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Cecilias Geschichte

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15.9.2018 20:45
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Wir haben heute Tom Riddle begraben, meine große Liebe. Und für den Rest meines Lebens werde ich eine einsame alte Jungfer bleiben.

Ich habe es befürchtet seit dem unglückseligen Tag, als er mich verließ, um eine andere zu heiraten. Aber bis zum Ende habe ich noch geglaubt und gehofft, dass er zu mir zurückkehren würde.

Denn trotz allem habe ich niemals aufgehört, ihn zu lieben.

Nach der langen Trauerfeier für Tom und seine Eltern begab sich die Trauergemeinde in das Dorfgasthaus, wie es Tradition war. Natürlich war fast das ganze Dorf auf den Beinen und nur ein kleiner Teil der Leute fand Platz in dem Gasthaus. Aber meine Eltern und ich gehörten zu den bevorzugten Gästen und man hatte Plätze für uns reserviert.

„Ich möchte wissen, wer von all diesen Leuten den Riddles wirklich nachtrauert“, murmelte meine Mutter neben mir, während ich einen Schluck von meinem Tee nahm.

„Sie sind kein großer Verlust für das Dorf“, knurrte mein Nachbar, Mister Mayborg, respektlos.

Nein, die Riddles waren nicht sehr beliebt gewesen, und dass dennoch fast jedermann an ihrer Beerdigung teilgenommen hatte, war mehr der Sensationslust geschuldet als der Schicklichkeit oder dem Mitgefühl. Sie galten als hochnäsig, abweisend und unfreundlich, besonders Tom Riddle, der Sohn.

Das war nicht immer so gewesen. Es hatte Zeiten gegeben, da war er ein sympathischer und beliebter junger Mann, der viele Freunde hatte, und seine Eltern waren nicht nur wegen ihres Reichtums, sondern auch wegen ihrer Gastfreundlichkeit und verbindlichen Umgangsformen angesehen. Aber das hatte sich ab einem gewissen Zeitpunkt ziemlich rasch geändert, und die Menschen vergessen das Gute schnell, während Skandale anscheinend ein ewiges Leben haben.

Wir wohnten im Nachbarort, der nur wenige Meilen von Little Hangleton entfernt war; unsere Eltern waren schon miteinander befreundet und die Familien besuchten einander häufig, sodass Tom und ich fast wie Geschwister aufwuchsen. Wir spielten zusammen im Sandkasten, wir besuchten die gleiche Grundschule. Später gingen wir in verschiedene Internate, da es damals fast nur getrennte Schulen für Jungen und Mädchen gab. Aber wir sahen uns in den Ferien und verbrachten diese fast immer zusammen.

Nach seinem Schulabschluss trat Tom eine große Reise an, wie es für einen jungen Mann aus gutem Hause üblich war; nach seiner Rückkehr begann sein Vater ihn in seine Geschäfte einzuweisen. Ich war zwei Jahre jünger als er und nachdem ich meinerseits die Schule verlassen hatte, sahen wir uns ebenso häufig wie früher. Unsere Eltern veranstalteten Bälle und Ausflüge, bei denen wir uns trafen; sie schienen zu erwarten, dass wir ein Paar wurden, und wir hatten nichts anderes im Sinn; wir fühlten uns zusammengehörig seit unserer Kinderzeit. Ich konnte mir keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen als Tom Riddle und ich glaubte, dass er genauso dachte wie ich.

Dann kam der Tag, der alles änderte.

Es war ein Wintertag, sonnig, doch eiskalt. Wir hatten uns zu einem Ausritt verabredet; wir umrundeten das Dorf Little Hangleton und folgten eine Zeitlang der Landstraße, die durch ein Wäldchen führte. Unter den Bäumen gewahrte ich die Umrisse einer vernachlässigten Hütte; wir waren schon öfter daran vorbeigekommen und ich hatte sie für unbewohnt gehalten, doch diesmal sah ich von Weitem, dass die Tür halb offen stand; sie hing schief in den Angeln. Aus dem niedrigen Schornstein quoll Rauch.

 „Wohnt dort jemand?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, dort wohnen die Gaunts. Ein alter Mann mit seinem Sohn und seiner Tochter.“

Ich musste lachen. „Der Name passt zu der Hütte. Ziemlich seltsam, dort zu wohnen. Was sind das für Leute?“

Tom zuckte die Achseln. „Sie haben nicht viel mit dem Dorf zu tun; man sieht sie nur höchst selten dort. Der Alte ist ein merkwürdiger Kauz; wenn er überhaupt mal mit jemand redet, ist er brummig. Wovon sie leben, weiß kein Mensch; offenbar geht keiner von den dreien einer Arbeit nach. Nur das Mädchen erscheint gelegentlich im Dorf, um etwas einzukaufen. Sie ist schüchtern und spricht kaum; nach meiner Ansicht ist sie ein bisschen beschränkt.“

Tom runzelte nachdenklich die Stirn; er schien sich an etwas zu erinnern. „Mit dem Jungen bin ich mal vor dem Wirtshaus aneinandergeraten, ich weiß nicht mehr genau, wann und warum … Ein unangenehmer Bursche, ziemlich verrückt.“

Daran war etwas merkwürdig. Er war mit jemand in Streit geraten, erinnerte sich aber nicht mehr an Einzelheiten? Streitigkeiten auf offener Straße waren nicht gerade eine alltägliche Sache für ein Familienmitglied der distinguierten Riddles, also hätte er sich zumindest an den Anlass erinnern sollen.

Ich wollte gerade nachfragen, als wir unterbrochen wurden. Wir hatten uns inzwischen dem heruntergekommenen Häuschen bis auf wenige Meter genähert und in der offenen Haustür erschien jetzt eine Gestalt – eine junge Frau.

Sie war so klein und mager, dass ich sie im ersten Augenblick für ein Kind hielt. Bekleidet war sie mit einer Art grauem Kittel, der ebenso gut ein Nachthemd hätte sein können und dessen kurze Ärmel trotz der Kälte ihre dünnen, nackten Arme sehen ließen. Ihr strähniges Haar war zu einem unordentlichen Knoten zusammengefasst und ihre Gesichtszüge waren zu unregelmäßig, um hübsch zu sein. Sie zitterte – vor Angst oder vor Kälte? –, dennoch sprach sie uns an:

„Mister Riddle, Mylord … Mylady …“

Bevor wir die unpassende Anrede berichtigen konnten, fuhr sie hastig fort:

„Es tut mir so leid wegen meinem Bruder damals, das war nichts als ein dummes Missverständnis. Er regt sich immer so leicht auf, aber er hat gar nicht Sie gemeint, sondern eine andere Person, er ist ein bisschen verwirrt …“

„Es ist ja nichts passiert“, meinte Tom freundlich. „Ich hoffe, Ihr Bruder hat sich inzwischen beruhigt.“

„Das hat er, oh ja, und er ist jetzt nicht da, er … macht eine längere Reise … mit meinem Vater …“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort, in eher entschlossenem Tonfall: „Wollen Sie nicht kurz eintreten und einen schönen heißen Tee trinken?“

Tom sah mich an und ich bedeutete mit einer Geste, dass ich nichts dagegen hätte; darauf antwortete er höflich: „Vielen Dank, das ist sehr freundlich“, und wir stiegen von den Pferden und banden sie an einem Baum fest.

Ich weiß heute noch nicht, warum wir das Angebot nicht ablehnten, die schäbige Hütte zu betreten. Ich dachte wohl kurz daran, dass diese Leute arm waren und dass ich ihnen vielleicht Unterstützung anbieten sollte, weswegen es zunächst nötig wäre, sie näher kennenzulernen. Meine Mutter war Mitglied eines Wohltätigkeitsvereins, der sich um solche Fälle kümmerte (das war für eine Frau aus guter Familie so üblich). Zudem waren ja die beiden streitlustigen Männer nicht anwesend. Dennoch hatte ich einen Augenblick ein sehr seltsames Gefühl und dachte flüchtig an das Märchen von Hänsel und Gretel, die der Hexe in ihr Haus folgten und dort gefangengesetzt wurden, obwohl diese Hütte wahrhaftig kein Lebkuchenhaus war und das hässliche Mädchen nicht alt genug für eine Knusperhexe.

War es Neugier, die uns bewegte, eine zwar abstoßende, aber in ihrer Fremdartigkeit auch faszinierende Welt zu betreten?

 Es ist müßig, darüber nachzudenken. Wir traten ein und das Unheil nahm seinen Lauf.

In der halbdunklen Hütte nahmen wir nur wenig wahr; wacklige Möbel, ein zerschlissener Teppich und ein loderndes Herdfeuer waren das Auffälligste an der Einrichtung. Auf dem Tisch standen zwei (glücklicherweise saubere) Teetassen, bereits gefüllt. Das Mädchen ergriff eine davon und drückte sie Tom in die Hand; dann reichte sie mir die zweite.

„Auf Ihre Gesundheit“, murmelte sie dabei.

Während wir tranken, wandte sie ihre Augen nicht von Tom; sie starrte ihn unverwandt an, entgegen allen Regeln der guten Erziehung. Dennoch störte es mich wenig; Tom war ein bemerkenswert hübscher Mann, der ständig Blicke auf sich zog, und in diesem armen Ding sah ich wahrhaftig keine Konkurrenz.

Wie sehr ich mich doch täuschte!

Wir tranken unseren Tee aus, bedankten uns und versprachen, wieder einmal vorbeizukommen – eine reine Höflichkeitsbekundung, so dachte ich. Dann bestiegen wir unsere Reittiere und machten uns auf den Heimweg; es war später Nachmittag und es wurde bereits dämmrig.

Es fiel mir auf, dass Tom jetzt sehr schweigsam war; als ich ihn fragte, ob er in Ordnung sei, meinte er, ihm sei kalt und er fürchte, sich eine Erkältung geholt zu haben. Es verwunderte mich etwas; wir waren gewohnt, bei jedem Wetter auszureiten, und wurden kaum jemals krank; außerdem war es keineswegs Toms Eigenart, schon bei leichtem Unwohlsein zu klagen. Gerade deshalb fürchtete ich, dass er wirklich krank sein könnte, und wir beeilten uns mit dem Heimweg.

Da Toms Zuhause näher lag als das meinige, überredete ich ihn, gleich dorthin zu reiten und mich nicht zu begleiten; dass er dies sogleich akzeptierte, verstärkte noch meine Besorgnis und ich beschloss im Stillen, gleich am nächsten Morgen wieder nach ihm zu sehen.

In aller Frühe ließ ich mein Pferd satteln und kam in Riddle Manor an, als Toms Eltern beim Frühstück saßen. Er selbst war nicht zugegen; auf meine Frage sagte mir seine Mutter, dass er noch schlafe und dass sie ihn nicht wecken wolle, weil er sich gestern Abend unwohl gefühlt habe. Das sah ich ein; ich ließ mich von den Riddles gern zum Frühstück einladen und ritt danach wieder nach Hause.

Dieser Tag hat sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich mich nach so vielen Jahren noch an jede Einzelheit erinnere. Nach dem Ausritt kümmerte ich mich selbst um mein Pferd, statt es, wie meistens, dem Stallburschen zu überlassen. Danach kleidete ich mich um und setzte mich an meinen Schreibtisch, um einen Brief an meine Patentante zu schreiben, die in dieser Woche Geburtstag hatte. Ich las einige Seiten in einem Roman, bevor ich hinunterging, um den Lunch mit meinen Eltern einzunehmen.

Als die Dienstboten den Tisch abgeräumt hatten, erschien unangemeldet Mister Riddle, Toms Vater. Er war so weiß wie die Wand.

Er begrüßte meine Eltern sehr zurückhaltend; dann drückte er meinem Vater kommentarlos einen Zettel in die Hand. Dieser schaute das Papier erstaunt an und las dann laut vor:

„Ich gehe fort, um zu heiraten. – Tom.“

„Tom ist verschwunden“, sagte Mister Riddle mit belegter Stimme. „Wir dachten zunächst, er schlafe noch; erst als er nicht zum Lunch erschien, sahen wir nach ihm und stellten fest, dass er nicht in seinem Zimmer war. Sein Bett war unberührt und auf dem Kopfkissen lag diese Nachricht.“

Ich verabscheute es, wenn Frauen in Ohnmacht fielen, aber jetzt war ich kurz davor.

„Trotz der Seltsamkeit dieser Botschaft dachten wir beim Stichwort ‚Heiraten‘ sofort an Cecilia“, fuhr Toms Vater fort. „Aber Cecilia war ja heute Morgen noch bei uns, da muss Tom schon lange fort gewesen sein … Cecilia“, wandte er sich an mich, „weißt du irgendetwas über diese Sache?“

Ich musste mehrmals ansetzen, bevor ich sprechen konnte. „Ich habe ihn seit gestern Abend nicht mehr gesehen. Und wir sind gestern zusammen ausgeritten, aber von Heirat war wirklich nicht die Rede.“

„Er ist verrückt geworden“, murmelte der unglückliche Vater.

„Er fühlte sich gestern Abend krank“, unterstützte ich seine Vermutung. „Vielleicht war er im Fieberwahn. Wir müssen ihn suchen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte ich hinauf in mein Zimmer und legte in Windeseile meine Reitkleidung an. Ich traf die beiden Männer beim Pferdestall, wo mein Vater sein Reittier sattelte; auch Mister Riddle war zu Pferd gekommen und saß gerade wieder auf. Mein Vater gab dem Stallburschen und dem Verwalter Anweisungen und diese entfernten sich in verschiedene Richtungen.

„Ich suche die Strecke ab, die wir gestern geritten sind“, erklärte ich rasch und gab meinem Pferd die Sporen.

„Wir treffen uns auf Riddle Manor“, rief mein Vater mir nach.

Ich nahm den Weg durch die schneebedeckten Felder, dem wir auf unserem gestrigen Spazierritt gefolgt waren; ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Lösung des Rätsels in den Begebenheiten dieses Tages zu suchen war. Ich gelangte zu dem Wäldchen, in dem sich die Hütte der Gaunts befand; jetzt war die Tür verschlossen und vor dem einzigen kleinen Fenster befand sich ein massiver hölzerner Laden. Ich stieg ab, band mein Pferd an demselben Baum fest wie gestern und klopfte an die Tür.

„Miss Gaunt! Miss Gaunt, sind Sie da? Bitte öffnen Sie!“

Nichts rührte sich. Ich hämmerte mit den Fäusten an den Fensterladen, mit dem gleichen Misserfolg.

Ich betrachtete die wacklige Tür und dachte, dass es mir gelingen könnte, sie mit einem kräftigen Fußtritt zu öffnen, ein Vorgehen, das einer Dame zwar wenig angemessen, aber mir angesichts der Lage vertretbar erschien. Ich versuchte es und bereute es sofort. Es war, als hätte ich nicht gegen mürbes Holz, sondern gegen massives Metall getreten, und es dauerte eine Weile, bis der Schmerz in meinem Fuß wieder abebbte.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Riddle Manor zurückzureiten.

 

In der Halle saßen nicht nur meine und Toms Eltern, sondern zu meinem Erstaunen war auch Reverend Wilkins, der alte Gemeindepfarrer von Little Hangleton, anwesend. Alle fünf schienen in einer hitzigen Diskussion begriffen, die aber bei meinem Eintreten sofort verstummte. Die beiden Paare richteten ihre Blicke auf den Geistlichen und dieser erhob sich, ging mir ein paar Schritte entgegen und nahm meine Hand in seine.

„Mein Kind, Sie müssen jetzt stark sein.“

Oh, das war genau die Art von Ansprache, die ich hasste. Ich war kein Kind, ich war eine junge Frau und eine Liebende, die um ihren Geliebten in Sorge war. Warum sagte man mir nicht ohne Umschweife, was für ein Unglück geschehen war?

Mein Vater schien mich besser zu verstehen als der Pfarrer; nach einem Blick in mein Gesicht, das bleich vor Zorn sein musste, sagte er, so ruhig er konnte:

„Cecilia, Tom Riddle hat heute Nacht geheiratet. Eine gewisse Merope Gaunt.“

Das wäre nun wirklich der Augenblick gewesen, in Ohnmacht zu fallen, aber ich fiel nicht. Ich war nur einen Augenblick sprachlos; dann sagte ich mit Überzeugung: „Das kann nicht stimmen.“

Sämtliche Blicke der Älteren waren auf mich gerichtet und wieder gab es eine kleine, unangenehme Pause, ehe Toms Vater sagte:

„Reverend Wilkins ist gekommen, um uns darüber zu informieren. Sie haben ihn gegen vier Uhr aus dem Bett geklingelt und verlangt, dass er sie sofort trauen sollte.“

Ich wandte mich an den Pfarrer und ich muss gefährlich ausgesehen haben, als ich fragte: „Und Sie haben das tatsächlich getan?!“

Der alte Mann machte einen sehr unglücklichen Eindruck. „Es ist meine Amtspflicht“, murmelte er. „Wenn jemand getraut werden will, so kann ich es nicht verweigern, vorausgesetzt, die beiden Personen sind volljährig und für sich selbst verantwortlich.“

„Diese Merope ist keinesfalls volljährig“, behauptete ich. „Ich schätze sie auf höchstens achtzehn. Hat sie sich denn ausgewiesen?“

„Gewiss.“ Das klang aber sehr unsicher.

„Hätten Sie nicht Nachricht nach Riddle Manor schicken können, dass unser Sohn sich heimlich trauen lassen wollte, bevor Sie es zu einer Tatsache machten?“ Das war Mister Riddle, der, ebenso wie ich, nur mühsam seine Empörung unter Kontrolle hielt.

Der Geistliche schien zu überlegen, dann erklärte er ohne jeden Nachdruck: „Dazu war keine Zeit. Die beiden schienen es furchtbar eilig zu haben, sie wirkten verzweifelt …“

Hier stimmte etwas nicht, das war mir nur allzu klar. Reverend Wilkins schien überhaupt nicht genau zu wissen, was er getan hatte und warum. Unwillkürlich dachte ich an Toms Bemerkung über seinen Streit mit Meropes Bruder – auch da hatte ich den Eindruck gehabt, dass er eine unbegründete Erinnerungslücke hatte. Die ganze Geschichte war voller zweifelhafter Elemente.

„Wie hat unser Tom dieses Mädchen kennengelernt? Und seit wann geht das schon zwischen ihnen? Weißt du etwas darüber, Cecilia?“, fragte Mary Riddle, Toms Mutter.

Ich dachte kurz nach. Hatte Tom mir etwas vorgemacht? Hatte er schon länger ein Liebesverhältnis mit Merope gehabt? Ich sah im Geiste vor mir die ärmliche Hütte, das unansehnliche Mädchen in seinem schäbigen Kleid, und ich hörte wieder Toms Worte: „Nach meiner Meinung ist sie ein bisschen beschränkt“.

„Er hat gestern zum ersten Mal ein Wort mit ihr gesprochen“, antwortete ich überzeugt.

Dann erzählte ich ausführlich die Geschichte der gestrigen Begegnung: wie Merope uns hereinbat und uns Tee servierte, den sie offensichtlich schon vorbereitet hatte; wie wir ein paar belanglose Worte wechselten und uns verabschiedeten; wie Tom auf dem Rückweg sich unwohl fühlte …

„Das lässt nur einen Schluss zu“, sagte mein Vater energisch. „In diesem Tee war eine Droge, die den Jungen um den Verstand brachte.“

Entsetztes Schweigen antwortete ihm, bis meine Mutter den Einwand vorbrachte: „Aber Cecilia hat auch davon getrunken und sie ist völlig in Ordnung.“

„Es waren zwei bereits gefüllte Tassen und eine davon gab sie Tom direkt in die Hand! Und nur darin war die Droge. Es hätte euch auffallen müssen, dass sie den Tee schon fertig hatte. Aber wer rechnet auch mit so etwas?“

Thomas Riddle runzelte zweifelnd die Stirn. „Es ist sicher nicht undenkbar, dass ein Mensch sich unter dem Einfluss einer Droge zu einem Liebesabenteuer hinreißen lässt. Aber zu einer Eheschließung … ?“

 "Ich bin überzeugt, dass es so war“, erklärte ich entschieden. „Tom ist hereingelegt worden – vergiftet, um es deutlich zu sagen. Diese Heirat ist anfechtbar, zumal Merope wahrscheinlich minderjährig ist – sie wird ein falsches Geburtsdatum genannt haben. Und die Wirkung der Droge kann nicht ewig anhalten. Über kurz oder lang wird er zurückkommen und es dürfte nicht schwierig sein, diese Farce von einer Ehe zu annullieren.“

„Ich bin froh, dass du es so nüchtern siehst, mein Kind“, seufzte meine Mutter, ein wenig erleichtert.

 
Aber Tom kam lange nicht.
Sein Vater benachrichtigte die Polizei, doch die erklärte sich für nicht zuständig, da Tom schon einundzwanzig und Mister Riddle für die vermutlich minderjährige Merope nicht verantwortlich war. Ihre Verwandten ließen sich nicht sehen, aus welchem Grund auch immer.
Die Riddles engagierten daraufhin einen Privatdetektiv, der Nachforschungen anstellen sollte. Es stellte sich bald heraus, dass die beiden wohl zu Fuß den ziemlich weiten Weg nach Great Hangleton zurückgelegt hatten, um vom dortigen Bahnhof aus nach London zu fahren. Aber dort verlor sich ihre Spur.

Es wurde Frühling und der alte Gaunt war plötzlich wieder da, aus dem Schornstein der Hütte stieg Rauch auf. Der Sohn blieb verschwunden. Mister Helmer, der tüchtige Privatdetektiv der Riddles, wagte es, die Hütte aufzusuchen, obgleich er von uns allen gewarnt wurde: es sei sehr gut möglich, dass der Mann gewalttätig werden würde. Zum Glück bestätigte sich die Befürchtung nicht; Mister Gaunt zeigte sich zwar unfreundlich und abweisend, doch eher deprimiert als cholerisch. Zur Sache erklärte er nur, dass er bei seiner Rückkehr von einer längeren Reise einen Abschiedsbrief seiner Tochter vorgefunden habe, in welchem sie mitteilte, dass sie Tom Riddle heiraten und fortgehen werde. Den Brief konnte er nicht mehr vorweisen: er habe ihn verbrannt.

Einige Zeit später fand man ihn tot im Wald unweit seiner Hütte; der Arzt gab Herzversagen als Todesursache an. Sein Sohn, Meropes Bruder, war ebenso wenig erreichbar wie sie und so wurde der Alte in aller Stille beigesetzt. Es erregte Aufsehen, dass zu seinem Begräbnis dennoch eine kleine Gruppe von Fremden im Dorf erschien, obwohl es rätselhaft war, wie sie überhaupt von dem Todesfall erfahren hatten. Sie waren seltsam gekleidet, sprachen mit niemand und verschwanden nach der Zeremonie sofort – offenbar zu Fuß, denn man hatte kein Fahrzeug gesehen, mit dem sie gekommen und wieder abgereist wären.
Ich bedauerte sehr, dass ich erst Tage später durch den Dorfklatsch davon erfuhr; es handelte sich vermutlich um Bekannte der Familie und vielleicht hätte man von ihnen etwas über den Verbleib Meropes und damit auch Toms erfahren können. Aber keiner von ihnen wurde je wieder im Dorf gesehen.
Der Sommer kam und meine Eltern schlugen mir vor, an die See zu reisen, um Abstand von der unglücklichen Geschichte zu gewinnen. Ich lehnte ab. Ich war überzeugt, dass Tom bald zurückkehren würde, und wenn er kam, wollte ich da sein. Keinen Augenblick war ich zornig auf ihn oder gekränkt gewesen, weil er eine andere geheiratet hatte; ich hatte gesehen, was geschehen war, und für mich war es klar, dass ihn keine Schuld traf, sondern dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Als der Herbst zu Ende ging, war Tom wieder da.
Seine Eltern sandten uns Nachricht und wir machten uns alle drei sofort auf, um ihn zu begrüßen.
Bei seinem Anblick erschrak ich. Er war blass und abgemagert und um Jahre gealtert. Die Kleider, die er trug und die ihm vor seiner Abreise gepasst hatten, waren ihm zu weit, und als er mir die Hand reichte, spürte ich Schwielen, die Spuren harter Arbeit. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass er ohne irgendwelches Gepäck und vermutlich auch mit wenig Geld fluchtartig sein Elternhaus verlassen hatte; er musste die letzten Monate in Armut und Entbehrungen verbracht haben.
Bei dieser Erkenntnis kamen mir endlich die längst fälligen Tränen und ich fiel dem Heimgekehrten ohne Umstände um den Hals.
Seine Reaktion war seltsam. Er versteifte sich; dann schob er mich sanft, aber energisch von sich. Ich glaubte zunächst, dass der Grund dafür Verlegenheit sei: sicher dachte er, wir alle seien böse auf ihn und würden ihm früher oder später Vorwürfe machen. Erst einige Zeit danach erfuhr ich mehr darüber.
„Tom … ich bin so glücklich, dass du wieder da bist. Und du brauchst nichts zu erklären, ich jedenfalls werde dir keine Fragen stellen. Du kannst darüber sprechen, wenn du möchtest, oder es auf später verschieben. Jetzt ist nur wichtig, dass wir dich wiederhaben.“
„Auch ich bin froh, wieder hier zu sein“, murmelte er.

Der Klatsch im Dorf, der schon bei Toms Verschwinden und seiner skandalösen Heirat gigantische Ausmaße angenommen und sich gerade langsam beruhigt hatte, lebte jetzt wieder auf. Natürlich wollte jeder wissen, wo Merope war, warum Tom sich von seiner Frau getrennt hatte und warum er sie überhaupt geheiratet hatte. Er selbst verließ das Gut seiner Eltern lange Zeit nicht und sprach mit niemandem außerhalb der Familie, und so fiel es seinen Eltern zu, irgendwelche halbwegs plausiblen Erklärungen abzugeben. Er äußerte einmal, dass er hereingelegt und betrogen worden sei, und seine Familie machte daraus die übliche banale, wenn auch etwas peinliche Geschichte: Tom hatte sich irgendwann im Vorjahr mit Merope eingelassen, nur kurz, eine oberflächliche Affäre. Aber sie hatte dann behauptet, von ihm schwanger zu sein, und ihn auf diese Weise zu der Heirat genötigt. Als es sich jedoch erwies, dass sie ihn belogen hatte, war er zunächst unsicher gewesen, was er tun sollte, hatte sich aber dann doch entschlossen, sie zu verlassen.
Lange Zeit sprachen wir Tom nicht auf das Geschehene an; wir alle waren besorgt um ihn und sahen mit Zufriedenheit, dass er sich zumindest körperlich allmählich erholte. Aber er war nicht mehr derselbe; verschlossen und einsilbig, ließ er niemanden an sich heran, vor allem nicht mich.

Mittlerweile war es Dezember und wir beschlossen, das Jahresende gemeinsam zu feiern; in früheren Jahren hatten meine Eltern zu Silvester große Gesellschaften gegeben, aber als die Riddles erklärten, dass sie zu einer solchen auf keinen Fall gehen würden, entschieden wir uns für eine kleine Familienfeier zu sechst. Wir verbrachten den Abend mit Gesellschaftsspielen, wir tanzten ein wenig und ich spielte fröhliche, aber auch traditionelle Weisen auf dem Klavier. Die Stimmung war recht heiter … bis Tom, wenige Minuten vor Mitternacht, plötzlich einen Schrei ausstieß, das Sektglas fallen ließ, das er bereits zum Anstoßen auf das neue Jahr in der Hand gehalten hatte, und auf dem Teppich zusammenbrach.
Mrs Riddle schrie ebenso laut wie ihr Sohn; meine Mutter lief geistesgegenwärtig ins Badezimmer nach kaltem Wasser und Riechsalz, während die beiden Männer den Ohnmächtigen mit einiger Mühe auf das Sofa hievten. Ich kniete neben ihm und benetzte sein Gesicht mit Wasser, während draußen das Feuerwerk losging, mit dem die Bewohner der Umgebung das neue Jahr begrüßten – eine gespenstische Szenerie, wie ich fand, und für alle kommenden Jahre vermied ich es, wenn möglich, Silvester auf traditionelle Weise zu feiern.

Tom kam nach kurzer Zeit wieder zu sich; den Vorschlag, einen Arzt zu holen, lehnte er energisch ab. „Ich weiß, was passiert ist“, sagte er. „Es ist vorbei.“ Und dann, nach kurzer Pause: „Merope ist gestorben.“
Wir tauschten entsetzte Blicke, bis mein Vater kopfschüttelnd sagte: „Das kannst du doch überhaupt nicht wissen.“
„Sie hat eine Verbindung zwischen uns geschaffen, die nur der Tod trennen konnte“, murmelte der junge Mann.
Ein Schauder überlief mich. Ich sah wieder das Hexenhaus im Wald vor mir und spürte das unbehagliche Gefühl, das ich beim Betreten desselben empfunden hatte. Unheil hatte meinen Freund umgarnt seit jener Stunde; würde er sich jemals daraus befreien können?
Thomas Riddle reagierte unwillig. „Du bist krank, du bildest dir alles Mögliche ein. Vermutlich hast du auch den Wein und den Sekt nicht vertragen. Lass uns nach Hause fahren, du solltest dich hinlegen.“
Die Riddles verabschiedeten sich rasch und das Fest war zu Ende.
 
 
4. Kapitel: Hexenhochzeit

Es wurde Frühling und wieder Sommer, ohne dass ich irgendetwas über Toms kurze Ehe mit Merope erfahren hätte. Er nahm sein gewohntes Leben wieder auf, kümmerte sich zusammen mit seinem Vater um das Gut und ritt sogar gelegentlich wieder mit mir aus. Dennoch wurde es nicht wieder wie früher, nicht nur, weil Tom sich verändert hatte, sondern auch, weil der Skandal seiner nicht standesgemäßen Heirat, die wiederum nach offizieller Lesart die Folge eines Fehltritts von seiner Seite gewesen war, in zunehmendem Maße den Bekanntenkreis veranlasste, auf Abstand von der Familie zu gehen.
Zuerst waren es nur solche Familien, die ohnehin in keinem engen Kontakt zu den Riddles gestanden hatten, doch es zogen sich bald auch einige zurück, die Thomas Riddle zu seinen Freunden gezählt hatte. Er begann, dem Sohn die Schuld dafür zu geben, zuerst im Stillen, dann in immer schärferen Worten; Mary Riddle bemühte sich wohl, zwischen beiden zu vermitteln, war aber mit der Situation überfordert und versuchte schließlich dem Problem auszuweichen, indem sie zu einem mehrwöchigen Kuraufenthalt auf den Kontinent reiste. Notgedrungen vermied auch Tom während dieser Zeit das Zusammensein mit seinem Vater, so gut es ihm möglich war, und so ritten wir wieder häufiger zu zweit durch die Felder.

Bei einem dieser Ausritte fasste ich mir endlich ein Herz. Ich war zu der Erkenntnis gelangt, dass Tom niemals von sich aus über die Ereignisse während seiner Abwesenheit reden würde, und so entschloss ich mich, die Frage zu stellen: ich hoffte, dass es ihm Erleichterung bringen würde, darüber zu sprechen.
Es war ein warmer Tag und wir gönnten unseren Tieren eine Pause im Schatten einer Baumgruppe, wo eine Bank zum Rasten einlud. Wir saßen eine Weile stumm nebeneinander, bevor ich all meinen Mut zusammennahm und fragte:
„Tom, was ist geschehen in der Nacht, als du mit Merope fortgelaufen bist?“ Als er nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: „Wenn du nicht darüber sprechen willst, so frage ich nicht weiter. Aber ich glaube, dass es richtig wäre, es endlich zu erzählen. Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst.“
Ohne Übergang begann er daraufhin zu berichten:
„Du erinnerst dich, Cecilia, dass ich mich schlecht fühlte, nachdem wir beide Meropes Tee getrunken hatten. Ich war froh, dass ich ohne Unfall nach Hause gelangte; ich entschuldigte mich für das Dinner, ging sofort in mein Zimmer und legte mich hin, aber es wurde nicht besser. Eine fürchterliche Unruhe erfasste mich; fortwährend stand diese Merope vor meinem geistigen Auge und ich konnte an nichts anderes denken. Sie erschien mir wunderschön; ich glaubte zu hören, wie sie mich rief, es war eine unwiderstehliche Verlockung … Ich musste sie besitzen, ich würde zu ihr gehen, doch natürlich würde ich sie nicht einfach verführen, sondern sie heiraten, das geboten der Anstand und meine Erziehung …“
„Um Himmels willen!“, flüsterte ich.
„Ich schrieb eine Nachricht an meine Eltern und verließ ungesehen das Haus. Es war bereits tief in der Nacht; ich ging zu Fuß den ganzen Weg bis zur Hütte der Gaunts, getragen von meinem Verlangen … Die Tür stand offen wie am Nachmittag; sie erwartete mich, sie trat mir lächelnd entgegen. Ich nahm sie in die Arme, ich küsste sie wie ein Wahnsinniger, ich sagte ihr tausend Narreteien, an die ich mich kaum erinnern kann …“
Tom unterbrach sich und warf mir einen schrägen Blick zu, dem ich bewusst auswich. Mochte er sich erinnern oder nicht, ich legte keinen Wert darauf, dass er mir die Liebesworte wiederholte, die er in seinem Wahn zu Merope gesagt hatte.
„Und dann schlugst du ihr vor, auf der Stelle zu heiraten?“, fragte ich nüchtern.
Tom nickte. Immer noch stockte er; es kostete ihn sichtlich Überwindung, zu schildern, was dann geschehen war. Schließlich fuhr er fort;
„Du wirst nicht glauben, was sie dann tat. Nachdem sie einen Mantel umgelegt hatte, verließen wir das Haus und sie verschloss die Tür; dann ergriff sie meinen Arm und … im nächsten Augenblick standen wir nicht mehr im Wald, sondern mitten im Dorf, vor der Tür des Pfarrhauses. Mein Magen rebellierte und mir war schwindlig, und ich hatte keine Ahnung, wie wir dorthin gelangt waren. Gelaufen waren wir jedenfalls nicht.“
Was war das für eine seltsame Geschichte? Ich fand sie beunruhigend, doch es gab eine naheliegende Erklärung.
„Tom, das musst du dir eingebildet haben. Du standest offensichtlich unter dem Einfluss einer sehr starken Droge; deine Handlungen waren nicht vernünftig und deine Wahrnehmungen vermutlich nicht ganz real.“
„Höre nur, was weiter geschah.“ Tom achtete nicht auf meinen Einwand. „Wir klopften und klingelten, bis der Pfarrer herauskam. Wie du weißt, lebt er allein; er ist verwitwet und seine Haushälterin wohnt nicht im Pfarrhaus, sondern im Dorf. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass er uns sofort trauen müsse; natürlich war er ärgerlich und verstand überhaupt nicht, warum jemand mitten in der Nacht heiraten musste. Während ich mit ihm herumstritt, zog Merope einen kurzen Holzstab aus ihrer Tasche, richtete ihn auf den Mann und murmelte irgendetwas, worauf er plötzlich verstummte. Als ich danach noch einmal zu ihm sagte: „Bitte, Reverend, verheiraten Sie uns“, nahm er sofort einen Schlüsselbund vom Haken und ging uns voraus zur Kirche. Er schloss die Tür auf und wir gingen alle drei nach vorne zum Altar.“

Grauen überkam mich bei dieser Erzählung. „Sie hat … was hat sie getan? Ein Stab … und ein paar Worte …“
Wieder überging Tom meinen Einwurf. Er fuhr fort:
„Der Pfarrer zog seinen Morgenrock aus und seine Robe über den Pyjama an; währenddessen legte auch Merope ihren Umhang ab … und darunter trug sie ein Brautkleid, ein altmodisches, aber wundervolles Gewand aus schneeweißer Seide. Und in ihrem offenen Haar trug sie einen Brautkranz aus weißen Rosen. Ich war sicher, dass sie noch nicht so gekleidet gewesen war, als wir die Hütte verlassen hatten.“
„Aber Tom, das ist ja gespenstisch! Warum hast du nicht sofort die Beine in die Hand genommen und die Flucht ergriffen?“
„Ich war verliebt, Cecilia! Ich fand sie wunderschön in dieser Aufmachung. Und ich dachte keinen Augenblick darüber nach, wo die Sachen plötzlich herkamen. Ich wartete nur ungeduldig auf den Beginn der Zeremonie und noch ungeduldiger auf ihr Ende, damit wir endlich verheiratet wären.
Es dauerte auch nicht lange; der Pfarrer ließ uns hinaus, schloss die Kirchentür ab und verschwand ohne ein weiteres Wort im Pfarrhaus. Gratuliert hat er uns nicht.
‚Wohin jetzt?‘, fragte ich Merope.
Ich erwartete, dass wir zu ihrer Hütte zurückkehren würden, doch sie ergriff wieder meine Hand und nach ein paar sehr unangenehmen Augenblicken fand ich uns auf dem Bahnhof von Great Hangleton wieder.
Wir bestiegen den Frühzug nach London und als der Schaffner nach unseren Fahrkarten fragte, machte Merope wieder nur eine Geste mit ihrem Stab und er ging weiter, ohne sich darum zu kümmern. Im Zug hatte sie übrigens nicht mehr den Brautschmuck an, sondern wieder ein normales, einfaches Kleid. Ich hatte mich da schon beinahe daran gewöhnt, dass unerklärliche Dinge passierten. Ich stellte keine Fragen.“

Ich war so entsetzt, dass ich am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Es war klar: Toms Verstand war dauerhaft geschädigt.  Er hatte sich angeblich von einem Ort zum anderen bewegt, ohne zu gehen oder zu fahren. Merope konnte ihre Kleidung wechseln, ohne sich umzuziehen. Sie hatte Menschen beeinflusst, Dinge zu tun, die sie selbst nicht wollten. Kurzum, er erzählte Begebenheiten, die in den Bereich des Märchens gehörten, und behauptete, sie erlebt zu haben. Magisches Denken war ein eindeutiges Anzeichen von Schizophrenie – so hatte ich es jedenfalls einmal gelesen. Und ebenso hatte ich gelesen, dass Drogenmissbrauch eine solche Krankheit auslösen konnte. Was in aller Welt hatte diese Merope ihm verabreicht?

Aber es hatte keinen Sinn, darüber in Verzweiflung zu verfallen. Ich musste einen Weg finden, ihm zu helfen, und dazu war es notwendig, mehr zu erfahren.
„Erzähl weiter, Tom. Was habt ihr dann in London getan?“
Ich erfuhr, dass sie ein Hotelzimmer genommen hatten und dort mehrere Tage geblieben waren. Zum Glück verzichtete Tom auf eine detaillierte Schilderung dessen, was sie da gemacht hatten; offenbar hatten sie das Bett kaum verlassen. Aber schließlich kam Tom zu der Erkenntnis, dass ihm allmählich das Geld ausging – er hatte nur mitgenommen, was ihm gerade zur Verfügung stand, und das war nicht allzu viel. Er besaß zwar ein eigenes Bankkonto, doch das war keineswegs unerschöpflich; finanziell war er von seinen Eltern abhängig und die würden sein gegenwärtiges Verhalten wohl kaum unterstützen.
Also verließen beide das Hotel, suchten sich eine bescheidene Wohnung und anschließend eine Arbeit. Merope fand eine Tätigkeit in einer Wäscherei und Tom arbeitete im Hafen. Es waren anstrengende und schlecht bezahlte Tätigkeiten, doch keiner von beiden beklagte sich; nach wie vor schwebten sie wie auf Wolken und nahmen alles auf sich, nur um zusammenleben zu können.
„Außerdem fand Merope immer einen Weg, ein Problem zu lösen“, erzählte er. „Wenn eine Rechnung nicht bezahlt werden konnte, wenn wir nicht genug zu essen im Haus hatten – sie fand immer eine Möglichkeit, und ich – ich nahm es als selbstverständlich hin. Nach einigen Wochen sagte sie mir, dass sie schwanger war, und ich war begeistert und freute mich auf das Kind.
Wir waren vollkommen glücklich bis zu jenem Morgen, an dem ich erwachte und mich fragte, was ich überhaupt hier tat, warum ich hier war und nicht auf dem Gut meiner Eltern, wo ich hingehörte. Merope lag neben mir und schlief noch; ich betrachtete sie und dachte, dass sie reizlos war und ich mir nicht erklären konnte, wieso ich so verliebt in sie gewesen war. Ich verglich sie mit dir, Cecilia … es war eigentlich überhaupt kein Vergleich.

Als sie erwachte, sagte ich ihr, dass ich sie verlassen und nach Hause zurückkehren würde.
Sie erschrak so sehr, dass sie unkontrolliert zu zittern begann. ‚Bitte, Tom, verlass mich nicht!‘, flehte sie. ‚Du bist mein Leben, meine einzige Liebe. Ohne dich werde ich sterben und unser Kind mit mir.“
Es hätte mir wehtun sollen, sie so verzweifelt zu sehen, aber ich fühlte mich vollkommen leer und abgestumpft. Ich empfand nichts mehr für sie, ich sah vor mir nur ein hässliches Mädchen, noch mehr entstellt durch die bereits fortgeschrittene Schwangerschaft, und es schien mir, dass ich ihr niemals das Jawort gegeben, niemals mit ihr geschlafen hatte – das musste eine andere Person getan haben, mit der ich nichts gemeinsam hatte. Und endlich ging mir auf, was geschehen sein musste.
‚Du hast mich verhext, nicht wahr?‘, fragte ich.
Sie nickte unter Tränen. ‚Amortentia‘, flüsterte sie.
‚Amor… was?‘
‚Ein Liebestrank. Er war in dem Tee, den du in unserer Hütte getrunken hast … und in jedem Frühstückstee, den ich dir seitdem serviert habe.‘
Ich war sprachlos. Ich hätte sie am liebsten gepackt und geschüttelt; aber sie war immer noch meine Frau, sie war eine schwangere Frau und ich hatte eine Erziehung genossen, die es mir generell verbot, gewalttätig zu werden. So begnügte ich mich mit der Frage: ‚Warum hast du so etwas getan?‘
‚Weil ich dich liebe‘, murmelte sie.
Unaufhörlich rannen die Tränen, während sie weitersprach:
‚Ich war einsam und ungeliebt, mein Vater und mein Bruder verachteten mich und behandelten mich wie eine Magd, ich hasste dieses armselige Leben, das ich führte – und dann sah ich dich, als du an meinem Fenster vorbei rittest. Du warst all das, wovon ich träumte: schön, reich, angesehen … und ich wollte dich haben, und sollte ich auch mit meinem Leben dafür bezahlen.‘

Dann schien sie sich auf etwas zu besinnen; sie richtete sich auf und ihre dürftige Gestalt erschien mir mit einem Mal größer und eindrucksvoller, als sie sagte:
‚Ich stamme aus einem Geschlecht mächtiger Zauberer, und als ich ein Ziel hatte, das ich so sehr begehrte, da erwachte die Gabe meiner Ahnen in mir. Ich bereitete einen Liebestrank, ich täuschte dich, deine Freundin, den Pfarrer und alle, die uns begegneten, bis ich hatte, was ich wollte: deinen Namen, deine Liebe und das Kind unter meinem Herzen! Und sollte die Welt untergehen – ich bereue es nicht!‘

Ich verlor die Beherrschung. ‚Und das nennst du Liebe?‘, schrie ich sie an. ‚Du hast mich zu deinem Sklaven gemacht, du hast mich getrennt von meiner Familie, meiner Freundin, meinem Leben. Und das findest du richtig?‘
‚Nein‘, sagte sie matt. ‚Deshalb habe ich dir gestern den Trank nicht mehr gegeben. Ich wollte, dass du erkennst, was ich bin und was ich getan habe. Ich hoffte, dass du mich trotzdem weiter lieben würdest.‘
‚Das ist mir unmöglich‘, antwortete ich.
So schnell ich konnte, suchte ich meine Kleider zusammen, zog mich an und wandte mich zur Tür, indem ich sagte: ‚Ich gehe jetzt. Wir sehen uns nie wieder.‘
Sie hatte aufgehört zu weinen und antwortete nur: ‚Ich werde immer bei dir sein.‘
Das klang in meinen Ohren wie eine Drohung. Ich stolperte die Treppen hinunter und rannte, bis ich außer Atem war, den ganzen Weg bis zum Bahnhof. Zum Glück fand ich noch etwas Geld in meinen Taschen; es reichte gerade für die Fahrkarte nach Great Hangleton. Von dort bin ich gelaufen.“
„Und an Silvester ist sie dann gestorben“, murmelte ich. „Tom, bist du sicher, dass du dir das nicht nur eingebildet hast?“
„Du hast gehört, was sie zum Abschied zu mir sagte. Und es ist so geschehen. Obwohl ich sie nicht mehr liebe, muss ich immer noch an sie denken, sie wird mich niemals loslassen. Als ich fühlte, dass sie starb, glaubte ich, frei von ihr zu werden. Aber ich habe mich geirrt. Ich bin für den Rest meines Lebens an sie gebunden.“
„Nein!“, protestierte ich heftig. „Tom, du bist krank, vermutlich infolge dieser Droge, die sie dir so lange verabreicht hat. Du musst ärztliche Hilfe suchen. Ich bin überzeugt, dass es Gegenmittel gibt, und auch die Zeit wird dir helfen, dich von dieser unglückseligen Geschichte zu lösen. Und du hast Menschen, die dir ebenfalls helfen werden. Mich, zum Beispiel.“

„Ich glaube nicht, dass irgendjemand mir helfen kann, es sei denn, er ist ein Zauberer“, erwiderte Tom matt. „Merope war eine Hexe.“

5. Kapitel: Heiratsantrag

 

„Das ist doch Unsinn, Tom! Es gibt keine Hexen. Und du kannst gar nicht wissen, ob sie wirklich gestorben ist. Wir müssen sie suchen, und wenn wir sie gefunden haben, wird sie uns sagen können, welche Droge sie dir gegeben hat. Wenn sie es wirklich aus Liebe getan hat, dann wird sie bedauern, dass du jetzt krank bist, und gewillt sein, dir zu helfen. Vielleicht ist sie sogar mit einer Scheidung einverstanden. Liebe kann auch bedeuten, zu verzichten …“

Später habe ich mich gefragt, ob meine Worte prophetisch waren. Aber bis dahin hatte ich noch vieles zu lernen, von dem ich keine Ahnung hatte.

 

Zunächst ging ich die Sache pragmatisch an. Ich sprach mit Toms Vater und versuchte ihm klar zu machen, dass sein Sohn fachärztliche Hilfe benötigte. Zu meinem Schrecken reagierte Thomas Riddle jedoch ganz anders, als ich gehofft hatte.

„In meiner Familie gibt es keine Verrückten“, erklärte er kategorisch. „Der Junge ist vielleicht vergiftet worden, aber er hat es überlebt und irgendwann wird er seinen Verstand wiederfinden. Ich denke gar nicht daran, ihn zu irgendeinem Seelenklempner zu schicken. Die machen die Leute nur noch verrückter, das ist doch bekannt.“

Bei Mary Riddle hätte ich vielleicht mehr Verständnis gefunden, doch sie würde erst nach einigen Wochen zurückkommen und so lange wollte ich einfach nicht warten. So redete ich Toms Vater noch einmal zu und erreichte wenigstens, dass er den Hausarzt der Familie kommen ließ, um Tom zu untersuchen.

Das Ergebnis war enttäuschend; der Arzt stellte zwar fest, dass Tom an offensichtlichen Wahnvorstellungen litt, sagte aber dazu nichts anderes als das, was Mister Riddle hören wollte: dass diese die Folgen des Drogenmissbrauchs seien und aller Voraussicht nach mit der Zeit von selbst verschwinden würden.

Ich gab nicht auf. Ich schlug vor, Merope Riddle suchen zu lassen, um von ihr mehr über diese Droge zu erfahren. Thomas Riddle weigerte sich zunächst, gab aber seine Zustimmung, als ich ihm vor Augen führte, dass man, wenn sie unauffindbar wäre, sie nach angemessener Frist für tot erklären lassen könnte, sodass Tom wieder frei wäre. Das schien ihm erstrebenswert und er beauftragte wieder Mister Helmer, den Privatdetektiv, mit der Suche.

 

Mehr als ein Jahr verging, ohne dass man eine Spur von ihr fand. Sie hatte wohl noch eine Zeitlang in der Wohnung gelebt, die sie mit Tom bewohnt hatte; am Silvestermorgen hatte sie diese, wie ihre Vermieterin berichtete, hochschwanger verlassen und war nie wiedergekommen.

Die Miete für einige Monate war sie schuldig geblieben; Toms Vater bezahlte sie zähneknirschend in der Hoffnung, Merope und ihre Angelegenheiten damit für immer los zu sein.

Ich fand es etwas unheimlich, dass sie tatsächlich an jenem Silvestertag spurlos verschwunden war, als Tom behauptete, er habe ihren Tod gespürt. Jedenfalls erfüllte die Suchaktion ihren Zweck: Merope Riddle wurde auf den Antrag ihres Ehemannes hin für tot erklärt und die Geschichte dieser seltsamen Ehe hätte damit beendet sein sollen. Leider war mir nur allzu klar, dass das eine vergebliche Hoffnung war. Wir alle, die wir irgendwie an dieser Angelegenheit beteiligt waren, hatten uns wesentlich verändert.

 

Das Verhältnis zwischen Tom und seinem Vater blieb gespannt; Mary Riddle, die Mutter, gehörte zu der (damals verbreiteten) Sorte Ehefrauen, die prinzipiell den Standpunkt ihres Mannes teilten und nicht einmal versuchten, eine eigene Meinung zu entwickeln.

Meine Eltern hielten die Freundschaft zu der Familie Riddle aufrecht und verachteten diejenigen „Freunde“, die sich wegen des Skandals zurückzogen; doch auch sie strebten jetzt nicht mehr eine Verbindung mit Tom für mich an, sondern bemühten sich verstärkt um Kontakte mit anderen Familien, die Söhne im heiratsfähigen Alter hatten. Sie bedauerten Tom, aber für ihre Tochter wünschten sie doch lieber einen gesunden Ehemann ohne skandalöse Vergangenheit. Ich wurde in jenem Jahr einundzwanzig und nach den Vorstellungen der Gesellschaft wurde es jetzt wirklich Zeit für meine Verheiratung.

 Aber ich war nun auch volljährig und ich traf meine eigene Entscheidung.

Nach wie vor ritten Tom und ich häufig zusammen aus und bei einem dieser Ausflüge beschloss ich, die Frage zu stellen. Es war ein Maisonntag und wir machten zufällig Halt bei derselben Bank, auf der Tom die Geschichte seiner vermeintlichen Verzauberung erzählt hatte.

Eine Zeitlang genossen wir die Stille und die Wärme; dann holte ich tief Luft und sagte:

„Tom, deine Frau wurde für tot erklärt und du bist frei. Wir waren einmal so gut wie verlobt; alle sahen in uns ein Paar, auch unsere Eltern. Ich möchte, dass es wieder so wird wie früher.“ Es kostete mich Überwindung, die Regeln der Schicklichkeit zu brechen, in denen ich erzogen worden war, aber ich tat es dennoch. „Ich möchte, dass wir heiraten.“

Es war ein Verstoß gegen alle guten Sitten, dass eine Frau einem Mann einen Heiratsantrag machte; aber Tom wirkte nicht im Geringsten schockiert. Er betrachtete mich ein wenig erstaunt und antwortete dann: „Wir sind gute Freunde, Cecilia, und darüber bin ich sehr glücklich und ich hoffe, dass es so bleibt. Aber ich werde nicht wieder heiraten.“

Ich war schon zu weit gegangen und jetzt musste ich wirklich alles sagen, was ich zu sagen hatte.

„Ich liebe dich, Tom. Und auch du hast mich einmal geliebt. Ich kann verstehen, dass du nach der Erfahrung, die du gemacht hast, vor einer neuen Ehe zurückschreckst. Aber wir können uns Zeit lassen. Ich werde auf dich warten.“

 

Tom schwieg eine ganze Weile, so lange, dass ich mich verzweifelt fragte, ob ich durch meine Worte jetzt alles völlig verdorben hatte und auch unsere Freundschaft auf dem Spiel stand. Dann sagte er:

„Ich liebe dich nicht mehr, Cecilia. Ja, ich habe dich früher geliebt, aber jetzt kann ich gar nicht mehr lieben – keine Frau, keinen Mann und kein Kind. Es ist, als wären all meine Gefühle gestorben – gestorben in dem Augenblick, als meine wahnsinnige Leidenschaft für Merope erloschen ist. Meine alten Freunde haben mich im Stich gelassen und meine Eltern sehen nur noch ein Problem in mir – und es ist mir völlig gleichgültig. Das Wenige an Freundschaft, das ich noch empfinden kann, gehört dir. Es ist alles, was ich zu bieten habe.“

Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete und meine Augen feucht wurden. Heißes Mitleid ergriff mich, Mitleid mit Tom, der noch viel schlimmer geschädigt war, als ich befürchtet hatte, und Mitleid mit mir selbst, die ich vor den Trümmern meiner Hoffnungen stand.

Aber ich weinte nicht. Ich gab nicht auf.

Schweigsam ritten wir an jenem Tag nach Hause zurück. Seltsamerweise musste ich immer wieder an die unglückselige Merope denken; es schien mir, dass ich jetzt fast in der gleichen Lage war wie sie: ich liebte Tom und ich hatte keine Aussicht, von ihm wiedergeliebt zu werden. Merope hatte zu dieser unheilvollen Droge gegriffen, um zu bekommen, was sie wollte. Diese Möglichkeit hatte ich nicht und ich hätte auch vermutlich niemals von ihr Gebrauch gemacht; aber es gab andere Mittel, die mir zur Verfügung standen und die weniger schädlich waren. Vielleicht waren sie auch weniger wirkungsvoll, aber ich würde den Versuch wagen, sie einzusetzen.

 

5. Kapitel: Heiratsantrag

 

 

„Das ist doch Unsinn, Tom! Es gibt keine Hexen. Und du kannst gar nicht wissen, ob sie wirklich gestorben ist. Wir müssen sie suchen, und wenn wir sie gefunden haben, wird sie uns sagen können, welche Droge sie dir gegeben hat. Wenn sie es wirklich aus Liebe getan hat, dann wird sie bedauern, dass du jetzt krank bist, und gewillt sein, dir zu helfen. Vielleicht ist sie sogar mit einer Scheidung einverstanden. Liebe kann auch bedeuten, zu verzichten …“

Später habe ich mich gefragt, ob meine Worte prophetisch waren. Aber bis dahin hatte ich noch vieles zu lernen, von dem ich keine Ahnung hatte.

 

Zunächst ging ich die Sache pragmatisch an. Ich sprach mit Toms Vater und versuchte ihm klar zu machen, dass sein Sohn fachärztliche Hilfe benötigte. Zu meinem Schrecken reagierte Thomas Riddle jedoch ganz anders, als ich gehofft hatte.

„In meiner Familie gibt es keine Verrückten“, erklärte er kategorisch. „Der Junge ist vielleicht vergiftet worden, aber er hat es überlebt und irgendwann wird er seinen Verstand wiederfinden. Ich denke gar nicht daran, ihn zu irgendeinem Seelenklempner zu schicken. Die machen die Leute nur noch verrückter, das ist doch bekannt.“

Bei Mary Riddle hätte ich vielleicht mehr Verständnis gefunden, doch sie würde erst nach einigen Wochen zurückkommen und so lange wollte ich einfach nicht warten. So redete ich Toms Vater noch einmal zu und erreichte wenigstens, dass er den Hausarzt der Familie kommen ließ, um Tom zu untersuchen.

Das Ergebnis war enttäuschend; der Arzt stellte zwar fest, dass Tom an offensichtlichen Wahnvorstellungen litt, sagte aber dazu nichts anderes als das, was Mister Riddle hören wollte: dass diese die Folgen des Drogenmissbrauchs seien und aller Voraussicht nach mit der Zeit von selbst verschwinden würden.

Ich gab nicht auf. Ich schlug vor, Merope Riddle suchen zu lassen, um von ihr mehr über diese Droge zu erfahren. Thomas Riddle weigerte sich zunächst, gab aber seine Zustimmung, als ich ihm vor Augen führte, dass man, wenn sie unauffindbar wäre, sie nach angemessener Frist für tot erklären lassen könnte, sodass Tom wieder frei wäre. Das schien ihm erstrebenswert und er beauftragte wieder Mister Helmer, den Privatdetektiv, mit der Suche.

 

Mehr als ein Jahr verging, ohne dass man eine Spur von ihr fand. Sie hatte wohl noch eine Zeitlang in der Wohnung gelebt, die sie mit Tom bewohnt hatte; am Silvestermorgen hatte sie diese, wie ihre Vermieterin berichtete, hochschwanger verlassen und war nie wiedergekommen.

Die Miete für einige Monate war sie schuldig geblieben; Toms Vater bezahlte sie zähneknirschend in der Hoffnung, Merope und ihre Angelegenheiten damit für immer los zu sein.

Ich fand es etwas unheimlich, dass sie tatsächlich an jenem Silvestertag spurlos verschwunden war, als Tom behauptete, er habe ihren Tod gespürt. Jedenfalls erfüllte die Suchaktion ihren Zweck: Merope Riddle wurde auf den Antrag ihres Ehemannes hin für tot erklärt und die Geschichte dieser seltsamen Ehe hätte damit beendet sein sollen. Leider war mir nur allzu klar, dass das eine vergebliche Hoffnung war. Wir alle, die wir irgendwie an dieser Angelegenheit beteiligt waren, hatten uns wesentlich verändert.

 

Das Verhältnis zwischen Tom und seinem Vater blieb gespannt; Mary Riddle, die Mutter, gehörte zu der (damals verbreiteten) Sorte Ehefrauen, die prinzipiell den Standpunkt ihres Mannes teilten und nicht einmal versuchten, eine eigene Meinung zu entwickeln.

Meine Eltern hielten die Freundschaft zu der Familie Riddle aufrecht und verachteten diejenigen „Freunde“, die sich wegen des Skandals zurückzogen; doch auch sie strebten jetzt nicht mehr eine Verbindung mit Tom für mich an, sondern bemühten sich verstärkt um Kontakte mit anderen Familien, die Söhne im heiratsfähigen Alter hatten. Sie bedauerten Tom, aber für ihre Tochter wünschten sie doch lieber einen gesunden Ehemann ohne skandalöse Vergangenheit. Ich wurde in jenem Jahr einundzwanzig und nach den Vorstellungen der Gesellschaft wurde es jetzt wirklich Zeit für meine Verheiratung.

 

Aber ich war nun auch volljährig und ich traf meine eigene Entscheidung.

 

Nach wie vor ritten Tom und ich häufig zusammen aus und bei einem dieser Ausflüge beschloss ich, die Frage zu stellen. Es war ein Maisonntag und wir machten zufällig Halt bei derselben Bank, auf der Tom die Geschichte seiner vermeintlichen Verzauberung erzählt hatte.

Eine Zeitlang genossen wir die Stille und die Wärme; dann holte ich tief Luft und sagte:

„Tom, deine Frau wurde für tot erklärt und du bist frei. Wir waren einmal so gut wie verlobt; alle sahen in uns ein Paar, auch unsere Eltern. Ich möchte, dass es wieder so wird wie früher.“ Es kostete mich Überwindung, die Regeln der Schicklichkeit zu brechen, in denen ich erzogen worden war, aber ich tat es dennoch. „Ich möchte, dass wir heiraten.“

Es war ein Verstoß gegen alle guten Sitten, dass eine Frau einem Mann einen Heiratsantrag machte; aber Tom wirkte nicht im Geringsten schockiert. Er betrachtete mich ein wenig erstaunt und antwortete dann: „Wir sind gute Freunde, Cecilia, und darüber bin ich sehr glücklich und ich hoffe, dass es so bleibt. Aber ich werde nicht wieder heiraten.“

Ich war schon zu weit gegangen und jetzt musste ich wirklich alles sagen, was ich zu sagen hatte.

„Ich liebe dich, Tom. Und auch du hast mich einmal geliebt. Ich kann verstehen, dass du nach der Erfahrung, die du gemacht hast, vor einer neuen Ehe zurückschreckst. Aber wir können uns Zeit lassen. Ich werde auf dich warten.“

 

Tom schwieg eine ganze Weile, so lange, dass ich mich verzweifelt fragte, ob ich durch meine Worte jetzt alles völlig verdorben hatte und auch unsere Freundschaft auf dem Spiel stand. Dann sagte er:

„Ich liebe dich nicht mehr, Cecilia. Ja, ich habe dich früher geliebt, aber jetzt kann ich gar nicht mehr lieben – keine Frau, keinen Mann und kein Kind. Es ist, als wären all meine Gefühle gestorben – gestorben in dem Augenblick, als meine wahnsinnige Leidenschaft für Merope erloschen ist. Meine alten Freunde haben mich im Stich gelassen und meine Eltern sehen nur noch ein Problem in mir – und es ist mir völlig gleichgültig. Das Wenige an Freundschaft, das ich noch empfinden kann, gehört dir. Es ist alles, was ich zu bieten habe.“

Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete und meine Augen feucht wurden. Heißes Mitleid ergriff mich, Mitleid mit Tom, der noch viel schlimmer geschädigt war, als ich befürchtet hatte, und Mitleid mit mir selbst, die ich vor den Trümmern meiner Hoffnungen stand.

 

Aber ich weinte nicht. Ich gab nicht auf.

 

Schweigsam ritten wir an jenem Tag nach Hause zurück. Seltsamerweise musste ich immer wieder an die unglückselige Merope denken; es schien mir, dass ich jetzt fast in der gleichen Lage war wie sie: ich liebte Tom und ich hatte keine Aussicht, von ihm wiedergeliebt zu werden. Merope hatte zu dieser unheilvollen Droge gegriffen, um zu bekommen, was sie wollte. Diese Möglichkeit hatte ich nicht und ich hätte auch vermutlich niemals von ihr Gebrauch gemacht; aber es gab andere Mittel, die mir zur Verfügung standen und die weniger schädlich waren. Vielleicht waren sie auch weniger wirkungsvoll, aber ich würde den Versuch wagen, sie einzusetzen.

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Autor

rosetas Profilbild roseta

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Statistik

Kapitel:5
Sätze:445
Wörter:9.217
Zeichen:53.649

Kurzbeschreibung

Bevor Tom Riddle senior die Hexe Merope Gaunt heiratete, hatte er bereits eine Verlobte: Cecilia. Und obwohl er eine andere heiratete, hat Cecilia niemals aufgehört, ihn zu lieben.