetzt will er auch aufhören mit dem Trinken, aber er schafft es fast nicht. Ich will ihm helfen, ihn da rausholen. Aus der Sucht. Aber ich schaffe es nicht alleine. Er ist seit zwei Wochen ohne Alkohol, der Entzug ist heftig, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, ich muss immer da sein, komme nicht zum Schlafen, und morgen ist Vollmond.“ Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in den Händen.

„Remus, ich werde kommen und helfen. Wo seid ihr?“, wollte Albus wissen.

„In Spinners End. Ich wusste nicht, wohin mit ihm, aber das Haus tut ihm nicht besonders gut. Gerade schläft er, ich habe ihm Traumlos-Trank gegeben, der wirkt noch vielleicht eine Stunde.“, wisperte Remus durch die Finger. Der junge Mann schien völlig am Ende seiner Kraft zu sein, er zitterte und schwankte. Hatte er es wirklich geschafft, zwei Wochen Entzug mit einem Alkoholiker alleine durchzustehen? Albus zollte ihm Respekt, das schafften die Wenigsten. Aber er wusste auch, dass Severus sicher nicht wollte, dass jemand ihn in diesem Zustand sah, der Schwäche ausstrahlte.

„Wie schlimm ist es?“, erkundigte sich Albus.

„Ich denke, die schlimmste Zeit hat er hinter sich.“, antwortete Remus müde. „Er kämpft immer noch gegen den Drang an und zittert fast dauerhaft, aber kein Delirium mehr, und die Aggressionen sind auch weg. Er ist fast wieder er selbst. Allerdings will ich ihn nicht alleine lassen. Wenn er anfängt mit Selbstvorwürfen, dann schafft er es möglicherweise nicht, dem Drang zu widerstehen. Auch wenn im Haus kein Alkohol mehr ist, er weiß, wohin er gehen muss, und noch einen Entzug schaffen wir beide nicht.“

Albus ging mit ihm und als Severus wieder wach wurde, konnte er sehen, wie peinlich es dem jungen Tränkemeister war, dass er ihn in diesem Zustand sah: zitternd, unrasiert, extrem abgenommen, blass mit Augenringen, die das Gesicht noch schmaler und ungesünder wirken ließen. Die Nacht wurde unruhig, Albus blieb an Severus' Seite, der wirklich hart kämpfte. Immer wieder hatte er ihn einfach in den Arm genommen und leise mit ihm gesprochen, wenn der Jüngere nicht mehr konnte. Das war das einzige Mal gewesen, dass sich Severus tatsächlich bei ihm festgehalten hatte. In jener Nacht war Albus sein Halt gewesen. Seither waren sie sich näher gekommen und er sah eine Art Sohn in dem Schwarzhaarigen. Ohne ein Wort der Anklage oder des Vorwurfs hatte er ihn nach drei weiteren Wochen zurück in Hogwarts willkommen geheißen, wo er den Unterricht abhielt, als wäre nie etwas gewesen.

Flashback Ende

Albus riss sich aus seinen Gedanken. Er musste sich dringend etwas für den Tränkemeister einfallen lassen, denn ihm ging es nicht besonders gut. Das war mehr als deutlich erkennbar, auch wenn die Schüler und die meisten Lehrer es nicht erkennen würden. Aber er selbst kannte den jungen Mann deutlich besser. Nie hätte er geglaubt, dass gerade Severus Snape sich in den Sohn seines Erzfeindes James Potter verlieben könnte. Der strenge und abweisende Kerkermeister war vernarrt in seinen Adoptivsohn und vermisste ihn sichtlich. Remus auch, das war dem Schulleiter klar, aber sobald der Name Harry fiel, huschte ein Schatten über das Gesicht von Severus. Ja, die Beiden mussten hierher, zu ihm. Sie waren eine Familie, das mussten sie nun auch nach außen hin sein können. Der Kleine bedeutete seinem Vater so viel, und jetzt war noch weiterer Nachwuchs unterwegs, der zwar nicht geplant war, aber scheinbar bereits geliebt wurde. Dann war der Tränkemeister endlich nicht mehr alleine. Sicher gab es in Zukunft dann auch weniger Beschwerden von Schülern, weil der Kerkermeister ihnen angeblich ungerechtfertigt Punkte abzog. Nun, grundlos war es sicher nie, aber übertrieben hart war er schon. Das wusste auch Albus, aber es war schwer, ihn zu ändern. Die notwendige Strenge hatte sich in Härte verwandelt. Vielleicht auch unbewusst, um niemanden nah genug an sich heran zu lassen, dass niemand Verdacht schöpfte. Er wollte seine Schwangerschaft und seine Familie schützen. Das war auch sein gutes Recht. Der Schulleiter seufzte, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen weiteren Brief an den Direktor von Gringotts, in dem er um einen persönlichen Termin bat, damit er mit ihm über den Becher sprechen konnte.

Achteinhalb Wochen später war es endlich so weit: Remus und Harry zogen in Hogwarts ein. Severus war in diesen Wochen mehrmals im Krankenflügel gewesen, weil er zusammengeklappt war, einmal sogar im Unterricht. Der Schwindel wollte einfach nicht weniger werden, egal, was er tat. Poppy fand keine Ursache dafür, sie vermutete, dass es psychische Gründe hätte. Die Trennung von Remus und Harry machte ihm zu schaffen, auch wenn er versuchte, es zu verbergen. Es war ihm peinlich, dass seine Kollegen und sogar die Schüler das mitbekamen. Der Kollaps im Unterricht war zum Glück in einer Theorie-Stunde passiert. Die Drittklässler, Ravenclaw und Hufflepuff, hatten ruhig und besonnen reagiert. Zwei von ihnen waren in den Krankenflügel gerannt und hatten Poppy alarmiert, zwei weitere hatten ihn auf die Seite gelegt. Muggelgeborene Schüler, die bereits ein wenig Erste Hilfe gelernt hatten. So war er schnell in medizinischer Behandlung, was gut war, denn auf dem kalten Boden in den Kerkern hätte er sich möglicherweise noch verkühlt. Auch die anderen Zusammenbrüche waren glücklicherweise im Beisein seiner Kollegen passiert, sodass er immer schnell Hilfe gehabt hatte. Poppy wollte ihn am liebsten im Krankenflügel behalten, aber das wollte Severus auf keinen Fall.

Bei jedem Zusammenbruch waren Harry und Remus gekommen, bis es ihm wieder besser ging. Auch wenn Severus das nie zugeben würde, er hatte sich gefreut, wenn er nicht alleine sein musste. Die Einsamkeit machte ihm zu schaffen, sodass er in den letzten Wochen häufiger im Lehrerzimmer und beim Essen in der großen Halle anzutreffen war. Es war nicht die Gesellschaft, nach der er sich sehnte, aber es lenkte ihn ab, obwohl er sich selten an den Gesprächen um ihn herum beteiligte. Noch immer wussten nur die wenigen Menschen über seine Schwangerschaft, die es seit seinem Geburtstag wussten. Doch seit zwei Wochen wurde das immer weniger, da er sich immer erschöpfter fühlte und sich meist früh schlafen legte. Den Geburtstag von Remus hatten sie bei Lucy gefeiert, nur Harry, Severus, Remus und Lucy. Mehr schaffte der Tränkemeister gerade nicht. Albus hatte ihm einen Teil der Arbeiten abgenommen, damit er mehr Ruhe hatte, doch es half einfach nicht.

Remus hatte in diesen Wochen intensiv mit Harry gelernt, um ihn abzulenken, denn auch er vermisste seinen Daddy sehr. Der Kleine konnte nun fast flüssig lesen und sprach deutlich besser als zuvor, fast so gut wie Draco auch. Den Blonden hatte Severus häufiger besucht, aber sich über seine Schwangerschaft ausgeschwiegen. Sein Verhältnis zu Draco war enger als zuvor, wenn auch deutlich kühler als das zu Harry. Sein Patenkind war einfach anders erzogen, fühlte sich zu alt für Umarmungen oder ähnliche Zuneigungsbekundungen. Sogar mit Sirius hatte er sich getroffen, als der Black-Erbe ihn darum gebeten hatte. Sie waren in London gewesen, hatten sich zum Kaffeetrinken getroffen und ausgesprochen. Eine Freundschaft war noch nicht entstanden, aber sie waren auf einem guten Weg, ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Remus war glücklich, das zu hören, denn auch seine Freundschaft mit dem Animagus war wieder enger geworden. Sirius war einige Male in São Jorge gewesen und baute langsam auch eine Beziehung zu seinem Patenkind auf. Remus und Severus beobachteten es intensiv und hatten entschieden, die Patenschaft bei Sirius zu belassen, denn es schien, als vertraute ihr Kleiner dem Animagus weiterhin. Dennoch war der Kleine vorsichtig und zurückhaltend Sirius gegenüber, blieb nicht alleine mit ihm. Aber er sprach mit Sirius und freute sich, wenn dieser zu ihm kam.

Diesen Donnerstag konnte Severus das Ende des Unterrichtes kaum abwarten. Er wollte endlich seine Familie bei sich haben. Severus vergaß sogar, der fünften Klasse, die er in der letzten Stunde hatte, Hausaufgaben aufzugeben. Die hielten sich still und verschwanden schnell und leise. Der Tränkemeister huschte durch sein Büro und betrat die Wohnung voller stiller Freude. Seine beiden Männer müssten schon hier sein, sie wollten vormittags alles packen und nach dem Mittagessen abreisen. Und richtig, fröhliches Kinderlachen schallte aus dem Zimmer, sobald er die Verbindungstür öffnete. Der Fünfjährige flog auf seinem Besen durch das inzwischen deutlich vergrößerte Wohnzimmer. Der Tränkemeister musste sich mit einem beherzten Sprung zur Seite aus der Flugbahn seines Sohnes bringen und fing ihn auf, als er plötzlich anhielt und sich auf ihn stürzen wollte.

„Daddy!“, freute sich Harry. „Du bist endlich da!“

„Hallo mein Kleiner!“, schmunzelte Severus. „Wie geht's dir?“

„Gut. Kann ich jetzt hier bleiben?“, antwortete der Kleine.

„Ja, ihr Beide bleibt jetzt hier bei mir.“, bestätigte Severus mit einem warmen Lächeln und drückte Harry kurz an sich. „Wir wohnen hier gemeinsam. Du hast bestimmt schon gesehen, dass ich ein wenig mehr Platz als früher habe. Jetzt hast du ein richtiges Kinderzimmer, nicht so ein kleines Loch wie vorher. Und viel heller als früher, wir haben nun richtige Fenster, sogar eine Tür nach draußen. Die Küche ist groß genug, dass wir selbst kochen und darin essen können, und auch im Wohnzimmer haben wir mehr Platz. Nur das Schlafzimmer und das Bad sind gleich geblieben. Wobei im Schlafzimmerschrank nun auch Platz für die Sachen von Daddy Remus ist. Gefällt es dir hier?“

„Ja, Daddy. Es ist toll!“, lachte der Schwarzhaarige fröhlich.

„Es ist wirklich schön geworden!“, bestätigte Remus, der bisher die Begrüßung schmunzelnd beobachtet hatte. Nichts erinnerte mehr an den verängstigten Harry, den er aus dem Ligusterweg geholt hatte. „Und du hast sogar Fenster und einen Zugang zum Schlossgelände. Ich glaube, hier fühlen wir alle uns wohl.“

„Albus hat dafür gesorgt, dass wir Licht haben.“, berichtete Severus. „Er meinte, damit wäre die Wohnung viel besser für ein Kind. Er hat das Schloss darum gebeten, und nur wir können durch diese Tür gehen, damit ist dafür gesorgt, dass wir keinen ungebetenen Besuch bekommen.“

Remus ging auf seinen Mann zu und zog ihn an sich, küsste ihn lange und intensiv. „Ich habe dich vermisst.“, gestand er leise.

„Ich dich auch.“, musste Severus zugeben und schmiegte sich an den Dunkelblonden. Seit er schwanger war, war er viel anhänglicher geworden, genoss körperliche Nähe sehr. Harry tobte inzwischen wieder durch die Räume und erkundete alle Ecken. Das Kinderzimmer hatte eine Tür, die es direkt mit dem Schlafzimmer verband, damit er nachts schnell bei seinen Daddys sein konnte, wenn er schlecht träumte. Die andere Tür führte in den Flur. Von dort aus konnte man alle Räume der Wohnung betreten, das Wohnzimmer, die Küche, das Bad und das Schlafzimmer. Nur der Zugang zum Büro des Tränkemeisters war vom Wohnzimmer aus zu erreichen, und von dort aus kam man entweder in das Klassenzimmer oder in das Labor. Im Wohnzimmer dominierte eine schwarze Sofalandschaft den Raum, daneben ein Glastisch, auf dem Schokolade für Remus und ein paar Kekse für Harry standen. Die Wände waren mit Regalen zugestellt, in denen Severus seine Bücher hatte. Einige Fächer enthielten Boxen, in denen er seine Habseligkeiten aufbewahrte. Einige Boxen und Regalfächer waren leer, dort konnten die Bücher und Kleinigkeiten von Harry und Remus unterkommen. Der Boden war aus Holz, mit einem Zauber aufgewärmt, sodass auch Harry barfuß oder in Strümpfen herumlaufen konnte, denn das hatte er sich wohl bei Lucy angewöhnt. Im Kamin flackerte ein Feuer, das ein warmes Licht gab und von draußen schien die Sonne herein. Das Fenster war ziemlich groß ausgefallen mit einer breiten Fensterbank, die hatte Severus mit Polstern versorgt, sodass man dort sitzen und lesen konnte.

Der Holzboden war auch in der Küche und im Flur. Die Wände des Flures waren von Bildern verziert, entweder Fotos in Bilderrahmen oder aber die Zeichnungen von Harry, die Severus beim Umräumen aus dem Schlafzimmer geholt hatte. Hier kamen sie deutlich besser zur Geltung, wenn sie Besuch hatten. Auch, wenn er es wohl nicht laut sagte, Severus war stolz auf die künstlerischen Fähigkeiten seines Sohnes. In der Küche standen ein Holztisch und dazu passend fünf Stühle und ein Hochstuhl. Die Möbel waren hell, dafür aber die Arbeitsplatten aus einem dunklen Granitstein. Remus konnte sofort sehen, dass Severus hier für ihn eingerichtet hatte, denn der Werwolf liebte es, für sie zu kochen. Die Küche war sein Reich und er fühlte sich sofort wohl darin. Anschließend führte Severus sie ins Kinderzimmer. „Harry, du kannst dir noch überlegen, welche Farben oder auch Bilder du an den Wänden und der Decke haben willst. Auch die Farbe des Teppichs kannst du dir aussuchen.“, erklärte der Tränkemeister. „Wenn das Baby auf der Welt ist, wird es erst einmal bei uns schlafen, aber es kann sein, dass wir weiterhin nur ein Kinderzimmer haben, das weiß ich nicht, dann müsstest du das Zimmer mit dem Baby teilen. Bis dahin sollst du dir es aber so gemütlich machen, wie du magst. Sag mir einfach, was du haben willst. Du kannst dich bis morgen Abend immer noch umentscheiden, aber dann bleibt es so, einverstanden?“

„Wirklich?“, staunte Harry.

„Ja. Mit Zauberei ist das alles möglich, aber wir werden nicht jeden Tag umdekorieren, also überlege es dir genau.“, erwiderte Severus.

„Ich werde das morgen mit dir machen, während Daddy Sev im Unterricht ist.“, versprach Remus. „Und dann kannst du es ihm zeigen, wenn er kommt, einverstanden?“

Harry nickte und sah schon ziemlich überlegend aus. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, was er wie haben wollte. Er war wirklich viel offener und hatte keine Angst mehr, so lange keine ihm unbekannten Menschen in der Nähe waren. Demnächst allerdings hatte sich Lucius mit Narzissa und Draco angekündigt, das würde sicher wieder eine Menge Aufregung werden. Aber Severus stimmte Lucius zu, dass Harry nicht ohne Kontakt mit Gleichaltrigen aufwachsen sollte. Remus wollte auch zu den Weasleys gehen mit ihm, immerhin schuldete er Percy noch ein neues Haustier, und er hatte ihm einen Besuch im Tierladen der Winkelgasse versprochen. Den er allerdings bisher aufschieben hatte müssen, da es Harry einfach nicht gut genug ging. Das würden sie demnächst wohl nachholen.

Sie ließen Harry auf seinem Schaukelstuhl sitzen und gingen nach nebenan ins Schlafzimmer. „Ich habe es etwas heller gestaltet, weil ich weiß, du magst es nicht so dunkel.“, gestand Severus, als er die Tür öffnete.

Remus warf einen Blick in den Raum und war sprachlos. Früher hatten hier schwarze Möbel, dunkelgrüne Wände mit silbernen Ornamenten und schwarze Bettwäsche ein dunkles und kühles Ambiente verbreitet, jetzt waren die Möbel aus einem walnussbraunen Holz und die Wände in hellen Gelbtönen gehalten. Die silbernen Ornamente waren geblieben, aber sie wirkten nun edel. Das Bett war mit einer dunkelgrünen Bettwäsche bezogen, dafür aber hatte Severus einen weißen Betthimmel darüber gezaubert. Der Teppich war cremeweiß und ganz weich, sodass es kein Problem war, barfuß zu laufen, was der Werwolf am liebsten machte. Auf den beiden Nachtschränkchen, die rechts und links vom Kopfende des Bettes standen, lagen Bücher. Das wunderte Remus überhaupt nicht, er wusste, der Tränkemeister las unheimlich gerne im Bett. Außerdem war auf Severus' Seite die Phiole mit seinem Trank, den er aufgrund der Schwangerschaft immer morgens und abends nehmen musste, daneben eine Kanne Wasser. „Das ist wunderschön geworden!“, strahlte Remus. „Danke. Ich liebe dich!“

Wieder küssten sie sich und konnten es kaum fassen, dass sie endlich beieinander bleiben konnten. Erst, als Harry an ihren Armen zupfte, sahen sie auf. „Du hast Hunger, Harry.“, ahnte der Tränkemeister. „Komm, gehen wir in die Küche und lassen uns einige Sandwiches bringen.“

„Ich muss mal.“, zappelte Harry herum, als Severus ihn hoch nahm.

„Dann komm.“, entschied der Tränkemeister, setzte ihn wieder ab und ging mit ihm ins Bad. Hier war alles schwarz-weiß gehalten. Die Fliesen waren schachbrettartig gemustert, die Dusche ebenerdig und in eine Nische gebaut, in der mehrere Düsen einen Wasserfall oder feinen Nebel schaffen konnten. Daneben eine schwarze Badewanne – ganz wollte der Tränkemeister nicht auf sein geliebtes Schwarz verzichten – und eine Toilette, die Harry nun ansteuerte. Auch hier hatte Severus für einen geeigneten Sitz gesorgt, und einen Hocker für Harrys Füße daneben gestellt. Der Kleine ging selbständig und wusch sich danach die Hände in dem kleinen Waschbecken, das in kindgerechter Höhe angebracht war und auf dem eine Schaumseife stand. Ein flauschiges und buntes Handtuch wartete nur darauf, dass er seine Hände abtrocknen wollte.

Nach dem Abendessen und einem kurzen Bad setzte sich Severus mit Harry auf das Fensterbrett im Wohnzimmer und las ihm eine Geschichte aus einem Muggelmärchenbuch vor. Der Kleine schlief bald ein. Remus hob ihn vorsichtig hoch und trug ihn ins Kinderzimmer, wo er ein Nachtlicht brennen ließ, damit Harry nicht völlig orientierungslos wurde in der Nacht, sollte er aufwachen. Außerdem gab er ihm seinen Kuschelwolf in die Hand. Zärtlich strich er seinem Kleinen über die Wange und deckte ihn sorgfältig zu. Zurück im Wohnzimmer fand er Severus, der noch immer auf dem Fensterbrett saß. Remus setzte sich zu ihm und zog ihn in die Arme. „Was hast du?“, wollte er schließlich wissen, denn er spürte, dass Severus bedrückt war.

„Ich …“ Severus konnte es nicht sagen. Seine Gefühle fuhren Achterbahn. Er freute sich so sehr, dass sie bei ihm waren, aber auf der anderen Seite war er unsicher, weil er solch ein Familienleben nicht kannte. Was, wenn er einen Fehler machte? Die Anspannung in ihm steigerte sich immer weiter.

„Es ist gut, Sev. Wir sind hier. Entspann dich.“, murmelte Remus in sein Ohr. „Du denkst an früher, an ein Glas Wein und ein gutes Buch dazu, nicht wahr?“

„Wird es jemals aufhören?“, wisperte der Schwarzhaarige.

Remus konnte das Zittern fühlen. „Ich weiß es nicht. Ich bin da.“, versicherte er leise.

Severus ließ sich fallen und lehnte sich an seinen Mann. Manchmal fragte er sich, was er dem Dunkelblonden bieten konnte, dass dieser nie gegangen war, aber er war froh darüber. Wie oft hatte er im Entzug Dinge gesagt, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, die aber Remus mit Sicherheit verletzt hatten? Und doch war er geblieben und hatte ihn nie alleine gelassen. Immer hatte er sich verlassen können auf den Werwolf. Vielleicht hatte ihn auch die Hoffnung gerettet. Die Hoffnung darauf, dem Werwolf zu einem leichteren Leben zu verhelfen. Statt zu trinken hatte er sich schließlich in die Forschung gestürzt und es geschafft, Wolfsbann zu entwickeln, damit Remus nicht mehr so leiden musste bei seiner Verwandlung, und auch, damit er die Kontrolle behielt. Darin waren sie einander erstaunlich ähnlich – sie wollten die Kontrolle behalten.

„Was hältst du davon, wenn wir uns in die Wanne legen?“, hauchte Remus nach einem längeren Schweigen. „Und dann früh ins Bett gehen?“ Severus' Antwort bestand darin, aufzustehen und Remus' Hand zu nehmen. Gemeinsam gingen sie ins Bad.

 

Die Nacht wurde unruhig, aber das hatten sie erwartet. Gegen kurz nach Mitternacht wachten sie auf, weil sie Harry weinen hörten. Der Kleine war aufgewacht und kannte sich nun nicht mehr aus. Also ging Remus zu ihm und redete eine Weile leise mit dem Fünfjährigen, der sich aber nicht beruhigen konnte. Schließlich kamen Remus, Harry und der Kuschelwolf, den Harry irgendwann Kana genannt hatte, zu Severus ins Bett. Der legte im Halbschlaf seine Arme um Harry und murmelte ihm beruhigende Worte zu, bevor sie wieder einschliefen, Harry in der Mitte zwischen seinen Daddys. Danach wurde es ruhig, alle schliefen friedlich.

Am Morgen schälte sich Severus vorsichtig aus dem Bett, weil er die Beiden nicht aufwecken wollte, aber er musste unterrichten. Das Frühstück nahm er weiterhin in der großen Halle ein, auch wenn er sicher war, dass es sich unter den Schülern schnell herum sprach, dass sein Mann und sein Sohn im Schloss lebten. Da Harry nun auch nach draußen konnte, würden sie schon bald gesehen werden. Nun, das würde die Gerüchte um sein Verhältnis mit Poppy, die noch immer im Umlauf waren, obwohl alle Schüler wussten, dass er verheiratet war, sicher zum Verstummen bringen.

„Guten Morgen!“, grüßte er gut gelaunt seine Kollegen und den Schulleiter. So gesprächig war er schon lange nicht mehr gewesen, und das fiel sofort auf am Lehrertisch.

„Guten Morgen, Severus!“, gab Filius Flitwick überrascht zurück. „So gute Laune heute?“

„Remus und Harry wohnen seit gestern im Schloss.“, verriet Severus leise.

„Na dann kann ich verstehen, dass du so gute Laune hast!“, lächelte Minerva. „Und sonst geht es dir auch gut?“

Er wusste, dass sie ihn auf die Schwangerschaft ansprach, es aber nicht verraten wollte. „Ja, alles in Ordnung.“, antwortete er daher schlicht.

Während Severus unterrichtete, tobte sich Harry mit Remus im Kinderzimmer aus. Die Wände wechselten die Farbe im Minutentakt. Bei der Decke war Harry schnell sicher, was er wollte. Einen richtigen Sternenhimmel. Also hatte Remus die Decke dunkelblau, fast schwarz gezaubert und verschiedene Sternbilder darauf verteilt, die in der Nacht leuchteten. Außerdem hatte er dann nachts ein wenig Licht, sodass er nicht in absoluter Dunkelheit schlafen musste, was ihn schnell in Panik versetzte. So ganz war die lange Zeit im Schrank bei seinen Verwandten noch nicht vergessen. Das Fenster hatte Harry sich so wie im Wohnzimmer gewünscht, daher hatte er nun auch Sitzkissen auf der Fensterbank, auf denen er sich einkuscheln konnte und die Schüler draußen beobachten, die gerade ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ hatten. Völlig fasziniert hatte Harry eine Weile sogar die Wände vergessen. Remus nutzte die Gelegenheit und drückte seinem Kleinen einen Snack in die Hand, den er aus der Hand essen konnte, während er den Unterricht draußen beobachtete.

Aus einer Laune heraus zauberte Remus in den nächsten knapp zwei Stunden auf eine Wand einen Wald mit vielen verschiedenen magischen Geschöpfen. Dort lief ein Einhorn herum und ein Phönix flog zwischen den Bäumen hin und her. Hippogreife und Niffler, Runespoor und Bowtruckles, Billywigs und Fwuupers, Diricawls und sogar ein Occamy tummelten sich auf der Wand. Als Harry sich endlich von der Unterrichtsstunde draußen losreißen konnte, starrte er fasziniert die Wand an. „Gefällt sie dir, oder soll ich sie anders zaubern?“, fragte Remus schließlich.

„Die ist toll, Daddy!“, strahlte der Kleine.

„Gut, dann lassen wir sie.“, freute sich Remus. „Dann gehen wir jetzt essen und danach machen wir die anderen Wände.“

„Okay, Daddy.“, stimmte Harry zu, der tatsächlich Hunger hatte.

Neugierig kam Severus am Nachmittag nach dem Unterricht zu ihnen. Gerade war Harry noch dabei, zu entscheiden, ob die Wand hinter dem Schrank blau oder grün werden sollte. Der Schrank selbst blieb einfach in dem Holz, aber Remus hatte einen Spiegel auf die Türen gezaubert, sodass Harry sich immer sehen konnte. Der Bettbezug hatte fliegende Besen und Schnatze darauf, der Boden war genau wie im Schlafzimmer und die Wand am Fenster war dort, wo kein Regal und kein Schreibtisch stand, hellblau mit goldenen Mustern. Die dritte Wand im Raum war hellgrün mit silber. Das hatte Harry gefallen, denn eine Wand mit Bewegung reichte, wie Remus entschieden hatte. Als Harry seinen Daddy entdeckte, sprang er vom Bett, auf dem er gesessen hatte, und rannte zu ihm. „Daddy! Du bist wieder da!“, freute er sich. „Daddy Remus hat leuchtende Sterne an die Decke gezaubert!“

„Dann hast du immer Licht in der Nacht!“, lächelte Severus. „Und es sieht wunderschön aus. Gefällt es dir, so wie es ist?“

„Ja, so soll es bleiben.“, bestimmte Harry ernst.

„Sehr gut! Dann können wir jetzt ein bisschen nach draußen gehen.“, entschied Severus. „Ich könnte ein bisschen frische Luft gebrauchen. Und ich sehe, du magst magische Wesen?“ Der Tränkemeister deutete auf die Wand mit dem Wald. Harry nickte mit leuchtenden Augen. „Dann sollten wir mal sehen, ob Hagrid zu Hause ist, er kann dir sicher das eine oder andere Wesen vorstellen.“, beschloss der Schwarzhaarige. „Zieh dich an, dann gehen wir.“ So schnell konnte keiner schauen, war Harry fertig angezogen und wartete an der Glastür im Wohnzimmer.

Schnell rannte Harry in den Flur, wo sie die Jacken und Schuhe hatten. Brav setzte er sogar seine Mütze auf, als Remus sie ihm hinhielt. Es war zwar nicht mehr ganz so kalt, aber so warm wie auf den Azoren war es noch lange nicht, und sie wollten verhindern, dass Harry wieder krank wurde. Lang genug hatte es gedauert, bis er endlich gesund war. Sein Immunsystem war noch nicht so stark, dass es die vielen, verschiedenen Keime, die hier in Hogwarts herum schwirrten, einfach so abwehren konnte. Vor allem, wenn der Körper gleichzeitig noch die Wärme erhalten musste. Komplett angezogen stand Harry nun erst einmal eine Weile in der offenen Tür. Ihm war durchaus bewusst, dass er nun zum ersten Mal nach draußen ging, wenn auch die Schüler Freizeit hatten. Zwischen seinen Daddys in Sicherheit, wagte sich der Kleine dann auch nach draußen. Einige Schüler waren ebenfalls im Freien, saßen lernend oder lesend am großen See oder liefen einfach herum. Sobald sie das Trio sahen, begannen sie zu starren. Je mehr Blicke auf sie gerichtet waren, desto unsicherer wurde Harry. Er klammerte sich ängstlich an seine Daddys.

Severus warf mit eisigen Blicken um sich und einige Schüler hatten den Anstand, rot zu werden und sich abzuwenden, doch die meisten von ihnen waren offenbar starr. „Was gibt es hier zu starren?“, knurrte der Tränkemeister ein paar besonders neugierige Schüler aus Gryffindor an. „Sie machen meinem Sohn Angst. Wer in dreißig Sekunden immer noch hier ist, dem ziehe ich dreißig Hauspunkte ab, und sie werden Strafarbeiten bei Mister Filch machen.“

Schnell verschwanden die Kinder, und Harry wagte sich wieder hinter Remus' Bein hervor, wo er in Deckung gegangen war, als es ihm zu viel wurde. Sie gingen weiter und die Blicke wurden zwar nicht weniger, aber sie hielten wenigstens größeren Abstand, sodass Harry nicht ganz so viel Angst hatte. Remus genoss es, Harry viele der Plätze zu zeigen, an denen er früher mit dessen Vater gesessen und gelernt oder gelesen hatte. Eine halbe Stunde später waren sie bei Hagrid, der gerade im Auftrag der Professorin für ‚Pflege magischer Geschöpfe‘ einige Einhörner aus dem Wald geholt hatte. Im verbotenen Wald lebten sogar zwei Einhorn-Herden, und einige Tiere waren von Hagrid schon einmal gepflegt worden, wenn sie verletzt waren, diese waren nun bereit, sich von den Schülern ansehen und sogar anfassen zu lassen. Harry war begeistert, als eine junge Stute zu ihm kam und sich streicheln ließ. Seine Finger krabbelten über das seidige, warme Fell, und die Stute schien es zu genießen, denn sie hielt absolut still, auch wenn Harry anfangs erst lernen musste, wie er ihr etwas Gutes tat. Vorsichtig tasteten seine Finger schließlich sogar über das Horn, das nicht glatt war, sondern in sich gedreht. Dafür neigte die Stute ihren Kopf zu ihm hinunter. Der Fünfjährige war ganz vorsichtig, wollte der Stute nicht wehtun.

„Hier, gib ihr 'n paar Rüben.“, deutete Hagrid auf einen kleinen Eimer. Harry griff nach einer der Karotten und hielt sie der Stute hin. Mit ihren Lippen griff sie danach, als wüsste sie, dass sie ebenso vorsichtig sein musste, wie der Junge bei ihr.

„Das is' der Kleene von James un' Lily, nich' wahr?“, fragte Hagrid die beiden erwachsenen Besucher, die aufmerksam auf Harry achteten.

„Ja. Aber es sollte sich nicht herumsprechen.“, antwortete Remus.

„Werd's nie nich verraten. Wollt ihn damals nich' zu den Muggeln nich' geb'n. Die war'n nich' nett, denk' ich. Sie wollt'n ihn nie nich' hab'n. Black wollt'n nehm', aber das wollt' Dumbledore nich'. Wusst' was, was ich nich' gewusst hab. Aber s'war alles falsch. Hat mir leid getan, der junge Sirius, mein' ich. Der war fertig mit der Welt, als ich'n geseh'n hab. Hat mir sein Motorrad gegeb'n, damit ich den Jungen wegbringen konnt'. Hat er geliebt, sein Motorrad, genau wie seinen Kleenen.“, polterte Hagrid vor sich hin.

„Sirius ist frei.“, erzählte ihm Remus. „Er ist in London und versteht sich gut mit Harry. Sie kommen sich näher.“

„Weiß schon, dass er frei is'. War nich' zu überseh'n, der Prophet hat's groß raus gebracht. Sogar die Beteiligung von Professor Snape hab'n se nich' vergessen.“, grinste der Halbriese.

„Leider.“, grummelte Severus. Er hätte es lieber gesehen, wenn er nicht in der Zeitung gelandet wäre. Aber das hatte sich nicht vermeiden lassen. Die ganze Geschichte war im Ministerium schnell bekannt geworden, und das hatte die Presse natürlich mitbekommen. Und sie hatten es ausgeschlachtet. Immerhin hatten sie bisher geschafft, dass Harrys Geschichte nicht bekannt geworden war. Wahrscheinlich ging das aber nicht mehr lange gut, wenn sie hier in Hogwarts waren. Die Schüler würden ihn sehen, es ihren Eltern schreiben. Es würde wohl nicht lange dauern, bis die falschen Leute davon erfuhren. Und dann mussten sie wirklich gut auf ihren Kleinen aufpassen. Aber das Risiko gingen sie nun ein, denn Severus wusste, alleine würde er nicht mehr lange sein können. Er brauchte seine Familie um sich, war so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Trotzdem machte ihm das Ganze Angst. Auf keinen Fall wollte er seine Familie verlieren. So wechselten sich Angst und Freude immer wieder ab.

Sie verabschiedeten sich bald wieder von Hagrid, denn für Harry war es langsam Zeit zum Abendessen. Remus musterte seinen Mann, er spürte die Stimmungsänderung deutlich. Doch vorerst sprach er ihn nicht darauf an, das würde bis nach dem Essen warten müssen, wenn Harry schlief. Sie hatten nun zwei Tage Wochenende vor sich, allerdings hatten sich am Sonntag die Malfoys angekündigt, sie kamen zum Mittagessen und blieben bis nach dem Kaffeetrinken. „Sev? Was ist los?“, wollte Remus wissen, als Harry endlich eingeschlafen war. „Du hattest noch nie Stimmungsschwankungen, ist das nur die Schwangerschaft oder beschäftigt dich etwas so sehr?“

Severus schwieg eine ganze Weile, aber er schien nachzudenken. Remus zog ihn einfach an sich und blieb ruhig, wartete ab. Es war nicht leicht für den Tränkemeister, die richtigen Worte zu finden, um seine Gefühle auszudrücken. Vor allem, weil er nie gelernt hatte, über Gefühle zu sprechen. Doch er wusste, Remus würde sich nicht ablenken lassen. Nur Remus konnte er sich so weit öffnen, um überhaupt über Gefühle zu sprechen. „Ich hätte nie geglaubt, wie glücklich ein Kind macht.“, wisperte er schließlich. „Ich dachte immer, dass es nichts Schöneres gibt, als ein Leben mit dir, obwohl ich mich immer noch frage, was du an mir findest. Ja, ich bin froh, dass du mich nicht alleine gelassen hast, aber ich verstehe es nicht.“ Er verstummte für den Moment und wartete auf die Reaktion seines Partners.

„Sev, Liebe ist nichts, das man verstehen kann.“, lächelte Remus beruhigend. „Ich habe mich verliebt in dich, nicht in eine idealisierte Version von dir, sondern in dich, mitsamt deinen Ecken und Kanten. Du hast nie aufgegeben, hast so hart gekämpft, das habe ich bewundert. Du hast nicht nur dich selbst da rausgeholt, sondern mich auch noch mit. Du gibst mir ein Zuhause, nein, mehr noch, eine Perspektive. Du unterstützt mich, hast sogar Forschung betrieben, um mir zu helfen. Du bist da, wenn ich jemanden brauche und ich will nie wieder ohne dich sein. Und als ich Harry gebracht habe, hast du ihn einfach akzeptiert, ihn aufgenommen, ungeachtet dessen, dass er aussieht wie dein schlimmster Alptraum. Ich weiß, wie sehr du unter James gelitten hast, und doch hast du seinen Sohn sofort ins Herz geschlossen, bei dir aufgenommen. Bei uns aufgenommen. Severus, du bist der Mensch, ohne den ich nicht mehr leben will. Ich liebe dich.“

Der Tränkemeister schluckte. Zwar wusste er, was Remus empfand, aber so deutlich hatte dieser es bisher auch noch nicht ausgesprochen. Er hatte das Bedürfnis, auch ihm zu gestehen, was er empfand. „Du bist mein Leben, Remus.“, gestand Severus. „Du akzeptierst mich so, wie ich bin, hast nie versucht, mich zu ändern, auch wenn du der Mensch bist, für den ich alles verändern würde. Du machst mich glücklich, mehr als ich jemals geglaubt habe, fühlen zu können. Heute Nachmittag ist es mir bewusst geworden, wie sehr ich dich und Harry liebe. Und dann, als Hagrid von der Zeitung gesprochen hat, wurde mir auch bewusst, wie gefährlich es für Harry werden kann, wenn die Zeitungen darauf stoßen, wer dieses Kind an meiner Seite ist. Die Todesser wollen immer noch an Harry herankommen. Wie soll ich ihn beschützen? Ich möchte euch bei mir haben, euch nicht einsperren, aber das bringt euch in Gefahr, vor allem Harry. Da sind noch so viele, die ihn töten wollen.“ Er war froh, dass Remus seinen Halt um ihn festigte.

„Wir werden ihn gemeinsam beschützen, und im Sommer sorgen wir dafür, dass der Lord nicht mehr kommt.“, beruhigte Remus. Er hielt Severus fest und küsste ihn sanft in den Nacken, da er sich mit dem Rücken an Remus' Brustkorb lehnte. „Ich werde euch dabei helfen, denn auch ich will nicht, dass du oder Harry verletzt werdet. Oder unser Baby. Du willst die Welt sicherer machen. Genau das will ich auch. Lass mich dir dabei helfen. Für Harry, für unser Baby.“ Zärtlich strich der Werwolf dabei über den inzwischen deutlich gerundeten Bauch und liebkoste ihn. Mit geschlossenen Augen lehnte sich Severus fest an seinen Mann und genoss diese sanften Berührungen. „Ich kann es einfach nicht fassen!“, hauchte Remus irgendwann. „Wir bekommen ein Baby!“

„Ja, das ist wirklich unfassbar.“, bestätigte Severus. Seine Augen leuchteten.

„Bereust du es?“, fragte Remus leise. Er war unsicher, hatte er Severus doch gezwungen, wenn auch indirekt?

„Nein.“, antwortete Severus fest. Ehrlich. „Auch wenn ich anfangs gezweifelt habe. Aber du und Harry, ihr habt euch so sehr gefreut, da wollte ich es auch. Und inzwischen habe ich mich an den Gedanken gewöhnt und freue mich sogar darauf. Ich hätte es nie in Betracht gezogen, auch wenn ich wusste, dass du es dir irgendwann wünschen würdest. Ich war sicher, dass ich es nicht kann, ich habe nie gelernt, wie man ein guter Vater ist. Aber Harry scheint es zu passen, und so langsam glaube ich, dass ich es mit dir zusammen schaffen werde. Es ist unglaublich, dass da ein Baby in mir wächst! Poppy will morgen kommen und mich untersuchen. Vielleicht kann sie uns auch sagen, was es wird.“

„Willst du es denn wissen?“, staunte der Dunkelblonde.

Severus nickte. „Ja. Ich hatte genug Überraschung. Ich will mich wenigstens darauf vorbereiten, ob wir einen Sohn oder eine Tochter bekommen. Im Prinzip ist es egal, aber ich möchte es wissen, einfach nur, um vorbereitet zu sein.“

Nun war es an Remus, zustimmend zu nicken. „Das verstehe ich. Wir hatten wirklich eine Menge Überraschungen in den letzten Monaten. Dann lassen wir es uns sagen. Harry freut sich bestimmt auch, wenn wir wissen, ob er einen Bruder oder eine Schwester bekommt.“, freute sich Remus.

Er schmiegte sich an seinen Mann und sie genossen die Nähe zueinander. Nur kurz stand er auf und holte Tee aus der Küche, damit verbrachten sie den Abend. Wie früher las Severus heute vor, und Remus legte sich schließlich mit dem Kopf auf den Schoß des Tränkemeisters. Als ihm die Augen zufielen, gingen sie ins Bett, wo sie nicht besonders lange alleine waren. Harry brauchte offenbar noch eine Weile, um sich zu orientieren, denn er kam mitten in der Nacht, weil er nicht wusste, wo er war. Immerhin war er sicher genug, um selbst ins Schlafzimmer zu kommen, als er nicht mehr schlafen konnte. Sie ließen ihn in ihre Mitte krabbeln, und dort schlief er ruhig weiter.

Den Samstagvormittag nutzte Severus, um die Aufsätze der Schüler zu korrigieren. Auch wenn Albus ihm eine Weile die Arbeit abgenommen hatte, wollte er es nun wieder alleine schaffen. Mit Remus und Harry bei sich fühlte er sich auch deutlich besser. Die Arbeit ging ihm so leicht von der Hand wie lange nicht mehr. Ein Aufsatz nach dem anderen landete auf dem Stapel der fertig korrigierten. Hochkonzentriert benotete er die Ergüsse seiner Schüler. Nach drei Stunden kam Harry dann zu ihm und bettelte, dass er mit seinen Daddys nach draußen gehen wollte, also legte er die Aufsätze beiseite und sie gingen bis zum Mittagessen spazieren. Anschließend kam Poppy, daher durfte Harry heute auf seinen Mittagsschlaf verzichten.

Die Heilerin checkte den Fünfjährigen kurz, war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. „Er sollte noch ein wenig vorsichtig sein, die Knochenstruktur ist noch nicht ganz so stabil, aber es sieht gut aus, weit besser als vor fast neun Monaten. Gut gemacht, Harry, du hast deine Tränke offenbar immer brav genommen.“, grinste sie den Grünäugigen an, der sich bei Remus angekuschelt hatte. „Und jetzt zu dem werdenden Vater.“ Severus legte sich auf das Sofa und machte seinen Bauch frei. Die Heilerin untersuchte ihn mit dem Zauberstab und ihren Händen. Es war ein komisches Gefühl für Severus, er wollte instinktiv sein Baby beschützen, obwohl er wusste, dass Poppy ihn auf diese Art nur untersuchte und kontrollierte, ob mit dem Baby alles in Ordnung war.

Am Ende griff sie wieder nach dem Zauberstab. „Wollt ihr das Baby sehen?“, fragte sie. „Wollt ihr wissen, was es wird?“

„Ja.“, antworteten Severus und Remus gleichzeitig. Harry sah fragend zu ihnen, er hatte wohl nicht komplett verstanden, was hier passierte. Trotzdem blieb er still, aber aufmerksam, sah genau zu, was hier passierte.

Poppy murmelte einen Zauber, die Spitze ihres Stabes deutete dabei auf den Bauch von Severus. Schimmernd entstand eine Art Abbildung des Kindes über dem Bauch von Severus. Noch sehr klein, aber bereits deutlich als Baby erkennbar. Gerade schien es zu schlafen, den Daumen im Mund. Viel bewegte es sich nicht, aber die Augen der Erwachsenen erkannten schnell, was sie wissen wollten. „Ein Junge. Wir bekommen einen Sohn!“, stellte Severus staunend fest.

„Ich liebe dich!“, strahlte Remus, und küsste ihn liebevoll. „Harry schau, das ist dein kleiner Bruder.“ Staunend tappte Harry näher und versuchte, das Bild des Babys zu berühren, aber da es nur eine Abbildung war, tauchte seine Hand einfach durch.

Remus und Poppy mussten lachen über das verdatterte Gesicht des Fünfjährigen und selbst Severus schmunzelte. „Das ist ein Zauber, der zeigt, wie das Baby aussieht.“, erklärte er ruhig. „Wie ein Foto, zumindest so ähnlich. Damit kann Poppy sehen, ob dein Bruder gesund ist und richtig wächst. Schau, hier sind seine Hände, die Finger. Die Füße und die Zehen. Bis wir ihn halten können, dauert es aber noch ein paar Monate. Er muss ja noch sehr viel wachsen, im Moment ist er noch viel zu klein, um außerhalb meines Bauches zu überleben.“

„So wunderschön! Er hat deine Finger geerbt.“, merkte Remus an. „Künstlerhände.“ Auch er sah aus, als würde er das Baby am liebsten in die Arme nehmen.

Poppy ließ den Zauber noch eine Weile bestehen, damit die drei sich ihr neuestes Familienmitglied ansehen konnten. Deutlich konnte sie sehen, dass sie glücklich waren, selbst Severus strahlte vor Glück. Doch irgendwann musste sie ihn beenden, denn sie musste zurück in den Krankenflügel, wo ein Hufflepuff nach einem verunglückten Zauber in Verwandlung lag. Auch wenn es ihm soweit gut ging, er musste überwacht werden und sollte nicht zu lange alleine sein. Daher verabschiedete sie sich, und die Lupins gingen noch eine Weile nach draußen, nachdem Severus seine Illusion wieder aufgelegt hatte. Langsam schienen die Schüler sich an den Anhang des Tränkemeisters zu gewöhnen, denn sie starrten nicht mehr so intensiv wie noch am Tag zuvor.

„Severus, Remus!“, grüßte sie der Schulleiter, der offenbar gerade aus dem Dorf kam. „Und Harry. Hallo, kleiner Mann! Wie gefällt dir Hogwarts?“

„Ich mag die Einhörner.“, flüsterte Harry. Noch immer war er ziemlich schüchtern, obwohl er Albus schon öfter gesehen hatte. Aber hier war er im Fokus der Aufmerksamkeit, das half nicht so richtig, seine Ängste zu bekämpfen. Und doch zog er sich nicht vollkommen zurück, sondern antwortete dem Älteren. Auch, wenn er sich dabei an seinen Vätern fest hielt.

„Das verstehe ich. Die sind aber auch faszinierend!“, gluckste der Weißhaarige. „Dann geh mal schön zu Hagrid, der freut sich bestimmt, wenn du kommst. Aber lass dir einen Rat von mir geben: Sei vorsichtig mit seinen selbst gebackenen Keksen. Die sind höchstens gut, wenn du deine Zähne verlieren willst!“

„Danke.“, kam es von Harry. Er war froh, dass sein Daddy ihn nun auf den Arm nahm, dort fühlte er sich wesentlich sicherer. Remus und der Fünfjährige machten sich auf den Weg zu Hagrids Hütte, während Severus noch zurückblieb. „Albus, die Malfoys kommen morgen zu uns.“, warnte er vor. „Nur, dass du Bescheid weißt. Ich möchte, dass Harry ein wenig Kontakt zu Gleichaltrigen knüpft, und Draco ist mein Patensohn.“

„Das ist gut, wenn Harry Kontakt bekommt.“, stimmte Albus nachdenklich zu. „Aber sei vorsichtig mit Lucius. Er ist ziemlich radikal im Gamot, ich vermute, er wünscht sich, die Welt so zu verändern, wie Voldemort es wollte.“

„Ich werde vorsichtig sein. Aber ich hoffe noch immer, dass er einen Hinweis auf die Schlange geben kann.“, betonte Severus. Außerdem, aber das musste er nicht sagen, würde er sich verdächtig machen, wenn er sich plötzlich anders verhielt. Er verabschiedete sich und drehte sich um, um seinen Männern zu folgen. Die Stimme von Albus hielt ihn noch einmal auf.

„Ah, da fällt mir noch etwas ein. Ich habe heute Morgen einen Brief vom Direktor der Bank bekommen. Er hat endlich zugestimmt, sich mit uns zu treffen.“, informierte ihn der Direktor. „Eigentlich wollte ich alleine hingehen, aber er besteht darauf, dass auch du mitkommst. Warum auch immer, ich weiß es nicht. Kann ich mit dir rechnen?“

„Natürlich. Ich werde alles dafür tun, dass wir diese Gefahr beseitigen.“, versicherte Severus. Auch er verstand nicht, warum der Kobold ausgerechnet ihn dabei haben wollte, doch das würden sie wohl erst erfahren, wenn sie hin gingen. „Wann ist das Treffen?“

„Am Dienstagabend. Nach dem Essen können wir gemeinsam in die Winkelgasse reisen. Am besten kommst du dann in mein Büro und wir gehen durch meinen Kamin.“, schlug Albus vor.

„Ich werde da sein.“, versprach der Tränkemeister, dann verabschiedete er sich endgültig und folgte den beiden Männern, die im Moment das Wichtigste in seinem Leben waren.

 

Am Sonntag rannte Harry aufgeregt und ein wenig ängstlich durch die Wohnung. Heute wollten Freunde von Daddy Sev kommen, und die hatten auch ein Kind, das etwa so alt wie er war. Einerseits war er neugierig, andererseits hatte er Angst. Was, wenn das Kind wie Dudley war und ihn schlug oder verletzte? Lange hatte er nicht mehr an seinen Cousin gedacht, aber heute stand ihm wieder vor Augen, wie es früher gewesen war, bevor Remus ihn da weggeholt hatte und sein Daddy geworden war. Bevor alles schön geworden war. Irgendwann hob Severus ihn auf seinen Schoß und hielt ihn fest. Er ahnte sehr genau, was der Kleine fühlte. „Hab keine Angst, mein Kleiner.“, murmelte er leise. „Draco ist zwar vielleicht manchmal ein wenig seltsam, aber das liegt daran, wie er erzogen wird. Er wird dir nichts tun. Er ist kein Dudley, das verspreche ich dir.“

„Darf ich bei dir bleiben, Daddy?“, fragte Harry dennoch leise.

„Für's Erste ist das in Ordnung. Sieh dir Draco an, dann kannst du dir ein Bild von ihm machen.“, beruhigte Severus. „Und wenn du dann merkst, dass niemandem etwas passiert, dann kannst du ihm vielleicht auch dein Kinderzimmer zeigen und ihr könnt mit deinen Autos spielen.“

„Okay, Daddy.“, nickte Harry ein wenig erleichtert. Er kuschelte sich zu dem Tränkemeister und wurde merklich ruhiger. Sein Daddy nahm ihm das Versprechen ab, nichts über das neue Baby, über seinen kleinen Bruder zu sagen. Er wollte auf keinen Fall, dass die Malfoys etwas davon erfuhren. In der Beziehung war Harry sehr verlässlich, er verstand durchaus, was sein Daddy da von ihm wollte.

Remus war in der Küche und kochte. Da er von Severus wusste, dass die Malfoys ebenfalls gerne Fisch aßen, hatte er Fishermans Pie gerichtet, kleine Portionen für die beiden Kinder, etwas größere für die Erwachsenen. Außerdem hatte sich Harry eine Erdbeertrifle gewünscht, die Gläser warteten schon kalt gestellt. Severus nahm Harry auf den Arm und ging mit ihm in die Küche. Er liebte es, dem Werwolf beim Kochen zuzusehen. Und Harry schien es ebenso zu gehen. Außerdem bekam vor allem Harry immer mal wieder etwas ab. Gerade schnitt Remus Gurke für den Salat, da strahlte Harry ihn an und bekam ein ganzes Stück Gurke zum Knabbern. Severus schmunzelte, das wäre bei Draco nicht möglich, dem musste man schon Schokofrösche oder ähnliches geben, wenn man ihn zum Strahlen bringen wollte. Und selbst dann wäre er wahrscheinlich so erzogen, dass er sich zwar artig bedankte, sich aber nichts anmerken ließ.

Als das Rauschen im Kamin des Büros verkündete, dass jemand kam, ließ Severus Harry bei Remus und ging hinüber. Schnell überprüfte er noch seine Illusion – er wollte nicht, dass noch mehr Menschen über seine Schwangerschaft Bescheid wussten – und begrüßte dann seinen früheren besten Freund. Während sie zwanglos plauderten, bis Narzissa und Draco kamen, überlegte sich Severus, was sich verändert hatte. Alles hatte damals begonnen, als der Lord vernichtet wurde. Er selbst hatte sich verändert, und das Verhältnis zu Lucius war nie wieder geworden wie zuvor.

„Kommt, gehen wir in das Wohnzimmer.“, lud Severus ein, als alle Malfoys in seinem Büro waren. „Remus sagte eben, das Essen ist fast fertig. Darf ich euch noch einen Aperitif anbieten?“

„Gerne.“, nahmen die beiden erwachsenen Blonden an. Severus kannte ihre Vorlieben und reichte ihnen entsprechende Gläser. Er selbst trank sowieso nichts, und da die Malfoys von seiner Vorgeschichte wussten, fiel es auch nicht weiter auf. Remus nahm sich auch einen kleinen Drink und begrüßte ihre Gäste herzlich. Lucius war eher kühl dem ehemaligen Gryffindor gegenüber, Draco kopierte sein Verhalten, doch Narzissa begrüßte ihn ebenso herzlich wie Remus sie. Beim Essen schlief die Unterhaltung dank Narzissa nie ein und alle versicherten, dass es sehr gut war. Keiner konnte glauben, dass Remus es wirklich alleine gekocht hatte, ohne Hilfe von den Elfen des Schlosses. Alle bewunderten die Kochkünste des Dunkelblonden und machten ihm Komplimente dafür.

Während die Erwachsenen sich rege unterhielten, saßen die beiden Jungen ziemlich ruhig am Tisch. Draco beobachtete Harry neugierig, der einen ganzen Kopf kleiner als er selbst war und kein Wort sprach. Dieser Zwerg schien ihm ein wenig komisch, aber seine Mutter und auch sein Pate hatten ihm erklärt, dass Harry eine sehr schwere Zeit hinter sich hatte und deswegen noch sehr schüchtern war. Aber sein Vater hatte ziemlich deutlich gemacht, dass er sich Mühe geben musste, um sich mit dem Jungen anzufreunden. Also beobachtete er und wartete ab. Als sie die Nachspeise genossen hatten, schlug Severus den beiden Jüngsten vor, eine Weile im Kinderzimmer zu spielen. Nach einem kleinen Schupps von Remus ging Harry voran und zeigte Draco sein Zimmer.

Die magische Wand beeindruckte den Blonden mehr, als er zugeben wollte und er starrte eine Weile einfach nur darauf. „Hat Daddy Remus für mich gezaubert.“, erzählte Harry schließlich leise. „Magst du Auto spielen?“ Draco nickte und so lagen sie wenige Minuten später auf dem Spielteppich und schoben die Autos herum. Es waren magische Autos, die Harry zu Weihnachten bekommen hatte. Schnell wurde es fröhlicher, und sie lachten gemeinsam, wenn sie einen Unfall verursachten und die Autos in Einzelteile zerfielen. Sie reparierten sich wieder, sobald der magische Autoretter kam und eine Weile neben den kaputten Autos stehen blieb. Doch plötzlich schlug die Stimmung um, als Harry und Draco gleichzeitig zu einem Auto griffen. Der Schwarzhaarige hatte es einen Moment eher, aber der Blonde wollte es unbedingt und riss daran. Harry, inzwischen deutlich selbstsicherer, hielt es fest. Wie er es kannte, wollte Draco allerdings seinen Willen durchsetzen und schuppste Harry weg vom Teppich. Vergessen die Ermahnung des Vaters, nett zu dem Jungen zu sein. Nur sein Wille zählte, und den wollte er nun durchsetzen.

Als Harry gestoßen wurde und nach hinten fiel, war es, als wäre er wieder im Ligusterweg. Die Situation war einfach zu ähnlich. Panisch riss er die Augen auf. Draco stand mit verschränkten Armen vor ihm und starrte ihn wütend an. Wimmernd wich Harry zurück und stieß an den Schrank.

„Ich hole meinen Vater.“, entschied Draco plötzlich und drehte sich um. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Darauf hatte ihn niemand vorbereitet.

Kaum dass der Blonde das Zimmer verlassen hatte, öffnete Harry die Schranktür hinter sich und kroch so tief wie möglich hinein, in die vermeintliche Sicherheit. Im Schrank war er immer alleine gewesen, dort hatten sie ihn nicht verfolgt. Leise schluchzend kauerte er sich in der hintersten Ecke des Schrankes zusammen, eine schlimme Strafe erwartend. Daddy Sev und Daddy Remus hatten ihn nie geschlagen oder eingesperrt, aber dieser Blonde, der Vater von Draco, der sah sehr streng aus. Bestimmt war der böse, weil er seinen Sohn geärgert hatte. Er merkte nicht, dass ihm Tränen über die Wangen liefen und er zitterte.

Draco lief ins Wohnzimmer und traf auf seine Eltern, seinen Paten und dessen Mann. Mit hochgezogener Augenbraue sah Lucius seinen Sohn an. „Draco, was ist passiert?“, wollte er mit kühler Stimme wissen.

„Harry ist komisch.“, beschwerte sich Draco. „Er wollte mir mein Auto nicht geben und hat einfach geweint wie ein Baby.“

Entsetzt sahen sich Harrys Väter an. „Sehen wir nach.“, stand Severus auf und ging ins Kinderzimmer. Dort war keine Spur von Harry. „Harry? Ist alles in Ordnung? Es ist gut, niemand tut dir was. Wo bist du, mein Kleiner?“

Remus war ihm gefolgt und schnupperte. Zwar war erst in eineinhalb Wochen Vollmond, aber hier waren nicht so viele Gerüche durcheinander, da konnte er dem Kleinen folgen. Zielsicher ging er zum Schrank. Natürlich, fiel es Severus wie Schuppen von den Augen, am Anfang war er immer dahin geflüchtet, wenn er Angst gehabt hatte. Langsam öffnete er die Tür und Severus ging in die Knie, sprach leise und beruhigend in den Schrank hinein. Endlich konnte er nach seinem Sohn greifen. Völlig tränenverschmiert und verängstigt kam Harry zum Vorschein und klammerte sich sofort an ihm fest. „Nicht wehtun.“, weinte er. „Bin brav.“

„Sch, Harry, wir werden dir nicht wehtun. Keiner hier. Ganz bestimmt nicht. Daddy Remus und ich beschützen dich.“, versprach Severus. „Komm, geh mit Daddy Remus ein bisschen nach draußen. Wenn du wiederkommst, sind wir nur noch zu dritt, in Ordnung?“ Harry schniefte und nickte irgendwann vorsichtig, löste seinen Klammergriff nur, um ihn sofort bei Remus wieder anzuwenden. Der hob ihn hoch, half Severus noch beim Aufstehen, und verabschiedete sich letztendlich von den Malfoys, bevor er durch die neue Tür nach draußen ging. Sie würden wahrscheinlich die Einhörner besuchen, nahm Severus an.

„Tut mir leid.“, entschuldigte er sich bei den Gästen. „Es geht ihm zwar deutlich besser, aber er ist noch immer traumatisiert, und das wird sicher noch eine Weile andauern. Die Panikattacken werden weniger, aber sie sind noch nicht überwunden. Schon lange hat er nicht mehr so heftig reagiert, aber er kennt euch nicht und das macht ihm Angst.“

„Lucius hat Einiges erzählt, als die Verhandlung gegen seine Verwandten war.“, warf Narzissa ein. „Ich hätte nie erwartet, ihn so offen zu sehen. Ihr habt viel geleistet.“

„Remus hat das Meiste davon geschafft.“, schob Severus das Lob von sich. „Anfangs hat der Kleine mich nicht an sich heran gelassen. Das wurde erst seit der Adoption deutlich besser.“

„Wieso hat Harry nun geweint?“, fragte Draco, der bisher ziemlich ratlos zugehört hatte. „Ich bin ein Malfoy und er hätte es mir einfach geben können, dann wäre das nicht passiert.“ Die Erziehung seines Vaters, der sehr viel Wert darauf legte, seinem Sohn zu erklären, wie wichtig die Malfoys waren, schien Früchte zu tragen.

„Draco, er kennt es nicht, mit anderen Kindern zu spielen.“, versuchte sein Pate eine Erklärung. „Das einzige Kind, mit dem er bisher zu tun hatte, war sein Cousin, und der hat ihn geschlagen, getreten, gebissen und sogar die Treppe hinunter geworfen. Das zumindest haben wir herausgefunden. Was sonst noch alles passiert ist, wissen wir nicht. Da ist es kein Wunder, dass er nicht weiß, wie er reagieren soll. Vielleicht kannst du ihm das beibringen? Er soll nicht isoliert aufwachsen, und du bist schlau genug, es ihm auch beibringen zu können, wie man richtig spielt und reagiert.“

„Das werden wir entscheiden, wenn es soweit ist.“, entschied Lucius kühl. „Wir werden nun gehen, damit das Kind für heute Ruhe hat. Am 30. April ist bei uns ein Ballabend, du bist eingeladen. Natürlich gemeinsam mit Remus. Harry darf gerne auch kommen, wenn es nicht zu viel für ihn ist.“

„Ich werde sehen, ob ich kommen kann. Aber das kann ich nicht jetzt entscheiden.“, antwortete der Tränkemeister. Auf solche Dinge legte er zumeist keinen Wert, aber auf der anderen Seite versuchte er noch immer, Informationen von Lucius zu bekommen. Vielleicht hatte Remus auch Lust, dann würden sie wohl gehen. Harry konnte dann Zeit mit seinem Paten verbringen, das genoss er inzwischen häufiger.

„Bitte komm, Onkel Sev!“, bettelte Draco.

„Ich werde sehen.“, wiederholte Severus, und schenkte Draco ein Lächeln. „Ich komme dich bald besuchen.“

„Mach das.“, bestimmte Lucius. „Auf Wiedersehen, Severus.“

„Auf Wiedersehen!“, verabschiedeten sich auch Draco und Narzissa von dem Tränkemeister.

„Schade, dass es so endet. Ich wünsche euch dennoch einen schönen Nachmittag.“, lächelte Severus noch immer. Er machte sich daran, die Küche aufzuräumen, sobald die Blonden im Kamin verschwunden waren. Remus würde wohl mit Harry eine Weile draußen sein, und er selbst wollte gerade nicht aus der Wohnung, war froh um ein wenig Ruhe. Der Besuch hatte ihn angestrengt, die Illusion zu halten wurde immer kräftezehrender. Das merkte er auch im Unterricht, aber er wollte auf keinen Fall, dass jemand seine Schwangerschaft mitbekam. Es reichte, dass die Heilerin, der Direktor und Minerva es wussten, dazu noch Sirius. Mehr mussten es nicht werden, wenn es nach ihm ging. Daher legte er sich hin, sobald die Küche wieder sauber war. Er griff nach einem Buch, konnte sich aber kaum konzentrieren, da ihm die Unterhaltung mit Lucius durch den Kopf ging.

Erst als er plötzlich zwei Hände auf seinem Arm spürte, schreckte er hoch. Er hatte nicht bemerkt, dass er eingeschlafen war. Harry und Remus waren zurück, und der Kleine wirkte deutlich ruhiger, lächelte wieder zaghaft. Severus setzte sich auf und sah zum Fenster, das Licht war ganz anders als zuvor, er musste mindestens zwei Stunden geschlafen haben. Verwirrt sah er um sich.

„Alles in Ordnung?“, fragte Remus beunruhigt.

„Ich war nur ein wenig müde.“, winkte Severus ab. „Es geht mir gut.“ Und das stimmte auch, seine Männer waren hier, das reichte, um ein gutes Gefühl in ihm auszulösen.

„Dann komm, Abendessen ist fertig!“

Autorennotiz

Charaktere und Handlungsorte gehören nicht mir selbst, sondern J.K.Rowling. Ich habe sie mir nur ausgeliehen, verdiene damit kein Geld.

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Autor

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Kapitel:26
Sätze:7.084
Wörter:90.477
Zeichen:529.565

Kurzbeschreibung

Remus Lupin überredet Albus Dumbledore, nach Harry sehen zu dürfen, an seinem fünften Geburtstag. Was er sieht, lässt ihn alle Vorsicht vergessen und er nimmt ihn mit in Severus' Haus, mit dem er zusammenlebt. Gemeinsam kümmern sie sich um den verletzten, misshandelten Jungen und Severus nimmt den Kampf gegen den dunklen Lord auf, um die Welt für den kleinen Harry, der sich schneller als er schauen kann in sein Herz geschlichen hat, sicher zu machen. Pairing: RL/SS; Kindesmisshandlung wird angedeutet