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Die Seelenverwandte

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3.5.2019 16:43
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

1. Kapitel

---7 Tage nach der Schlacht von Hogwarts---

Harry wachte auf. Seine Narbe schmerzte nicht und genau wie die ganze vorherige Woche fühlte er sich so gut wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es war alles vorbei, sein Körper gehörte wieder ganz ihm und der Krieg war zu Ende.
In Sirius Haus zu wohnen war ungewohnt. Es war das Hauptquartier des Orden des Phönixes gewesen. Sirius war hier aufgewachsen. Hier hatten sich er, Hermine und Ron vor den Todessern versteckt. Und gestern erst hatte er die Snape-Sicherheitsvorkehrungen aufgelöst.

Es war nicht gerade der richtige Ort um ein neues Leben ohne Furcht und Schrecken vor Lord Voldemort zu beginnen. Dennoch hatte er sich hierher gesehnt. Es war nun schon drei Jahre her, dass Sirius gestorben war. Vor zwei Jahren hatte es Dumbledore getroffen. Und erst vor einer Woche hatten Fred Weasly, Tonks und Lupin, Snape und die vielen anderen ihn verlassen. Er wollte nicht daran denken, aber er konnte sich auch nicht davon abhalten, es zu tun. Es kam ihm alles nur wie ein Traum vor. Ein Albtraum. Mit Happy End. Harry schüttelte sich, um den Gedanken loszuwerden. Er dachte an Hermine und Ron, und den Rest der Weasleys. Er dachte an Luna und ihren Vater, an die Lehrer von Hogwarts und sogar an Draco Malfoy, und an all die Muggel, die unwissentlich unter Tom Riddle gelitten hatten. Nein. Es konnte kein Albtraum gewesen sein. Es würde alles gut werden.
Seine Gedanken wanderten zu Ginny.
Obwohl er nun glücklich sein müsste, verzog sich Magen eher, als hätte er Bauchschmerzen. Es war zu komisch. Bei den Gedanken an die Schlacht an Hogwarts wurde ihm gut zumute, obwohl es, wie Ron gesagt hatte, eine Tragödie war, und bei den Gedanken an Ginny, seine Freundin, wurde ihm übel.
Nicht auf die Weise übel, wie es einem wird, wenn man etwas Ekliges wie Schnecken am Stück verschluckt hatte, sondern eher auf die Art, wenn man zuviel Schokolade auf einmal gegessen hat. Doch Harry hatte Ginny in der ganzen Woche nicht gesehen. Er müsste eigentlich einen riesigen Appetit haben. Die Schmetterlinge im Bauch und die aufregende Erwartung, Ginny zu sehen, waren wie weggeblasen.
Er beschloss, in den Fuchsbau zu gehen. Er konnte sich nicht ewig vor den Weasleys verstecken. Und sicher war Hermine auch dort. Und vielleicht Luna… Sein Herz klopfte schneller bei dem Gedanken. Aber nein, Luna war sicher bei ihrem Vater.
Harry beschloss, nicht unnötig zu packen. Er schnappte sich seinen Feuerblitz und eine Schachtel Schokofrösche und Bertie Bert's Bohnen – das leckerste was er als Mitbringsel für die Familie fand. Sein Zauberstab steckte schon in seinem Umhang.

„Kreacher!“, rief er, und nach einem kurzen Krachen stand der Hauself vor ihm.
„Ja, Sir?“, quiekte er.
„Ich verschwinde, Kreacher. Ich gehe zum Fuchsbau. Ich weiß nicht, wie lange ich weg bleib. Mach's dir bequem hier.“
Kreacher nickte freundlich, aber Harry hörte wie er zu sich sagte: „Wird Harry Potter endlich seine Freunde besuchen, oh es ist so unhöflich sie diese lange Zeit warten zu lassen – besonders, wo bei ihnen ein Reinblut verstorben ist, um gegen den Dunklen Lord zu kämpfen, wenn es doch nur die Granger gewesen wäre, dieses Schlammblut.“
Direkt darauf begann er sich mit einem herumliegenden Buch gegen die Stirn zu hauen.
„Kreacher!“ Harry versuchte dem Elfen das Buch aus der Hand zu reißen.
„Ich verbiete dir, dich zu schlagen. Und bitte – sag nicht mehr Schlammblut.“ Kreacher ließ das Buch los. „Also dann, tschüß, Kreacher.“
Kreacher antwortete nicht; Harry vermutete, dass er beleidigt war.

Er flog los, und erst jetzt merkte er, wie sehr er es vermisst hatte, zu fliegen. Wie lange hatte  er nun nicht mehr auf seinem Besen gesessen? Es war fast ein Jahr her, beim Quidditchspiel gegen Hufflepuff. Seitdem war er fast nur appariert, um vom Fleck zu kommen, aber jetzt, wo es nicht notwendig war, wollte er so selten wie möglich das Apparieren als Fortbewegungsmittel benutzen. Es war schlimmer als Achterbahn in dreifacher Geschwindigkeit rückwärts zu fahren.
Er war nicht lange unterwegs, der Fuchsbau lag nahe am 'Hauptquartier', wie er Sirius Haus, obwohl der Orden inaktiv war, immer noch nannte.

„Harry“, rief eine ihm zu vertraute Stimme. „Endlich lässt du dich blicken.“
Ginny rannte auf ihn zu und umarmte ihn, noch bevor er landete.
„Hey Ginny“, murmelte Harry.
„Wie geht’s dir? Was hast du so gemacht? Wir haben uns ja kaum gesehen, seit… du weißt schon, der Schlacht, und du hast keine Eule geschickt, Mum und ich haben uns fast schon Sorgen um dich gemacht.“, sie küsste ihn auf den Mund.
„Ich hab keine Eule mehr, oder?“, sagt Harry bitter. „Ich war die ganze Zeit in Sirius' – in meinem Haus. Mir geht’s gut. Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe.“
„Ich wollte dich besuchen kommen, du warst ja ganz alleine, oder? Aber Mum meinte, ich sollte dir etwas Zeit geben.“
„Ich hatte Kreacher“, erwiderte Harry. „Und ja, ich brauchte ein wenig Zeit für mich. Es ist so viel passiert.“
Sie schwiegen einen kurzen Moment. „Und bei euch so? Wie… wie geht’s euch allen, Ginny, es tut mir so leid...“
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Ginny, vielleicht ein wenig zu schnell. Harry sah die Tränen in ihren Augen glitzern. „Überhaupt, du kannst ja nichts dafür.“
„Ja, aber ich...“
„Sei still!“, sagte Ginny scharf. „Kein Aber! Gleich wirst du noch sagen, es sei deine Schuld, dass Fred gestorben ist.“
„Ich hätte es verhindern können“, flüsterte Harry.
„Harry, dank dir sind wir überhaupt alle noch am Leben. Bitte, mach dir keine Gedanken. Es ist alles gut.“
„Was ist mit George?“, fragte Harry, nach einem weiteren Moment der Stille.
„Er wird okay werden. Wir sehen ihn kaum, er ist die meiste Zeit in ihrem… seinem Zimmer. Ich glaube aber, er wird den Scherzartikelladen aufgeben. Ich weiß nicht. Es ist schwierig, an ihn heranzukommen. Sie… sie waren mehr als Freunde oder Brüder.“
Sie hörten Schritte, und über Ginnys Schulter sah Harry Hermine herankommen. „Harry, du bist hier!“ Sie strahlte. „Ich wusste doch, dass ich deinen Feuerblitz gehört habe – Ron! RON, Harry ist da!“
Harry grinste. „Hi Hermine!“
Auch Ron kam herausgerannt, und die nächsten Minuten war Harry damit beschäftigt, seine Freunde und alle Mitglieder der Weasleyfamilie umarmend zu begrüßen.
Mollys überschwängliche Freude, ihn wiederzusehen, löste ein Gefühl der Willkommenheit aus, dass er schon das erste Mal, als er im Fuchsbau gewesen war, gefühlt hatte.

Erst als er mit Hermine und Ron in Rons Zimmer ging – nicht ohne dass Mrs Weasley ihn mit Kürbispastete vollgestopft hatte – war Zeit zum Reden. Auch die beiden hatte er seit dem Fest in Hogwarts nicht mehr gesehen.
„Sag schon Harry, was hast du gemacht? Die Welt haben wir doch nun gerettet, es gab keinen Grund sich tagelang zu verbarrikadieren.“
Ron lachte, doch Harry merkte, dass die beiden sich mehr als nur einen kurzen Moment darüber Gedanken gemacht hatten, was er die ganze Zeit getrieben hatte. „Ich habe praktisch nichts gemacht“, gab er zu. „Ich habe die meiste Zeit rumgesessen und gelesen oder meinen Gedanken nachgehangen – gegessen und mit Kreacher geredet. Es gab viel, über das ich nachdenken wollte. In Ruhe. Aber keine Sorge ich bin okay. Ich bin mehr als okay, und jetzt sagt mal, was ihr so getrieben habt.“
„Auch nicht viel“, meinte Ron, „Hermine ist erst seit gestern hier, und bis sie kam hab ich vor allem die Ruhe und das normale Leben genossen. Luna hat auch mal vorbeigeschaut, aber sie ist jetzt wieder bei ihrem Vater. Wahrscheinlich entdecken sie grade sprechende Elche.“
„Sei nicht so zu ihr“, sagte Harry, „sie ist nicht halb so verrückt wie ihr immer tut.“
Hermine nickte zustimmend, bevor sie anfing zu sprechen. „Scheint so, als wäre ich die einzige hier, die etwas produktives gemacht hat. Ich bin nach Australien gegangen und haben den Vergessenszauber meiner Eltern aufgehoben.“
„Hat alles geklappt?“, fragte Harry, entnahm aber Hermines zufriedenem Lächeln, dass er die Antwort schon kannte.
„Ja. Sie wohnen wieder zuhause und ich bin bei ihnen geblieben. Ich wollte eigentlich jetzt schon wieder zurück apparieren, aber jetzt wo du hier bist...“
„Lass dich von mir nur nicht aufhalten“, meinte Harry.
„Oder von mir“, Ron beugte sich vor und gab Hermine einen Kuss.
Harry fühlte sich fehl am Platz. „Ähm, ich denke, ich schaue mal, was Ginny so treibt.“ Ron blickte ihn verständnisvoll an. „Klar, wenn Ginny in der Nähe ist, sind wir auf die Dauer nicht genug für ihn, oder Hermine?“
Hermine lachte und gab Ron noch einen Kuss. „Ich kann es immer noch nicht glauben, wie lange es gedauert hat, bis ihr zusammen gekommen seid. Ich meine, so richtig zusammen.“ Sie grinste ihn an. Harry schluckte. Seine Bauchschmerzen und sein Unbehagen gegenüber Ginny waren noch nicht verschwunden. Er verstand nicht, was da los war. Er war doch verrückt nach Ginny… Oder nicht? Doch er zwang sich ein Lächeln auf.
„Das gleiche könnte ich zu euch sagen“, erwiderte er, bevor er die beiden in Ruhe ließ und Ginny suchte.

„Jetzt sag schon, wie es dir wirklich die letzte Woche ergangen ist.“
Ginny und Harry saßen in Ginnys Zimmer.
Harry zögerte. „Gar nicht so schlecht. Ich weiß nicht. Es war irgendwie ein ewiges Hin und Her – an Sirius erinnert werden, das gute Gefühl, dass alles vorbei ist, keine schmerzende Narbe mehr, kein Voldemort, aber ich musste auch an euch denken und an Fred, und an Tonks und Lupin und Teddy.“
Er biss sich auf die Lippe. „Ich war bisher kein besonders guter Pate.“
„Sei nicht so hart zu dir selbst“, meinte Ginny. „Du hast vor einer Woche einen Krieg beendet und gewonnen.“
„Ich war nicht alleine“, meinte Harry.
Stille kam auf. „Du hast mir auch noch nicht gesagt, wie es dir ging.“
„Es ist hier fast alles wie immer, ehrlich. Fleur und Bill waren hier, aber sie sind schon wieder verschwunden – ich denke, es war ihnen zu viel Trubel. Charly ist wieder in Rumäninen. Es wird jetzt wohl wieder ruhiger bei uns. Sie kamen vor allem zu Freds Beerdigung.“ Sie stockte. „Wir wollten es gerne mit dir zusammen machen, aber wir wussten nicht, wann du kommst… ob du dabei sein willst… Und Charly musste zurück nach Rumänien.“
Harry nickte nur. Sie legte den Kopf auf seine Schulter.
„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie.
Harry schluckte. „Ich dich auch...“
„Ich will dich nicht mehr vermissen, Harry.“ Sie hob den Kopf und schaute ihm in die Augen. „Ich muss dich immer vermissen.“
Harry zögerte. „Ich verspreche dir, Ginny, jetzt wird es anders. Es wird alles anders.“
Ginny beugte sich vor und küsste ihn, und Harry erwiderte den Kuss und versuchte, sein schlechtes Bauchgefühl zu ignorieren.

Als Harry am nächsten Morgen erwachte, versuchte er sich einzureden, dass er Ginny nicht angelogen hatte.
„Du hast ihr nur nicht alles erzählt“, dachte er, „und überhaupt. Sie hat Recht. Du hast gerade einen Krieg beendet und gewonnen. Du darfst eine Woche danach Bauschmerzen haben. Es hat nichts mit Ginny zu tun“
Es hat nichts mit Ginny zu tun – diesen Satz sagte er sich so lange, bis er anfing, ihn zu glauben. Weil Ron noch schlief, ging er alleine hinunter zum Frühstückstisch. Mr und Mrs Weasley, Percy, Hermine und Ginny waren auch schon da.
Guten Morgen, Harry“, rief Mrs Weasley enthusiastisch. „Was möchtest du frühstücken? Bedien dich, es ist alles da!“
„Danke, Mrs Weasley“ Harry setzte sich neben Ginny.
„Schläft Ron noch?“, fragten Mrs Weasley und Hermine gleichzeitig.
Harry nickte.
„Ist es spät geworden gestern? Als ich schlafen gegangen bin, war Ron nicht im Zimmer“, wandte er sich an Hermine.
Ginny hob vielsagend eine Augenbraue. Hermine bemerkte es.
„Wir haben nur ein wenig geredet!“, verteidigte sie sich. „Wir haben uns auch lange nicht gesehen. Außerdem habe ich genau gehört, wann du aus Ginnys Zimmer in deines gegangen bist – es war nicht viel früher als Ron.“
Harry zuckte mit den Achseln. Ginny hingegen grinste fröhlich.
„Harry, hast du denn schon irgendwelche Pläne für die Zukunft gemacht? Ich würde dir und Ron dringend raten, den Schulabschluss nachzuholen, immerhin willst du ein Auror werden, oder nicht? Du wirst gute Qualifikationen brauchen.“
„Hermine, ich glaube, Harry hat momentan besseres zu tun als sich über die Schule Gedanken zu machen“ Ginnys Stimme klang mahnend. „Und Qualifikationen wird er ja wohl genug haben, meinst du nicht? Wieviele andere Auroren gibt es, die so viel geleistet haben wie er?“
„Das ändert nichts daran, dass er keinen Abschluss hat, Ginny!“, schnappte Hermine. „Genau wie du übrigens! Was denkst du, dass er seine Zukunft und seine Pläne im Stich lässt um mit dir irgendwohin durchzubrennen?“
Harry war überrascht, wie giftig die beiden zueinander waren. Erst einmal hatten sie sich auf ähnliche Weise angefahren. Doch im nächsten Moment schien sich Hermine schon wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Tut mir leid, Ginny. Das war gemein.“
„Ja, allerdings“, meinte Ginny, „obwohl die Idee, mit Harry irgendwohin durchzubrennen, verlockend klingt.“
Sie beugte sich zu ihm, aber ehe sie ihn küssen konnte, schob Harry sich einen Schokofrosch in den Mund.

Nach dem Mittagessen nahm Hermine Harry beiseite.
„Alles okay?“
„Warum fragt mich das jeder?“, gab Harry gereizt zurück.
„Ich meine nicht das alles“, meinte Hermine, „ich meine dich und Ginny. Seid ihr okay?“
„Natürlich, warum denn nicht?“ Doch Harry konnte Hermine nicht in die Augen sehen.
„Habt ihr zwei gestritten oder so?“, fragte Hermine sanft.
„Nein“, antwortete Harry genervt.
„Harry, das alles in Ordnung mit dir und Ginny ist, kannst du von mir aus sonstwem erzählen, aber nicht mir.“ Sie blickte ihm in die Augen. „Ich bin deine beste Freundin. Ich merke, wie du sie anschaust.“
Harry starrte sie an. „Das hast du schonmal zu mir gesagt.“
„Und ich meine es wieder. Komm schon Harry, du weißt, dass du mir alles sagen kannst.“
Er sah sie an und hatte das Gefühl, dass Hermine noch eher wusste, was mit ihm los war, als er selbst es sagen könnte. Oder war der Unterschied, dass sie beide die Wahrheit wussten, aber er sie nicht wahrnehmen wollte?
„Es ist nichts Hermine, ich schwöre es.“
Hermine sah ihn lange an, als versuchte sie, in seinem Gesicht zu lesen, ob er die Wahrheit sagte. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Okay.“ Und etwas leiser murmelte sie, scheinbar mehr zu sich selbst, „dann kann ich dir aber auch nicht hefen.“

Ron wachte erst gegen Mittag auf. Nachdem er gefrühstückt hatte, fragte er Harry: „Wie ist es, hast du Lust, eine Runde Quidditch zu spielen?“
Harrys Augen leuchteten auf: „Klar hab ich Lust! Ich hol gleich meinen Feuerblitz.“
„Und was ist mit mir?“, fragte Hermine eingeschnappt, „werde ich vielleicht auch gefragt?“
„Ähm, natürlich, Hermine, aber du hast die ganzen Jahre auf der Schule nie wirkliches Interesse an Quidditch gezeigt, deshalb dachte ich… und du hast ja auch keinen eigenen Besen.“
Er blickte sie etwas unglaubwürdig an. „Willst du denn mitspielen?“
„Warum denn nicht?“, erwiderte Hermine. „Wenn ihr mir einen Besen leihen könnt?“
„Das können wir bestimmt. Los, lasst uns die anderen fragen, wer noch mitmacht. Wenn Percy mitspielt, könnten wir drei gegen drei spielen.“
Harry zweifelte daran, dass der pflichtbewusste Percy neben seiner Arbeit im Ministerium großes Interesse hatte, Quidditch zu spielen, aber ihn zu fragen, würde wohl kaum schaden. Sie gingen die Treppe hoch, wo sie in Ginny stießen. „Wir spielen Quidditch, Ginny, hast du Lust mitzuspielen?“
„Klingt gut. Ich hol schnell meinen Besen und die Bälle.“
Sie erreichten Georges Zimmertür.
„Mann, ich hoffe, dass George mitspielt“, meinte Ron. „Er muss langsam mal aus seinem Loch rauskommen.“
Harry verstand, was Ron meinte. George war nur aus seinem Zimmer gekommen, um ihn zu begrüßen, und seit Harry da war, hatte er ihn nicht einmal beim Essenstisch gesehen. Ron klopfte an.
„Hey, George, wir wollen ne Runde Quidditch spielen!“
Zuerst ertönte keine Antwort, dann meinte George: „Nee, keine Lust.“
„Komm schon George, wir brauchen noch einen Mann! Schnapp dir deinen Sauberwisch und komm in den Garten.“
„Nein, wirklich nicht. Tut mir leid.“ Die drei Freunde sahen sich an.
„Okay, dann komm raus, wenn dir danach ist!“, rief Ron noch. „Mensch, hoffentlich spielt Percy mit, zwei gegen zwei macht nun wirklich keinen Spaß.“
Zu ihrer Überraschung stimmte Percy dem Spiel tatsächlich zu und folgte ihnen hinaus in den Garten.
„Also dann, zwei gegen drei“, meinte Ron. „Wie wäre es Ginny und Harry gegen uns drei?“ Er zeigte auf Hermine, Percy und sich selbst.
"Hey, warum müssen Ginny und ich im Zweierteam sein?“, protestierte Harry.
„Ihr seid die besten im Quidditch, darum. Hermine hat noch nie gespielt, Percy war nicht in der Schulmannschaft, und ich bin auch keine Glanzleistung.“
„Du bist ein fantastischer Hüter, Ron!“, riefen Harry und Hermine gleichzeitig.
Er grinste. „Mag sein, aber Ginny und Harry sind zwei fantastische Spieler. Los geht’s!“

Während des Quidditchspiels versuchte Harry, sowohl Ginny als auch Hermine nicht in die Augen zu sehen. Er wusste, dass er Ginny am Abend zuvor nicht ehrlich gegenüber gewesen war, und auch Hermine hatte er nicht gerade die Wahrheit erzählt.
Er wusste aber auch, dass Ginny – und Hermine auch – merken würde, dass er Ginny aus dem Weg ging. Er hatte heute noch kaum ein Wort mit ihr gesprochen.
„Du magst sie doch“, flüsterte eine Stimme in ihm.
„Aber ich liebe sie nicht.“
„Es ist so viel passiert, du bist nur durch den Wind.“
„Ich will nicht mehr mit ihr zusammen sein.“
Der Gedanke schmerzte ihm, und er setzte sich wie ein Messer in seiner Brust fest. Er war verzweifelt. Er dachte an das letzte Jahr. Was hatte er zu Ginny gesagt? „Wir hätten Monate zusammen haben können… Jahre...“
Vor ihnen lagen noch viele Jahre. Er konnte noch viele Jahre mit Ginny zusammen sein. Aber er spürte auch, dass er das nicht mehr wollte.
Es wäre vor einem Jahr ein verlockender Gedanke gewesen, mit Ginny zu kichern, sie zu küssen und all die Dinge zu machen, die normale Paare taten. Aber er hatte sich verändert. Er mochte Ginny. Sie war seine Freundin.
Genau wie er mit Neville befreundet war, oder mit Ron. Wie könnte er Ginny auch nicht mögen. Sie war Rons Schwester. Und die Weasleys waren eine Familie für ihn.

Er wollte auf andere Gedanken kommen, und wo er schon an Neville gedacht hatte, beschloss er ihm und den anderen DA-Mitgliedern eine Eule zu schicken. Ihm war klar, dass es nicht besonders höflich gewesen war, sich eine Woche zu verstecken und keinen Menschen wissen zu lassen, wie es ihm geht. Er fing mit Neville an, machte weiter mit Cho Chang und mit Lee Jordan und Luna. Hagrid und sogar Professor McGonnagall schickte er einen Brief. Er schrieb fast immer dasselbe – mir geht es gut, ich war im Hauptquartier, bin nun im Fuchsbau, wie geht es eurer Familie und euch, was macht ihr so – nur bei Luna fügte er noch einen Satz hinzu. „Ich habe die letzten Tage an dich gedacht. Willst du in den Fuchsbau kommen?“

2. Kapitel

Harry lag im Bett und konnte nicht einschlafen. Neben ihm ertönte Rons Schnarchen. Seine Gedanken wanderten über Hermine zu Ginny und schließlich zu Luna. Ob sie kommen würde? Er wollte sie gerne sehen. Und was war mit Ginny? Es konnte nicht so bleiben, wie es im Moment war.  Harry fragte sich, ob sie bemerkt hatte, wie er sie ignorierte. Sie hatte vorgeschlagen, heute Abend noch ein Runde fliegen zu gehen oder Quidditch zu trainieren, aber Harry hatte abgelehnt, unter dem Vorwand, müde zu sein. Er wollte Ginny nicht meiden, aber seine Angst, sie könnte merken, was mit ihm los war, war größer.
Hermine hatte es schon bemerkt. Aber Hermine wusste ja immer alles. Auf einmal hatte er wieder riesige Sehnsucht nach Sirius. Er würde sicher wissen, was zu tun war, oder vielmehr würde er ihm beistehen, ohne ihn zu kritisieren, wie es Hermine vielleicht würde, und Ron es ganz sicher würde.
Aber Sirius war genau wie seine Eltern, und Remus dorthingegangen, wo Harry nicht mehr mit ihnen sprechen konnte. Vielleicht hätte er den Stein der Auferstehung nicht in den Wald schmeißen sollen. Wenn er sie noch einmal sehen könnte… Doch dann fiel ihm ein, wie es im den Märchen der drei Brüder geschehen war:
„Bald wurde sie traurig, und kalt, weil sie nicht in die sterbliche Welt gehörte.“ Seine Eltern und sonst niemand wäre hier nicht glücklich. Und weiter ging es: „Verrückt geworden vor hoffnungslosem Wissen erhing sich der Bruder um sich zu ihr zu gesellen.“
Der, der für Liebe gestorben war… Nein, es war besser im hier und jetzt zu leben.
„Ich werde Ginny verlassen müssen.“ Der Gedanke war grauenvoll und erleichternd zugleich. „Ich werde nur ihr Freund sein.“
Es fühlte sich gut an. Für ihn. Aber was würde aus Ginny werden?
„Ich habe dich nie wirklich aufgegeben, Harry.“
Er behandelte sie so mies. Harry seufzte. Auf einmal erschien ihm der Kampf gegen Voldemort und alles, was er bisher geleistet hatte, viel leichter, als dieses Schlamassel der  Gefühle zu lösen. Er wünschte sich so sehr, dass Luna kommen würde.

„HARRY!“, rief jemand.
Harry blinzelte und erkannte verschwommen Ginnys Gesicht.
„Aufwachen, du Schlafmütze.“ Er blinzelte. Sie drückte ihm lächelnd seine Brille in die Hand.
„Besser?“, fragte sie, als er sie aufgesetzt hatte.
„Viel besser“, meinte Harry und erkannte, dass Ron nicht mehr in seinem Bett lag.
„Er und Hermine sind nach draußen verschwunden“, informierte Ginny ihn. „Dad und Percy sind im Ministerium und Mum hat Dad begleitet. Das heißt, das Haus ist unsers.“ Sie verzog das Gesicht zu einem schwachen Grinsen. „Wenn man von George absieht.“
„Meinst du, ich kann etwas für ihn tun?“
Ginny schüttelte den Kopf. „Er braucht nur Zeit.“
Harry zog sich rasch an und sie setzten sich an den Frühstückstisch.
„Irgendwelche Pläne für heute?“, fragte Ginny.
„Nicht wirklich“, Harry zögerte. „Ist ein Brief gekommen? Ich habe der gesamten DA geschrieben.“
Ginny verneinte. „Errol ist aber auch noch nicht zurück, also kann es gut sein, dass noch etwas kommt.“
„Ich sollte mir wohl bald eine neue Eule zulegen“, meinte Harry traurig. „Ich kann mir ja nicht auf ewig Errol leihen.“
„Mach es, wie du willst, aber lass dir gesagt sein, dass ich mir ohnehin bald eine Eule kaufen möchte. Natürlich kannst auch du mit ihr Briefe verschicken.“ Harry lächelte sie nur an. Ginny wusste genau, wie schlimm es für ihn war, nach Hedwig eine neue Eule zu besitzen. Es war so süß, wie sie sich Sorgen machte. Gleichzeitig fühlte er sich schlecht, dafür, wie er sie behandelte. Sie schenkte ihm so viel Liebe, doch weder war er besonders gut darin, sie anzunehmen, noch gab er ihr etwas zurück. In diesem Moment krachte es. Harry und Ginny zuckten zusammen.
„Du meine Güte Errol“, seufzte Ginny. Der altersschwache Vogel war -mal wieder- gegen das Fenster gekracht. „Vielleicht solltest du das nächste Mal Pig nehmen, Harry.“ Errol brachte fünf Briefe für Harry. Er riss den ersten Umschlag auf und erkannte Hagrids krakelige Schrift:

„Hey Harry, bin  froh zu hören, dass es dir gut geht. Kommst du mich und Witherwings bald mal besuchen? Liebe Grüße an Molly, Arthur und die ganzen Kinder. Bis bald, Hagrid“

„Der hier ist von Luna“, meinte Ginny. „Darf ich ihn öffnen?“
„Klar“, meinte Harry und legte den Brief von Cho zur Seite.

„Lieber Harry, und Ron und Ginny, denn ihr seid ja sicher nicht weit, wenn Ron im Fuchsbau ist.
Mir geht es auch gut, die anderen werden es dir vielleicht erzählt haben, ich war kurz im Fuchsbau zu Besuch. Meinem Vater geht es fantastisch, der Klitterer explodiert fast vor Lesern. Ich würde dich auch sehr gerne wiedersehen. Für meinen Vater wäre es in Ordnung, wenn ich bei euch vorbeischaue – wenn es der Familie Weasley recht ist?
Ich habe meine Suche nach den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler vorangekommen und bin mir ziemlich sicher eines entdeckt zu haben – es ist allerdings verschwunden, bevor ich es fangen konnte.
Bis hoffentlich bald,
Luna!“


„Es wäre super, wenn Luna kommt!“, rief Ginny. „Ich würde sie gerne mal wieder länger sehen und richtig mit ihr erzählen.“
„Warum hat sie euch überhaupt hier besucht?“, fragte Harry.
„Das war kurz nach dem Festessen in Hogwarts, ich würde es nicht als Besuch zählen. Sie machten eher einen Zwischenstopp hier, bevor sie weiterflogen. Wie auch immer, ich glaube nicht, dass Mum etwas dagegen hat. Lass uns ihr direkt antworten.“
Auch Harry freute sich sehr über Lunas Zusage. Es würde ihm guttun, mit der unbefangen Luna sprechen zu können - nicht unbedingt über seine Probleme, sondern einfach, um auf andere Gedanken zu kommen. Ron und Hermine platzten herein.
„Hey Harry, auch mal aufgewacht?“, rief Ron gut gelaunt. Er schnappte sich Lunas Brief vom Tisch und begann ihn zu lesen.
„Was sind das für Briefe?“, fragte Hermine diskreter.
"Von der DA und Hagrid“, begann Harry zu antworten, aber Ron unterbrach ihn.
„Loony will zu Besuch kommen. Das wird eng in eurem Zimmer, Ginny.“
„Hör auf, sie so zu nennen!“, riefen Harry und Ginny gleichzeitig. Ron zuckte nur mit den Achseln.
Hermine sah erfreut aus. „Tatsächlich? Ich habe grade die letzte Zeit an sie gedacht – und an die anderen DA-Mitglieder. Meint ihr nicht, wir sollten demnächst mal ein Treffen veranstalten? Die Münzen sind ja noch intakt. Im Raum der Wünsche. Wie früher.“
„Das wäre schön“, meinte Ginny. Harry hörte dem Gespräch der beiden nur mit halben Ohr zu. Er hatte das sichere Gefühl, dass Luna ihn von seinen tristen Gedanken über Ginny ablenken würde. Es war ihre Art, ihn zu beruhigen. Er dachte daran, wie sie ihm nach Sirius Tod geholfen hatte, darüber hinwegzukommen und wie sie ihn bei Dobbys Begräbnis unterstützt hatte. Luna würde ihn sicher aufheitern können. Und vielleicht würde nach ihrem Besuch wieder alles so sein wie immer, er würde Ginny wieder lieben, mit ihr spazieren gehen, nach Hogsmeade gehen und ein Butterbier trinken oder nur in ihrem Zimmer sitzen und erzählen.
„Harry?“, riss ihn Ginnys Stimme aus den Gedanken.
„Alles okay? Du schaust so komisch.“
Harry lachte, doch sogar in seinen Ohren hörte es sich gekünstelt an. „Ja, alles okay.“
„Wollen wir eine Runde Zauberschach spielen? Ich bin inzwischen fast genauso gut wie Ron.“
Harry zögerte. Er hatte gerade jetzt nicht das Bedürfnis, mit Ginny alleine zu sein. „Ich weiß nicht, ich hätte mehr Lust auf Quidditch oder einfach nur durch die Gegend zu fliegen.“
Hermine schaute nicht zu begeistert aus. „Tut mir leid, aber mein Bedarf an Quidditch ist erstmal gedeckt. Ich glaube ich verschwinde lieber in mein Zimmer und stöber in dem neuen Buch, das ich gekauft habe.“
„'Die erfolgreichsten NEWT-Level innerhalb von kürzester Zeit erreichen'“, ergänzte Ron, dem Harry fragendes Gesicht aufgefallen war.
„Ah“, meinte Harry und versuchte ein Lächeln zu verbergen. Er konnte nicht verstehen, warum Hermine sich nach all dem Stress im letzten Jahr nicht einfach mal eine Pause gönnte. Aber das war eben einfach nicht ihre Art.
„Ich glaube nicht, dass wir George zu einem Quidditchspiel überreden können“, meinte Ron, „aber wie wäre es mit einem Wettfliegen?“
„Ich bin dabei“, antworten Ginny und Harry.

Am nächsten Tag kam Luna an. Sie flog weder auf einem Besen, noch war sie appariert. Sie betrat das Anwesen der Weasleys auf einem Thestralen. Harry mochte sich nicht vorstellen, wie es für Hermine, Ron und Ginny sein musste, sie auf einmal zu sehen. Er selbst kannte sie ja schon seit Cedrics Tod. Luna winkte ihnen zu und landete.
„Hallo!“
„Hi Luna“, antwortete Harry.
Nachdem sie sich alle umarmt hatten, blickte Luna Harry forschend an. „Ich habe mich gefragt, wann du dich melden wirst.“
„Oh, schön mal nicht als erstes zu hören: 'Ich habe mir Sorgen um dich gemacht'“, scherzte Harry.
Luna legte den Kopf schief. „Ich mache mir keine Sorgen um dich. Du kannst auf dich aufpassen.“
„Danke“, sagte Harry grinsend.
„Hast du nichts eingepackt, Luna?“, fragte Ginny. „Wie lange willst du denn bleiben?“
„Ein paar Tage“, sagte Luna unbestimmt. „Aber keine Sorge. Ich habe an alles gedacht. Accio Tasche!“
Die Tasche schien aus dem Nichts aufzutauchen. „Da ist alles drin“, sagte Luna. „Ich muss meinem Vater noch Bescheid geben, dass ich gut angekommen bin. Sonst macht er sich um mich sorgen. Er glaubt wohl nicht, dass ich auf mich aufpassen kann.“
Sie nahm ihren Zauberstab erneut.
„EXPECTO PATRONUM!“
Ein Hase schoss aus ihrem Stab und Luna begann zu sprechen.
„Ich bin bei den Weasleys angekommen. Sie sind alle hier.“
Der Hase hoppelte davon.
„Wow, Luna“, meinte Ginny, „seit wann kannst du einen sprechenden Patronus zaubern?“
„Ich habe geübt“, sagte Luna in ihrer verträumten Stimme. „Dank der DA-Treffen kann ich ja einen Schutzpatronus zaubern. Kommt, lasst uns ins Haus gehen.“
Harry war beeindruckt. Er hatte noch nie Gebrauch von einem sprechendem Patronus gemacht, wusste aber, dass dieser Zauber noch fortgeschrittener war als der Patronuszauber, was einiges hieß. Bevor sie ins Haus gingen, hielt Harry Luna zurück.
„Luna...“, zögerte er. „Sag… woran denkst du wenn du deinen Patronus herbeizauberst?“
Luna blickte ihn freundlich an. „Du bist nett, Harry“, sagte sie schließlich. „Du hast mir alles über Patroni beigebracht. Ich denke an den Weihnachtsball, auf den wir zusammengegangen sind. Als Freunde.“

Als Harry an diesem Abend ins Bett gehen, kreisten seine Gedanken zum ersten Mal seit den letzten Tagen nicht mehr um Ginny.
„Hast du etwas vor für morgen, Ron?“, fragte er.
Ron grunzte nur. Harry deutete dies als Nein.
„Ich möchte morgen Teddy besuchen gehen“, sagte er leise. „Mit Luna. Und Ginny. Das würde mir gefallen.“  
Er blickte Ron an und stellte fest, dass dieser schon fest eingeschlafen war.
„Gute Nacht, Ron. Schlaf gut“, meinte Harry. Innerhalb der nächsten Minuten war auch er in einem tiefen, traumlosen Schlaf.

Ginny, Luna und Hermine saßen schon am Frühstücksstisch, als Ron und Harry, beide noch etwas verschlafen, zur Tür hineinkamen. „Guten Morgen“, sagte Luna. Ron hob nur die Hand zum Gruß.
„Guten Morgen“, antwortete Harry. Ginny begrüßte ihn mit einem Kuss, doch Harry weichte aus und sie erwischte seine Wange.
„Guten Morgen, Ginny.“
„Möchtest du heute irgendetwas bestimmtes tun, Harry?“, fragte Luna. „Ich würde gerne dein Haus sehen.“
Harry brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass sie vom ehemaligen Hauptquartier sprach.
„Da gibt es nichts sehenswertes, ehrlich nicht, Luna.“
Luna sah ihm in die Augen. „Oh doch, Kreacher und Hermine sprach auch von einem Irrwicht.“
„Der ist erledigt.“
Harry fragte sich, ob Hermine etwa die Geschichte mit „S.P.E.W“ immer noch nicht aufgegeben hatte, und Luna überreden wollte, sich von den schlechten Umständen der Hauselfen am Beispiel Kreacher zu überzeugen.
„Vielleicht sind da noch mehr. Ich hab noch nie gegen einen gekämpft, wir hatten keinen in der DA.“
Wann immer Luna von der DA sprach, fühlte Harry sich irgendwie unbehaglich. Grund dafür wahrscheinlich die Unterhaltung mit Luna über die DA-Treffen vor einigen Jahren. Ich mag die Treffen. Es fühlt sich an, als hätte ich Freunde. Aber genau diese Offenheit schätzte er auch so an ihr.
„Ich wollte eigentlich Andromeda und Teddy besuchen gehen. Ich habe ihn erst einmal gesehen.“
„Das klingt auch gut“, meinte Luna freundlich. „Aber du möchtest sicher alleine gehen, oder? Es ist dein Patenkind.“
„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du mitkommen willst.“
Harry sah zu Ginny. „Und dich natürlich auch.“
Er lächelte sie an, wenn auch ein wenig verkrampfter, als er Luna angelächelt hatte.
„Oh, klar“, gab Ginny zurück.  Lunas Augen leuchteten ein wenig.
„Oh danke, Harry, ich möchte Ted sehr gerne sehen.“
„Was ist mit euch?“, fragte Harry Ron und Hermine.
„Wir… wir hatten vor nach Hogsmeade zu gehen, ein Butterbier trinken. Tut mir leid, Harry, ein andermal bestimmt.“ Hermine sah aus, als würde sie die Absage sehr bedauern.
„Ist nicht schlimm, es wären vielleicht ohnehin zu viele gewesen“, antwortete Harry und lächelte seine Freunde beruhigend an.

Ron, Hermine und Harry standen im Garten; Ron und Hermine wollten gerade nach Hogsmeade aufbrechen.
„Harry, bist du sicher, dass es okay ist, wenn wir einfach abhauen?“, fragte Hermine.
„Klar“, antwortete Harry. „Geht ihr nach Hogsmeade und lasst es euch schmecken. Mach dir keine Sorgen, Hermine, ich habe genug Gesellschaft.“
„Von Loony!“, rief Ron. „Du kannst dir nicht mal einen schönen Tag mit Ginny machen, nachdem ihr so wenig Zeit zusammen hattet, das letzte Jahr über, nun wirst du auch noch einen Tag mit Luna verbringen müssen.“
Harry sah ihn ein wenig wütend an. „Sorry, das mit Loony ist mir so rausgerutscht.  Ich weiß, du magst den Namen nicht. “
„Ich dachte, du magst den Namen auch nicht!“, rief Harry. „Und ich dachte, Luna wäre deine Freundin, ich dachte, sie wäre dir wenigstens ein wenig wichtig!“
Hermine sah in erschrocken an.
„Ich bin sicher, Ron meinte es nicht so, Harry“, fing sie an, wurde aber von Ron unterbrochen.
„Tschuldigung! Ich denke nur, als Freundin könnte sie auch ein wenig empathischer sein und dir die Zeit mit Ginny gönnen.“ Er sah ihn an. „Sie muss doch verstehen, dass sie nicht immer erwünscht ist.“
Harry und Hermine  starrten Ron ungläubig an.
„Okay, ich habe mich grade nicht sehr freundschaftlich verhalten“, gab er zu. „Ich finde eben, dass du und Ginny extrem wenig Zeit miteinander verbringen könnt, und ich will nicht… dass es so endet, wie es mit allen Jungs von Ginny bisher geendet hat. Dass sie dich einfach links liegen lässt. Aber ich schätze, es war ein bisschen gemein gegenüber Loony… Luna.“
„Allerdings“, meinte Harry und atmete tief durch. „Außerdem vergisst du, dass ich Luna gefragt habe, ob sie mitkommt, und ich hätte sie nicht gefragt, wenn mir ihre Gesellschaft nichts bedeuten würde, oder sie mich nerven würde.“
Ron sah ihn kurz an, und zuckte dann mit den Schultern. „Du musst es wissen, Harry“, meinte er. „Und wegen Ginny… sorry, Harry. Du bist nicht wie die anderen Jungen. Ich weiß, dass Ginny dich sehr liebt.“
Harry wurde das Herz schwer.
„Bis heute Abend.“
„Bis heute Abend.“
 
 

3. Kapitel

Luna, Harry und Ginny machten sich gegen Mittag auf dem Weg zu Andromeda und Ted Tonks. Die Frau begrüßte sie freundlich und schloss Harry direkt in die Arme. „Hallo, Harry.“
„Hallo, Mrs Tonks.“
„Nenn mich Andromeda“, meinte sie strahlend und beäugte die Mädchen. „Du musst Ginny Weasley sein. Du meine Güte, bist du groß geworden.“ Auch Ginny bekam eine Umarmung bevor sie sich an Luna wandte. „Und du musst Xeno Lovegoods Tochter sein – Luna, nicht wahr?“
Luna nickte und begrüßte Andromeda. „Tut mir leid, dass ich erst jetzt und so unangemeldet komme“, fing Harry an, doch Andromeda unterbrach ihn.
„Ach, das ist nun wirklich mehr als verständlich. Kommt mit, Teddy ist im Wohnzimmer. Er freut sich bestimmt über Gesellschaft.“
HHarry zog das selbstgebasteltes Kuscheltier in Form eines Wolfes heraus. Er hatte ihn so verhext, dass er die Farbe seines Pelzes  ändern konnte, und bei Vollmond heulte.
„Wie nett“, meinte Mrs Tonks beim Anblick des Kuscheltiers. Harry lächelte schief. „Ich dachte mir, es ist schön, wenn er etwas hat, das seinen Eltern ähnelt.“ Harry zögerte. „Er kann immerhin sehr stolz auf sie sein.“
„Ein guter Gedanke“, lobte Andromeda. Sie betraten das Zimmer. Teddy saß auf dem Boden und hantierte mit einigen Holzklötzchen herum. Harry blieb schüchtern stehen.
„Na los“, ermunterte ihn Andromeda augenzwinkernd. Harry ging zu ihm und setzte sich hin. Teddy sah ihn mit großen, kugelrunden Augen an. Er hatte braune Haare und braune Augen.
„Hey, Teddy“, meinte Harry. „Ich bin Harry – dein Pate. Und dein Freund, wenn du das willst.“ Harry nahm sein Geschenk und hielt es Teddy hin.  Der kleine Junge nahm es vorsichtig – und auf einmal wurden seine Haare rot. Harry sah Andromeda fragend an.
„Ist er…?“
„Teddy ist Metamorphagus, genau wie Nymphadora“, sagte sie liebevoll. „Wenn er seine Magie kontrollieren kann, wird er auch diese Fähigkeit nach seinem Willen nutzen können, momentan passiert alles eher unkontrolliert und plötzlich.“
Harry wandte sich wieder seinem Patensohn zu und stellte fest, dass dieser den fellwechselnden Werwolf schon in die Arme geschlossen hatte. Er strahlte Harry glücklich an. Harry lächelte zurück und war in diesem Moment der glücklichste Junge auf Erden.

„Er ist so süß!“, sagte Luna begeistert zu Ginny, als die drei zusammen mit Teddy im Garten waren. Andromeda war im Haus geblieben; sie wollte einen Kuchen backen und anschließend gemeinsam im Garten essen.
„Ich frage mich, ob er versteht was wir sagen.“
Ginny zuckte die Schultern. „Darf ich ihn auch mal halten, Harry?“
Harry zögerte.Ob Mrs Tonks wohl einverstanden wäre? Es war immerhin ihr Pflegesohn. Und gleichzeitig meldete sich eine kleine Stimme in ihm, die ihm sagte, dass es sein Patenkind war, nicht ihrs. Er wollte nicht egoistisch sein, aber immerhin hatte er Teddy gerade erst kennengelernt und schon wollte Ginny ihn ihm wieder abnehmen. Er wusste zwar, dass das nicht so war, aber sofort erinnerte er sich daran, was Ron gesagt hatte. Ich denke nur, als Freundin könnte sie auch ein wenig empathischer sein.
Er hatte von Luna gesprochen, doch gerade verhielt Ginny sich doch eher aufdringlich. Luna hingegen war hinten im Garten verschwunden und begutachtete die Blumen. Doch Harry schob diese Gedanken zur Seite und nickte.
„Klar“, meinte er und übergab ihr Teddy vorsichtig. Sie nahm ihn auf den Schoß und eine Weile saßen sie nur stumm da und betrachteten das Kind. Harry fühlte sich unbehaglich. Er dachte an all das, was er Ginny sagen wollte, all das was in seinem Kopf die letzten Tage vorgegangen war – doch es schien ihm höchst unpassend, jetzt damit auszupacken.
„Bist du okay, Harry?“, fragte Ginny sanft. Erschrocken zuckte er innerlich zusammen. Manchmal hatte er das Gefühl, sie konnten alle Gedanken lesen – Hermine, Ginny und vielleicht sogar Luna. Für einen Moment hatte er den Drang, Ginny alles zu erzählen – von seinen Bauschmerzen in Sirius' Haus bis hin zu seinen schlaflosen Nächten. Doch dann besann er sich eines besseren und lächelte sie an, so gut es ging.
„Alles okay, Ginny.“
Sie lächelte auch. „Dann ist ja gut.“
Luna kam wieder näher. „Ein schöner Garten“, sagte sie verträumt. „Er sieht aus wie einer der Gärten in meinen Kinderbüchern.“ Sie setzte sich zu ihnen und sah erst Teddy an, dann Harry. „Du wirst bestimmt wie ein Vater für ihn sein, Harry.“
„Ähm, keine Ahnung“, antwortete Harry. „Ich denke es, ich hoffe es jedenfalls.“
„Ich bin mir sicher“, meinte Luna mit Nachdruck.

„Der Kuchen ist fertig“, rief Andromeda fröhlich in den Garten. Sie kam mit einem Tablett heraus, auf dem nicht nur Kuchen, sondern auch dampfende Tassen und Gebäck lag. „Ihr mögt doch sicher Butterbier zu eurem Kuchen?“
Die drei nickten, und kurz darauf saßen sie alle – Teddy eingeschlossen – am Tisch und ließen sich es schmecken.
„Es schmeckt köstlich“, meinte Luna. Harry und Ginny nickten zustimmend.
„Fast so gut, wie die Sachen, die deine Mutter immer backt“, wandte Harry sich augenzwinkernd an Ginny. Sie lächelte, antwortete aber nicht, weil sie den Mund voll hatte.
„Ja, Mrs Weasleys Sachen schmecken auch nicht schlecht“, meinte Luna gedankenversunken. Wie so oft fragte Harry sich, was in ihrem Kopf vorging.
„Das freut mich“, meinte Mrs Tonks glücklich. „Möchtest du noch ein Stück, Luna?“
„Gerne“, antwortete sie und hielt freudig ihren Teller hin. Ihre welligen, blonden Haare glitzerten in der Sonne, als sie sich vorbeugte und nach ihrer Gabel griff. Harry fragte sich, warum ihm noch nie vorher aufgefallen war, wie hübsch Luna aussah, mit ihren blauen, großen Augen und ihrer schlanken Figur. Doch dann dachte er an Ginny. Er war doch in sie verliebt, schon so lange. Es passte ihm gar nicht, wie Luna ihm nun gefiel.
„Ich sollte mich einfach damit abfinden, dass ich keine Gefühle mehr für Ginny haben“, dachte er traurig. „Vielleicht ist das manchmal so.“ Er fühlte sich allein. Es gab niemanden mehr, mit dem er reden konnte. Seine Eltern, Sirius und Remus, all die Leute, die ihm jetzt bei seinem Gefühlschaos helfen könnten, waren nicht mehr da. Bei jedem anderen Problem hätte er sich wohl an Mrs oder Mr Weasley gewandt, aber Harry stellte es sich unpassend vor, mit einem von ihnen darüber zu sprechen, ob und wie er Ginnys Herz brechen sollte. Mit Ron oder Hermine zu sprechen würde auch keine Option sein. Ron würde ihm den Kopf abreißen, und Hermine würde ihr „ich-wusst's-doch-schon“-Gesicht aufsetzen. Trotzdem schien Hermine die einzige Möglichkeit zu sein, die ihm blieb. Er kam mit seinem Gedankenkarussel nicht weiter und sonst gab es niemanden, der ihn verstehen würde, oder ihm helfen würde. Doch er hatte vor nur vier Worten Angst, die sie sagen  könnte:
„Mach mit Ginny Schluss.“ Er hatte das Gefühl, das wäre die einzige Möglichkeit, aber er wollte es nicht ausgesprochen hören, er wollte es nicht einmal denken. Es war so endgültig, und-
„Harry, hast du Lust?“ Er blickte auf.
„Ähm, was ist?“
Ginny sah ihn an. „Ist alles in Or-“
„Ja“, beeilte Harry sich zu sagen, „ich war nur gerade in Gedanken. Was hast du gesagt?“
„Andromeda hat vorgeschlagen, dass wir drei mit Ted spazieren gehen könnten. Willst du?“
„Klar, klingt super“, meinte Harry und stand schon auf.

Der Kinderwagen quitschte, als Harry ihn den Weg hinaufschob. Die Vögel flogen über sie hinweg und der Wind streichte sanft über die Äste der Bäume, die am Wegrand standen. Luna lief vor Harry und Ginny, ihre Haare flatterten im Wind. Harry konnte die frische, bewegte Luft auf seiner Wange spüren. Die Sonne schien auf seine Nasenspitze und Ginny legte lachend den Kopf in den Nacken.
„Es ist ein wunderschöner Tag heute, meint ihr nicht?“ Harry nickte und lächelte. Luna drehte sich zu ihnen um, und nickte. Sie sah sehr glücklich aus, und strahlte über das ganze Gesicht.
„Ein wunderschöner Tag“, meinte auch sie. „Los, wir machen ein Wettrennen!“
„Ich weiß nicht, Teddy...“, fing Harry an, doch Luna schüttelte lachend den Kopf. „Ginny kann ihn nehmen.“
Und schon schnappte sie Harry an der Hand und rannte los. Verwirrt folgte Harry ihrem Impulsiv und sie beide jagten dem Sonnenuntergang entgegen, gefolgt von Ginny, die einige Meter hinter ihnen, mit dem Wagen hinterherrannte. Erst als sie das Ende des Weges erreichten, stoppte Luna. Harry war außer Atem; er sah Ginny entgegen, die jetzt erst ankam, und lächelte die Mädchen an.
„Ja“, sagte er, schnaufend, „ein wunderschöner Tag.“

Als sie im Fuchsbau ankamen, war die Sonne schon untergegangen und die Dämmerung brach hinein. Ron und Hermine waren schon zurück. Auch sie schienen eine schöne Zeit gehabt zu haben.
„Hey, Harry“, begrüßte Ron ihn, „und, wie ist Teddy so?“
„Der beste kleine Patensohn, den du dir vorstellen kannst“, antwortete Harry.
„Das ist toll“, meinte Hermine. „Los, lasst uns zu Abend essen, ich sterbe vor Hunger.“
„Wir hatten etwas bei Andormeda“, meinte Harry, der bei der Familie Toks soviel gegessen hatte, dass ihm noch immer ein wenig schlecht war, „und ich bin müde.  Ich leg mich oben hin, okay? Wir sehen uns später.“
Hermine und Ron nickten.
„Oh, ich habe wieder Hunger“, meinte Ginny und sah Harry an. „Ich dachte, wir könnten uns in den Garten setzen und picknicken – oder noch einen Ausflug machen, oder etwas ähnliches.“
„Vielleicht ein andernmal“, meinte Harry zögernd, „es war ein langer Tag.“
„Okay“, Ginny zuckte mit den Schultern. „Dann esse ich eben mit Ron und Hermine – und Mum und Dad, sie kommen sicher bald heim.“ Harry nickte, und Ginny wandte sich an Luna.
„Was ist mit dir, Luna?“
„Ich bin auch nicht hungrig“, sagte sie. „Ich würde in dein Zimmer gehen, Ginny, mich ausruhen und ein wenig aus dem Fenster schauen, wenn es dir recht ist.“
„Klar.“ Ginny wandte sich zum Gehen, und Luna und Harry gingen nach oben.
„Du musst nicht nur aus dem Fenster schauen, Luna“, meinte Harry. „Du könntest mit mir gehen und wir könnten… uns gemeinsam ausruhen und aus dem Fenster schauen.“
Er wusste, dass dieser Vorschlag lahm war, und bereute schon, ihn ausgesprochen zu haben, aber er hatte jetzt gerade keine Lust, drei Wände von Luna entfernt zu sein, wenn sie sich gegenseitig Gesellschaft leisten könnte. Doch Luna schien seinen Vorschlag ernst zu nehmen.
„Oh ja, sehr gerne, Harry“, sagte sie erfreut. Sie gingen in Rons Zimmer. Harry stand zuerst etwas unschlüssig herum – was sollten sie nun miteinander anfangen, doch Luna deutete auf den Schreibtisch.
„Komm, wir setzten uns dahin. Man hat dort eine schöne Sicht auf den Garten und die umliegenden Felder. Ich habe es schon ausprobiert.“ Harry folgte ihrer Geste. Sie setzten sich nebeneinander auf Rons Tisch und blickten aus dem Fenster. Und so saßen sie einige Zeit da, keiner von beiden sprach ein Wort, doch es war nicht etwa eine unbehagliche Stille, sondern die gemütlichste Ruhe, die Harry sich vorstellen konnte. Es schien die Zeit still zu stehen. Es war ein wunderschöner Abend.
Harry war so froh, dass Luna gekommen war.

4. Kapitel

Abends lag Harry im Bett und starrte an die Decke. Sein Hals war trocken und er konnte nicht einschlafen. Er warf einen Blick auf Ron. Er schlief tief und fest. Harry drehte sich nach rechts und schloss die Augen. Nach einer halben Minute drehte er sich wieder auf den Rücken. Nachdem er sich eine Weile hin- und hergewälzt hatte, stand er auf, und beschloss, sich etwas zu trinken zu holen. Leise öffnete er die Tür und schloss sie vorsichtig. Auf Zehenspitzen schloss er sich in die Küche, um niemanden zu wecken. Als er sein Glas abgestellt hatte und gerade wieder nach oben gehen wollte, hörte er ein Knarren auf der Treppe. Er erstarrte und sah die Tür an, als erwartete er sie jederzeit, sich zu öffnen. Langsam und mit Bedacht ging er auf die Tür zu, und schlich sich wieder auf den Gang. Vorsichtig ging er nach vorne, als er plötzlich jemand vor ihm stand. Er zuckte zusammen und starrte ins Gesicht von Luna. Sie wirkte seltsamerweise überhaupt nicht verblüfft ihn zu sehen.
Oh, hi, Harry“, meinte sie.
„Kannst du auch nicht schlafen?“
„Ich habe nur ein wenig Halsschmerzen“, antwortete Harry.
„Dann gute Besserung“, meinte Luna freundlich.
„Danke“. Harry machte einen Schritt nach vorne. „Ähm, ich geh dann mal wieder schlafen.“
„Gute Nacht, Harry“, sagte Luna.
„Nacht.“ Harry ging weiter, um sich dann noch einmal umzudrehen. „Kannst du etwa nicht schlafen, Luna?“
„Es geht so“, meinte sie. „Ich dachte, ich mache einen Nachtspaziergang bei Mondschein. So ein Spaziergang ist gut, um den Gedanken freien Lauf zu lassen.“
„Ja, sicher“, meinte Harry nachdenklich.
„Möchtest du mich begleiten?“, fragte Luna. „Ich habe nichts gegen Gesellschaft.“
Für einen Moment war Harry versucht Ja zu sagen, besann sich dann aber eines besseren. „Danke“, meinte er. „Aber ich glaube, ich gehe doch lieber wieder schlafen.“ Luna nickte.
Harry zögerte kurz, bevor er hinzufügte: „Vielleicht ein andernmal?“
Sie nickte erfreut und wandte sich zum Gehen. „Bis morgen, Harry.“
„Bis morgen, Luna.“

„Hermine!“ Harry lief Hermine hinterher, die sich mit Ron und Ginny in den Garten gesetzt hatte und die Sonne genießen wollte. Sie trug ein Buch unterm Arm. Ron räkelte sich genießerisch unter der Sonne. „Perfekt.“
Hermine sah Harry an. „Ja?“
„Ähm, könnte ich kurz, ein… Wörtchen mit dir reden?“ Harry warf schnell Ginny einen Blick zu, doch diese war außer Hörweite.
„Klar.“ Hermine runzelte die Stirn.
„Gut, dann komm bitte“, meinte er hastig, und zog sie ins Haus. Sie rüttelte ihren Arm frei und fragte.
„Was ist jetzt los?“
„Hör zu, Hermine“, meinte er, „erinnerst du dich an das Gespräch von uns vor ein paar Tagen?“
Sie nickte und hob fragend eine Augenbraue. „Du meintest doch, es sei alles… okay.“
„Ja“, meinte Harry schnell, „ja klar, nur… vielleicht ist inzwischen nicht alles okay.“
„Ach“,meinte Hermine. „Was ist denn nicht okay?“ Sie klang zwar abwartend, aber dennoch freundlich und sogar eine Spur besorgt.
„Es ist nur… nunja, ich stecke ein wenig in der Klemme“, meinte Harry.
„Jaaah?“, fragte Hermine gedehnt.
„Naja, stell dir mal vor, du… Du magst es bei Ron zu sein, oder?“
„Geht es jetzt um uns oder um dich?“
„Ich versuche nur einen Vergleich zu schaffen. Also, wenn du dich auf einmal nicht mehr… so wohlfühlst in seiner Gesellschaft, also schon wohlfühlst, aber nicht… nicht so.“ Harry sah Hermine hoffnungsvoll an, und sie nickte.
„Ja, ich verstehe was du meinst. Und weiter?“
„Naja, wenn es nun, jemand anderen, geben würde… wo du dich so wohlfühlst, und du einfach nicht mehr bei Ron sein willst, und du an nichts anderes denken könntest als an diese Person, und dann auch an Ron… Würdest… würdest du es Ron sagen?“
Hermine schwieg einen Moment lang.
„Hermine?“, fragte Harry vorsichtig.
Sie blickte ihm in die Augen. „Wir gehen davon aus, dass, als ich Ron gesagt habe, ich bin in ihn verliebt und ich möchte mit ihm zusammen sein, dass ich auch wirklich in Ron verliebt war?“
„Ja, sicher“, meinte Harry. „Es ist ja sogar dir aufgefallen, dass ich in Gi…, also es ist wirklich jedem aufgefallen, wie du Ron ansiehst.“
Sie nickte langsam. „Ich denke, ich würde mir erst einmal über meine Gefühle klar werden und dann mit Ron sprechen“, meinte sie schließlich. „Es nützt nichts, den anderen anzulügen. Und... sich selbst.“ Sie sah in prüfend an. „Ich würde mir aber wirklich gut überlegen, was ich tatsächlich fühle, und was nur … aufgewühlt ist von den letzten Ereignissen.“
Harry nickte langsam. „Jaah...“ Sie standen eine Weile da und schwiegen sich an. „Hermine… du, du bist nicht sauer auf mich, oder?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Harry, ich bin froh, dass du zu mir offen warst. Du kannst nur nicht von anderen erwarten, dass sie ebenso glücklich über deine Ehrlichkeit sind. Sie könnten mehr als enttäuscht sein, und ich würde es verstehen, offen gestanden. Denk einfach drüber nach, ja?“ Sie drehte sich um und wollte gehen.
„Hermine“, sagte Harry noch, „du… erzählst  niemanden von diesem Gespräch, oder?“
Sie schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht, was wäre das für Freundschaft?“ Als sie sich abwandte, hörte er sie noch leise, wie zu sich selbst, sagen, „es ist außerdem deine Aufgabe, Ginny das Herz zu brechen, nicht meine.“
Dann drehte sie sich nochmal zu ihm um und meinte: „Es ist aber vollkommen ausgeschlossen, dass wir eben über dich, Ginny und Luna gesprochen haben, oder? Es ging ja die ganze Zeit um Ron und mich.“
„Oh, ja klar“, meinte Harry und schaffte es, ein schwaches Grinsen aufzusetzen.. „Jah, war nur so aus Interesse gemeint.“
Hermine seufzte, lächelte aber ebenfalls ein wenig. „Gut zu wissen.“

Ginny, Luna und Harry saßen auf der Wiese. Harry überlegte fieberhaft. Er überlegte, wie es am geschicktesten war, mit Ginny zu sprechen. Den gestrigen Abend hatte er damit  verbracht, sic Formulierungen für das unvermeindliche Gespräch zu überlegen. Am wichtigsten war es erst mal, dass Luna verschwand. Und als hätte sie seine Gedanken gelesen, stand Luna in diesem Moment auf.
„Ich geh ein wenig  herum“, meinte sie verträumt, wie aus einer anderen Welt. „Es ist eigentlich ziemlich langweilig, hier mit euch herumzusitzen.“ Und weg war sie. Ginny starrte ihr nach.
„Sie ist anders geworden“, meinte sie. „Luna.“
„Findest du?“, meinte Harry wage.
Ginny nickte. „Irgendwie… offener.“
Harry dachte nach. „Nein“, sagte er. „Luna war schon immer so.“ Er zögerte. „Nur jetzt hat sie… naja Freunde.“
Er sah Luna an, die sich immer weiter entfernte. „Wir sind die, die anders geworden sind.“
Ginny sah ihn an. „Du hast wahrscheinlich recht.“ Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, aber Harry hielt es nicht mehr aus.
„Ginny, wir müssen reden, ich muss reden!“, platzte er heraus.
Ginny sah ihn überrascht, fast schon erschrocken an. „Was ist los, Harry?“, begann sie. Er atmetete tief durch. Es gab kein Zurück mehr. Er öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Sie runzelte besorgt die Stirn.
„Harry?“, flüsterte Er schluckte schwer und verschluckte sich dabei. „Harry, bist du OKAY?“, fragte Ginny lauter.
Er japste nach Luft. „Ich will dir nicht wehtun, Ginny.“ Sie sah verwirrt aus, und gleichzeitig, als fürchtete sie seine nächsten Worte. Er wollte nicht wissen, was in ihr vor sich ging. Er holte tief Luft, vergass all die Sätze, die er sich zurechtgelegt hatte und sagte in einem Atemzug:
„Ich hatte dich so lieb Ginny. Ich wollte dich niemals, niemals verlassen, Ich schwöre es dir. Aber… das ist…. ein Jahr her… und ich.. ich“, seine Stimme verließ ihn wieder. „Du liebst mich nicht mehr“, sagte sie. Ihre Stimme schien keinen Klang zu haben, sie war monoton, und er hörte sie wie ein Rauschen in seinem Kopf. „Ginny… hör zu, ich...“
Sein Herz klopfte vor Angst und ihm wurde heiß. Das Gespräch lief nicht in die Richtung, die er hatte haben wollen.
„Du liebst mich nicht mehr“, wiederholte sie, noch immer klanglos, nur mit einer kleinen feinem Hauch Enttäuschung, der ihm eine Nadel in sein Herz bohrte. „Oder?“ In ihrer Stimme lag eine gewisse Hoffnung.
Harrys Gehirn wollte den Kopf schütteln, wollte Ginny in den Arm nehmen und sagen, dass er sie immer geliebt hatte und immer lieben werde, doch sein Herz gewann den Kampf.
Er nickte.
Er konnte nichts sagen. Ein "Es tut mir leid" lag ihm auf der Zunge, doch er schluckte es runter. Wie würde er sich fühlen? Würde er gerne hören "Es tut mir Leid Harry. Ich liebe dich nicht. Es ist alles vorbei, tut mir echt leid."
Tut mir leid, dachte er. Tut mir leid tut mir leid tut mir leid. Aber tat es ihm wirklich leid? Es schmerzte auf jedenfall. Es schmerzte, weil er Ginny nicht verlieren wollte und nicht behalten wollte. Es schmerzte, weil er Ginny verletzt hatte. Er wollte etwas zu ihr sagen, sagen, dass es Unsinn war, dass er sie immer geliebt hatte, er wollte sie in den Arm nehmen und küssen, doch es ging nicht. Er schaffte es nicht. Er starrte sie an und sie starrte ihn an mit einem leeren, müden Blick. Harry wollte, dass Ginny ihn anschrie. Dass sie impulsiv wurde, ihn fertig machte und böse auf ihn war. Er wollte, dass sie etwas sagte. Doch Ginny sagte nichts. Sie drehte sich um und ging langsam zurück ins Haus.

Harry wusste nicht, wie lange er so dagestanden hatte. Vielleichten war es eine Minute, vielleicht zwanzig. Es war ihm auch egal. Er wollte einfach nur hier stehen, nichts sehen, nichts denken und vor allem nichts fühlen. Er hörte Schritte hinter sich, und sein Herz sank. Hermine. Oder Ron. Oder George. Egal wer es war, er könnte niemandem in die Augen sehen. Er wollte nicht von Hermine hören, was er falsch gemacht hatte.Er wollte nicht von Ron gehasst werden. Er wollte vor allem keinem Menschen mit roten Haaren über den Weg laufen. Ginny hatte rote Haare...
Es war Luna. Harry war erleichtert. Nicht Hermine. Nicht Ron. Kein Weasley.
"Stehst du hier die ganze Zeit alleine?", fragte sie freundlich. "Ich hätte gedacht, Ginny sei bei dir."
Harry konnte nur den Kopf schütteln. Ginny war nicht mehr bei ihm. Nie mehr.

5. Kapitel

"Es gibt Abendessen!" Mrs Weasley rief von unten. Harry war absolut nicht in der Stimmung, sich mit Ginny an einen Tisch zu setzen. Er vergrub seinen Kopf in seinen Armen. Er hörte, wie sich Ginnys Zimmertür öffnete und verkroch sich tiefer im Bett. Er konnte ihr jetzt nicht in die Augen sehen. Jetzt nicht, vielleicht nie mehr. Jemand klopfte an die Tür. Harry hatte keine Ahnung, wer es war, ihm war es aber auch egal. "Ich habe keinen Hunger!"
Die Person antwortete nicht, und er hörte wie sich Schritte entfernten. Er erinnerte sich an den Moment, als er Ginny kennengelernt hatte. Er hatte zu gut in Erinnerung, wie sie darauf gedrängt hatte, ihn zu sehen... Damals war sie noch nicht mal in Hogwarts. Und dann, gleich in ihrem ersten Jahr, hatte sie die Kammer des Schreckens geöffnet, und er hatte sie gerettet... Und dann war sie ins Quidditch-Team gekommen, zuerst als Sucher... Und dann als Jäger... Sie hatte beides gekonnt. Sie war auf dem Besen fast so gut wie er. Sie war eine Kämpferin. Und er ließ sie hängen.
Ron würde ihn wahrscheinlich umbringen. Hermine würde ihn verstehen, aber Ginny würde ihr trotzdem Leid tun. Luna würde wahrscheinlich keinerlei Partei ergreifen, sondern einfach... Luna sein. Sein Kopf schmerzte. Er brauchte frische Luft und öffnete das Fenster. Der Garten war leer. Er streckte sein Gesicht in die Abendluft und versuchte, den Kopf frei zu bekommen. Der Versuch war nicht sehr von Erfolg gekrönt. Seufzend schloss er das Fenster wieder; gerade in diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Schnell versuchte er einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen.
"Hi, Harry, ist alles ok?"
"Ja", beeilte Harry sich zu sagen, "ja, alles gut. Ich hatte nur keinen Hunger." Er setzte ein Lächeln auf, und hoffte, dass es Ron überzeugte.
"Okay. Sag mal, mit dir und Ginny ist alles okay, oder? Sie was komisch drauf heute Abend."
Harry schluckte. Er wusste, dass er Ron sagen müsste, dass er mit Ginny Schluss gemacht hatte, aber er konnte es nicht über sich bringen. "Hör mal, ich glaube ich gehe noch eine Runde raus, spazieren oder so. Bis dann." Und weg war er, ohne Ron eine Chance zu geben, zu antworten; er rannte fast schon aus dem Haus, um den fragenden Blicken der anderen zu entgehen. Vor allem natürlich Ginnys.

Draußen war es warm, doch Harry hatte keine Augen für den schönen Sonnenuntergang. Er wollte Ginny wiederhaben. Aber ein kleines, fieses Gefühl der Erleichterung überkam ihn ebenfalls, als wäre eine große Last von seinen Schultern genommen worden. Als er zurückkam, erstarrte er fast. Vor der Haustür, auf den Steinen, saßen Hermine und Ginny. Hermine hielt sie im Arm. Harry brauchte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, worüber sie sprachen. Schnell drehte er sich um , ging durch den Garten und die Hintertür ins Haus und hinauf in sein Zimmer. Er war ein wenig aus der Puste, als er oben ankam, und Ron betrachtete ihn schon wieder so komisch.
"War's schön?"
Harry zuckte die Schultern. "Ja."
"Willst du noch ne Runde Quidditch spielen?" Harry schüttelte den Kopf. Bloß kein Quidditch.
"Was anderes dann vielleicht? Zauberschach, oder so?"
Er schüttelte den Kopf. "Ich glaub, ich geh ins Bett."
"So früh? Sicher, dass es dir gut geht?" Harry nickte. "Na gut, ich denk ich geh dann mal schauen was Hermine so treibt", meinte Ron und ging aus dem Zimmer. Harry legte sich hin, vergrub sich unter der Decke und versuchte, an gar nichts zu denken.

Er wachte früh auf. Die Sonne war noch nicht mal aufgegangen, aber die Vögel zwitschernden draußen schon. Harry stand auf, und beschloss, etwas zu frühstücken, bevor der Rest der Familie aufstand. Er wusste, dass letzenlich alle es erfahren würden, aber er wollte es noch so weit herauszögern, wie es eben ging. Er aß gerade ein Brötchen, als die Tür sich öffnete. Es war Ginny. Ausgerechnet. Harry musterte sie aus dem Augenwinkel. Ihr Gesicht was verquollen und die Augen gerötet. Er biss sich auf die Lippe. Sie ignorierte ihn, und holte sich etwas zu essen. Dann ging sie zur Tür, öffnete sie halb und zögerte dann. Sie warf einen Blick auf ihn, und setzte sich zu ihm. Harry war froh, dass sie ihn anscheinen nicht voll und ganz hasste, aber er hatte auch keine Ahnung, was er jetzt zu ihr sagen sollte. Sie aß schweigend. Harry nahm sein Brötchen in die Hand, überlegte es sich dann doch anders und legte es dann wieder auf den Teller.
"Ginny..." Sie sah ihn an, abwartend. "Ginny, ich vermisse dich. Wirklich. Und es tut mir leid, aber..."
Sie sagte immer noch nichts. "Es hat einfach nicht mehr funktioniert. Es tut mir so Leid, Ginny. Ich hätte dich nicht glücklich machen können."
"Vielleicht ist es eher andersrum", sagte sie, "vielleicht hätte ich dich nicht glücklich machen können."
Er zuckte mit den Schultern. "Ich denke, das eine resultiert aus dem anderen", sagte er vorsichtig. Ginny sah weg.
"Ich kann dich nicht ändern", sagte sie tonlos. "Wenn du nichts mehr für mich empfindest, ist es eben so. Ich bin froh, dass du wenigstens ehrlich zu mir warst." Sie stand auf.
"Ginny, bitte sag, dass du nicht böse auf mich bist. Bitte." Sie sah in einen Moment an, beschaute seine Augen.
"Ich bin nicht böse auf dich", sagte sie. "Du kannst ja vielleicht nichts dafür... Es sollte eben nicht sein. Wir sollten es vergessen, Harry... einfach vergessen."
"Ich werde dich nicht vergessen, Ginny. Du wirst immer etwas Besonderes für mich sein, nur nicht so." Sie nickte und ging, ohne ein weiteres Wort, aus der Tür. Harry sah zu, wie die Tür sich schloss und fragte sich, ob Ginny und er sich jemals wieder nahe sein könnten.

Später, als die anderen wach waren, und Ron, Percy, Luna und Ginny eine Quidditchpartie angefangen hatten, saßen Harry und Hermine auf dem Gras und schauten zu. Harry hatte behauptet, seine Arme täten weh, und alle außer Ginny schienen ihm diese Ausrede abgenommen zu haben.
"Harry, wir müssen reden", meinte Hermine. Er sah sie an.
"Ginny hat mir erzählt, was gestern los war."
Er begann, mit den Grasbüscheln zu spielen. "Und?"
Sie seufzte. "Wie geht's dir damit jetzt?"
"Wie soll es mir schon gehen? Ich bin nicht gerade happy, aber... Ich glaube es war die richtige Entscheidung, Hermine. Ich glaube, langfristig wird es sich so besser anfühlen." Sie nickte langsam und sie schwiegen einen Moment.
"Und was ist mit Luna?"
Er zuckte zusammen. Seine Finger bekamen schon grüne Flecken und die Erde grub sich unter seine Nägel. "Wie meinst du das?"
Sie zuckte mit den Achseln. "Nur so, um zu wissen, wie die Lage ist. Ich weiß, dass du Luna sehr magst, Harry, aber nur ein kleiner Hinweis... Fang vielleicht nicht jetzt direkt etwas mit ihr an. Ich glaube nicht, dass das etwas zur Verbesserung der Situation beiträgt."
"Ne, wahrscheinlich nicht"; meinte Harry und sah Luna gedankenversunken beim Quidditchspielen zu.  Wie bei allem hatte sie ihre eigene Art zu fliegen und zu spielen, aber sie war gar nicht mal schlecht. "Ron weiß noch nichts, oder?"
Harry stöhnte. "Nein, aber lange wird es ja wohl nicht mehr dauern. Er hat auch schon gemerkt, das was nicht stimmt. Ich weiß nur nicht, wie ich es ihm sagen soll..." Er sah sie an. "Er wird mich hassen, oder?"
Sie wog ihren Kopf hin und her. "Hassen ist ein starkes Wort", sagte sie schließlich. "Ich denke, er wird auf gar keinen Fall gutheißen, was du mit Ginny anstellst, aber letzlich ist er dein Freund, und ich denke, er wird es schon verstehen, wenn er genug Zeit hat, sich dran zu gewöhnen. Du weiß, wie er ist."
"Jaah.... Hermine, du sagst es so, als wäre ich irgendwie fies zu Ginny gewesen oder so. Aber so ist es doch gar nicht, wir haben uns eben verändert, die Dinge haben sich geändert... es ist ein ganzes Jahr vergangen, und was für ein Jahr! Ich kann doch nichts dafür..." Er merkte selbst, dass er sich nicht nur vor Hermine, sondern auch vor sich selbst rechtfertigen wollte.
"Nein", sagte sie, "und ich gebe dir auch keine Schuld. Es ist nur... so eine blöde Situation..."
"Ja", meinte er, "ja, allerdings. Glaub ja nicht, dass ich daran eine Freude habe."
"Das habe ich nie gesagt. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass es für dich genauso schlimm ist wie für Ginny, wenn nicht sogar noch schlimmer..." In diesem Moment landeten die anderen auf dem Boden. Percy, Ron und Luna lachten, und sogar Ginny sah halbwegs fröhlich aus. Sie ging an Harry vorbei ins Haus; Hermine und der Rest der Weasleyfamilie folgte ihr. Luna und Harry blieben draußen stehen.
"Gutes Spiel", meinte Harry. Sie lächelte.
"Danke, das war mein erstes mal Quidditch."
"Dafür war es sogar richtig gut." Harry verspürte den plötzlichen Drang, sich in Lunas Arme zu werfen, sie zu küssen und die Welt zu vergessen. Zum Glück besinnte er sich rechzeitig und lächelte sie lediglich ein wenig unbeholfen an. Sie streckte die Hand aus und zog ein Blatt aus seinem Haar.
"Könnte sein, dass da auch Nargel drin sind", sagte sie.

"Okay, Harry. Sag mir was los ist." Ron stand vor ihm, mit verschränkten Armen. Harry hatte gerade ein wenig lesen wollen, als er ins Zimmer gekommen war.
"Wie meinst du das?", fragte er ausweichend. "Ginny und du reden praktisch nicht miteinander, du sitzt nur in deinem Zimmer, sie sieht aus als hätte sie die Nacht durchgeheult..."
Harry starrte auf den Boden.
"Ja?" Rons Ton war nicht gerade ermutigend.
"Ich habe mit ihr Schluss gemacht." Harry sagte es schnell und heftete seinen Blick auf das Staubkorn auf den Teppich.
"Was?"
"Ich habe mit ihr Schluss gemacht. Es ist vorbei."
Er spürte, wie Rons Blick auf ihm ruhte. "Was? Ich meine, wieso? Was ist passiert?"
"Gar nichts ist passiert", meinte Harry. Er hatte keine Ahnung wie er Ron so etwas erklären konnte. Er war sein bester Freund, aber Harry wusste auch, dass er auf dieser Ebene nicht wie Hermine war. Er glaubte nicht, dass Ron seine Gefühle nachvollziehen könnte.
"Es passt eben nicht mehr... Die Dinge ändern sich." Er wollte, dass Ron ging. Er wollte keine Fragen beantworten.
"Die Dinge ändern sich?", wiederholte er. "Du verdrehst Ginny den Kopf, und dann passt es auf einmal nicht mehr?" Er sah ihn ungläubig an. Harry spürte, dass er sauer war, aber irgendwie war es ihm auch egal. Er hatte wirklich besseres zu tun, als sich über Ron den Kopf zu zerbrechen. Er wusste, dass Ron eine Erklärung erwartete, aber es gab keine Erklärung.
"Lass es einfach gut sein, Ron."
"Sie ist meine Schwester!"
"Ich weiß, denkst du, es tut mir nicht leid?" Er holte Luft. "Ich verstehe nicht, warum ich mich vor dir rechtfertigen muss, Ron! Hast du nicht deine eigenen Probleme, musst du auf der Sache hier rumreiten?" Er wusste, dass er selbst nicht gerade nett zu Ron war, aber es war ihm egal. Sollte Ron ihn doch in Ruhe lassen. Der dachte jedoch nicht daran, sondern verschränkte abwartend die Arme.
"Harry?"
"Was?"
"Erklär mir das bitte." Sein Tonfall war ruhig, aber Harry wusste, dass er sauer war.
Er stöhnte. "Das ist meine Sache, Ron, mein Leben, du hast nichts damit zu tun- "
"Ginny ist aber zufällig meine Schwester, und ich... ich hatte mir das anders vorgestellt."
"Ach, du hast es dir anders vorgestellt!", sagte Harry, nun doch aggressiv."Und für mich läuft grade alles perfekt nach Plan, oder was?"
"Wenn du mit ihr Schluss machst, ist das dein Problem! Warum machst du das, wenn du es dir anders wünschst?"
"Ich wünsche es mir nicht anders!", Harry brüllte fast schon, "kannst du nicht mal dein Gehirn anschalten oder wenigstens die Klappe halten, wenn du keine Ahnung hast?"
Sein Kopf schmerzte; er hatte zwischen all dem, was passiert war, wirklich nicht die Energie, Ron seine Liebesproblematik zu erklären. Mal abgesehen davon hatte er sich nicht dazu verpflichtet, Ron über alles Rechenschaft ablegen zu müssen. Ron öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er gab ihm keine Chance.
"Ich bin draußen. Sag deiner Mutter, ihr müsst nicht mit dem Abendessen warten." Mit diesen Worten schnappte er sich seinen Feuerblitz, rannte die Treppe hinunter, besann sich kurz, die Tür nicht mit aller Kraft zuzuschlagen, und flog dann davon. Der Wind trieb ihm die Gedanken davon, die er mit sich rumgeschleppt hatte.

Später am Abend saß er in seinem Zimmer, ganz alleine. Unten hörte er die anderen lachen und reden. Er wollte nicht bei ihnen sein. Wäre alles noch wie früher, würde er jetzt da unten neben Ginny sitzen, und mit ihr reden, und lachen... Er begann, mit dem Finger Kreise auf den Boden zu malen. Eine Weile saß er so alleine da, als Luna reinkam. Sie setzte sich neben ihn.
"Du bist komisch in letzter Zeit drauf", sagte sie nachdenklich. Er nickte langsam. Vor Luna konnte man ja ohnehin nichts geheimhalten.
"Es ist, weil mit Ginny Schluss ist, oder?" Ihre Stimme war leise und sanft. Er sah sie an. Sie wusste es. Warum auch immer.
"Ja." Er fragte nicht, woher sie diese Idee hatte.
"Tut mir leid, Harry." Er rang sich ein Lächeln ab.
"Schon ok, Luna..." Sie sah ihn lange an. "Nein, ist es nicht. Aber du willst nicht drüber reden oder?" Er schüttelte den Kopf.
"Ginny weint viel", fuhr sie fort.
Harry biss sich auf die Lippe.
"Ich kann sie schon verstehen. Sie war dir sehr wichtig, weißt du, wir haben oft über dich gesprochen."
Harry gab keine Antwort. Luna brauchte auch keine. Sie legte den Arm um ihn.
"Lass uns rausgehen", sagte sie. "Du kannst mir ein paar neue Zaubersprüche zeigen", sagte sie. "Wir können es machen wie in den DA-Treffen, nur dass es eben nur wir zwei sind..."
Harry wusste nicht, warum er ihr folgte. Er tat es einfach.

6. Kapitel

"Der hier war ziemlich hilfreich die letzten Monate", sagte Harry und schwang vorsichtig seinen Zauberstab. "Salvio Hexia."
Er drehte sich zu ihr um. "Der-"
"Schutzzauber", sagte sie, bevor er seinen Satz beenden konnte. "Ich kenne ihn, hab ihn aber nie so recht ausprobiert."
"Dann versuch es doch jetzt mal", schlug Harry vor. "Versuch, eine Schutzwand zwischen uns beiden herzustellen." Sie räusperte sich. "Salvio Hexia!"
Er hob ebenfalls seinen Zauberstab. "Stupor!"
Nichts passierte. Der Zauber schaffte es nicht durch Lunas schützenden Bereich hindurch. Sie lächelte. "War das jetzt richtig?"
Er nickte. "Das war perfekt."
"Können wir noch mehr solche Zauber lernen?", fragte sie und legte den Kopf schief. Ihre wunderschönen Augen ruhten auf ihm. "Klar. Versuch mal protego totalum."
Und so übten sie die ganze Zeit, errichteten immer mehr schützende Zauber um sich herum, bis es ihnen nicht mal mehr möglich war, sich gegenseitig zu hören. Dann erst lösten sie alle Zauber auf. "Du bist wirklich gut", meinte Harry - und meinte es auch so, von ganzem Herzen. Luna schien die Zauber mit einer solchen Leichtigkeit auszuführen wie er sie bisher bei noch kaum jemanden gesehen hatte. Es schien, als brächte sie gar keine Energie auf, und dennoch brachte sie die Zauber einwandfrei zustande.
"Danke", sagte sie lächelnd, "und dabei habe ich noch nicht mal annähernd UTZ-Grade. Hermine will die Schule noch abschließen, sie hat es mir gestern erzählt."
"Das stimmt." Er sah in den Garten heraus. Er wusste nicht, was er fühlen sollte. Obwohl alles gut war, war alles irgendwie auch schrecklich. Er könnte nach Hogwarts gehen, er könnte sein siebtes Jahr wiederholen und die UTZ-Prüfungen abschließen - aber was würde es ihm gut tun? Hogwarts ohne Ron, ohne seine Klassenkameraden, Hogwarts ohne Dumbledore... Hogwarts ohne den Kontakt zu den Ordensmitgliedern.... ohne Fred, George und Lee... Alles war so anders geworden. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, er wünschte, es wäre Weihnachten vor zwei Jahren, als seine größte Sorge gewesen war, er könnte einen Liebestrank untergeschoben bekommen. Er realisierte plötzlich, dass das überhaupt der Grund gewesen war, dass er Luna zu Slughorn's Party gefragt hatte. Sie war eine gute Partnerin gewesen... Und doch hatte er einige Monate später in Ginnys Armen gehangen, nach diesem Quidditchspiel. Seine Gedanken kreisten so eine ganze Weile weiter.
Luna nahm seine Hand. Er brauchte gar nichts zu sagen. "Ich gehe auch nicht zurück", sagte sie sanft. "Ich bleibe bei meinem Vater, und dann werde ich Forscherin." Er fragte sich, wie Luna es schaffte, nie an sich oder der Welt zu zweifeln. Sie tat immer das, wonach ihr gerade der Sinn stand, ganz egal, wo es sie hinführen würde. Er wünschte, er könnte auch so unbesorgt durchs Leben gehen. Er wollte gerne etwas zu ihr sagen. Aber er wusste nicht, was. Also saßen sie nur schweigend nebeneinander, Hand in Hand.

"Harry?" Rons Stimme ließ in zusammenzucken.
Automatisch zog er seine Hand von Lunas weg.
"Was macht ihr denn hier draußen?"
Harry zuckte die Achseln. Rons Stimme war immer noch kühl und abweisend. "Es ist schönes Wetter."
"Aha", sagte Ron.
"Gibt's was, Ron?", sagte Harry, jetzt ebenfalls eine Spur kälter.
"Nein."
"Gut."
Ron drehte sich um, und ging zurück ins Haus, Harry sah ihm nach. Er wusste nicht, was er tun sollte. Warum waren alle gegen ihn? Er hatte nichts getan. Er seufzte, wandte sich von Luna ab und ging ins Haus. Er spürte ihren Blick im Rücken und, obwohl er sich nicht noch einmal zu ihr umdrehte, hoffte, sie würde ihm folgen.

Er wollte gerade die Haustür öffnen, als ihn die Stimmen drinnen in der Bewegung stocken ließen. Er hörte Schluchzen und sein Magen zog sich zusammen. Er wollte gerade zurück in den Garten gehen, als er seinen Namen hörte.
"Das wollte Harry sicher nicht." Es war die Stimme von Mrs Weasley. Harry biss sich auf die Lippe. Sie wusste es. Ginny musste es ihr gesagt haben. Seine Hand ruhte noch auf der Türklinke. Er zog sie zurück. Drinnen sagte Ginny etwas, was er nicht verstehen konnte. Er konnte aber hören, wie Mrs Weasley seufzte und mit den Töpfen klapperte.
"Du musst dich einfach ablenken, Schätzchen. Warum gehst du nicht ein bisschen raus, ihr könntet Quidditch spielen, so wie gestern, das macht dir doch Spaß."
Ginny putzte sich drinnen die Nase. "Keine Lust."
"Oder unternimm was mit Luna und Hermine, wie wäre das?"  
Jemand legte Harry die Hand auf die Schulter. Er zuckte zusammen und fuhr herum. Luna hielt ihm ihre Hand hin.
"Komm mit", flüsterte sie. Harry zögerte und warf einen Blick nach drinnen. Ginny schluchzte noch immer. Mrs Weasley murmelte irgendetwas. Er sah wieder Luna an, nahm ihre Hand und mit einem Krack waren die zwei verschwunden.

Er fragte nicht, wo sie waren. Es war an einem Meer, an einem fast komplett leerem Strand. Nur weiter hinten lief ein Hund un zwei Kinder. Luna setzte sich in den Sand, Harry neben sie. Eine Weile schauten sie schweigend auf die rauschenden Wellen.
"Sie werden sich fragen, wo wir abgeblieben sind."
"Ach, bis zum Abendessen sind wir wieder zurück." Harry bohrte seine Füße in den Sand.
"Schön hier", sagte er.
"Oh, ja", meinte Luna. "Meine Mum war früher mit mir fast jeden Sommer hier."
Sie begann, mit der Hand im Sand zu suchen und zog eine Muschel heraus. "Hier, aus solchen Muscheln hat sie mir mal eine Kette gemacht, als Schutz."
Sie nahm ihren Zauberstab heraus und zeichnete mit ihm einen Kreis in die Luft. Eine Muschelkette entstand, und Harry erinnerte sich, dass er eine solche Kette schon bei Luna gesehen hatte. Sie nahm sie und hängte sie Harry um den Hals. Er lächelte. Sie sah wieder aufs Meer. Ein Wind kam auf, und ihre Locken wirbelten um ihr Gesicht.
"Ginny wird auch damit klarkommen", sagte sie. Harry sah sie an. Es war so einfach, mit Luna zu reden. So einfach. Sie verurteilte ihn nicht. Sie verstand ihn einfach nur. Und sie sagte genau die richtigen Dinge im richtigen Moment. "Ich glaube, sie ist ziemlich sauer auf mich." Luna zuckte die Schultern.
"Dazu hat sie aber keinen Grund. Du hast nichts falsch gemacht." Es fühlte sich sehr gut an, so etwas einfach mal gesagt zu bekommen. "Ich glaube außerdem nicht, dass sie sauer ist. Nur traurig."
Sie betrachtete Harry eine Weile nachdenklich. "Ich kann sie schon verstehen."
"Ich auch", sagte Harry, "glaub mir Luna, mir geht es auch ähnlich damit."
Luna nickte ernst. "Ich mache dir keine Vorwürfe", sagte sie ruhig.
"Ich wünschte, dass würden alle anderen auch sagen", antowrtete Harry düster. "Ich glaube Ron wird überhaupt nicht mehr mit mir reden, vor allem nicht, wenn- " er verstummte.
Luna sah ihn an. "Wenn was?"
"Ach nichts", sagte Harry und biss sich auf die Lippe. "Luna..." Aber er sprach nicht weiter. Luna fragte nicht weiter nach. Sie schwiegen eine Weile.
"Ron kann sehr direkt und unfreundlich sein, aber ich glaube, er meint es nicht so. Ich hoffe es jedenfalls, sonst wäre er ein ziemlich unangenehmer Mensch."
Harry starrte auf die Wellen. "Er ist ein guter Freund", meinte er, "aber bei manchen Dingen... ist er ziemlich..." Er verstummte.
"Ja", sagte Luna lächelnd, "finde ich auch." Sie stand auf. "Ich gehe ein wenig am Wasser entlang, kommst du mit? Meine Mutter und ich haben manchmal Meermenschen unter Wasser entdeckt, und auch die ein oder andere außergewöhnliche Kreatur. Einmal haben wir einen Schlibbrigen Summlinger gesehen. Normal sind sie gar nicht am Wasser, aber an diesem Tag... Es wäre schön, mal wieder welche zu sehen."
Harry stand auf und ging mit ihr. Sie durchlief den nassen Sand und summte eine Melodie, die Harry nicht kannte.
"Sie summen manchmal, weißt du", sagte sie, "jedenfalls gibt es Gerüchte, dass daher ihr Name kommt. Wir sollten also versuchen, still zu sein. Vielleicht hören wir sie dann."
Harry antwortete nicht.
"Such den Sand ab", sagte sie, "wie gesagt, im Nassen sind sie nicht so gerne." Zu seiner Überraschung stellte Harry fest, dass er tatsächlich begann, mit seinen Augen über den Sand zu wandern, um eine summende Kreatur zu finden, von der er nicht mal wusste, wie sie aussehen sollte... Die nicht mal existierte. Aber es war ihm egal. Er nahm Lunas Hand und gemeinsam wanderten sie über den Strand.

Als Harry seine Augen wieder von dem  gelben Sand nahm, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass er den Felsen, an dem sie ungefähr losgelaufen waren, nicht mal mehr sehen konnte. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie gelaufen waren, aber es war wohl eine Weile gewesen. Die Sonne stand auch schon tiefer. Luna blieb stehen.
"Ich glaube, es bringt nichts", sagte sie enttäuscht, "wenn wir bis jetzt keinen gefunden haben..." Sie ließ sich dort, wo sie gerade stand, in den Sand fallen. Harry setzte sich neben sie, zögerte einen Moment und legte dann seinen Kopf vorsichtig auf ihre Schulter. Er wusste nicht, wie er dazukam, aber zu seiner Überraschung erwiderte Luna die Geste und neigte auch ihren Kopf auf seinen. Eine Weile saßen sie so da.
"Ich weiß noch, wie wir zusammen zu dieser Party gegangen sind."
Ihre Stimme war verträumt und schien von weit her zu klingen. Er konnte ihren Atem spüren.
"Du warst eingeladen, und du hast mich eingeladen. Ich hab mich sehr gefreut."
"Ich mich auch", sagte Harry und lächelte. Er hatte nicht vergessen, wie Luna gestrahlt hatte, nachdem er sie gefragt hatte. Ginny hatte ihm erzählt, wie sehr sie sich gefreut hatte. Und Luna hatte wunderschön ausgesehen. Ihr Kleid war mit Abstand das außergewöhnlichste, aber auch das schönste gewesen. Genau wie sie selbst. Sie sprach weiter.
"Vielleicht könnten wir so was mal wieder machen. Es war schön."
Er nickte. "Ginny war mit Dean da, weißt du noch? Aber später, später hast du Ginny geküsst."
Er nickte wieder.
"Wir sollten so was wirklich wieder machen." Sein Herz schlug schneller.
"Als Freunde", sagte Luna, ein wenig zweifelnd. Harry glaubte nicht, dass es eine Frage war. Ein wenig Sehnsucht schwang mit. Ihre Klamotten fühlten sich weich an und rochen gut.
Er nahm seinen Kopf von ihrer Schulter und beugte sich zu ihr vor. Er wusste nicht, warum. Vielleicht, weil er gerade nicht an die anderen im Fuchsbau dachte, weil er gerade nicht Ginny vor sich sah, schluchzend am Küchentisch, und nicht Ron der sauer, und Hermine, die enttäuscht von ihm war.
Vielleicht, weil er Luna die Zaubersprüche gezeigt hatte. Weil sie ihn hierher gebracht hatte. Weil sie gemeinsam Schlibbriger Summlinger gesucht hatten. Einfach, weil sie Luna war.
Und er sah nur noch ihr Gesicht, und ihre wunderschönen Augen, und er spürte, wie sie ihre Arme um ihn legte, bevor er den Kopf schräg legte und ihre Lippen sich berührten. Ab diesem Moment dachte er gar nichts mehr. Alles was da war, war Luna. Er küsste sie, wie er noch nie jemanden geküsst hatte. Er umschling sie mit seinen Armen, seine Lippen immer noch auf ihren, und sie umschling ihn auch, und er spürte, wie sie im Sand landeten. Er merkte nicht, wie die Sandkörner ihm am Hinterkopf picksten. Die Zeit schien still zu stehen. Er wusste nicht, wie lange er mit ihr verschlungen im Sand lag. Nach einer Weile lösten sie die Lippen voneinander, und die Wellen begannen, sie zu umspülen.

7. Kapitel

Das erste, was Harry schaffte, wahrzunehmen, war Lunas lächelndes Gesicht. Er fühlte eine Welle der Erleichterung und lachte sie an.
"Nein", sagte er, noch ein wenig außer Atem, "nicht als Freunde."
Erst jetzt merkte er, wie nass seine Klamotten waren. Sie waren näher ans Wasser gekommen, als er realisiert hatte. Es war ihm aber auch egal. Alles woran er denken könnte, war, wie gerne er einfach hier bleiben wollte, mit Luna. Sie strich ihm vorsichtig über die Haare, und hielt dann plötzlich in der Bewegung inne.
"Da!" Er drehte sich um.
"Ein Summlinger, ich bin mir ganz sicher, dass ich einen gesehen habe!"
Seine Augen wanderten über den Sand.
"Jetzt ist er wieder weg", meinte Luna, "er muss aufgetaucht sein, als wir uns geküsst haben."
"Vielleicht", sagte Harry,  und sein Herz schlug schneller, "sollten wir das dann noch mal machen." Und schon lagen sie wieder da, ineinander verschlungen. Keiner der beiden hörte das leise Summen aus dem Sand.

Als sie sich langsam wieder voneinander lösten und Harry die Augen öffnete, stellte er fest, dass es nun tatsächlich schon dunkel wurde. Ihre Hände hielten sich immer noch fest.
"Wir müssen zurück", sagte Harry, und seine Stimme zitterte aufgrund der sie plötzlich einholenden Realität ein wenig, "die andern werden sich eh schon wundern."
Er zog seinen Zauberstand aus der Tasche, und irgendwie schafften er und Luna es, so lange die Finger von einander zu lassen, dass sie problemlos in den Fuchsbau apparieren konnten.
Bei der Ankunft prallten sie aufeinander und lagen übereinander im Garten.
"Sorry!", meinte Harry und stand schnell auf, "alles ok?" Sie nickte und lächelte.
"Ja, alles in Ordnung." Sie klang so, als wäre sie in einer ganz anderen Welt.
"Harry? Luna?" Hermine kam aus dem Haus gerannt. "Wo wart ihr? Wir haben alle gedacht, sonst etwas wäre passiert, wir wussten nicht, ob wir mit dem Essen warten sollten..."
Sie sah verwirrt und ein wenig sauer aus. "Ich sag mal schnell Bescheid, dass ihr wieder da seid. Und- warum seid ihr so nass?"
Sie ging wieder ins Haus, bevor Harry ihr antworten konnte. Als sie wieder kam, schaute sie gleichzeigt besorgt und belustig aus. "Was zu Merlins Barte habt ihr getrieben? Ihr seht aus, als hättet ihr eine Schlammschlacht hinter euch."
Harry, der sich bis zu diesem Moment noch gar nicht länger, angeguckt hatte, sah nun an sich herunter und stellte fest, dass seine Hose und sein T-Shirt komplett voll mit nassem Sand war. Luna sah nicht besser aus.
Hermine kam näher. "Wo wart ihr?"
"An einem Strand", sagte Harry, "an einem Strand, an dem Luna schon öfter mit ihrer Mutter war."
"Und warum?", fragte Hermine, fassungslos und ein wenig erwartungsvoll.
Harry zuckte die Achseln. "Warum nicht? Uns war eben danach. Es war schön."
"Kann ich mir vorstellen", sagte Hermine mit einem Blick auf die Sandklumpen an ihren Füßen, und ein Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. Harry seufzte.
"Hermine - wir haben keine Schlammschlacht gemacht." Sie hob eine Augenbraue.
"Was dann? Ihr seht beide sehr... interessant aus."
Harry antwortete nicht, aber Luna schien nicht das Bedürfniss zu haben, ihre Küsse vor Hermine geheim zu halten, und nahm Harrys Hand.
"Wir haben uns ein wenig geküsst, auf dem Sand, im Meer, weißt du..." Sie starrte verträumt in die Ferne. "Es war schön." Sie warf Harry einen Blick zu. "Ich denke, man könnte sagen, dass wir jetzt so was wie... zusammen sind." Sie sah ihn fragend an.
Harry antwortete nicht. Er wolte gerne ja sagen, er wollte Luna hochheben und durch die Luft wirbeln, er wollte zurück zu diesem Strand, dort war alles so einfach gewesen, da hatte er nicht an Ginny denken müssen... Hermine starrte erst Luna, dann Harry an, und schien einen Schrei zu unterdrücken.
"Bitte was?"
Luna lächelte nur und drückte Harrys Hand. Harry drückte zurück und warf Hermine einen entschuldigenden Blick zu. Hermine sah die beiden fassungslos an.
"Harry, könnte ich kurz mit dir sprechen? Privat?" Harry nickte und ließ Lunas Hand los.
Hermine griff ihn an seinem Arm, und bevor er es überhaupt merkte - er hatte nur Augen für Luna - disapparierte sie mit ihm. Harry sah sich verwirrt um.
"Wo sind wir?"
"Ist doch egal", meinte Hermine. "Ich wollte nicht gestört werden."
Sie verschränkte ihre Arme. "Ach, Harry..."
"Was?", sagte er genervt. "Warum muss ich mich immer für alles rechtfertigen? Es ist eben so passiert, ich kann es jetzt auch nicht ändern." Sie starrte ihn an.
"Es ist eben so passiert?", wiederholte sie. "Harry, so was passiert nicht einfach. Und so lange wie ihr weggewesen seid, schien es eine längere ... Aktion gewesen zu sein."
Harry verdrehte die Augen. "So lange waren wir nun auch nicht weg. Mal abgesehen davon ist es nicht deine Sachen, was Luna und ich machen."
"Darum geht es mir auch gar nicht!", rief sie, "aber... Harry, kannst du nicht etwas taktvoller sein? Ginny gegenüber? Stell dir doch mal vor, wie sie sich jetzt fühlt! Sie hat mir gesagt, du hättest gesagt, es gäbe keinen wirklichen Grund für eure Trennung, dass du eben nichts mehr für sie empfindest, und das glaube ich dir auch, aber jetzt fängst du gleich mit Luna an? Ich habe dir sogar noch gesagt, dass Luna da jetzt auch noch reinzubringen, alles nur noch schlimmer macht, und jetzt? Und überhaupt, überstürzt du die Dinge nicht etwas? Du hast gerade erst mit Ginny Schluss gemacht, und das war vielleicht schon eine Hals-über-Kopf-Aktion, und jetzt noch das mit Luna... Kannst du den Dingen nicht etwas Zeit geben? Kannst du einmal nicht so impulsiv sein, und dir vielleicht über alles Gedanken machen? Dir selbst Zeit geben, über deine Gefühle klar zu werden?"
Sie starrte ihn an, und er sah zurück. "Das... das ist nicht deine Sache, Hermine!" Er war wütend und genervt. Kaum, dass er einmal glücklich war, wurde ihm schon wieder alles verdorben. "Ich bin mir meinen Gefühlen durchaus bewusst, und es ist meine Sache, ob ich Luna küssen möchte oder nicht. Und klar tut mir Ginny leid, du tust so, als wäre ich ein emotionsloses Monster, dass nur auf das eine aus ist... Hermine, mir geht es schon seit Ewigkeiten so, und ich habe es nicht mehr ausgehalten, und es ist nunmal so, dass Luna -" Er brach ab. "Ich muss das nicht vor dir rechtfertigen", sagte er kühl. "Was mit mir, Luna und Ginny ist, hat dich gar nichts anzugehen."
Waren das Tränen in Hermines Augen? Er fühlte sich sofort schlecht, und wünschte sich, er hätte sich freundlicher ausgedrückt.
"Es ist nur die Wahrheit...", dachte er.
"Ich will nur das beste für dich Harry", sagte sie leise, "das weißt du."
"Jaah, ich weiß, aber Hermine... lass es gut sein, okay? Ich weiß, dass es mit Luna richtig ist. Es fühlt sich richtig an." Sie nickte langsam. "Wenn du meinst... Ich habe nie gesagt, dass ihr nicht zusammenpasst."
"Wir gehören zusammen", sagte Harry mit Nachdruck. "Das habe ich heute gemerkt. Ich habe ein gutes Gefühl bei ihr, glaub mir." Er seufzte. "Und ich rede mit Ginny drüber, wenn es eine gute Gelegenheit gibt. Bitte sag noch nichts zu ihr."
"Natürlich nicht", sagte Hermine, "da solltest du lieber bei deiner neuen Freundin aufpassen. Luna ist sehr ehrlich über solche Sachen, findest du nicht?"
"Jaah... ja, ist aber auch eine gute Eigenschaft", sagte Harry. "Sie ist sehr ehrlich, aber auf liebe Art und Weise."
"Auf jeden Fall", sagte Hermine.
Harry sah sich um. "Können wir dann zurück?" Hermine nickte und lächelte sanft.
"Du hast sie sehr gern, oder?"
Harry nickte. Er liebte Luna. Wenn er sich über eine Sache sicher war, dann war es das. Und diese Gewissheit fühlte sich gut an.

"Luna, Harry, da seid ihr ja!" Mrs Weasley war so herzlich wie immer. "Hier, es ist noch etwas Abendessen übrig, es tut mir leid, wenn wir gewusst hätten, wann ihr kommt, hätten wir warten können-"
"Machen Sie sich keine Sorgen", sagte Harry hastig, "Vielen Dank, dass Sie uns noch was warm gemacht haben. Tut uns leid, dass wir so spät sind, wir hätten Bescheid sagen sollen..."
"Mach dir keinen Kopf, Harry. Ihr seid schließlich keine Kinder mehr." Harry war mehr als froh, dass Mrs Weasley immer noch genauso freundlich ihm gegenüber war wie früher. Er hatte schon befürchtet, dass auch sie sauer auf ihn sein könnte, aber sie ihre nette Art ließ ihn seine Sorge vergessen. Er bezweifelte jedoch, dass sie genauso verständnisvoll sein würde, wenn sie erfuhr, dass er mit Luna zusammen sein wollte.
"Das sieht wirklich lecker aus, Mrs Weasley. Vielen Dank."
"Gern geschehen. Jetzt lasst es euch schmecken. Ich bin im Wohnzimmer, falls ihr noch was braucht."

Harry und Luna saßen in Rons Zimmer. Ron und Hermine waren noch nach Hogsmeade gegangen, um ein Butterbier zu trinken.
"Ich bring es ihm schonend bei", hatte Hermine ihm noch zugeflüstert, "wenn man dich und Ron in einen Raum setzt, um über solche Themen zu sprechen, geht es sicher schief."
Harry hatte erleichtert genickt. Hermine war bei solchen Dingen wirklich besser; Ron würde ihr zuhören und Harry hoffentlich verstehen. Ginny war bereits ins Bett gegangen. Harry wusste, dass er mit ihr reden musste, aber er wollte ihr noch Zeit geben. Und sich selbst. Als er Luna gesagt hatte, dass er die Sache mit Ginny regeln wollte, hatte sie verständnisvoll zugestimmt.
"Du musst mir das noch mal erklären", sagte sie und betrachtete das Schachbrett vor ihnen mit gerunzelter Stirn, "die Dame darf so ziehen wie Turm und Läufer zusammen?"
Er nickte. "Ist das dann für einen nicht ein wenig unfair, wenn die Dame geschlagen wird?"
"Das ist das Spiel." Sie nickte langsam. "Okay. Wahrscheinlich schlägst du mich drei Runden am Stück. Ich glaube nicht, dass ich für sowas gemacht bin."
"Es ist wirklich nicht so schwer. Man braucht nur ein bisschen Übung."
Ginny war gut in Schach gewesen. Kein Wunder, mit Ron als Bruder, der im Schach so ziemlich jeden schlagen konnte.
"Turm nach h3", sagte Luna sanft. Harry runzelte die Stirn.
"Dame nach e7." Die Dame bewegte sich nach vorne. "Schach."
Luna ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Springer nach e7." Sie lächelte ihn an. "Schach."
Harry biss sich auf seine Lippe. Das hätte er kommen sehen sollen. "König nach b8."
"Läufer nach c7."
"König nach a8."
"Turm nach a3", sagte sie, ihre Stimme unverändert verträumt. "Schach Matt."
Sie hob den Blick und lächelte ihn an.
"Nicht schlecht", meinte Harry ehrlich beeindruckt. Sie grinste und sprang aufs Bett und machte das Radio an.
"Natürlich hätte ich es stoppen können", behauptete Harry, "aber ich wollte dich gewinnen lassen. Ist nur höflich." Sie lachte.
"Gut, dass Sie so höflich sind, Mr. Potter."
"Zu so einer holden Dame immer, Miss Lovegood."
Er verbeugte sich vor ihr und drehte mit einen Griff an seinen Zauberstab das Radio lauter. "Dürfte ich Sie um diesen Tanz bitten?"
Luna nahm seine Hand entgegen und eine Minute später fand er sich wieder in ihren Armen, eng verschlungen. Nach dem ersten, ruhigen Tanz, folgte ein anderer, der vielmehr dem ähnelte, den Luna und ihr Vater an Bill's Hochzeit getanzt hatten, und dann folgte ein anderer, und noch einer, bis sie am Ende wieder zu einem langsamen Lied ihre Bewegungen der ruhigen Musik anpassten.
"Danke, Luna", sagte er leise, als sie wieder still standen. Sie sah ihn verwundert an.
"Wofür?"
"Dafür, dass du so bist, wie du bist. Dass du immer du selbst bist, immer so ehrlich..."
"Dafür musst du dich nicht bedanken", sagte sie lächelnd.
"Nein", meinte er, "wahrscheinlich nicht. Irgendwie möchte ich es aber."
Luna drehte nachdenklich an ihrem Zauberstab herum. "Du bist nett, Harry. Die meisten anderen finden mich komisch. Zumindest anfangs."
"Ich habe dich nie komisch gefunden, Luna", sagte Harry ehrlich. "Ich habe dich immer dafür, dass du so bist, wie du bist, bewundert. Trotz allem, was du so durch gemacht hast... Luna, du hast meinen vollen Respekt."
Sie hörte nicht auf zu lächeln. "Das ist nett. Du hast auch meinen, Harry."
Einen Moment lang schwiegen sie. "Ich habe noch gar nicht richtig auf deine Frage geantwortet."
Sie hob ihren Blick. "Welche Frage?"
"Die du vorhin gestellt hast, als wir mit Hermine geredet haben."
"Ah ja. Hermine Granger kann manchmal ziemlich neugierig sein, oder?", sagte Luna abwesend. "Aber sie ist trotzdem freundlich. Und sehr intelligent."
"Ja - Luna, du hattest doch gefragt, ob wir jetzt zusammen sind."
"Oh, ja", sagte sie und sah Harry erwartungsvoll in die Augen. Er atmete tief durch.
"Hermine hat mir gesagt, ich soll vorsichtig mit meinen Gefühlen sein. Sicher hat sie auch Recht. Aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass- " er holte noch einmal tief Luft, "dass ich mit dir zusammen sein möchte, Luna Lovegood." Er sah sie an. "Willst du meine Freundin sein?", flüsterte er, außer Atem.
Sie strahlte, und einen Moment sahen sie sich nur an. Dann nickte sie, erst langsam, dann immer schneller, und er nickte auch, erleichtert, und dann hörten sie gleichzeitig auf zu nicken, beugten sich vor, und küssten sich liebevoll auf den Mund.

8. Kapitel

Das erste, was Harry sah als er die Augen öffnete, waren Lunas blonde Haare, die sich unter seine Hand gelegt hatten. Irgendwie waren die beiden letzte Nacht wohl nebeneinander eingeschlafen. Harry lächelte, und nahm Lunas Hand. Dann fuhr er plötzlich zusammen und drehte sich um. Ron lag in seinem Bett. Na toll. Hoffentlich hatte Hermine ihn davon übezeugen können, ihn in Ruhe zu lassen. Er hatte wirklich keine Lust auf noch mehr Diskussionen. Wenigstens schien Ron noch tief und fest zu schlafen. Er drehte sich wieder zu Luna um, und sah, zu seiner Überraschung, jetzt in ihre strahlenden blauen Augen.
„Guten Morgen, Harry.“
„Morgen, Luna.“ Er hörte, wie sich nebenan Ginnys Tür öffnete und nagte an seiner Lippe herum.
„Alles okay, Harry?“ Er nickte langsam. Dann stand er auf, schnappte sich seinen Zauberstab, seine und Lunas Klamotten und drückte Luna ihren Zuaberstab in die Hand.
„Komm“, flüsterte er, „wir machen einen Ausflug.“

Das Dorf erschien langsam vor ihren Augen, nachdem sie disappariert waren.
„Hogsmeade“, sagte Luna freundlich, „eine gute Idee, Harry.“
Harry schnappte sie an der Hand. „Komm“, sagte er, „ich habe eine noch viel bessere Idee.“
Sie liefen durch die noch komplett leeren Gassen. Harry fiel auf einmal auf, dass er gar nicht wusste, wie spät es war.
„Viertel vor acht“, sagte sie. „Gehen wir durch den geheimen Gang?“
Harry schüttelte den Kopf. Er wollte am liebsten nicht zu viel von Hogwarts sehen. Am besten gar nichts. Er hatte, seitdem Dumbledore gestorben war, das Schloss nur zur Schlacht betreten und er konnte die Nostalgie nicht ertragen. Er wollte nur Freunde besuchen. Mit Luna.
„Kreacher?“ Es krackste, und er erschien. „Harry Potter, Sir“, krächzte der Hauself. „Was kann ich für Sie tun?“ Er verbeugte sich vor ihm und Luna.
„Kannst du mit uns nach Hogwarts apparieren, Kreacher?“
„Natürlich, Sir.“ „Danke“, sagte Harry, und Kreacher streckte seine Hand aus.
Harry griff sie und sagte, „bring uns bitte zu Hagrids Hütte, Kreacher, weißt du, wo das ist?“ Kreacher nickte und mit einem Kracks waren die drei verschwunden. „Gibt es sonst noch etwas, was Sie von Kreacher wünschen?“
„Nein, das ist alles, Kreacher. Du kannst wieder nach Hause gehen.“
Er verschwand. „Er ist nett“, merkte Luna an. Harry nickte, und klopfte an Hagrids Tür. Erst jetzt kam ihm der Gedanke, dass Hagrid vielleicht noch schlafen könnte, und war erleichtert, als ihm ein Grummeln von drinnen antwortete. „Bin gleich da.“

„Harry!“ Er strahlte, als er den Jungen sah. „Luna! Kommt rein!“
Harry folgte Luna erleichtert ins Haus. Es war so schön, wenn sich einfach mal jemand freute, ihn zu sehen, ohne diese Besorgnis oder diese Enttäuschung im Blick.
„Habt ihr schon etwas gefrühstückt?“
Harry schüttelte den Kopf.
„Dann können wir zusammen essen.“ Hagrid strahlte.
„Sehr gerne. Tut mir leid, dass ich dich dich nicht früher besucht habe, es war… viel los.“
„Mach dir keine Gedanken, Harry. Was hast du so getrieben, Luna?“
Eine Weile saßen sie einfach nur da, frühstückten, tranken am Nachmittag Tee und aßen Felsenkekse, die ihrem Namen leider alle Ehre machten. Trotzdem war es sehr gemütlich.
Nach dem Essen und Plaudern standen Harry und Luna auf, um noch ein wenig Zeit alleine zu verbringen. Ohne es zu merken, schlugen sie den Weg in Richtung verbotener Wald ein, Hand in Hand gehend. Die Sonne schien ihnen in den Nacken, aber in dem dunkleren Wald wurde es nun langsam schon kälter.
„Dabei haben wir bald Sommer“, meinte Harry.
Luna nickte. „Das Wetter ist wirklich komisch im Moment. Tagsüber hält man es kaum aus, aber abends wird es noch eiskalt.“
Unter ihren Füßen knirschten Äste und raschelten Blätter. Vor einiger Zeit noch hatte Harry ein gewisses Unbehagen gespürt, wenn er sich im verbotenen Wald befand, aber in dem letzten Jahr war zu viel vorgefallen, als das die dunklen Bäume und die Kreaturen hier im Wald bedrohlich wirken konnten.
Außerdem war er ja mit Luna hier. Die, wie er jetzt bemerkte, gerade dabei war, nach rechts abzubiegen, einen Weg, den er nur zu gut kannte. Er hielt sie sanft am Arm fest. „Da nicht lang“, meinte er, „da wohnen die Acromantula von Hagrid, und glaub mir die willst du nicht kennen lernen.“
„Ne“, sagte sie nachdenklich, „wohl eher nicht. Dann lass uns da lang gehen.“
Sie liefen schweigend weiter, dem Weg folgend, ohne sich wirklich Gedanken zu machen, wo sie genau hinliefen. Nach einer Weile sprach Luna wieder.
„Ich wusste gar nicht, dass Hagrid eine Acromantula hat. Ich habe noch nie eine gesehen.“
„Das willst du auch gar nicht.“Harry lachte ein wenig.
„Außerdem hat er nicht eine, sondern eine ganze Herde. Seit seine erste gestorben ist, sind die anderen noch mordlustiger als sowieso schon.“
„Du scheinst sie gut zu kennen.“
„Besser, als für mich gesund wäre.“
Sie lachte, und sie liefen weiter.
„Trotzdem komisch“, meinte Luna nach einer Weile, „dass Menschen glauben, dass es Acromantula gibt, während sie über Geschöpfe wie Schlickschlümpfe oder Summlinger nur den Kopf schütteln.“
Sie pausierte einen Moment. „Manche haben schon gesagt, ich wäre, du weißt schon, verrückt. Loony eben.“
Er drückte ihre Hand. „Mach dir nichts draus.“ Nach kurzem Verharren lockerte er seine Hand wieder und sprach weiter. „Es gibt eben nicht viele, die Schlickschlümpfe oder Summlinger gesehen haben.“
„Es ist doch etwas dumm, nur dass zu glauben, was man sieht“, sagte sie, und ihre Stimme klang, zum ersten Mal seit Harry sie kannte, ein wenig bitter und kalt. „Wenn du deinen Tarnumhang benutzt, kann ich dich nicht sehen, aber du bist da. Nur wenige Menschen können Thestrale sehen, aber sie sind da. Wenn einem gewisse Zaubertränke zugeführt werden, sieht man Dinge, die es gar nicht gibt. Wenn die Augen nicht die Wahrheit sehen, lügen sie.“
Harry war sich nicht ganz sicher, was sie mit dem letzten Satz meinte, aber es war ihm auch egal, weil sie näher auf ihn zukam, und beide Hände sich jetzt berührten...
„Vielleicht sollten alle mehr darauf achten, was sie fühlen“, flüsterte sie. „Schau dir Ginny an, sie sagt immer, dass es einen Haufen Kreaturen nicht gibt, weil sie sie nicht sieht, und sie dachte, solange sie dich sieht, kann sie dich nicht verlieren, anstatt dass sie einfach die Augen schließt und...“
Weiter kam sie nicht. Harrys Mund lag auf ihrem, er gab ihr einen sanften Kuss, seine Lippen auf ihrem, er konnte sie riechen, er konnte sie spüren, ihren Atem, ihre Wärme… Sein Kopf funktionierte nicht mehr richtig, er spürte nur noch sie, und sich selbst, er verschmelzte mit ihr und er fühlte sich ein wenig als würde die Welt Kopf stehen… Wenn er die Augen öffnen würde, würde er wahrscheinlich sehen, dass die Welt noch gerade stand, aber es war wie Luna sagte, es kam darauf an, was man…
„...fühlt“, sagte sie leise als sie sich wieder lösten.
Er ließ die Augen geschlossen. „Ich spüre ein Mädchen, dass anders ist als alle“, sagte er, ebenso leise. „Ich spüre, dass ich bei ihr sicher bin und ihr alles anvertrauen kann. Ich spüre, dass wir uns eben geküsst haben und dass sie heute morgen Pudding gegessen hat. Ich weiß, dass das ihr Lieblingsessen ist. Ich spüre, dass dieser Ort hier unser zu Hause ist.
Ich spüre, dass sie vermisst. Dass wir beide vermissen. Dass wir beide verloren haben. Ich fühle das Mädchen, dass ich liebe.“ Er öffnete langsam die Augen. Sie sagte nichts. Aber das brauchte sie auch nicht.
Sie setzten sich wieder in Bewegung, und erst dann sagte Luna etwas, leise, nicht zu sich selbst, nicht zu Harry, sondern nur in den Wald hinein. Harry hörte es trotzdem.
„Ich liebe dich, Harry Potter.“

Ihr Blick schweifte in die Ferne, und ihr Gesicht hellte sich auf, als sie die knochigen Pferde entdeckte. „Wo wir von Thestralen sprachen...“, meinte sie lächelnd. Harry nickte lachend. „Ich mag sie richtig gerne inzwischen.“
Luna hielt im sanft die Hände vor die Augen, und alles wurde schwarz. „Das ist, wie alle anderen sie wahrnehmen können.“ Harry hörte die Klänge der Hufe, er spürte den Atem des Thestrals, als er näher kam und vor ihnen schnaubte. Er hörte, wie sie sich gegenseitig riefen, und wie einer etwas zu fressen begann. Luna nahm seine Hand und ließ ihn über den Körper streichen. „So sehen sie alle“, sagte sie, und nahm die Hand wieder von Harrys Augen. „Und so ist es nur für uns.“

Harry hob sie hoch und setzte sie auf den Rücken des Tiers.
„Danke“, sagte Luna. „Ich hätte es selber gekonnt, aber das war ein schöner Moment.“
Harry lachte, griff Lunas ausgestreckte Hand und kletterte dann ebenfalls hoch. „Danke.“
Luna flüsterte dem Thestral etwas ins Ohr. Harry konnte es nicht verstehen, und fragte auch nicht nach, aber er vermutete, dass es eine Ortsangabe war, da sich der Thestral im nächsten Moment in die Lüfte schwang.
Luna saß vorne, und er hielt sich an ihr fest.
„Ist das okay?“, rief er ihr durch den Wind zu.
„Sehr!“
Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter.
„Und ist das okay?“, sagte er, jetzt leiser.
Sie nickte, und er spürte, dass ihre Schultern zu beben anfingen, als sie lachte.
„Auf halbem Wege tauschen wir aber“, rief sie.
„Kriegst du Wind in die Augen?“
„Nein, aber ich will mich auch mal auf meinem Freund ablegen.“
Meinem Freund. Das fühlte sich gut an.

Sie jagten über Hogwarts hinweg, über irgendwelche Felder und Wälder, die Harry weder kannte noch zuordnen konnte. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, und Harry schloss die Augen.
Er öffnete sie erst wieder, als sie gelandet waren. Blinzelnd setzte er sich auf. Luna war abgestiegen. „Sind wir schon da?“ Sie nickte.
Er runzelte die Stirn und stieg von dem Rücken des Pferdes. „Wir haben gar nicht mehr getauscht“, sagte er.
„Du hast so tief geschlafen, ich wollte dich nicht aufwecken.“
Harry spürte, dass er rot wurde. „Ich habe richtig geschlafen?“
Sie nickte fröhlich. „Aber mach dir keine Gedanken. Es war ganz nett. Ich habe dir was vorgesungen, aber ich glaube, das hast du nicht mehr mitbekommen.“
„Tut mir Leid, Luna. Hab nicht so viel Schlaf bekommen die letzten Monate.“
„Jetzt bist du ja wach. Und wie gesagt, es war okay. Ich habe mich nur gewundert, dass du so lange schlafen konntest, ich finde es immer sehr schaukelig.“
Er begann, sich umzusehen.
„Hey, ich weiß wo wir sind!“, rief er. „Hier war die...“
„Quidditchweltmeisterschaft, genau.“
Er setzte sich neben sie. „Damals kannten wir uns noch gar nicht“, meinte sie, „komisch oder? Wir waren beide hier, aber wir haben uns wohl übersehen.“
„Vielleicht hätten wir mehr fühlen sollen.“
„Ja, vielleicht.“
Er sah in ihre wunderschönen Augen, die Augen die, wenn sie nicht die Wahrheit sahen, lügten. Sie legte seinen Kopf in seinen Schoß. „Jetzt bin ich dran, zu schlafen“, sagte sie mit einem müden Lächeln, und er blieb stumm und still sitzen, ihr Kopf auf ihm abgelegt, die Augen geschlossen.

9. Kapitel

Luna schlief lange, aber Harry rührte sich nicht von der Stelle. Als sie die Augen öffnete, umspielte ein Lächeln ihre Lippen. In der Zwischenzeit war die Nacht hereingebrochen.
Luna richtete sich auf und gab Harry einen Kuss.
„Schau, der Mond“, sagte sie zärtlich, „und die Sterne gehen auch langsam auf.“
Harry nickte. „Wer weiß, vielleicht sehen wir eine Sternschnuppe.“
Luna lächelte. „Vielleicht. So ein Sternenhimmel ist wunderschön, findest du nicht? Man fragt sich, welche Kreaturen wohl in den anderen Universen leben.“
Eine Weile starrten sie in den Himmel. „Wie weit weg alles scheint“, meinte Harry leise, „findest du nicht auch?“
„Es ist alles ziemlich weit weg.“
Eine Wolke schob sich vor den Mond, und Harry hatte das Gefühl, es wurde insgesamt dunkler.
„Hoffentlich regnet es nicht.“
„Das wäre doch grade schön. Ich mag Regen“, sagte Luna schlicht. Nach einer Weile fügte sie hinzu, „schade, dass der Mond nicht mehr zu sehen ist. Es wird immer grauer da oben; anderswo regnet es bestimmt schon.“
Aber Harry sah gar nicht mehr in den Himmel. Er hatte den Blick Luna zugewandt.
„Für mich sitzt der schönste Mond ganz nah bei mir“, sagte er leise, und zu sich selbst, aber Luna schien ihn gehört zu haben.
Sie küsste ihn sanft auf die Wange.
Ein Regentropfen landete auf Harrys Kopf, und auf den einen folgten weitere.
Harry sah Luna an.
„Wir könnten uns irgendwie abdecken“, sagte er.
„Wir könnten disapparieren“, sagte Luna.
Aber keiner von beiden rührte sich. Dicke Wolken übersäten den Himmel; die Regentropfen wurden größer und dicker. Harry und Luna rückten näher aneinander, und schlangen die Arme umeinander.
Harry spürte nicht mal mehr, wie ihm die Kälte unter die Ärmel kroch und wie seine Klamotten durchnässten. Ihm war nicht mal wirklich kalt.
Um sie herum prasselten die Regentropfen und über ihnen schrie der Thestral.
Es war eine schöne Nacht.

Irgendwann mussten sie beide eingeschlafen sein; am nächsten Morgen konnte keiner sagen, wer zuerst eingeschlafen war. Es hatte aufgehört zu regnen, der Thestral war gelandet und sah sie fordernd an. „Er hat Hunger“, meinte Luna.
„Glaubst du nicht, er kann selber auf sich Acht geben?“
Luna zuckte die Schultern. „Vielleicht findet er hier nichts zu fressen; immerhin ist er darauf trainiert, keine Eulen anzugreifen.“
„Wir sollten sowieso zurück“, meinte Harry, „der Kerl hier will sicher zurück zu seinen Freunden und ich will auch Hagrid noch mal ordentlich tschüss sagen.“
„Was hast du denn vor?“, fragte Luna. Es klang ein wenig enttäuscht.
Harry zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung. Ich meine, ich habe ein Haus… Oder wir bleiben noch im Fuchsbau, aber...“
Er beendete den Satz nicht.
„Was machst du denn jetzt? Ich meine… gehst du zu deinem Vater, oder…?“
Luna lächelte. „Wenn du willst, bleibe ich bei dir“, meinte sie, „im Fuchsbau oder auch in deinem Haus. Oder wo du auch immer hinwillst.“
Er gab ihr einen Kuss. „Du bist ein wundervoller Mensch, Luna.“
Harry kletterte auf den Rücken des Thestrals und reichte Luna die Hand. „Lass uns in den Fuchsbau gehen“, meinte er, „wir sind einfach so abgehauen, das sollten wir wieder gut machen. Und ich denke, ich sollte mit Ginny sprechen.“
„Brauchst du dabei Hilfe?“ Luna kletterte auf den Rücken des Tieres.
„Danke, aber ich denke, dass sollte ich alleine machen.“
Er drehte sich zu ihr um. „Kannst du ihm sagen, dass er losgehen soll? Ich habe das Gefühl, du hast ein besseres Händchen für diese Tiere.“ Lunas Augen leuchten ein wenig. „Sicher.“
In der nächsten Sekunde hob sich der Thestral auch schon hoch in die Lüfte, und sie waren auf dem Weg.

Ginny war ausgerechnet die erste Person, die ihnen über den Weg lief.
Sie starrte Harry und Luna an. Harry schluckte. „Hey.“
Ginny biss sich auf die Lippe. „Hey.“
„Erm, können wir reinkommen?“
Sie trat zur Seite. „Sicher.“
Luna ging beschwingten Schrittes in das Haus hinein und machte sich auf den Weg nach oben. „Ich gehe grad mal meine Sachen zusammenpacken, wenn dir das recht ist, Ginny.“ Sie nickte, ohne den Blick von Harry zu lösen.
Harry sah Luna nach, wie sie die Treppe hochging, und wandte sich dann an Ginny, die sich zum Gehen wandte.
„Ginny“, sagte er leise und nahm ihre Hand, die sie sofor zurückzog. „Hey.“
„Was ist, Harry?“ Ihre Stimme war kühl.
„Können wir reden?“
Sie betrachtete ihn einen Moment lang, und zuckte dann mit den Schultern. „Okay.“
Harry und Ginny gingen zusammen in die Küche. „Wo sind alle?“, fragte Harry und setzte sich auf einen Küchenstuhl. „Ron und Hermine machen fast den ganzen Tag Ausflüge, Mum ist in der Winkelgasse und trifft sich mit ein paar Freundinnen, Dad arbeitet, Percy auch, George sitzt unverändert in seinem Zimmer“, leierte Ginny herunter.
„Oh, okay“, sagte Harry und es herrschte ein kurzes Schweigen.
„Du wolltest reden“, sagte Ginny.
„Ja.“ Harry biss sich auf die Lippe. „Hör zu Ginny, wegen Luna...“ Sie wandte ihren Blick ab.
Harry spürte wie sein Herz schneller schlug. Das hier würde nicht einfach werden. „Also, das mit Luna... es, es tut mir leid, Ginny. Ehrlich.“
Sie hob ihren Kopf. In einer Ecke ihres Auges glitzerte eine Träne. Sie sah wütend aus.
„Es tut dir leid?“, wiederholte sie tonlos. „So, wie es dir leid getan hat, als du mit mir Schluss gemacht hast? Es tut dir leid, dass du zwei Tage später mit Luna rummachst? Zu mir hast du noch gesagt, du würdest mich vermissen. Du hast behauptet, ich würde dir etwas bedeuten.“ Sie sprang vom Stuhl auf. „Aber offiziell“, ihre Stimme war schrill, „offiziell hast du mir ja noch gar nicht gesagt, dass du eine Neue hast, offiziell tut es dir so schrecklich leid, dass du mich verlassen hast, du lässt mich hier einfach sitzen und  ich darf mir alles selber zusammenreimen, während du ohne ein Wort zu jemandem mit IHR abhaust...“ Wütend wischte sie sich über die Augen.
Es tat Harry weh, sie so zu sehen. „Ginny, so ist es doch gar nicht...“, fing er an.
„Natürlich ist es so! Aber mir kann es ja egal sein. Mann, ich komme mir so blöd vor, all die Zeit für dich verschwendet zu haben... Wie lange ich immer auf dich gewartet habe, und jetzt sagst du mir nicht mal mehr Tschüß wenn du mit deiner neuen Freundin sonst wohin gehst...“ Ginny drehte sich weg, aber Harry konnte trotzdem die kleinen Tränen sehen.
Er fühlte sich hilflos – vor allem, weil er das Gefühl hatte, dass Ginny nicht einmal so falsch lag.
„Ginny“, sagte er leise. „Lass mich bitte kurz sagen wie das für mich ist. Bitte.“
Sie verschränkte ihre Arme.
„Ginny, ich habe jedes Wort ernst gemeint, das ich zu dir gesagt habe. Ich wünschte, alles wäre anders gewesen. Wirklich. Ich wollte dich nie, nie verletzen. Du musst mir das glauben.“
„Du hättest sagen können, dass es wegen Luna ist. Du warst nicht offen darüber, du...“ Ginnys Stimme zitterte.
Harry rieb sich über die Stirn. „Ich... Ginny, ich war ja selber nicht mal sicher, was das mit Luna ist. Und vor allem, ob sie etwas für mich empfindet... Ich hätte mit dir auch Schluss machen müssen, wenn das mit Luna nicht gewesen wäre, das habe ich erst mit der Zeit so richtig gemerkt...“
Sie schnaubte. „Na, vielen Dank, jetzt geht’s mir besser.“
„Ginny, glaubst du mir, dass es mir leidtut?“ Sie gab keine Antwort. Harry nagte weiter an seiner Lippe herum, die mittlerweile schon wehtat. „Ich habe mich wie ein Idiot verhalten. Aber ich wusste nicht, wie ich dir das mit Luna sagen soll. Ich wollte dich aber niemals verletzen. Du bist mir wichtig, Ginny, wirklich.“ Harry merkte, wie ihm die ganze Situation langsam auch zuviel wurde. Warum musste alles so kompliziert sein?
„Ich werde ehrlich sein, Ginny. Ich möchte mit Luna zusammen sein. Ich... es ist anders, als mit dir... Ich kann nichts dagegen tun, außer, dich um Verzeihung zu bitten. Dich zu bitten,... das ist okay für dich ist, dass ich mit Luna zusamen bin. Ich brauche dich, Ginny. Lass uns einfach Freunde bleiben, bitte.“
Als Ginny ihm in die Augen sah, waren ihre voller Tränen. „Das wird mir schwerfallen“, flüsterte sie. „Ich wollte nie mit dir befreundet sein, Harry.“
Die Worte trafen ihn wie scharfe Messerspitzen.
„Ich.... Es tut mir so leid, Ginny. Kann ich etwas für dich tun?“
Sie schüttelte den Kopf, begann zu weinen und Harry machte einen Schritt auf sie zu, nahm sie in den Arm und hielt sie fest. Ihre Schluchzer ließen ihren ganzen Körper zittern. Und Harry spürte, wie die Tränen des Mädchens seine eigenen wurden.

10. Kapitel

Harry saß gegen die Mauer gelehnt auf dem Boden. Seine Augen waren geschlossen. Es war ihm klar,  dass er Mist gebaut hatte – er hätte das alles anders angehen sollen, ganz anders.
Hermine hätte ihm auch geraten, die Dinge anders anzupacken.
Aber jetzt war es so geschehen. Er legte seinen Kopf in den Nacken und wünschte sich, mit Luna reden zu können. Aber wahrscheinlich war es auch nicht schlau mit seiner Sozusagen-Freundin über die Sozusagen-Ex-Freundin lange Gespräche zu führen. Er schaffte es ja nicht mal mehr, die Bezeichnungen auszusprechen. Seine Hände kreiselten auf dem Boden entlang. Jetzt bräuchte er jemanden. Jemanden, der ihm sagen würde, dass alles gut gehen würde.
Harry rieb sich über die Stirn.
Er hatte nicht mehr mit Luna gesprochen. Alles war so kompliziert.


Luna nahm Ginnys Hand. „Er meint es nicht so“, sagte sie leise.
Ginny sah sie an. „Lass mich in Ruhe, Luna.“
„Du tust Harry Unrecht.“
„Tu nicht so, als würde ich ihn nicht kennen!“
Luna sah sie erschrocken an und ließ Ginnys Hand nicht los. „Man kann eine Person kennen, sehr gut kennen, und ihr trotzdem Unrecht tun, Ginny, das kannst du doch verstehen, oder?“
Ginny zuckte die Schultern. Ihr Gesicht war verschmiert von den Tränen und eigentlich war Luna gerade die Person, die sie nicht sehen wollte.
„Ich meine, ich habe ihn ja lange nicht gesehen“, sagte sie, und schniefte kurz.
Luna reichte ihr ein Taschentuch.
„Danke“, Ginny schnäuzte sich die Nase.
„All die Zeit“, sagte sie dann, „das ganze Jahr war er ja ohne mich – und mit dir.“
Sie wandte sich ab. „War ja abzusehen, dass er sich verändert. Ich hätte damit rechnen müssen -“
„Niemand hätte damit rechnen müssen“, meinte Luna, „niemand, außer Harry vielleicht... und mir.“
Ginny sah sie an. Sie hatte keine Ahnung, was sie über Luna denken sollte, nur sauer – sauer konnte sie nicht mehr sein.
„Tut mir leid“, sagte Luna und stand auf. „Ich lass dich jetzt mal alleine, ja?“
Ginny nickte langsam. „Luna?“
„Ja?“
„Wir bleiben Freunde, oder?“
Luna lächelte breit. „Natürlich.“
Ginny beugte sich nach vorne, um Luna zu umarmen, und auf einmal musste sie lachen. Ein kleiner Teil der Anspannung schien von ihr zu fallen. Sie wischte sich über die Augen.
„Danke“, sagte sie, und lächelte schief.
Luna blieb im Türrahmen noch einmal stehen. „Ginny“, sagte sie dann, und stockte kurz. „Ich will dich nicht verletzten – und Harry auch nicht – aber wir gehen wahrscheinlich heute noch zurück in Harrys Haus, und... Ginny, willst du dich von ihm verabschieden?“
Ginny sah Luna an und begann, an ihren Fingern herumzuspielen. Auf einmal war das Lächeln wieder aus ihrem Gesicht gerutscht. Sie dachte an Harry. Sie hatte sich schon so oft von ihm verabschiedet. So viele Male „Auf Wiedersehen“ gesagt – oder auch nicht. Aber immer war er zu ihr zurück gekommen. Immer hatte „Auf Wiedersehen“ bedeutet, dass sie sich versprachen, wieder zueinander zu finden. Dass sie sich wieder im Arm halten würden und von der Zukunft träumen oder die Gegenwart leben würden.
Jetzt nicht mehr.
Lunas Frage brachte sie zum Straucheln. Wollte sie Harry noch einmal sehen? Um ihn dann mit ihr gehen zu lassen? Wer wusste schon, wann er sie wieder besuchen würde. Und dann würde sie die alte Schulfreundin sein, die Schwester seines besten Freundes...
Ron und die Zwillinge hatten sich immer über sie lustig gemacht, weil keine ihrer Beziehungen hatten halten wollen – aber das war anders gewesen, damals gab es immer Harry – und es war Ginny, die Schluss gemacht hatte, nicht...
Ginny sah in Lunas Augen und merkte, dass sie eine Antwort wollte.
Sie schüttelte den Kopf und spürte, wie ihr Herz schwer wurde. „Nein“, sagte sie hohl, „sag ihm … Grüße von mir.“
Luna fragte nicht noch mal nach, sie warf Ginny ein Lächeln zu und schob sich dann aus der Tür und schloss sie hinter sich.
Ginny setzte sich hin und starrte auf die Türklinke, ihr Kopf ganz leer.


Harry drehte sich um. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht kam Luna auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Sanft stupste sie ihn auf die Nase.
„Bereit?“
Harry lächelte schwach und sah an den Gemäuern hoch. „Ich sollte vielleicht noch was zu Ginny sagen“, murmelte er.
Luna biss sich auf die Lippe. „Ich habe mit ihr geredet.“
Harry runzelte die Stirn ein wenig. „Und?“
„Sie will sich nicht von ihr verabschieden.“
Es brauchte eine Weile, bis die Worte in Harrys Gehirn ankamen.
Sie will sich nicht von dir verabschieden.
„Oh“, hörte er sich sagen, „oh, okay.“
„Tut mir leid, Harry.“
„Okay“, wiederholte er, und riss seinen Blick von dem Gebäude weg.
Luna lächelte ihn traurig an. „Fühlt sich nicht richtig an, sie ganz alleine hier zu lassen, hm?“
Harry nickte langsam. „Aber es fühlt sich noch weniger richtig an, hier zu bleiben...“
Luna nickte, und strich ihm das zerzauste Haar aus der Stirn. „Also, bereit?“
Harry gab ihr einen kleinen Kuss. „Bereit, wenn du es bist.“
Ohne einen letzten Blick auf den Fuchsbau waren sie verschwunden.

Luna hustete.
Harry strich mit seinen Fingern über die Möbel. „Mir ist nie aufgefallen, wie staubig es hier eigentlich ist“, bemerkte er.
Luna nickte. „Allerdings“, meinte sie.
Harry sah sich um und entdeckte Tassen und Gläser in einem der Schränke. Er nahm eins heraus und deutete mit seinem Zauberstab darauf. „Aguamenti.“
Lächelnd reichte er es Luna.
„Danke.“
Sie nahm einen kleinen Schluck und sah sich dann um.
Harry war aber schon in die Küche verschwunden; als er wieder kam, trug er ein Tablett.
Luna hob eine Augenbraue hoch.
„Wer hätte gedacht, dass du so etwas Feines zaubern kannst“, meinte sie mit einem Blick auf die Kekse.
Harry lächelte. „Los, probier einen.“
Sie streckte ihre Hand aus und schob sich einen der Kekse in den Mund. „Ich bin überrascht“, meinte sie dann, „sie schmecken tatsächlich.“
Harry hob eine Augenbraue.
„Nein wirklich“, sagte Luna, „sehr überrascht. Wer hätte gedacht, dass der große Harry Potter so gut backen kann.“
„Habe von Hagrid gelernt“, sagte Harry grinsend, und steckte erst Luna, dann sich selbst einen Keks in den Mund.
Luna küsste ihn sanft, sie schmeckte nach Keksen, und nach – Luna.
Dann sah sie sich im Zimmer um.
„Wenn wir hier bleiben, müssen wir aber hier noch ein wenig.. aufräumen, meinst du nicht?“ Harry sah sich um, dann sah er wieder Luna an, und setzte sich auf den Fußboden.
„Hier bleiben“, sagte er, ein wenig fragend.
Luna ließ sich zu Boden sinken, neben ihn, umschloss mit ihren Finger seine Hand und betrachtete das Zimmer. „Ja, hier bleiben“, sagte sie dann. „Ich könnte mich an Kreacher gewöhnen. Und ich bin mir sicher“, sie legte ihren Kopf auf seine Schulter, „dass sich hier außer ihm noch allerlei andere Kreaturen verstecken.“
Harry schnaubte. „Da kannst du sicher sein.“
Luna kicherte.
„Doch wirklich“, sagte er und begann, durch ihr goldenes Haar zu streicheln. „Irrwichte, Gnome, Flüche an den Wänden – du findest hier alles, besonders weil das Haus seit – seit einer Weile leer stand.“
„Kling gut“, murmelte sie leise. "Also doch Irrwichte. Klingt nach einer privaten DA-Stunde, meinst du nicht?"
Harry begann, ihren Kopf zu streicheln. „Was ist mit deinem Vater?“
Sie blickte auf. „Oh, wir können ihn besuchen“, sagte sie strahlend. „Ich muss ihn eh bald wieder sehen – ich kann dir das Grab meiner Mutter zeigen – wir können nach Godric's Hollow – noch einmal richtig nach Hogwarts – die DA wiedersehen – mir fallen noch eine ganze Menge Sachen ein, die wir zusammen machen können!“
Harry zuckte bei dem Gedanken an die DA, an Ginny, zusammen, aber er schob sie beiseite. „Hmm, kling gut“, meinte er.
„Die Winkelgasse“, schlug Luna vor, „und Hogsmeade – dann gibt es noch allerlei Wälder, die es wert sind, sie sich anzusehen – und dann kommen wir zurück und reinigen das Haus.“
Harry lachte. „Oder wir machen erst die dreckige Arbeit.“
Luna schmiegte sich an ihn. „Das können wir auch machen“, meinte sie sanft.
Harry drückte ihre Hand. „Und dann sehen wir die Welt“, sagte er liebevoll.
„Dann sehen wir die Welt“, sagte Luna.
„Zusammen?“
„Zusammen.“

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Autor

LizTonkss Profilbild LizTonks

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Kapitel:10
Sätze:2.203
Wörter:20.864
Zeichen:117.949

Kurzbeschreibung

Die Geschichte spielt unmittelbar nach der Schlacht von Hogwarts. Harry findet heraus, dass er keine Gefühle mehr für Ginny hat. Pairings: Luna x Harry; Ron x Hermine/////Er ließ die Augen geschlossen. „Ich spüre ein Mädchen, dass anders ist als alle“, sagte er, ebenso leise. „Ich spüre, dass ich bei ihr sicher bin und ihr alles anvertrauen kann. Ich spüre, dass wir uns eben geküsst haben und dass sie heute morgen Pudding gegessen hat. Ich weiß, dass das ihr Lieblingsessen ist. Ich spüre, dass dieser Ort hier unser zu Hause ist. Ich spüre, dass sie vermisst. Dass wir beide vermissen. Dass wir beide verloren haben. Ich fühle das Mädchen, dass ich liebe.“

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Romanze und Lunarry(Pairing) getaggt.