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Cecilias Geschichte

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15.5.2018 18:24
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Wir haben heute Tom Riddle begraben, meine große Liebe. Und für den Rest meines Lebens werde ich eine einsame alte Jungfer bleiben.

Ich habe es befürchtet seit dem unglückseligen Tag, als er mich verließ, um eine andere zu heiraten. Aber bis zum Ende habe ich noch geglaubt und gehofft, dass er zu mir zurückkehren würde.

Denn trotz allem habe ich niemals aufgehört, ihn zu lieben.

Nach der langen Trauerfeier für Tom und seine Eltern begab sich die Trauergemeinde in das Dorfgasthaus, wie es Tradition war. Natürlich war fast das ganze Dorf auf den Beinen und nur ein kleiner Teil der Leute fand Platz in dem Gasthaus. Aber meine Eltern und ich gehörten zu den bevorzugten Gästen und man hatte Plätze für uns reserviert.

„Ich möchte wissen, wer von all diesen Leuten den Riddles wirklich nachtrauert“, murmelte meine Mutter neben mir, während ich einen Schluck von meinem Tee nahm.

„Sie sind kein großer Verlust für das Dorf“, knurrte mein Nachbar, Mister Mayborg, respektlos.

Nein, die Riddles waren nicht sehr beliebt gewesen, und dass dennoch fast jedermann an ihrer Beerdigung teilgenommen hatte, war mehr der Sensationslust geschuldet als der Schicklichkeit oder dem Mitgefühl. Sie galten als hochnäsig, abweisend und unfreundlich, besonders Tom Riddle, der Sohn.

Das war nicht immer so gewesen. Es hatte Zeiten gegeben, da war er ein sympathischer und beliebter junger Mann, der viele Freunde hatte, und seine Eltern waren nicht nur wegen ihres Reichtums, sondern auch wegen ihrer Gastfreundlichkeit und verbindlichen Umgangsformen angesehen. Aber das hatte sich ab einem gewissen Zeitpunkt ziemlich rasch geändert, und die Menschen vergessen das Gute schnell, während Skandale anscheinend ein ewiges Leben haben.

Wir wohnten im Nachbarort, der nur wenige Meilen von Little Hangleton entfernt war; unsere Eltern waren schon miteinander befreundet und die Familien besuchten einander häufig, sodass Tom und ich fast wie Geschwister aufwuchsen. Wir spielten zusammen im Sandkasten, wir besuchten die gleiche Grundschule. Später gingen wir in verschiedene Internate, da es damals fast nur getrennte Schulen für Jungen und Mädchen gab. Aber wir sahen uns in den Ferien und verbrachten diese fast immer zusammen.

Nach seinem Schulabschluss trat Tom eine große Reise an, wie es für einen jungen Mann aus gutem Hause üblich war; nach seiner Rückkehr begann sein Vater ihn in seine Geschäfte einzuweisen. Ich war zwei Jahre jünger als er und nachdem ich meinerseits die Schule verlassen hatte, sahen wir uns ebenso häufig wie früher. Unsere Eltern veranstalteten Bälle und Ausflüge, bei denen wir uns trafen; sie schienen zu erwarten, dass wir ein Paar wurden, und wir hatten nichts anderes im Sinn; wir fühlten uns zusammengehörig seit unserer Kinderzeit. Ich konnte mir keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen als Tom Riddle und ich glaubte, dass er genauso dachte wie ich.

Dann kam der Tag, der alles änderte.

Es war ein Wintertag, sonnig, doch eiskalt. Wir hatten uns zu einem Ausritt verabredet; wir umrundeten das Dorf Little Hangleton und folgten eine Zeitlang der Landstraße, die durch ein Wäldchen führte. Unter den Bäumen gewahrte ich die Umrisse einer vernachlässigten Hütte; wir waren schon öfter daran vorbeigekommen und ich hatte sie für unbewohnt gehalten, doch diesmal sah ich von Weitem, dass die Tür halb offen stand; sie hing schief in den Angeln. Aus dem niedrigen Schornstein quoll Rauch.

 „Wohnt dort jemand?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, dort wohnen die Gaunts. Ein alter Mann mit seinem Sohn und seiner Tochter.“

Ich musste lachen. „Der Name passt zu der Hütte. Ziemlich seltsam, dort zu wohnen. Was sind das für Leute?“

Tom zuckte die Achseln. „Sie haben nicht viel mit dem Dorf zu tun; man sieht sie nur höchst selten dort. Der Alte ist ein merkwürdiger Kauz; wenn er überhaupt mal mit jemand redet, ist er brummig. Wovon sie leben, weiß kein Mensch; offenbar geht keiner von den dreien einer Arbeit nach. Nur das Mädchen erscheint gelegentlich im Dorf, um etwas einzukaufen. Sie ist schüchtern und spricht kaum; nach meiner Ansicht ist sie ein bisschen beschränkt.“

Tom runzelte nachdenklich die Stirn; er schien sich an etwas zu erinnern. „Mit dem Jungen bin ich mal vor dem Wirtshaus aneinandergeraten, ich weiß nicht mehr genau, wann und warum … Ein unangenehmer Bursche, ziemlich verrückt.“

Daran war etwas merkwürdig. Er war mit jemand in Streit geraten, erinnerte sich aber nicht mehr an Einzelheiten? Streitigkeiten auf offener Straße waren nicht gerade eine alltägliche Sache für ein Familienmitglied der distinguierten Riddles, also hätte er sich zumindest an den Anlass erinnern sollen.

Ich wollte gerade nachfragen, als wir unterbrochen wurden. Wir hatten uns inzwischen dem heruntergekommenen Häuschen bis auf wenige Meter genähert und in der offenen Haustür erschien jetzt eine Gestalt – eine junge Frau.

Sie war so klein und mager, dass ich sie im ersten Augenblick für ein Kind hielt. Bekleidet war sie mit einer Art grauem Kittel, der ebenso gut ein Nachthemd hätte sein können und dessen kurze Ärmel trotz der Kälte ihre dünnen, nackten Arme sehen ließen. Ihr strähniges Haar war zu einem unordentlichen Knoten zusammengefasst und ihre Gesichtszüge waren zu unregelmäßig, um hübsch zu sein. Sie zitterte – vor Angst oder vor Kälte? –, dennoch sprach sie uns an:

„Mister Riddle, Mylord … Mylady …“

Bevor wir die unpassende Anrede berichtigen konnten, fuhr sie hastig fort:

„Es tut mir so leid wegen meinem Bruder damals, das war nichts als ein dummes Missverständnis. Er regt sich immer so leicht auf, aber er hat gar nicht Sie gemeint, sondern eine andere Person, er ist ein bisschen verwirrt …“

„Es ist ja nichts passiert“, meinte Tom freundlich. „Ich hoffe, Ihr Bruder hat sich inzwischen beruhigt.“

„Das hat er, oh ja, und er ist jetzt nicht da, er … macht eine längere Reise … mit meinem Vater …“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort, in eher entschlossenem Tonfall: „Wollen Sie nicht kurz eintreten und einen schönen heißen Tee trinken?“

Tom sah mich an und ich bedeutete mit einer Geste, dass ich nichts dagegen hätte; darauf antwortete er höflich: „Vielen Dank, das ist sehr freundlich“, und wir stiegen von den Pferden und banden sie an einem Baum fest.

Ich weiß heute noch nicht, warum wir das Angebot nicht ablehnten, die schäbige Hütte zu betreten. Ich dachte wohl kurz daran, dass diese Leute arm waren und dass ich ihnen vielleicht Unterstützung anbieten sollte, weswegen es zunächst nötig wäre, sie näher kennenzulernen. Meine Mutter war Mitglied eines Wohltätigkeitsvereins, der sich um solche Fälle kümmerte (das war für eine Frau aus guter Familie so üblich). Zudem waren ja die beiden streitlustigen Männer nicht anwesend. Dennoch hatte ich einen Augenblick ein sehr seltsames Gefühl und dachte flüchtig an das Märchen von Hänsel und Gretel, die der Hexe in ihr Haus folgten und dort gefangengesetzt wurden, obwohl diese Hütte wahrhaftig kein Lebkuchenhaus war und das hässliche Mädchen nicht alt genug für eine Knusperhexe.

War es Neugier, die uns bewegte, eine zwar abstoßende, aber in ihrer Fremdartigkeit auch faszinierende Welt zu betreten?

 Es ist müßig, darüber nachzudenken. Wir traten ein und das Unheil nahm seinen Lauf.

In der halbdunklen Hütte nahmen wir nur wenig wahr; wacklige Möbel, ein zerschlissener Teppich und ein loderndes Herdfeuer waren das Auffälligste an der Einrichtung. Auf dem Tisch standen zwei (glücklicherweise saubere) Teetassen, bereits gefüllt. Das Mädchen ergriff eine davon und drückte sie Tom in die Hand; dann reichte sie mir die zweite.

„Auf Ihre Gesundheit“, murmelte sie dabei.

Während wir tranken, wandte sie ihre Augen nicht von Tom; sie starrte ihn unverwandt an, entgegen allen Regeln der guten Erziehung. Dennoch störte es mich wenig; Tom war ein bemerkenswert hübscher Mann, der ständig Blicke auf sich zog, und in diesem armen Ding sah ich wahrhaftig keine Konkurrenz.

Wie sehr ich mich doch täuschte!

Wir tranken unseren Tee aus, bedankten uns und versprachen, wieder einmal vorbeizukommen – eine reine Höflichkeitsbekundung, so dachte ich. Dann bestiegen wir unsere Reittiere und machten uns auf den Heimweg; es war später Nachmittag und es wurde bereits dämmrig.

Es fiel mir auf, dass Tom jetzt sehr schweigsam war; als ich ihn fragte, ob er in Ordnung sei, meinte er, ihm sei kalt und er fürchte, sich eine Erkältung geholt zu haben. Es verwunderte mich etwas; wir waren gewohnt, bei jedem Wetter auszureiten, und wurden kaum jemals krank; außerdem war es keineswegs Toms Eigenart, schon bei leichtem Unwohlsein zu klagen. Gerade deshalb fürchtete ich, dass er wirklich krank sein könnte, und wir beeilten uns mit dem Heimweg.

Da Toms Zuhause näher lag als das meinige, überredete ich ihn, gleich dorthin zu reiten und mich nicht zu begleiten; dass er dies sogleich akzeptierte, verstärkte noch meine Besorgnis und ich beschloss im Stillen, gleich am nächsten Morgen wieder nach ihm zu sehen.

In aller Frühe ließ ich mein Pferd satteln und kam in Riddle Manor an, als Toms Eltern beim Frühstück saßen. Er selbst war nicht zugegen; auf meine Frage sagte mir seine Mutter, dass er noch schlafe und dass sie ihn nicht wecken wolle, weil er sich gestern Abend unwohl gefühlt habe. Das sah ich ein; ich ließ mich von den Riddles gern zum Frühstück einladen und ritt danach wieder nach Hause.

Dieser Tag hat sich so in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich mich nach so vielen Jahren noch an jede Einzelheit erinnere. Nach dem Ausritt kümmerte ich mich selbst um mein Pferd, statt es, wie meistens, dem Stallburschen zu überlassen. Danach kleidete ich mich um und setzte mich an meinen Schreibtisch, um einen Brief an meine Patentante zu schreiben, die in dieser Woche Geburtstag hatte. Ich las einige Seiten in einem Roman, bevor ich hinunterging, um den Lunch mit meinen Eltern einzunehmen.

Als die Dienstboten den Tisch abgeräumt hatten, erschien unangemeldet Mister Riddle, Toms Vater. Er war so weiß wie die Wand.

Er begrüßte meine Eltern sehr zurückhaltend; dann drückte er meinem Vater kommentarlos einen Zettel in die Hand. Dieser schaute das Papier erstaunt an und las dann laut vor:

„Ich gehe fort, um zu heiraten. – Tom.“

„Tom ist verschwunden“, sagte Mister Riddle mit belegter Stimme. „Wir dachten zunächst, er schlafe noch; erst als er nicht zum Lunch erschien, sahen wir nach ihm und stellten fest, dass er nicht in seinem Zimmer war. Sein Bett war unberührt und auf dem Kopfkissen lag diese Nachricht.“

Ich verabscheute es, wenn Frauen in Ohnmacht fielen, aber jetzt war ich kurz davor.

„Trotz der Seltsamkeit dieser Botschaft dachten wir beim Stichwort ‚Heiraten‘ sofort an Cecilia“, fuhr Toms Vater fort. „Aber Cecilia war ja heute Morgen noch bei uns, da muss Tom schon lange fort gewesen sein … Cecilia“, wandte er sich an mich, „weißt du irgendetwas über diese Sache?“

Ich musste mehrmals ansetzen, bevor ich sprechen konnte. „Ich habe ihn seit gestern Abend nicht mehr gesehen. Und wir sind gestern zusammen ausgeritten, aber von Heirat war wirklich nicht die Rede.“

„Er ist verrückt geworden“, murmelte der unglückliche Vater.

„Er fühlte sich gestern Abend krank“, unterstützte ich seine Vermutung. „Vielleicht war er im Fieberwahn. Wir müssen ihn suchen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte ich hinauf in mein Zimmer und legte in Windeseile meine Reitkleidung an. Ich traf die beiden Männer beim Pferdestall, wo mein Vater sein Reittier sattelte; auch Mister Riddle war zu Pferd gekommen und saß gerade wieder auf. Mein Vater gab dem Stallburschen und dem Verwalter Anweisungen und diese entfernten sich in verschiedene Richtungen.

„Ich suche die Strecke ab, die wir gestern geritten sind“, erklärte ich rasch und gab meinem Pferd die Sporen.

„Wir treffen uns auf Riddle Manor“, rief mein Vater mir nach.

Ich nahm den Weg durch die schneebedeckten Felder, dem wir auf unserem gestrigen Spazierritt gefolgt waren; ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Lösung des Rätsels in den Begebenheiten dieses Tages zu suchen war. Ich gelangte zu dem Wäldchen, in dem sich die Hütte der Gaunts befand; jetzt war die Tür verschlossen und vor dem einzigen kleinen Fenster befand sich ein massiver hölzerner Laden. Ich stieg ab, band mein Pferd an demselben Baum fest wie gestern und klopfte an die Tür.

„Miss Gaunt! Miss Gaunt, sind Sie da? Bitte öffnen Sie!“

Nichts rührte sich. Ich hämmerte mit den Fäusten an den Fensterladen, mit dem gleichen Misserfolg.

Ich betrachtete die wacklige Tür und dachte, dass es mir gelingen könnte, sie mit einem kräftigen Fußtritt zu öffnen, ein Vorgehen, das einer Dame zwar wenig angemessen, aber mir angesichts der Lage vertretbar erschien. Ich versuchte es und bereute es sofort. Es war, als hätte ich nicht gegen mürbes Holz, sondern gegen massives Metall getreten, und es dauerte eine Weile, bis der Schmerz in meinem Fuß wieder abebbte.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Riddle Manor zurückzureiten.

 

In der Halle saßen nicht nur meine und Toms Eltern, sondern zu meinem Erstaunen war auch Reverend Wilkins, der alte Gemeindepfarrer von Little Hangleton, anwesend. Alle fünf schienen in einer hitzigen Diskussion begriffen, die aber bei meinem Eintreten sofort verstummte. Die beiden Paare richteten ihre Blicke auf den Geistlichen und dieser erhob sich, ging mir ein paar Schritte entgegen und nahm meine Hand in seine.

„Mein Kind, Sie müssen jetzt stark sein.“

Oh, das war genau die Art von Ansprache, die ich hasste. Ich war kein Kind, ich war eine junge Frau und eine Liebende, die um ihren Geliebten in Sorge war. Warum sagte man mir nicht ohne Umschweife, was für ein Unglück geschehen war?

Mein Vater schien mich besser zu verstehen als der Pfarrer; nach einem Blick in mein Gesicht, das bleich vor Zorn sein musste, sagte er, so ruhig er konnte:

„Cecilia, Tom Riddle hat heute Nacht geheiratet. Eine gewisse Merope Gaunt.“

Das wäre nun wirklich der Augenblick gewesen, in Ohnmacht zu fallen, aber ich fiel nicht. Ich war nur einen Augenblick sprachlos; dann sagte ich mit Überzeugung: „Das kann nicht stimmen.“

Sämtliche Blicke der Älteren waren auf mich gerichtet und wieder gab es eine kleine, unangenehme Pause, ehe Toms Vater sagte:

„Reverend Wilkins ist gekommen, um uns darüber zu informieren. Sie haben ihn gegen vier Uhr aus dem Bett geklingelt und verlangt, dass er sie sofort trauen sollte.“

Ich wandte mich an den Pfarrer und ich muss gefährlich ausgesehen haben, als ich fragte: „Und Sie haben das tatsächlich getan?!“

Der alte Mann machte einen sehr unglücklichen Eindruck. „Es ist meine Amtspflicht“, murmelte er. „Wenn jemand getraut werden will, so kann ich es nicht verweigern, vorausgesetzt, die beiden Personen sind volljährig und für sich selbst verantwortlich.“

„Diese Merope ist keinesfalls volljährig“, behauptete ich. „Ich schätze sie auf höchstens achtzehn. Hat sie sich denn ausgewiesen?“

„Gewiss.“ Das klang aber sehr unsicher.

„Hätten Sie nicht Nachricht nach Riddle Manor schicken können, dass unser Sohn sich heimlich trauen lassen wollte, bevor Sie es zu einer Tatsache machten?“ Das war Mister Riddle, der, ebenso wie ich, nur mühsam seine Empörung unter Kontrolle hielt.

Der Geistliche schien zu überlegen, dann erklärte er ohne jeden Nachdruck: „Dazu war keine Zeit. Die beiden schienen es furchtbar eilig zu haben, sie wirkten verzweifelt …“

Hier stimmte etwas nicht, das war mir nur allzu klar. Reverend Wilkins schien überhaupt nicht genau zu wissen, was er getan hatte und warum. Unwillkürlich dachte ich an Toms Bemerkung über seinen Streit mit Meropes Bruder – auch da hatte ich den Eindruck gehabt, dass er eine unbegründete Erinnerungslücke hatte. Die ganze Geschichte war voller zweifelhafter Elemente.

„Wie hat unser Tom dieses Mädchen kennengelernt? Und seit wann geht das schon zwischen ihnen? Weißt du etwas darüber, Cecilia?“, fragte Mary Riddle, Toms Mutter.

Ich dachte kurz nach. Hatte Tom mir etwas vorgemacht? Hatte er schon länger ein Liebesverhältnis mit Merope gehabt? Ich sah im Geiste vor mir die ärmliche Hütte, das unansehnliche Mädchen in seinem schäbigen Kleid, und ich hörte wieder Toms Worte: „Nach meiner Meinung ist sie ein bisschen beschränkt“.

„Er hat gestern zum ersten Mal ein Wort mit ihr gesprochen“, antwortete ich überzeugt.

Dann erzählte ich ausführlich die Geschichte der gestrigen Begegnung: wie Merope uns hereinbat und uns Tee servierte, den sie offensichtlich schon vorbereitet hatte; wie wir ein paar belanglose Worte wechselten und uns verabschiedeten; wie Tom auf dem Rückweg sich unwohl fühlte …

„Das lässt nur einen Schluss zu“, sagte mein Vater energisch. „In diesem Tee war eine Droge, die den Jungen um den Verstand brachte.“

Entsetztes Schweigen antwortete ihm, bis meine Mutter den Einwand vorbrachte: „Aber Cecilia hat auch davon getrunken und sie ist völlig in Ordnung.“

„Es waren zwei bereits gefüllte Tassen und eine davon gab sie Tom direkt in die Hand! Und nur darin war die Droge. Es hätte euch auffallen müssen, dass sie den Tee schon fertig hatte. Aber wer rechnet auch mit so etwas?“

Thomas Riddle runzelte zweifelnd die Stirn. „Es ist sicher nicht undenkbar, dass ein Mensch sich unter dem Einfluss einer Droge zu einem Liebesabenteuer hinreißen lässt. Aber zu einer Eheschließung … ?“

 "Ich bin überzeugt, dass es so war“, erklärte ich entschieden. „Tom ist hereingelegt worden – vergiftet, um es deutlich zu sagen. Diese Heirat ist anfechtbar, zumal Merope wahrscheinlich minderjährig ist – sie wird ein falsches Geburtsdatum genannt haben. Und die Wirkung der Droge kann nicht ewig anhalten. Über kurz oder lang wird er zurückkommen und es dürfte nicht schwierig sein, diese Farce von einer Ehe zu annullieren.“

„Ich bin froh, dass du es so nüchtern siehst, mein Kind“, seufzte meine Mutter, ein wenig erleichtert.

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Kapitel:2
Sätze:145
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Kurzbeschreibung

Bevor Tom Riddle senior die Hexe Merope Gaunt heiratete, hatte er bereits eine Verlobte: Cecilia. Und obwohl er eine andere heiratete, hat Cecilia niemals aufgehört, ihn zu lieben.

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