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Die Eule

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19.4.2018 22:34
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Die Eule

 

Nach den vielen Trauerfeiern für die gefallenen Mitschüler und Freunde, nach der feierlichen Beisetzung von Severus Snape musste Harry sich auch noch mit der Bestrafung der verbliebenen Todesser und Mitläufer Voldemorts befassen. In mehreren Prozessen wurde er als Zeuge vor Gericht geladen. Besondere Aufmerksamkeit erregte natürlich das Verfahren gegen die Eheleute Malfoy und ihren Sohn Draco.

 Lucius Malfoy, nur noch ein Schatten seiner selbst, bewies zum ersten Mal Charakterstärke. Er tat sein Möglichstes, um alle Schuld auf sich zu nehmen und Frau und Sohn zu entlasten. Harry hatte wenig Mitleid mit ihm, aber er unterstützte seine Bemühungen, weil er es als gerecht empfand. Narzissa Malfoy hatte ihm in einem entscheidenden Augenblick geholfen, indem sie Voldemort gegenüber bestätigte, dass Harry tot sei, obwohl sie das Gegenteil festgestellt hatte. Als die Richter das hörten, war der Fall klar. Sie wurde in verschiedenen Punkten schuldig gesprochen, aber umgehend begnadigt.

 Bei Draco war es schwieriger. Immerhin hatte er bis zum letzten Augenblick gekämpft. Harry machte zu seiner Entlastung geltend, dass er gezögert hatte, ihn selbst zu identifizieren, als er, durch Hermines Zauber unkenntlich gemacht, in die Hände der Greifer gefallen war. Damals hatte er tatsächlich das Gefühl gehabt, dass Draco versuchte, ihn zu schützen; ganz sicher war er sich aber nicht. Zu Dracos Gunsten sprach es auch, dass Dumbledore seine Hand über ihn gehalten hatte.

Aber das alles genügte nicht für einen Freispruch oder eine Begnadigung. Ein halbes Jahr Askaban, so lautete das verhältnismäßig milde Urteil. Der junge Malfoy zuckte mit keiner Wimper, als er es hörte.

 Lucius Malfoy traf die volle Härte des Gesetzes: Verbannung nach Askaban auf unbestimmte Zeit. Er nahm es mit Fassung auf, offenbar zufrieden damit, dass seine Familie weniger hart behandelt wurde.

 Doch das war noch nicht alles. Das Gericht, unter Vorsitz von keinem anderen als Cornelius Fudge, fügte noch eine weitere Strafe hinzu: Enteignung. Das herrschaftliche Anwesen der Malfoys sollte ihnen genommen und einem verdienten Helden des Widerstandes gegeben werden.

 Einige Wochen später, nachdem  etwas Ruhe eingekehrt war und die Dinge wieder angefangen hatten, ihren normalen Gang zu gehen, fand Arthur Weasley auf dem Schreibtisch seines nüchtern eingerichteten Büros eine imposante Pergamentrolle. Er öffnete sie und stellte fest, dass es sich um eine Urkunde handelte, die ihn in den Besitz von Malfoy Manor setzte. Ein kurzes Begleitschreiben, unterzeichnet vom Zaubereiminister persönlich, besagte, dass man beschlossen habe, das Eigentum des verurteilten Lucius Malfoy ihm und seiner Familie zu übertragen, als Anerkennung für die herausragenden Verdienste und so weiter…

 Arhur Weasley schob die Papiere in eine Ecke seines Schreibtischs und widmete sich seinen Alltagsgeschäften. Erst am Abend, als er wie üblich seine Akten ordnete, erinnerte er sich wieder daran und nahm sie mit nach Hause, um sie seiner Frau zu zeigen und sich mit ihr darüber zu beraten.

 Das Gespräch der Eheleute dauerte nur zehn Minuten. Danach setzte Arthur sich hin und schrieb einen artigen Brief an den Minister, in dem er sich für die Überlassung des wertvollen Anwesens herzlich bedankte. „Seien Sie versichert, dass ich für Ihr großzügiges Geschenk eine angemessene Verwendung finden werde…“

 Er steckte das Schreiben in seine Aktentasche, um es am nächsten Tag mit ins Ministerium zu nehmen. Dann begann er einen zweiten Brief zu schreiben. Diesmal war es eine schwierigere Aufgabe, denn er achtete darauf, sich äußerst taktvoll und höflich auszudrücken.

„Sehr geehrte Mrs Malfoy,

 diese Urkunde sende ich Ihnen zurück, denn ich bin der Ansicht, dass sie, wie auch Malfoy Manor, in Ihrem Besitz bleiben sollte. Ich bin dem Minister wirklich sehr dankbar, dass er mir diese Ehre zugedacht hatte, aber meine bescheidene Meinung ist, dass Ihr persönliches Verdienst um die Rettung unseres lieben Freundes Harry Potter von offizieller Seite nicht in hinreichendem Maße gewürdigt wurde.

Da unsere Kinder jetzt erwachsen sind und ihre eigenen Wege gehen werden, ist unser altes Haus groß genug für uns. Wir möchten es nicht verlassen, auch wegen der vielen schönen Erinnerungen, die damit verbunden sind. Daher benötigen wir keinen anderen Wohnsitz und erstatten Ihnen Ihr Eigentum gerne zurück.

 Ich hoffe, dass auch für Sie wieder glücklichere Zeiten kommen werden, und wünsche Ihnen vor allem, dass Ihr Sohn bald wohlbehalten zu Ihnen zurückkehren kann.“

Beide Eheleute unterschrieben den Brief und vertrauten ihn, zusammen mit der Urkunde, ihrer Hauseule Errol an. (Sie hätten das ungeschickte Tier längst durch ein besseres ersetzen können, aber Molly zögerte, sich davon zu trennen.)

 Errol brauchte vierzehn Tage, um Malfoy Manor zu finden, das düster und wie verlassen dalag. Es war ein regnerischer Tag und die hohen Räume waren klamm, denn Narzissa hatte sich nicht darum gekümmert, dass die Kamine angezündet wurden. Die Hauselfen hatten sich unsichtbar gemacht und drückten sich in den Kellergewölben herum. Die Hausherrin, die damit rechnete, jeden Augenblick aus ihrem Eigentum vertrieben zu werden, saß in der eiskalten Kapelle neben dem Marmorsarg ihrer Schwester Bellatrix und starrte blicklos in den halbdunklen Raum, als die fremde Eule neben ihr landete und gleich gegen das Grabmal knallte. Verdutzt sah Narzissa auf das Tier nieder und entdeckte die große Pergamentrolle an seinem Fuß. Es durchfuhr sie wie ein Schock, denn sie erkannte den Gegenstand auf der Stelle.

 Mit kalten, zitternden Fingern löste sie die Rolle vom Bein der Eule.

 Nachdem sie das Schreiben der Weasleys gelesen hatte, ließ sie es sinken und starrte weiter in die Dunkelheit. Sie fühlte sich entsetzlich gedemütigt durch die Großzügigkeit ihrer ehemaligen Feinde, ausgerechnet dieser armseligen Weasleys, auf die sie immer herabgesehen hatte, und die Tatsache, dass Arthur Weasley sich so sehr bemüht hatte, taktvoll zu sein, machte es noch schlimmer. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn er geschrieben hätte, dass er das verfluchte Haus, in dem das Ungeheuer Voldemort residiert hatte, niemals betreten, geschweige denn besitzen wolle.

 Ein leises Geräusch ließ sie auf den Boden vor ihren Füßen blicken. Dort saß immer noch zusammengekauert die zerzauste Eule, die den Brief gebracht hatte.

 Zögernd streckte Narzissa den Arm aus. „Komm her.“ Das erschöpfte Tier kletterte schwerfällig auf ihren Unterarm und die Herrin von Malfoy Manor erhob sich und verließ die Kapelle. Ganz gegen ihre Gewohnheit nahm sie nicht den direkten Weg zum Hauptportal des Hauses, sondern ging um das Gebäude herum zum Hintereingang, durch den sie in die Küche gelangte.

 Dort setzte sie die Eule auf einem Tisch ab und begann planlos in den Schränken herumzusuchen, bis eine verstörte Hauselfe auftauchte und, nachdem sie den Schock darüber überwunden hatte, die Herrin eigenhändig in der Küche hantieren zu sehen, schüchtern fragte, ob sie behilflich sein könne.

 „Ich suche etwas zum Essen für diese Eule“, erklärte Narzissa, als sei dies die normalste Sache der Welt, und die Hauselfe brachte in Windeseile etwas Geeignetes aus den Schränken zum Vorschein.

Während die Eule gierig Fleischstückchen in sich hineinstopfte, saß Narzissa am Küchentisch und schaute ihr zu. Schließlich wies sie die verunsicherte Hauselfe in ungewohnt freundlichem Ton an, ihr Briefpapier und Schreibzeug in die Küche zu bringen, und immer noch neben der Eule sitzend, die jetzt satt und zufrieden auf dem Tisch vor sich hin döste, schrieb sie an Arthur Weasley:

 „Sehr geehrter Mr Weasley,

 ich finde keine Worte, um meinen Dank für Ihre Großzügigkeit auszudrücken. Mein größter Wunsch ist, dass ich irgendwann in der Lage sein möge, sie ihnen zu vergelten.

 Sie haben Recht damit, Ihr altes Heim nicht zu verlassen. Trotz des schweren Verlustes, der Ihre Familie betroffen hat, ist es ein glücklicherer Ort als Malfoy Manor je gewesen ist.

Ich habe noch eine Bitte: Behalten Sie die Posteule, die Ihnen diesen Brief überbringt (sie heißt Schneeweiß) und überlassen Sie mir das Tier, das mir Ihr Schreiben gebracht hat.

 Für mich ist es der schönste Vogel der Welt.“

Narzissa beendete ihren Brief schnell, als sie bemerkte, dass Tränen darauf fielen. Sie ließ ihre beste Posteule bringen (eine prächtige Schneeeule, wie Harrys Hedwig), befestigte den Brief an ihrem Bein und teilte ihr mit, dass sie in Zukunft dem Empfänger des Briefes gehören solle; sie ermahnte Schneeweiß noch, brav zu sein und auf sich aufzupassen, und entließ sie.

 Dann wandte sie sich wieder Errol zu und streichelte sacht sein zerzaustes Gefieder.

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issachar Am 20.04.2018 um 20:57 Uhr
Hi roseta,

nun hat es doch auch hierher verschlagen? ;-)

Das ist eine schöne Geschichte. Wirklich wundervoll. Geht mir unter die Haut. Und auch realistisch. Ich glaube, dass Narzissa im Grunde kein schlechter Mensch ist - du zeigst es anhand ihrer Tierliebe. Dass die Weasleys Malfoy Manor nicht nehmen, ist klar. Das täten sie nie, niemals! Sie sind zu bescheiden, aber auch zu stolz. Gute Leute!

Warum hast du Fudge wieder auferstehen lassen? Ich mag ihn, naja, vielleicht nicht ihn, aber den leider letztes Jahr verstorbenen Schauspieler, der ihn mimte: Robert Hardy. Der brachte Leben in diese Figur. Und ihn sah ich eben auch, als ich las, dass er den Weasleys das Haus der Malfoys überlassen wolle.

Danke für diesen One-Shot!

LG
issachar
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roseta (Autor)Am 21.04.2018 um 19:07 Uhr
Hallo,

ich freue mich, dass die kleine Geschichte dir gefallen hat. Vielen Dank für deinen Kommentar.

Habe ich Fudge "auferstehen" lassen? Ich hatte keine Ahnung, was aus ihm geworden ist - habe ich was nicht mitbekommen? Ich habe ihn an dieser Stelle eingefügt, weil er für mich zu diesen Typen gehörte, die auch bei einem Machtwechsel immer wieder auf die Füße fallen. Nach Voldemorts Ende könnte er wieder in Amt und Würden gekommen sein.
Ich mag den Charakter nicht sonderlich, aber er ist sicher auch kein schlechter Kerl - eben ein gewöhnlicher Mensch mit Schwächen und als Zaubereiminister ziemlich überfordert.

Auch Narzissa hat sich gewiss ihre Rolle als Frau eines prominenten Todessers nicht ausgesucht. Und am Ende ist sie ja auch über sich hinausgewachsen und hat etwas Heldenhaftes getan, als sie Harry geholfen hat.

Viele Grüße
roseta
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Kurzbeschreibung

One-shot: Nach dem Krieg. Wie sollen die überlebenden Todesser bestraft werden? Es ist nicht so einfach, Gerechtigkeit zu üben, vor allem nicht im Falle der Malfoys.

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