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Ausgangssperre mit Folgen

12.182
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1.9.2017 20:40
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

3 Charaktere

Harry Potter

Harry Potter ist der Hauptcharakter der Reihe. Er überlebt als kleiner Junge einen Angriff durch den finsteren Zauberer Lord Voldemort und ist in der Zaubererwelt dafür berühmt. Jedoch weiß Harry bis zu seinem elften Geburtstag nichts davon, weil er bis dahin bei seiner Tante aufwächst, die keine Hexe ist.

Severus Snape

Severus Snape ist der finstere Lehrer für Zaubertränke. Er war früher ein Gefolgsmann Voldemorts, was ihn für Harry immer zwielichtig erscheinen lässt. Erst am Ende der Reihe erfährt man, dass Severus Snape auf der guten Seite stand.

Draco Malfoy

Der blonde Sohn einer reinblütigen Familie ist im gleichen Jahrgang wie Harry Potter - aber in Slytherin. Schon bei ihrer ersten Begegnung in der Winkelgasse geraten sie aneinander, was sich über ihre gesamte Schulzeit immer weiter aufschaukelt. Am Ende der Reihe jedoch scheinen sie irgendwie auf der gleichen Seite zu stehen und begegnen sich neutral.

„Ich geh dann mal.“

Mit diesen Worten machte sich Harry Potter – mal wieder – auf den Weg vom Gryffindor-Gemeinschaftsraum in die Kerker. Obwohl das Schuljahr erst zur Hälfte um war, hatte er das Gefühl, mehr Zeit in den Kerkern als sonst irgendwo zu verbringen. Er seufzte. Dabei konnte er diesmal wirklich nichts dafür. Am Vormittag im Zaubertrankunterricht hatte er damit gekämpft, eine Schrumpfbohne zu zerkleinern, doch dieses blöde Ding war ihm ständig weggeflutscht.

Einmal in hohem Bogen – und dann genau in Malfoys Kessel gelandet. Es kam, wie es kommen musste, der Zaubertrank von Slytherins Eisprinz ging hoch. Naja, nicht so richtig, er schwappte eigentlich nur über, aber er war ruiniert. Und natürlich hatte Snape gesehen, dass es Harrys Bohne gewesen war, die die Katastrophe ausgelöst hatte.

„Potter, das macht dann 10 Punkte Abzug für Gryffindor und Nachsitzen, heute Abend, 20 Uhr in meinem Büro. Sie werden Kessel schrubben, natürlich ohne ihre Magie, und Mr. Malfoy hat dann die Gelegenheit, den Trank in Ruhe noch einmal zu brauen, da sie ihm das nun nicht ermöglicht haben. Und jetzt räumen sie ihren Platz auf. Ich denke, das gibt dann mal wieder 0 Punkte für sie.“

Harry sah Snapes hämisches Grinsen noch immer vor sich. Und das alles nur, weil sie beide gezwungen worden waren zu diesen dämlichen Okklumentik-Stunden. Die waren reine Zeitverschwendung gewesen. Vielleicht nicht ganz, Harry knabberte noch immer an dem, was er in Snapes Denkarium gesehen hatte. Er schämte sich für seinen Vater, und auch für seinen Paten und Lupin, Sirius hatte ihn angestiftet und Remus hatte nichts dagegen gemacht.

Inzwischen verstand Harry Snapes Hass auf ihn. Aber dennoch, er war nun mal nicht sein Vater, und Snape hatte ihn schon immer darauf reduziert, er hatte immer nur James gesehen, nie Harry. Und jetzt hatte er es geschafft, mal nicht bei dieser Kröte Umbridge nachsitzen zu müssen, dafür musste er nun wieder mal in die Kerker, und dann noch zusammen mit Malfoy. Zu Snape.

Harry wusste, es würde ihn all seine Selbstbeherrschung kosten, das heute Abend in Ruhe hinter sich zu bringen. Und es würde mit Sicherheit ein langer Abend werden, Malfoy durfte den Trank von heute Vormittag noch einmal brauen, der brauchte mindestens 3 Stunden. Und eher würde Snape ihn, Harry, sicher nicht gehen lassen. Das verstand sich quasi von selbst.

 

Pünktlich um 20 Uhr klopfte Harry an Snapes Bürotür. Er trat ein, als sie lautlos aufschwang und atmete einmal tief durch. Snape grinste ihn süffisant an und Malfoy hatte ein hämisches Grinsen im Gesicht.

„Ich wusste nicht, dass sie auch pünktlich sein können, Potter. Die Kessel im Labor warten, sie kennen den Weg. Und lassen sie ihren Zauberstab am besten hier, sie werden ihn nicht brauchen. Mr. Filch war so nett, mir etwas von seinem Putzzeug hierzulassen. Ich denke, sie können damit umgehen. Also legen sie los. Und sie, Mr. Malfoy, ich habe hier einen Kessel für sie vorbereitet. Die Zutaten sind wie immer im Zutatenschrank. Noch Fragen? Dann legen sie beide los.“, erklärte Snape ungeduldig.

Anschließend setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann, Aufsätze zu korrigieren. Harry war froh, dass er ihn in Ruhe ließ, er hätte mit weiteren hämischen oder gehässigen Kommentaren gerechnet, normalerweise versuchte Snape immer, ihn zu provozieren. Doch für heute schien es erst einmal damit getan, dass er ihm diese elendige Putzarbeit auftrug.

Harry war ehrlich froh, er kannte Schlimmeres. Diese Strafe war im Vergleich eher angenehm, schließlich war er das Putzen ohne Magie von seinen Sommerferien zur Genüge gewohnt. Seine Tante und sein Onkel gaben ihm ja massenhaft solche Arbeit. Also beschwerte er sich nicht, sondern bemühte sich, die sicherlich hohen Anforderungen Snapes zu erfüllen. Draco Malfoy braute inzwischen seinen Trank in aller Ruhe und Snape las und korrigierte einen Aufsatz nach dem anderen.

„Professor, ich bin fertig.“

Malfoy war der Erste, der nach etwas über drei Stunden wieder sprach. Snape sah von seinem Aufsatz hoch und nickte Malfoy zu, bedeutete ihm, den Trank in eine vorbereitete Phiole abzufüllen. Dann wandte er seinen Blick Harry zu, der eben am letzten Kessel schrubbte. Schweißperlen standen dem jungen Gryffindor auf der Stirn, seine Ärmel hatte er nach hinten gekrempelt, aber die Arbeit sah vernünftig gemacht aus.

Der Tränkemeister korrigierte den letzten Aufsatz fertig, während Malfoy seinen Platz aufräumte. Dann ging Snape zu Harry und musterte die Kessel mit scharfem Blick. Doch obwohl er genau hinsah, konnte er nichts entdecken, was er bemängeln könnte. Wider Erwarten war er von Harrys Arbeit beeindruckt, doch das würde er den Jungen niemals wissen lassen.

„Wieso nicht immer so, Potter?“, fragte er kalt. „Stellen sie die Kessel wieder ordentlich in die Regale, dann können sie gehen.“

Damit wandte er sich wieder dem blonden Slytherin zu und begann ein leises Gespräch mit ihm über die Aufgaben des Inquisitionskommandos. Harry räumte die Kessel ordentlich weg, wusch sich dann die Hände und schnappte sich seine Sachen. Als er gehen wollte, wandte er sich noch einmal kurz zu den beiden anderen um.

„Gute Nacht.“

Grußlos musterten ihn die Slytherins und Harry drehte sich um zur Tür. Er drückte dagegen, doch sie ging nicht auf. Noch einmal drückte er und konnte das Kichern von Malfoy hinter sich hören.

„Na, Potter, keine Kraft mehr?“, höhnte Malfoy.

Harry atmete tief durch. Er schwor sich, ruhig zu bleiben.

„Professor, die Tür geht nicht auf.“, erklärte er.

Snape schüttelte den Kopf. Dieser nervige Bengel schaffte es nicht einmal, eine Tür zu öffnen? Was sollte dieser Unsinn? Mit schnellen Schritten ging er zur Tür seines Büros und drückte dagegen. Doch auch diesmal blieb die Tür geschlossen. Was bei Merlin sollte das denn nun sein?

Schnell griff er nach seinem Zauberstab und murmelte ein paar Wörter. Doch die Überprüfung ergab, dass seine Schutzzauber zwar wirksam waren, aber nicht die Tür blockierten, da war etwas anderes. Mit seiner Magie tastete er danach, konnte es aber nicht richtig greifen.

„Was soll das, Potter? Steckst du dahinter, dass die Tür nicht aufgeht? Soll das etwa lustig sein?“, schnappte Malfoy, doch bei all der Wut, die er versuchte, an den Tag zu legen, konnte man Unsicherheit erkennen.

„Ruhe!“, herrschte Snape sie beide an, als er merkte, dass Harry zurückschlagen wollte.

Damit wandte er sich wieder der Tür zu und murmelte weiter Beschwörungen vor sich hin und zeichnete kompliziert aussehende Muster mit seinem Zauberstab in die Luft. Ein paar Minuten ging es noch so weiter, Harry und Draco standen nebeneinander und sahen dem Professor fasziniert zu. Doch sie verstanden nicht, was er da machte oder was passiert war.

Immer wieder warfen sie sich fragende Blicke zu und Malfoy schien immer angespannter zu werden. Harry hingegen war genervt. Er war müde und hatte noch eine Menge Hausaufgaben nachzuholen. Die meisten Abende verbrachte er ja bei irgendwelchen Bestrafungen, meistens bei Umbridge. Snape hatte ihn in den letzten Tagen ziemlich ignoriert, was nach dem Desaster mit dem Denkarium noch eine der besten Möglichkeiten in Harrys Augen war.

Doch was das jetzt werden sollte, da hatte Harry keine Ahnung. Aber er hatte das Gefühl, dass Snape da nicht dahinter steckte, er hätte in den letzten nun vier Stunden jede Menge Gelegenheiten gehabt, ihn zu demütigen, hatte es aber nicht getan, warum sollte er es jetzt machen? Nun, man sollte bei Snape nicht nach Beweggründen suchen, doch das hier war ganz sicher nicht der Stil des Tränkemeisters. Nach weiteren Minuten wandte sich Snape zu ihnen um und steckte den Zauberstab weg.

„Wir sind eingeschlossen. Es scheint, als hätte das Schloss selber den Zugang verriegelt. Ich kann es nicht öffnen.“, erklärte er ruhig.

Wenn man nichts an einer Situation ändern konnte, dann musste man sie akzeptieren, egal ob es einem gefiel oder nicht. Snape war froh um seine Maske, sie zeigte nicht, was er fühlte. Doch den beiden Schülern konnte man es deutlich ansehen, Potter war genervt und Draco – panisch.

„Nein, bitte nicht, ich will hier raus!“, hauchte er.

Plötzlich fiel es Snape ein. Lucius hatte seinen Sohn immer wieder bestraft, indem er ihn in seinem Zimmer stundenlang eingesperrt hatte und dann erst die Strafe verkündet oder vollzogen. Draco schien in Gedanken genau dort zu sein.

„Bitte nicht, ich hab nichts getan!“, wimmerte er immer wieder leise vor sich hin.

„Draco, ganz ruhig. Ich bin hier.“, versuchte Snape ihn zu beruhigen.

Doch ohne Erfolg, der Junge fing an zu zittern. Snape wurde unruhig, er konnte mit Kindern nichts anfangen und das hier fiel genau in den Bereich, den er immer lieber anderen überlassen hatte. Aber jetzt war niemand anderes da, von Potter mal abgesehen, und der stand immer noch starr in der Ecke. Er kopierte, was er bei anderen gesehen hatte und zog Draco in seine Arme. Der zitterte nun schon ziemlich heftig und wimmerte leise vor sich hin.

„Sch, Draco. Dir passiert nichts. Komm, wir gehen jetzt in mein Gästezimmer und du legst dich erstmal hin. Morgen sieht es schon besser aus.“

Snape hoffte es jedenfalls. Das Schloss hatte in seiner Zeit noch nie derart in den Alltag der Schule eingegriffen, das musste schon gewichtige Gründe haben. Vorsichtig zog er den verängstigten Jungen mit sich, erst in sein Wohnzimmer und dann durch eine unscheinbare Tür in sein kleines Gästezimmer. Er hatte sich immer wieder gefragt, wozu das bei ihm gut sein sollte, hatte es aber weitestgehend einfach ignoriert.

Dumbledore hatte ihm die Kerker damals so zugewiesen und er hatte es einfach akzeptiert. Jetzt konnte er den Raum offenbar nutzen. Unterwegs rief er sich noch eine Phiole mit einem Beruhigungstrank auf, den konnte Draco jetzt sicherlich gut gebrauchen. Er flößte dem Jungen die Flüssigkeit ein und legte ihn dann ins Bett. Mit einem Schlenker seines Zauberstabes zog er ihm einen Pyjama an und deckte ihn dann zu.

Harry indes hatte erst nicht begriffen, was die Worte des Tränkemeisters bedeuteten. Doch nach und nach drang die Bedeutung auch zu ihm durch. Als Snape wieder ins Büro kam, sah er ihn bittend an.

„Professor, ich muss hier raus. Ich brauche ihre Hilfe, ich muss hier raus.“, sagte er leise, aber drängend.

„Glauben sie mir, Potter, nichts würde ich lieber tun. Aber sie wissen, dass es nicht möglich ist. Ich habe keine Möglichkeit dazu.“, entgegnete Snape kalt.

Harry wurde noch eine Spur blasser und ähnelte inzwischen der Wandfarbe eines sterilen Krankenhaussaales. Er drückte sich an die Wand neben der Tür und schien dort verschwinden zu wollen. Snape winkte ihn zu sich in sein Wohnzimmer.

„Los, Potter, nun setzen sie sich endlich. Wir werden hier nicht rauskommen, bevor das Schloss es zulässt. Also können sie sich darauf einrichten, dass wir hier bleiben. Meine Räumlichkeiten sind zugänglich, das bedeutet, wir haben wenigstens ein Bad zur Verfügung. Sie werden hier auf dem Sofa schlafen müssen, aber eine einfache Verwandlung zu einem Bett sollten sogar sie schaffen. Gute Nacht.“

Damit wollte sich Snape abwenden und in seinem Schlafzimmer verschwinden. Doch Harry setzte sich immer noch nicht.

„Professor, sie verstehen nicht. Ich muss hier unbedingt raus, und zwar bald. Es geht nicht darum, was ich will, nein ich muss. Es ist wichtig.“, flüsterte er.

„Potter, was bei Merlin wollen sie damit sagen? Hören sie auf, so herumzustammeln und reden sie in verständlichen Worten. Oder sollte ihnen das nicht möglich sein?“, knurrte Snape ungehalten.

Seiner Meinung nach waren hier schon zu viele Worte verschwendet worden. Und er wollte nun schlafen gehen, langsam aber sicher bekam er Kopfschmerzen. Wieso waren Schüler nur immer so nervig? Potter stand nun immer noch neben der Tür zum Wohnzimmer und auch er schien jetzt zu zittern.

„Professor, sie sagten vorhin, dass das Schloss uns eingeschlossen hat. Warum? Wie?“, stellte Harry eine Gegenfrage.

„Potter, das Schloss ist in der Lage, die Bewohner zu schützen. Es ist uralte Magie, die hierbei eine Rolle spielt, aber das werde ich heute nicht mehr erklären. Es kam bisher zweimal vor, dass das Schloss sich nach außen hin abgeriegelt hat, einmal während einer großen Schlacht im letzten Krieg gegen den dunklen Lord, und einmal vor Urzeiten, wobei man heute nicht mehr genau weiß, warum. Eines ist klar, es dient immer dem Schutz der Bewohner. Warum es aber heute passiert und wie lange dieser Zustand andauern wird, kann ich nicht sagen. Wir werden wissen, wann es zu Ende ist.“, erklärte Snape ungehalten.

„Wie lange…?“, hauchte Potter.

„Ich weiß es nicht, Potter. Wir werden abwarten müssen. Es kann sich um Stunden, Tage, Wochen oder sogar Monate handeln. Das Schloss wird uns erst wieder befreien, wenn die Gefahr abgewendet ist. Die einzigen, die sich innerhalb des Schlosses noch bewegen können, sind die Hauselfen, aber auch sie nur bedingt. Sie können nicht nach draußen. Und sie können keine Menschen im Schloss transportieren. Aber sie werden uns mit Essen versorgen. Also, noch mehr nervtötende Fragen oder kann ich jetzt schlafen gehen?“, knurrte Snape nun.

„Es tut mir Leid, Professor. Ich will niemandem schaden.“, war Harrys kryptische Antwort.

Snape wurde langsam wirklich wütend.

„Was soll das nun schon wieder heißen?“, fuhr er ihn an.

Harry zuckte zurück und machte sich klein. Überrascht sah Snape seine Haltung. Wenn er sich nicht sehr täuschte, dann sah das nach Misshandlung aus. Er hatte immer wieder Szenen aus Potters Kindheit gesehen in diesen Okklumentikstunden, doch Misshandlung war ihm nie aufgefallen. Oder hatte es Potter einfach zu sehr verdrängt gehabt? Aber die Haltung, die er jetzt zeigte, nachdem er ihn so scharf angefahren hatte, schien eindeutig.

„Potter, was ist? Stehen sie auf und setzen sie sich jetzt bitte endlich. Und dann reden wir.“, sagte er nun in einem ruhigeren Tonfall.

Harry war verwirrt. Wieso war Snape auf einmal so anders? Und er sagte ‚bitte‘? Was war jetzt los? Langsam stand er vom Boden wieder auf. Wann hatte er sich auf den Boden gesetzt? Schritt für Schritt ging er zum Sofa und setzte sich auf die äußerste Kante, Snape saß ihm in einem Sessel gegenüber und starrte ihn nachdenklich an.

 

 

„Harry, wer schlägt sie?“, fragte Snape auf einmal.

„Was?“, kam es von Harry.

„Machen sie mir nichts vor, Potter. Ich kenne die Anzeichen. Sie werden geschlagen. Wer?“ Snape ermahnte sich in Gedanken, ruhig zu bleiben. Auch wenn das hier sein lebender Alptraum war, es war auch ein misshandeltes Kind.

Harry schloss die Augen und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Mühsam rang er ein Schluchzen zurück. Warum ausgerechnet Snape? Bisher hatte es niemanden interessiert. Harry kämpfte mit sich. Er wollte, dass jemand etwas dagegen unternahm, doch bisher hatte niemand etwas für ihn getan. Die einen konnten nicht, seine Freunde, der andere wollte offenbar nicht. Schon lange hatte Harry kein Vertrauen mehr in die meisten Erwachsenen. Das hatte er vor Jahren verloren.

Als er plötzlich lange Finger an seinen Handgelenken spürte, zuckte er schreiend zurück.

„Ruhig, Harry. Ich will dir helfen. Wer schlägt dich? Was ist passiert?“

Snape. Er hatte ihn an den Handgelenken gefasst und die Hände vom Gesicht weggezogen. Harry sah zu Boden. Er schämte sich. Er wollte nicht, dass jemand Bescheid wusste, ihm versprach, zu helfen. Und am Ende doch nichts ausrichten konnte. Eine einzelne Träne löste sich aus seinem Auge. Noch mehr Probleme, denen er nun nicht aus dem Weg gehen konnte. Was sollte er nun tun? Harry wusste nicht mehr weiter, er konnte einfach nicht mehr. So lange schon hatte er niemanden, mit dem er wirklich reden konnte. Langsam hob er seinen Blick und starrte in unergründliche schwarze Augen, die seinen Blick fest erwiderten. Einfach nur erwiderten. Keine Anklage, kein Vorwurf war in ihnen. Nur diese eine Frage.

„Wer? Harry, wer hat dir das angetan?“

„Mein Onkel.“, hauchte Harry.

Seine Instinkte lenkten gerade sein Denken. Er konnte nicht anders, musste diese Frage beantworten. Solange er in diese Augen starrte, würde er wohl jede Frage einfach beantworten. Die Augen zogen sich einen Wimpernschlag wie im Zorn zusammen, dann war ihnen nichts mehr anzumerken.

„Wann?“

„Immer, wenn ich meine Aufgaben nicht ordentlich erledige. Wenn ich widerspreche. Wenn irgendwas passiert, was nicht ‚normal‘ ist. Wenn das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch ist, oder wenn es nicht schmeckt.“ Harrys Stimme brach und er schwieg. Er merkte nicht, dass Tränen aus seinen Augen strömten, aber er spürte plötzlich, wie diese sanft weggewischt wurden. Snape machte sich bittere Vorwürfe. Er hatte ihr versprochen, auf den Jungen zu achten. Er hatte versagt, auf ganzer Linie. Warum nur hatte er Dumbledore geglaubt, dass der Junge dort in Sicherheit war? Ohne es zu merken, zog er den weinenden Jungen in seine Arme. Erst als der sich versteifte und begann zu zittern, ließ er ihn los.

„Harry? Was ist da noch?“, wollte er wissen.

Doch der schüttelte nur den Kopf. Es war zu viel für heute. Der Junge brauchte erst einmal Schlaf. Dann konnte er weitersehen. Er verwandelte das Sofa in ein Bett und legte den zitternden Schwarzhaarigen hinein. Dann verschwand er in seinem Schlafzimmer, wissend, dass er wohl nicht schlafen würde, so wie seine Gedanken wirbelten.

Nur etwa eineinhalb Stunden später wurde er von einem Wimmern aus seinem Halbschlaf gerissen. Schlagartig war er hellwach und sofort orientiert. Das Wimmern kam aus dem Wohnzimmer. Potter. Snape schwang seine Beine aus dem Bett und eilte nach nebenan. Harry lag auf dem Bett und hatte seine Faust im Mund, biss sich darauf um nicht zu schreien. Nur ein Wimmern entkam ihm immer wieder. Er sah aus als würde er Schmerzen leiden.

„Nein, Onkel Vernon, bitte nicht. Nicht, ich hab doch nichts getan! Bitte nicht, es tut so weh!“, jammerte er immer wieder leise.

„Harry, wach auf.“, rüttelte Snape an seiner Schulter.

Schreiend fuhr Harry hoch und sah sich hektisch um. Dann sank er wimmernd in sich zusammen und machte sich klein. Snape setzte sich neben ihn, allerdings hielt er ein wenig Abstand. Ihm war durchaus klar, dass Harry im Moment keine Berührung tolerieren würde.

„Erzähl es mir, Harry. Rede darüber, damit es nicht noch mehr Macht über dich gewinnt.“, ermunterte er ihn.

Harry sah ihn aus tränenverhangen Augen an. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“, wisperte er.

„Dein Onkel. Er schlägt dich.“, begann Snape für Harry.

„Ja. Ich glaube, eigentlich braucht er keinen Grund. Er findet immer einen.“, nickte Harry langsam.

Snape rutschte ein Stück näher an Harry, berührte ihn aber nicht. Er wollte Harry nicht zu viel auf einmal zumuten. Aber er wollte, dass der Junge wusste, dass jemand für ihn da war. ‚Reichlich spät!‘, schalt ihn sein schlechtes Gewissen.

„Anfangs hat er immer mit dem Gürtel zugeschlagen, er wollte sich die Hände an mir nicht schmutzig machen, sich nicht bei mir anstecken. Ich bin ja doch nur ein Freak. Später hat er dann alles genommen, was ihm in die Hände fiel.“, gestand Harry leise.

Snape zog sich der Magen schmerzhaft zusammen.

„Du bist kein Freak, Harry. Ganz sicher nicht. Wann hat es angefangen?“

„Ich glaube, schon immer. Kann mich nicht erinnern.“

Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Snape konnte den Jungen bisher auch nicht ausstehen und hatte es ihn durchaus wissen lassen, aber doch nicht so! Obwohl ihm nun durchaus klar wurde, dass er auch viel falsch gemacht hatte, nur weil der Junge seinem Vater so ähnlich sah.

„Weiß Dumbledore davon?“, wollte er nun wissen.

Harry nickte nur schwach. „Ich habe ihn immer wieder angefleht, mich nicht mehr dahin zurückzuschicken. Ich habe ihm vor meinen ersten Sommerferien alles erzählt, aber er sagte nur etwas vom Blutschutz und dass ich dort sicher vor den Todessern wäre. Dann hat er mich zurückgeschickt. In die Hölle.“

Snape schluckte. „Und dann? Wurde es nicht besser?“

„Nein, eher schlimmer.“, hauchte Harry.

Snape wartete, doch Harry sprach nicht mehr weiter. Er drückte sich schutzsuchend an Snape, der ihn einfach in den Arm nahm.

„Harry, was ist passiert?“, fragte er alarmiert von Harrys Verhalten. Der Junge suchte ausgerechnet bei ihm Schutz? Da war also noch mehr. Harry zitterte stark. Snape zog die Bettdecke über ihn und drückte ihn an sich.

„An dem Tag, als ich nach dem ersten Jahr wieder bei ihnen war, hat Onkel Vernon mich das erste Mal in meinem Zimmer besucht.“ Wieder brach Harry ab und klammerte sich an Snape. Ein Wimmern erklang an seiner Schulter. Da machte es ‚klick‘ bei Snape.

„Hat er dich gezwungen, ihn anzufassen? Hat er dich vergewaltigt?“ Entsetzen schwang in seiner Stimme mit. Harrys Schluchzen war die einzige Antwort, die er erhielt. Wäre er nicht eingesperrt, dann… Aber erst einmal musste er sich um den Jungen kümmern. James Potter hin oder her, das wünschte er seinem ärgsten Feind nicht. Vorsichtig verstärkte er die Umarmung und zog Harry an sich. Der zuckte nicht einmal zusammen sondern klammerte sich nur weinend an seinem Professor fest. Snape hielt ihn im Arm und gab ihm Halt, mehr konnte er nicht tun.

Heißer Zorn ballte sich in seinem Bauch zusammen, er brauchte ein Ventil dafür. Doch er konnte Harry nicht im Stich lassen, der Junge brauchte ihn jetzt mehr als alles andere. Sanft strich er ihm über den Rücken und murmelte ihm leise Worte zu, nicht beschwichtigend, aber beruhigend. Es war vorbei, ein für alle Mal, das schwor Severus Snape in diesem Moment. Niemals wieder würde er zulassen, dass Harry zu seinen Verwandten zurück musste. Dumbledore konnte sich auf den Kopf stellen, er würde Harry nie wieder dahin schicken. Das meinte Dumbledore mit ‚abhärten‘ also. Harry sollte sich auf den Kampf mit dem dunklen Lord vorbereiten, das war ja schön und gut, doch nicht so, niemals. Das würde Snape nicht noch einmal zulassen. Der Jugendliche brauchte Hilfe, und zwar professionelle. Vielleicht konnte er mit Poppy reden, sobald sie wieder nach draußen konnten, bis dahin würde er selbst da sein. Auch Snape wusste, wie man mit traumatisierten Jugendlichen umging.

Er spürte, wie die Schluchzer von Harry langsam nachließen und nach und nach in eine ruhige und gleichmäßige Atmung übergingen. Der Junge war erschöpft eingeschlafen. Snape hielt ihn weiterhin im Arm und wickelte die Decke um seinen zitternden Körper. Dann lehnte er sich zurück und schloss die Augen, doch schlafen konnte er nicht. Wie auch, nach dem, was er eben erfahren hatte. Es würde sowieso nicht mehr lange dauern, bis Draco aufwachte, inzwischen war es fast sechs Uhr morgens und Draco war – wie er selber auch – ein Frühaufsteher.

Snape hoffte nur, dass Draco nicht wieder in Panik verfiel. Er brauchte ihn, um Potter zu versorgen. Der schwarzhaarige Gryffindor brauchte Hilfe. Und er würde sie ihm geben. Das war er Lily schuldig. Er hatte sein Versprechen ihr gegenüber gebrochen, aber er würde sich jetzt kümmern. Besser spät als nie.

„Onkel Sev?“, kam es etwa eine Stunde später von der Gästezimmertür.

„Sch, Draco. Weck ihn nicht!“, warnte Snape leise.

„Was ist passiert?“, wollte Draco ebenso leise wissen.

„Ich habe herausgefunden, dass er misshandelt wurde. Und…“, brach Snape ab.

Es wäre nicht richtig, Draco alles preiszugeben, wenn er nicht vorher mit Harry darüber sprach. Draco sah ihn irritiert an, er kannte es nicht, dass sein Patenonkel Sätze begann und nicht zu Ende sprach. Aber er erkannte, dass er keine Fragen stellen sollte.

„Geh schon mal ins Bad. Und dann versuche, ob die Türe aufgeht.“, wies Snape ihn an.

Draco nickte kurz und verschwand im Bad. Nach einer halben Stunde kam er wieder, zwar in derselben Kleidung wie am Abend vorher aber ansonsten sah man ihm nichts mehr an. Die Tür ließ sich nicht öffnen, aber auf dem Tisch erschien Frühstück für drei Personen. Snape konnte sich nicht mehr bewegen, seine Beine waren eingeschlafen und seine Arme waren immer noch um Harrys Körper geschlungen.

Doch langsam schien Harry wach zu werden. Er schlug die Augen auf und sah verwirrt um sich. Wo in aller Welt war er? Und wer hielt ihn da im Arm? Dummerweise sah er ohne seine Brille so gut wie nichts. Vorsichtig blickte er suchend um sich, kniff dabei die Augen zusammen, in der Hoffnung, etwas zu erkennen.

„Harry?“, holte ihn eine fragende Stimme aus seinen Überlegungen.

Ruckartig setzte Harry sich auf.

„Ich… Professor… Verzeihen sie.“, stammelte er.

„Schon gut, Harry. Es gibt nichts, was ich dir verzeihen müsste. Warte kurz, setz dich hierhin. Da ist deine Brille.“, antwortete Snape ruhig.

Er setzte Harry bei seinen Worten neben sich auf das Bett und reichte ihm die Brille.

„Vielleicht solltest du als erstes ins Bad gehen und dann unterhalten wir uns über letzte Nacht.“, bestimmte Snape anschließend.

Immer noch ziemlich verwirrt nickte Harry und ging auf die Tür zu, die Snape ihm zeigte. Als die Tür geschlossen war, streckte Snape sich ein wenig, wobei die Wirbelsäule gefährlich knackte. Vorsichtig bewegte er seine Füße und Beine und zischte auf, als das Blut zurück in die Gliedmaßen schoss. Er versuchte, aufzustehen, sank aber schnell wieder zurück auf das Bett, da ihn seine Beine nicht tragen wollten.

Draco wollte gerade etwas sagen, als sie einen gellenden Schrei aus dem Badezimmer hörten. Snape sprang auf und war mit drei langen Schritten da, vergessend, dass seine Beine ihn einen Moment vorher nicht getragen hatten. Er riss die Türe auf.

„Harry?“

Entsetzt sah er, dass der Junge sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte und blutete. Offenbar hatte er seine Verletzungen nie behandeln lassen. Snape zog seinen Zauberstab und murmelte ein paar Zauber. Die Blutung schien zu stoppen.

„Draco, steh hier nicht rum, bring mir eine Decke!“, fauchte Snape.

Dann zog er Harry vorsichtig in seine Arme.

„Es geht nicht, es tut so weh, aber ich kann einfach nicht.“, weinte Harry.

„Sch. Bleib ruhig. Ich helfe dir.“, murmelte Snape.

Den Zauberstab hatte er noch in der Hand, also wirkte er einen Zauber, der den Darm entleeren würde, ohne dass Harry dabei Schmerzen hatte. Dankbar lächelte der Gryffindor ein wenig. Snape wickelte ihn in die Decke ein, die Draco gebracht hatte und trug ihn zurück ins Zimmer.

„Harry, darf Draco wissen, was passiert ist?“, wollte er dann wissen.

Harry überlegte einen Moment, nickte dann aber. Er lehnte sich schutzsuchend an den Tränkemeister, der ihn an sich drückte. Sein Hass gegen den Jungen war weg. Als hätte es ihn nie gegeben. Entsetzt blickte Draco sie an. Er schien langsam zu begreifen, was das alles bedeutete.

„Er wurde vergewaltigt.“ Draco fragte nicht, es war eine Feststellung.

„Mein Onkel, seit letztem Sommer. Und…“, begann Harry.

Entsetzt blickte Snape ihn an. „Harry, wer noch? Hier in Hogwarts?“

„Flint.“, flüsterte Harry tonlos.

Draco sank in einen Stuhl und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Snape festigte seinen Griff um Harry. „Es… Warum hast du nie etwas gesagt? Wenn ich das auch nur geahnt hätte, dann hätte ich das nie zugelassen. Es tut mir leid, Harry!“, wisperte Snape mit Tränen in den Augen.

Harry hatte sein Gesicht wieder an Snapes Hals vergraben, seine Schultern bebten unter den stummen Schluchzern, die ihn schüttelten. „Ich… ich konnte es nie. Etwas sagen. Ich… ich habe mich… geschämt. Ich hätte stärker sein müssen.“, schluchzte Harry.

„Nein, Harry. Es war nie deine Schuld!“, wütete Draco nun. „Ich hätte es sehen müssen. Er hat dich immer so komisch angesehen, von Anfang an. Warum habe ich nie etwas gesagt?“

„Draco, es reicht. Ich als Lehrer, oder die anderen Lehrer, wir hätten es sehen müssen.“, begann Snape nun seinerseits.

„Bitte nicht.“, bat Harry leise.

Snape atmete einmal tief durch.

„Harry, ich kann helfen, dass die Wunden heilen. Aber das wird nicht einfach für dich. Auch Madam Pomfrey könnte das machen, wenn wir wieder raus können, wenn dir das lieber ist.“, bot Snape an.

„Wirklich?“, fragte Harry.

„Ja, Heilsalbe wird dir helfen.“, versprach der Tränkemeister.

Als ihm klar wurde, was das bedeutete, begann Harry zu zittern.

„Tut mir leid, es ist die einzige Möglichkeit. Der Zauber wirkt zwar blutstillend, aber nicht heilend. Mit einem Trank bekommt man das gleiche Ergebnis, aber den kann ich erst brauen, wenn ich nach draußen kann, einige Zutaten dafür müssen ganz frisch sein.“, erklärte Snape ruhig. „Ansonsten kann ich nur den Zauber wiederholen, der deinen Darm leert, aber der wirkt nicht heilend.“

„Und dann sind die Schmerzen weg?“, fragte Harry.

„Es kann sein, dass wir die Behandlung wiederholen müssen. Ich kann dir den Zauber beibringen, damit du die Heilsalbe auftragen kannst.“

Snape wollte ihm nicht verschweigen, dass es eine länger dauernde Behandlung werden könnte. Wenn jemand Ehrlichkeit brauchte, dann Harry. Der überlegte.

„Bitte, tun sie es. Ich vertraue ihnen.“, sagte er dann leise.

Erstaunt blickten Snape und Draco Harry an. Snape konnte kaum glauben, was er da gerade gehört hatte. Nach allem, was war, vertraute Harry ihm immer noch? Scheinbar konnte man ihm seine Frage vom Gesicht ablesen.

„Sie hatten schon oft die Möglichkeit, mir zu schaden. Ja, sie haben mich runtergemacht und Punkte abgezogen, so oft es nur ging, aber sie haben mir nie wirklich geschadet. Ich weiß, dass sie mich beschützt haben, auch wenn niemand es mitbekommen sollte. Sobald ich damals merkte, dass nicht sie sondern Quirrell hinter dem Stein her war, wurde mir klar, dass sie mich nicht verflucht sondern geschützt haben, bei dem Quidditch-Spiel. Und dann habe ich angefangen, es genauer zu beobachten. Immer haben sie mich beschützt, mich und die anderen Schüler. Sie waren immer ehrlich. Ich vertraue ihnen, mehr noch als Dumbledore.“, erklärte Harry, leise aber fest.

„Gut, wir machen es. Willst du erst frühstücken oder sollen wir es gleich hinter uns bringen?“

„Bitte gleich. Ich will es hinter mich bringen.“, entschied Harry.

Snape nickte, er hatte das schon so erwartet. Er schnappte sich die Heilsalbe aus seinem Vorrat und ging Harry voran ins Schlafzimmer. Eine derartige Behandlung würde er nicht im Wohnzimmer vornehmen. Harry sollte sich so wenig entblößt vorkommen wie möglich. Er bedeutete Harry, sich aufs Bett zu setzen. Dann erklärte er dem Jugendlichen den Zauber, der ihm helfen würde, die Heilsalbe aufzutragen und ließ ihn trocken üben. Lange brauchte der Gryffindor nicht, bis er es schaffte.

„Versuch, dich zu entspannen, Harry. Je mehr du dich verspannst, umso unangenehmer wird es für dich. Ich werde dich alleine lassen, aber ich bin vor der Tür, wenn du mich brauchst. Leg dich auf die Seite und zieh die Beine an, dann wird es am einfachsten. Du kannst den Zauber, hier ist die Salbe.“

Mit großen Augen starrte Harry ihn an. „Ich kann es nicht.“, hauchte er. „Ich kann mich nicht entspannen.“

„Dann mach es lieber später.“, riet der Tränkemeister.

„Können ...“, Harry zögerte. „Würden sie mich in den Arm nehmen?“

Snape wusste nicht, woher das kam, aber er zog Harry an sich und hielt ihn im Arm, bis er merkte, dass die Anspannung des Jungen langsam nachließ. Er wollte dem Grünäugigen helfen, egal was früher zwischen ihnen gewesen war.

„Danke!“, hauchte Harry.

Snape nickte ihm zu und strich ihm mit der Hand über den Kopf. Erst, als Harry langsam entspannte, stand er auf und ging nach draußen. Harry brauchte nicht lange, bis auch er nach draußen kam und den Tiegel mit der Salbe erleichtert zurückgab. Mit hochroten Wangen stand er vor seinem Professor und nuschelte einen Dank. Der nickte nur kurz und empfahl ihm, nun etwas zu frühstücken. Er selbst ging noch ins Bad, um die Salbe zu verräumen. Zurück im Wohnzimmer sah er, dass die beiden Jugendlichen schon am Frühstückstisch saßen, aber kein Wort wurde gesprochen. Harry brauchte jetzt erst einmal Zeit, und Draco schien sie ihm zu geben. Der Gryffindor sah auf, als Snape herein kam.

„Danke Professor. Für alles.“, sagte er.

„Das hätte ich schon viel eher machen sollen, Harry.“, entgegnete Snape leise. „Ich bin da, wenn du reden willst. Du solltest auf jeden Fall darüber reden, damit du es verarbeiten kannst. Sonst wird es immer schlimmer.“

„Schon gut, sie hatten keine Ahnung, und wenn wir nicht hier festsitzen würden, dann hätte ich es vermutlich noch lange mit mir rumgetragen. Vielleicht hätte ich nie was gesagt.“ Harrys Aussage schien in der Luft zu hängen. Irgendwie hatte Snape ein seltsames Gefühl dabei. Das war doch nicht alles, was Harry hatte sagen wollen? Wieder schien es, als könnte Harry seine Gedanken an seinem Gesicht ablesen. „Ja, da ist noch etwas, und wenn wir hier nicht bald rauskommen, dann könnte das ein Problem werden. Aber darüber möchte ich jetzt nicht sprechen.“, erklärte Harry kryptisch.

Snape zog die Augenbrauen zusammen, sagte aber nichts. Der Junge hatte Recht, erst einmal kam das Frühstück.

 

Nach dem Essen setzten sie sich auf die Couch, die sie wieder zurückverwandelten. Snape hatte sich vorgenommen, mit Draco zu reden. Dieser Anfall gestern Abend war bedenklich und sollte sich nicht wiederholen. Sie waren möglicherweise noch Tage oder gar Wochen hier drin und sie sollten sich möglichst miteinander arrangieren, dann war die Enge weniger ein Problem. Immerhin war diese Wohnung auf eine Person, nämlich ihn, ausgerichtet. Außer Büchern bot sie nicht viele Möglichkeiten. Seine Maske konnte er hier inzwischen wohl vergessen, das Erlebnis gestern Abend und auch die Nacht hatten ihn zu sehr aufgewühlt, als dass er sie beibehalten könnte. Außerdem würde er sehen, dass er Unterricht mit den beiden machte, immerhin musste es doch für etwas gut sein, dass er Lehrer war.

„Draco, wie geht´s dir?“, wollte Snape schließlich wissen.

„Besser. Es tut mir Leid, Onkel Sev, dass ich gestern ausgerastet bin. Du weißt, warum. Aber ich will nicht darüber reden.“, antwortete Draco.

„Ich weiß, dass es nicht leicht ist, Draco, aber du solltest darüber reden. Ansonsten wird es dich immer weiter verfolgen.“, mahnte Snape. „Sollen wir in mein Büro gehen?“

Draco schüttelte den Kopf, zog die Füße auf die Sitzfläche und legte die Arme darum. Sein Kinn ruhte auf den Knien. Lange blickte er vor sich hin und sah nichts. Harry schaute ihn an und legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter. Draco wandte den Blick zu ihm und Harry erschrak, als er Tränen in Dracos Augen erkannte. Leise begann der Blonde. „Ich wusste immer, was Vater von mir erwartete. Er lebte es mir regelmäßig vor. Das Auftreten nach außen hin ist das Wichtigste überhaupt, wie wirke ich auf Andere. Wenn ich nicht so funktionierte, wie er es erwartete, dann wurde ich zunächst mindestens eine Stunde eingeschlossen und dann erst bestraft. In der Zeit, wenn ich eingesperrt war, machte ich mir immer Gedanken, welche Strafe wohl folgen würde, und daher stieg meine Angst vor der Strafe stetig. Egal wie schlimm die Strafe am Ende war, die Zeit davor war immer noch schlimmer. Die Strafen an sich, da war mein Vater immer sehr kreativ, ich wusste nie, was auf mich zukam. Das steigerte meine Angst jedes Mal ins Unermessliche. Ich denke, das wollte er, damit ich mich in Zukunft an seine Regeln hielt. Gestern, als ich hörte, dass wir eingeschlossen sind, da kam alles wieder hoch, ich war wieder da. Ich denke, es geht jetzt wieder.“

Dracos Stimme zitterte und widersprach seinen Worten. Harry nahm ihn vorsichtig in den Arm, er konnte nicht anders, wissend, dass der Blonde sicher genauso sehr die Nähe vermisste wie er selbst. Draco weinte nicht, aber er lehnte sich an und sog die Zuneigung auf, die Harry ihm bot. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder gefasst hatte. Dann sahen beide zu Snape. „Und jetzt?“

Snape grinste ob des Bildes, das sich ihm bot. Die Anführer der beiden verfeindeten Häuser Gryffindor und Slytherin Arm in Arm auf seiner Couch. Beide musterten ihn aus identisch fragenden Gesichtern.

„Nun, da ihr beide hier bei mir festsitzt und wir keine Ahnung haben, wie lange das dauern wird, würde ich vorschlagen, dass wir den Unterricht fortsetzen. Wir starten mit Zaubertränke, arbeiten daran eine Weile, danach machen wir mit Verteidigung weiter. Zauberkunst und Verwandlung werden wir morgen machen. Nachmittags sprechen wir dann über Kräuterkunde oder Pflege magischer Geschöpfe. Und ich denke, wir sollten mit Okklumentik weitermachen, Harry. Draco kann auch mitlernen, es schadet sicher nicht.“

Zischend atmete Snape an dieser Stelle ein und rieb sich geistesabwesend seinen linken Unterarm.

„Er ruft?“, fragte Harry.

Snape nickte nur.

„Und er ist offenbar nicht begeistert, dass sie nicht kommen.“, kommentierte Harry nach einer Weile, als klar wurde, dass Snapes Schmerzen stärker wurden.

„Können wir etwas tun?“, fragte Draco.

Snape schüttelte den Kopf. Man konnte nichts tun. Wenn der Lord rief, dann kamen seine Todesser. Ansonsten schmerzte das Mal immer stärker, als kleine ‚Erinnerung‘. Der Tränkemeister atmete tief und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch es war nicht leicht. Irgendwann ließ der Schmerz zum Glück nach.

„Worauf wartet ihr noch? Ich hatte klipp und klar gesagt, dass wir mit Zaubertränke beginnen, ihr wisst, wo das Labor ist.“, fauchte er.

Ihm war klar, dass die beiden nichts für die Schmerzen konnten, aber er brauchte ein Ventil. Draco und Harry sahen sich nur kurz an, zuckten die Schultern und gingen ins Labor. Snape sagte ihnen, auf welcher Seite des Buches die Anweisungen standen und ging nach nebenan. Er musste jetzt eine Weile alleine sein, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Im Labor machten sich beide an die Arbeit. Harry begann wie immer völlig planlos, doch Draco stoppte ihn schnell. „Warte Potter, so wird das nichts. Kein Wunder, dass du jeden Trank versaust. Lies dir die Anweisungen erst einmal in Ruhe durch, dann bereite alles der Reihe nach vor. Und wenn du damit fertig bist, dann geh Schritt für Schritt vor. Und vergiss nicht, das Messer und dein Schneidbrett nach jedem Schritt zu reinigen.“

Harry sah auf. Im ersten Moment wollte er auffahren, aber Draco hatte Recht, leider. Der Gryffindor hatte das nie so gesehen. Noch einmal begann er, aber diesmal machte er es so, wie Draco ihm gesagt hatte und schon nach etwas über einer Stunde trat er überrascht von seinem Kessel zurück. Der Trank sah genauso aus, wie es im Buch stand.

„Wieso nicht gleich so, Potter?“, fragte Snape. Er stand schon eine ganze Weile in der Tür und hatte die beiden beobachtet. Draco schien einen guten Einfluss auf Harry zu haben, wenn man die beiden gerade arbeiten sah. Scheinbar musste man sie erst miteinander, und mit ihm, einsperren, damit die alte Feindschaft begraben wurde. Und wie schnell das gegangen war, sie waren noch nicht einmal einen ganzen Tag hier. Er selbst hatte den Gryffindor nie gehasst, aber dass auch Harry nicht so empfand, hatte ihn überrascht. Und die Jugendlichen, die sich sonst immer bekriegt hatten, waren recht harmonisch bisher. Nun, bei Harry wunderte es ihn nicht, und auch Draco kannte er deutlich besser und wusste, dass dieser sich in der Schule meist so gab, wie sein Vater es von ihm erwartete, auch wenn er eigentlich ein anderer Mensch war. Sie alle trugen normalerweise Masken, aber hier in dieser kleinen, irgendwie abgeschlossenen Welt konnten sie diese Masken fallen lassen, wie es schien.

„Danke, Draco.“, sagte Harry in dem Moment ehrlich und strahlte den Blonden an.

„Füllt beide eine Phiole ab und dann lasst den Rest verschwinden. Nach dem Aufräumen habt ihr 10 Minuten Pause, dann machen wir uns an Verteidigung. Soweit ich weiß, behandelt ihr nichts Praktisches, da werden wir ansetzen. Ich werde dafür etwas Platz schaffen.“, entschied Snape.

Draco zog ein langes Gesicht, Verteidigung war immer seine Schwäche gewesen. Harry grinste. „Keine Sorge, Malfoy, ich helfe dir. Wenn du es schaffst, dass ich einen vernünftigen Trank hinbekomme, dann wirst du von mir auch Verteidigung lernen können!“, munterte Harry ihn auf.

„Na, du hast da wohl keine Probleme, du hast das schließlich schon eine Weile unterrichtet.“, meinte Draco schnippisch.

„Ja, bis du und deine Kumpels mich habt auffliegen lassen.“, gab Harry etwas bissig zurück. Er ärgerte sich immer noch darüber, dass sie verraten worden waren und dass ausgerechnet Malfoy sie damals erwischt hatte. Auch an die Folgen konnte er sich nur zu deutlich erinnern.

„Schluss jetzt!“, schnarrte Snape, als Draco etwas Bissiges erwidern wollte. „Wir sitzen alle in einem Boot. Das ist vorbei und wenn ich mich recht erinnere, dann hat jemand aus der Gruppe euch verraten. Ihr seid beide gleichermaßen beteiligt. Also lasst es jetzt sein.“, hängte der Professor dann noch an, als auch Harry den Mund aufmachte. Ganz war es offenbar noch nicht vorbei. „Harry, ich denke, es ist sinnlos, dir den Stoff der Klasse näherzubringen, ich glaube, mit dir übe ich besser das Duellieren. Draco, du wirst dich erst einmal mit Wiederholungen beschäftigen und dann gehen wir an den Patronus-Zauber. Also los jetzt.“

Während Draco verschiedene Zauber übte, die sie in den letzten Jahren eigentlich gelernt hatten (mehr schlecht als recht), stellte sich Snape Harry gegenüber und sie brachten sich in Duellstellung. Snape probierte zunächst aus, wie Harry reagierte und ließ einige ungesagte Zauber auf ihn los, doch Harrys Schutzschild war ziemlich stabil. Dann ließ er Harry angreifen, war aber damit eher unzufrieden.

„Stopp!“, rief er daher. „Harry, du musst deine Zauber variabler gestalten. Du bist zu durchschaubar. Und wir sollten dazu übergehen, dass du ungesagte Zauber lernst. Damit sind deine Chancen deutlich besser, einen Gegner zu überraschen. Versuche es mit dem Schildzauber. Konzentriere dich auf die Formel, aber sprich sie nicht aus. Wenn es klappt, dann sag mir Bescheid, ich werde dann sehen, ob ich dich entwaffnen kann.“

Damit ließ er Harry im Wohnzimmer stehen und ging zu Draco, den er im Gästezimmer üben ließ, nicht dass ihn noch ein verirrter Zauber erwischte. Er sah sich an, was Draco schaffte und war einigermaßen zufrieden. Die Lehrer, die sie bisher in dem Fach gehabt hatten, waren nicht in der Lage gewesen, ihnen den Stoff wirklich näher zu bringen, aber Draco bekam den Dreh schon raus.

„Okay, Draco, du solltest weiter üben, aber bisher sieht es gut aus. Jetzt gehen wir an den Patronus. Du kennst ihn von mir und Harry, es ist ein relativ schwerer Zauber, also lass dich nicht beirren, wenn es nicht gleich klappt. Du musst dich auf ein glückliches Ereignis konzentrieren und dann sprichst du ‚Expecto patronum‘. Wenn das Ereignis glücklich genug ist, solltest du etwas sehen. Und los.“

Und Draco bemühte sich. Doch erst nach einer Stunde hatte er es geschafft, ein bisschen silbernen Nebel entstehen zu lassen.

„Das ist ein guter Anfang!“, lobte Harry ihn, der ihn seit einer Weile beobachtet hatte. „Aber du brauchst eine stärkere Erinnerung.“

Snape hatte Draco üben lassen und Harrys ungesagten Protego geprüft. Als er damit fürs Erste zufrieden war, hatten sie beide Draco beobachtet. Er hatte wirklich hart gearbeitet.

„Okay, Schluss für heute. Mittagessen.“, bestimmte Snape.

Nach dem Essen setzten sie sich wieder auf das Sofa und Snape prüfte ihr Wissen in Kräuterkunde. Durch die Ausbildung zum Tränkemeister hatte er auch in dieser Hinsicht ein breites Fachwissen, nicht ganz so gut wie Professor Sprout, aber für die Zeit hier würde es genügen. Dann beendete er den Unterricht und ließ Draco noch eine Weile lesen, während er sich mit Harry ins Büro setzte, damit er reden konnte. Bis zum Abendessen, das wieder wie von Geisterhand auf dem Tisch erschien.

Anschließend ging es weiter mit Okklumentik. Snape ging nicht mehr so hart mit Harry um und sein Hass auf den Jungen war weg. Dadurch klappte es deutlich besser und Harry schien nun auch die Notwendigkeit zu sehen. Auch Draco kam bei den Übungen ganz gut mit, seine Tante Bellatrix hatte schon die Grundsätze mit ihm gelernt. Der Professor legte ihnen beiden noch nahe, dass sie vor dem Schlafen ihren Geist leeren sollten. Erschöpft fielen sie schließlich alle drei ins Bett.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich und die Drei gewöhnten sich unglaublich schnell daran, ihre gesamte Zeit miteinander zu verbringen, außer wenn sie schliefen. In den Nächten wurde Snape immer wieder wach, weil Harry oder Draco einen Alptraum hatten, aber es erschien ihm, als würde es sich bessern, je mehr sie lernten, ihren Geist zu leeren und je länger Harry mit ihm redete. Auch am zweiten, dritten und vierten Tag musste Harry seine Behandlung wiederholen, da die Wunden noch nicht verheilt waren, aber Harry schien es mit der Zeit leichter zu fallen, sich zu entspannen. Er war seinem Professor dankbar, dass er ihn anschließend einfach nur kurz in den Arm nahm. Harry brauchte diese Zuwendung und Snape war inzwischen bereit, sie ihm zu geben. Sie hatten sich ausgesprochen und festgestellt, dass sie einander ähnlicher waren, als sie jemals gedacht hätten. Der Tränkemeister hatte als Spion sicherstellen müssen, dass Harry ihm nicht zu nahe kam und dieser hatte – nachdem ihm klargeworden war, dass Snape so handeln musste – seine Ansicht revidiert und das Spiel zwar mitgespielt, hatte sich aber nicht mehr täuschen lassen.

 

 

 

Doch der Professor spürte, dass Harry immer zappeliger wurde, er wirkte gehetzt und ruhelos. Nach drei Tagen entschied er, den Gryffindor darauf anzusprechen. „Harry, was ist los? Du wirkst unruhig und nervös. Geht es darum, was du am ersten Tag nicht sagen wolltest, das Problem, von dem du gesprochen hast?“, wollte er nach dem Abendessen wissen.

Sofort war Harry angespannt. „Ja, Professor. Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“, wisperte er.

„Am besten immer am Anfang.“, brummte Snape.

„Es ist nicht einfach. Also, bitte lassen sie mich ausreden. Wenn ich mich unterbrechen muss, weiß ich nicht, ob ich es schaffe, noch einmal anzufangen.“, bat Harry.

Snape und Draco nickten ihm zu. Harry stand auf und begann, im Wohnzimmer hin und her zu gehen. Er war nervös und musste sich bewegen, damit er überhaupt reden konnte.

„Also, im letzten Sommer, da hat mich meine Tante geschickt, ich sollte eine bestimmte Schokolade für meinen Cousin kaufen, und ich sollte ja nicht ohne sie wiederkommen. In Little Whinging gibt es einen kleinen Laden, aber meistens haben sie dort diese Schokolade nicht. Ich bin hin, und natürlich gab es sie nicht. Also musste ich in den nächsten Ort laufen. Es war heiß und ich musste mich beeilen. Also entschied ich, durch den Wald zu gehen. Der Weg da durch ist deutlich kürzer als an der Straße, aber es fühlte sich irgendwie, wie soll ich sagen, nicht richtig an. Mein Instinkt sagte mir, ich sollte nicht da rein gehen. Aber meine Angst vor Strafe überwog, also ging ich in den Wald. Es passierte erst nichts, aber heimwärts spürte ich, dass mir jemand folgte. Wenn ich mich umdrehte, war niemand da, aber ich wusste, ich war nicht alleine. Plötzlich fühlte ich einen Stich und alles wurde schwarz. Ich bin erst wieder aufgewacht, als es dunkel wurde. Sie können sich vorstellen, wie ich erschrocken bin. Ich habe schnell die Sachen geschnappt und bin nach Hause geeilt. Natürlich wurde ich bestraft, weil ich so spät kam und Dudley so lange auf seine Schokolade hatte warten müssen. Mir war schwindelig, abwechselnd heiß und kalt, aber das lag nicht an der Bestrafung. Als alle schliefen, habe ich mich hinausgeschlichen, ich musste einfach an die Luft. Ich bin eine Weile gewandert und ich hatte so einen unglaublichen Hunger, aber nicht auf normales Essen. Ich wollte Blut. Viel Blut. Aber ich wehrte mich dagegen, ich wollte doch niemanden verletzen! Und dann kam ein Hase vorbei. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber ich habe ihn erwischt und sein Blut getrunken. Danach ging es mir besser.“

An dieser Stelle brach Harry seine Erzählung ab und verbarg sein Gesicht hinter seinen Händen. Er sah nicht, dass Draco blass geworden war und den Blick, den Snape ihm zuwarf. Als seine Hände weggezogen wurden, erschrak er. Er blickte in Snapes dunkle Augen. „Harry, du wurdest von einem Vampir gebissen. Hast du ihn gesehen?“

Mechanisch schüttelte Harry den Kopf.

„Du hast dich von dem Hasen ernährt. Aber scheinbar kommst du auch mit normaler Nahrung gut klar. Wie oft brauchst du Blut?“, fragte Snape weiter.

„Alle drei Wochen spätestens.“, hauchte Harry.

„Und du hast wann das letzte Mal getrunken? Und wo?“

„Immer im verbotenen Wald, dort leben viele Tiere und ich habe immer dort eines gefangen. Sie tun mir leid, aber ich konnte nicht anders, ich wollte ja keinem Schüler schaden. Das letzte Mal zwei Wochen, bevor wir eingeschlossen wurden.“ Gegen Ende wurde Harrys Stimme immer leiser und verzweifelter. „Ich will euch nichts tun, aber irgendwann komme ich gegen den Drang nicht mehr an.“, schluchzte er.

„Harry, ruhig. Du weißt zu wenig über Vampire. Wenn du in einer magischen Familie aufgewachsen wärst, dann wüsstest du, dass die Gerüchte so nicht stimmen. Also, wenn du gebissen wirst, ohne dass der Vampir dein Blut trinkt, dann verwandelst du dich. Das ist dir passiert, aber es sollte eigentlich nicht ohne dein Einverständnis geschehen. Deshalb meine Frage, ob du denjenigen erkannt hast. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wenn du deinen Blutdurst zu lange unterdrückst, dann wird es gefährlich, aber mehr als zwei Liter wirst du niemals trinken können, also wirst du keinen Menschen aussaugen. Dennoch, zwei Liter auf einmal sind für einen Menschen tödlich. Aber wenn du dich ein wenig beherrschst, dann ist das kein Problem. Du trinkst ein bisschen öfter, dafür nicht so viel, und wenn dein ‚Wirt‘ einen Blutbildungstrank zu sich nimmt, dann hat er immer genug zur Verfügung. Wenn du deinen Gefährten gefunden hast und ihn als den deinen kennzeichnest, mit ihm oder ihr einen Bund eingehst, dann wird der- oder diejenige auch ohne Blutbildungstrank immer genug Blut produzieren, dass du regelmäßig trinken kannst. Du brauchst also keine Angst haben und schon gar niemanden töten. Auch verwandeln kannst du deinen Wirt oder Gefährten dabei nicht, da du alles wieder aussaugst. Dein Blutdurst ist stark?“

Harry nickte gequält. Snape hielt ihm seinen Arm hin.

„Bedien dich. Ich werde dir sagen, wenn es zu viel wird. Einen Blutbildungstrank habe ich hier, dann kannst du morgen oder spätestens übermorgen wieder zu mir kommen.“

Harry zögerte. Snape grinste ihn an. „Na los, bevor du uns noch nachts überfällst!“

Da nahm Harry den angebotenen Arm in beide Hände und führte ihn zu seinem Mund. Leicht leckte er über die Haut, bevor er seine Zähne in das Gewebe versenkte und mit geschlossenen Augen Snapes Blut gierig trank. Sein Blutdurst musste wirklich sehr groß gewesen sein. Snape war erstaunt, wie stark Harry sich unter Kontrolle hatte, das war ungewöhnlich für einen jungen Vampir. Nach ein paar Minuten stoppte er den Gryffindor. „Harry, das muss für heute reichen.“ Der Gryffindor hörte auf zu saugen, leckte noch einmal über die Haut, die sich sofort schloss und sah ihn dann dankbar an. Snape musste sich konzentrieren, er hatte Harry fast ein bisschen spät gebremst. Ihm war leicht schwindelig, aber es war eine sehr interessante Erfahrung gewesen.

Dennoch machte er sich Gedanken. Der Überfall auf Harry war untypisch, normalerweise blieben Vampire unter sich, überfielen nicht wahllos Teenager in einer Muggelkleinstadt. Doch im Moment war er eingesperrt und würde das Rätsel sicher nicht lösen können. Er konnte sich nur weiter um Harry und Draco kümmern. Aus dem Labor holte er sich eine Phiole mit dem Blutbildungstrank. Erst vor ein paar Tagen hatte er wieder Vorräte für den Krankenflügel gebraut und gerade dieser Trank war nun in großer Menge vorhanden. Das wäre also schon mal kein Problem. Dennoch, er trank lieber eine größere Portion als üblich, da er Harry wohl doch ein wenig spät gestoppt hatte. Dann legte er sich früh schlafen, den Okklumentik-Unterricht ließ er heute ausfallen.

Harry war deutlich entspannter, auch wenn er sich ein wenig Sorgen um Snape machte, der doch ziemlich wackelig gewirkt hatte. Und dass er Unterricht ausfallen ließ, das passte nicht zu ihm und zeigte Harry, dass er sich wohl etwas überschätzt hatte. Dennoch war Harry ihm dankbar, sein Blutdurst war mehr als zur Hälfte gestillt. Er würde morgen auf jeden Fall Pause machen, vielleicht auch übermorgen. Snape sollte sich erholen können. Draco hatte bisher noch kein Wort gesagt, er schien geschockt. Doch er beobachtete Harrys kleinste Bewegung mit Argusaugen.

„Draco? Alles in Ordnung?“, wollte Harry schließlich wissen.

Draco antwortete nicht, seine Augen waren weit. Er schien unter Schock zu stehen.

„Draco? Sag was!“, bat Harry.

„Du… Du…“, stammelte der Blonde.

„Draco, ich werde dir nichts tun. Ich bin immer noch Harry!“, beschwor ihn der Gryffindor.

„Du machst mir Angst.“, gestand Draco leise.

„Tut mir leid, das wollte ich nicht.“, murmelte Harry.

Wieder war er anders, fühlte sich ausgestoßen. Er setzte sich auf sein Sofa und verwandelte es unter sich in ein Bett. Dann legte er sich hin, drehte Draco den Rücken zu und wickelte sich in seine Decke ein. Es schmerzte ihn, dass Draco Angst vor ihm hatte, dass er ihn so ansah, als ob Harry ihn gleich anfallen könnte. Sie waren nun seit einer Woche eingeschlossen und Harry hatte ihm nichts getan, doch Draco konnte seine irrationale Angst einfach nicht in den Griff bekommen. Das machte Harry traurig und er fühlte sich wieder einsam. Bisher hatte er eigentlich keine Probleme damit gehabt, mit den beiden eingesperrt zu sein, mit Ausnahme der ersten Nacht vielleicht. Aber Snape hatte sich um ihn gekümmert, war für ihn da gewesen. Er hatte sich die ganze Zeit gekümmert, und er hatte es ihm gedankt, indem er ihm zu viel Blut ausgesaugt hatte. Gut, Snape hatte zu spät ‚Stopp‘ gesagt, aber Harry hätte auch besser aufpassen können. Tief in Gedanken fiel Harry in einen unruhigen Schlaf. Keiner der drei leerte an diesem Abend seinen Geist.

Nur wenige Stunden später, es war kurz vor Mitternacht, fuhr Snape mit einem Ruck hoch. Sein Mal rief ihn wieder zum Lord. Stöhnend stand er auf, das würde nicht angenehm werden. Der Lord vergab nicht. Doch selbst wenn er gehen wollte, er konnte nicht. Das Schloss war abgeriegelt, keine Eule kam durch und auch kein Patronus. Nicht einmal die Geister konnten in verschlossene Räume eindringen. Also gab es keine Möglichkeit für Snape, eine Nachricht zu senden. Der Lord würde ihm nicht vergeben, er war so gut wie tot, wenn er hier wieder rauskam. Der Schmerz nahm mit jeder Minute zu und Snape ging ins Labor, holte sich einen starken Schmerztrank. Dann ging er ins Bad, wissend, dass der Trank es nicht komplett unterdrücken konnte, und ließ eiskaltes Wasser über sein Mal laufen, um den Schmerz ein wenig zu dämpfen.

Plötzlich hörte er einen Schrei aus dem Wohnzimmer. Harry! Seinen eigenen Schmerz verdrängend eilte Snape an Harrys Bett. Noch war der Junge nicht richtig wach, aber er war in einer Vision gefangen. Seine Narbe war dunkelrot und schien aufzureißen. Harry stöhnte auf und krümmte sich im Bett. Snape packte seine Handgelenke, als Harry anfing, seine Arme aufzukratzen.

„Harry! Wach auf. Denk an deine Okklumentik! Hör auf meine Stimme. Leere deinen Geist. Schieb alles zur Seite und mach dich frei. Harry, du kannst das. Komm zurück zu mir. Atme tief ein und verschließ deinen Geist. Ganz ruhig. So ist es gut. Leere deinen Geist, mach dich frei. Weiter so, gleich hast du es geschafft. Ganz ruhig atmen, Harry. Gut.“, leitete er seinen Schüler an.

Langsam schaffte es Harry, seinen Geist tatsächlich zu verschließen. Erst als er sicher war, dass er Voldemort draußen halten konnte, öffnete er die Augen. Fiebrig glänzende grüne Augen trafen auf schwarze, besorgt dreinblickende. Der Jugendliche beugte sich zur Seite und würgte. Das Erbrochene ließ der Ältere sofort verschwinden und wirkte einen Zauber, der den Geschmack in Harrys Mund neutralisierte. Erst als Harrys Blick wieder fixierte, war Snape beruhigt. Harry hatte es geschafft.

„Gut gemacht, Harry.“, lobte er ihn.

Schluchzend lehnte sich Harry bei ihm an. Snape legte die Arme um den zitternden Gryffindor und zog die Decke über ihn. Harry hatte sich völlig verausgabt. Aber er hatte seine Sache wirklich gut gemacht.

„Danke Professor.“, nuschelte er gegen Snapes Schulter.

„Severus. So lange wir hier drinnen sind und danach wenn wir unter uns sind, dann nenn mich Severus und sag ‚Du‘.“, bot er dem Jungen an.

Schon einige Zeit hatte er darüber nachgedacht, da Draco ihn schon die ganze Zeit mit der persönlicheren Anrede ansprach, weil er sein Patenonkel war. Harry war dabei immer ein wenig außen vor gewesen. Aber im Moment sah es so aus, als würden sie noch eine Weile zusammen verbringen und Harry würde seinen Blutdurst wohl noch öfter an ihm stillen, da war es doch angebracht, ein wenig persönlicher zu sein. Er hatte in der ersten Nacht aufgehört, ‚Potter‘ zu sehen und hatte es seitdem bei ‚Harry‘ gelassen. Meistens jedenfalls.

„Danke Severus.“, wiederholte Harry leise.

Der Tränkemeister war sich nicht sicher, ob er sich bedanken wollte, dass er die persönliche Anrede benutzen durfte oder ob es einfach eine Wiederholung des ersten Danks war mit der neuen Anrede. Aber es war egal.

„Du solltest wieder schlafen, Harry. Es war ein anstrengender Tag.“, schlug Severus vor.

„Du auch.“, grinste Harry.

Ein leises Lächeln umspielte Snapes Lippen. Ihr Verhältnis war inzwischen wirklich sehr angenehm. „Gute Nacht, Harry.“

„Gute Nacht, Severus.“

Die restliche Nacht war unruhig, Draco hatte gegen Morgen einen Alptraum, doch er schaffte es, aufzuwachen, bevor es zu schlimm wurde. Harry schaffte es, den dunklen Lord ein weiteres Mal in dieser Nacht aus seinem Kopf zu halten und stand am Morgen zwar müde aber durchaus zufrieden mit sich auf. Severus sah ihm an, dass er erschöpft war und ließ ihn an diesem Tag in Ruhe. Der Junge hatte sich eine Pause verdient. So lag Harry mit einem Buch über Vampire auf dem Sofa und las, während Draco sich weiter mit dem Patronus abmühte. Auch nach einer Woche schaffte er es noch nicht, den Nebel länger zu halten oder ihm eine Gestalt zu geben. Doch er gab nicht auf, beobachtete er doch immer wieder, wie Harry mit verschiedenen ungesagten Zaubern kämpfte und so lange sich abmühte, bis er es schaffte. Harry stellte sich schließlich zu dem Slytherin und hielt seinen Zauberstab fest. „Warte. Welche Erinnerung hast du?“, wollte er wissen.

„Mein erster Flug auf einem Besen, ich war so glücklich und frei damals.“, antwortete Draco.

„Das ist zu wenig, Draco. Du brauchst etwas Stärkeres, ich habe es auch damit versucht, aber das hat nie gereicht. Denk nach, es muss doch eine noch stärkere Erinnerung an ein glückliches Ereignis in dir geben.“

Der Blonde schloss die Augen und schien nachzudenken. Mit einem Mal schlich sich ein glückliches Lächeln auf sein Gesicht. Harry hatte ihn aufmerksam beobachtet und grinste nun. „Jetzt, Draco!“, ermunterte er leise den Blonden.

Draco hob den Zauberstab, sprach die Formel und ein silberner Adler brach aus der Spitze hervor.

„Gut gemacht!“, lobten Severus und Harry gleichzeitig.

Draco strahlte.

 

Wieder einige Tage später brannte Severus´ Mal wie Feuer und Harry kämpfte gegen die Vision an. Draco und Severus unterstützten ihn so gut wie möglich, aber dennoch schaffte Voldemort es diesmal in seinen Kopf.

„Severus, du willst dich mir also verweigern. Ich werde dich finden und dann wirst du erst leiden, bevor du dann darum bettelst, dass ich dich töte! Sieh, was ich mit dir machen werde!“, sprach Harry die Worte des Unnennbaren und schrie gepeinigt auf. Sein Körper zuckte und krampfte unter den Flüchen, die der dunkle Lord sprach. Harry schrie und schrie. Severus hielt ihn im Arm und versuchte, ihn so gut wie möglich zu schützen, doch nur Harry selbst konnte seine Schilde nutzen. Erst nach Stunden ließ es nach und bis dahin war Harry schon lange heiser. Erschöpft hing er in den Armen des Tränkemeisters und konnte nicht mehr.

„Es tut mir leid, Harry!“, murmelte Snape in sein Ohr.

„Bitte bleib!“, krächzte Harry.

Er hatte Angst, wollte nicht alleine sein. Severus nahm ihn in den Arm und legte sich wortlos zu ihm ins Bett. Draco blieb auch an seiner Seite. Sie waren nun ein Team, standen einander zur Seite. Keiner ließ Harry jetzt allein. Harry schlief unruhig, aber er schlief. Severus selbst konnte nicht schlafen, er machte sich Vorwürfe, weil er den Okklumentik-Unterricht vorher unterbrochen hatte. Wäre Harry in der Lage gewesen, der Folter zu widerstehen, wenn er weitergemacht hätte? Er würde noch intensiver mit Harry arbeiten, denn das war sicher nicht das letzte Mal, dass der Lord in Harrys Geist drängte.

Nach dem Frühstück nötigte Severus Harry dazu, mit Okklumentik weiterzumachen. Er hatte Angst, was mit Harry passieren würde, wenn der dunkle Lord so weitermachte. Der Junge hatte dem Ganzen nicht viel entgegenzusetzen. Auch Harry kämpfte sich verbissen durch die Lektionen und schaffte es nach einigen Stunden, Severus tatsächlich aus seinem Kopf zu halten. Es erleichterte beide gleichermaßen. Als ‚Belohnung‘ bot Severus Harry seinen Arm an, damit er sich am Blut stärken konnte. Severus schmunzelte, als er den genießerischen Ausdruck in Harrys Gesicht erkannte.

„Schmeckt gut!“, erklärte Harry danach lächelnd.

Auch Draco hatte sich inzwischen mit dem Gedanken angefreundet, dass sein neuer Freund ein Vampir war und hatte keine Angst mehr davor. Sie trainierten und lernten weiterhin jeden Tag und es war für alle drei inzwischen eine entspannte Lernatmosphäre. Als Harry es schaffte, Severus und zumeist auch Voldemort draußen zu halten, gingen sie es ruhiger an. Sie saßen manchmal auch einfach stundenlang zusammen und stellten Vermutungen an, was die anderen in den Gemeinschaftsräumen und die Lehrer in ihren Wohnungen wohl gerade machten. Sie hatten Mitleid mit den Lehrern, die vermutlich alle alleine in ihren Wohnungen waren. Immerhin waren sie nun schon fast vier Wochen eingeschlossen. Doch meistens lernten sie oder lasen, schließlich mussten sie sich auf ihre ZAG-Prüfungen vorbereiten.

 

 

Ein paar Nächte später brannte Severus´ Mal schon wieder wie Feuer. Zunächst konnte er den Schmerz noch weg atmen und unterdrücken, doch er steigerte sich immer weiter. Auch Schmerztränke und eisiges Wasser konnten ihm nach einer Weile nicht mehr helfen. So bekam er nicht mit, dass Harry wieder einmal eine Vision hatte. Auch Draco bekam es nicht mit, da er sich versuchte, um seinen Patenonkel zu kümmern. So sah keiner von ihnen, dass Harry in die kleine Küche ging und sich dort ein großes Messer nahm, mit dem er auf die Beiden zuging. Erst als er schon mit erhobenem rechten Arm vor ihnen stand und versuchte, den Drang, auf Severus einzustechen, zu unterdrücken, wurden die Beiden aufmerksam. Draco stellte sich vor seinen Paten, der stöhnend auf dem Boden kauerte.

„Harry, ganz ruhig. Ich weiß, du kannst ihn rauswerfen aus deinem Geist. Du willst hier niemandem wehtun. Komm schon, leg das Messer weg.“, sprach Draco ruhig auf den Gryffindor ein.

Harry kämpfte mit sich. Er spürte, dass Voldemort sein Handeln übernommen hatte und wehrte sich mit aller Kraft. Ihm standen Schweißperlen auf der Stirn und sein Gesicht war vor Anstrengung verzogen. Er wollte niemanden verletzen, aber er schaffte es einfach nicht, den Anderen aus seinem Geist zu halten. Doch bisher hatte er es zumindest soweit geschafft, dass sich das Messer nicht weiter bewegte, auch wenn Voldemort ihn unter Schmerzen dazu zwingen wollte. Harry wusste genau, dass die Schmerzen verschwinden würden, wenn er nachgab und Severus verletzte, doch er weigerte sich. Severus lag vollkommen wehrlos vor ihm, die Schmerzen schalteten ihn fast völlig aus. Harry sollte ihn so schwer verletzen, dass er langsam umkam, aber das durfte nicht sein, Severus hatte sich um ihn gekümmert, er war da gewesen, als er jemanden brauchte. Langsam senkte sich der Arm mit dem Messer nach unten. Harry wehrte sich mit aller Kraft, doch der dunkle Lord war stärker. Zitternd sank Harrys Arm wieder ein paar Zentimeter nach unten und das Messer deutete nun direkt auf Severus. Harry spürte, dass sein Widerstand bröckelte, die Kraft ließ nach. Lange würde er es nicht mehr schaffen und das wusste auch der Andere in seinem Geist.

Harry konnte Riddles eisiges Lachen hören. Mit einem Aufschrei packte Harry mit seiner linken Hand seinen rechten Arm und riss das Messer zur Seite. Draco konnte nur entsetzt zusehen, wie Harry das Messer in seinen eigenen Bauch stieß. Aufschluchzend brach Harry in Dracos Armen zusammen, das Blut strömte aus der Bauchwunde.

„Onkel Sev, hilf Harry!“, schrie Draco verzweifelt.

Severus rappelte sich stöhnend auf und griff nach seinem Zauberstab. Er wusste, dass Harry innerhalb von Minuten verbluten würde, wenn er nichts unternahm. Draco stand komplett neben sich und selbst, wenn er nicht schockstarr wäre, könnte er die entsprechenden Zauber nicht wirken. Langsam bewegte Severus seinen Zauberstab über Harrys Bauch und murmelte Beschwörungen. Sie konnten zusehen, wie die Blutung stoppte und das Messer durch einen Zauber entfernt wurde. Harry war bewusstlos, doch mehr schaffte der Tränkemeister nicht. Ihm wurde schwarz vor Augen und er brach zusammen. Draco schrie wieder auf. Schluchzend saß er neben den beiden bewusstlosen Zauberern. Erst nach ein paar Minuten schaffte er es, die Tränen zu stoppen und wandte sich zunächst Harry zu, den er immer noch in den Armen hielt. Er konnte seinen Herzschlag fühlen, der zwar schwach aber regelmäßig ging. Dass er viel zu schnell war, realisierte Draco gar nicht. Vorsichtig hob er den etwas jüngeren, aber viel leichteren Mitschüler hoch und legte ihn auf sein Bett. Er deckte ihn zu und strich ihm die verschwitzten Strähnen des schwarzen Haares aus der Stirn. Harry fühlte sich fiebrig heiß an, seine Blitznarbe war angeschwollen, dunkelrot und aufgerissen, trockenes Blut klebte rund um die Narbe. Darum würde er sich später kümmern, entschied der Slytherin.

Dann ging er zurück ins Bad, wo Severus immer noch zitternd auf dem Boden lag. Sein Patenonkel war zu schwer, als dass Draco ihn tragen könnte, aber wozu konnte er zaubern? Draco sprach einen Schwebezauber über Severus und ließ ihn in sein Bett schweben. Auch er war durchgeschwitzt und ziemlich blass. Seine Zähne klapperten, so sehr zitterte der Tränkemeister, daher wickelte Draco ihn vorsichtig in mehrere Decken ein. Doch das Zittern ließ nicht nach. Draco, selber völlig erschöpft von dem, was er in den letzten beiden Stunden erlebt hatte, legte sich zu Severus und zog ihn fest in seine Arme. Lange waren sie sich nicht mehr so nahe gewesen. Ein wenig ruhiger geworden schlief er schließlich ein. Doch lange konnte er die Ruhe nicht genießen, da riss ihn ein Schrei aus dem Schlaf. Harry! Draco sprang aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer, wo Harry sich krümmte und immer wieder schrie.

„Harry, was ist los? Wach auf, komm schon!“, versuchte Draco, ihn zu wecken.

Vergeblich. Harry fieberte stark, hatte Schüttelfrost. Schweiß stand ihm auf der Stirn und gleichzeitig war er eiskalt und bibberte. Er reagierte nicht auf Dracos Berührungen. Seine Narbe leuchtete hell auf und er versuchte offenbar, sie wegzukratzen. Der Blonde hielt Harrys Hände fest, damit er sich nicht noch weiter verletzen konnte. Obwohl Harry immer noch bewusstlos war und nicht mitbekam, was los war, wehrte er sich nach Kräften gegen Dracos Griff. Draco war erstaunt über die Kraft, die Harry dabei entwickelte. Lange würde er ihn nicht stoppen können.

Plötzlich war es vorbei und Harry sackte einfach in sich zusammen. Erschrocken sah Draco, dass die Bauchwunde wieder blutete, Harry hatte ein helles T-Shirt an und der rote Fleck im Bauchbereich wurde immer größer. Draco hastete in das Labor und suchte verzweifelt nach einem blutstillenden Trank. Es war keine richtige Lösung, aber wenn Harry weiter blutete, dann würde er wohl nicht mehr lange überleben. Schließlich fand er einen und lief zurück zu Harry. Jetzt hatte er immer noch das Problem, dass er ihn Harry nicht einfach einflößen konnte, da dieser nicht wach war und daher auch nicht schlucken konnte. Mit einem ‚Enervate‘ schaffte er es dann, Harry wenigstens so weit aufzuwecken, dass er den Trank schluckte, doch danach schlief er sofort wieder ein.

Draco hörte in der Zeit, wo er mit Harry beschäftigt war, auch wieder Stöhnen aus dem Schlafzimmer. Severus war zumindest halb wach und er schien immer noch starke Schmerzen zu haben, doch wirklich reagieren konnte er nicht, er registrierte nicht einmal, dass Draco da war. Außerdem zitterte er immer noch sehr stark. Draco traf eine Entscheidung, auch wenn er wusste, Severus würde ihm dafür den Kopf abreißen. Er ging zurück ins Wohnzimmer, sprach einen Schwebezauber auf Harry und brachte ihn zu Severus ins Schlafzimmer. So konnte er sich um beide kümmern, ohne ständig hin und her rennen zu müssen. Erschöpft legte er sich schließlich dazu, spürte, dass beide ruhiger waren und fiel nach einer Weile in einen unruhigen Schlaf.

 

Nach etwas über fünf Wochen öffnete sich plötzlich die Tür. Das Schloss hatte entschieden, dass die Bedrohung vorbei war. Severus hatte sich inzwischen wieder erholt. Er hatte Draco anfangs Vorwürfe gemacht, als er aufwachte und mit den beiden Jugendlichen zusammen in einem Bett lag, aber als er Dracos Verzweiflung und Erschöpfung sah, entschuldigte er sich für seine harten Worte.

Draco hatte sich zwei Tage und ebenso viele Nächte um Harry und Severus gekümmert, war dabei selber kaum zum Schlafen gekommen. Dunkle Ringe waren unter seinen geröteten Augen und er hatte kaum etwas gegessen. Severus schickte ihn erst einmal schlafen und sah in dieser Zeit nach Harry. Besorgt erkannte er, dass der Gryffindor immer noch hohes Fieber hatte. Der Blonde hatte ihm gesagt, was er dem Jungen alles eingeflößt hatte, und er hatte ihn nur für seine Umsicht loben können, Draco hatte alles richtig gemacht. Dennoch war Harrys Zustand mehr als besorgniserregend. Der Junge brauchte dringend Blut, davon war Severus überzeugt. Das letzte Mal hatte er vor etwa einer Woche getrunken, und er hatte sich immer sehr zurückgenommen, trotz gegenteiliger Versicherungen hatte er nie geglaubt, dass er Severus nicht schaden konnte.

„Dummer Junge!“, murmelte Severus leise.

So viel hatte sich in den letzten Wochen zwischen ihnen geändert. Nie hätte er das alles für möglich gehalten, und dennoch, es war für ihn selber völlig in Ordnung. Harry war nicht sein Vater, und er hatte viele Jahre den Fehler gemacht, dies nicht zu erkennen. Er würde seinen Fehler jetzt wieder gut machen, wenn Harry es zuließ. Wenn er ihm nicht hier unter den Händen wegstarb. Seine eigenen Heilfähigkeiten waren begrenzt und er wusste mit Harry nicht mehr weiter. Irgendetwas schien noch nicht zu stimmen, aber seine Diagnosezauber zeigten ihm nicht mehr. Daher konnte er ihm auch nicht weiterhelfen. Vorsichtig strich er ihm über die heiße Stirn.

„Wie kann ich dir nur helfen, Kleiner? Du musst aufwachen und trinken, dann kann dein Körper ein wenig seiner eigenen Heilfähigkeit aktivieren, aber wenn du nicht wach wirst, dann kann ich dir nicht mehr helfen. Du müsstest dringend in den Krankenflügel.“, seufzte der Tränkemeister.

Immer noch leicht schwankend stand er dann auf und ging nach nebenan. Er musste nach Draco sehen und dann selber etwas essen. Ein Blutbildungstrank könnte auch nicht schaden, falls Harry doch aufwachte. Draco schlief tief und fest. Er deckte ihn noch etwas besser zu und ging dann erst in sein Labor, nahm einen Blutbildungs- und einen Stärketrank und setzte sich damit in die Küche, wo ein reichhaltiges Frühstück auf ihn wartete. Er trank erst einmal eine Tasse Kaffee und ging dann zu Tee über, während er eine Schüssel Porridge löffelte.

Normalerweise aß er nichts oder nur eine Scheibe Toast mit Schinken oder Käse, doch heute hatte er richtigen Hunger. Hatte er doch seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Mit einem Zauber hatte er sich die Schale wieder erwärmt und – absolut untypisch für ihn – zwei Löffel Zucker hinzugefügt. Jetzt aß er mit Genuss und konnte spüren, wie gut es ihm tat. Anschließend legte er sich mit einem Buch auf das Sofa. Er war immer noch erschöpft, aber nicht mehr schläfrig. Die Schmerzen waren weg und die Erinnerung wieder da. Er wusste, dass Harry eine Menge durchgemacht haben musste, der Lord hatte ihn zwingen wollen, seinen untreuen Diener zu bestrafen. Bewunderung machte sich in Snape breit. Der Junge war verdammt stark. Nicht nur, dass er es unter normalen Umständen schaffte, den Lord aus seinem Kopf zu halten, nein, selbst da, als er keine Chance mehr gehabt hatte, hatte er lieber wahnsinnige Schmerzen auf sich genommen, als ihn, seinen verhassten Lehrer, zu verletzen. Nein, am Ende hatte er sich selber verletzt, anstatt ihn.

„Idiotischer Gryffindor.“, murmelte der Tränkemeister unbewusst vor sich hin.

Snape merkte nicht, wie er einschlief. Er merkte auch nicht, dass Harry wieder unruhig wurde. Leise wimmerte der Junge vor sich hin. Sein Fieber war noch einmal gestiegen. Erst als er aufschrie, schreckte der Tränkemeister im Nachbarraum aus dem Schlaf und eilte in sein Schlafzimmer. Harry krampfte inzwischen und war schweißgebadet. Sein Puls raste, wie Severus feststellen konnte. Er nahm den kleinen Körper in die Arme, hier konnte er nicht mehr helfen. Seine Fähigkeiten beinhalteten keine inneren Verletzungen und die Folgen davon. Solche Verletzungen hatte auch er selber immer Poppy behandeln lassen. Er spürte nicht, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Der Junge lag im Sterben. Es hätte noch so viel gegeben, worüber er mit ihm reden müsste, aber wenn sie hier nicht innerhalb der nächsten Stunden rauskamen, dann war es zu spät.

So fand ihn Draco etwa zwei Stunden später, einen blassen, rasselnd atmenden Harry im Arm. Sein Puls war inzwischen flatternd und ungleichmäßig. Entsetzt starrte Draco auf seinen ehemaligen Erzfeind. Das konnte, durfte nicht sein! Egal wie sehr sie sich immer bekriegt hatten, das hätte er dem Anderen nie gewünscht. Der Schwarzhaarige hatte sich selbst geopfert, um Severus zu schützen.

„Kannst du nichts tun?“, wollte er verzweifelt von Severus wissen.

Der schüttelte nur den Kopf, versuchte nicht einmal, die Tränen zurückzuhalten. „Er muss zu Poppy, sie kann ihm vielleicht helfen. Aber wenn sich die Tür nicht bald öffnen lässt, dann ist es ganz sicher zu spät.“, wisperte der Tränkemeister.

Sanft wiegte er den Jungen in seinem Arm, über den er in den vergangenen Wochen so viel erfahren hatte, das er nie geglaubt hätte, wenn es ihm jemand erzählt hätte. Der Junge hatte eine Maske aufgesetzt, die seiner eigenen in nichts nachstand. Scheinbar wussten noch nicht einmal seine sogenannten Freunde, was los war. Und was war mit Dumbledore? Der war doch der magische Vormund des Gryffindor?

„Sev, die Tür, sie ist gerade aufgegangen!“, schrie Draco plötzlich.

Severus sprang auf, nicht einmal darüber nachdenkend, dass er immer noch im Schlafanzug und tränenüberströmt war, hob er Harry hoch und rannte mit ihm direkt in den Krankenflügel, immer gefolgt von Draco. Der machte ihm dann auch die Tür auf und rief nach Poppy. Keuchend legte er seine geringe Last auf eines der Betten und wartete ungeduldig auf die Heilerin.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen, sobald sie sah, wer da in dem Bett lag.

„Er hat versucht, dem dunklen Lord zu widerstehen und das Messer landete in seinem eigenen Bauch. Außerdem ist er ein Vampir und hat schon lange nicht mehr getrunken. Und zu guter Letzt ist er ein Opfer von Missbrauch und Schlimmeren.“, fasste Snape kurz zusammen.

Poppy war schon lange mit verschiedenen Zaubern beschäftigt und er konnte sehen, dass Harry inzwischen etwas gleichmäßiger atmete. Die Bewegung seines Brustkorbes war immer noch angestrengt und die Atemzüge rasselten weiterhin leise, aber es war kräftiger und gleichmäßiger. Nach einigen Minuten rief die Heilerin verschiedene Tränke auf und weckte den Jungen, um sie ihm einzuflößen. Als sie ihn wieder zurückgleiten ließ, ging Severus zu dem Bett. Er hielt Harry seinen eigenen Arm hin.

„Trink, Harry!“, befahl er.

Er war entsetzt, wie schwach Harry wirkte. Der Junge schaffte es nicht, seine Hand zu Severus´ Arm zu bewegen. Der Tränkemeister hob mit der anderen Hand leicht Harrys Kopf an und legte ihm das Handgelenk direkt an die Lippen. Müde biss der Gryffindor zu und saugte ein kleines bisschen. Viel konnte er noch nicht erwischt haben, da hörte er schon wieder auf und schloss erschöpft die Augen.

„Hey, Harry, du musst mehr trinken, komm schon!“, flehte der Professor, aber Harry war bereits wieder eingeschlafen.

„Gib ihm ein bisschen Ruhe, dann versuchen wir es noch einmal. Bis dahin werde ich ihm eine Konserve anhängen. Er hat es noch nicht überstanden.“, entgegnete die Heilerin leise.

Sie schloss die Vorhänge um sein Bett, damit er mehr Ruhe hatte und sprach noch einen Überwachungszauber, sodass sie mitbekam, wenn etwas mit ihm sein sollte.

„Ihr solltet euch auch ausruhen.“, meinte sie mit Blick auf Draco und Severus. „Gebt ihm ein paar Stunden und schaut dann noch einmal nach ihm. Sollte sich an seinem Zustand etwas ändern, dann sage ich dir Bescheid, Severus.“

Der Tränkemeister sah sie einen Moment prüfend an, drehte sich dann um und nickte Draco zu. Zusammen verließen sie den Krankenflügel und gingen zurück in Severus´ Wohnung. Erst als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, legte Severus einen Arm um den etwas kleineren Blonden. Der schmiegte sich an ihn und lehnte sich ein wenig zu ihm hin, schloss erwartend die Augen.

„Es ist viel zu lange her!“, seufzte er leise.

Zögernd überwand der Schwarzhaarige die kurze Distanz und legte seine Lippen auf die des Blonden. Zärtlich liebkosten sie sich gegenseitig. Aus Rücksicht auf Harry und seinen Zustand hatten sie ganz am Anfang ihrer ‚Gefangenschaft‘ beschlossen, sich einander nicht anzunähern. Beiden war es unendlich schwer gefallen, vor allem, als die ‚Gefangenschaft‘ immer länger andauerte. Als es leidenschaftlicher wurde, drängte Severus seinen blonden Partner in Richtung Schlafzimmer.

 

Harry fühlte sich seltsam. Es kam ihm vor, als wäre er einmal komplett in Watte verpackt, alles war gedämpft. Aber nach und nach wurde er sich seiner Umgebung wieder bewusst. Ihm fiel auch wieder ein, dass er versucht hatte, Severus zu töten. Aber er konnte sich nicht mehr erinnern, wie das Ganze ausgegangen war. Er keuchte auf. Hatte es Voldemort geschafft, Severus durch ihn umzubringen? Panisch versuchte er, die Augen zu öffnen, aber es war so schwer.

„Ruhig atmen, Harry, es ist vorbei.“, hörte er eine leise Stimme.

Einige Momente brauchte er bis er verstand, wer da gesprochen hatte. Noch einige Momente später verstand er auch, dass wenn Poppy zu ihm sprach, die Türen wohl wieder offen waren.

„Sev´rus?“, nuschelte er leise.

„Es geht ihm gut, er schläft gerade. Keine Angst, alles ist vorbei.“, beruhigte ihn die Heilerin.

Erschöpft glitt Harry wieder in einen tiefen Schlaf. Severus hatte es geschafft. Er hatte ihn nicht getötet. Sie waren wieder frei. Als er das nächste Mal langsam wach wurde, fühlte er sich deutlich besser. Das Wattegefühl war weg und er schaffte es viel schneller, die Augen zu öffnen. Das erste, was er sah, waren Draco und Severus, die an seinem Bett standen.

„Harry!“, rief Draco erleichtert aus, als er sah, dass der Andere die Augen offen hatte.

Auch bei Severus konnte man die Erleichterung sehen, wenn auch nicht so offensichtlich. Er hielt Harry seinen Arm hin. Auffordernd sah er den Gryffindor an.

„Danke.“, nuschelte Harry.

Dann hob er selber seine Hände und hielt Severus´ Arm fest. Leicht strich er mit der Zunge über die Haut, dann biss er vorsichtig in das Blutgefäß und saugte gierig. Sein Blutdurst war ziemlich stark, er schaffte es kaum, sich zu beherrschen. Severus war froh darüber, zeigte es doch, dass der Kleine es geschafft hatte. Daher ließ er ihn auch ziemlich lange trinken, bevor er ihn stoppte. Ein leises Schwindelgefühl sagte ihm, dass er wieder blutbildende Tränke nehmen musste, aber er bereute es nicht. Harry hatte wieder etwas Farbe bekommen und sah nun deutlich besser aus. Die dunklen Schatten unter seinen Augen waren verschwunden und sein Blick aufmerksamer, wacher. Wie immer leckte Harry noch einmal über die Bissstelle und die Wunde schloss sich sofort. Man konnte nichts mehr erkennen.

„Was ist passiert?“, wollte Harry nun wissen.

„Der dunkle Lord hatte es geschafft, die Kontrolle über dich zu übernehmen. Du hast ihm offenbar erstaunlich viel Widerstand entgegengebracht, wenn ich Dracos Erzählung Glauben schenken kann. Der Lord wollte, dass du mich mit dem Messer schwer verletzt, sodass ich qualvoll und langsam gestorben wäre. Aber du hast dich gewehrt und am Ende hast du das Messer abgelenkt und in deinen eigenen Bauch gesteckt. Doch Dracos und meine Heilfähigkeiten haben es nicht geschafft, dich zu retten. Das Schloss hat die Türen im letzten Moment wieder geöffnet, ich denke nicht, dass du noch viel mehr Zeit gehabt hättest. Poppy hat es gerade so geschafft. Du warst nun fast eine Woche in einem Heilschlaf gelegen. In der Zeit hat sich das schulische Leben wieder normalisiert. In zwei Monaten beginnen die Prüfungen, ganz normal. Umbridge ist verschwunden, sie war die Bedrohung, die das Schloss abwenden wollte. Albus ist wieder im Amt und unterrichtet nun selber Verteidigung, zumindest bis Schuljahresende.“, berichtete der Tränkemeister.

„So, raus jetzt mit euch beiden, Harry braucht Ruhe!“, ließ sich die Heilerin nun vernehmen.

Sie brachte ein Tablett mit Essen für Harry und ihre Blicke machten den beiden Besuchern klar, dass sie den Kürzeren ziehen würden, wenn sie es wagen sollten zu protestieren.

„Bis morgen, Harry!“, verabschiedete sich Draco.

Nach einem Nicken drehte sich auch der Tränkemeister um und folgte Draco. Harry widmete sich seinem Essen, auch er wusste, wie überzeugend die Heilerin von Hogwarts sein konnte. Draco und Severus indessen gingen zurück in Severus´ Wohnung.

„Draco, wir müssen vorsichtiger sein, Albus schöpft Verdacht. Du weißt, ich bringe mich in Teufels Küche, wenn es auffliegt, dass wir beide eine Beziehung haben. Du bist mein Schüler und noch nicht volljährig.“, warnte Severus, doch auch er konnte sich seinem Partner nicht entziehen.

„Sev, du bist mein Patenonkel, ich hab schon immer viel Zeit in deinen Räumen verbracht. Was sollte also daran auffällig sein? Wir verbringen immer mal wieder einen Abend miteinander, ich bleibe nie über Nacht, das ist doch nicht verdächtig.“, versuchte Draco ihn zu beruhigen.

„Dennoch habe ich ein mieses Gefühl bei der Sache. Du kennst Albus, wenn der einen Verdacht hegt… Und gerade jetzt brauche ich den Schutz von Hogwarts, der Lord will mich tot sehen. Und wenn er herausbekommt, was wir geschafft haben, dann erst Recht, und dich auch.“, antwortete der Schwarzhaarige ernst.

Er küsste den Blonden zärtlich, dann schob er ihn Richtung Tür. Heute würde er es nicht zulassen. Draco bedeutete ihm sehr viel, und gerade deswegen wollte er nichts riskieren. Zu viel hatte er schon verloren, diesen Jungen wollte er nicht verlieren. Als Draco weg war ging er ins Bad und stellte sich erst einmal ziemlich lange unter die Dusche. Danach entschied er, gleich schlafen zu gehen. Harry hatte eine Menge Blut getrunken und der Blutbildungstrank brauchte noch eine Weile, um richtig zu wirken.

„Severus! Severus!“, weckte ihn mitten in der Nacht eine Stimme aus dem Wohnzimmer.

Der Tränkemeister sprang aus dem Bett. Einen Moment brauchte er, um das Schwindelgefühl zu bekämpfen, dann ging er vorsichtig ins Wohnzimmer. Poppys Kopf steckte in seinem Kamin und sah besorgt aus.

„Harry hat eine Panikattacke, ich komme nicht mehr an ihn heran, auch Dumbledore und seine Freunde nicht. Vielleicht hast du eine Chance. Komm schnell!“, rief sie ihm zu, kaum dass sie ihn entdeckt hatte.

Harry! Als Severus den Namen hörte, schoss Adrenalin durch seinen Körper. Vergessen waren das Schwindelgefühl und die Schwäche, die noch einen Moment davor seinen Körper im Griff gehabt hatten. Der Kleine brauchte ihn. Wie konnte Poppy nur Dumbledore oder seine Freunde dazu holen? Schnell zog er sich mit einem Zauber an und lief dann Richtung Krankenflügel. Es war gegen drei Uhr morgens. Im Krankenflügel bot sich ihm ein jämmerliches Bild. Harry hockte zusammengerollt in einer Ecke des Raumes und zitterte. Seine Blicke schrien geradezu um Hilfe. Sobald sich ihm jemand näherte, wimmerte er. Ebenso, wenn jemand ihn ansprach. Alle versuchten gleichzeitig, Harry zu beruhigen und zu sich zu holen. Keiner merkte, dass sie es damit noch schlimmer machten.

„Alle sofort raus hier!“, knurrte er eisig.

Seine Augen bohrten sich in die des Direktors und nach einigen Sekunden gab der für ein Mal nach. Er erhob sich langsam und zog sich zurück. Die anderen folgten ihm eilig, als sie Snapes Blicken begegneten. Als letztes verließ die Heilerin den Saal. Snape ging in die Hocke und rückte noch ein Stückchen an Harry ran. Leise sprach er auf ihn ein, ihm war klar, dass der Kleine eine ganze Weile brauchen würde, um zu verstehen, dass er ihm nichts Böses wollte. Nach fast einer Stunde, in der Snape nur leise und beruhigend auf ihn eingesprochen hatte, klärte sich langsam Harrys Blick und er sah seinen Professor wieder an. Erkennen lag in den grünen Augen und die Panik ließ langsam nach.

„So ist es gut, Kleiner. Komm her, Harry, du kannst nicht ewig auf dem Boden herumsitzen. Dafür ist es viel zu kalt hier. Ja, gut so. Komm her. Ich bin da.“, murmelte der Tränkemeister weiter.

Zitternd streckte ihm der Kleine eine Hand entgegen. Severus ergriff sie und zog Harry langsam in seine Arme. Kaum dass Harry die Arme um sich spürte, schluchzte er auf. Er krallte sich in die schwarzen Roben und hielt sich fest. Snape hob ihn hoch und setzte sich auf das Bett mit ihm, wickelte die Decke um den bibbernden Körper. Nur sehr langsam beruhigte sich der Kleine in seinen Armen und schlief schließlich etwa zwei Stunden später erschöpft ein. Snape wartete noch eine Weile, bis Harry wirklich tief und fest schlief und erst dann legte er ihn vorsichtig zurück in das Bett und deckte ihn sorgsam zu. Einen Moment verharrte er noch, dann drehte er sich um und ging in Poppys Büro. Er kochte vor Wut.

„Wie konntet ihr nur? Alle auf einmal, und das mitten in einer Panikattacke? Was war los?“, verlangte er zu wissen.

Die Anwesenden, Poppy, Dumbledore, Minerva McGonagall, Hermine Granger und Ronald Weasley, sahen ihn entsetzt an. Poppy fasste sich als Erste wieder.

„Miss Granger und Mister Weasley wollten Harry besuchen. Nun, auch wenn es relativ spät war, ich erlaubte es ihnen, da Harry gerade wach war. Ich gab ihnen zehn Minuten. Doch schon nach wenigen Momenten schrie Harry auf und ich ging zurück in das Zimmer. Harry saß auf dem Boden und schrie. Ich holte Albus und Minerva dazu, da beide ein gutes Verhältnis mit ihm haben, doch er beruhigte sich nicht. Nur die Schreie wurden langsam weniger, als ihn keiner mehr berührte. Wie hast du es geschafft?“, berichtete sie in ihrer relativ professionellen Art.

„Was haben sie getan?“, fuhr der Tränkemeister nun Hermine und Ron an.

„Nichts, wir haben ihn nur begrüßt!“, erklärte Hermine störrisch.

„Haben sie ihn angefasst?“, wollte Snape eisig wissen.

„Natürlich, ich weiß ja nicht, wie sie ihre Freunde begrüßen, Professor, aber wir haben Harry immer zur Begrüßung umarmt.“, schnappte Hermine.

„Und es ist ihnen nie aufgefallen, dass es für Harry absolut unangenehm ist, wenn jemand ihn berührt?“, erwiderte der Tränkemeister kalt.

„Unsinn, wir sind seine Freunde.“, funkte nun Ron dazwischen.

„Schöne Freunde. Haben sie ihn jemals gefragt, wie es ihm wirklich geht? Haben sie ihm jemals Unterstützung angeboten? Konnte er ihnen jemals erzählen, was ihm alles passiert? Wieso ist es ihnen, wenn sie seine Freunde sind, nie aufgefallen, wie schlecht es ihm nach den Ferien ging?“, wollte er von den beiden wissen.

Dann wandte er sich an seinen Direktor. „Und du, Albus. Wieso hast du ihn jedes Jahr wieder zurück zu seinen Verwandten geschickt? Sie haben ihn misshandelt und vergewaltigt. Der Junge kam jedes Jahr schlimmer zugerichtet zurück. Poppy, warum ist dir nie etwas aufgefallen? Er will nicht angefasst werden, schon gar nicht ohne Vorwarnung. Er braucht dringend Freunde, mit denen er reden kann, die ihm wirklich zuhören. Er muss doch im Schlafsaal aufgefallen sein, Mister Weasley, diese Alpträume, die er Nacht für Nacht hat.“

Betreten sahen sich alle an. Nur Minerva sah entsetzt zu Severus. „Severus? Ist das wahr?“, hauchte sie.

„Jedes Wort. Harry war zum Nachsitzen bei mir, als sich die Türen geschlossen haben. Er und Draco waren die ganze Zeit bei mir. In der ersten Nacht habe ich Harrys Wimmern im Schlaf gehört. Der Junge hat sich auf seine Hände gebissen, um nicht zu schreien. Ich habe lange mit ihm gesprochen, bis er mir gestanden hat, was passiert ist. Er schämt sich, weil er zu schwach war und es nicht verhindern konnte. Seit er zu seinen Verwandten kam, wurde er regelmäßig verprügelt, meist mit dem Gürtel seines Onkels. Nach dem ersten Schuljahr hat sein Onkel dann angefangen, ihn zu missbrauchen. Und schließlich hatte er nicht einmal in Hogwarts Ruhe, von seinen ‚Abenteuern‘ rede ich hier noch nicht einmal, nein, auch hier wurde er vergewaltigt. Flint hat sich wieder und wieder an ihm vergangen und er hatte panische Angst, hat nie jemandem etwas gesagt, weil er nicht als schwach gelten wollte. Aber seine Freunde merken noch nicht einmal, was passiert ist, obwohl sie nun seit fast fünf Jahren so gut wie jeden Tag mit ihm verbringen. Ich weiß nicht, ob das als Freundschaft gelten kann.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ das Büro. Wortlos setzte er sich zu Harry, der wieder unruhig wimmernd im Bett lag. Sanft strich er dem Jüngeren über den Rücken und murmelte ihm leise Worte zu. Staunend wurde das Ganze von den Anderen beobachtet. Sie konnten nicht glauben, was sie da sahen. Harry ließ sich von seinem Hasslehrer beruhigen und schmiegte sich an ihn.

„Heute Nachmittag nach dem Unterricht werde ich ihn mitnehmen in meine Wohnung. Er kann in mein Gästezimmer einziehen, er braucht jetzt Ruhe. Erst einmal muss er alles verarbeiten, was er erlebt hat. Bisher hat er alles einfach nur verdrängt, aber jetzt ist alles aufgebrochen. Er braucht jetzt Zeit und Ruhe. Ich denke nicht, dass er dieses Jahr noch am Unterricht teilnehmen kann. Vielleicht kann er die Prüfungen machen, aber auch da wäre ich mir nicht sicher.“, verkündete Snape, bevor er den Raum verließ.

 

Snape brachte den Unterricht hinter sich. Aufmerksam beobachtete er heute seine Problemschüler. Er hatte keine Lust, sich auch noch um Unfälle zu kümmern. Das konnte er heute nicht auch noch brauchen. Nein danke, seine Nacht war schrecklich genug gewesen, das reichte nun wirklich. Und ab heute Abend hatte er wieder einen Gast in seiner Wohnung. Was hatte ihn da nur geritten? Die fünf Wochen hatten ihm wohl nicht gereicht. Es war doch eigentlich Dumbledores Verantwortung, für den Jungen zu sorgen. Aber so ernst hatte der das bisher offensichtlich nicht genommen, im Gegenteil. Darum musste er sich auch noch einmal kümmern, denn es konnte nicht sein, dass Albus als Harrys Vormund nichts gewusst haben wollte. Und wenn er es gewusst hatte, warum hatte er dann nichts dagegen unternommen? Warum hatte er den Jungen immer wieder in diese Hölle geschickt?

Er konnte sich erinnern, wie er zufällig Harry und Albus zugehört hatte. Es war am Ende des ersten Schuljahres und Harry hatte Dumbledore angefleht, dass er nicht mehr zu seinen Verwandten musste. Doch Albus hatte ihn nur an den Blutschutz erinnert, der ihn vor den Todessern beschützen würde. Außerdem hatte er etwas davon gesagt, dass er stark werden musste, weil er letztendlich gegen den Unnennbaren bestehen müsste. Damals hatte Severus gedacht, dass er auf die Ereignisse rund um den Stein angespielt hatte, aber im Nachhinein betrachtet… Jetzt war er sich ziemlich sicher, dass der Direktor etwas Anderes gemeint hatte. Er war sich sicher, dass Albus von den Misshandlungen und den Schlägen wusste und es einkalkuliert hatte, damit Harry lernte, stark zu sein. Das durfte doch nicht wahr sein!

Aber er riss sich aus seinen Gedanken, als die Fünftklässler in seinen Klassenraum kamen, Gryffindor und Slytherin. Harrys Kurs. Hier musste er besonders achtsam sein, es gab mehrere Kandidaten, die gut waren im Explosionen verursachen oder im Kessel schmelzen. Draco warf ihm einen fragenden Blick zu, doch er ignorierte ihn für den Moment. Darauf konnte er jetzt nicht eingehen. Aber der Junge war hartnäckig, er wusste, er würde nach dem Unterricht dableiben. Vielleicht konnte er ihn mit in den Krankenflügel nehmen, Harry vertraute auch ihm. Er ließ die Klasse einen Aufbautrank brauen, der häufiger auch in den ZAG-Prüfungen gefragt wurde. Schon nach wenigen Minuten kündigte ein unheilvolles Zischen an, dass der erste Kessel am Schmelzen war. Snapes Blick huschte zuerst zu Longbottom, doch bei dem sah alles soweit gut aus. Auch bei den anderen Gryffindors konnte er nichts erkennen. Als er den Blick über seine Schlangen gleiten ließ, sah er, dass Crabbe es geschafft hatte. Kommentarlos ließ er den Trank, oder das, was davon übrig war, verschwinden.

„Mister Crabbe, ich gehe davon aus, dass sie das Lesen gelernt haben. Bitte haben sie die Güte, noch einmal anzufangen, aber beachten sie die dritte Zeile der Anweisungen dieses Mal genau und lassen sie sie nicht wieder aus.“, wies er ihn dann an.

Er wusste, den Löwen hätte er dafür eine Menge Punkte abgezogen. Bisher war es für ihn lebensnotwendig gewesen, so zu handeln, damit der dunkle Lord keinen Verdacht schöpfte, aber inzwischen war dieses Thema eigentlich erledigt. Er stand auf der Abschussliste ganz oben und durfte sich unter keinen Umständen mehr aus Hogwarts wagen, wenn er an seinem Leben hing. Wie lange die Schlangen ihn noch in Ruhe ließen, war auch eine Frage, die er lieber nicht beantwortet hatte.

Die meisten der Schüler waren Kinder von Todessern oder zumindest Sympathisanten. Der dunkle Lord hatte viele Hände in der Schule, die ihm helfen konnten, Snape aß und trank schon nichts mehr in der Öffentlichkeit, nur noch eine einzige Hauselfe beauftragte er, Essen für ihn zuzubereiten. Die Post wurde durchsucht, damit nicht ein Portschlüssel an ihn ging. Wenn er jetzt noch Harry Potter bei sich aufnahm, dann würde sein Risiko noch weiter steigen, falls das möglich war. Aber das war ihm egal, Harry hatte Besseres verdient. Er würde den Jungen nicht mehr seinen sogenannten Freunden aussetzen.

Der Rest der Stunde verging seltsamerweise ereignislos. Longbottom lieferte zwar keinen perfekten Trank ab, aber zum ersten Mal kam ein Ergebnis, das sogar einigermaßen annehmbar war. Die Gryffindors waren aus der Tür, noch bevor er ausgesprochen hatte, aber das war normal. Auch seine Schlangen hatten es ziemlich eilig, nur Draco zögerte. Als sie alleine waren, sprach Severus einen Stillezauber und einen anderen Spruch, der verhinderte, dass sie belauscht oder unterbrochen würden.

„Was ist los, Draco?“

„Das frage ich dich, Sev. Du wirkst heute ziemlich fertig und warst nicht beim Frühstück. Was ist passiert?“, stellte Draco die Gegenfrage.

„Es geht um Harry. Er hatte heute Nacht eine Panikattacke. Granger und Weasley durften ihn spätabends noch besuchen, da er wach war und hatten nichts Besseres zu tun als ihn zu umarmen. Poppy hat mich gegen drei Uhr aus dem Bett geworfen, damit ich mich um den Jungen kümmern soll, nachdem Dumbledore und Minerva ebenfalls kein Glück hatten. Er war völlig verängstigt und unterkühlt und ich habe fast zwei Stunden gebraucht, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er wieder eingeschlafen ist. Ich werde ihn jetzt dann abholen und zu mir bringen. Tut mir leid, Drache, aber ich kann nicht anders. Auch wenn es bedeutet, dass wir uns erst einmal wieder weniger sehen können.“, erklärte Severus.

„Schon gut, Sev. Harry hat sich ein bisschen Ruhe und Abgeschiedenheit verdient. Komm, holen wir ihn ab.“, entgegnete Draco gelassen.

Gemeinsam gingen sie in Richtung Krankenflügel, nicht ahnend, welches Drama sie dort erwarten würde.

 

Gellende Schreie empfingen sie, als sie die Tür öffneten. Sie blickten sich an und eilten sofort in den hinteren Raum, wo Harry lag. Liegen sollte. Wieder einmal kauerte der Jugendliche auf dem Boden. Die Schreie stammten von ihm. Seine Kleidung war zerrissen und er hatte mehrere blaue Flecke. Die Heilerin war nirgends zu sehen. Entsetzt starrten die beiden Neuankömmlinge auf den zitternden, schreienden und aus einigen oberflächlichen Wunden blutenden Harry. Offenbar war er verprügelt worden, möglicherweise wollte jemand ihn zum Schweigen bringen. Severus ging etwa einen Meter vor ihm langsam in die Hocke und sprach leise murmelnd auf ihn ein.

„Draco, sieh nach Poppy, vielleicht braucht sie Hilfe.“, wies er seinen Patensohn leise an.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Heilerin bei diesem Geschrei nicht reagierte. Außerdem wollte er dafür sorgen, dass es möglichst ruhig um Harry war und er konnte das Entsetzen Dracos spüren. Das half Harry gerade nicht, er brauchte Ruhe. So wie Severus es einschätzte, war Flint hier gewesen. Wenn der der Einzige war, der Harry in der Schule auflauerte. Warum nur hatte der Direktor sich nicht schon darum gekümmert? Heute Nacht hatten sie darüber gesprochen, da hätte er aktiv werden müssen.

„Harry, es ist vorbei. Ich will dir helfen. Es tut mir leid, dass ich nicht eher da war. Ich habe gedacht, du bist hier sicher. Es ist vorbei, Kleiner. Komm her, ich helfe dir. Es ist kalt, du wirst sonst nur krank. Komm, steh auf. Komm her zu mir. Es tut mir leid, dass wir dir nicht geholfen haben. Aber jetzt bin ich da. Komm, Harry, komm zu mir. Es ist vorbei.“, murmelte Severus immer wieder.

Langsam ließen die Schreie nach und Harrys Blick fokussierte sein Gegenüber.

„Vorbei?“, fragte er heiser.

„Es ist vorbei, Harry. Ich bin hier und ich lasse dich nicht mehr alleine. Komm her, Kleiner.“

Harry warf sich in die offenen Arme und krallte sich in der Robe des Professors fest. Severus nahm ihn hoch und wickelte eine warme Decke um ihn, einerseits um ihn warm zu halten und andererseits um ihn vor Blicken zu schützen. Er würde ihn sofort mitnehmen und sich später mit Poppy wegen der Behandlung austauschen.

„Harry, ich bringe dich gleich in meine Wohnung. Dort bist du wirklich sicher. Ich muss nur noch schnell nach Poppy sehen. Bleibst du den Moment hier sitzen?“, fragte er sanft.

Harry krallte sich nur noch fester in die Roben und drückte sich an seine Schulter. Das war auch eine Antwort. Also musste er den Jungen wohl mitnehmen. Wobei der so leicht war, dass es ihm nicht allzu schwer fiel. Der Junge hatte definitiv Untergewicht, da mussten sie dringend etwas unternehmen. Er ging mit dem Kleinen auf dem Arm in Poppys Büro. Draco war mit der Heilerin dort, die etwas blass wirkte aber sonst in Ordnung zu sein schien.

„Sie war gefesselt und erstarrt. Sie weiß nicht, wer sie überfallen hat.“, beantwortete Draco die stumme Frage.

„Es geht schon. Du nimmst den Jungen mit? Ich melde mich nachher bei dir wegen der Behandlung.“, erklärte die Heilerin.

Snape nickte nur und Draco stand auf. Er würde mitkommen. Bevor sie aus der Tür traten, zog Draco seinen Zauberstab, um dafür zu sorgen, dass keiner ihnen zu nahe kam. Auch Draco mochte den dunkelhaarigen Gryffindor inzwischen sehr gerne, etwas, das noch vor wenigen Wochen unmöglich erschien, doch diese erste Nacht und der darauffolgende Tag zusammen hatten sie alle drei verändert, für immer. Es war ruhig auf den Fluren, kein Wunder, die meisten Schüler saßen wohl gerade in der großen Halle beim Abendessen. Sobald sie innerhalb der sicheren Umgebung seiner Wohnräume waren, ließ die Anspannung sowohl bei Severus als auch bei Draco nach. Sie wandten sich Harry zu, der zitternd und leise wimmernd in Severus´ Armen lag. Er brachte ihn ins Gästezimmer und legte ihn vorsichtig aufs Bett. Die einzige Reaktion Harrys bestand darin, den Griff noch zu verstärken.

„Harry, ich bin da, und Draco auch. Wir sorgen dafür, dass du sicher bist. Es ist vorbei. Aber ich würde dich gerne abwaschen und die Blutungen stillen. Dann wieder frisch anziehen. Wir bleiben bei dir.“, beruhigte Severus den Kleinen.

Langsam ließ der Griff nach und Severus konnte die Finger aus seinen Roben schälen. Sachte legte er den Kleinen auf das Bett und warf eine Decke über ihn. Dann ging er ins Badezimmer, um warmes Wasser und einen weichen Lappen zu holen, die Heilsalbe nahm er gleich mit. Zurück im Gästezimmer konnte er sehen, dass Harry sich nun bei Draco festhielt. Der Kleine brauchte jetzt vor allem Halt, jemanden, auf den er sich verlassen konnte. Sein Drache bewies Geschick und hatte auch das Vertrauen des Gryffindor.

So wie es aussah, waren sie beide momentan die Einzigen, denen Harry noch vertraute. Er musste sich etwas einfallen lassen, damit er nicht mehr alleine war. Vielleicht konnte er diesen Hauselfen hinzuziehen, Dobby, den er damals Lucius gestohlen hatte. Das wäre eine Möglichkeit, falls Harry genug Vertrauen in diesen hatte.

„Harry, ich werde dich jetzt erst einmal im Gesicht waschen und dann den Oberkörper. Wenn es dir zu viel wird, dann sag mir bitte Bescheid.“, warnte Severus den Kleinen vor.

Der ließ es einfach geschehen, reagierte nicht darauf. Völlig apathisch lag er auf dem Bett und starrte ins Leere. Severus wusch ihm das Gesicht, zog ihm dann das T-Shirt aus, indem er es einfach wegzauberte. Immer noch kam keine Reaktion. Auch den Oberkörper ließ er sich waschen, Severus bat ihn schließlich, sich umzudrehen, das machte er ebenfalls völlig mechanisch. Die beiden Slytherins sahen sich besorgt an. Erst als Severus anfing, die Beine zu waschen, kam langsam wieder eine Reaktion. Harry begann erneut zu zittern.

„Kleiner, soll ich aufhören?“, wollte Severus leise wissen.

Zum ersten Mal seit dem Krankenflügel fokussierte sich Harrys Blick auf ihn. Einen Moment sah er ihn nur an, dann schüttelte er andeutungsweise den Kopf. Vorsichtig machte Severus weiter, Harry sah ihn dabei mit angstgeweiteten Augen an und hielt sich an Draco fest. Als er dann den Intimbereich wusch, merkte er, dass Harry Schmerzen hatte. Der Junge gab keinen Ton von sich, aber er verspannte sich und die Augen zogen sich kaum merklich zusammen.

„Harry, entspann dich, ich will dir nicht wehtun. Soll ich aufhören?“, wollte Severus wieder wissen.

Harry schüttelte erneut den Kopf. Dabei liefen ihm Tränen über die Wangen. Seufzend stellte Severus die Schale mit dem Wasser zur Seite und deckte Harry zu. Die Blutung war inzwischen gestoppt, scheinbar hatte es dazu keinen Zauber gebraucht.

„Was ist los?“, fragte Draco leise.

„Ihr habt so viel Mühe mit mir. Ich… es tut mir leid.“, wisperte Harry.

„Schluss damit. Wir machen das, weil wir dich mögen. Also hör auf, dich zu entschuldigen. Das sollten andere tun, aber nicht du. Harry, möchtest du gleich behandelt werden oder erst eine Runde schlafen?“, Snapes Stimme war sehr sanft und beruhigend gehalten.

„Gleich.“, wisperte Harry wieder.

Severus warf Draco einen Blick zu. Der schnappte sich die Schüssel und brachte sie ins Bad. Harry drehte sich auf die Seite und hielt die Hand des Professors fest umklammert. Der konnte die Angst in den Augen des Jüngeren sehen. Mit seiner rechten Hand griff er wieder nach der Heilsalbe.

„Entspann dich, Harry, ich will dir nicht wehtun. Bereit?“

Harry nickte. Kurz spannte er sich an, als er die Kühle der Salbe spürte, aber er löste die Spannung sofort wieder, als Severus beruhigend seine Hand drückte. Ganz vorsichtig trug der Tränkemeister die Heilsalbe mit einem Zauber auf. Anschließend rief er nach Draco, damit der einen Schlafanzug für Harry bringen sollte, da er bereits Mittags einen Hauselfen damit beauftragt hatte, Harrys Kleidung und sonstige Besitztümer in seine Wohnung zu bringen. Der Blonde brachte das Gewünschte und half Harry, sich anzuziehen, während Severus sich im Bad die Hände wusch. Bis er zurück ins Gästezimmer kam, schlief Harry bereits, während Draco an seinem Bett saß.

„Er hat eine schwere Zeit vor sich.“, kommentierte Draco leise.

„Ja, aber wir werden ihn nicht alleine lassen. Er soll nie wieder so behandelt werden.“, fügte Severus traurig an.

Draco nickte und lehnte sich an Severus an. Sie beide hatten Harry in diesen fünf Wochen sehr lieb gewonnen und wollten nur, dass er wieder glücklich sein konnte. Falls er das jemals wieder konnte.

 

 

 

 

 

Die nächsten Wochen wurden extrem anstrengend für die Drei. Nacht für Nacht wimmerte Harry, schrie aber nicht. Dennoch wurde Severus jedes Mal wach, denn er achtete sorgsam darauf, dass Harry keinen Stillezauber wirkte. Er sollte das nicht mehr alleine durchmachen müssen. Draco verbrachte jede freie Minute mit ihm, brachte ihm die Hausaufgaben, doch Harry war kaum ansprechbar. Mechanisch machte er, was ihm aufgetragen wurde, aber auch nur das. Seine Augen hatten jeglichen Glanz verloren. Severus sorgte dafür, dass Harry regelmäßig Blut trank, aber auch das machte Harry ohne jede Gefühlsregung. Wenn weder Severus noch Draco da sein konnten, war Dobby bei Harry. Der Elf war sofort einverstanden gewesen, sich um Harry zu kümmern, aber auch er konnte ihn nicht aus seiner Lethargie reißen. Severus machte sich Sorgen, dass Harry schließlich doch noch Selbstmord begehen könnte und ließ ihn schon deshalb nicht allein.

Minerva, die sich regelmäßig mit Severus über Harry unterhielt, hatte schließlich eine Idee. Severus war beinahe schon verzweifelt, er würde alles ausprobieren, wenn er nur dem Kleinen damit helfen könnte. Von Poppy und seiner Hauslehrerin bekam Harry Anfang Mai eine kleine Katze geschenkt.

„Harry, wir haben eine Überraschung für dich, es kommt von Poppy und Minerva. Hier, das ist für dich. Und du solltest es schnell auspacken!“, sagte Severus eines Nachmittags.

Er hielt Harry das Päckchen hin. Die Katze war scheinbar nicht so begeistert davon, verpackt zu sein und zappelte in dem Papier hin und her. Diese Bewegung löste eine kleine Reaktion bei Harry aus. Interessierter als zuvor sah er zu Severus und streckte schließlich die Hände aus, um das Päckchen entgegen zu nehmen. Vorsichtig zog er an den Ecken das Papier auseinander. Dem Kätzchen ging das offenbar zu langsam, denn es streckte nun eine weiße Pfote durch die Öffnung und schob das Papier auf die Seite, dann folgte ein schwarz-weißes Köpfchen, das neugierig zu Harry hochsah. Als Harry das Kätzchen ansah, zauberte sich ein leises Lächeln auf sein Gesicht. Zufrieden hob sich Severus´ Mundwinkel und auch Draco lächelte glücklich. Minerva würde sich freuen.

In den folgenden Tagen wurde Harry wieder ein wenig aktiver. Nach und nach kam er aus seinem Schneckenhaus. Er sprach immer noch nicht, aber er reagierte wieder ein wenig lebhafter. Draco und Severus hatten ihm gesagt, dass er seiner Katze einen Namen geben sollte, daher war die Kleine immer noch namenlos. Doch Harry beschäftigte sich viel mit ihr und seine Augen lebten wieder auf. Aber die Nächte waren immer noch extrem unruhig. Immer wieder stand Severus auf und nahm Harry in den Arm. Oft genug legte er sich zu ihm und schlief neben ihm ein, da er selber inzwischen sehr übermüdet war, stand er schließlich jede Nacht mindestens ein oder zweimal auf, um zu Harry zu gehen. Er merkte nicht einmal, dass Harry viel ruhiger schlief, wenn er nicht alleine war. Mitte Mai hatte Harry mal wieder eine heftige Nacht, die schlimmste seit er seine Katze hatte. Die schlief jede Nacht in seinen Armen und seitdem waren seine Alpträume schon deutlich besser geworden. In der Nacht vom 16. auf 17. Mai schrie Harry plötzlich auf. Alarmiert sprang Severus aus seinem Bett und setzte sich zu ihm. Er zog Harry in seine Arme und hielt ihn fest, bis er wieder ruhiger wurde. Dann wollte er ihn wieder hinlegen.

„Bitte, bleib bei mir. Lass mich nicht allein!“, flüsterte Harry heiser.

„Schon gut, Harry, ich bleib hier.“, beruhigte ihn Severus und legte sich zu seinem Schützling.

„Willst du darüber reden, Kleiner?“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“, entgegnete Harry leise.

„Du solltest darüber reden, sonst wird es immer schlimmer. Wenn du aber lieber mit jemand Anderem darüber reden willst, dann werde ich das akzeptieren. Soll ich jemandem Bescheid sagen?“

„Nein, Severus. Ich vertraue dir mehr als jedem Anderen. Aber halt mich bitte fest.“, bat Harry.

Severus hielt Harry fest im Arm und der Kleinere kuschelte sich eng an ihn. Dann begann Harry leise zu reden, erst unsicher, dann immer schneller, als wollte er einfach nur noch alles loswerden. Er berichtete über die Erfahrungen aus der Kindheit, wie er sich in der Schule eine Veränderung erhofft hatte, welche Ängste er mit sich herumgetragen hatte, als er nach und nach das Geheimnis rund um den Stein der Weisen gelöst hatte. Wie viel Angst er gehabt hatte, dass jemand herausfinden könnte, was er zuhause durchmachen musste aber auch die Hoffnung, dass es jemand herausfinden könnte und ihm dann helfen würde. Wie er nach und nach erfahren hatte, was alle von ihm erwarteten und welche Ängste diese Erwartungen ausgelöst hatten. Wie viel schlimmer es dann im Sommer wurde, nachdem Dumbledore ihn wieder in die Hölle zurückgeschickt hatte, und sein Onkel angefangen hatte, ihn zu berühren und wie es immer schlimmer wurde. Die Schmerzen, die Angst, die Scham, alles kam wieder hoch und Harry hielt sich immer wieder schluchzend an Severus fest. Ironischerweise störte es den Tränkemeister inzwischen nicht einmal mehr, wenn er als Kuschelkissen missbraucht wurde, zumindest wenn Harry das machte.

Schließlich sprach Harry auch über die Vergewaltigungen durch Flint, wie er sich im letzten Jahr nach einem Quidditch-Spiel extra lange Zeit gelassen hatte, damit er in Ruhe duschen konnte. Er wollte nie, dass die anderen sahen, welche Narben seinen Körper verschandelten. Und dann war er unter der Dusche gewesen, vermeintlich alleine in den Umkleiden, als plötzlich Flint vor ihm gestanden hatte und ihn gegen die Wand drückte. Er hatte ihm gedroht, wenn er etwas sagen sollte, dann würde noch mehr passieren, denn er hatte genügend Freunde, die auch auf solche Spielchen standen. Er berichtete sogar, dass er im Krankenflügel von mehreren Vermummten geschlagen und getreten worden war, damit er nicht darüber sprach, was Flint mit ihm gemacht hatte.

„Es ist vorbei, Harry. Du brauchst keine Angst mehr haben. Draco und ich sind da für dich.“, beruhigte ihn Severus schließlich. „Schlaf jetzt, Kleiner, ich muss aufstehen und unterrichten, aber Dobby ist da, wenn wir weg sind. Draco isst mit dir zu Mittag und bleibt dann bei dir, da er nachmittags frei hat. Ruh dich aus mit deiner kleinen Katze hier und vielleicht weißt du bis heute Abend auch, wie sie heißen wird.“

Severus hauchte Harry noch einen Kuss auf den Haaransatz und deckte ihn wieder gut zu, als er selber aufstand. Lieber wäre er jetzt bei dem Kleinen geblieben, aber er durfte sich nichts erlauben, er und Draco brauchten Dumbledores Schutz. Nicht mehr lange und sie wären in der Lage, diese Schreckensherrschaft zu beenden, aber bis dahin… Er musste heute den ganzen Tag unterrichten, auch wenn er lieber bei Harry geblieben wäre, der ihn wieder ängstlich musterte. Er war froh, dass Harry endlich wieder angefangen hatte zu sprechen, lange genug war er stumm geblieben. Jetzt konnte er nach und nach anfangen, die ganzen Traumata zu verarbeiten. Dabei sollte er nie alleine sein. Severus wollte gar nicht darüber nachdenken, was passieren könnte, wenn Harry bei einem seiner Flashbacks alleine war. Daher rief er nach Dobby, bevor er den Kleinen alleine ließ und hinterließ die Anweisung, dass Dobby ihn oder Draco holen musste, falls irgendetwas mit Harry sein sollte. Noch einmal sah er in sein Gästezimmer, Harry schlief mit der Katze im Arm. Dann verließ er seine Wohnung, um Unterricht zu geben.

 

Als er gegen Abend, nach dem Aufräumen nach der letzten Unterrichtsstunde, zurück in seine Wohnung kam, blieb er geschockt in der Tür stehen. Harry und Draco saßen auf dem Boden, die Katze zwischen sich und kicherten. Leise blieb er stehen und beobachtete die beiden Jugendlichen. Die Katze versuchte immer wieder, an Draco nach oben zu klettern, doch da sie noch jung war und ihre Krallen nicht einziehen konnte, quietschte der immer entsetzt und sprang auf, weil sich die Krallen durch den dünnen Stoff seiner Hose direkt in seine Haut bohrten. Die Katze maunzte daraufhin empört und sah Draco vorwurfsvoll an. Harry kicherte wieder und Draco konnte nicht anders, als einzustimmen.

Jetzt entdeckten die beiden ihn, da die kleine Katze zu ihm lief. Dobby verschwand mit einem charakteristischen Plopp. Draco kam zu Severus und umarmte ihn kurz, wollte dann wieder loslassen, doch Severus küsste ihn. Harry sah mit leicht geröteten Wangen zu ihnen auf. Aber der Tränkemeister wollte sich vor Harry nicht mehr verstecken, und der Kleine musste auch sehen, dass es anders ging als mit Gewalt. Jetzt im Moment schien er stabil genug, dass er ihm ein kleines bisschen Information zum Verdauen geben konnte. Dann löste er seine Lippen von Dracos.

„Komm her, Kleiner.“, forderte er Harry auf.

Er und Draco umarmten ihn, gaben ihm die Sicherheit, die der Gryffindor brauchte. „Keine Sorge, Harry, du bist bei uns und wirst auch hier bleiben. Draco und ich lieben uns. Wir vertrauen dir, Dumbledore darf davon nichts wissen. Aber vor dir wollen wir uns nicht verstecken müssen. Wir wollen dich nicht erschrecken und wenn dir etwas zu viel wird, dann sag uns bitte Bescheid. Keiner von uns will dir wehtun, wir wollen, dass du glücklich bist.“, versicherte Severus dem Grünäugigen.

„Ich vertraue euch beiden mehr als allen Anderen. Ich weiß, dass keiner von euch mir wehtun wird. Aber ich kann meine Vergangenheit nicht vergessen und habe Angst.“, wisperte Harry.

Severus und Draco konnten spüren, dass er zitterte. Sie beide hielten ihn fest. War es doch zu früh gewesen? Der Kleine wirkte immer so viel sicherer, wie er eigentlich war. Aber das war ein echtes Lachen gewesen, da war sich Severus sicher. Nun, jetzt war das Kind in den Brunnen gefallen und die nächste Nacht würde zeigen, ob er zu schnell vorgegangen war oder nicht. Ändern konnte er es jetzt nicht mehr. In dem Moment versuchte die kleine Katze, an Severus´ Bein nach oben zu klettern. Jetzt verstand er, warum Draco vorher gequietscht hatte. Wie kleine feine Nadeln stachen die Krallen in seine Haut. Schnell griff er nach unten und hob sie hoch.

„Na meine Kleine, gefällt es dir da unten nicht mehr?“, wollte er leise wissen.

„Sie heißt Escalada.“, erklärte Harry.

Fragend starrten die beiden ihn an.

„Naja, sie klettert so gerne und Draco hat mir erklärt, dass Klettern auf Spanisch escalada heißt. Ich war noch nie in Spanien, aber da will ich gerne mal hin. Ans Meer, und ins Warme.“, murmelte Harry.

„Okay, dann herzlich willkommen in meinem bescheidenem Heim, Escalada.“, verkündete Severus ernst.

Escalada maunzte und schnurrte dann leise, als Severus mit seiner Hand über ihr Fell fuhr. Draco strich inzwischen beruhigend über Harrys Rücken, bis das Zittern wieder nachließ. Dann entschied Severus, dass es Zeit zum Abendessen war und sie setzten sich in der kleinen Küche an den Tisch. Seit Harry bei ihm lebte war es auch nicht mehr auffällig, dass Draco zum Essen blieb und beide genossen die gemeinsame Zeit. Und jetzt mussten sie sich auch vor Harry nicht mehr verstecken. Der Gryffindor wirkte immer noch ziemlich unruhig auf Severus, also bot er ihm seinen Arm an, als Draco gegangen war.

„Trink, Harry, das ist besser als ein Beruhigungstrank. Es war ein bisschen viel auf einmal für dich heute.“, ordnete er an.

Dankbar nahm Harry den Arm und leckte einmal kurz mit der Zunge über die entsprechende Stelle, bevor er seine Zähne nutzte. Er trank nicht viel, seit Severus ihm mindestens einmal in der Woche sein Blut gab, brauchte er nicht mehr viel auf einmal und sein schlechtes Gewissen meldete sich nicht mehr so oft. Zumindest schien er Severus nicht zu schaden, jedenfalls war er nicht mehr so unsicher auf den Beinen wie am Anfang. Am Ende leckte er noch einmal darüber und die Wunde schloss sich sofort, es sah so aus, als wäre nie etwas gewesen. Und Severus konnte sehen, dass Harry deutlich entspannter war. Er musste jetzt noch Aufsätze korrigieren und Harry nahm sich ein Buch aus dem Regal. Eine entspannte Ruhe breitete sich aus. Vier Stunden später mahnte Severus, dass es Zeit zum Schlafen wäre. Harry ging ins Bad und zog sich um, stand dann etwas verloren im Wohnzimmer.

„Was ist los, Kleiner?“, wollte Severus wissen.

Harry druckste eine Weile herum, bis er schließlich nuschelte: „Kann ich bei dir schlafen?“

Severus eilte zu ihm hin und nahm ihn in den Arm. Ihm war klar, dass der Kleine Angst vor seinen Alpträumen hatte. Er war sich nicht ganz sicher, ob das eine gute Idee war, aber es zeugte von einem immensen Vertrauen. Wie nur war es dazu gekommen? Severus konnte es nicht nachvollziehen, aber er hatte ein Versprechen gegeben, einmal vor Jahren seiner damals besten Freundin, und vor ein paar Wochen noch einmal sich selber gegenüber. Er würde den Jungen beschützen, und wenn es bedeutete, dass er sein Bett nicht mehr alleine nutzen konnte, dann war es eben so.

„Leg dich schon mal rein, ich komm dann nach.“, versprach Severus.

 

 

 

Die Nacht verlief ruhig. Harry schien entspannter zu schlafen, wenn er nicht alleine war. Wenn Severus genauer darüber nachdachte, war es schon die ganze Zeit so, wann immer Harry einen Alptraum gehabt hatte, war er alleine gewesen. Wenn er selber bei Harry im Bett gelegen hatte, dann gab es auch keine Alpträume, oder zumindest fast keine. Wie sollte das nur weitergehen? Er konnte doch nicht Nacht für Nacht mit Harry im Bett schlafen, der Junge war sein Schüler und er selber in einer Beziehung. Nicht dass es Draco bisher gestört hätte, aber dennoch. Harry musste lernen, selbständig zu sein. Vielleicht nicht jetzt gleich, aber auf Dauer schon. Außerdem mussten Draco und er noch diese eine Aufgabe vollenden. Albus war dabei nicht sehr hilfreich, aber sie brauchten seine Unterstützung, jetzt wo sie auf der Abschussliste des dunklen Lords standen. Hoffentlich schafften sie es, das restliche Schuljahr noch gut hinter sich zu bringen.

Dumbledore war sehr hilfsbereit gewesen, kein Wunder, sie mussten ihre Aufgabe vollenden, damit Voldemort vernichtet werden konnte. Dabei war Albus sicher hilfreich, aber was danach kam, da würden sie selber sehen müssen. Zumindest im Moment waren sie soweit wie möglich geschützt, Albus hatte die magischen Schilde rund um Hogwarts so angepasst, dass sie das Schloss nicht verlassen konnten, weder freiwillig noch gezwungen, Portschlüssel in der gesamten Post wurden vernichtet und die Appariersperre war noch einmal stärker gesichert worden, ebenso das Flohnetzwerk. Und er akzeptierte, dass Draco und Severus nicht am Essen in der großen Halle teilnahmen. Die einzige Bitte, die ihm Dumbledore nicht erfüllen konnte, war, Flint von der Schule zu werfen. Seit dem Angriff auf Harry im Krankenflügel – sie hatten nie herausgefunden, ob es wirklich Flint gewesen war – war der bullige Siebtklässler verschwunden.

Zur Frühstückszeit klopfte es an seiner Tür. Poppy wahrscheinlich, sie kam täglich vorbei, um nach Harry zu sehen. Sie hatten sich sehr intensiv unterhalten, wie es sein konnte, dass ihr nie aufgefallen war, was mit Harry los war.

„Severus, ich bin entsetzt. Ich habe Harry all die Jahre behandelt und es machte nie den Anschein, dass etwas nicht stimmte. Doch ich habe auch nicht genauer nachgesehen, und das werde ich mir nicht verzeihen. Aber ich konnte nie auch nur ein Anzeichen feststellen, dass etwas nicht stimmte und du weißt, dass ich gerade die Untersuchungen am Anfang des Schuljahres sehr gründlich mache. Ich kann es mir nicht erklären, dass ich es nie bemerkt habe. Ich habe auch nie gesehen, welche Narben da sind. Auch das verstehe ich nicht.“, hatte die Heilerin ihm berichtet.

„Ein Illusions-Zauber?“, vermutete Severus.

„Möglich. Das würde erklären, warum ich immer nur die offensichtlichen Verletzungen gesehen habe.“, entschied Poppy.

Sie hatten sich Harry noch einmal genauer angesehen und tatsächlich Überreste eines derartigen Zaubers gefunden. In dem Moment hatte Severus Poppy mehr oder weniger verziehen und sie mit ins Boot geholt, in der Hoffnung, dass sie eine Möglichkeit finden würde, Harry wieder zum Sprechen zu bringen. Aber dieses Problem hatten sie inzwischen ja gelöst.

Harry schlief immer noch, er schlief sehr viel in den letzten Wochen. Die Heilerin konnte nur vermuten, dass nicht nur die Verletzung ihren Tribut forderte, sondern auch die ganzen Erfahrungen, die nun wieder an die Oberfläche durchgebrochen waren. Sie riet ihm, dem Jungen die Ruhe zu gönnen, die sein Körper offensichtlich brauchte. Er sollte nur darauf achten, dass er dazwischen genug aß und trank. Harry war zwar in einen Vampir verwandelt worden, brauchte aber dennoch genauso die normale Nahrung zusätzlich zum Blut.

In der Zwischenzeit war auch Draco in der Wohnung aufgetaucht und kümmerte sich mit Dobbys Hilfe um das Frühstück. Als eine Eule am Fenster pickte, öffnete er es und nahm automatisch den Brief von ihrem Bein, gab ihr einen Eulenkeks und schloss das Fenster wieder, als sie weggeflogen war. Erst wollte Draco den Brief auf die Seite legen, da er annahm, dass er für Severus war, aber ein Blick darauf ließ ihn erstarren. ‚Draco Malfoy‘ stand in ausladenden Buchstaben darauf. Draco wurde blass, er kannte die Schrift genauso gut wie seine eigene. Mit zitternden Fingern versuchte er, den Brief zu entsiegeln, schaffte es aber nicht.

„Was ist los?“, hörte er auf einmal Severus´ alarmierte Stimme hinter sich.

Draco konnte nicht antworten, er war starr. Er hielt Severus die Rolle hin. Nach einem Blick darauf griff Severus danach und drückte Draco auf einen Stuhl. Er legte einen Arm um seinen Drachen und löste dann vorsichtig das Siegel. Rasch flogen seine Augen über die bekannte Schrift.

„Er hat dich enterbt und verstoßen. Du darfst seinen Namen nicht mehr tragen und das Erbe wird dir versagt. Du hast keinen Zutritt mehr zu dem Manor und sonstigen Besitzungen der Familie Malfoy. Er wird dein Schulgeld und deinen Unterhalt nicht mehr bezahlen und fordert alles zurück, was er für dich gekauft hat. Du hast Zeit bis morgen, deine ehemaligen Besitztümer zurückzugeben.“, fasste Severus ruhig zusammen.

Mit schockweiten Augen starrte Draco ihn an. Er hatte nicht ganz begriffen, was das nun alles bedeutete. Der Junge war jetzt komplett auf sich allein gestellt, ohne Rechte und ohne jeglichen Besitz. Alles, was vom Geld seines Vaters für ihn gekauft worden war, musste er zurückgeben. Jedes Kleidungsstück, jedes Buch, Federn, Pergament, Zauberstab, einfach alles. Das bedeutete, er stand wirklich ohne alles da, nackt, ohne eine Möglichkeit sich zu verteidigen. Nach und nach konnte er sehen, dass Draco anfing, zu begreifen. Tränen sammelten sich in den grauen Augen. Severus tat es in der Seele weh, seinen Drachen so zu sehen.

„Ich bin da. Du weißt, dass ich nicht reich bin, aber es wird reichen, dass wir beide überleben. Das Geld für die Schule bis Jahresende ist bezahlt und auch dein Vater kann es nicht zurückfordern, also bleibst du erst einmal hier. Du wirst dich einschränken müssen, aber wenn du das kannst, dann werden wir beide es gemeinsam schaffen.“, versprach Severus, auch wenn er wusste, dass es verdammt schwierig werden würde. Sein eigenes Vermögen war eingefroren, er hatte keinen Zugriff auf das Erbe seiner Großeltern mütterlicherseits. Damit könnte er zumindest einen Teil von Dracos Schwierigkeiten aus dem Weg schaffen. Aber sein Verlies, auf das er zugreifen konnte, war fast leer. Alles andere war ihm momentan versagt, dafür hatte Voldemort – wahrscheinlich mit Hilfe von Lucius – gesorgt. Er würde Draco gerne helfen, wusste aber nicht, wie. Vorerst mussten es wohl einige seiner eigenen Kleidungsstücke tun, die er für ihn passend zaubern konnte. Und er brauchte unbedingt einen Zauberstab, das war erst einmal das Wichtigste. Vielleicht konnte er mit dem einen etwas anfangen, den sich Severus im ersten Krieg erobert hatte. Das würde er als erstes ausprobieren. Doch erst einmal brauchte der Drache Unterstützung. Das war wichtiger als alles andere.

Er zog Draco an sich und hielt ihn fest im Arm. Draco weinte stumm an seiner Schulter, das war hart für den verwöhnten Jungen. Er war es nicht gewohnt, nur das Nötigste zu haben. Aber er würde sich daran gewöhnen müssen, jedenfalls vorerst. Wenn der dunkle Lord vernichtet war, dann konnte Severus ihm wieder helfen, aber bis dahin musste er so zurechtkommen. Der Minister, immer noch Fudge, war unter dem Imperius, soweit er Albus in der Beziehung noch vertrauen konnte, und würde sicher nicht helfen. Auch wenn Severus keine Ahnung hatte, ob das noch der aktuelle Stand war. Er bekam nicht mehr viel mit, was außerhalb der Schule passierte, nur dass Albus mit dem Orden versuchte, das Schlimmste zu verhindern.

„Was ist passiert?“, fragte nun eine leise Stimme hinter ihm.

Severus drehte sich um. Harry war offenbar nun doch aufgewacht. „Ich rieche Tränen.“, erklärte er.

Severus sah Draco an und der nickte leicht. Also wollte er, dass Severus Harry erklärte, was passiert war.

„Draco hat einen Brief von Lucius bekommen. Er enterbt und verstößt ihn. Das bedeutet, dass Draco alles, aber auch wirklich alles, zurückgeben muss, was sein Vater ihm bezahlt hat. Er darf nicht mehr den Namen Malfoy tragen und hat keinen Zutritt mehr zu den Besitztümern der Familie.“, erklärte er leise.

Harry trat zu ihnen und schlang ebenfalls seine Arme um Draco. „Ich werde dir helfen.“, versprach Harry. Endlich konnte er etwas tun, sich dankbar zeigen. Nicht nur mit Worten.

„Jetzt sollten wir erst einmal frühstücken. Heute ist Samstag, also können wir uns Zeit lassen. Danach werden wir daran gehen und deine Sachen zusammensuchen. Wir können es nicht verhindern, also bringen wir es gleich hinter uns. Und wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir das schon.“, versuchte Severus Zuversicht auszustrahlen. Auch wenn er selber keine mehr hatte. Er würde nicht zulassen, dass Harry sein Gold für sie ausgab, denn genau das schien der Junge vorzuhaben. Doch Harry war schon so viel ausgenutzt worden, das würde er nicht noch weiter zulassen. Inzwischen war er sich sicher, dass Dumbledore nicht nur bewusst den Missbrauch und die Vergewaltigungen zugelassen hatte, sondern auch noch mehr im Argen lag.

Sie setzten sich an den Tisch und alle drei griffen zu, wenn auch Draco etwas zögerlich. Eine Zeit lang saßen sie schweigend beieinander. Nach und nach beruhigte sich auch Draco wieder. Er dachte nach. Über den Überfluss, in dem er aufgewachsen war, während Harry gerade einmal das Allernötigste gehabt hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, so wie Harry zu leben, doch es sah so aus, als würde er sich schnell daran gewöhnen müssen. Ohne jede Vorwarnung war das gekommen. Lag es daran, dass er Sev und Harry zur Seite stand? Oder an seiner Weigerung, Menschen zu quälen? Draco konnte es einfach nicht über sich bringen. Ja, er hatte immer wieder Gryffindors beleidigt und auch verhext, aber seinem Vater war das immer zu harmlos gewesen. Schon in den letzten Sommerferien war er deshalb zu Severus gegangen. Da er sein Pate war, hatte Lucius auch nichts dagegen gehabt, stand Severus doch scheinbar treu auf der Seite des Lords. Doch Draco hatte schon lange den Verdacht, dass an den Gerüchten, Severus stünde auf Dumbledores Seite, etwas dran war. Es war nicht offensichtlich, nein, aber Draco hatte eines sehr gut von seinem Vater gelernt: genau zu beobachten, nachzudenken und dann eigene Schlüsse zu ziehen.

Und er hatte beobachtet, vor allem Severus und Harry. Er hatte viel nachgedacht und dann seine Schlüsse gezogen. Am Ende hatte er alles auf eine Karte gesetzt und Severus angesprochen. Anfangs war der geschockt gewesen und hatte es geleugnet, aber als Draco ihm glaubhaft versichert hatte, dass er aussteigen wollte, dass er ihm helfen wollte, da hatte Severus mit ihm gesprochen. So ausführlich hatten sie noch nie miteinander geredet gehabt und am Ende standen sie nicht nur beide auf Dumbledores, oder besser Harrys Seite sondern waren auch noch in einer Beziehung. Wobei sie Letzteres wohlweislich absolut und strikt geheim hielten, nur Harry wusste nun davon und der würde sicher schweigen. Eigentlich hatte er schon lange damit gerechnet, etwas von seinem Vater zu hören, dennoch hatte ihn der Brief heute komplett geschockt. Er brauchte wohl noch eine Weile, bis er wieder zu seinem alten Selbst zurückfand. Er war froh, Severus an seiner Seite zu haben und auch Harrys Gegenwart war mehr als beruhigend, sie war tröstend.

Ja, was noch vor einigen Monaten unmöglich erschienen war, das war für ihn jetzt vollkommen normal. Er saß mit Harry Potter, seinem eigentlichen Erzfeind, am Tisch und genoss dessen Gegenwart genauso sehr wie die seines Paten und Geliebten. Mit dieser Erkenntnis fing Draco an zu grinsen und sein Frühstück zu genießen. Mit den beiden an seiner Seite würde er es schaffen, egal wie hart es werden würde. Die Erleichterung der beiden anderen am Tisch registrierte er nur am Rande. Er hatte seinen inneren Frieden wiedergefunden.

 

Nach dem Frühstück hatten sie mit Albus gesprochen und dann Dobby beauftragt, alles von Draco zu ihnen zu bringen. Jetzt stapelten sich Dracos ehemalige Besitztümer vor ihm und er war wieder ein wenig blasser geworden. Doch Harry war an seiner Seite und hielt ihn im Arm. Draco hatte eine Jeans und ein T-Shirt von Harry bekommen, die Severus per Zauber an Draco angepasst hatte.

„Hast du eigentlich nur Kleidung, die dir nicht passt?“, wollte Draco gerade wissen.

„Naja, weißt du, meine Verwandten haben mir immer nur die alten Sachen von meinem Cousin gegeben. Der war und ist ja viel dicker als ich. Hier in Hogwarts habe ich immer versucht, es mit einem Zauber anzupassen, aber dort musste ich immer mit einem Strick alles festbinden.“, nuschelte ein erröteter Harry.

Jetzt war Draco auch rot.

„Tut mir leid, ich hätte nichts sagen sollen.“, entschuldigte er sich.

„Schon gut. Ihr sagt ja immer, dass ich darüber reden soll. Bei euch beiden ist es auch nicht so schlimm. Ich bin froh, dass ihr da seid.“, murmelte Harry als Antwort.

Jetzt war es Draco, der ihn in den Arm zog. Severus, der gerade bei Dracos erstem Satz wieder aus seinem Büro gekommen war, hatte beschlossen, ein wenig abzuwarten. Die beiden machten das ganz gut miteinander. Als Draco mitbekommen hatte, dass Harry ein Vampir war, da hatte er schon befürchtet, dass die Feindschaft nun noch schlimmer werden würde, da Draco von jeher eine Riesen-Angst vor Vampiren hatte, aber sie waren nun so eng miteinander.

Fast spürte er ein wenig Eifersucht, konnte er doch seine Liebe zu Draco nicht so offen zeigen wie die beiden ihre Freundschaft ausleben konnten. Aber dann riss er sich zusammen. Ein knappes Jahr noch, dann wäre Draco volljährig und dann konnte sie nichts mehr trennen, da Draco sicher nicht in Hogwarts bleiben konnte. Das konnten sie sich nicht leisten. Aber wo könnte der Drache dann unterkommen? Severus zerbrach sich darüber wieder und wieder den Kopf, ohne auf eine Lösung zu kommen. Draco sollte sicher sein, aber wo war er das im Moment noch? Verzweifelt strich sich Severus eine Strähne aus dem Gesicht und trat dann zu den beiden.

„Hey, Drache, probier mal diesen Stab. Ich befürchte, dass er nicht perfekt sein wird, aber etwas anderes kann ich dir gerade leider nicht bieten.“, sagte er betont locker.

Draco versuchte es und verzog das Gesicht, aber das Ergebnis war soweit in Ordnung. Auch wenn Draco etwas anderes gewohnt war, aber er sagte nichts. Er war Severus dankbar, dass er ihn nicht einfach fallen ließ und sich um ihn kümmerte, obwohl er selber gerade genug zum Leben hatte. Der Blonde wusste um Severus´ Situation. Dennoch tat er alles für ihn, einen nun Namenlosen. Nicht jeder würde das tun, stellte er sich doch damit gegen einen der einflussreichsten Männer Großbritanniens derzeit. Severus liebte ihn wirklich.

„Danke Sev. Ich kann damit arbeiten. Ich werde mich daran gewöhnen.“

Er drehte sich zu ihm und küsste ihn sanft. Harry schien sich daran zu gewöhnen, er ließ sich jedenfalls dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen, daher hielten sie sich damit auch nicht mehr so zurück. Doch beide hatten dabei einen Arm um den Gryffindor gelegt und zeigten ihm so, dass er nicht alleine war. Er gehörte zu ihnen.

 

Als es an der Bürotür klopfte, sprangen sie auseinander. Erschrocken sahen sich die drei an, sie rechneten nicht mit einem Besucher. Die Slytherins kamen nicht mehr zu ihrem Hauslehrer, wenn es sich vermeiden ließ, wollten nichts mehr mit Severus zu tun haben. Harrys sogenannte Freunde waren einmal da gewesen, aber Harry hatte jeden Kontakt verweigert und seitdem waren sie nicht mehr aufgetaucht. Und Albus war in Ordensangelegenheiten unterwegs, also wer konnte nun vor der Tür stehen? Doch alles Grübeln brachte keine Lösung, daher ging Severus, als es noch einmal klopfte, nach nebenan und öffnete die Tür.

„Black?“, fragte er verblüfft. „Was willst du hier?“

„Ich würde gerne mit Harry reden. Er antwortet nicht auf meine Briefe und aus Albus bringe ich keine Information heraus, außer dass er hier bei dir sein soll. Und dass ich da hellhörig werde, nun, du kannst es dir vorstellen. Also, was ist passiert?“, antwortete Sirius Black ruhig.

Seufzend ließ Severus den Anderen ein.

„Setz dich. Wir müssen erst einmal etwas besprechen, bevor ich Harry frage, ob er dich sehen will.“, seufzte er ergeben.

Irritiert blickte der Besucher Severus an. Er stand immer noch direkt an der Tür, die Severus hinter ihm geschlossen hatte.

„Was soll das heißen, Schniefelus?“, brauste er auf. „Warum musst du Harry fragen, ob er mich sehen will? Natürlich will er mich sehen, ich bin sein Pate! Und inzwischen bin ich frei und habe die Vormundschaft für ihn!“

„Frei?“, fragte Severus verwirrt.

Davon wusste er nichts. Das änderte einiges.

„Ja, frei. Ich habe mit Kingsley gesprochen. Als sich vor ein paar Tagen im Ministerium angekündigt hatte, dass Fudge das Amt des Ministers verliert, da war klar, dass wahrscheinlich Rufus Scrimgeour den Posten übernimmt. Kingsley und Rufus kennen sich gut und King war der Meinung, dass wir eine Chance haben könnten. Also sind wir gemeinsam zu Scrimgeour, nur Stunden nachdem bekannt wurde, dass er der neue Minister ist. Ich habe eine Befragung unter Veritaserum gefordert und bekommen, und auch meine Erinnerungen wurden vom Zaubergamot angesehen. Daraufhin wurde ich freigesprochen und entschädigt. Jetzt kann ich mich frei bewegen und wie gesagt, ich bin jetzt offiziell Harrys magischer Vormund und habe das Recht, ihn zu mir zu holen.“, fasste Sirius zusammen.

Ein Stein fiel Severus vom Herzen. Erleichterung durchflutete ihn und er musste einen Moment die Augen schließen, um seine Fassung wieder zu erlangen. Er wusste, was das für Harry bedeutete.

„Was ist los? Was ist mit Harry?“, drängte Sirius, dem das Schweigen zu lange dauerte.

„Setz dich endlich, das dauert länger.“, forderte Severus ihn leise auf.

Ihm war bewusst, dass die Tür in sein Wohnzimmer offen war und Draco und Harry sicher jedes Wort mithörten. Sirius folgte seiner Aufforderung und nahm auf einem Stuhl Severus gegenüber Platz. Der Tränkemeister atmete noch einmal tief durch. Nur ungern sprach er über Harry, ohne vorher mit ihm reden zu können, aber wenn er nichts sagte, würde der Andere einfach reinrennen und Harry vollkommen überfordern.

„Anfang März hat das Schloss eine Ausgangssperre verhängt. Harry musste zu dem Zeitpunkt gerade bei mir nachsitzen und auch Draco war hier. Die beiden waren von dem Tag an etwas über fünf Wochen mit mir hier in meinen Räumen eingeschlossen. In der ersten Nacht hat mich Harry geweckt. Sicher nicht freiwillig, aber mein Schlaf ist sehr leicht und ich habe gehört, dass er wimmerte. Ich bin zu ihm und habe versucht, mit ihm zu reden. Er hat sich erst geweigert, aber dann habe ich aus ihm herausbekommen, was los war. Und nein, ich habe keine Legilimentik angewendet, Harry hat sich mir freiwillig anvertraut. Also weiter. Weißt du, wie er von seinen Verwandten behandelt wurde?“, unterbrach Severus seine Schilderung.

„Albus hat mir letzten Sommer versichert, dass es Harry bei seinen Verwandten gut geht, dank des Blutschutzes ist er dort sicher und sie würden ihn ausgezeichnet auf sein Leben in der Zauberwelt vorbereiten. Aber er schien mir dort nicht sonderlich glücklich zu sein, zumindest hatte ich den Eindruck. Aber ich hatte nicht wirklich die Chance, mit ihm darüber zu reden. Er hat immer abgeblockt. Ich dachte, er wollte mich nicht damit belasten, dass er frei war und ich eingesperrt.“, erklärte Sirius.

„Dass es ihm da gut geht? In welcher Traumwelt lebt Albus denn? Harry wurde von klein auf als Hauself missbraucht, mit Schlägen und Essensentzug bestraft, wenn etwas nicht zur Zufriedenheit seiner Verwandten war. Und seit dem Sommer nach dem ersten Schuljahr wurde er dort regelmäßig missbraucht.“

Severus war erst immer leiser geworden und musste am Ende abbrechen. Immer noch stand ihm der Anblick des Kleinen in dieser ersten Nacht vor Augen. Er hätte nie geglaubt, dass es so etwas in England gäbe, erst Recht nicht bei dem Jungen-der-lebt. Wieder nagten Schuldgefühle an ihm, er hätte es doch viel eher bemerken müssen, dass der Junge so verletzt und verzweifelt war. Entsetzt starrten die Augen des Animagus ihn an. Der war sprachlos, konnte kaum glauben, was der Tränkemeister ihm da erzählte. Sein Patensohn, sein Harry. Misshandelt, vergewaltigt.

„Albus wusste offenbar davon. Das war seine Art der Vorbereitung auf seine Rolle als Retter der Welt. In dieser Nacht hat sich Harry zum zweiten Mal offenbart. Er hat mir erzählt, dass er Dumbledore angefleht hatte, ihn nicht zu seinen Verwandten zurückzuschicken. Er hatte ihm erzählt, wie es ihm dort erging. Doch Albus hat darauf bestanden, dass er zurück musste. Harry ist völlig verängstigt gewesen und ich glaube, er hat bis zu dem Zeitpunkt noch nie ohne Alpträume geschlafen. Er wurde auch hier in Hogwarts misshandelt, von Flint, vor unser aller Augen und keiner hat etwas bemerkt. Ich wollte Flint von der Schule werfen lassen, aber er war bereits verschwunden. Bis zu dieser einen Nacht wurden auch seine Verletzungen nie behandelt. Ich habe ihm das angeboten und er hat sich von mir bei der Behandlung helfen lassen. Ja, auch ich konnte das nicht glauben, aber er vertraut mir. Eine Woche später hat er dann noch gestanden, dass er im Sommer von einem Vampir gebissen wurde. Ich hab ihm mein Blut angeboten, er hat seitdem immer bei mir getrunken. Wir haben unsere Okklumentikstunden wieder aufgenommen, aber er konnte nicht verhindern, dass der dunkle Lord bei zwei Gelegenheiten Besitz von ihm ergriff. Er wollte mich bestrafen, weil ich seinem Ruf nicht gefolgt bin. Ich kann es mir nie verzeihen, wie sehr Harry leiden musste wegen mir. Beim ersten Mal hat er durch Harry zu mir gesprochen und dann verschiedene Flüche gewirkt und Harry damit gequält, um mir zu zeigen, wie er mich bestrafen wird, wenn er mich in die Hände bekommt. Beim zweiten Mal hat er Harry ein Messer nehmen lassen, um mich schwer zu verletzen, damit ich langsam und qualvoll umkomme. Mich hat er währenddessen durch Schmerzen in meinem Mal ausgeschaltet, damit ich wehrlos bin. Harry hat sich geweigert, mich zu verletzen, obwohl er selber unter starken Schmerzen deswegen leiden musste. Am Ende hatte er das Messer in seinem Bauch. Ich weiß bis heute nicht, ob er das absichtlich gemacht hat oder ob es ein Versehen war. Er hat nicht mehr darüber geredet. Das Schloss hat die Ausgangssperre im letzten Moment aufgehoben, ich konnte nichts mehr für Harry tun, er lag im Sterben. Poppy hat ihn gerade noch retten können. Dann hat sie seine sogenannten Freunde zu ihm gelassen, als er wach war, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihn anzufassen, was zu einer Panikattacke führte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte er dann am folgenden Tag auch noch Besuch, ich vermute von Flint. Als ich ihn nach dem Unterricht abholen wollte, war er verletzt und die Spuren der Schläge waren noch zu sehen. Poppy war erstarrt und gefesselt in ihrem Büro, sie hat leider nicht gesehen, wer sie angegriffen hat. Harry hat danach mehrere Wochen nicht gesprochen und erst seit Kurzem spricht er wieder und reagiert auch wieder auf uns, Draco und mich. Sonst will er niemanden sehen. Deshalb werde ich ihn erst fragen, ob er dich sehen will.“, endete Severus.

Fassungslos schüttelte Sirius den Kopf. Er konnte einfach nicht glauben, was er da gehört hatte. Aber er wusste, Severus Snape log nicht, nie.

„Danke dass du dich gekümmert hast.“, sagte er leise. „Ich hätte es im Sommer sehen müssen, war aber zu sehr mit den Ordensangelegenheiten beschäftigt. Ich hätte mich um ihn kümmern müssen, ihn nicht sich selber überlassen dürfen.“, wimmerte Sirius.

Auch er machte sich große Vorwürfe, hatte er doch immer seinen verstorbenen Freund in Harry gesehen, nie Harry selber.

„Sirius?“, hörten sie auf einmal eine leise Stimme.

Harry stand unsicher in der Tür und blickte mit großen Augen auf seinen Paten. Draco stand hinter ihm, bereit, ihn zu unterstützen, wenn er das brauchte. Doch Harry ging langsam, Schritt für Schritt, auf Sirius zu und ließ sich schließlich sogar von ihm umarmen.

„Es tut mir so leid, mein Kleiner! Warum hast du nie etwas gesagt? Ich hätte dir doch geholfen!“, schluchzte Sirius.

„Ich konnte es nicht, ich … ich habe mich geschämt. Ich bin doch ein Zauberer, ich hätte stärker sein müssen. Und du hattest doch auch so viel um die Ohren, ich konnte dich doch nicht auch noch belasten.“, weinte Harry.

Sirius schob ihn ein wenig von sich, damit er ihm fest in die Augen sehen konnte.

„Harry, egal wie beschäftigt ich bin, für dich habe ich immer Zeit. Ich hätte dich nie abgewiesen und das werde ich auch nie. Ich konnte so lange nicht für dich da sein, ich würde das gerne wieder gut machen, wenn du es mir erlaubst. Und du bist zwar ein Zauberer, aber du warst ein Kind, bist ein Kind. Niemand, absolut niemand, hat das Recht, dich so zu behandeln. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, das ist nicht deine Schuld. Red dir das ja nicht ein, Kleiner.“, sprach er auf Harry ein.

Dann nahm er ihn wieder in den Arm und ließ ihn weinen.

„Harry?", machte sich Severus bemerkbar. „Es tut mir leid, dass ich dich nicht vorher gefragt habe. Ich hätte deinem Paten nichts erzählen sollen ohne dein Einverständnis."

„Schon gut, Severus.", schüttelte Harry den Kopf. „Ich hätte es nie geschafft, etwas zu sagen, aber Sirius soll es wissen. Danke." Dann schmiegte er sich wieder in die Arme seines Paten.

„Er lebt also jetzt bei dir?“, wollte Sirius nach einer Weile von Severus wissen.

Der nickte nur und stand auf. Er würde die Atmosphäre etwas gemütlicher machen.

„Tee? Kaffee? Oder was anderes?“, fragte er leise.

„Tee. Danke.“, war Sirius´ Antwort.

 

 

Sirius hatte an diesem einen Samstag noch Vieles erfahren, mehr als Draco oder Severus sagen wollten, aber sie hatten es letztendlich doch erzählt. Es würde sich sicher in den nächsten Tagen in der Zauberwelt herumsprechen, dass Draco verstoßen war. Da konnten sie es ihm auch gleich erzählen. Außerdem erfuhr er auch, dass die beiden nicht so genau wussten, wohin mit sich und Harry. Er hatte ihnen sofort angeboten, den Sommer bei ihm zu verbringen. Zwar war es immer noch das Hauptquartier des Ordens, aber das Haus war groß und sie hatten die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Severus sagte nach kurzem Überlegen zu.

Harry brauchte seinen Paten, aber er selber wollte ihn nicht mehr alleine lassen. Und so wie Draco aussah, auch der nicht. Sirius hatte ihnen versprochen, dass sie dort Ruhe haben würden, der einzige außer ihnen, der noch Bescheid wissen würde, war Remus Lupin, der auch dort wohnte, da er sonst nicht wusste wohin. Auch er musste versteckt bleiben, da die Anti-Werwolf-Gesetze inzwischen deutlich verschärft worden waren. Lupin war quasi zum Abschuss freigegeben. Severus hatte keine Ahnung davon gehabt, der Tagesprophet war keine zuverlässige Informationsquelle mehr, daher hatte er schon vor Monaten aufgehört, diesen zu lesen.

In Dumbledores Auftrag hatte er zwar Monat für Monat Wolfsbann gebraut, hatte aber nie nachgefragt, wo Lupin war. Dumbledore hatte den Trank immer abgeholt und dem Werwolf gebracht. Nur nicht in der Zeit, als sie eingeschlossen waren. Sirius hatte ihm erzählt, dass Remus und er als Hund diese Nacht im Keller hinter silbernen Gittern verbracht hatten. Lupin war es danach nicht besonders gut gegangen, da er ohne Wolfsbann nicht sonderlich gut darauf reagierte, eingesperrt zu sein. Doch dank Sirius hatte er es mit nur ein paar Kratzern überstanden.

 

Harry war irgendwann in Sirius´ Armen eingeschlafen und sie hatten ihn in sein Bett gelegt. Da war Sirius beinahe über den Stapel gestolpert, der Dracos ehemalige Besitztümer waren. Da erst hatte Sirius realisiert, wie kalt Lucius war. Dass jemand verstoßen wurde kam leider häufiger vor unter den reinblütigen Familien, doch dass sogar die Kleidung und die Schulsachen zurückgefordert wurden, das war nicht normal. Er konnte sich erinnern, dass auch seine Cousine Andromeda verstoßen wurde, aber ihre Kleidung und diverse Kleinigkeiten hatte sie behalten dürfen. Dass Draco alles, aber auch wirklich alles verlieren sollte, wurde Sirius erst da bewusst.

Er entschied sich, dem Jungen zu helfen. Er hatte Severus´ verzweifelten Blick gesehen. Da war mehr, aber Sirius würde nicht nachhaken. Die drei würden ihm schon sagen, was sie erzählen wollten. Dennoch konnte und würde er helfen. Wenigstens um Kleidung und ähnliche Kleinigkeiten sollte Draco sich keine Sorgen machen müssen. Er bat um Hedwig, Harrys Eule, und schickte sie zu Madam Malkins, dass sie für Draco einen Satz Kleidung anfertigen und schicken solle, das Gold dafür könne sie aus seinem Verlies nehmen. Sein Erbe war mehr als ausreichend und dann noch die Abfindung für dreizehn Jahre, er hatte mehr Gold als er ausgeben konnte.

Doch wohlweislich sagte er nichts davon zu Severus und Draco. Er wusste, die beiden würden es nicht annehmen, daher hatte er auch Madam Malkin gebeten, es für sich zu behalten. Sie sollte nur sagen, dass es bezahlt war. Ebenso verfuhr er mit einem weiteren Brief an einen Laden, der Draco mit den nötigen Hygiene-Artikeln ausstatten sollte. Draco war schließlich der Sohn seiner Cousine, auch wenn er schon seit Kindheit keinen Kontakt mehr mit ihr hatte, sie waren dennoch eine Familie und er, Sirius, hatte gelernt, dass man innerhalb der Familie einander half. Zumindest war es bei den Potters und den Evans so gewesen. Mit einer einzelnen Ausnahme bei den Evans.

 

Nach dem Abendessen verabschiedete er sich und sie machten aus, dass er bald wieder vorbeikommen würde. Harry freute sich aufrichtig und Severus war daraufhin einverstanden. Alles, was seinem Harry gut tun würde. Moment mal, seinem Harry? Seit wann denn das?

Verwirrt schüttelte der Tränkemeister den Kopf ob dieser Gedanken. Er konnte nicht leugnen, dass er mehr für Harry empfand, aber das durfte doch nicht sein. Er war in einer Beziehung mit Draco, und sehr glücklich damit. Harry war sein Schüler. Und er, Severus, musste eine Aufgabe erledigen, und das bald. Am besten noch vor den Sommerferien. Er wollte nicht daran denken, was passieren könnte, wenn diese Dinge, die er in den Tiefen seiner Räume verwahrt hatte, unbewacht waren. Er musste baldmöglichst mit Draco und Albus reden. Sie mussten einen Weg finden, sie zu vernichten. Dringend.

Als Harry schlief, rief er deshalb über den Kamin nach dem Schulleiter und bat Draco, die Tür zum Gästezimmer zu schließen. Das machte er nur ungern, denn Harry brauchte die Sicherheit, dass sie da waren, aber er musste das nicht unbedingt mitbekommen. Er hatte schon zu viele Lasten die ihm auferlegt waren. Der Besuch seines Paten hatte ihn heute sehr mitgenommen. Der Kleine brauchte Ruhe.

„Albus, gut dass du kommen konntest.“, begrüßte ihn Severus.

Er und Draco saßen bereits am Tisch und er winkte dem Direktor, sich dazu zu setzen. Tee und Kaffee standen, zusammen mit Keksen, auf dem Tisch. Dumbledore schenkte sich eine Tasse Tee ein.

„Was gibt es so dringendes, mein Junge?“, wollte er dann wissen.

„Nun, es geht um die Horkruxe. Wir haben nun außer der Schlange alle, wenn wir davon ausgehen, dass deine Theorie korrekt ist. Wir müssen sie vernichten, und das so bald wie möglich. Draco wird nach diesem Schuljahr wohl nicht mehr nach Hogwarts können, sein Vater hat ihn mit allen Konsequenzen verstoßen. Ich kann das Schulgeld für ihn nicht aufbringen, aber als sein Pate werde ich ihn erst einmal zu mir nehmen. Daher werde ich wohl auch nicht weiter unterrichten können. Und die Horkruxe zu transportieren und aus der sicheren Deckung zu bringen erscheint mir nicht besonders klug. Wir sollten sie also vernichten.“, erklärte Severus ruhig.

„Hier gibt es nur ein Problem. Es gibt nur ganz wenige Methoden, Horkruxe zu vernichten. Eigentlich nur zwei sind bekannt. Dämonenfeuer, aber darauf würde ich gerne verzichten, da es sehr schwer zu kontrollieren ist und ich denke nicht, dass einer von uns wirklich in der Lage sein dürfte, es zu beherrschen. Die andere Möglichkeit ist Basiliskengift, aber wie wir daran kommen sollen, da habe ich im Moment leider auch keine Idee. Ich habe Mundungus Fletcher schon darauf angesetzt, aber bislang ohne Erfolg. Seit fast einem halben Jahr versucht er, dieses auf dem Schwarzmarkt zu organisieren, aber leider hat er bisher keines bekommen können, egal zu welchem Preis. Auf legalem Weg haben wir keine Möglichkeit. Ich weiß es nicht, wie wir es sonst angehen sollen. Das Schwert hat ja leider nicht funktioniert, wie wir feststellen mussten.“, stellte Dumbledore fest.

Sie dachten etwa ein halbes Jahr zurück. Sie hatten es geschafft gehabt, zwei Horkruxe zu bekommen, das Medaillon, das in Blacks Haus aufgetaucht war, und den Ring aus dem Erbe Slytherins, den Voldemort im Haus seines Großvaters versteckt hatte. Dumbledore hatte viel auf sich genommen und den Ring dort herausgeholt. Es hatte ihn all seine Selbstbeherrschung gekostet, der Versuchung zu widerstehen und ihn sich nicht aufzustecken.

Das hatte ihm das Leben gerettet, stellten sie hinterher fest, die Banne, die darauf lagen, waren gefährlich gewesen. Zu dritt, mit Draco zusammen, waren sie in der Lage gewesen, die Banne zu brechen und den Ring somit etwas weniger gefährlich zu machen. Doch das Schwert hatte ihn nicht vernichten können, zu wenig vom Basiliskengift war daran. In der Zwischenzeit war es Severus geglückt, mit Hilfe einiger schwarzmagischer Verwirrzauber an den Becher von Helga Hufflepuff heranzukommen.

Er hatte Bellatrix so verwirrt, dass sie angenommen hatte, der Lord wollte den Becher zurück. In der Annahme, dass Severus ihm den Becher bringen sollte, hatte sie ihm den Horkrux gegeben. Er hatte es geschafft, sie so zu verhexen, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte und so hofften sie, dass der dunkle Lord immer noch nicht ahnte, hinter was sie her waren. Draco hatte schließlich das Diadem entdeckt und nun lagen vier Horkruxe in Severus´ Wohnräumen gut versteckt.

Nur an die Schlange waren sie bisher nicht herangekommen, obwohl Severus vor der Zeit, in der sie eingeschlossen waren, alles versucht hatte. Doch der Lord hatte seine Nagini nie aus dem Auge gelassen. Auch an ihr Futter war er nicht herangekommen, dass er es vergiften hätte können. Wobei ihnen das nichts gebracht hätte, so lange sie nicht auf Basiliskengift zurückgreifen konnten.

„Das bedeutet also, dass wir weiterhin nichts machen können, weil wir hoffen müssen, dass ein kleiner Gauner namens Mundungus Fletcher irgendwann doch noch Basiliskengift für uns besorgen kann. Und dann hoffen müssen, dass es echtes Gift ist.“, fasste Severus etwas resigniert zusammen.

„Leider.“, stimmte Dumbledore zu.

„Aber wieso denn das? Es gibt hier in der Schule einen toten Basilisken.“, warf Harry ein.

Er hatte den letzten Teil gehört, als er aufgewacht war und aufgestanden, weil er alleine war. Leise hatte er die Tür geöffnet und zugehört, was Draco, Severus und Dumbledore besprachen. Severus zuckte zusammen, das hatte er eigentlich vermeiden wollen. Harry sollte unbelastet bleiben. Aber der Kleine hatte seinen eigenen Kopf, das hätte er eigentlich wissen müssen.

„Ich habe den toten Basilisken am Anfang meines dritten Jahres konserviert. Er liegt da unten genauso wie an dem Tag, wo ich ihn getötet hab.“, sagte Harry leise.

So typisch Harry, dachte sich Severus. Draco grinste nur, scheinbar dachte er das Gleiche. Dumbledore sah ihn nur nachdenklich und berechnend an. Nach einem Blick auf die Uhr entschieden sie, sich in zwei Stunden in der Toilette der maulenden Myrte zu treffen, die Sperrstunde war gerade vorüber und man konnte damit rechnen, dass auch die letzten Nachtschwärmer in ihren Gemeinschaftsräumen waren.

Harry war der Einzige außer dem dunklen Lord, der den Zugang zu der Kammer öffnen konnte. Auch wenn Severus ihm das lieber ersparen würde, scheinbar blieb ihnen nichts anderes übrig. Dumbledore verabschiedete sich und erlaubte Draco, diese Nacht bei seinem Paten zu verbringen, damit er im Gemeinschaftsraum nicht auffiel, wussten sie ja nicht, wann sie wieder aus der Kammer zurückkamen.

„Wie viel hast du gehört, Harry?“, fragte Draco leise.

Severus und Draco setzten sich auf das Sofa und zogen Harry zwischen sich. Der Gryffindor war blass und zittrig. Offenbar war er wieder aus einem Alptraum aufgewacht und deshalb zu ihnen gekommen. Severus beschwor eine Decke aus dem Bett zu sich und wickelte sie alle drei darin ein. Sofort konnte er spüren, dass Harry sich entspannte.

„Was ist passiert, Kleiner? Willst du darüber reden?“, wollte Severus wissen.

„Immer das Gleiche.“, entgegnete Harry leise. „Draco, ich hab nur die letzten Sätze wirklich gehört. Ich bin aufgewacht und hörte nur, dass ihr euch unterhaltet. Das war eigentlich ganz angenehm, zu wissen, dass ihr nicht weit seid, aber ich wollte nicht alleine sein. Escalada war da, aber sie… sie ist nicht das, was ich brauche. Als ich die Tür aufgemacht hab, da hab ich Dumbledores Stimme gehört und erst einmal nur gelauscht. Ich hatte gehofft, er geht gleich wieder. Aber dann habe ich verstanden, worum es geht, naja wenigstens zum Teil. Ich will euch helfen, auch wenn ich nicht genau weiß, was das mit dem Basiliskengift denn nun zu bedeuten hat.“

Severus entschied in diesem Moment, Harry alles zu erklären. Der Junge würde es sowieso herausfinden, bei seinem Glück dabei knapp mit dem Leben davonkommen. Dann lieber alle Informationen gleich geben und zusehen, dass er hinterher die Arbeit den Erwachsenen überließ, die dafür zuständig waren. Er legte seinen Arm um Harry und griff mit der anderen Hand nach Dracos Fingern, verschlang seine mit denen des Blonden. Es fühlte sich einfach richtig an. Harry schmiegte sich eng an die beiden, fühlte sich wunderbar geborgen und, zum ersten Mal in seinem Leben, wirklich geliebt.

„Harry, weißt du was ein Horkrux ist?“, begann Severus.

Harry schüttelte den Kopf. Aufmerksam sah er seinen Lehrer an.

„Ein Horkrux ist ein Teil einer Seele. Es gibt einen schwarzmagischen Zauber, der es dem Anwender ermöglicht, seine eigene Seele zu spalten und einen Teil davon in einen Behälter zu geben. Dazu muss ein Mord begangen werden. Der Behälter bewahrt den eingeschlossenen Teil der Seele, somit kann der Zauberer, der dies gemacht hat, auch weiterleben, wenn sein Körper stirbt. Voldemort hält das für die wahre Unsterblichkeit.

Albus hat in langen und schwierigen Studien herausgefunden, dass Voldemort seine Seele spalten wollte und sieben Horkruxe schaffen. Er geht davon aus, dass er sechs geschaffen hatte, als er bei dem versuchten Mord an dir selbst beinahe vernichtet wurde. Den ersten hast du bereits vernichtet, das Tagebuch. Wir haben mehrere hier: einen Ring aus dem Erbe Slytherins, einen Becher von Helga Hufflepuff, ein Medaillon von Slytherin, ein Diadem von Rowena Ravenclaw. Nur an einen sind wir bisher nicht herangekommen, die Schlange. Nagini ist auch ein Horkrux, aber ich kam nie nahe genug an sie heran, aber selbst wenn ich es geschafft hätte, es gibt nur zwei Möglichkeiten, einen Horkrux zu zerstören, Basiliskengift und Dämonenfeuer.

Ersteres hatten wir bisher nicht, und letzteres kann ich nicht beherrschen, dafür bin ich nicht stark genug. Es braucht einen sehr hohen Magielevel, um das wirklich zu beherrschen, nicht einmal Albus ist dazu in der Lage und er ist einer der stärksten lebenden Magier. Basiliskengift hatten wir bislang nicht zur Verfügung. Zunächst hatten wir versucht, die Horkruxe mit dem Schwert Gryffindors zu vernichten, aber es scheint, als wäre nicht genug von dem Basiliskengift daran, um effektiv gegen die Horkruxe zu arbeiten.

Du hast dem Basilisken das Schwert offenbar nicht durch die Giftdrüse gestoßen. Nun, das ist jedenfalls im Moment das Dilemma, wir haben zwar die Horkruxe, können sie aber nicht vernichten. Bislang scheint der dunkle Lord sich nicht bewusst zu sein, dass wir um sein Geheimnis wissen, aber wenn er darauf stoßen sollte, dann wäre es sicher besser, wenn sie schon vernichtet sind. Es hat uns einiges an Arbeit und Mühe gekostet, diese Horkruxe zu beschaffen. Sie waren gut geschützt und mehr als einmal standen Leben auf dem Spiel, aber gemeinsam haben wir es geschafft. Wir haben vor, das Schwert von Gryffindor mit Basiliskengift zu tränken. Es ist koboldgearbeitet und nimmt nur auf, was es stärkt. Dann hätten wir eine Waffe, mit der wir gegen Nagini vorgehen könnten, aber wie wir an die Schlange herankommen sollen, weiß ich leider auch noch nicht.“

Harry hatte Severus´ Bericht aufmerksam gelauscht und sich dabei eng an die beiden Slytherins geschmiegt. Immer wieder war ein Schauder durch seinen Körper gelaufen und jedes Mal hatte Severus seinen Griff ein klein wenig verstärkt und ihm dadurch Halt gegeben. Er verstand, worum es ging und ihm wurde klar, dass Severus schon sehr lange mit Dumbledore Seite an Seite kämpfte und dabei wohl tagtäglich sein Leben riskiert hatte.

„Du hast das alles getan um Voldemort zu vernichten und ihn trotzdem glauben lassen, dass du auf seiner Seite stehst. Severus, du bist ein sehr mutiger und tapferer Mann.“, murmelte Harry leise.

Severus sah ihn an und konnte nicht verhindern, dass eine Träne aus seinem Auge lief. Draco drückte seine Hand um ihm beizustehen, Harry wischte die Träne vorsichtig mit seinem Finger weg. Beide Jungen hielten ihn nun fest im Arm. Jahrelang aufgestaute Emotionen kamen in Severus hoch, obwohl er sich doch beherrschen musste. Aber es ging nicht mehr, seine Schultern bebten leise, als er versuchte, die Schluchzer zu unterdrücken. Seine beiden Jungs hielten ihn und gaben ihm Kraft, die Kraft die er brauchte, um seine Tränen zu weinen. Reinigende Tränen, Tränen der Hoffnung.

 

 

Dumbledore wartete schon, als sie schließlich in der Mädchentoilette ankamen. Severus hatte eine Weile gebraucht, um sich wieder zu fangen, aber jetzt ging es ihm deutlich besser. Er fühlte sich freier, gelöster. Sowohl Draco als auch Harry hatten ihn geküsst, wobei Harry nur die Wangen mit seinen Lippen berührt hatte. Dann erst waren sie aus dem geschützten Wohnbereich ins Büro und auf den Flur gegangen. Als sie alle in der Toilette waren, wirkte Dumbledore einen Zauber, dass sie nicht gestört werden konnten. Harry hatte noch daran gedacht, dass sie Besen mitnehmen sollten und sie hatten den Umweg über den Raum gemacht, in dem die Quidditch-Besen von Slytherin aufbewahrt wurden.

Jetzt hatte Severus vier verkleinerte Besen in seinem Umhang, damit sie am Ende auch wieder nach oben kamen. Draco und Severus hatten Harry gefragt, wie man nach unten käme und er hatte versucht, es ihnen zu erklären, aber keiner der beiden kannte eine Rutsche, so hatte Harry am Ende gesagt, sie sollten es einfach abwarten, er konnte es nicht genauer erklären. So waren die beiden neben ihm jetzt recht nervös, als Harry sich vor den Wasserhahn stellte.

„Da ist der Eingang? Verdammt, vor dem stand ich schon ein paar Mal!“, fluchte Draco.

„Draco? Das ist eine MÄDCHEN-Toilette!“, schnarrte Severus.

„Äh, ja. Das stimmt schon. Ist nicht so einfach zu erklären. Also, ähm, naja. Ich… ich… ichwarmiteinemMädchenhierdrin,weilsowiesoniejemandhierreingeht!“, nuschelte Draco mit knallroten Wangen.

„Wie war das eben?“, hakte Severus nach.

„Ich war vor zwei Jahren mit einem Mädchen hier drin, weil sowieso nie jemand hier reingeht. Pansy hat mich damals hier reingezogen zum knutschen.“, erklärte Draco nochmal genauer.

Harry kicherte leise, wurde aber gleich wieder ernst, als er Snapes eisige Miene sah. Schnell drehte er sich um und stellte sich vor, dass die Schlangen lebendig waren. Dann zischte er bedrohlich und das Becken schob sich zur Seite und machte den Eingang zur Kammer des Schreckens frei. Noch bevor einer der anderen etwas sagen konnte, sprang Harry in die Dunkelheit. Davor hatte er keine Angst, er wusste, was ihn erwartete. Der Basilisk war tot und würde ihm nichts tun und ohne die geisterhafte Erscheinung Riddles hatte die Kammer ihren Schrecken verloren.

Harry hatte verstanden, was es mit dem Tagebuch auf sich hatte. Dieses war die Ursache für die Ereignisse in seinem zweiten Schuljahr gewesen und hatte den ganzen Schrecken verbreitet. Die Kammer selber war nur ein kleiner Schauplatz, sie konnte ihm nichts tun. Und Draco und Severus waren bei ihm, er vertraute ihnen blind. Er konnte hören, dass sie ihm folgten auf der Rutsche. Grinsend überlegte Harry, ob die beiden sich das hier vorgestellt hatten nach seiner mehr als verwirrenden Beschreibung einer Rutsche.

Nun, er würde es bald erfahren, denn er war inzwischen unten angekommen und wer auch immer ihm direkt gefolgt war, kam soeben um die letzte Kurve. Es war Draco, der ziemlich blass wirkte. Harry fing ihn auf, als er unten ankam, sodass er keine Bauchlandung hinlegte. Kurze Zeit später folgte ein ebenso blasser Severus und schließlich ein glucksender Dumbledore. Harry hielt sich nahe an Draco und Severus, versuchte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Direktor zu bringen. Severus bekam es mit und positionierte sich so, dass er selber immer zwischen Harry und Albus war.

Harry ging zum Portal voraus und öffnete auch dieses. Dann führte er sie geradewegs in die Kammer. Draco sah sich immer wieder skeptisch um, folgte Harry aber ohne zu zögern. Verwirrt fragte er sich, warum sich Harry bei dem Weg so sicher war, es gab so viele verschiedene Tunnel, die alle gleich aussahen für Draco. Doch Harry zögerte nicht einmal, er folgte einfach immer dem breitesten Gang. Nach wenigen Minuten öffnete sich der letzte Tunnel zu einem großen, offenen Raum. Sie waren in der Kammer angekommen. Harry blieb stehen, als er aus dem Tunnel getreten war und sah wieder einmal staunend umher. Die anderen drei stellten sich neben ihn und auch sie sahen sich überrascht um. Keiner von ihnen hatte dies erwartet.

Ein großer Raum, bestimmt mehrere hundert Schritte in jeder Richtung, nach oben hin waren es sicher 25 Meter bis zur Decke. Auf beiden Seiten vor ihnen waren große Schlangenstatuen in Abständen von etwa zwanzig Schritten aufgestellt. Sie gingen zwischen den Skulpturen durch und kamen nach und nach zu einer großen Statue, die ganz offensichtlich einen Zauberer darstellte.

„Salazar Slytherin.“, stellte Severus fest.

„Da unten kam der Basilisk damals raus.“, wisperte Harry und zeigte auf die Öffnung am Fuße der Statue.

Draco legte seinen Arm um seinen Freund als er dessen Zittern spürte. Dann wandten sie sich zusammen nach links. Oder besser, Harry drehte sich nach links und Draco ging mit. Harry deutete nach vorne.

„Dort liegt er.“, erklärte er und ging zu dem Körper des toten Basilisken.

Severus machte sich daran, den Zustand des Körpers zu untersuchen, um festzustellen, ob er noch Teile davon für seine Tränke verwenden konnte. Harry löste den Zauber, der ihn konservierte. Der Tränkemeister beschwor ein Gefäß herauf und machte sich daran, Schuppen von der Haut zu lösen. Dabei achtete er sorgsam darauf, nicht in direkten Kontakt mit der Haut zu kommen, denn das wäre sicher nicht sehr angenehm gewesen, da Basiliskenschuppen zwar nicht giftig waren, aber sehr scharfkantig. Verletzungen, die damit verursacht wurden, heilten äußerst schlecht.

Draco und Harry versuchten in der Zwischenzeit, die Zähne aus dem Kiefer zu reißen. Es war nicht leicht, sie saßen äußerst fest. Dumbledore sah sich weiter in der Kammer um. Mehrere Minuten war es still, bis auf das Ächzen und Stöhnen der Jugendlichen, die sich bemühten, die Zähne locker zu bekommen. Harry spürte, dass der Zahn, an dem er rüttelte, sich langsam lockerte und bemühte sich daraufhin noch intensiver. Mit einem Ruck riss der Zahn auf einmal aus dem Kiefer und Harry stolperte rückwärts. Doch nicht nur der Zahn löste sich, auch ein Teil des Giftes spritzte in Harrys Richtung und der Gryffindor konnte nicht ausweichen, es traf ihn voll an der Stirn.

In dem Moment, als das Gift, es waren nur wenige Tropfen, Harrys Stirn berührte, flammte ein heißer, sengender Schmerz in ihm auf. Harry schrie gellend auf und brach zusammen. Schreiend wand er sich auf dem Boden, seine Fingernägel rissen verzweifelt an der Haut, die von dem Gift getroffen war. Er krümmte sich und schrie weiter in höchster Agonie. Sofort nach dem ersten Schrei waren Draco und Severus an Harrys Seite gesprungen und versuchten, ihm zu helfen. Draco packte Harrys Handgelenke und verhinderte, dass Harry sich selber skalpierte. Severus versuchte mehrere Reinigungszauber, um die Reste des Giftes von der Haut zu entfernen. Sie hatten deutliche Schwierigkeiten, da Harry sich verzweifelt wehrte. Der Grünäugige wollte die Schmerzen loswerden, er würde alles dafür tun.

Seine Schreie waren inzwischen leiser geworden, da er sich heiser geschrien hatte, aber die Intensität ließ nicht nach. Harry krampfte, schlug um sich. Draco schaffte es nicht, seine Hände festzuhalten. Auch Severus war nicht in der Lage, die Reste zu entfernen. Sie fühlten sich so enorm hilflos, da sie gezwungen waren, zuzusehen, wie Harry litt. Schon wieder. Irgendwann erschlaffte Harrys Körper. Er war bewusstlos. Sein Gesicht, vor allem seine Stirn, sah fürchterlich aus, die Haut hing in blutigen Fetzen herunter, das Blut strömte ihm über die Wangen. Die Reste des Giftes waren nicht einmal mehr auszumachen unter all dem Blut, obwohl das Gift tiefschwarz war. Aber es schien immer noch zu wirken, Harry glühte vor Hitze und zitterte gleichzeitig. Seine Atmung war hektisch und viel zu flach, sein Puls raste. Severus beschwor eine Decke herauf und wickelte ihn ein, dann zog er ihn in seine Arme, damit er nicht auf dem eiskalten Boden liegen musste. Dumbledore versuchte, die Wunden zu heilen, doch das Gift schien es zu verhindern.

„Komm schon, Harry, kämpf! Nicht aufgeben, du darfst nicht sterben! Ich… ich… Harry, ich will dich nicht verlieren. Ich liebe dich doch!“, sprach Draco auf den Schwarzhaarigen ein.

Er war gegen Ende immer leiser geworden, aber alle hatten es klar und deutlich gehört. Die Blicke waren plötzlich auf ihn gerichtet. Dumbledore sah überrascht-amüsiert aus und Severus´ Blick war undeutbar. Draco zuckte zusammen und wollte etwas erwidern, doch Harry schien wacher zu sein, er versuchte zu sprechen und zog damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Dray!“, wisperte er heiser.

Draco nahm Harrys Hand und lehnte sich zu dem Gryffindor.

„Ich bin da, Harry. Du bist nicht alleine. Komm, kämpf, gib nicht auf.“, murmelte er und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Tut weh. Brennt. Feuer. Heiß.“, nuschelte Harry unzusammenhängend.

Erschöpft schloss er seine Augen wieder. Severus und Draco sahen sich an. Basiliskengift war hochtoxisch, wenn es in den Blutkreislauf kam und es gab eigentlich nur ein Heilmittel: Phönixtränen. Aber es hatte Harry schon Schmerzen bereitet, als es nur auf seiner Haut gewesen war. Das sollte eigentlich nicht sein. Hatten sie es rechtzeitig geschafft, das Gift zu entfernen, bevor Harry die Haut aufgekratzt hatte oder war es in seinen Blutkreislauf gelangt? Warum rief Albus nicht nach Fawkes, der könnte Harry helfen.

„Albus, kann Fawkes helfen?“, fragte Severus leise.

„Ich denke, er wird gleich kommen. Aber ich vermute, dass es etwas anderes ist. Ich mache mir seit den Ereignissen am Ende des trimagischen Turniers Gedanken darüber, wie diese Verbindung von Harry und Riddle zustande kommt. Das ist eigentlich nicht normal, dass jemand so stark in den Geist eines anderen Menschen eindringen kann, und das obwohl so eine große Entfernung zwischen beiden ist. Bisher konnte ich das Rätsel darum einfach nicht lösen, aber mit dem, was hier passiert ist, habe ich vielleicht eine Erklärung. Ich vermute, dass Voldemort versehentlich einen Horkrux geschaffen hat, als er Harry töten wollte und dass dieser in Harry steckt. Das würde auch erklären, warum es Harry so starke Schmerzen bereitet, wenn das Gift mit seiner Haut in Berührung kommt. Oh, es scheint, als würde es besser werden, Harry wird ruhiger und wirkt nicht mehr so schmerzverzerrt.“

Während Dumbledore gesprochen hatte, war Harry wirklich ruhiger geworden, die Krämpfe seines Körpers hatten aufgehört und er atmete wieder gleichmäßiger. Severus und Draco waren erleichtert, als sie sahen, dass Dumbledore Recht hatte. Harry bekam langsam auch wieder ein wenig Farbe und seine Augenlider flatterten ein paar Mal, dann öffneten sie sich.

„Harry, wie geht´s dir?“, wollte Severus wissen.

„Besser. Die Schmerzen sind fast weg und ich fühle mich irgendwie… befreit.“, flüsterte Harry heiser.

„Harry, wenn du sagst ‚befreit‘, wie meinst du das?“, hakte Dumbledore nach.

„Ich weiß nicht. Einfach als wäre etwas weg, was mich eingeengt hat.“, antwortete Harry verwirrt.

„Kannst du Voldemort noch spüren?“, konkretisierte Dumbledore.

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Albus! Harry soll sich erst einmal erholen, bevor er sich darum kümmert!“, schnarrte Severus, bevor Harry die Frage beantworten konnte.

„Schon gut. Ich weiß, was er meint, Severus. Ich kann ihn nicht fühlen.“, beruhigte Harry die Situation.

„Was denkst du, Albus?“, fragte der Tränkemeister.

„Ich denke, dass der Kontakt mit dem Basiliskengift den Horkrux zerstört hat. Die Narbe war die Verbindung des Horkruxes nach außen und daher wurde das Gift zum Verderben für das Seelenstück.“, erklärte der Direktor.

„Das bedeutet, Harry wird keine Visionen mehr haben?“, freute sich Draco.

„Ich denke nicht.“, bekräftigte Dumbledore.

Draco fiel Harry um den Hals, störte sich nicht daran, dass der noch in Severus´ Armen lag. Der Tränkemeister war viel zu erleichtert, als dass er sich daran gestört hätte. Erst jetzt bemerkten sie Fawkes, der sich neben Harry gestellt hatte und leise vor sich hintrillerte. Harry legte seine Hand auf die Federn des Vogels und wirkte von Minute zu Minute wieder besser.

Die Wunden in Harrys Gesicht schlossen sich nach und nach und verblassten. Nach etwa fünf Minuten setzte sich Harry auf und brauchte nicht mehr den Halt von Snape, um nicht umzukippen. Nach weiteren fünf Minuten wirkte Harry, als wäre das Ganze nie passiert. Er stand wieder auf beiden Beinen und sie wandten sich wieder dem Basilisken zu, schließlich brauchten sie immer noch das Gift, um die Horkruxe zu vernichten. Severus hatte den beiden Jungs anfangs verboten, die Zähne mit einem Zauber zu entfernen, da das Auswirkungen auf das Gift haben konnte. Jetzt machte er sich selber daran, sich das Gift zu holen, doch Harrys Unfall hatte ihn auf eine Idee gebracht.

„Draco, Harry, ich brauche ein paar Phiolen, damit ich das Gift abfüllen kann. Ich habe vor, die Giftblasen des Basilisken zu leeren. Das ist vielleicht sogar noch besser als die Zähne zu nutzen. Also, was ist nun? Schafft ihr es nicht mehr, eine Phiole zu beschwören?“, knurrte Snape.

Er selber beschwor sich eine Art Speer aus einem Holzsplitter, um damit dann die Giftblase anzustechen. Als die beiden ihm die erste Phiole reichten, hielt er sie mit der linken Hand in die Mundhöhle des Basilisken, dann nahm er den Speer mit der rechten Hand und stieß ihn kräftig in den Knochen des Oberkiefers. Er wusste, er musste den Knochen durchstechen und erst dahinter würde er die Blase finden, in der das Gift konzentriert gespeichert wurde.

Es klappte, als er den Speer etwas hin und her bewegte, fing das Gift an, aus dem Loch zu fließen. Die erste Phiole füllte sich rasch und Harry hielt ihm die zweite hin, darauf achtend, dass ihn das Gift nicht noch einmal treffen würde. Draco nahm die volle Phiole in Empfang und verkorkte sie sorgfältig. Die Giftblase füllte zwei Phiolen komplett, dann tröpfelte es nur noch. Da es so erfolgreich war, wiederholten sie das Ganze auch noch auf der anderen Seite und leerten auch die zweite Giftblase, die ebenfalls zwei Phiolen füllte. Dann erst sprach Severus einen Zauber, der die Zähne aus dem Kiefer brach, denn auch diese waren wertvolle Trankzutaten und dafür brauchte es das Gift nicht. Als sie alles verpackt hatten, packten sie Fawkes Schwanzfedern und ließen sich von ihm aus der Kammer bringen, das war schneller als die Besen. In der Toilette trennten sie sich.

„Gute Nacht noch. Und Draco, wenn du über Nacht bei Harry bleiben willst, dann habe ich nichts dagegen, solange Severus auch einverstanden ist!“, gluckste Dumbledore.

 

 

Erschöpft war Harry ins Bett im Gästezimmer getaumelt. Auch wenn Fawkes ihn geheilt hatte, so war er dennoch völlig übermüdet und legte sich gleich schlafen. Draco und Severus wussten, dass sie jetzt miteinander reden mussten, sie konnten und durften es nicht aufschieben. Sie setzten sich in der kleinen Küche an den Tisch, Severus kochte Tee und wandte sich dann an Draco.

„Drache, ich muss wissen, wie wir nun zueinander stehen.“

„Sev, ich liebe dich, aber ich liebe auch Harry. Ich weiß es nicht, wie es jetzt weitergehen soll.“, seufzte Draco.

Verzweiflung und Verwirrung waren in seinem Gesicht zu lesen, jedenfalls einen kurzen Moment, bevor Draco seinen Kopf in seine auf dem Tisch verschränkten Arme legte. Severus starrte ihn einige Minuten nur an und grübelte. Wie viel sollte er jetzt sagen?

„Draco, du bedeutest mir alles, aber auch ich muss gestehen, dass Harry mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Auch mir bedeutet er inzwischen sehr viel, auch wenn ich dich nicht verlieren will. Aber auch du scheinst Harry sehr viel zu bedeuten, wenn ich das richtig sehe. Ich weiß nicht, wie es Harry mit mir geht und ich weiß auch nicht, wie weit seine Zuneigung zu dir geht. Wir müssen mit ihm darüber reden, es ist wichtig, zu wissen, wie wir nun zueinander stehen. Dennoch müssen wir sehr vorsichtig sein, wir beide wissen, wie schlecht es ihm ergangen ist und wie er damit fertig wird. Wer weiß, was er empfindet und wann er in der Lage ist, wieder weiter zu gehen, als nur zu kuscheln, mit wem auch immer. Wenn er das jemals schafft. Ich liebe dich, Draco, und will dich nicht verlieren.“, gestand Severus.

Draco lehnte sich zu Severus, der sich auf den Stuhl neben ihn gesetzt hatte, und zog ihn in einen Kuss, den der Schwarzhaarige nur zu gern erwiderte. Er war froh, dass sein Geständnis, dass er auch Harry liebte, ihre Beziehung nicht zerstört hatte. Zu wichtig war ihm Severus, als dass er seine Gegenwart missen wollte. Doch auch Harry war ihm sehr wichtig, und er war froh, dass es Severus ebenso ging. Aber es überraschte Draco, dass Severus so aus sich herausging und über seine Gefühle sprach. Das war eher untypisch für seinen Partner.

„Ich liebe dich auch, Sev. Auch ich will dich nicht verlieren. Aber ich will auch Harry nicht mehr verlieren. Seit dieser ersten Nacht habe ich angefangen, ihn mit anderen Augen zu sehen und meine Gefühle für ihn haben sich weiterentwickelt. Es ist anders, als es bei uns war, aber genauso intensiv.“, wisperte Draco.

Er erinnerte sich daran, wie er damals, vor fast einem Jahr, zu Severus gegangen war. Sie hatten sich an einem der ersten Abende auf Sevs Sofa gesetzt und wollten eigentlich lesen, waren dann aber in einer Unterhaltung gefangen gewesen, und als sie aufblickten und sich in die Augen sahen, war es bei beiden, als wenn die Erde aufgehört hätte, sich zu drehen. Sie hielten einander auf dem Boden, nicht die Schwerkraft. Draco hatte sich zu Severus hinübergelehnt und diesen kurzen Abstand zwischen ihnen überwunden. Er hatte ihn geküsst, einen Moment lang hatte Severus sich versteift, dann hatte er den Kuss erwidert.

„Ein Gutes hat das Ganze!“, murmelte Severus, als er seine Lippen nach einigen Minuten von Dracos löste.

„Und was wäre das?“, wunderte sich Draco.

Severus hob ihn hoch und trug ihn ins Schlafzimmer. „Du kannst bei mir schlafen!“, hauchte er.

Sie bemerkten nicht, dass sie die Schlafzimmertür nur angelehnt hatten und Harry langsam unruhig wurde. Die Ereignisse in der Kammer ließen Harry nicht zur Ruhe kommen, und auch das Geständnis von Draco, dass der ihn liebte, geisterte immer wieder durch seinen Kopf.

Er fragte sich, was er selber für den Blonden empfand. In der Gegenwart von Draco fühlte er sich absolut wohl und geborgen, sicher und beschützt, warm und geliebt. All das empfand er auch bei Severus, war er in beide verliebt oder war es einfach nur Zuneigung, wahre Freundschaft? Es verwirrte Harry, er konnte seine Gefühle nicht zuordnen.

Bisher war es immer ganz einfach gewesen. Die meisten Menschen hassten ihn einfach und zeigten es ihm auch. Dann hatte es die gegeben, von denen er geglaubt hatte, dass sie seine Freunde wären, aber irgendwie war das wohl falsch gewesen, sie hatten sich nie viel aus ihm gemacht, hatten nie wissen wollen, wie es ihm wirklich ging, und wenn er einmal darüber hatte reden wollen, dann waren sie ausgewichen, hatten das Thema schnell gewechselt. Und dann war da noch Dumbledore, dem er vertraut hatte, der ihn aber immer wieder zu den Dursleys zurückgeschickt hatte.

Harry schwirrte der Kopf, er entschied sich, aufzustehen und eine Tasse Tee zu trinken. Leise huschte er aus der Tür und schlich an der Schlafzimmertür vorbei in Richtung Küche, als er hörte, dass Draco im Schlafzimmer wimmerte und stöhnte. Erschrocken wollte er nachsehen, schob die Tür aber nur einen kleinen Spalt auf, nicht wissend, was ihn erwartete. Schockstarr blickte er auf das Bild, was sich ihm zeigte, Severus und Draco, eng umschlungen, sich küssend, nackt und schweißgebadet. Harry hatte genug gesehen, zog die Tür leise wieder zu. Seine Gedanken wirbelten wild umher.

‚Draco sagte er liebt mich. Aber er liebt Severus. Und Severus liebt ihn. Sie haben Sex. Ich bin ihnen im Weg, sie müssen sich um mich kümmern, aber offenbar wollen sie mich eigentlich gar nicht haben. Ich darf ihre Beziehung nicht kaputt machen. Aber sie waren die Einzigen, die jemals wirklich für mich da waren. Ich muss hier weg, aber wo soll ich hin? Ich will nicht zurück in den Ligusterweg, das kann ich nicht. Was soll ich nur tun? Wo soll ich hin? Ich bin Abschaum, ein Freak, jedem nur im Weg, Sirius wollte mich auch nicht, er hat mich nicht gefragt, ob ich zu ihm will, jetzt wo er frei ist, kann er mich nicht brauchen.‘

Harry merkte nicht, wie er sich in eine Panik hineinsteigerte und dass er vielleicht auch nicht mehr ganz vernünftig denken konnte. Er hatte nicht mitbekommen, dass Sirius sie alle drei eingeladen hatte, in den Grimmauldplatz zu kommen, weil er zu dem Zeitpunkt geschlafen hatte. Alles was er noch wahrnahm, war, dass er überall im Weg war und dass Draco und Severus offenbar froh waren, dass sie sich einmal nicht um ihn kümmern mussten.

In seiner Verzweiflung hatte Harry vergessen, warum er eigentlich in die Küche gegangen war und nahm wie hypnotisiert ein Messer in die Hand. Es schien so leicht zu sein, ein Schnitt und alles wäre vorbei, keine Qualen mehr, er wäre niemandem mehr im Weg. Wie oft hatte er das versucht, nachdem sein Onkel ihn das erste Mal vergewaltigt hatte, doch es war nicht möglich gewesen, egal was er versucht hatte, er war nicht in der Lage gewesen, sein Leben zu beenden. Jetzt schien es möglich zu sein. Langsam legte er das Messer auf seinen linken Arm und drückte nur ein wenig fester. Es war so leicht, die Haut zu durchschneiden. Er spürte, wie sein Arm anfing zu bluten. Es tat überhaupt nicht weh, es war eher eine Erleichterung. Harry fühlte sich so entspannt und gelöst wie noch nie. Er setzte sich auf den Boden und sah teilnahmslos zu, wie das Blut in dicken Rinnsalen aus seinem Arm lief.

 

Im Schlafzimmer lagen Draco und Severus schwer atmend nebeneinander und genossen es, zusammen sein zu können. Dennoch hatte Severus ein ungutes Gefühl. Irgendetwas warnte ihn, etwas stimmte nicht. Eine Weile ignorierte er es und versuchte, sich auf Draco zu konzentrieren, der kleine Kreise auf seinen Körper malte. Doch das Gefühl verstärkte sich immer weiter und schließlich stand er auf. Er musste nachsehen, es war ein so drängendes Gefühl, das er nicht wegschieben konnte. Er warf sich einen Morgenmantel über und ging nach draußen. Erst dabei fiel ihm auf, dass die Tür offen war.

Innerlich fluchend ging er zum Gästezimmer, das inzwischen Harrys Zimmer war. Das Bett war leer. Jetzt wurde er panisch und lief ins Wohnzimmer. Nichts. Auch im Bad, kein Harry. Im Labor sah er als nächstes nach, vielleicht hatte Harry Schmerzen und holte sich einen Trank. Auch nichts. Blieben nur noch das Büro oder die Küche. Mit einer Ahnung sah er in die Küche. Im ersten Moment wollte er wieder gehen, da er nichts sah, doch dann hörte er ein leises Geräusch. Er machte Licht und sah Harry in einer Blutlache auf dem Boden liegen, ein blutverschmiertes Messer neben sich.

„Draco!“, schrie er laut.

Er war mit einem Satz bei Harry und fühlte den Puls. Schwach, aber noch vorhanden. Vom Küchentisch nahm er ein Handtuch und drückte es fest auf Harrys Arm. Draco kam in die Küche.

„Hol Poppy, schnell!“, rief Severus.

Draco nickte und verschwand im Büro. Über den Kamin konnte es nicht lange dauern, bis Poppy kam. Gleich danach stand Draco wieder neben ihm.

„Hier, fest drücken!“, befahl Severus und gab Harrys Arm an Draco weiter.

Dann eilte er ins Labor, um blutstillende Tränke und Verbandszeug zu holen. Schneller als Poppy war er wieder bei Harry und versuchte, ihn soweit wach zu bekommen, dass er den Trank schlucken konnte. Kaum dass er ihn geschluckt hatte, war Harry wieder bewusstlos.

Poppy kam dazu und fragte nicht lange, sondern begann gleich mit Diagnose- und Heilzaubern. Nach einigen Momenten bedeutete sie Draco, dass er das Handtuch wegnehmen sollte. Die Blutung stand, aber sie konnten den langen Schnitt sehen, der sich der Länge nach über Harrys Unterarm zog. Er schien ziemlich tief zu sein.

„Das war knapp. Zwei Minuten später und es wäre vorbei gewesen.“, erklärte die Heilerin leise. „Er hat es verdammt ernst gemeint. Was ist passiert?“

„Ich weiß es nicht genau, auch wenn ich einen Verdacht habe. Das wird warten müssen, bis Harry wieder ansprechbar ist.“, antwortete Severus.

„Ich würde ihn gerne mitnehmen.“, meinte Poppy.

„Lieber nicht. Er wäre wieder Allem ausgesetzt. Es hat lange genug gedauert, bis er wieder gesprochen hat. Kannst du regelmäßig hier nach ihm schauen? Wir werden ihn nicht noch einmal aus den Augen lassen.“, versprach Severus.

„Na gut. Aber ich bin vor dem Frühstück wieder hier und ihr sagt mir Bescheid, wenn irgendwas passiert, egal was, verstanden?“, entschied die Heilerin.

Severus versprach es. Draco hatte inzwischen Waschzeug geholt und Harrys Arm vorsichtig gereinigt und dann verbunden, nachdem die Heilsalbe aufgetragen war. Poppy hatte ihm noch eine Nadel in seinen rechten Arm gelegt und eine Blutkonserve daran gehängt. Dann trug Severus ihn ins Wohnzimmer und bedeutet Draco, das Sofa wieder in ein Bett zu verwandeln, was dieser nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen schließlich auch schaffte.

Er würde Harry nicht noch einmal aus den Augen lassen. Der Kleine war noch lange nicht über alles weg, und was zu dem Suizidversuch geführt hatte, das würde er auch noch herausbekommen. Aber erst einmal musste Harry aufwachen. Severus saß Stunde um Stunde an seiner Seite, Draco auf der anderen. Beide machten sich bittere Vorwürfe, ahnten sie doch, was Harry zu diesem Schritt verleitet hatte.

„Meinst du, er hat uns gesehen?“, fragte Draco leise.

„Das vermute ich. Wenn man alles zusammen nimmt, dein Geständnis, dass du ihn liebst, seine Art, dass er immer das Gefühl hat, fehl am Platz zu sein und wenn er uns dann noch gesehen hat, dann erklärt das seine Handlungen. Auch wenn ich es nicht gut finde, er ist einfach ein Idiot, was das betrifft. Aber eigentlich wundert es mich nicht, hat er doch von frühester Kindheit an nur Ablehnung erfahren. Wir müssen mit ihm reden, auch wenn er eigentlich nicht stabil genug für gerade dieses Gespräch ist. Aber offenbar ist es notwendig. Wir beide lieben uns und ihn und wir sind bereit, auf ihn zu warten, wenn er mit uns zusammen sein will. Aber er darf niemals wieder denken, dass er uns im Weg ist.“, antwortete Severus ebenso leise.

 

Poppy kam am Morgen wieder und sah nach Harry, dessen Zustand unverändert war. Sie sah sich auch Draco und Severus an und schickte sie schlafen, da beiden die durchwachte Nacht anzusehen war. Severus weigerte sich, schickte aber Draco ins Bett und entschied, selber bei Harry zu bleiben, bis Draco ausgeschlafen hatte. Sie würden abwechselnd schlafen.

Dracos Prüfungen begannen am nächsten Tag, der Junge musste fit sein. Er selber hatte mit den Prüfungen relativ wenig zu tun, musste nur die Aufsicht bei der praktischen Prüfung in Zaubertränke führen. In der Zeit konnte Poppy dann auf Harry aufpassen, aber ansonsten würden entweder Draco oder er selber da sein, oder beide zusammen. Poppy ließ sich überzeugen, sie würde aber Dumbledore und Minerva Bescheid geben, einerseits weil gerade Minerva sich wirklich Sorgen um Harry machte und andererseits weil Dumbledore wissen musste, dass Severus nicht als Aufsicht für die Prüfungen zur Verfügung stand, außer bei Zaubertränken, da konnte er sich nicht drücken, da er einfach das meiste Wissen hatte und verhindern konnte, dass irgendetwas komplett schief ging. Da erklärte sich Severus einverstanden und die Heilerin ließ ihn alleine.

„Oh Kleiner, was machst du nur für Sachen?“, murmelte er, als er Harry sanft über das blasse Gesicht strich.

Unbewusst schmiegte sich Harry an die Hand, die ihn liebkoste und seufzte im Schlaf.

„Wir lieben dich doch, Harry.“, flüsterte Severus fast unhörbar.

„Sev´rus?“, nuschelte Harry undeutlich.

„Harry?“, fragte Severus.

„Nicht weggehen.“, murmelte Harry schlaftrunken.

„Ich bin da, Kleiner. Ich bin da.“

„Halt mich.“

Severus schob Harry ein wenig nach links und legte sich dann an seine rechte Seite. Vorsichtig, um die Infusion nicht aus der Vene zu ziehen, legte er seinen Arm um Harry, der sich vertrauensvoll an ihn schmiegte. Er merkte nicht einmal, wie er selber in einen leichten Schlaf glitt, da auch er völlig erschöpft war. Nicht nur die Sorge um Harry hatte ihn in den letzten Wochen immer wieder nachts wach gehalten, auch um sein eigenes und Dracos Leben war er besorgt. Momentan kam der dunkle Lord nicht nach Hogwarts, aber wie lange waren sie hier noch so sicher, wie sie es gerade waren? Trotz all der zusätzlichen Schutzmaßnahmen Dumbledores hatte Severus in den letzten Wochen immer mehr Sorgen gehabt, dass der Lord eine Möglichkeit finden würde. Und davor hatte er Angst, panische Angst. Vor allem wegen Draco, aber auch um sein eigenes Leben.

Wie lange konnten sie der Bedrohung noch entkommen und was würde er mit Harry machen? In seinem momentanen Zustand war er nicht in der Lage, sich gegen den Lord zu verteidigen. Harry brauchte erst einmal viel Zeit um zu heilen und Severus verstand immer noch nicht, warum gerade Harry derjenige sein sollte, der den dunklen Lord vernichten musste. Warum musste ein Junge, der gerade mal knapp sechzehn Jahre alt war, die Arbeit von Erwachsenen erledigen?

Severus´ Gedanken verfolgten ihn in seine Träume. Er sah, wie der Lord langsam auf ihn zukam und er ahnte die Flüche, die er auf ihn abfeuern würde. Hinter dem Lord konnte er schemenhaft Dracos helle Haare ausmachen, der nackte Körper lag blutüberströmt auf dem Boden und bewegte sich nicht mehr. Severus zitterte vor Angst, konnte nicht verhindern, dass man es ihm ansah. Ein höhnisches Grinsen verzerrte das Gesicht des Lords und er warf den ersten Fluch auf Severus. Schreiend wand er sich Sekunden später auf dem Boden und wünschte sich, einfach sterben zu können. Auf einmal sprang Harry hinzu und stellte sich vor ihn.

„Lass ihn in Ruhe, du willst mich, also hier bin ich!“, rief Harry.

„Nein, Harry, nicht!“, wimmerte Severus.

Doch der Lord hob seinen Stab und richtete ihn auf Harry. „Avada Kedavra.“

Schweißgebadet und schreiend wachte Severus auf. Er fuhr aus dem Bett und spürte erst einmal gar nicht, dass sich warme Arme besänftigend um ihn legten.

„Sch, Sev, nur ein Traum. Alles ist gut. Harry ist hier, er schläft. Es geht uns allen gut. Du hast geträumt. Ganz ruhig.“, hörte er nach und nach Dracos Stimme.

Zitternd hielt er sich an dem Blonden fest, die Traumbilder immer noch im Kopf. Erst nach einer ganzen Weile schaffte er es, in die Wirklichkeit zurückzukommen. Ein zärtlicher Kuss bestätigte ihm, dass es Draco gut ging und dann drehte er sich um und strich über Harrys Arm und Oberkörper, spürte den Herzschlag und den Atem des Vampirs, seine Wärme und das leise Murmeln, das er im Traum immer wieder von sich gab. Draco hatte immer noch seine Arme um ihn geschlungen. Erst als er beide um sich spürte, wurde er langsam ruhiger und konnte den Traum abschütteln.

„Willst du darüber reden?“, fragte Draco leise.

Severus schüttelte den Kopf. Bisher hatte Draco offenbar noch nicht realisiert, in welcher Gefahr sie beide schwebten und er wollte nicht derjenige sein, der diesen Zustand änderte. Einen panischen Draco konnte er im Moment wirklich nicht brauchen, er brauchte eher seine Hilfe bei Harry. Das würde schwierig genug werden, da musste Draco nicht auch noch wegen dem Lord in Panik geraten.

„Komm, leg dich wieder hin. Ich vergrößer uns das Bett und leg mich mit dazu. Vielleicht schläfst du dann etwas besser.“, entschied Draco.

Doch leichter gesagt als getan. Draco hatte ziemliche Schwierigkeiten mit dem Zauberstab, den er von Severus bekommen hatte. Nach drei oder vier vergeblichen Versuchen schaffte er es dann doch noch. Seufzend legte er sich zu den anderen beiden ins Bett, auf Harrys linke Seite. Er machte sich Gedanken wegen der Prüfungen. Mit diesem Zauberstab bekam er keine vernünftigen Ergebnisse hin. Aber er selber konnte sich keinen kaufen und auch Severus hatte derzeit nicht die Möglichkeit, ihm zu helfen. Draco wusste, dass sein Vater und der Lord es irgendwie geschafft hatten, Severus´ Verlies zu versiegeln, das er von seinen Großeltern geerbt hatte. Eigentlich war Severus vermögend, nicht so reich wie die Malfoys oder Sirius Black, aber er musste bestimmt nicht sparen. Die Familie Prince, also die Familie von Sevs Mutter, gehörte zu den alteingesessenen Reinblut-Familien und sie waren nie schlecht dagestanden, finanziell gesehen.

Aber Severus hatte es wohl an einem Punkt geschafft, den Lord zu verärgern, sodass er zu diesem Mittel gegriffen hatte. Es war kurz vor der Ausgangssperre des Schlosses gewesen, dass Severus das erfahren hatte. Draco hatte es eher zufällig mitbekommen. Doch wie sollte er die Prüfungen mit diesem Zauberstab machen, der nicht einmal richtig reagierte? Immer noch grübelnd schlief er langsam ein und träumte von den Prüfungen.

 

 

Den restlichen Sonntag verschliefen die drei relativ ruhig. Sie bemerkten nicht, dass Poppy noch zweimal kam um nach Harry zu sehen und die Infusion auszutauschen. Die Heilerin lächelte leicht, als sie die Drei im Bett liegen sah. An Dumbledore würde sie die Drei nicht verraten, doch sie konnte deutlich sehen, dass da mehr war als nur eine einfache Freundschaft. Mit Hilfe von Severus und Draco konnte Harry das tatsächlich schaffen. Vor ein paar Monaten hätte sie das nicht geglaubt, aber es schien jetzt absolut klar zu sein. So entspannt hatte sie Severus noch nie gesehen, auch wenn sein Gesicht immer noch sorgenvoll wirkte, aber das war nur natürlich. Er selber und auch Dumbledore hatten der Heilerin gegenüber genügend Bemerkungen fallen lassen, dass sie wusste, in welcher Gefahr Severus und mit ihm auch Draco schwebten. Sie wusste auch davon, dass Draco verstoßen war. Nachdem sie alles getan hatte, was in ihrer Macht stand, verließ sie leise die Wohnung. Die drei brauchten den Schlaf dringend.

Erst gegen Mitternacht wurde Harry langsam unruhig. Er warf sich im Schlaf hin und her und murmelte vor sich hin. Severus und Draco wurden davon wach und hofften, dass auch Harry aufwachen würde. Erst dann wären sie wirklich beruhigt. Und auch dieses eine, absolut notwendige Gespräch könnten sie dann führen.

Harry wehrte sich gegen das Aufwachen. Er konnte sich deutlich erinnern, was vor dem Einschlafen passiert war. Ganz klar hatte er noch vor Augen, was er im Schlafzimmer gesehen hatte und dieses Gefühl, dass er im Weg war, kam wieder hoch. Aber im Moment fühlte es sich so schön an, er lag zwischen den Beiden eingekuschelt und sie waren da bei ihm. Doch Harry wusste, dass es ein Traum war, es konnte nur ein Traum sein. Er wollte einfach nicht aufwachen. Am besten niemals wieder, wenn dieser Traum dann einfach immer weiter ging. Dennoch konnte er es fühlen, er wachte gerade auf. Wenn er jetzt die Augen öffnete, dann wäre alles vorbei.

Severus sah, dass Harry wach war, aber die Augen nicht öffnete. „Hey, Kleiner, komm schon. Mach die Augen auf.“, sprach er ihm Mut zu.

„Nein, nicht aufwachen. Will nicht!“, nuschelte Harry.

Draco kicherte leise. Es war auch zu niedlich, wie Harry sich verzweifelt gegen das Aufwachen sträubte.

„Warum nicht?“, fragte Severus.

„Dann ist mein schöner Traum vorbei.“, erklärte Harry, immer noch mit geschlossenen Augen.

„Welcher Traum?“, wollte Draco wissen.

„Ihr beide seid bei mir und ich bin nicht im Weg, störe euch nicht.“

„Harry, wir sind bei dir. Mach die Augen auf. Ich denke, es ist Zeit für ein Gespräch.“, entschied Severus.

Seufzend öffnete Harry die Augen. Staunend sah er, dass die beiden tatsächlich neben ihm lagen, auf jeder Seite einer. Dann kam die Bedeutung von dem, was Severus gesagt hatte, bei ihm an und er setzte sich auf. Traurig sah er sie an. „Ich packe meine Sachen. Kann ich noch bis morgen früh hier bleiben oder soll ich gleich gehen?“, fragte er mit Tränen in den Augen.

Draco und Severus sahen sich an, dann nahmen sie beide gleichzeitig Harry in den Arm, Severus von rechts, Draco von links. „Harry James Potter. Jetzt hör mir mal ganz gut zu. Du bist nicht im Weg. Ja, wir beide lieben uns. Aber Draco hat gestern nicht gelogen, er liebt dich. Und wenn ich ehrlich bin, ich liebe dich auch. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das absolut untypisch ist, aber wann waren wir drei schon einmal normal? Bei uns läuft es doch nie nach normalen Maßstäben ab, oder? Also, uns ist klar, dass du so eine Beziehung, wie Draco und ich sie haben, momentan noch nicht akzeptieren kannst, aber wenn du es möchtest, dann kannst du auch ein Teil unserer Partnerschaft sein. Ich weiß nicht, wie du für uns empfindest, aber wir beide lieben dich so sehr, wie wir uns lieben. Und noch einmal zum Mitschreiben, du bist uns nie im Weg. Wir wollten dich nicht überfordern mit unseren … Bedürfnissen. Daher haben wir uns dann zurückgezogen, wenn wir glaubten, dass du fest schläfst. Du solltest dich eben nicht so fühlen, dass du dich zwischen uns drängst, denn das kannst du nicht. Du bist für uns ein Teil unserer Beziehung. Wie sehr, das ist deine Entscheidung, und sei dir versichert, dass wir jede, absolut jede, Entscheidung von dir akzeptieren werden, egal wie sie ausfällt oder wann du sie triffst. Aber eines werden wir nicht akzeptieren: Dass du versuchst, dir noch einmal etwas anzutun. Das ist keine Lösung, Harry. Damit tust du uns weh und auch deinem Paten. Wir wünschen uns, nein, wir verlangen von dir, dass du in Zukunft zu uns kommst und nicht mehr alles mit dir alleine ausmachst.“

Während seines Monologes hatte Severus Harry genau beobachtet. Ihm war klar, dass er gerade auf einem sehr schmalen Grat unterwegs war und es jederzeit kippen könnte. Doch Harry wirkte ruhig und gefasst, nachdenklich, aber nicht wirklich geschockt. Überrascht vielleicht, aber das war kein Wunder, bei dem was er da zu hören bekam. Unsicher blickte Harry Draco an, dann wieder zu Severus zurück. Beide sahen ihm in die Augen und bei beiden konnte er deutlich sehen, dass sie es ernst meinten.

„Ich darf bei euch bleiben? Wirklich?“, begann er Hoffnung zu schöpfen.

„Ja, Harry.“, versicherten ihm beide gleichzeitig.

Plötzlich schluchzte Harry auf und schlug die Hände vor sein Gesicht. Alarmiert sahen die beiden sich an, dann griff Draco vorsichtig nach Harrys Händen. „Harry, was ist? Warum weinst du?“, wollte er wissen.

„Es … es ist so unglaublich. Ich bin … bin glücklich.“, schluchzte Harry.

„Dummer Junge!“, schmunzelte Severus, aber er nahm ihn gleichzeitig in den Arm.

Harry versprach, dass er in Zukunft zu ihnen kommen würde, wenn ihn etwas bedrückte. Sie legten sich wieder auf das Bett und schmiegten sich eng aneinander. Draco und Severus streichelten Harry vorsichtig über die Arme und die Wangen, bis er sich wieder beruhigte. Langsam begann er zu glauben, dass es kein Traum war, dass er wirklich bei den beiden war und sie ihn liebten. Glücklich lächelte er vor sich hin und schlief schließlich wieder ein, die Wärme der beiden Slytherins aufsaugend.

 

Am Morgen wurden sie von Severus geweckt, denn immerhin hatte Draco heute die ersten Prüfungen und sollte nicht verschlafen. Poppy sah kurze Zeit später nach Harry und entschied, dass er es soweit überstanden hatte. Severus ließ ihn an seinem Arm trinken, bevor sie sich an den Tisch setzten und ihr Frühstück genossen. Wie immer schmierte sich Harry einen Marmeladentoast und diesmal biss er hungrig zu. Als Severus ihm einen Rest Marmelade vom Mundwinkel tupfte, wurde er leicht rot, lächelte aber glücklich.

Nach dem Frühstück packte Draco seine Sachen, die er für die Prüfung brauchte und Harry umarmte ihn, um ihm viel Glück zu wünschen. Er gab ihm einen Kuss auf die Wange und hielt ihn einen Moment länger, als unter Freunden üblich. Draco fühlte sich dabei nur unendlich glücklich. Auch von Severus bekam er einen Kuss, aber zu lange konnte er diesen nicht genießen, denn die Zeit war inzwischen knapp. „Viel Erfolg, Drache.“, wünschte Severus.

Harry hatte lange überlegt, ob er die Prüfungen schreiben sollte oder nicht, aber Severus hatte am Ende entschieden, dass Harry nicht teilnehmen sollte, da er einfach noch zu instabil war. Der Gryffindor war froh, dass Severus ihm die Entscheidung abgenommen hatte. Wenn er absolut ehrlich zu sich selber war, wollte er die Prüfungen nicht mitmachen, wollte aber nichts sagen, da er Severus nicht enttäuschen wollte, schließlich hatte der mit ihnen dafür gelernt, als sie eingeschlossen gewesen waren. Jetzt blieb Severus bei ihm und ließ ihn nicht aus den Augen. Selbst im Bad war er dabei, aber es störte Harry weniger als er gedacht hätte. Severus hatte ihn schon nackt gesehen und er würde ihm nicht wehtun.

Mittags kam Draco zum Essen zu ihnen und nachmittags würde er dann wieder nach oben gehen, da er praktische Prüfung in Zauberkunst hatte. Vorher versuchte er noch ein paar Zauber zu wiederholen, aber mit seinem Stab wollte es einfach nicht klappen. Schließlich hielt Harry ihm seinen Stab hin. „Probier‘ mal.“, bot er an.

Draco versuchte es und es klappte auf Anhieb. Nach ein paar Zaubern war er überzeugt, dass dieser Zauberstab deutlich besser war, aber er wollte Harry nicht direkt danach fragen. Es kam ihm nicht richtig vor.

„Nimm ihn, für die Prüfungen brauchst du ihn dringender als ich.“, entschied Harry.

„Danke!“, jauchzte Draco und küsste Harry.

Der erstarrte im ersten Moment, lehnte sich aber dann Draco entgegen. Severus sah es und schmunzelte. Er hätte das so schnell nicht erwartet, aber so war der Drache eben, manchmal etwas ungestüm und unüberlegt, aber absolut liebevoll. Jetzt, wo er er selbst sein durfte.

„Du solltest gehen, wenn du rechtzeitig sein willst.“, mahnte er dann leise.

Widerwillig riss Draco sich los und rannte dann Richtung großer Halle. Zurück blieb ein leicht rot angelaufener, aber glücklich strahlender Harry. Severus nahm ihn in den Arm. „Alles in Ordnung?“, fragte er leise.

Harry nickte nur, sein Lächeln zeigte, dass es ihm wirklich gut damit zu gehen schien. Seine Augen strahlten. Eine Weile lehnte er sich einfach nur bei Severus an und genoss die beschützende, zärtliche Umarmung. Nie hätte er geglaubt, dass sein Tränkelehrer so liebevoll sein könnte.

„Harry, war das vorhin wirklich in Ordnung für dich? Dass Draco dich geküsst hat?“, hakte Severus schließlich nach.

„Es kam überraschend, aber es war … angenehm.“, gab Harry nach einigen Momenten mit roten Wangen zu. „Ähm, Severus, was wird jetzt eigentlich mit Draco?“, wechselte er dann schnell das Thema, bevor Severus noch weiter nachhaken konnte.

„Ich weiß es nicht.“, begann der Tränkemeister leise und verbarg sein Gesicht in seinen Händen.

Seine Verzweiflung war ihm deutlich anzusehen und er wirkte so hilflos, dass Harry ihn in den Arm nahm. Der Gryffindor konnte deutlich sehen, dass Severus alles für Draco tun würde, aber nicht wusste, wie es weitergehen sollte.

„Unter normalen Umständen könnte ich einfach ins Ministerium gehen und mein Patenamt geltend machen, ihn zu mir nehmen und adoptieren. Dadurch hätte er dann wieder einen Namen. Jetzt, während der Prüfungen haben sie entschieden, dass Draco unter seinem alten Namen geführt wird, damit es kein Durcheinander gibt, aber danach muss er den Namen ablegen, darf ihn nicht mehr verwenden. Eigentlich irritiert mich das, denn Lucius ist sehr traditionell, und Draco der Einzige, der seinen Namen weitergeben kann. Ich verstehe nicht, dass Lucius ihn verstoßen hat und nun ohne einen Erben dasteht. Was nach den Prüfungen, in den Ferien, wird, weiß ich nicht. Es war auch vor der Verstoßung schon unklar, da er nicht zurück zu seinen Eltern konnte, weil er sich geweigert hat, in die Reihen der Todesser einzutreten. Lucius hat deswegen getobt und gewütet, und auch Narzissa schien nicht sehr glücklich damit zu sein. Doch Zissa hat sich schon immer ihrem Mann untergeordnet, sie tut, was er verlangt. Sie hat sich noch nie hinter Draco gestellt oder ihn geschützt. Darum kam er letztes Jahr zu mir, er brauchte meine Hilfe. Aber jetzt kann ich ihm nicht mehr helfen, ich habe nicht die Mittel, uns alle durchzubringen, und auch nicht die Möglichkeit, uns zu verstecken. Ich werde das Angebot deines Paten annehmen, habe es schon angenommen, dass wir uns erst einmal bei ihm verstecken können. Aber für wie lange, ich weiß es nicht. Und ich muss sehen, wie ich Dracos Situation löse, denn wenn das Ministerium sich quer stellt, dann bekomme ich das Sorgerecht nicht zugesprochen und er muss in ein Waisenhaus. Und in welcher Gefahr er dort schwebt, brauche ich dir sicher nicht erzählen. Der Lord will ihn bestrafen und am Ende töten. Das werde ich nicht zulassen, aber ich weiß nicht, ob ich die Möglichkeit dazu offiziell bekomme. Auch das ist ein Grund, warum ich das Angebot von Black angenommen habe, denn in seinem Haus findet das Ministerium Draco nicht, da es mit dem Fidelius geschützt ist. Leider ist Dumbledore der Geheimniswahrer, und ihm vertraue ich nicht wirklich. Ich setze dich auch ungern ihm wieder aus, ich kann ihm nicht verzeihen, was er dir aufgezwungen hat. Harry…“, er brach ab, konnte nicht mehr weitersprechen.

Harry legte seine dünnen Arme um ihn, hielt ihn einfach nur fest. Severus war so dankbar, dass der Kleine da war, ihm seine Wärme schenkte, seine Zuneigung. Es war vielleicht keine Liebe, aber es fühlte sich verdammt gut an.

„Danke, Kleiner.“, wisperte er nach einigen Minuten.

„Du liebst ihn wirklich.“, stellte Harry leise fest. „Ich hab noch nie mitbekommen, dass sich jemand so viele Gedanken um einen anderen Menschen macht.“

„Das gehört dazu, wenn man sich liebt. Und das hätte ich auch gemacht, wenn Draco nicht mein Partner wäre, sondern ‚nur‘ mein Patenkind. Das Gleiche würde ich auch für dich machen, Harry.“

Dankbar und um Worte verlegen schmiegte sich Harry wieder an den Älteren. Beide dachten darüber nach, ob es keine andere Lösung gäbe, aber ihnen fiel nichts ein. Schließlich stand Severus auf, Harry sollte zumindest etwas trinken, vielleicht auch eine Kleinigkeit essen, er war furchtbar dünn. Er brachte ihm Bananen und Feigen, die waren leicht und trotzdem nahrhaft, zudem eine Tasse heiße Schokolade. Harry ließ es sich schmecken. Seit dem Morgen aß er mit Appetit, stellte Severus erleichtert fest.

„Severus, du sagtest gerade, dass Sirius uns eingeladen hat. Wann? Ich hatte keine Ahnung davon, ich dachte, er will mich nicht mehr haben.“, endete Harry kleinlaut.

„Gleich bei seinem ersten Besuch hat er das gesagt. Wahrscheinlich hast du da gerade geschlafen. Ich habe sein Angebot angenommen, wir werden zu Beginn der Sommerferien in den Grimmauldplatz ziehen.“, erklärte Severus.

Jetzt verstand er noch mehr, was in Harry vorgegangen war, warum er so verzweifelt gewesen war. Endlich schien er sich zu entspannen, etwas schien sich in ihm zu lösen. Doch er musste noch einmal mit ihm reden. „Harry, eigentlich wollte Dumbledore gestern kommen, damit wir die Horkruxe zerstören, aber aufgrund der Ereignisse in der Nacht haben wir es verschoben. Er wird heute Abend kommen. Willst du dabei sein oder lieber weg bleiben?“, warnte er Harry vor.

Der Angesprochene überlegte eine ganze Weile. Severus gab ihm Zeit, er wusste, es war nicht leicht für Harry. Er konnte in dem Gesicht des Jüngeren lesen wie in einem offenen Buch. Er war unsicher, unentschlossen, wollte einerseits nichts mit diesen Schrecken zu tun haben, nachdem er schon einmal einen Horkrux zerstört hatte, aber andererseits seine beiden neuen Freunde unterstützen, sie nicht alleine lassen. Aber Dumbledore würde da sein und der Junge hatte jedes Vertrauen in den Direktor verloren, er hatte Angst vor ihm. Und doch, er konnte einen Beitrag leisten, Voldemort zu stoppen. Schließlich die Entscheidung. Harry sah auf. „Ich bin dabei, aber ich will es nicht selber tun. Ich will euch helfen.“

Severus akzeptierte das mit einem Nicken. Begeistert war er nicht, aber er respektierte Harrys Entscheidung. Er hatte den Fehler gemacht, ihn außen vor zu lassen und das hatte am Ende zu einem nur knapp verhinderten Selbstmord geführt. So etwas würde er nicht noch einmal zulassen.

„Hey, ich bin wieder da!“, kam es nun von der Tür.

Freudestrahlend kam Draco aus dem Büro ins Wohnzimmer. Seine Prüfung war sehr gut gelaufen, auch und vor allem dank Harrys Zauberstab. Er hatte Draco gute Dienste geleistet.

„Danke Harry, das war wirklich meine Rettung!“, bedankte sich Draco.

„Schon gut, ich brauche ihn hier nicht so notwendig, du kannst ihn für die Prüfungen gerne weiter nutzen.“, gab Harry, wieder rot im Gesicht, zurück.

Dracos Umarmung erwiderte er diesmal sofort und ließ sich auch gerne küssen. Severus sah es zufrieden, dass Harry aus sich heraus ging und die Zuneigung zu Draco inzwischen so offen zeigen konnte. Sie hatten also scheinbar den richtigen Weg eingeschlagen. Auch wenn sie noch viel Zeit brauchen würden, bis Harry wieder ein normales Leben führen konnte, falls er jemals dazu in der Lage sein sollte. Ganz sicher war Severus sich nicht, was das betraf.

In der Zwischenzeit war Dobby mit dem Abendessen erschienen und sie setzten sich an den Tisch. Wieder aß Harry mit einem gesunden Appetit, auch wenn er nicht viel auf einmal essen konnte. War ja auch kein Wunder, nachdem er jeden Sommer kaum etwas bekam, war sein Magen geschrumpft, hatte Poppy in einer Untersuchung festgestellt. Lieber sollte er öfter kleine Portionen essen, dann würde er auch wieder zunehmen. Aber bisher hatte Harry auch nicht wirklich gerne gegessen, seit heute schien es anders zu sein. Also war er wirklich auf dem Weg der Besserung.

 

 

Sie waren kaum mit dem Essen fertig, klopfte es auch schon an der Tür. Dumbledore war gekommen. Severus bat ihn herein und er setzte sich zunächst im Wohnzimmer auf einen der Sessel, bis Harry und Draco dazu kamen. Severus war im Labor verschwunden und holte eine Phiole mit Basiliskengift. Mehr davon würden sie wohl nicht brauchen. Außerdem einen Dolch, den sie mit dem Gift tränken wollten. Es war ein altes Familienerbstück, vor Jahrhunderten von Kobolden gefertigt worden. Bisher hatte Severus ihn eigentlich nie genutzt, aber heute konnten sie ihn brauchen.

Es war eine ziemlich kurze Waffe, ursprünglich mehr für zeremonielle Zwecke genutzt, daher auch mit silbernen Einlegearbeiten am Griff ausgestattet, die das Wappen der Familie Prince zeigte. Auch war er mit Edelsteinen, sogenannten Kraftsteinen, verziert, die in der Lage waren, Magie zu speichern, damit der Träger sie bei Bedarf nutzen konnte, wenn seine eigene Energie zur Neige ging. Die Klinge war nur etwa zwanzig Zentimeter lang und zweischneidig.

Severus gab Draco die beiden Dinge und bat die Anwesenden, ihm zu folgen. Er wollte die Horkruxe nicht alleine aus dem Versteck holen, zu viel dunkle Magie war immer noch um sie, obwohl sie die meisten Banne bereits gebrochen hatten.

Sie gingen am Schlafzimmer vorbei und an der hinteren Wand ging Severus in die Knie. Mit seinem Zauberstab und einem gemurmelten Zauber öffnete er ein verstecktes Geheimfach nahe dem Boden. Die Steine verschoben sich, ähnlich wie sich der Durchgang zur Winkelgasse bildete, und gaben den Blick auf ein Fach frei, das etwa die Größe von zwei Schuhkartons hatte. Sobald sich das Fach öffnete, hatten sie das Gefühl, dass die Temperatur abrupt absackte. Alle vier froren plötzlich und hatten Gänsehaut. Harry, der ein bisschen entfernt gestanden hatte, ging zwei Schritte und drängte sich an Draco, der den Arm um ihn schlang. Sie versuchten sich gegenseitig zu wärmen, wissend, dass sie vor dem Direktor nicht zu Severus konnten.

Dumbledore lächelte ob der offen gezeigten Zuneigung der ehemaligen Erzfeinde. Er kam nicht umhin zu bemerken, dass Harry nun wesentlich gelöster und fröhlicher wirkte als all die Jahre zuvor. Escalada maunzte, weil sie nicht beachtet wurde und kletterte dann an Harrys Hosenbein nach oben. Meist blieb sie im Hintergrund, aber immer nahe an Harry, so als wüsste sie genau, dass dieser die Nähe brauchte. Aber jetzt fühlte sie sich offenbar zu wenig beachtet und machte so auf sich aufmerksam. Harry griff nach ihr und sie kuschelte sich in seine Arme, ließ sich die Streicheleinheiten gefallen, die Harry und Draco ihr schenkten.

Severus hatte in der Zwischenzeit seine Drachenleder-Handschuhe angezogen, die er sonst nutzte, um gefährliche Zutaten für Tränke zu verarbeiten. Damit schützte er seine Haut vor einer Berührung mit den Horkruxen, denn diese konnten ihm immer noch gefährlich werden, auch wenn sie die Gefahr durch das Entfernen der Banne bereits deutlich reduziert hatten. Doch auch das Seelenbruchstück an sich war jeweils gefährlich genug, es war durch und durch schwarzmagisch und hatte eigene Verteidigungsmechanismen. Severus hatte keine Lust herauszufinden, wozu sie in der Lage waren. Er brauchte seine Hände noch. Albus Dumbledore beschwor ein Tablett herauf, damit sie sie tragen konnten und Severus legte die Horkruxe nacheinander darauf. Zuerst den Becher, dann das Medaillon von Slytherin, das Diadem und am Ende den Ring. Harry schauderte wieder und Draco drückte ihn beruhigend an sich. Auch er selber fühlte sich absolut unwohl, aber er würde stark sein für Harry, der brauchte ihn jetzt.

Als die Horkruxe auf dem Tablett lagen, drehte sich Dumbledore um und ging ihnen voran in Severus´ Labor. Sie hatten entschieden, die Horkruxe dort zu vernichten. Draco hatte, noch bevor Harry zu ihm getreten war, ein wenig von dem Gift auf den Dolch getropft und trug nun den Dolch mit sich. Zuerst hatte er von Severus wissen wollen, warum sie die beiden Sachen nicht im Labor lassen konnten, wenn sie die Horkruxe sowieso dorthin bringen würden, aber Severus wollte auf Nummer sicher gehen und nicht unbewaffnet mit den Horkruxen hantieren. Da hatte Draco sich bereit erklärt, den Dolch zu präparieren und zu tragen.

Im Labor stellte Dumbledore das Tablett auf ein kleines Regal an der Wand. Severus nahm den Ring und legte ihn in einen schweren, alten Kessel, den sie nutzen wollten, um die Horkruxe zu zerstören. Er nickte Draco zu und der trat von Harry weg und nach vorne. Er zitterte leicht, ob vor Kälte oder Angst, konnte man nicht sagen. Sein Gesicht zeigte nur Konzentration, sonst nichts. Der Blonde hob den Dolch und wollte zustoßen, doch Severus stoppte ihn.

„Warte, Draco. Zieh die Handschuhe an und eine Schutzbrille, nur um sicherzugehen. Wir wissen nicht genau, was passieren wird.“, bat er ruhig.

Draco nickte und tat wie gewünscht. Dann hob er den Dolch erneut und diesmal stoppte ihn niemand, als er ihn schwungvoll nach unten stieß. In dem Moment, als die Klinge auf den Ring traf, hörten sie einen langgezogenen, spitzen Schrei und Draco wurde einen Augenblick von einer schwarzen Wolke eingehüllt. Sie war sofort wieder verschwunden, aber Draco stand blass und zitternd neben dem Kessel, Schweißperlen auf der Stirn.

Harry trat zu ihm und zog ihn weg. Er konnte sehen, dass auch aus dem Ring eine schwarze Masse kam, die aussah wie damals bei dem Tagebuch. Harry wusste, wie Draco sich fühlen musste, absolut fix und fertig, ausgelaugt, als ob ihm nie wieder warm werden würde. Er hatte dieses Gefühl nicht vergessen. Draco spürte, wie sich Harrys Arme um ihn legten, ihm Wärme und Geborgenheit spendeten. Zitternd atmete er tief ein und fokussierte seinen Blick dann auf Harry, sah ihm tief in die Augen.

„Danke Harry.“, hauchte er.

„Gut gemacht, Dray!“, antwortete Harry.

Severus nahm Draco die Handschuhe und die Brille wieder ab und wandte sich an Dumbledore.

„Das Diadem.“, entschied der Direktor.

Er zog sich die Handschuhe über, die sich dank eines entsprechenden Zaubers jedem Träger anpassten. Auch die Schutzbrille setzte er auf, dann griff er nach dem Diadem und legte es zu dem zerstörten Ring. Jetzt packte er den Dolch und stieß schnell zu. Das Diadem brach mit einem ähnlichen Schrei wie der Ring auseinander. Auch hier gab es eine schwarze Wolke, doch sie schien Dumbledore nicht so sehr zu beeinträchtigen wie Draco. Er wirkte nicht so erschöpft wie der Blonde. Dennoch zitterten auch ihm die Knie. Das Diadem blieb in dem Kessel bei dem Ring liegen. Severus nahm die Handschuhe und die Brille an sich und streifte sie über, bevor er nach dem Medaillon griff.

„Warte, Severus.“, bat Harry, als der Tränkemeister zustechen wollte.

„Was ist, Harry?“, fragte Severus irritiert.

„Ich weiß nicht, aber etwas sagt mir, dass es nicht klappt. Darf ich einen Versuch machen?“, sagte Harry unsicher.

„Natürlich, was hast du vor?“, antwortete Severus mit einer Gegenfrage.

„Ich glaube, man muss es öffnen. Und weil es von Slytherin ist, muss es wohl mit Parsel passieren. Aber ich kann kein Parsel mehr verstehen, ich hoffe, ich kriege die Laute noch hin.“, erklärte Harry.

Dann zischte er vor sich hin. Doch es passierte nichts. Noch einmal zischte er, wieder passierte nichts.

„Harry, das klingt anders als das, was du sagtest, um den Zugang zur Kammer zu öffnen. Darf ich mal versuchen?“, warf Draco ein.

Harry nickte und Draco stieß ein ähnliches Zischen aus, was zur Folge hatte, dass sich das Medaillon wie von Geisterhand öffnete. Zwei schattenhafte Gestalten kamen heraus, bildeten sich zu geisterhaften Figuren. Harry und Draco, die sich küssten. Sie sahen hämisch auf den Tränkemeister herab.

„Onkel Sev, jetzt!“, rief Draco in die dröhnende Stille hinein.

Severus gab sich einen Ruck und stach zu. Man konnte die Wut sehen, wieder und wieder stieß er den Dolch in das Medaillon, bis Draco und Harry zu ihm traten, ihm jeder eine Hand auf den Arm legten. Harry rechts und Draco links. Zitternd brach Severus zusammen und schlug die Hände vor sein Gesicht. Die beiden Jungs nahmen ihn in den Arm und murmelten ihm beruhigende Worte zu. Er brauchte eine ganze Weile, bis er sich wieder gefangen hatte. Es war, als wären alle seine Sorgen und Ängste der letzten Wochen auf einmal über ihn hereingebrochen und dann noch dieses Trugbild des Horkruxes. Das war zu viel für ihn gewesen, auch wenn er wusste, dass Draco und Harry ihn nie sitzen lassen würden. Gut, dass Dumbledore das bisher nicht richtig interpretierte. Jetzt war nur noch der Becher übrig. Wer würde diesen zerstören? Er selber konnte es nicht mehr und auch Draco wirkte immer noch extrem blass.

„Albus? Der Becher?“, ließ sich Severus vernehmen.

„Natürlich, mein Junge. Wenn du mir die Handschuhe gibst.“, antwortete Dumbledore leise und gütig.

Severus reichte sie ihm und Dumbledore legte den letzten Horkrux zu den anderen. Er setzte die Brille ein zweites Mal auf und kontrollierte noch einmal, ob die Handschuhe auch richtig saßen, dann hob er den Dolch und stieß ein letztes Mal zu. Alles in ihm widerstrebte der Zerstörung, aber er riss sich zusammen. Nur wenn sie die Horkruxe vernichteten, dann hatten sie die Möglichkeit, letztendlich auch Voldemort zu stoppen. Er war inzwischen viel zu weit gegangen, als dass man noch hoffen konnte, dass er sich besinnen würde. Nein, Voldemort würde seinen Weg so lange weitergehen, bis er vernichtet war.

Doch auch Dumbledore fühlte sich nun absolut ausgelaugt und erschöpft und setzte sich zu Severus auf den Boden, da seine Knie zitterten und die Beine ihn nicht mehr tragen wollten. Harry stand auf und ging in die Küche, kam kurz danach mit vier Tassen heißer Schokolade wieder. Sie würde ihnen allen gut tun, sie von innen wieder aufwärmen.

„Danke Harry!“, kam es dreistimmig.

Die Schokolade tat gut und nach einer Weile konnten sie wieder aufstehen. Severus machte sich daran, verschiedene Zutaten aus seinem Schrank zu holen und zu zerkleinern. Er hatte lange in verschiedenen Büchern geforscht und schließlich einen Trank gefunden, der in der Lage sein müsste, die Überreste der Horkruxe endgültig zu vernichten. Den würde er nun im selben Kessel brauen, in dem sie schon die Horkruxe unschädlich gemacht hatten.

Sie würden auf Nummer sicher gehen, was diese Artefakte betraf. Nichts sollte davon übrig bleiben. Harry entzündete auf seine Anweisung hin ein Feuer und Draco half ihm beim Brauen. Dumbledore stand neben Harry und sah ihnen beim Brauen zu. Harry schwirrte nach kurzer Zeit der Kopf. Er hatte noch nie gesehen, wie ein so komplexer und komplizierter Trank gebraut wurde. Staunend beobachtete er den Tränkemeister bei der Arbeit. Es sah aus wie ein gut einstudierter Tanz, den Severus da vollführte. Jede Bewegung wirkte abgestimmt auf die nächste und es war gleichzeitig komplex und absolut einfach. Er schnitt die Zutaten mit einer Schnelligkeit und Präzision, die Harry nie in seinem Leben erreichen würde, rührte im Kessel und reduzierte oder erhöhte die Temperatur des Feuers quasi nebenbei.

Er wirkte nicht einen Moment lang unkonzentriert oder unsicher, wusste immer genau, was er wann tun musste, sah kaum auf das Rezept. Seine Hände flogen nur so über die Schneidbretter, wie wenn sie keine Befehle des Gehirns bräuchten. Dieser Vorgang übte eine ungeahnte Faszination auf Harry aus. Jetzt wusste er, warum Severus einer der zehn besten Tränkemeister weltweit war. Man konnte es sehen, wenn man ihm beim Brauen zusah. Er war ein anderer Mensch, sobald er an seinem Kessel hantierte.

Es dauerte nur wenig über eine Stunde, dann war der Trank soweit, dass er nur noch köcheln musste. Erst jetzt nahm Severus wieder Kontakt mit seiner Umwelt auf. Er wusch sich die Hände, ging in die Küche und holte sich einen Kaffee. Dann wandte er sich an die anderen Drei.

 

„Es muss jetzt noch einige Stunden kochen, dann lösen sich die Überreste nach und nach auf. Ich habe einen Zauber gewirkt, dass die Temperatur bis dahin gleich bleibt. Draco, Harry, ihr geht jetzt am besten schlafen. Vor allem du, Draco, du hast in ein paar Stunden die nächsten Prüfungen und solltest fit dafür sein. Harry, du musst dich noch erholen, also ab ins Bett. Danke für deine Hilfe, Albus. Ich denke, wir haben heute einen großen Schritt getan!“

„Ich danke dir, Severus. Du hast eine Menge auf dich genommen, dass das hier erst möglich wurde. Auch du solltest besser schlafen. Ich werde dann gehen, sehe aber morgen früh nochmal nach dem Trank, wenn ich darf.“, gluckste Dumbledore.

„Natürlich, Albus.“, erwiderte Severus und begleitete ihn nach draußen.

Draco und Harry waren in der Zwischenzeit im Bad verschwunden und machten sich fertig fürs Bett. Müde krabbelten sie wenige Minuten später in Severus´ großes Bett im Schlafzimmer. Ohne sich darum zu kümmern, ob der Ältere auch noch kommen würde, schliefen sie aneinander gekuschelt ein. Draco würde in ein paar Stunden schon wieder aufstehen müssen. Sie hatten nicht bemerkt, wie lange es gedauert hatte, die Horkruxe zu vernichten. Inzwischen war es fast zwei Uhr morgens.

 

 

 

 

Die nächsten Tage kämpfte sich Draco durch die ganzen ZAG-Prüfungen. Weiterhin mit Harrys Zauberstab, da sein eigener ihm nicht so zu Diensten war. Mit Harrys Stab hingegen fiel ihm nicht einmal der Patronus mehr schwer. Er hatte danach gefragt, warum das so war, doch genau wusste es keiner. Dumbledore vermutete eine Seelenverwandtschaft zwischen Harry und Draco. Severus verbrachte fast die gesamte Zeit mit Harry, außer an den beiden Tagen, als die Tränke-Prüfungen waren, erst die fünften, dann die siebten Klassen, da musste er Aufsicht führen. Ansonsten vertraten ihn Minerva oder Albus.

Nachts schliefen sie weiterhin zu dritt in einem Bett, doch es kam nie zu mehr als leichten Berührungen, denn Harry hatte ihnen signalisiert, dass er nicht bereit für mehr war. Draco war von den Prüfungen so geschafft, dass auch er in der Zeit nicht mehr wollte. Die Prüfungen zogen sich über zwei Wochen und waren Mitte Juni zu Ende. Danach hatten die Schüler der fünften und siebten Klassen noch zwei ruhige Wochen vor sich, in denen sie unterrichtsfrei hatten, bevor es in die Ferien gehen sollte.

Immer wieder brachte Hedwig Nachrichten von Sirius aus London. Ein Brief berichtete von einem Kampf im Ministerium, bei dem es der Orden und die Auroren, Sirius arbeitete inzwischen wieder als Auror, knapp geschafft hatten, die Übernahme durch die Todesser zu verhindern. Scrimgeour als neuer Minister hatte die Schutzzauber um das Ministerium verbessert, sodass es nicht mehr möglich war, einen Imperius innerhalb der Mauern zu wirken, auch bereits gesprochene Zauber verloren ihre Wirkung innerhalb der Mauern des Ministeriums. Allerdings war die Winkelgasse ein paar Tage später nicht so glimpflich davongekommen. Todesser hatten sie teilweise verwüstet, Geschäfte zerstört und abgebrannt, Geschäftsinhaber gefoltert und manche auch getötet.

 

Am zweiten Prüfungstag war im Lauf des Vormittags eine Eulensendung für Draco angekommen, die mehrere Pakete umfasste, in denen Kleidung und Hygiene-Artikel für Draco waren. Es war nicht viel, aber alles, was Draco brauchte. Severus und Draco hatten keine Ahnung, wer das besorgt hatte, Madam Malkins und Mister Brunner, der Drogerie-Besitzer, erklärten auf Nachfrage nur, dass es bezahlt war, aber sie Anweisung hätten, nichts zu sagen. Einen Tag später kam Sirius am Nachmittag und brachte ein paar Kleidungsstücke für Harry, versprach ihm noch eine ausführlichere Einkaufstour im Sommer, damit auch er endlich mal etwas Vernünftiges zum Anziehen hätte. Das weckte in Severus eine Ahnung, dass Sirius die Sachen für Draco gekauft haben könnte, aber er bekam es nicht heraus, Sirius stellte sich überzeugend ahnungslos. Da beschloss Severus, es auf sich beruhen zu lassen, immerhin waren Draco und Sirius verwandt.

 

Heute war der letzte Prüfungstag angebrochen und Draco würde vormittags noch die allerletzte Prüfung ablegen. Wie jeden Tag gab ihm Harry früh seinen Zauberstab, denn dieses Mal stand noch eine praktische Prüfung auf dem Plan, Verwandlung. Severus und Harry umarmten und küssten Draco noch einmal und schickten ihn dann zur Prüfung. Doch an diesem Tag hatte Harry ein komisches Gefühl. Er war unruhig. Obwohl er erst zwei Tage vorher getrunken hatte, ließ Severus ihn noch einmal an seinem Arm Blut trinken, das beruhigte Harry normalerweise wieder. Aber heute funktionierte es nicht. Harry lief nach einiger Zeit unruhig auf und ab, musste sich bewegen. Das ungute Gefühl steigerte sich immer weiter und es zog ihn nach draußen. Doch er war seit März nur zweimal außerhalb von Sevs Wohnung gewesen, das erste Mal war so schlimm, dass er nicht mehr daran denken wollte und beim zweiten Mal waren sie in die Kammer gegangen.

Aber jetzt hatte er das drängende Gefühl, er müsse zu Draco. Irgendetwas stimmte nicht. Da fiel ihm seine Karte ein. Seit März hatte er sie nicht mehr in der Hand gehabt. Schnell holte er sie aus seinem Koffer und aktivierte sie mit Dracos neuem Stab, suchte dann nach dem Punkt, der mit Dracos Namen beschriftet war. Severus beugte sich, neugierig geworden, über seine Schulter und staunte über die Magie dieser Karte. Harry erklärte sie ihm bereitwillig und erzählte ihm sogar, wie er dazu gekommen war und wer sie geschaffen hatte.

„Das hätte ich den Rumtreibern nie zugetraut. Das ist ein starkes Stück Magie, sehr weit fortgeschritten! Und das haben sie in ihrer Schulzeit geschaffen?“

Severus war fast sprachlos. Er hatte James Potter und seine Freunde immer für angeberische Besserwisser gehalten, aber scheinbar hatte er sich gewaltig getäuscht. Natürlich hatte er sie gehasst, hatte ihnen immer noch nicht vergeben, wie sie damals mit ihm umgegangen waren, aber er sah es nun zumindest ein wenig anders. Harry hatte sich im Namen seines Vaters entschuldigt. Lieber wäre ihm diese Entschuldigung von James gewesen, und auch Sirius schuldete ihm noch eine, aber der reine, blanke Hass war nicht mehr da. Eher Enttäuschung und Wut. Als er gesehen hatte, wie Black sich um Harry sorgte, war der Hass verschwunden.

Gebannt verfolgten sie nun Dracos Punkt auf der Karte. Scheinbar war seine Prüfung vorbei, er ging von der großen Halle weg in Richtung Kerker. Mehrere Punkte folgten ihm, umringten ihn. Ron Weasley, Hermine Granger, Dean Thomas, Seamus Finnegan. Eine Weile tat sich nichts auf der Karte, dann gingen die Gryffindors in Richtung ihres Gemeinschaftsraumes. Dracos Punkt blieb auf der gleichen Stelle.

„Da stimmt was nicht!“, rief Harry aus.

Severus stimmte dem zu und machte sich auf den Weg, Harry folgte ihm ohne zu überlegen. Er konnte nur an Draco denken und lief hinter Severus her. Um die Karte zu aktivieren hatte er Dracos Stab genutzt, den hatte er nun immer noch in der Hand. Sie rannten die Treppen nach oben. Am oberen Ende der Treppe lag der Blonde, blass, zitternd, in einer Blutlache. Neville kniete neben ihm und sprach einfache Zauber zur Blutstillung aus. Als er Harry und Severus sah, trat er zurück.

„Madam Pomfrey ist schon verständigt, ich hab Luna geschickt.“, erklärte er leise.

Severus war sofort neben seinem Partner in die Knie gegangen und stillte erst einmal die restlichen Blutungen. Leise murmelte er Beschwörungen, die fast wie ein Lied klangen, vor sich hin. Neville und Harry konnten zusehen, wie sich die ersten Wunden schlossen. Nur ein oder zwei Minuten später kam auch die Heilerin und kümmerte sich um den Bewusstlosen. Severus richtete sich auf und seinen Blick auf Neville.

„Mr. Longbottom, was genau ist hier passiert?“, schnarrte er.

„P… Pro… Professor, ich weiß nicht genau.“, begann er leise und unsicher.

„Mr. Longbottom, ich weiß, dass sie nicht beteiligt waren. Mir ist klar, dass sie Draco eben geholfen haben, ihm möglicherweise sogar das Leben gerettet. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar und ich denke, das ist dreißig Punkte für Gryffindor wert. Sie haben Mut bewiesen und sich gegen ihre Hauskameraden gestellt, die Draco geschadet haben. Aber jetzt würde ich gerne erfahren, was sie wissen.“, erklärte Snape nun ruhiger.

Neville straffte sich und sah dem Professor ins Gesicht. Zum allerersten Mal hatte er Punkte von Snape bekommen und nicht verloren.

„Sie haben heute Morgen im Gemeinschaftsraum darüber gesprochen, dass Draco Harrys Zauberstab benutzt bei den Prüfungen. Außerdem geistert schon seit Wochen das Gerücht herum, dass Draco Harry verhext hat, weil er keinen Kontakt mehr mit seinen Freunden haben will und bei ihnen wohnt, Professor. Deshalb und weil Draco ein Slytherin ist, wollten sie ihn heute abfangen nach der Prüfung. Ich kam erst später aus der Prüfung und habe die vier, Seamus, Dean, Ron und Hermine, zum Turm eilen sehen. Dann habe ich Draco in seinem eigenen Blut liegen sehen und Luna zum Krankenflügel geschickt und versucht, Draco zu helfen. Aber viel mit Heilzaubern kann ich leider nicht.“, berichtete er klar und deutlich.

„Danke Neville. Du warst großartig.“, kam es leise von Harry.

Inzwischen hatte sich eine Menge Schüler um die Gruppe versammelt und Harry wurde langsam unwohl. Severus sah, dass Harry sich wieder klein machte und wusste, dass es ihm zu viel wurde. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich mit seiner kältesten Stimme an die Umstehenden: „Haben sie nichts Besseres zu tun? Wer hier nicht gebraucht wird, verschwindet sofort und wenn nicht, dann ziehe ich jedem dreißig Punkte ab, der in einer Minute noch hier steht.“

Das half, sofort stoben die Schüler auseinander. Neville blieb allerdings, er wollte wirklich wissen, wie es um Draco stand und auch, wie es Harry ging.

„Wie geht´s dir, Harry?“, fragte Neville.

„Naja, geht schon. Aber ich mag keine Menschenmassen. Und keine Berührungen. Ich hab Draco meinen Stab geliehen, weil er damit besser zaubern kann als mit seinem neuen, da sein Vater ihm seinen weggenommen hat.“, erklärte Harry.

„Er muss in den Krankenflügel und ein paar Tage Bettruhe halten. Aber ich denke, er wird es überstehen.“, meldete sich die Heilerin nun zu Wort.

Severus übernahm es, Draco hochzuheben und persönlich in den Krankenflügel zu tragen. Harry wandte sich noch einmal Neville zu und dankte ihm ein weiteres Mal, dann folgte er Severus. Neville sah ihm traurig hinterher. Er spürte, dass die Gerüchte, die in der Schule kursierten, richtig waren. Harry war nicht nur misshandelt sondern auch vergewaltigt worden. Jetzt zeigte er sein wahres Ich, ohne Maske oder Schauspielerei. Schon immer hatte Neville das Gefühl gehabt, dass Harry nicht er selbst war, aber er hatte es nicht richtig fassen können und war nie eng genug mit Harry befreundet gewesen, um ihn danach zu fragen. Er hoffte, dass Professor Snape Harry helfen konnte. Zwar wunderte es ihn, dass Harry ausgerechnet zu dem Tränkemeister so viel Vertrauen hatte, aber das war Harrys Entscheidung. Er würde es akzeptieren, aber er wünschte, er könnte Harry auch helfen. Doch Luna hatte ihm erklärt, dass dieser dafür noch Zeit brauchen würde.

 

Im Krankenflügel lag Draco inzwischen in einem Bett, hatte Tränke bekommen und war mit verschiedenen Salben behandelt worden. Er atmete nun ruhiger und gleichmäßiger. Severus und Harry saßen an seinem Bett, rechts und links, und hielten seine Hände. Sie sprachen nicht, wechselten nur hin und wieder einen besorgten Blick, wenn Draco wieder ungleichmäßiger atmete. Aber Poppy hatte ihnen versprochen, dass er es schaffen würde. Es waren zu ihrem Glück keine schwarzmagischen Flüche gewesen, aber der Schaden war groß genug. Gebrochene Rippen, gebrochenes Handgelenk von dem Sturz, Schnittwunden, Platzwunden, eine Gehirnerschütterung. Die vier Gryffindors hatten nicht nur gezaubert sondern ihn auch mit Fäusten und Füßen traktiert. Wäre Neville nicht gewesen, wären Severus und Harry wohl tatsächlich zu spät gekommen. Draco hatte unwahrscheinliches Glück gehabt, brauchte jetzt nur Ruhe. Doch Severus wollte ihn nicht alleine lassen, ebenso wenig Harry. Daher ließ er zu, dass auch Harry am Bett sitzen blieb.

Die Heilerin wollte beide aus dem Krankenflügel schicken, damit Draco Ruhe hatte, aber als Severus sie auf die Gefahr hinwies, in der Draco schwebte, weil er vom dunklen Lord gerne gefangen genommen werden sollte, da entschied sie, ihn in Severus´ Hände zu entlassen und sich wie bei Harry regelmäßig von seinem Zustand ein Bild zu machen. Also nahm Severus gegen Abend Draco wieder in den Arm und trug ihn zurück in die Kerker, in seine Wohnung. Er legte ihn im Schlafzimmer ins Bett und setzte sich dann mit Harry zum Essen in die Küche.

„Alles in Ordnung mit dir, Harry? Wie geht´s dir?“, fragte er leise.

Er wusste, dass es Harry sehr mitgenommen hatte, was heute passiert war. Vor allem, dass seine ehemaligen Freunde so brutal mit Draco umgesprungen waren. Aber auch, dass Neville sich um Draco gekümmert hatte, überraschte wohl nicht nur ihn selber sondern auch Harry.

„Ich hatte solche Angst um Dray. Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich die Wohnung verlassen hab. Nur Dray war in dem Moment wichtig. Als ich ihn liegen sah, dachte ich, es wäre vorbei. Doch dann hab ich Neville gesehen und er hat geholfen. Da wusste ich, Dray lebt. Ich hätte nie gedacht, dass sich ausgerechnet Neville überwindet, Dray zu helfen. Er hatte immer Angst vor ihm, weil er sich gegen seine Übergriffe nicht wehren konnte.“, antwortete Harry.

„Und wie geht´s dir jetzt?“, hakte Severus nach.

„Ich bin okay. Erleichtert, dass Dray hier ist. Aber diese Menge an Schülern, sie hat mich fast erdrückt. Ich weiß nicht, ob ich das jemals wieder kann.“, wisperte Harry.

„Komm, gehen wir zu Draco.“, schlug Severus vor und Harry nickte.

Der Gryffindor ging zuerst ins Bad, duschte sich kurz, da er sich klebrig und verschwitzt fühlte, putzte sich die Zähne und zog seinen Schlafanzug an. Dann ging er ins Schlafzimmer, legte sich zu Draco und wartete auf Severus. Der kam eine Viertelstunde später, ebenfalls frisch geduscht und legte sich auf Dracos andere Seite.

„Schlaf Harry, wenn etwas ist, dann wache ich auf, du musst dich nicht kümmern.“, versprach Severus.

Vertrauensvoll schloss Harry seine Augen und schlief kurz danach tief und fest, sein Arm war um Draco geschlungen und seine Hand hatte sich mit der von Severus verflochten. Zufrieden schmunzelnd legte sich Severus ein wenig bequemer hin und deckte sie alle drei noch fester zu, dann schloss auch er seine Augen und war kurz danach eingeschlafen. Er wusste, er würde aufwachen, sobald einer der beiden sich bewegte, sein Schlaf war schon immer leicht gewesen, aber seit er als Spion tätig gewesen war, schlief er noch leichter, es war seine Lebensversicherung. Wie schnell hatte man in den Reihen der Todesser ein Messer im Rücken, wenn man zu tief schlief. Sie würden morgen die Koffer packen und zu Sirius Black gehen, entschied er kurz vor dem Einschlafen. Dort waren sie sicherer als hier.

 

 

 

 

Draco schlief die Nacht friedlich durch, aber Harry hatte gegen Morgen einen Alptraum. Es lag bestimmt an den gestrigen Ereignissen, da war sich Severus sicher, aber Harry weigerte sich, darüber zu reden, wollte nur wieder schlafen. Severus ließ ihn, aber er würde noch mit ihm darüber reden. Harry sollte das nicht mehr alleine durchmachen, nie wieder. Und wenn er es in sich hineinfraß, dann schaukelte es sich hoch, und das wollte er nicht wieder riskieren. Gegen kurz nach sieben Uhr morgens hörte er dann Poppy in die Wohnung kommen. Er wollte eigentlich aufstehen, aber sie war schneller.

„Bleib, Severus, von mir hört das keiner. Wenn es gut für euch ist, dann ist es mir Recht. Ich sehe doch, wie gut es euch dreien tut. Ungewöhnlich vielleicht, aber für euch scheint es richtig zu sein. Und wie gesagt, von mir erfährt es keiner. Ich will nur sehen, wie es Draco geht.“

Sie sprach einen Diagnosezauber und schwenkte den Stab über Draco.

„Na also, sieht doch gut aus. Ich denke, er dürfte bald aufwachen. Ein wenig Kopfschmerzen in der nächsten Zeit sind normal, aber wenn er es ruhig angehen lässt, dann kann er schon ein bisschen aufstehen, nur nicht zu viel auf einmal. Er soll viel liegen und schlafen, dann gehen die Folgen der Gehirnerschütterung bald zurück.“, berichtete sie dann.

Erleichtert atmete Severus auf. Er hatte mit Schlimmerem gerechnet. Und wenn er so zurückdachte, musste die Heilerin sie nach Harrys Suizidversuch schon so gesehen haben. Aber damals war er selber so erschöpft gewesen und hatte fest genug geschlafen, sodass er sie nicht mitbekommen hatte. Ja, ihre Verbindung war ungewöhnlich, aber er fühlte sich absolut wohl in dieser Beziehung und die beiden anderen offenbar auch. Und das war doch das Wichtigste. Aber jetzt würde er erst einmal sehen, dass sie frühstückten und dann alles richten, um nach London zu gehen. Davor musste er mit Albus sprechen, dass dieser die Sperre vom Flohnetzwerk entfernte, damit sie das Schloss verlassen konnten. Severus seufzte leise. Eigentlich wäre es ihm lieber, wenn er den Direktor nicht in ihre Pläne einweihen müsste, aber ihm blieb keine Wahl. Nach dem Frühstück schickte er Draco und Harry, ihre Sachen zu packen. Er selber ging zu seinem Kamin im Büro und warf eine Handvoll Pulver hinein.

„Albus? Kann ich dich kurz sprechen?“, rief er dann.

Einen Moment später flammte das Feuer hellgrün auf und der Direktor kam durch.

„Guten Morgen, Severus. Was kann ich für dich tun? Wie geht es deinem Patensohn?“, begrüßte Albus den Tränkemeister.

„Guten Morgen. Soweit besser, aber ich möchte ihn hier wegbringen. Ihn und Harry. Die beiden brauchen Ruhe und ich weiß, dass die Schilde im Sommer schwächer sind, wenn sie die Schüler nicht schützen müssen. Sirius Black hat uns Zuflucht angeboten und ich habe angenommen. Eigentlich wollte ich bis zum Ende des Schuljahres warten, aber der gestrige Vorfall zwingt mich zum sofortigen Handeln. Ich möchte dich bitten, die entsprechende Sperre am Flohnetzwerk aufzuheben, dass Draco und ich durchkommen.“, antwortete Severus bestimmt.

„Hm, das ist vielleicht eine bessere Lösung als ich gehabt hätte. Das Haus von Sirius ist mit dem Fidelius geschützt und außerdem sind immer einige Ordensmitglieder anwesend, die zusätzlichen Schutz bieten. Und bei Ordensversammlungen könntest du als beratendes Mitglied teilnehmen, denn deine Erfahrung ist viel wert. Ich werde mich sofort daran machen, den Schutz am Flohnetzwerk zu verändern. Wenn ihr gegen Mittag abreisen könnt, reicht dir das?“

„Albus, welche Lösung hättest du gehabt? Und ja, Mittag reicht aus, wir müssen noch packen.“, hakte Severus nach.

„Nun, ich habe ein kleines Ferienhäuschen an der walisischen Küste von einem Großonkel mütterlicherseits geerbt, das hätte ich euch zur Verfügung gestellt, aber da wäre keinerlei Schutz vorhanden, den hätte man erst hinzufügen müssen und das wäre ziemlich auffällig geworden. Deine Lösung ist deutlich besser.“, wiederholte Dumbledore glucksend.

„Und was ist mit den Gryffindors?“, knurrte Severus nun.

„Minerva hat ihnen Punkte abgezogen und sie werden bis zum Ende des Schuljahres Strafarbeiten ableisten. Ich habe ihren Eltern geschrieben, ich denke, auch in der Hinsicht steht den vier Schülern noch Einiges ins Haus. Neville Longbottom ist übrigens zu Minerva gegangen und hat seine eigenen Hauskameraden bei ihr angezeigt, er ist der Meinung, dass das zu weit ging.“, erklärte der Weißhaarige.

„Das ist wohl das Mindeste.“, schnaubte Severus, sichtbar unzufrieden über die geringe Strafe.

„Fawkes hat übrigens noch ein Angebot an dich, er will versuchen, das Mal von deinem Arm zu entfernen.“, bemerkte der Direktor noch im Gehen.

Damit verließ er das Büro, um sich an die Veränderung der Schutzzauber zu machen. Ein sehr verwirrter und überraschter Severus ging nachdenklich in sein Schlafzimmer, um die Schränke auszuräumen. Er hatte nicht vor, noch einmal zurückzukommen, aber alles konnte er im Moment nicht mitnehmen, das wäre zu viel verlangt, wenn Black die Sachen auch noch unterstellen müsste. Auch wenn sie verkleinert nicht viel Platz wegnahmen, es ging ums Prinzip. Es war immer noch Black, sein damaliger Erzfeind. Auch wenn er es inzwischen etwas anders sah, es war noch lange nicht verziehen und würde wohl nie vergessen werden. Außerdem kreisten seine Gedanken darum, was Dumbledore gesagt und vor allem, was er nicht gesagt hatte. Beratendes Mitglied im Orden, was hatte er nur wieder vor? Nun ja, das war er ihm wohl schuldig, nach all dem, was Albus in den letzten Monaten für ihn getan hatte, um ihn und Draco zu schützen. Aber was hatte er mit Harry vor? Immer wieder hatte Severus mitbekommen, dass Harry derjenige sein sollte, der den dunklen Lord vernichten musste. Aber warum?

Harry war ein Teenager. Was war an ihm Besonderes, dass er in der Lage sein sollte, Voldemort zu vernichten, wenn es bisher sonst keiner geschafft hatte? War es, weil er als Baby, oder besser Kleinkind, den Todesfluch überlebt hatte? Aber das lag doch daran, dass Lily ihn mit ihrem Leben beschützt hatte. Zumindest hatte es Albus so erklärt. Warum also sollte Harry derjenige sein, der den letzten Kampf ausfechten musste? Er würde Albus noch darauf ansprechen müssen, und das bald. Wenn es keine wirklich gute Erklärung gab, dann würde er alles tun, um Harry da rauszuhalten. Der Kleine hatte ein bisschen Frieden mehr als verdient. Mit diesem Gedanken schloss er zufrieden seinen Koffer. Er hatte seine Kleidung und die sonstigen Kleinigkeiten, die er im Schlafzimmer aufbewahrte, komplett verpackt. Jetzt noch im Labor einpacken, was sie in nächster Zeit brauchen würden, und eventuell ein paar seiner Bücher. Auch wenn Black sicher eine große Bibliothek hatte, aber es waren nicht seine Bücher und ob er sich bei Black in die Bibliothek setzen würde, da war er sich selber noch nicht ganz klar.

Fawkes tauchte auf, als er das Schlafzimmer verlassen wollte. Er versperrte ihm schlicht und einfach den Weg und sah ihn mit seinen intelligenten Augen an. Der Phönix legte den Kopf schief, als wollte er sagen ‚Sag bloß, du willst es nun doch behalten‘.

„Schon gut, schon gut. Dann versuch dein Glück.“, brummelte der Tränkemeister.

Er gab es ungern zu, aber er hatte Angst davor, dass es nicht funktionieren könnte. Das war der Grund, warum er so brummig war. Aber er krempelte seinen linken Ärmel hoch und hielt dem Vogel den Unterarm hin. Fawkes legte seinen Kopf noch etwas schiefer und platzierte sein Auge genau über dem Mal. Er ließ eine, zwei, drei Tränen darauf tropfen und mit einem leises Zischen und einem scharfen Schmerz, der Severus die Tränen in die Augen trieb, verschwand das Mal, nur reine, unbeschädigte Haut hinterlassend.

„Danke Fawkes!“, wisperte er, als der Phönix verschwand und wandte sich dann Richtung Labor.

Im Labor verkleinerte er eine Unmenge an Phiolen mit verschiedenfarbigen Tränken. Man konnte nie wissen, und wenn sie im Hauptquartier des Phönixordens waren, dann brauchte er sicher den einen oder anderen Heiltrank. Eher früher als später, wenn er es sich genauer überlegte, der Krieg war eigentlich schon lange im Gange, nur bisher noch nicht so offensichtlich, bis auf den einen Kampf in der Winkelgasse. Aber was sie von Black zu hören bekamen, das klang schon ziemlich bedenklich. Der dunkle Lord wollte die Macht in Großbritannien übernehmen, er bereitete alles darauf vor, wie es schien. Nun, ab heute Mittag würde er immer auf dem neuesten Stand sein.

Nach kurzer Überlegung packte er auch noch die meisten Sachen aus seinem Vorratsschrank ein, wahrscheinlich würde er bei Black ein Labor finden, in dem er unter anderem wohl Wolfsbann brauen sollte. Als er alles verkleinert und in Kisten gepackt hatte, steckte er es in seinen zweiten Koffer. Danach ging er ins Gästezimmer.

„Fertig, ihr zwei?“, fragte er, als er Harry und Draco auf dem Bett sitzen sah.

„Ja.“, kam es zweistimmig.

„Äh, Sev, was ist mit deinem Arm?“, fragte Draco verwirrt.

Severus sah an sich hinunter und stellte fest, dass sein Ärmel noch nach oben gerollt war.

„Fawkes hat das Mal mit seinen Tränen entfernt.“, antwortete er leise.

Nach einem Blick auf Draco ordnete Severus an, dass der sich hinlegen sollte. Er war extrem blass. Scheinbar hatte er Schmerzen, auch wenn er nicht wollte, dass man es ihm ansah, aber Severus kannte ihn lange genug.

„Drache, hast du Schmerzen? Brauchst du was?“, wollte er wissen.

„Geht schon.“, wiegelte Draco ab.

„Offenbar nicht, es ist klar zu sehen. Leg dich hin und ruh dich aus. Harry komm, lassen wir ihn ein bisschen schlafen. Wir reisen gegen Mittag ab, werden aber vorher noch etwas essen. Harry, für dich ist ein Snack da, Dobby war eben hier. Und du schläfst, Draco, verstanden?“

Draco hatte sich inzwischen auf das Bett gelegt und die Augen geschlossen, dachte gar nicht daran, gegen die Anweisung zu protestieren. Harry machte sich Vorwürfe, weil er es nicht bemerkt hatte. Severus hatte ihn genau beobachtet.

„Harry, lass es. Es ist nicht deine Schuld, wenn ich ihn nicht so gut kennen würde, hätte auch ich nichts bemerkt. Du brauchst nicht immer alle Schuld auf dich zu nehmen, hast du verstanden? Du bist ein Teenager, musst nicht die Verantwortung der Erwachsenen alleine schultern. Und jetzt komm, iss etwas. Du tust Draco gut, und mir ehrlich gesagt auch.“

Dieses Zugeständnis aus Severus´ Mund überraschte sie beide. Der Tränkemeister war keiner, der sein Herz auf der Zunge trug. Vor einigen Monaten hätte Harry abgestritten, dass er überhaupt ein Herz hatte, und jetzt das. Mit großen Augen blickte er Severus an. Der war ein wenig verwirrt über diesen Blick, konnte ihn nicht deuten. Fragend sah er den Gryffindor an. Sie saßen sich am Tisch Eck an Eck gegenüber, er hatte Harry gerade den Obstteller hingeschoben, doch der ignorierte das komplett und starrte ihn mit riesigen Augen an.

„Ich … ich tu dir gut?“, flüsterte Harry schließlich.

Severus nahm ihn in den Arm. Es fühlte sich einfach gut an, genau wie bei Draco.

„Ja, das tust du, Kleiner.“, raunte er ihm schließlich ins Ohr.

Er spürte, wie sich Harrys Arme fest um ihn schlossen. Seine Schultern bebten leise. Weinte er etwa? Vorsichtig griff Severus unter Harrys Kinn und hob seinen Kopf an. Sein Gesicht war tränenüberströmt, aber er lächelte. Jetzt kam Severus nicht mehr mit.

„Was? Ist alles in Ordnung?“, fragte er entsetzt nach.

„Ich tu dir gut. Das hat noch nie jemand zu mir gesagt.“, nickte Harry lächelnd.

Severus zog seinen Kleinen wieder an sich. Er weinte vor Glück, nun das war nichts Schlimmes. Der Tränkemeister hielt ihn fest und sicher im Arm, bis das Beben und die Schluchzer abebbten, dann strich er ihm vorsichtig über das Gesicht, wischte die Tränenspuren ab. Wortlos schob er ihm dann die Obstschale noch einmal hin und warf ihm einen auffordernden Blick zu. Harry nahm sich eine Orange und schälte sie gedankenverloren, den Blick weit in die Ferne gerichtet. Severus saß einfach nur still neben ihm und gab ihm die Zeit, die er zu brauchen schien.

 

Zweieinhalb Stunden später saßen sie wieder zu dritt am Tisch und aßen das Mittagessen, Dobby hatte ihnen Steak mit Mais und Bohnen gemacht, dazu Kartoffeln, als es klopfte. Gleich danach ging die Tür auf, Severus war noch nicht einmal ganz aufgestanden, da setzte er sich wieder.

„In der Küche, Poppy!“, rief er.

Nur die Heilerin hatte jeweils das aktuelle Passwort zu seinen Räumen.  Es dauerte nicht lange, da wuselte sie auch schon herein und sah mit Freude, dass sowohl Draco als auch Harry mit Appetit zugriffen. Draco hatte nach dem Schlaf am Vormittag auch wieder etwas mehr Farbe im Gesicht, auch wenn er immer recht blass war, aber so schlimm wie nach dem Packen sah er selten aus. Insgesamt war sie nach einer kurzen Untersuchung sehr zufrieden.

„Schwindel? Doppelbilder? Übelkeit? Kopfschmerzen?“, wollte sie von Draco wissen.

„Leichte Kopfschmerzen, beim Aufstehen ist mir manchmal ein bisschen schwindelig, aber sonst geht´s mir gut.“, stellte Draco klar.

„Gut, dann sollten sie noch ein wenig langsam machen. Sollte etwas schlimmer werden oder noch Symptome dazu kommen, melden sie sich bitte bei mir.“, entschied die Heilerin.

„Ich werde dafür sorgen, Poppy. Aber wir werden nach dem Essen abreisen, wir gehen zu Black.“, setzte Severus die Heilerin in Kenntnis.

Die nickte nur kurz, sie hatte so etwas schon geahnt. Ihr war nicht verborgen geblieben, dass Black immer wieder kurze Besuche in den Kerkern gemacht hatte. Sie verabschiedete sich von den Dreien, doch da sie auch im Orden war, würden sie sich früher oder später wohl begegnen.

Nach dem Essen stellten sie sich vor den Kamin.

„Harry, du gehst zuerst, dann Draco und ich komme nach. Hat jeder seinen Koffer? Harry, du hast Escalada fest im Arm?“, schnarrte Severus.

Er war nicht sonderlich begeistert, aber es war notwendig, dass sie zu Black gingen. Er merkte es nicht einmal, dass er seine Gereiztheit an den beiden Teenagern ausließ, doch die nahmen es ihm nicht übel, wussten sie doch beide von der früheren Feindschaft.

Harry trat nach vorne, griff sich noch einmal an die Umhangtasche, in der sein Koffer steckte, packte seine Katze dann ein wenig fester und trat mit einem leidenden Blick zum Kamin. Er griff eine Handvoll Flohpulver, warf sie ins Feuer und mit den Worten „Grimmauldplatz 12“ trat er ins Feuer. Sofort spürte er, wie er herumwirbelte und ihm wurde schlecht. Fest klammerte er Escalada an sich, bis schließlich Sirius´ Kamin auftauchte und er auf dem Teppich davor landete, natürlich auf allen Vieren, oder besser, auf beiden Knien und der linken Hand, da er mit der rechten immer noch Escalada festhielt.

Sirius war da und half ihm auf, ließ ihn danach sofort wieder los, da er wusste, wie ungern Harry sich anfassen ließ. Doch Harry hatte bei seinem Paten inzwischen keine Berührungsangst mehr und umarmte ihn. Hinter ihnen leuchteten die Flammen wieder grün auf und Draco erschien, kurz danach Severus. Sirius begrüßte sie freundlich, aber relativ neutral und brachte sie dann nach oben, in den vierten Stock. Dort zeigte er ihnen eine kleine Wohneinheit, drei Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer, ein Bad, eine Küche.

„Nichts Großartiges, aber ihr seid hier alleine, da kommt keiner rein, ihr könnt die Tür zum Flur mit einem Passwort sichern. Ihr seid aber herzlich eingeladen, mit Remus und mir in der Küche zu essen, auch wenn immer mal wieder andere Ordensmitglieder auch zum Essen bleiben. Dumbledore hat mich gebeten, einen Hauselfen mit im Haus aufzunehmen, wenn ihr kommt. Ich glaube, der mag Harry, dieser Dobby. Ich lass euch nun erstmal alleine, damit ihr auspacken könnt. Severus, wenn du magst, dann zeig ich dir nachher, wo das Labor ist, du kannst alles nutzen, was du brauchst. Kommt einfach runter, wenn ihr wollt. Harry, ich bin entweder in meinem Arbeitszimmer oder in der Küche. Momentan ist nur Remus im Haus, also keine Sorge.“

Mit diesen Worten ließ Sirius sie allein. Severus war erstaunt, die Freundlichkeit in seiner Stimme auch ihm selber gegenüber zu hören. Er hätte damit gerechnet, dass er zu Harry freundlich sein würde, aber zu Draco oder gar ihm selber? Nicht im Geringsten hatte er das erwartet, er hatte auf eine Neutralität gehofft, aber nicht einmal das hatte er erwartet. Die alten Beleidigungen waren tief in ihm gespeichert, etwas anderes hatte er nie von dem ehemaligen Gryffindor gekannt und erwartet.

Der Animagus hatte es geschafft, ihn positiv zu überraschen. Sie entschieden, dass jeder ein Zimmer beziehen würde, aber sie würden dennoch in einem Bett schlafen. Zu sehr hatten sie sich schon daran gewöhnt und es tat ihnen gut. Dennoch war es besser, wenn jeder seinen eigenen Raum als Rückzugsort hatte. Sie saßen schon zu lange auf zu engem Raum, auch wenn sie sich sehr nahe waren, so brauchte doch jeder ein bisschen Zeit für sich selber ab und zu.

So verschwand erst einmal jeder in einem Raum und sie packten ihre Sachen in Ruhe aus. Gegen drei Uhr nachmittags legte sich Draco etwas hin, er war wieder ziemlich blass und schien erschöpft. Wieder ging er ohne Protest schlafen, als Severus es ihm sagte. Severus und Harry dagegen würden nach unten gehen und sich etwas umsehen. Außerdem sollte Harry eine kleine Zwischenmahlzeit essen.

In der Küche trafen sie auf Sirius, der gerade mit Dobby den Speiseplan zu besprechen schien.

„Master Harry Potter Sir, geht es ihnen besser?“, wollte Dobby wissen.

Jedes Mal, wenn der Hauself Harry sah, stellte er diese Frage. Harry lächelte.

„Danke Dobby, es wird langsam besser.“, antwortete er.

„Dobby wird Harry Potter Sir gleich einen Snack machen. Was möchte Harry Potter Sir haben? Obst? Kuchen? Oder etwas anderes?“, fragte Dobby diensteifrig.

Sirius entschied für ihn, stellte den Kuchen gleich auf den Tisch. Auch er war ein Schleckermaul und er wusste, dass Harry Süßes liebte. Grinsend setzte sich Harry an den Tisch und nahm sich ein Stück.

„Lecker!“, kommentierte er nach dem ersten Bissen.

Sirius stellte ihm noch eine große Tasse Tee hin und setzte sich dann auch. Severus saß bereits neben Harry und hatte eine Tasse Kaffee in der Hand. Sirius schob ihm die Zeitungen hin, er abonnierte den Tagespropheten und den Klitterer, der inzwischen auch seriöse Informationen lieferte, wenn man sie auch manchmal aus den seltsamsten Fabelwesen-Beschreibungen heraussuchen musste. Wortlos vertiefte sich Severus darin, nachdem er einen dankbaren Blick zu Sirius geworfen hatte.

In dem Moment ging die Küchentür auf und Remus Lupin kam herein. Harry, der mit Blick auf die Tür saß, sah nur kurz auf, blieb dann einfach ruhig sitzen und wartete ab, bis Remus bei ihm war. Doch Remus ging ohne nachzudenken auf Harry zu und nahm ihn von hinten in den Arm. Harry schrie panisch auf, als er plötzlich in einer schraubstockartigen Umarmung gefangen war. Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien, doch Remus war so erschrocken, dass er im ersten Moment noch fester zugriff, was Harrys Panik nur noch steigerte.

Erst ein eisiges „Loslassen, Wolf!“ von Severus brachte ihn wieder zur Besinnung und er merkte, was er ausgelöst hatte. Zitternd und schreiend war Harry auf der Bank in sich zusammengesunken und kauerte nun wie ein Häufchen Elend vor ihnen, die Beine an den Oberkörper gezogen und die Arme darum geschlungen, den Kopf zwischen den Knien vergraben.

„Raus, alle beide!“, fuhr Severus sie an.

Dann erst wandte er sich Harry zu, sprach leise und beruhigend auf ihn ein. Er brauchte eine halbe Stunde, bis Harry sich schließlich ein wenig öffnete und sich von ihm berühren ließ. Sanft zog er den Jüngeren in seine Arme und hielt ihn, bis das Zittern und das Schluchzen ein wenig ruhiger wurden. Erst jetzt hob er ihn in seine Arme und trug ihn nach oben. Harry brauchte jetzt Ruhe und keine Begegnungen mit wem auch immer.

Zu ihrem eigenen Glück sah er weder den Wolf noch seinen Flohteppich. Die konnten was erleben, er hatte klar und deutlich gesagt, dass Harry nicht angefasst werden wollte, schon gar nicht überraschend von hinten umklammert. Das war doch eigentlich jedem mit ein bisschen Verstand klar, dass ein Vergewaltigungsopfer so etwas nicht gut aufnahm. Und Harry war schon so weit gewesen, jetzt fing womöglich alles von vorne an. Doch zunächst musste er seine Wut beiseiteschieben, Harry war wichtiger. Der Kleine hatte sich an ihm festgeklammert und war völlig erschöpft. Er legte sich mit ihm auf sein Bett und hielt ihn fest und sicher im Arm.

„Sch, Harry. Ist gut, schlaf jetzt, ich bin da. Ich bleibe bei dir. Dir passiert hier nichts, du musst keine Angst haben. Ich bin da.“, murmelte Severus immer und immer wieder.

Zunächst hatte Harry sich geweigert, seine Augen zu schließen, doch irgendwann konnte er sie nicht mehr offenhalten und schlief erschöpft ein. Draco kam kurz danach ins Zimmer und wollte wissen, was passiert war, dass Harry wieder in diesem Zustand war.

„Der Wolf hat ihn von hinten umarmt ohne jede Vorwarnung.“, knurrte er gefährlich leise.

Draco kannte diesen Ton von ihm, er war wütend. Sehr wütend. In Lupins Haut wollte er gerade nicht stecken. Dem blühte was.

„Kann ich was tun?“, wollte er wissen.

„Im Moment nicht, aber bleib hier. Er vertraut dir, genauso wie mir, er braucht uns jetzt. Ich hoffe, dass wir nicht noch einmal komplett von vorne anfangen müssen.“

Draco legte sich zu ihnen und kurze Zeit später schliefen sie alle drei. Doch schon bald wurden sie wieder wach, weil Harry sich unruhig hin und her warf und anfing zu wimmern.

„Nein, nicht. Bitte nicht. Ich bin brav. Nicht wehtun, bitte.“, jammerte er leise.

„Harry, wach auf. Du bist sicher. Keiner tut dir weh. Draco und ich sind da. Wir passen auf dich auf. Dir passiert nichts, du hast geträumt. Komm her, Kleiner.“, murmelte Severus beruhigend.

Draco strich ihm sachte über den Rücken, die Arme, den Kopf. Diesmal brauchte Harry lange, um sich wieder zu beruhigen. Severus kochte vor Wut, er musste mit den beiden da unten reden, so ging es nicht weiter.

„Harry, kommst du eine Weile mit Draco allein klar? Ich muss etwas klarstellen.“, fragte er.

Tränen schossen in Harrys Augen und er klammerte sich an Draco.

„Nicht wehtun.“, flehte er.

„Keine Sorge, Kleiner, ich werde nichts tun, was dir wehtut, aber sie müssen wissen, dass es so nicht geht. Sie tun dir damit weh und das kann ich nicht akzeptieren. Wir haben klar gemacht, wie du behandelt werden willst, und sie haben das komplett vergessen. Harry, schlaf, ich werde nachher wieder da sein, wenn du das nächste Mal aufwachst.“, versprach Severus.

 

 

Zornbebend war Severus auf die Suche nach Lupin und Black gegangen. Im Salon war er schnell fündig geworden.

„Was sollte das, Wolf? Ihr hattet versprochen, euch an die Regeln zu halten. Harry wurde geschlagen, gefoltert, vergewaltigt und du hast nichts Besseres zu tun, als ihn einfach mal so, ohne jede Vorwarnung, von hinten zu umarmen? Hast du den Verstand verloren, Lupin? Was glaubst du, welchen Flashback du bei Harry ausgelöst hast? Er ist wieder bei seinem Onkel, der ihn festhält, um ihm wehzutun.

Er hatte es schon so weit geschafft, war sogar schon einmal aus meinen Räumen gewesen und zur großen Halle gegangen, wenn auch nur wegen Draco. Und jetzt fängt möglicherweise alles wieder von vorne an. Er hat nach dem letzten Vorfall wochenlang nicht gesprochen. Black, hast du ihn nicht gewarnt? Ich habe dir gesagt, dass der Wolf ihn nicht einfach anfassen soll. Du hast dich wenigstens daran erinnert und Harry auf dich zukommen lassen, aber was macht dieser verdammte Wolf? Jetzt darf ich wieder Nacht für Nacht gegen Harrys Alpträume kämpfen.

Lupin, ich will dich in nächster Zeit nicht in der Nähe von Harry haben, verstanden? Erst wenn Harry bereit dafür ist, nicht einen Moment früher. Und wenn du dich dann nicht beherrschen kannst, dann bin ich mir nicht sicher, ob meine Selbstbeherrschung ausreichend ist, dich nicht umzubringen. Du kommst gerade nur so glimpflich davon, weil ich Harry versprechen musste, dir nicht wehzutun, hast du verstanden, Wolf?“, knurrte Severus gefährlich leise.

„Es… es tut mir furchtbar leid. Ich wollte Harry nie wehtun. Er wirkte so normal, so wie immer, und da habe ich ihn immer so begrüßt. Ich hab nicht nachgedacht, tut mir leid.“, entschuldigte Remus sich geknickt.

„Dafür kann sich Harry nichts kaufen. Hör dein Gestammel auf und lass ihn in Ruhe. Harry will kein Mitleid, er will Verständnis und Mitgefühl, mehr nicht. Er braucht Ruhe und Zeit und keine übereiligen Möchtegernfreunde. Und jetzt lasst mich in Ruhe, ich gehe zu Harry. Ich hab ihm versprochen, da zu sein, wenn er aufwacht.“, fügte Severus eisig an und verschwand.

Leise ging er zurück in sein Schlafzimmer, wo Harry und Draco aneinander gekuschelt lagen und schliefen. Dieses Bild ließ ihn seine Wut vergessen und Wärme breitete sich in ihm aus. ‚Meine Jungs‘ dachte er, als er sich die Roben, die Hose und die Socken auszog, um sich dann zu den beiden zu legen. Zufrieden legte er den Arm um die beiden und spürte, wie sich Harry im Schlaf an ihn kuschelte. Er schloss die Augen und schlief kurz danach ruhig und friedlich.

 

In dieser Nacht wurden sie immer wieder von Harrys Alpträumen geweckt. Harry sprach nicht darüber, klammerte sich nur an beiden fest und schlief wieder ein. Gegen Morgen ließ Severus ihn an seinem Arm trinken, obwohl er erst zwei Tage vorher seinen Durst gestillt hatte. Danach war Harry etwas ruhiger und schlief noch einmal tief und fest bis zum späten Vormittag. Draco war in der Zwischenzeit schon im Bad gewesen und auch Severus musste nun dringend aufstehen, sein Körper erinnerte ihn daran, dass er schon seit mehr als zwölf Stunden hier im Bett lag. Gerade als er sich von Harry löste, wachte der auf.

„Nicht weggehen!“, jammerte er.

„Harry, ich gehe nicht weg, aber ich muss dringend ins Bad. Ich bleibe bei dir, Draco ist auch da.“, beruhigte ihn Severus.

Nach einem Blick kam Draco zu Harry und nahm ihn in den Arm. Er gab ihm ein Stück Croissant, und obwohl Severus normalerweise strikt dagegen war, dass jemand in seinem Bett aß, sagte er heute nichts. Hauptsache, Harry aß überhaupt.

„Harry, du solltest darüber reden. Es wird nicht besser, wenn du alles in dich hineinfrisst.“, mahnte Severus, als sie schließlich doch am Tisch saßen zum Essen.

Doch Harry schwieg beharrlich. Er konnte im Moment einfach nicht darüber reden, nicht einmal mit Draco oder Severus. Er genoss ihre Berührungen und suchte sie ständig, brauchte das Gefühl, das sie ihm gaben, die Nähe und die Sicherheit, aber er konnte nicht reden. Er wollte auch Sirius sehen, denn der konnte nichts dafür. Remus hatte ihm auch nichts Böses gewollt, das war Harry klar, aber er hatte Angst.

Wie konnte er jemals wieder ein normales Leben führen, wenn ihn Berührungen so sehr aus der Bahn warfen? Wieder wurde er still und stiller und zog sich zurück, ohne es überhaupt zu bemerken. Severus und Draco dagegen sahen es umso deutlicher und machten sich Sorgen. Draco entschied, sich mit Harry noch ein wenig auf das Sofa zu kuscheln, ihm ein bisschen vorzulesen. Vielleicht half das ja. Escalada schien zu spüren, dass ihr Besitzer ihre Nähe brauchte und kuschelte sich auf seinem Schoß zusammen. Abwesend strich Harry ihr über das schwarzweiße Fell und lehnte sich bei Draco an. Als es leise klopfte, ging Severus hinaus.

„Severus, es tut ihm wirklich leid, ihm war nicht klar, wie schlimm es um Harry steht. Wenn wir damals nicht so ehrlich gesprochen hätten und ich das Entsetzen in deinen Augen gesehen hätte, dann wäre mir das auch passiert. Er würde sich gerne bei Harry entschuldigen, aber ihm ist klar, dass das im Moment keine gute Idee ist. Kann ich etwas tun?“, fragte Sirius.

„Im Moment wohl eher nicht. Harry weigert sich, darüber zu reden, er hat heute Morgen noch nicht viel gesprochen, ich weiß nicht, ob er einfach in Gedanken ist, oder ob er wieder aufgehört hat zu sprechen. Das werden die nächsten Stunden oder Tage zeigen. Aber ich mache mir Sorgen, denn ich befürchte, er spricht wieder nicht. Er muss aber darüber reden, sonst wird es immer schlimmer.“, antwortete Severus und strich sich müde und verzweifelt über die Augen.

Sirius sah ihn eine Weile an und schwieg nachdenklich. So verzweifelt kannte er den Tränkemeister nicht. Er traf eine Entscheidung und straffte sich. Dann bat er Severus, mit ihm zu kommen. Er führte ihn in sein Arbeitszimmer und kramte eine Weile in einer Schublade.

„Ah, hier ist es ja. Frag nicht, warum ich das hier hab, darauf bekommst du keine Antwort. Aber es ist ein Tagebuch aus einer Muggelbuchhandlung und hier habe ich auch noch einen Kugelschreiber. Gib das Harry, vielleicht kann er seine Gedanken und Gefühle aufschreiben, wenn er nicht darüber sprechen kann. Es ist zwar nur ein symbolisches Schloss, das daran ist, aber vielleicht hilft es ihm ja. Ich würde mich freuen, wenn es ihm weiterhilft.“, bot Sirius an.

„Danke. Ich denke, das könnte tatsächlich helfen. Danke Black. Harry ist Lupin nicht böse, denke ich. Aber ihm macht das alles hier ziemliche Angst, er muss es schaffen, seine Vergangenheit zu bewältigen, bevor er an die Zukunft denken kann. Erst dann ist ein Neuanfang möglich.“, sinnierte Severus.

„Ich bin froh, dass er dich hat, du hast so viel für ihn getan. Ich weiß nicht, was er ohne dich machen würde. Wahrscheinlich wäre er ohne dich nicht mehr da. Ich weiß nicht, wie ich dir jemals dafür danken kann.“, sagte Sirius mit Tränen in den Augen.

Dann wandte er sich ruckartig um und verließ das Zimmer, einen verblüfften und sprachlosen Severus zurücklassend. Langsam und nachdenklich ging er zurück in den vierten Stock und sah auf das Bild, das sich ihm bot. Harry wirkte völlig abwesend, bekam nicht wirklich mit, was um ihn herum passierte, und Draco gab sich alle Mühe, ihn aus seiner Isolation zu holen.

„Harry? Dein Pate hat mich gebeten, dir das hier zu geben. Er meint, dass es dir vielleicht leichter fällt, alles aufzuschreiben, was dich bewegt, anstatt darüber zu reden.“, erklärte Severus, als er Harry das Tagebuch und den Kugelschreiber hinhielt.

Harry sah einen Moment überlegend auf Severus´ Hände, dann nahm er vorsichtig die beiden Dinge an sich.

„Danke.“, nuschelte er.

Draco stand auf.

„Wir lassen dich ein bisschen allein, damit du schreiben kannst.“, sagte er, als er den sehnsuchtsvollen Blick Harrys gesehen hatte.

Dankbar lächelte Harry sie an.

„Ruf uns, wenn du uns brauchst. Jederzeit. Wir sind da.“, bot Severus an.

„Danke. Aber ich denke, Sirius kennt mich gut, ich will es lieber schreiben und erst einmal nicht darüber reden. Tut mir leid.“, flüsterte Harry.

„Es muss dir nicht Leid tun. Das ist normal, jeder von uns begegnet seinen Ängsten anders und verarbeitet schlimme Dinge unterschiedlich. Du weißt, dass wir für dich da sind. Immer.“, besänftigte ihn Draco.

„Sev, Dray, ich weiß, dass ihr beiden eine andere Beziehung untereinander habt wie mit mir. Ich bin noch lange nicht bereit, auch nur über so etwas nachzudenken, aber wenn ihr… Ich meine, … Also…“, brach Harry ab, tomatenrot im Gesicht.

Severus ahnte, worauf es hinauslief. „Harry, wir haben dir schon gesagt, wir werden dich zu nichts zwingen, was du nicht selber auch willst. Ja, wir haben bestimmte Bedürfnisse, aber so lange du nicht bereit dafür bist, werden wir Rücksicht auf dich nehmen. Das macht uns nichts aus, du bist uns wichtiger.“, beruhigte er ihn.

„Das weiß ich, Sev. Aber was ich sagen wollte, wenn ihr beide … also, wenn ihr miteinander … naja, ich weiß, ihr tut euch nicht weh. Ich habe nichts dagegen und es macht mir nichts aus, aber ich … ich möchte nicht noch einmal versehentlich zusehen, das schaffe ich nicht.“, versuchte Harry seine Erklärung zu verbessern.

Draco und Severus sahen sich verblüfft an. War das der gleiche Harry wie noch vor einer halben Stunde?

„Soll das heißen, du bietest uns an, dass wir uns zurückziehen können, um Sex miteinander zu haben, nur dafür sorgen sollen, dass du uns nicht nochmal überraschst?“, konkretisierte Severus, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.

Harry nickte verlegen.

„Sev, ich glaube, er hat uns eben rausgeworfen, damit er in sein Tagebuch schreiben kann und gleichzeitig dafür gesorgt, dass wir nicht zu bald wiederkommen!“, grinste Draco verlangend.

„Teenagerhormone!“, kommentierte Severus, als Draco nach einem lüsternen Blick in seinem Zimmer verschwunden war und folgte ihm nach einem letzten Blick auf Harry.

 

Harry genoss die nächsten zwei ruhigen Stunden und schrieb Seite um Seite in seinem Tagebuch voll. Er hatte es nicht in Worte fassen und aussprechen können, doch es tat ihm unendlich gut, jetzt alles loszuwerden. Schon einmal hatte er Tagebuch geschrieben, aber es anschließend verbrannt, damit es nicht in falsche Hände kam.

Damals, als er zum ersten Mal nach Hogwarts gefahren war und sich mit Ron angefreundet hatte, wollte er nichts sagen, um die Freundschaft zu Ron nicht aufs Spiel zu setzen. Sein erster Freund überhaupt, das wollte Harry nicht zerstören, viel zu glücklich war er, dass er auch endlich einen Freund hatte. Und irgendwann konnte er es dann nicht mehr, hatte seine Fassade schon soweit aufgebaut, dass er selber es nicht mehr sagen konnte. Nur Dumbledore hatte er damals Vieles gesagt, in der Hoffnung, dass er nie wieder dorthin müsste. Doch Dumbledore hatte es kleingeredet und ihn zurückgeschickt. Irgendwas von wegen Blutschutz und dass ihm dort nichts passieren könnte. Jetzt wurde er all das, was ihm auf der Seele lag, los. Er schrieb, bis ihm die Hand wehtat und konnte einfach nicht aufhören, jetzt, wo er angefangen hatte. Es tat ihm so gut. Nicht nur über die Schläge und die Vergewaltigungen und seine Gefühle dabei schrieb er, sondern auch über seine Gefühle für Draco und Severus, was die beiden in ihm auslösten, wie sehr er sie brauchte und wie groß seine Angst war, dass sie eines Tages doch erkennen könnten, dass sie ohne ihn besser dran wären. Und dennoch hatte er ein wenig Hoffnung in seinem Herzen, dass sie zu dritt eines Tages glücklich sein konnten und er vielleicht auch soweit sein könnte, dass er mit ihnen zusammen ins Bett gehen könnte und sie ihm zärtlich zeigten, was Liebe wirklich bedeutete.

Erst als er vor Schmerzen das Handgelenk nicht mehr bewegen konnte, klappte er das Buch zu und verschloss es, dann fielen ihm die Augen zu und er schlief glücklich lächelnd ein. So fanden ihn Draco und Severus später, als sie sich ausgetobt hatten, wie Severus grinsend anmerkte.

„Drache, bleibst du hier? Soweit ich weiß müsste gerade ein Ordenstreffen sein und ich will kurz mit Kingsley reden. Ich komme wieder und dann essen wir gemeinsam. Lass Harry bis dahin schlafen.“, fragte Severus nach einer Weile, in der sie Harry einfach nur zugesehen hatten.

Draco stahl sich noch einen Kuss und nickte dann. Severus ging nach unten in Richtung Salon, von wo er Stimmen hörte. Anscheinend war eine heiße Diskussion im Gange. Er wollte nicht wissen, worum es ging und sich erst Recht nicht einmischen, also wartete er am Fuß der Treppe, bis es wieder ruhiger wurde und die ersten Zauberer und Hexen verschwanden. Dann ging er in den Salon, bedachte Lupin mit einem mehr als eiskalten Blick und ging direkt auf Kingsley Shacklebolt zu, wurde jedoch von Minerva aufgehalten.

„Severus, hast du einen Moment?“, fragte sie.

„Ich muss mit Kingsley sprechen, aber einen Moment habe ich.“, antwortete Severus.

„Wie geht es Draco? Es tut mir leid, was passiert ist, das hätte ich nie von meinen Löwen gedacht.“, entschuldigte sie sich.

„Es geht ihm gut, die Knochen sind geheilt und auch alle anderen Verletzungen, aber bis die Gehirnerschütterung komplett weg ist, wird es wohl noch ein paar Tage brauchen. Wieso haben sie keinen Schulverweis bekommen? Das wäre angebracht gewesen.“, knurrte Severus.

„Da gebe ich dir Recht, Severus, aber in Anbetracht der Tatsache, dass das Schuljahr schon zu Ende war, welche Strafe soll das dann sein? Sie sind sowieso nur eine Woche später nach Hause gefahren. Die Strafarbeit allerdings wurde nicht nur die letzten Tage sondern mindestens bis Weihnachten im nächsten Schuljahr festgesetzt, sie putzen mit Filch das ganze Schloss, natürlich ohne Magie. Außerdem haben sie alle Privilegien verloren, keine Hogsmeade-Wochenenden im gesamten nächsten Schuljahr und Miss Granger hat ihre Erlaubnis für die verbotene Abteilung wieder abgeben müssen, außerdem ein Quidditch-Verbot für die Herren. Und als zusätzliche Maßnahme habe ich ihnen die Zauberstäbe genommen, sie werden sie nur für den Unterricht erhalten. Die Portraits im Schloss haben die Order, alle Regelverstöße zu melden, auch zwei neue Vertrauensschüler für Gryffindor wird es im nächsten Jahr geben.“, erklärte Minerva.

„Danke, Minerva. Ich hatte schon fast befürchtet, dass sie ganz ohne Strafe davonkommen, als Albus mir sagte, dass sie Punkte abgezogen bekamen und Strafarbeit. Er hat zwar erwähnt, dass er den Eltern schreiben wollte, doch das scheint mir nicht ausreichend zu sein.“

„Sei dir da nicht so sicher, Severus. Gerade Molly wird Mr. Weasley sicher nicht so davonkommen lassen und die Eltern von Miss Granger sind sicher auch nicht begeistert und werden ihre Tochter das spüren lassen. Bei den Herren Thomas und Finnegan allerdings denke ich auch, dass es wohl keinen Unterschied macht, da es sich bei dem Opfer um Draco handelt, leider. Bitte glaube mir, dass es mir sehr leid tut.“, meinte Minerva abschließend.

„Nochmals danke, Minerva. Ich muss aber jetzt dringend mit Kingsley reden, er will scheinbar gehen und es ist sehr wichtig. Entschuldige mich bitte.“, verabschiedete sich Severus und wandte sich nach einem Abschiedsgruß Kingsley Shacklebolt zu.

„Kann ich dich sprechen? Es ist wichtig, aber es ist etwas kompliziert.“, warnte er den Chefauror.

„Nehmt mein Arbeitszimmer.“, bot Sirius an, der sich vorher mit Kingsley unterhalten hatte.

Severus dankte ihm und führte Kingsley dorthin. Bevor er anfing zu sprechen wirkte er noch einen Zauber der verhindern sollte, dass sie belauscht wurden.

„Kingsley, ich denke, du kennst Dracos Situation.“, begann Severus.

Kingsley nickte nur.

„Meine eigene Situation dagegen ist ziemlich übel im Moment. Ich würde nicht mit dir darüber reden, wenn es nicht um Draco ginge. Er ist mein Patensohn und … ich liebe ihn. Ich möchte ihn zu mir nehmen, aber der Lord ist hinter mir her und das Ministerium sieht mich momentan auch immer noch als Todesser an, obwohl Albus für mich gebürgt hat und ich nun ganz offensichtlich kein Todesser mehr bin, nachdem der Lord die Jagd auf mich eröffnet hat. Zudem haben Lucius und der Lord dafür gesorgt, dass ich keinen Zugriff mehr auf mein Verlies in Gringotts habe, ich habe nur noch das Wenige, das Albus mir auszahlt. Seit er davon weiß, bekomme ich mein Professorengehalt zumindest zum Teil bar ausbezahlt, komplett geht es nicht, da ein Bann das irgendwie verhindert. Lucius und Riddle haben dafür gesorgt, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie. Jedenfalls, ich will Draco nicht sich selbst überlassen. Schon gar nicht in einem Waisenhaus. Der Lord wird ihn sich holen, sobald er aus der Deckung kommt, aber wenn ich ihn einfach bei mir behalte, dann ist das Ministerium sicher bald hinter mir deswegen auch noch her. Aber ich möchte bei ihm sein. Ich brauche deinen Rat und deine Hilfe.“

Severus hatte mit zusammengebissenen Zähnen gesprochen, er wollte nicht betteln, sich erniedrigen, aber es ging um Draco, und inzwischen auch ein wenig um Harry. Für die beiden würde er alles tun. Alles. Doch das hier war ihm äußerst unangenehm.

Kingsley saß in einem Sessel und hatte nachdenklich die Finger aneinandergelegt. Sein goldener Ohrring baumelte, als er grübelnd den Kopf mal auf die eine und mal auf die andere Seite legte. Minutenlang saß er einfach nur da und blickte vor sich hin, tief in Gedanken versunken. Severus hingegen saß auf einem anderen Sessel und hatte das schamrote Gesicht in den Händen vergraben. Verzweifelt kämpfte er gegen die Tränen an, die ihm aufsteigen wollten.

„Du sagst, du liebst ihn? Wie sieht es mit Draco aus?“, wollte Kingsley schließlich wissen.

„Wir lieben uns.“, murmelte Severus zwischen den Fingern hindurch.

„Dann heiratet. Das ist die beste Möglichkeit, die ihr habt. Offiziell bist du immer noch sein Vormund, solange es nicht geändert wurde und kannst ihm somit erlauben, zu heiraten. Er ist sechzehn, von daher hat er die Möglichkeit, mit Einverständnis seines Vormunds zu heiraten. Wenn ihr beide euch liebt, dann wäre das die einfachste Lösung, denn da kann keiner was machen.

Du kannst zwar auch offiziell aufgrund der Patenschaft den Antrag stellen, dass du bis zu seiner Volljährigkeit als Vormund bestätigt wirst, aber da ist die Gefahr, dass es abgelehnt wird aufgrund deiner Situation. Solange keiner die Vormundschaft anfechten wird, bleibt es wie es ist, aber ich würde mich nicht darauf verlassen an deiner Stelle. Es wäre riskant. Und einen weiteren Vorteil bietet eine Hochzeit: Er hat wieder einen offiziellen Namen.“, teilte Kingsley schließlich seine Überlegungen mit Severus.

Der starrte ihn nur an. Meinte der Auror das wirklich ernst? Eine Heirat sei die einfachste Lösung? Warum war er nicht selber auf die Idee gekommen? Doch würde Draco das wollen? Im Moment waren sie glücklich, aber wäre er auf Dauer auch glücklich mit ihm? Immerhin war er über zwanzig Jahre älter als Draco und zumindest im Moment in etwa genauso mittellos wie Draco selber. Durfte er ihm den Vorschlag überhaupt machen, wo er ihm doch nichts als eine absolut ungewisse und gefährliche Zukunft bieten konnte? Er spürte eine Hand auf seiner Schulter.

„Ansonsten bliebe nur eine Adoption, aber du weißt, dass du ihn nicht adoptieren kannst, ebenso wenig kann Sirius das, da er nicht verheiratet ist. Ja, schau mich nicht so an, er hat mich bereits dahingehend befragt. Denk darüber in Ruhe nach, Severus. Sag mir Bescheid, ich kann jemanden mitbringen, der euch traut, wenn ihr euch dafür entscheiden solltet. Rede mit Draco.“, empfahl ihm Kingsley, dann ließ er ihn alleine.

 

 

 

 

 

Nachdem Severus mit Kingsley verschwunden war, ging Sirius zu einem anderen Grüppchen von Ordensmitgliedern, die sich leise unterhielten, bevor sie wieder verschwanden. Minerva McGonagall, Augusta Longbottom, Nymphadora Tonks, Hestia Jones und Poppy Pomfrey standen in der Nähe der Tür und plauderten über eine scheinbar amüsante Begebenheit, denn sie lachten plötzlich, als Sirius in Hörweite kam. Dann verabschiedeten sie sich voneinander und gingen auseinander, Minerva und Poppy in Richtung Kamin, die anderen wollten zur Tür und sahen sich plötzlich Sirius gegenüber.

„Hallo Cousin, sorry, ich kann nicht zum Essen bleiben, ich muss noch arbeiten, Nachtschicht mit Moody.“, lächelte Tonks ihm zu.

Sie hasste ihren Vornamen und bestand darauf, dass sie mit ‚Tonks‘ angesprochen wurde. Ihre Haare wechselten gerade von einem amüsierten neon-pink zu ihrem typischen, zufriedenen bonbon-rosa. Als Metamorphmagus war es für sie normal, dass zum Beispiel ihre Haarfarbe ständig wechselte, ebenso die Haarlänge und –struktur. Sie konnte ihr Aussehen nach Belieben verändern. Auch wenn sie noch relativ jung war, sie hatte erst vor fünf Jahren die Schule abgeschlossen und vor kurzen war sie mit der Aurorenausbildung fertiggeworden, hatte sie sich bereits den Respekt der älteren Auroren verdient, da sie einen untrüglichen Instinkt und eine phänomenale Fangquote vorweisen konnte. Allerdings war sie ein extremer Tollpatsch, schaffte es immer wieder, über ihre eigenen Füße zu stolpern und trat von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Sie war die Tochter von Sirius´ Cousine, die aufgrund ihrer Entscheidung, einen Muggel zu heiraten, aus der Familie verbannt worden war. Die beiden hatten sich erst vor kurzem kennen gelernt, mochten sich aber inzwischen gerne. Tonks blieb häufig zum Essen, aber Sirius hatte den Verdacht, dass es nicht an ihm lag. Doch um sie ging es ihm gerade nicht.

„Mrs. Longbottom, könnte ich vielleicht kurz mit ihnen sprechen?“, fragte er höflich.

Auch wenn es üblich war, dass sie sich im Orden untereinander mit Vornamen ansprachen und duzten, so war er doch zu sehr in seiner Erziehung gefangen und wagte es nicht, die ältere Dame so persönlich anzusprechen, so lange sie es ihm nicht ausdrücklich erlaubt hatte. Sie war erst zum zweiten Mal bei einem Treffen, hatte aber bereits Eindruck hinterlassen durch ihre ehrliche Art und die Weise, wie sie es schaffte, sich auch gegen Albus durchzusetzen. Die ehemalige Aurorin verstand, wovon sie sprach und wusste um die Konsequenzen. Auch wenn sich Sirius beim letzten Treffen gefragt hatte, was Augusta Longbottom für den Orden tun könnte, sah sie doch wie eine nette, hilflose alte Dame aus, so hatte sie innerhalb der vielleicht drei Stunden, die er sie gesehen hatte, seinen Respekt gewonnen. Sirius war froh, dass sie auf ihrer Seite kämpfte. Sehr froh.

„Nur, wenn du mich Augusta nennst und mit ‚Du‘ ansprichst, Sirius.“, erwiderte sie jetzt.

„Natürlich, gerne Augusta.“, lächelte Sirius sie an und führte sie in die Bibliothek.

„Also, was gibt es, Junge?“, wollte sie wissen, als er einen Stillezauber gewirkt hatte.

Sirius grinste kurz ob der Anrede. Jetzt wusste er, wie es Severus ging, wenn dieser von Dumbledore so angesprochen wurde. Doch dann wurde er wieder ernst.

„Nun, das ist etwas kompliziert. Ich weiß nicht, ob du im Bild bist, dass Harry mein Patenkind ist und was ihm passiert ist?“, begann Sirius.

„Dass er dein Patensohn ist, war mir nicht klar, aber Neville hat erzählt, was er in der Schule gehört hat. Er hat Harry vorgestern gesehen und mir direkt im Anschluss geschrieben, dass er überzeugt ist, dass die Gerüchte, er sei misshandelt und vergewaltigt worden, stimmen.“, sagte Augusta leise.

„Ja, das ist leider wahr. Er ist hier, aber er hatte gestern einen schweren Rückfall. Und genau darum geht es. Ich möchte ihn in Sicherheit bringen, hier weg. Weg von allem, von den ganzen Menschen, von seinen Peinigern, von der Presse und vor allem von Voldemort. Aber ich habe keine Ahnung wohin oder wie. Ich hatte die Idee, einige meiner Halbblut-Bekannten zu fragen, ob er irgendwie in der Muggelwelt abtauchen könnte, denn dort wird Voldemort sicher als Letztes suchen. Aber nicht hier in Großbritannien, da ist er allem noch zu nahe. Von dem, was du auf den beiden Treffen gesagt hast, hatte ich mir erhofft, dass du mir vielleicht helfen könntest?“, erklärte Sirius seinen Wunsch.

„Nun, das würde ich gerne. Du scheinst mir ein anständiger Mensch zu sein und von Harry brauchen wir nicht zu reden. Aber ich muss darüber nachdenken, wie wir es am Besten machen. So jetzt auf gleich habe ich keine Lösung parat. Wie wäre es, wenn ich mich bei dir melde, sobald mir etwas einfällt und wir dann Pläne machen?“, schlug sie vor.

„Danke, das wäre wirklich großartig. Ich grüble seit gestern Nachmittag sehr intensiv darüber. Ursprünglich dachte ich, wenn er hier ist, dann ist Harry sicher, aber es hat nicht lange gedauert, bis ich leider vom Gegenteil überzeugt wurde.“, antwortete Sirius traurig.

Augusta strich ihm beruhigend über den Arm und ging dann mit einem aufmunternden Lächeln für ihn. Sie würde sich etwas einfallen lassen, das schwor sie sich im Gehen. Mal sehen, vielleicht hatte ihr Bruder auch eine Idee. Sie würde ihm nicht sagen, um wen es ging, aber seine Ideen waren meist Gold wert. Ihr Bruder und sie waren sich sehr ähnlich. Und in ein paar Tagen käme auch Neville wieder nach Hause, ihr Enkel, auf den sie inzwischen sehr stolz war. Auch wenn es lange gedauert hatte, er hatte Mut bewiesen und sich gegen seine Hauskameraden gestellt, als die zu viert gegen einen anderen Schüler vorgegangen waren. Auch in der Gruppe, die Harry Potter Anfang des Schuljahres gegründet hatte, war er endlich aufgeblüht und hatte Erfolge gehabt, die ihm keiner aus der Verwandtschaft zugetraut hätte. Harry Potter hatte einen guten Einfluss auf ihn gehabt, jetzt könnte sie etwas für ihn tun. Das war besser als jeder dahingesagte Dank. Schon als sie das Haus am Grimmauldplatz verließ, spukten verschiedene Ideen durch ihren Kopf.

 

Severus war in der Zwischenzeit wieder nach oben gegangen und hatte die beiden Jungs schlafend vorgefunden. Harry wirkte gelöster, es schien ihm wirklich gut getan zu haben, seine Gedanken niederzuschreiben. Sirius Black schien ihn wirklich gut zu kennen. Das wiederum erstaunte Severus doch, die beiden hatten nur relativ losen Kontakt gehabt und sich nie intensiv miteinander befassen können. Harry brauchte seinen Paten, die einzige Verbindung zu seinen Eltern, wurde Severus auf einmal klar. Auch ließ er die Berührungen von ihm gerne zu, zuckte nicht zurück, ging sogar von sich aus auf ihn zu. Er würde ihn in der Früh fragen, ob er Sirius sehen wollte. Vielleicht sollten sie ihn zum Essen zu sich nach oben holen, anstatt nach unten zu gehen. Hier war Harry sicherer, es kam nicht zu viel auf einmal. Und mit Draco musste er auch reden. Die Worte von Kingsley gingen ihm nicht aus dem Kopf. Severus seufzte, er bekam langsam aber sicher bohrende Kopfschmerzen. Die Grübeleien in den letzten Wochen waren einfach zu viel. Er war völlig verspannt, da er ständig unter Stress stand. Einen Entschluss fassend griff er nach einem Buch und ging am Schlafzimmer vorbei und direkt ins Badezimmer. Ein heißes Entspannungsbad wäre jetzt genau richtig. Die Jungs ließ er schlafen, dann musste Harry morgen ein wenig mehr essen, um endlich ein bisschen zuzunehmen.

Er nahm aus der Küche noch einen Krug Kürbissaft mit und schloss dann die Badezimmertür hinter sich. Während das heiße Wasser in die Wanne lief und Dampfschwaden sich im Bad verteilten, zog er sich aus, legte die Robe, das Hemd, die Hose ordentlich zusammen und auf einen Stuhl, warf Socken und Boxer in den Wäschekorb, darum kümmerte sich ein Hauself. Mit einem wohligen Seufzen ließ er sich schließlich in die Wanne sinken, ein Glas Saft stand auf dem Rand neben seiner rechten Hand, das Buch lag bereit. Er griff es und begann zu lesen, während die Wärme des Wassers und der Duft nach Kräutern nach und nach seine Muskeln entspannten.

 

Am nächsten Morgen wachte er entspannt und deutlich ruhiger auf. Die Nacht war still gewesen, sowohl Harry als auch Draco hatten alptraumfrei geschlafen. Auch wenn jetzt zwei schwierige Gespräche auf ihn warteten, fühlte sich Severus doch gelassen. Zunächst war Frühstück angesagt, Dobby hatte den Tisch bereits hergerichtet. Severus schickte Draco ins Bad, der zuerst aufgewacht war, und machte sich dann daran, Harry langsam aufzuwecken. Der Junge hatte gestern kaum etwas gegessen, und vorgestern Mittag das letzte Mal wirklich etwas zu sich genommen. Es wurde Zeit, dass er ein paar Pfund auf die Rippen bekam, jeder Knochen war deutlich zu sehen. Eine kleine Polsterung schadete ihm sicher nicht. Severus strich sanft mit der Hand über Harrys Arm, mit den Fingern über seine Wange.

„Harry, komm schon, aufwachen. Frühstück ist fertig. Du solltest etwas essen!“, lockte er ihn.

Harry murmelte leise vor sich hin und schmiegte sich an die Hand, die ihn streichelte. Er wollte nicht weg, es war so schön warm und kuschelig hier im Bett.

„Komm, Harry. Ich weiß dass du wach bist. Mach die Augen auf, Kleiner. So schöne Augen sollten sich nicht verstecken.“

Jetzt schlug Harry überrascht die Augen auf. Severus verteilte Komplimente? Das brachte Harry aus dem Konzept und er vergaß, dass er seine Augen eigentlich nicht hatte aufmachen wollen. Severus lächelte ihn an. Auch etwas, woran er sich wohl nie gewöhnen würde, ein lächelnder Tränkemeister. Sein Gesicht wirkte dabei so völlig entspannt, liebevoll, ja sogar schön. Harry war hin und weg, konnte seinen Blick nicht losreißen. Langsam überbrückte er den letzten Abstand zwischen ihnen und berührte leicht mit seinen Lippen Severus´ Mund. Überrascht hielt der Slytherin still, genoss diese hauchzarte Berührung, wollte Harry nicht mit einer Reaktion überrumpeln. Doch Harry schien sich absolut wohlzufühlen, er hob seine Hand und legte sie in Severus´ Nacken, zog sich näher an dessen Körper.

Da erwiderte Severus den Kuss vorsichtig und schloss seine Augen. Dieses Gefühl war einfach nur wunderschön. Plötzlich spürte er Dracos Hände an seiner Seite, seine Lippen auf seinem Nacken. Severus spürte, wie sein Körper auf die Berührungen der beiden Teenager reagierte und löste sich sanft von ihnen. Er wollte Harry nicht überfordern.

„Frühstück?“, krächzte er heiser.

Harry grinste und Draco lachte listig.

„Was willst du denn frühstücken, Sev? Es sieht fast so aus, als wolltest du…“, unterbrach er sich noch, als er Severus´ Blick auffing.

Der wollte verhindern, dass Harry in Bedrängnis geriet. Sie hatten Zeit, und Harry sollte von sich aus kommen. Für Severus war es mehr als genug, was Harry gerade mit ihm geteilt hatte. Das war mehr als eine Liebeserklärung gewesen. Ein Beweis seines absoluten Vertrauens und seiner vollständigen Zuneigung. Auch Draco wurde nun sanft von Harry geküsst, und auch er schien es sehr zu genießen. Doch Severus schickte sie nun endgültig in die Küche zum Frühstücken. Danach würden sie reden.

„Harry, möchtest du deinen Paten gerne sehen?“, fragte er, als Harry sein Croissant gegessen hatte.

„Ja, aber im Moment nur ihn.“, antwortete Harry.

„Verständlich. Ich hatte vor ihn zu fragen, ob er zum Essen immer mal wieder hier raufkommen will, wenn du magst.“, unterbreitete Severus seinen Vorschlag.

Harry nickte mit strahlenden Augen. Gut, das war das einfachere Gespräch gewesen. Jetzt musste er mit Draco reden und hoffen, dass ihm der Vorschlag von Kingsley gefallen würde. Immerhin bedeutete das einen großen Schritt.

„Draco, ich muss auch mit dir reden. Es ist nicht einfach. Du weißt, in welcher Klemme wir stecken. Du bist verstoßen und namenlos, aber nicht volljährig. Ich bin zwar momentan dein Vormund, aber sobald das jemand anficht, habe ich wohl keine Chance. Nicht nur dass der Lord meinen Kopf will, sondern das Ministerium ist hinter mir her, um mich vor Gericht zu stellen wegen meiner Zeit als Todesser.“

Hier unterbrach ihn Harry: „Das kann doch nicht sein, du warst doch die ganze Zeit auf Dumbledores Seite, er hat für dich gebürgt und sie haben dich damals schon freigesprochen!“

„Kleiner, das ist lieb, dass du mir vertraust, aber das Ministerium ist da anderer Meinung. Jedenfalls ist es für mich quasi unmöglich, die Vormundschaft auf Dauer zu bekommen, wenn ich einen entsprechenden Antrag stelle. Die Wahrscheinlichkeit, dass du, Draco, dann in ein Waisenhaus kommst, ist relativ hoch. Und ich kann dich nicht einfach hier bei mir behalten, Kingsley, Tonks, Moody, sogar Sirius wären dann gezwungen, mich zu verhaften. Momentan gibt es keinen offiziellen Haftbefehl für mich, aber ich gehe davon aus, dass das nur eine Frage der Zeit sein dürfte. Spätestens wenn es der Lord geschafft hat, das Ministerium in seine Hand zu bekommen. Und dann müssen sie ihren Diensteid erfüllen. Nachdem die Suche nach Sirius so erfolglos war, gab es ein neues Gesetz und die Auroren müssen nun einen Eid ablegen, der sie notfalls zwingt, sich dem Willen des Ministeriums zu beugen. Ich glaube, Black, Kingsley und Moody waren nicht sonderlich begeistert, aber sie mussten es tun, um ihren Job zu behalten. Das hat Black mir bei seinem letzten Besuch im Schloss erzählt. So, und jetzt zu uns, Drache. Ich habe gestern mit Kingsley gesprochen und er hätte eine Lösung. Er meinte, wir sollten heiraten.“

Hier brach Severus ab und schaute Draco und Harry an. Die beiden saßen ihm gegenüber, völlig sprachlos. Er sah, wie Schatten von Gefühlen über Dracos Gesicht glitten. Es war schwer zu lesen, jemand anderer hätte es wohl nicht einmal gesehen, aber Severus war sich sicher, dass Draco jetzt alles von allen Seiten versuchte zu beleuchten. Er war rational erzogen, hatte nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen, war erst seit etwa einem halben Jahr wirklich im Stande, Severus gegenüber zu sagen, wie er sich fühlte. Jetzt schien in ihm ein emotionales Chaos zu herrschen, dem er erst einmal nichts entgegenzusetzen hatte. Ruhig wartete Severus ab. Harry hatte inzwischen auch begonnen, Draco zu beobachten, als er immer wieder Severus´ Blick aufgefangen hatte. Der Gryffindor hatte die absolute Verzweiflung, aber auch die unendliche Liebe in diesem Blick gesehen. Wieder war er sich nicht sicher, ob er wirklich in diese Beziehung gehörte, oder ob er am Ende doch störte. Doch Draco schien seine Gedanken zu erahnen.

„Und was ist mit Harry?“, fragte er leise.

„Er wird zu uns gehören. Wir sind eine Triade. Egal welchen rechtlichen Status wir beide haben, Harry gehört dazu.“, stellte Severus klar, der bemerkte, welche Angst in Harrys Blick war.

„Du weißt, das war ein absolut mieser Antrag, der hat nicht mal ein ‚Troll‘ verdient.“, grinste Draco plötzlich.

Severus sah ihn durchdringend an und erblickte in Dracos Augen, was er sehen wollte. Er nahm eine Gabel, brach ein kleines Stück ab und schwenkte seinen Zauberstab darüber. Dann schloss er die Hand um das Ergebnis und trat um den Tisch. Er drehte Draco mitsamt seinem Stuhl zu sich um und ging vor ihm in die Knie.

„Draco, ich liebe dich. Willst du mich heiraten?“, fragte er und öffnete die Hand, in der nun ein schlichter Edelstahlring lag.

Draco machte den Mund auf und wieder zu. Dann räusperte er sich vernehmlich, bevor er sagte: „Ja, das will ich.“

Severus steckte Draco den Ring an und küsste ihn. Anschließend brach er noch ein weiteres Stück von der Gabel ab, verzauberte es und ging noch einmal in die Knie, diesmal vor Harry.

„Willst du, Harry, Teil unserer Beziehung sein? Mit uns verbunden bis ans Ende unserer Zeit?“, fragte er leise.

„Ja.“, wisperte Harry heiser und ließ sich den Ring anstecken.

Severus küsste auch ihn innig und spürte, wie sich Harrys Anspannung löste. Dann küssten sich Harry und Draco und schließlich lagen sie sich alle in den Armen. Harry weinte wieder, aber diesmal wussten die beiden Slytherins, dass es Freudentränen waren und ließen ihn weinen.

„Master Harry Potter, Sir, ist etwas passiert? Kann Dobby ihnen helfen?“, riss sie auf einmal eine piepsige Stimme aus ihrer kleinen Blase.

„Nein, Dobby, ich weine vor Freude!“, klärte Harry ihn lachend auf. „Die beiden hier haben mich gerade sehr glücklich gemacht. Aber du kannst trotzdem was tun, wenn du magst, Dobby.“

Dobby nickte heftig, sodass seine Ohren flatterten. Draco musste sich ein Lachen verbeißen und auch Severus´ Mundwinkel zuckten verdächtig.

„Du könntest Sirius fragen, ob er zum Mittagessen hier rauf kommt.“

„Natürlich, Master Harry Potter Sir. Dobby wird ihn mitbringen!“, versprach der Elf und verschwand mitsamt dem Frühstücksgeschirr.

Die drei kuschelten sich auf die Couch und redeten endlich einmal wieder entspannt miteinander, ohne irgendeinen Zwang. Sie ließen bewusst bestimmte Themen aus, tauschten sich über ihre Meinungen aus, sprachen über Quidditch-Spiele und fragten Harry über bestimmte Muggel-Sportarten aus. Auch wenn Harry nur wenig Ahnung davon hatte, weil er niemals die Freiheit gehabt hatte, viel auszuprobieren, so hatte er dennoch in der Grundschule im Sport so einiges mitbekommen. Draco und Severus mussten manchmal lachen, wenn Harry versuchte, ihnen bestimmte Regeln oder Manöver zu erklären. Harry genoss das Gefühl, wenn Severus lachte. Sein ganzer Körper vibrierte dann angenehm und Harry, der sich an ihn gelehnt hatte, wurde dabei leicht durchgeschüttelt. Es entspannte ihn so schön.

Schnell verging die Zeit und es klopfte an der Tür. Sirius stand draußen und kam zum Mittagessen. Natürlich hatte er Dobby sofort versprochen zu kommen, als der ihm Harrys Wunsch mitgeteilt hatte. Dobby wollte dafür etwas besonders Leckeres kochen. Harry freute sich, Sirius zu sehen und fiel ihm um den Hals. Sirius war überrascht, Harry so gelöst und glücklich zu sehen, er hatte etwas ganz anderes erwartet.

„Was habt ihr beiden mit ihm gemacht?“, fragte er über Harrys Kopf hinweg mehr im Spaß.

„Ich habe die beiden gefragt, ob wir unser Leben zusammen verbringen wollen. Ich werde Draco heiraten und Harry ist der dritte Teil unserer Beziehung.“, verkündete Severus trocken.

„Haha, sehr witzig.“, entgegnete Sirius beleidigt und ließ Harry los.

Dann sah er Draco und Harry an und sah die Ringe an ihren Fingern. Sein Gesicht spiegelte seine Gefühle deutlich wider. In rascher Abfolge erschienen Überraschung, Wut, Angst, Schock, Verwirrung. Dann verdrehte er die Augen und kippte um. Severus, der mit so einer Reaktion gerechnet hatte, fing ihn mit einem Zauber auf, bevor sein Kopf mit dem Boden Bekanntschaft machte und ließ ihn auf das Sofa schweben.

„Das war fies.“, stellte Draco fest.

„Nun, er hat gefragt, ich habe geantwortet.“, gab Severus staubtrocken zurück.

Draco und Harry kicherten. Severus ging in sein Schlafzimmer, wo er immer noch seinen Tränkevorrat hatte und holte eine Phiole heraus. Er weckte Black mit einem ‚Enervate‘ wieder auf und schüttete ihm den Inhalt in den Mund. Um sich nicht zu verschlucken, schluckte der Animagus es, dann setzte er sich auf.

„Du hast das wirklich ernst gemeint?“, fragte er anklagend.

„Ja, Black, das habe ich. Draco und ich sind seit etwa einem Jahr in einer Beziehung. Harry war ursprünglich nicht vorgesehen, aber wir beide haben uns in ihn verliebt und er erwidert unsere Gefühle, wenn auch vielleicht nicht im gleichen Sinne, bis jetzt jedenfalls. Wir werden ihn zu nichts zwingen und ihm niemals wehtun, aber wir können uns ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Und ich denke, er ist mit uns einer Meinung.“, fing Severus an.

„Sev, lass mich mal.“, unterbrach Harry.

„Sirius, ich liebe die beiden. Nicht so wie ich dich liebe, du bist für mich wie ein Ersatzvater. Ich weiß, es kommt jetzt vielleicht etwas unvorbereitet, vor allem nach dem, was du in den letzten Wochen über meine Vergangenheit herausgefunden hast, aber ich bin mir absolut sicher, dass es die richtige Entscheidung ist. Bitte vertrau mir, ich bin glücklich.“

Lange sah Sirius seinem Patensohn in die Augen. Er konnte erkennen, dass Harry die reine Wahrheit gesprochen hatte.

„Okay, Harry, auch wenn mich das jetzt echt umgehauen hat. Du bist glücklich, das kann ich deutlich sehen. Ich werde deine Entscheidung akzeptieren, aber bitte gib mir etwas Zeit dazu, das ist ein harter Brocken. Ich habe schon nicht verstanden, dass du Snape auf einmal vertraust, aber das jetzt ist mir im Moment echt zu hoch.“

Traurig sah Harry seinen Paten an. Wieder hatte er dafür gesorgt, dass jemand verletzt wurde. Er fühlte das schwere Gewicht der Schuld wieder auf sich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Severus und Draco spürten den Stimmungswechsel deutlich, obwohl sie hinter ihm standen und nahmen ihn in die Arme.

„Harry, nein, hör auf damit. Du wirst dir nicht die Schuld geben, man kann nichts dafür, in wen man sich verliebt! Vor allem du nicht! Ich bin froh, dass du glücklich bist. Ich muss nur das hier erst einmal verdauen!“, beschwor ihn Sirius und deutete mit der Hand auf die Dreier-Gruppe. „Komm her.“, bat der Animagus.

Als Harry zu ihm ging, nahm er seinen Patensohn fest in den Arm.

„Du wirst immer mein Patensohn sein und ich liebe dich. Ich wünsche dir, dass du immer so glücklich mit den beiden bist wie du gerade warst, denn dieses Strahlen habe ich noch nie bei dir bemerkt, und glaub mir, das war das Schönste was ich seit Wochen, nein seit Monaten gesehen habe!“, erklärte Sirius leise.

„Danke, Sirius!“, flüsterte Harry.

Als sich diesmal Tränen aus seinen Augen lösten, waren es Freudentränen, die sie ihm zu dritt vorsichtig von den Wangen wischten.

„Mittagessen?“, schlug Severus schließlich vor.

Auf dem Tisch stand eine dampfende Lasagne mit extra Käse. Sie setzten sich rund um den Tisch und verteilten die Portionen. Gefräßige Stille setzte ein. Eine Weile aßen sie schweigend, Sirius beobachtete immer noch ziemlich überrascht, wie entspannt Harry hier war. Nichts erinnerte an den ruhigen und vorsichtigen Jungen, den er vorgestern in der Küche und im Salon gesehen hatte. Es waren Welten zwischen diesen beiden Bildern in seinem Kopf. Snape und der junge Malfoy, nein, jetzt nur noch Draco, taten ihm offensichtlich wirklich gut. Nun, Harry war glücklich, was wollte er mehr? Er sah in Snape nun nicht mehr den schleimigen Bastard, für den sie ihn früher gehalten hatten, nein, der Tränkemeister hatte sich verändert, war erwachsen geworden und ruhiger, überlegter, zufriedener. Nichts erinnerte mehr an den früheren Severus Snape, außer vielleicht sein Aussehen, aber dafür konnte er nichts.

Inzwischen wusste er mehr über Snapes Kindheit, Lily hatte es ihm und James letztendlich doch gesagt, obwohl sie Severus versprochen hatte, darüber zu schweigen. Kein Wunder, dass er sich jetzt so für Harry einsetzte. Auch wenn er, Sirius, ihn sicher nicht darauf ansprechen würde. Severus brauchte nicht zu wissen, dass er wusste, was los war. Sirius wusste nicht genau, wieso Albus davon überzeugt war, dass Severus schon seit siebzehn Jahren auf seiner Seite stand, aber inzwischen glaubte er es. Lange hatte er gezweifelt, aber wenn er darüber nachdachte, war das notwendig gewesen, Severus´ Lebensversicherung sozusagen. Hätte Voldemort gemerkt, dass es Zweifel an Severus´ Loyalität gab, dann wäre er sicher qualvoll gestorben. Und das würde er auch, wenn er jetzt dem Dunklen in die Hände fiel. Und gerade wurde Sirius klar, dass er das nicht wollte, selbst wenn Harry nicht verliebt wäre in den Tränkemeister. Nein, das wünschte er niemandem und er würde helfen, das zu verhindern. Den ersten Schritt hatte er gestern bereits getan und er würde weitermachen, bis er es schaffte, diese Drei, die hier mit ihm beim Essen saßen, in Sicherheit zu bringen. Weg von Voldemort.

„Genug gestarrt?“, riss ihn Severus´ Stimme aus seinen Gedanken.

„Entschuldige. Ich war in Gedanken.“, erwiderte Sirius.

„Das war offensichtlich.“, spottete Severus, aber es war nicht böse.

„Heute Abend ist wieder ein Ordenstreffen. Kommst du mit runter, Severus?“, fragte Sirius.

„Ich denke, das werde ich mir kaum entgehen lassen können.“, entgegnete Severus sarkastisch.

 

 

Nach dem Abendessen, Sirius war den ganzen Nachmittag geblieben und hatte sich mit Harry unterhalten, gingen Sirius und Severus zu dem Ordenstreffen. Harry und Draco blieben in ihrer Wohnung und legten sich zum Lesen auf die Couch. Draco ging es deutlich besser, die Heilerin sah immer kurz nach ihm, wenn sie da war und war bisher immer zufrieden gewesen, aber er brauchte noch etwas mehr Ruhe und Schlaf als sonst. Daher genossen es die beiden Jugendlichen, in Ruhe lesen zu können. Harry konnte sich auf sein Buch nicht wirklich konzentrieren, zu sehr schwirrte ihm der Kopf von dem heutigen Tag. War er sich am Morgen noch fehl am Platze vorgekommen? Jetzt konnte er sein Glück kaum fassen, die beiden Männer, die alles für ihn bedeuteten, wollten ihr Leben mit ihm verbringen. Langsam aber sicher änderte sich etwas in seinem Innern. Immer wieder war ihm eingetrichtert worden, dass er ein Freak sei, Abschaum war, nichts wert, aber die beiden liebten ihn, gerade weil er anders war. Sie sagten es nicht nur, sondern zeigten es ihm Tag für Tag immer und immer wieder. Und dann die Verlobung. Auch wenn offiziell nur Draco und Severus heiraten würden, die Symbolik sagte ihm deutlich, dass er dazu gehörte. Außerdem noch Sirius, der es akzeptierte, wie er lebte und mit wem. Das hatte ihm schwer auf der Seele gelegen, wie sollte er das seinem Paten beibringen?

Eine Triade war zwar ab und zu in der Geschichte der Zauberer aufgetaucht, aber es war sehr selten, und noch seltener, dass es auch wirklich funktionierte. Das hatten Severus und Sirius erzählt. Wobei es Severus eher ungern gemacht hatte, wie Harry bemerkte. Doch für Harry schien es einfach perfekt zu sein und er spürte, dass es auch für die beiden Anderen richtig war. Draco hatte es mit der Perfektion der Geometrie verglichen, ein gleichseitiges Dreieck, nur mit allen drei Ecken war es perfekt, wenn eine fehlte, dann war es nur noch ein Strich.

Der Nachmittag hatte Harry auch noch einiges zum Nachdenken geliefert. Sirius hatte sich endlich einmal Zeit genommen, ihm mehr über seine Eltern zu erzählen, und auch über seine Großeltern, die Sirius aufgenommen hatten, als er von seiner Familie weglief. Auch über deren Tod hatte Sirius erzählt und dabei Tränen in den Augen gehabt. Sie waren Opfer des ersten Krieges geworden, kurz vor Harrys Geburt waren sie in einen Todesser-Überfall geplatzt und hatten mehrere Frauen und Kinder gerettet, waren dabei aber selber schwer verletzt worden und an den Folgen dieser Verletzungen gestorben. Sirius war trauriger gewesen, als beim Tod seiner leiblichen Eltern, der hatte ihn kaum bekümmert. So ließ Harry seine Gedanken eher treiben und ignorierte das Buch auf seinem Schoß komplett.

 

Auch Draco hing mehr seinen Gedanken nach als zu lesen, wie er es eigentlich geplant hatte. Severus hatte ihn mit seinem Antrag völlig überrascht. Er hätte niemals damit gerechnet, dass sein Patenonkel diesen Schritt machen würde. Hätte er wohl auch nicht, wenn sie nicht in dieser vertrackten Situation wären, aber dennoch war es ihm vollkommen ernst. Severus machte nichts, was nicht von vorne bis hinten durchdacht war. Vor allem, wenn es nicht nur sein eigenes Leben betraf. Draco fühlte in sich hinein und spürte vollkommenes Glück. Severus hatte ihn gefragt, und auch Harry, sie würden eine Familie sein. Innerlich schüttelte er den Kopf, es war ihm fast ein wenig schwindelig davon, wie schnell sich das ergeben hatte, aber es war so richtig und er liebte die Vorstellung, sein Leben mit den beiden zu verbringen.

Auch wenn sie vorerst eingesperrt waren, aber Dumbledore war in seinem Kampf gegen den dunklen Lord nun einen großen Schritt weiter. Nur die Schlange war noch, danach war er genauso sterblich wie jeder andere, schwer zu töten vielleicht, aber er war sterblich. Und Harry ging es schon deutlich besser, auch wenn er sicher noch nicht am Ende des Weges war. Aber gemeinsam würden sie es schaffen. Und dann stand ihrem Leben nichts mehr im Weg.

 

Severus indessen hörte zu, wie sie Pläne machten und wieder verwarfen. Nichts Neues, so war es schon immer gewesen. Die Versammlung diente im Grunde nur dazu, Neuigkeiten auszutauschen. Der Anfang war interessant, wenn man die Dinge erfuhr, die der Tagesprophet oder der Klitterer nicht brachten, und dann das Ende, wenn wirkliche Beschlüsse gefasst wurden. Wenn es denn welche gab. Heute sah es nicht danach aus. Sie wussten zu wenig von Voldemorts Plänen, um wirklich etwas entscheiden zu können. Severus als Spion fehlte Albus sehr, Severus als Mensch offenbar nicht, jedenfalls hatte er nicht einmal gefragt, wie es ihm ging. Aber das war nichts Neues für Severus. Aber dass er sich auch nicht um Harry kümmerte, das stieß Severus schon sauer auf. Der Junge hatte Besseres verdient. Und das würden er und Draco ihm geben.

Severus schwor sich ein weiteres Mal, dass er alles tun würde, dass die beiden Jungs immer so glücklich sein würden wie diesen Vormittag. Dieses Strahlen hatte ihn mitten ins Herz getroffen und er hatte eine unvorstellbare Freude dabei empfunden, das absolute pure Glück. Bei diesem Strahlen brauchte er kein Felix felicis mehr, das war besser. Er merkte nicht, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht schlich. Sirius jedoch bemerkte es und freute sich für Harry, aber auch für Severus und Draco. Ihm war schon früher häufiger aufgefallen, dass Severus immer nur funktionieren musste für Albus, der sich aber nie darum kümmerte, wie es seinem Spion ging. Ihm selber tat es inzwischen leid, wie sie Severus damals behandelt hatten. Sie waren echt Idioten gewesen und aus seinem jetzigen Blickwinkel konnte er nicht verstehen, wieso sie damals keiner aufgehalten oder wenigstens bestraft hatte. Er sollte sich nun endlich bei ihm entschuldigen.

Dann endete das Treffen ohne einen wirklichen Beschluss. Die meisten zerstreuten sich. Severus stand auf und trat zu Sirius, der sich mit Augusta Longbottom unterhielt. Der Tränkemeister hatte Harrys Namen gehört und war aufmerksam geworden.

„Professor Snape, Sirius hat mir eben gesagt, dass Harry in ihrer Obhut ist, und auch mein Enkel Neville hat schon so etwas angedeutet, als er heute nach Hause kam. Er würde Harry gerne sehen, wenn er einverstanden ist.“, äußerte die Dame ihre Bitte.

„Nun, wenn sie mit Sirius bereits gesprochen haben und mit ihrem Enkel, dann wissen sie sicher um den Zustand von Harry. Ich werde ihn fragen, aber die Entscheidung ihm selber überlassen.“, verkündete Severus.

„Es ist unglaublich, dass so etwas hier bei uns in Großbritannien passiert, ohne dass jemand etwas mitbekommt oder ihm hilft. Verraten sie mir, Professor, hatte wirklich niemand eine Ahnung?“

Augusta Longbottom schien wirklich entsetzt und empört von dieser Geschichte zu sein.

„Ich hätte das vor einigen Monaten nicht für möglich gehalten, aber Harry hat sich mir anvertraut, als ich merkte, dass etwas nicht stimmt. Auch mir ist vorher nichts aufgefallen, und dafür schäme ich mich. Doch es ist nicht so, dass ich der Erste gewesen wäre, dem sich Harry anvertraut hat. Doch derjenige hat es damals abgetan und damit jegliches Vertrauen Harrys in Erwachsene zerstört. Er ist gerade dabei, das alles sehr mühsam wieder aufzubauen. Auch seine sogenannten Freunde haben nie bemerkt, dass es ihm nicht so gut ging, wie er sie denken ließ. Der Junge hatte bereits im Alter von elf Jahren eine perfekte Maske aufgesetzt. Er wollte nie, dass jemand etwas bemerkt und das hat er geschafft.“

Man konnte Severus seine Erschütterung anhören. Doch er musste noch mit Kingsley sprechen, daher verabschiedete er sich von Augusta Longbottom und versprach ihr, Harry wegen Neville zu fragen. Dann ging er auf die andere Seite des Raumes, wo Kingsley abwartend stand. Er schien auf ihn zu warten.

„Er ist einverstanden. Wann können wir es durchführen? Was brauchen wir dafür?“, sagte Severus ohne jede Begrüßung.

Sie kannten sich lange genug, um auf solche Kleinigkeiten verzichten zu können. Kingsley verstand es auch so und jeder Andere musste es nicht verstehen.

„Ich besorge dir die notwendigen Papiere und kümmere mich auch um den entsprechenden Beamten. Wenn alles klappt, dann können wir es Samstag erledigen. Brauchst du Zeugen?“, erwiderte Kingsley kryptisch. Er bemerkte, dass sie Zuhörer hatten und wollte es geheim halten, da Severus es nicht öffentlich machen wollte, jedenfalls nicht vorzeitig.

„Nein, Harry und Sirius dürften genügen, denke ich.“

„Ja, das passt.“

„Danke, Kingsley.“

„Gerne, Severus. Ich bring dir alles in den nächsten Tagen vorbei.“

„Wir sind oben im vierten Stock. Klopf einfach.“

„Mach ich, Severus. Ich muss los. Pass auf dich auf.“

„Du auch. Gute Nacht Kingsley.“

Severus verließ den Raum, spürte dabei die bohrenden Blicke Dumbledores in seinem Rücken. Er hatte bemerkt, dass Albus lauschte, aber er würde nichts erfahren, nicht bevor alles vorbei war jedenfalls. Wer weiß, ob er es nicht sonst noch versuchte zu verhindern. Er eilte nach oben zu seinen beiden Männern. Er sehnte sich nach ihrer Gesellschaft, etwas, das er so von sich nicht kannte, er war immer ein Einzelgänger gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Er wollte nicht mehr alleine sein, nicht wenn die beiden da oben auf ihn warteten.

 

Sirius unterhielt sich weiter mit Augusta, aber sie waren in sein Arbeitszimmer gegangen. Augusta hatte einige interessante Ideen für ihn. Sie verwarfen einige, aber mit anderen Ideen konnten sie arbeiten, das wäre machbar. Es kristallisierte sich eine Lösung heraus, die möglich wäre und wohl auch sicher genug, dass Voldemort die drei nicht erwischte. Aber es lag noch viel Arbeit vor ihnen. Zuerst einmal musste er mit einigen Bekannten Kontakt aufnehmen, aber so, dass die Todesser nichts mitbekamen. Muggelmethoden waren da ganz hilfreich und so kam es, dass der Hausherr des Black´schen Hauses in den nächsten Tagen häufiger verschwand und stundenlang nicht mehr auftauchte.

 

Remus hielt sich eher bedeckt, auch wenn er über Sirius erfuhr, dass es Harry nun wieder besser ging. Wohlweislich hatte Sirius ihm nicht erzählt, warum genau es ihm besser ging. Der Werwolf hatte ein sehr schlechtes Gewissen, weil er sich von Harrys Aussehen täuschen hatte lassen. Sirius hatte ihm erzählt, wie gebrochen Harry noch in Hogwarts ausgesehen hatte und er hatte ein ähnliches Bild erwartet. Als er dann in die Küche gekommen war und Harry gesehen hatte, war alles für einen Moment vergessen. Harry sah aus wie früher, er hatte Kuchen gegessen und seine Augen lächelten. Er war um den Tisch herumgegangen und hatte, wie früher, seine Arme locker um Harrys Schultern gelegt, um ihn zu begrüßen. Dann war alles schief gelaufen. Harry hatte Panik bekommen und er selber war so erschrocken, dass sich seine Instinkte durchgesetzt hatten. Er hatte Harry beschützend in seine Arme gezogen, was das Schlimmste war, was er ihm antun konnte.

Nun machte er sich bittere Vorwürfe, weil er Harry in diesen Zustand versetzt hatte. Doch Harry schaffte es momentan nicht, ihm in die Augen zu sehen und so hielt sich Remus im Hintergrund, um Harry wenigstens ein bisschen Freiheit zu geben. Er war auf den Ordenstreffen, gab aber nur Antwort auf direkte Fragen und blieb sonst unnatürlich still. Selbst Tonks, die sonst alle mit ihrer Art aufheiterte, schaffte es nicht, ihm ein echtes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Auch wenn Remus es nicht bemerkte, es fiel Severus auf, wie ruhig und zurückgezogen der Wolf war. So kannte er ihn nicht und er machte sich Sorgen, obwohl er das nie zugeben würde. Aber Harry mochte den Wolf und er würde sich wieder Vorwürfe machen. Daher nahm sich Severus vor, mit Harry zu reden.

Er hatte mit ihm schon wegen Neville gesprochen und Harry hatte entschieden, dass er ihn treffen wollte. Mit Augusta, inzwischen war Severus mit ihr auch per ‚Du‘, hatte er vereinbart, dass sie Neville am Montag mitbringen würde. Zuerst sollte die Hochzeit stattfinden, er wollte Harry nicht zu viel auf einmal zumuten. Kingsley hatte wie versprochen am Donnerstag die Papiere gebracht, die er und Draco ausfüllen mussten und ihnen gesagt, dass der Beamte für die Zeremonie am Samstag um elf Uhr vormittags Zeit hatte und sie gemeinsam kommen würden. Da Sirius nun der zweite Geheimniswahrer war, erfuhr der Beamte von ihm die Adresse und konnte so das Haus betreten.

Sirius hatte auch darauf bestanden, Harry neue Kleidung zu kaufen und brachte fast täglich etwas Neues mit, bis Harry irgendwann entschied, dass es nun genug sein musste, denn sein Schrank war inzwischen voll. Auch die Argumente von Sirius, dass er ein Zauberer sei, ließ er nicht gelten, schließlich war noch nicht volljährig und durfte außerhalb der Schule nicht zaubern.

Am Samstag standen Severus und Draco früher auf als Harry. Auch wenn es nur eine schlichte, kurze Zeremonie war, Draco hatte darauf bestanden, dass sie sich wenigstens schick machen konnten. Schließlich war es ihr großer Tag. Severus hatte sich überreden lassen, denn er wollte es für Draco so schön wie möglich machen. Also zog er seinen besten Anzug aus dem Schrank und ließ seine Roben hängen. Außerdem warf er seinen Festumhang über, als er aus dem Bad kam und angezogen war.

„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass du mit dieser Frisur mich heiraten kannst!“, schimpfte Draco.

Er kam gerade aus dem Bad, Haare frisch gewaschen und frisiert. Sirius hatte Severus sein Labor zur Verfügung gestellt, damit er Haargel für Draco herstellen konnte, sodass dieser seine Frisur hinbekam. Außer Draco brauchte keiner so etwas, Harry und Severus gaben sich mit Shampoo zufrieden, trockneten die Haare nur kurz mit dem Handtuch und ließen sie dann an der Luft trocknen. Draco schleppte Severus wieder ins Bad und drückte ihn in einen Stuhl. Dann fuhr er durch Severus´ Haare und zupfte und machte. Severus ließ es geschehen, wollte an seinem Hochzeitstag keinen Streit. Nach einer halben Stunde schien Draco fertig zu sein. Mit einer dunklen Vorahnung besah sich Severus im Spiegel und war angenehm überrascht. Seine Haare glänzten, aber nicht fettig, sondern seidig. In leichten Wellen fielen sie ihm auf die Schultern. Er sah aus wie frisch vom Friseur und wider Erwarten gefiel es ihm sehr gut. Nur der Aufwand, der dahintersteckte, war ihm eigentlich zu viel. Dennoch, für besondere Tage war es das durchaus wert. Er lächelte Draco dankbar zu und gab ihm einen Kuss.

„Hey, so nicht! Doch nicht vor der Hochzeit!“, wurden sie da unterbrochen.

Schelmisch grinsend stand Harry in der Tür, er war inzwischen aufgewacht, da es nicht mehr so warm neben ihm war. Außerdem musste er sich auch noch fertig machen. Gespielt brummelnd zogen sich die anderen beiden in ihr jeweiliges Zimmer zurück.

„Und schön brav sein!“, lachte Harry noch, bevor er im Bad verschwand.

Seit dem Antrag fühlte er sich sicher genug für derartige Spötteleien. Früher hatte er Angst gehabt, dadurch seine ‚Freunde‘ zu vergraulen, war immer darauf aus gewesen, dass alles friedlich und harmonisch war. Schnell duschte er sich und wusch sich die Haare. Als er gerade aus dem Bad gehen wollte, kam Draco mit ernster Miene auf ihn zu und drückte ihn zurück.

„Auch du wirst nicht mit so einer Frisur bei der Hochzeit sein. Keine Widerrede, Sev musste da auch durch. Setz dich und lass mich machen.“, befahl Draco.

Harry seufzte, tat aber wie verlangt. Er ließ Draco machen, wissend, dass er es sowieso nicht verhindern konnte. Doch auch er war am Ende überrascht, was Draco mit ein bisschen Gel hinbekam. Seine Haare waren immer noch verwuschelt, aber jetzt sah es gewollt aus und ordentlich unordentlich.

„Danke Dray!“, lächelte Harry und umarmte den Blonden.

Im Wohnzimmer angekommen sahen sie, dass auch Sirius schon da war. Kingsley wollte mit dem Beamten um kurz vor elf Uhr kommen und würde ihn dann auch nach oben bringen. Harry lief zu Sirius und umarmte ihn.

„Hast du sie?“, murmelte er dabei in dessen Ohr.

„Natürlich, was denkst du denn?“, antwortete dieser leise, aber mit Empörung in der Stimme.

Er reichte Harry ein kleines Päckchen.

„Was habt ihr für Geheimnisse?“, wollte Draco wissen.

„Wird noch nicht verraten.“, entschied Sirius.

Beleidigt wollte Draco auffahren, doch Severus bremste ihn. Geduld musste der Drache wirklich noch lernen. Glücklicherweise klopfte es jetzt an der Tür und der Beamte kam zusammen mit Kingsley.

„Das ist Mr. Green.“, stellte Kingsley vor.

„Mr. Green, das hier sind Draco und Severus Snape. Sirius Black kennen sie ja, und dann haben wir hier noch Harry Potter. Die beiden sind die Trauzeugen.“

Mr. Green begrüßte jeden, der ihm vorgestellt wurde, mit einem Händedruck und einem „Guten Morgen“, dann entschied er, wenn alles bereit sei, dann könnten sie anfangen.

Draco und Severus stellten sich nebeneinander, Mr. Green sich vor sie hin. Harry trat zu Draco und Sirius zu Severus. Kingsley stellte sich hinter Draco und Severus. Zunächst begrüßte Mr. Green die beiden Heiratswilligen, klärte sie über ihre jeweiligen Rechte und Pflichten auf und sprach dann endlich die ersehnten Worte.

„Severus Snape, wollen sie den hier anwesenden Draco zu ihrem Mann nehmen, ihn lieben, achten und ehren, bis dass der Tod euch scheidet, so antworten sie mit ‚Ja, ich will‘.“

„Ja, ich will.“, kam es klar und deutlich von Severus.

„Draco, wollen sie den hier anwesenden Severus Snape zu ihrem Mann nehmen, ihn lieben, achten und ehren, bis dass der Tod euch scheidet, so antworten sie mit ‚Ja, ich will‘.“

„Ja, ich will.“, antwortete nun auch Draco.

„So erkläre ich euch hiermit zu Mann und Mann. Euer gemeinsamer Ehename wird ‚Snape‘ sein. Sie dürfen sich jetzt küssen.“, lächelte Mr. Green.

„Moment, die Ringe!“, unterbrach Sirius.

„Wir haben keine Ringe, und das weißt du genau!“, knurrte Severus.

„Irrtum. Hier.“, grinste Sirius schelmisch und hielt Severus eine kleine offene Schachtel hin.

Darin glitzerte ein schmaler, goldener Reif mit einem kleinen, roten Diamanten. Severus starrte erst den Ring an, dann Sirius.

„Mein Geschenk zu eurer Hochzeit.“, ließ sich nun Harry vernehmen.

Auch er hielt eine offene Schachtel in der Hand, die einen etwas größeren Ring enthielt, der sich aber durch nichts von dem anderen unterschied.

„Harry, du bist doch…“, begann Severus.

„Verrückt? Nein, ich denke nicht. Ich hab Sirius gesagt, er soll sie aus meinem Verlies holen. Sie sind seit Jahren dort drin rumgelegen, da sehen sie an euren Händen besser aus!“, sagte Harry in abschließendem Ton.

„Und jetzt steckt sie euch endlich an!“, forderte er sie mit einem liebevollen Lächeln auf.

Da nahm Severus den Ring, den Sirius ihm immer noch hinhielt, und steckte ihn Draco an den Finger. Danach nahm Draco den Ring von Harry und steckte ihn an Severus´ Finger. Glücklich verschränkten sie ihre Hände und versanken dann in einem innigen Kuss. Harry und Sirius grinsten sich an, die Überraschung schien äußerst gelungen. Als sie endlich dazu kamen, den beiden frisch Getrauten zu gratulieren, dankten sie ihnen mit Tränen der Rührung in den Augen.

„Du bekommst deinen auch noch, Harry!“, versprachen sie leise, als Draco und Severus Harry umarmten.

Mr. Green und Kingsley verabschiedeten sich bald danach, Mr. Green händigte ihnen alle benötigten Unterlagen aus, sodass die beiden nun nicht mehr getrennt werden konnten. Sirius steckte dem Beamten noch einen kleinen Bonus zu, weil er sich die Mühe gemacht hatte, die Trauung hier durchzuführen.

„So, jetzt sind wir unter uns. Ich hab noch eine kleine Überraschung für euch drei.“, grinste Sirius.

Er griff in seinen Umhang und holte noch ein kleines Päckchen heraus. Er reichte es Severus und Draco.

„Na los, macht es auf.“, forderte er, immer noch grinsend.

Vorsichtig öffneten die beiden die kleine Schachtel und ein dritter Ring kam zum Vorschein. Sie wussten, was das bedeutete. Sirius akzeptierte ihre Verbindung mit Harry und wollte, dass sie es auch zeigen konnten. Gerührt steckten sie gemeinsam den Ring an Harrys Finger.

„Für immer!“, versprachen sie sich.

 

 

 

Das restliche Wochenende blieben die Drei unter sich. Sirius wusste, dass sie die Zeit miteinander sicher genossen und er vertraute ihnen, dass sie Harry nicht wehtun würden. Nein, im Gegenteil, sie taten ihm gut. So glücklich hatte er Harry noch nie gesehen.

Am Montagmorgen überraschten die Drei dann Sirius, indem sie zum Frühstücken nach unten in die Küche kamen. Auch Remus war da und wollte verschwinden, um Harry nicht zu verletzen, doch dieser sprach ihn an. „Remus, warte. Ich… ich bin dir nicht böse. Du bist immer noch ein Freund für mich. Du hast mich überfordert. Aber ich will nicht, dass du dich komplett zurückziehst. Können wir es neu versuchen?“, fragte er leise.

„Harry, ich … es tut mir unendlich leid. Ich wollte dir nicht wehtun. Du hast mich überrascht, ich hab mit einem anderen … Zustand gerechnet. Du hast mich so an früher erinnert, dass ich alles vergessen habe, was Sirius mir gesagt hat. Ich…“

„Remus, mach dir keine Vorwürfe. Es geht mir deutlich besser. Fass mich nur nicht überraschend an, dann ist es okay.“, unterbrach ihn Harry und lächelte ihn vorsichtig an.

Dann hielt er ihm die Hand hin. Umarmen würde er sich noch nicht von ihm lassen, aber diese Geste brauchte Remus jetzt und er konnte ihm so viel wenigstens geben. Leicht zitterte die Hand dennoch, als Remus danach griff. Das spürte der Werwolf und ließ ihn gleich wieder los. Er wusste, dass das für Harry ein großer Schritt war und freute sich, dass er das für ihn in Kauf nahm, wollte ihn aber nicht überfordern. Gemeinsam saßen sie dann am Tisch und genossen ihr Frühstück. Irgendetwas irritierte Remus und er konzentrierte sich darauf, als er plötzlich bemerkte, was seine Augen schon eine Weile sahen.

„Was… was bedeutet das?“, fragte er verwirrt.

Sirius lachte sein Rumtreiber-Lachen, Harry und Draco grinsten und selbst Severus´ Mundwinkel zuckten. „Was bedeutet ein Ring an DIESEM Finger für gewöhnlich, lieber Remus?“, fragte Sirius gespielt unschuldig.

„Das ist nicht euer Ernst? Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, oder?“

„Doch, es ist ernst. Wir sind verbunden. Auch wenn Harry momentan noch eine andere Rolle in dieser Beziehung hat als Draco und ich, aber er gehört zu uns und wir zu ihm.“, erklärte Severus ruhig.

„Du … du wusstest das? Und bist einverstanden?“, fragte Remus Sirius anklagend.

„Moony, jetzt krieg dich ein. Ich hab erstmal auch daran geknabbert. Aber ich sehe, wie glücklich Harry ist und ich sehe auch die Liebe. Ja, inzwischen bin ich einverstanden. Draco und Severus haben am Samstag geheiratet, und da ich in Harrys Auftrag die Ringe für die beiden geholt habe, habe ich mir die Freiheit genommen, noch einen dritten mitzunehmen. Die drei sind eine Bilderbuch-Triade, glaub mir, wenn du sie eine Weile miteinander siehst, dann weißt du auch, dass es richtig ist.“, beruhigte ihn Sirius.

„Remus, es ist wirklich in Ordnung. Wir lieben uns, und sie werden mir niemals wehtun. Bitte, geh jetzt nicht. Wir haben es bisher geheim gehalten, Sirius ist der Einzige, der davon wusste, und jetzt du. Dray und ich sind beide noch nicht volljährig und Sev könnte in Teufels Küche kommen deswegen. Wir, ich vertraue dir. Bitte vertraue du auch mir, dass ich die richtige Entscheidung für mich treffen kann.“, bat Harry leise.

Remus, der tatsächlich gehen hatte wollen, setzte sich wieder. Er sah Harry aufmerksam an. Der Junge sah wirklich glücklich aus.

„Nun gut, ich werde es mir ansehen und darüber schweigen. Aber wehe, einer von euch tut ihm weh, dann werde ich mir euch vorknöpfen! Auch wenn er jetzt ein Vampir ist, er bleibt immer mein Welpe.“, drohte er schließlich.

„Danke, Remus!“, strahlte Harry. Dieses Strahlen überzeugte den Werwolf schließlich. So glücklich hatte er Harry noch nie gesehen. Sirius entspannte sich, als er merkte, dass sein Freund nun scheinbar keine Bedenken mehr hatte. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile, aber als es gegen Mittag ging, verließen Harry und Draco die Küche und gingen zurück in den vierten Stock, da gleich ein Ordenstreffen angesagt war.

Severus blieb, denn er wurde in beratender Funktion gerne gehört, auch wenn er keine Informationen mehr liefern konnte, doch gerade Kingsley, der die rechte Hand von Dumbledore im Orden war, gab viel auf die Meinung des ehemaligen Spions. Heute wollte Augusta Neville mitbringen. Sie hatten ausgemacht, dass Neville das Ordenstreffen abwarten sollte und Severus Harry dann in die Bibliothek brachte. Wenn alles klappte, dann würde er die beiden Gryffindors eine Weile alleine lassen, damit sie sich ungestört unterhalten konnten. Doch zu Anfang wollte er Harry nicht alleine lassen, daher war dieses Treffen auf nach der Versammlung vertagt worden. Sirius brachte Neville gleich in die Bibliothek, dort konnte er in den Büchern stöbern, sodass ihm nicht langweilig wurde.

Der schüchterne Gryffindor bedankte sich leise bei Sirius und ging dann vorsichtig die Buchregale entlang. Eine Weile studierte er nur die Einbände, doch dann stach ihm ein Buch über Kräuterkunde ins Auge, das er noch nicht kannte. Vorsichtig zog er es aus dem Regal und ging damit zu einem der vielen Sessel, die in dem Raum aufgestellt waren. Er drehte den Sessel ein wenig zum Fenster, sodass er mehr Licht hatte und setzte sich dann hinein. Sogleich versank er in dem Buch und merkte nicht, wie die Zeit verging. Erst als sich die Tür öffnete und er die Stimmen von Harry und seinem Tränkeprofessor hörte, schrak er hoch.

 

Harry hatte während des Treffens mit Draco gekuschelt und ihm schließlich gestanden, wie nervös er war wegen des Treffens mit Neville. „Er hat mich so komisch angesehen, nachdem Sev angefangen hat, dich zu versorgen. Vorher hat Neville tatsächlich versucht, dir mit Heilzaubern zu helfen. Sev hat ihm dafür sogar Punkte gegeben. Aber er weiß offenbar, was mit mir los ist. Was, wenn er mich darüber ausfragt? Ich kann nicht darüber reden.“, wisperte Harry.

„Harry, ganz ruhig. Erstens ist Sev so lange dabei, wie du ihn brauchst. Er wird dich nicht alleine lassen, wenn du nicht sicher bist, dass du es alleine schaffst. Und Neville Longbottom ist kein Weasley oder keine Granger. Die beiden waren keine wahren Freunde für dich. Sie haben sich nie Gedanken gemacht, wie es dir geht, es hat sie offenbar nie wirklich interessiert. Aber Longbottom scheint sich Gedanken zu machen. Warte es ab, das wird schon.“, beruhigte ihn Draco. Und als er ihn dann noch küsste und mit seinen Händen über die Seite strich, wurde Harry tatsächlich ruhiger. Körperliche Nähe und zärtliche Zuwendung beruhigten den Gryffindor meist sofort. So aneinander geschmiegt fand sie schließlich Severus vor, als er nach oben kam, um Harry abzuholen.

Er bot Harry noch einmal seinen Arm an, als er merkte, wie nervös der junge Gryffindor war und Harry ließ sich nicht zweimal bitten. Normalerweise trank er immer am Wochenende, so hatte sich der Rhythmus eingependelt, aber wenn er so nervös wie gerade eben war, dann brauchte er Blut zur Beruhigung, das wirkte besser als jeder Trank. Dann erst gingen sie nach unten. Die Ordensmitglieder waren inzwischen entweder gegangen oder in der Küche zum Essen. Als sie in die Bibliothek traten, suchten Severus´ Augen nach Neville Longbottom, Harrys Augen aber fielen auf die Zeitung. Bis zu dem Moment hatten sie sich noch leise unterhalten. Dann stand Harry plötzlich still da und starrte auf die Schlagzeile. Severus war zwei Schritte weiter als er merkte, dass Harry nicht mehr neben ihm war und drehte sich alarmiert um. Harry war kalkweiß und zitterte unkontrolliert. Severus folgte seinem Blick und fluchte farbenfroh.

Wo ist Harry Potter? verkündete eine große Schlagzeile auf der Titelseite des heutigen Tagespropheten. Während alle gegen den, der nicht genannt werden darf kämpfen müssen, versteckt sich der Auserwählte feige stand direkt darunter. Das Ganze noch mit einem Foto von Harry garniert, in dem er traurig in die Kamera lächelte. Es schien aus dem letzten Jahr zu sein und während des trimagischen Turniers aufgenommen. Severus registrierte das alles nur am Rande, er ging auf Harry zu und schob sich in sein Blickfeld, sodass der Kleine die Zeitung nicht mehr sehen konnte. In dem Moment brach Harry weinend zusammen, Severus konnte ihn gerade noch auffangen.

„Was ist passiert?“, fragte eine leise Stimme.

„Mr. Longbottom, ich schätze, ihr Treffen muss ausfallen. Harry hat die Zeitung gesehen. Ich bringe ihn hier weg.“, knurrte Severus.

„Natürlich, Professor. Es tut mir leid, dass es ihm nicht gut geht.“, murmelte Neville erschrocken.

„Er hat sich auf das Treffen mit ihnen gefreut.“, erzählte Severus dem Gryffindor leise.

Erstaunt sah Neville dem Professor hinterher, als der mit Harry auf dem Arm die Bibliothek verließ. So nett und umgänglich, ja fürsorglich, kannte er den Professor gar nicht. Vor kurzem hatte er sogar Punkte an ihn vergeben. Nachdenklich ging Neville nach unten in die Küche, wo er nur noch auf seine Großmutter, Sirius Black und Remus Lupin traf.

„Schon wieder da? Sag nicht, du hast ihn verletzt!“, fuhr Augusta Longbottom ihn an.

„Nein, Oma. Er hat den heutigen Tagespropheten gesehen und ist weinend zusammengebrochen. Professor Snape hat ihn weggebracht.“, antwortete Neville traurig.

„Verdammt!“, fluchte Sirius. „Augusta, wir müssen schnell machen, er muss hier weg. Remus, zeigst du Neville ein Gästezimmer, ich denke, Augusta und ich haben zu tun!“, ordnete er dann mit finsterer Miene an.

Mit diesen Worten stand er auf und ging, gefolgt von Augusta, aus der Küche. Verwirrt sah Neville den Werwolf an. „Äh, was war das eben, Professor Lupin?“, wollte er dann wissen.

„Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung. Aber nenn mich Remus, ich bin schließlich nicht mehr dein Professor. Und wenn sich die Gesetze nicht ändern, dann werde ich das nie wieder sein. Komm, ich zeig dir ein Zimmer, und dann sollten wir vielleicht zu euch nach Hause gehen und dir ein paar Sachen holen, damit du versorgt bist.“, antwortete Remus, nicht weniger verwirrt.

 

Severus hatte Harry nach oben getragen und war ins Schlafzimmer mit ihm gegangen. Als Draco sah, dass er Harry trug, kam er sofort hinterher.

„Er hat die Zeitung gesehen.“, erklärte Severus ohne Aufforderung.

„Scheiße.“, fluchte Draco.

Severus und er hatten es heute Morgen schon gelesen, es aber vor Harry versteckt. Daher wusste Draco genau, was Harry erblickt hatte. Er verstand, warum Harry nun wieder ein Häufchen Elend war und zitternd und schluchzend zwischen ihnen lag, sich haltsuchend an allem festklammerte, was in Reichweite war. Draco zog die Decke über ihn und sie legten sich mit Harry in der Mitte hin, streichelten ihn und murmelten beruhigende Worte.

„Warum?“, war alles, was Harry immer wieder sagte.

Severus versuchte eine Erklärung. „Harry, du weißt, dass es eine Prophezeiung gibt, Albus hat mir gesagt, dass er dir zumindest davon erzählt hat. Diese Prophezeiung wurde ihm gegenüber kurz vor deiner Geburt gemacht:

Der Eine mit der Macht, den dunklen Lord zu besiegen, naht heran…

jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren wenn der siebente Monat stirbt…

und der dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt…

und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt…

der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, wird geboren werden, wenn der siebente Monat stirbt…[Quelle: Harry Potter, Band V, „Die verlorene Prophezeiung“, S.987]

Sie gehen daher davon aus, dass du der Auserwählte bist. Und das auch, wenn die Bevölkerung die Prophezeiung nicht kennt und nichts Genaues weiß. Sie haben hier und dort ein Gerücht gehört und reimen sich den Rest zusammen. Prophezeiungen sind sehr schwierig zu interpretieren, aber die allgemeine Meinung geht dahin, dass du derjenige bist, der dem dunklen Lord ebenbürtig ist. Und zwar, weil er dich gekennzeichnet hat.“

Hier strich er sanft mit dem Finger über Harrys Narbe auf der Stirn.

„Man kann darüber sicher streiten, aber zumindest bin ich sicher, dass der Teil stimmt. Er hat dich gekennzeichnet und mit seinem Seelenbruchstück hat er dir Fähigkeiten gegeben, die dich ihm ebenbürtig gemacht haben. Aber ob das alles bedeutet, dass du ihn töten MUSST, das glaube ich wiederum nicht. Es scheint so zu sein, dass man die Prophezeiung so verstehen kann und viele scheinen es so zu sehen, aber glaube mir, ich werde nicht zulassen, dass sie dich wie ein Lamm auf die Schlachtbank schicken. Wegen dieser Prophezeiung glauben alle, dass du der Auserwählte bist. Darum schreien alle nach dir, aber keiner sieht, keiner WILL sehen, dass du dazu nicht in der Lage bist. Glaub mir, Kleiner, wir werden nicht zulassen, dass sie dich benutzen für etwas, das nicht deine Aufgabe ist. Und jetzt versuch zu schlafen. Wir sind da.“

Harry hatte Severus aufmerksam zugehört. Jetzt schloss er die Augen und kuschelte sich eng an seine Partner. Er wollte jetzt nicht alleine sein. Nicht mit diesen ganzen Informationen im Kopf, da waren Alpträume vorprogrammiert. Dennoch war er froh, dass Severus ihm die Wahrheit gesagt hatte, auch wenn er wusste, dass Severus das sehr schwer gefallen sein musste.

Severus haderte mit sich. War es richtig gewesen, Harry gerade jetzt die Wahrheit zu sagen? Letzte Woche hatte er Albus nach einem Ordenstreffen um ein Gespräch gebeten und ihm da dann diese Geschichte entlockt. Harry hatte ein Recht auf die Wahrheit, aber er hatte es vor sich hergeschoben, ihm das zu erzählen. Doch war es gerade jetzt wirklich der beste Zeitpunkt gewesen? Harry würde mit Sicherheit Alpträume haben, aber zumindest hatte er nun verstanden, worum es ging und machte sich nicht zusätzlich Gedanken. Er wusste, welche Horrorvorstellungen sich in Harrys Kopf ausbreiteten, wenn man seiner Fantasie keinen Einhalt gebot. Deshalb hatte er ihm in einer spontanen Entscheidung die Wahrheit gesagt. Harry war inzwischen eingeschlafen und atmete ruhig und gleichmäßig. Sein Herzschlag hatte sich beruhigt und er schien zumindest im Moment alptraumfrei zu schlafen. Also entschied Severus, dass er kurz aufstehen konnte, um ins Bad zu verschwinden und dann einen Teil seiner Kleidung dort zu lassen. Außerdem würde er sich ein Buch holen, denn so viel Schlaf wie Harry nun brauchte, so lange konnte er selber nicht schlafen. Draco sah auf.

„Komme gleich wieder!“, flüsterte Severus leise.

Draco nickte und zog Harry näher an sich heran. Der murmelte nur leise und drehte sich um, schlief aber weiter. Als Severus zehn Minuten später wieder ins Bett krabbelte und sich unter die Decke zu Harry kuschelte, ging auch Draco kurz ins Bad und holte sich das Buch, das er angefangen hatte zu lesen. Sie stellten sich beide auf eine lange Nacht ein. Meist schlief Harry nach solchen Ereignissen extrem unruhig und lange.

 

Die nächsten drei Tage verliefen unruhig, sowohl bei der Triade im vierten Stock, wo Harry nach und nach wieder ein wenig zur Ruhe kam, als auch bei Sirius und Augusta. Nur Severus fluchte immer wieder vor sich hin, weil er stinksauer war, dass diese Idioten die Zeitung in der Bibliothek so offen liegengelassen hatten. Allerdings wusste er nicht, wer es gewesen war, es schien jemand vom Orden gewesen zu sein, der sie mit nach oben genommen und dann in der Bibliothek abgelegt hatte. Zumindest war es wohl kein Versuch gewesen, Harry zu schaden. Schlimm genug war es dennoch.

Remus und Neville vertrieben sich die Zeit in der Bibliothek oder im Salon, Neville konnte zwar nach draußen, aber Remus nicht. Nur am ersten Tag hatte er es gewagt, das Haus am Grimmauldplatz zu verlassen, aber nur durch den Kamin zu den Longbottoms, um Neville mit seinen Sachen zu helfen. Der Junge hatte auch für seine Großmutter ein paar Dinge eingepackt, aber sie hatten sie bisher nur einmal kurz gesehen, als sie sich duschte und umzog, das war vor fast zwei Tagen gewesen. Sirius sahen sie drei oder vier Mal aus dem Haus eilen, aber er sagte nie etwas, blieb eine Weile verschwunden und eilte dann zurück in sein Arbeitszimmer. Neville hatte gehofft, dass er Harry sehen könnte, doch die drei blieben in ihrer Wohnung und kamen nicht heraus. Harry sollte die Zeit haben, die er brauchte.

Am Freitagmorgen kamen eine erschöpft aussehende Augusta und ein euphorisch grinsender Sirius wieder aus dem Arbeitszimmer. Augusta schnappte sich ihren Enkel und disapparierte mit ihm, nachdem Sirius sich überschwänglich bei ihr bedankt hatte.

„Was habt ihr denn ausgeheckt?“, wollte Remus neugierig wissen.

„Komm mit, ich will es nicht zweimal erklären.“, antwortete Sirius kurz angebunden.

Der Animagus schnappte sich eine kleine, schwarze Tasche, die Remus bisher nicht weiter beachtet hatte. Sirius ging voraus nach oben, Remus folgte ihm in den vierten Stock. Der Werwolf fragte sich, ob Sirius wusste, dass es erst kurz vor sieben Uhr morgens war und Harry um die Zeit normalerweise noch schlief. Doch bevor er ihn darauf aufmerksam machen konnte, klopfte Sirius schon ziemlich laut und hartnäckig. Als nach einer Minute noch keiner gekommen war um die Tür zu öffnen, klopfte er noch einmal. Diesmal ging die Tür auf.

„Was willst du, Flohteppich?“, knurrte Severus.

Remus sah ihm an, dass er eben aus dem Bett gekrochen war, er hatte wohl nur schnell eine Hose angezogen, sein schwarzes, kurzärmeliges T-Shirt sah zerknittert aus, und Remus kannte ihn nur mit langärmeligem Hemd und Robe. Seine Haare waren wirr und sein Gesicht leicht gerötet. Außerdem waren seine Füße nackt, wie Remus erst jetzt bemerkte.

„Genug gestarrt? Also, was wollt ihr?“, fauchte Severus.

„Lass uns rein, dann wirst du es erfahren.“, antwortete Sirius ruhig.

Genervt trat Severus zur Seite, um die beiden einzulassen. Dann verschwand er im Schlafzimmer und weckte die beiden Anderen. Wenn der Animagus schon um diese frühe Zeit kam, dann war es wohl wichtig und da sollten die beiden mithören. Er war nicht mehr alleine, sie gehörten zusammen. Zehn Minuten später saßen sie zu dritt ziemlich verschlafen auf dem Sofa, Sirius und Remus in zwei Sesseln ihnen gegenüber.

„Dein Mal?“, fragte Remus verwirrt, er sah Severus heute zum ersten Mal ohne lange Ärmel.

„Fawkes.“, war Severus´ knappe Antwort.

Sirius räusperte sich und bekam die Aufmerksamkeit zurück. Jeder war neugierig, was er zu sagen hatte. „Also, seit ihr hier seid merke ich, dass es Harry mit euch beiden gut geht, aber dass er viel Ruhe und Zeit braucht. Außerdem könnt ihr hier nie aus dem Haus, du, Severus, wirst von allen Seiten gesucht und auch Draco kann nicht raus, da er sonst Gefahr läuft, doch noch zu einem Todesser zu werden oder Schlimmeres. Ich habe mit Augusta Longbottom einen Plan ausgeheckt. Ihr werdet von der Bildfläche verschwinden. Voldemort will Harry tot sehen, um den Widerstand zu brechen, aber ich habe keine Lust, mich für immer von meinem Patensohn zu verabschieden, weil er diesem Ungeheuer ausgeliefert wird. Dumbledore ist, genau wie die meisten Zauberer und Hexen, davon überzeugt, dass Harry derjenige ist, der Voldemort töten muss, er hat aber nicht genau erklärt, warum. Es gibt ein Gerücht über eine Prophezeiung, das wohl von einem Ministeriumsangestellten verbreitet wurde, der aber inzwischen nicht mehr dort arbeitet. Ich will dir das nicht zumuten, Kleiner, dass du in den Kampf ziehen musst, nicht nochmal. Du hast genug mitgemacht. Ich will euch hier raus haben, in Sicherheit. Dafür haben Augusta und ich gearbeitet. Wir haben Kontakt zu verschiedenen Menschen, magisch und nicht-magisch, aufgenommen und viele verschiedene Pläne geschmiedet. Ich werde euch jetzt keine Einzelheiten erzählen, aber wir wissen, wie wir euch hier raus und in Sicherheit bringen. Zuerst werdet ihr euch ein wenig verändern, aber auf die Muggel-Art. Severus, tut mir leid, aber deine Haare kommen runter, und du wirst einen Bart bekommen. Auch Dracos Haare werden kurz, Harrys dafür länger. Gut, ein paar Zauber sind dabei, zugegeben. Ich habe hier Haarfärbemittel, Kontaktlinsen und alles, was wir sonst noch so brauchen. Also los geht´s. Severus, du fängst an.“

Völlig überrumpelt folgte Severus Sirius ins Bad. Nach etwa einer Stunde kamen sie wieder. Staunend blickten die drei im Wohnzimmer Severus an. Seine Haare waren jetzt raspelkurz, kaum mehr zwei Zentimeter lang, dafür trug er einen gepflegten Vollbart und eine Brille mit dunklem Rahmen. Außerdem hatte Sirius ihn genötigt, eine dunkelblaue Jeans und ein grünes T-Shirt anzuziehen. Man konnte Severus ansehen, dass er sich unwohl fühlte, aber er war kaum noch zu erkennen. Draco stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Wow, Sev, du siehst echt heiß aus!“, kommentierte er.

„Genug gestarrt, Draco. Du bist dran.“, befahl Sirius und zerrte den Blonden ins Bad.

Diesmal dauerte es deutlich länger, bis sie erneut auftauchten. Auch Draco war völlig verändert, als er nach zwei Stunden wieder erschien. Harry, Severus und Remus hatten in der Zwischenzeit gefrühstückt und für Draco stand noch ein Teller auf dem Tisch, den der ehemals Blonde nun hungrig anstarrte. Draco hatte nun kurze, zur Seite gescheitelte, schwarzbraune Haare, auch Wimpern und Augenbrauen waren gefärbt. Er trug braune Kontaktlinsen und war ebenfalls in eine dunkle Jeans und ein blaues T-Shirt gekleidet.

„Die Wimpern und Augenbrauen habe ich mit einem Zauber gefärbt, das bleibt, bis ich selber den Zauber aufhebe, diese Magie ist kaum nachweisbar. Die Haare sind aber mit Farbe aus der Drogerie gefärbt, das muss regelmäßig wiederholt werden, damit keiner merkt, dass Draco blond ist. Ich habe ihm gezeigt, wie es geht und ich denke, er kriegt das hin. Außerdem ist es wichtig, dass er immer gut rasiert ist, sonst sieht man anhand der Bartstoppeln, dass er eigentlich blond ist. Harry, du bist dran.“, erklärte Sirius.

Während Draco, dem man den Hunger richtig ansah, sich erleichtert an den Tisch setzte und Essen auf seinen Teller schaufelte, ging Harry ergeben hinter seinem Paten her.

„Komm, setz dich, Harry. Nicht erschrecken, ich spreche jetzt einen Zauber, der deine Haare ein wenig wachsen lässt.“, warnte Sirius.

Harry ließ es geschehen. Er wusste, er kam gegen Sirius nicht an und wenn er ehrlich war, hatten ihm die Veränderungen bei den anderen beiden gefallen. Ungewohnt, aber schön. Jetzt war er dran. Er spürte, dass seine Haare inzwischen fast schulterlang waren. Vorsichtig fuhr er mit der Hand darüber, sie waren nicht mehr so strubbelig, glaubte er. Dann reichte ihm Sirius ein kleines Päckchen. Irritiert öffnete Harry es, konnte mit dem Inhalt aber nichts anfangen.

„Das sind farbige Kontaktlinsen, Harry. Hier, ich zeig dir, wie du sie einsetzen musst. Deine Augenfarbe ist einfach zu auffällig. Damit werden deine Augen in etwa den gleichen Braunton bekommen wie Dracos. Du kannst sie einen Monat lang durchgehend tragen, solltest nur täglich diese Augentropfen benutzen. Nach einem Monat nimmst du ein paar Neue. Ich hab genug von den Linsen besorgt, dass ihr mindestens drei Jahre ausgestattet seid. Nur Dracos Haarfärbemittel müsst ihr vor Ort besorgen. Deine Kontaktlinsen haben auch die passende Stärke, sodass du keine Brille mehr brauchst.“

Während Sirius sprach, hatte Harry es geschafft, die erste Linse ins rechte Auge einzusetzen. Jetzt versuchte er es mit links, brauchte aber eine ganze Weile.

„Keine Sorge, das lernst du schnell.“, versprach Sirius.

Als auch Harry umgezogen war, wobei das bei ihm eigentlich nicht notwendig war, er trug zumeist Jeans und T-Shirt, wenn er nicht gerade seine Schuluniform angehabt hatte, öffnete Sirius die Badezimmertür und brachte Harry nach draußen.

„Wow!“, kam es gleichzeitig von Severus und Draco, auch Remus pfiff anerkennend.

Die langen Haare und die braunen Augen veränderten Harry total, vor allem, da er nun keine Brille mehr trug.

„So, jetzt brauche ich noch Fotos von Euch, dann sind heute Abend eure neuen Ausweise pünktlich fertig.“

Mit diesen Worten schwang Sirius seinen Zauberstab und ließ eine Wand erscheinen, vor die er einen Stuhl stellte. Darauf mussten sie sich einzeln setzen und Sirius holte eine Muggelkamera aus seiner Tasche, mit der er dann jeweils mehrere Fotos von jedem machte. Als er zufrieden war, verschwand er nach einem kurzen Hinweis, er wäre in spätestens zwei Stunden zurück und sie sollten derweil ihre Koffer packen. Außerdem gab er ihnen Ketten, woran sie ihre Ringe hängen konnten, damit sie nicht auffielen. In der Muggelwelt war ihre Beziehung zu auffällig.

Irritiert sahen sich die drei Gefährten und Remus an. Keiner wusste genau, was das jetzt alles werden sollte, doch Sirius schien einem Plan zu folgen. Während Harry im Bad war, hatte Dobby das Mittagessen gebracht, daher saßen sie nun zu viert um den Tisch und ließen es sich schmecken. Severus fluchte immer mal wieder über seinen Bart, in dem sich der Käse der Pizza gerne verfing, doch insgesamt waren sie alle mehr oder weniger zufrieden mit ihrem neuen Aussehen. Danach packten die drei ihre Koffer, was relativ schnell ging und nun saßen sie in einem etwas angespannten Schweigen auf dem Sofa und warteten auf Sirius´ Rückkehr. Es dauerte wirklich fast zwei Stunden, dann klopfte es kurz und Sirius kam herein. Er hatte einen großen, braunen Umschlag dabei und grinste zufrieden vor sich hin.

„So, jetzt kann es losgehen. Also, ich habe hier alles, was ihr in nächster Zeit braucht. Ihr werdet auf Umwegen nach New York fliegen, von dort mit dem Auto weiter fahren, bis ihr einmal quer durch die USA gefahren seid. Da wartet ein Ferienhaus auf euch, das Lily gehörte und somit jetzt Harrys Eigentum ist. Es ist nicht registriert, keiner außer James und mir wusste davon. Es ist ziemlich klein, aber ihr dürftet klarkommen. Dort ist alles für ein Muggelleben eingerichtet, und genau das werdet ihr dort sein. Muggel. Ab dem Moment, wo ihr dieses Haus verlasst, dürft ihr keine Magie mehr anwenden, am besten auch keine stablose. Auch kein Tränke-Brauen, Severus, so Leid es mir tut. Wenn in einer Gegend, in der keine Zauberer registriert sind, Magie bemerkt wird… Nun ich denke, ich muss euch nicht erklären, wie verdächtig das ist. Ich habe Flugtickets, Ausweise, Führerscheine und alle sonstigen Dokumente, die ihr brauchen werdet, um notfalls jahrelang dort zu bleiben. In dem Handschuhfach des Autos, das ihr bekommen werdet, liegt genügend Bargeld, um ebenfalls jahrelang versteckt zu bleiben und nicht arbeiten zu müssen. Keine Widerrede, Severus, ich tue das hauptsächlich für Harry und das Geld ist das, was ich als Entschädigung für zwölf Jahre Askaban bekommen habe, also nimm es einfach an. Hier hast du eine Wegbeschreibung und die Hausschlüssel. Du kannst hoffentlich Autofahren?“, unterbrach sich Sirius.

Das war die Schwachstelle im Plan. Doch Severus nickte.

„Merlin sei Dank, ich hatte es gehofft. Ich habe für jeden von euch einen Führerschein, dann kannst du den beiden auch das Fahren beibringen, damit du die Strecke nicht komplett alleine fahren musst. In den USA dürfen schon Sechzehnjährige alleine Autofahren. Noch Fragen? Euer Flug geht heute Nacht hier aus London weg. Ein Taxi wird euch in der Nähe abholen. Ach ja, deine Katze, Harry. Ich werde sie für die Dauer von zehn Tagen in ein Kuscheltier verwandeln, dann ist es am einfachsten, sie mitzunehmen. Der Zauber löst sich von selbst.“

Noch während er sprach hatte Sirius Escalada vom Boden gehoben und den Zauber auf sie gesprochen. Dann drückte er sie dem komplett verwirrten Harry in die Hand. Auch Draco und Severus waren sprachlos. Remus sah Sirius mit Bewunderung im Blick an. Das hatte er mit Augusta in drei Tagen und Nächten auf die Beine gestellt? Solch eine Leistung hätte keiner der Anderen ihm zugetraut.

„Ach ja, eines noch. Severus, kannst du diese Informationen aus meinem und Remus´ Kopf löschen? Ich möchte nur wissen, dass ihr abgetaucht seid und viel mehr nicht. Augusta ist ziemlich gut mit Okklumentik, sie wird die Informationen selbst in ihrem Kopf verstecken. Naja, eines noch, in dem Häuschen ist ein Computer mit Internet-Anschluss. In den Unterlagen sind zwei E-Mail-Adressen, eine für euch drei und meine, da könnt ihr euch dann bei mir melden. Ich habe hier im Arbeitszimmer einen Computer versteckt und auch in Lilys, nein jetzt Harrys Haus steht einer, damit wir in Kontakt bleiben können und ihr die neuesten Meldungen kriegt, ohne euch auffällig verhalten zu müssen.“, endete Sirius.

Severus überlegte kurz. Ja, das konnte er, und er konnte auch die E-Mail-Adressen, was genau das war, hatte er nicht verstanden, aber Harry offenbar schon, so verstecken, dass Sirius sie nicht verraten konnte. Er nickte also auf Sirius´ Frage.

„Das kann ich.“, bestätigte er.

„Gut, dann sollten wir loslegen, euer Taxi wird um halb sieben heute Abend einen Block von hier warten, Harry, du erinnerst dich an den Park, wo du mit Remus letzten Sommer warst? Gegenüber dem Eingang ist ein großer Wohnblock, dorthin könnt ihr apparieren. Danach aber keine Zauber mehr, das ist wirklich wichtig!“, mahnte Sirius noch einmal.

„Wir haben es verstanden, Black. Und nun komm, damit ich deinen Kopf aufräumen kann!“, schnarrte Severus, der seine Nervosität nicht unterdrücken konnte.

Es dauerte nicht lange, die beiden Gedächtnisse entsprechend zu verändern, dann aßen sie noch ein frühes Abendessen und danach mussten sie auch schon los. Mit Hilfe ihrer Ausweise hatten sie sich versucht, an ihre neuen Namen zu gewöhnen, damit sie sich nicht versehentlich falsch ansprachen.

Severus wurde zu Alan Rickman, dem Vater von Harry, der jetzt David Rickman hieß, und dem Onkel von Draco, der nun Darren McCoy hieß und der Sohn von Alans verstorbener Schwester war. Pünktlich um halb sieben ploppte es in einem Gebäudekomplex leise, und drei Gestalten mit Koffern tauchten in einem dunklen Hinterhof auf, sahen sich einmal kurz um und gingen dann, die rollenden Koffer hinter sich herziehend, durch ein Treppenhaus nach vorne auf die Straße, wo schon ein Taxi wartete, in das sie nacheinander einstiegen, nachdem der Fahrer die Koffer im Kofferraum verstaut hatte.

 

Seitdem waren fast drei Tage vergangen. Harry/David hatte es übernommen, das Taxi zu bezahlen. Severus/Alan kannte zwar Muggelgeld, hatte aber lange nicht mehr damit hantiert und Draco/Darren kannte es gar nicht. Sirius hatte jedem noch einen Geldbeutel voll mit Muggelgeld in die Hand gedrückt, englische, amerikanische Währung und dann noch einiges für unterwegs, das keiner der drei zuordnen konnte. Sie waren von London aus erst nach Moskau geflogen, hatten dort ein paar Stunden Aufenthalt gehabt, dann waren sie weiter nach Rom, Paris und dann nach Rio de Janeiro geflogen. Danach ging es dann weiter nach New York. Gerade waren sie in Newark gelandet und damit beschäftigt, aus dem Flieger auszusteigen.

Draco/Darren und Harry/David waren völlig erschöpft, da sie zwar auf dem Flug jeweils ein wenig geschlafen hatten, aber die Flucht nagte an ihnen. Severus/Alan hatte sich gezwungen, zu schlafen, da er wusste, dass er dann erst einmal einige Stunden im Auto verbringen musste, bevor sie die nächste Pause einlegen konnten. Dennoch, die vielen unbekannten Erfahrungen auf dieser Reise hatten ihn auch viel zu lange wach gehalten, und der Flug war nicht so ruhig gewesen, dass er gut schlafen hätte können. So gut man es im Sitzen eben konnte, um nicht aufzufallen, waren sie in der Business-Class geflogen, nicht ganz unbequem, aber auch nicht das Komfortabelste.

Severus/Alan machte sich außerdem Gedanken um Harry/David. Er hatte einige Tränke zur Blutbildung dabei, aber lange würden sie nicht reichen. Harry/David musste in den nächsten Wochen einen von ihnen beiden als Gefährten zeichnen, damit er regelmäßig und ohne Gefahren trinken konnte. Doch ob Harry/David schon so weit war, da war sich Severus/Alan nicht sicher. Sie folgten den Passagieren zu den Gepäckbändern. Draco/Darren und Severus/Alan waren froh, dass sie ihre Masken aufsetzen konnten, sonst wären sie schon lange aufgefallen. Harry/David, der um einiges jünger wirkte, fiel zwar auf, aber die Leute fanden es niedlich, wie er seiner Freude und seinem Erstaunen Ausdruck verlieh. Severus/Alan fand es eher erstaunlich, dass Harry/David bisher kaum Anzeichen für Panik gezeigt hatte, obwohl sie gerade wieder einmal in einer dicht gedrängten Menschenmenge unterwegs waren. Nur weil er sich dichter an ihn drängte, konnte Severus/Alan erkennen, dass Harry/David sich nicht so wohl fühlte, wie es nach außen hin den Anschein hatte. Doch Draco/Darren schien mitzudenken, er versuchte Harry/David nach der anderen Seite abzuschirmen. Aber als sie am Gepäckband ankamen, zerstreuten sich die Leute ein wenig und sie hatten wieder mehr Platz. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihre drei Koffer hatten, dann erst gingen sie in Richtung Ausgang, durch den Zoll, der ihre Ausweise kontrollierte, sie aber gleich weiterwinkte.

Severus/Alan ließ die Luft entweichen, die er unwillkürlich angehalten hatte. Sie wussten, dass hier am Flughafen jemand auf sie warten würde. Also sahen sie sich um, bis Harry/David schließlich ein Schild entdeckte, auf dem ‚Alan und David Rickman, Darren McCoy‘ stand. Sie gingen auf den jungen Mann zu, der ungefähr in Sirius´ Alter war. Er kam Severus/Alan vage bekannt vor, aber er konnte nicht sagen, woher. Der Mann hatte schulterlange, braune Haare, die in leichten Wellen rund um das schmale Gesicht fielen, das mit einem getrimmten Schnurrbart gezeichnet war. Er war schlank und etwa so groß wie Draco/Darren, also etwa 1,85m. Seinen Kopf bedeckte ein Cowboy-Hut und er trug einen Ledermantel.

„Herzlich willkommen in New York!“, begrüßte er sie mit einem britischen Akzent.

Als Severus/Alan die Stimme hörte, da wusste er, woher er den Mann kannte. Es war ein ehemaliger Hogwartsschüler, ein Jahr über ihm und den Rumtreibern und aus Ravenclaw.

„Mitchell Walters.“, begrüßte ihn Severus/Alan.

„Du hast ein gutes Gedächtnis, Alan.“, staunte Mitchell.

„Jungs, ich bin Mitchell. Kommt mit, ich bringe euch zum Auto.“

Die drei folgten ihm, inzwischen konnte man Harry/David und Draco/Darren die Müdigkeit deutlich ansehen. Severus/Alan schob sie vor sich, damit er ein Auge auf die beiden haben konnte. Sie gingen direkt zum Parkdeck des Flughafen-Parkplatzes und fuhren dort mit dem Fahrstuhl nach unten. Mitchell führte sie zu einem dunkelblauen Kombi mit Kennzeichen aus Texas. Der ehemalige Ravenclaw stieg auf der Fahrerseite ein, nachdem sie die Koffer verstaut hatten und bedeutete ihnen, einzusteigen.

Draco/Darren und Harry/David stiegen hinten ein, Severus/Alan auf der Beifahrerseite. Er war froh, dass Mitchell sie offenbar das erste Stück fahren würde, denn aus dem Gelände rund um den Flughafen herauszufinden war sehr verwirrend für ihn, genauso wie das Fahren auf der falschen Seite. Draco/Darren und Harry/David schliefen bereits aneinander gelehnt, als sie das Parkhaus verließen.

 

Leise erklärte Mitchell Severus/Alan das Fahrzeug und gab ihm einige Hinweise zum Leben in Amerika, damit sie nicht auffielen. Ihr Flug war gegen zwanzig Uhr Ortszeit gelandet und inzwischen war es finster, wobei es in New York niemals wirklich dunkel ist, wie Mitchell erklärte. Sie waren etwa zwei Stunden gefahren, doch Severus/Alan hatte das Gefühl, sie kämen nicht von der Stelle. Plötzlich hielt Mitchell an.

„So, Alan, ich verabschiede mich, dort steht mein eigenes Auto. Von hier aus müsstest du mit deinen Beschreibungen gut vorankommen. Wenn du auf der Straße hier bleibst und noch etwa drei Stunden fährst, dann kommst du an eine Tankstelle, die ein wenig einsam liegt. Dort kannst du volltanken und eine Runde schlafen, keiner wird etwas sagen, das ist dort völlig normal. Weiter kann ich euch nicht helfen, da Siri mir nicht gesagt hat, wie ihr weiter müsst, um mich zu schützen. Also, viel Glück! Und es wäre mir lieb, wenn du mein Gedächtnis euch betreffend löschen könntest.“

„Natürlich, Mitchell. Aber sollte ich nicht auf Magie verzichten?“, entgegnete Severus/Alan.

„Nimm meinen Stab, dann ist es nicht nachvollziehbar, dass du es warst. Und hier in New York gibt es genug Zauberer, dass die Magie nicht auffällt.“, beruhigte ihn Mitchell.

Also drang Severus/Alan vorsichtig in den Geist des Helfers ein und löschte jegliche Information über ihre Flucht und die Begegnung an sich. Es dauerte nicht lange, da war es geschafft. Ein wenig irritiert sah Mitchell ihn an, griff nach seinem Zauberstab und wandte sich dann ab. Bevor Severus/Alan noch reagieren konnte, war Mitchell ausgestiegen und verschwunden. Nervös setzte er sich auf den Fahrersitz und atmete ein paar Mal tief durch. Es war nicht gelogen, er konnte Autofahren, doch das letzte Mal war schon viele Jahre her und auf der anderen Straßenseite gewesen. Er drehte den Zündschlüssel und war froh, dass das Auto auf Anhieb ansprang, legte den Ganghebel in die ‚Drive‘-Position und gab langsam Gas. Vorsichtig ordnete er sich in die Autoschlange ein und blieb einfach stur hinter dem Auto vor sich. Keine Experimente, schwor er sich, jedenfalls nicht, bis er wieder sicher war mit dem Fahren. Doch nach und nach wurde er wieder sicherer und das Fahren klappte schließlich, ohne dass er darüber nachdenken musste.

Nach ein paar Meilen schaltete er den Radio ein und ließ leise Musik laufen, damit er selber nicht einschlief. Einige weitere Meilen später, inzwischen war er sicher schon fast drei Stunden gefahren und fing an, Ausschau nach der Tankstelle zu halten, machte ihm das Fahren sogar Spaß. Nach und nach kam er zur Ruhe und das Gefühl, sich ständig nach Verfolgern umsehen zu müssen, ließ langsam nach. Sein Instinkt war wachsam, aber er hatte nichts zu vermelden. Als er schon begann, sich Sorgen zu machen, ob er die Tankstelle verfehlt hätte, weil er inzwischen schon dreieinhalb Stunden gefahren war, sah er sie. Erleichtert setzte er den Blinker und bog ab, direkt zur Zapfsäule. Tanken hatte er als kleiner Junge schon von seinem Vater gelernt, das konnte er blind. Harry und Draco, oder besser David und Darren, schliefen immer noch. Beim Zahlen des Sprits nahm er noch ein paar Flaschen Wasser und Cola und einige Sandwiches mit, dann fuhr er von der Tanksäule weg und parkte das Auto einige Meter weiter auf einem sandigen Parkplatz. Er schaltete den Motor aus, klappte den Sitz soweit wie möglich nach hinten, schloss die Augen und war fast augenblicklich eingeschlafen.

 

Draco wachte auf, weil er Schmerzen im Rücken hatte. Kein Wunder, er saß schief und lehnte an jemandem. So konnte man doch nicht schlafen! Wie war er nur in diese Lage gekommen und wo war er überhaupt? Ohne die Augen zu öffnen, grübelte er darüber nach. Ihm fiel ein, dass sie aus London geflohen waren, dann von einem Flugzeug in das nächste gestiegen waren. Er schüttelte sich, das war nicht die beste Erfahrung seines Lebens gewesen. Er mochte Fliegen ja, aber bitte mit einem Besen unter sich, da fühlte er sich deutlich sicherer. Doch es war nichts passiert, auch wenn ihm beim Starten und Landen jedes Mal schlecht geworden war. Dann waren sie endlich in New York angekommen und jemand hatte sie abgeholt. Danach wurde es dunkel in seinem Gedächtnis. Also öffnete er die Augen und erhoffte sich neue Erkenntnisse. Es dämmerte um ihn herum, er musste also eine ganze Zeit geschlafen haben, angekommen waren sie am Abend. Vorsichtig richtete er sich auf und streckte seinen steifen Körper. Auch daran konnte er feststellen, dass er wohl lange in der gleichen Position zugebracht hatte.

Das Erste, was er in seiner Umgebung sah, war das blaue T-Shirt von Harry, an dessen Schulter gelehnt er geschlafen hatte. Nein, nicht Harry, David, verbesserte sich Draco in Gedanken. Er hatte seine Escalada als Kuscheltier an sich gedrückt, hatte sie die ganze Zeit nicht aus der Hand gegeben. Sich weiter umsehend stellte Draco fest, dass sie in einem Auto saßen und Sev, nein Alan, schlief auf dem Fahrersitz. Dieser Mitchell war verschwunden. Auf dem Beifahrersitz lagen mehrere Flaschen, in den meisten war Wasser, das andere konnte Draco nicht identifizieren. Er schnappte sich eine der Wasserflaschen und trank erst einmal die Hälfte leer. Das tat gut.

Jetzt fing auch Harry/David an, sich zu rühren. Er wurde langsam wach. Als er seine Augen öffnete blickte er direkt in Dracos Gesicht. Sein neues Aussehen irritierte Harry einen Moment und er zuckte zurück, doch dann war ihm klar, wer ihn da anstarrte. Dray, nein, Darren war da. Sofort fielen ihm die vergangenen Tage wieder ein.

„Wo sind wir?“, fragte er.

„Keine Ahnung, irgendwo im Nirgendwo, in einem Auto.“, antwortete Draco/Darren.

Er bot Harry/David die Wasserflasche an, die der dankbar annahm. Dann blickten sie nach draußen, wo die Sonne eben dabei war, aufzugehen. Außer der Tankstelle konnten sie nicht viel erkennen. Ein paar Autos standen in der Nähe, in denen offenbar auch Menschen schliefen, hinter ihnen war die Straße, die in beide Richtung endlos geradeaus ging.

„Ich muss mal.“, meinte Harry/David jetzt. „Ich verschwinde mal schnell in der Tankstelle, die haben bestimmt auch eine Toilette.“, entschied er.

„Keiner geht irgendwo alleine hin.“, brummte es von vorne.

Die Teenager widersprachen nicht, kannten sie ihren Sev/Alan gut genug, um zu wissen, dass es keinen Sinn hatte, wenn er diesen Ton anschlug. Gemeinsam stiegen sie aus, Sev/Alan verschloss den Wagen sorgfältig und sie gingen zur Rückseite der Tankstelle, wo die Toiletten waren. Sie erleichterten sich, machten sich an den Waschbecken ein wenig frisch und gingen dann ein paar Schritte. Zu lange waren sie nur gesessen, sie wollten sich bewegen. Aber sie blieben immer in Sichtweite ihres Autos, sicher war sicher. Übermütig sprangen Draco/Darren und Harry/David herum und tobten wie kleine Kinder. Severus/Alan schmunzelte nur darüber, er war froh, Harry/David so unbeschwert zu sehen, und auch Draco/Darren hatte er vor Jahren das letzte Mal so offen erlebt. Er ließ sie eine knappe Stunde toben, erst als mehr Leute auftauchten mahnte er zum Aufbruch. Severus/Alan öffnete das Handschuhfach und legte ihre Zauberstäbe hinein. So waren sie griffbereit, aber nicht gleich in der Hand, sodass sie nicht versehentlich zauberten. Dann griff er nach der Karte, die oben lag, das viele Geld, was offensichtlich in dem Umschlag darunter war, vorerst ignorierend. Er war Sirius dankbar, fühlte sich aber fürchterlich, dass er darauf angewiesen war. Gemeinsam mit den beiden Jugendlichen beugte er sich über das Papier. Zum ersten Mal sahen sie sich die Karte und die Wegbeschreibung genauer an.

Sie hatten noch eine Strecke von fast 4000 Meilen vor sich, quer durch die Vereinigten Staaten. Das waren ungefähr 6400 Kilometer. Es würde eine sehr lange Fahrt werden und sie hatten nicht vor, unterwegs in Hotels zu schlafen. Also lieber los und es hinter sich bringen, entschied Draco/Darren und wollte hinten einsteigen.

„Darren, du sitzt bei mir. Ich werde euch beiden Autofahren beibringen, dann muss ich nicht die ganze Strecke alleine fahren. Sieh genau zu und frag, wenn du was wissen willst. In zwei Stunden fährst du.“, kommandierte Sev/Alan.

„Okay Onkel Alan.“, antwortete Draco/Darren.

Er war stolz, dass er es geschafft hatte, ohne Stocken den neuen Namen zu nutzen.

„David, du kannst noch eine Runde schlafen, du bist morgen dran mit Fahrstunden. Rein jetzt mit euch.“

„Okay, Dad.“, antwortete Harry/David.

Inzwischen fiel ihm diese Anrede nicht mehr schwer, aber es kam ihm komisch vor, schließlich hatte er Severus nun schon öfter sehr zärtlich geküsst, und ihn dann ‚Dad‘ zu nennen war schon reichlich seltsam. Aber es musste sein, wenn sie kontrolliert werden würden oder auch nur jemand zu genau hinhörte, dann konnte es gefährlich werden, wenn sie es nicht automatisch richtig machten. Seit sie Sirius´ Haus verlassen hatten, benutzten sie nur ihre falschen Namen. Anfangs war es holprig gewesen und hatte ihnen jedes Mal einen tödlichen Blick von Sev eingebracht, aber inzwischen klappte es ganz gut. Harry/David war immer noch ziemlich fertig und rollte sich daher auf der Rückbank ein, wo er bald einschlief.

Draco/Darren dagegen war hellwach. Severus/Alan hatte ihm eine Flasche mit der für Draco/Darren undefinierbaren Flüssigkeit in die Hand gedrückt und ihm gesagt, sie würde ihn wach machen. Draco/Darren hatte probiert und war fasziniert von der Süße und dem Geschmack. Und es machte tatsächlich wach. Konzentriert sah er zu, wie Sev/Alan die verschiedenen Knöpfe erklärte und bediente und bekam nach und nach eine Idee, was zum Autofahren gehörte. Nach den angekündigten zwei Stunden hielt Severus/Alan an und tauschte Platz mit Draco/Darren. Der Slytherin war nervös, aber er versuchte, sich an die ganzen Anweisungen zu erinnern. Severus/Alan ließ ihn ein paar Mal auf dem Parkplatz hin und her fahren und danach erst auf die Straße.

Es ging immer geradeaus, da konnte Draco/Darren langsam ein Gefühl für das Fahren entwickeln. So schwer war es dann doch nicht, dennoch blieb er hochkonzentriert. Er wollte sich keine Fehler erlauben, endeten die doch oft tödlich. Auch wenn er noch nie Auto gefahren war, über die Gefahren wusste er dennoch Bescheid. Und diesem Risiko wollte er weder Sev/Alan noch Harry/David aussetzen. Es ging eigentlich immerzu geradeaus, ab und zu kamen sie durch kleinere Städte und an Ortschaften vorbei. Erst als die Tanknadel langsam gegen Reserve ging, ließ Sev/Alan Draco/Darren an einer Tankstelle anhalten. Sie hatten unterwegs zweimal in einem Waldstück angehalten, um sich zu erleichtern und ein wenig zu bewegen, gegessen hatten sie beim Fahren. Harry/David war nach ein paar Stunden Schlaf nun auch munter und sah aufmerksam in der Gegend herum.

Gegen Abend übernahm Severus/Alan wieder selber das Steuer und sie fuhren noch lange weiter, erst gegen Morgen hielt Severus/Alan an einem einsamen Parkplatz an und schlief selber ein paar Stunden. Dann kam Harry/David nach vorne und bekam dieselben Instruktionen wie Draco/Darren am vorherigen Tag. Nach zwei Stunden ließ Severus/Alan dann Harry/David ans Steuer und auch er machte sich nach einiger Zeit ganz gut, wenn er auch ein wenig unsicherer als Draco/Darren war, aber das lag wohl eher daran, dass ihm jahrelang eingeprügelt worden war, dass er zu nichts zu gebrauchen war, überlegte Severus/Alan und schimpfte daher nicht, wie er es früher gemacht hätte. Mit der Zeit wurde dann auch Harry/David etwas sicherer und traute sich mehr zu. Severus´/Alans Anwesenheit und seine nun so ruhige Art halfen ihm sehr dabei. Wieder übernahm Severus/Alan bei Anbruch der Dunkelheit das Steuer und fuhr fast die ganze Nacht hindurch. Doch gegen drei Uhr morgens musste er anhalten, er schaffte es einfach nicht weiter. Die Flucht und der wenige Schlaf zehrten an seinen Reserven. In einer bewaldeten Gegend fuhr er von dem Highway weg und in ein Waldstück. Dort legten sie sich neben dem Auto ins Gras, deckten sich mit den Decken zu, die im Auto gelegen hatten und schliefen fast sofort ein.

 

So vergingen die nächsten Tage mehr oder weniger komplett gleich. Sie besorgten sich Essen und Trinken, wenn sie Tanken mussten, gingen dort auf die Toilette und wuschen sich notdürftig. Ansonsten verbrachten sie die meiste Zeit auf der Straße. Von New York aus ging es über Pennsylvania weiter Richtung Virginia, dann weiter nach Tennessee, Arkansas, Texas, New Mexico, Arizona, von dort aus in den Rocky Mountains immer weiter nach Norden, bis sie endlich, nach einer Woche Fahrt, in Nevada waren. Sie schliefen wieder im Auto, da es ihnen inzwischen zu belebt war, um draußen zu schlafen, als Harry/David durch eine Bewegung in seinem Arm geweckt wurde. Im ersten Moment wusste er nicht, was das war, doch dann bewegte es sich erneut und ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. Escalada! Der Zauber löste sich!

„Hey meine Kleine!“, begrüßte er seine Freundin leise.

Severus/Alan fuhr hoch. „Was ist los?“, wollte er wissen, denn es war dunkel und er konnte nichts sehen.

„Escalada ist wieder normal!“, strahlte Harry/David.

„Dann sollten wir beim nächsten Halt wohl Katzenfutter kaufen. Ich hoffe, sie läuft nicht weg, denn ein Katzenklo haben wir nicht, sie wird draußen gehen müssen, wenn wir anhalten!“, kommentierte Severus/Alan trocken. Doch seinen Worten zum Trotz streichelte er sanft über das schwarzweiße Fell. „Ich denke, noch zwei oder drei Tage, dann haben wir es geschafft. Wenn wir in Seattle sind, dann werden wir Lebensmittel einkaufen. Nirgendwo zu viel auf einmal, ich denke, wir werden an mehreren Geschäften halten. David, ich werde dort deine Hilfe brauchen, auch wenn ich dich ungern daran erinnere, du hast die meiste Ahnung von Einkaufen und Vorratshaltung. Du weißt, was wir brauchen, um uns vernünftig zu versorgen. Schaffst du das?“, sprach er dabei leise.

„Keine Sorge, Dad, das kriege ich hin. Ich werde euch zeigen, worauf es ankommt.“, versprach Harry/David leise. Auch wenn er versucht hatte, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen, Severus/Alan hatte es gehört und nahm ihn wortlos in den Arm. „Ich liebe dich!“, wisperte er rau in Harrys/Davids Ohr.

Harry/David kuschelte sich in seine Arme, auch wenn es ziemlich kompliziert war, da er auf der Rückbank und Severus/Alan auf dem Fahrersitz saß. Leise maunzte jetzt Escalada.

„Du musst mal raus, meine Süße.“, erkannte Harry/David.

„Ich schätze, wir müssen das Risiko eingehen. Lass sie gehen, Kleiner.“, empfahl Severus/Alan.

Harry/David öffnete die Tür einen Spalt und die Katze schlüpfte hinaus. Sie verschwand im Dunklen und Harry/David stiegen die Tränen in die Augen. Severus/Alan konnte es nicht sehen, aber er ahnte es. Wieder konnte er nicht mehr tun, als Harry/David in den Arm zu nehmen und zu hoffen, dass die Katze treu war und wiederkommen würde. Doch die Sorge war unberechtigt, nur wenige Minuten später hörte Harry/David mit seinem Vampirgehör ein leises Maunzen und öffnete die Tür erneut. Severus/Alan erschrak, er hatte es nicht gehört, doch als Harry/David seine Katze überglücklich begrüßte, atmete er erleichtert aus.

 

Drei Tage später waren sie ohne weitere Vorkommnisse in Seattle angekommen. Beim ersten Supermarkt hielt Severus/Alan an. Er hatte glücklicherweise offen, obwohl es gerade ein Uhr morgens war. Er weckte die Teenager, die beide wieder einmal aneinander gekuschelt auf der Rückbank schliefen und sie stiegen aus. Man sah ihnen an, dass sie nun etwas über eine Woche im Auto verbracht und sich nur gelegentlich in öffentlichen Toiletten gewaschen hatten, aber das konnten sie im Moment nicht ändern. Sie zogen sich frische Kleidung an und kämmten sich die Haare, spritzten sich etwas Wasser ins Gesicht, dann gingen sie auf den Eingang zu. Harry/David schnappte sich einen Einkaufswagen, das war irgendwie überall gleich, und dann gingen sie zu dritt nach drinnen. Es war alles ein ganzes Stück größer, als Harry/David es gewohnt war, doch sie durften nicht auffallen, daher zwang er sich dazu, gelassen auszusehen und nicht alles offen anzustarren. Stattdessen konzentrierte er sich lieber auf das Einkaufen und die Liste, die er sich gedanklich gemacht hatte. Sie gingen durch die Gänge und methodisch ordnete Harry/David an, was die anderen beiden in den Wagen legen sollten. Nach und nach füllte sich der Einkaufswagen und sie kamen in Richtung Kasse. Als sie einen Moment unbeobachtet waren, gingen Severus/Alan und Harry/David nochmal das Bezahlen durch, damit es nicht auffiel, denn wenn der Sohn im Teenageralter bezahlte und sein Dad daneben stand, dann war das doch ein wenig auffällig. Doch auch das ging gut vorbei, bald waren die Einkäufe verpackt und sie mussten es nur noch schaffen, alles im Auto zu verstauen, zusätzlich zu ihrem Gepäck, schließlich wollten sie noch einen oder zwei solcher Zwischenstopps einlegen, bevor sie an ihrem endgültigen Ziel waren. Ein Teil der Koffer landete daher auf der Rückbank neben Harry/David und Draco/Darren wurde auf den Beifahrersitz verbannt.

An den nächsten Supermärkten fuhr Severus/Alan vorbei, in der Stadt fuhr er lieber selber, da sie auch demnächst den Highway verlassen mussten. Erst nachdem er auf die Interstate 5 gewechselt war, hielt er wieder an einem Supermarkt. Sie wiederholten das Spielchen von vorher noch einmal, diesmal mit mehr Sicherheit und auch Draco/Darren beteiligte sich aktiver am Einkauf, wodurch sie deutlich schneller fertig waren. Dennoch war es schon Vormittag, als sie endlich alles im Auto verstaut hatten. Severus/Alan entschied, nun zum Ferienhaus durchzufahren, nur kurz vorher noch einmal den Tank voll zu machen, wer wusste, was kommen würde. Er ging lieber auf Nummer sicher.

Am späten Nachmittag war es endlich so weit. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Sie waren von der öffentlichen, geteerten Straße auf einen Waldweg abgebogen und hatten nach ein paar weiteren Meilen auf einem kurvigen, unebenen Weg eine kleine Lichtung erreicht. Severus/Alan parkte das Auto vor dem Haus. Sie stiegen aus und ließen es erst einmal auf sich wirken. Sie hatten es geschafft, waren angekommen. Das Häuschen war nicht sehr groß, es war ebenerdig gebaut, vorne war eine kleine, überdachte Veranda neben dem Eingang, mit einer Hollywoodschaukel, die gerade groß genug für drei Personen war. Ein hellgrünes Polster und ebensolches Dach wirkten einladend. Auf der anderen Seite der Eingangstür war ein Fenster. Der Tränkemeister nahm den Schlüssel aus dem Umschlag und sie gingen zur Tür, sperrten auf und gingen hinein. Es war verstaubt, man konnte sehen, dass lange niemand mehr hiergewesen war. Sie befanden sich sofort in einem kuschelig anmutendem Wohnraum, eine Tür zu ihrer Rechten führte in ein kleines Schlafzimmer. Sie gingen weiter, links war nur Wand, rechts folgte ein weiteres Schlafzimmer und das Bad. Danach ein größeres Schlafzimmer und gegenüber öffnete sich die Wand und gab den Blick auf ein gemütliches Wohnzimmer mit angrenzender Küche frei.

Vom Wohnzimmer aus konnte man nach draußen sehen, da die komplette Südseite eine durchgehende Glasfront war. Eingerichtet war alles mit hellem Holz und cremefarbenen Polstern. Zwischen Wohnzimmer und Küche stand ein Schreibtisch, auf dem der Computer stand. Jemand musste ihn erst vor nicht allzu langer Zeit aufgestellt haben, man konnte Fußabdrücke auf dem Boden und Handabdrücke auf dem Schreibtisch erkennen.

„Ich denke, erst einmal machen wir sauber, dann leeren wir das Auto aus.“, schlug Severus/Alan vor.

Unter Harrys/Davids Anleitung fingen sie an. Draco/Darren erschrak furchtbar, als Harry/David den Staubsauger ansteckte und plötzlich wie von Zauberhand ein lautes Geräusch kam und der Staub verschwand. Methodisch saugte sich Harry/David durch das Haus, leerte dabei immer wieder den Filter aus. Draco/Darren hatte sich die Küche vorgenommen und schrubbte Kühlschrank, Spüle, Schränke sauber. Harry/David hatte eine Geschirrspülmaschine entdeckt, die ließ er erst einmal leer laufen, dann packten sie das Geschirr komplett hinein und ließen sie noch einmal laufen. Severus/Alan hatte sich das Bad vorgenommen, putzte Waschbecken, Dusche, Badewanne und Toilette. Die Fenster konnten sie in den nächsten Tagen putzen, das war nicht so dringend, auch die beiden kleineren Schlafzimmer konnten warten, sie würden nur das große nutzen. Das reinigten sie gemeinsam, dann räumten sie das Auto aus, aßen noch eine Kleinigkeit, bevor sie todmüde und verschwitzt und staubig wie sie waren ins Bett fielen. Nur Hände und Gesicht hatten sie sich noch gewaschen und Hosen und T-Shirts ausgezogen.

 

Zwei Tage nach der Flucht der drei Gefährten war die nächste Ordensversammlung. Dumbledore fragte Sirius, warum Severus nicht da war. Er hatte natürlich mitbekommen, dass Harry einen weiteren Rückfall erlitten hatte, und nahm daher an, dass Severus sich um ihn kümmerte. Als Sirius ihm mitteilte, dass weder Draco noch Harry oder Severus noch im Haus waren, fiel der Ordensführer aus allen Wolken. Das Ordenstreffen war bereits aufgelöst, nur Augusta war noch da, da sie mit Sirius noch reden wollte. So bekam sie mit, wie Dumbledore immer lauter wurde.

„Was bildet sich dieser Möchtegern-Spion eigentlich ein? Er kann doch nicht einfach mit Harry hier verschwinden! Voldemort ist hinter ihm her und wenn er sich auf die Straße wagt, dann ist er nicht mehr sicher, und Harry landet schneller vor Voldemort als gedacht. Harry kann Voldemort jetzt noch nicht töten, er muss erst volljährig sein, vorher ist der Blutschutz noch aktiv! Er wird erst sechzehn, wir müssen noch ein Jahr warten, bevor er sich Voldemort stellen kann. Severus weiß das, warum geht er ein Risiko ein? Und warum hast du mir nichts gesagt, Sirius? Hast du ihnen etwa geholfen? Hast du? Bist du wahnsinnig? Du hast Harry dem Unnennbaren in die Hand gespielt! Wie konntest du ihm nur so in den Rücken fallen?“, wetterte Dumbledore.

„Schluss jetzt! Ich hab keine Ahnung, wo sie sind, aber Severus ist gegangen, weil er Harry beschützen will! Das ist NICHT sein Krieg, Harry ist kein Krieger, er ist nicht in der Lage, diesen Krieg für uns zu beenden! Ja, ich habe ihnen geholfen, aber ich weiß nicht, wo sie sind. Aber es ist richtig, dass sie gegangen sind. Du willst meinen Patensohn opfern! Es ist dir völlig egal, wie es Harry ging oder geht, Hauptsache, er kann deinen Job erledigen! Das lasse ich nicht zu, und Severus genauso wenig. Er liebt die beiden Jungs und wird nicht zulassen, dass einem der beiden etwas passiert. Niemals!“, schrie Sirius zurück.

„Wie kannst du es wagen!“, tobte Dumbledore und zog seinen Zauberstab.

Remus sprang vor und stellte sich vor Sirius, ebenso Augusta.

„Schluss jetzt. Zauberstab weg. Wir haben ein gemeinsames Ziel, wenn auch unterschiedliche Beweggründe. Harry wird nicht zurückkommen, daher werden wir nun selber kämpfen müssen. Also Schluss jetzt.“, bestimmte Remus ruhig, aber deutlich.

Ihm war durchaus klar, dass er ohne Severus keinen Wolfsbann bekommen würde, was bedeutete, dass die Vollmondnächte schwer werden würden. Aber er vertraute seinem besten Freund, dass er dafür sorgen würde, dass er niemandem schaden konnte. Nur Sirius und er selber wussten, dass einer der Kellerräume mit silbernen Gittern ausgestattet war, extra für ihn, für alle Fälle. In dem Raum hatte er im Frühjahr schon einen Vollmond verbracht, als Severus eingesperrt war und ihm keinen Banntrank liefern konnte. Für Harry nahm er das hier auf sich, er würde es schaffen, Hauptsache Harry ging es gut. Er wusste nicht mehr, was sie an diesem Tag alles gemacht hatten, Severus hatte seinen Job verstanden, als er das Gedächtnis verändert hatte. Sie wussten, dass ihr Gedächtnis verändert war, aber sie konnten sich nicht erinnern, was sie mit den dreien besprochen hatten.

In diesem Moment war er froh, denn er spürte, dass Dumbledore versuchte, per Legilimentik Informationen zu bekommen, und er hatte dem nicht viel entgegenzusetzen. Sirius war zwar besser in Okklumentik, das musste er als Auror auch können, aber ob er Dumbledore oder im Fall der Fälle Voldemort etwas entgegenzusetzen hatte, das wusste Remus nicht, aber er zweifelte daran. Augusta Longbottom spürte, was vorging und wappnete sich. Was kaum einer wusste war, dass sie sehr gut in Legilimentik und Okklumentik war und Severus durchaus das Wasser reichen konnte. Sie war in der Lage, die entsprechenden Informationen gezielt in ihrem eigenen Kopf zu verstecken, sodass niemand daran kam. Aber dass der Ordensführer es jetzt bei dem Werwolf versuchte, das ging zu weit, auch wenn sie wusste, dass er nichts finden würde.

„Albus, ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist, wir sollten unseren eigenen Leuten wenigstens trauen. Gerade Remus ist mit Sicherheit kein Spion, mit welcher Begründung durchsuchen sie gerade seinen Geist?“, klagte sie ihn an.

Dumbledore zuckte zurück. Mit einem eisigen Blick auf die drei drehte er sich um und ging zum Kamin. Eine halbe Minute später waren Remus, Augusta und Sirius alleine.

„Haben sie sich schon gemeldet?“, wollte Augusta wissen.

„Nein. Aber das wird noch dauern. Ich weiß nicht mehr, wohin sie sind, aber dass es mindestens eine Woche dauert, bevor wir mit einer Nachricht rechnen können, das weiß ich noch.“, antwortete Sirius mit nur mühsam unterdrücktem Zorn.

„Beruhig dich, Junge, momentan haben wir ein gemeinsames Ziel, Voldemort auszuschalten. Danach kümmern wir uns um den Direktor und zeigen der Welt sein wahres Gesicht. Ich bin auf eurer Seite!“, versprach Augusta.

„Tatze, ich brauche deine Ruhe bald, in zehn Tagen ist Vollmond. Ich weiß nicht, wie ich das ohne deine Hilfe schaffen soll, weil ich mir gleichzeitig auch noch Sorgen um unseren Kleinen mache.“, bat Remus leise.

„Ich werde euch helfen, so gut ich kann, und ich denke, mein Neville wird auch helfen. Er hat immer nur Gutes über dich berichtet, Remus, und du bist auf Harrys Seite. Ich denke, wenn wir geschickt vorgehen, werden wir in den nächsten Wochen noch mehr Mitstreiter finden. Die Leute werden misstrauisch, das können wir für unsere Zwecke nutzen. Doch ich denke, für den Kampf gegen den Unnennbaren brauchen wir ihn.“, argumentierte Augusta.

„Du hast Recht.“, gab Sirius ein wenig beschwichtigt zu.

Sie verabschiedeten sich und machten aus, dass Augusta in Zukunft so oft wie möglich ihren Enkel mitbringen würde.

 

Die nächsten Tage verliefen relativ ruhig und friedlich, Dumbledore hatte offenbar keine neuen Informationen und so gab es auch kein weiteres Treffen. Remus wurde immer unruhiger, je näher der Vollmond rückte und isolierte sich mehr und mehr. Augusta kam immer mal wieder vorbei und brachte auch Neville mit, sie überlegten gemeinsam, wie sie gegen Dumbledore vorgehen könnten. Beim zweiten Treffen bot Sirius Neville das ‚Du‘ an und Neville ging ab dem Zeitpunkt mehr und mehr aus sich heraus. Augusta sah das mit Wohlwollen, denn sie liebte ihren Enkel, auch wenn sie das oft nicht zeigen konnte. Am Tag des Vollmondes schlief Remus so lange wie möglich, er wusste, in der folgenden Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Sirius´ Versprechen, dass er da sein würde, gab ihm ein wenig Ruhe, aber dennoch war er besorgt. Auch wenn die silbernen Gitter ihn erfolgreich davon abhalten müssten, den Keller zu verlassen, ein wenig Bedenken hatte er immer.

Gegen Abend gingen Remus und Sirius in den Keller und schlossen die Tür hinter sich magisch. Keiner sollte ihnen folgen können. Sirius sprach auch noch einen Stillezauber, falls jemand vom Orden ins Haus kam. Dann gingen sie hinter die Gitter und Sirius verschloss auch die silberne Tür. Er konnte Remus´ Unruhe spüren, der Werwolf mochte es nicht, eingesperrt zu sein. Das war der Grund gewesen, warum sie in der Schulzeit immer durch den verbotenen Wald gestreunt waren. Damals war ihnen aufgefallen, dass Remus sich weniger selbst verletzte, wenn er sich bewegen konnte. Doch das war jetzt nicht möglich. Also musste er seinem Freund helfen, er war der Einzige aus dessen Rudel, der noch übrig war. Augusta hatte versprochen, am nächsten Morgen zu kommen und nach ihnen zu sehen, Poppy würde auch kommen und die Verletzungen versorgen, die mit Sicherheit entstehen würden. Als Remus spürte, dass es nicht mehr lange dauern konnte, zog er sich aus. Es war nicht nötig, sich jedes Mal bei der Verwandlung die Kleidung zu ruinieren. Er hatte im Moment ja auch nicht die Möglichkeit, sich einfach mal etwas Neues zu kaufen, da er sich aufgrund der verschärften Anti-Werwolfgesetze nicht mehr nach draußen traute.

Umbridge, auch wenn sie inzwischen verschwunden war, hatte diese auf den Weg gebracht. Seitdem waren Werwölfe absolut ausgeschlossen, sie durften keinen Besitz mehr haben, bekamen keinen Arbeitsplatz und wenn sie erwischt wurden, dann kam es darauf an, ob sie in menschlicher oder in Wolfsform waren bei der Entdeckung. In Vollmondnächten waren Werwölfe zum Abschuss freigegeben, waren sie in menschlicher Form wurden sie ohne Verhandlung sofort nach Askaban in eine Hochsicherheitszelle gesteckt. Beides nicht sehr angenehm, da versteckte sich Remus lieber. Kaum hatte er seine Kleidung auf einen kleinen Mauervorsprung gelegt, entkam ihm ein Schmerzenslaut. Die Verwandlung setzte ein. Ohne Wolfsbann war es sehr schmerzhaft, Remus jaulte immer wieder auf, während sich seine Knochen verformten, seine Haut aufriss, um dem viel größeren Wolf Platz zu machen.

Sirius hatte sich beim ersten Anzeichen der Verwandlung in seine Animagus-Form begeben und winselte nun, als er die Schmerzenslaute seines besten Freundes hörte. Er stupste ihn mit der Schnauze an und leckte ihm beruhigend über die Flanken. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Verwandlung endlich vorbei war und die Schmerzenslaute weniger wurden. Unruhig lief der Werwolf in dem engen Raum auf und ab, seine Augen suchten nach einer Möglichkeit, zu entkommen. Doch es gab keine, und nach ein paar Minuten, in denen er überall geschnüffelt hatte und wieder und wieder von den silbernen Gittern zurückgezuckt war, fing er an, seine Krallen in seine eigene Flanke zu schlagen. Der große Hund jaulte auf und leckte wieder beruhigend über das Fell des Wolfes. Nach und nach kam der Wolf ein wenig zur Ruhe und stand schließlich mit hängendem Kopf neben dem Hund. Sirius sah ihn traurig an, so verzweifelt hatte er seinen Freund lange nicht mehr gesehen. Er stupste ihn mit der Schnauze immer wieder in die Seite und drängte ihn dazu, sich hinzulegen. Irgendwann gab der Wolf nach und rollte sich auf dem Boden zusammen.

Der Hund bellte einmal kurz auf und legte sich dann daneben, eng an den Wolf gekuschelt. Sirius versuchte, so viel Ruhe und Gelassenheit wie möglich auszustrahlen, um damit dem Wolf auch ein wenig Ruhe zu ermöglichen, und es schien zu funktionieren. Der Wolf lag friedlich neben ihm und sah ihn nur mit seinen bernsteinfarbenen Augen durchdringend an. Immer wieder leckte der Hund über den Kopf des Wolfes und es schien, als würde der Wolf diese Zärtlichkeiten genießen, da er dabei die Augen fast komplett schloss. So lagen die beiden friedlich und ruhig nebeneinander, bis ein Zucken durch den Wolf lief. Es war kurz vor Sonnenaufgang und die Rückverwandlung begann. Wieder jaulte der Wolf schmerzerfüllt auf und wand sich unter den Schmerzen. Auch der Hund jaulte, es tat Sirius weh, mitansehen zu müssen, wie sein Freund unter den Schmerzen litt. Aber auch er wusste nicht, wie er ihm helfen konnte. Endlich war es vorbei, Remus saß in menschlicher Form neben ihm, überall kleine Kratzer und völlig erschöpft. Schnell verwandelte sich Sirius zurück und reichte ihm seine Kleidung. Zitternd zog sich Remus wieder an und ließ sich dann von Sirius hochhelfen. Er war froh, wenn er gleich schlafen konnte, diese Verwandlung war schlimm gewesen und er wusste, dass ihm noch mehrere derartige Vollmonde bevor standen. Als sie aus dem Keller kamen, warteten bereits Poppy und Augusta auf sie.

Sirius hatte sich Remus´ Arm über die Schulter gelegt und trug ihn mehr oder weniger nach oben und in sein Zimmer. Völlig fertig schloss Remus die Augen, als er im Bett lag und ließ sich treiben. Die Anwesenheit der beiden Frauen nahm er nur am Rande wahr, weil sie sich um seine Verletzungen kümmerten. Als er eine Phiole an seinen Lippen spürte, trank er automatisch und fühlte sich danach gleich besser. Ein Stärkungstrank. Langsam glitt er in einen erholsamen Schlaf. Das Letzte, was er mitbekam war, dass jemand ihn zudeckte.

Sirius deckte Remus noch zu, nachdem Poppy seine Verletzungen behandelt hatte. Der Honigblonde hatte schon schlimmer ausgesehen nach solchen Nächten. Als er eingeschlafen war, verließen sie das Zimmer und setzten sich in die Küche. Augusta hatte Kaffee gekocht und frische Croissants mitgebracht. Dazu gab es Toast, Schinken und Eier. Sirius stürzte sich heißhungrig auf die Eier und den Schinken, aß mehrere Scheiben Toast dazu. Erst nach der zweiten Tasse Kaffee und zwei Portionen von seinem Frühstück war er wieder soweit ansprechbar.

„Wie war die Nacht? Remus sah verhältnismäßig gut aus.“, bemerkte die Heilerin schließlich.

„Es ging. Anfangs war er unruhig und fing an, sich wieder selbst zu verletzen, aber ich konnte ihn schließlich soweit beruhigen, dass er sich hingelegt hat und die Nacht liegend verbrachte. Er brauchte Kontakt, dann ging es einigermaßen. Aber die Verwandlung war wieder sehr schmerzhaft für ihn.“, erzählte Sirius.

„Dann lassen wir ihn ein paar Tage in Ruhe und planen dann weiter. Heute wird eine Versammlung sein. Ich habe von Moody gehört, dass es heute Nacht einen Werwolfangriff gegeben hat. Genaueres weiß ich noch nicht, aber ich denke, Albus wird bald herkommen.“, wusste Augusta.

„Scheiße!“, knurrte Sirius und wurde blass.

„Du sagst es.“, kam es ruhig von der Tür.

„Kingsley!“, entfuhr es Poppy.

„Ja, ich wollte euch holen. Albus und die anderen sind schon oben im Salon. Ihr müsst ganz schön fertig sein, wenn keiner mitbekommt, dass der Orden sich versammelt!“, stellte Kingsley schmunzelnd fest. „Wie geht es Remus?“, fragte er dann im Gehen.

„Er schläft. Soweit ganz gut, die Nacht war relativ ruhig, wenn auch schmerzhaft für ihn.“, antwortete Sirius.

Dann gingen sie in den Salon. Der Orden war fast vollzählig versammelt, nur wenige fehlten. Sirius sah sich um und überlegte im Geiste, wer vielleicht zu Verbündeten werden könnte. Minerva und Tonks sicher, Hagrid vielleicht, Molly, Arthur, Bill, Charlie und die Zwillinge wohl auch, Dädalus Diggel und Hestia Jones kannten Harry kaum also eher nicht, Moody war schwer einzuschätzen, Mundungus würde er sicher nicht fragen. Außerdem hatte Neville noch Verbündete versprochen, Luna Lovegood und vielleicht auch ihr Vater, Ginny Weasley, Lee Jordan und einige Andere, die von Harrys Lerngruppe noch übrig waren und auf seiner Seite standen. Neville hatte wohl zu einigen Vertrauenswürdigen Kontakt aufgenommen.

„… und es gab einen Werwolfangriff heute Nacht auf ein kleines, fast ausschließlich von Zauberern bewohntes Städtchen etwa hundert Kilometer von hier entfernt, keine Überlebenden. Über hundert Tote, Männer, Frauen, sogar Kinder. Greyback und sein Rudel, wenn man den Spuren trauen kann. Ich denke, sie handeln auf Voldemorts Befehl hin, denn es war zu zielgerichtet für einen zufälligen Angriff. Einige unserer Leute lebten dort, wir haben heute Nacht zwölf Mitstreiter verloren und deren Familien.“, berichtete Albus gerade und riss Sirius damit aus seinen Gedanken.

Ein paar Minuten herrschte trauriges Schweigen, sie gedachten der Toten.

„Wir brauchen eine Strategie, wir müssen herausfinden, wo Voldemort seine Basis hat, wo er die Todesser zusammenruft. Vielleicht haben wir eine Chance, wenn wir ihn direkt dort angreifen, wo er nicht mit uns rechnet. Auf Harry können wir leider nicht hoffen, er ist verschwunden und bisher habe ich ihn nicht lokalisieren können. Doch laut der Prophezeiung ist er der Einzige, der in der Lage ist, den dunklen Lord zu töten. Dennoch müssen wir versuchen, unser Bestes zu geben. Ich werde weiterhin versuchen, Harry zu finden, damit er dann die Prophezeiung erfüllen kann, wenn er volljährig ist. Aber unsere Kräfte müssen wir dafür einsetzen, die Todesser zu jagen und zu fangen und neue Mitglieder für den Orden zu finden. Ein Spion wäre sicher auch hilfreich, aber bisher war ich nicht in der Lage, jemanden zu finden, der uns wirklich helfen kann. Meine Theorie ist, dass Voldemort als Nächstes plant, das Ministerium zu übernehmen, aber durch Scrimgeour ist es nicht so einfach für ihn, denn er hat einen zusätzlichen Schutz in die Schilde eingebaut, die sogar einen Imperius-Fluch neutralisieren können, das bedeutet, jeder der unter dem Einfluss eines Imperius steht, wird innerhalb der Schutzschilde diesem Einfluss nicht mehr ausgesetzt sein. Die Entwicklung dieses Banns ist zweien unserer jüngsten Ordensmitgliedern zu verdanken, Fred und George Weasley haben es tatsächlich geschafft, einen der Unverzeihlichen neutralisieren zu können. Wenn auch mit einem sehr hohen Energie- und Magieaufwand, aber das ist wirklich eine tolle Leistung!“, endete Dumbledore, als alle in Applaus und Jubel ausbrachen.

Danach löste sich die Versammlung auf und mit dem Vorwand, ihnen zu gratulieren, wartete Sirius auf die Zwillinge. Er verwickelte sie in ein Gespräch über den Bann und ließ sich genau erklären, wie es denn funktionierte und wie sie auf die Idee gekommen waren. Sie erklärten, dass sie mitbekommen hatten, dass der falsche Moody Harry so lange gepiesackt hatte, bis er dem Imperius widerstehen konnte und sie ihn dann genau ausgefragt hatten, wie das denn funktionierte. Während ihrer Trainingsstunden in der DA hatten sie es dann mit Harry gemeinsam probiert und da waren sie auf die Idee gekommen. Nach und nach hatten sie die Idee dann weiterentwickelt und schließlich ein Patent erfunden. Das Ministerium wusste nicht genau, wie es funktionierte, aber der Schild darüber war sicher.

Als außer den Zwillingen, Minerva, die mit Poppy sprach und Tonks, die sich mit Augusta unterhielt, niemand mehr da war, trafen sich die drei Gruppen, und Sirius erzählte ihnen das, was er noch von Harrys Flucht wusste und warum sie ihn aus der Schusslinie haben wollten. Entsetzt hörten die Vier sich die Geschichte an und waren sofort einverstanden, zu helfen. Sie konnten nicht fassen, als sie hörten, dass die Gerüchte wahr waren und wie schlecht es Harry all die Jahre ergangen war. Entsetzt hörten sie, dass Albus ihn nach dem ersten Schuljahr zurück in die Hölle geschickt hatte, obwohl Harry ihm erzählte, was vorgefallen war und ihn angefleht hatte, ihn nicht mehr dorthin zu schicken, und was dann passiert war. Poppy erzählte, dass sie nie etwas davon mitbekommen hatte, da wohl ein starker Verschleierungszauber auf Harry gelegt worden war, den sie mit normalen Diagnosezaubern nicht finden konnte.

Minerva und Tonks weinten offen, Augusta und Poppy hatten Tränen in den Augen, die Zwillinge waren weiß geworden. Sofort versprachen sie zu helfen. Sie fragten sich, wer den Illusionszauber auf Harry gelegt hatte, vor allem, da Poppy ihn nicht entdeckt hatte. Sie war sich fast sicher, dass es eben nicht Dumbledore gewesen sein konnte, da sie seine Magiestruktur kannte und die wäre ihr an Harry aufgefallen. Am Ende erzählte Sirius sogar von der Triade, die Harry mit Severus und Draco bildete und wie glücklich er bei den beiden war. Sie waren überrascht, aber freuten sich, dass Harry wohl doch noch sein Glück gefunden hatte. Poppy schmunzelte nur wissend vor sich hin.

 

Drei Tage später bekamen sie endlich die erlösende Nachricht per E-Mail.

Hallo Sirius!

Wir sind nun endlich angekommen. Die Reise war anstrengend und lang, aber nach der ersten Nacht in unserem neuen Zuhause geht es uns langsam ein wenig besser. Danke für Eure Hilfe. Wir hoffen, es geht auch Euch gut. Sev sagt, es tut ihm leid, dass er Remus nicht helfen kann wegen dem Vollmond. Dray sagt auch liebe Grüße. Escalada streunt in der Gegend rum und freut sich, dass sie endlich raus kann, kommt aber immer schnell wieder nach Hause.

Wie war der Vollmond? Ich hoffe, Remus geht es gut. Ihr fehlt mir. Passt auf Euch auf.

In Liebe,

Harry

 

Die erste Nacht in dem Haus verschliefen sie komplett. Sie waren völlig erschöpft gewesen, die lange Reise und die Putzaktion hatten allen zu schaffen gemacht. Am nächsten Tag erwachten sie erst spät, die Sonne stand schon hoch am Himmel. Alan stand als Erster auf und ging ins Bad. Endlich wieder duschen. Er stand so lange unter dem Strahl, bis das warme Wasser ausging. Dann fühlte er sich deutlich besser und ging in die Küche. Sein Magen knurrte inzwischen ziemlich laut, kein Wunder, hatten sie die letzten beiden Wochen doch fast nur von Sandwiches, Wasser und Cola gelebt. Ab und zu hatten sie auch etwas bei McDonalds, KFC oder Burger King gegessen, doch das fand er nicht wirklich gut, viel zu fettig und geschmacklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber es war warm gewesen und nach den ersten beiden Besuchen hatte er auch herausbekommen, wie man das sogar im Auto bestellen und mitnehmen konnte. Das ging einfach und schnell und sie konnten zügig weiterreisen. Aber ab jetzt hatten sie eine Küche und das bedeutete, sie würden wieder ordentlich essen. Er selber hatte schon lange nicht mehr auf Muggelart gekocht, aber das Autofahren hatte er auch nicht verlernt, also würde das Kochen sicher auch funktionieren. Er konnte hören, dass David und Darren langsam auch wach wurden und ins Bad gingen. Die Eier und der Speck brutzelten bereits in der Pfanne, aber mit dem Toaster kam Alan nicht klar. Irgendwas stimmte damit nicht, aber er wusste nicht, was.

David war inzwischen im Bad fertig, hatte dort auch die erste Ladung Wäsche in die Waschmaschine gesteckt und beobachtete nun schmunzelnd Alans Versuche. Als er merkte, dass die Frustration stieg, ging er zu ihm und zeigte ihm, dass er den Stecker in die Steckdose stecken musste, damit der Toaster funktionierte. Magie war so viel einfacher, entschied Alan. Aber sie mussten sich daran gewöhnen. Wer weiß, wie lange sie hier festsaßen. David musste ihnen unbedingt beibringen, wie das alles funktionierte. Aber sie konnten sich Zeit lassen, davon hatten sie nun mehr als genug. Er beobachtete David und sah beruhigt, wie entspannt der Kleine nun war. In den Flugzeugen war er sehr angespannt gewesen, sodass er ihm während eines Nachtfluges einmal seinen Arm angeboten hatte und David hatte ohne Protest sofort getrunken. Es war offenbar ein dringendes Bedürfnis für ihn gewesen. Dafür musste er sich auch noch etwas einfallen lassen, denn er hatte höchstens noch für eine Woche genug von dem Blutbildungstrank. Die Reise hatte David ziemlich mitgenommen, sodass er öfter als normal getrunken hatte und er selber mehr von den Tränken zu sich nehmen musste.

„David, was hältst du davon, eine Nachricht an deinen Paten zu schreiben? Du kennst dich ein bisschen aus mit Computern, hast du gesagt. Und dann machen wir einen Spaziergang, in den letzten beiden Wochen haben wir uns so wenig bewegt, ich denke, das brauchen wir alle.“, sagte Alan beim Frühstück.

David hatte bisher selber noch nicht an Computern gesessen, aber da er seinen Cousin regelmäßig dabei beobachtet hatte, hoffte er, dass er das schaffen würde. Er drückte den Startknopf und machte den Bildschirm an. Froh darüber, dass sich etwas tat, wartete er ab. Darren, der hinter ihm stand, machte einen Sprung zurück, als der Bildschirm wie von Geisterhand ein Bild zeigte, David jedoch atmete erleichtert auf, das schien zu klappen. Er bewegte die Maus und unter den erstaunten Augen von Darren begann der Pfeil auf dem Bildschirm hin und her zu sausen, und als David eine Taste drückte, veränderte sich das Bild. Ein komisches Geräusch erklang, eine Folge von Tönen, und dann öffnete sich ein Fenster. David erkannte es, er war richtig.

„Alan, wo hast du die Unterlagen von Sirius wegen der E-Mail-Adressen? Das brauche ich jetzt.“, fragte David.

Alan brachte sie ihm und sah ihm dann über die Schulter, als er weitere Fenster öffnete und dann die Nachricht schrieb. Sie brauchten einige Versuche, da sie sichergehen wollten, dass man keine Schlüsse daraus ziehen konnte, wo sie waren, aber dann war auch Alan zufrieden und David drückte den ‚Senden‘-Knopf, dann schloss er die Fenster wieder und schaltete den Computer aus. Er würde gegen Abend noch einmal sehen, ob Sirius geantwortet hatte. Jetzt wollten sie erst einmal ein bisschen in der Gegend herumlaufen und sich orientieren. Gestern hatten sie gesehen, dass sie keine direkten Nachbarn hatten und das Haus wohl sehr einsam stand. Ein paar Meilen entfernt an der Straße war eine kleine Station, ein paar Häuser, dort konnten sie tanken und einkaufen gehen, auch ein kleines Restaurant war dort. Doch das hatte Zeit, fürs Erste waren sie versorgt. Es war ein sonniger und warmer Tag, und obwohl sie meist im Schatten des Waldes waren, tat ihnen die Wärme richtig gut. Nach einer Weile entschied Alan, dass er nun mit David reden musste.

„David, wir müssen über etwas reden. Kannst du dich erinnern, wie ich dir damals erklärt habe, was es mit Vampiren auf sich hat?“, begann er.

David nickte vorsichtig.

„Nun, wir bekommen bald ein Problem, da ich keine Tränke brauen kann. Ich habe höchstens noch für eine Woche einen Vorrat von dem Blutbildungstrank und bei den Muggeln gibt es nichts Vergleichbares.“

Hier unterbrach ihn David. „Keine Angst, ich kann wieder hier im Wald jagen, ich werde euch nichts tun!“

„Nein, David, das muss nicht unbedingt sein. Natürlich kannst du das, wenn du das möchtest. Aber es gäbe noch eine andere Möglichkeit. Ich hatte dir damals erklärt, dass Vampire ihren Gefährten kennzeichnen, und dieser dann soweit verändert wird, dass er ebenso alt werden kann und immer genügend Blut bildet. Vampire wählen ihren Gefährten einmal aus und bleiben dann für immer mit ihm verbunden, ein Leben lang, was bei Vampiren ziemlich lange ist, da sie fast unsterblich sind. Wenn du das möchtest, dann kannst du es bei mir tun. Ich habe dir und Darren bereits die Treue versprochen, weil ich euch liebe, ich würde das gerne tun.“, bot Alan an.

„Ich auch!“, kam es nun von Darren.

Überrascht wurde der nun Braunhaarige angesehen.

„Wirklich?“, fragte David.

„Ja, ich liebe dich und ich würde mich freuen, wenn du das tust.“, bestätigte Darren.

Nachdenklich schwieg David. Er war innerlich zerrissen. Anfangs war es ganz einfach erschienen, doch jetzt hatte er das Angebot von seinen beiden Partnern und er wollte keinen ausschließen, er liebte sie doch beide. Wenn er jetzt das eine Angebot annahm, würde derjenige, den er nicht kennzeichnete, ausgeschlossen und sterblich sein. Aber ohne das Blut konnte er nicht leben. Wieder war er in einer Zwickmühle und wusste nicht, wie er weitermachen sollte. Er setzte sich auf einen Stein am Wegesrand und versteckte sein Gesicht in seinen Händen. Tränen der Verzweiflung bahnten sich ihren Weg. Warum konnte es auch nie einfach sein für ihn?

Entsetzt beobachteten Alan und Darren, wie David plötzlich in Tränen ausbrach. Was war los? Sie konnten es sich nicht erklären. Hatten sie etwas getan, das ihn an seine Vergangenheit erinnerte, die Erfahrungen wieder an die Oberfläche holte? Dieser Ausbruch war so unerwartet, dass sie erst einmal hilflos daneben standen. Schließlich knieten sie sich rechts und links neben David.

„Kleiner, was ist los? Was ist passiert?“, fragte Alan leise.

Doch David fand keine Worte dafür. Er schluchzte nur noch heftiger. Also nahm Alan ihn auf den Arm und trug ihn zurück zum Haus, das nicht mehr weit entfernt war. Sie kamen diesmal von der anderen Seite zum Haus und Alan sah, dass unter der Südterrasse sogar noch eine Garage war. Er machte sich eine gedankliche Notiz, das Auto dort unterzustellen, sobald es David wieder besser ging. Doch erst einmal zählte nur David. Sie setzten sich im Wohnzimmer auf das Sofa und langsam beruhigte sich David wieder. Hicksend beantwortete er nun doch noch Alans Frage: „Wen soll ich denn nun kennzeichnen, einer von euch ist doch dann wieder ausgeschlossen?“

„Deswegen weinst du? David, du kannst uns auch beide kennzeichnen, das ist kein Problem. Aber wir werden jede Entscheidung von dir akzeptieren, versprochen.“, beruhigte ihn der Ältere.

„Ja, David, das ist okay.“, bestätigte auch Darren.

„Dann will ich euch beide kennzeichnen, weil ich euch beide so sehr liebe und ich will nicht mehr ohne euch leben.“, entschied David.

„Gut, David, aber erst wird gegessen.“, bestimmte Alan.

David war immer noch viel zu dünn und die Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten mit dem unregelmäßigen Essen hatte sein Gewicht noch einmal sinken lassen. Das würden sie nun ändern müssen.

„Darren, kümmerst du dich bitte mit David ums Essen, ich fahre das Auto in die Garage.“, sagte Alan.

Sie hatten entschieden, dass sie sich auch hier mit ihren neuen Namen ansprechen sollten, auch wenn sie hier unter sich waren. Nicht nur wenn die Gefahr bestand, dass andere Menschen mithörten, denn dann mussten die falschen Namen sicher sitzen. Doch David hatte sich geweigert, Alan auf Dauer mit ‚Dad‘ anzusprechen, das war einfach nicht passend, da sie sich immer wieder küssten und daher wollte er ihn lieber nur mit dem Vornamen ansprechen. Nach einigem Zögern hatte Alan schließlich nachgegeben, es wäre vielleicht ein wenig ungewöhnlich, aber nicht so auffällig, wenn ein ‚Sohn‘ seinen ‚Vater‘ mit Vornamen ansprach.

Darren und David gingen sofort in die Küche und David suchte alles zusammen, was sie für Spaghetti Napoli brauchten. Dann erklärte er Darren, was er tun sollte und nach einer halben Stunde stand ein leckeres Essen auf dem Tisch. Sie ließen es sich schmecken und Darren stellte fest, dass Kochen nicht so schlimm war. David lachte und erklärte ihm, dass sie gerade eines der einfachsten Gerichte überhaupt gemacht hatten. Dennoch schmeckte es allen und David war wieder ein wenig ruhiger. Zumindest bis sie das Geschirr weggeräumt hatten. Sie gingen ins Schlafzimmer, da David sich im Wohnzimmer so beobachtet fühlte mit der großen Glasfront. Dann zog Alan sein T-Shirt aus, langsam gewöhnte er sich an diese bequeme Kleidung, setzte sich auf das Bett und bot David seinen Hals an. Als David sich ihm näherte spürte er, dass der Kleinere zitterte und zog ihn erst einmal an sich. Er verwickelte ihn in einen sanften, liebevollen Kuss und strich ihm zärtlich über die Seite, bis David sich langsam entspannte.

„Okay?“, wisperte er dann leise in Davids Ohr.

Als Antwort legte David seine Lippen an Alans Halsbeuge und strich leicht mit der Zunge über die Haut. Alan unterdrückte ein Stöhnen, sein Kleiner wusste nicht, wie erotisch das war, was er eben machte. Alles in ihm verlangte nach mehr und als Davids Zähne seine Haut durchbissen, war es fast um ihn geschehen.

„Merlin, David! Das ist so gut! Nicht aufhören!“, stöhnte er.

David saugte vielleicht zwei Minuten, dann leckte er wieder über die Wunde, die sich sofort schloss. Alan saß zurückgelehnt am Kopfteil des Bettes und hatte die Augen geschlossen. Sein Atem kam keuchend und stoßweise. Nur langsam bekam er sich wieder in den Griff. Er konnte es nicht fassen, nur durch diesen kleinen Biss stand er kurz vor einem heftigen Höhepunkt. Doch er wollte David nicht überfordern und hatte sich daher stark darauf konzentriert, dass nichts passierte. Noch einen Rückfall wollte er David nicht antun.

„Alles in Ordnung?“, fragte David jetzt ängstlich.

„Es geht mir gut!“, erwiderte Alan etwas außer Atem.

Darren, der erkannte, was mit ihm los war, beruhigte David.

„Keine Sorge, es geht ihm gleich wieder gut. Wobei, im Moment geht es ihm auch gut, sogar sehr gut!“, grinste Darren anzüglich.

Da kapierte es sogar David.

„Du meinst, ich … es erregt ihn?“, hakte er nach, blass geworden.

„Und wie!“, lachte Darren.

„Warte nur ab, Drache, wenn er dich beißt!“, kam es nun von Alan, der sich wieder einigermaßen im Griff hatte.

Er strich mit der Hand über die Stelle, an der David ihn gebissen hatte, spürte immer noch das Kribbeln in seinem Körper, wenn er nur daran dachte. Merlin, er wollte mehr! Dabei war er doch kein Teenager mehr. Neben der Bissstelle spürte er eine kleine Erhebung der Haut, ähnlich einer Narbe. Er konnte die Form nicht genau ertasten, aber es schien eine Rune zu sein. Jeder, der sich auskannte, würde nun mit einem Blick auf seinen Hals erkennen, dass er der Gefährte eines Vampirs war. Ein glückliches Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

„Jetzt ich!“, verlangte Darren.

„Darren, beherrsch dich.“, warnte Alan ihn leise.

Der Braunhaarige nickte, er wusste, dass Alan sich Sorgen um David machte. Er war noch nicht so weit, noch lange nicht. Dennoch wollte auch er nun gekennzeichnet werden, das würde sie noch enger miteinander verbinden. Wahrscheinlich brauchten Alan und er selber dann ein bisschen Abgeschiedenheit. Vielleicht konnte David wieder Tagebuch schreiben? Oder was er sonst wollte? Während er überlegte, hatte er sein T-Shirt ausgezogen. Auch er hatte sich schnell an diese Art Kleidung gewöhnt, in der Wildnis hier draußen war sie sicher praktischer als seine übliche Kleidung. Er setzte sich neben Alan und lehnte sich zurück. Seine Gedanken waren konzentriert, denn auch er wollte David nicht überfordern. Doch als er Davids Zunge auf seiner Haut spürte, wusste er, warum Alan jetzt so drauf war. Salazar, das war gut! Sein ganzer Körper kribbelte vor Erregung, und als Davids Zähne sich in seine Vene gruben, war er verloren. Mit einem Aufschrei kam er zum Orgasmus, dabei hatte David ihn noch nicht einmal irgendwo berührt außer mit seinen Lippen und Zähnen. Erschrocken wollte David stoppen, doch seine Instinkte sperrten sich dagegen. Er wollte Darren nicht wehtun, aber der hatte eben geschrien.

„O David, mach weiter!“, stöhnte er jetzt.

„Darren, beherrsch dich!“, knurrte Alan.

„David, es ist in Ordnung, mach ruhig weiter. Darren ist ein Teenager, seine Hormone gehen gerade mit ihm durch. Es geht ihm gut, du tust ihm nicht weh!“, beruhigte er David, dessen Panik er deutlich spüren konnte.

David löste seine Zähne jetzt aus Darrens Vene und leckte noch einmal über die Haut, damit sich die Wunde schloss. Auch hier bildete sich die gleiche Rune, wie sie Alan hatte. Verwirrt und entsetzt sah David Darren an, der sich auf dem Bett wand. Er konnte nicht glauben, dass es ihm wirklich gut ging. Sicher hatte er zu viel Blut getrunken oder zu fest gebissen oder…

„David, stopp! Beruhig dich. Darren geht es wirklich gut, aber dieser Biss von dir ist so erregend, das konnte er nicht verhindern, er ist immerhin nur ein hormongesteuerter Teenager. Er will mehr.“, erklärte Alan leise.

„Er will Sex?“, hauchte David, der jetzt kalkweiß war.

„Ja, aber ich weiß, du bist nicht so weit. Ich bleibe bei ihm, auch ich will mehr, wenn ich ehrlich sein soll. Gib uns etwas Zeit, dann geht es uns gut. Bitte David, es ist wirklich in Ordnung!“, versuchte Alan ihn zu beruhigen.

David verließ das Zimmer. Alan sah zwischen der geschlossenen Tür und Darren hin und her. Er wusste, eigentlich müsste er nun zu David gehen, mit ihm reden, ihn beruhigen. Doch auch er konnte nun nicht mehr warten, würde dem kleinen Vampir wahrscheinlich nicht gut tun, wenn er jetzt mit ihm redete. Nachher würde er das nachholen. Er legte sich zu Darren.

 

Verwirrt lief David in die Küche. Er musste sich erst einmal wieder fangen. Wie konnte man nur durch einen Biss so erregt werden? Und konnte Sex wirklich so schön sein? Er konnte es kaum glauben, seine eigenen Erfahrungen waren durch Schmerzen und Zwang geprägt, nie hatte er auch nur geahnt, dass das etwas sein könnte, was man WOLLTE. Er nahm sich eine Tasse Tee, sie hatten eine Thermoskanne gefunden und die war nun immer voll, und setzte sich an den Computer, vielleicht hatte Sirius schon geantwortet. Und dann würde er ein bisschen in seinem Tagebuch schreiben. Er druckte die Antwort von Sirius aus, ohne sie zu lesen, das würden sie dann zusammen machen. Danach schaltete er den Computer wieder aus und schnappte sich sein Tagebuch und den Kugelschreiber. Damit setzte er sich dann in die Hollywoodschaukel. Seit sie aus London geflohen waren, hatte er nicht mehr geschrieben und er merkte, wie er sich freute, endlich seine Gedanken wieder auf Papier zu bringen. Er versank völlig in dieser Tätigkeit. Erst als sich die Haustür öffnete und Alan erleichtert feststellte, dass er da war, erkannte er, wie viel Zeit vergangen war. Er klappte das Tagebuch zu und Alan setzte sich zu ihm.

„Alles in Ordnung?“, wollte er wissen.            

„Ja. Ich glaube, es war einfach nur so überraschend. Ich wusste nichts damit anzufangen, ich dachte, ich tu euch weh und das will ich doch nicht. Und dann der Gedanke, dass ihr Sex wollt, ich hatte einen Moment wirklich Angst, aber ich wusste gleichzeitig auch, dass ihr mir nie Zwang antut. Ich lerne langsam, dass es etwas ist, was wohl wirklich schön sein kann, aber bevor ich das selber herausfinden will, werde ich noch lange Zeit brauchen, oder?“, wandte David sich fragend an seinen Gefährten.

„Ich weiß es nicht. David, du hast dich stark verändert und du bist schon sehr weit aus dir herausgegangen. Aber du hast alle Zeit, die du brauchst, nur du entscheidest, was du wann tun willst. Und wenn du nie bereit bist, weiter zu gehen als jetzt, dann ist das in Ordnung. Du gehörst zu uns und wir lieben dich. Wir wollen dich nicht verletzen, wenn wir uns zurückziehen, ganz sicher nicht. Du kannst jederzeit zu uns kommen, wenn du es selber möchtest. Egal welche Entscheidung du triffst, es ist in Ordnung. Aber eines musst du noch lernen: Sag, was du willst. Egal was es ist. DU hast ein RECHT darauf, dass auch deine Wünsche berücksichtigt werden. Wir werden dir nicht jeden Wunsch erfüllen können, aber du sollst sie zumindest äußern. Einverstanden?“

„Danke, Alan. Ich liebe dich. Und ich verspreche, dass ich es versuchen werde. Ich glaube nicht, dass ich jetzt sofort in der Lage bin, jeden Wunsch auch wirklich zu äußern, aber ich werde an mir arbeiten.“, lächelte David beruhigt.

Ein paar Minuten genoss er es einfach, sich in Alans Arme zu kuscheln und leicht zu schaukeln.

„Alan, was ist das für ein Zeichen, was ihr beiden jetzt habt?“, wollte er dann noch wissen, während er mit den Fingern die Kontur der Markierung nachfuhr.

„Eine Rune. Wenn ich mich nicht sehr täusche, dann ist es das Zeichen für Wiederauferstehung, also eine Phönix-Rune. Sie ist ein sehr mächtiges Zeichen, das bedeutet, dass du eine große Kraft in dir hast. Du kannst stolz auf dich sein! Und, jetzt noch Fragen?“, schmunzelte Alan.

„Ja, eine noch. Ich habe die Magie gespürt, als ich euch an mich gebunden habe. Ist das nicht gefährlich? Wenn sie uns deswegen entdecken?“

„Keine Angst, Kleiner. Diese Art Magie ist anders als alles, was wir mit oder ohne Stab machen. Es ist, wie soll ich sagen, eine Art Naturmagie. Sie ist für die magischen Wesen spürbar, kann aber nicht aufgespürt werden wie die Magie, die wir normalerweise nutzen. Wir können einander nun spüren, zumindest die tiefergehenden Gefühle, aber wir sind dadurch nicht leichter zu finden. Außerdem weiß kaum jemand, dass du ein Vampir bist, daher ist auch diese Gefahr recht gering.“, beruhigte ihn Alan.

„Nur derjenige, der mich verwandelt hat, weiß es. Und wenn er zu … IHM gehört?“, wimmerte David.

„Hey, keine Sorge. ER hat keine Vampire in seinen Reihen, die sind viel zu unabhängig und außerdem duldet er niemanden an seiner Seite, der stärker ist als er. Es gibt nur sehr wenige Vampire, ein Einzelner kann es nicht mit den Todessern aufnehmen, daher fürchtet er sich nicht davor, sie würden sich wohl auch nie zusammentun, um ihn zu vernichten. Wie gesagt, normalerweise sind Vampire sehr unabhängig. Du scheinst auch hier eine Ausnahme zu sein. Hast du jetzt noch Fragen?“, lächelte Alan sanft.

„Nein, erstmal nicht.“, brummte David und kuschelte sich an seinen Gefährten.

„Gut, dann komm jetzt rein. Wir wollen Abendessen und ich hab gesehen, du hast eine Antwort von Sirius bekommen. Schon gelesen?“

David schüttelte den Kopf. „Ich wollte es mit euch zusammen lesen.“, erklärte er.

„Na dann komm. Sehen wir, was es Neues in der alten Welt gibt!“

 

 

So vergingen die nächsten Wochen. Zwei Tage nach der ersten E-Mail von Sirius kam die nächste.

Lieber Harry!

Wir wünschen Dir von Herzen alles Liebe zum Geburtstag. Wir vermissen Dich sehr und wünschten, wir könnten Dir persönlich gratulieren. Wir haben sogar Geschenke besorgt, aber die werden wohl noch eine Weile hier liegen bleiben müssen, da wir nicht riskieren können, sie Dir zu schicken. Wir wissen ja nicht einmal, wo Du bist.

Remus geht es inzwischen wieder gut, seine Wunden sind völlig verheilt und nichts erinnert mehr an den letzten Vollmond. Es waren ja nur kleine Kratzer und wir hoffen, dass es auch in Zukunft dabei bleibt. Seit dem Werwolfangriff auf HillCrest ist die magische Bevölkerung noch schlechter auf Werwölfe zu sprechen. Sie machen Jagd auf alles, was ein Fell hat. Es ist wirklich traurig, aber leider scheinen Menschen nicht dazuzulernen. Doch wir haben hier auch gute Nachrichten. Wir sollen Dich grüßen und Dir alles Gute wünschen, und zwar von Minerva McGonagall und von Hagrid, von Tonks, Poppy und Augusta Longbottom, von Neville, Luna, Ginny, Lee und den Zwillingen und von Bill, Charlie, Arthur und Molly Weasley. Ich glaube, Du hast eine Menge Freunde hier, sie alle wollen Dir helfen und kämpfen für Dich.

Dank einer Erfindung der Zwillinge ist das Ministerium immer noch nicht unter der Kontrolle des Unnennbaren, aber Dumbledore geht davon aus, dass ihn das nur verlangsamen wird, aber nicht aufhalten. Er hat nun eine neue Idee, wie er den Unnennbaren ausspionieren könnte: Er versucht sich an einem Zauber, durch den man sich mit Tieren verständigen kann. Dann müsste man keine Menschen mehr in Gefahr bringen. Aber so ganz scheint es noch nicht zu klappen, er versteht zwar inzwischen die Tiere, aber sie ihn nicht und daher machen sie auch nicht, was sie sollen und er kann noch keine Informationen auf die Art gewinnen. Aber zumindest kämpft er momentan scheinbar, ohne dass er mit Dir plant. Er scheint zu merken, dass auch die Ordensmitglieder ins Grübeln kommen, warum ausgerechnet DU den Unnennbaren töten sollst.

So, ich muss Schluss machen, wir haben gleich wieder eine Versammlung.

Hab Dich lieb, Kleiner und liebe Grüße vor allem von Remus,

Dein Sirius

David war froh, wenigstens diesen Kontakt mit seinem Paten zu haben und auch mit Remus. Er sah die beiden immer mehr als Familie an und hatte Remus schon lange verziehen. Alan und Darren freuten sich eher über die Informationen, vor allem darüber, wie viele Leute inzwischen hinter David standen. Sie hatten Davids Geburtstag zu dritt gefeiert, ganz entspannt und mit nur kleinen Geschenken. Alan war einen Tag vorher in die nächste Stadt gefahren und hatte ein neues Tagebuch für David gekauft und ein paar Bücher. Zwar war im Eingangsraum ein gut gefülltes Bücherregal, aber David las unheimlich gerne und er würde das bald schon alles durch haben.

Jeden Tag gingen sie gemeinsam in den Wald und Alan brachte ihnen die Pflanzen und ihre verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten näher oder erzählte ihnen Begebenheiten aus der Geschichte der Zauberei, aber auch der Muggelgeschichte. Außerdem brachte er beiden Französisch bei. Von Darren lernten David und Alan Spanisch und David brachte ihnen Muggelkunde näher. So lernten sie immer wieder etwas dazu und nach und nach wurden alle drei ruhiger und entspannter. Immer wieder wenn sie Lust auf Wild hatten, lief David in den Wald und kam meist schon nach wenigen Minuten mit einem Hasen wieder. Der junge Vampir war schnell und jagte gerne. Aber nie mehr, als sie essen würden. Er brauchte das Blut nicht, da er nun sowohl bei Alan als auch bei Darren trinken konnte, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Für die beiden war es immer noch erregend, aber nicht mehr so stark wie beim ersten Mal und so fühlte David sich nicht mehr bedrängt. Meist verbrachte er nach dem Trinken einige Zeit auf der Hollywoodschaukel und las oder schrieb Tagebuch.

Darren konnte inzwischen auch die ganzen Elektrogeräte bedienen und traute sich nach zwei Monaten sogar an den Computer. Abends saßen sie meist zu dritt auf dem Sofa und sahen fern, manchmal aber schaukelten sie auch und unterhielten sich über Verschiedenes. Es waren ruhige Wochen und sie genossen die Zeit zu dritt. Nur die Nachrichten aus London klangen nach und nach gefährlicher. Ende Oktober kamen dann die ersten wirklich schlechten Nachrichten. Die Winkelgasse war komplett zerstört worden bei einem Todesserangriff, die Zwillinge hatten es gerade so geschafft. Viele andere Ladenbesitzer, die sich wieder etwas aufgebaut hatten nach dem letzten Angriff, hatten weniger Glück. Der Orden hatte empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen. Mitte November fiel das Ministerium einer Explosion zum Opfer, Scrimgeour, der immer noch Minister war, wurde dabei getötet. Seitdem hatte Voldemort das Sagen in Großbritannien. Er hatte Lucius Malfoy als Minister eingesetzt und Gesetze erlassen, die die magische Bevölkerung an die Macht stellen sollten und die nicht-magische Bevölkerung unterdrücken. Muggelgeborene Hexen und Zauberer wurden streng geprüft, wenn es keine Beweise gab, dass es in ihrem Stammbaum eine Hexe oder einen Zauberer gab, dann wurde ihnen die Magie entzogen. Außer aber sie schlossen sich den Reihen Voldemorts an und dienten ihm. Natürlich nicht in seinem inneren Kreis, sondern ganz unten in der Rangordnung.

Sirius schien zu befürchten, dass sie hinter ihnen her waren, denn es gab immer mehr Sichtungen von Todessern rund um den Grimmauldplatz und er wusste nicht, wie lange er den Kontakt noch aufrechterhalten konnte. Er versprach David in jeder E-Mail, dass er und Remus auf sich aufpassten, aber wie lange würde es noch gutgehen? Der Orden des Phönix war mehr oder weniger zu einer Untergrundorganisation geworden, sie hatten eine Menge Mitglieder verloren, die gefangen genommen oder gar getötet worden waren. So wurde David immer nervöser, weil er Angst um seine Familie hatte und um seine Freunde. Diese Angst konnten Alan und Darren ihm nicht nehmen und daher setzten neue Alpträume bei David ein.

 

In London dagegen hatte Sirius keine Zeit mehr, Angst zu haben. Er verbrachte fast seine komplette Zeit im Haus, da er sich kaum noch davonstehlen konnte. Die Leute wussten, auf wessen Seite er stand und die Jagd auf ihn war eröffnet worden. Remus und Sirius standen weit oben auf der ‚Gesucht‘-Liste von Voldemort. Sie hatten inzwischen herausgefunden, dass Voldemort in Malfoy-Manor residierte, konnten aber nicht an ihn herankommen. Die Schlange lebte immer noch und es gab keine Möglichkeit mehr, an das Basiliskengift heranzukommen. Severus hatte ihm gesagt, wo in Hogwarts es versteckt war, er hatte die geheime Kammer erklärt, in der er damals die Horkruxe versteckt hatte, aber Hogwarts war in der Hand von Voldemort. Da hinein konnten sie nicht. Zwei Tage vor dem Dezember-Vollmond, der ausgerechnet an Weihnachten am Himmel stehen sollte, riss ein Patronus Sirius aus dem Schlaf. Er erkannte Kingsleys Stimme.

„Sirius, Remus, verschwindet sofort. Euer Unterschlupf ist entdeckt und soll in der nächsten Stunde vernichtet werden.“

Remus sprang auf und schnappte sich alle Heiltränke, die er erwischte, während Sirius in sein Arbeitszimmer eilte. Sie durften nicht riskieren, dass jemand die Verbindung zu Harry fand. Er griff nach dem kleinen Hebel, der die geheime Tür öffnete und riskierte alles, indem er Dämonsfeuer heraufbeschwor, um damit den Computer zu vernichten. Mit äußerster Konzentration schaffte er es, das Feuer so lange im Griff zu haben, bis von dem Computer nichts mehr zu sehen war, dann ließ er es wieder verschwinden. Schweißüberströmt rannte er zurück zu Remus und sie disapparierten in dem Moment aus dem Haus, wo es durch eine erste Explosion erschüttert wurde.

„Wo sind wir?“, fragte Remus verwirrt, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Er hatte Sirius beim Apparieren die Führung überlassen, da er schon ein wenig angegriffen vom nahenden Vollmond war.

„Nahe dem verbotenen Wald, auf der Rückseite von Hogwarts aus gesehen. Ist das Erste, was mir eingefallen ist, du brauchst in zwei Tagen Raum, wo du laufen kannst und keine Menschen triffst.“, erklärte Sirius erschöpft.

Erst jetzt bemerkte Remus, wie blass sein bester Freund war und dass er haltlos zitterte.

„Was ist passiert?“

„Ich hab den Computer zerstört mit Dämonsfeuer.“, krächzte Sirius und verdrehte die Augen.

Remus fing ihn auf und legte ihn sanft zu Boden. Das Gras war kalt und feucht, aber es gab gerade keine andere Möglichkeit. Das Zaubern sollte er nach Möglichkeit lassen, denn das Ministerium hatte mit Sicherheit seine Signatur und wenn er zauberte, dann waren sie sofort hier. Also ließ er Sirius erst einmal im Gras liegen und lief ein Stück in den Wald. Wenn er sich richtig erinnerte, war hier irgendwo in der Nähe eine Höhle. Sollte er die finden, könnte er Sirius dorthin bringen und sie hätten einen Unterschlupf. Er spürte die Kälte, es würde sicher bald anfangen zu schneien. Und es war gerade später Vormittag, er wollte nicht mal darüber nachdenken, wie es nachts sein würde. Sie mussten in diese Höhle, die war groß genug, dass sie auch Feuer machen konnten. Der Honigblonde hatte Glück und fand die Höhle relativ schnell, sie war wirklich nicht weit von Sirius entfernt. Als Remus zu ihm zurückkam, regte sich Sirius langsam wieder, brauchte aber Hilfe beim Aufstehen und Laufen. Seine Beine wollten ihn kaum tragen. Sie brauchten fast eine halbe Stunde bis zur Höhle, obwohl Remus für den Weg vorher kaum fünf Minuten gebraucht hatte. Inzwischen war Sirius wieder schweißgebadet und bleich im Gesicht. Remus legte ihn vorsichtig hinten in die Höhle und lief dann los, Moos und Holz zu sammeln. Er nahm auch ein paar Fichten- und Tannenzweige mit, die würde er auf den Boden legen und dann mit Moos bedecken, so hatten sie zumindest ein weiches Lager.

Sirius schlief, als er zurückkam und so machte sich Remus daran, das Holz aufzuschlichten und zückte dann ein Feuerzeug. Schnell hatte er ein flackerndes, kleines aber warmes Feuer in Gang gebracht. Noch einmal machte er sich auf um Holz zu suchen, wenn das Feuer brennen sollte, würden sie eine Menge Nahrung dafür brauchen, auch wenn er es so klein wie momentan hielt. Er ging noch zweimal und brachte jedes Mal so viel Holz mit, wie er gerade eben tragen konnte, dann richtete er mit den Zweigen und dem Moos ein bequemes Lager her. Es war nicht groß, aber aufgrund der Kälte mussten sie sich sowieso nahe zueinander legen, um die Wärme zu teilen, da reichte der Platz schon. Remus war froh, dass er nicht nur ein paar Heiltränke geschnappt hatte, sondern auch noch ein paar Umhänge, die gerade am Garderobenständer gehangen hatten. So konnten sie sich wenigstens warmhalten. Er hatte Sirius gleich am Anfang mit zweien davon zugedeckt, aber der Animagus zitterte dennoch. Vorsichtig hob Remus ihn hoch und legte ihn auf das Lager, wickelte den Umhang wieder um seinen Körper und legte sich dann daneben, um ihn warmzuhalten. Das kleine Feuer hielt die Kälte von draußen ab und so dämmerte Remus langsam weg, sich auf seine Wolfssinne verlassend, die ihn warnen würden, wenn jemand in der Nähe war. Er musste Kraft sammeln für den Vollmond, die letzten Verwandlungen waren sehr anstrengend und schmerzhaft gewesen und er war froh, dass Sirius ihm jedes Mal zur Seite gestanden und ihm die Ruhe übertragen hatte. Würde er ihm dieses Mal helfen können?

Aber er musste sich verwandeln, damit Moony ihm nicht gefährlich werden konnte. Der Zustand, in dem Sirius sich befand, machte ihm Sorgen. So geschwächt hatte er den Animagus noch nie gesehen, außer kurz nach Askaban. Wie es Harry wohl ging? Seine Briefe in den letzten Wochen hatten ihnen gezeigt, dass er sich Sorgen machte, auch wenn er es nicht so deutlich schrieb. Hoffentlich konnten Draco und Severus ihn auffangen. Würde er den kleinen Welpen wiedersehen? Konnten sie es schaffen, diese Schreckensherrschaft zu beenden und Harry damit ein normales Leben ermöglichen? Was er wohl gerade machte? Wo war er überhaupt, war es bei ihm jetzt auch Winter? Hoffentlich hatte er es warm.

 

Ohne es zu wissen dachte David in dem Moment auf der anderen Seite des Globus fast das Gleiche. Sie saßen im Wohnzimmer und beobachteten einen Schneesturm durch die breite Glasfront. Die Holz-Heizung war an und sie hatten zusätzlich den Kamin eingeheizt. Der Strom war weg, aber das kannten sie inzwischen schon, auch die Satellitenschüssel lieferte kein Fernsehbild mehr. In zwei Tagen war Weihnachten und David hatte einen kleinen Baum ins Haus gestellt und sie hatten sogar ein bisschen Schmuck dafür gekauft. Darren kannte das nur aus Hogwarts, zuhause hatte er nie Weihnachten gefeiert. Doch für David würde er alles tun und wenn er ehrlich war, dann machte ihm das Ganze sogar Spaß. Sie hatten die Vorräte vor einigen Tagen noch einmal gründlich aufgestockt und konnten nun den Schneesturm in Ruhe abwarten. An das Leben komplett ohne Magie hatten sie sich inzwischen gewöhnt, dennoch trug jeder immer seinen Zauberstab bei sich, schließlich waren sie auf der Flucht, auch wenn sie im Moment ein gemütliches Leben hatten. Sie versuchten, es so normal wie möglich zu gestalten, auch wenn das nicht immer einfach war. Vor allem, wenn David nach schlechten Nachrichten aus London wieder aus Alpträumen hochschreckte und immer Angst um seine Freunde hatte.

Auch Darren machte sich Sorgen, er hatte nur einen wahren Freund, Blaise Zabini, der als Einziger immer zu ihm gehalten hatte, aber er hatte Remus und Sirius schätzen gelernt und wünschte sich, dass sie es unbeschadet überstehen würden. David dachte an Remus, der in zwei Tagen wieder eine Verwandlung vor sich hatte. Die letzten Verwandlungen waren nicht besonders schön gewesen, doch dank Sirius hatte Remus sie gut überstanden. Doch die Todesser zogen ihre Kreise immer enger um Sirius und Remus, wer weiß wie lange sie noch sicher waren. David schauderte bei diesen Gedanken und automatisch zogen ihn Alan und Darren näher zu sich und umarmten ihn. Der Vampir kuschelte sich an seine beiden Gefährten und ließ sich streicheln und küssen. Escalada sprang auf seinen Schoß und begann zu schnurren.

Als es immer dunkler wurde, gingen die drei schließlich nacheinander ins Bad und dann ins Bett. Die nächsten Tage waren sie sicher eingeschneit. Das erste Mal, als das passierte, es war zwei Wochen her, waren sie geschockt gewesen, als sie morgens aufstanden und vor der Tür mehr als ein Meter hoch der Schnee lag. Glücklicherweise hatten sie immer genug Vorräte, um nicht zu oft unter Menschen zu müssen, damit hatten sie dann eine knappe Woche im Haus ausgeharrt. Schon im Herbst hatten sie ein Katzenklo für Escalada besorgt, diese Sorge war also wenigstens erledigt. Anfangs hatten sie Bedenken gehabt, dass sie auffallen würden, wenn sie so große Vorräte anlegten, aber es schien völlig normal zu sein, sie hatten viele gesehen, die es auch so machten, danach waren sie entspannter beim Einkaufen. Einzig das Kochen ohne Strom war etwas schwierig, doch mit Hilfe des Kamins klappte es dann doch, auch wenn sie erst ein wenig Übung brauchten um die Temperatur richtig einschätzen zu können. Eine Stunde später lagen sie in ihrem großen Bett und schmiegten sich aneinander, während draußen der Sturm weitertobte. Die beiden anderen Schlafzimmer waren zu Rückzugsorten geworden, jeder konnte sie nutzen und wenn die Tür geschlossen war, wussten die anderen beiden, dass sie nicht stören sollten. Da David nicht mehr in die Hollywoodschaukel konnte aufgrund der Kälte, nutzte er diese Möglichkeit immer wieder, um Tagebuch zu schreiben. Aber auch Darren und Alan zogen sich regelmäßig zurück, brauchten ihre Zeit für sich selber. Gerade in den Zeiten wo sie im Haus eingesperrt waren aufgrund von Stürmen. Auch der Herbst hatte es in sich gehabt, mehrere Stürme waren über sie hinweggezogen. Schäden hatten sie keine hinterlassen, aber alle drei schliefen in den ersten Nächten mit Sturm sehr schlecht.

 

 

 

An Weihnachten waren sie eingeschneit, aber der Sturm war vorbei. Die Sonne brach gegen Mittag durch die Wolken und tauchte alles in ein blendend helles Weiß. Alles glitzerte und wirkte absolut unwirklich. David fand es wunderschön, konnte sich von dem Anblick kaum losreißen. Sie hatten sich keine Geschenke gemacht, aber dafür ein besonders leckeres Essen vorbereitet. David hatte inzwischen ein paar Pfund zugelegt und man sah nicht mehr jeden einzelnen Knochen. Er wirkte auch insgesamt gesünder und erholt. Auch wenn er sich nun wieder vermehrt Sorgen machte, doch das würde sich wohl nie ändern. Das war einfach Davids Wesen. Alan beobachtete schmunzelnd, wie David freudestrahlend das Bild bestaunte, das sich ihnen auf der Südseite des Hauses bot. Ihr Häuschen stand auf einem Hügel, nach Süden hin fiel das Gelände teilweise steil ab. Soweit sie sehen konnten war überall Wald und jetzt war alles weiß und glitzerte im Sonnenlicht. Darren war immer noch im Bad, da es keine Geschenke gab hatte er keinen Sinn darin gesehen, früh aufzustehen und hatte ausgeschlafen. Lautlos, weil er wie immer in Strümpfen über den Teppich lief, trat Alan an David heran und umarmte ihn.

„Wunderschön!“, hauchte David.

„Mhm.“, bestätigte Alan, hatte aber keinen Blick für die Welt draußen.

David drehte seinen Kopf und fand sich Auge in Auge mit Alan wieder. Er versank in den schwarzen Untiefen dieser Augen und konnte sich nicht mehr losreißen. Immer näher lehnte er sich an den Älteren seiner beiden Gefährten und spürte den warmen Atem auf seiner Haut. Tief inhalierte er den Duft und fühlte sich einfach nur unendlich glücklich. Ihre Lippen trafen sich und David wurde warm. Sein Bauch kribbelte wie immer, wenn er einen seiner Gefährten küsste, und er schloss seine Augen. Es war so wunderschön, er konnte sich nichts Schöneres vorstellen.

„Ich liebe Dich!“, murmelte er leise.

„Ich liebe dich auch, David, mehr als du dir vorstellen kannst!“, antwortete Alan mit rauer Stimme.

Darren kam dazu und lehnte sich an die beiden an. Sie schlangen automatisch ihre Arme um ihn.

„Frohe Weihnachten!“, wünschte er ihnen.

„Frohe Weihnachten!“, wünschten auch Alan und David.

Darren lehnte sich nach vorne, um zuerst Alan und dann David zu küssen. Ein leises, genießerisches Stöhnen löste sich von seinen Lippen. Seine Hände gingen auf Wanderschaft, die Finger der rechten Hand wühlten sich unter Alans dunkelblaues Hemd, denn an Weihnachten konnte man kaum in Jeans und T-Shirt herumlaufen, seine linke Hand strich über Davids Rücken. Abwechselnd küsste er seine beiden Gefährten, die es sichtlich genossen. David ließ sich völlig fallen und vergaß seine Erfahrungen in diesem Moment, wissend, dass er absolut sicher war. Er genoss die Berührungen, die die beiden ihm schenkten und das Kribbeln, das diese in ihm auslösten. Als plötzlich ein metallisches Klingeln einsetzte, schrie er erschrocken auf und stolperte zurück. Er hatte völlig vergessen, dass das Essen im Kamin war. Die Küchenuhr erinnerte ihn gerade daran. Darren und Alan schafften es, ihn auf den Füßen zu halten, weil beide ihre Hände schon auf seinem Rücken hatten.

„Ruhig, David, alles in Ordnung.“, murmelte Alan.

Davids Herzschlag beruhigte sich schnell wieder und er konnte sich dem Kamin zuwenden. Doch die Stimmung war vorbei. Hätte der Alarm ihn nicht erschreckt, wäre er gerade bereit gewesen, mit den beiden einen Schritt weiter zu gehen. War er wirklich soweit? Jetzt konnte er es nicht mehr sagen, aber noch vor einer Minute hätte er diese Frage bejaht.

 

In Schottland setzte zu dieser Zeit gerade Remus´ Verwandlung ein. Sirius hatte sich wieder erholt und war in seine Animagusform gewechselt, sobald die Sonne untergegangen war. Remus schrie gequält auf, als sich sein Körper verwandelte. Tatze musste hilflos zusehen, er konnte nur da sein, ihm die Schmerzen aber nicht abnehmen. Doch heute konnten sie laufen, das würde Moony sicher gefallen. Kaum dass die Verwandlung vollendet war, verließen die beiden die Höhle und rannten ausgelassen durch den Schnee. Sie tobten wie früher durch den Wald, jagten sich gegenseitig, rauften ein bisschen spielerisch und gingen dann auf die Jagd. Beide hatten Hunger, hatten in den letzten beiden Tagen kaum etwas zu essen gefunden. Remus durfte nicht zaubern, und Sirius hatte seine Energie fast komplett für das Dämonsfeuer verbraucht und schaffte auch keine komplexen Zauber. Schnell hatte Moony ein Reh erwischt und fraß sich satt, bevor er auch Tatze einen Teil überließ. Völlig satt und zufrieden wollte Moony sich dann in den Schnee legen, doch Tatze drängte ihn immer wieder dazu, weiterzugehen. Auch wenn die Gefühle als Hund simpler gestrickt waren, so war Sirius doch klar, dass Moony nicht ewig ein Fell hatte und sie hatten sich weit von der Höhle entfernt. Remus konnte nicht nackt so eine weite Strecke durch den Wald laufen und er konnte ihn auch nicht tragen.

Aber plötzlich zuckte Moony zurück, winselte leise. Erschrocken witterte Tatze, doch er konnte nichts erkennen. Moony schien eine Gefahr zu spüren, er drängte ihn weg, nach hinten, an eine Felswand. Verzweifelt bemühte sich Sirius, mit Tatzes Sinnen zu erfassen, was Remus, oder besser Moony, da spürte, doch er konnte es nicht erkennen. Erst als der Wind drehte, erkannte er es. Wölfe, mehrere, und sie waren sehr nah. Sie wussten, dass sie hier waren. Jetzt winselte auch Tatze. Doch sie konnten nichts tun, sie waren umstellt. Langsam schoben sich zehn massige Wölfe rundherum aus dem Gebüsch. Drohend waren die Ohren angelegt und die Lefzen zurückgezogen. Sie kamen immer näher. Der größte von ihnen, er war fast komplett schwarz und überragte Moony um mindestens zwanzig Zentimeter, sah ihm in die Augen und winkte dann mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war. Sirius erschrak, der wusste genau, was er wollte, das war kein natürliches Benehmen für einen Werwolf. Er wollte, dass Moony sich ihm anschloss. Doch der stand unsicher und abwartend da. Er wollte nicht mitgehen, aber blieb ihm eine Wahl? Offenbar nicht, denn der große Wolf schickte jetzt zwei der anderen vor, die Moony in die Zange nehmen wollten. Doch der sandfarbene Wolf würde nicht einfach aufgeben, er schnappte nach dem Ersten, der ihm zu nahe kam. Aber gegen die beiden Wölfe, die genau wussten, was sie taten und ihn überragten, hatte Moony nicht viele Chancen.

Der eine, mit einem rötlichen Fell, biss sich in Moonys Flanke fest und zerrte an ihm, sodass er mitgehen musste. Er jaulte auf und versuchte, loszukommen, aber außer dass er seine Flanke damit aufriss, passierte nichts. Er musste mitgehen, vor allem, weil die anderen Wölfe ihn nun auch noch umringten und in die Richtung drängten, in die der große Wolf ihn schon vorher haben wollte. Tatze sprang hinzu, um ihm zu helfen, hatte aber einen Wolf übersehen, der ihm nun auf den Rücken sprang und ihm einen tiefen Biss nahe dem Schulterblatt verpasste. Humpelnd versuchte er, den Wölfen zu folgen, die schnell vor ihm davon liefen und ihn abhängten. Zunächst konnte er den Spuren noch gut folgen, doch ein heftiger Schneefall hatte eingesetzt und die Spuren verschwanden nach und nach, auch der Geruch wurde immer schwächer. Tatze jaulte und winselte, wenn er seine rechte Vorderpfote aufsetzen wollte. Ihm wurde schwindelig und schließlich brach er blutend zusammen. Er hatte nicht gemerkt, dass er eine Blutspur hinterließ, weil das Blut immer stärker aus seiner Schulter tropfte.

So fand ihn Stunden später ein Zentaur und der holte Hagrid dazu. Hagrid lebte auch im verbotenen Wald, denn er hatte sich geweigert, sich dem dunklen Lord zu unterwerfen und deshalb seine Stelle in Hogwarts verloren. Doch er hatte das Gefühl, dass er die Tiere nicht im Stich lassen durfte und lebte nun tief im Wald in einer Hütte. Den Hund, der da lag und kaum noch atmete, erkannte er sofort. Zu oft hatte er ihn schon gesehen.

„Na, Tatze, was ham‘se denn mit dir gemacht?“, schnaufte er, als er den verletzten Animagus vorsichtig in seine Arme hob.

Ein leises Winseln war die einzige Antwort, die er bekam.

In seiner Hütte angekommen legte er den verletzten Hund kurzerhand auf sein eigenes Bett. Vorsichtig wusch er die Wunde aus und trug ein bisschen Heilsalbe auf. Dumbledore brachte ihm immer mal wieder solche Dinge, da er öfter das eine oder andere verletzte Tier versorgen musste. Auch verletzte Ordensmitglieder hatte Dumbledore schon bei ihm versteckt. Selbst die Todesser trauten sich nicht so tief in den verbotenen Wald, zu gefährlich war er für jene, die ihn nicht kannten. Er selber lebte seit dem Beginn des neuen Schuljahres hier drin und lieferte Dumbledore von hier aus Informationen. Die Tiere und magischen Wesen im verbotenen Wald hatten ihre eigene Art, an Informationen zu kommen und – nach dem Motto eine Hand wäscht die andere – gaben ihr Wissen gerne weiter, wenn sie im Gegenzug dafür Unterstützung und Hilfe von Hagrid bekamen. So war Hagrid ständig unterwegs und hielt Kontakt zu den verschiedenen magischen und nicht-magischen Lebewesen im Wald. Sie akzeptierten ihn und würden ihm nie etwas antun, früher schon nicht, aber jetzt noch weniger, da sie so viel Hilfe von ihm bekamen. Nahe an die Schule wagten sich nur noch die wenigsten, denn immer mal wieder kam es vor, dass die Todesser, die an der Schule unterrichteten, ihre schlechte Laune an den Wesen des Waldes ausließen, da Voldemort ihnen verboten hatte, die Schüler über Gebühr zu quälen, denn er wollte sie nicht gegen sich aufbringen.

Der Widerstand um Dumbledore war schließlich immer noch aktiv und er wollte verhindern, dass dieser Zulauf bekam. Zwar war Harry Potter spurlos verschwunden, auch wenn die Todesser und Dumbledores Leute nach ihm suchten, doch die Bevölkerung hatte immer noch die Hoffnung, dass dieser eines Tages auftauchen und den dunklen Lord vernichten würde. Der Unnennbare hingegen versuchte alles, um den Jungen-der-lebt in die Hände zu bekommen, denn er wusste, wenn er den Menschen seine Leiche präsentierte, dann würde der Widerstand brechen und er wäre endlich da, wo er schon lange hinwollte.

Tatze spürte, dass er weggetragen wurde und wie seine Verletzungen versorgte wurden. Alles um ihn war irgendwie unscharf, aber nach und nach bemerkte er, dass er die Stimme kannte, die immer wieder murmelte. Hagrid. Dann war wohl auch Dumbledore nicht weit. Sirius musste sich verwandeln, damit er reden konnte, auch wenn er wusste, dass es in seinem Zustand nicht die beste Idee war. Er biss die Zähne zusammen und verwandelte sich zurück.

„He, immer langsam, du solltst dich erst verwandeln, wenn du wieder gesund bist!“, warnte Hagrid.

Wimmernd und stöhnend lag Sirius auf dem Bett. Die Schmerzen zogen und zerrten an seinem Bewusstsein, aber er musste noch etwas sagen, bevor er sich ergeben durfte.

„Wölfe. Haben Remus.“, nuschelte er noch, dann wurde es schwarz um ihn.

 

Remus wehrte sich anfangs gegen die Wölfe, doch schließlich sah er ein, dass er keine Chance hatte und ging ergeben den Kopf hängen lassend mit. Die Wölfe führten ihn aus dem Wald heraus und immer weiter. Remus kannte diese Gegend nicht. Aufmerksam sah er sich um und versuchte, eine Möglichkeit zu finden, wie er aus diesem Schlamassel wieder rauskommen könnte. Gleichzeitig dachte er an Sirius, den er verletzt zurücklassen hatte müssen. Hoffentlich fand ihn jemand, der ihm helfen konnte. Hoffentlich war er nicht zu schwer verletzt. Remus würde es sich nicht verzeihen, wenn Sirius es nicht schaffen sollte. Und Harry erst. Moony winselte, als sein Gedanke zu seinem Welpen ging. Die Wölfe rechts und links neben ihm sahen auf, als der honigblonde Werwolf so jämmerlich winselte. Hatten sie ihn doch schwerer verletzt? Doch jetzt konnten sie nichts machen. Sie hatten den Auftrag, diesen Werwolf mitzunehmen und das taten sie. Sie folgten Befehlen, das taten sie immer.

Kurz vor Sonnenaufgang erst hielten sie an. Moony sah sich um. Sie standen vor einer halb verfallenen Holzhütte. Einer nach dem anderen trotteten die Wölfe hinein, nahmen Moony dabei in ihre Mitte, damit er nicht doch noch weglaufen konnte. Gut, er würde nicht weit kommen, die Rückverwandlung würde in ein paar Minuten einsetzen und dann war er nackt und ohne Zauberstab. Als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont fielen, spürte Moony die Schmerzen, die den Beginn der Verwandlung markierten. Ein paar Minuten später saß er nackt inmitten der Hütte, um ihn herum die anderen Wölfe, zum größten Teil wieder in menschlicher Form. Der große schwarze Wolf hatte sich als Fenrir Greyback entpuppt. Eigentlich war es Moony und mit ihm auch Remus schon klar gewesen, es konnte nur der Alpha sein. Sicher würden sie ihn nun zu Voldemort bringen und der wollte dann wissen, wo Harry war. Gut, dass dieses Wissen nicht mehr in seinem Kopf war.

Greyback reichte Remus wortlos einen Stapel Kleidung. Ohne zu zögern griff er zu und zog sich an. Vor Sirius störte es ihn inzwischen nicht mehr, nackt zu sein, zu oft hatte der ihn schon so gesehen, aber vor der gesamten Meute… Der Gedanke an Sirius versetzte ihm einen Stich. Er hoffte, dass es seinem Freund gut ging. An sich selber dachte er im Moment nicht. Als Remus angezogen war, musterte ihn Greyback aufmerksam. Der Ältere sah, dass Remus erschöpft war. Er selber fühlte sich recht gut, seitdem der Lord einen neuen Tränkemeister aus Karkarows Schule hatte. Dieser hatte den Wolfsbann-Trank von Snape gestohlen, analysiert und verändert, sodass sie ihren Verstand behielten, dabei noch effektiver zuschlagen konnten. Der Trank führte auch dazu, dass die Verwandlung weniger schmerzhaft war und sie waren danach nicht so erschöpft.

„Du schläfst jetzt, und dann werden wir reden.“, bestimmte er.

Greyback hatte Anweisung vom dunklen Lord, alle allein umherziehenden Werwölfe in sein Rudel zu holen. Solange sie hinter ihm standen, hielt er seine Hand über sie, sodass sie nicht nach Askaban kamen. Nur erwischen lassen sollten sie sich nicht in Vollmondnächten, denn die Jagd auf Werwölfe war unter der magischen Bevölkerung nun zu einer Art Freizeitsport geworden. Remus nickte ergeben und legte sich in das Bett, das Greyback ihm zeigte. Er war so erschöpft, dass es ihm egal war, was mit ihm passierte. Kaum dass sein Kopf das Kissen berührte, schlief er auch schon. Die Wölfe, jetzt in menschlicher Form, gingen nach draußen und sorgten für genügend Feuerholz, Wasser und Nahrung. Sie waren hungrig, hatten es aufgrund der Sichtung von dem honigblonden Wolf nicht mehr geschafft, jagen zu gehen.

 

 

Als Remus langsam wieder wach wurde, war es später Nachmittag. Der Duft nach gebratenem Fleisch und Kartoffeln stieg ihm in die Nase. Sein Magen knurrte, obwohl er in der Nacht ein Reh geschlagen und gefressen hatte. Nach und nach kam seine Erinnerung wieder, an den Vollmond und an Sirius. Wie es seinem besten Freund wohl ging? Er war verwundet worden, hoffentlich hatte er nicht versucht, ihnen zu folgen, sondern war zurück zur Höhle gegangen, um sich zu heilen und Dumbledore zu informieren. Obwohl sich Remus im Moment nicht besonders gefährdet fühlte. Er richtete sich auf. Der Alpha saß auf einem Stuhl und beobachtete ihn. Remus setzte sich auf und blickte sich zum ersten Mal richtig um. Am Morgen war er viel zu erschöpft dafür gewesen. Die Hütte war nicht sehr groß, vielleicht zehn auf zwölf Meter. An den Wänden standen Schränke und Betten, in vielen von ihnen schliefen gerade noch einige der Wölfe. Es war alles aus Holz, der Boden, die Wände, die Decke, die Möbel. In der Mitte des Raumes standen zwei grob behauene Tische mit Stühlen und Bänken. Auch dort saßen einige Wölfe und aßen. Drei Türen gab es hier, die eine ging nach draußen, durch die war er am Morgen getrieben worden. Die beiden anderen führten dann wohl in die Küche und ins Badezimmer.

„Du bist wach. Gut. Hier, iss.“, befahl Greyback und reichte ihm einen Teller.

Das ließ sich Remus nicht zweimal sagen, sie würden ihn wohl nicht vergiften, da war er sich sicher, schließlich war es bekannt, dass er sehr eng mit Harry Potter befreundet war, und Voldemort wollte seinen Welpen. Doch Remus würde ihn nicht verraten, konnte es gar nicht. Außerdem würde er Gift riechen können. Während er aß, dachte er darüber nach, was sein Welpe wohl machte. Hauptsache, der Kleine war endlich einmal sicher. Das wollte er nicht aufs Spiel setzen, und dennoch schien es ihm, als würde Harry mal wieder der Dreh- und Angelpunkt von allem sein. Seine Instinkte schienen gerade verrückt zu spielen. Sie rieten ihm zu Offenheit. Verwirrt schüttelte Remus seinen Kopf und versuchte, wieder klar denken zu können. Der Alpha ließ ihm Zeit zu essen und zeigte ihm dann das Bad, damit er sich waschen und erleichtern konnte. Remus war froh über die Möglichkeit, sich heiß duschen zu können. Er hielt es relativ kurz, wissend, dass Greyback nicht der Geduldigste war und er hatte ihm schließlich schon klar gemacht, dass sie reden mussten. Als er fertig war schlüpfte er in die gleichen Kleidungsstücke, die er am Morgen bekommen hatte und ging wieder hinaus, setzte sich dem Alpha gegenüber und sah ihn offen an.

„Wieso bist du nicht auf unserer Seite, Remus Lupin?“, begann Greyback. „Die gesamte magische Bevölkerung ist gegen uns, sie jagen und töten uns, sperren uns nach Askaban. Du hast dich lange versteckt, bist geflohen, warst im Prinzip auch eingesperrt. Gerade du, der so viel schon mitgemacht hat, sollte frei sein können, nicht gejagt werden. Du bist doch einer der wenigen Wölfe, die sich nie etwas zu Schulden kommen ließen. Der dunkle Lord ist der Einzige, der uns Freiheit gibt! Schließ dich uns an!“

„Freiheit? Das nennt ihr Freiheit? Ja, ihr werdet nicht nach Askaban gebracht, aber seid ihr wirklich frei? Die Gesetze haben sich nicht geändert, auch wenn euer geschätzter Lord jetzt an der Macht ist. Er hätte diese Gesetze außer Kraft setzen können, aber das hat er nicht. Er könnte es unter Strafe stellen, unsere Art zu töten, aber tut er das? Die Anti-Werwolf-Gesetze waren noch nie so drastisch wie zur Zeit. Seit der Lord, wie ihr ihn nennt, an der Macht ist, hat sich dahingehend nichts verändert. Warum hat er die Gesetze nicht reformiert, er hätte die Macht dazu, er ist der Einzige, der momentan Gesetze macht. Aber hat er euch wirklich befreit, wie er es tun könnte, sodass ihr die gleichen Rechte wie beispielsweise Vampire oder Elfen habt? Nein, denn er braucht euch noch, ihr sollt weiter von seiner Gnade abhängig sein. Ihr seid eine weitere Möglichkeit, die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Ich habe das Dorf HillCrest nach dem Überfall gesehen, der angeblich auf euer Konto geht, aber ich glaube nicht daran, es roch nicht nach Wölfen, doch das konnte außer mir keiner feststellen. Sonst hat er nur seine Todesser, wenn ihr die Menschen nicht erschreckt. Aber auch denen seid ihr untergeben. Keiner von euch hat das Mal, das seine treuen Anhänger auszeichnet. Jeder, egal ob Todesser oder nicht, kann mit euch umspringen, wie er will, und da soll ich mich euch anschließen, um FREI zu sein? Ich denke nicht, dass ich das will. Das ist ganz sicher nicht meine Vorstellung von Freiheit. Da verstecke ich mich lieber weiterhin und kämpfe gegen Voldemort. Mir ist klar, dass ich gegen euch nicht viel ausrichten kann, aber ich werde mich nicht dem dunklen Lord anschließen. Niemals. Ich werde für meine Freiheit kämpfen, für wirkliche Freiheit. Dass ich am Ende wieder die Möglichkeit habe, einer wirklichen Arbeit nachzugehen. Eine Wohnung haben kann. Über mein Leben frei entscheiden kann, mir einen Gefährten oder eine Gefährtin suchen, ohne Angst haben zu müssen, dass der- oder diejenige stirbt, weil sie oder er mich liebt. Das ist mein Ziel. Dafür werde ich kämpfen, wenn es sein muss bis zum Tod. Und wenn ich gegen euch antreten muss, dann werde ich das tun, auch wenn ich dabei sterbe. Freiwillig werde ich mich euch nicht anschließen. Ich bin bereit, dich herauszufordern, auch wenn ich weiß, dass meine Chancen nicht die besten sind.“, sprach Remus ruhig, aber überzeugt.

Die Anwesenden waren ruhig geworden und hatten ihm aufmerksam zugehört. Sie schienen ihm nachdenklich. Immer wieder hatte einer auffahren wollen, zumindest am Anfang, aber es hatte jeweils nur einen Wink von Greyback gebraucht, damit derjenige sich wieder setzte und weiter zuhörte.

„Aber wer sagt uns, dass Dumbledore das ändern wird?“, wollte einer wissen.

„Ich bezweifle, dass Dumbledore daran etwas ändern kann, auch wenn der Zaubergamot wieder eingesetzt werden sollte und er seinen Sitz wieder einnimmt. Aber ich rede auch nicht von Albus Dumbledore. Ja, ich kämpfe gerade auf seiner Seite, aber eigentlich kämpfe ich für Harry. Harry Potter. Was wisst ihr über ihn?“, setzte Remus nun alles auf eine Karte.

Sein Instinkt trieb ihn dazu. Das tat er schon die ganze Zeit, Remus hatte mit seinem Bauchgefühl gehandelt, das ihn hatte sprechen lassen. Seinen Verstand schien er im Wald gelassen zu haben. Er verstand es selbst nicht, aber irgendetwas sagte ihm, dass es richtig war, wie er gerade handelte. Alle Blicke waren nun auf ihn gerichtet, nicht wirklich feindselig, eher neugierig und ein wenig verwirrt, dass er keine Angst hatte, obwohl er alleine gegen über zwanzig Wölfe stand.

„Es gibt Gerüchte. Aber das Einzige, was wir sicher wissen, ist, dass der Lord angeblich nur von ihm getötet werden kann und dass er ihn sucht, um ihn zu vernichten, denn dann erstirbt der Widerstand und seine Macht ist vollkommen. Er hat uns versprochen, dass wir dann frei sein werden.“, antwortete Greyback.

„Gut, ich werde euch nun erzählen, was wirklich los ist. Das wird eine Weile dauern, also macht es euch bequem. An den meisten Gerüchten ist einiges dran, daher hoffe ich für Euch, ihr habt einen starken Magen.“, begann Remus.

Er setzte sich etwas bequemer hin und trank erst einmal ein Glas Wasser. Das würde eine Weile dauern. Aber es schien einfach richtig zu sein. Dann erzählte er ihnen von Harrys Leben. Er begann mit der Prophezeiung, dem Tod von Harrys Eltern, wie er zu seinen Verwandten gegeben wurde. Von den Drohungen, Misshandlungen, den Vergewaltigungen, seinen Abenteuern in der Schule. Davon, dass Dumbledore es offensichtlich zugelassen, ja sogar gefördert hatte, um ihn auf den Kampf gegen Voldemort vorzubereiten. Von der Erkenntnis, dass Dumbledore Harry nur als Schachfigur sah, obwohl Harry bloß ein Teenager war. Er erzählte auch von der Flucht, soweit er es wusste, dass sie damit Harry aus der Schusslinie bringen wollten und ihm endlich ermöglichen, ein Kind zu sein, was er noch nie hatte sein können. Das Einzige, was er ausließ, war die Verbindung zwischen Harry, Draco und Severus. Als er endete, war es kurz vor Mitternacht und seine Stimme war heiser und kratzig. Wieder trank er gierig ein Glas Wasser. Die Wölfe hatten ihn nur ab und zu für klärende Fragen unterbrochen. Stille kam auf nach seinem Bericht.

„Das ist nicht gut. Aber das erklärt uns immer noch nicht, warum deine Seite die richtige sein soll.“, überlegte Greyback schließlich.

„Nein, aber ich wollte, dass ihr Harrys Geschichte, seinen Hintergrund kennt. Harry ist trotz allem ein sehr liebenswürdiger, friedlicher und harmoniebedürftiger junger Mann geworden. Er verabscheut Gewalt und würde gerne die Gesetze magische Wesen betreffend ändern. Wenn Dumbledore nicht wäre, hätte er inzwischen eine Menge Einfluss, die Menschen sehen zu ihm auf. Er kann Vieles durchsetzen, nur weil er es will. Auch wenn er kein Anführer sein will. Harrys Ziel ist es, das alle friedlich nebeneinander leben können. Natürlich muss es Gesetze geben, die das Miteinander regeln, aber diese Härte, dass jemand nur aufgrund seines Wesens weggesperrt oder gejagt wird, das will er ändern. Er ist selber ein Vampir, wurde vor etwa eineinhalb Jahren gebissen. Ich denke er weiß, wie es uns geht.“, argumentierte Remus.

„Du hast Mut. Du weißt, dass wir bisher auf Voldemorts Seite stehen, und dennoch erzählst du uns das alles. Das allein sagt mir schon, dass du die Wahrheit sprichst, dazu brauche ich meine Werwolfsinne noch nicht einmal. Auch diese sagen mir, dass du die Wahrheit gesprochen hast. Ich werde über das nachdenken, was ich von dir gehört habe. Wir führen einen Krieg, aber nicht gegen Kinder. Sie sind Welpen, stehen eigentlich auf keiner Seite. Man hat mir immer nachgesagt, dass ich auf Kinder stehe, aber so ganz richtig ist das nicht. Ja, ich habe früher mit Vorliebe Kinder gebissen, aber das ist vorbei. Ich werde nicht erklären, warum ich meine Meinung geändert habe, das ist etwas sehr Persönliches und ich werde nicht darüber reden. Nicht heute und auch sonst nicht, niemand weiß es oder wird es jemals erfahren. Ich habe einen unbrechbaren Schwur geleistet, dass ich nicht darüber reden werde. Aber glaub mir, es war etwas, das mich von Grund auf verändert hat. Nun, ich werde über alles nachdenken und dann eine Entscheidung treffen. Bis dahin betrachte dich als einen Gast, aber ich werde nicht zulassen, dass du diese Hütte verlässt. Versuch es nicht, denn ich werde auch zu harten Methoden greifen. Bisher gilt meine Loyalität dem dunklen Lord und nur ich entscheide, ob und wann sich das ändert. Du kannst dich hier in der Hütte frei bewegen, aber versuche keine Flucht.“, antwortete Greyback.

Das war mehr, als Remus sich erhoffte. Er nickte bestätigend, ging ins Bad und legte sich danach wieder hin. Ein wenig besorgt war er nun doch, dass Greyback die ganzen Informationen an Voldemort weitergeben könnte und schalt sich in Gedanken dafür, so offen gewesen zu sein, und so unvorsichtig, da er nicht einmal um Schweigen gebeten hatte. Natürlich hätte er es kaum verlangen können und sie hätten es sicher nicht versprochen, aber er hätte es wenigstens versuchen müssen. Doch so kurz nach Vollmond war es schwierig, die Wolfsinstinkte unter Kontrolle zu bekommen. Doch trotz aller Sorgen, die er hatte, schlief er schnell und friedlich ein.

 

 

 

Der Schneesturm hielt noch drei Tage an. In dieser Zeit lernten die drei Gefährten wieder verstärkt. Alan bestand darauf, den Unterricht fortzuführen und paukte mit ihnen. Zur Abwechslung spielten sie Brettspiele, die David in einem der Schlafzimmer gefunden hatte. Zusammen mit Hermine hatte er im Gryffindor-Turm in den letzten Jahren immer wieder solche Spiele herausgekramt. Die Erinnerung an seine frühere Freundin tat ihm weh, aber mit dem Abstand, den er jetzt hatte, sah er viele Dinge anders. Er bemerkte viele Kleinigkeiten, die zusammengesetzt ein neues Bild zu ergeben schienen. Hatte Hermine ihn jemals wirklich gemocht? Nach und nach fielen ihm die verschiedenen Gelegenheiten ein, wo Hermine eigentlich nachhaken hätte müssen. Sie war doch so intelligent, warum war es ihr nie aufgefallen, dass er nicht berührt werden wollte und sich jedes Mal zusammen riss, wenn sie ihn umarmte? Warum hatte sie nie bemerkt, wie schreckhaft er war? War es ihr nie in den Sinn gekommen, dass es einen Grund haben musste, dass er nie mit den anderen Jungs zum Duschen ging? All die kleinen Bemerkungen, die er immer mal wieder gemacht hatte, war es ihr nicht aufgefallen, dass da mehr dahinter steckte? Hatte sie es gesehen und doch ignoriert? Dass Ron das nicht aufgefallen sein konnte, war ihm klar, er war einfacher gestrickt und verließ sich immer auf Hermines Intelligenz.

„Hey, David, was ist los?“, fragte Darren sanft, als er David so grübelnd vorfand.

„Ich hab gerade über Hermine nachgedacht. Ich schätze, ihr beiden hattet Recht, sie war nie eine wahre Freundin. Ich war so blind.“

Darren nahm ihn in die Arme und küsste ihn sanft.

„Mach dich nicht fertig deswegen. Jeder von uns hat zwischendurch solche Freunde. Du hast eigentlich sogar Glück, dass du es herausgefunden hast, bevor sie diese Freundschaft für ihren Vorteil genutzt hat.“, tröstete Darren.

„Du auch?“, fragte David mit großen Augen.

„Kann man so sagen. Wenn es nach meinem Erzeuger gegangen wäre, hätte ich Pansy heiraten müssen. Anfangs mochte ich sie ja auch, sie war eine Freundin für mich, so wie Granger für dich. Nach und nach habe ich herausgefunden, dass ihre ganze Freundschaft und die Liebelei nur Fassade waren, sie war nur hinter dem Status des Namens Malfoy her. Ihre Familie war verarmt, wollte das aber nicht zugeben. Eine Heirat mit mir wäre die Rettung gewesen.“

„Und das stört dich nicht?“

„Doch, es hat mich schon gestört. Ich war stinkwütend, zum Teil auf sie, aber vor allem auf mich selber, weil ich es jahrelang nicht erkannt hab. Inzwischen hab ich aber gemerkt, dass ich daran nichts mehr ändern kann, ich kann nur draus lernen und den gleichen Fehler nicht noch einmal machen. Das war einer der Gründe, warum ich mich letztendlich vom Weg meiner Eltern losgesagt hab.“

„Tut es irgendwann weniger weh?“, wollte David schließlich wissen.

Darren zog ihn an sich. „Es lässt irgendwann sicher nach. Du hattest eine lange Zeit mit ihr, gib dir selber etwas Zeit. Und ich glaube nicht, dass du sie so schnell wiedersehen musst, also mach langsam. Du weißt, wir sind immer da und hören dir zu.“

„Danke Darren.“, lächelte David und kuschelte sich an seinen Gefährten.

Der hielt ihm seinen Hals hin. Inzwischen genoss Darren es sichtlich, wenn David ihn biss und dann sein Blut trank. Er reagierte nicht mehr so heftig wie anfangs, aber immer noch war es ein sehr erotischer Moment für ihn und er konnte nicht genug bekommen. David lächelte leise und folgte der stummen Aufforderung gerne.

Alan, der sich vorher eine Auszeit genommen hatte, weil ihn Kopfschmerzen plagten, sah ihnen schmunzelnd vom Türrahmen aus zu. Wer hätte das vor gut einem halben Jahr gedacht? Da hatte Darren noch panische Angst gehabt, weil David ein Vampir war. Jetzt genossen es beide, sich so nahe zu sein.

„Was haltet ihr von Abendessen?“, machte er sich dann bemerkbar.

David und Darren sprangen auf und kamen mit in die Küche, um alles herzurichten. Nach dem ersten Stromausfall hatten sie sich einen kleinen Gaskocher gekauft, der zumindest so weit reichte, dass sie Wasser heiß machen konnten für Tee und Kaffee. Das Kochen an sich erledigten sie im Kamin, Feuerholz war genug vorhanden. Neben der Garage hatten sie einen kleinen Keller gefunden, in einem Raum waren mehrere Reihen Brennholz aufgeschlichtet, in den anderen hatten sie einen Teil ihrer Vorräte gelagert. Der Rest der Vorräte war in dem kleinen, abgetrennten Raum, der an den vorderen Wohnraum angrenzte und auch die Putzsachen beherbergte. Alan kümmerte sich um den Tee, Darren übernahm das Geschirr und David schnitt Brot ab und brachte Wurst und Käse mit an den Tisch, der zwischen Küche und Wohnzimmer stand. Schnell saßen sie gemütlich beisammen im Kerzenlicht und genossen ein stilles Mahl. Der Mond war vor einer Weile aufgegangen und schien nun zum Fenster herein. In ein paar Stunden, wenn er höher stand, war es ein wundervoller Ausblick über den verschneiten Wald, aber sie zogen es vor, früh schlafen zu gehen, solange sie keinen Strom hatten.

Nach dem Abendessen räumten sie die Küche auf, sowohl David als auch Alan hatten darauf von Anfang an Wert gelegt, und gingen dann nacheinander ins Bad. Zwei Stunden später lagen sie aneinander gekuschelt in ihrem warmen Bett und waren gerade am Einschlafen, als David hochfuhr.

„Was war das?“, wisperte er.

Darren und Alan konnten das Zittern in seiner Stimme wahrnehmen, hatten aber nichts Ungewöhnliches bemerkt.

„Was meinst du, David?“, wollte Alan ruhig wissen.

„Da war etwas. Ein Geräusch von außerhalb des Hauses, aber sehr nahe. Unten am Keller. Ich hab so etwas noch nie gehört. Da, schon wieder! Es klingt, als würde jemand in den Keller wollen.“

Alan und Darren lauschten. Sie hörten nur den Wind, aber das kannten sie schon zur Genüge.

„Jetzt ist es an der Treppe. Jemand kommt nach oben!“

Obwohl er noch immer flüsterte, war Davids Stimme nun ziemlich panisch. Alan stand auf und griff nach seinem Zauberstab. Zum ersten Mal seit sie London verlassen hatten. Doch er wusste, dass David besser hörte als er selber und wenn er sagte, dass da jemand war, dann ging er auf Nummer sicher. Alan bedeutete den Jungs, zurückzubleiben, doch sie hatten beide zu viel Angst. Auch David hatte seinen Zauberstab in der Hand und blieb dicht hinter Alan, Darren neben sich, der seinen Stab zwar kritisch ansah, aber auch in der Hand hielt. Keiner von ihnen hatte den Zauberstab in der Hand gehabt, seit sie sie aus dem Auto geholt und ins Schlafzimmer gebracht hatten, auch wenn es Darren ab und zu schwergefallen war. So schlichen sie zum Durchgang ins Wohnzimmer und sahen vorsichtig zur Glastür. David legte sich die Hand vor den Mund und biss in den Daumenballen, um einen Schrei zu unterdrücken. Ein riesiger Schemen bewegte sich hinter der Glastür. Jetzt konnte sogar Alan ein Geräusch hören, es hörte sich an wie ein Schnüffeln und ein Brummen. Jetzt könnten sie das Mondlicht brauchen, aber der versteckte sich gerade hinter einer Wolke.

Erstarrt beobachteten sie, wie der Schemen sich nach vorne beugte und hin und her ging. Jetzt war er am hinteren Ende angekommen, wo die Tür verriegelt war. Alle drei Beobachter zitterten, warteten aber ab. Bevor sie etwas unternahmen, wollten sie genau wissen, was da draußen vor sich ging. Jetzt richtete der Schemen sich wieder auf. Alan registrierte, dass er hoch und breit aufragte, das waren locker 2,20m. Und er dachte immer, er sei groß mit seinen 1,95m. Langsam schob sich der Mond hinter der Wolke hervor. Seine Strahlen erleuchteten nach und nach die Veranda und kamen immer näher an ihren Besucher. Als sie ihn anstrahlten, erkannten die drei Gefährten, was sich da vor ihrer Tür befand.

„Ein Grizzly.“, murmelte Alan.

„Kann der hier rein?“, quiekte Darren.

„Nein, ich denke nicht, das ist Sicherheitsglas.“, antwortete David.

„Bist du sicher?“

„Nicht ganz. Also, es ist wirklich Sicherheitsglas, das kenn ich von einem Ausflug, den ich tatsächlich mal mit meinen Verwandten machen durfte. Aber ob es einen Grizzly abhalten kann, da bin ich mir nicht ganz sicher. Ich denke, er hat Hunger.“, überlegte David.

„Wir brauchen eine Waffe. Unten im Keller war ein Gewehr, ich hab es bisher ignoriert. Aber ich werde es morgen hier ins Haus holen und sehen, ob man es noch nutzen kann. Wenn wir uns auf Muggelart gegen solche Eindringlinge wehren können, sind wir unauffälliger.“, bestimmte Alan.

„Ich kann ihn töten, wenn es sein muss.“, erklärte David ruhig, jetzt wo er wusste, wer oder besser was da war.

„Aber es muss hoffentlich nicht sein. Wir werden vermeiden, Leben zu nehmen, wenn es geht.“, entschied Alan.

„Ist mir auch lieber.“, stimmte David zu.

„Habt ihr denn keine Angst?“, hauchte Darren.

„Darren, ich beschütze dich, du brauchst keine Angst haben!“, nahm ihn David in den Arm.

Sofort wurde Darren ruhiger. Er vertraute David und wenn dieser sagte, er würde ihn beschützen, dann war es so. Mit seinem Zauberstab hatte Darren Bedenken, wenn der Bär nach drinnen kommen sollte. Ruhig beobachteten sie den Bären weiterhin, der noch eine Weile schnüffelte und dann wieder die Treppen nach unten tapste. Dann erst wagten sie sich an die Tür und sahen ihm nach, wie er wieder im Wald verschwand.

„Hm, vielleicht sollten wir die Treppe sichern.“, sinnierte David.

„Ich denke, das dürfte helfen. Das machen wir morgen. Aber jetzt gehen wir endgültig ins Bett, es ist Mitternacht vorbei!“, sagte Alan mit einem Blick auf die Uhr.

Diesmal nahmen sie Darren in die Mitte, der immer noch ein wenig zittrig und blass wirkte, auch wenn die Blässe durchaus eine Folge des Mondlichtes sein konnte. Doch er sträubte sich nicht und es dauerte noch eine ganze Weile, bis er endlich einschlafen konnte.

 

Langsam verschwand die Dunkelheit und Sirius konnte wieder etwas hören. Zwar war er sich nicht ganz klar, was da um ihn herum los war, aber er nahm wieder etwas wahr. Er brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, wo er gerade war. Dann fiel ihm auch wieder die Begegnung mit den Werwölfen ein und dass sie Remus mitgenommen hatten.

„Remus!“, krächzte er heiser.

„Nana, Sirius, langsam.“, beschwichtigte ihn eine bekannte Stimme.

Sirius zwang seine Augen auf. Das Licht blendete ihn. Seit wann war es mitten im verbotenen Wald so hell? Wo war er hier? Das war nicht die Hütte, in die Hagrid ihn gebracht hatte. Er sah sich um, konnte aber vor lauter Helligkeit kaum etwas erkennen. Irgendjemand schien das zu bemerken und zog die Vorhänge zu. Langsam wurde seine Sicht besser. Er lag in einem Schlafzimmer und befand sich ganz sicher nicht mehr in einer Holzhütte. Aber hier war er noch nie gewesen. Ein lächelndes Gesicht schob sich in sein Blickfeld.

„Charlie?“, fragte Sirius.

„Eben der! Hier, trink, das wird dir gut tun.“, lachte der rothaarige Weasley.

Er hielt ihm einen Becher Tee an die Lippen und Sirius trank gierig. Gleich fühlte er sich deutlich besser. Die Schmerzen in seiner Schulter erinnerten ihn an den Vorfall der Nacht.

„Remus. Die Wölfe, sie haben ihn mitgenommen! Ich konnte es nicht verhindern!“, strömte es nun aus ihm heraus.

„Schon gut, Sirius, beruhig dich. Es geht ihm gut. Du hast Einiges verpasst, immerhin warst du fast eine Woche in einem Heilschlaf gelegen. Jetzt iss erstmal, dann ist Zeit für Geschichten. Aberforth hat allen Bescheid gegeben und wird dir sicher gleich was zum Essen bringen.“, beruhigte ihn Charlie.

Sirius war mehr als neugierig. Was war hier los? Remus ging es gut? Woher wusste Charlie das? Aber als das Tablett mit dem Essen kam, vergaß er erst einmal alles andere und ließ sich den Eintopf schmecken. Er war ausgehungert. Erst als er zwei Portionen verdrückt hatte, sah er fragend zu Charlie.

„Warte noch einen Moment, dann geht´s los.“, versprach der.

Charlie brachte das Tablett wieder nach unten, dann kam er zurück und brachte noch jemanden mit, so wie es sich anhörte. Neugierig sah Sirius zur Tür und als er bemerkte, wen Charlie da mitbrachte, musste er sich kneifen, er hatte das Gefühl zu träumen.

„Remus?“, hauchte er.

„Merlin sei Dank geht´s dir wieder besser!“, freute sich der Honigblonde und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante.

„Du hast mir echt einen Schrecken eingejagt, als ich hierher kam und dich so gesehen hab.“

„Aber die Wölfe? Was ist passiert? Geht´s dir gut?“, staunte Sirius.

„Schon gut, Tatze, ich erzähl ja schon. Also, sie haben mich mitgenommen, wir sind stundenlang gelaufen, bis wir zu einer Hütte kamen. Dort haben wir uns zurückverwandelt. Der schwarze, große Wolf war Greyback. Das hatte ich schon fast vermutet, auch wenn ich ihn bisher nicht kannte. Nicht als Wolf jedenfalls, wenn man meine Kindheitserinnerungen außen vor lässt, die sehr ungenau sind. Er hat mir Kleidung gegeben und mich erst einmal schlafen geschickt. Am Nachmittag haben wir uns dann unterhalten. Die Wölfe wollen eigentlich nur ihre Freiheit, sie sind unter Voldemorts Herrschaft, weil er seine Hand über sie hält, damit sie nicht nach Askaban kommen. Aber die Jagd verhindert er auch nicht. Sie wollten mich überzeugen, mich ihnen anzuschließen, damit ich frei bin, aber ich habe ihnen meine Version erzählt. Auch von Harry habe ich ihnen erzählt. Ich habe ihnen meine Sicht von Freiheit dargestellt und ihnen glaubhaft erklärt, dass Harry auch meine Sichtweise teilt. Außerdem waren sie entsetzt, dass ihnen verschiedene Angriffe in die Schuhe geschoben werden, sie haben dieses Dorf damals nicht vernichtet, auch wenn die Spuren das behaupteten, waren nicht einmal in der Nähe. Sie haben mir wirklich aufmerksam zugehört und wollten darüber nachdenken. Ja, ich war gefangen, aber sie haben mich eigentlich ganz gut behandelt, ich durfte mich in der Hütte frei bewegen, aber nicht nach draußen. Zwei Tage haben sie nachgedacht, dann haben sie ihre Entscheidung getroffen. Sie sind auf Harrys Seite. Sie werden mit uns kämpfen. Greyback hat die meisten geschickt, sich zu verstecken, ich hab mit Kingsley Kontakt aufgenommen und er hat sich ihrer angenommen. Sie werden mit uns kämpfen und sind jetzt erst einmal in einem geschützten Haus in Frankreich, mit einem Wald in der Nähe, wo sie sich an Vollmond verwandeln können. Greyback selber wird mit einigen seiner besten Leute weiterhin bei Voldemort sein, aber er ist dennoch auf unserer Seite, er will uns mit Informationen versorgen und wenn möglich Voldemort Steine in den Weg legen, aber nur, solange er es unerkannt tun kann. Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, brachte er mich zurück in den Wald zu der Höhle, ich habe von dort aus versucht, dich zu finden. Zum Glück traf ich auf einen der Zentauren, der mir sagte, dass Hagrid dich gefunden hatte, er brachte mich auch zu der Hütte, doch die war leer. Erst am nächsten Tag kam Hagrid wieder und wäre beinah in Ohnmacht gefallen, als er mich in seinem Bett vorfand. Er erzählte mir, dass er dich zu Aberforth gebracht hatte, damit dir besser geholfen werden kann und in der folgenden Nacht kam auch ich hierher. Das ist jetzt drei Tage her. Du hattest wahnsinniges Glück. Die Wölfe wollten dich nicht so schwer verletzen, aber du Idiot musstest dich ja zurückverwandeln, das war echt die schlechteste Idee in deinem ganzen Leben! Das hätte dich beinah umgebracht. Mach das ja nie wieder!“, berichtete Remus.

Vorsichtig nahm er Sirius in den Arm. Der hatte noch nicht ganz begriffen, was Remus ihm gerade gesagt hatte, aber so langsam machte es klick in seinem Kopf.

„Die Wölfe sind auf unserer Seite?“, vergewisserte er sich.

Remus nickte strahlend. „Ja. Und jetzt ruh dich aus. Du brauchst noch eine Weile, bis du wieder auf dem Damm bist.“

Bestimmend drückte er seinen Freund zurück ins Bett und deckte ihn zu. Erschöpft schloss Sirius die Augen und ließ sich treiben. Er war froh, dass es Remus gut ging und mit den Wölfen auf ihrer Seite sah die Sache doch schon ein bisschen besser als vorher aus. Nicht wirklich gut, aber ein bisschen besser. Mit diesen Gedanken schlief er ein.

 

Als Sirius wieder wach wurde, er wusste nicht, ob er Stunden oder Tage geschlafen hatte, saß Remus immer noch an seinem Bett. Der Animagus fühlte sich wesentlich besser, ausgeruhter und auch die Schulter und der Rücken fühlten sich viel besser an.

„Na, ausgeschlafen?“, grinste Remus ihn an.

„Wie lange hab ich geschlafen?“, krächzte Sirius.

Remus gab ihm erst einmal einen Becher mit lauwarmen Tee. Sirius schluckte dankbar und blieb dann abwartend im Bett sitzen.

„Fast zwei Tage, seitdem du das letzte Mal wach warst. Aber keine Sorge, du hast nichts Wichtiges verpasst. Bisher jedenfalls nicht.“, antwortete der Werwolf.

„Was ist los?“, fragte Sirius alarmiert.

„Der Unnennbare will wohl demnächst Hogsmeade überfallen, weil er Gerüchte hörte, dass ein Teil des Phönixordens hier ist. Aber wir haben vor, ihm eine Falle zu stellen und die Schlange dabei zu töten. Dumbledore hat, nachdem er die letzten Wochen damit verbrachte, die geflohenen Schüler und ihre Eltern zu schützen, lange an dem Plan gebastelt und dass die Wölfe nun auf unserer Seite stehen, hat ihm dabei sehr geholfen. Aber wir müssen vorher noch was erledigen, wir brauchen das Schwert und das Basiliskengift.“, grinste Remus.

„Und wir Rumtreiber sind wohl als geeignet angesehen, das Zeug zu holen?“, schmunzelte Sirius.

„Du hast es erfasst, Tatze. Wir kennen uns besser im Schloss aus als Dumbledore selber und wir haben Harrys Karte. Er hat sie dir doch überlassen, oder?“

„Dir kann man aber auch nichts verheimlichen. Wer kommt noch mit?“, wollte Sirius wissen.

„Wir beide, Tonks, Bill und Augusta.“, antwortete Remus.

„Augusta?“

„Ja, sie war immerhin eine der Top-Aurorinnen und hat immer noch einiges auf dem Kasten. Sie kann uns helfen.“, kam es von Bill, der zur Tür reinkam.

„Okay. Wann gehen wir?“, fragte Sirius komplett verdattert.

„Morgen Nacht. Heute Nacht ist Silvester, da wird sicher jeder, der im Schloss geblieben ist, wach sein. Dafür werden sie morgen Nacht umso tiefer schlafen. So sieht es jedenfalls Albus.“, antwortete Bill wieder.

„Die meisten Schüler sind in den Ferien nicht im Schloss und die Lehrer feiern Silvester erfahrungsgemäß recht ausgelassen. Zumindest war es bisher so und ich hoffe, es bleibt dabei. Dann ist es in der folgenden Nacht sehr ruhig. Da sind dann meist auch die Geister weniger aktiv, habe ich die Erfahrung. Und die meisten Portraits ebenfalls. Dies ist bisher immer die ruhigste Nacht des Jahres gewesen. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, das ist vielleicht die Beste, die wir bekommen. Ich hätte die Chance letzten Sommer nutzen sollen, als wir noch ins Schloss kamen, aber ab September war die Schule eigentlich ein Kampfschauplatz. Viele der Schüler waren nicht mehr da, fast nur noch diejenigen, die auf der Seite Voldemorts standen und stehen und einige wenige, deren Eltern es sich nicht leisten konnten, zu fliehen. Ich habe immer wieder versucht, die Schilde zu stärken, aber die Gefahr drohte leider auch von Innen. Einige der Slytherins haben es geschafft, einen Weg zu finden, Todesser in die Schule zu holen, ich vermute mit dem Verschwindekabinett, das irgendwo da sein soll. Sie haben abgewartet, bis Minerva und ich nicht in der Schule waren, weil wir eine Ordensmission leiteten und dann zugeschlagen. Minerva und ich kamen nicht mehr durch die Schilde, als wir zurückkamen. Fawkes kann auch nicht mehr rein und Hagrid ist daraufhin ebenfalls geflohen, ebenso die meisten anderen Lehrer, die die Schüler, die sie erwischten, mitgenommen haben. Manche von ihnen sind jetzt bei ihren Eltern, aber die meisten haben wir geschützt untergebracht. Auch Poppy ist aus der Schule weg, sie hat dich behandelt, Sirius, als Hagrid dich gebracht hat. Aber jetzt müssen wir das Gift holen, ohne das haben wir nicht die Möglichkeit, die Schlange zu vernichten.“, meldete sich nun Albus Dumbledore zu Wort.

„Gut, wir werden das schaffen. Aber jetzt hätte ich nichts gegen etwas zum Essen einzuwenden.“, bekannte Sirius, dem der Magen vernehmlich knurrte.

Remus, Augusta und Bill lachten, Albus schmunzelte.

„Ich werde sehen, dass ich dir etwas besorge!“, versprach Augusta und verließ den Raum.

„Ich würde gerne deine Schulter noch einmal ansehen.“, bat Poppy, die nun auch in das Zimmer trat.

„Wer ist denn noch alles hier?“, fragte nun ein irritierter Sirius.

„Hm, mal sehen. Wir beide, Albus, Bill, Augusta, Poppy, Aberforth sind immer hier. Minerva, Hestia, Tonks, Moody und Hagrid kommen regelmäßig vorbei. Kingsley, Dädalus, Fred, George und die restlichen Weasleys nicht ganz so oft, aber wir haben Kontakt. Übrigens, auch Ron ist inzwischen auf unserer Seite, er hat feststellen müssen, dass er ein Idiot war und kein guter Freund für Harry.“, klärte Remus auf.

„Feststellen müssen?“, hakte Sirius nach.

„Die Zwillinge hatten es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem Bruder Verstand einzubläuen.“, erläuterte Remus grinsend.

Bevor Sirius noch etwas erwidern konnte, kam Augusta mit einem Tablett, auf dem ein Teller mit Eintopf stand, dazu ein Korb Brot und etwas Obstsalat.

„Hier, die Auswahl ist nicht besonders groß, aber es ist sättigend. Guten Appetit.“, wünschte Augusta.

Sirius ließ es sich schmecken und wurde dann dazu überredet, wieder zu schlafen, denn er brauchte seine ganze Energie und Kraft, wenn sie am anderen Tag, oder besser in der Nacht, in Hogwarts eindringen wollten.

 

Am nächsten Abend gingen sie die Strategie noch einmal durch. Sie planten, durch den Honigtopf nach Hogwarts zu kommen. Der Süßwarenladen stand leer, seit der Besitzer verschwunden war. Man munkelte, er hätte die Flucht ergriffen und sei nun auf dem Festland. Aber genau wusste es keiner. Jedenfalls war das der unauffälligste Weg nach Hogwarts hinein. Und den kannten nur die Rumtreiber, die Zwillinge und Harry. Die einzige Gefahr war in diesem Fall Pettigrew, denn der kannte den Weg auch, aber er war immer in der Nähe des Unnennbaren und laut Severus, das hatte er vor seiner Flucht einmal gesagt, blieb er bei Überfällen meist zurück und sicherte das Hauptquartier. Vom Ende des Tunnels würden sie ein Stück durch einen normalen Korridor gehen müssen, bevor sie dann einen Geheimgang nutzen konnten, der direkt in die Kerker führte und nicht weit von Severus´ Bürotür entfernt mündete. Severus hatte ihnen sein Passwort gegeben und Bill würde als Fluchbrecher dabei sein, falls es geändert worden sein sollte oder zusätzlich versiegelt.

In Severus´ Wohnung mussten sie dann die geheime kleine Kammer öffnen und das Gift herausnehmen. Das war der einfachere Teil, das Schwert Gryffindors zu entwenden, das war schon deutlich schwieriger, doch Dumbledore hoffte, dass sie mit Remus´ Hilfe Dobby für sich gewinnen könnten. Der kleine Hauself liebte Harry und war bestimmt froh, etwas tun zu können, dass es vielleicht bald wieder sicherer in Großbritannien war, sodass Harry vielleicht eines Tages zurückkehren konnte. Dobby könnte mit einem von ihnen ins Direktorenbüro apparieren und dort das Schwert holen. Doch Dobby konnte nach dem derzeitigen Schutzstandard nicht einfach aus dem Schloss heraus, das war nur ganz wenigen Hauselfen möglich, damit sie einkaufen konnten. Als er an Harry dachte, hatte Sirius Tränen in den Augen. Was der Kleine wohl gerade machte? Sicher würde er sich Sorgen machen, weil er so lange nichts von ihnen gehört hatte. Sirius nahm sich vor, sobald er die Gelegenheit hatte, zu einem seiner Halbblut-Bekannten zu gehen und von dort aus eine E-Mail an Harry zu schreiben. Wahrscheinlich war der Junge inzwischen schon halb wahnsinnig vor Angst, es war schon eine Weile her, seit sie aus dem Grimmauldplatz fliehen mussten und sonst hatten sie sich spätestens jeden dritten Tag gemeldet. Aber auch Harry hatte ab und zu Schwierigkeiten zu schreiben, irgendwas schien mit der Stromleitung immer mal wieder nicht zu stimmen. Doch jetzt musste er sich erst einmal auf den Auftrag konzentrieren. Wenn etwas schief ging, dann hatten sie eine Klippe an der Küste bestimmt, an der sie sich treffen würden, dort hatten sie eine gute Übersicht und keiner der Todesser oder Auroren, denn die waren inzwischen auch fast völlig in Voldemorts Händen, würde dort nach ihnen suchen. Ansonsten trafen sie sich wieder hier bei Aberforth im Eberkopf. Natürlich nicht im normalen Schankraum, sondern oben in seinen Wohnräumen. Dort waren sie auch jetzt und das war die momentane Basis des Widerstandes.

Schließlich war es dunkel genug, dass sie loslegen konnten. Sie trugen alle schwarze Umhänge mit Kapuzen, sodass sie nicht gleich erkannt wurden, außerdem legte Dumbledore noch Desillusionierungszauber auf sie, damit sie nicht gesehen wurden. Hören konnte man sie allerdings immer noch und wenn jemand einen ‚Finite incantatem‘ sprach, dann war der Zauber zu Ende. Also mussten sie sehr vorsichtig sein. Sie schlichen aus dem Pub und machten sich auf den Weg zum Honigtopf. Der Schnee war aufgrund der Feierlichkeiten der letzten Tage festgetrampelt und es hatte auch nicht wieder geschneit, also würde keiner ihre Fußstapfen sehen. Vorm Honigtopf angekommen fassten sie sich an den Händen und Bill apparierte sie hinein. Er schaffte es, zu apparieren, ohne dass es zu dem charakteristischem Knallen kam, nur ein leises ‚Plopp‘ war zu hören. Drinnen blieben sie nicht lange stehen, Sirius und Remus gingen voran und zeigten den anderen beiden den Weg. Leise und schnell liefen sie den Gang entlang, bis es aufwärts ging. Da wurden sie ein wenig langsamer, vor allem weil sie sich nun Hogwarts näherten. Remus, der einen neuen, nicht registrierten, Zauberstab von Bill bekommen hatte, der ihn einem Todesser im Kampf in der Winkelgasse abgenommen hatte, aktivierte kurz vor dem Ende des Ganges die Karte der Rumtreiber und sah nach, ob die Luft rein war.

„Keiner in unmittelbarer Nähe und auch niemand, der nur annähernd in die Richtung geht. Unser Weg ist momentan frei!“, wisperte er nach einem Blick.

Sirius, dem Remus seinen Zauberstab wiedergegeben hatte, als er aus der Höhle kam, öffnete den Buckel der Hexe und sie schlichen sich zu viert hintereinander hinaus, bevor Remus den Buckel wieder verschloss. Damit sie sich nicht verlieren konnten, hatten sie sich an den Händen gefasst. Sirius führte sie zielstrebig in Richtung des Geheimganges, während Remus die Karte im Auge behielt. Ungesehen kamen sie zu dem Wandteppich, der den Eingang zu dem Geheimgang darstellte und schlüpften schnell hindurch. Dann erst atmeten sie ein wenig auf. Sie liefen die Treppen hinunter und standen nur wenige Minuten später vor Severus´ Bürotür.

„Grüner Drache.“, sagte Bill zu dem Türwächter.

Einen Moment passierte nichts, dann ging die Tür lautlos auf. Vierfaches erleichtertes Aufatmen war zu hören. Schnell passierten alle das Portrait, das sich hinter ihnen wieder schloss. Sirius, der schon hier gewesen war, zeigte ihnen, wo das Schlafzimmer war und sie folgten dem Flur bis zu Wand. Dort bückte sich Bill und begann mit dem Murmeln der Zauber, die Severus ihnen gesagt hatte. Es dauerte nicht lange, da öffnete sich der Spalt in der Wand und Bill konnte die drei Phiolen mit dem Basiliskengift, die Severus hier versteckt hatte, an sich nehmen. Er nahm eine, Sirius und Remus ebenso.

„Das ging zu leicht.“, wisperte Sirius.

„Ich kann keinen Hinterhalt erkennen, und auch auf der Karte tut sich nichts Ungewöhnliches.“, widersprach Remus.

„Auch ich denke, wir sollten weiterhin mit Allem rechnen.“, gab Augusta zu bedenken.

„Wir sollten sehen, dass wir fertig werden!“, mahnte Bill.

„Du hast Recht. Dobby!“, sagte Remus.

Es ploppte leise und der Hauself mit der interessanten Kleiderwahl tauchte auf. Wie immer trug er zwei verschiedenfarbige Socken, einen roten und einen grünen, ein altes, aber sauberes, blaues T-Shirt, das Remus von Harry kannte und einen Teewärmer als Hut.

„Master Lupin Sir hat Dobby gerufen. Wie geht es Harry Potter Sir?“, piepste Dobby.

„Du kannst mich sehen, Dobby?“, fragte Remus verwirrt.

„Ja, Master Lupin, Sir, Hauselfen können diesen Zauber durchschauen, wenn sie gerufen werden. Aber Dobby wollte auch wissen, wie es Master Harry Potter Sir geht.“

„Ich weiß es nicht genau, Dobby, ich habe seit vor Weihnachten nichts von ihm gehört, da wir auch unser einziges Mittel, mit dem wir ihn erreichen konnten, zerstören mussten, damit es den Todessern nicht in die Hände fällt. Aber beim letzten Kontakt ging es ihm gut. Jetzt brauchen wir deine Hilfe, damit wir es schaffen, dieses Land wieder sicher zu machen, dass Harry zurückkommen kann.“, berichtete Remus.

„Dobby, es ist schön, dass du dich für Harry interessierst, aber wir haben nicht viel Zeit. Wir brauchen das Schwert von Gryffindor. Kannst du mich in das Büro des Direktors bringen und mir helfen, das Schwert zu entwenden?“, fragte Bill geradeheraus.

„Dobby kann euch hinbringen, Master Weasley Sir, aber er kann euch nicht helfen, Schuleigentum zu entwenden. Doch Dobby wird einfach nicht hinsehen, wenn Master Weasley es nehmen wird. Dobby wird seine Arbeit machen und putzen, damit er nichts sieht. Dobby ist ein guter Hauself!“, verkündete Dobby stolz.

„Gut, das wird ausreichen. Dann los.“, drängte Bill.

Dobby nahm seine Hand und verschwand mit ihm. Unruhig verließen die anderen Severus´ Räume und schlichen zurück zum Geheimgang. Hinter der Hexe versteckt im Geheimgang wollten sie auf Bill warten. Er würde sich von Dobby direkt vor die Statue der Hexe bringen lassen, hatten sie ausgemacht. Nun begann für die drei die Wartezeit. Sie waren unruhig, weil alles so leicht gegangen war.

 

Bill indessen war mit Dobby im Büro des Direktors aufgetaucht und Dobby war sofort wieder verschwunden. Sich einmal um seine eigene Achse drehend versuchte Bill sich zu orientieren. Dumbledore hatte ihm verraten, wo er hin greifen musste, um das Schwert aus seiner Vitrine nehmen zu können. Rechts neben der Vitrine war ein Bücherregal, im dritten Fach von unten neben einem Muggelmärchenbuch stand ein Buchständer, den musste er erst genau nach hinten bis an die Wand schieben, dann nach rechts drehen, damit das Schloss an der Vitrine aufsprang. Als es klickte, sprang Bill erschrocken hoch und sah, dass die Vitrine tatsächlich offen war. Schnell griff er nach dem Schwert und verkleinerte es so, dass er es in seinen Umhang stecken konnte. Dank des Desillusionierungszaubers konnten die portraitierten ehemaligen Schulleiter nicht erkennen, wer das Schwert an sich nahm, aber sie sahen sehr wohl, dass jemand genau wusste, wo er hin greifen musste. Dennoch blieben sie still. Das irritierte Bill und er rief nach Dobby, um sich zu den anderen bringen zu lassen. Wortlos apparierte Dobby ihn zu der Statue, die sich sofort wie von Geisterhand öffnete.

„Schnell, Malfoy kommt gleich hier vorbei. Verschwinde Dobby. Gut gemacht!“, wisperte Remus und zog Bill in den Geheimgang hinein.

Kaum hatten sie den Buckel der Statue wieder verschlossen, konnten sie die Stimme des neuen Zaubereiministers hören. Remus verstand ein paar Worte, da er kurz nach Vollmond noch deutlich besser als die anderen hören konnte, aber es war zu wenig, um daraus Informationen zu bekommen, da Malfoy schnell vorüberging. Leise eilten sie den Gang zurück und standen eine halbe Stunde später wieder im Honigtopf. Von dort aus apparierten sie nacheinander in Aberforths Wohnung zurück. Sie hatten es geschafft, das Schwert und das Gift waren in ihrer Hand! Erleichtert nahm Albus den Desillusionierungszauber von ihnen und sie legten das Schwert auf den Tisch, die Phiolen stellten sie daneben.

„Malfoy ist im Schloss.“, berichtete Sirius nun und deutete auf die Karte, die Remus immer noch in der Hand hatte.

Sie beobachteten, wie Malfoy im Direktorenbüro mit dem derzeitigen Direktor, Rodolphus Lestrange, war. Sie schienen sich zu unterhalten, da sie neben dem Kamin waren und sich nicht bewegten. Leider konnte die Karte nicht zum Abhören genutzt werden. Jedenfalls konnten sie von Glück sagen, dass Bill rechtzeitig aus dem Büro gekommen war.

„Nun, das ist zwar interessant, aber dieses Rätsel werden wir heute nicht mehr lösen können. Doch ich habe von Greyback eine Nachricht erhalten, dass Riddle plant, Hogsmeade anzugreifen, so wie wir es geplant haben. Er will in zwei Tagen hierher kommen, weil Greyback ihm gesagt hat, dass er hörte, wie Hagrid und ich von einer Versammlung gesprochen haben und ich mich beklagt habe, dass wir so wenige Zauberer haben, die vernünftige Schutzzauber sprechen können. Er wird annehmen, dass wir ein leichtes Ziel bieten. Wir werden sehen, dass wir ihn und seine Todesser stellen und soweit möglich Gefangene machen. Wenn es irgendwie möglich ist, werden wir die Schlange töten. Sie ist das letzte Hindernis, wenn sie vernichtet ist, dann ist auch Riddle wieder sterblich.“, bestimmte Dumbledore.

„Ich werde die Schlange vernichten. Für Harry.“, entschied Sirius in einem abschließendem Ton.

 

 

 

 

 

 

 

Nahe der kanadischen Grenze war der Schneesturm vorbei und pünktlich zu Silvester war der Strom dann auch wieder da. Davids erste Tat war es, den Computer einzuschalten und nach einer Nachricht von Sirius zu schauen. Er war enttäuscht und vor allem ziemlich panisch, als sein E-Mail-Eingang leer war. Darren und Alan hatten sich dem Fernseher zugewandt, in der Hoffnung, neue Nachrichten zu bekommen, da sie etwas über eine Woche komplett von der Außenwelt abgeschnitten gewesen waren. Sie waren so darauf konzentriert, dass sie nicht mitbekamen, dass David mit Tränen in den Augen den Computer ausschaltete, nachdem er Sirius eine kurze Nachricht zukommen hatte lassen, und dann in eines der kleineren Schlafzimmer lief und sich auf dem Bett zusammenrollte. Panik hatte Besitz von David ergriffen. Er konnte nichts dagegen tun. In seinem Kopf spielte sich ein Schreckensszenario nach dem anderen ab, eines schlimmer als das andere, jedes endete damit, dass Remus und Sirius tot waren, oder in Gefangenschaft und gefoltert wurden. David rollte sich zusammen und steckte sich die Hand in den Mund, um nicht zu schreien bei den Bildern, die ihn überfielen. Stumme Tränen der Hilflosigkeit und der Angst rannen ihm in Strömen über die Wangen.

So fanden ihn etwa eine halbe Stunde später Alan und Darren. Entsetzt sahen sie sich kurz an, liefen dann mit schnellen Schritten zu David und nahmen ihn in die Arme. Beruhigend streichelten sie ihn und murmelten ihm leise Worte zu. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich David so weit beruhigte, dass sie mit ihm wieder reden konnten.

„Was ist passiert?“, wollte Alan schließlich wissen.

„Sirius. Ihm muss was passiert sein, sonst hätte er bestimmt geschrieben.“, schniefte David.

Alan starrte ihn an. Seine Augen zogen sich zusammen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Das hier machte ihn ziemlich wütend.

„Harry James Potter-Snape! Wie kannst du es wagen! Wir hatten ausgemacht, dass du zu uns kommst und nicht mehr alles mit dir alleine ausmachst. Und wenn es dir schlecht geht, dann hast du nichts Besseres zu tun, als vor uns davon zu laufen und dich selber zu verletzen? Du …“, tobte er, völlig vergessend, dass sie doch ihre falschen Namen benutzten.

„Das… das hört sich gut an.“, unterbrach ihn David leise.

Überrascht hielt der Tränkemeister inne. Mit Vielem hatte er gerechnet, aber diese Antwort machte ihn sprachlos. Er hatte keine Ahnung, was David damit sagen wollte. Verständnislos starrte er ihn an.

„Was?“, fragte auch Darren, der es ebenfalls nicht verstand.

„Harry James Potter-Snape. Das gefällt mir.“, hauchte David.

„…“, machte Alan.

Darren grinste schelmisch. So sprachlos hatte er Alan noch nie erlebt. Aber auch ihm gefiel es. David gehörte zu ihnen, egal ob es offiziell war oder nicht.

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass du schon wieder alles mit dir alleine ausmachen willst, obwohl du dich nicht mehr so zurückziehen sollst.“, schnarrte Alan nun, als er sich wieder im Griff hatte. „Und jetzt komm her und rede mit uns.“, bestimmte er dann noch.

David kuschelte sich in die Arme seiner Gefährten und begann leise zu reden. Über die Ängste, die ihn aufzufressen drohten, weil er nichts von Sirius hörte, aber auch weil sie nun schon monatelang kaum eine Auskunft über seine Freunde erhalten hatten oder nicht wussten, was in Hogwarts oder in Britannien los war. Der Damm war nun gebrochen und David redete weiter, über die Misshandlungen und die Vergewaltigungen, über die Verwandlung in einen Vampir, über seine Freunde, und wie es ihn zerrissen hatte, dass er einerseits wollte, dass sie Bescheid wussten und ihm halfen, sich aber andererseits dagegen sträubte, ihnen auch nur das kleinste bisschen zu erzählen.

Der junge Gryffindor redete sich an diesem Nachmittag alles von der Seele. Darren und Alan hielten ihn fest und gaben ihm Kraft. Sie ließen ihn reden, unterbrachen ihn nicht. Als er fertig war, hatte sich David heiser geredet, aber er fühlte sich so gut wie noch nie. Fest kuschelte er sich an seine Gefährten.

„Danke.“, krächzte er.

„Dafür nicht, Kleiner. Das gehört zu einer Partnerschaft dazu.“, antwortete Alan leise.

„David, du kannst immer mit uns reden, und wenn du willst, auch nur mit einem. Wir verstehen, dass du dir Sorgen machst, auch wir machen uns Gedanken, auch wenn man es uns vielleicht nicht ansieht, aber bedenke, dass wir lange Zeit Masken tragen mussten, schon vor Jahren gelernt haben unsere Gefühle nicht zu zeigen, Alan noch mehr wie ich. Also glaube nicht, dass wir es einfach so hinnehmen, auch wenn es so aussieht.“, fügte Darren an.

„Deshalb haben wir Nachrichten angeschaut, damit wir vielleicht ein wenig Informationen bekommen und uns den Rest zusammenreimen können. Die Muggelnachrichten zu interpretieren ist nicht immer ganz einfach, aber wir wissen zumindest so viel, dass Blacks Haus wohl nicht mehr steht. In den Nachrichten brachten sie einen Bericht, dass es wohl eine defekte Gasleitung gewesen sein muss, die an Weihnachten die Explosion dort ausgelöst hat. Wir haben das Haus erkannt, es war eindeutig Blacks Haus. Aber sie haben bisher keine Leichen gefunden. Wir hoffen nun, dass Black und Lupin gewarnt wurden und das Haus rechtzeitig verlassen haben. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass sich die Todesser offen gegen Muggel wenden, auch wenn es die Nachrichten natürlich nicht so genau verkünden, aber die Anzeichen sprechen dafür. Meine Theorie ist, dass Riddle immer noch hinter uns her ist. Ich denke nicht, dass er Sirius oder Remus töten hat lassen, er will herausfinden, wo wir sind und wird sie daher wohl lieber lebend haben wollen. Ob das besser ist, kann ich nicht sagen. Aber sie können uns nicht verraten. Wir werden hier in Deckung bleiben, bis die Gefahr vorüber ist, das habe ich deinem Paten versprochen. Er will dich in Sicherheit wissen, du sollst nicht als Waffe verwendet werden.“, sprach Alan beschwörend auf David ein.

„Er wird sich bei dir melden, sobald er kann.“, versuchte ihn Darren zu beruhigen.

Aber alles half nichts, Davids Angst steigerte sich immer weiter. Erst als Alan darauf bestand, dass er Blut trank, wurde es ein kleines bisschen besser. Obwohl es erst kurz vor sechs Uhr abends war, legten sie sich nach einem kurzen Imbiss ins Bett, in der Hoffnung, dass David ein wenig zur Ruhe kam. Sie streichelten und küssten ihn und David saugte die Zärtlichkeiten gierig in sich auf. Nie hätte er geglaubt, wie schön es sein konnte, diese Berührungen zu spüren. Seine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Berührungen schmerzhaft waren. Immer. Lange hatte er nicht verstanden, warum andere Kinder sich gerne berühren und umarmen ließen. Auch wenn sein Verstand ihm nach und nach gesagt hatte, dass es wohl etwas Schönes und Angenehmes sein musste, er hatte immer daran gezweifelt. Alan hatte es ihm nach und nach beigebracht, dass es nicht schlimm war, berührt zu werden. Der Tränkemeister hatte ihn anfangs nie ohne sein Einverständnis berührt und irgendwann war David bereit gewesen, diese Berührung immer zuzulassen. Bei Darren war er dann schon offener gewesen.

Und jetzt lag er hier in ihrem gemütlichen King-Size-Bett und wusste nicht wohin mit seinen Gefühlen. Die beiden strichen ihm zärtlich mit den Fingerkuppen über den Oberkörper, die Arme, die Beine. Immer wieder malten sie kleine Kreise auf seine Haut mit ihren Fingern. David lag mit geschlossenen Augen da und atmete schneller. Die Berührungen lösten ein Kribbeln aus, das sich nach und nach in seinem ganzen Körper ausbreitete. David liefen immer wieder wohlige Schauder über den Rücken. Er war völlig entspannt und genoss einfach nur. Es war, als hätte sich etwas in ihm gelöst. Anfangs hatte er nicht gewusst, wie er seine Ängste vor den beiden in Worte fassen sollte, doch als er angefangen hatte zu erzählen, wie es ihm ging, weil er so lange nichts von seinem Paten gehört hatte, konnte er nicht mehr aufhören. David hatte wie unter Zwang immer weiter gesprochen, wissend, dass er nun endlich alles loswerden konnte. Seine aktuellen Ängste aber auch seine früheren Erfahrungen und die Gefühle, die er dabei gehabt hatte.

Zum ersten Mal überhaupt hatte er auch über seine Selbstmordversuche gesprochen. Nach der ersten Vergewaltigung hatte er noch versucht, es irgendwie zu verdrängen, aber schon bald war das nicht mehr möglich gewesen und er hatte mehrmals versucht, sich selbst zu töten. Doch jeder dieser Versuche war zum Scheitern verurteilt, als gäbe es einen Zauber, der eben dies verhinderte. Wahrscheinlich war das sogar der Fall gewesen, David durfte ja nicht sterben, da er noch den Unnennbaren töten musste. Bei dem erneuten Gedanken daran schauderte David und begann zu zittern. Sofort zogen Alan und Darren ihre Hände zurück, das Zittern fehlinterpretierend.

„Nicht aufhören.“, bat David leise.

„Was ist los, Kleiner?“, fragte Alan sanft.

„Haltet mich fest.“, schluchzte David.

Er spürte, wie beide näher an ihn rutschten und ihn in ihre Arme nahmen. Er brauchte eine ganze Zeit, um sich wieder so weit zu fassen, dass er in der Lage war zu reden.

„Ich… Es ist alles wieder da. Manches hatte ich schon vergessen gehabt. Aber jetzt ist es wieder so deutlich. Die Erinnerungen sind manchmal so echt.“, versuchte David zu erklären.

„Ich weiß.“, kam es leise von Alan und ein Blick in dessen schwarze Augen überzeugte David davon, dass er es tatsächlich wusste.

Sanft strich er dem Tränkemeister über die Wange.

„Hast du darüber geredet?“

„Ja, mit deiner Mom. Sie war die Einzige, bei der ich es konnte.“, gestand Alan leise.

Auch Alan war nun in seinen Erinnerungen gefangen. Seit David angefangen hatte, darüber zu reden, kamen seine Erinnerungen auch immer wieder an die Oberfläche, obwohl er geglaubt hatte, dass es vorbei war. Er schüttelte sich, um in die Gegenwart zurückzufinden und sah zwei Augenpaare fragend auf ihm ruhen.

„Mein Vater. Er hat getrunken. Und wenn er betrunken war, hat er meine Mutter und mich verprügelt. Es war ihm egal, was er benutzte, Hauptsache, er konnte sich abreagieren. Die ersten Male hat Mom versucht, es zu verhindern, aber irgendwann hatte sie nicht mehr die Kraft dazu. Er hatte ihr verboten, ihre Magie zu nutzen, sie hat sich immer daran gehalten, ich weiß nicht warum. Sie starb, weil sie mich zu beschützen versuchte.“, hauchte Alan.

Er unterbrach sich, erschlagen von der Heftigkeit seiner eigenen Erinnerungen, aber er spürte, er musste es nun alles loswerden. So lange hatte er all das tief in sich verborgen, aber jetzt, wo er einmal angefangen hatte, konnte er es nicht mehr stoppen. Es sprudelte nun aus ihm heraus, diese eine Erinnerung, die er verloren glaubte.

„Ich war sechs, es war Sommer und ich spielte vor der Haustür. Mein Vater war in die Arbeit gegangen und würde erst gegen Abend wiederkommen. Mom war in der Küche, wenn mein Vater heim kam, musste das Essen fertig sein. Doch an diesem Tag kam er viel früher, und er war so betrunken wie noch nie. Später habe ich erfahren, dass er aus der Fabrik, in der er arbeitete, an diesem Morgen entlassen worden war, weil er betrunken zur Arbeit kam. Er war nicht einmal mehr in das Gebäude gelassen worden. Die nächsten Stunden hatte er in einer Kneipe verbracht und sich total betrunken. Er kam nach Hause und trat mich in den Bauch, als ich nicht gleich aus dem Weg war. Seine darauffolgende Ohrfeige schickte mich zu Boden. Ich muss wohl geschrien haben, denn plötzlich war Mom da und hat ihn angebrüllt, er solle mich in Ruhe lassen, ich sei immerhin sein Sohn. Was er dann zurückschrie, werde ich nie vergessen: ‚Ich glaube nicht, dass er mein Sohn ist, du Hure! Du vergnügst dich doch mit jedem, der dir zu nahe kommt, sobald ich mich umdrehe. Du Schlampe machst für alle die Beine breit, und jetzt bin ich dran. Aber vorher sorge ich dafür, dass der Junge uns nicht stört!‘ Er fing an, mich zu verprügeln. Ich schrie vor Schmerzen, ich empfand es als genauso schlimm wie später einen Cruciatus. Mom sprang vor und versuchte, ihn von mir wegzuziehen, da schlug er auf sie ein, bis sie zu Boden ging. Selbst als sie bewusstlos auf dem Boden lag, hörte er nicht auf, sie zu treten, bis sie sich nicht mehr rührte. Dann hat er mich gepackt und ins Haus gezerrt, in mein Zimmer geworfen. Ich schlug wohl mit dem Kopf gegen das Bett, jedenfalls wurde erstmal alles schwarz um mich und als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und Mom war weg. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, was passiert war, mein Vater redete mir ein, dass Mom abgehauen sei und uns zurückgelassen hätte. Von da an bezog ich Prügel für alles, was schief gelaufen ist. Kurz danach zogen wir um nach Spinners End und ich lernte deine Mom kennen, David. Sie hat alles etwas erträglicher gemacht für mich. Sie war da und hat mich immer wieder aufgebaut.“

Nun zitterte auch Alan am ganzen Körper und war blass geworden. David warf einen Blick auf seine rechte Seite, wo Darren lag und der verstand sofort. Er stand auf und ging um das Bett herum, dann nahmen die beiden Jüngeren den Älteren in ihre Mitte. Alan hatte den Kopf an Davids Schulter vergraben und versuchte, seine Fassung zurückzuerlangen. Doch es war ein gescheitertes Unterfangen von dem Moment an, wo er es versuchte. Die Dämme waren gebrochen und die Erinnerungen, schmerzhaft und grausam, überfluteten ihn. Er biss sich auf die Lippe, dennoch konnte er ein Schluchzen nicht unterdrücken. Es war nicht nur seine eigene Erinnerung, sondern auch der Schmerz, den er für David empfand, für das, was der junge Gryffindor erleiden hatte müssen, aber auch die Scham, dass er es nicht eher erkannt hatte, nicht hatte sehen wollen. Wahrscheinlich auch noch die ganze Anspannung, die seit Juli auf ihm lastete, die Flucht hatte ihm mehr zugesetzt, als er jemals zugegeben hätte. Nun brach seine Fassade in sich zusammen und er konnte nicht mehr. Und er wollte sich auch nicht mehr wehren. Jahre der Anspannung und Sorge brachen nun aus ihm heraus und sein Weinen befreite ihn nach und nach. David und Darren ließen ihm die Zeit, hielten ihn nur im Arm und zeigten ihm, dass sie da waren, drängten ihn aber nicht zu etwas. Alan war froh darüber, erleichtert, sich nicht mehr verstellen zu müssen. Irgendwann glitt er in einen erholsamen Schlaf, die beiden neben ihm taten es ihm schließlich gleich. Es war ein heilender Schlaf, für Alan und auch für David.

Der Einzige, der in dieser Nacht kaum ein Auge zumachte, war Darren. Er war aufgewühlt über das, was er in den letzten Stunden erfahren hatte. Immer wieder schreckte er aus seinen Träumen hoch und lag mit rasendem Herzen neben Alan. Er hatte nie das Ausmaß erkannt, mit dem David belastet gewesen war und von seinem Paten und jetzigen Mann hatte er überhaupt keine Ahnung gehabt. Dieses Ausmaß erschütterte ihn und kratzte auch an seinen eigenen Barrieren. Lange hatte er sich geweigert, über seine eigene Kindheit und Jugend nachzudenken, jetzt kam es auch in ihm hoch. Er wusste, auch er würde noch darüber reden müssen, aber konnte er das seinen Gefährten nach dieser Nacht zumuten? Aber die Erinnerungen waren auch in ihm aufgewühlt, bei all dem, was er gehört hatte. Er kannte Alan schon sein ganzes Leben, aber was er gerade erfahren hatte, war ein Schock gewesen. Nie hatte Alan auch nur eine Andeutung gemacht, dass so etwas passiert war. Obwohl, es schien, als hätte er sich an das Schlimmste erst jetzt wieder erinnert. Langsam schlief auch Darren ein, während er immer noch grübelte. Ein Alptraum ließ ihn nur kurze Zeit später schreiend hochschrecken. Alan und David wurden ebenfalls wach ob der Panik, die in Darrens Schreien lag. Schnell war David aufgestanden und zu ihm geeilt. Nun lag Darren in der Mitte und wurde beruhigt.

„Rede darüber, Drache. Was ist los?“, fragte Alan sanft.

„Ihr wisst, was mein Vater mit mir gemacht hat, wenn ich als Kind mich nicht an die Regeln hielt. Mit der Zeit habe ich gelernt, das zu tun, was Vater von mir verlangte und es wurde weniger häufig, dass er mich bestrafte. Dann, nach dem trimagischen Turnier, wollte er, dass ich mich dem Lord anschließe. Ich sollte für die Ideale kämpfen, doch ich wollte es nicht. Es kam mir falsch vor. Dann kam dieser eine Abend. Du warst nicht da, Alan, weil der Lord irgendwelche Tränke von dir wollte und wohl auch noch ein Ordenstreffen angesetzt war. Es war im Sommer, am 23. Juli. Ich werde das nie vergessen. Wir sollten dieses Dorf überfallen, ich weiß nicht einmal, wie es hieß. Es war ein Muggeldorf und es waren kaum Männer vorhanden. Der Lord hatte den Todessern versprochen, sie könnten Spaß haben. Sie fielen über die Frauen und die Kinder her. Ich glaube nicht, dass ich euch sagen muss, was sie unter ‚Spaß‘ verstanden. Vater wollte mich zwingen, dass ich auch mitmache, egal ob foltern oder vergewaltigen. Ich konnte es nicht. Ich sah die Augen, panisch, schmerzerfüllt, manche bettelten um Gnade, andere hofften, dass sie einfach nur sterben konnten. Aber der Wunsch wurde den wenigsten erfüllt. Ich habe mich so geschämt, dass ich nichts tun konnte. Irgendwann verließen wir dann das Dorf und ließen die Toten zurück. Am Ende starben sie alle, keiner leicht. Mein Vater, mein eigener Vater berichtete dem Lord von meinem Versagen. Er hatte die ‚Ehre‘ mich danach bestrafen zu dürfen. Mein Vater hat mich an diesem Tag gefoltert, so wie er vorher die Dorfbewohner gefoltert hatte. Am Ende ließ er mich liegen, vor den Füßen des dunklen Lords und zwang mich, ihm die Roben zu küssen. Als alle weg waren, warf er mich in mein Zimmer und verschloss die Tür mit den Worten: ‚Ich werde mich nachher um dich kümmern, noch einmal wirst du nicht versagen!‘ Ich weiß nicht, wie lange ich verletzt auf dem Boden lag, ich war immer wieder ohnmächtig geworden. Irgendwann kam dann Sally, meine Nanny-Elfe. Sie half mir, gegen den Willen meines Vaters, und heilte mich, so gut sie konnte. Mein Vater kam rein, als sie noch einen Zauber wirkte und tötete sie auf der Stelle. Dann funkelte er mich an und verschloss die Türe wieder. Ich wusste, die kommende Strafe würde alles in den Schatten stellen, was bisher dagewesen war. Verzweifelt rief ich nach Dobby. Ich wusste, er muss nicht mehr gehorchen, aber er hat wohl die Dringlichkeit gehört und reagierte. Er kam und hat mich zu dir gebracht, Sev. Deshalb bin ich dir nicht mehr von der Seite gewichen, deshalb auch die Panik an dem ersten Abend, als wir eingesperrt waren. Ich mag es nicht, in kleinen Räumen mit geschlossener Tür zu sein. Im Bad kann ich es noch irgendwie überwinden, aber das Gefühl, eingesperrt zu sein, ruft absolute Panik bei mir hervor.“

Darren hatte leise und stockend gesprochen, doch die beiden hatten ihn nicht unterbrochen. Diese Nacht diente für sie der Seelenreinigung, wie es schien. Auch jetzt, als Darren geendet hatte, schwiegen sie. Alan und David fanden keine Worte für Darren. Es war fürchterlich, was geschehen war, aber es war nicht Darrens Schuld. Er war gerade mal etwas über fünfzehn gewesen zu dem Zeitpunkt. Schweigend hielten sie ihn im Arm und gaben ihm Kraft. Aneinander geschmiegt fielen sie schließlich wieder in den Schlaf, diesmal viel ruhiger, als die Sonne langsam aufging. Jetzt konnten sie anfangen, zu heilen.

 

 

 

 

 

Es war ruhig und friedlich in Hogsmeade. Zu ruhig. Das Dorf war wie ausgestorben. Auch wenn inzwischen viele der Bewohner das Dorf verlassen hatten um anderswo neu anzufangen, normalerweise war es um diese Zeit nicht ganz so still. Es war nun kurz vor Mitternacht, da gingen meist die letzten Besucher aus dem Eberkopf oder den Drei Besen nach Hause. Doch nicht heute, denn Dumbledore hatte sie alle gewarnt, dass der dunkle Lord angreifen würde. Die Leute vom Phönixorden waren alle in Position, rund um den Dorfplatz verteilt und gut versteckt. Sirius und Remus steckten im Honigtopf und beobachteten, was draußen vor sich ging. Sie hatten Mitleid mit den Kämpfern, die im Freien ausharrten, es schneite schon den ganzen Tag. Seit zwei Stunden waren sie alle auf der Lauer, damit ihre Spuren nicht gesehen wurden, wenn die Todesser auftauchten. Voldemort würde sicher erst als Letzter auftauchen, aber laut Greyback wollte er selber kommen. Und seine Schlange hatte er inzwischen immer bei sich.

Plötzlich knurrte Remus leise. Sirius legte ihm die Hand auf den Arm, um ihn zu warnen. Unter keinen Umständen durften sie sich verraten, sie mussten warten, bis Voldemort selbst anwesend war. Sie hatten einen guten Blick, ohne gesehen werden zu können, wie sie hinter dem Tresen des ehemaligen Süßigkeitenladens saßen. Alle hatten sich so hell wie möglich angezogen, denn in dem heftigen Schneetreiben waren sie so schlechter zu erkennen. Sie hatten lange debattiert, ob sie nun mehr Wert darauf legen sollten, sich zu tarnen oder sich erkennbar machen, damit sie nicht mit Todessern verwechselt würden.

„Wir alle nutzen Zauber um zu schocken, zu entwaffnen oder zu fesseln. Sollte also einer von uns versehentlich einen unserer eigenen Mitstreiter erwischen, so lässt sich der Fehler leicht beheben. Also ist die Tarnung doch wichtiger.“, hatte Moody in seiner rauen, harten Art bestimmt.

Nun waren sie alle weiß oder cremefarben gekleidet. Sirius grinste immer wieder, wenn sein Blick auf den komplett weiß gekleideten Remus fiel, der sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Er hatte ihn, bevor sie losgezogen waren, aufgezogen damit, dass er nun nur noch einen Priester bräuchte, denn er sah aus, als wolle er heiraten. Doch Remus hatte ihn, ziemlich hinterhältig grinsend, darauf hingewiesen, dass er selber genauso aussah, da hatte Sirius lieber geschwiegen.

Wieder knurrte Remus leise und deutete dann mit der Hand nach draußen. Dunkle Gestalten erschienen jeweils mit einem leisen ‚Plopp‘ vor dem Schaufenster. Nach und nach wurden es immer mehr, erst nach einigen Minuten stoppte die Invasion. Mindestens fünfzig maskierte und schwarzgekleidete Gestalten verteilten sich im Dorf und wahrscheinlich auch um das Dorf herum, so jedenfalls hatte es Dumbledore vorausgesagt. Sirius und Remus warteten auf das Zeichen, doch noch war Voldemort nicht zu sehen. Dann brach auf einmal die Hölle los. In dem Moment, als Voldemort auftauchte, zündeten Fred und George ihr selbsterfundenes Feuerwerk. An allen Ecken und Enden des Dorfes krachte, zischte und rauchte es gleichzeitig, immer wieder schossen leuchtende Raketen und Feuerräder dicht an den Todessern vorbei und steckten so manchen Umhang in Brand. Rote und grüne Strahlen zischten zwischen den schwarzen und den verborgenen weißen Gestalten hin und her. Die roten Strahlen, die auf die Todesser zurasten, hatten schon mehrere der Maskierten kampfunfähig gemacht.

Sirius und Remus gingen zum Hinterausgang und schalteten drei Todesser aus, die sie komplett überraschten. Schnell waren sie gefesselt und mit einem Zauber belegt, der ihnen das Apparieren unmöglich machte. Dann schlichen sie nach vorne und sahen sich um. Voldemort war immer noch gut geschützt, also mussten sie sich zu ihm durchkämpfen. Die anderen Mitglieder des Phönixordens wussten, dass die beiden die Schlange töten wollten, die immer in Voldemorts Nähe war und konzentrierten daher zum Teil ihre Angriffe auf die Todesser, die Voldemort schützten. Von der dem Honigtopf gegenüberliegenden Seite drang nun auch Dumbledore in Richtung Voldemort vor. Langsam gerieten die Beschützer des Lords in Bedrängnis. Von allen Seiten angegriffen und offenbar nicht unerwartet waren sie der Verteidigung nicht gewachsen, aber sie kämpften verbissen, schickten einen Todesfluch nach dem anderen zu den weißgekleideten Zauberern.

‚Verdammt, das ist unsere einzige Chance, wir müssen sie irgendwie nutzen.‘, dachte Sirius verzweifelt, als er bemerkte, dass er einfach nicht an die Schlange herankommen konnte. Plötzlich ahnte er hinter sich eine Bewegung und wurde im selben Moment von Remus auf den Boden geschleudert. Ein Fluch raste nur Millimeter an ihm vorbei und schlug in den Boden ein. Remus stand noch auf den Beinen und zog nun auch Sirius wieder hoch. Sie stellten sich Rücken an Rücken, um sich gegenseitig Deckung zu geben, waren nun aber in die Defensive gedrängt worden. Umrundet von Todessern, die unermüdlich Flüche auf sie abfeuerten, mussten sie ihre Schildzauber verstärken und konnten nicht mehr angreifen.

„Wieso keine Todesflüche?“, knurrte Remus.

„Sie wollen uns lebend, um Harry zu erwischen, vermute ich.“, antwortete Sirius keuchend.

„Niemals!“, schnappte Remus.

Sirius hatte nicht mehr die Möglichkeit zu antworten, er war zu sehr damit beschäftigt, die Flüche abzuwehren. Langsam ließ die Kraft nach. Immer noch standen zehn Todesser um sie herum und ließen ihnen keinen Moment Ruhe. Plötzlich tauchten neue rote Strahlen auf und drei der Todesser stürzten getroffen zu Boden. Sofort schaltete Sirius wieder auf Angriff um und bevor die Todesser noch registrierten, was los war, sanken drei weitere zu Boden. Sirius nutzte die Lücke, die sich ihm bot und zog das Schwert, während er auf die Schlange zulief, die in dem Moment ungeschützt war. Mit einem raschen Hieb trennte er ihr den Kopf ab und stach noch einmal zu. Dicker, schwarzer Nebel stieg auf und umhüllte ihn. In dem Moment, als der Nebel sich lichtete, spürte Sirius eine Berührung und das ihm bekannte Ziehen hinter dem Bauchnabel. Jemand hatte nach ihm gegriffen und einen Portschlüssel aktiviert. Als er ankam, wurde ihm der Zauberstab aus der Hand gerissen und ihn traf ein ‚Stupor‘. Dunkelheit umfing ihn, bevor er noch wusste, wo er war.

Auch Remus war überrascht worden, als ihre Angreifer plötzlich ausgeschaltet wurden, reagierte aber ebenso rasch auf die Unterbrechung und ließ seinen Schildzauber sich auflösen, als er zum Angriff überging. Er wusste, dass Sirius sich um die Schlange kümmern würde. Jäh unterbrach er seinen Angriff, als der Animagus plötzlich in dem schwarzen Nebel verschwand. Sirius! War ihm etwas passiert? Er konnte ja nicht ahnen, dass der schwarze Nebel beim Zerstören von Horkruxen normal war. Wieder einmal hatte Dumbledore sein Wissen nicht geteilt und es hatte Folgen.

Neville, Luna, Ginny, Ron und die Patil-Zwillinge hatten es nicht ausgehalten. Sie wussten von dem Angriff, hätten dem aber eigentlich fernbleiben sollen. Keiner von ihnen ging noch nach Hogwarts, seit die Schule unter der Führung von Voldemort war. Geleitet wurde sie von Rodolphus Lestrange, seine Frau Bellatrix war eine der unterrichtenden Lehrkräfte. Auch die anderen Lehrer waren ausnahmslos Todesser, Flitwick war untergetaucht und half dem Orden aus dem Hintergrund, Poppy, Madam Hooch, Professor Sprout und einige andere ehemalige Professoren waren aktive Mitglieder im Orden. Prinzipiell herrschte nun Schulpflicht, aber viele der Schüler wurden inzwischen von ihren Eltern entweder versteckt oder ins Ausland geschickt. Hermine ging wohl jetzt nach Beauxbatons, ebenso wie viele andere Gryffindors und Ravenclaws. Zumindest sagten das die Gerüchte, die umherschwirrten, Ginny, Ron und Neville hatten seit dem Ende des Schuljahres nichts mehr von ihr gehört. Die Schüler, die dem Orden nahe standen, wurden in verschiedenen Häusern, die allesamt mit dem Fidelius geschützt waren, versteckt. Mehrere Ordensmitglieder kümmerten sich um sie. Doch die sechs Freunde waren den anderen gefolgt und mischten nun kräftig mit. Ron vor allem wollte seinen Verrat an Harry wieder gutmachen. Er kämpfte verbissen gegen die Todesser und schaltete einen nach dem anderen aus, doch auch er konnte nicht verhindern, dass Sirius verschwand. Der Weasley-Spross sah gerade, wie zwei Todesser von verschiedenen Seiten auf Remus eindrangen. Verzweifelt wehrte sich der Werwolf, aber sobald ihn der hinter ihm anschleichende Todesser berührte, verschwanden auch diese beiden.

Das stachelte die Jugendlichen erst Recht an und sie warfen mit Zaubern so um sich, schalteten fast mit jedem Spruch einen Todesser aus. Die eigenen kleinen Verletzungen nahmen sie gar nicht wahr. Nach einigen Minuten war es dann vorbei, die einzigen Todesser, die noch da waren, lagen bewusstlos oder gefesselt auf dem Boden.

„Was glaubt ihr eigentlich, was ihr hier macht?“, donnerte Moody, als er die Jugendlichen sah.

„Das ist jetzt erstmal nicht so wichtig, schaffen wir sie weg!“, entschied Kingsley ruhig.

Tonks, die dazu getreten war, Kingsley und Moody schnappten sie je zwei der Jugendlichen und apparierten, ohne auf deren Protest zu achten, in eines der geschützten Hauser. Stolpernd kamen sie an und sofort begann Moody erneut mit seiner Strafpredigt.

„Sie haben Remus und Sirius!“, unterbrach ihn Ron.

„Nein!“, rief Tonks und wurde blass.

Sie musste sich setzen, da ihre Beine drohten, den Dienst zu versagen. Das konnte, nein das durfte nicht sein.  

„Tonks! Tonks! Hey, nicht schlapp machen. Durchatmen. Ja, so ist es gut. Komm wieder runter, beruhig dich. So hilfst du ihnen nicht. Wir holen sie da raus, aber erstmal müssen wir sehen, dass wir die Gefangenen gut verstauen. Ich brauche deine Hilfe dabei, Tonks.“, beschwor Kingsley die junge Aurorin.

So aufgewühlt wie jetzt hatte er sie noch nie gesehen. Ihre Haare wechselten die Farbe im Sekundentakt. Sirius war Familie für sie, das schien ihr sehr nahe zu gehen. Dennoch brauchte er nun ihre ruhige und besonnene Art dringend, um die Jugendlichen zu beruhigen und dann die Gefangenen sicher zu verwahren. Tonks schüttelte energisch den Kopf und atmete tief durch. Dann fokussierte sich ihr Blick wieder auf Kingsley.

„Dann los.“, antwortete sie fest.

Gemeinsam schafften sie es, die sechs ehemaligen Schüler zu beruhigen und sicher zu gehen, dass sie das Haus nicht noch einmal verließen. Erst als den Jugendlichen klar wurde, dass sie im Fall ihres Verschwindens die Hälfte der Ordensmitglieder von ihrer Suche nach Sirius und Remus abhalten würden, da sie dann auch nach ihnen suchen müssten, versprachen sie, im Haus zu bleiben. Dennoch wollten sie etwas tun, um zu helfen. Kingsley versprach, dass er sich etwas einfallen lassen würde, wie sie helfen konnten. Doch erst einmal mussten die gefangenen Todesser von Hogsmeade verschwinden, bevor Voldemort wiederkam. Sie apparierten zurück in das Dorf und trafen auf Dumbledore und Augusta, die gerade besprachen, wer welche Gefangenen wohin transportierte. Sie waren sich einig gewesen, dass es sinnvoll sie, die Todesser, derer sie habhaft wurden, nicht alle an einem Ort gefangen zu halten, damit im Falle eines gezielten Überfalles nicht alle Todesser wieder frei kamen.

Dumbledore sah auf, als Kingsley, Tonks und Moody vor ihm aus dem Nichts auftauchten. Sie trugen immer noch ihre helle Kleidung und waren nur durch ihre Bewegung erkennbar. Sobald sie still standen verschmolzen sie geradezu mit der Umgebung.

„Die Kinder sind im Haus und werden dort bleiben.“, berichtete Kingsley knapp.

„Gut, gut. Dann lasst uns die Todesser wegbringen. Wir haben vierundzwanzig geschnappt und die warten nun darauf, hier wegzukommen. Wir sind zu fünft, jeder nimmt sich fünf, Tonks, du nimmst vier. Kingsley, du bringst sie zum Fuchsbau, der Keller dort hat noch Platz. Alastor, die Berghütte. Augusta, dein Keller. Ich gehe in die Höhle und Tonks, du gehst nach Spinners End. Noch Fragen?“, ordnete Dumbledore an.

„Die Schlange ist tot, aber sie haben Black und Lupin geschnappt.“, berichtete Moody ruhig.

Nichts ließ erkennen, welcher Sturm in seinem Innern tobte. Nicht nur, dass sie zwei ihrer besten Kämpfer verloren hatten, nein, er mochte die beiden sehr und wusste, was ihnen nun bevorstand. Dumbledore und Augusta Longbottom starrten Alastor Moody entsetzt an. Ausgerechnet diese beiden! Das durfte nicht sein. Voldemort würde sie foltern und zwingen, alles zu verraten, was sie über Harry und seine Flucht wussten. Er musste dringend mit Greyback Kontakt aufnehmen und herausfinden, wo der Unnennbare die beiden gefangen hielt. Sie mussten sie befreien, so schnell wie möglich.

 

Remus spürte das Ziehen und wusste, er war gefangen. Auch er wurde so schnell entwaffnet, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, dass er keine Chance hatte, sich zu wehren. Ebenso schnell war er gelähmt und gefesselt und wurde in ein Kellerverlies gestoßen. Da er nahe an den Gitterstäben vorbeischwebte, konnte er das Prickeln spüren, das sie auslösten. Silber. Unsanft wurde er auf den Boden gelegt und dann schloss sich das Gitter hinter ihm. In diesem Moment fiel der Erstarrungszauber von ihm ab und auch die Seile verschwanden. Remus richtete sich mühsam auf, bei dem Kampf schien eine seiner Rippen gebrochen zu sein. Er wollte sich umsehen, doch das Licht erlosch und ließ ihn in absoluter Dunkelheit zurück. Orientierungslos blieb er ein paar Minuten sitzen, bis seine Ohren wahrnahmen, dass noch jemand atmete. Die Atmung rasselte ungleichmäßig. Zu Tode erschrocken überlegte Remus, was er nun damit anfangen sollte. Er war offenbar nicht allein, doch wer war hier mit ihm? Freund oder Feind? Er hatte niemanden gesehen, aber sein Sichtfeld war eingeschränkt gewesen, als sie ihn in die Zelle warfen. Aber alles Grübeln half ihm nichts, daher beschloss er nach einigen weiteren Minuten, seine Umgebung mit den Sinnen zu untersuchen, die ihm geblieben waren. Vorsichtig tastete er sich vorwärts, lauschte in die Dunkelheit und erspürte seine Umgebung.

Auf allen vieren kroch er vorwärts, bis er das Prickeln wieder spürte. Er war offenbar in der Nähe des Gitters angelangt. Am Gitter entlang kroch er weiter und stieß nach wenigen Metern mit dem Kopf gegen eine massive Wand aus Fels. Zischend atmete er ein, als er den kurzen Schmerz verspürte. Er musste vorsichtiger sein. Mit der rechten Hand tastete er sich vorsichtig an der Wand entlang, die linke vor sich hingestreckt. Er hatte sich nun doch auf die Füße gestellt und ging die äußere Begrenzung der Zelle ab. Drei Seiten bestanden aus dem massiven Felsen, gegen den sein Kopf vorher geprallt war, die vordere Seite wurde durch die silbernen Stäbe gesichert. Ob auch noch andere Zauber darauf waren, konnte Remus nicht feststellen. Der Felsen war leicht feucht und moosig, aber so glatt, dass er nicht einmal versuchen musste, ob er nach oben klettern konnte. Selbst wenn er das schaffen würde, er ging davon aus, dass Voldemort – denn dass dieser derjenige war, der hinter der Entführung steckte, da war sich Remus absolut sicher – ihnen keinen Fluchtweg gelassen hatte. Weiterhin ging Remus davon aus, dass auch Sirius irgendwo hier unten war, vielleicht war es seine Atmung, die er immer noch hörte. Dennoch hatte er ein wenig Angst davor, den zweiten Körper in seiner Zelle zu berühren. Denn dass das Atmen aus seiner eigenen Zelle kam, das wusste Remus inzwischen, denn bei dem Rundgang hatte er das Atmen in der Mitte der Zelle lokalisiert. Doch er musste jetzt sichergehen. Vorsichtig ging er wieder nach unten und krabbelte auf allen Vieren zu dem Körper. Sachte tastete er danach und zuckte dennoch zurück, als er ihn das erste Mal berührte. Auch die Atemgeräusche stockten einen Moment. Wer auch immer da lag, war wach, wurde Remus plötzlich klar. Wieder tastete er nach dem Körper. Er spürte einen Arm und dann eine Schulter. Ein Wimmern ließ ihn innehalten.

„Tatze?“, fragte er leise.

„Moony?“, kam es hoffnungsvoll zurück.

„Ich bin hier. Bist du verletzt?“, wollte Remus wissen.

„Mein Arm ist gebrochen und ich denke, mein Kopf platzt gleich. Mehr weiß ich nicht.“, stöhnte Sirius leise.

„Halte durch. Sie haben gesehen, dass wir entführt wurden. Sie werden uns hier rausholen.“, beruhigte ihn Remus.

„Fragt sich nur wann und in welchem Zustand.“, wisperte Sirius.

„Gib jetzt nicht auf, Tatze. Wir werden das durchstehen, wir werden kämpfen. Und wenn wir eine Chance haben, dann werden wir diesen Möchte-Gern-Lord töten. Hast du mich verstanden? Tatze, du wirst für Harry kämpfen.“, beschwor ihn Remus.

„Für Harry.“, nuschelte Sirius.

Remus zog seinen Umhang aus und legte ihn auf den Boden. Dann zog er Sirius vorsichtig darauf, damit er nicht auf dem kalten Boden liegen musste und hielt ihn im Arm. Das Zittern, das verriet, wie sehr Sirius fror, ließ ein wenig nach und er zog seinen eigenen Umhang ein wenig herum, dass Remus mit darunter schlüpfen konnte. Dann dämmerte er weg, die Schmerzen durch die Bewegung übermannten ihn. Das Letzte, was er mitbekam war, dass Remus ihn dicht an sich zog, damit sie sich gegenseitig wärmen konnten.

 

 

 

 

 

Die drei Gefährten verschliefen fast den ganzen folgenden Tag, aber als sie langsam wach wurden, fühlten sie sich alle drei wesentlich besser als die letzten Monate oder gar Jahre. Als wäre eine Last von ihren Schultern genommen. Darren stand als Erster auf und ging mit steifen Beinen ins Bad. Erst die heiße Dusche entspannte seine Muskeln, die vom langen Liegen steif waren. Er genoss das Wasser, das seinen Körper umspülte und wusch sich dann die Haare. Er müsste sie in den nächsten Tagen wieder färben, damit es nicht auffiel, wenn sie das nächste Mal in die Stadt fuhren. Seit sie angekommen waren achtete er sorgsam darauf, dass der Ansatz regelmäßig nachgefärbt wurde, damit seine blonde Haarfarbe nicht zu sehen war. In Gedanken versunken trocknete er sich nach dem Duschen ab und stieg aus der Wanne. Er rubbelte die Haare mit dem Handtuch trocken und griff nach dem Kamm, bevor er den Fön einschaltete. Ein leises Lächeln schlich sich in sein Gesicht, als er sich erinnerte, wie er am ersten Morgen in diesem Haus überlegt hatte, wie er denn nun seine Haare in den Griff bekommen sollte. Auf der Flucht waren sie alle gezwungen gewesen, sich in Flüssen oder öffentlichen Toiletten zu waschen und hatten dort auch die Haare gewaschen, aber von wirklichen Frisuren konnte man da nicht sprechen. Außer vielleicht bei Alan, dessen Haare so kurz waren, dass es nicht auffiel, dass er sie nicht einmal kämmte.

Doch da stand er am ersten Morgen vor dem Spiegel, die Haare gekämmt aber wie bekam er sie nun trocken? David hatte ihm schließlich den Fön gezeigt, der dort neben dem Waschbecken gehangen hatte. Darren hatte ihn fragend angesehen und dann den Fön in die Hand genommen, doch nichts war passiert. Bis David den Stecker in die Steckdose gesteckt hatte und ihm plötzlich heiße Luft entgegen kam und ein Lärm, bei dem er sein eigenes Wort kaum noch verstand. Erschrocken hatte er den Fön fallen gelassen und dabei noch Glück gehabt, dass er nicht kaputt gegangen war. David hatte erst gelacht und ihm dann in aller Ruhe gezeigt, wie er den Fön handhaben musste. Seitdem hatte sich Darrens Technik immer weiter verbessert, da er immer noch sehr viel Wert darauf legte, ordentlich und gepflegt auszusehen. Wann immer sie in der Stadt waren, warfen die Mädchen ihm begehrliche Blicke zu und Alan und David schossen eisige Blicke zurück. Angesprochen hatte ihn daher noch keine, aber darauf legte Darren auch keinen Wert. Doch er liebte es, derartig aufzufallen, auch wenn Alan ihm immer wieder sagte, dass es gefährlich sein konnte, wenn er zu sehr auffiel. Aber wenn er ehrlich war: So wie er jetzt aussah, konnte ihn keiner erkennen als Draco Snape, ehemals Malfoy. Zu sehr hatte er sich durch die dunkle Haarfarbe, die kürzere Frisur mit dem Seitenscheitel und die dunklen Kontaktlinsen verändert. Er war Darren McCoy, jedenfalls äußerlich.

Zufrieden mit seinem Aussehen verließ er das Bad und ging in die Küche, wo David schon dabei war, Eier und Speck in zwei Pfannen zu richten. Er übernahm es wortlos, die Eier und den Speck zu braten, bediente den Toaster, damit David ins Bad konnte. Inzwischen machten ihm die ganzen Gerätschaften keine Angst mehr und er konnte gut damit umgehen. Das Leben ohne Magie störte ihn nur ganz selten. David war aufgeblüht, als er ihm und meistens auch Alan die verschiedenen Geräte und deren Handhabung erklären konnte. Alan war zwar mit einem Muggelvater aufgewachsen, aber es war schon Jahre her, dass er das letzte Mal etwas mit Muggelgeräten zu tun gehabt hatte und er war froh um Davids Beistand gewesen. David brauchte nicht lange im Bad, er duschte nur schnell und ließ seine Haare am Ende an der Luft trocknen. Sie waren so störrisch, obwohl sie inzwischen bis in die Mitte des Rückens reichten, dass es keinen Unterschied machte, ob er sie föhnte oder nicht. Als er aus dem Bad in die Küche kam, waren die Eier und der Speck fast fertig, auch die ersten Toasts waren schon im Brotkorb. Er ließ Darren weiter an den Pfannen hantieren und machte sich daran, Kaffee und Tee zu richten. Er nutzte den Wasserkocher um Wasser aufzuheizen, dann goss er das meiste davon in die Teekanne und den Rest auf das Kaffeepulver, das im Porzellanfilter über der Kaffeekanne war. Der Duft nach frischgebrühtem Kaffee weckte auch Alans Lebensgeister.

„Ein wenig spät für Frühstück, oder?“, brummelte er, als er aus dem Bad kam.

„Dann mach Kaffeetrinken daraus, das passt dann wieder. Was in England die Teezeit ist hier das Kaffeetrinken. Und ein bisschen was zu essen wird dazu meist auch serviert!“, konterte David kichernd.

Alan grummelte noch eine Weile vor sich hin, war aber insgeheim froh darüber, dass es David scheinbar so gut ging. Der stellte schnell noch Escalada ihren Napf mit Katzenfutter hin und setzte sich dann zu den anderen beiden an den Tisch. Vorsichtig beäugten sie sich gegenseitig, keiner wollte die letzte Nacht ansprechen, doch jeder wollte wissen, wie es den beiden anderen ging. Alan hielt sich mit leicht zitternden Fingern an seiner Kaffeetasse fest. Als das Schweigen langsam unangenehm wurde, legte David seine Hand auf die von Alan.

„Alan, alles in Ordnung?“, fragte er leise.

„Ich weiß es nicht. Es war … erleichternd, alles zu erzählen, als die Erinnerung plötzlich wieder da war, aber ich bin immer noch verwirrt.“, gab Alan schließlich zu.

„Ich glaube ich weiß, was du meinst.“, warf Darren ein.

„Ich auch.“, gab David leise zu.

Alan gab sich einen Ruck. „Was haltet ihr davon, wenn wir die Chance nutzen und in die Stadt fahren?“, schlug er vor. „Ich schätze, wir alle könnten mal ein paar andere Eindrücke brauchen. Und unsere Vorräte sollten wir auch wieder auffüllen. Also erst einkaufen, dann gehen wir irgendwo was essen und danach vielleicht ins Kino. Was sagt ihr beiden dazu?“

„Was ist Kino?“, fragte Darren vorsichtig nach.

„Dort kannst du Filme ansehen, so wie im Fernsehen, aber auf einer großen Leinwand. Du bist ein Filme-Fan, das solltest du mal gesehen haben!“, lachte Alan.

Darren verzog sein Gesicht, es stimmte, das Fernsehgerät faszinierte ihn total und er konnte sich an den Filmen nicht sattsehen, egal was es war. Zu gerne saß er vor dem Bildschirm und sah sich einen Film nach dem anderen an. Anfangs hatte es ihn erschreckt, als er noch nicht wusste, was das zu bedeuten hatte, aber inzwischen liebte er fernsehen. Die Aussicht, einen Film auf einer großen Leinwand zu sehen, war in seinen Augen einfach nur spitze.

„Wann fahren wir los?“, quengelte er.

„Dann sollten wir uns wohl beeilen!“, schmunzelte Alan, als er auch das Strahlen in Davids Augen gesehen hatte.

Sie zogen sich warm an und stiegen ein paar Minuten später ins Auto. Die Treppe zur Terrasse hatten sie unten mit einem Gitter gesichert, das sie im Keller gefunden hatten, damit sie nicht noch einmal nachts von einem Bären oder ähnlichem erschreckt würden. Im Vorbeigehen prüfte Alan die Festigkeit, dann gingen sie in die Garage und fuhren los. Nach Fairhaven, der nächsten größeren Ortschaft, brauchten sie etwa eine Stunde. Dort hatten sie ein besseres Gefühl als in den kleineren Orten rund um das Haus, denn in einer größeren Stadt, wo niemand den anderen kannte, fielen sie weniger auf. Außerdem hatten sie eine große Auswahl an Supermärkten, wo sie ihre Vorräte auffüllen konnten. Das Einkaufen ging inzwischen recht schnell von Statten, da sie alle drei wussten, worauf es ankam und so waren sie nach einer halben Stunde fertig mit dem Großeinkauf, der sicher stellte, dass auch der nächste Schneesturm eine entspannte Angelegenheit sein würde. Danach fuhren sie zum Hafen und aßen in einem Restaurant. Lange waren sie alle drei nicht mehr so entspannt gewesen. David bestellte ein Steak in rare, dazu Gemüse, Darren bevorzugte Lachs, und Alan orderte eine Grillplatte mit verschiedenen Fisch-Spezialitäten. Sie hatten einen Tisch am Panorama-Fenster bekommen mit Blick auf die Bellingham Bay.

Schließlich war es soweit und sie kamen zum Kino. Nach einer halben Stunde Diskussionen und der Überlegung, dass sie nicht längere Zeit warten wollten, entschieden sie sich für ‚Men in Black‘. Die Beschreibung versprach einen amüsanten, nicht zu schweren Abend. Alan besorgte die Tickets für alle und dann gingen sie hinein. Weder David noch Darren waren bisher in einem Kino gewesen und bei Alan war es Jahre her. Lily hatte ihn ein paar Mal in den Sommerferien mitgenommen, vor vielen Jahren. Die Erinnerung schmerzte nun nicht mehr, doch Alan spürte Trauer über den Verlust. David schien es zu fühlen und legte ihm den Arm um die Taille.

„Mom?“, fragte er nur leise.

„Ja.“, bestätigte Alan und drückte ihn an sich.

Darren bemerkte die etwas gedrückte Stimmung der beiden und zog sie an die Seite, wo einige Bänke waren und sie warten konnten, bis der Saal geöffnet war.

„Alles in Ordnung, David, Onkel Alan?“, fragte er leise.

„Ja. Ich habe nur daran gedacht, dass ich das letzte Mal mit Davids Mom im Kino war und das ist schon eine Weile her.“, erklärte Alan kryptisch, sodass keiner der Umstehenden verstand, worum es ging.

Darren nahm seinen Geldbeutel heraus und ging, um Getränke und Popcorn zu kaufen. Nach und nach hatte er sich an das Muggelgeld gewöhnt und seine Unsicherheit dahingehend war völlig verschwunden. Niemand, der ihn beobachtete, hätte bemerkt, dass er bis vor einigen Monaten keine Ahnung von dieser Welt gehabt hatte.

„Hallo! Dich habe ich hier noch nie gesehen. Ich bin Anna, und wer bist du?“, fragte ihn auf einmal ein etwa sechzehnjähriges blondes Mädchen, das hinter ihm in der Schlange stand.

„Ich war auch noch nie hier. Ich bin Darren, nett, dich kennen zu lernen.“, antwortete Darren formell.

„Wollen wir uns mal treffen? Ich geb dir meine Nummer, dann kannst du mich anrufen!“, hauchte Anna in Darrens Ohr.

„Sorry, Anna, aber das ist wohl keine gute Idee, ich bin in festen Händen.“, gab Darren ruhig zurück.

„Das macht doch nichts, ich will ja auch nichts Festes, aber dich hätte ich gerne mal im Bett!“, kam es aufreizend von der Blonden.

„Nein danke, kein Interesse!“, fauchte Darren.

„Alles in Ordnung?“, fragte plötzlich eine kalte Stimme.

„Natürlich Onkel Alan, es gibt hier offenbar ein Missverständnis! Aber die junge Dame wird sich sicher gleich entschuldigen und mich dann in Ruhe lassen.“, erklärte Darren in seiner kältesten Stimme.

Inzwischen war auch David zu ihnen getreten und legte besitzergreifend seinen Arm um Darren. Als das Mädchen immer noch Blicke auf Darren warf, küsste David ihn intensiv. ‚Meiner‘ sagte das mehr als deutlich. Anna warf ihm noch einen bedauernden Blick zu und rauschte dann ohne ein weiteres Wort davon. Auch David setzte sich wieder hin. Darren bezahlte seine Bestellung und ging mit Alan zurück zu David. Die beiden ehemaligen Slytherins tauschten nur noch einen missbilligenden Blick, winkten aber ab, als David weiter nachfragen wollte. Als die Türe sich endlich öffnete, gingen sie voller Spannung in den halbdunklen Kinosaal, zusammen mit etwa dreißig anderen Menschen. Es würde noch einige Minuten dauern, bevor es anfing, doch sie machten es sich bereits in den Sesseln gemütlich. Ein Einweiser hatte ihnen ihre Plätze gezeigt und nun saßen sie da, flüsterten leise miteinander, knabberten Popcorn und tranken Coke. Alle drei hatten inzwischen ein Faible für dieses Getränk entwickelt, es erinnerte sie an ihre Fahrt quer durch das ganze Land.

Während der Werbung unterhielten sie sich weiterhin leise und knabberten das restliche Popcorn. Viel hatte Darren nicht mitgenommen, da sie gerade vorher gegessen hatten, aber es war dennoch lecker gewesen. Dann endlich begann der Film. Es wurde dunkel im Saal und Darren und David kuschelten sich an Alan, der in der Mitte saß. Sie brauchten eine Weile, um in die Handlung zu finden, lachten dann aber an den lustigen Stellen mit allen anderen Kinobesuchern. Es war merklich, dass die vorige Nacht in allen dreien eine Blockade gelöst hatte und sie nun freier und gelöster waren. Sie genossen diese Erfahrung und waren sich am Ende einig, dass sie das bei Gelegenheit wiederholen wollten. Auf der Heimfahrt herrschte ein geselliges und angenehmes Schweigen, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die einstündige Fahrt durch den Wald wirkte manchmal etwas unheimlich, wenn sie meilenweit kein lebendes Wesen sahen, wenn die verschneiten Bäume rechts und links der Straße unheimliche Schatten warfen, sobald die Scheinwerfer auf sie fielen, aber dennoch waren sie sich einig, dass es ein schöner Abend gewesen war.

Zuhause brachten sie die Einkäufe rasch ins Haus, wussten sie doch nicht, ob der Grizzly noch in der Nähe weilte oder nicht. Auch wenn David ihnen versicherte, dass er es mit dem Bären aufnehmen konnte, sie wollten es nicht ausprobieren. Danach gingen sie nacheinander ins Bad und zogen sich um, bevor sie wieder ins Bett gingen. Obwohl der Tag nicht so lang gewesen war, hatte er sie dennoch erschöpft und so schliefen sie bald ein.

 

 

Grelles Licht blendete Sirius und Remus, als sie durch laute Stimmen aus ihrem unruhigen Schlummer gerissen wurden. Sie schirmten ihre Augen mit den Händen ab, wobei Sirius nur die linke Hand nutzen konnte, da sein rechter Arm mehrfach gebrochen war, wie Remus vor dem Einschlafen noch ertastet hatte.

„Los, aufstehen! Der Lord will euch sehen!“, befahl eine kalte Stimme.

Crabbe und Goyle senior standen vor ihnen und warteten ungeduldig, während Remus Sirius auf die Beine half. Malfoy, der bisher ungesehen hinter den beiden gewartet hatte, richtete nun seinen Zauberstab auf Sirius und schwenkte ihn einmal kurz. Der Animagus spürte, dass sein Arm heilte und auch sein Kopf fühlte sich wieder besser an. Auch Remus wurde von den vielen Kratzern und der gebrochenen Rippe befreit. Den Beiden war klar, warum. Der Lord wollte sie bei Kräften haben, damit er sie lange quälen konnte, aber sie würden nichts verraten, konnten es auch nicht. Mit einem weiteren Schlenker des Zauberstabes ließ sie Malfoy fesseln, sodass sie nur kleine Schritte machen konnten. Die Hände von beiden wurden auf den Rücken gezwungen und dort fixiert. Sirius zischte schmerzhaft auf, weil die Arme so weit nach oben gezwungen wurden, dass er das Gefühl hatte, die Schultergelenke würden gleich ausgekugelt. Es brannte höllisch in den Muskeln. Aber er rief sich das Gesicht seines Patenkindes vor sein inneres Auge. Für Harry würde er es schaffen, egal wie. Es musste gehen. Malfoy ging voran, Crabbe schnappte sich Remus, Goyle riss Sirius am Arm, sodass sie gezwungen waren, Lucius Malfoy zu folgen.

Remus versuchte, sich den Weg einzuprägen, doch es war sinnlos, es wirkte, als wären sie in einem Labyrinth. Nach mehrmaligem Richtungswechseln, abknickenden Fluren und mehreren Kehrtwenden war Remus völlig orientierungslos. Sirius erging es nicht anders. Sie liefen beinahe eine halbe Stunde hinter Malfoy her, der die ganze Zeit schwieg und sie immer wieder höhnisch grinsend anblickte. Dann öffnete er eine Tür und trat beiseite. Remus und Sirius wurden schwungvoll in den Salon geschubst. Sirius verlor das Gleichgewicht ob der plötzlichen Beschleunigung und fiel auf die Knie, schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf. Remus konnte sich mit Mühe auf den Beinen halten, doch auch er wurde von hinten gepackt und auf die Knie gezwungen. Einer der Todesser griff nach Sirius und zog seinen Oberkörper wieder hoch.

„Schön, schön. Ich habe Besuch. Herzlich willkommen in meinem bescheidenen Domizil.“, höhnte eine kalte Stimme.

Dann erst trat Voldemort aus den Schatten. Langsam schritt er auf die beiden Zauberer zu, die bewegungslos vor ihm knieten. Er war in schwarz gekleidet, wie seine Anhänger. Doch er trug keine Maske und man konnte sein schlangengleiches Gesicht mit den Nasenschlitzen und den roten Augen deutlich erkennen. Kein Gefühl war daraus zu lesen. Trotzig hob Sirius seinen Blick und spuckte dem dunklen Lord vor die Füße.

„Sirius Black, es sieht aus, als hättest du deine gute Kinderstube vergessen. Aber wir werden dir schon noch Manieren beibringen.“, erklärte Voldemort gefährlich leise.

Er richtete seinen Zauberstab auf Sirius und murmelte: „Crucio.“ Sofort wand sich Sirius in Agonie auf dem Boden, biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Es war sinnlos, nach wenigen Sekunden hielt er es nicht mehr aus und schrie, was seine Stimme hergab. Heiße Wellen aus purem Schmerz durchfluteten seinen Körper und schienen kein Ende zu nehmen. Erst nach einigen Minuten löste der Lord den Fluch wieder. Sirius blieb liegen und atmete hektisch.

„Los, hoch mit dir!“, befahl der Lord.

Sirius konnte es nicht. Seine Hände waren immer noch auf den Rücken gefesselt und er schaffte es nicht, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen, immer noch schossen Schmerzimpulse durch seine Nerven und die Befehle zur Bewegung kamen einfach nicht an.

„Du willst dich mir wiedersetzen, Black? Nun, das wird deinem Freund hier nicht gefallen. Crucio!“, rief der Rotäugige.

Nun wand sich Remus schreiend auf dem Boden. Auch er fühlte nun nur noch Schmerzen, wie heiße Flammen, die sein Innerstes verbrannten. Auch ihn ließ Voldemort mehrere Minuten unter dem Fluch leiden, bevor er ihn aufhob.

„Hoch mit dir, Black.“, befahl er erneut.

Sirius kämpfte sich auf die Knie. Er würde alles ertragen, für Harry und für Remus, aber er würde nicht zulassen, dass Remus seinetwegen leiden musste.

„Sirius, nicht!“, beschwor ihn Remus.

Sirius warf seinem Freund einen Blick zu. Es fiel kein Wort, dennoch wusste Remus, was er sagen wollte. ‚Ich werde dich nicht für mich leiden lassen, dafür bist du mir zu wichtig. Wir schaffen das gemeinsam, für Harry, für uns.‘

„Was willst du?“, fragte Sirius kalt.

„Ich stelle hier die Fragen!“, herrschte ihn Voldemort an.

Er nickte jemandem zu, der hinter Sirius stand und Sirius schrie auf, als ihn ohne Vorwarnung die Peitsche traf. Er spürte genau, wie das Fleisch an seinem Rücken aufriss. Den nächsten Schlag erwartete er und schaffte es, nicht zu schreien. Remus war gezwungen, hilflos zuzusehen, ohne seinem Freund helfen zu können. Sirius´ Blick traf auf den von Remus und hielt sich an ihm fest. Remus konnte den Schmerz in den grauen Augen sehen, aber auch die Hoffnung. Sie würden das  irgendwie überstehen, auch wenn sie noch nicht wussten, wie. Nach fünfzehn Hieben hob Voldemort die Hand. Die Schläge hörten auf.

„Wo ist Harry Potter?“, wollte der dunkle Lord wissen. „Ich gewähre euch einen leichten Tod, wenn ihr mir Potter ausliefert. Ich weiß um euer Verhältnis zu ihm, daher habe ich meine engsten Vertrauten mit Portschlüsseln ausgestattet in den Kampf geschickt und die Anweisung gegeben, euch gefangen zu nehmen. Ihr habt die Wahl, mir die Informationen freiwillig zu geben und einen leichten Tod zu sterben oder aber unter Folter zu gestehen. Auf Rettung braucht ihr nicht zu hoffen, keiner weiß, wo ihr seid. Also, ich frage noch einmal: Wo ist Harry Potter?“

Sirius schwieg. Es war nicht einmal Trotz, er wusste es schlicht und einfach nicht. Von den Berichten, die Severus bei den Ordenstreffen abgeliefert hatte, wusste Sirius, dass Voldemort ein geübter Legilimentiker war, der sich die Informationen gerne aus dem Kopf seines Gegenübers holte. Daher konzentrierte er sich mit aller Macht darauf, seinen Geist zu verschließen, wie er es in seiner Ausbildung zum Auror gelernt hatte. Keinen Augenblick zu früh, denn schon spürte er die fremde Präsenz. Gnadenlos rannten Voldemorts geistige Fühler gegen Sirius´ Mauer. Gleichzeitig spürte er, wie die Peitsche wieder zum Einsatz kam, aber er konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Schilde. Voldemort zog sich erst einmal zurück und wandte sich Remus zu. Vielleicht wusste der auch etwas und er hatte keine Aurorenausbildung hinter sich, daher vermutlich auch keine tiefergehenden Kenntnisse in Okklumentik, da war es sicher einfacher. Schon bei dem Eindringen in den Geist des Werwolfes triumphierte er, die Schilde von dem Honigblonden waren so gut wie gar nicht vorhanden. Doch auch hier hatte er kein Glück, er fand nicht, wonach er suchte. Die einzige Information, die ihm zugänglich war, war die Flucht von Harry Potter, Severus Snape und Draco Namenlos. Aber wohin sie gegangen waren, konnte er nicht finden.

Remus wand sich und winselte immer wieder vor Schmerzen, während der Unnennbare in seinem Kopf war. Wie spitze Pfeile rammte sich der dunkle Lord in seinen Geist und hinterließ furchtbare Schmerzen, ähnlich dem Cruciatus. Doch er konnte dem nicht entkommen, dafür sorgten die beiden Todesser hinter ihm. Sie hielten ihn in einem schraubstockartigen Griff, aus dem er nicht wegkonnte. Sirius wurde ebenfalls festgehalten, er wehrte sich mit allem, was ihm zur Verfügung stand, doch da er immer noch gefesselt war, war das nicht viel. Irgendwann hatte Voldemort genug und zog sich aus Remus´ Geist zurück. Er winkte den Todessern, die ihn festhielten und diese ließen ihn los. Remus sank in sich zusammen, sein Kopf schmerzte höllisch und er konnte nicht mehr klar sehen. Voldemort setzte sich in seinen thronartigen Sessel auf einem kleinen Podest an der schmalen Seite des Salons. Er winkte Lucius Malfoy an seine Seite und flüsterte leise mit ihm, während seine Augen voller Vorfreude auf den beiden Gefangenen ruhten. Malfoy nickte kurz und verschwand. Es war still am Saal, keiner sagte ein Wort, nur das zischende Einatmen der beiden Gefangenen war ab und zu zu hören.

Remus und Sirius machten sich beide Gedanken, was nun folgen würde. Voldemort wollte Informationen, die sie ihm nicht geben konnten. Was würde passieren, wenn er erkannte, dass sie sie ihm nicht liefern konnten? Einen schnellen Tod würde er ihnen sicher nicht gönnen. Wie lange würden sie durchhalten? Was kam nun auf sie zu? Vor allem in Remus kam Angst hoch. Sirius kannte seinen Freund lange genug um zu ahnen, was in ihm vorging. Er suchte seinen Blick und hielt ihn fest. Lange sahen sie sich nur an und verständigten sich mit Blicken. Sirius versuchte Remus so gut er konnte aufzubauen und ihm Mut zu machen. Auch wenn er selber wusste, dass es nur bis zu einem gewissen Punkt möglich war, nicht zu verzweifeln. Voldemort hatte sich das Ganze belustigt angesehen. Als Lucius, seine rechte Hand und amtierender Zaubereiminister, zurückkam und die anwesenden Todesser mitbrachte, lehnte er sich entspannt zurück. Das folgende Schauspiel würde ihm sicher gefallen und seine Todesser nach dem verlorenen Kampf in Hogsmeade entschädigen. Die Wölfe um Greyback, die noch auf seiner Seite waren, hatte er bereits bestraft, weil sie ihm falsche Informationen gebracht hatten. Es war offenbar eine Falle gewesen. Dumbledore musste gewusst haben, dass er belauscht wurde und hatte ihn so in die Falle gelockt. Doch woher hatte er gewusst, wann sie zuschlagen wollten? Aber noch war Voldemort nicht dahinter gekommen, wer in seinen Reihen als Spion arbeitete.

Seine Anhänger hatten sich im Kreis um die beiden Gefangenen aufgestellt und auf sein Zeichen begann die Folter. Lucius hatte begonnen, dann folgten rundum alle. Jeder hatte seine Möglichkeit, Flüche auf die beiden Gefangenen zu schleudern, nur töten durften sie sie nicht. Alles andere war erlaubt, egal ob weiß- oder schwarzmagisch. Hauptsache schmerzhaft und effektiv. Sie machten einen kleinen Wettbewerb daraus, wer schaffte es, die beiden am lautesten schreien zu lassen? Die schweren Wunden wurden sofort geheilt, damit sie nicht versehentlich verbluten konnten. Nach zwei Stunden hatte jeder seinen Spaß gehabt. Wieder stellte er ihnen die Frage nach Harry Potter, doch sie wollten oder konnten nicht antworten. Auch nach Dumbledores Orden fragte er, wo sie sich versteckten, doch sie weigerten sich, Antworten zu geben. Ein weiteres Mal drang er in den Geist von Lupin ein, doch entweder wusste der Werwolf tatsächlich nichts oder er war ein begnadeter Okklumentiker und ließ ihn nur das sehen, was er wollte. Er beendete das Verhör fürs Erste und ließ die beiden wieder in die Zelle sperren. Zitternd und unter den Fluchnachwirkungen leidend fielen Remus und Sirius auf den Boden und blieben liegen, ergaben sich der Schwärze der Bewusstlosigkeit.

Keiner der beiden wusste, wie viel Zeit vergangen war, als sie von einem Strahl eiskalten Wassers geweckt wurden. Diesmal wurden sie direkt in der Zelle befragt. Gaben sie keine oder eine unzureichende Antwort, folgte ein schmerzhafter Fluch, doch auch diesmal konnten sie keine Auskunft geben. Vom Orden wussten sie zu wenig, keiner der beiden war ein Geheimniswahrer, so konnten sie auch die Häuser nicht verraten, in denen die Ordensmitglieder sicher waren. Als Voldemort wieder von ihnen abließ, waren beide von Wunden übersäht, zitterten vor Kälte und konnten sich kaum auf den Beinen halten. Sie stützten sich gegenseitig und lehnten sich im Sitzen an die Rückwand. In ihrer Zelle war ein Krug mit Wasser aufgetaucht und ein Eimer, der offenbar dafür gedacht war, dass sie sich erleichtern konnten. Keine Decke, keine Sitzgelegenheit, nichts. Nur nackter Boden und die Felswände. Das Wasser schmeckte schal und abgestanden, leicht bitter, aber sie hatten Durst und tranken daher trotz allem. Aneinander gelehnt schliefen sie schließlich erschöpft ein. Sie wussten nicht, wie lange sie geschlafen hatten, als sie erneut geweckt wurden. Sirius fühlte sich seltsam, er nahm alles nur noch undeutlich wahr. Immer wieder verschwamm das Bild vor seinen Augen und jede Berührung fühlte sich falsch an. Seine Gedanken wirbelten, er konnte sich auf Nichts konzentrieren. Diesmal stand Malfoy vor der Zelle. Zwar trug er seine Todesser-Roben und die weiße Maske, aber dank seines leuchtenden silberblonden Haars war er dennoch leicht zu erkennen.

„Was willst du?“, nuschelte Remus.

Sirius registrierte, dass auch Remus unter denselben Wirkungen litt wie er selber. Drogen! Sie hatten ihnen etwas ins Wasser gegeben! Aber jetzt war es zu spät, wahrscheinlich würden sie alles ausplaudern, was sie wussten. Doch Malfoy beobachtete sie nur mit einem höhnischen Grinsen. Er stellte keine Frage, stand nur da und sah sie an. Sirius registrierte, dass Remus neben ihm zitterte. War es die Kälte oder war es Angst?

„Mitkommen.“, befahl Malfoy schließlich.

Die beiden Gefangenen spürten, wie sie von unsichtbaren Seilen gefesselt wurden, dann wurde die Tür im Gitter geöffnet. Malfoy winkte ihnen, dass sie hinauskommen sollten. Remus und Sirius blieben trotzig stehen, sie konnten den Todessern um Voldemort nicht viel entgegensetzen, aber sie würden nicht einfach tun, was die erwarteten.

„Los jetzt!“, fauchte der Silberblonde.

Doch die beiden blieben stur stehen. Malfoy ließ seinen Zauberstab kurz schnipsen und beide krümmten sich schmerzerfüllt auf dem Boden. Nur kurz ließ er den Fluch bestehen, dann winkte er ihnen erneut, dass sie ihm folgen sollten. Remus machte einen ersten Schritt, doch Sirius hielt ihn mit einem Blick zurück. Sie würden nicht nachgeben. ‚Für Harry‘ sagte Sirius lautlos. Der Werwolf straffte sich und deutete ein Nicken an. Doch sie hatten mit ihrem Widerstand keine Chance, Malfoy nickte jemandem zu, der außerhalb ihres Blickfeldes stand und sie spürten, wie sie hochgehoben wurden und mit einem Zauber aus der Zelle schwebten. Wieder dauerte es eine Weile, in der sie ständig die Richtung wechselten, doch es war egal, die beiden Gefangenen hatten sowieso keine Möglichkeit, sich zu orientieren, da sie zu benebelt von den Drogen waren. Sie wurden wieder in den Salon gebracht. Diesmal standen weniger Todesser da, aber viele Jugendliche bildeten einen Kreis, in den die beiden Gefangenen nun gebracht wurden. Remus wurde eine Spur blasser, er erkannte einige der Jugendlichen, er hatte sie ein Jahr lang in Hogwarts unterrichtet. Es waren Slytherins und auch Ravenclaws und Hufflepuffs, sogar ein paar Gryffindors erkannte er. Sie waren inzwischen wohl in der sechsten und siebten Jahrgangsstufe und Voldemort holte sie sich direkt von der Schule, damit sie in seine Dienste treten konnten. Oder so ähnlich.

„Ja, Lupin, ich schätze, du erkennst einige deiner ehemaligen Schüler wieder. Es gibt ein neues Fach in Hogwarts, das ‚Dunkle Künste‘ heißt und heute erleben die Schüler eine praktische Unterrichtsstunde. Sie dürfen ihre theoretisch erworbenen Kenntnisse an euch beiden ausprobieren. Und ich habe sie angewiesen, sich nicht zurückzuhalten, denn es wird ihre Noten entscheidend beeinflussen. Noch Fragen? Nein, dann los. Mr. Nott, fangen sie an.“, erklärte Voldemort höhnisch.

Die folgenden Stunden waren die Hölle für Remus und Sirius. Die wenigsten Schüler hielten sich zurück. Schreiend wanden sie sich auf dem Boden und viele Flüche hinterließen blutige Striemen auf ihren Körpern. Die Schüler hatten eine Vielzahl an schwarzmagischen Flüchen genutzt. Am Ende lag Sirius wimmernd am Boden, neben ihm war Remus in der Zwischenzeit bewusstlos geworden.

„Gut, gut. Ich denke, das gibt für jeden Slytherin 20 Punkte, für die Hufflepuffs und die Ravenclaws jeweils 10 Punkte pro Schüler. Die Gryffindors waren etwas schwach in ihrer Durchführung und bekommen deshalb nur 5 Punkte pro Person. Ihr werdet einmal gute Todesser werden. Und jetzt folgt eurem Direktor, er wird euch zurück nach Hogwarts bringen.“, beendete Voldemort die Foltern schließlich.

Er gab Malfoy, der die ganze Zeit mit den anderen Todessern im Hintergrund gestanden hatte, ein Zeichen und dieser ließ mit einem Schlenker seines Zauberstabes die beiden Gefangenen zurück in die Zelle schweben. Die Tür schloss sich und das Licht erlosch. Keiner kümmerte sich weiter um die beiden Gefolterten. Stöhnend drückte sich Sirius ein wenig in die Höhe und kroch die zwei Meter zu Remus. Es dauerte lange, bis er es geschafft hatte, da ihm die Kraft fehlte, den ganzen Weg auf einmal zurückzulegen, er musste immer wieder Pausen einlegen, um wieder zu Atem zu kommen. Schweiß stand ihm auf der Stirn und durchfeuchtete die Reste seiner Kleidung, die inzwischen in Fetzen an ihm herunterhing.

„Remus? He, Remus!“, stieß er ihn an.

Stöhnen antwortete ihm. Remus lebte! Sirius schlang erleichtert den Arm um seinen Freund und driftete in einen erschöpften Schlaf. Der Werwolf spürte den Arm um sich und ignorierte die Schmerzen, die durch die Berührung ausgelöst wurden. Sirius lebte und kämpfte. Ohne seinen besten Freund hätte Remus schon lange aufgegeben. Er spürte die Feuchtigkeit auf der Haut von Sirius. Sie durften jetzt nicht krank werden, sonst war es aus! Doch Remus konnte nichts tun, außer ihn mit seinem eigenen Körper warm zu halten. Mühsam drehte er sich um und zog den Schwarzhaarigen in seine Arme. Dann ließ auch er seine Erschöpfung zu und schlief ein.

 

 

 

 

Greyback und Dumbledore saßen mit Augusta und Alastor Moody im Salon von Augustas Haus. Sie hatten dem Werwolf Schutz angeboten, da Remus und Sirius um seine Spionagetätigkeit wussten, doch er wollte das Risiko eingehen. Dennoch hatte Dumbledore für die Wölfe, die weiterhin zu den Versammlungen Voldemorts gehen wollten, Notfallportschlüssel geschaffen, damit sie jederzeit wegkonnten.  Albus hatte den Raum mit einem Schweigezauber gesichert und sie besprachen, wie sie am Besten weiter vorgehen konnten.

„Ich habe leider keine Ahnung, wo der Lord sie gefangen hält, er hat das nur mit wenigen seiner engsten Anhänger geplant, keiner meiner Wölfe hat etwas erfahren. Ich denke, da sich einige der Wölfe nun von ihm abgewandt haben und nicht mehr auf seinen Befehl hören, hegt er einen Verdacht gegen uns alle. Aber ich werde tun, was ich kann, um herauszufinden, wo sie sind. Es gibt inzwischen einfach zu viele Möglichkeiten und auch er nutzt den Fidelius.“, berichtete der Werwolf.

„Fenrir, ich werde dich nicht zwingen, für mich zu spionieren, diesen Fehler habe ich schon zu oft gemacht. Severus wäre fast daran zerbrochen und ich habe es nie bemerkt, das werde ich mir nicht verzeihen. Du hast gesagt, dass du das Risiko eingehen willst, doch ich wünschte, wir hätten eine andere Möglichkeit. Doch meine Idee, Tiere spionieren zu lassen, ist leider immer noch erfolglos und ich vermute, dass es wohl nicht klappen wird. Ich habe keine anderen Spione mehr, Severus war derjenige, auf den ich mich hauptsächlich verlassen habe und das war ein Fehler, vor allem, weil ich den Menschen Severus dabei aus den Augen verloren habe. Ich will den gleichen Fehler nicht noch einmal machen.“, seufzte Dumbledore müde.

„Ich werde weiterhin gehen. Meine Wölfe und ich haben Notfallportschlüssel und wir können jederzeit verschwinden, gegen aktive Portschlüssel kann auch der Lord nichts tun. Leider haben wir nur wenige relevante Informationen für euch, da wir nicht im engsten Kreis sind und deshalb nur eingeschränkt informiert werden. Ich weiß, dass Remus und Black nicht ewig schweigen können, kenne die Verhörmethoden nur zu gut, aber sie werden uns sicher nicht freiwillig verraten. Und bisher hat der Lord sie dahingehend offenbar nicht befragt, das hat einer meiner Wölfe von Goyle gehört, der scheinbar immer dabei war. Aber wo sie sich aufhalten, da kann ich weiterhin nur raten, tut mir leid. Gerade Remus will ich da raus haben, er hat uns eine Perspektive gegeben.“, antwortete Fenrir.

„Augusta, Alastor, irgendwelche Ideen, wie wir den Aufenthaltsort der beiden finden könnten?“, fragte Dumbledore erschöpft.

Sie diskutierten nun schon seit Stunden zu dritt und hatten Hoffnung geschöpft, als der Werwolf von der Versammlung gekommen war, doch er hatte ihnen nichts Neues erzählen können. Müde schüttelten die beiden ihre Köpfe. So entschieden sie, eine Weile zu schlafen und dann mit Kingsley und Bill weiterzureden. Am gestrigen Tag hatten sie die gefangenen Todesser auf die verschiedenen Stützpunkte verteilt, doch sie waren einfach zu wenige, um wirklich noch etwas gegen Voldemort ausrichten zu können. Dumbledores Gedanken kreisten um Harry und Severus. Er vermisste die zuverlässigen Informationen, die der Tränkemeister ihm immer gebracht hatte, auch wenn er froh war, dass Severus nun außer Gefahr zu sein schien. Es musste doch einen Weg geben, Informationen aus Riddles innerem Kreis zu bekommen, ohne dass jemand dabei zu Schaden kam. Severus´ Haus hatte er nun in ein geschütztes Haus verwandelt, Poppy war dafür die Geheimniswahrerin, da sie sich immer in einem der geschützten Häuser aufhielt. Zunächst hatte er es nur schützen wollen, aber als sie immer mehr Menschen unterbringen hatten müssen, war er auch dorthin gegangen und hatte einige Zauberer und Hexen dorthin gebracht, genau wie einige Gefangene. Devon hatte er dann bei einigen weiteren Häusern, die sie mit dem Fidelius geschützt hatten, zum Geheimniswahrer gemacht. Die Beiden hatten sich selber vorgeschlagen, da sie als Heiler sowieso immer in einem der Häuser waren und so die Gefahr, dass sie gefangen genommen wurden, quasi nicht vorhanden war. Es war ein zusätzlicher Schutz für sie.

Und Harry, er fühlte sich so schuldig, dass es dem Jungen so schlecht ging. Er hatte damals, als der Gryffindor sich ihm offenbart hatte, wirklich geglaubt, dass er übertrieben hatte. Ja, dass sie ihn vernachlässigten und auch die ganze Arbeit auf ihn abluden, das hatte er geglaubt, aber es schien ihm ein kleiner Preis dafür zu sein, dass Harry vor den Todessern sicher war, die auch nach Voldemorts erstem Sturz damals noch zahlreich unerkannt in ganz Großbritannien unterwegs waren und Harry töten wollten. Wie schlimm es wirklich war für den Jungen hatte er nie auch nur im Ansatz geahnt. Jahr für Jahr hatte er Harry beobachtet, aber keine Anzeichen gesehen. Ja, er war immer ein wenig zurückhaltend und lieber allein unterwegs gewesen, aber das alleine hatte doch nichts zu bedeuten. Dass er keine Berührungen mochte und dass er teilweise so schwer verletzt war, hatte er immer gut versteckt gehabt. Poppy hatte etwas von einem Illusions-Zauber erwähnt, der die Schwere der Verletzungen immer versteckt hatte. Aber wer hatte den auf den Jungen gesprochen? Severus hatte es ihm zur Last gelegt, aber das war ganz sicher nicht er gewesen. Nur, wer dann?

Severus hatte ihm auch erzählt, dass Harry in den letzten Sommerferien von einem Vampir gebissen worden war und sich verwandelt hatte. Wer war dieser Vampir und was hatte es damit auf sich? Das war untypisch für Vampire, die normalerweise höchstens ihre Gefährten verwandelten. Der junge Harry hatte eine enorme Selbstbeherrschung an den Tag gelegt und nie einen Menschen angegriffen, das alleine sprach schon dafür, dass er stark war. Sehr stark sogar. Er, Albus Dumbledore, hatte ihn offenbar nie als Kind gesehen, nein, Harry wirkte immer so erwachsen und überlegt, dass er den Fehler gemacht hatte, den Jungen immer als kleinen Erwachsenen zu sehen. Er musste sich unbedingt etwas einfallen lassen, um Voldemort endgültig zu vernichten, das war er Harry schuldig. Er hatte sehr viel wieder gut zu machen, das konnte er wohl nie schaffen, aber er konnte dafür sorgen, dass der junge Gryffindor in Zukunft sicher leben konnte. Und wenn es mit Severus und Draco sein sollte, dann war es eben so. Harry hatte sich wirklich ein wenig Glück verdient und wenn er Sirius Glauben schenken konnte, dann war der Junge glücklich mit den beiden Slytherins. Sirius hatte ihm vor einigen Tagen gestanden, dass die drei eine Triade bildeten. So unwahrscheinlich es auch klang, er glaubte Sirius, welchen Grund sollte der Animagus haben, ihn anzulügen?

Doch was konnte er tun? Er kam nicht an Voldemort heran, jedenfalls nicht nahe genug, um ihn wirklich anzugreifen. Sein Orden war einfach zu klein, um einen Angriff auf die Todesser zu starten. Sie hatten Glück gehabt, dass in Hogsmeade keiner ernsthaft verletzt worden war. Leider hatten sie zwei ihrer besten Kämpfer dabei verloren. Für die beiden musste er nun wirklich etwas tun. Doch das konnte er erst dann, wenn er wusste, wo sie gefangen gehalten wurden. Müde rieb sich Albus die Augen. Seit dem Kampf in Hogsmeade vor drei Tagen hatte er nicht mehr geschlafen, aber auch jetzt kam er nicht zur Ruhe, seine Gedanken wirbelten zu sehr. Wie er es drehte und wendete, er fand keine Lösungen für all die Probleme die vor ihm auftauchten. Er vermisste Severus´ Ratschläge sehr. Was würde der ihm nun raten? Vermutlich würde er ihm vorschlagen, seinen Geist zu leeren und ein paar Stunden zu schlafen. Schmunzelnd dachte der Weißhaarige an den Tränkemeister und beschloss, dessen Rat zu befolgen. Er legte sich nieder und schloss die Augen, um seinen Geist zu leeren. Minuten später war er tatsächlich eingeschlafen.

Auch die nächsten Tage brachten keine Lösung. Sie entschieden schließlich, nach gesicherten Häusern zu suchen, doch aus diesem Plan sprach die pure Verzweiflung, denn die meisten magischen Familien hatten ihre Häuser und Anwesen geschützt, sodass es keine Seltenheit war, ein solches Haus zu entdecken. Vor allem stieg dabei die Gefahr, entdeckt zu werden, daher stellten sie die Suche nach einigen Tagen wieder ein. Greyback konnte ihnen bei der Suche weiterhin nicht helfen, aber er brachte ihnen jede Neuigkeit, die er von Voldemorts Seite bekam. Mit Hilfe dieser Informationen war es ihnen zumindest gelungen, Godric’s Hollow und zwei weitere Zauber-Siedlungen vor größerem Schaden zu bewahren, da sie die Bewohner warnen konnten und die Verteidigung unterstützten. Doch dieser kleine Sieg hatte dem Orden neuen Auftrieb gegeben und neue Mitglieder hatten sie auch gewonnen. Dennoch waren sie immer noch zu wenige, um wirklich etwas ausrichten zu können. Die Auroren waren auch auf Voldemorts Seite, nun da er das Ministerium und Hogwarts in seiner Hand hatte. Auch die Muggel litten bereits unter der Herrschaft, Voldemorts Anhänger fielen scharenweise über die nichtsahnenden Muggel her und töteten oder versklavten sie. Inzwischen war auch den Muggeln bewusst, dass sich Großbritannien in einem Krieg befand und alles in Richtung Diktatur ging. Bisher hielten sich die angrenzenden Länder noch zurück, aber wie lange würde das so bleiben?

Wochenlang ging es so weiter, immer wieder gab es kleinere Kämpfe, doch der Orden konnte nicht viel ausrichten. Sie freuten sich über jeden einzelnen kleinen Erfolg, doch davon gab es viel zu wenige. Frustration machte sich im Orden breit und die Stimmung schien zu kippen, vor allem da Sirius und Remus nun schon seit fast drei Wochen vermisst wurden und sie keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort hatten oder ob sie überhaupt noch am Leben waren. In wenigen Tagen war wieder Vollmond und die Werwölfe waren nervös, denn Voldemort plante wieder etwas mit ihnen in dieser Nacht. Vermutlich war der Alpha deswegen gerufen worden. So wartete Dumbledore nun darauf, was Greyback nach der Versammlung berichten würde. Sie waren übereingekommen, sich bei Hagrid zu treffen, denn im verbotenen Wald würde keiner der Todesser nach ihm suchen, selbst wenn Greyback verfolgt werden würde. Endlich, einige Stunden später als gehofft, kam der Werwolf. Er war verletzt, aber er wirkte relativ fit. Dumbledore kümmerte sich zunächst um die Verletzungen.

„Nicht so schlimm, das sind nur Kratzer. Da in wenigen Tagen Vollmond ist, heilt das ziemlich schnell. Also lassen wir das. Der Lord hat mal wieder einige Muggel in seine Gewalt gebracht, aber es schien diesmal etwas zu bedeuten. Er hat eine Bemerkung gemacht, dass Sirius Black ihn zu diesen Muggeln geführt hatte. Es war eine Familie aus der Nähe von London. Der Mann und sein Sohn waren ziemlich fett, die Frau dagegen dünn und hager. Er wollte aus ihnen den Aufenthaltsort des Neffen der Frau herauspressen, doch die wussten offenbar nichts. Sie haben gesungen wie die Vögel, aber sie konnten seine Fragen nicht beantworten.“, begann Fenrir Greyback.

„Wie heißen sie?“, fragte Albus gespannt.

„Ich weiß es nicht. Es fielen keine Namen. Sie haben sofort nach dem ersten Cruciatus angefangen zu reden, doch wie gesagt, es kam nichts dabei raus. Der Lord hat sie schließlich getötet.“, antwortete Fenrir.

„Darf ich es sehen? Ich habe einen Verdacht.“, bat Albus.

„Natürlich.“, bestätigte Greyback ohne Nachzudenken und setzte sich auf Hagrids Bett.

Albus Dumbledore zog seinen Zauberstab und drang in Greybacks Geist ein. Der half ihm, indem er bewusst an den Anfang des Treffens zurückging und sich die Erinnerung genau ins Gedächtnis rief.

Beginn der Erinnerung:

Greyback stand, in seinen Todesser-Roben und mit der Maske, an seinem Platz. Ganz genau wusste er nicht, wer wirklich neben ihm stand, doch den Geruch würde er jederzeit wiedererkennen. Nur den Namen dazu konnte er nicht sagen. Doch das war nicht so wichtig. Es waren alle anwesend und der Lord kam nun in den Saal. Er ließ sich Berichte geben, wie weit die Suche nach Potter und Snape war, doch keiner konnte etwas sagen. Die Foltern von Black und Lupin hatten auch keine neuen Informationen gebracht. Außer eine. Der Black-Erbe hatte wohl eine Adresse in seinem Kopf gehabt und dort waren die Todesser auf drei Muggel getroffen.

„Vielleicht können diese Muggel uns Informationen geben. Wir wollen sie zu uns holen und sie fragen!“, erklärte der Lord leise.

Auf ein Nicken des Lords gingen mehrere Todesser hinaus und brachten drei gefesselte und stumm gehexte Muggel herein. Zuerst kam eine hagere, pferdegesichtige Frau mit blonden Haaren und blauen Augen. Sie trug ein zerrissenes Kleid und sah insgesamt recht leidend aus, so als wäre sie schon einige Tage gefangen. Hinter ihr kam ein fetter Mann mit einem imposanten schwarzen Schnurrbart und wässrigen Augen, der irgendwie keinen Hals zu haben schien. Am Schluss kam noch eine etwas jüngere und blonde Ausgabe des Mannes. Der Junge hatte sich offenbar vor Angst in die Hosen gemacht, denn ein feuchter Fleck an entsprechender Stelle zierte seine Beinbekleidung und es roch sehr streng. Die drei wurden Voldemort vor die Füße geworfen und zitterten vor Angst. Fenrir konnte ihre Angst deutlich riechen und rümpfte die Nase. Der Gestank von Angst war nicht gerade das, was er gerne roch, auch wenn er oft diesen Eindruck erweckt hatte. Aber er musste nach außen hin seine Fassade aufrechterhalten. Mit panischem Ausdruck starrten sie auf den Lord. Selbst Muggel wie sie spürten die Macht, die von ihm ausging.

„Sirius Black hat mir erzählt, dass ihr deinen Neffen“, hier starrte er die Frau durchdringend an, „bei euch aufgenommen habt. Ich will wissen, wo er ist.“, sagte Voldemort kalt.

„Ich … ich … wir wissen es nicht.“, stotterte die Frau kaum hörbar.

„Der Freak ist im letzten Sommer bei seinem Paten gewesen und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört!“, grunzte der Mann.

„Crucio!“, schrie Voldemort zornig.

Nacheinander wanden sich alle drei Familienmitglieder schreiend auf dem Boden. Voldemort ließ den Fluch nicht lange andauern, Muggel hielten einfach nichts aus, wurden meist sehr schnell bewusstlos. Aber er wollte Informationen.

„Was wisst ihr dann?“, fragte er drohend.

„Er wurde uns vor die Tür gelegt und seitdem lebt er bei uns. Dann kam dieser unheimliche Riese, als er elf war und hat ihn in diese … diese Schule mitgenommen. Danach kam er jeden Sommer zu uns, bis sein Pate ihn letzten Sommer nach kurzer Zeit abgeholt hat. Normalerweise haben wir ihn immer am letzten Schultag am Bahnhof abgeholt, wenn er von dieser Freakschule kam.“, berichtete der Mann nervös.

„Aber wo ist er jetzt?“, wollte der Lord wissen.

„Wissen wir nicht und wollten wir auch nicht wissen.“, kam die Antwort.

„Legilimens.“, sagte Voldemort leise und drang in das Gedächtnis der Frau ein.

Scheinbar unzufrieden mit den Informationen, die er da sah, wandte er sich dann dem Mann zu und durchsuchte auch dessen Gedächtnis. Als er zurück in die Gegenwart kam, war er weiß vor Zorn, seine Augen funkelten gefährlich rot.

„Er ist mein, ihr habt ihn unrechtmäßig gefoltert. Dafür werdet ihr sterben! Avada kedavra!“, flüsterte der Lord.

Dreimal sprach er den Fluch aus, beim ersten Mal traf es den Mann, dann die Frau und am Schluss den Sohn. Anschließend wartete er ungerührt ab, bis die Leichen beseitigt waren. Dann wandte er sich wieder seinen Todessern zu, die sehen konnten, dass sein Zorn noch immer nicht verraucht war. Sie würden dafür büßen, das war klar.

Ende der Erinnerung.

„Das waren Harrys Tante und Onkel und sein Cousin. Riddle hatte keine Ahnung, wie er dort behandelt wurde, er ging davon aus, dass Harry Kontakt zu ihnen hatte und sie ihm sagen könnten, wo er sich versteckt. Solange Harry dort zuhause war, waren die Todesser nicht in der Lage, dorthin zu gelangen, aber scheinbar ist der Schutz nun dahin. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt je Bestand hatte, denn ein Zuhause war das nie für Harry. Es ist bedauerlich, dass sie getötet wurden, doch da ich inzwischen weiß, wie sie Harry behandelt haben, gehe ich davon aus, dass es Harry nicht so nahe gehen wird. Vielleicht ist es besser so.“, sinnierte Dumbledore.

„Das wiederum glaube ich nicht. So wie ich Harry Potter aus den Erzählungen, vor allem von Luna, einschätze, wird er es schrecklich finden, dass sie seinetwegen sterben mussten.“, widersprach Greyback.

Er hatte in den letzten Tagen viel mit Ginny, Neville und vor allem Luna gesprochen und so ein ganz neues Bild von Harry Potter bekommen. Es hatte ihn nachdenklich gemacht. Der Junge war viel zu stark in eine Richtung gedrängt worden, in die er nie hatte gehen wollen. Und dann der Missbrauch, die Vernachlässigung. Kein Wunder, dass Snape den Jungen aus der Schusslinie gebracht hatte. Wahrscheinlich hätte er selber genauso gehandelt. Auch wenn sein Ruf anders aussah, er mochte Kinder eigentlich schon, nur befassen wollte er sich nicht mit ihnen. Er konnte nur hoffen, dass Snape sich wirklich gut versteckt hatte und nicht gefunden wurde.

 

 

David, Darren und Alan blieben die nächsten Tage wieder im Haus. Sie machten mit ihrem Unterricht weiter und sprachen auch immer wieder über ihre Vergangenheit. Nach und nach ging es ihnen allen wieder ein wenig besser und die Nächte wurden dementsprechend wieder ruhiger. Nur David kämpfte immer noch mit Alpträumen, aber das lag eher daran, dass er nichts von Sirius hörte und sich Sorgen machte. Täglich sahen sie sich im Fernsehen die Nachrichten an, die von dem beginnenden Bürgerkrieg in England berichteten. Natürlich wussten sie, dass Voldemort und seine Todesser dahinter steckten, auch wenn es im Fernsehen nicht angesprochen wurde. Voldemort wurde mit Hitler verglichen, der eine ähnliche Schreckensherrschaft aufgebaut gehabt hatte und Fragen wurden laut, ob und wie Amerika einschreiten sollte oder musste. Noch hielten sie sich raus, noch hielten sich alle Nationen raus, aber wie lange würde das noch dauern? Doch es brachte nichts, wenn die einzelnen Länder einschritten, außer sie entsandten starke Magier.

Wochenlang verfolgten sie mit Spannung die Nachrichten, erfuhren zumindest in groben Zügen, was Voldemort trieb. Nach einigen Wochen entdeckten sie dann einen Bericht, der über ein Ereignis berichtete, das seinen Beginn an Weihnachten gehabt hatte. David saß alleine vor dem Fernseher, da Alan und Darren sich ins Schlafzimmer zurückgezogen hatten. Soweit war David einfach nicht, dass er dabei sein wollte oder konnte, aber er wusste, dass sie ihn dennoch liebten und wurde immer selbstsicherer, es machte ihm nichts mehr aus. Als David sah, worum es in dem Bericht ging, stieß er einen entsetzten Schrei aus. Davon alarmiert stürmten seine Gefährten nackt aus dem Schlafzimmer.

„David, was ist passiert?“, verlangte Darren zu wissen.

„Sie sind tot!“, hauchte David entsetzt.

Er deutete auf den Bildschirm, auf dem gerade ein Bild von einem völlig zerstörten Haus gezeigt wurde. Alan wurde blass, auch er erkannte es auf den ersten Blick, auch wenn es gänzlich andere Bilder als vor ein paar Wochen waren. Darren schaute ratlos von einem zum anderen, verstand es nicht. Doch er erkannte, dass er im Moment nicht fragen sollte, so gebannt, wie die beiden lauschten und zusahen. Also hörte er selber auch genauer hin.

„Inzwischen ist die Untersuchungskommission zu dem Schluss gekommen, dass die Ursache für diese Explosion eine Bombe gewesen sein muss, obwohl bisher von einer Gasexplosion ausgegangen wurde. Es gibt jedoch weiterhin keinerlei Hinweis auf die Verursacher oder das Motiv der Tat. Auch über die Identität der später in der Ruine gefundenen Überreste können die Ermittler keine Aussage machen, es ist nicht bekannt, um wen es sich handelt, alles was sie sagen können, ist dass es wohl um zwei Männer geht.“, sagte die Sprecherin gerade.

Als Darren nun noch das unterdrückte, verzweifelte Schluchzen von David hörte, zählte er eins und eins zusammen.

„Das ist der Grimmauldplatz 12?“, fragte er leise.

Alan nickte. Er hatte David an sich gezogen, auch er weinte nun. Darren schaltete den Fernseher aus, mehr konnten sie im Moment nicht verkraften. Dann schlang er die Arme um seine beiden Gefährten und versuchte, ihnen Kraft zu geben. Verzweifelt krallte David sich an ihm fest. Auch wenn es wehtat, weil er nur die nackte Haut trug, zuckte Darren nicht zurück. Sein David brauchte ihn jetzt, da Alan selbst gerade ziemlich fertig war. Jetzt, wo er seinen Frieden mit Sirius und Remus geschlossen hatte, wurden die beiden vom Lord getötet. Denn dass dieser dahinter steckte, war eigentlich offensichtlich. Er wollte David aus seinem Versteck locken, doch das würden sie nicht zulassen.

„Es tut mir so leid, David.“, wisperte er.

„Es ist meine Schuld. Er will mich. Alle die mich lieben, sterben von seiner Hand.“, flüsterte David.

„Nein David, gib dir nicht die Schuld. Voldemort ist Schuld, du kannst nichts dafür. Bitte, gib jetzt nicht auf, das hätte Sirius nicht gewollt. Er und Remus wollten, dass du sicher bist. David, mach jetzt keine Dummheiten!“, flehte Alan.

„Ich muss dahin zurück, ich muss etwas tun. Wenn die Prophezeiung stimmt, dann kann ich ihn töten. Es sterben so viele Menschen, wenn ich ihn töten kann und das alles dann endlich vorbei ist, dann muss ich es tun, ich kann es nicht, alle sterben lassen!“, weinte David.

„Nein, David. Auch wenn du ihn wirklich töten kannst, du kannst nicht gegen alle seine Todesser ankommen. Sirius würde nicht wollen, dass du dich opferst. Er wollte, dass du lebst. Wirf das nicht weg, Kleiner. Ich will dich nicht verlieren!“, bat Alan wieder flehentlich.

„Ich will dich auch nicht verlieren, weil ich dich liebe.“, kam es leise von Darren.

„Aber es muss doch etwas geben, was wir tun können?“, fragte Harry.

„David, wenn wir jetzt zurück nach England gehen, was glaubst du würde passieren? Wir kämen gar nicht bis zum Lord, denn seine Todesser würden uns schneller fangen als uns lieb ist und dann wären wir sicher nicht in der Lage, irgendwas gegen Voldemort zu unternehmen. Dann würde Dumbledore die Kräfte des Ordens einsetzen um uns zu befreien und müsste dafür andere Missionen vernachlässigen und wieder würden Menschen sterben, wegen uns. Willst du das wirklich auf dich nehmen?“, gab Darren zu bedenken.

Alan war erstaunt, solche Wahrheiten von Darren zu hören. Er war gereift in den letzten Monaten. Und es schien genau das Richtige zu sein, um David von seinen irrigen Gedanken abzubringen, blindlings drauflos zu stürmen. David schien genau darüber nachzudenken und fand offenbar keinen Ausweg aus dem Dilemma. Innerlich seufzte Alan vor Erleichterung. Verzweifelt und traurig schluchzte David wieder auf. Er hatte seinen Paten und Remus geliebt wie ein Sohn seinen Vater liebte. Aber jetzt war das Schluchzen anders, es zeugte von Trauer. Diese Tränen halfen David. Er sollte sie weinen dürfen. Und wieder übernahm Darren die Führung. Er nahm David, der immer noch relativ leicht war, hoch und trug ihn ins Schlafzimmer. Dort legte er sich mit ihm ins Bett und hielt ihn fest im Arm, ließ ihn weinen. Alan zog sich derweil eine Hose an und legte sich dann zu den beiden. Als er merkte, dass Alan David festhielt, stand auch Darren kurz auf und zog sich eine Schlafanzughose an. Es war inzwischen fast Nacht, da konnten sie dann auch gleich schlafen gehen. Ein Gutes hatte es vielleicht doch: die Ungewissheit war vorbei. Diese Ungewissheit, als David nicht wusste, was mit seinem Paten und Remus passiert war, hatte ihm fürchterliche Alpträume beschert, da er sich immer neue Schreckensszenarien ausgedacht hatte. Jetzt wusste er, was passiert war. Auch das würde Alpträume auslösen, aber Darren hoffte, dass David mit ihrer Hilfe damit umgehen lernte.

Am nächsten Morgen waren Davids Augen ziemlich verquollen, er hatte die halbe Nacht geweint. Völlig abwesend stand er in der Küche, bis Darren ihn zu seinem Stuhl schob und ihm eine Schale Müsli hinstellte. Gedankenlos aß David und schmeckte nicht einmal, was er da zu sich nahm. Apathisch starrte er vor sich hin.

„Gehen wir heute nach draußen? Es gab seit ein paar Tagen keinen neuen Schnee und die Sonne scheint. Ich denke, wir können alle ein wenig frische Luft brauchen.“, bemerkte Darren.

„Ja, ich denke, das wäre gut. Aber wir müssen aufpassen wegen dem Grizzly.“, antwortete Alan.

David schien ihnen nicht zuzuhören. Er war in Gedanken versunken und wieder rannen Tränen über sein Gesicht. Zärtlich wischte Darren sie weg und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. David griff nach Darrens Hand und hielt sie an seine Wange, lehnte sich daran. Alan sah, wie sehr David den Halt nun brauchte, stellte sich hinter ihn und legte ihm die Arme um den schmalen Oberkörper. Der Schwarzhaarige lehnte sich schwer gegen ihn. Der Tränkemeister hauchte einen Kuss auf Davids Scheitel und spürte, wie sich David ihm entgegenlehnte. Er brauchte den Halt wirklich dringend. Alan holte das Gewehr aus dem Vorratsraum, wohin er es nach der Nacht mit dem Grizzly gebracht hatte, und lud es. Er wusste damit umzugehen und konnte wieder einmal feststellen, dass es gut gepflegt war. Es würde ihnen sicher gute Dienste leisten, wenn der Grizzly auftauchen sollte. Damit fühlte er sich draußen sicherer wie unbewaffnet. Auch wenn er seinen Zauberstab jetzt wieder immer bei sich trug, er hatte ihn nun mehr als ein halbes Jahr nicht mehr benutzt und auch keine stablose Magie. Er hatte sich an ein Leben ohne Magie erstaunlich gut gewöhnt und selbst Darren schien es nichts auszumachen.

Sie gingen aus der Haustür und wandten sich nach rechts, wo ein kleiner Pfad in den Wald ein wenig bergauf führte. Schon im Sommer waren sie häufig diesen Weg gegangen. Die Bärenspuren gingen in die andere Richtung, somit war ein Zusammentreffen weniger wahrscheinlich. Dennoch blieb Alan auf der Hut und er hatte das Gefühl, dass auch David wieder etwas aufmerksamer war. Ohne Absprache nahmen Darren und Alan David in die Mitte, hielten ihn im Arm oder an der Hand, wie er es selber gerade wollte. Nach etwas über drei Stunden waren sie oben auf dem Berg angekommen. Naja, ein richtiger Berg war es nicht, aber eine Lichtung, die so erhöht lag, dass sie eine weite freie Sicht hatten. Sie liebten diesen Punkt, von dem aus man an klaren Tagen bis in die Bellingham Bay schauen konnte. Bei einem ihrer Einkäufe hatten sie eine isolierte Picknickdecke gekauft, die hatte Alan in einem Rucksack dabei und breitete sie jetzt aus. Sie machten es sich darauf gemütlich und Darren packte Sandwiches aus seinem Rucksack aus. Wortlos aßen sie und ihre Blicke richteten sich in die Ferne.

Plötzlich atmete David tief durch und sah seine beiden Gefährten an. Immer noch spiegelte sich Trauer in seinen Augen, aber da war nun noch etwas anderes. Alan konnte es nicht deuten. David lehnte sich zuerst zu Darren und küsste ihn zärtlich. Nach einer Weile löste er sich von ihm und nun war Alan an der Reihe. Voller Gefühl erwiderte Alan diesen Kuss, der einerseits zärtlich, andererseits auch verlangend war. David wollte das Leben spüren, musste wissen, wofür er lebte. Es war offensichtlich für Alan und er wollte seinem Kleinen zeigen, dass es sich lohnte. Dennoch brach er den Kuss nach einer Weile ab, da er spürte, dass David langsam anfing zu zittern. Es war ziemlich kalt und sie waren nicht so warm angezogen, wie es sinnvoll wäre, da sie nur wenige wirklich warme Sachen hatten, die aber nur für kurze Zeit draußen geeignet schienen. Er zog ihn hoch und schlug vor, dass sie das Ganze zuhause noch weiterverfolgen könnten, wenn es schön warm war. Darren grinste vielversprechend. Schnell packten sie alles zusammen und machten sich auf den Rückweg. Sie waren etwa den halben Weg gegangen, als David sichtlich nervös wurde.

„Was ist, David?“, fragte Darren, der es auch bemerkt hatte.

„Es riecht falsch. Aber ich weiß nicht genau. Ich spüre Gefahr. Bleibt bei mir.“, antwortete David angespannt.

Sie gingen zügig weiter. Alan und Darren konnten nichts Ungewöhnliches feststellen, vertrauten aber Davids Einschätzung. Der Kleine war ein Vampir und die hatten deutlich bessere Sinne als Menschen. Nach einer Weile spürte auch Alan, dass sich etwas anbahnte. Auf seine Instinkte konnte er sich verlassen, sie hatten ihm schon mehrmals das Leben gerettet. Er nahm das Gewehr schussbereit in die Hand und blickte sich immer wieder um. Erkennen konnte er nichts, aber die Gefahr kam näher. Auch David spannte sich immer weiter an. Ständig blickte er zur rechten Seite. Von dort würde es kommen, was auch immer ‚ES‘ war. Plötzlich sprang David nach vorne, schob Alan hinter sich und versuchte, Darren wegzuziehen. Im selben Moment brach der riesige Grizzly etwa zwei Meter neben ihnen aus einem Gebüsch und hieb mit seiner Pranke nach Darren, der nicht schnell genug hinter David in Deckung gegangen war. Darren stürzte den halben Abhang hinunter und blieb reglos liegen. Der Bär stellte sich ihnen in den Weg. Wenn sie es nicht besser wüssten, dann würden sie dem Bären eine unheimlich gute Strategie zusprechen, denn er hatte genau die Stelle gewählt, an der sie ihm nicht ausweichen konnten, da es nach oben hin zu steil war und auf der linken Seite war an dieser Stelle ein etwa zehn Meter tiefer Graben, der zu breit war, um darüber hinwegzuspringen.

Der Bär richtete sich drohend auf und brummte laut. Alan hob langsam das Gewehr in Anschlag, und zielte genau auf die Augen. Das Herz zu treffen traute er sich nicht zu, nicht mit einem Schuss. Er feuerte den ersten Schuss ab, doch genau in dem Moment bewegte sich der Bär. Auch der zweite Schuss traf nicht richtig, verwundete den Bären nur. Fluchend beeilte sich Alan, das Gewehr nachzuladen. Die Patronen hatte er in die Jackentasche gesteckt. Doch David war schneller, er sprang auf den Bären zu und um ihn herum, bevor der Bär auch nur nach ihm greifen konnte. Irritiert blickte der Bär herum, versuchte den Mensch zu finden, der eben noch vor ihm gestanden hatte. Dann richtete Alan das Gewehr erneut auf ihn und der Bär ging wieder auf die Hinterpfoten. Darauf hatte David offenbar gewartet, denn er sprang den Bären von hinten an und verbiss sich in seiner Schlagader. Obwohl der Grizzly mit seinen Pranken nach David hieb, erwischte er ihn nicht. Binnen einer Minute lag er auf dem Boden und zuckte nur noch schwach.

Erleichtert ließ Alan das Gewehr sinken, als David zu ihm kam. Er schloss seinen Vampir in die Arme, froh darüber, dass ihm nichts passiert war. Nach einem kurzen Moment ließ er ihn wieder los und sie wandten sich um, sahen nach Darren. Der lag etwa auf halben Weg nach unten, ein Baum hatte seinen Sturz abgefangen. Alan wollte schon anfangen, nach unten zu klettern, als David ihn zurückhielt.

„Geh du nach unten und versuch, von dort einen Weg zu finden, ich versuchs von hier oben.“, bat er ihn.

Alan nickte und lief los. David machte sich an den schwierigen Abstieg, wollte seinen Gefährten nicht noch mehr verletzen, aber auch schnell bei ihm sein. Ein wenig seitlich fand er einen jungen Baum, der so biegsam war, dass er sich an dem Stamm festhalten und langsam nach unten klettern konnte. Erst als er an Darren vorbei war änderte er seine Richtung und bewegte sich langsam auf den Verletzten zu. Er konnte spüren, dass Alan sich von unten an den schwierigen Aufstieg machte. Obwohl es nur wenige Minuten gedauert hatte, bis David an Darrens Seite war, kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Er war so froh, als er das leichte Stöhnen von Darren hörte, das ihm zeigte, dass er am Leben war.

„Halte durch, Darren, wir kommen. Ganz ruhig liegen bleiben, damit du nicht abstürzt!“, sprach David leise auf ihn ein.

Endlich hatte er ihn erreicht. Er war ziemlich blass, aber hatte die Augen offen. Vorsichtig tastete David den Körper ab.

„Ich bin okay, denke ich. Aber ich hänge fest an dem Baum.“, erklärte Darren.

„Okay. Beweg dich nicht, ich versuch, dich loszumachen. Alan kommt von unten, er hilft uns sicher gleich. Halte dich am Besten fest.“, empfahl David.

Darren packte eine Wurzel, die aus dem Boden ragte und klammerte sich mit dem linken Arm fest. Sein rechter Arm lag unter seinem Körper und schien in kleineren Wurzeln und Ästen von niedrigem Buschwerk verfangen. Vorsichtig befreite David den Arm, riss dabei einige Äste ab, versuchte aber dabei, die Wurzeln nicht zu beschädigen. Alan kam ihm zu Hilfe und gemeinsam schafften sie es nach bangen Minuten, Darren frei zu bekommen. Der war inzwischen völlig durchnässt und zitterte. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten.

„Darren, halt dich an mir fest. Ich nehme dich auf meinen Rücken und Alan stützt uns von unten her, dann schaffen wir den Abstieg.“, kommandierte David.

Alan schob eine Augenbraue in die Höhe ob des Tones, den David anschlug, hielt ihn aber dennoch an den Hüften, als Darren sich von hinten schwer gegen ihn lehnte und die Arme um seine Schultern schlang, um sich festzuhalten. Langsam, Schritt für Schritt, machten sie sich an den Abstieg. Es waren nur wenige Meter, bis sie wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, aber dafür brauchten sie über eine halbe Stunde. Darren zitterte inzwischen stärker und seine Lippen waren blau, wie Alan bei einem besorgten Blick nach oben feststellte. Weil er aufgrund des Blickes nach oben einen Moment unkonzentriert war, trat er beim nächsten Schritt ungünstig auf. Sein rechter Fuß kam auf einer Wurzel auf und knickte weg. Dadurch verlor er den Halt und stürzte nach unten. Es war nur noch ein halber Meter bis zum Boden, daher kam er zwar unsanft auf, aber er verletzte sich nicht weiter. David, der es gespürt hatte, hatte sich nach hinten gelehnt, wodurch er und Darren auf dem Rücken landeten und das letzte Stück auf dem Hintern nach unten rutschten.

„Alles okay?“, wollte David wissen.

Darren nickte nur, er traute seiner Stimme nicht mehr. David zog ihn hoch, doch Darren schaffte es nicht, stehen zu bleiben. Seine Beine trugen ihn nicht mehr. Besorgt musterte David ihn. Alan hatte sich inzwischen ebenfalls in die Höhe gestemmt, doch als er den umgeknickten Fuß belastete, zischte er auf. Erschrocken drehte sich David um und warf einen Blick in Alans Gesicht. Er war leichenblass und ihm war der Schmerz deutlich anzusehen.

„David, bring Darren nach Hause, ich schaff das schon.“, befahl Alan hart.

„Aber…“, protestierte David schwach.

„Kein Aber. Darren muss ins Warme, er erfriert uns sonst. Ich werde sehen, dass ich meinen Knöchel schiene und dann folge ich dir. Es ist nicht gebrochen, nur verstaucht, ich komm klar.“, erwiderte Alan.

David wusste, Alan würde nicht von seinem Standpunkt abweichen und gab nach. Er packte Darren und hob ihn hoch, dann ging er zügig los. Alan wusste, dass es noch etwa zwanzig Minuten bis zum Haus waren von dem Punkt aus, wenn David, wie es den Anschein hatte, quer durch den Wald lief. Erstaunt sah er, wie leicht sich David trotz Darrens Gewicht auf dem Arm bewegte. Man sah es ihm nicht an, aber er war sehr kräftig. So ein Vampirbiss hatte wohl auch Vorteile, und gerade eben hatte er eine Menge Blut getrunken. Mit zusammengebissenen Zähnen suchte er sich zwei stabile, gerade Äste und zog dann seinen Gürtel aus der Hose, um sich damit eine provisorische Schiene zu basteln. Nach einer zusätzlichen kurzen Suche hatte er zwei weitere Äste gefunden, auf die er sich stützen konnte. So folgte er David langsam nach Hause.

 

 

 

Darren wimmerte immer wieder, als David ihn trug. Offenbar war er doch verletzt, wollte es aber nicht zugeben. Doch was David noch mehr Sorgen machte war, dass er aufgehört hatte zu zittern. Das bedeutete, dass er stark unterkühlt war. David musste ihn dringend nach Hause bringen. Eigentlich brauchte er einen Heiler oder einen Arzt, aber ob das eine gute Idee war, musste er mit Alan besprechen. So beeilte er sich einfach, Darren nach Hause zu bringen. Obwohl er den Anderen trug, der deutlich mehr Gewicht auf die Waage brachte als er selber, schaffte David die Strecke in knapp zwanzig Minuten. Sein Instinkt leitete ihn und er ging den direkten Weg quer durch den Wald. Auch wenn er keine Magie gebrauchen durfte, so nutzte er doch die zusätzliche Stärke, die er als Vampir hatte, wovon er bisher nur eine vage Ahnung gehabt hatte. Er schaffte es sogar, die Tür zu öffnen ohne Darren auf den Boden setzen zu müssen. Der ehemalige Slytherin lag völlig apathisch in seinem Arm. David legte ihn auf das Bett und zog ihn erst einmal aus, da seine Sachen komplett durchnässt waren. Dabei entdeckte er die Spuren, die die Krallen des Bären auf Darrens rechter Schulter hinterlassen hatten. Vorsichtig wusch er sie mit lauwarmem Wasser aus und verband sie schnell, damit sein Gefährte nicht noch weiter auskühlte. Dann zog er ihm warme Kleidung an und wickelte ihn in eine Decke ein.

David legte sich zu Darren, als er entschieden hatte, dass Alan das wohl so haben wollte. Der Ältere würde klar kommen, denn eine andere Gefahr hatte David nirgends gespürt. Der Grizzly war tot und sonst waren keine Tiere in der Nähe, die eine Gefahr für Alan darstellen könnten. Doch er würde mehr Zeit brauchen als David. Ihm konnte er momentan kaum helfen, aber dafür brauchte ihn Darren umso dringender. Körperwärme würde ihm sicher gut tun, besser als eine warme Badewanne. Das Blut in Darren musste langsam aufgewärmt werden, so viel wusste auch David.

Eine halbe Stunde später, Darren zitterte inzwischen wieder, hörte David die Tür und sprang aus dem Bett. Alan hatte die Tür noch hinter sich geschlossen, lehnte nun aber mit schweißüberströmten Gesicht und geschlossenen Augen dagegen.

„Alan?“, fragte David alarmiert.

„Wie geht´s Darren?“, lenkte Alan ab.

„Er ist an der Schulter verwundet, ich habe ihn verbunden. Dann habe ich ihn umgezogen und ins Bett gesteckt, um ihn langsam zu erwärmen. Ich hielt das für besser als ihn in die Badewanne zu stecken.“, berichtete David knapp.

„Das war gut. Leg dich zu ihm.“, keuchte Alan.

„Zuerst kümmere ich mich um dich.“, bestimmte David.

Es zeugte von Alans schlechter Verfassung, dass er nicht protestierte, als David ihm in das vordere Schlafzimmer half und ihn auf das Bett drückte. Dort entfernte er die provisorische Schiene und zog ihm vorsichtig den Stiefel vom rechten Fuß. Alan hielt still, aber David konnte die Welle aus Schmerz spüren, die durch seinen Körper ging. Der Knöchel war dick geschwollen und blutunterlaufen. David ging vor die Tür und holte etwas Schnee zum Kühlen. Dankbar sah Alan ihn an.

„Hast du noch Heiltränke oder eine Salbe dafür?“, fragte David leise.

„Ein Fläschchen müsste noch da sein, aber das gib lieber Darren. Mein Knöchel wird auch ohne Zauberkraft heilen, aber ihn wird es hoffentlich vor Schlimmerem bewahren. Ein fester Verband und hochlagern dürfte hier ausreichen.“, entschied Alan.

David nickte und holte Verbandsmaterial. Davon hatten sie genug im Haus, das konnte man immer brauchen. Mit geübten Griffen wurde Alans Knöchel bandagiert und David stützte ihn danach, dass er ins Bad humpeln konnte, bevor er ihn zu Darren ins Schlafzimmer brachte.

„Wärm du ihn erst einmal, Alan. Ich suche nach der Phiole und dann mach ich was zu essen. Ruh dich aus.“, ordnete David an und Alan widersprach nicht.

Der Tränkemeister wusste, dass er David im Moment keine Hilfe war, aber er konnte sich um Darren kümmern, der unruhig im Bett schlief. Vorsichtig zog er die Decke hoch, um darunter kriechen zu können und zog Darren dann in seinen Arm. David brachte die Phiole und sie weckten ihren Gefährten auf, damit er einen Schluck nehmen konnte. Danach kuschelte sich der Frierende erneut an Alan und schlief gleich wieder ein. David ging in die Küche und richtete alles für eine Hühnerbrühe her. Schnell kochte das Hühnerfleisch in dem Wasser und er schnippelte Gemüse dazu. Bald erfüllte ein köstlicher Duft das Haus und weckte Alan aus seinem Schlummer. Er spürte, dass der Körper neben seinem inzwischen wieder warm war, sogar ein wenig zu warm. Darren bekam Fieber. Alan richtete sich vorsichtig auf, als David mit einem Tablett ins Zimmer kam, auf dem drei dampfende Teller mit lecker duftender Suppe standen. Sie weckten Darren auf, damit er wenigstens ein bisschen aß und trank. David hatte auch Tee gebracht, den er mit reichlich Honig gesüßt hatte.

„David, du wirst in die Stadt fahren müssen und Medikamente für Darren besorgen. Mein Trank wird es nicht allein schaffen, da wir nicht mehr genug davon haben und ohne Magie kann ich diese Tränke nicht brauen.“, bestimmte Alan schließlich.

Es gefiel ihm nicht, den Jungen alleine loszuschicken, aber er sah keine andere Möglichkeit, er selber konnte mit dem Fuß nicht fahren und einer musste bei Darren bleiben. Sie konnten ihn nicht alleine lassen. Doch er brauchte dringend etwas gegen das Fieber und Antibiotika. Soweit Alan wusste, gab es die notwendigen Medikamente hier frei verkäuflich und sie brauchten keinen Arzt einzuschalten. David nickte nur, er wusste, dass Alan keine andere Möglichkeit hatte. Er war nervös deswegen, aber er würde das schaffen. Der Tränkemeister sah die Anspannung bei David und zog ihn in seine Arme. Der Kleinere lehnte sich ihm entgegen und kuschelte sich in die Arme, die ihn umfassten, ihm Halt und Sicherheit gaben. Sie strichen über seinen Rücken und seine Seite und lösten so die Anspannung. Es fühlte sich für David einfach nur gut an. Er hob seinen Kopf und seine Lippen trafen auf Alans. Der Kuss war zart und zugleich betörend, Alan musste sich konzentrieren, damit er David nicht versehentlich erschreckte. Er wusste, diese Gefühle waren noch zu viel für David, überforderten ihn. Dennoch konnte er nicht umhin festzustellen, dass David sich durchaus bewusst war, was er damit auslöste.

„Ist es wirklich so schön?“, fragte David leise, als er sich löste.

„Wenn es aus Liebe passiert, ja. Doch auch da ist es anfangs ein wenig unangenehm, aber wenn der Partner gut vorbereitet wird, dann ist das nur kurz.“, erklärte Alan vorsichtig.

David brauchte Ehrlichkeit, aber es durfte nicht zu weit gehen. Der Gryffindor nickte nur nachdenklich. Er lehnte sich noch eine Weile bei Alan an und genoss die Nähe, dann stieg er aus dem Bett. Er würde gleich fahren, noch war es hell, aber es würde noch maximal eine Stunde Sonne geben, dann ging sie unter und David wollte ungern bei Nacht alleine herumfahren. Auch wenn er inzwischen ganz geübt mit dem Auto war, er fuhr doch lieber bei Tageslicht.

Rasch war er im kleinen Ort Maple Falls angekommen. Dort lenkte er zielgerichtet zum Drugstore und parkte vor dem Laden. Er wusste dank Alan genau, was er brauchte und konnte eine Viertelstunde später bereits den Rückweg antreten. Bei der Tankstelle hielt er noch schnell an, da sie immer darauf achteten, dass der Tank so voll wie möglich war, falls sie fliehen mussten. Unterwegs konzentrierte er sich auf das Fahren, da er immer noch nicht viel Erfahrung hatte und erschrak furchtbar, als hinter ihm plötzlich Blaulicht aufblitzte und er aufgefordert wurde, stehen zu bleiben. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte bisher nur eine Kontrolle miterlebt, auf einer Fahrt nach Fairhaven, da war Alan gefahren. Er erinnerte sich, was der damals gemacht hatte. Die Hände legte er aufs Lenkrad und wartete ab. Der Sheriff deutete ihm an, das Fenster nach unten zu kurbeln. Äußerlich ruhig tat David wie verlangt, auch wenn seine Finger ein wenig zitterten.

„Na, junger Mann, ganz alleine unterwegs? Ich würde gerne den Führerschein und die Papiere sehen.“, befahl der Sheriff ruhig.

„Natürlich, Sir. Dürfte ich auch nach ihrem Ausweis fragen?“, entgegnete David ebenso ruhig.

Der Sheriff hielt ihm seine Marke hin.

„Danke Sir. Mein … Dad hat mir beigebracht, vorsichtig zu sein.“, erklärte David, während er die geforderten Papiere aus dem Fenster reichte.

„Da hat dein Dad Recht. Hier sieht alles gut aus. Ich hatte nur den Eindruck, dass du sehr jung aussiehst, aber es ist tatsächlich alles in Ordnung, Mister Rickman. Gute Fahrt noch.“, verabschiedete sich der Sheriff von David.

„Danke.“, erwiderte David, als er seine Papiere wieder bekam.

Schnell kurbelte er das Fenster wieder nach oben und fuhr weiter. Er war froh, dass der Sheriff nach einer Meile oder so wieder umdrehte und nicht genauer nachforschte, wo er hinfuhr. Sein Herz schlug ihm immer noch bis zum Hals. Erst als er das Haus sehen konnte, ließ die Anspannung nach. Er fuhr gleich in die Garage und ging dann ins Haus. Seine beiden Gefährten schliefen, aber David konnte sehen, dass es Darren nicht besonders gut ging. Eine Hand, die er ihm auf die Stirn legte, zeigte ihm, dass Darren hohes Fieber hatte. David ging in die Küche und richtete ein Glas Wasser her, in dem er eine Tablette gegen das Fieber auflöste. Zusätzlich nahm er die erste Tablette von dem Antibiotikum aus der Packung und brachte beides ins Schlafzimmer. Sanft versuchte er Darren zu wecken, damit er die Medikamente nahm, doch erst als Alan wach wurde und ihm half, konnten sie ihm die Medizin einflößen.

David hatte auch eine Salbe mitgebracht, die die Wundheilung beschleunigen sollte und löste daher Darrens Verband. Vorsichtig strich er ein wenig davon auf die Kratzer und verband sie dann neu. Alan hatte sich die Wunden angesehen und festgestellt, dass sie auch ohne Magie schnell heilen dürften, da die Jacke doch das Meiste abgefangen hatte. Dann steckten sie Darren wieder unter die Decken. Erst jetzt bemerkte Alan die Anspannung bei David. Auf seine Nachfrage erzählte David von der Kontrolle und dass er nervös gewesen war und Angst gehabt hatte. Alan beruhigte ihn und schickte ihn ins Bad, damit er sich bettfertig machen konnte. Es war ein langer Tag für den jungen Vampir gewesen. Danach ließ er selber sich noch einmal ins Bad helfen und am Schluss brachte David auch Darren noch einmal hinüber, damit er sich erleichtern konnte. Schließlich lagen sie alle drei wieder im Bett, nahmen Darren in die Mitte und hielten ihn so warm, damit er sich ausschwitzen konnte.

In den nächsten Tagen verschlechterte sich Darrens Zustand trotz der Medikamente erst einmal drastisch. Er war kaum ansprechbar, das Fieber war unvermindert hoch und er bekam einen rasselnden Husten. Alan befürchtete sogar eine Lungenentzündung. Auch Alans Knöchel schwoll erst einmal nicht ab. David brachte ihm immer wieder Schnee zum Kühlen und verband ihn regelmäßig neu. Dafür hatte er im Drugstore ebenfalls eine Salbe gekauft, die eine schmerzlindernde und abschwellende Wirkung haben sollte, doch es schien zu dauern. Alan verbrachte freiwillig die meiste Zeit im Bett und blieb bei Darren. Darren kämpfte. Er schaffte es selten, länger wach zu bleiben, als zum Essen oder für das Bad nötig war. Immer wieder fantasierte er im Fieber. David erneuerte seine Wadenwickel, sobald die Tücher zu warm wurden, was etwa nach einer Stunde der Fall war. Doch Alan und David machten sich Sorgen, dass Darren es nicht schaffen könnte. Sein Husten wurde immer schlimmer, seine Lungen rasselten inzwischen bei jedem Atemzug.

„Was können wir noch tun?“, fragte David am dritten Tag.

„Er bräuchte einen Heiler, aber wir können es nicht riskieren. Mal ganz davon abgesehen ist meines Wissens nach hier in der Nähe kein Heiler, da weit und breit kaum Zauberer leben. Genau deswegen hat Sirius uns hierher geschickt. Und auch ein Krankenhaus ist zu riskant. Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob wir hier wirklich in Sicherheit sind. Sobald der Lord auch nur die geringste Idee hat, wo wir sein könnten, ist er unbarmherzig hinter uns allen her.“, erwiderte Alan.

David spürte Alans Verzweiflung. Er wollte sie beide beschützen, aber es sah so aus, als würde es für Darren bald zu gefährlich. Der Drache durfte nicht sterben! Wieder kuschelte er sich zu ihm.

„Komm schon, Darren, kämpf weiter!“, flehte David seinen Gefährten an.

„Harry?“, kam es leise von dem.

„Ja, Dray. Ich bin hier. Du musst uns helfen, damit du wieder gesund wirst. Hier, nimm deine Medizin.“, redete David auf ihn ein.

„Sev?“, nuschelte Darren nun.

„Ich bin hier, Draco. Wir lassen dich nicht alleine. Kämpf, mein Drache.“, beruhigte ihn Alan.

Darren schluckte alles, was David ihm an die Lippen hielt, während er mit dem Rücken an Alans Brust gelehnt da saß. Dann schloss er wieder erschöpft die Augen.

„Haltet mich fest!“, bat er leise.

Die beiden Gefährten schlangen je einen Arm um ihn und legten sich nahe an den fieberheißen Körper. Darren fiel in einen tiefen Schlaf. David spürte, dass dieser Schlaf ihm helfen würde zu heilen. Doch auch am nächsten Tag sank das Fieber nicht.

„David, das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber ich denke, du kannst ihm helfen. Mir ist heute Nacht etwas eingefallen, was ich mal vor Jahren gehört habe. Ein Vampir kann seinem Gefährten das Blut reinigen. Es wird nicht auf einmal klappen und du darfst auch nicht zu viel Blut aussaugen, aber wenn du Blut von ihm trinkst, wird sein Körper neues Blut bilden und das ist frei von Krankheitserregern. So wird nach und nach dem Körper geholfen, gegen die Erreger zu kämpfen.“, sagte Alan nach der siebten Nacht.

„Bist du sicher, Alan?“, fragte David unsicher.

Er war erschöpft, da Alan inzwischen zwar wieder aufstehen konnte, aber immer noch etwas brauchte um sich abzustützen, wenn er gehen wollte. Daher blieb die meiste Arbeit an David hängen. Er beklagte sich nicht und machte es auch gern, aber die Müdigkeit nagte dennoch an ihm.

„Versuch es. Wenn du nur wenig trinkst, wirst du ihm zumindest nicht schaden.“, entschied Alan.

Auch er hatte die Müdigkeit bei David bemerkt und verfluchte sich selber, weil er nicht helfen konnte. Bestätigend sah er David an. Unsicher, aber dennoch von einem gewissen Verlangen getrieben, näherte sich der Vampir Darrens Hals. Der Braunhaarige bekam es offenbar mit und drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite, sodass sein Gefährte leichter herankam.

„David. Versuch es.“, wisperte Darren.

Sanft leckte David daraufhin über den Hals und biss dann in das Blutgefäß. Er saugte ein wenig Blut und stellte fest, dass es ziemlich bitter schmeckte. Nur kurze Zeit später nahm er sich zurück und leckte noch einmal über die Wunde, die sich sofort schloss. Sein Gesicht schien Alan alles zu sagen.

„Du schmeckst die Medikamente?“, wollte er wissen.

„Bäh, das war bitter. Ohne das Zeug schmeckt er deutlich besser.“, kommentierte David.

Alan lachte leise.

„Sorry.“, murmelte Darren mit einem Grinsen auf seinem blassen Gesicht.

„Darren, wie geht´s dir?“, fragte David besorgt.

„Ich fühl mich besser.“, erwiderte Darren.

„Schlaf jetzt, Drache.“, empfahl Alan. „Und du auch, David. Ich werde heute Essen machen, und keine Widerrede!“, bestimmte der Tränkemeister dann noch.

 

 

 

 

Unruhig ging Remus in der kleinen Zelle auf und ab. Er hatte zwar keine Ahnung mehr, wie lange sie schon in dem Kerker waren, doch er spürte den nahenden Vollmond. Der Vorteil war, dass seine Wunden schneller verheilten, der Nachteil, dass sie sich nun auch in der Zelle in Gefahr befanden, wenn Sirius sich nicht verwandelte. Seit ihrer Gefangennahme waren sie mehr oder weniger konstanter Folter ausgesetzt. Oftmals hatte man ihnen nicht eine Frage gestellt, sie nur stundenlang gequält und dann wieder in die kleine Zelle geworfen. Sirius hatte es diesmal schlimm erwischt, er lag bewusstlos auf dem Boden. Doch um nicht in Gefahr zu sein, von seinem besten Freund zerfleischt zu werden, sobald dieser sich in einen Werwolf verwandelte, musste sich Sirius verwandeln. Remus konnte nicht genau sagen, wie viel Zeit sie noch hatten, aber es war nicht mehr viel. Eher nur noch ein paar Stunden, so stark wie der Ruf des Mondes bereits war. Er musste ihn irgendwie dazu bringen, aufzuwachen und sich zu verwandeln. Egal wie gefährlich das bei seinen Verletzungen war, es war immer noch besser als die Alternative.

„Sirius, wach auf. Du musst wach werden und dich dann verwandeln. Komm schon, Tatze. Ich kann den Vollmond spüren.“, rüttelte Remus an seinem Freund.

Stöhnend regte sich Sirius. Mit einer gewissen Anstrengung öffnete er seine Augen.

„Wie lange?“, krächzte er heiser.

„Höchstens noch ein paar Stunden. Verwandle dich, dann kannst du weiter ausruhen.“, versprach Remus.

„Ich werde dich nicht alleine lassen. Hilf mir hoch.“, antwortete Sirius.

Remus half seinem Freund in eine sitzende Position. Stehen würde er nicht können, dafür war er zu schwach. Hoffentlich schaffte er die Verwandlung. In diesem Zustand war es mehr als riskant, es war lebensgefährlich. Dankbar lehnte sich Sirius einen Moment bei Remus an, dann straffte er seinen Rücken und konzentrierte sich auf seine Animagus-Form. Glücklicherweise brauchte er für die Verwandlung keinen Zauberstab mehr. Nur Momente später lag er als Hund auf dem Boden vor Remus´ Füßen und winselte leise. Remus strich ihm zärtlich über das schwarze Fell. So blieben sie eine Zeit lang, bis Remus spürte, dass er sich auch gleich verwandeln würde. Schnell zog er die letzten Fetzen seiner Kleidung aus, damit sie nicht noch weiter litt und dann setzte die Verwandlung ein.

Seine Haut riss auf, als der große Wolf nach außen drang. Remus schrie vor Schmerzen auf, konnte es nicht zurückhalten. Der Schrei ging nach und nach in ein Heulen über, als die Verwandlung weiter fortschritt und aus dem Gesicht langsam eine lange Schnauze wuchs. Die Ohren verwandelten sich und rückten nach oben auf den Kopf. Etwa eine Viertelstunde, nachdem es begonnen hatte, war die Verwandlung wirklich komplett. Winselnd schritt der Wolf in der Zelle hin und her. Er beachtete den großen Hund nicht, der auf dem Boden lag und aufmerksam jeden Schritt verfolgte. Der Hund gehörte zu seinem Rudel, er war seine Anwesenheit gewohnt. Doch die silbernen Gitter schmerzten ihn, sobald er ihnen zu nahe kam, sperrten ihn ein in diesen engen Raum. Moony wollte laufen, wollte frei sein. Doch es ging nicht. Wütend biss er sich in seine Pfote. Der Hund winselte und stand zitternd auf, humpelte zu ihm hinüber. Sanft leckte er über die Verletzung und stieß mit seiner Schnauze immer wieder in die Seite des Wolfes. Schließlich folgte der Sandfarbene der stummen Aufforderung und legte sich hin.

Wieder verbrachten sie eine Nacht aneinander gekuschelt in ihrer jeweiligen Tierform. Nach der anfänglichen Unruhe, die von dem Werwolf ausgegangen war, schaffte es der Hund, ihm die nötige Ruhe zu geben. Immer noch winselte der Wolf, aber er verletzte sich nicht mehr, so lange der Hund ihm immer wieder über die Seite leckte. Das schien Moony zu beruhigen und zu entspannen. Gegen Morgen verwandelte sich Moony zurück in Remus, was wieder von Heulen und Schreien begleitet wurde, da Remus aufgrund seiner Verletzungen durch die Folter nicht gerade in seinem besten Zustand war. Auch Sirius verwandelte sich zurück und fiel direkt danach in einen erschöpften Schlaf. Remus zog ihn an sich und teilte seine Körperwärme mit ihm, bevor auch er einschlief. Nicht lange hatten sie geschlafen, als sie unsanft geweckt wurden, weil der Lord sie sehen wollte. Trotzig richteten sich die beiden ehemaligen Gryffindors auf. Sie würden nicht aufgeben, das hatten sie sich geschworen, und keine Schwäche zeigen. Für Harry. Und auch für Severus und Draco. Die drei sollten sicher sein und bleiben. Auf dem Weg zum Salon dachte Sirius an sein Patenkind und dessen neue Freundschaft. Wie ging es ihnen wohl gerade? Harry war wahrscheinlich inzwischen verrückt vor Sorge, da er so lange nichts mehr von ihnen gehört hatte. Sie waren nun schon einen Monat nicht mehr in der Lage gewesen, ihm zu schreiben.

Immer noch waren beide wie benebelt, doch es war nicht mehr wie am Anfang, sie hatten nicht mehr das Gefühl, reden zu müssen, es war eher eine schmerzlindernde Wirkung oder besser, der Schmerz wurde zum Teil betäubt. Als würde jetzt etwas Anderes dem Wasser beigemischt. Dennoch konnten sie nicht lange klar denken, da die Gedanken zu sehr durcheinander wirbelten. Auch den Weg, den sie gingen, konnten sie sich einfach nicht merken. Jedes Mal schienen sie einen anderen Weg zu nehmen, aber sie kamen immer im gleichen Raum an. Diesmal erwartete Voldemort die Beiden. Wieder durften sich die Todesser erst an ihnen austoben, bevor Voldemort aufstand und langsam auf sie zuging. Sirius und Remus lagen zitternd auf dem Boden, einerseits vor Kälte, da das Haus nicht geheizt war, andererseits durch die Fluchnachwirkungen.

„Werdet ihr mir heute freiwillig sagen, wo Harry Potter steckt? Oder dieser Narr Dumbledore?“, fragte er leise.

„Niemals. Fahr zur Hölle!“, krächzte Sirius heiser und spuckte auf seinen Umhang.

„Hund! Das wirst du büßen!“, fauchte Malfoy.

Er wollte Sirius gerade verfluchen, doch Voldemorts erhobene Hand stoppte ihn.

„Später, mein treuer Diener. Erst will ich meine Informationen, danach kannst du tun, was immer dir Spaß macht!“, versprach Voldemort.

Dann drang er in Sirius´ Geist ein und wühlte sich durch seine Erinnerungen. Der Schwarzhaarige konnte immer wieder ein Schreien nicht mehr unterdrücken, denn der Unnennbare ging nicht gerade zimperlich vor. Doch da war nichts, was der Dunkle wissen wollte. Er hatte inzwischen den Standort von Harry Potters Zuhause erkundet und dort die Verwandten gefunden, doch auch diese hatten nichts gewusst. Und hier schien es ebenso zu sein. Er fand nichts, was von Wert war. Das Einzige, was aktuell war, das war verwirrend. Es schienen willkürliche Buchstaben zu sein und ein seltsames Zeichen, aber es stand ganz sicher in Zusammenhang mit dem jungen Potter, denn es war gut verborgen im Kopf des Animagus. Der Lord zog sich zurück. Diese Information würde er später analysieren, ob sie denn überhaupt nützlich war. Und was sie überhaupt bedeutete, möglicherweise war es nur eine Ablenkung. Er wusste genau, dass Auroren darauf trainiert wurden, unter Legilimentik auch falsche Informationen als Ablenkung zu geben.

Doch er ließ sie noch nicht wieder zurückbringen, sondern drang auch in die Gedanken des Werwolfs ein. Hier war es einfacher, da dieser keine Okklumentik beherrschte. Doch auch hier fand er – trotz einer langen und ausführlichen Suche – nur ein paar Hinweise auf den Inhalt von Briefen von Potter, die aber nichts enthielten, was auf dessen Aufenthaltsort hinwies. Genauso wenig darauf, wie diese Briefe verschickt wurden, da hatte sich offenbar Black darum gekümmert. Aber heute gab er sich damit nicht zufrieden, er war frustriert und suchte weiter nach Hinweisen über den Orden. Es musste doch eine Möglichkeit geben, Dumbledore auszuschalten. Wer waren die Spione für den alten Narren? Der Wolf konnte die Häuser nicht verraten, da sie mit dem Fidelius geschützt waren, aber vielleicht wusste er doch etwas? Er ließ die beiden zurück in ihre Zelle bringen, er musste nachdenken. Die wenigen Informationen über Potter, die er den beiden Gedächtnissen entnehmen hatte können, waren nur ein kleiner Anhaltspunkt, halfen ihm aber im Moment nicht weiter. Er war sich sicher, dass der Giftmischer das Gedächtnis der beiden manipuliert hatte, aber wie in allem, was Snape tat, war auch hier nicht eine Spur zurückgeblieben. Und wenn dieser Potter unterstützte, dann war er mit Sicherheit nicht einfach zu finden. Er musste Potter hervorlocken, aber wie er das erreichen sollte, darüber war er sich noch nicht im Klaren. Außerdem musste er überlegen, wie er diesen verdammten Dumbledore und seinen Orden endlich vernichten konnte. Seine neuen Untertanen, wie er das britannische Volk, egal ob magisch oder nicht, inzwischen nannte, waren nicht so untertänig, wie sie es sein sollten, so lange der Widerstand noch andauerte. Wenn er es schaffte, Dumbledore zu töten, dann sollte es zu Ende sein, da dieser der Kopf war. Vielleicht würde infolge dessen auch Potter auftauchen. Er sollte Dumbledore am besten lebend fangen und anschließend öffentlich hinrichten lassen. Das würde sich bestimmt auch bis zu Potter herumsprechen, egal wo er sich versteckte. Vielleicht konnte er mit dem Wenigen, was er aus Lupins Gedächtnis hatte, etwas anfangen.

Diese Gedanken verfolgten Voldemort und er verbrachte die nächsten Tage und Wochen mit Planungen, stellte einen Plan nach dem anderen auf, um sie wieder zu verwerfen. Seine Todesser unter Führung seiner rechten Hand Lucius Malfoy kümmerten sich darum, dass es die beiden in der Zelle nicht so leicht hatten und täglich einige Stunden gefoltert wurden. Bis zum nächsten Vollmond ging die Zeit so herum und wieder verwandelte sich Remus in der Zelle und musste von einem winselnden und verletzten Hund beruhigt werden. Sirius und Remus hatten die Hoffnung, befreit zu werden, fast aufgegeben. Dennoch kämpften sie immer noch und hielten sich gegenseitig aufrecht. Es war ein Wunder, dass sie nicht getrennt wurden, denn dann hätten sie nicht so lange durchgehalten. Doch Voldemort hatte scheinbar gemerkt, dass er sie zwar brechen könnte, es ihm aber nicht helfen würde. So war es eine tägliche Qual für die beiden, sich gegenseitig leiden sehen zu müssen und nicht helfen zu können. Die Foltern reichten von schwarzmagischen Flüchen bis hin zu Muggelmethoden und veränderten sich tagtäglich. Sie konnten sich kaum davon erholen, schon ging es weiter.

Ihre Körper waren ausgemergelt, da sie zusätzlich kaum Nahrung bekamen und nur das weiterhin bitter schmeckende Wasser. Sie waren sich sicher, dass dem Wasser etwas beigemischt war, dass sie wahrscheinlich reden lassen sollte, aber sie konnten nicht verraten, was sie nicht wussten und waren unheimlich dankbar für die Tatsache, dass sie sich an nichts Wichtiges erinnern konnten. Ansonsten hätte Voldemort Harry sicher schon in der Hand. Auch der Widerstand um Dumbledore schien noch nicht gebrochen zu sein, wie sie aus den wenigen Bemerkungen, die sie von den Wachen oder manchmal von Voldemort selber hörten, schließen konnten. Dennoch waren sie inzwischen absolut am Ende. Ihnen schien, als ob sie nie wieder warm werden würden. Ihre restliche Kleidung bestand nur noch aus Fetzen, die gerade das Nötigste verdecken konnte und es war bitterkalt in den Kerkern. Sie wussten immer noch nicht genau, wo sie eigentlich waren, aber sie hatten die Vermutung, dass es Malfoy-Manor sein könnte, da sie einmal durch eine Tür sehen hatten können, hinter der das Wappen der Familie Malfoy zu sehen war. Normalerweise waren auf ihren Wegen immer alle Türen geschlossen, aber einmal stand eine Tür einen Spalt weit offen. Malfoy hatte denjenigen, der dafür verantwortlich war, grausam bestraft. Sirius und Remus waren gezwungen gewesen, zuzusehen.

Warum kam denn niemand, um sie zu befreien? War der Orden wirklich so am Ende, wie Voldemort ihnen erzählte? Oder glaubte Dumbledore inzwischen, dass sie gar nicht mehr am Leben waren? Hatten die Anderen die Hoffnung aufgegeben? Weder Sirius noch Remus wollten das glauben, denn wenn sie anfingen, das zu glauben, dann wären sie wirklich am Ende. Sie brauchten diese Hoffnung, um sich immer wieder aufrichten zu können, um nicht aufzugeben. Viele der Foltern hinterließen spürbare Folgen, so konnten sie oft nicht mehr richtig atmen, ihre Knochen waren immer wieder gebrochen worden und notdürftig geheilt. Striemen und Schnitte überzogen ihre gesamten Körper, doch sie weigerten sich standhaft, aufzugeben. Für Harry, sagten sie sich immer wieder. Der Gedanke an ihren Kleinen hielt sie aufrecht. Wie lange würden sie das noch schaffen? Zwei Vollmonde hatten sie inzwischen überstanden, das war die einzige Möglichkeit für sie, die Zeit zu schätzen, die sie sich in Gefangenschaft befanden. Sie waren dankbar, dass sie einander Stütze und Halt sein konnten.

 

Dumbledore ging durch die Zimmer des Longbottom-Hauses. In den meisten Betten lagen Verletzte, sie hatten die letzte Nacht versucht, wieder einmal die Bevölkerung in und um Godric’s Hollow zu schützen, da sie von Fenrir erfahren hatten, dass ein Überfall auf das Zauberdorf geplant war. Der Werwolf hatte es auch nach der Gefangennahme von Remus und Sirius nicht aufgegeben, für den Phönixorden zu spionieren. Das Risiko, enttarnt zu werden, wurde immer größer, aber Fenrir weigerte sich, in Deckung zu gehen. Bisher hatte der Lord offenbar noch keine derartigen Informationen von seinen Gefangenen erhalten. Nur Notfallportschlüssel hatten er und zwei weitere Wölfe, die weiterhin spionierten, angenommen, dass sie im Falle der Entdeckung rasch fliehen konnten. Einen Toten hatten sie nach dem letzten Überfall auf Godric’s Hollow zu beklagen, ein Neffe von Minerva hatte einen Fluch abbekommen und war verblutet. Von den anderen Ordensmitgliedern war kaum einer unverletzt geblieben. Auch er selber war verwundet worden, hatte sich aber vor einigen Minuten aufgerafft, um seinen Kämpfern zu helfen. Wenn er auch nicht viel ausrichten konnte, dafür waren die Heiler und ihre Helfer zuständig, so konnte er ihnen zumindest Beistand leisten und seine Anerkennung ausdrücken. Immerhin hatten sie es geschafft, die Todesser zurückzudrängen und so das Dorf vor der Auslöschung bewahrt. Was der Auslöser für diesen Überfall war, da konnten sie nur raten, Voldemort hatte sich nicht dazu geäußert. Doch eines hatten sie offenbar erreicht: Die Dorfbewohner standen nun hinter ihm. Sie hatten nicht lange gezögert und sich dem Orden angeschlossen. Nun war das ganze Dorf in einem weiteren geschützten Haus untergebracht. Es wurde langsam kritisch, da sie so viele waren, die auf engstem Raum zusammen lebten, aber es war notwendig.

Er kam in das Zimmer der am schwersten Verletzten, um die sich die ehemalige Schulheilerin Madam Pomfrey kümmerte. Zusammen mit den Schülern, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten, hatte sie hier eine Art Krankenhaus aufgebaut. Sie mussten mit einem Minimum an Tränken auskommen, aber sie halfen wo sie konnten. Luna Lovegood und Ginny Weasley hatten ein erstaunliches Talent bewiesen, was das Heilen anging und die Weasley-Zwillinge hatten alle überrascht, dass sie die Heiltränke zubereiten konnten. Es war nicht in der Qualität, die Severus geliefert hatte, aber immerhin waren sie einwandfrei gebraut. Auch die anderen Schüler unterstützten sie nach Kräften, Neville Longbottom hatte es geschafft, viele der benötigten Kräuter in einem geschützten Garten zu züchten und so konnte er die Zwillinge mit vielen der notwendigen Zutaten ausstatten. Kingsley lag blass und schweißgebadet in einem der Betten. Er hatte Einiges abbekommen, aber er würde es schaffen, auch wenn er noch mindestens eine Woche Bettruhe brauchte. Er schlief inzwischen. Poppy kümmerte sich um Tonks, die ein Bein verloren hatte, das nun neu wachsen musste, was relativ schmerzhaft war und nicht mit Schmerztränken behandelt werden konnte, um den Heilungsprozess nicht zu gefährden.

Ginny kümmerte sich um Mundungus Fletcher, der einen Erblindungsfluch abbekommen hatte und viele Schnittwunden, weil er durch eine Glasscheibe geschleudert worden war. Luna sprach Heilzauber über den Körper von Fenrir Greyback, der die Todesser von hinten aufgemischt hatte. Glücklicherweise hatte er es geschafft, lebend zu entkommen, dennoch waren seine Verletzungen nicht unerheblich. Doch Luna schien ihn im Griff zu haben, sie war eine der Wenigen, die den Werwolf vorbehaltlos akzeptierten. Luna sah auf und erkannte den fragenden Blick des Ordensführers. Sie lächelte beruhigend. ‚Er wird schon wieder!‘, formten ihre Lippen. Dumbledore nickte ihr dankbar zu. Er hatte viele Fehler gemacht, als er Harry zu seinen Verwandten gegeben und sich nicht weiter um ihn gekümmert hatte. Die Vorwürfe, die er sich selber deswegen machte, waren schlimmer als alles, was die Anderen ihm vorwarfen. Lange hatte er darüber nachgedacht und erkannt, dass sie Recht gehabt hatten, Sirius, Remus und auch Severus. Er hatte in Harry nie ein Kind gesehen, der Junge hatte sich immer so erwachsen gegeben, und er war James so ähnlich gewesen, dass er nicht weiter nachgedacht hatte.

Nein, er war so froh gewesen, eine Möglichkeit zu sehen, Voldemort vernichten zu können, dass er unbewusst den Jungen zu seiner Waffe, zu einer Schachfigur gemacht und dessen persönliches Wohl völlig außer Acht gelassen hatte. Das durfte ihm nie wieder passieren. Das war nicht er. Er wollte die Menschen schützen. Und das bedeutete alle Menschen, auch Harry. Und Severus. Auch da hatte er Fehler gemacht. Der Tränkemeister hatte nie gezeigt, wie schwer das Ganze für ihn gewesen war, aber er hätte sehen müssen, wie es seinem Spion ging. Das war seine Verantwortung gewesen. Nur zu leicht hatte er es immer wieder von sich geschoben, da Severus nie Anzeichen gezeigt hatte, dass es ihm zu viel wurde. Severus hatte sich nie etwas anmerken lassen, schon als Schüler nicht. Warum hatte er es nicht gesehen? Sein Spion wäre unter der Last beinahe zusammengebrochen, aber er, sein Mentor, hatte es nie wahrgenommen. Doch es brachte nichts, sich jetzt diesen Vorwürfen hinzugeben. Er musste die Vergangenheit loslassen, durfte dabei aber nicht vergessen, aus seinen Fehlern zu lernen. Jetzt war die Gegenwart wichtig und die Zukunft. Zwei seiner besten Kämpfer waren in der Hand von Voldemort, und auch wenn er nicht wusste, ob die beiden noch lebten, er musste sehen, dass er sie dort rausholte. Was bedeutete, er musste erst einmal herausfinden, wo DORT war, denn Fenrir hatte ihm nichts dazu sagen können. Voldemort hatte offenbar auch mehrere geschützte Standorte, und nur einer davon war dem Werwolf bekannt, doch er konnte es nicht sagen, der Fidelius-Zauber war auch darauf.

„Dumbledore, sie sind wohl noch am Leben.“, flüsterte Fenrir jetzt, als Albus neben ihm stand.

„Du meinst Sirius und Remus? Hast du sie gesehen?“, fragte Dumbledore zurück.

„Ja, die Beiden. Ich habe sie nicht gesehen, aber ich habe gehört, wie Malfoy mit Crabbe und Goyle darüber gesprochen hat, dass er heute noch den Wolf und seinen Hund zum Spielen hätte.“, berichtete Greyback leise.

Er sprach langsam und stockend, sehr leise, so dass Dumbledore genau hinhören musste, aber er musste es ihm sagen. Dumbledore legte ihm seine Hand auf den unverletzten Arm.

„Weißt du mehr, Fenrir?“, wollte er wissen.

„Nein, tut mir leid. Aber es muss irgendwo sein, wo Malfoy öfter ist. Doch es sind zu viele Möglichkeiten.“, wisperte der Werwolf. „Der Lord muss gewusst haben, dass ich nicht mehr auf seiner Seite bin, Godric’s Hollow war eine Falle. Danke für den Portschlüssel, ohne den hätte ich es nicht geschafft.“

„Danke dir, du hast viel riskiert. Schlaf jetzt. Ich bin froh, dass du es geschafft hast.“, beruhigte ihn Dumbledore.

„Sie sind zusammen in einer Zelle, in einem Keller, mit silbernen Gittern.“, sagte Luna leise.

„Miss Lovegood?“, fragte ein erstaunter Dumbledore.

„Ich kann es sehen, manchmal. Es ist wie eine Vision. Aber ich kann nicht sagen, wo sie sind. Sie sind verletzt, sie frieren und sie werden bald krank. Es ist so kalt und sie haben nichts zum Wärmen.“, berichtete Luna.

„Haben sie Sehergene, Miss Lovegood?“, interessierte sich Dumbledore.

„Nicht dass ich wüsste. Aber manchmal sehe ich Dinge. Ich weiß auch, dass Harry mit Draco Malfoy und Professor Snape irgendwo in einem Wald in einem Haus lebt. Die drei helfen sich gegenseitig, ihre Vergangenheit zu verarbeiten, sie brauchen die Ruhe, aber ich weiß nicht, wo sie sind. Sie wollen nicht gefunden werden. Harry macht sich Sorgen um seinen Paten und Professor Lupin.“, erklärte Luna.

„Können sie vielleicht herausfinden, wo Sirius und Remus sind? Jeder Hinweis kann uns helfen, um sie zu befreien.“, wagte Dumbledore zu fragen.

„Ich sehe nur kleine Schnipsel. Aber wenn sie möchten, können sie sich das nachher gerne ansehen, ich muss mich aber zuerst fertig um Fenrir kümmern.“, entschied Luna.

„Natürlich, Miss Lovegood. Und dann möchte ihr Vater sie gerne sehen, er wurde leicht verletzt und wartet im Salon auf sie.“, antwortete Dumbledore.

Luna nickte kurz und wandte sich dann wieder mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit dem Werwolf zu. Wenige Minuten später lachte sie ihn an.

„So, Fenrir, du bist so gut wie neu. Schlaf noch ein paar Stunden und dann kannst du wieder aufstehen. Hier, ein bisschen Traumlos-Schlaftrank. Ruh dich aus, ich sehe nachher nochmal nach dir, wenn du ausgeschlafen hast und wag es ja nicht, aufzustehen, bevor ich es dir erlaube.“, mahnte Luna.

Fenrir lächelte sie an und salutierte scherzhaft im Liegen. Er mochte das Mädchen. Sie war anders, aber er fand es angenehm. Luna akzeptierte ihn, schien zu sehen, dass er wirklich auf ihrer Seite stand. Die Anderen waren sich da oft unsicher und mieden ihn weitestgehend. Er war nicht böse, konnte es verstehen, aber es freute ihn, dass er Luna als Freundin hatte. Die Kleine war etwas Besonderes, vorurteilsfrei und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie sah mehr als Andere, wusste oft, was in ihrem Gegenüber vorging. Genauso schräg wie ihr Vater, wenn sie sich beobachtet wusste, aber in Ruhe war sie tiefgründig und einfühlsam. Langsam schlief er ein, als die Wirkung des Trankes einsetzte. Luna ging in den Salon zu ihrem Vater. Der saß etwas blass aber aufrecht auf dem Sofa. Seine Tochter lief schnell zu ihm und kuschelte sich in seine Arme. Sie war froh, dass es ihm gut ging, wollte ihn nicht auch noch verlieren wie damals ihre Mutter. Aber sie wusste, dass er mit ganzem Herzen hier dabei war und würde ihm das nicht verwehren. Auch wenn es ihr schwer fiel.

„Hey mein Engel! Geht es dir gut?“, fragte Xenophilius leise.

„Ja, Dad. Ich bin froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist!“, gestand Luna und vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter.

„Ich weiß. Aber wir müssen tun, was wir können, damit wir alle und vor allem Harry in Zukunft ruhig leben können. Ich werde auf mich aufpassen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass mir nichts passiert. Ich hab dich lieb, Kleine!“, wisperte ihr Vater.

„Das weiß ich doch, Dad. Ich hab dich auch lieb. Professor Dumbledore wollte noch kommen, vielleicht findet er heraus, wo Mr. Black und Professor Lupin sind. Ich habe sie gesehen, aber ich weiß nicht, wo sie sind.“, erklärte Luna.

„Du hast das Talent deiner Mutter geerbt, meine Kleine. Sie hatte auch manchmal Visionen.“, lächelte Xenophilius sanft.

Sein Blick fiel auf Dumbledore, der nun im Türrahmen stand. Er lächelte sie beide an und seine blauen Augen funkelten.

„Vielen Dank, Xenophilius, deine Unterstützung ist sehr viel wert. Und deine Tochter hat ein großes Herz und eine geschickte Hand beim Heilen. Vor allem mit einem gewissen Werwolf.“ schmunzelte Albus.

„Fenrir ist nicht böse, er ist auch nur jemand, dessen Schicksal schlimme Wege eingeschlagen hat, aber er ist auf unserer Seite. Wollen sie jetzt meine Erinnerungen ansehen, Professor?“, bot Luna an.

„Gerne, wenn es dir wirklich nichts ausmacht. Es kann ein wenig unangenehm werden, aber wenn du dich darauf konzentrierst, was du gesehen hast, dann können wir es schnell hinter uns bringen.“, versprach Dumbledore.

„Natürlich.“

Luna schloss kurz die Augen und konzentrierte sich. Dann öffnete sie ihre Augen wieder und nickte dem Weißhaarigen zu.

„Legilimens.“, sprach Dumbledore leise und drang vorsichtig in Lunas Gedanken ein.

Er sah, was Luna in ihren Visionen gesehen hatte. Die junge Frau war erstaunlich konzentriert und zeigte ihm detailreich ihre Sicht. Er musste nicht lange suchen und ihr keine unnötigen Schmerzen verursachen. Nach einigen Minuten zog er sich wieder zurück. Luna lehnte sich an ihren Vater. Sie schien müde.

„Ruhen sie sich aus, Miss Lovegood. Sie haben mir sehr geholfen.“, lobte Dumbledore.

„Wissen sie nun, wo Mr. Black und Professor Lupin sind?“

„Nein, leider nicht, aber ich werde Nachforschungen anstellen und mit ihren Informationen habe ich zumindest einen Anhaltspunkt, das ist mehr als ich bisher hatte. Und ich denke, dass wir nun wirklich Hoffnung haben können, dass die beiden noch am Leben sind, da waren wir uns leider nicht mehr sicher. Vielen Dank noch einmal für ihre Hilfe. Und jetzt gehen sie beide am Besten schlafen.“, empfahl der Ordensführer und ließ sie alleine.

Nun war es an ihm zu überlegen, wie er mit den Informationen umgehen sollte. Auf jeden Fall sollte er mit Augusta, Arthur, Bill, Minerva und Kingsley reden. Vielleicht auch mit Fenrir noch einmal, mit den neuen Informationen konnte der vielleicht die Suche eingrenzen. Er musste sehen, dass er die beiden dort herausholen konnte, auch wenn es sicher nicht heute oder morgen passieren würde. Zunächst musste er herausfinden, wo die Beiden gefangen gehalten wurden und dann mussten sie einen Plan machen. Doch dabei durfte er das Ziel, Voldemort zu vernichten, nicht aus den Augen verlieren. Seufzend machte er sich auf den Weg in die Küche. Er brauchte etwas zum Essen und vielleicht einen Stärkungstrank, denn er spürte langsam sein Alter in den Knochen.

„Professor, kann ich sie etwas fragen?“, riss Ron Dumbledore aus seinen Überlegungen.

„Natürlich, mein Junge.“

Neugierig sah er den jungen Weasley an. Er hatte sich verändert, seit Harry weg war. Zuerst hatte es ausgesehen, als würde er Harry im Stich lassen, doch inzwischen stand er so fest zu seinem ehemaligen besten Freund, dass es ihm, Dumbledore, regelmäßig Tränen der Rührung in die Augen trieb.

„Sehen sie, wir sind momentan ständig in der Defensive. Ich überlege dauernd, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, den Unnennbaren aus der Deckung zu locken. Er ist sterblich, wie sie sagten, und wir müssten doch in der Lage sein, ihn zu vernichten. Gibt es eine Chance, dass er hervorkommt, wenn wir ihn glauben lassen, dass Harry zurück ist?“, wollte Ron wissen.

„Hm, da ist was dran, Mr. Weasley. Wie stellen sie sich das vor?“, antwortete Dumbledore mit einer Gegenfrage.

In den nächsten Stunden saßen Dumbledore und Ron zusammen und schmiedeten Pläne. Doch sie konnten sich noch nicht auf ein Vorgehen einigen, da sie nicht sicher waren, wie sie Voldemort glaubhaft machen konnten, dass Harry wirklich wieder da war. Und wohin sie ihn dann locken sollten, dass sie auch wirklich eine Chance hatten, sich ihm gegenüber zu stellen. Irgendwann winkte Dumbledore ab.

„Mr. Weasley, wir behalten diese Ideen im Hinterkopf, aber ich brauche jetzt erst einmal eine Pause. Leider bin ich nicht mehr der Jüngste und kann nicht mehrere Tage ganz ohne Schlaf auskommen. Ich sehe, dass sie ein Talent für Strategie haben und ich denke, wir werden ihre Ideen bei den nächsten Planungen berücksichtigen. Aber für heute muss es reichen.“, gab der Weißhaarige zu.

„Natürlich. Verzeihung Professor.“, stammelte Ron.

„Nein, mein Junge, es gibt nichts zu verzeihen!“, gluckste Dumbledore und verließ die Küche.

 

Einige Wochen später waren sie immer noch nicht weiter in ihren Planungen, auch hatten sie noch nicht wirklich herausgefunden, wo Sirius und Remus versteckt waren. Doch Anfang Juni, als Dumbledore gerade in der Küche mit einigen Ordensleuten und Ron über verschiedenen Plänen brütete, schien sich eine Lösung abzuzeichnen. Einer der Wölfe kam hereingeeilt.

„Professor, ich habe einen der Todesser erwischt, die noch bei Voldemort waren. Er sagt, er hätte wichtige Informationen für sie und müsste sie unbedingt sprechen. Ich konnte keine Lüge erkennen, bin mir aber dennoch nicht ganz sicher.“, berichtete er.

„Wo ist er jetzt?“, fragte Kingsley knapp.

„Ich bringe sie hin.“, bot der Werwolf namens Angus an.

Kingsley und er verschwanden. Nur etwa eine halbe Stunde später kamen sie wieder und hatten noch einen weiteren Mann dabei. Der ehemalige Chefauror stellte ihn vor als  Mr. Greengrass. Er war nicht im engsten Kreis, aber dennoch sehr nahe an Voldemort gewesen. Für solche Fälle hatte Kingsley von Devon ein Pergament bekommen, wo dieser vermerkt hatte, wo das geschützte Haus von Augusta war.

„Ich habe ihn unter Veritaserum befragt, er meint es ehrlich und will uns helfen.“, bestätigte Kingsley knapp. „Albus, es scheint als wäre der dunkle Lord im Ausland, er hat nur einige wenige Todesser mitgenommen, darunter Crabbe, Goyle, Avery, McNair und Nott. Die waren zusammen mit Malfoy eigentlich dafür zuständig, Lupin und Black zu bewachen. Malfoy hat sich in sein Manor zurückgezogen, er ist da mit nur wenigen Todessern, und alle davon stehen ganz sicher treu zu dem dunklen Lord und sind im innersten Kreis.“, berichtete er dann, was er von Mr. Greengrass erfahren hatte.

„Das klingt vielversprechend, dann können wir hoffentlich davon ausgehen, dass Sirius und Remus bei Malfoy im Manor sind. Wissen sie, was der Lord im Ausland plant?“, wandte sich der Ordensführer an den Neuankömmling.

„Nein, das weiß offenbar auch Malfoy nicht, er klang jedenfalls ziemlich sauer deswegen, weil es ihm der Lord nicht verraten hat. Er sagte etwas wie ‚Mir sagt er nichts, obwohl er weiß, dass er mir vertrauen kann, aber den beiden scheint er es auf die Nase zu binden‘, oder so ähnlich. Ich konnte es nicht deutlich hören.“, antwortete Greengrass. „Aber ich weiß, dass Lupin und Black im Malfoy Manor gefangen gehalten werden. Sie wurden anfangs unter Drogen gesetzt, aber ich habe eine Möglichkeit gefunden, diesen Trank auszutauschen. Ich kam nie persönlich ins Manor, dort war nur der engste Kreis, aber sie sind sicher dort. Der Lord lässt sie foltern, hat aber den Befehl gegeben, sie am Leben zu halten, damit er noch die Möglichkeit hat, Potter zu sich zu locken. Ich konnte leider nicht eher reagieren, da ich erst meine Töchter in Sicherheit bringen wollte. Sie sind jetzt bei einer Tante in Frankreich.“

„Gibt es eine Möglichkeit, dass wir in Malfoy-Manor eindringen können? Steht es unter dem Fidelius?“, fragte nun Kingsley.

„Kein Fidelius, aber zahlreiche Schutzzauber.“, war die knappe Antwort.

„Dafür bin ich dann zuständig.“, verkündete Bill.

„Ich helfe dir!“, kam es gleichzeitig von Augusta und Tonks.

„Ja, ich denke, das dürfte sinnvoll sein, ihr drei seid unsere besten Fluchbrecher. Die Gruppe darf nicht zu groß werden, wenn wir heimlich vorgehen wollen, aber auch nicht zu klein, damit wir uns notfalls verteidigen können.“, überlegte Dumbledore nun.

„Ich denke, es wäre sinnvoll, mit zwei Teams zu arbeiten, oder sogar drei. Ein oder zwei Rettungsteams, die heimlich vorgehen und sich von hinten ins Haus schleichen, und ein Team, das die Bewohner ablenkt und von vorne kommt.“, schlug Ron vor.

„Hm, ja, das könnte gut sein.“, sinnierte Kingsley.

Schnell beugten sich alle über den Tisch und fingen an zu planen.

 

 

Nach seiner langsam verschwundenen Lungenentzündung ging es Darren nun wieder besser. Letztendlich hatte Severus dann doch den Arzt aus Maple Falls geholt, da es Draco einfach nicht besser gehen wollte. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus schicken wollen, doch das hatten sie vermieden, dafür hatte er dann stärkere Medikamente bekommen, die nach und nach anschlugen. Der Schnee war inzwischen geschmolzen und überall blühten die verschiedensten Blumen. Darren war immer noch blass und brauchte viel Ruhe, aber Davids ‚Behandlung‘ hatte nach einer Woche langsam die ersten Erfolge gezeigt. Seitdem hatte sich sein Zustand stetig gebessert, doch es hatte bis Mitte April gedauert, bis er wieder einigermaßen sicher auf den Beinen war und nicht mehr gestützt werden musste, wenn er weiter als bis ins Wohnzimmer oder ins Bad ging. In der Zeit hatten sich David und Alan rührend um ihn gekümmert und für alles gesorgt.

Inzwischen ließ David auch intime Berührungen zu und zuckte nicht mehr zurück. Er hatte in der ersten Zeit, nachdem er Darrens Blut gesaugt hatte, um es zu reinigen, danach immer mal bei Alan getrunken, um den Geschmack der Medikamente loszuwerden. Dabei hatte er immer wieder die Erregung des Älteren seiner Gefährten gespürt und eines Tages hatte er ihn aufgehalten, als der sich zurückziehen wollte. Zögernd hatte David angefangen, Alan zu streicheln und zu berühren. Alan hatte es nicht geschafft, ihn abzuweisen und David hatte es wider Erwarten sogar gefallen. Seitdem waren seine Barrieren langsam aber sicher weniger geworden.

Nun stand Darrens Geburtstag ins Haus. Der Braunhaarige würde in ein paar Tagen volljährig, zumindest was die Zauberwelt anbelangte. Auch wenn sie nun völlig in der Muggelwelt lebten, sie hielten die Traditionen dennoch aufrecht, soweit es ohne Magie möglich war. David blieb bei Darren, während Alan in die Stadt fuhr um Geschenke zu besorgen. Auch wenn sie sparsam mit dem Geld von Sirius umgehen mussten und auch wollten, sollte Darren dennoch nicht ganz leer ausgehen. David kochte in der Zwischenzeit und Darren lag auf dem Sofa und sah sich wieder einmal einen Film an. Seine Faszination für Filme hatte nicht nachgelassen. Die letzten Tage bis zum Geburtstag gingen schnell herum. Am Abend vorher schickten sie Darren früh ins Bett, wo er es sich mit einem Buch gemütlich machte. Schlafen konnte keiner von ihnen mehr alleine, zu sehr waren sie an die Dreisamkeit gewöhnt. David stand in der Küche und richtete eine Torte her, während Alan die Geschenke verpackte und den Tisch schon einmal fürs Frühstück deckte. Seinen eigenen Geburtstag hatten sie nur wenig gefeiert, zu verunsichert waren sie von den Nachrichten aus England gewesen und es war die Zeit gewesen, in der David die meiste Panik gehabt hatte. Als David fertig war, gingen sie ins Bad und machten sich fertig fürs Bett. Darren wartete schon auf sie und sie kuschelten sich zusammen. Sie streichelten sich noch eine Weile gegenseitig, bis alle zufrieden waren und einschliefen.

Am Morgen wurde Darren von sanften, zärtlichen Küssen geweckt. Seine beiden Gefährten wünschten ihm alles Liebe und Gute zu seinem Geburtstag und verbanden ihm dann die Augen. Sie führten ihn zum Tisch, auf den David die Torte gestellt hatte, dekoriert von siebzehn Kerzen. Daneben lagen zwei kleine Geschenke und die Gedecke. Schnell entzündete Alan die Kerzen und David nahm Darren dann die Augenbinde ab.

„Happy Birthday!“, wisperten die Schwarzhaarigen in Darrens Ohr.

„Danke ihr zwei. Ich liebe euch!“, strahlte Darren.

Die leichte Röte, die sein Gesicht nun bedeckte, ließ ihn noch schöner wirken in Davids Augen. Alan sah ihn liebevoll an und zog ihm den mittleren Stuhl zurück. Grinsend packte Darren die beiden Geschenke aus und freute sich sehr darüber. Er hatte sich so sehr verändert, seit sein Vater ihn verstoßen hatte, war bescheidener geworden und wirkte glücklich. Von Alan bekam er eine Armbanduhr, ein traditionelles Geschenk, das Zauberkinder normalerweise von ihren Eltern zur Volljährigkeit bekamen. Natürlich war es keine teure Uhr, aber Darren wusste die Geste zu schätzen und war sehr dankbar. In Davids Namen hatte Alan für Darren Kinokarten besorgt, dass sie am Wochenende wieder einmal nach Fairhaven fahren konnten und sich einen der neuesten Filme ansehen. Auch darüber freute sich Darren, mehr noch als über die Uhr. Ja, er liebte Filme und auf der großen Leinwand war es einfach gigantisch. Es wäre außerdem seit Januar das erste Mal, dass er das Haus für mehr als ein paar Minuten verlassen würde.

Nach dem Frühstück zog Darren Alan nach einem entschuldigenden Blick auf David ins Schlafzimmer. So weit war David einfach noch nicht, aber Darren hatte nun seit seinem Unfall mit dem Bären Ende Februar auf Sex verzichtet und wollte nicht mehr länger warten. David grinste nur und wünschte ihnen viel Spaß, er sah es inzwischen relativ locker und wusste, sobald er bereit dazu war, würden sie ihn mit offenen Armen willkommen heißen. Doch für jetzt machte er sich daran, die Küche aufzuräumen und das Geschirr zu waschen, bevor er es in die Spülmaschine schlichtete. Irgendwie hatte er ein seltsames Gefühl, er spürte Gefahr, konnte aber nichts ausmachen. Plötzlich fuhr er herum, als er jemanden hinter sich erahnte. Noch im Drehen wurde ihm schwarz vor Augen und er brach zusammen. Er wurde von zwei starken Armen aufgefangen und an einen Stuhl gefesselt. Die Eindringlinge waren sechst, alle in dunklen Zauberroben und mit Masken im Gesicht, die Kapuzen weit über den Kopf gezogen. Einer davon machte nun ein Zeichen und vier liefen lautlos zu der geschlossenen Schlafzimmertür. Ein Fluch sprengte die Tür aus den Angeln und weitere Flüche wurden auf Alan und Darren abgeschossen, die keine Chance hatten sich zu wehren. Nackt wie sie waren, wurden sie nun zum Esstisch gezerrt, beide gelähmt von den Flüchen, die sie getroffen hatten.

„Lasst sie los!“, befahl eine Stimme und die Ganzkörperklammern um Darren und Alan lösten sich.

Alan richtete sich auf, ignorierte seine Nacktheit. Darren war es offenbar peinlich, aber er bemühte sich, das Verhalten seines Gefährten nachzuahmen. Sie sahen mit Erleichterung, dass David gefesselt war, denn das bedeutete, er war am Leben. Einen Toten musste man nicht fesseln.

„Du hast dir ausgerechnet den Verräter als Betthäschen gesucht?“, spottete der Anführer der Schwarzgekleideten in Richtung von Alan.

Alan schwieg. Er und Darren wechselten nur einen kurzen Blick und sahen dann in die Augen von Voldemort. Der nahm seine Maske ab, es brachte nichts, die beiden wussten, wer ihnen gegenüber stand.

„Du willst sicher wissen, Severus, wie wir euch gefunden haben. Nun, ich denke, wir sollten den jungen Potter auch zuhören lassen, es wird ihn sicher interessieren. Enervate!“, zischte Voldemort.

Harry öffnete die Augen und wurde blass. Severus sah dem Ganzen ohne eine erkennbare Regung zu, aber Draco sah man an, dass er sich Sorgen um Harry machte. Nach einem Blick zu Severus versuchte er allerdings, es sich nicht mehr anmerken zu lassen.

„Nun, es wird euch freuen zu hören, dass Sirius Black und Remus Lupin noch am Leben sind. Ich habe sie in meiner Hand. Sie haben mir nicht viel verraten, aber einen Hinweis habe ich von ihnen bekommen, dem ich nachgegangen bin. Es brauchte ein bisschen Hilfe von ein paar Muggeln, die mir aber nach einigen überzeugenden Argumenten geholfen haben. Dein geliebter Pate, Harry Potter, hatte eine komische Buchstabenkombination in seinem Kopf, wenn auch gut versteckt. Anfangs dachte ich, es wäre ein Trick, aber ich konnte nicht sehen, was dieser Trick machen sollte, also habe ich angefangen zu forschen. Ich sehe, du weißt, wovon ich rede, Harry Potter. Es war eine E-Mail-Adresse. Und diese Adresse stand irgendwie in Zusammenhang mit dir. Aus dem Kopf des Werwolfs konnte ich einige Briefe von dir nehmen, die mir leider keinen Hinweis auf euren Aufenthaltsort boten. Ich muss sagen, sie waren gut formuliert und eure Flucht war gut geplant. Aber am Ende habt ihr einen entscheidenden Fehler gemacht, nämlich Kontakt zu halten. Mit Hilfe eurer E-Mail-Adresse war ich in der Lage, euren Aufenthaltsort herauszufinden und nun sind wir hier. Für solche Aufgaben habe ich einige intelligente Muggel in meinen Reihen, die konnten die E-Mail-Adresse zu einer sogenannten IP-Adresse verfolgen und der IP-Adresse eine wahre Adresse geben. Hier wird uns niemand suchen, denn ich bin mir sicher, dass du, Severus, niemandem genug traust, dass er deinen Aufenthaltsort hier kennt. Crabbe, Goyle, Nott, Avery, ihr dürft euch gerne an den beiden hier austoben. Für Harry Potter habe ich dann noch eine Überraschung.“

Severus´ Gesicht verschloss sich noch weiter und er setzte seine Maske auf. Draco wurde blass, doch er blieb gefasst. Er ergab sich fürs Erste in sein Schicksal, da er keine Möglichkeit sah, etwas daran zu ändern. Schnell krümmten sich beide auf dem Boden und schrien unter dem Einfluss des Cruciatus-Fluches. Nach ein paar Minuten wurde der aufgehoben und von neuen, schmerzhaften Flüchen ersetzt. Harry saß auf dem Stuhl und war gezwungen, zuzusehen. Seine Wangen waren tränenüberströmt und er betete, dass es aufhören würde, doch er konnte nichts tun. Die nackten Körper waren bald mit Schnitten und Peitschenspuren übersäht, der Teppich blutgetränkt. Das Zusehen bereitete Harry heftige Schmerzen und eine starke Übelkeit überkam ihn. Er schmeckte Galle. Immer wieder spürte Severus, wie einer seiner Knochen brach. Sein Körper war ein Meer aus Schmerzen, es brannte wie Feuer und dann fühlte es sich wieder an, als würden tausende Nadeln durch seinen Körper schießen. Er schrie, weil er es nicht anders aushielt. Draco neben ihm ging es genauso, Severus konnte nichts tun, um ihm die Qualen zu erleichtern. Sie mussten es aushalten, irgendwie. Er konnte spüren, dass es auch Harry schmerzte, doch er war froh, dass der Kleine im Moment zumindest noch nicht gefoltert wurde. Doch was hatte Voldemort noch mit ihm vor?

Nach etwas über zwei Stunden hielten sie auf Befehl Voldemorts inne. Severus und Draco mussten aufstehen, es blieb ihnen keine Wahl, wenn sie nicht dem jeweils Anderen ein grausames Schicksal wünschten. Unter Schmerzen standen sie schließlich zitternd auf ihren Beinen. Hilflos mussten sie zusehen, wie Harry brutal ausgezogen wurde und mit dem Oberkörper auf den Tisch gedrückt. Dann kam ein weiterer, bislang noch maskierter, Todesser nach vorne und Severus hatte eine Ahnung.

„Flint!“, hauchte Draco entsetzt, als der die Maske abnahm.

„Er kam zu mir und schloss sich meinen Reihen an, als er in Hogwarts nicht mehr sicher war!“, zischelte Voldemort lachend.

Harry schrie, als er realisierte, was nun passieren sollte. Er wehrte sich mit Händen und Füßen, aber gegen Crabbe und Goyle hatte er keine Chance, auch nicht mit seinen Vampirkräften. Er kam nicht gegen die rohe Gewalt an, und Nott hatte auch noch seinen Zauberstab auf ihn gerichtet, während Avery Severus und Draco in Schach hielt. Die Panik erfasste nun auch die beiden Gefährten und Wut baute sich in Draco auf, er sah nur noch rot. Mit einem Aufschrei ließ er seine Magie frei und riss sich von dem Zauber los, der ihn gefesselt hatte. Er griff nach einem der Messer, die hinter ihm im Messerblock steckten und warf es nach Flint. Tödlich getroffen sackte der ehemalige Kapitän der Slytherin-Quidditch-Mannschaft zu Boden.

Plötzlich ging es wild durcheinander. Dracos Magie hatte die Todesser überrascht und Severus ebenfalls befreit, der aber einen Moment brauchte, um zu reagieren. Dann schnappte er sich ein zweites Messer und ging damit auf die nächsten Todesser, Crabbe und Goyle, los. Er schnitt Goyle senior die Kehle durch und Crabbe senior stieß er das Messer ins Herz. Die beiden anderen ließen Flüche auf ihn und Draco los, doch Draco reagierte schnell genug und brachte sie aus der Schusslinie. Er riss Severus mit sich zu Boden. Harry indessen brauchte mehrere Momente um zu bemerken, dass der Angriff von hinten nun doch nicht erfolgte. Er sah, wie seine Gefährten zu Boden gingen und grenzenlose Wut kochte hoch. Ohne nachzudenken griff er das Messer und zog es aus Flints Brust. Dann ging er damit auf Voldemort los. Seine Magie wirbelte sichtbar um ihn herum, wie kleine Flammen züngelte sie aus seinem Körper. Er sah nur noch die Gefahr für seine Gefährten und musste ihnen helfen, sie beschützen. Seine Magie wehrte Avery und Nott ab und zerbrach die Zauberstäbe. Die beiden Todesser fielen tot zu Boden, ehe sie überhaupt bemerkten, was passierte. Dann war der Weg zu Voldemort frei.

Der dunkle Lord konnte nichts tun, um Harrys Angriff abzuwehren, seine Magie wirkte wie ein Schild, kein Zauber oder Fluch schadete ihm, selbst der Todesfluch verpuffte einfach. Harry hatte das Messer erhoben. Entsetzt sahen Draco und Severus zu, wie er mit einem Stoß direkt in das Herz des dunkelsten Magiers aller Zeiten stach. Dann biss er sich in der Halsschlagader fest und saugte ihm alles Blut aus, das er erwischen konnte. In der ganzen Zeit verhinderte seine Magie, dass irgendjemand an ihn heran kam.

„Harry, es ist vorbei. Komm her.“, drang irgendwann Sevs Stimme sanft zu dem Schwarzhaarigen durch.

Schlagartig sank Harry in sich zusammen und schluchzte auf. Der Adrenalinschub war vorbei und erst jetzt realisierte der Gryffindor, was passiert war. Draco und Severus, die beide verletzt waren und unter den Nachwirkungen der verschiedenen Flüche litten, eilten zu ihrem Gefährten und hielten ihn fest, als er sich heftig übergab und das Blut wieder ausspuckte. Harry umschlang sie mit seinen Armen und weinte. Seine Magie fing an, die beiden zu heilen, ohne dass es einer bemerkte.

„Wir müssen hier weg. Irgendwie müssen wir Albus verständigen und dann verschwinden wir von hier. Wir sind nicht sicher, wenn ER uns hier gefunden hat, dann könnten auch andere Todesser uns finden. Draco, bleib bei Harry, ich hole alles, was wir brauchen.“, bestimmte Severus ruhig.

Er musste die Ruhe bewahren, seine beiden Gefährten brauchten ihn jetzt dringender denn je. Schnell eilte er ins Schlafzimmer, schnappte seinen Zauberstab und sandte einen Patronus an Dumbledore. Dann zog er sich an und suchte gleichzeitig Kleidung für Draco heraus und noch etwas für Harry. Er warf ihnen die Sachen hin und befahl ihnen sich anzuziehen. Mechanisch gehorchten sie. Die Zauberstäbe waren kaum noch zu gebrauchen, sein eigener hatte den Patronus noch ausgeführt, war dann jedoch gebrochen. Harrys Magie hatte auch sie vernichtet, nicht nur die der Todesser. Sowohl Draco als auch Harry standen unter Schock, er konnte es in ihren Augen sehen. Schnell lief er hinunter und wollte das Auto holen, doch es war kaputt. Voldemort hatte es offensichtlich mit einem Fluch lahmgelegt, bevor er ins Haus eingedrungen war. Voraussicht oder Zerstörungswut? Severus konnte es nicht sagen, aber er fluchte farbenfroh vor sich hin. Nun waren sie gezwungen, zu Fuß zu fliehen. Gut, in der näheren Umgebung kannten sie sich im Wald aus, aber sie mussten hier weg, so weit wie möglich. Und so schnell wie möglich.

Auch wenn Harry ihnen geholfen hatte, konnte er seine Verletzungen durchaus spüren, doch zunächst ignorierte er die Schmerzen. Harry war kein Heiler und seine Magie hatte er nicht zielgenau einsetzen können. Die Wirkung war eher eine schmerzlindernde und würde sie sicher die nächsten Stunden noch auf den Beinen halten, aber was danach war, wollte sich Severus gar nicht vorstellen. Während seiner Überlegungen war er wieder zurück ins Haus. Draco und Harry waren inzwischen angezogen.

„Jeder nimmt einen Rucksack, wir packen Decken und Verbandszeug ein, dazu Wasser und jeder nimmt ein Messer mit. Wir gehen in zehn Minuten und kommen nicht wieder her. Harry, nimm Escalada erst einmal auf den Arm und wir sehen später, ob sie uns nachläuft.“, bestimmte Severus.

 

 

 

 

Rons Idee setzte sich letztendlich durch. Sie bildeten ein Rettungsteam, das sich je nach Bedarf im Innern des Malfoy-Manor aufspalten konnte oder nicht. Dieses Team bestand aus zwei Fluchbrechern, Bill und Tonks, dazu noch Moody, Kingsley, Ron, Hestia Jones und Neville Longbottom. Augusta Longbottom war als Fluchbrecherin beim Team für die Ablenkung gelandet, das von Dumbledore angeführt wurde und den Großteil des Phönixordens beinhaltete, um die Todesser effektiv aus dem Manor zu locken. Da sie nicht wussten, und Mr. Greengrass konnte das auch nicht sagen, wie lange Voldemort abwesend sein würde, beschlossen sie, schnell zuzuschlagen. Gleich am nächsten Tag zogen sie los. Sie ließen dem Rettungsteam einen Vorsprung, damit sie sich ungesehen so nahe wie möglich an das Haus heranschleichen und anfangen konnten, die Schutzzauber zu neutralisieren. Bill und Tonks arbeiteten ruhig und konzentriert, sodass sie nach etwas über einer Stunde sicher sein konnten, nun alle Banne bis auf einen gebrochen zu haben und ungesehen ins Haus eindringen zu können. Hestia schickte ihren Spatzen-Patronus zu Dumbledore und sie warteten im Verborgenen.

Als Dumbledore die Nachricht von Hestia bekam, griffen sie den letzten Schutzzauber an. Sie hatten mit Bill abgemacht, dass er einen übrig lassen würde, damit die Todesser auch alarmiert würden und möglichst alle nach draußen kamen. Dumbledore hatte seine Leute im Halbkreis um den vorderen Eingang aufgestellt, alle waren hinter Büschen und Bäumen in Deckung gegangen und begannen zu feuern, sobald die ersten Todesser draußen waren. So konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf den vorderen Bereich.

Bills Gruppe wartete noch zwei oder drei Minuten, dann drangen sie vorsichtig in das Haus ein. Heute waren sie alle dunkel und unauffällig gekleidet, hatten sich sogar maskiert. Moody blickte sich mit seinem Auge überall um und warnte sie rechtzeitig, damit sie nicht auf zurückgebliebene Todesser stießen oder von hinten überfallen werden könnten. So schalteten sie mit Lähm- und Fesselflüchen drei Todesser aus, die scheinbar das Haus absichern sollten und in zwei verschiedenen Räumen im hinteren Bereich auf sie warteten.

„Jetzt ist keiner mehr in unmittelbarer Nähe, nur vorne im Eingangsbereich sind noch drei, aber um die können wir uns im Moment nicht kümmern. Ich werde sie dennoch im Auge behalten. Laut der kleinen Lovegood müssen wir in den Keller. In den kann ich nicht sehen, der ist geschützt. Da geht´s lang.“, knurrte Moody leise.

Sein magisches Auge rollte ständig herum und beobachtete alles, was um sie herum vorging. Er ging voran in Richtung Treppe, die offenbar in den Keller führte. Bill war direkt neben ihm und überprüfte ständig, ob irgendwo Schutzzauber angebracht waren. Vorsichtig, und dennoch so schnell wie möglich arbeiteten sie sich in den Keller vor. Moody deutete an, dass sich zwei Wachen vor ihnen befanden. Neville und Ron schlichen sich geschickt in deren Nähe, blickten sich kurz an und schossen dann gleichzeitig um die letzte Ecke, sofort Lähmzauber abfeuernd. Ohne einen Ton gesagt zu haben, sanken die Wachen getroffen zu Boden.

„Gut gemacht!“, kam es von Moody.

Alle rannten beinahe zu der Tür, hinter der sie Remus und Sirius vermuteten, da die Wachen direkt davor gestanden hatten. Sie war so voller Schutz, dass nicht einmal Moodys Auge durchblicken konnte, ebenso der Rest des Kellers. Tonks öffnete die Türe und schlüpfte als erste hinein. Entsetzt keuchte sie auf, als sie die beiden Gestalten erblickte. Remus und Sirius sahen aus wie zwei Leichen, wie sie da auf dem Boden lagen. Über und über mit vertrocknetem und frischem Blut bedeckt, dazu Schnitte, Kratzer, offene Wunden durch schwarze Magie, gebrochene Knochen. Die Haare fettig und verfilzt, ungewaschen und unrasiert, die Kleidung bestand nur noch aus Fetzen. Beide waren völlig abgemagert, die Haut trocken, schuppig, rissig, die Fingernägel abgebrochen und eingerissen, schmutzverkrustet. Sie waren offenbar bewusstlos.

Die Retter versuchten, die Tür im Gitter zu öffnen, doch es war erst einmal nicht möglich, keiner der Sprüche schlug an. Bill, Tonks, Moody und Kingsley probierten die verschiedensten Öffnungszauber aus, doch nichts bewirkte auch nur die geringste Reaktion. Erst, als Tonks einen Sprengfluch auf die Tür schoss, knackte das Schloss und die Tür sprang auf. Schnell eilten Kingsley und Bill hinein, hoben die beiden auf und kamen wieder zurück. Moody, der weiterhin das Haus soweit wie möglich im Auge behalten hatte, winkte ihnen, ihm zu folgen. Sie schlichen über die Treppe zurück und in Richtung Hinterausgang. In einem der Zimmer konnten sie das Gestöhne eines der überwältigten Todesser hören, doch der Fesselzauber schien noch zu wirken. Plötzlich richtete sich Moody auf.

„Schnell, verschwindet! Sie kommen zurück!“, warnte er.

Bill und Kingsley bemühten sich, schneller zu gehen, doch auch wenn die beiden abgemagert waren, durch die Bewusstlosigkeit schienen ihre Körper unnatürlich schwer zu sein und waren nicht leicht zu tragen. Dennoch wollten sie nicht auf einen Zauber zurückgreifen, denn wenn die Magie unterbrochen wurde, würden die beiden ungebremst auf den Boden fallen. Ron, Hestia, Neville und Tonks kamen zu Moody und deckten ihnen so den Rückzug. Moody konnte sehen, dass die ersten Todesser in ihre Richtung kamen und forderte die anderen auf, sich noch mehr zu beeilen. Fast hätten sie es geschafft, aber als Kingsley und Bill gerade durch die Hintertür verschwanden, ging die Tür in den Flur auf und sie waren entdeckt. Sofort flogen Zauber hin und her. Neville und Hestia beschworen einen Schild herauf, der die anderen deckte, damit sie angreifen konnten. Schnell hatten Moody, Ron und Tonks mehrere Todesser ausgeschaltet, doch der Kampflärm lockte nun die anderen an.

„Sind die beiden weg?“, wollte Moody wissen, dessen magisches Auge scheinbar durch einen Fluch blockiert war.

„Ja, sie haben die Portschlüssel aktiviert.“, bestätigte Ron, der immer mal wieder einen Blick riskiert hatte.

„Gut, dann verschwinden wir. Alle gleichzeitig!“, ordnete Moody an.

Jeder von ihnen griff in die Umhangtasche und holte ein Stück alte Zeitung heraus. Hestia und Neville hielten den Schild immer noch aufrecht, als sie sich alle ansahen und das Passwort sagten, um den Schlüssel zu aktivieren.

„Harry Potter.“

Die nächsten Flüche der Todesser gingen ins Leere. Die Mitglieder des Rettungsteams dagegen fanden sich im Haus der Longbottoms wieder. Sie waren, bis auf ein paar Kratzer und unbedeutende Schnitte, alle unversehrt. Ihre erste Sorge galt Sirius und Remus.

„Sie werden gerade von Luna und Poppy versorgt, wir müssen abwarten. Sie haben viel mitgemacht, wie es aussieht und brauchen jetzt erst einmal viel Ruhe und Zeit, um zu heilen.“, beruhigte sie Dumbledore.

„Und wie ist es bei euch gelaufen?“, wollte Moody dann wissen.

„Gut, gut. Es scheint funktioniert zu haben. Uns haben sich etwa dreißig Todesser entgegengestellt, aber da wir schon in Deckung waren, konnten wir gut auf sie feuern, während sie nicht richtig zielen konnten. Wir haben einige Verletzte, aber keiner schwer. Außer George Weasley sind alle schon wieder auf den Beinen. George hat ein Ohr verloren, aber er wird überleben. Ja, er macht schon wieder Witze, daher denke ich, dass es bald überstanden sein wird. Leider war es uns nicht möglich, mehr als drei der Todesser zu erwischen, der Rest ist entkommen, wir konnten ihnen nicht ins Haus folgen, vermutlich braucht es dazu das dunkle Mal. Malfoy hat einen Zauber gesprochen, als sie nach drinnen sind, daher vermute ich, dass es etwas mit dem Mal zu tun hat, denn ihr konntet offensichtlich nach drinnen.“, berichtete der Anführer des Ordens.

Luna, Ginny und Poppy waren in der Zwischenzeit schwer damit beschäftigt, Sirius und Remus zu versorgen. Zunächst sprachen sie einige Reinigungszauber, um die Verletzungen sehen zu können. Sie ließen die gebrochenen Knochen wieder zusammenwachsen und versorgten die inneren Verletzungen. Dann erst kümmerten sie sich um die oberflächlichen Wunden. Sie brauchten weit über drei Stunden, bis sie endlich sagen konnten, dass die beiden überleben würden. Poppy hängte beiden noch eine Infusion an und weckte sie kurz, um ihnen verschiedene Heiltränke zu verabreichen, bevor sie sie wieder schlafen schickte. In drei Wochen war wieder Vollmond, da mussten sie sich dringend etwas einfallen lassen, denn noch immer hatten sie niemanden auf ihrer Seite, der Wolfsbann brauen konnte. Doch bis dahin mussten die beiden erst einmal in Ruhe heilen. Poppy versetzte sie in einen Koma-ähnlichen Heilschlaf und verbot jegliche Besuche. Sie brauchten wirklich Ruhe. Wahrscheinlich hatten die beiden nicht einmal begriffen, dass sie nun frei waren. Als sie sie aufgeweckt hatte, hatten sie nur verständnislos vor sich hingestarrt und geschluckt, als sie ihnen die Phiolen an die Lippen gehalten hatte. Wer wusste, was die beiden in den etwa fünf Monaten ihrer Gefangenschaft mitgemacht hatten. Poppy schauderte. Doch sie hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken, sie musste auch nach den anderen Verletzten sehen. Sie war eine von zwei Heilern im Orden, der andere Heiler, Devon Zabini, war in einem weiteren geschützten Haus. Sie hatten die Schüler so gut wie möglich mit einbezogen und ihnen alles beigebracht, was man in der kurzen Zeit lernen konnte, doch die Verantwortung lag auf ihren Schultern. Und Poppy nahm das sehr ernst. An manchen Tagen kam sie nicht zum Schlafen, aber die Gesundheit der ihr anvertrauten Patienten war ihr sehr wichtig. Sie hatte schnell gelernt, Aufgaben zu delegieren, damit sie auch zwischendurch eine Pause machen konnte, denn Fehler aufgrund von Müdigkeit konnte sie sich nicht leisten.

Dennoch konnte sie stolz auf ihre Arbeit und die ihrer Schüler sein, sie hatten es bisher immer geschafft, alle Verletzten durchzubringen. Der Eine oder Andere war zwar gestorben, aber das bislang immer schon, bevor sie es zu ihr geschafft hatten, meist war der Todesfluch Schuld daran. Dagegen gab es kein Mittel und bisher hatte ihn nur einer überlebt: Harry Potter. Wie es ihrem kleinen Dauerpatienten wohl ging? Sie konnte sich immer noch nicht verzeihen, dass sie nie bemerkt hatte, wie schlimm Harry verletzt gewesen war, wenn er aus den Ferien kam. Oder auch, dass sie nie bemerkt hatte, dass er in der Schule vergewaltigt worden war. Dabei war er so oft bei ihr gewesen und sie war immer gründlich mit ihren Diagnosen. Wahrscheinlich war es wirklich ein Illusions- oder Verschleierungszauber gewesen, aber wer hatte den gewirkt? Er war sehr gut gewesen, denn sie hatte ihn nie bemerkt. Und Harry war beileibe nicht der erste Schüler, der so einen Zauber auf sich gehabt hatte. Gerade in den reinblütigen Familien wurde manchmal schon mit schwarzmagischen Flüchen bestraft, und die Folgen wurden dann oftmals am Ende der Ferien von den Eltern mit einem Verschleierungs- oder Illusionszauber versteckt. Doch bisher hatte sie sie meistens schnell gefunden und aufgehoben, damit sie die Verletzungen behandeln konnte. Bei Harry hatten sie erst nach Jahren überhaupt einen Verdacht gehabt, und der war ausgerechnet Severus Snape zu verdanken. Die beiden, die sich am meisten an der Schule hassten, jedenfalls war es die letzten Jahre so gewesen. Doch etwas hatte sich verändert. Harry hatte Vertrauen zu Snape gefasst, mehr als ihr jemals möglich erschienen wäre.

Sie konnte nur hoffen und beten, dass sich Severus weiterhin so um Harry kümmerte, denn dann hatte der Junge die besten Chancen. Severus war sehr geübt in Psychologie, doch mit Kindern und Jugendlichen konnte er normalerweise nichts anfangen. Aber als er ihr Harry brachte, direkt nachdem die Ausgangssperre aufgehoben worden war, da war etwas anders gewesen. Der Tränkemeister kam im Schlafanzug mit Harry auf dem Arm und er hatte eindeutig geweint gehabt. Also musste sich in den fünf Wochen etwas verändert haben. Und Harry hatte sich mit seiner Hilfe wirklich nach oben zurückgekämpft, auch wenn er immer wieder Rückschläge erlitten hatte. Sie konnten wirklich nur hoffen, dass es Harry nun, wo immer er war, gut ging und er endlich er selbst sein konnte. Und zur Ruhe kam. Sie selber musste sich um Sirius und Remus kümmern, die sicherlich in nächster Zeit sehr intensive psychologische Betreuung brauchten. Hoffentlich würden sie sich wieder erholen.

 

 

 

Sie packten schnell das Nötigste zusammen. Escalada schien zu verstehen, dass es wichtig war und lief eifrig hinter Harry her, sodass dieser sie nicht auf dem Arm tragen musste. Nur wenig später schulterten sie die Rucksäcke und hatten das Haus nach knapp zehn Minuten verlassen. Zunächst liefen sie in Richtung des Gipfels, auf dem sie schon so oft gestanden hatten. Von dort aus konnten sie sich einen Überblick verschaffen und entscheiden, wohin sie weitergehen wollten. Erst einmal weg, so weit wie möglich. Sollten andere Todesser kommen, würden die es sicher mit Ortungszaubern versuchen, doch selbst die besten davon waren nur innerhalb eines Radius von wenigen Kilometern erfolgreich. Bis dahin mussten sie weiter weg sein. Der Gipfel schien heute nicht der friedliche Ort zu sein, der er sonst immer für sie gewesen war. Heute war er ein Wendepunkt. Mit einem langen Blick auf die Bellingham Bay, die heute gut zu erkennen war, verabschiedeten sie sich still von ihrem ruhigen Leben und wappneten sich innerlich für die Strapazen, die mit Sicherheit nun auf sie zukamen. Dann wandten sie sich ab und blickten in die anderen Himmelsrichtungen.

Im Norden war die Grenze zu Kanada, aber danach kam gleich ein belebter Ort, das konnten sie derzeit nicht riskieren. Nach Süden hin war es zwar unbelebt und waldig, aber das Gelände relativ unwegsam, soweit sie bisher in dieser Richtung schon unterwegs gewesen waren. Also blieb ihnen eigentlich nur, nach Osten zu gehen, obwohl sie nicht genau wussten, was sie dort erwartete. Severus wusste nur, dass ein Stück weiter eine Straße verlief und die Gegend ansonsten waldig und unbewohnt war. Vom Gipfel aus sah es so aus, als würde es relativ eben sein, ohne größere Steigungen oder Gefälle in der nächsten Zeit. Also wandten sie sich nach Osten und stiegen so schnell wie möglich vom Gipfel wieder herab. Sollten die Todesser ihnen bereits auf den Fersen sein, so wären sie dort leicht zu entdecken, falls die Suchenden fliegen sollten. Severus konnte selber kaum klar denken, war von den Foltern und dem Erlebten auch wie gelähmt, aber er versuchte, sich zusammenzureißen, damit er seinen beiden Jungs helfen konnte, die in einem noch schlechteren Zustand waren, was die geistige Verfassung anbelangte. Daher versuchte er erst gar nicht, eventuelle Verfolger abzuschütteln und die Spuren zu verwischen, sondern sie gingen immerzu geradeaus, einfach nur weg von allem.

Die ersten Stunden kamen sie gut voran, was nach Severus´ Meinung an Harrys Heilzauber lag, der sie betäubt hatte. Doch gegen Spätnachmittag bemerkte er, dass Draco und  Harry immer langsamer wurden. Er drängte sie noch ein Stück weiter, bis sie zu einem Bach kamen. Dort hielten sie an. Auch er selber merkte nun die Schmerzen immer stärker, konnte mit dem linken Fuß kaum auftreten. Sie waren immer noch im Wald und setzten sich unter eine alte Eiche, die direkt am Bach wuchs. Methodisch begann Severus, Draco und Harry zu untersuchen, um die Verletzungen festzustellen. Es sah nicht besonders gut aus. Beide hatten Schnittwunden, Draco hatte dazu noch einige offene Verletzungen, die durch dunkle Magie verursacht worden waren und schlecht heilen würden. Außerdem ein gebrochenes linkes Handgelenk, das er gleich schiente und ruhig stellte, und wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung. Harry hatte eine oder zwei gebrochene Rippen und atmete schwer, sein rechter Knöchel schien verstaucht zu sein, vermutlich auch einige Muskelfaserrisse in seinem rechten Arm und dem linken Bein. Bei sich selber hatte Severus schon zwei gebrochene Finger an der rechten Hand diagnostiziert, jetzt untersuchte er sein linkes Sprunggelenk genauer und fluchte, als er bemerkte, dass es gebrochen war. Auch er war von Foltermalen übersät und hatte mehrere Platzwunden, die dank Harry zumindest nicht mehr bluteten, aber dennoch versorgt werden mussten. Zunächst ließ er sich von Harry helfen, sein Sprunggelenk zu schienen, denn sie mussten weitergehen, egal ob er Schmerzen hatte oder nicht. Dann blickte er sich um und entdeckte zu seiner eigenen Freude eine Menge Huflattich.

„Drache, kannst du mir bitte Blätter vom Huflattich bringen? Wir können sie zur Wundversorgung nutzen. Frische Blätter auf die Wunde gelegt unterstützt die Wundheilung. Und wenn du irgendwo schwarzen Holunder sehen solltest, dann bring Beeren mit, der Saft dieser wirkt schmerzlindernd. Wir müssen uns nur überlegen, wie wir die Kerne absondern, denn die sind giftig und lösen Erbrechen aus.“, erklärte Severus.

Draco nickte und stand auf, um die Blätter zu pflücken. Er schien ein wenig wacklig auf den Beinen zu sein, doch es nutzte nichts, er war der Einzige, der beide Beine nutzen konnte ohne Schmerzen. Während Draco beschäftigt war, schiente Severus nun auch Harrys Knöchel. Der Kleine zuckte nicht einmal. Dann richteten sie alles her, um die Wunden ein wenig auszuwaschen. Rund um sie herum wuchsen Gänseblümchen, davon pflückte Severus im Sitzen so viele Blüten wie möglich und warf sie in einen kleinen Topf, den er mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, dass er sein Kräuterwissen nutzen konnte und dazu brauchte er ein passendes Gefäß. Harry half ihm so gut er konnte. Severus bat ihn, Wasser in den Topf zu schöpfen, dann warf er die Blüten hinein.

„Die müssen jetzt etwa 8 Stunden ziehen, dann können wir damit morgen früh die Wunden auswaschen, bevor wir sie neu verbinden. Jetzt muss es das Wasser tun. Fang am besten schon mal an, Harry. Dann können wir gleich mit dem Verbinden beginnen, wenn Draco wiederkommt.“, bat Severus.

Er machte sich Sorgen um Harry. Der Kleine hatte nicht gesprochen seit dem Überfall in ihrem Haus. Auch Draco stand unter Schock, war aber nicht so mitgenommen wie Harry. Sie konnten heute nicht mehr weiter, sie mussten über alles reden. Mit seinem linken Arm fixierte Harry die Rippen, die gebrochen waren. Es tat Severus in der Seele weh zu sehen, wie geübt Harry darin war. Es kam kein Schmerzenslaut über seine Lippen, aber er war kurzatmig.

„Komm her, Kleiner.“, bot er sanft an.

Harry kuschelte sich in Severus´ Arme und hielt sich fest. Erst jetzt spürte der Tränkemeister, dass der Junge zitterte. Er zog eine der Decken aus seinem Rucksack und wickelte sie um Harry.

„Willst du darüber reden?“, fragte er leise.

„Halt mich fest.“, wisperte Harry nur.

„Wie geht´s Harry?“, wollte Draco nun wissen.

Er hatte eine Menge Blätter gefunden und brachte sie jetzt zu den beiden. Sofort begann Severus, die ersten Blätter auf Harrys Wunden zu legen, bevor er sie mit einem Verband umwickelte. Harry hatte sie vorher ausgewaschen, soweit es ihm möglich war, obwohl das Wasser auch jetzt im Juni immer noch eiskalt war.

„Nicht besonders.“, antwortete er leise auf Dracos Frage.

Als er fertig war, legte sich Harry neben ihn, zu erschöpft, um sich noch um etwas zu kümmern. Severus versorgte auch Dracos Wunden und ließ sich dann von diesem selbst verbinden. Die Blätter linderten die Schmerzen und kühlten angenehm. Er hoffte, dass sie kein Fieber bekamen, das könnte hier draußen tödlich enden. Draco ging noch einmal los, da er tatsächlich ein wenig weiter bachabwärts etwas gesehen hatte, das wie Holunder aussah und wollte da noch Beeren holen. Severus deckte Harry noch einmal besser zu und strich ihm über die Haare. Er hoffte nur, dass sein Kleiner ruhig schlafen konnte. Einige Minuten später brachte Draco tatsächlich eine Hand voll schwarzer Holunderbeeren. Viel gab es noch nicht, es war zu früh im Jahr dafür, aber sie würden erst einmal reichen. Severus nahm eines seiner T-Shirts und benutzte es, um die Beeren darin auszupressen. Den Saft fing er in der Wasserflasche auf, die sie bereits leergetrunken hatten. Der Stoff des Shirts war ausgezeichnet, um die Beeren damit auszupressen und die Kerne dabei vom Saft zu trennen. Gut, es sah hinterher aus, aber das war egal. Er gab Draco und Harry einen Schluck von dem Saft und nahm auch selber ein bisschen, die Nachwirkungen des Cruciatus waren nun deutlich zu spüren. Sie zitterten beide immer stärker, je mehr die Heilwirkung von Harry nachließ.

„Wir dürfen nicht alle gleichzeitig schlafen, einer muss wachen.“, warnte Draco.

„Drache, schlaf ruhig. Du weißt, wie leicht mein Schlaf ist, ich werde wach, wenn sich jemand nähert. Und Harrys Instinkte werden ihn auch warnen.“, entschied Severus.

Sie alle mussten schlafen, am Morgen mussten sie weiterziehen und so weit wie möglich von dem Haus weg.

Sie schliefen ruhig in der Nacht, alle drei eng aneinander gekuschelt um sich gegenseitig zu schützen und zu wärmen. Harry schlief ein wenig unruhig, aber nur kurz. Die Nähe zu seinen Gefährten beruhigte ihn schnell wieder und er wachte nicht auf. Am Morgen tranken sie Wasser aus dem Bach, wuschen dann die Wunden mit dem Kaltauszug der Gänseblümchen aus und verbanden sie wieder mit Huflattichblättern. Jeder trank einen Schluck von dem Holundersaft. Dann aßen sie noch jeder einen Apfel und ein Stück Brot, bevor sie ihre Rucksäcke packten und losgingen. Sie hatten ihre Spuren soweit möglich verwischt, den Rest würden hoffentlich der Wind und die Sonne erledigen. Severus und Harry traten zunächst vorsichtig auf, doch die provisorischen Schienen hielten und sie konnten damit laufen. Dennoch kamen sie nicht so schnell vorwärts wie sie hofften, da Harry mit seinem Rippenbruch ziemlich kurzatmig war. Sie sprachen nicht viel, jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und versuchte so gut wie möglich, die Schmerzen zu unterdrücken, die im Lauf des Tages immer stärker wurden, als die Wirkung des Saftes langsam nachließ. Sie hatten entschieden, am Bach entlang weiterzugehen, so lange der in etwa nach Osten lief. Als sie an die Straße kamen, kreuzten sie sie schnell und vorsichtig. Dann liefen sie immer weiter in Richtung Osten, so lange es ging am Bach entlang. Wasser war lebensnotwendig und sie wollten ihre Flaschen so lange wie möglich voll haben. Unterwegs fanden sie immer wieder verschiedene Beeren, die zwar alle noch nicht reif waren, aber sie füllten den Magen und stillten den größten Hunger. Auch nach Wurzeln gruben sie, Severus´ Wissen ausnutzend. Erst gegen Abend, als es schon kurz vor Sonnenuntergang war, machten sie wieder Halt. Diesmal zündeten sie ein kleines Feuer an und Harry legte sich an den Bach und schaffte es, drei Fische zu fangen, die sie ausnahmen und dann auf Stöcken über dem Feuer grillten.

Severus und Draco hatten Harry beobachtet. Anfangs war er relativ gleichmäßig gelaufen, hatte aber ab Mittag immer stärker angefangen zu hinken. Dennoch kam nie ein Schmerzenslaut über seine Lippen und er fragte auch nicht, ob sie langsamer gehen konnten. Harrys Beine zitterten vor Anstrengung, die Muskeln waren dieser Belastung nicht gewachsen mit den Rissen, die darin waren. Draco steckte seinen Stock mit dem Fisch so in den Boden, dass er weiter über dem Feuer war und gegrillt wurde, aber nicht verbrannte. Dann wandte er sich zu Harry und bat ihn, sich auf den Bauch zu legen. Sanft fing er an, die Beine mit seiner unverletzten Hand zu massieren. Zunächst verkrampfte sich Harry ob der ungewohnten Berührung, aber nach und nach ließ er locker und Draco konnte spüren, dass die Muskeln sich entspannten und weicher wurden.

„Danke, Dray!“, flüsterte Harry nach einer Weile.

„Genieß es, Harry.“, lächelte Draco und machte beim Rücken vorsichtig weiter.

Sorgsam achtete er auf die verschiedenen Verletzungen, um dem Kleineren keine Schmerzen zu bereiten und spürte, dass sich etwas in dem Gryffindor zu lösen schien. Severus, der Harry genau beobachtete, bedeutete Draco, weiter zu machen. Er konnte sehen, dass es dem Gryffindor half, mit dem Erlebten fertig zu werden. Eine einzelne Träne löste sich aus Harrys Auge, dann folgten immer mehr. Sanft wischte Severus sie mit dem Daumen weg, strich dem Kleineren über die Haare. Als Draco die Hand wegnahm, zog er ihn in die Arme.

„Rede darüber, Harry. Es hilft, glaub mir.“, empfahl Severus.

„Ich… ich hab ihn getötet. Ich habe gemordet. Einfach so.“, schluchzte Harry auf.

„Sch. Harry, es ging nicht anders. Du hast uns damit das Leben gerettet. Keiner von uns hätte überlebt, wenn du nicht gewesen wärst. Es waren deine Magie und deine Vampir-Fähigkeiten, die uns gerettet haben. Es war Notwehr, kein Mord.“, beschwichtigte Draco.

Severus strich ihm wieder und wieder über den Rücken und murmelte beruhigende Worte. Er konnte verstehen, wie Harry sich fühlte, auch ihm selber wurde schlecht bei dem Gedanken, dass er die Todesser getötet hatte. Aber es war notwendig gewesen, um ihr eigenes Leben und wahrscheinlich auch viele andere Leben zu schützen. Das sagte er auch Harry, der danach etwas ruhiger wirkte.

„Sev, Dray, bitte bleibt bei mir. Ich hab Angst, dass Flint sich in meine Träume schleicht. Es war alles wieder da. Ich will das nicht nochmal durchmachen müssen.“, flehte Harry.

„Wir sind da.“, versprachen beide.

„Ich war wie gelähmt, als er plötzlich hinter mir war, konnte mich nicht mehr bewegen. Erst als die Anderen mich festhielten, konnte ich wieder etwas tun, aber da war es schon zu spät, sie haben mich so fest gehalten, dass ich mich nicht mehr wehren konnte. Und dann kam die Angst, alles würde wieder von vorne anfangen. Ich wollte, ich konnte das nicht noch einmal durchstehen. Dray, ich bin so froh, dass du ihn aufgehalten hast, ansonsten hätte ich es nicht geschafft. Noch einmal kann ich diese ganze Verarbeitung nicht durchstehen. Ich brauche euch beide so sehr, lasst mich bitte nicht alleine. Lasst ihn nicht noch einmal zu mir, in meine Träume.“, wisperte Harry zitternd.

Wieder nahmen sie Harry zum Schlafen in die Mitte. Unruhig und zitternd lag er zwischen ihnen, fürchtete sich vor dem Einschlafen, doch Draco begann schließlich, ihn noch einmal zu massieren. Dadurch entspannte Harry sich langsam wieder. Severus zog Harrys Kopf auf seinen eigenen Brustkorb, sodass der Gryffindor seinem Herzschlag lauschen konnte. Das half Harry dann soweit, dass er ein- und auch durchschlafen konnte. Sie brachen morgens auf, nachdem sie die Spuren ihres Lagers so gut wie möglich verwischt hatten. Tag für Tag schleppten sie sich weiter. Die Wunden heilten nicht besonders gut, obwohl sie immer wieder Blätter und Kräuter fanden, die die Wundheilung förderten, aber einige der Wunden waren durch schwarze Magie verursacht worden und heilten deshalb sehr schlecht. Severus spürte an sich selbst, wie er schwächer wurde. Er versuchte es zu verstecken, aber auch Draco und Harry wurden zusehends schwächer. Nach knapp drei Wochen konnten sie alle drei nicht mehr.

Unterernährt, von Wundfieber gequält suchten sie sich einen Unterschlupf. Sie wickelten sich in ihre Decken ein und legten sich so nahe wie möglich zusammen. Severus ahnte, dass sie es am nächsten Morgen nicht mehr schaffen würden, wieder aufzustehen. An diesem Abend ließ er die Verzweiflung über sich gewinnen, Tränen strömten über seine Wangen, während er langsam in den Schlaf glitt.

 

 

 

 

Knapp drei Wochen waren vergangen, seit Sirius und Remus aus der Gefangenschaft befreit wurden. Seit ebenso vielen Wochen suchten Dumbledore und seine Leute nach Harry, Draco und Severus, doch sie hatten nichts gefunden. Während Poppy noch um die Leben von Sirius und Remus kämpfte, erreichte der Patronus von Severus das Hauptquartier des Ordens und berichtete Dumbledore:

Voldemort ist tot. Er liegt in einem Haus bei dem Black Mountain Scout Camp in Washington State nahe Maple Falls. 49. Breitengrad, 122. Längengrad. Draco, Harry und ich verschwinden von hier, bevor Todesser auftauchen.

Sofort waren sie zu den angegebenen Koordinaten gereist, was aufgrund der Entfernung einige Zeit in Anspruch genommen hatte, und hatten tatsächlich Voldemorts Überreste gefunden, ebenso einige getötete Anhänger von ihm, die sie als Crabbe, Goyle, Nott und Avery identifizierten, außerdem einen ehemaligen Schüler der Abschlussklasse, Marcus Flint. Die restlichen Spuren im Haus deuteten auf einen heftigen Kampf und eine überstürzte Flucht hin. Wohin würde Severus mit den beiden Jungs gehen? Diese Frage hatte sich Dumbledore in den letzten Wochen immer wieder gestellt. Er hatte Kingsley und Moody in Britannien gelassen, die sich nun zusammen mit einigen treuen Auroren, dem Großteil des Ordens mit den Weasleys, bis auf Bill und Ron, die mit in die USA gereist waren, darum bemühten, die Todesser dingfest zu machen. Ohne Voldemort ging es ziemlich chaotisch zu. Lucius Malfoy versuchte verzweifelt alles, um die Anhänger des Dunklen vereint zu halten, aber er war nicht Voldemort selber und hatte nicht den gleichen Rückhalt.

So waren nach und nach die meisten Todesser verhaftet worden. Auch das Ministerium war inzwischen wieder befreit und der Zaubergamot war wieder aktiv. Sie hatten sich zusammengesetzt und als erste Amtshandlung Kingsley als Übergangsminister ernannt. Der räumte nun unbarmherzig auf und reinigte das Ministerium von innen heraus. Das Team in den USA jedoch stand kurz vor dem Aufgeben. Dumbledore, Bill, Ron, Neville, Minerva und Augusta hatten alles versucht, sogar Ortungszauber, doch dass die funktionierten, hatte keiner wirklich geglaubt, so leicht würde es Severus den Todessern sicher nicht machen. Dennoch hatten sie es probiert, einfach nur, um nichts zu übersehen. Ron hatte das Haus zusammen mit Neville auf den Kopf gestellt, aber auch sie hatten keinen Hinweis entdeckt. Schließlich hatten sie ein Suchmuster auf eine Karte gezeichnet und angefangen, nach Plan zu suchen. Doch um wirklich alles abzusuchen, würden sie noch Monate brauchen. Severus, Harry und Draco hatten inzwischen fast drei Wochen Vorsprung und blieben wie vom Erdboden verschluckt.

Leider konnte auch Fawkes ihnen nicht helfen, anfangs war er mit Albus Dumbledore zwar mitgekommen, aber sein Brandtag rückte immer näher und er konnte sich kaum noch bewegen. Dumbledore hatte ihn schließlich über den Kamin, den er dafür ans Flohnetzwerk angeschlossen hatte, zurück nach Hogwarts gebracht. Der Phönix wirkte traurig, aber er brauchte die Ruhe, um seinen Brandtag und die folgende Wachstumsphase hinter sich zu bringen, die immer einige Wochen dauerte. In dieser Zeit konnte der Phönix nicht viel von seiner Magie einsetzen. Dumbledores Augen hatten ihr Funkeln schon lange verloren. Dennoch weigerte er sich, einfach aufzugeben, er wollte wieder gut machen, was Harry seinetwegen hatte durchmachen müssen. Er schlief jede Nacht nur ein paar Stunden und suchte dann wieder weiter, ignorierte seine eigene Erschöpfung. Sie hatten sich aufgeteilt in drei Zweierteams und suchten systematisch die Gegend ab, trafen sich abends, wenn es zu dunkel zum Suchen wurde, wieder im Haus, nur um am nächsten Morgen beim ersten Licht wieder aufzubrechen. Doch langsam machte sich die Anstrengung bei allen bemerkbar, sie wurden gereizt und streitlustig.

In so einen Streit platzten nun Ende Juni Sirius und Remus. Sie hatten über zwei Wochen in einem Heilschlaf verbracht und dann erfahren, was sich in der Zeit ihrer Gefangenschaft getan hatte, ebenso wo Dumbledore war und was er versuchte. Daraufhin hatten sie so lange auf Poppy eingeredet, bis diese sie gehen hatte lassen. Das war vor einigen Stunden gewesen und nun waren sie angekommen.

„Sirius, Remus! Wir haben leider keine Spur gefunden.“, gab Dumbledore zu.

Er war erleichtert, die beiden zu sehen. Sie wirkten wieder ziemlich fit, wenn auch noch etwas mager. Aber auch sehr besorgt. Dann fiel Dumbledore ein, dass in zwei Nächten Vollmond war.

„Remus, hältst du das für eine gute Idee, wenn in zwei Nächten Vollmond ist?“, fragte er.

„Als Wolf kann ich vielleicht eine Spur finden, die keiner von uns so finden würde. Sirius kümmert sich darum, dass ich niemandem gefährlich werde, er hat Moony im Griff. Dennoch möchte ich, dass ihr in dieser Nacht nicht in meiner Nähe seid.“, erwiderte Remus ruhig.

„Und bis dahin helfen wir so bei der Suche. Wo geht´s weiter?“, erklärte Sirius.

Sirius und Remus bildeten nun ein viertes Suchteam und sie machten sich sofort auf den Weg. Doch als Stunden später die Sonne unterging, hatten sie zwar ein großes Gebiet untersucht, doch keine Spur gefunden. Ebenso ging es ihnen am nächsten Tag, bis gegen Abend suchten sie, doch sie trafen sich schon eine Stunde vor Sonnenuntergang wieder im Haus, damit Remus in seiner Werwolf-Form frei agieren konnte. Remus ging ein Stück in den Wald und suchte sich dort eine Stelle, an der er sich verwandeln konnte. Er zog sich in eine Meditation zurück, um sein Wolfs-Ich so positiv wie möglich zu beeinflussen, damit er dann auf die Suche nach Harry, seinem Welpen, gehen konnte. Moony zu steuern, war nicht so einfach, Remus konnte den Wolf zwar spüren, aber er hatte nur wenig Einfluss auf ihn, während er draußen war. Doch heute Nacht brauchte er die Fähigkeiten von Moony. Harry brauchte sie. Dringend. Er hatte das Blut gesehen und gerochen, dazu immer noch den Geruch von Angst und Schmerz.

Als er bemerkte, dass die Umwandlung unmittelbar bevorstand, zog er sich aus und versteckte seine Sachen so, dass Albus sie finden konnte. Sie hatten abgemacht, dass Dumbledore Remus´ Sachen holen sollte am nächsten Morgen und dann den Spuren folgen, die Tatze für sie hinterlassen wollte, sollten sie eine Spur von Harry finden. Die Verwandlung erschien ihm heute nicht so schmerzhaft wie sonst, doch ein Jaulen entkam ihm dennoch immer wieder. Schließlich war es geschafft, Remus konnte spüren, wie sehr Moony sich über die Freiheit und die Vielzahl an neuen Gerüchen freute.

»Such nach Harry, such deinen Welpen!«, flehte er den Werwolf in Gedanken an.

Zunächst erschien es Remus, als würde Moony ihn überhaupt nicht hören, er rannte hin und her und freute sich einfach über die Freiheit, die vielen neuen Gerüche. Doch irgendwann lief er zum Wasser um zu trinken, und dort fand er eine schwache Spur, die er kannte. Ein Winseln kam aus der Kehle des Werwolfs. Den Geruch kannte er, das war sein Welpe. Und er roch auch Blut. Der Welpe war verletzt. Moony setzte sich in Bewegung und verfolgte die Spur. Er spürte, dass er verfolgt wurde, wusste jedoch, dass es Tatze war, sein letztes verbliebenes Rudelmitglied. Zusammen liefen sie eine weite Strecke. Sirius bemühte sich, immer wieder verwertbare Spuren für Dumbledore zu hinterlassen und Moony dabei nicht zu verlieren. Schließlich hatte er Remus versprochen, dass er dafür sorgte, dass der Werwolf keine Menschen angriff. Als sie an eine Straße kamen, hatte Sirius beinahe einen Herzinfarkt, da dort gerade mehrere Motorräder unterwegs waren. Doch Moony folgte weiterhin der leichten Spur. Er war auf der Suche nach seinem Welpen und ignorierte die Menschen völlig. Die Motorradfahrer allerdings schrien entsetzt auf, als der riesige, sandfarbene Wolf aus dem Gebüsch kam und über die Straße lief, gefolgt von einem ziemlich großen, schwarzen Hund.

Stundenlang folgten sie dem Verlauf des Flusses, bis zu der Quelle. Dort bog die Spur ein wenig nach Süden ab, doch sie schien deutlicher zu werden. Sie kamen näher. Die drei Verfolgten waren inzwischen scheinbar fast nur geradeaus gelaufen, hatten nie versucht, ihre Spuren zu verwischen. Immer wieder fanden sie eine Stelle, an der die Spuren intensiver waren. Sirius vermutete, dass sie dort gelagert hatten und ihre Verletzungen versorgt. Denn selbst er konnte immer wieder den Geruch von Arnika und Huflattich erkennen, die – wie selbst er wusste – zur Wundbehandlung genutzt werden konnten. Zudem noch weitere Gerüche, die er aber nicht kannte. Severus hatte sicher ein großes Wissen, was Heilpflanzen betraf und sie hatten das genommen, was sie gefunden hatten. Inzwischen war es kurz vor Sonnenaufgang und die Nacht war am Ende. Der Animagus schätzte, dass sie noch etwa zwanzig Minuten hatten, bevor Moony sich in Remus zurückverwandelte. Dann brauchte er erst einmal eine Menge Schlaf, sie waren weit gelaufen, sicherlich mehrere Tagesreisen für die drei Verfolgten. Sirius überlegte, dass Dumbledore und die anderen ihnen kaum so schnell folgen konnten. Er musste sie zu sich holen. Doch erst einmal kam Remus´ Rückverwandlung. Auch sie schien weniger schmerzhaft als bisher zu sein und binnen weniger Minuten war alles vorbei. Sirius verwandelte sich nun ebenfalls zurück. Remus sah ihn völlig erschöpft an, der Animagus war genauso fertig. Die Müdigkeit drohte ihn umzuwerfen, doch er dachte an seinen Patensohn.

„Was denkst du, Remus, wie alt ist die Spur?“, fragte Sirius.

„Vielleicht eine Woche. Sie wurden immer langsamer, sie sind alle drei verletzt und scheinen auch Fieber zu haben, bin mir aber nicht sicher. Ich habe Tollkirsche gerochen und da wird sogar Severus extrem vorsichtig sein müssen, denn die führt schnell zu Vergiftungen. Wenn er das nutzt, muss er schon fast verzweifelt sein. Zur Wundheilung hat er bessere Heilkräuter genutzt, aber Tollkirsche ist eines der besten Mittel gegen Fieber, wenn man es richtig einsetzen kann.“, murmelte Remus.

„Schlaf jetzt. Ich werde einen Portschlüssel schaffen und die anderen hierher holen, dann können wir ab hier versuchen, sie zu finden.“, versprach Sirius.

Remus rollte sich kommentarlos unter einem Busch zusammen und war fast sofort eingeschlafen. Sirius ermahnte sich selbst, wach zu bleiben, er musste noch etwas erledigen. Schnell fand er einen etwas größeren Stein, den er in einen Portschlüssel verwandelte, der sie zu diesem Ort zurückbringen würde. Dann konzentrierte er sich und apparierte in das Haus zurück. Die meisten schliefen noch, nur Augusta war schon wach und richtete das Frühstück her. Wortlos reichte sie Sirius einen Toast und eine Tasse Kaffee.

„Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen.

„Wir haben eine Spur gefunden und sind ziemlich weit gekommen. Remus schläft gerade und ich habe einen Portschlüssel geschaffen, der uns dorthin bringen wird.“, erklärte Sirius müde.

„Aber vorher schläfst du auch ein wenig.“, bestimmte Augusta und schob Sirius in Richtung Sofa.

Sie schwenkte kurz ihren Zauberstab und verwandelte es in ein Bett, dann drängte sie den Animagus, sich darauf zu legen. Kaum lag Sirius, schlief er auch schon.

„Geht doch.“, murmelte Augusta amüsiert.

Sie mahnte die Anderen, leise zu sein, als sie zum Frühstück kamen, um Sirius nicht aufzuwecken und entschied, dass sie Sirius bis Mittag schlafen lassen würden und erst dann zu Remus gehen, damit auch dieser ein wenig ausruhen konnte. Albus war nicht wirklich einverstanden, aber Augusta blieb hart. So wie Sirius ausgesehen hatte, waren die beiden heute Nacht wirklich schnell und weit gelaufen. Sie hatten so lange nach den drei Vermissten gesucht, da kam es nun auf die nächsten drei Stunden auch nicht mehr an. Allerdings erlaubte sie Albus, die Kleidung von Remus zu holen. Etwas über drei Stunden später erwachte Sirius dann wieder. Er wirkte noch immer ziemlich müde, war aber doch wieder voller Energie und wollte weiter nach seinem Patensohn suchen. Auch wenn er sich letzten Sommer relativ gut mit Severus Snape und Draco, der ja jetzt auch Snape hieß, verstanden hatte, so suchte er dennoch hauptsächlich nach Harry. Um seinen Patensohn ging es ihm, auch wenn er tief in seinem Innern hoffte, dass es allen dreien gut ging.

Sie griffen alle nach dem Stein, den Sirius ihnen hin hielt, und als alle einen Finger daran liegen hatten, aktivierte der Schwarzhaarige den Portschlüssel. Alle fühlten ein Ziehen hinter ihrem Bauchnabel und standen einen Moment später auf einer Lichtung. Ihre Ankunft weckte Remus, der, immer noch nackt, unter dem Busch schlief. Wortlos reichte Dumbledore ihm seine Kleidung und sie wandten sich um, bis Remus wieder angezogen war.

„Wie sieht es aus?“, wollte Dumbledore wissen.

„Wir konnten der Spur bis hierher folgen. Sie ist nun vielleicht eine Woche alt und es sieht aus, als wären sie einfach immerzu geradeaus gegangen. Sie wurden im Lauf der Zeit langsamer, ich vermute, dass sie verletzt sind und Fieber haben. Wenn ich Severus richtig einschätze, wird er sehen, dass er wieder an Wasser kommt. Ich schlage vor, wir gehen in einem Abstand von einigen Fuß nebeneinander her, um ein möglichst großes Gebiet abzusuchen. Wir folgen ihrer bisherigen Richtung und suchen nach Spuren. Ihr letztes Nachtlager, das ich gefunden habe, ist ein ganzes Stück von hier, wir müssten heute noch auf das nächste treffen. In diese Richtung.“, erklärte er und deutete am Schluss nach Osten.

„Vielleicht sollten wir es nochmal mit einem Ortungszauber versuchen.“, schlug Ron vor.

„Gute Idee. Es kann jedenfalls nicht schaden. Ich schlage vor, dass wir den Ortungszauber jetzt probieren, und dann alle zwei Stunden nochmals, falls wir jetzt kein Ergebnis erhalten.“, ging Dumbledore darauf ein.

Bill und Augusta versuchten es. Vergebens. Dann machten sie sich auf und bildeten eine Linie, wie von Remus vorgeschlagen. Remus in der Mitte, rechts von ihm Sirius, Neville und Augusta, links von ihm Ron, Bill, Minerva und Albus. Mit aufmerksamen Blicken kämpften sie sich so zügig wie möglich vorwärts. Immer wieder fanden sie Spuren, die bewiesen, dass sie auf dem richtigen Weg waren, mal einige Fußabdrücke im schlammigen Boden, dann wieder abgeknickte Äste oder Löcher, an denen sie offenbar nach Wurzeln gegraben hatten. Das Nachtlager fanden sie schon nach knapp einer Stunde, man konnte erkennen, dass dort ein kleines Feuer entzündet worden war. Sie hielten sich dort nur so lange auf, bis sie wussten, in welche Richtung die drei am Morgen weitergegangen waren. Die kleinen Pflanzenreste, die sie entdeckt hatten, sprachen von der Dringlichkeit, mit der die drei gefunden werden mussten. Neben einigen Heilkräutern, die zur Wundbehandlung genutzt wurden, fanden sie auch Reste von Tollkirschen.

„Wundfieber.“, konstatierte Albus knapp.

„Sicher, Albus?“, fragte Bill.

„Fast zu einhundert Prozent. Severus muss verzweifelt sein, wenn er das verwendet. Es ist riskant, selbst für einen ausgezeichneten Tränkemeister wie ihn, diese Pflanze zu verwenden. Ich frage mich, warum er keine Heilzauber gesprochen hat?“, murmelte Albus.

Keiner konnte darauf antworten, aber alle fragten sich, was mit den Dreien passiert war und in welchem Zustand sie sie wohl finden würden. Klar war, dass sie so schnell wie möglich in ein Krankenhaus mussten. So gingen die acht Zauberer schnell weiter, in der Hoffnung, vor dem Einsetzen der Dunkelheit möglichst weit zu kommen, hoffend, dass sie spätestens im Verlauf des folgenden Tages auf Harry, Draco und Severus treffen würden.

 

 

 

Am nächsten Morgen, sobald es hell genug war, um zu sehen, gingen die Suchenden weiter. Sie hatten von den Vorräten, die Augusta hergerichtet hatte, während Sirius schlief, ein kurzes Frühstück bereitet und waren dann alle noch kurz hinter einem Busch verschwunden, dann brachen sie auf. Die Ortungszauber hatten bisher alle nicht angeschlagen. Bereits nach zwei Stunden fanden sie das nächste Nachtlager. Draco, Harry und Severus hatten an diesem Tag nur etwa fünf Meilen geschafft. Sie waren offenbar völlig am Ende ihrer Kräfte, liefen aber immer weiter. Sie mussten große Angst haben.

„Hat eigentlich schon einer einen Patronus zu den Dreien geschickt?“, fragte Sirius auf einmal.

„Bisher nicht, wir waren uns anfangs nicht sicher, ob sie alleine waren oder vielleicht sogar entführt, da wollten wir das Risiko nicht eingehen. Und danach hat keiner mehr daran gedacht.“, erklärte Dumbledore zerknirscht.

„Nun, dann sollten wir das nachholen, und zwar jetzt. Sie sind ganz sicher alleine unterwegs.“, antwortete Remus und zog seinen Zauberstab.

Er beschwor seinen Wolfspatronus herauf und sandte ihn mit einer Nachricht zu Severus. Dann gingen sie weiter. Sie waren sich sicher, dass Severus, Harry und Draco anhalten und auf sie warten würden, wenn sie die Nachricht bekamen, vielleicht würden sie auch antworten. Severus kannte Remus´ Patronus und wusste ebenso wie alle anderen, dass man niemanden damit in die Falle locken konnte. Schwarze Magier schafften es selten, einen Patronus zu beschwören, da dieser ein rein weißmagischer Zauber war, der durch die schwarze Magie, die eine Person wirkte, abgeschwächt wurde. Eine Antwort kam nicht, was sie alle unruhig werden ließ. Woran lag es, dass sie keinen Patronus schickten? Wollten sie nicht zaubern, weil sie trotz allem Angst vor einer Falle hatten? Oder konnten sie gar nicht zaubern? Waren sie am Ende schon… Aber diesen Gedanken wollte keiner zu Ende denken. Sie konnten nicht ahnen, dass Harry im letzten Moment die zerbrochenen Reste ihrer Zauberstäbe in seinen Rucksack gesteckt hatte, auch wenn er selber nicht genau sagen konnte, warum. Er konnte einfach nicht anders.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung konnte Remus das Rauschen von Wasser hören. Er deutete in die entsprechende Richtung und sie wandten ihre Schritte ein wenig nach links, von wo das Rauschen kam. Sie selber brauchten Wasser und Severus und die Jungs würden sicher auch die Nähe von Wasser suchen. Nach etwa einer Viertelstunde waren sie dann am Bach angekommen. Schnell tranken sie alle und wuschen sich die verschwitzten Gesichter, denn dieser Tag war sehr warm gewesen.

„Da, seht mal!“, rief Neville plötzlich, der ein paar Meter weiter gegangen war.

Er hatte Spuren entdeckt, die deutlich auf die Anwesenheit mehrerer Personen an diesem Wasser hinwiesen. Remus und Sirius folgten als Erste den Spuren, gefolgt von den anderen sechs. Sie konnten kaum noch etwas erkennen, doch die Spuren schienen immer geradeaus zu gehen.

„Scheiße!“, schrie Remus auf einmal und ging in die Knie.

Sirius kniete sich sofort neben ihn. Der Anblick traf sie fast völlig unvorbereitet. Sie hatten mit Verletzungen gerechnet, aber nicht mit diesem Zustand. Alle drei lagen nebeneinander, zitterten und krampften, waren schweißüberströmt und völlig abwesend. Severus und Harry hatten je einen Fuß in einer Schiene aus Ästen, Dracos linke Hand war ebenfalls geschient, die Kleidung der drei war schmutzverkrustet, mit dunklen Flecken, die an Blut erinnerten (und es wohl auch waren), zerrissen und feucht. Sie lagen auf einer Decke und eine weitere Decke hatten sie wohl ursprünglich über sich gebreitet, aber die war nun neben Harry zusammengerollt, der ganz links lag. Neben ihm lag Severus und ganz rechts war Draco.

Sirius fühlte den Puls bei seinem Patensohn während Remus erst Draco und dann Severus überprüfte. Alle drei atmeten nur noch flach und hektisch, hatten hohes Fieber und der Puls raste. Augusta begann bereits, Diagnosezauber zu sprechen und die ersten Wunden zu heilen.

„Sie müssen in ein Krankenhaus, so schnell wie möglich. Ich kann ihnen ein wenig helfen, aber das wird nicht reichen, sie brauchen richtige Heiler. Meine Heilfähigkeiten sind begrenzt.“, entschied sie.

„Das nächste Zauberkrankenhaus von hier aus ist in Las Vegas. Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, auf einmal bis dahin zu apparieren. Bill, du nimmst Harry, Minerva, du nimmst Draco und ich selber werde Severus übernehmen. Sirius, Remus, könnt ihr Ron und Neville helfen? Wir werden erst nach Portland apparieren, von dort aus nach Salt Lake City und dann nach Las Vegas. Ich kenne die Zielorte, schafft ihr es, dorthin zu apparieren, wenn ich sie euch in meiner Erinnerung zeige?“, fragte Albus Dumbledore.

„Das ist ein verdammt großes Risiko!“, schnappte Sirius.

„Ich weiß, Sirius, aber ich weiß nicht, wie wir es sonst schaffen sollen. Du weißt wie gefährlich Portschlüsselreisen in so einem Zustand sind.“, entgegnete Dumbledore.

„Albus, ich denke, das Risiko mit dem Portschlüssel ist hier geringer als beim Apparieren, da wir mindestens zwei Stopps machen müssen und keiner von uns genau weiß wohin. Ich möchte das ehrlich nicht wagen, nur aufgrund einer fremden Erinnerung zu apparieren und dann auch noch mit einem Verletzten. Riskieren wir den Portschlüssel.“, schlug Bill in seiner ruhigen Art vor.

„Ich bin Bills Meinung.“, stimmte Remus zu.

Augusta hielt sich raus, sie versuchte zusammen mit Minerva, die drei Verletzten zu versorgen, so gut es ihnen möglich war. Sirius und die beiden jugendlichen Gryffindors stimmten Remus zu.

„Nun, dann bin ich wohl überstimmt. Vielleicht habt ihr Recht. Wagen wir es. Aber einen Portschlüssel für diese Entfernung anzufertigen braucht eine Menge Magie. Ich schätze, ich brauche ein wenig Hilfe.“, lenkte Albus ein.

Schnell gesellten sich Sirius, Remus, Bill, Neville und Ron zu ihm, um ihn mit ihrer Magie zu unterstützen. Derweil schafften es die beiden Hexen, die gebrochenen Knochen zu richten, sodass Harry wieder leichter zu atmen schien, weil die Rippen wieder zusammenwuchsen, ebenso Dracos Handgelenk und Severus´ Knöchel und seine Finger. Einige der Wunden schlossen sich nach mehrmaliger Anwendung eines Heilzaubers, aber andere reagierten überhaupt nicht. Allen Wunden war gemeinsam, dass sie mehr oder weniger entzündet waren, rot geschwollen und teilweise eitrig, obwohl zu erkennen war, dass sie versorgt worden waren.

„Okay, das müsste klappen. Riskieren wir es. Der Portschlüssel wird uns direkt vor das Zauberhospital bringen, das am Rande von Las Vegas liegt. Haltet euch bitte alle daran fest und sorgt dafür, dass auch Harry, Severus und Draco den Rucksack berühren.“, bestimmte Dumbledore.

Er hatte Dracos Rucksack genutzt, um einen Portschlüssel anzufertigen. Minerva und Augusta hoben erst die Hände der beiden bewusstlosen Jugendlichen und legten sie fest an den Rucksack, dann nahm Minerva die Hand ihres Kollegen und legte auch sie an den Stoff, bevor sie selbst ihre Finger direkt daneben legte. Albus Dumbledore warf noch einmal einen kontrollierenden Blick herum und aktivierte dann den Portschlüssel. Er hoffte und betete, dass es funktionieren würde und diese Reise den Verletzten nicht noch mehr Schaden zufügen würde. Er machte sich Vorwürfe, nicht eher eine Lösung gefunden zu haben, sie hätten das mit dem Patronus schon viel früher machen sollen. Es hatte schließlich keine Spuren einer Entführung gegeben und Severus´ Patronus, den er nach England geschickt hatte, hatte sie ja darauf hingewiesen, dass er mit den beiden Jugendlichen fliehen würde.

Dumbledore machte sich auch Gedanken darüber, wie das Verhältnis der drei zueinander nun wohl war. Dass Severus den jungen Draco geheiratet hatte, führte zunächst zu Unverständnis, doch schließlich war es Albus klar geworden, dass der Tränkemeister keine andere Wahl gehabt hatte, um die Verantwortung für Draco übernehmen zu können. Schließlich war er auf Voldemorts Abschussliste und auch das Ministerium war nicht sonderlich gut auf den ehemaligen Todesser zu sprechen gewesen. Hätte er die Vormundschaft beantragt, so wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt und Draco wäre in ein Waisenhaus gesteckt worden, wo Voldemort ihn ziemlich schnell in die Finger bekommen hätte. So hatte er als Vormund der Hochzeit seines jungen Mündels zugestimmt und da dieser schon sechzehn gewesen war, hatte er selber entscheiden können, ob er Severus heiraten wollte. Wenn er genau darüber nachdachte, dann wurde Albus Dumbledore klar, dass Draco und Severus wohl schon länger ein Verhältnis gehabt hatten. Ja, der junge Malfoy war viel in den Kerkern bei seinem Paten gewesen, aber dennoch hatte sich das Verhalten der beiden verändert gehabt, nicht offensichtlich, aber die Blicke waren anders gewesen, verständnisvoller und auch liebevoller. Aber nur im Nachhinein betrachtet fiel es ihm auf, in dem Moment hatte er es nicht bemerkt. Der junge Malfoy war aus dem Grund zu seinem Paten geflohen, weil er das Mal nicht annehmen wollte und sein Vater wohl darauf bestanden hatte. So hatten es ihm die beiden erklärt, als Severus kurz vor Ende der Ferien mit seinem Patensohn in Hogwarts aufgetaucht war und ihn gebeten hatte, Draco unter seinen Schutz zu nehmen. Sie hatten bereits zwei Horkruxe in ihre Hand gebracht gehabt und Albus hatte durch sie erfahren, dass seine Theorie tatsächlich stimmte. Bis zu dem Zeitpunkt war es nur eine Theorie gewesen, die Albus gehabt hatte, gestützt auf Vermutungen rund um das Tagebuch von Riddle, das Harry in seinem zweiten Schuljahr vernichtet hatte. Nur Harry hatte anfangs überhaupt nicht in diese ganze Geschichte gepasst, aber Sirius hatte ihm erzählt, dass sie nun eine Triade bildeten. Draco und Severus waren mit Harry auf einer Ebene verbunden, die keiner so ganz verstand, doch Sirius zufolge schien es einfach richtig zu sein. Albus Dumbledore schüttelte kurz den Kopf und tauchte aus seinen Erinnerungen wieder auf. Sie waren mit dem Portschlüssel genau dorthin gereist, wo sie hinwollten. Das große Gebäude, das einen leerstehenden Eindruck machte (der natürlich nur die Muggel täuschte), war genau vor ihnen und eben liefen zwei Heiler heraus und auf sie zu.  Augusta übernahm es, sie aufzuklären. Der ehemalige Direktor von Hogwarts warf einen Blick auf die drei Verletzten und sah, dass sie zwar nochmal ein wenig blasser wirkten als vor der Portschlüsselreise, aber sonst scheinbar unverändert vor ihm lagen.

Die Heiler holten noch einen dritten Kollegen hinzu und levitierten die Verletzten dann vorsichtig hinein. Sie untersuchten sie und kamen zu dem Schluss, dass derjenige, der ihre Verletzungen versorgt hatte, die drei Leben gerettet hatte, denn unversorgt hätten sie wahrscheinlich nur zwei oder drei Tage überlebt. Severus und Draco konnten sie gut behandeln, sie legten sie in einen Heilschlaf und versorgten dann nach und nach ihre zahlreichen Verletzungen. Harry dagegen machte ihnen mehr Sorgen, da er schon lange kein Blut mehr getrunken hatte und dadurch schlechter versorgt werden konnte, da sie erst einmal den Blutdurst, den er auch in bewusstlosem Zustand hatte, versorgen mussten. Erst nach vier Blutkonserven reagierte Harry auf die ersten Heilzauber, das war der Moment an dem die Heiler anfingen zu hoffen. Dennoch zauberten sie auch ihn in einen Heilschlaf, damit sein Körper in Ruhe heilen konnte. Eine Woche lang lagen alle drei im Heilschlaf und man konnte sehen, dass sie sich erholten. Bill, Augusta, Neville und Minerva waren schließlich mit Remus abgereist, um in Großbritannien zu helfen, Ordnung zu schaffen. Sirius und Ron waren nicht von Harrys Bett wegzubekommen, und Dumbledore hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nach dessen Gefährten zu sehen. Denn dass beide Harrys Gefährten waren, hatte er erkannt, als er die kleinen Erhebungen entdeckt hatte, die auf der Haut über dem Schlüsselbein bei beiden zu sehen waren. Es war eindeutig ein Vampirzeichen, und als er es als Phönixrune identifiziert hatte, wusste er mit absoluter Sicherheit, dass es Harry gewesen war, der sie markiert hatte. Fawkes hatte ihm bereits vor langer Zeit bewusst gemacht, dass Harry einem Phönix im Geist sehr ähnlich war. Obwohl sie eigentlich in einem Heilschlaf lagen, schliefen alle drei sehr unruhig, bis Sirius nach drei Tagen vorschlug, sie in ein Bett zusammen zu legen.

„Das ist doch bescheuert, sie haben seit fast einem Jahr mit Sicherheit in einem Bett zusammen geschlafen. Auch wenn ich zugeben muss, davon nicht sehr begeistert zu sein, so muss ich doch einsehen, dass es wohl besser wäre, ihnen diese Nähe wieder zu geben, damit sie heilen können.“, wetterte Sirius ungehalten, aber man konnte seine Sorge erkennen, die er damit nur unzureichend maskierte.

Dumbledore stimmte ihm zu und Ron musste sich geschlagen geben. Sie vergrößerten Severus´ Bett mit einem Zauber und legten Harry auf dessen rechte und Draco auf seine linke Seite. Sirius beobachtete Harry genau und sah, wie er tief einatmete und sich dann näher an seinen Gefährten kuschelte. Ein sanftes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Auch Draco kuschelte sich an Severus und der Tränkemeister schien ein wenig seiner Anspannung zu verlieren. Die Unruhe war ebenfalls vorbei und sie schliefen nun tief und fest. Nach einer Woche wachte Draco als Erster auf. Er hatte offenbar nicht ganz so viel abbekommen wie die anderen beiden und erholte sich schneller. Eine Woche nach seiner Einlieferung machte Draco um die Mittagszeit die Augen auf und sah sich verwirrt um, bevor sein Blick auf Harry und Severus fiel und er wieder einschlief. Er schlief noch einmal fast zwanzig Stunden, doch dann war er endgültig wach und wollte wissen, wo er war und was passiert war. Einen Tag später erwachte auch Severus und es ging ähnlich zu wie bei Draco, auch er machte sich zuerst Sorgen um seine beiden Gefährten, bevor er sich den vergangenen Ereignissen zuwandte. Dann warteten sie zu fünft darauf, dass Harry aufwachen würde. Die Heiler, die anfangs ein wenig skeptisch gewesen waren, als sie ihre drei Patienten in einem Bett vorgefunden hatten, beruhigten sie damit, dass Harry einfach deswegen ein wenig länger brauchte um wach zu werden, weil er Blut wollte und die Infusionen den Blutdurst nicht komplett stillen konnten. Draco krabbelte daraufhin forsch zu Harry auf die andere Seite von Severus und kuschelte den Schwarzhaarigen so an sich, dass der mit der Nase an seinem Hals lag. Und es schien zu helfen, denn Harry zeigte immer mehr Anzeichen dafür, dass er bald wach werden würde. Nach etwas über zehn Tagen spürte Draco dann, dass Harry wach wurde, da er sich mehr bewegte und schon mit den Zähnen über die Haut schabte. Irgendwann spürte er dann Harrys Zunge leicht über seine Haut streifen und hielt still. Sofort folgte der zarte Biss und das angenehm kribbelnde Gefühl, als Harry sein Blut trank. Der Gryffindor saugte nicht lange, bevor er die Wunde wieder verschloss. Severus, der das mitbekommen hatte, forderte den Vampir auf, auch bei ihm zu trinken, damit er genug Blut abbekam. Er wusste, es war sinnlos, mit Harry darüber zu diskutieren, dass er ihnen nicht schaden konnte, er konnte nicht zu viel Blut trinken, da es durch die Verbindung im gleichen Tempo nachgebildet wurde.

Doch er spürte Harrys Dankbarkeit deutlich, als er noch mehr trinken konnte. Es war ein angenehmes Prickeln, als er endlich wieder Harrys Zähne spürte und sie dieses warme Gefühl in ihm auslösten, diesen Rausch, in dem er sich immer befand, wenn Harry an seinem Hals hing. Komischerweise war es nicht so gewesen, als Harry an seinem Handgelenk getrunken hatte, vor einem Jahr in seiner Wohnung. Aber so viel hatte sich in diesem Jahr verändert. Severus unterdrückte ein Stöhnen, er wusste nicht, wie Harry nun reagieren würde. Der junge Vampir hatte in den letzten Wochen vor dem Auftauchen des Unnennbaren viel zugelassen und einen großen Schritt gemacht, aber was dann geschehen war… Der Tränkemeister war nicht sicher, wie Harry nun reagieren würde. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde er sie wieder alle überraschen, denn das konnte er ziemlich gut. Harry kuschelte sich an die Beiden und genoss die Nähe. Er saugte die Zärtlichkeiten regelrecht in sich auf. Momentan war er nicht bereit, sich den Ereignissen zu stellen, wollte lieber die Dreisamkeit genießen. Die Streicheleinheiten lösten wieder dieses Kribbeln in ihm aus. Plötzlich löste er sich aus den Küssen und wandte sich an seine Gefährten.

„Severus, Draco, schlaft mit mir. Bitte. Lasst mich einen neuen Anfang machen, meine Erfahrungen durch etwas Schönes ersetzen. Ich weiß, ihr würdet mir nie wehtun, also bitte zeigt mir, wie es ist, wenn man geliebt wird.“, bat Harry leise, aber drängend.

Severus wollte etwas entgegnen, doch Harry erstickte jeglichen Protest mit einem intensiven, verlangenden Kuss, während er Draco streichelte. Schnell vertieften sie sich in die Zärtlichkeiten und vergaßen dabei, wo sie waren. Es war mitten in der Nacht und sie genossen die gegenseitige Nähe und Zuneigung, glücklich darüber, dass es wohl vorbei war.

 

 

 

 

Sirius, Ron und Dumbledore, die am nächsten Morgen zurück ins Krankenhaus kamen, erstarrten vor der Tür, als sie fröhliches Kichern hörten.

„Ist das … Harry?“, fragte Ron verdattert.

„Es ist jedenfalls nicht Severus und wohl auch nicht Draco, wenn ich mich nicht sehr täusche.“, antwortete Dumbledore nicht minder verwirrt.

Sirius sagte nichts und klopfte an die Tür. Es widerstrebte ihm, einfach in das Zimmer zu platzen. Das Kichern endete und es erklang ein dreistimmiges ‚Herein‘. Wieder hörte man ein Kichern. Sirius öffnete die Tür und ging hinein. Ihm folgten Ron und Albus. Alle Blicke suchten Harry und die Augen weiteten sich, als sie sahen, wie Harry zwischen seinen beiden Gefährten saß und fröhlich lachte.

„Harry! Wie geht´s dir?“, wollte Sirius wissen.

„Sirius!“, rief Harry und breitete seine Arme aus.

Der Animagus konnte gar nicht so schnell begreifen, was da gerade passierte, hatte er einen schluchzenden Harry im Arm. Wieder blickten alle komplett verwirrt auf den jungen Gryffindor, diesmal auch Severus und Draco. Sirius setzte sich kurzerhand auf das Bett, in dem Harry anfangs gelegen hatte und schlang die Arme um sein Patenkind. Der schluchzte vor sich hin und durchnässte Sirius´ gelbes T-Shirt. Es dauerte lange, bis er sich wieder so weit beruhigt hatte, dass er sprechen konnte.

„Ich dachte, du bist tot!“, versuchte er zu erklären. „Wir haben diesen Bericht im Fernsehen gesehen und sie haben dein Haus gezeigt, es war völlig zerstört. Und dann haben sie gesagt, dass sie die Überreste, die gefunden worden waren, als zwei unbekannte Männer identifiziert haben. Ich dachte, du und Remus…“

„Sch, Harry. Kingsley hatte uns gewarnt. Wir sind raus, ich hab vorher noch den Computer zerstört, damit keiner dich dadurch finden kann. Es war knapp, aber wir haben es beide geschafft. Remus hat sich dann im verbotenen Wald verwandelt. Es war das Erste, an das ich dachte, als wir rausapparierten.“, begann Sirius beruhigend.

Er wechselte einen schnellen und fragenden Blick mit Dumbledore. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens nickte der bestätigend.

„Harry, ich schätze, du willst wissen, was bei uns los war. Ich will dir eine Zusammenfassung geben. Es ist nicht immer einfach gewesen, aber du sollst wissen, wie es uns ging. Remus, besser gesagt Moony, und ich waren im verbotenen Wald unterwegs und trafen auf Greyback und sein Rudel. Sie haben Remus mitgenommen und mich niedergeschlagen, als ich ihnen folgen wollte. Sie hatten nicht vor, mich zu verletzen, aber dennoch haben sie es geschafft. Es war nicht so schlimm und wenn ich mich nicht zurückverwandelt hätte, dann wäre es schneller ausgestanden gewesen. Aber ich wollte Hagrid, der mich dort versorgt hat, unbedingt sagen, dass die Wölfe Remus hatten. Während ich mich auskurierte, hat Remus es geschafft, dass die Wölfe die Seite gewechselt haben. Sie waren am Ende auf unserer Seite. Von da an hat Fenrir für uns spioniert. Er war es, der Voldemort in eine Falle gelockt hat, damit wir in der Lage waren, die Schlange zu töten. Dafür sind wir vorher durch den Honigtopf nach Hogwarts gegangen und haben das Schwert und das Basiliskengift geholt. Beinahe hätten uns Lucius Malfoy und Rodolphus Lestrange erwischt, aber wir sind unerkannt rausgekommen. Bei der Schlacht haben wir es geschafft, Nagini zu töten, aber Voldemorts Leute haben Remus und mich erwischt. Er hat uns gefoltert, aber wir haben dich nicht verraten, konnten es nicht, da uns Severus das Wissen aus dem Kopf gelöscht hat. Danke dafür!“, wandte er sich am Ende an Severus.

Der nickte nur kurz, er hatte die Schilderung mit Spannung verfolgt. In den letzten Tagen hatten sie zwar ein paar Hinweise erhalten, aber eine genauere Beschreibung der Ereignisse hatten sie nicht bekommen.

„Allerdings hat er wohl dann den Plan gefasst, dich aus der Reserve zu locken und zwei Leichen in meinem Haus, besser gesagt, den Überresten meines Hauses, versteckt, damit du wieder mal ohne Nachzudenken losstürmst und dich ihm stellst, Harry. Er wollte dich unbedingt töten, am liebsten in England, und dann deine Leiche präsentieren, um den Widerstand zu brechen.“, endete Sirius mit einem dankbaren Blick in Richtung Severus und Draco, da sie ihm bereits erzählt hatten, wie sie Harry davon abhielten, kopflos zurück nach England zu gehen.

„Während die beiden in Gefangenschaft waren, haben wir versucht, herauszufinden, wo sie versteckt wurden, aber auch Fenrir konnte keine Informationen liefern. Wir haben immer wieder Überfälle der Todesser auf Dörfer vereitelt und bekamen so immer neue Mitstreiter, aber wir waren viel zu wenige Kämpfer. Poppy und Devon Zabini, ein Heiler aus dem St. Mungo, der beschlossen hatte, der neuen Regierung den Rücken zu kehren, lehrten einige der Schüler, die bei uns Unterschlupf gefunden hatten, das Heilen, damit sie Hilfe hatten, wenn Verletzte zu versorgen waren. Das war leider nicht selten. Schließlich brachte mir Fenrir eine Erinnerung, in der er gesehen hat, wie Voldemort ein paar Muggel gefoltert hat, um deinen Aufenthaltsort herauszubekommen. Die Adresse hat er scheinbar aus den Informationen in Sirius´ Kopf bekommen. Als sie es ihm nicht sagen konnten, hat er sie getötet. Es tut mir leid, Harry, dir sagen zu müssen, dass deine Verwandten tot sind.“, berichtete Dumbledore weiter.

Harry hatte angespannt gelauscht, zuckte am Ende zusammen. Sirius ließ ihn gehen, er brauchte nun die Nähe seiner beiden Gefährten. Der junge Vampir setzte sich zwischen Severus und Draco und wurde von beiden gehalten und gestreichelt. Severus beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte etwas hinein.

„Ich bin okay, Sev. Es hat mich nur überrascht. Ich denke, nach heute Nacht habe ich schon damit abgeschlossen, aber so ein Ende habe ich nicht einmal ihnen gewünscht.“, antwortete Harry laut genug, dass alle es hören konnten.

„Tut mir leid, Harry, ich wollte sie nicht verraten!“, flüsterte Sirius, dem man die Schrecken der Gefangenschaft nun deutlich ansah.

„Das weiß ich doch, Sirius. Ich bin euch beiden nicht böse, ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, was ihr durchmachen musstet und bin froh, dass ihr es geschafft habt, lebend zu entkommen. Und wie gesagt, ich denke, seit der letzten Nacht bin ich über die Vergangenheit weg. Es ist traurig, dass sie so ein Ende gefunden haben, aber ich werde nicht um sie trauern.“, beruhigte ihn Harry.

Dumbledore lächelte auf einmal wissend und Sirius blickte nach ein paar Momenten ziemlich angesäuert. Nur Ron sah einfach nur verwirrt aus.

„Typisch Gryffindor.“, spottete Draco.

„Hm, Dray, soll ich vielleicht erzählen, wie viel Gryffindor in dir steckt?“, fragte Harry leise, aber bewusst so, dass es alle verstanden.

Die Besucher lachten und auch Severus´ Mundwinkel zuckten leicht. Harry grinste vor sich hin, während Draco ihn böse anfunkelte. Schließlich lehnte sich Harry zu ihm hinüber und berührte sanft die Lippen des Slytherin mit seinen eigenen. Draco funkelte noch ein wenig mit seinen Augen, konnte sich dem Kuss aber nicht lange widersetzen und wollte es offenbar auch nicht. Von Ron kam ein seltsam gurgelndes Geräusch und als sie ihn ansahen, war er leicht grün im Gesicht.

„Ron?“, fragte Harry vorsichtig.

„Harry, mir ist klar geworden, dass ich ein ziemlich bescheidener Freund für dich war und es tut mir leid. Ich habe all die Jahre wirklich nicht gemerkt, dass es dir so schlecht ging. Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war, als du mich gebraucht hättest. Und es tut mir auch leid, dass ich Mal… Draco verletzt hab. Ich war eigentlich wütend auf mich selber, weil ich nicht helfen konnte und alles nur schlimmer gemacht hatte. Und als ich ihn dann mit deinem Zauberstab gesehen hab…“, murmelte Ron mit Blick auf seine Hände.

Harry stand auf und ging auf Ron zu. Er hob den Kopf des Rothaarigen so weit, dass er ihm in die Augen sehen konnte und hielt dessen Blick fest.

„Ich wollte nie, dass jemand es sieht, weil ich mich geschämt habe. Und jetzt hör auf, dich selbst zu quälen, es ist okay. Aber fass mich nicht mehr überraschend an, das kann ich immer noch nicht ausstehen.“, erklärte Harry freundlich.

„Warte mal, Harry. Wie meinst du das, du wolltest nicht, dass jemand es sieht?“, kam es nun von Severus.

Harry sah auf und blickte in das Gesicht seines Gefährten. Auch wenn man genau hinsehen musste, man konnte sehen, wie verwirrt Severus durch diese Aussage war.

„So wie ich es sagte. Ich wollte nie, dass jemand sieht, wie schwach ich bin. Hagrid hat mir an meinem elften Geburtstag nicht nur erzählt, dass ich ein Zauberer bin, sondern auch meine Rolle in der Zauberwelt erklärt. Von dem Moment an wollte ich stark sein, damit keiner enttäuscht von mir ist. Und als Ron mir seine Freundschaft im Hogwarts-Express angeboten hat… Nun, es war das erste Mal, dass jemand mit mir befreundet sein wollte und ich hatte Angst, das alles kaputt zu machen. Deshalb wollte ich nicht, dass es jemand erfährt, dass ich so schwach bin. Und als ich dann am Ende des Schuljahres bei ihnen war, Professor Dumbledore, und erzählt habe, wie schlecht sie mich dort behandeln, hatte ich gehofft, nie wieder zu meinen Verwandten zu müssen. Als sie mich dennoch zurückschickten, schwor ich mir, dass ich nie wieder jemandem davon erzählen würde, da mir offenbar keiner glaubt. Es hatte ja auch keiner gesehen, in meinem ersten Jahr.“, schloss Harry.

Severus stand auf und zog ihn wieder zu sich zurück. Er war offenbar der Einzige gewesen, der bemerkt hatte, dass Harry zitterte. Er wickelte Harry in eine Decke ein, da er spürte, wie kalt der abgemagerte Körper war.

„Harry, das tut mir unendlich leid. Ich hatte dich in dem Schuljahr beobachtet und nie bemerkt, dass es dir nicht gut ging. Am Anfang warst du wie alle Schüler bei Poppy und auch sie konnte keine Verletzungen feststellen, nur dass du nicht viel redest und insgesamt zurückgezogen bist. Nun, im Nachhinein betrachtet ist es offensichtlich, aber damals dachte ich einfach, du wärst so ruhig. Es tut mir leid, dass ich mich nie richtig um dich gekümmert habe. Ich kann das nie wieder gutmachen, du hast alles Recht dieser Welt, mich zu verachten. Am Ende des ersten Jahres war ich wirklich absolut überzeugt davon, dass du übertreibst. Ja, ich habe damit gerechnet, dass sie dich nicht besonders lieben würden, aber mit dieser Art Misshandlung habe ich ehrlich nicht gerechnet. Du hast mir damals erzählt, dass sie dich alle Arbeit machen lassen und du nicht genug zu essen bekommst, dass sie dich nie freundlich behandelten, aber leider hast du mir damals nicht das Ausmaß der Misshandlung geschildert. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagiert hätte. Der Blutschutz war nicht zu verachten, du warst dort vor dem Einfluss der Todesser geschützt und sie konnten dich dort nicht finden. Das war mir ein wenig Unbehaglichkeit wert, die ich in deiner Erzählung gespürt habe. Ich habe mit deiner Tante Kontakt aufgenommen und sie gebeten, dich besser zu behandeln und wenn ich nun darüber nachdenke, war es möglicherweise ein Grund dafür, dass es dann noch schlimmer wurde. Das tut mir wirklich sehr leid. Und du hast auch Recht, wenn du mir vorwirfst, dass ich dich als Schachfigur gesehen habe. Ich schwöre dir, dass ich das nicht geplant habe. Ich schätze, auch ich neige zu Fehlern. Es gefällt mir nicht, aber das war einer meiner größten Fehler. Du wirktest immer so erwachsen, so überlegt und warst von Anfang an ein Kämpfer, ich habe den Fehler gemacht, deinen Vater in dir zu sehen und dir daher immer mehr Aufgaben aufzubürden. Das tut mir leid und ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.“

Dumbledore hatte leise gesprochen und Harry dabei direkt in die Augen gesehen. Harry konnte den Schmerz in den blauen Augen sehen, den dieses Geständnis auslöste, die Trauer darüber, erst durch Severus alles erfahren zu haben. Ja, sogar Verzweiflung konnte Harry sehen.

„Ich weiß nicht, ob ich das jemals vergessen kann. Ich hatte Vertrauen zu ihnen, Professor, und sie haben es mit Füßen getreten. Seither habe ich kein Vertrauen mehr in Erwachsene gehabt. Aber langsam lerne ich, neu anzufangen und baue wieder Vertrauen auf. Vielleicht kann ich ihnen irgendwann verzeihen, aber jetzt im Moment noch nicht.“, antwortete Harry leise.

„Es tut mir leid.“, wiederholte Dumbledore noch einmal.

Jetzt sah er wirklich alt aus, gebrochen. Harry tat es weh, ihn so zu sehen, dennoch konnte er im Moment noch nicht verzeihen, auch wenn er wusste, dass er es irgendwann tun würde. Doch noch war er nicht so weit.

„Harry, du sagtest vorhin, dass du nicht wolltest, dass jemand was bemerkt. Und Albus erklärte, dass er nichts gesehen hat, ebenso Poppy. Wir haben Reste eines Illusions-Zaubers gefunden. Poppy und ich hatten befürchtet, dass er von dir stammen könnte, Albus, aber ich bin sicher, nach dem, was du eben gesagt hast, dass du es nicht warst. Wäre es möglich, dass Harrys Magie diesen Illusions-Zauber unwissentlich gewirkt hat? Und Poppy ihn daher auch nie feststellen konnte?“, sinnierte Severus.

„Kann das sein? Dass ich das selber gemacht hab?“, fragte Harry entgeistert.

„Möglich wäre es, den entsprechenden Magie-Level hast du dazu. Und wenn du es dir so sehr gewünscht hast, dann könnte es tatsächlich auch so zielgerichtet funktionieren.“, antwortete Dumbledore.

„Zumindest würde das Vieles erklären, warum keiner etwas bemerkte, nicht einmal deine Freunde. Und du könntest durch deinen eigenen Illusions-Zauber durchsehen, das bedeutet, du würdest deinen Körper weiterhin so sehen, wie er war, und deshalb hast du auch gemeinschaftliches Duschen gemieden.“, kam es vom Tränkemeister.

In dem Moment wurde ihre Diskussion von einem Heiler unterbrochen, der drei Tabletts hereinschweben ließ. Sie hatten nicht gemerkt, dass sie den ganzen Vormittag gesprochen hatten. Albus, Sirius und Ron gingen in die Cafeteria, um selber ein kleines Mittagessen zu sich zu nehmen. Sie ließen sich Zeit, da Harry, Severus und Draco auch eine Menge Ruhe brauchten. Alle hatten viel zum Nachdenken bekommen an diesem Tag und Harry war erst in der Nacht wieder wach geworden, er brauchte immer noch Erholung.

 

 

 

 

 

Am Nachmittag, nachdem Harry ein wenig geschlafen hatte, setzten sie sich zusammen in den Park und sprachen weiter. Da das Krankenhaus in Las Vegas stand und rundum Wüste war, bestand der Park aus wenigen Palmen und war ansonsten ziemlich karg. Sie setzten sich auf zwei Bänke, die sie im Schatten von mehreren Palmen gegenüber aufstellten. Harry, Draco und Severus trugen bequeme, weite Krankenhausroben, Ron und Sirius trugen Jeans und T-Shirts während Dumbledore eine hellblaue Robe und einen leichten Umhang anhatte, der mitternachtsblau war. Sirius hatte von Severus seine Erinnerungen wiederbekommen, die der im vergangenen Sommer gelöscht hatte.

„Sirius, wie geht´s dir?“, wollte Harry wissen. „Du hast sicher eine schwere Zeit hinter dir, genau wie Remus. Wie geht´s euch beiden inzwischen? Habt ihr jemanden zum Reden?“

„Hey, Kleiner, mach dir um uns keine Sorgen. Wir schaffen das schon!“, versicherte der Animagus glaubhaft.

Harry wollte das Ganze so nicht glauben, aber Sirius wiegelte ihn ab und fragte seinerseits, wie es Harry mit den Informationen ging, die er an diesem Vormittag erhalten hatte. Doch der Gryffindor entschied, dass er noch eine Weile brauchte, bis er alles soweit erfassen konnte. Momentan kam es ihm noch so unwirklich vor und er wollte lieber wissen, was sonst noch so los war. So kamen sie nach und nach auch auf die Zeit in dem Ferienhaus zu sprechen.

„Ihr hättet sehen sollen, wie Draco in dem Flugzeug saß. Gut, wahrscheinlich sah ich auch nicht besser aus, aber es war wirklich lustig! Dray wollte die ganze Zeit aussteigen und hat mich flüsternd gefragt, ob die Notfallbesen eingepackt haben!“, kicherte Harry nun wieder.

Draco funkelte ihn beleidigt an.

„Und du warst richtig süß, wie du die ganze Zeit Escalada in Kuscheltierform festgehalten hast.“, stichelte er.

„Wo ist Escalada überhaupt?“, fragte Harry nun entsetzt, ihm wurde eben erst bewusst, dass er sie seit der Flucht nicht gesehen hatte.

„Sie lag an deiner Seite, als wir euch gefunden haben. Minerva hat sie mit nach Britannien genommen und kümmert sich um sie, bis du wieder fit bist. Hier ins Krankenhaus durfte sie nicht kommen.“, beruhigte ihn Sirius.

Harry kuschelte sich beruhigt in die Umarmung seiner Gefährten. Dann reagierten sie auf die fragenden Blicke der anderen Drei.

„Ich denke, die ersten Wochen in der Muggelwelt so ganz ohne Magie waren weder für Draco noch für mich leicht. Harry fand sich gut zurecht und hat uns ziemlich viel beigebracht. Wir hatten nicht viel zu tun und haben daher immer weiter gelernt, Harry brachte uns Muggelkunde bei, Draco lehrte uns Spanisch, ich übernahm Kräuterkunde, Geschichte der Magie und der Muggel und Französisch. Die meiste Zeit haben wir gelernt oder die Hausarbeit geteilt. Selbst Draco kann nun mit all den Muggelgeräten in der Küche umgehen. Auch der Fernseher oder der Computer sind keine Schwierigkeiten mehr für uns. Ich denke, wir haben wirklich viel voneinander gelernt. Harry hat uns als seine Gefährten gekennzeichnet, damit wir immer genug Blut für ihn hatten. Wir sind uns sehr nahe gekommen in dieser Zeit.“, begann Severus.

„An meinem Geburtstag waren Sev und ich im Schlafzimmer und Harry war in der Küche beim Aufräumen, da haben sie ihn überwältigt. Ich schätze, er hatte gerade das Spülmittel ins Wasser gegeben, der Geruch hat ihn immer irritiert, da konnte er kaum etwas anderes wahrnehmen. Vermutlich hat er sie deswegen nicht gerochen und das Klappern des Geschirrs hat wahrscheinlich die leisen Geräusche übertönt. Wir haben sie nicht gehört, bis sie die Schlafzimmertür sprengten. Der Lord ließ mich und Sev foltern, dann sollte Flint Harry bekommen. Ich war so wütend, ich habe es irgendwie geschafft, mich aus der Ganzkörperklammer zu befreien, mir ein Messer gegriffen und damit auf Flint geworfen. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft hab, aber er war tödlich getroffen. Daraufhin brach Chaos aus, Harrys Magie schäumte über und zersplitterte die Zauberstäbe, schleuderte den Lord von ihm weg. Sev hat es irgendwie geschafft, unsere Wachen auszuschalten und Harry hat den Lord getötet, ebenso die beiden anderen Todesser. Direkt danach ist er zusammen gebrochen und Sev hat uns dann da rausgeholt.“, berichtete Draco erschüttert.

„Sev hat uns immer weiter getrieben, er hat uns gesagt, was wir mitnehmen sollten und wir sind gelaufen, bis wir nicht mehr konnten. Dann haben wir Pause gemacht und Sev hat unsere Verletzungen so gut wie möglich versorgt, wir haben Schienen gebastelt und die Wunden ausgewaschen und dann mit Kräutern bedeckt wieder verbunden. Sev hat uns einen Saft gemacht, der die Schmerzen bekämpfte, damit wir weitergehen konnten. Bis wir irgendwann nicht mehr konnten, wir froren die ganze Zeit und konnten kaum noch laufen. Wir hatten Fieber und Severus wusste nicht mehr, was er tun sollte. Er hat gewacht, als wir schlafen sollten und war selber auch krank. Ihm war schwindelig, er hat sich immer wieder irgendwo festgehalten, als er dachte, wir sehen nicht hin.“, beendete Harry die Erzählung.

Gleichzeitig drehten er und Draco sich zu Severus und drückten ihn an sich. Bewundernd musterten die Besucher das Trio. Was sie da so nüchtern erzählten, klang nach jeder Menge Entbehrungen und viel Kraft. Die drei hatten sich gegenseitig gestärkt und Mut gemacht, wahrscheinlich hätten sie einzeln aufgegeben.

„Warum haben Draco und Harry eigentlich braune Augen?“, wollte Ron nun wissen.

„Daran bin ich Schuld. Ich war der Meinung, dass die Augenfarbe der beiden zu auffällig ist und habe ihnen farbige Kontaktlinsen besorgt, in Harrys Fall in Sehstärke, sodass er keine Brille mehr braucht. Auch für die Frisuren und die restlichen Veränderungen der drei hier bin ich verantwortlich!“, lachte Sirius.

„Es musste ja zu unserer neuen Identität passen.“, kommentierte Harry trocken.

„Sirius, danke. Du hast unser Leben gerettet und das in einer Art und Weise, die ich nie für möglich gehalten hätte.“, sagte Severus leise.

„Aber ich schätze, wegen der Haare bist du heute noch sauer auf mich.“, neckte Sirius grinsend.

„Nun, ich denke, meine beiden Jungs hier haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass es nicht ganz unansehnlich ist.“, erwiderte Severus überraschenderweise. „Die Brille allerdings habe ich in Maple Falls liegen gelassen, als wir geflüchtet sind.“

„Ja, es sieht gut aus! Aber ich hätte gerne meine Augenfarbe wieder!“, erklärte Harry.

„Ich auch, und meine Haarfarbe ebenso.“, stimmte Draco zu.

„Ich gehe davon aus, dass wir das regeln können, sobald wir wieder in Britannien sind.“, schmunzelte Dumbledore.

„Naja, Draco, die Kontaktlinsen kannst du ja einfach entfernen, aber deine Haarfarbe muss rauswachsen. Gegen diese Muggelsachen zum Färben hilft auch kein Zauber.“, gestand Sirius.

„Ich denke, das wird er abwarten können. Wir könnten natürlich auch die Haare komplett abschneiden, sodass die Farbe weg ist. Dann wachsen sie in deiner Naturfarbe nach.“, schnarrte Severus.

Draco protestierte so lautstark, dass ein Heiler kam um nach ihnen zu sehen. Harry kicherte fröhlich vor sich hin und je mehr Draco ihn anfunkelte, umso mehr lachte er. Schließlich knurrte Draco ihn an, was daran so lustig sein sollte.

„Naja, meine Tante hat mir auch immer die Haare geschnitten, weil sie der Meinung war, dass sie unordentlich aussahen. Nur eine Strähne hat sie immer übrig gelassen, damit man die Narbe nicht sieht. Alles andere hat sie mit der Schere so kurz geschnitten, wie es ging. Doch jedes Mal am nächsten Morgen sahen sie aus wie vorher. Sie hat sich immer furchtbar aufgeregt und mein Onkel hat mich deswegen immer versprügelt, aber ich hatte einmal ein Bild von meinem Dad gesehen und war stolz darauf, dass ich genau so aussah, wie er. Das war die Prügel damals wert, weil meine Haare mich sozusagen beschützt haben.“, versuchte Harry eine Erklärung.

„Das ist nicht wirklich witzig. Du bist verprügelt worden, weil deine Haare gewachsen sind?“, sagte Draco entsetzt.

„Nein, die Prügel waren nicht witzig. Aber die Gesichter, die sie jedes Mal machten, die schon!“, kicherte Harry wieder.

„Dir geht´s echt richtig gut, Kumpel. So viel wie heute habe ich dich noch nie lachen sehen.“, stellte Ron fest.

„Ja, Ron, mir geht´s gut. So gut wie noch nie.“, gestand Harry.

Da er dabei nacheinander Draco und Severus küsste, war völlig eindeutig, was, oder besser wer dafür verantwortlich war.

„Du bist wirklich glücklich? Mit den beiden?“, hakte Ron nach, wieder etwas grün im Gesicht.

„Ja, Ron, ich liebe die beiden und sie mich. Ich möchte deine Freundschaft nicht verlieren, aber ich gehöre zu ihnen und wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann wäre es wirklich schade, aber ich kann ohne Sev und Dray nicht leben.“, flüsterte Harry.

„Gib mir ein bisschen Zeit, mich daran zu gewöhnen, Kumpel. Aber die Freundschaft zu dir habe ich schon zu oft mit Füßen getreten, das will ich nicht mehr tun.“, antwortete Ron.

„Klar, Ron. Nimm dir Zeit. Ich bin  froh, dass du dennoch hier geblieben bist.“, lächelte Harry.

„Ehrlich gesagt, du verwirrst mich auch, Harry. Seit heute Morgen bist du so verändert. Du warst immer ruhig und zurückhaltend, in dich selbst zurückgezogen. Jetzt bist du so fröhlich und gelöst. Auf unserem Weg durch die Wälder habe ich befürchtet, dass du dich wieder komplett zurückziehen könntest. Und jetzt…“, stellte Severus fest und blickte Harry dabei abschätzend an.

„Ach Sev, ich dachte eigentlich, du wüsstest es. Ihr beide habt mir heute Nacht gezeigt, dass es auch anders geht. Ich habe gesehen und gespürt, wie es ist, geliebt zu werden und ich will mit euch neu anfangen, diese Chance nutzen. Die Bilder der Vergangenheit werden bleiben, aber sie verfolgen mich nun nicht mehr. Vielleicht sehe ich es auch deswegen so einigermaßen entspannt, dass ich derjenige bin, der verhindert hat, dass alle sehen, was mit mir los ist.“, grinste Harry.

„Na, wenn wir das gewusst hätten, dann hätten wir dich schon lange heilen können!“, spöttelte Draco.

Severus hob nur eine Augenbraue als Antwort. Harry lachte über Dracos Bemerkung. Ja, er war jetzt wirklich dabei, neu anzufangen.

„Ich denke nicht, dass ich schon lange dazu bereit bin. Aber jetzt ist es gut so, wie es ist.“, bestimmte er.

Severus und Draco schlossen Harry fest in die Arme. Wieder beugte sich Severus zu Harrys Ohr und flüsterte etwas hinein, und auch wenn sich alle sicher waren, dass er die berühmten drei Worte gesagt hatte, so war keiner außer dem Gryffindor in der Lage gewesen, es zu verstehen.

„Ich liebe dich.“, kam es leise von Draco und er sah dabei sowohl Harry als auch Severus an.

Langsam wurde es Abend und ein Heiler kam, um die drei Patienten wieder in ihr Zimmer zu schicken. Albus mahnte Sirius und Ron, dass sie nun auch aufbrechen sollten, damit die drei Ruhe hatten. Sie mussten viel verarbeiten, was sie im Lauf dieses Tages erfahren hatten. Und je eher sie gesund waren, desto eher konnten sie wieder nach Hause.

 

 

 

Inzwischen waren etwa vier Wochen vergangen, Harry, Severus und Draco hatten sich nach und nach erholt. Sie blieben dennoch im Hospital, da die Heiler sie erst entlassen wollten, wenn draußen wieder Sicherheit herrschte. Alle drei waren ziemlich schwer verletzt gewesen, als sie zu ihnen gebracht wurden und brauchten viel Zeit, um komplett zu heilen. Severus war damit einverstanden, aber nur, weil es vor allem um seine Gefährten ging, die erst vollständig heilen sollten, bevor sie wieder zurück nach Großbritannien gingen. Severus und Sirius führten in dieser Zeit ein Gespräch unter vier Augen, bei dem sich Sirius für sein Verhalten von früher entschuldigte. Auch wenn sie dabei nicht alle ihre Differenzen aus dem Weg räumen konnten, so kamen sie sich doch deutlich näher. Harry verband sie beide mehr, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Kurz vor Harrys 17. Geburtstag verabschiedeten sie sich dann frühmorgens von den Heilern und stellten sich vor den Kamin. Dumbledore war schon am zweiten Abend nach Harrys Erwachen gegangen, jetzt begann Ron, dann folgten Draco, Severus mit Harry und als letzter kam Sirius. Harry hasste Flohreisen noch immer und war froh, dass Severus sich erbarmt hatte und ihn mitnahm, auch wenn es dadurch recht eng wurde. Mit dessen Hilfe schaffte er es auch, stehend anzukommen. Am anderen Ende erwartete sie Molly Weasley bereits, da sie entschieden hatten, zuerst in den Fuchsbau zu gehen. Dort sollten sie auf den aktuellen Stand gebracht werden und dann wollten sie nach Spinners End gehen, um dort ein wenig Ruhe zu bekommen.

„Harry, mein Lieber! Wie geht´s dir? Du siehst fantastisch aus, es scheint dir gut zu gehen. Komm, setzt euch, es gibt gleich Mittagessen!“, sprudelte es aus Mrs. Weasley heraus.

Doch sie verzichtete darauf, Harry zu umarmen, nachdem ein eisiger Blick von Severus sie getroffen hatte. Auch wenn es Harry deutlich besser ging und man ihm das auch ansah, er zuckte immer noch zurück, wenn er berührt wurde, vor allem, wenn es unerwartet war. Sie schüttelte ihm nur die Hand, das konnte Harry ohne Probleme akzeptieren. Dennoch konnte er die mütterliche Liebe spüren, die sie ihm entgegenbrachte. Er war dankbar und froh, dass die Weasleys auf seiner Seite geblieben waren.

„Danke, Mrs. Weasley. Es geht mir gut, besser als jemals. Ich bin froh, dass es ihnen allen gut geht, dass alle diese Zeit gut überstanden haben.“, antwortete er leise.

Molly Weasley strich ihm kurz über den Kopf und schickte sie dann in den Garten, wo der Tisch bereits gedeckt war. Beim Essen erzählten Draco und Harry einige ihrer Erlebnisse des letzten Jahres, hielten die Themen aber betont leicht. Vor allem die Geschichte rund um ihre Reise und dann die Begegnung mit dem Grizzly faszinierten alle. Als sie von Dracos Kinoleidenschaft erfuhren, mussten sie erst einmal erklären, was Kino ist. Dann aber lachten alle, als sie sich Draco in einem von Muggeln gefüllten, dunklen Saal vorstellten, mit Muggelknabbereien und Muggelgetränk in den Händen und leuchtenden Augen, die auf die Leinwand starrten. Harry drückte Draco an sich und küsste ihn, als er auffahren wollte, was wieder einige Lacher zur Folge hatte. Schließlich aber war das Essen vorbei und sie kamen auf die Veränderungen in Großbritannien zu sprechen. Harry, Draco und Severus hatten in den letzten Wochen erfahren, was im vergangenen Jahr passiert war, aber die letzten vier Wochen entzogen sich ihrer Kenntnis.

„Nun, als bestätigt war, dass der Unnennbare vernichtet ist, haben sich die ehemaligen Auroren und die Werwölfe zusammengeschlossen.“, begann Arthur Weasley. „Auch vom Orden waren Einige dabei. Wir sind in das Ministerium und haben gegen die Todesser dort gekämpft. Es war ein harter Kampf, auf beiden Seiten gab es viele Verletzte. Lucius Malfoy wurde dabei von einem seiner eigenen Leute getötet. Seine Frau hat sich wohl zurückgezogen, wir haben keine Ahnung, wo sie sich aufhält oder ob sie noch lebt. Bellatrix und Rodolphus Lestrange wurden tot in Hogwarts aufgefunden, wir wissen bis heute nicht, was da passiert ist. Tut mir leid, Draco. Die Kämpfe um das Ministerium hielten einige Stunden an, dann hatten wir die Kontrolle zurück. Der Zaubergamot wurde wieder eingesetzt und sie haben Kingsley als Übergangsminister bestimmt. Er will das aber nicht auf Dauer machen. Fenrir hat uns sehr geholfen, die Todesser zu identifizieren und wir konnten viele von ihnen inzwischen verhaften. Allen, die das Mal tragen, wurde die Magie entzogen und sie kamen nach Askaban. Nach dem Ministerium haben wir die Schule geräumt, die Kinder, soweit sie keine Todesser als Eltern hatten, zu ihren Familien geschickt. Die Meisten waren eher froh, dass sie aus Hogwarts weg konnten, waren sie doch nicht freiwillig da. Doch die Schulpflicht zwang die meisten Eltern dazu, ihre Kinder hinzuschicken. Diejenigen, die es rechtzeitig geschafft hatten, sind von der Insel verschwunden und leben nun auf dem Festland, die Kinder gehen hauptsächlich in Beauxbatons in die Schule, Einige wohl auch noch weiter weg. Das macht es auch schwierig zu sagen, wer das Ganze überlebt hat und wer vielleicht nicht. Wir wissen es nur von denjenigen, die tatsächlich tot aufgefunden wurden. In Sirius´ Haus wurden zwei Leichen entdeckt, die Muggel, die es untersuchten, konnten nur noch feststellen, dass es sich um zwei Männer gehandelt hat. Unsere Überprüfungen ergaben, dass es wohl zwei Muggel waren, die von Voldemort getötet und in den Keller gelegt wurden, um dich damit aus der Reserve zu locken. Wer genau sie waren ist unbekannt und wird wohl auch nicht geklärt werden. Die Winkelgasse wird derzeit wieder aufgeräumt und neu aufgebaut. Kingsley hat sich darum gekümmert, dass sich der Zaubergamot mit den magischen Gesetzen auseinandersetzt und viele davon reformiert. Die Anti-Werwolf-Gesetze sind bereits erneuert. Das St. Mungo fragt an wegen dem Rezept vom Wolfsbann, damit sie ihn an alle Werwölfe ausgeben können.“

„Ich werde es ihnen in den nächsten Tagen zukommen lassen.“, versprach Severus.

„Und es wird nicht dein Schaden sein!“, tönte es nun von der Tür her.

Unbemerkt von allen war Kingsley durch das Haus in den Garten getreten. Er begrüßte die drei Gefährten freundlich. Auf eine Bitte von Molly Weasley setzte er sich mit an den Tisch und ließ sich eine Flasche Butterbier geben.

„Severus, inzwischen ist dein Vermögen wieder frei gegeben. Prince-Manor ist ebenfalls wieder bannfrei, aber ich vermute, es braucht noch viel Arbeit, um es wieder bewohnbar zu machen. Auch die Anschuldigungen gegen dich sind vom Tisch, ich habe dem Zaubergamot meine Erinnerungen zur Verfügung gestellt und es war wohl überzeugend genug. Das St. Mungo ist bereit, eine hohe Summe zu zahlen, um das Rezept für den Wolfsbann zu bekommen. Sie werden dabei vom Ministerium unterstützt, ich denke, das ist das Wenigste, was wir für dich tun können.“, berichtete Kingsley.

„Ich will das Gold nicht, Kingsley. Ich bin froh, wenn ich wieder an mein Gold komme und mein Haus wieder frei ist. Wichtiger ist mir, dass es meinen beiden Gefährten gut geht. Ich weiß nicht, wie wir weitermachen werden. Das entscheiden wir zusammen und in Ruhe.“, erwiderte Severus.

„Das Gold hast du dir verdient, Severus. Nimm es, und mach damit einen neuen Anfang, egal wo. Du musst das nicht jetzt entscheiden.“, sagte Kingsley leise.

Severus nickte langsam. Ja, er musste das nicht sofort entscheiden. Auch seine beiden Gefährten sollten ihre Meinung dazugeben dürfen. Sie waren Gefährten. Sie entschieden gemeinsam. Eine Weile herrschte Stille, bis sie schließlich Lärm aus dem Haus hörten. Harry schnupperte kurz in der Luft und kicherte dann.

„Hallo Tonks, Remus!“, lachte er, als sich die Tür öffnete.

„Harry!“, rief Remus.

Diesmal wusste er es besser und umarmte Harry nicht, doch der junge Vampir ging von sich aus auf Remus zu und legte ihm kurz die Arme um den Oberkörper. Remus drückte ihn vorsichtig an sich, bevor er ihn sofort wieder losließ.

„Danke Remus. Sirius hat erzählt, wie sehr du dich angestrengt hast, uns zu finden. Du hast uns das Leben gerettet. Danke!“, flüsterte Harry.

„Gerne, Welpe. Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht.“, wisperte der Werwolf zurück.

„Fass mich nur nicht überraschend an, okay?“, bat Harry.

„Versprochen!“, schwor Remus.

„So, du und Tonks?“, sagte Harry dann, als allen auffiel, dass Tonks nach der Hand des Werwolfes griff.

„Hm, sie ist was Besonderes!“, murmelte Remus, rot werdend.

„Ja, das scheint mir auch so.“, lachte Harry.

Remus, dem das Ganze ein wenig peinlich wurde, verfärbte sich langsam aber sicher rot. Tonks grinste nur und gab ihm einen Kuss, was die Farbe des Mannes nur noch verdunkelte. Dennoch konnte man deutlich sehen, wie glücklich er war. Die junge Frau tat ihm gut und half ihm, zu heilen. Die Gefangenschaft bei Voldemort hatte ihm sehr zugesetzt; auch wenn inzwischen mehr als zwei Monate vergangen waren, seit er und Sirius befreit wurden, konnte man immer noch sehen, dass er viel zu mager war und immer noch sehr schreckhaft. Harry konnte es nachvollziehen und drückte ihn noch einmal kurz an sich.

„Sie tut dir gut. Lass dir von ihr helfen!“, flüsterte er so leise, dass nur Remus ihn hören konnte.

Dankbar sah der Werwolf den Jungen vor sich an. Harry hatte inzwischen seine grünen Augen wieder, trug aber weiterhin Kontaktlinsen, nur jetzt ohne Farbe. Auch die Länge seiner Haare hatte er beibehalten. Seine Augen strahlten, vor allem, wenn er zu seinen beiden Gefährten sah.

„Die Zwei tun dir auch gut. Bleib so glücklich, Welpe!“, hauchte er zurück.

Harry nickte lächelnd und setzte sich zwischen seine beiden Gefährten. Er brauchte die Nähe der Beiden, die Sicherheit, die sie ihm gaben. Auch Draco hatte die farbigen Linsen inzwischen weggelassen. Seine grauen Augen strahlten, als Harry ihm einen kurzen Kuss gab. Der Slytherin hatte inzwischen seine blonden Brauen und Wimpern wieder und sich letztendlich doch dazu entschieden, seine Haare komplett abzuschneiden. Naja, fast. Sie waren jetzt etwa so kurz, wie die von Severus gewesen waren. Es war gewöhnungsbedürftig, ihn so zu sehen, aber er hatte die braune Haarfarbe endlich loswerden wollen und das war die einfachste Lösung gewesen. Der Ansatz war schon fast zwei Zentimeter nachgewachsen und er hatte Severus vor ein paar Tagen gebeten, alles was braun war, abzuschneiden. Dumbledore hatte sich darum gekümmert, dass sie alle drei wieder einen Zauberstab hatten und Severus hatte einen entsprechenden Zauber genutzt. Harry liebte die kurzen Haare und fuhr immer wieder gerne mit der Hand darüber, was ihm meist empörte Blicke des Blonden einbrachte, da er es nicht leiden konnte, wenn jemand seine Haare durcheinander brachte, auch wenn das momentan nicht wirklich möglich war, so kurz wie sie waren. Severus ließ seine Haare inzwischen wieder wachsen und hatte den Bart abrasiert, sobald er wieder in der Lage dazu gewesen war. Auch wenn es seinen beiden Jungs gefallen hatte, er war froh, dieses Gestrüpp im Gesicht wieder los zu sein. Bei den Haaren hatte er mit einem Zauber ein wenig nachgeholfen, sodass sie nun die bekannte Länge wieder hatten.

Im Laufe des Nachmittages kam dann das Thema der Entführung von Remus und Sirius wieder auf. Remus erzählte ein wenig, aber sparte die Details aus. Er konnte einfach noch nicht darüber reden, auch wenn er wusste, dass er es irgendwann tun musste, damit seine nächtlichen Alpträume ein Ende finden würden. Doch er erzählte davon, wie sie den Schülern begegnet waren.

„Das Schlimmste war, dass ich bei den meisten Schülern die Angst riechen konnte. Ich glaube nicht, dass sie uns gerne gequält haben, aber sie mussten es tun, um Schlimmeres zu vermeiden. Alle Schüler der sechsten und siebten Klassen waren da, von allen vier Häusern. Dort wurde dunkle Magie unterrichtet und sie mussten die theoretisch erworbenen Kenntnisse an uns ausprobieren. Von Eurer Klasse waren nur noch Lavender Brown und Romilda Vane aus Gryffindor da, die haben sich ein wenig zurückgehalten. Außerdem waren noch Cormac McLaggen und Kenneth Towler dort aus Gryffindor. Die meisten Gryffindors sind verschwunden. Die Ravenclaws und Hufflepuffs, ich weiß die Namen alle nicht mehr, waren bemüht, die Anforderungen zu erfüllen, aber es steckte zu wenig ‚Wollen‘ dahinter, daher war es halbwegs erträglich. Doch bei den Slytherins waren einige Schüler mehr als erfolgreich, Crabbe und Goyle, Pansy Parkinson und noch mehr.“, schauderte Remus.

Tonks schloss ihn in die Arme und auch Harry umarmte den Werwolf. Er hatte viel durchgemacht, genau wie Sirius, um ihn zu beschützen. Der junge Vampir war dankbar, fühlte sich aber auch ein wenig schuldig, doch Remus versuchte zumindest, ihm das auszureden. Doch erst Dumbledores Erscheinen lenkte seinen Welpen erfolgreich von den Selbstvorwürfen ab. Er plauderte kurz mit allen, bevor er sich Severus zuwandte.

„Severus, mein Junge. Ich muss mich bei dir entschuldigen. Als der Orden immer mehr Menschen unterbringen musste, habe ich mir erlaubt, sie zum Teil nach Spinners End zu bringen. Anfangs hatte ich dein Haus nur schützen wollen, dass Voldemort nicht hineinkann, aber ich wusste irgendwann nicht mehr, wohin mit den vielen Menschen, daher habe ich sie bei dir untergebracht. Ich habe gestern, nachdem ich aus Las Vegas verschwunden bin, dort wieder aufgeräumt und die Schutzzauber zurückgenommen, die ich darüber gelegt hatte. Bitte entschuldige, ich hätte es nicht machen sollen, ohne dich zu fragen.“

„Schon gut, Albus, ich kann es verstehen und du konntest nicht anders. Auch ich hätte es wohl so gemacht. Daher gibt es hierbei nichts zu verzeihen.“, widersprach Severus ruhig.

„Danke, Severus. Ich bin dir noch so viel schuldig, ich habe viel zu viel von dir verlangt in all den Jahren und das tut mir unendlich leid. Ich kann es verstehen, wenn du erst einmal nichts mehr mit mir zu tun haben willst und werde jetzt gehen, wir müssen sehen, dass wir Hogwarts wieder säubern und soweit herrichten, dass ab September wieder Unterricht möglich ist. Die Schüler werden wahrscheinlich allesamt das letzte Schuljahr wiederholen müssen, da kommt eine Menge Arbeit auf Minerva und mich zu. Guten Abend, alle zusammen.“, verabschiedete sich Dumbledore.

Die Gefährten blieben noch zum Abendessen und verabschiedeten sich danach ebenfalls. Der Fuchsbau war einfach zu klein und sie wollten sich nicht aufdrängen, auch wenn die Weasleys sie gerne unterbringen würden. Harry hätte nicht gedacht, dass es so leicht werden würde, dass Draco und Severus akzeptiert wurden. Sie hatten viel getan für den Orden des Phönix, aber der Hass gegen Slytherins und gerade die beiden war immer groß gewesen. Dennoch hatte es den ganzen Tag nicht ein böses Wort oder einen schiefen Blick gegeben, sie alle schienen die Beziehung der beiden zu Harry akzeptiert zu haben. Nach dem Abendessen im Garten der Weasleys verabschiedeten sie sich schließlich und reisten durch den Kamin nach Spinners End. Harry spürte sofort, dass Severus´ Stimmung umschlug, als sie aus dem Feuer traten. Er verkrampfte seinen Halt um den Vampir und der konnte die Welle aus Unsicherheit und Abscheu spüren, die in Severus hochkam.

„Sev, alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

Draco, der ihnen gefolgt war und eben aus dem Kamin stieg, kam sofort dazu und schlang seine Arme um den zitternden Severus. Der Tränkemeister kämpfte mit sich, doch er schaffte es nicht, die Fassung wieder zu erlangen. Er würgte heftig und übergab sich auf den Boden vor dem Kamin. Sein Zittern wurde stärker und seine Beine gaben nach. Draco und Harry schafften ihn zum nächsten Sofa und setzten sich mit ihm.

„Sch, er ist weg. Keiner kann dir was tun.“, versuchte Harry ihn zu beruhigen.

„Er ist wieder da. In meinem Kopf ist er wieder da.“, hauchte Severus.

„Wir müssen ihn hier wegbringen. Aber wohin?“, überlegte Draco, während Harry versuchte, den aufgelösten Tränkemeister zu beruhigen.

„Sev, rede darüber. Lass die Schrecken der Vergangenheit nicht über dich triumphieren.“, flehte Harry.

Er wusste, wie schlimm es sein konnte, wenn die Erinnerungen auf einmal mit voller Macht auf einen einströmten. Severus konnte sich jetzt nur selber helfen, er musste darüber reden. So wie Harry darüber hatte reden müssen, als es ihm so schlimm ging.

„Ich war etwas über sechzehn. Er hatte mich schon lange nicht mehr angefasst, meistens war ich ja nicht da, so lange ich in der Schule war. Und in den Ferien, nun, meistens war ich schnell genug. Doch in diesen Ferien war ich krank geworden und hatte keinen fiebersenkenden Trank dabei. Ich war zu schwach, um mich zu wehren. Er hat auf mich eingeprügelt, bis ich bewusstlos war, vielleicht sogar länger. Jeden Tag hat er weitergemacht, ich konnte mich nicht mehr wehren. Mir ging es ähnlich wie dir, Harry, er hat immer meine Zaubersachen weggesperrt. Ich wollte mich wehren, hatte aber keine Ahnung, wie. Körperlich war ich ihm nicht gewachsen und meine Magie wollte mir nicht gehorchen, so ohne Zauberstab. Nach ungefähr einer Woche habe ich aufgehört, mich zu wehren. Ich hatte aufgegeben. Dann fing er an, mich mitzunehmen, wenn er auf Tour ging. Bis zu dem Moment hatte ich keine Ahnung, was er den ganzen Tag so machte. Ich war immer davon ausgegangen, dass er tagsüber in der Fabrik schuftete, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch da erfuhr ich, dass er Autos klaute und sie dann gewinnbringend ins Ausland verschaffte. Da habe ich Autofahren gelernt, er hat mich gestohlene Autos fahren lassen, dann konnte er immer gleich zwei abliefern, was den Gewinn deutlich erhöht hat. Er hatte offenbar vor, das den ganzen Sommer mit mir zu machen, zu dem Zeitpunkt war es gerade mal kurz vor Ende Juli. Doch er fing an, die Käufer zu betrügen, um noch mehr Geld rauszuholen. Mitte August kamen sie dahinter und schnappten uns beide. Ich wurde schlimm zugerichtet, meinen Vater habe ich danach nicht wieder gesehen. Mir ist klar, dass er das nicht überlebt hat und sie ihn verschwinden haben lassen. Irgendwie war ich froh, dass er weg war, aber ich lag erst einmal fast vier Wochen im Krankenhaus. Als ich am ersten September nicht in Hogwarts auftauchte, suchte Dumbledore nach mir und fand mich im Krankenhaus, sorgte dafür, dass ich in den Krankenflügel nach Hogwarts kam. Dort hat mich Lucius dann besucht, er war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr an der Schule, aber er hatte gehört, wie schlimm es um mich stand. Es gab kaum einen Knochen in meinem Körper, der nicht gebrochen war, ich hatte schwere innere Verletzungen und Hirnblutungen. An diese Zeit konnte ich mich bisher nicht mehr erinnern. Lucius war der Einzige, der mich besucht hat, der mich nach und nach wieder aufbaute. Er brachte mich kurz danach zum ersten Mal zu Voldemort und der hat meine Lage voll ausgenutzt. Ich bekam zum ersten Mal in meinem Leben Mitgefühl. Naja, Lily hatte mir das auch entgegengebracht, bis ich sie kurz vor diesem Sommer so beleidigt hatte, dass sie nicht mehr mit mir gesprochen hat. Ich hatte es vermasselt. Die Todesser waren für mich da, nahmen mich in ihre Gemeinschaft auf. Alles, was ich mir immer gewünscht hatte, dazuzugehören, akzeptiert und respektiert zu werden. Der Lord hat mir mein Studium ermöglicht. Doch nach und nach habe ich erkannt, dass auch da alles falsch war, geheuchelt. Und als es dann gegen Lily ging, habe ich festgestellt, wie tief ich darin steckte. Ich wollte aussteigen, aber das konnte ich nicht, außer ich starb. Daher ging ich zu Dumbledore, ich musste etwas tun, um es wieder ein bisschen gut zu machen. Aber ihren Tod konnte ich nicht verhindern. Es tut mir leid, Harry!“, schluchzte Severus am Ende.

„Sch, nicht, Severus. Du hast sie nicht getötet. Auch wenn er die Prophezeiung zum Teil durch dich erfahren hat, verraten wurden sie von Pettigrew. Es war nicht deine Schuld.“, versuchte Harry, die Schuld ein wenig von seinen Schultern zu nehmen.

„Nein, Harry, es war meine Schuld. Wenn ich ihm die Prophezeiung nicht gesagt hätte, dann wäre er nicht auf die Idee gekommen, deine Eltern und dich töten zu wollen.“, widersprach Severus, immer noch schluchzend.

„Schluss jetzt! Ich gebe dir keine Schuld und auch meine Mom hat dir nie Schuld gegeben. Hör endlich auf, dir selber die Schuld zu geben! Du hast mir gesagt, dass ich keine Schuld an Cedrics Tod habe oder an dem meiner Eltern. Jetzt sage ich dir das Gleiche: Du hast keine Schuld, du hast sie nicht umgebracht! Das hättest du nie getan! Du hättest das nicht gekonnt, weil du kein böser Mensch bist. Und jetzt lasst uns von hier verschwinden, denn dieses Haus tut dir nicht gut, Severus.“, schimpfte Harry.

Draco stimmte Harry zu, sie mussten das Haus verlassen. Doch wohin sollten sie gehen? Sie wussten, dass Severus noch ein Haus von seinen Großeltern geerbt hatte, aber das musste erst wieder hergerichtet werden, der Lord hatte es in seinen Besitz genommen, als er an die Macht gekommen war und sie wollten jetzt sicher nicht dorthin gehen, da würde es Sev bestimmt nicht besser gehen. Harry übergab Severus in die Arme von Draco und ging zum Kamin. Er warf eine Handvoll Flohpulver ins Feuer und rief etwas, das Draco und Severus nicht verstanden. Dann sprach er eine Weile mit jemandem, bevor er wieder aus dem Kamin auftauchte und sie lächelnd ansah.

„Ich denke, ich habe eine Unterkunft für uns für die nächsten Tage gefunden! Kommt mit!“, grinste er.

 

 

 

 

 

Draco und Severus starrten Harry an. Wen hatte er gerade gefragt und wo sollten sie nun hingehen? Doch der grinste nur und bedeutete ihnen, zu ihm zu kommen. Das Gepäck hatten sie immer noch verkleinert in ihren Umhängen, wobei es nicht viel gab, was sie hatten, nur ein wenig Kleidung und einige Toilettenartikel. Unsicher stand Draco auf und sie halfen Severus auf die Beine. Von beiden Seiten stützten sie den Tränkemeister, der um seine Fassung kämpfte. Sie wussten, er würde erst dann mit ihnen gehen, wenn er seine Maske wieder aufhatte, keiner sollte ihn in dieser Verfassung sehen. Geduldig warteten Draco und Harry, bis Severus wieder stand und sich straffte. Doch immer noch weigerte sich der Tränkemeister zu gehen. Nicht so lange er nicht wusste, wohin Harry sie bringen würde. Doch Harry wollte es nicht verraten.

„Kommt einfach mit, es wird alles gut gehen. Ihr seid willkommen und sie haben dort Platz genug, dass wir ein paar Tage bleiben können, bis wir dein anderes Haus wieder bewohnen können, Sev.“, versprach Harry.

Schließlich gaben die beiden nach, spätestens wenn Harry das Flohpulver nutzte, erfuhren sie auch, wohin sie gingen. Grinsend warf Harry wieder eine Handvoll Flohpulver in das Feuer und murmelte etwas Unverständliches, bevor er Draco einfach hineinschubste. Das Gleiche wiederholte er noch einmal und stieg dann selber mit Severus in die Flammen. Sie wirbelten durch das Feuer und Severus versuchte herauszubekommen, wohin sie unterwegs waren. Am Ende stolperten sie ziemlich aus dem Kamin und landeten beinahe auf einem großen runden, sonnengelben Teppich. Severus richtete sich auf und sah ein paar Beine, die in eine ebenfalls gelbe Robe gehüllt waren. Sein Blick wanderte nach oben und traf etwas oberhalb der Hüfte auf langes, hellblondes Haar, das offen rechts und links hinunterfiel. In dem Moment zuckte sein Blick erschrocken nach oben und erst, als er erkannte, dass er nicht Lucius Malfoy gegenüber stand, entspannte er sich wieder etwas. Aber nur etwas.

„Lovegood?“, fragte er verwirrt in Harrys Richtung.

„Ja. Luna und Xeno haben mir sehr geholfen, kurz bevor wir in Hogwarts eingeschlossen wurden. Ich vertraue ihnen und sie werden uns gerne helfen.“, erklärte Harry fest.

„Hallo Harry!“, wurde er da von Luna begrüßt.

„Herzlich willkommen in unserem Haus!“, fügte Xenophilius Lovegood hinzu.

„Danke! Ich denke, Draco und Severus brauchen noch einen Moment, ich hab ihnen nicht verraten, wohin wir gehen!“, grinste Harry.

„Euer Bett ist schon hergerichtet. Ich hab heute Mittag gesehen, dass wir euch als Gäste bekommen und alles fertig gemacht.“, verkündete Luna.

Verwirrte Blicke von Draco und Severus trafen die Blonde. Luna lächelte nur leise und winkte ihnen, ihr zu folgen. Sie sahen sich nur kurz um in dem kreisrunden und hellen Raum, der offenbar das Wohnzimmer der beiden war, bevor sie Luna über eine schmale Treppe nach oben folgten. Auf dem ersten Absatz angekommen, hörten sie ein seltsames Rattern aus einem Raum an der rechten Seite der Treppe.

„Keine Sorge, das ist die Druckerpresse, die gerade den neuesten Klitterer druckt. Hier, wenn ihr wollt, dann könnt ihr ihn als Erste lesen!“, lächelte Luna beruhigend und drückte ihnen ein Exemplar in die Hand, das sie schnell aus dem Raum geholt hatte.

Dann folgten sie ihr eine weitere Treppe hinauf. Luna wies sie auf das Schlafzimmer ihres Vaters und ihr eigenes Zimmer hin und führte sie noch eine Etage nach oben, wo sie eine Tür öffnete.

„Hier ist unser Gästezimmer. Ich habe das Bett vergrößert, da ihr es gewohnt seid, zusammen zu schlafen. Gleich nebenan ist ein Badezimmer. Professor Snape, hier habe ich eine Kanne Melissentee für sie, das beruhigt besser als ein Trank. Wenn sie oder ihr beiden etwas braucht, dann findet ihr mich unten in meinem Zimmer. Mein Vater muss noch ein wenig arbeiten und dann ist auch er in seinem Schlafzimmer. Ihr könnt uns jederzeit wecken, wenn ihr etwas braucht. Die Druckerpresse wird vielleicht noch eine Stunde laufen, dann ist alles fertig und es wird ruhig.“, erklärte Luna leise.

Sie schien die verwirrten Blicke zu ignorieren, die sie trafen, als sie so selbstverständlich davon sprach, dass sie zu dritt in einem Bett schliefen. Harry, der ihre Art schon kannte, grinste nur vor sich hin.

„Miss Lovegood, woher wissen sie…?“, fragte Severus.

„Professor Snape, ich habe es immer wieder gesehen. Während sie mit den beiden auf der Flucht waren, habe ich immer mal einzelne Bilder gesehen. Ich konnte nie sagen, wo sie waren, aber ich wusste, dass es ihnen gut ging und das habe ich auch Sirius und Remus gesagt, als sie befreit worden waren, leider konnte ich nie sehen, wo sie waren, das hätte die Suche deutlich erleichtert und ihnen wäre viel erspart geblieben.“, kam es leise von Luna.

„Haben sie Sehergene?“, wollte Severus wissen.

„Nein, aber auch meine Mutter hatte immer wieder Visionen! Und jetzt sollten sie sich ausruhen, es war ein schwerer Tag für sie, Professor.“, schloss Luna und ging nach unten.

Die drei Gefährten warfen sich noch ein paar irritierte Blicke zu, setzten sich aber dann auf das Bett. Zunächst unterhielten sie sich noch ein wenig über die Informationen, die sie heute erhalten hatten. Severus und Harry wollten wissen, wie es Draco mit der Information ging, dass sein Vater, oder besser Erzeuger, tot war, doch Draco wimmelte sie ab. Er wusste offenbar selber nicht genau, wie er sich dabei fühlte und brauchte noch ein wenig Zeit für sich. Schließlich sprachen sie auch über ihre eigene Zukunft. Severus wollte vor allem wissen, wie Harry nun weitermachen wollte.

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Einerseits war Hogwarts immer wieder eine Zuflucht für mich, auch trotz der Erfahrungen, die ich dort machte. Aber andererseits ist dort so viel passiert, dass ich nicht mehr hin will. Dennoch würde ich gerne die Schule beenden. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“, erklärte Harry leise.

„Ich will auch meinen Schulabschluss. Aber ebenfalls nicht in Hogwarts, da ist zu viel passiert.“, gestand Draco.

„Nun, ich denke, wir müssen das nicht mehr heute entscheiden, aber ich bin auch nicht unbedingt begeistert, dort wieder zu unterrichten. Wir sollten erst einmal schlafen und uns in den nächsten Tagen darüber Gedanken machen.“, entschied Severus.

Sie legten sich zusammen auf das Bett und begannen, den Klitterer durchzublättern. Severus war positiv überrascht, dass der Klitterer nun scheinbar seriös geblieben war. Keine wirren Fantasie-Tiere mehr, oder nur noch ganz am Rande. Nein, es war ernstzunehmender Journalismus, der hier betrieben wurde und durchaus lesenswert. Sie kuschelten sich aneinander und legten die Decke über sich. Severus saß in der Mitte, rechts Draco, links Harry, und sie lasen eine Weile in der Zeitung. Nach und nach wurde es ruhig im Haus und auch ihnen fielen die Augen zu. Severus registrierte erst nach einer Weile, dass Harry und Draco auf ihm lagen und schon schliefen, so interessiert hatte er gelesen. Auch wollte er sich nicht wirklich mit dem befassen, was am Abend wieder in ihm hochgekommen war. Wieder Erinnerungen, die er verschollen geglaubt hatte. Er war so lange in Spinners End gewesen und nie war auch nur ein bisschen davon aufgetaucht, warum jetzt? War er einfach offener geworden? Er legte seine Gefährten bequemer ins Bett und trank noch eine Tasse von dem Tee. Die junge Miss Lovegood schien Recht zu haben, der Tee entspannte und beruhigte ihn und schließlich schlief auch er ein.

Am Morgen erwachte er und spürte die beruhigende Gegenwart von Harry. Draco grummelte vor sich hin, da er offenbar immer noch mit seinen Haaren kämpfte. Severus hatte sich geweigert, ihm die Haare magisch wachsen zu lassen und Draco bekam den Zauber selber nicht hin. Ohne die Augen zu öffnen, grinste Severus vor sich hin und hörte ein amüsiertes Kichern von Harry. Er fühlte sich sehr entspannt und ausgeruht, hatte tief und fest geschlafen. Alle drei hatten diese Nacht gut geschlafen. Sie standen auf und machten sich im Bad fertig für den Tag, gingen dann gemeinsam nach unten. Die Druckerpresse lief bereits wieder und Luna erwartete sie im Wohnzimmer. Sie brachte sie in die Küche, wo Fenrir am Tisch saß. Luna erklärte nur kurz, dass der Werwolf hier ebenfalls immer willkommen war und einfach nur seine Ruhe haben wollte. Sie begrüßten sich kurz und Harry bedankte sich dafür, dass er Remus angehört hatte. Dann servierte Luna ein reichhaltiges Frühstück.  Gesprochen wurde daher erst einmal nicht weiter, sie alle genossen die Ruhe und ließen sich das Essen schmecken. Lunas Vater war nicht zu sehen oder zu hören.

„Was machst du jetzt dann, Luna?“, wollte Harry schließlich wissen.

„Neville und ich haben beschlossen, dass wir zusammen zurück nach Hogwarts gehen. Jetzt, wo Dumbledore und die meisten anderen Lehrer wieder da sind, wird es sicher wieder besser werden. Wir wollen den Abschluss machen, Neville will danach Kräuterkunde studieren und ich möchte Heilerin werden.“, erzählte die Blonde.

„Und ihr? Ihr bleibt nicht.“, fügte sie dann noch hinzu.

„Nein, wahrscheinlich nicht. Wir haben uns noch nicht entschieden, aber keiner von uns legt großen Wert darauf, hier zu bleiben.“, antwortete Harry.

Sie hatten sich nach dem Aufstehen noch einmal darüber unterhalten, aber wussten noch nicht genau, was sie tun wollten. Nur eines hatten sie entschieden: keiner der drei wollte zurück nach Hogwarts, zu viel war dort passiert. Es war nicht mehr ihre Heimat, vor allem Harry fühlte sich nicht wohl dort, hatte sich nie wohl gefühlt. Sie wollten ihm die Wiederholung ersparen.

„Seht euch das an!“, polterte nun Xenophilius Lovegood und kam herein.

Er hielt eine Ausgabe des Tagespropheten in der Hand und schien sehr wütend zu sein. Die aufgeschlagene Zeitung landete auf dem Tisch und er kümmerte sich nicht darum, dass eine Ecke in der Teekanne landete und sich vollsaugte. Sie lasen den Artikel, um den es Xenophilius offensichtlich ging. Es war ein Verriss über Harrys Kampf gegen den Unnennbaren und auch seine Lebensumstände bis vor kurzem wurden ziemlich breitgetreten. Severus tobte. Am liebsten hätte er die Zeitung weggenommen, dass Harry sie nicht zu sehen bekam, aber dafür war es zu spät, er hatte sie bereits gesehen und würde wissen wollen, was darin stand. Es konnte nicht sein, dass die Presse schon wieder über Harry herzog. Nun wurden sogar Stimmen laut, dass er eine Gefahr für die Gesellschaft war, weil er so mächtige Magie hatte und weil er ein Vampir war. Er konnte nicht verhindern, dass Harry mitlas und immer blasser wurde. Draco schnappte sich schließlich den ehemaligen Gryffindor und zog ihn an sich.

„Hör auf, Harry, das bist nicht du, was sie da schreiben. Das ist absoluter Humbug. Wir wissen, was wirklich passiert ist und das ist es, was zählt.“, sprach er auf ihn ein.

„Lass dir so einen Quatsch nicht einreden, Welpe. Das bist ganz sicher nicht du, das weiß sogar ich.“, warf Fenrir ruhig ein.

„Aber warum denken die das? Warum schreiben sie sowas?“, weinte Harry.

„Harry, die schreiben das, weil sie ihre Zeitung verkaufen wollen. Da du ihnen keine Informationen lieferst, erfinden sie etwas, das sich gut verkauft.“, versuchte Xenophilius eine Erklärung.

„Wie damals, als Umbridge mich fertigmachen wollte? Xeno, kannst du mir wieder helfen?“, fragte Harry leise.

„Natürlich, wenn du das möchtest. Ich kann wieder ein Interview mit dir drucken, aber nur, wenn du das wirklich willst.“, antwortete Xenophilius.

„Ja, bitte, Xeno. Und nicht nur mit mir, bitte auch mit Sev und Dray.“, verlangte Harry.

Überrascht sahen seine Gefährten ihn an.

„Bist du sicher, Kleiner?“, fragte Severus sanft.

Harry nickte. Er war absolut sicher. Er wollte, dass die Leute die Wahrheit über ihn erfuhren. Nur leider wusste er selber immer noch nicht, wer der Vampir war, der ihn gebissen hatte. Vielleicht fand er das auch auf diesem Weg heraus. Als er fest in die Augen seiner Gefährten sah, fiel ihm jedoch etwas ein.

„Das heißt, wenn ihr beide einverstanden seid.“, fügte er noch hinzu.

Severus schmunzelte und nickte. Draco war ebenfalls einverstanden, er war es von klein auf gewohnt, sich mit der Presse rumzuschlagen und ihn erschütterte so schnell nichts mehr. Zu viel hatte er schon erlebt und wenn Harry dem Herausgeber des Klitterer traute, dann würde er das auch tun. Mal ganz davon abgesehen, dass ihm gefallen hatte, was er gestern Abend gelesen hatte. So verbrachten sie den Vormittag im Garten der Lovegoods und gaben ein sehr ausführliches Interview. Die meiste Zeit ließ Xeno Harry einfach nur erzählen, ab und zu unterbrochen von Severus oder Draco, und schrieb sich das Wichtigste auf. Am Ende stellte er noch einige klärende Fragen, bevor er sich bei Harry, Draco und Severus bedankte. Er versprach ihnen, dass sie den Artikel lesen durften, bevor er gedruckt wurde. Dafür müssten sie allerdings zum Abendessen wieder da sein. Dann verschwand Xeno in seinem Arbeitszimmer und Luna winkte den drei Gefährten, ihr zu folgen. Sie brachte sie zum Kamin und warf eine Handvoll Flohpulver hinein. Nur Harry verstand, was sie sagte, bevor sie Draco hindurchschickte. Der war so verblüfft, dass er einfach ins Feuer stieg und verschwand. Severus und Harry folgten ihm und am Schluss kam Luna selber.

Draco stolperte aus dem Kamin und trat einen Schritt zur Seite. Er wusste, wie Harry nach Kaminreisen aussah und dass er die Tendenz hatte, auf dem Boden zu landen. Da stand er lieber nicht im Weg. Severus würde ihn schon auffangen, da musste er nicht auch noch vor dem Kamin warten. Lieber sah er sich um. Das Zimmer kannte er nicht, aber er konnte auch nicht einschätzen, wem es gehörte. Es sah ein wenig altbacken aus, die dunklen Teakholz-Möbel wirkten wie aus einem anderen Jahrhundert und auch die Bilder an der Wand erinnerten ihn an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.  Dennoch war es sauber und penibel eingerichtet, die Bilder hingen alle exakt auf der gleichen Höhe und waren offenbar auch in einer gewissen Ordnung, auch wenn Draco diese nicht genau bestimmen konnte. Jetzt kamen auch Severus und Harry aus dem Kamin gestolpert und sahen sich ebenfalls um. Harry schnupperte ein wenig und machte dann ein nachdenkliches Gesicht, als ob er überlegte, woher ihm der Geruch bekannt vorkam. Luna kam am Schluss und ließ ihnen keine Zeit mehr, die Einrichtung weiter zu beachten, da sie sie nach nebenan brachte.

 

 

 

 

Harry hatte sich riesig gefreut, als er erkannte, wo sie waren und wer da war. Neville hatte sie begrüßt und dann ins Wohnzimmer gebracht, wo seine Oma mit Sirius und Remus saß. Mrs. Longbottom hatte Sirius und Remus so lange bei sich aufgenommen, bis beide wieder ein eigenes Dach über dem Kopf hatten. Wobei Remus nur noch selten hier war, auch die Eltern von Tonks, oder Dora, wie er sie nannte, hatten ihm ein Zuhause angeboten und meistens war er nun dort. Sirius ließ sein Haus neu aufbauen und hatte vor, in Kürze wieder dort einzuziehen. Sie hatten einen angenehmen Nachmittag mit vielen Gesprächen verbracht und waren dann zu den Lovegoods zurückgekehrt, wo sie den Artikel zu lesen bekamen, an dem keiner etwas auszusetzen hatte. Xeno hatte ihn gedruckt und die Ausgabe des Klitterers am nächsten Morgen war binnen einer Stunde ausverkauft, er musste noch mehrmals nachdrucken lassen. Es schien, als wollte jeder in der Zauberwelt Harrys Geschichte lesen. Die drei Gefährten bekamen davon jedoch nicht allzu viel mit, da sie sich nach Prince-Manor begeben hatten, dem Haus, das Severus von seinen Großeltern geerbt hatte. Nach Spinners End wollte er nicht wieder zurück, auch wenn er wusste, dass er sich seiner Vergangenheit genauso stellen musste, wie Harry es getan hatte. Dennoch wollte er das Haus so schnell wie möglich loswerden und beauftragte die Kobolde von Gringotts damit.

Nach drei Tagen hatten sie aufgelistet, was sie in Prince-Manor ändern mussten, um es für sie passend zu gestalten und die Hauselfen und eine magische Baufirma damit zu beauftragen, die Änderungen vorzunehmen. Auch wenn sie sich nicht sicher waren, ob sie überhaupt in Großbritannien bleiben wollten, aber sie wollten zumindest eine Heimat haben, wo sie immer wieder zurückkommen konnten. Zwei Zimmer hatten sie gleich optimiert, das Schlafzimmer und den Speiseraum. Am vierten Tag, sie hatten nach der ersten Besichtigung ihren Wohnsitz von den Lovegoods gleich ins Manor verlegt, weckten Severus und Draco Harry sehr zärtlich. Harry genoss die Berührungen und wurde langsam auch selber ein wenig aktiver. Schließlich, als alle drei befriedigt waren, schickten sie Harry in die Badewanne und befahlen ihm, dort zu bleiben, bis sie ihn holen würden. Harry war völlig irritiert, machte aber, was sie ihm sagten. Nach etwas über einer Stunde kam dann Draco und holte Harry aus der Wanne. Er legte ihm etwas zum Anziehen hin und sorgte dafür, dass Harry das auch anzog, obwohl der das für viel zu schick für ein einfaches Frühstück, oder besser Brunch, denn inzwischen war es schon gegen elf Uhr, hielt. Er sah nicht das Glitzern in Dracos Augen. Dann hätte er vielleicht überlegt, was das bedeuten sollte, aber darauf kam er überhaupt nicht. Schließlich wurde es ihm aber doch zu bunt, als Draco ihm auch noch die Augen verbinden wollte.

„Was soll das denn nun werden?“, knurrte er ungehalten.

„Eine Überraschung.“, kam es trocken von Draco.

„Und warum musst du mir dafür die Augen verbinden?“, fragte Harry unsicher.

„Damit du nicht in Versuchung gerätst und vorher guckst. Keine Angst, es ist nichts Schlimmes.“, versprach Draco, der Harrys Unsicherheit spürte.

Harry kämpfte mit sich. Er vertraute Draco, aber nichts zu sehen erinnerte ihn immer wieder an seinen Schrank und die vielen Gelegenheiten, wo er eingesperrt gewesen war und auch nichts gesehen hatte. Dennoch würde Draco ihm nie wehtun und Severus würde das auch nicht zulassen. Doch die Angst war allgegenwärtig, immer noch. Draco hielt ihn im Arm, aber er legte das Tuch nicht weg. Schließlich stimmte Harry mit klopfendem Herzen zu. Vorsichtig schlang Draco ein Tuch über Harrys Augen und band es am Hinterkopf fest. Gleichzeitig küsste er Harry, der sich diese Zärtlichkeit gerne gefallen ließ und sich dabei wieder ein wenig beruhigte. Er griff mit beiden Händen nach Harrys Schultern und führte ihn sicher durch das Zimmer, den Flur entlang und sogar die Treppen hinunter bis zum Salon.

Als er die Tür aufschob und Harry hindurchbegleitete, schnupperte der junge Vampir. Er roch auf einmal viele Gerüche, die er sortieren musste, die meisten davon bekannt, aber dennoch konnte er nicht alles zuordnen. Endlich blieben sie stehen und Draco nahm Harry das Tuch ab. Harry öffnete die Augen.

„Happy Birthday, Harry!“, kam es im Chor.

Harry stand da und starrte einfach nur. Er hatte völlig vergessen, dass heute sein Geburtstag war. Severus stand am Tisch, und nicht nur Severus und Draco waren da. Sirius, Remus, Tonks, Ron, Ginny, Fred, George, Neville und seine Oma, Luna und ihr Vater, Fenrir Greyback, Bill, Charlie, Mr. und Mrs. Weasley, Madame Pomfrey, Blaise Zabini und ein Mann, der ihm so ähnlich sah, dass er nur sein Vater sein konnte, Hagrid und Minerva McGonagall mit Escalada auf dem Arm waren auch da. Der Tisch war für alle gedeckt und ein großer Kuchen stand in der Mitte. Auf einem zweiten Tisch stapelten sich die Geschenke. Immer noch völlig verwirrt stand Harry inmitten all der Menschen, die ihm gratulieren wollten. Draco spürte, dass Harry noch einen Moment brauchte und sah Severus hilfesuchend an. Der begann, sie alle an den Tisch zu komplimentieren, damit Harry nicht so überfallen wurde. Es schien ihm, als hätte Harry nicht einmal ansatzweise geahnt, was heute für ein Tag war. Draco hielt Harry fest, bis er sich wieder gefangen hatte. Ein leises Kichern an seiner Seite überzeugte den Blonden schließlich davon, dass sein Gefährte wieder in Ordnung war. Er umarmte Harry und flüsterte ihm seine Glückwünsche ins Ohr.

„Alles Liebe, Harry. Genieß es, man wird schließlich nur einmal volljährig! Und die Party ist nicht nur für dich, sie ist auch nachträglich für Draco. Und jetzt setzt euch, eure Gäste warten schon.“, sagte Severus.

Die beiden setzten sich zusammen an die schmale Seite des Tisches und verteilten den Kuchen. Dann griffen alle herzhaft zu und schon nach kurzer Zeit war eine lebhafte Unterhaltung in Gang gekommen. Sie lachten und scherzten, nacheinander kamen alle dazu, Harry und auch Draco zu gratulieren. Auch die Geschenke wurden ausgepackt und Harry und Draco freuten sich über alles. Am meisten aber wohl über die kleine Pergamentrolle, die sie von Severus bekamen und die ihnen zwei Wochen Urlaub in Spanien versprach. Nach etwa drei Stunden sah Severus, wie Harry sich zurückzog und folgte ihm. Sie fanden sich auf dem Balkon wieder. Er gab Harry Zeit und lehnte sich neben ihn ans Geländer, wollte ihm zeigen, dass er da war.

„Alles in Ordnung?“, fragte er nach einer Weile.

„Ja, es war mir nur auf einmal zu viel. Ich musste mal raus.“, versuchte Harry zu erklären.

„Müssen wir die Party abbrechen?“, wollte Severus wissen.

„Nein. Ich freue mich, dass sie alle da sind, aber wir waren jetzt etwa zehn Monate nur zu dritt und ich bin es nicht gewohnt, so viele Menschen um mich zu haben. Aber ich muss mich wieder daran gewöhnen, wenn ich einen Schulabschluss will. Und ich will keinen Privatlehrer, ich kann mich nicht immer weiter zurückziehen. Mit dir und Draco schaffe ich das.“

„Wir haben dich wirklich völlig überrascht, oder?“, stellte Severus fest.

„Ja. Ich hatte völlig aus den Augen verloren, welches Datum wir haben.“, lachte Harry.

„Wollen wir wieder rein?“, bot Severus ihm seinen Arm an.

Harry hakte sich bei seinem Gefährten ein und sie gingen wieder nach drinnen. Kaum einer hatte das Fehlen von Harry bemerkt, nur Draco und Sirius war es offenbar aufgefallen. Sie sahen ihn besorgt an, doch Harry lächelte schon wieder. Er stahl sich noch einen Kuss von Severus und ging dann zu Sirius, um ihm zu versichern, dass es ihm gut ging. Außerdem wollte er wissen, wie es dem Animagus ging, doch der wiegelte wieder ab. Severus und Draco blieben in Harrys Nähe, es schien automatisch zu sein, sie dachten gar nicht darüber nach. Minerva kam zu ihnen.

„Kann ich kurz mit euch reden?“, fragte sie leise.

„Natürlich. Wollen wir auf den Balkon gehen?“, bot Severus an.

Sie gingen wieder nach draußen und sahen eine Weile über die grünen Hügel, die sich ein ganzes Stück weit hinzogen. Es war wie ein Meer aus grün. Schließlich wandte sich Minerva zu den Gefährten.

„Wisst ihr schon, wie ihr weitermachen wollt? Ich habe den Artikel im Klitterer gelesen und sehe auch, dass es dir, Harry, deutlich besser zu gehen scheint als vor einem Jahr. Dennoch habt ihr euch alle verändert. Ich würde mich freuen, euch wieder an der Schule begrüßen zu können, deine Stelle ist noch frei, Severus. Harry könnte die ZAG-Prüfungen nachholen und dann könntet ihr beide, Harry und Draco, in die sechste Klasse gehen.“

Severus wechselte Blicke mit Draco und Harry. Dann sah er wieder zu Minerva.

„Ich denke nicht, dass wir wieder nach Hogwarts kommen werden. Wir alle wollen weg von hier. Vor allem Harry, der an jeder Ecke angestarrt wird und sich kaum frei bewegen kann. Aber auch Draco hat es hier nicht leicht. Ich weiß nicht, ob ich wieder unterrichten will oder in die Forschung gehen soll. Wir werden uns im Urlaub darüber Gedanken machen und uns dann entscheiden. Vielleicht gönnen wir uns auch ein Jahr Auszeit und fangen dann irgendwo noch einmal neu an. Du wirst dir einen anderen Lehrer suchen müssen, tut mir leid. Die Zusammenarbeit mit dir war immer angenehm.“

„Auch wenn ich es schade finde, ich kann es verstehen. Ich hoffe, ihr findet euer Glück. Ich wünsche es euch.“, antwortete Minerva McGonagall.

Sie schwiegen noch einen Moment und gingen dann wieder nach drinnen. Mrs. Weasley hatte inzwischen mit den Hauselfen ein Buffet aufgebaut und wieder warteten alle auf die Gastgeber, um das Buffet zu eröffnen. Harry warf Draco einen auffordernden Blick zu. Der grinste Harry zu und drehte sich zu den Gästen um.

„Harry und ich möchten die Gelegenheit nutzen, euch allen ganz herzlich zu danken. Jeder von euch, jeder von ihnen, hat geholfen, dass wir nun hier stehen können. Diese Feier hier ist nicht nur die Gelegenheit, dass wir uns betrinken, weil wir volljährig sind, sondern auch um euch allen zu zeigen, wie dankbar wir euch sind. Harry hatte keine Ahnung von dieser Party und das was jetzt noch kommt, weiß er auch noch nicht, ebenso wenig wie Severus. Aber als Sev mir von der Party erzählte, da habe ich gedacht, wir könnten hier und heute noch etwas feiern. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, wenn das Buffet im Zuge dessen noch ein wenig warten muss. Dobby!“, rief Draco am Ende nach dem Hauselfen.

Mit seinem charakteristischen Ploppen erschien der Hauself.

„Ist es Zeit, Master Draco Sir?“, fragte er aufgeregt.

„Ja Dobby, ich denke, es ist Zeit! Ist alles bereit?“, antwortete Draco.

„Natürlich Master Draco Sir. Soll Dobby jetzt im Salon Bescheid geben, dass es soweit ist?“

„Ja, Dobby mach das. Und dann sorge dafür, dass unsere Gäste in den Salon kommen und sich vorher kurz umziehen können. Du hast doch alles hergebracht?“, wollte Draco wissen.

„Es ist alles bereit, Master Draco. Wollen die Sirs sich ins Ankleidezimmer begeben?“, bat Dobby.

Severus und Harry waren der Unterhaltung mit Verwirrung gefolgt. Sie erhofften sich neue Erkenntnisse, aber je länger die Unterhaltung andauerte, desto verwirrter wurden sie. Und so schien es auch den anderen Gästen zu gehen. Draco grinste nur. Dobby begleitete nun die Gäste zu einem Zimmer, in dem für jeden etwas zum Ankleiden lag. Es waren wunderschöne Kleider, schlicht, aber edel, für die Damen und Anzüge für die Herren vorhanden. Dobby hatte mit einigen anderen Hauselfen für jeden etwas Passendes besorgt.

Währenddessen zog Draco seine beiden Gefährten ins Ankleidezimmer und nötigte sie dazu, dass sie sich umzogen. Für Severus lag ein schwarzer Anzug bereit, Draco und Harry hatten auch Anzüge, deren Schnitt gleich war, nur die Farben waren unterschiedlich, Draco trug einen cremefarbenen und Harry einen weißen. Nachdem Draco sie gemustert hatte, zückte er seinen Zauberstab und richtete ihnen die Haare, auch wenn es bei Harry scheinbar vergeblich war. Severus ahnte langsam, was Draco plante. Kaum war er damit fertig, tauchte auch schon Dobby auf.

„Sind die Sirs fertig? Im Salon ist alles bereit.“, verkündete er.

„Ja, Dobby, ich denke, wir sind bereit! Gehen wir.“, bestimmte Draco.

 

 

 

 

 

 

 

Draco hatte Severus und Harry untergehakt und ging mit ihnen zum Salon. Dort wartete Dumbledore vor der Türe und empfing sie. Als Severus den Blick des alten und neuen Direktors von Hogwarts sah, war er sich sicher zu wissen, was nun folgte. Nur ob das wirklich eine gute Idee war, Harry so zu überraschen und zu überrumpeln? Wie würde ihr Kleiner darauf reagieren? Wie stabil war Harry inzwischen? Doch er hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken.

„Severus, ich sehe, dass du inzwischen weißt, was Draco geplant hat!“, schmunzelte Dumbledore. „Bist du bereit dazu?“, fragte er weiter.

„Ich habe Draco bereits geheiratet, und ich bin bereit, mein Versprechen Harry gegenüber öffentlich zu machen. Harry, Draco hat geplant, dass wir uns öffentlich verbinden. Aber nur, wenn du auch dazu bereit bist.“, erklärte Severus.

„Du… ihr… wirklich?“, stammelte Harry.

„Ja, Harry. Wir haben es uns nach unserer Hochzeit schon versprochen, aber du warst bisher nur inoffiziell Teil unserer Ehe, ich würde es gerne offiziell machen. Das habe ich mit Professor Dumbledore heimlich ausgeheckt, als ich erfuhr, dass Severus eine Überraschungsparty zu deinem Geburtstag plante. Als Mitglied des Zaubergamot ist er dazu ermächtigt, unsere Verbindung zu legalisieren und ich hoffe, dass du einverstanden bist, dass wir das jetzt hier zusammen machen. Ich denke, alle Menschen, die uns etwas bedeuten, sind gerade hier und das passt hervorragend.“, antwortete Draco.

„Aber nur, wenn du dir wirklich sicher bist, Harry.“, warf Severus ein.

Es gefiel ihm nicht ganz, dass Draco Harry gerade zu einer Entscheidung zwang. Wenn er geahnt hätte, was Draco plante, dann hätte er es unterbunden, damit Harry nicht in die Enge getrieben wurde. Doch dafür war es jetzt zu spät. Über Harrys Gesicht flackerten die unterschiedlichsten Gefühle. Er war verwirrt, überrascht, erfreut, verängstigt, verunsichert, hin- und hergerissen. Draco erschien jetzt auch ein wenig verunsichert.

„Harry, tut mir leid, ich wollte dich eigentlich überraschen, ich dachte du freust dich darüber. Vielleicht sollten wir das abblasen.“, murmelte Draco jetzt.

„Nein, nicht. Draco, ich bin einfach nur völlig überrascht. Aber ich würde das wirklich gerne machen. Ihr beide seid das Wichtigste für mich, ich liebe euch so sehr, ich möchte nicht mehr ohne euch leben. Ihr seid meine Gefährten, ich habe euch beide gekennzeichnet, weil ich mir nicht vorstellen kann, nur mit einem von euch verbunden zu sein. Ja, ich möchte das jetzt machen!“, versicherte Harry nun mit fester Stimme.

„Gut, gut!“, gluckste Dumbledore.

Er öffnete die Salontür und ging voran, die drei folgten ihm langsam. Dumbledore wirkte einen Zauber, der Musik erklingen ließ. Draco und Harry hatten Severus nun in die Mitte genommen und hingen an seinen Armen. Severus verzog keine Miene, aber seine Augen strahlten liebevoll und warm. Auch Draco zeigte nur wenig Emotionen, doch seine Augen zeigten die tiefe Liebe, die er empfand. Nur Harry strahlte und lächelte glücklich vor sich hin. Sie gingen bis nach vorne, vor die Gäste, die rechts und links von einem breiten, roten Teppichläufer auf gepolsterten Stühlen saßen. Die meisten Frauen hatten Taschentücher in der Hand und schienen vor Rührung Tränen in den Augen zu haben. Auch die beiden Zabinis und Greyback waren mitten unter ihnen, es schien, als würde es jeder für selbstverständlich halten, dass sie da waren. Greyback saß neben Luna, die sich immer wieder zu ihm beugte und mit ihm flüsterte. Sie wirkte nicht mehr so träumerisch, eher ruhig und in sich gekehrt, lächelte aber zufrieden. Neville, der hinter ihr saß, beobachtete sie verträumt. Schon lange war ihm klar, dass er die Blonde wirklich gerne mochte, aber wie sehr er sie liebte, wurde ihm erst jetzt klar, als er sie mit dem Werwolf flüstern sah. Traurig wandte er den Blick ab, als Harry am Arm des ehemaligen Zaubertränke-Lehrers hereinkam. Vielleicht hätte er sich selber gegenüber seine Gefühle eher eingestehen sollen, dann hätte er noch Chancen gehabt. Doch jetzt schien es zu spät zu sein. Auch wenn der Werwolf so viel älter als Luna war, aber er sah ihr Strahlen und Neville wünschte ihr still alles Gute.

„Wir sind hier zusammen gekommen, weil sich drei unserer engen Freunde dazu entschlossen haben, ihre Verbindung zu vervollständigen. Severus und Draco Snape sind bereits seit etwas über einem Jahr verheiratet, doch auch Harry Potter ist ein Teil ihrer Beziehung. Er hat sowohl Draco als auch Severus als seine Gefährten gekennzeichnet, was sie auf tiefer, magischer Ebene miteinander verbindet. Harry ist seit zwei Jahren ein Vampir, was diese Verbindung bereits untrennbar macht. Und nun haben sie sich entschlossen, auch die magische Verbindung, die einer Ehe gleichgestellt ist, miteinander einzugehen. Sie wollen einander die Treue versprechen, sie wollen sich lieben und achten, sich mit gegenseitigem Respekt behandeln und einander zur Seite stehen. Sie wollen ihr künftiges Leben miteinander verbringen, ihre Entscheidungen gemeinsam fällen und sich immer gegenseitig beistehen, egal welche Herausforderungen das Leben an sie stellen wird. Doch bevor sie sich das versprechen, frage ich alle hier Anwesenden, ob einer etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hat. Nein? Gut. Dann frage ich dich, Severus Snape, willst du die hier anwesenden jungen Männer, Draco Snape und Harry Potter, zu deinen Gefährten nehmen, sie lieben und achten, ihnen treu zur Seite stehen und sie mit all ihren Eigenheiten respektieren und deine Entscheidungen mit ihnen zusammen treffen, bis euer gemeinsamer Weg vom Tod beendet wird, so antworte mit ‚Ja ich will‘.“, sprach Dumbledore.

„Ja, ich will!“, antwortete Severus fest.

„Draco Snape, ich frage dich, willst du die hier anwesenden jungen Männer, Severus Snape und Harry Potter, zu deinen Gefährten nehmen, sie lieben und achten, ihnen treu zur Seite stehen und sie mit all ihren Eigenheiten respektieren und deine Entscheidungen mit ihnen zusammen treffen, bis euer gemeinsamer Weg vom Tod beendet wird, so antworte mit ‚Ja ich will‘.“, wiederholte Dumbledore seine Worte, nun an Draco gerichtet.

„Ja, ich will!“, lächelte auch Draco.

„Dann frage ich auch dich, Harry James Potter, willst du die hier anwesenden jungen Männer, Draco Snape und Severus Snape, zu deinen Gefährten nehmen, sie lieben und achten, ihnen treu zur Seite stehen und sie mit all ihren Eigenheiten respektieren und deine Entscheidungen mit ihnen zusammen treffen, bis euer gemeinsamer Weg vom Tod beendet wird, so antworte mit ‚Ja ich will‘.“, fragte Dumbledore zum dritten Mal.

„Ja, das will ich!“, strahlte Harry.

„Dann erkläre ich euch nun kraft meines mir anvertrauten Amtes zu Gefährten im Sinne einer Ehe. Nun seid ihr nicht nur in euren Herzen sondern auch vor dem Gesetz vereint. Ihr dürft einander nun küssen!“, gluckste Dumbledore.

Grinsend wandte sich Harry seinen beiden Gefährten zu. Draco küsste ihn zuerst, zärtlich und dennoch verlangend, dann küsste Severus Harry, jedoch deutlich zurückhaltender als sonst, da sie hier vor Publikum waren und am Ende küsste Draco Severus, doch auch dieser Kuss wurde sehr kurz gehalten. Slytherins, die sie waren, stellten sie ihre Gefühle nicht so gerne zur Schau, doch Harry kannte sie inzwischen gut genug, um das Glück zu spüren, das sie alle drei verband. Die Gäste applaudierten und standen dann auf, um ihnen zu gratulieren. Der erste Gratulant war Dumbledore, der ihnen am nächsten war, dann kamen Sirius und Blaise, die von Draco kurzerhand zu Trauzeugen gemacht worden waren. Da sie ihre Ringe schon trugen, seit dem Krankenhaus auch wieder am Finger, hatten sie keine Zeremonie daraus gemacht, diese nochmals zu tauschen wäre übertrieben gewesen.

Sie schüttelten viele Hände und wechselten mit allen Gästen einige Worte, bevor Draco sich laut räusperte und erklärte, dass das Buffet immer noch auf sie warten würde und es nun vielleicht an der Zeit wäre, sich dem Essen zu widmen, da danach auch gerne noch getanzt werden durfte, denn er hatte eine Band organisiert, die nun wohl auch schon angekommen sein müsste. Ron brachte die Gäste und die Gefährten zum Lachen, als er nach diesen Worten als Erster die Tür ansteuerte, um in den Speiseraum des Manor zu gehen. Der Rothaarige war immer noch so hungrig wie früher, stellte Harry für sich fest und lachte mit den Anderen. Er fühlte sich rundum wohl, beschützt und geliebt und zum ersten Mal seit er denken konnte, frei von allem.

„Danke! Ich liebe euch!“, wisperte er seinen Gefährten zu.

Draco und Severus zogen ihn fest an sich, bevor sie ihn wieder frei gaben, damit sie auch nach oben gehen konnten. Rons Gesicht wirkte etwas gequält, als sie im Speisezimmer ankamen. Harry lachte, als er das sah, denn er wusste genau, dass es daran lag, dass Molly Weasley ihren Sohn davon abhielt, das Buffet zu stürmen. Draco und Harry blickten sich kurz an und Severus´ Mundwinkel zuckten verdächtig, als er das sah. Er wusste genau, was seine Gefährten nun vorhatten.

„Also, ich denke, ich muss hier kurz mal ein bisschen was sagen. Ich bin euch allen wirklich dankbar, dass ihr heute mit uns feiert. Lange Zeit habe ich Dinge ertragen und mit mir herumgeschleppt, die zu ertragen und erfahren ich niemandem wünsche. Severus hat es in einer Nacht geschafft, fast meine ganzen Mauern einzureißen, und auch wenn ich zuerst sehr unglücklich darüber war, vor allem weil es ausgerechnet er war, der etwas merkte, so habe ich doch schnell bemerkt, dass es gut war, dass er mich dazu brachte, mich zu öffnen. Ich glaube, ich brauche keine Worte darüber zu verlieren, wie schlimm es für mich war. Aber Draco und Severus waren immer für mich da, ließen mich nie alleine und ich bin wirklich dankbar, dass ihr beiden immer da wart und seid. Lange Zeit wusste ich nicht, was ich euch gegenüber fühle, aber nach und nach wurde mir bewusst, dass ich euch liebe. Es hat mich verwirrt und verängstigt, aber auch da wart ihr da. In dieser Zeit habe ich einen schlimmen Fehler gemacht und beinahe alles zerstört, aber ihr habt mir gesagt und bewiesen, dass ich zu euch gehöre. Und jetzt habt ihr auch allen unseren Freunden gezeigt, was ihr für mich empfindet und ich weiß, dass euch das nicht leichtgefallen ist, eure Gefühle nach außen hin so deutlich zu zeigen. Das beweist mir wieder, wie groß eure Liebe zu mir ist und ich fühle mich so überwältigt und glücklich, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Ich liebe euch und werde euch immer lieben und bin stolz darauf, nun auch euren Namen zu tragen! Mit euch zusammen will ich mein Leben nun genießen und ich denke, wir fangen damit an, dass wir nun anstoßen und dann das Buffet stürmen, bevor Ron mich hier noch erwürgt!“, lachte Harry am Ende.

Die Hauselfen hatten in der Zwischenzeit Champagner ausgeteilt, daher hoben nun alle ihre Gläser und prosteten Harry, Draco und Severus zu, die nun glücklich wirkten und zusammen zum Buffet gingen, um sich zu bedienen. Es gab so viele gute Dinge, dass Harry sich kaum entscheiden konnte, was er denn nun essen sollte. Severus achtete nur darauf, dass er genügend aß, es war ihm heute ziemlich egal, was er sich aussuchte. Harry entschied sich letztendlich für Steak, das fast roh war, einen bunten Salat und dazu noch eine gefüllte Kartoffel. Severus griff bei den Fischgerichten zu und Draco tat sich viele Kleinigkeiten aus Rind und Huhn auf, dazu ebenfalls eine gefüllte Kartoffel und jede Menge Salat. Sie nahmen an der Stirnseite der Tafel Platz, an der für sie gedeckt war. Die Hauselfen hatten die Tafel so eingedeckt, dass sie zu dritt an der schmalen Seite saßen und die Längsseiten von den Gästen gefüllt wurden. Die Gäste wechselten immer mal wieder ihre Plätze, sodass jeder mit den frischvermählten Gefährten eine Weile sprechen konnte, bis schließlich die Musik, die zum Essen noch ruhig gewesen war, lebhafter wurde und zum Tanzen aufforderte. Den Eröffnungstanz überließ Harry Draco und Severus, die beiden konnten es einfach besser, doch danach tanzte er abwechselnd mit beiden und fühlte sich einfach nur wohl dabei.

Gegen Abend, als sie schon bestimmt zwei Stunden getanzt hatten, trat schließlich Blaises Vater auf die Gefährten zu und bat sie um ein privates Gespräch. Sie gingen mit ihm nach draußen auf den Balkon, denn in Südengland, wo Prince-Manor stand, war es gerade relativ warm und man konnte auch abends noch draußen sitzen.

„Ich denke, ich schulde ihnen eine Erklärung, Mister Potter.“, begann Mr. Zabini nach einer Weile.

„Potter-Snape.“, berichtigte Harry leise, was seine Gefährten dazu brachte, synchron die linke Augenbraue zu heben.

„Verzeihung, Mister Potter-Snape. Mein Name ist Devon Zabini, ich bin der Vater von Blaise. Ich habe früher als Heiler im St. Mungo gearbeitet und bin dann, als die Todesser um Voldemort alles übernahmen, zu Dumbledore und habe ihm meine Hilfe angeboten. Das nur zur Information zu meiner Person. Was ich eigentlich sagen will und muss, also, das ist nicht ganz einfach. Als nach den Ereignissen im trimagischen Turnier die Presse begann, gegen sie zu arbeiten, Mister Potter-Snape, da habe ich selbst angefangen, mir Gedanken zu machen. Blaise hat mir ein anderes Bild geliefert als der Tagesprophet. Sie müssen wissen, dass Blaise nicht unbedingt hinter seinen Kameraden in Slytherin stand, was sie betrifft, aber das konnte er nie zeigen. Nun gut, ich schweife gerade ab, ich will sie nicht zu lange aufhalten, doch ich möchte, dass sie die Wahrheit kennen und verstehen. Mir kamen immer mehr Gerüchte zu Ohren, dass sie der Auserwählte sein sollten, der den dunklen Lord töten kann. Und dass sie der Einzige sind, der dazu in der Lage ist. Mit Hilfe von einigen Kontakten fand ich heraus, dass diese Prophezeiung, über die später spekuliert wurde, tatsächlich existiert und dass sich ein Teil davon wohl schon erfüllt hatte. Es schien, als wären sie tatsächlich derjenige, der den Unnennbaren besiegen kann. Ich wollte ihnen helfen. Ich habe sie beobachtet, in der Nähe von ihrem Zuhause, habe gesehen, wie schwer sie schuften mussten und hatte irgendwann nur noch das Verlangen, alles zu tun, um ihnen zu helfen. Ich war derjenige, der sie zum Vampir gebissen hat, in der Hoffnung, dass ihnen das die Kraft geben würde, am Ende zu siegen und zu überleben, obwohl die Prophezeiung behauptete, dass keiner leben kann, ohne den Anderen. Ich wollte sie stärker machen und habe diesem Verlangen spontan nachgegeben. Was ich ihnen damit aufgebürdet habe, das kam mir erst viel später und es tut mir leid, dass ich mich habe übermannen lassen von diesem Verlangen.“, erklärte Devon Zabini und senkte schuldbewusst den Kopf.

Harry saß da wie erstarrt. Er wusste erst einmal gar nicht, was er dazu sagen sollte. Er zitterte, als er sich an den Biss erinnerte, das Gefühl, verfolgt zu werden und nicht zu wissen, was passierte. Severus und Draco hielten ihn fest und blitzten zornig zu Devon Zabini. Warum musste er es ausgerechnet jetzt offenbaren? Harry wollte wissen, was passiert war, aber gerade heute hätte es nicht sein müssen.

„Es tut mir leid, dass ich sie heute damit überfalle, aber ich befürchte, dass ich später den Mut dazu nicht mehr aufgebracht hätte. Ich werde jetzt gehen und ich bin bereit, die Konsequenzen für mein Handeln zu tragen. Ich denke, ich werde mich selber anzeigen vor dem Zaubergamot, damit sie nicht zu einer Aussage gezwungen werden, wenigstens das will ich ihnen ersparen.“, sagte Mister Zabini nach einer Weile Stille und stand auf.

„Warten sie.“, bat Harry leise.

Devon Zabini drehte sich wieder um, kurz bevor er die Tür erreichte. Erstaunt blickte er den jungen Vampir vor sich an.

„Ich finde es nicht schlimm, ein Vampir zu sein und diese Fähigkeiten haben es mir tatsächlich erlaubt, gegen Voldemort zu triumphieren und ich denke, sie haben geholfen, ihn zu vernichten und mir, zu überleben. Ich hätte es nur gerne selbst entschieden. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte und Angst, dass ich meinen Freunden etwas antun könnte. Severus hat mir geholfen, mein neues Wesen zu verstehen und inzwischen ist es in Ordnung. Ich weiß jetzt, dass sie mir helfen wollten und sie müssen nicht gehen und sich auch nicht anzeigen!“, bestimmte Harry.

Severus und Draco sahen ihn überrascht an. Das hatten sie nicht erwartet, doch es war eigentlich typisch für ihren Harry. Er konnte niemandem für lange böse sein.

„Wir sollten wieder reingehen.“, mahnte Severus nach einer weiteren Weile, die sie schweigend verbracht hatten.

Harry schüttelte Devon Zabini die Hand und sie gingen gemeinsam wieder in das Speisezimmer, wo immer noch wild getanzt wurde. Ausgelassen feierten sie weiter bis tief in die Nacht und Harry schob das, was er erfahren hatte, beiseite, um die Hochzeit und danach die Hochzeitsnacht mit allen Sinnen zu genießen.

 

 

Harry, Draco und Severus waren nun schon seit fünf Tagen in Spanien und genossen jeden einzelnen davon. Endlich konnten sie sich einmal wirklich entspannen und alles hinter sich lassen. So viel war in den letzten beiden Jahren passiert, aber für die zwei Wochen in Spanien hatten sie entschieden, dass sie diese Ereignisse erst einmal nicht ansprechen wollten. Das hier war Urlaub, noch dazu ihre Hochzeitsreise. Auch wenn Draco sie an Harrys Geburtstag ziemlich überfallen hatte, sie waren trotz allem sehr glücklich, dass es so gekommen war. Nichts erinnerte mehr an den unsicheren, verzweifelten und gebrochenen Harry, der er knapp zwei Jahre davor gewesen war. Im Gegenteil, der Grünäugige lachte die meiste Zeit und steckte seine Gefährten mit seiner guten Laune an.

Severus hatte darauf bestanden, dass Harry schwimmen lernte. Im trimagischen Turnier, genauer gesagt bei der zweiten Aufgabe, war klar geworden, dass Harry das nicht wirklich konnte. Er hatte sich gerade so über Wasser halten können und war am Ende nur mit Rons Hilfe ans Ufer gekommen. Und als er am ersten Tag von einer Welle mitgenommen wurde, da hatte Draco gerade noch schnell genug reagiert und ihn aus dem Wasser gefischt. Severus war extrem blass geworden und seitdem lernte Harry schwimmen. Er stellte sich nicht dumm an, war aber froh, dass Severus und Draco das Training auf den Pool verlegt hatten, denn das Meer war ihm zu unruhig gewesen. Gerade stand Severus in einer schwarzen Badehose daher am Rande des Pools.

„Langsam, Harry. Gleichmäßiger.“, kommandierte Severus in diesem Moment.

„Der junge Mann macht das schon ganz gut!“, schmunzelte da auf einmal eine Stimme hinter ihm.

Severus fuhr herum. Erst jetzt erkannte der Andere ihn.

„Severus Snape! Das hätte ich nicht geglaubt, dich hier zu sehen. Und vor allem nicht in dieser Bekleidung!“, lachte der Mann.

„Mitchell Walters. Mit dir habe ich hier auch nicht gerechnet. Gefällt es dir in New York nicht mehr?“, antwortete Severus, als er sich wieder gefasst hatte.

„Mitchell!“, begrüßte ihn Harry.

„Kennen wir uns?“, fragte der braunhaarige Mann.

„Oh, Sev, hast du ihm damals das Gedächtnis gelöscht?“, hakte Harry nach.

„Ja, zur Sicherheit. Und mit seiner Erlaubnis.“, antwortete Severus Harry, dann wandte er sich wieder dem Fremden zu. „Du hast uns letztes Jahr gesehen, in New York, Sirius hatte dich um einen Gefallen gebeten. Wir waren auf der Flucht vor Voldemort und zu deiner Sicherheit hast du mich gebeten, deine Erinnerungen an uns zu löschen. Wir können das später gerne rückgängig machen, wenn du willst, Mitchell.“

„Sirius? Du meinst Sirius Black? Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, in den letzten fast 20 Jahren hatte ich nur spärlich Kontakt zu ihm. Du hast in meinem Gehirn rumgepfuscht und ich hab das zugelassen? Also ich denke, das wäre sicher interessant, wenn ich wüsste, was da los war. Der junge Mann hier scheint sich ja zu freuen, mich zu sehen. Vielleicht essen wir heute Abend gemeinsam?“, fragte Mitchell.

„Das scheint mir eine gute Idee zu sein. Warum treffen wir uns nicht in einer Stunde in unserer Suite und dann kümmere ich mich erst um dein Gedächtnis. Danach können wir gerne zusammen etwas essen.“, bot Severus an.

„Gerne. Ich kenne in der Nähe ein nettes kleines Lokal, dort können wir uns ein wenig zurückziehen und in Ruhe reden. Aber ich bringe meine Familie mit, wenn es euch nicht stört.“, antwortete Mitchell.

„Nein, natürlich nicht. Wir sind auch zu dritt, Draco ist nur gerade nicht da, aber er kommt dann auch mit.“, erwiderte Severus.

Mitchell hob erstaunt die Augenbrauen, sagte aber nichts dazu. Er ließ sich von Severus noch die Zimmernummer geben und machte sich dann auf, um seine Familie zu finden, die wohl am Strand sein würden. Harry probierte noch eine Weile, die Schwimmzüge besser zu koordinieren, da seine Arme und Beine momentan eher gegeneinander als miteinander arbeiteten, aber Severus brach seine Versuche nach etwa zwanzig Minuten ab. Sie machten sich auf die Suche nach Draco, damit sie gemeinsam Mitchell gegenübertreten konnten. Außerdem kannten sie ihren Gefährten, der würde nicht zugeben, dass er zu einem „offiziellen“ Essen gehen würde ohne sich vorher zurechtzumachen, und er würde das Gleiche auch von ihnen verlangen. Sie fanden Draco im Keller des Hotels, wo er sich massieren ließ. Auch er genoss den Urlaub sichtlich, sah zum ersten Mal seit er verstoßen worden war, nicht auf das Geld. So selbstverständlich wie es für ihn früher gewesen war, dass er alles kaufte, was er wollte, so extrem war er danach zum Sparer geworden. Doch Severus hatte ihn dazu angehalten, dass er genauso das Recht hatte, sich etwas zu gönnen, wie er und Harry, auch wenn Draco ohne jede finanzielle Unterstützung war, wohingegen sowohl Severus als auch Harry über gut gefüllte Verliese in Gringotts verfügten. Beide hatten übereinstimmend verkündet, dass Draco, da er mit ihnen verheiratet war, das Recht hatte, ihr Gold zu teilen.

Gerade noch rechtzeitig zu ihrer Verabredung kamen sie in ihre Suite zurück, kaum dass Severus sich wieder etwas angezogen hatte, klopfte es schon an der Tür und Mitchell stand draußen. Harry übernahm es, ihm zu öffnen und ihn hereinzubitten. Neugierig sah er sich um und blickte Draco an, der eben in Richtung Bad ging, schien ihn aber nicht zu erkennen. Nach einem weiteren Blick auf Harry, der gerade das Handtuch von seinem Kopf nahm, in das er seine Haare nach dem Schwimmen eingewickelt hatte, wurde der Besucher blass.

„James.“, hauchte er. „James Potter! Das kann doch nicht…?“

„Nein, aber sein Sohn.“, erwiderte Severus leise, der sehen konnte, wie Harry weiß wurde.

Der Tränkemeister winkte Mitchell zu einer gemütlichen Sitzecke mit einem weißen Sofa und zwei passenden Sesseln, die vor einem großen Flachbildfernseher standen. Die Balkontür daneben war offen, um ein bisschen Luft hereinzulassen. Die drei Gefährten genossen die Wärme und nutzten die Klimaanlage daher eher selten. Mitchell setzte sich in einen der beiden Sessel, während Severus Harry zu Draco ins Bad zog.

„Kleiner, alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Ich … ich weiß nicht genau.“, murmelte Harry leise.

„Drache, du kümmerst dich bitte um Harry. Macht euch fertig, wir reden noch darüber, Harry. Ich weiß, du magst es nicht besonders, für deinen Vater gehalten zu werden, aber es ist in Ordnung. Mitchell kannte deinen Vater, und du siehst ihm nun mal zum Verwechseln ähnlich.“, beruhigte Severus den aufgelösten Grünäugigen.

„Ja, und bis zu dem Zeitpunkt, als ich deine Erinnerungen gesehen hab, war ich auch stolz darauf. Aber jetzt… Ich werde mit so einem … Idioten gleichgestellt.“, hauchte Harry.

„Hör auf, Kleiner.“, bestimmte Severus. „Ja, James war zeitweise ein Idiot. Vor allem mir gegenüber war er wirklich extrem gemein. Aber er hatte auch gute Seiten, und du hast sicher nicht seine schlechten Eigenschaften geerbt. Er war immer eifersüchtig auf mich, denke ich, weil ich mich mit Lily so gut verstand. Aber er war – vor allem später – auch ein Kämpfer für das Gute, und er hat dich und Lily mit seinem Leben beschützt. Behalte das in Erinnerung, dafür gebührt ihm tatsächlich das Denkmal, das sie ihm in Godric´s Hollow aufgestellt haben. Und er hat es geschafft, einen wirklich wunderbaren, liebevollen und treuen Sohn zu bekommen, dafür werde ich ihm sicher immer dankbar sein. Ich liebe dich, Harry, genau wie dich, Draco. Und jetzt macht euch fertig, ich gehe zu Mitchell.“

Nervös rutschte Mitchell in seinem Sessel umher, als Severus aus dem Bad kam und seinen Zauberstab hervorzog. Severus seufzte innerlich, ließ sich aber nichts anmerken, als er sich in den zweiten Sessel setzte. Diese Reaktion kannte er zur Genüge, er war schon als Schüler teilweise so angesehen worden, wenn er seinen Stab gezogen hatte. Seine Großeltern mütterlicherseits hatten sich gefreut, dass er magisch war, nachdem seine Mutter schon einen Muggel geheiratet hatte und ihm daher entsprechend viele Zauber beigebracht, bevor er in die Schule gekommen war. Die meisten davon waren schwarzmagisch gewesen und daher fürchteten bald viele Schüler den einsamen Schwarzhaarigen.

„Beruhige dich, Mitchell. Ich werde dir nicht wehtun, aber wenn du dich nicht entspannst, dann wird es unangenehm. Ich will nur die Blockade in deinem Kopf lösen, das ist nicht weiter tragisch.“, redete Severus den Braunhaarigen gut zu.

Erst als er bemerkte, dass Mitchell ruhiger wurde und die Anspannung nachließ, drang er mit einem gemurmelten „Legilimens“ in dessen Geist ein. Schnell fand er die blockierten Informationen, aber auch nur, weil er wusste, wonach er suchen musste. Innerhalb weniger Minuten hatte er die Blockade aufgehoben und zog sich wieder zurück. Als Mitchell die Augen wieder öffnete, wusste Severus, dass er erfolgreich gewesen war. Der ehemalige Ravenclaw erinnerte sich wieder, wie die schreckgeweiteten Augen deutlich machten.

„Ihr habt es offenbar geschafft.“, kommentierte Mitchell, als er seine Sprache wiedergefunden hatte.

„Ja, das kann man wohl sagen. Aber ich denke, wir reden ein andermal darüber, denn wenn wir um sieben zum Essen gehen wollen, dann sollten wir uns langsam dafür fertigmachen. Es ist inzwischen kurz nach sechs. Treffen wir uns um sieben in der Lobby?“, fragte Severus und massierte seine Nasenwurzel.

„Ja, natürlich. Dann bis gleich.“, verabschiedete sich Mitchell.

„Alles in Ordnung?“, fragte Draco, als er aus dem Bad kam und Severus sah, wie er seine Nasenwurzel wieder rieb.

„Kopfschmerzen. Das Lösen einer Blockade ist nicht ganz leicht.“, schnappte Severus.

Im nächsten Moment tat es ihm leid, dass er Draco so angefahren hatte, aber der Blonde winkte ab, als er sich entschuldigen wollte. Er wusste, dass Severus es nicht so meinte; wenn er Kopfschmerzen hatte, dann war er meistens unausstehlich und erinnerte an sein anderes Ich damals im Unterricht in Hogwarts. Draco wandte sich in Richtung Schlafzimmer, mit Sicherheit würde er die nächste halbe Stunde vor dem Kleiderschrank verbringen und überlegen, was er anziehen sollte. Severus ging ins Bad, wo Harry inzwischen in der Dusche fertig war und seine Haare mit einem Zauber trocknete. Der junge Vampir erspürte die gereizte Stimmung seines Gefährten sofort, trat zu ihm und drückte ihn auf den Hocker, der im Bad stand. Sanft strich er über die Nackenmuskeln und fing an, Severus zu massieren. Der Tränkemeister schloss die Augen und ließ die kleinen Hände seine Anspannung wegstreicheln. Die Finger taten ihm einfach nur gut, lösten die verhärteten Muskeln nach und nach. Einige Minuten später fühlte er sich deutlich besser und die Kopfschmerzen waren fast weg. Er drehte sich und küsste Harry zärtlich.

„Danke, Kleiner!“, murmelte er. „Geht´s dir besser?“

„Immer gerne, Sev.“, lächelte Harry. „Und ja, es ist okay. Ich hatte nicht mehr daran gedacht, dass Mitchell meinen Vater kannte und da muss so eine Verwechslung passieren, ich weiß ja, wie ähnlich ich ihm sehe, wenn nicht gerade Sirius mit im Spiel ist und mich optisch verändert hat!“

Severus musste lachen. Sirius hatte schon seine eigene Art, wenn es um Veränderungen ging, damit jemand nicht mehr erkennbar war. Aber er hatte seine Sache gut gemacht gehabt vor einem Jahr. Harry verließ nun das Bad und Severus trat unter die Dusche. Der Vampir ging zu Draco ins Schlafzimmer, der immer noch unentschlossen vor dem Schrank stand. Inzwischen hatte er seine Auswahl immerhin auf zwei Kombinationen eingeschränkt. Harry deutete auf den linken Stapel, eine beigefarbene Stoffhose aus Leinen, ein hellblaues Hemd mit kurzen Ärmeln, das ohne Krawatte getragen wurde, und dazu passende helle Slipper.

„Das da, Dray. Das ist leicht und luftig, es bleibt heute heiß.“, bestimmte er.

Er drehte sich um und suchte für sich auch etwas Ähnliches zum Anziehen heraus. Am Ende trug er fast das Gleiche wie Draco, nur dass seine Hose eine Schattierung dunkler war und sein Hemd grün. Auch Severus war im Bad fertig und zog sich an. Er griff ebenso nach Hemd und Leinenhose, aber in schwarz. Doch immerhin war sein Hemd nur mit kurzen Ärmeln ausgestattet. Eine Folge der Hitze in Spanien.

Pünktlich warteten sie in der Lobby und Mitchell kam nur wenige Minuten nach ihnen unten an, genau zur ausgemachten Uhrzeit. Er brachte eine dunkelblonde, schlanke und etwa 1,65m große Frau mit und ein junges, etwa 14-jähriges Mädchen, die ganz offenbar die Tochter der beiden war. Sie hatte die Locken ihrer Mutter geerbt, aber die Farbe ihrer Haare war eindeutig vom Vater. Auch die Gesichtsform hatte ihr der Vater vererbt, obwohl die Augenfarbe mehr der Mutter ähnelte, die beide blaue Augen hatten, während Mitchells Augen eher braungrün waren.

„Hallo Severus. Darf ich vorstellen, das ist meine Frau, Amelie Walters und unsere Tochter Elizabeth. Unsere beiden Söhne sind schon ein wenig älter und mit ihren eigenen Freunden unterwegs, sie sind nicht mit nach Spanien gekommen. Amelie, Elizabeth, das hier ist Severus Snape, ein ehemaliger Schulkamerad aus Hogwarts. Bei den Jungs muss ich passen, ich kenne nur die falschen Namen. Aber der schwarzhaarige junge Mann ist der Sohn von James Potter.“, gab Mitchell zu.

„Es ist mir eine Ehre, sie kennen zu lernen, Misses Walters, Miss Walters. Das hier sind meine Gefährten Draco Snape und Harry Potter-Snape, der Sohn von James und Lily.“, stellte Severus vor.

„Ja, eindeutig Lilys Augen, tut mir leid, Harry, dass ich dich vorhin so angestarrt habe. Ich kannte James in der Schule.“, entschuldigte sich Mitchell.

„Schon gut. Aber ich bin nicht mein Vater.“, wischte Harry es weg.

„Bitte, sagen sie Amelie. Sie und Mitchell sind per ‚Du‘ und wenn es angenehm ist, dann würde ich das auch gerne anbieten.“, erwiderte Amelie Walters und unterbrach damit die entstehende Diskussion.

„Gerne Amelie.“, gab Severus zurück.

„Das gilt auch für euch beide, Draco und Harry.“, lächelte Amelie.

„Auch für Elizabeth, würde ich dann sagen.“, beendete Severus die ganze Aktion.

Gemeinsam verließen sie das Hotel und liefen am Strand entlang. Mitchell führte sie in Richtung der Stadt und sie plauderten ein wenig über das Wetter und die Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung. Erst als es um sie herum wieder ruhiger wurde und sie sich unterhalten konnten, ohne gehört zu werden, wandte sich Amelie an die Drei.

„Ihr seid eine Triade?“, fragte sie.

„Ja. Das sind wir.“, sagte Severus fest und mit abschließendem Ton.

Er wollte darüber nicht diskutieren und vor allem vermeiden, dass Harry wieder unsicher wurde, auch wenn er inzwischen viel mehr Selbstbewusstsein besaß als noch vor wenigen Monaten. Amelie schien zu spüren, dass sie kein gutes Thema angeschnitten hatte, aber eine funktionierende Triade war einfach so selten, dass sie die Neugier weckte. Dennoch wechselte sie das Thema. Sie wollte wissen, was es mit den falschen Namen, die Mitchell erwähnt hatte, auf sich hatte. Severus und Draco erzählten abwechselnd und relativ knapp die Ereignisse der letzten beiden Jahre, wobei sie auf Harrys Zustand nur sehr kurz und oberflächlich eingingen. Wieder bewiesen die Walters ein feines Gespür und ließen das Thema fallen, als sie merkten, dass es vor allem Harry unangenehm war. Sie hatten außerdem das Restaurant erreicht, das Mitchell ansteuerte. Mitchell hatte sich offenbar noch um einen Tisch gekümmert, denn er bat die Kellnerin, sie an den Tisch für Walters zu bringen. Der Tisch war auf der Terrasse und hatte einen herrlichen Meerblick. Sie hatten keine direkten Nachbarn, konnten sich also in Ruhe unterhalten, ohne Mithörer befürchten zu müssen.

Zunächst bestellten sie ihre Getränke, Harry und Draco freuten sich, dass es Cola gab und jeder von ihnen hatte in kurzer Zeit ein großes Glas vor sich stehen. Severus trank Orangensaft, den er sonst selten bekam, da er in der Zauberwelt einfach unüblich war und er selber zumeist in Zauberhaushalten lebte. Amelie bestellte eine lokalen Rotwein und Mitchell ein spanisches Bier, während Elizabeth ebenfalls Cola wollte. Auch das Essen war schnell entschieden. Draco und Severus bestellten Fisch, Amelie und Elizabeth Paella und Harry und Mitchell entschieden sich für Rindersteak, wobei Harry es ‚rare‘ wollte und Mitchell lieber ‚well done‘.

„Mitchell, darf ich fragen, was du machst?“, wollte Harry schließlich wissen, als sie wieder alleine waren.

„Ich bin Lehrer, wie auch Amelie. Wir unterrichten an einer amerikanischen Zauberschule, Amelie Muggelkunde und ich dunkle Magie und Verteidigung gegen die dunklen Künste.“, erzählte Mitchell.

„Ich bin eine muggelgeborene Hexe und daher sehr vertraut mit der Muggelwelt. Eigentlich bin ich aus Frankreich und in Beauxbatons zur Schule gegangen, aber da der Krieg in England damals schon auf das Festland überzugreifen drohte, bin ich in die Staaten gegangen. Und als ich meinen Mann kennen lernte und der gerade kurz davor war, an der Schule anzufangen, habe ich mich kurzerhand auch dort beworben, damit wir mehr Zeit miteinander verbringen können, und es hat geklappt!“, lachte Amelie.

„Unsere beiden Jungs sind nächstes Schuljahr in der Abschlussklasse, Zwillinge. Robert und Carl haben es faustdick hinter den Ohren, sind aber absolut ehrlich und treu. Gerade sind sie in einem Sommercamp zusammen mit ihren Freunden.“, erklärte Mitchell.

„Wo ist diese Schule?“, fragte Harry.

„Zwischen dem Lake Superior und dem Lake Michigan. Im Bundesstaat Michigan, im Hiawatha National Forest. Darin ist genug Muggelabwehr, dass sie nicht auf uns stoßen und die Kinder können die Magie studieren. Aber dort wird nicht nur Magie unterrichtet, sondern auch einige Muggelfächer, da wir die Trennung der Welten nicht so sehr verstärken wollen. Wir unterteilen nicht in Häuser wie in Hogwarts, sondern zum ersten in Altersklassen und dann in Anfänger-, Fortgeschrittenen- und Profi-Klassen. Das bedeutet, jeder wird entsprechend seines Wissenstandes in jedem Fach eingeteilt. Ich finde das eigentlich deutlich besser, denn die Trennung, wie sie in Hogwarts praktiziert wird, führt nur dazu, dass sich die einzelnen Mitglieder der Häuser immer weiter voneinander entfernen und das wollen wir vermeiden. Aufgrund des Standortes heißen wir die Hiawatha School of Magic. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr sie euch gerne mal ansehen, wir gehen zwar nicht hausieren mit unserem Standort, halten ihn aber nicht so absolut geheim wie Hogwarts oder vor allem Durmstrang.“, berichtete Mitchell.

Interessiert hatten die Gefährten zugehört. Sie sahen einander an und verständigten sich mit einem Blick. Sie würden sich die Schule ansehen und wenn es ihnen gefiel, versuchen, ob sie dort unterkommen könnten.

„Gibt es an dieser Schule zufällig eine freie Stelle für einen Tränkemeister?“, fragte Harry mit Blick auf Severus.

„Das ist durchaus möglich, unser alter Tränkelehrer für die Oberstufe will schon seit Jahren in Ruhestand gehen, doch bisher konnte ihn die Schulleitung immer wieder überreden, noch ein Jahr zu unterrichten, da sie keinen Tränkemeister fanden, der auch die pädagogischen Qualitäten hatte, die sich die Schulleiterin vorstellt und auch die Gehaltsvorstellung akzeptiert.“, antwortete Amelie.

„Ich dachte, du unterrichtest in Hogwarts?“, erkundigte sich Mitchell.

„Seit einem Jahr nicht mehr. Das letzte Jahr waren wir auf der Flucht und jetzt wollen wir, nach den ganzen Ereignissen, nicht mehr nach Hogwarts zurück, lieber neu anfangen. Und wir haben ein Haus in Washington State, in der Nähe von Maple Falls. Das werden wir demnächst beziehen und dann hatten wir vor, uns nach einer geeigneten Schule umzusehen. Was du sagtest, klingt zumindest vielversprechend. Ich denke, wir sollten sie uns ansehen.“, kommentierte Severus.

Harry und Draco stimmten ihm zu. Auch ihr Interesse war geweckt. Doch da jetzt das Essen kam, war die Aufmerksamkeit abgelenkt. Die Älteren unterhielten sich über ihre eigene Schulzeit und Elizabeth erzählte Harry und Draco von der Hiawatha School of Magic und von New York, wo sie während der Ferien mit ihren Eltern und Brüdern in einem Appartement in einem der Wolkenkratzer in Manhattan wohnte. Doch die meiste Zeit des Jahres lebte die Familie auf dem Schulgelände mit den anderen Schülern und Lehrern zusammen. Sie schien sich dort wohlzufühlen. Nach dem Essen bestellten sie noch ein Dessert. Harry liebte Süßes immer noch, auch wenn ihm das Blut seiner Gefährten noch lieber war. Doch hier in der Öffentlichkeit hielt er sich besser zurück. Als sie das Eis serviert bekommen hatten, erzählte Elizabeth noch ein wenig von den sportlichen Wettkämpfen, die ihre Schule durchführte. In Nordamerika gab es vier verschiedene Zauberschulen, die regelmäßig Wettbewerbe veranstalteten. Eine Sportart war Quidditch, was auch die gesamte Familie Walters begeisterte. Sie spielten in verschiedenen Altersklassen und hatten mehrere Mannschaften an der Schule. Die Zwillinge der Familie Walters waren Treiber, was Harry zum Lachen brachte.

„Das muss so eine Zwillingssache sein!“, kicherte er.

„Wir haben in Hogwarts auch ein Zwillingspärchen, Fred und George Weasley, die auch Treiber sind, und sie sind wirklich gut.“, gab Draco zu, was Harry noch mehr zum Lachen reizte.

Inzwischen lachten auch die Walters. Amelie hatte den Verdacht, dass es daran lag, dass sich Zwillinge oft blind verstanden und daher gut aufeinander reagieren konnten. Sie plauderten noch weiter über die verschiedenen Wettkämpfe, die unter anderem auch Tränkebrauen und Zauberschach beinhalteten. Severus war sofort begeistert vom Trankwettbewerb und ließ sich darüber genau aufklären. Draco interessierte sich mehr für Zauberschach und so wurde es plötzlich recht spät.

„Ich denke, wir sollten langsam aufbrachen.“, mahnte Amelie mit einem Blick auf die Uhr.

Entsetzt stellten sie fest, dass es inzwischen schon fast zwei Uhr morgens war. Sie hatten sich so angenehm unterhalten, dass keiner bemerkt hatte, wie schnell die Zeit vergangen war. Mitchell bestand darauf, die Rechnung zu bezahlen und Severus ließ es erst zu, als die Walters versprachen, dass er sie an einem anderen Tag einladen durfte. Dann gab auch Severus nach. Entspannt gingen sie am Strand entlang zurück zum Hotel und verabschiedeten sich voneinander. Es war klar, dass sie sich am anderen Morgen wieder treffen würden. Severus brachte seine beiden Jungs, wie er sie immer wieder nannte, zurück in die Suite und sie fielen fast augenblicklich ins Bett und schliefen bald ein.

 

 

In den nächsten Tagen verbrachten sie viel Zeit mit den Walters, sahen sich verschiedene Sehenswürdigkeiten an und gingen zusammen zum Essen. Abwechselnd zahlten Mitchell und Severus. Schließlich war der letzte Tag gekommen und Severus, Harry und Draco mussten wieder abreisen. Die drei Walters blieben nur noch zwei Tage länger und reisten dann zurück nach New York. Sie verabredeten sich für den 20. August in New York, dann wollten sie gemeinsam die Hiawatha School of Magic ansehen. Im Prince Manor, das in der Nähe von Worth Matravers im Süden Englands stand, wurden die Gefährten von den Hauselfen wieder in ihrem Zuhause begrüßt. Harrys erster Weg führte über den Kamin zu Minerva nach Schottland. Da feststand, dass sie nicht mehr nach Hogwarts kommen würden, hatte Minerva auf der Hochzeit Harry und Draco die persönliche Anrede angeboten. Beide hatten es gerne angenommen. Harry wollte endlich seine Katze wiederhaben, die während des Urlaubs bei der Schottin in Pflege gewesen war. Auch wenn er eine schöne Zeit in Spanien gehabt hatte, so hatte er Escalada doch vermisst.

„Hallo, Harry! Du siehst gut erholt aus und ganz schön braungebrannt! Wie war es in Spanien? Hattet ihr schöne Flitterwochen?“, begrüßte ihn Minerva.

„Hallo Minerva. Ja, es war wunderschön. Sev hat mir schwimmen beigebracht und wir waren viel am Strand und haben uns verschiedene Kirchen und alte Bauten angesehen, und waren in Madrid und in Barcelona. Es war einfach toll. Und wir haben einen Bekannten getroffen, Mitchell Walters und seine Familie. Wir besuchen sie in ein paar Tagen in New York!“, sprudelte es aus Harry heraus.

„Mitchell Walters? Der war in Hogwarts, ein Jahr über Severus und Sirius, in Ravenclaw, nicht wahr?“, spezifizierte Minerva. „Woher kennst du ihn?“

„Ja, genau. Er hat uns damals bei der Flucht geholfen, hat uns am Flughafen in New York abgeholt, und jetzt haben wir ihn im Hotel wiedergetroffen, er hat dort mit seiner Frau Amelie und seiner Tochter Elizabeth Urlaub gemacht. Seine Söhne Robert und Carl scheinen Fred und George ähnlich zu sein, sie haben es auch faustdick hinter den Ohren, wenn man Mitchell glauben darf. Sie waren nicht dabei, sondern mit ihren Freunden in einem Feriencamp. Sie beginnen im nächsten Schuljahr ihr Abschlussjahr. Sie sind auch Treiber im Quidditch!“, lachte Harry.

„Ich sehe schon, ihr hattet wirklich zwei erfahrungsreiche Wochen! Escalada ist wahrscheinlich gerade im Schlafzimmer, wie meistens um diese Zeit. Ich hole sie schnell, dann kannst du sie wieder mitnehmen!“, lächelte Minerva.

Sie freute sich, dass es dem jungen Gryffindor so gut ging. Noch nie hatte sie ihn so locker und gelöst gesehen, so fröhlich und entspannt. Im Nachhinein fielen ihr so viele Gelegenheiten auf, bei denen sie hätte spüren müssen, dass etwas nicht stimmte, aber in diesen Momenten hatte sie es auf seinen ruhigen, zurückhaltenden Charakter geschoben. Sie wusste nun, dass er nie wollte, dass jemand sah, wie es ihm ging, um nicht schwach zu wirken, weil er wusste, was die Zauberwelt von ihm erwartete. Er war gerade elf Jahre alt gewesen und hatte diese Verantwortung schultern müssen. Kein Wunder, dass er irgendwann einfach nicht mehr konnte. Jetzt war er frei und sie gönnte es ihm von ganzem Herzen.

Escalada war wirklich im Schlafzimmer und lag auf dem breiten Fensterbrett, ließ sich von der Sonne wärmen. Minerva schnappte sich das schwarzweiße Fellbündel und brachte sie zu Harry, der sie freudig in die Arme schloss.

„Escalada! ¿Cómo estás?“, fragte Harry.

Überrascht sah Minerva ihn an. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Harry Spanisch konnte. Fragend hob sie eine Augenbraue.

„Hat Draco mir und Sev letztes Jahr beigebracht, als wir uns versteckt haben. Und Sev hat Dray und mir Französisch beigebracht. Wir haben manche Tage nur Spanisch und andere nur Französisch gesprochen und ich kann beides inzwischen ganz gut, in Spanien sind wir jedenfalls bestens zurechtgekommen.“, erklärte Harry auf ihren fragenden Blick.

„Ihr drei steckt voller Überraschungen!“, kommentierte Minerva.

„Danke dafür, dass du dich um Escalada gekümmert hast. Ich werde jetzt wieder zurückgehen, Sirius wollte zum Abendessen kommen und erzählen, wie weit der Grimmauldplatz ist. Vielleicht ist er ja schon fertig und wir können ihn besuchen!“, verabschiedete sich Harry.

„Gerne, Harry, immer wieder. Escalada ist eine angenehme Gesellschaft. Nur wie sie zu ihrem Namen gekommen ist und was das bedeutet, das wüsste ich schon gerne.“, antwortete Minerva.

„Escalada bedeutet Klettern in Spanisch. Sie ist immer an Dracos Bein hochgeklettert und daher kommt der Name.“, erklärte Harry noch schnell, bevor er sich verabschiedete.

Auch Minerva verabschiedete sich von dem jungen Vampir und der verschwand im Kamin. Traurig blickte Minerva ihm hinterher. Sie würde seine Katze vermissen und auch ihn selber, wenn demnächst das neue Schuljahr in Hogwarts anfing. Aber Harry hatte einen Neuanfang verdient. Niemand hatte das mehr als der kleine Gryffindor, der von Anfang an nur kämpfen hatte müssen. Jetzt konnte er hoffentlich in Frieden leben, das, was er sich immer am meisten gewünscht hatte.

Harry hingegen freute sich, als er wieder zuhause war. Im Prince-Manor fühlte er sich endlich richtig daheim. Severus hatte jedem ein Zimmer eingerichtet, in das sie sich zurückziehen konnten, zum Arbeiten oder zum Lesen. Dennoch hatten sie ein gemeinsames, großes Schlafzimmer. Das Manor war ihnen allen eigentlich viel zu riesig, aber es störte sie nicht, da sie dann Platz für Gäste hatten. Den Großteil des Hauses bewohnten sie nicht, er wurde aber dennoch von den Hauselfen in Ordnung gehalten. Als er aus dem Kamin stolperte, landete Harry auf dem Teppich davor. Sofort sprang Escalada aus seinem Arm und verschwand erst einmal. Wahrscheinlich musste sie erkunden, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hatte und ob ihre Heiligtümer, Katzenklo, Kratzbaum und Futternapf, noch alle da waren. Im gleichen Moment ploppte es und Harry rappelte sich schnell wieder auf.

„Master Harry Potter Sir! Sie sind wieder da!“, piepste Dobby.

„Ja, Dobby! Aber entweder nennst du mich einfach nur Harry oder aber Potter-Snape. Wo sind Severus und Draco?“, bestimmte Harry.

„Wie Master Harry Potter-Snape Sir wünschen. Die Masters Snape sind zusammen mit Master Black im Salon.“, beantwortete Dobby die Frage.

Harry machte sich auf den Weg dahin und Dobby verschwand wieder. Als er die Tür zum Salon öffnete, rauschte es auf einmal und er sah nur noch weiß. Instinktiv streckte er seinen Arm nach vorne, der plötzlich mit Kraft nach unten gedrückt wurde. Er steckte fest, wie in einem Schraubstock. Kurz wollte Panik in Harry aufflackern. Einen Moment später realisierte er, was da passierte.

„Hedwig! Meine gute, liebe Hedwig! Ich hab dich vermisst!“, weinte Harry vor Freude.

Er hatte sie damals in Hogwarts zurückgelassen und ihr gesagt, sie solle auf sich aufpassen, als sie dann geflohen waren. Seitdem hatte er sie nicht wiedergesehen. Jetzt erst bemerkte Harry, wie sehr er seine Schneeeule vermisst hatte. Hedwig klackerte kurz mit dem Schnabel und knabberte dann vorsichtig an seinem Ohr, während Harry sich bemühte, seine Fassung wiederzuerlangen.

„Sie ist bei mir aufgetaucht, als ich wieder in den Grimmauldplatz eingezogen bin.“, erklärte Sirius. „Ich dachte mir, du freust dich, Kleiner.“

„Danke, Sirius.“, erwiderte Severus leise, da sein Gefährte offenbar noch nicht in der Lage war, selbst zu antworten.

Harry brauchte ziemlich lange, um sich wieder zu beruhigen. Erst dann war er in der Lage, Sirius zu begrüßen. Es tat ihm leid, dass er das nicht gleich gemacht hatte, aber der Animagus verstand durchaus, wie Harry sich fühlte und verzieh ihm. Severus wies dann erst die Hauselfen an, das Essen zu servieren.

„Dein Haus ist also fertig?“, hakte er dann beim Essen nach.

„Ja, es ist nicht mehr so groß wie früher, aber was will ich alleine mit so einem riesigen Haus? Ich habe immer noch mehr als genug Schlafzimmer, dass ich ungefähr zehn Gäste unterbringen kann, drei große Badezimmer, die Bibliothek und den Salon, dazu Küche und Keller, dort wieder ein Labor. Eigentlich immer noch viel zu groß, aber ich hoffe schon, dass ich es nicht immer alleine bewohnen muss. Jetzt wo Remus Tonks gefunden hat und wohl eine Familie mit ihr gründen will, da spiele ich auch mit dem Gedanken, mich ernsthaft umzusehen.“, gestand Sirius.

„Hast du jemanden in Aussicht?“, fragte Harry direkt.

„Harry! So direkt fragt man nicht!“, tadelte Severus leise.

„Schon gut. Ich bin es bei Harry gewohnt und ich nehme ihm das nicht übel, würde mich eher wundern, wenn es sich ändert. Aber nein, noch gibt es da niemanden, aber man weiß ja nie. Bei dir war es auch mehr als überraschend!“, konterte Sirius.

Harry lachte und verschluckte sich beinahe. Draco klopfte ihm auf den Rücken, während er versuchte, ein amüsiertes Grinsen zu verstecken. Sirius lachte mit ihm. Severus war froh, dass Harry und sein Pate sich inzwischen so nahe waren, er war die letzte Verbindung zu seinen Eltern, die wollte er seinem Gefährten nicht nehmen. Dennoch wusste er, dass der Animagus noch eine Menge vor sich hatte, denn die Erlebnisse verdrängte er, aber er musste sie irgendwann verarbeiten. Remus hatte auf der Hochzeit schon deutlich besser ausgesehen, er hatte offenbar schon angefangen, alles zu verarbeiten. Nach dem Abendessen verabschiedete sich Sirius bald, denn er merkte, dass Harry langsam müde wurde. Sie hatten eine aufregende Zeit hinter sich, und jetzt konnte Harry endlich ein wenig zur Ruhe kommen. Auch wenn es immer noch mehr als genug Todesser gab, die unerkannt unter den Zauberern lebten und auf die er, als Auror, Jagd machte. Er hatte mit Freuden das Angebot des Ministeriums angenommen, in seinem alten Beruf wieder zu arbeiten und war nun direkt unter Kingsley, der wieder Chefauror war. Das Ministeramt hatte der nur vorübergehend inne gehabt, hatte es nie auf Dauer behalten wollen, er war kein Politiker, er war ein Macher. Der Zaubergamot hatte einen Neffen von Minerva, einen gewissen David McGonagall, zum neuen Minister gewählt, und der sorgte nun für frischen Wind. Sirius war durchaus mit seiner Politik einverstanden, er ging hart gegen gefangene Todesser und andere Verbrecher vor, versuchte aber, die Zauberwelt zu einen und den Hass auf Muggel und muggelgeborene Zauberer und Hexen zu vermindern und die Kluft zwischen den beiden Welten zu reduzieren. Außerdem bildete er Allianzen mit anderen europäischen magischen Regierungen, sodass im Fall eines erneuten Krieges schneller Hilfe geleistet werden könnte. Dennoch hatten sie noch längst nicht alle Todesser erwischt und schon aus diesem Grund war er froh, wenn Harry nicht in Großbritannien war. Kingsley hatte dafür gesorgt, dass Prince-Manor den höchsten Sicherheitsstandard hatte, solange die Gefährten dort lebten. Doch auch das würde auf Dauer nicht reichen, denn Harry, Draco und Severus wollten ihre Freiheit, nicht immer eingesperrt sein. Severus akzeptierte es noch am leichtesten, da er Draco und Harry sicher wissen wollte, aber die beiden Jüngeren wehrten sich dagegen. Sie wollten ungebunden sein. Daher war Sirius auch froh, dass Severus in den folgenden Tagen immer wieder Freunde nach Prince-Manor einlud und damit seine Jungs beschäftigt hielt. Neville und Luna kamen gemeinsam, ebenso wie Ginny und Ron, die überraschenderweise Blaise Zabini mitbrachten. Es stellte sich heraus, dass es zwischen Ginny und Blaise gefunkt hatte, als er sie auf der Hochzeit zum Tanzen aufgefordert hatte. Am Ende kamen dann noch Remus und Tonks.

„Remus!“, freute sich Harry.

Er hatte dem Werwolf schon lange verziehen, was damals passiert war. Der Gryffindor wusste, Remus hatte es nicht böse gemeint und würde ihn nie absichtlich verletzen. Auch Severus und Remus kamen inzwischen gut miteinander aus, auch wenn der Tränkemeister den Werwolf immer genau im Auge behielt, wenn er auf Harry traf. Hinter Remus kam Tonks aus dem Kamin und Harry sah sie einen Moment abschätzend an, dann grinste er.

„Hallo Tonks. Oder darf ich schon Mrs. Lupin sagen?“, fragte er.

Tonks lachte. Dann wandte sie sich an Remus.

„Ich hab dir gesagt, dass du ihm nichts verheimlichen kannst! Du solltest besser gleich alles erzählen, Liebling!“, grinste Tonks.

„Du hast ja Recht, Dora. Also, ihr Lieben, wir haben uns verlobt, wie Harry eben schon gesehen hat. Eigentlich hatten wir uns noch Zeit lassen wollen, aber nun, Dora ist schwanger, daher haben wir die Ereignisse ein wenig… beschleunigt. Wir werden noch im August heiraten und wollen euch drei gerne einladen. Wenn du möchtest, dann würde ich dich auch gerne als Trauzeugen haben, Harry.“, verkündete Remus.

„Wow! Das ist ja toll! Gratuliere, Remus. Gratuliere, Tonks. Das ist wundervoll! Ich freue mich für euch! Wann ist es denn soweit?“, sprudelte es aus Harry heraus.

Auch Severus und Draco gratulierten den beiden, als Harry sie zu Wort kommen ließ. Severus fragte nach, wann und wo genau die Feier stattfinden sollte, denn vorher konnte Harry auch nicht sagen, ob er der Trauzeuge sein konnte. Sie waren mit Mitchell in New York verabredet und wollten sich dann die Hiawatha School of Magic ansehen, das war fest geplant und würde vom 20. bis zum 24. August stattfinden. Doch die Hochzeit war auf den 29. August festgelegt worden, da versprach Severus, dass sie kommen würden. Harry sagte zu, dass er für Remus den Trauzeugen machen wollte.

 

Zwei Tage später reisten sie durch den Kamin nach Manhattan zu der Familie Walters. Sie wurden freundlich von Amelie begrüßt und in das Wohnzimmer geführt, wo sie auch Robert und Carl kennen lernten. Sie erinnerten Harry irgendwie an Fred und George, sahen genauso verschmitzt aus und wirkten, als ob sie jede Gelegenheit zu Streichen nutzen würden. Elizabeth war ebenfalls da, aber sie war bereits auf dem Sprung, wollte eine Freundin besuchen. Auch die Zwillinge kamen nicht mit in die Schule, sie waren der Meinung, dass sie nach den Ferien noch genug davon sehen würden, und die Zeit bis Ende September nutzten sie voll aus. Mitchell und Amelie zeigten ihnen das Appartement und luden sie auf eine Tasse Kaffee ein. Die Gefährten waren am Nachmittag in England abgereist, aber in New York war es erst kurz nach neun Uhr morgens. Severus und Draco nahmen den Kaffee gerne an, Harry dagegen, der dieses Getränk nicht mochte, bekam Tee. Während sie tranken, informierten Mitchell und Amelie sie weiter über die Schule.

„Wir haben ein Punktesystem. Herausragende Leistungen werden mit 15 Punkten für den jeweiligen Schüler belohnt, dann entsprechend der Leistungen immer weniger, mit sechs Punkten hat man gerade noch so bestanden, alles darunter ist durchgefallen. Jede Leistung, ob schriftlich oder praktisch, wird dementsprechend benotet, und dann gibt es eine generelle Benotung für die mündliche Leistung in einem Trimester. Unser Schuljahr wird in drei Teile, Trimester genannt, geteilt, jedes dieser Trimester endet mit Prüfungen, die am Ende des dritten Trimesters bestimmen darüber, ob ein Schüler weiterkommt oder nicht.“, erklärte Amelie.

„In jeder Jahrgangsstufe sind zwischen achtzig und hundert Schüler, die Unterstufe besteht aus den Klassen eins bis vier, die Oberstufe aus den Klassen fünf bis acht. Ja, wir haben acht Jahre in Hiawatha. Das macht im Ganzen meist so um die tausend Kinder, die in der Schule sind. Auch ein Teil der Lehrer hat eigene Kinder, die dort wohnen, selbst wenn sie noch nicht in die Schule gehen. In der Nähe gibt es ein Dorf, wo die jüngeren Kinder zur Grundschule gehen, wo sie lesen, schreiben und rechnen lernen, aber auch auf die magische Welt vorbereitet werden.“, fügte Mitchell hinzu.

Severus war positiv beeindruckt von der Organisation dieser Schule. Auch das Schulgeld, das erhoben wurde, kam ihm angemessen vor. Harry bestand darauf, sein eigenes Schulgeld zu bezahlen und das für seinen Patensohn und Mann wäre ebenso wenig ein Problem, nun da seine Verliese wieder frei zugänglich waren. Wenn er eingestellt würde als Tränkemeister, würde er auch nicht schlecht verdienen, und wenn er in die Forschung ginge, nun, es dauerte zwar, um neue Tränke zu entwickeln, aber die Patente waren gut bezahlt.

 

Gegen Mittag machten sie sich auf und reisten mit einem Portschlüssel weiter zur Hiawatha School of Magic. Es war ein beeindruckendes Gebäude, das inmitten einer Waldlichtung stand. An einer Seite reichte es bis fast in den Wald hinein, die anderen beiden Seiten, die sie sehen konnten, waren scheinbar offen. Weiter hinten konnten sie eine Tribüne sehen, was für Harry nach einem Quidditch-Feld aussah. Auch weitere Sportarten schien es zu geben, sie sahen Basketballkörbe und ein großes Feld, das sie keiner Sportart zuordnen konnten. Das Gebäude an sich schien groß genug, um der angegebenen Schülerzahl und den entsprechenden Lehrern Platz zum Leben und Lernen zu bieten. Sie gingen auf ein großes Portal zu. Das schien überall gleich zu sein, vermutete Severus, er kannte bisher nur Hogwarts und Durmstrang, aber überall war es so gewesen. Über eine breite Treppe gingen sie im Inneren des Gebäudes immer weiter nach oben.

„Schulleiter sind doch immer oben, oder?“, kommentierte Harry.

Mitchell lachte. „Sie müssen ja irgendwie den Überblick behalten und den Kopf frei haben!“, erwiderte er.

Oben angekommen klopfte der Braunhaarige an eine Tür und trat nach der entsprechenden Aufforderung ein. Eine ältere Dame in einem dunkelblauen Kostüm mit hochgesteckten schwarzen Haaren erwartete sie und lächelte ein freundliches Willkommen. Sie schüttelte allen dreien die Hände.

„Ich bin Crystal Newton, die Direktorin. Mitchell und Amelie haben mir ein wenig von ihnen erzählt. Es ist ein ungewöhnliches Leben, für das sie sich entschieden haben, aber das ist hier bei uns egal, solange es hinter verschlossenen Türen bleibt. Wir wünschen hier im Allgemeinen keine Liebesbezeugungen in der Öffentlichkeit, sind aber allen Formen der Partnerschaften gegenüber tolerant. Nun, dann wollen wir uns einmal ein wenig umsehen.“, begrüßte die Schulleiterin sie.

Nachdem Severus auch sich selber und seine beiden Gefährten vorgestellt hatte, machten sie einen Rundgang durch die Schule, bei dem sie weiterhin erfuhren, wie der Unterricht aufgebaut war und welche Regeln an der Schule galten. Vieles glich Hogwarts, daher fühlten sie sich nicht völlig in eine andere Welt versetzt. Nach fast vier Stunden waren sie am Ende des Rundganges angekommen und wurden von Direktorin Newton eingeladen, sich mit ihr in die Halle zum Essen zu setzen.

„Hier in der Halle nehmen alle, Schüler und Lehrer, die Mahlzeiten ein. Morgens gibt es Frühstück ab sechs Uhr, um acht Uhr beginnt der Unterricht. Die Unterstufe hat dann fünf Stunden Unterricht bis um Viertel nach zwölf, da beginnt für sie das Mittagessen. Die Oberstufe hat bis ein Uhr Unterricht, also sechs Stunden, dann auch Mittagspause. Nach dem Essen stehen dann ab der fünften Klasse noch weitere drei Stunden Unterricht auf dem Plan, nur Freitags sind noch zwei Stunden Sport und dann Schluss. Astronomie praktisch wird jede dritte Woche am Abend unterrichtet, in der Theorie ist es normal in den Stundenplan integriert. Abendessen gibt es zwischen fünf und sieben Uhr.  Sperrstunde für die Unterstufe ist acht Uhr, dann müssen sie in ihren jeweiligen Zimmern sein, Freitag und Samstag ist es neun Uhr. Die Schüler der Oberstufe müssen unter der Woche um neun Uhr in ihren Zimmern sein, am Freitag und Samstag um zehn Uhr. Ab dem Alter von siebzehn Jahren gibt es keine Sperrstunde mehr, sie dürfen die Räume in der Schule jederzeit nutzen, nur verlassen dürfen sie die Schule nicht länger als bis zehn Uhr abends, nach Absprache am Wochenende auch länger. Ebenso können Schüler nach Absprache die Wochenenden bei ihren Familien verbringen. Auch viele Lehrer nutzen diese Möglichkeit, solange sie keine Aufsicht haben. Die Aufsicht wird unter allen Lehrern gerecht aufgeteilt.“, erläuterte Mrs. Newton.

Eine Weile aßen sie schweigend, Severus wechselte mehrere Blicke mit Harry und Draco, da er wissen wollte, wie die beiden darüber dachten. Beide nickten ihm zu. Daher wandte sich Severus schließlich an die Direktorin. „Wenn ich eine Frage stellen darf, Mrs. Newton. Wie entscheiden sie, in welche Gruppe ein Schüler eingeteilt wird?“

„Nun, Mr. Snape, da gibt es zwei Möglichkeiten. Bei neuen Schülern gibt es Ende September einige Test-Tage, an denen diese Schüler bei den verschiedenen Professoren zeigen, welche Leistungen sie in den einzelnen Fächern schaffen und danach werden sie eingeteilt. Im Laufe des Schuljahres entscheiden die einzelnen Professoren, in welche Gruppe die Schüler dann im folgenden Jahr eingeteilt werden, das bedeutet, die Klassen werden immer wieder neu untereinander gemischt und die Schüler eines Jahrganges kennen sich meist ziemlich gut.“, antwortete Mrs. Newton.

„Planen sie, dass sie ihre beiden Gefährten hier in der Schule anmelden?“, hakte sie dann nach.

„Ja, ich denke schon. Draco und Harry sind beide volljährig und sollen auch darüber entscheiden dürfen, aber sie haben ihr Einverständnis schon gegeben, daher denke ich, wir können es fest machen.“, bestätigte Severus.

„Und wir beide werden uns dann noch einmal zusammen mit meinen anderen Professoren für den Zaubertrankunterricht und meinem Stellvertreter zusammensetzen, um zu sehen, ob sie in unser Kollegium passen und ob wir uns einig werden können, was den Rest betrifft.“, vervollständigte Mrs. Newton dann noch.

„Das wäre akzeptabel.“, erwiderte Severus.

Die Aussicht, nicht alleiniger Tränkelehrer zu sein, schien ihn zu irritieren. Bisher hatte er immer alle Klassen in Hogwarts unterrichtet und es war oft stressig gewesen, da hatte er sich ab und zu Unterstützung gewünscht, aber er war selbständig gewesen, musste sich mit niemandem absprechen. Diese Freiheit war ihm immer willkommen gewesen. Doch wenn Harry es schaffte, sich mit der Masse an Schülern auseinander zu setzen und Draco damit zurechtkam, dass er mit dem Nötigsten leben musste, dann konnte auch er diese Umstände akzeptieren und vielleicht sogar begrüßen. Er verabredete sich für den nächsten Tag mit Mrs. Newton und bekam dafür Zugang zum Flohnetzwerk von Hiawatha, damit sie nicht den Umweg über New York nehmen mussten. Sie verabschiedeten sich und verließen das Gelände, damit sie apparieren konnten. Severus schnappte sich seine beiden Jungs und brachte sie in ihr Haus nach Maple Falls, Washington. Es erschien ihm sinnvoller, als zurück nach England zu reisen, wo es inzwischen schon frühmorgens war. Sie alle hatten sich dort sehr wohl gefühlt, bis zu Dracos Geburtstag vor einigen Monaten. Außerdem, aber das würde er nie zugeben, war er neugierig auf die Veränderungen, die er bei einer magischen Baufirma in Auftrag gegeben hatte. Doch fürs Erste waren sie zu müde, um sich groß darum zu sorgen. Sie hatten Dobby gebeten, sich ein wenig um das Haus zu kümmern und fanden daher einen vollen Kühlschrank und ein sauberes Bett vor. Die Spuren des Kampfes im April waren restlos beseitigt, dennoch schauderten sie alle drei ein wenig, als sie ins Wohnzimmer gingen. Sie waren inzwischen knapp zwanzig Stunden auf den Beinen, und gerade Harry sah man das auch an. Draco war von klein auf dazu erzogen worden, nicht zu zeigen, was in ihm vorging, aber wenn man ihn genau kannte, sah man auch seine Müdigkeit. Also schob Severus seine Jungs ins Bad, damit sie sich bettfertig machen konnten und stellte im Schlafzimmer schon einmal den Wecker, dass sie nicht verschlafen würden. Er selber war auch ziemlich erledigt, die letzten Tage waren ihm zu hektisch und laut gewesen, und immer von der Angst begleitet, dass Todesser auftauchen könnten. Hier fühlte er sich für den Moment sicher genug, um entspannt zu schlafen, etwas, das er sich in den letzten Tagen nicht erlaubt hatte. Als Draco aus dem Bad kam und ins Bett ging, schlüpfte Severus zu Harry ins Bad. Für alle drei gleichzeitig zum Zähneputzen war es fast ein wenig eng.

Eine knappe halbe Stunde später saßen sie entspannt in ihrem großen Bett und genossen die Nähe zueinander. Sie tauschten sich noch ein wenig über ihre Eindrücke des heutigen Tages aus und waren zuversichtlich, dass sie sich an dieser Schule wohlfühlen konnten. Erst als Harry einschlief legten sie sich ins Bett. Severus schmunzelte ein wenig, als Draco mit seinem Zauberstab das Licht löschte. Draco war einfach zu sehr ein Zauberer, als dass er auf ewig ohne Magie auskam. Trotzdem nahm er sich vor, dass sie hier im Haus doch mehr auf Muggeltechnologie setzen würden. Nicht so intensiv und ausschließlich wie letztes Jahr, aber doch mehr als in England, es schien hier einfach richtig zu sein. Mit diesem Gedanken schlief er schließlich auch ein.

 

Am nächsten Morgen erwachten sie fast zeitgleich kurz vor dem Wecker. Sie nahmen sich Zeit im Bad und dann frühstückten sie in Ruhe, bevor Severus den Kamin im Eingangsbereich magisch anfeuerte. Er hatte eine große Schale mit Flohpulver mitgebracht und stellte sie dort auf, und so reisten sie pünktlich um zehn Minuten vor neun Uhr zur Hiawatha School of Magic. Um elf Uhr Ortszeit, zwischen Hiawatha und Maple Falls waren immerhin zwei Stunden Zeitunterschied, hatte sich Severus mit Mrs. Newton verabredet, und er war immer mindestens zehn Minuten eher dran. Das erwartete er auch von seinen Gefährten, weswegen er mit Harry schon die eine oder andere Diskussion gehabt hatte. Wieder wurden sie von der Direktorin begrüßt. Heute war sie in Begleitung von einem jungen Mann, der höchstens Severus´ Alter hatte. Sie stellte ihn vor als Professor David Gainey, der Pflege magischer Geschöpfe unterrichtete. Er würde Draco und Harry mitnehmen, und ihnen die verschiedenen Zimmer für die Schüler zeigen und das Außengelände. Außerdem konnte er den beiden ihre Fragen beantworten. Dann ging Severus mit der Direktorin in Richtung Lehrerzimmer davon, das in der Nähe des Direktorenbüros war.

„Na dann wollen wir mal. Also, ihr beiden seid…?“, begann Professor Gainey, während er mit ihnen nach unten ging.

„Ich bin Draco Snape und das ist Harry Potter-Snape.“, stellte Draco sie vor.

„Unterrichten sie nur Pflege magischer Geschöpfe? Mitchell, ich meine Professor Walters, erzählte uns, dass er sowohl die dunklen Künste als auch die Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet.“, begann Harry.

„Ja, er unterrichtet beide Fächer, aber nur er. Und das deshalb, weil die beiden Fächer einfach zusammen gehören. Dafür unterrichtet er nur die sechste und siebte Klasse in diesen beiden Fächern, alle Klassen darunter lernen keine dunkle Magie und in der achten Klasse kommen beide Fächer weg und dafür wird dann Duellierunterricht gegeben.“, erklärte Professor Gainey.

„Cool!“, freute sich Draco. „Das wird dann was für uns beide, nicht wahr Harry?“

Harry kicherte und Professor Gainey sah ihn fragend an.

„Naja, wir beiden konnten uns früher nicht ausstehen, besser gesagt, wir haben uns gehasst und sind regelmäßig aufeinander losgegangen. Es gab häufiger Unfälle, bei denen einer von uns oder schlimmer noch, Klassenkameraden im Krankenflügel gelandet sind. Einmal hatten wir einen Duellierclub und da ist Severus damals auf die Idee gekommen, uns beide gegeneinander antreten zu lassen. Das war in der zweiten Klasse. Nun, ich denke, ich brauche nicht viel mehr zu sagen, es ging gründlich schief und der Duellierclub war danach auch mehr oder weniger gestorben.“, erklärte Harry immer noch lachend.

Selbst Draco konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, auch wenn er das normalerweise höchstens im privaten Umfeld machte. Aber die Erinnerung und die Art, wie Harry es mit Händen, Armen und Füßen erzählte, waren einfach zu komisch. Professor Gainey lachte mit ihnen.

„Und der Tränkemeister hat euch schließlich gezähmt?“, wollte er anschließend wissen.

Schlagartig wurden beide ernst.

„Nein, nicht ganz. Severus und ich haben Einiges über Harry von ihm erfahren und das hat alles verändert.“, sagte Draco knapp und mit abschließendem Ton.

David Gainey schien zu verstehen, dass er dieses Thema nicht weiter vertiefen sollte. Scheinbar war es den Menschen hier eigen, sie hatten eine gewisse Sensibilität, die sie stoppen ließ, bevor sie mit ihrer Fragerei zu weit gingen. Der Professor brachte sie nach draußen und zeigte ihnen erst einmal das Quidditch-Stadion.

„Ich habe gehört, ihr spielt beide Quidditch? Das ist unser Stadion, wir haben vor allem verschiedene Wettkämpfe mit anderen amerikanischen Schulen, die abwechselnd an den einzelnen Schulen ausgetragen werden. Aber das ist nicht der einzige Sport, den wir hier anbieten. Basketball wird hier regelmäßig gespielt, die meisten entspannen damit nach dem Unterricht gerne mal und werfen ein paar Körbe. Außerdem haben wir dort noch ein Baseball- oder Softball-Feld. Das ist ebenfalls amerikanischer Nationalsport, ihr werdet es sicher schnell lernen, da kommt man nach und nach mit in Berührung.

Unser Sport ist so aufgebaut, dass man mal alle Sportarten durchprobiert und jeder kann sich noch zusätzlich bei den verschiedenen Mannschaften bewerben und bei den Auswahlspielen antreten. Ein Schwimmbecken gibt es drinnen, für draußen ist es hier die meiste Zeit zu kalt. Außerdem noch Tennisplätze und ein Mini-Golf-Platz, da können wir auch noch hingehen. Kommt.“, begann David Gainey mit der Führung über den Sportbereich. Er zeigte Harry und Draco die angesprochenen Felder und Plätze und beantwortete geduldig die Fragen der beiden zu den verschiedenen Sportarten. Die meisten Kinder, die in Amerika aufwuchsen, kannten diese von klein auf und gerade Harry ließ sich durch solche Sachen schnell verunsichern. Doch mit Draco an seiner Seite und dem geduldigen Professor legte er seine Scheu bald ab und sie spielten tatsächlich zu dritt eine Runde Minigolf. Auch wenn es nicht wirklich ihr Sport war, hatten Harry und Draco viel Spaß.

Als Severus mit der Direktorin etwa drei Stunden später nach unten kam und die Beiden suchte, hörte er Harry lachen und fand sie auf dem Mini-Golf-Platz, wo sie gerade bei der letzten Bahn ihr Glück versuchten. Gerade als Severus auf sie zuging, schlug Harry mit viel Schwung ab und der kleine Ball sauste auf Severus zu, der ihn geistesgegenwärtig im letzten Moment auffing, bevor er ihn mitten ins Gesicht bekam.

„Wow, du wärst ein klasse Sucher!“, kommentierte es Draco trocken, während Harry blass wurde und sich immer wieder entschuldigte.

„Danke, Drache.“, antwortete Severus sarkastisch und wandte sich dann Harry zu. „Hey Kleiner, schon gut. Es ist nichts passiert und den Fehler, von der Seite an den Platz heranzugehen, mache ich sicher nicht mehr!“

Auch wenn er wusste, dass es nicht gerne gesehen war, nahm er Harry nun in den Arm. Sein Kleiner brauchte diese Zuwendung jetzt. Er hatte die Direktorin bis zu einem gewissen Punkt über Harrys Vergangenheit aufgeklärt und hoffte nun auf ihr Verständnis. Ansonsten wäre diese Schule nicht das Richtige. Doch die Direktorin ignorierte es. Als das Zittern nicht nachließ, hielt Severus Harry seinen Arm hin. Es war eine stumme Aufforderung und Harry ließ sich nicht zweimal bitten. Er griff nach dem Arm, leckte nur kurz über die Haut und biss dann in das Handgelenk, um das Blut seines Gefährten zu trinken und damit seine Panik zu reduzieren. Viel trank er nicht, aber es genügte ihm, um wieder ruhig zu werden.

„Danke.“, wisperte er.

„Gerne. Und jetzt hör auf, dir die Schuld zu geben. Ich bin hart im Nehmen, das solltest du langsam wissen, und meine Reflexe sind ziemlich gut, ansonsten hätte ich nicht so lange überlebt. Vergessen wir das Ganze einfach.“, schlug Severus vor.

Nicht ganz überzeugt nickte Harry. Severus ließ seinen Arm um Harry und hielt ihn fest. Der Kleine brauchte diese Nähe einfach immer wieder, auch wenn er schon deutlich sicherer war.

„Und jetzt schlage ich vor, dass wir nach Hause gehen und ein wenig feiern, dann den Rest der Ferien genießen, denn am ersten Oktober startet unser neues Schuljahr. Ab dem zwanzigsten September geht eure Probezeit los, bis dahin können wir die Ferien noch genießen und uns in Maple Falls und in Worth Matravers fertig einrichten. Außerdem steht noch die Hochzeit von Remus aus. Daher halte ich es für angebracht, wenn wir uns nun verabschieden und nach Hause gehen.“, bestimmte Severus.

Draco und Harry widersprachen nicht, sie kannten Severus genau. Wenn er diesen Ton anschlug, dann meinte er es sehr ernst. Und gerade Harry hatte selten Lust auf Streit, vor allem nicht, wenn er in dieser Stimmung wie kurz zuvor war, daher fügte sich auch Draco. Sie verabschiedeten sich bei Professor Gainey und bedankten sich für die Erklärungen. Dann gaben sie die Minigolfschläger zurück und verließen mit Severus das Schulgelände, damit sie apparieren konnten. Draco, der die Prüfung schon abgelegt hatte, apparierte alleine, Severus nahm Harry mit. Sie richteten sich ein Abendessen her und nahmen dann gemeinsam am Tisch Platz, um zu Essen. Harry vermisste seine Katze, er hatte sie bei Sirius gelassen, der versprochen hatte, sich gut um das Fellbündel zu kümmern. Erst wenn sie entschieden hatten, wo sie in Zukunft lebten, würden sie Escalada mitnehmen, der ständige Wechsel zwischen Maple Falls und Worth Matravers war nicht gut für sie. Das hatte auch Harry eingesehen. Bis zur Hochzeit blieb sie also noch bei Sirius, danach könnte sie mit nach Maple Falls kommen. So hatten sie es beim Kochen entschieden.

Am Abend setzten sie sich zum ersten Mal seit Monaten wieder vor den Fernseher und sahen sich einen Film an. Draco war begeistert, dass er endlich wieder diese Möglichkeit hatte und blickte gebannt auf den Bildschirm. Severus und Harry blickten sich an und kuschelten sich aneinander. Sie konnten Dracos Begeisterung nicht vollständig nachvollziehen, doch auch sie fanden es immer mal wieder interessant. Doch dieser Film schien kein Ende zu nehmen, gegen kurz vor Mitternacht war er noch immer nicht aus und hatte in der Zwischenzeit auch Harry und Severus in Bann gezogen. Sie waren fasziniert von der Aussagekraft, die dieser Film beinhaltete.

„Und ich dachte, das wäre ein Film über Werwölfe oder ein Naturfilm. ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ klingt im ersten Moment für mich nicht nach Indianern.“, kommentierte Harry am Ende, als er gähnend vom Sofa aufstand.

Während des Filmes war Draco immer wieder aufgefahren, wenn sie gesprochen hatten, er hatte kein Wort verpassen wollen. Doch auch er war jetzt müde, die Zeitumstellung brauchte eine Weile, um sich daran zu gewöhnen. Zu oft sollten sie wohl nicht zwischen den beiden Häusern wechseln. Bald lagen sie alle drei schlafend im Bett und freuten sich auf die Zukunft.

 

Zwei Tage später reisten sie durch ihren Kamin wieder zurück nach Worth Matravers. Da Severus Sirius informiert hatte, wartete der schon mit Escalada auf sie. Harry begrüßte ihn fröhlich und erzählte gleich von der neuen Schule. Auch von Mitchell erzählte er und von dessen Familie. Draco und Severus gingen schon mal in den Salon vor und sahen die Post durch, die die Hauselfen in Empfang genommen und geprüft hatten. Severus wollte die Gefahr für sich und vor allem seine Jungs minimieren, die durch Hasspost entstehen konnte. In ihrer viertägigen Abwesenheit hatte sich eine Menge Post angesammelt, etwa die Hälfte ging an Harry und das Meiste davon war Fanpost von Leuten, die ihm gratulierten und ihre Bewunderung ausdrückten. Einige böse Briefe waren auch dabei, aber die Bedrohung, die durch Gifte oder ähnliches ausgegangen war, war bereits von den Hauselfen und den Auroren entfernt worden. Die andere Hälfte der Post war für Draco und Severus, zumeist auch wohlwollende Worte, die Bewunderung ausdrückten, dass sie es geschafft hatten, der dunklen Seite den Rücken zu kehren und dann Harry so sehr zu unterstützen. Schließlich kam auch Harry mit Sirius herein und sah die vielen Briefe. Fragend sah er die beiden Slytherins an, die inzwischen ihre eigene Post gelesen hatten.

„Fanpost, Potter!“, schnarrte Draco gespielt.

„Aber wahrscheinlich keine Heiratsanträge für dich, DRACO, denn sooo gut siehst du ja im Moment nicht aus, seit du deine Haare abgeschnitten hast!“, schnappte Harry gespielt beleidigt zurück.

„Für dich aber auch nicht, weil die Leute wissen, dass du keine Ahnung hast, wie man seine Haare ordentlich in den Griff kriegt!“, konterte Draco bissig, aber mit einem heimlichen Grinsen.

„Sind die beiden immer so? Wie hältst du das aus?“, wandte sich Sirius fragend an Severus.

„Ich bin Tränkemeister, was denkst du, Flohbeutel?“, antwortete Severus kühl. „Ich kann sie zum Schweigen bringen oder schlafen schicken, wenn es mir nicht passt, das ist keine große Schwierigkeit!“, fügte er dann noch gehässig hinzu.

Doch selbst Harry ließ sich nicht täuschen, er sah das leichte Funkeln in den schwarzen Augen und lachte leise. Er wusste, und Severus, Draco und Sirius wussten das auch, dass der Tränkemeister ihm nichts unterjubeln konnte, auch da sein Geruchssinn inzwischen so viel besser war als der eines Menschen. Nur Remus konnte rund um den Vollmond mit ihm mithalten. In seiner Wolfsform allerdings hatte Remus den besseren Geruchssinn.

„Ich liebe dich auch!“, lächelte Harry ihn strahlend an.

Severus konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Er war froh, dass Harry inzwischen sicher genug für dieses Geplänkel war. Noch vor einem halben Jahr wäre er dabei fast zusammengebrochen, jetzt konterte er selbstsicher. Ja, Harry wurde langsam wirklich gut darin, ihnen beiden zu kontern. Auch wenn es immer noch Situationen gab, die ihn überforderten, aber sie wurden merklich seltener. Als er den Blick von Sirius auffing, lächelte der Animagus ihn dankbar an.

„Danke, Severus, du hast so viel für ihn getan!“, flüsterte er gerührt.

„Du auch, Sirius.“, wisperte Harry ihm ins Ohr und umarmte ihn.

„Ich? Ich hab dich anfangs fast völlig ignoriert und mir ist nie aufgefallen, wie schlecht es dir ging. Wenn Severus nicht gewesen wäre, hätte ich vermutlich noch Jahre gebraucht, um herauszufinden, was bei dir los war, oder vielleicht auch nie.“, schnappte Sirius sarkastisch.

„Sirius, ich wollte nie, dass jemand etwas merkt. Severus hat es gemerkt, weil er wusste, worauf er achten muss. Du hast mich zumindest immer unterstützt, und du warst da für mich. Mach dir keine Gedanken darüber, dass du nichts gemerkt hast, wie gesagt, das wollte ich nie. Du hast akzeptiert, dass ich mit Draco und Severus zusammen bin und wir uns lieben, und bist dennoch an meiner Seite geblieben. Sirius, du bist das für mich, was einem Vater am nächsten kommt. Und jetzt hör auf, dir Vorwürfe zu machen, denn das passt nicht zu dir. Erzähl mir lieber, was bei der Hochzeit auf mich zukommt und wie wir den Junggesellenabschied gestalten könnten.“, beruhigte ihn Harry.

„Junggesellenabschied? Da bist du außen vor, Harry, denn in zwei Nächten ist Vollmond, und da bin ich mit Remus unterwegs. Und danach brauchst du nichts mehr mit ihm anfangen, sonst handelst du dir Ärger mit meiner Großcousine ein, wenn Remus auch nur ein kleines bisschen müde auf seiner eigenen Hochzeit erscheint!“, lachte Sirius.

Trotz Wolfsbanntrank war Remus nach den Vollmondnächten immer noch tagelang ziemlich müde und ging abends beizeiten schlafen. Also die halbe Nacht irgendwo ‚Spaß haben‘ fiel ganz sicher aus. Dora, wie Harry sie inzwischen auch nannte, war sehr kritisch, und sie zögerte nicht, das auch kundzutun. Doch Sirius erklärte Harry nun, was von ihm als Trauzeuge sonst erwartet wurde. Auch wenn es eine kleine Hochzeit werden würde, dennoch waren gewisse rituelle Dinge einzuhalten. Harry war unter anderem – zusammen mit Doras Trauzeugin – dafür verantwortlich, dass die Gäste zu ihren Plätzen gebracht wurden. Außerdem kümmerten sich die Trauzeugen um die Ringe, das war Harry vorher schon klar gewesen. Sie reichten alles, was die Braut und der Bräutigam brauchten, zu, seien es Taschentücher, Kleingeld oder andere notwendige Kleinigkeiten. Auch das Essen brachten normalerweise die Trauzeugen zum Brautpaar, wenn es ein Buffet gab, damit das Brautpaar nicht in der Schlange stehen musste. Wenn die Frischgetrauten dann den Tanz eröffnet hatten, dann waren die Trauzeugen diejenigen, die den allgemeinen Tanz eröffneten. Diese Information musste Harry dann erst einmal verdauen.

„Bitte, Severus, bring mir Tanzen bei!“, flehte Harry ihn an.

„Na, so schlecht tanzt du gar nicht, aber wir werden sehen, dass du uns nicht blamierst!“, versprach Severus.

„Wer wird Doras Trauzeuge sein? Wer kommt überhaupt?“, fragte Harry weiter.

„Nun, die erste Frage kann ich leicht beantworten, das ist Ginny. Dora und sie verstehen sich fabelhaft, sie haben den gleichen Sinn für Humor und in der Zeit, als wir aus dem Untergrund heraus gekämpft haben und vor allem, während Remus und ich gefangen waren, hat sich Ginny sehr um Dora gekümmert. Wer kommt, weiß ich auch nicht genau in allen Einzelheiten, da noch nicht alle auf die Einladung reagiert haben. Sicher kommen die Weasleys, ihr drei und ich auch. Doras Eltern wohl ebenfalls. Die Lovegoods und Fenrir kommen wahrscheinlich, Luna bringt sicher auch Neville und seine Oma mit. Luna und Neville sind inzwischen zusammen, soweit ich weiß. Ginny wird wohl auch Blaise mitbringen, die beiden sieht man kaum noch einzeln. Minerva und Filius sind eingeladen, haben aber noch nicht zugesagt, Hagrid und Albus kommen mit Sicherheit, Albus wird die Zeremonie leiten. Und wenn ich niemanden vergessen habe, dann waren das alle.“, überlegte Sirius.

Harrys Nervosität ließ sichtlich nach, als er das hörte. Er hatte schon genug Angst, wie es an der neuen Schule werden würde, mit so vielen fremden Menschen, da war er froh, dass er auf dieser Hochzeit außer Doras Eltern alle kannte. Endlich kamen sie nun auch dazu, auf Abend zu essen. Sirius verabschiedete sich dann bald und erklärte ihnen, dass die Hochzeit im Grimmauldplatz stattfinden würde, bei schönem Wetter im Garten hinter dem Haus.

 

Schließlich war es soweit. Endlich, wie Severus fand. Harry war in den letzten Tagen immer hibbeliger geworden und hatte ihn ziemlich genervt. Eigentlich hatte er geglaubt, dass der nervige Harry der Vergangenheit angehörte, aber so ganz schien das nicht zu stimmen. Mehr als einmal hatte er ihn in den letzten Tagen angefahren, weil er einfach nicht bei der Sache war. Ständig fragte er nach, weil er nicht zuhörte und Severus musste ihm immer wieder Anweisungen mehrfach geben, wenn sie wieder im Labor waren und an einem Zaubertrank arbeiteten oder auch beim Tanzunterricht. Am Morgen der Hochzeit fegte ein triumphierender Draco ins Schlafzimmer, als Severus und Harry gerade am Aufwachen waren.

„Ich hab´s geschafft!“, jubelte er.

Als die beiden Gefährten die Augen öffneten, wussten sie, wovon er sprach. Sein Haar war inzwischen etwas mehr als schulterlang und fiel ihm weich auf den Rücken. Seit sie aus dem Krankenhaus zurückgekommen waren, hatte er verzweifelt versucht, seine Haare magisch wachsen zu lassen, so wie Severus es gemacht hatte, um die kurzen Haare loszuwerden. Doch Severus hatte sich geweigert, Dracos Haare länger zu zaubern, das sollte er selber schaffen. Harry hatte seine inzwischen wieder gekürzt, auch wenn sie lang waren, sie waren immer störrisch und nicht zu bändigen. Und da kämpfte er lieber gegen kurze Haare als gegen lange. Auch Severus und Harry standen nun auf und gingen ins Bad. Draco kam nach einer Weile wieder zu ihnen und richtete ihre Haare, auch wenn es bei Harry beinahe vergebens war. Dennoch sah es hinterher wenigstens gewollt unordentlich aus und seine Haare hatten einen seidigen Schimmer. Sie gingen zurück ins Schlafzimmer, wo ein Hauself – wahrscheinlich Dobby, der schien sich bei ihnen wohlzufühlen und hatte in Hogwarts gekündigt – ihnen inzwischen die Festkleidung herausgelegt und geglättet hatte. Severus trug wie immer einen schwarzen Anzug und einen ebensolchen Festumhang. Draco und Harry hatten etwas mehr Farbe an sich. Beide trugen ebenfalls schwarze Hosen und Schuhe, aber dazu passend farbige Hemden, Draco in silber und Harry in grün. Die Festumhänge waren in denselben Farben wie die Hemden. Als sie fertig waren gingen sie nach draußen und apparierten in den Grimmauldplatz. Harry verzog das Gesicht, aber er hatte auch nicht vor, voller Asche aus dem Kamin zu kommen, wenn er so festlich gekleidet war und auf eine Hochzeit ging. Dora würde ihm den Kopf abreißen. Sie waren früh dran, die Zeremonie an sich begann in etwas über zwei Stunden und etwa eine halbe Stunde vorher sollten die Gäste eintreffen. Severus und Draco sahen nach, ob sie noch irgendwo helfen konnten und Harry ging zu Remus. Erleichtert ließ Sirius Harry und Remus alleine und ging nach unten, um zusammen mit den beiden Slytherins die restlichen Arbeiten zu überwachen. Harry half dem Werwolf, seinen Festanzug anzuziehen. Er trug ebenfalls schwarze Hosen und Schuhe, dazu ein weißes Hemd und einen golden bestickten, weißen Festumhang. Nach dem Anziehen tigerte Remus übernervös durch die Gegend, bis Harry ihn auf einen Stuhl setzte und ihn ebenso massierte, wie er es immer mit Severus machte, wenn der Kopfschmerzen hatte. Es war das Einzige, was ihm einfiel, denn er hatte keine Ahnung, was er Remus sagen sollte.

„Danke, Harry!“, seufzte Remus nach ein paar Minuten.

„Keine Angst, Remus, das klappt schon! Dora lässt dich nicht sitzen und sonst geht sicher auch nichts schief, ich habe alles, was wir brauchen. Hier, schau, der Ring, und ich habe Taschentücher, ein bisschen Kleingeld, wozu auch immer das gut sein soll, und meinen Zauberstab hab ich auch, wenn etwas Unerwartetes sein sollte, dann kann ich alles herbeirufen oder heraufbeschwören, was wir brauchen! Also, tief durchatmen und entspann dich!“, grinste Harry.

„Das Kleingeld soll Glück bringen und immer für volle Verliese sorgen! Kannst du mir jetzt noch ein bisschen mit den Haaren helfen?“, fragte Remus.

„Da sollte ich besser Dray holen.“, erwiderte Harry lachend.

Er rief seinen Patronus auf und schickte ihn zu Draco mit der Bitte, ihn hier oben zu treffen, da er seine Hilfe bräuchte. Severus hatte ihnen den sprechenden Patronus beigebracht. Ein paar Minuten später tauchte Draco auf und schüttelte nur den Kopf, als er hörte, worum es ging.

„Wieso ist keiner von euch in der Lage, vernünftig mit seinen Haaren umzugehen?“, seufzte er theatralisch.

Dennoch zog er seinen Zauberstab und machte sich darüber, aus dem Chaos auf Remus´ Kopf eine anständige Frisur zu machen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Draco zufrieden war. Dann erst durfte Remus sich im Spiegel ansehen.

„Hey, wie hast du das denn gemacht?“, fragte er verblüfft.

„Übung.“, antwortete der Blonde kurz.

„Draco ist einfach der Beste, wenn es um Haare geht!“, schmeichelte ihm Harry.

„Da hast du Recht!“, stimmte Remus zu. „Danke, Draco!“

Harry bedankte sich mit einem Kuss bei seinem Gefährten und ging dann mit nach unten, um dafür zu sorgen, dass die Gäste, die langsam eintrafen, auch ihre Plätze fanden. Er begrüßte sie alle freundlich und zuvorkommend und zeigte ihnen dann, wo sie sitzen sollten, führte die Damen bis zu ihren Plätzen, wie Severus und Sirius es ihm gezeigt hatten. Er verteilte kleine Komplimente und unterhielt sich mit allen ein wenig. Als es Zeit wurde, ging er nach oben und holte Remus ab. Er ging mit ihm nach unten und sie stellten sich nach vorne zu Dumbledore, der vor einem Rosenbogen stand. Wieder wirkte Remus total nervös und Harry versicherte sich noch einmal, dass er den Trauspruch noch in seiner Tasche hatte. Für alle Fälle. Er legte Remus die Hand auf den Arm und versuchte, Ruhe auszustrahlen. Dass erst vor wenigen Tagen Vollmond gewesen war, half auch nicht wirklich. Endlich war es soweit, alle Gäste saßen auf ihren Stühlen, Dumbledore war bereit und Harry und Remus sahen, dass sich die Türe öffnete. Dora trat an der Seite ihres Vaters in den Garten. Da das Wetter wunderbar war, hatten sie entschieden, die Feier im Garten stattfinden zu lassen. Nun schritt eine strahlende Dora langsam auf Remus zu, der nur Augen für seine Braut hatte. Doras Haare waren heute hüftlang und bonbonrosa, wie immer, wenn sie glücklich war. Sie fielen ihr in weichen Wellen über den Rücken, nur gebändigt durch einen schmalen, goldenen Reif. Die junge Aurorin trug ein weißes, langes Kleid mit einer Corsage, die die Schultern freiließ und einem weich fallenden, weiten Rockteil, das hinten deutlich länger war als vorne und schleppenartig hinter ihr auf dem Boden schleifte. Es war absolut schlicht, aber hinreißend, weil es perfekt zu ihr passte. Draco spielte Klavier und Harry konnte sich einfach nicht satthören, wenn er seinem Gefährten lauschte. Noch etwas, das er nicht über ihn gewusst hatte. Er fand es erstaunlich, immer noch etwas Neues über seine Gefährten zu erfahren, obwohl sie schon so viele Monate auf engstem Raum miteinander verbracht hatten und er geglaubt hatte, dass er sie in- und auswendig kannte. In dem Moment entschied er, dass sie irgendwo ein Klavier unterbringen mussten, damit Draco öfter spielen konnte. Inzwischen hatten Dora und ihr Vater Remus erreicht und Ted hatte die Hand seiner Tochter symbolisch in die von Remus gelegt. Beide strahlten nun um die Wette. Dumbledore sprach ein paar einführende Worte und übergab dann das Wort an Remus. Harry hielt sich bereit, für alle Fälle, auch er konnte das Eheversprechen auswendig, damit er ihm notfalls helfen konnte.

„Meine liebste Dora! Lange hast du mich angehimmelt und ich habe mich geweigert, dir meine Aufmerksamkeit zu schenken, da ich der Meinung war, dass du etwas Besseres als mich verdient hast. Aber du bist hartnäckig geblieben und wenn ich ehrlich sein soll, dann bin ich froh darüber. Du warst an meiner Seite, als es mir richtig schlecht ging und nicht nur, wenn ich gut drauf war, und dafür bin ich dir unendlich dankbar, dafür liebe ich dich. Ich verspreche dir hier und heute, vor unseren Familien, Freunden und Weggefährten, dass ich immer treu an deiner Seite stehen und dich immer lieben werde. Egal was auf uns zukommt, gemeinsam sind wir stark, das hast du mir gezeigt und mit dir zusammen glaube ich daran. Ich liebe dich, heute und für immer.“, sprach Remus klar und deutlich, mit Stolz in der Stimme.

Harry reichte Remus die kleine schwarze Schachtel und öffnete sie, als er sah, wie Remus´ Hand zitterte. Remus zog den schmalen, goldenen Ring heraus und steckte ihn Dora auf den linken Ringfinger. Dann wandte sich Dumbledore Dora zu.

„Remus! Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, war es um mich geschehen. Du hast mutig gekämpft und dich immer für das Gute entschieden. Du bist so stark im Herzen, immer treu und ehrlich. Auch wenn du mich anfangs zurückgewiesen hast, ich habe mit Freude um dich gekämpft, denn du warst und bist es wert. Auch wenn du das selber manchmal nicht klar siehst. Du hast schon viel erreicht und ich bin stolz, dass du mich zu deiner Frau machst. Ich schwöre, dir immer treu zur Seite zu stehen und dich zu lieben, bis unser gemeinsames Leben einst zu Ende ist. Ich liebe dich, heute und für immer!“, sagte nun auch Dora laut und deutlich.

Ginny reichte ihr die zweite schwarze Schatulle und Dora steckte Remus auch einen goldenen Ring an den linken Ringfinger. Was keiner sah, aber Harry wusste, war, dass im Inneren ‚Für immer in Liebe‘ eingraviert war. Auch wenn das eine typische Gravur war, sie drückte dennoch die Gefühle der beiden zueinander aus, darum hatten sie sich dafür entschieden. Nun hielten sie sich an den Händen und Dumbledore hob seinen Zauberstab, um den Bund magisch zu schließen. Ein helles, strahlendes Licht hüllte die beiden einen Moment ein und Harry fragte sich, ob es bei seiner eigenen Hochzeit auch so gewesen war. Er konnte sich nicht daran erinnern, ging aber fast davon aus, da es so schien, als ob das für alle im Raum normal war. Und wenn etwas nicht typisch gewesen wäre an ihrer Hochzeit (außer, dass sie zu dritt vor Dumbledore gestanden hatten), dann hätten Draco oder Severus das bestimmt erwähnt, oder Sirius. Da war sich Harry sicher. Überrascht riss er sich aus seinen Gedanken, als Dora und Remus sich küssten. Er hatte den Rest, den Dumbledore noch gesagt hatte, völlig verpasst. Die Gäste applaudierten inzwischen und standen auf, um den Frischvermählten zu gratulieren. Harry und Ginny gratulierten den Beiden als Erste, bevor sie für die restlichen Gäste Platz machten und sich umsahen, ob alles passte. Der Tisch für die Feier war bereit und auch das Buffet war fertig hergerichtet. Die beiden Trauzeugen machten sich schon einmal daran, dass jeder der Gäste gleich ein Glas Champagner bekam, wenn sie in den Saal kamen, denn das Essen wurde drinnen serviert. Das Kaffeetrinken später sollte dann wieder draußen stattfinden und der Tanz am Ende drinnen, so konnten die Hauselfen in Ruhe vorbereiten.

Als alle Gäste mit Champagner versorgt waren, sprach Remus einen kurzen Toast aus und alle tranken. Keiner merkte, dass Ginny Dora einen alkoholfreien Sekt gegeben hatte, bisher wussten nur wenige von ihrer Schwangerschaft, sie wollten es heute noch offiziell machen. Dann setzten sie sich an den Tisch und Harry und Ginny beeilten sich, ihnen einen gefüllten Teller zu bringen, bevor sie sich selbst auch etwas nahmen und sich auf ihre Plätze setzten. Der Raum war erfüllt von fröhlichen Gesprächen und Lachen. Harry fühlte sich rundum wohl und strahlte seine Gefährten an, die auf der anderen Seite der Tafel saßen. Nach dem Essen sprach Harry noch einen kurzen Toast auf die Gesundheit des Brautpaares aus, bevor sie wieder aufstanden und sich grüppchenweise unterhielten. Remus und Dora sahen sich an und nickten einander zu. Harry, der gerade ein Glas in der Hand hatte, schlug mit einem Löffel vorsichtig dagegen. Der feine Klang sorgte dafür, dass es schnell still wurde im Raum.

„Liebe Freunde! Dora und ich möchten uns herzlich bedanken, dass ihr heute alle gekommen seid. Einige von euch haben mich schon gefragt, warum wir es so eilig mit dem Heiraten haben. Nun, ein Grund dafür ist, dass wir uns so sehr lieben und nicht mehr ohne einander sein wollen. Wir haben inzwischen ein kleines Häuschen in HillCrest gekauft, dort werden wir von nun an leben. Und es gibt noch einen weiteren Grund, dass wir es so schnell offiziell gemacht haben.“, begann Remus.

„Du wirst Vater? Gratuliere!“, unterbrachen ihn da die Zwillinge gemeinsam.

„Eigentlich wollte ich das selbst sagen, aber ja, Fred, George, ihr habt Recht. Dora und ich erwarten ein Baby, es wird wohl Ende April oder Anfang Mai nächsten Jahres auf die Welt kommen.“, bestätigte Remus.

Nun drängten sich wieder alle zu den beiden, um zu gratulieren. Sirius machte eine Bemerkung dabei, dass sie ja in dem Zeitrahmen momentan noch ohne Probleme in die Flitterwochen könnten, was Dora und Remus knallrot anlaufen ließ. Der Animagus hatte es sich nicht nehmen lassen, ihnen die Hochzeitsreise zu erleichtern und ein Ferienhaus in Frankreich zur Verfügung gestellt, dass sie mindestens zwei Wochen nutzen konnten. Diesmal ließ Harry sich Zeit, hatte er das Geheimnis ja schon vorher erfahren. Es schien, als hätten selbst Doras Eltern keine Ahnung gehabt, was Harry mit einem gewissen Stolz erfüllte, weil er und seine beiden Gefährten die Ersten waren, die es erfahren hatten. Dennoch gratulierte er ihnen am Ende auch noch einmal. Er umarmte Dora und küsste sie auf die Wangen, dann fiel er Remus um den Hals, der glücklich wirkte, dass Harry sich ihm wieder so näherte. Aber einen kleinen Stich fühlte er trotz aller Freude, denn auch Harry hätte gerne eigene Kinder, aber bisher war das selbst in der Zauberwelt noch nicht möglich. Auch wenn Severus schon viel geschafft hatte, aber einen Trank, der es schaffte, Männer schwanger werden zu lassen, gab es wohl nicht. Doch er freute sich sehr für Remus, denn er wusste, wie sehr sich sein Ersatzpate, und das war Remus inzwischen für ihn, Kinder wünschte. Und er hatte immer wieder gezeigt, wie gut er mit Kindern umgehen konnte. Bevor er in Gefangenschaft geriet, hatte er sich wohl um die Kinder der verschiedenen Dorfbewohner gekümmert, als die Unterschlupf beim Orden gesucht hatten, das hatte Neville ihm erzählt, als sie nach ihrer Ankunft bei ihm zuhause gewesen waren, und auch Luna hatte etwas in der Richtung erwähnt, doch Lunas Aussagen waren manchmal etwas schwierig zu deuten. Dann zog es alle wieder in den Garten zurück, wo es eine wunderschöne Hochzeitstorte gab und Tee und Kaffee serviert wurden. Die Gespräche waren jetzt ganz und gar auf den kommenden Nachwuchs ausgerichtet, wie Harry grinsend feststellte. Seine Vampirsinne, die ihm anfangs deutliche Schwierigkeiten bereitet hatten, erleichterten ihm inzwischen sein Leben eher.

Schließlich baten Harry und Ginny die Gäste wieder in den Salon, wo in der Zwischenzeit eine Tanzfläche hergerichtet worden war. Remus forderte Dora formvollendet zum Tanz auf und beide strahlten vor Glück. Er führte seine Frau auf die Tanzfläche, verbeugte sich noch einmal und legte ihr den einen Arm um die Hüfte, griff mit dem anderen Arm ihre Hand. Als die Musik begann, bewegten sie sich elegant und man konnte sehen, wie glücklich sie waren. Harry staunte, wie gut Remus tanzen konnte. Nach dem ersten Lied forderte Harry Ginny auf und auch die beiden tanzten.

„Wow,  Harry, du hast geübt!“, komplimentierte Ginny.

„Draco und Sev haben es mir beigebracht. Es sah toll aus, wie die beiden auf der Hochzeit getanzt haben und als Remus uns dann zu seiner Hochzeit eingeladen hat, da war es absolut klar für mich, dass ich es lernen wollte. Die beiden waren gute Lehrer!“, lächelte Harry.

„Ich bin froh, dass du glücklich bist, Harry!“, gestand Ginny. „Auch wenn ich dich so geliebt habe. Ich hatte mir immer gewünscht, dass es mehr zwischen uns würde, aber ich sehe, dass ich nicht diejenige sein kann, die dich glücklich macht. Auch wenn ich darüber erst traurig war, ich wünsche dir, dass du glücklich bist, und dass du mehr als glücklich bist, ist deutlich zu sehen. Bleib so fröhlich, dann bin ich zufrieden!“

„Danke, Ginny. Für mich warst du immer wie eine kleine Schwester. Ich weiß, dass du dir etwas Anderes gewünscht hättest, aber wir passen nicht zusammen, nicht so. Und das wäre auf Dauer nicht das Richtige gewesen. Ich glaube, keiner von uns wäre auf Dauer glücklich gewesen. Ich wünsche dir, dass Blaise für dich genau das ist, was Severus und Draco für mich sind.“, antwortete Harry.

Ginny lehnte sich an ihn und sie tanzten weiterhin miteinander. Inzwischen spielte die Band schon das nächste Lied, doch beide waren noch nicht so weit, einander loszulassen. Doch am Ende des zweiten Liedes mussten sie sich dann doch loslassen, da Remus Ginny aufforderte und es war Harrys Aufgabe, nun mit Dora zu tanzen, die ihn anlächelte und sich mit Freuden von ihm auf die Tanzfläche führen ließ. Danach tanzte Dora mit ihrem Vater und Remus mit Andromeda, während Harry sich Severus schnappte, der bis dahin mit Draco getanzt hatte, der nun Ginny aufforderte. Nun, da Harry tanzen konnte und wusste, wie er sich bewegen musste, machte es ihm Spaß und er freute sich, mit vielen verschiedenen Menschen tanzen zu dürfen. Draco kam immer wieder zu ihm, ebenso wie Severus, auch Minerva, Andromeda, Luna und Molly Weasley tanzten mit ihm im Laufe des Abends. Erst sehr spät in der Nacht verabschiedeten sich Remus und Dora von ihren Gästen und zogen sich in die Hochzeitssuite zurück, die Harry, Severus und Draco für sie reserviert hatten und die ihnen die nächsten zwei Tage (und Nächte) zur Verfügung stand, inklusive Verpflegung mit Zimmerservice.

Harry und Ginny kümmerten sich um die Verabschiedung der Gäste und sorgten dafür, dass alle gut in den Kamin kamen, erst dann wandten sie sich ihren Partnern zu. Sirius verabschiedete sich gähnend von ihnen und wünschte ihnen noch eine gute Nacht. Ginny ging durch den Kamin in den Fuchsbau, wo ihre Mutter schon auf sie wartete. Blaise durfte nicht über Nacht bei ihr bleiben, war aber tagsüber gern im Fuchsbau gesehen, genauso wie Ginny jederzeit bei Blaise und seinem Vater auftauchen durfte. Severus schickte Draco durch den Kamin und folgte ihm mit Harry im Arm, der sich vor Müdigkeit nun kaum noch auf den Beinen halten konnte. So lange er etwas zu tun gehabt hatte, war das nicht zu merken gewesen, aber jetzt war er völlig erschöpft. Leicht schmunzelnd zog Severus ihn ins Bad, zauberte ihm einen Pyjama an und ließ ihn die Zähne putzen, bevor er ihn ins Bett trug. Auch Draco schien müde, aber er hatte nicht so viel zu tun gehabt wie Harry, der sich selbst ziemlich in die ganze Sache reingesteigert und sich ein wenig übernommen hatte. Kaum lagen die beiden im Bett, schliefen sie auch schon. Severus ging nur noch kurz ins Bad und legte sich dann zu ihnen.

 

In den nächsten Tagen verbrachte Harry viel Zeit mit seinem Paten, wann immer der nicht in der Arbeit war, doch Sirius musste einige Überstunden machen, da immer noch Todesser auf der Flucht waren und immer wieder Schrecken verbreiteten. Sowohl Severus als auch Sirius warnten Harry und Draco täglich, dass sie nicht alleine nach draußen gehen sollten. Severus arbeitete mit beiden an ihrem magischen Wissen, da sie in drei Wochen in der Hiawatha School of Magic geprüft werden sollten und sich ihr schulisches Leben dadurch entschied. Die Schutzzauber um Prince-Manor sorgten dafür, dass sie dort mehr oder weniger in Sicherheit waren. Dennoch sollten sie immer in Severus´ Nähe bleiben. Es gefiel Harry überhaupt nicht und er begann zu rebellieren.

„Sev, ich kann auf mich aufpassen! Und ich will nicht irgendwohin, aber ich kann nicht die ganze Zeit im Haus bleiben. Ich war lange genug eingesperrt bei meinen Verwandten, ich muss hier raus! Ich verstehe, dass ich nicht vom Grundstück soll, aber lass mich wenigstens in den Garten, verdammt!“, schrie Harry nach einer Woche.

„Denk an deine Sprache!“, knurrte Severus ungehalten.

„Meine Sprache? Das ist mir im Moment scheißegal, ich muss hier raus!“, raunzte Harry und knallte die Tür hinter sich zu.

Draco hatte sich rausgehalten, er war es gewohnt, den Anordnungen von Severus Folge zu leisten und er verstand durchaus, dass sich Severus aus Sorge so verhielt. Doch für Harry war es nicht nachvollziehbar, er fühlte sich an seine Vergangenheit erinnert und war wieder dort. So gut er in Severus´ Miene inzwischen lesen konnte, aber diesmal erkannte er es nicht, dass sein Gefährte aus Sorge und Angst heraus reagierte und nicht, weil er über ihn bestimmen wollte. Frustriert lief Severus in sein Labor und verschloss die Tür hinter sich. Dann erst ließ er seinen Gefühlen, seiner Frustration, seiner Angst und Sorge, freien Lauf und warf einen Kessel nach dem anderen an die Wand.

„Warum verstehst du es nicht, Kleiner?“, fragte er sich leise. „Ich mache mir doch nur Sorgen um dich.“

Müde rieb er sich mit den Fingern die Nasenwurzel. Er hatte geglaubt, dass sie diese Reaktionen hinter sich gelassen hatten, aber das war offensichtlich falsch. Es war ihm völlig unverständlich, wieso Harry so heftig reagiert hatte. Der Kleine liebte sie beide, warum war er dann gerade so hasserfüllt gewesen? Wieder mussten die Kessel darunter leiden, er trat gegen den, der ihm am nächsten lag und beförderte ihn noch einmal gegen die Wand. Wieder und wieder trat er auf die Kessel ein und es schien, als ob seine ganze Wut und Frustration aus ihm herauswollten. Schließlich sank er auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in seine Hände.

Harry war nach draußen gelaufen und war wutentbrannt eine Runde nach der anderen um das Haus gerannt. Das Manor war nicht gerade klein und nach drei Runden musste er stehenbleiben, weil er heftiges Seitenstechen bekommen hatte. Langsam ging er nach hinten, wo in der Nähe der Grundstücksgrenze eine Bank unter einem Baum stand. Dorthin zog er sich zurück und rollte sich auf der Bank zusammen. Warum musste ihm Severus nun auf einmal auch noch Vorschriften machen? Hasste er ihn jetzt doch wieder? Was hatte er getan, dass Severus so wütend auf ihn war? Warum durfte er nicht nach draußen? Severus wusste doch, wie es ihm all die Jahre ergangen war, wie konnte er ihn so einsperren? Die Freiheit war immer das Wichtigste für Harry gewesen und bisher hatte Severus sie ihm gelassen. Dass er auf der Flucht nicht alleine unterwegs sein sollte, das hatte Severus ja auch begründet. Aber warum befahl er ihm jetzt, drinnen zu bleiben, wo er im Garten doch auch sicher war? Was sollte das Ganze bedeuten? Harry verstand es nicht und in seinem Kopf kamen die Bilder der Vergangenheit wieder hoch und die dazugehörigen Gefühle. Wimmernd rollte sich Harry zu einer Kugel zusammen und biss sich auf seine Faust, um nicht zu schreien.

Draco machte sich nach zwei Stunden auf, um nach seinen Gefährten zu sehen. Er wusste, dass Harry das Gelände nicht verlassen hatte, da sonst der Alarm angeschlagen hätte, den Severus auf das Grundstück gelegt hatte. Doch zuerst sah er zu Severus ins Labor, da er zumindest wusste, dass dieser dort war. Zu zweit hätten sie bessere Chancen, Harry draußen zu finden.

„Sev, alles in Ordnung?“, fragte er durch die Tür, als er merkte, dass sie verschlossen war.

Keine Reaktion.

„Sev, lass mich rein!“, forderte Draco.

Keine Reaktion.

„Sev, wenn du mich nicht reinlässt, dann spreng ich die Türe!“, drohte der Blonde nun.

Langsam öffnete sich die Tür. Draco trat ein und warf nur einen kurzen Blick auf das Chaos, das im Labor herrschte. Severus saß noch immer in derselben Position auf dem Stuhl. Draco ging hin und legte ihm die Hände auf die Arme, versuchte, die Hände von Sevs Gesicht wegzuziehen.

„Ich habe versagt.“, nuschelte Severus undeutlich.

„Ihr hattet einen Streit, na und? Kommt in jeder Beziehung mal vor. Harry und du seid die größten Dickköpfe, die mir je begegnet sind, außer mir selber vielleicht. Gehen wir ihn suchen und dann reden wir miteinander.“, schlug Draco  vor.

„Er wird nicht mit mir reden wollen.“, vermutete Severus.

„Er wird es müssen, denn ihr schafft das heute noch aus der Welt.“, bestimmte Draco. „Und jetzt komm!“

Draco zog seinen Gefährten aus dem Stuhl und zerrte ihn über die Treppe hinauf und dann in den Garten. Sie sahen sich um, doch konnten sie Harry nirgends entdecken. Der Blonde ahnte jedoch, wo Harry stecken könnte, schon öfter war er auf der Bank unter der Weide hinten am Grundstück gesessen. Von dort aus konnte man auf das Meer blicken und Harry hatte ihm gestanden, dass er noch nie am Meer gewesen war. Es gefiel ihm, diese Freiheit, das Ungebändigte, Wilde. Zuerst glaubte Draco, dass er sich getäuscht hatte, da er Harry nicht sehen konnte. Erst als sie nur noch zwei Meter von der Bank entfernt waren, hörte er das leise Wimmern und sah, dass Harry hinter dem Stamm der Weide auf dem Boden lag.

„Harry?“, fragte er leise.

Doch der Schwarzhaarige reagierte nicht. Bestürzt sah Severus den Kleinen liegen und machte sich bittere Vorwürfe. Nun wurde ihm klar, dass er Harry zu sehr eingeengt hatte, so wie es auch seine Verwandten mit ihm gemacht hatten. Langsam trat er zu ihm hin. Er wusste es besser, als ihn jetzt zu berühren.

„Harry, es tut mir leid. Ich… ich habe Angst. Angst dass dir, dass euch etwas passiert. Ich mache mir solche Sorgen, dass jemand euch wehtun könnte. Ich hätte dich nicht einsperren sollen, aber es war nicht, um dich zu bestrafen, sondern weil ich dich schützen wollte.“, erklärte Severus leise.

„Ich bin frustriert, weil wir immer noch nicht in Ruhe leben können. Ich hätte das nicht an dir auslassen dürfen. Es tut mir leid, Kleiner. Ich liebe dich und könnte mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustößt. Das Gleiche gilt auch für Draco.“, fuhr er fort.

Langsam rollte sich Harry herum und sah ihn aus tränenverhangenen Augen an.

„Verzeih mir, bitte.“, flehte Severus.

„Sev, sperr mich bitte nie mehr ein!“, bat Harry leise.

Dann warf er sich in die Arme seiner beiden Gefährten. Ihm war klar, dass auch er überreagiert hatte. Doch er konnte seine Vergangenheit trotz allem nicht völlig vergessen. Noch nicht jedenfalls.

„Bitte entschuldige, dass ich dich so angebrüllt habe, Sev. Ich weiß, du würdest mich nie so einsperren, wie meine Verwandten es getan haben, aber es hat mich sehr deutlich daran erinnert. Und ich weiß nicht, irgendwie habe ich mich so … bevormundet gefühlt. Als wenn du mir das alles nicht zutraust, als wäre ich immer noch ein kleines Kind.“, flüsterte Harry.

„Ich denke, wir brauchen einen Tapetenwechsel.“, entschied Severus. „Was haltet ihr davon, wenn wir morgen in die Winkelgasse gehen und dort alles besorgen, was wir brauchen, bevor wir nach Maple Falls ziehen? Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr keine Alleingänge unternehmt, ich möchte nicht, dass einem von euch was passiert. Ich werde auch Sirius fragen, ob er mitkommt, um euch zu schützen. Weil ich euch liebe und nicht will, dass euch etwas passiert. Und ich weiß, dass du gut mit deinem Zauberstab umgehen kannst, Harry, aber du bist manchmal ein wenig zu gutgläubig und vertrauensselig. Außerdem fehlt dir ein wenig die Erfahrung, also bitte lass mich alles tun, um dich sicher zu wissen.“

„In Ordnung.“, erwiderte Harry leise und auch Draco nickte.

Es war noch nicht vorbei, aber sie hatten sich ausgesprochen. Jetzt brauchten sie Zeit, um das Ganze zu verarbeiten. Sie gingen zurück ins Haus und Harry brauchte wieder einmal dringend die Nähe zu seinen beiden Gefährten. Erneut machte Severus sich Vorwürfe, weil er Harry zurückgeworfen hatte. Doch Draco stoppte es energisch und auch Harry zeigte ihm deutlich, dass er seine Nähe genauso brauchte wie die des Blonden.

 

Am nächsten Morgen machten sie sich zusammen mit Sirius und Moody auf den Weg in die Winkelgasse. Der alte Auror hatte zufällig mitbekommen, dass Severus Sirius gefragt hatte und sich spontan der Gruppe angeschlossen. Er mochte die Drei und wollte sie beschützen. Sie reisten durch Sirius´ Kamin in den ‚Tropfenden Kessel‘ und gingen von dort aus in die Winkelgasse. Zunächst besorgten sie sich die neuen Bücher, die sie für die Hiawatha School of Magic brauchten, auch wenn sie noch nicht sicher angenommen waren. Doch Harry und Draco hatten da keine Sorge und auch Severus war zuversichtlich. Zudem noch einige neue Bücher zum Lesen und der Tränkemeister fand ein paar Bücher über Zaubertränke, die er noch nicht hatte. Sie wussten bisher nicht genau, wo sie in den USA ihre Einkäufe tätigen konnten und blieben daher in bekanntem Terrain. Auch wenn sie genau wussten, dass sie hier immer wieder erkannt wurden und einige Zauberer und Hexen sie wohl ansprechen würden. Doch Harry ging es nun deutlich besser und er war sicher, damit klarzukommen. Erst nach über einer Stunde kamen sie mit prallgefüllten und verkleinerten Taschen wieder aus dem Buchladen und wandten sich der Apotheke zu, wo Severus seine Zutaten wieder auffüllte. Harry und Draco wussten noch nicht genau, was sie für die Schule brauchen würden, da die Einteilung noch ausstand und entscheidend war. Auch in die magische Menagerie gingen sie, da Harry Eulenkekse für Hedwig brauchte und sie wollten Draco auch eine Eule oder einen anderen Vogel kaufen, damit er Nachrichten verschicken konnte und nicht immer Hedwig ausleihen musste. Doch Draco fand an diesem Tag nicht das richtige Tier für sich und wollte lieber noch ein wenig warten.

In der ganzen Zeit waren sie zwar immer wieder angestarrt worden, aber da sie keiner angesprochen hatte oder ihnen zu nahe gekommen war, entspannten sich Severus, Sirius und Moody langsam. Auch Harrys Instinkte deuteten nicht auf eine Gefahr hin. So entschieden sie, noch ein Eis zu essen, auf das sich Harry und Draco gefreut hatten. An einem Tisch draußen setzten sie sich zu fünft hin und Florean Fortescue kam sofort persönlich zu ihnen, um die Bestellung aufzunehmen. Nur Minuten später standen zwei bunte Eisbecher vor Harry und Draco und ein Bananensplit vor Sirius. Moody und Severus tranken nur Kaffee. Plötzlich sprang Harry auf und riss Draco und Severus zu Boden. Im selben Moment schoss ein Fluch auf sie zu und erwischte Severus noch am Arm. Hätte der Vampir ihn nicht weggerissen, dann wäre der Fluch mitten auf der Brust aufgekommen. Zischend atmete der Tränkemeister ein, verdrängte aber den Schmerz und zog ebenfalls seinen Stab. Ein weiterer Fluch traf Draco, der aufschrie. Harry sprach unwillkürlich einen ‚Protego‘. Die beiden Auroren schirmten sie mit gezogenen Stäben ab und Moody hatte bereits den ersten Zauber in Richtung des Angreifers geschossen. Doch er schien nicht getroffen zu haben. Sie konnten nicht viel erkennen, nur dass der Angreifer einen schwarzen Umhang und eine weiße Maske trug.

„Todesser!“, knurrten Severus und Moody gleichzeitig.

Severus war blass, aber er stand inzwischen wieder, Harry neben ihm und Draco saß hinter ihnen. Alle hatten ihre Stäbe in der Hand. Die restlichen Zauberer und Hexen waren in Deckung gegangen und warteten ab. Es ploppte kurz, dann entspannte sich Moody etwas.

„Er ist disappariert. Ich kenne ihn nicht, aber ich erkenne ihn, wenn ich ihn wiedersehe!“, versprach er. „Und du, Severus, kommst jetzt mit ins Mungo und lässt dich zusammenflicken. Und Draco braucht unbedingt auch einen Heiler!“

Severus wollte widersprechen, aber Draco hinter ihm brach in dem Moment zusammen. Harry erwischte ihn gerade noch rechtzeitig und nahm ihn in den Arm. Sirius kümmerte sich inzwischen um Severus´ Arm, stoppte wenigstens die Blutung, denn er schien schon ziemlich viel Blut verloren zu haben, er war weiß wie eine Wand und seine Beine zitterten. Er ließ zu, dass Sirius ihn festhielt.

„Folgt mir.“, befahl Sirius.

Er kannte den schnellsten und kürzesten Weg ins Zauberhospital und brachte sie zügig dorthin. Harry folgte ihm mit Draco auf dem Arm und Moody schützte sie von hinten. Innerhalb weniger Minuten erreichten sie das St. Mungo.

„Mr. Zabini!“, hielt Severus einen Heiler an, der gerade an ihnen vorbeilief, als sie hineingingen.

„Severus, Harry! Was ist passiert?“, fragte er sofort.

„Todesser. In der Winkelgasse.“, erklärte Severus knapp.

„Olivia!“, rief Devon Zabini, dann wandte er sich wieder an die Fünfer-Gruppe: „Kommt mit. Olivia wird sich uns gleich anschließen, sie ist eine Kollegin von mir.“

Er führte sie in ein Behandlungszimmer und bedeutete Harry, Draco auf eine Liege zu legen. Dann untersuchte er den Blonden. Sein Zauberstab formte kompliziert aussehende Muster und er murmelte Diagnosezauber vor sich hin. Seine Kollegin kam nur einen Moment später und kümmerte sich um Severus´ Arm. Der Schnitt war nicht weiter tragisch, doch der Blutverlust war behandlungsbedürftig. Nach einem Heilzauber, der den Schnitt verschloss, gab sie ihm einen blutbildenden Trank, den er erst einmal kritisch beroch, dann aber doch schluckte.

„Was ist mit Draco?“, fragte er besorgt.

Auch Harry sorgte sich um seinen Partner. Doch Devon beruhigte sie beide, denn Draco war zwar bewusstlos, aber  die Verletzungen waren nicht so drastisch, er war von einem weiteren Schneidfluch am Oberkörper getroffen worden und hatte ziemlich viel Blut verloren, aber dadurch, dass er von einem Vampir gekennzeichnet worden war, würde das Blut schnell wieder nachgebildet werden, und von einem Blutbildungstrank unterstützt sollte Draco in spätestens zwei Tagen wieder auf den Beinen sein. Der Heiler versetzte Draco in einen Heilschlaf und verlegte ihn in ein ruhiges Zimmer auf seiner Station. Er wollte sich persönlich um den besten Freund seines Sohnes kümmern und er hatte immer noch Schuldgefühle, weil er Harry in einen Vampir verwandelt hatte, ohne seine Zustimmung. Auch wenn Harry ihm vergeben hatte, er selbst konnte sich nicht so leicht vergeben. Severus vergrößerte einfach das Bett, in dem Draco lag, damit Harry mit hineinkriechen konnte, gab Sirius die Einkäufe mit und bat ihn, sich um Escalada und Hedwig zu kümmern. Als Sirius und Moody gegangen waren, kroch auch er mit zu seinen beiden Männern ins Bett.

 

Zwei Tage nach dem Angriff in der Winkelgasse ging es Draco schon wieder so gut, dass er aus dem St. Mungo entlassen wurde. Devon Zabini, der inzwischen auch Harry die persönliche Anrede angeboten hatte, hatte sich fürsorglich um den Patienten gekümmert und auch Blaise und Ginny waren immer wieder gekommen. Die Weasley-Zwillinge waren auch zu Besuch dagewesen und hatten ihm die verschiedensten Scherzartikel mitgebracht und dabei Harry heimlich eine Kanariencremeschnitte untergeschoben. Draco hatte Tränen gelacht, als Harry sich plötzlich in einen putzigen, quietschgelben Kanarienvogel verwandelte. Severus hatte danach jedes Essen und Trinken sicherheitshalber gemieden, man konnte ja nicht wissen. Draco jedenfalls hatte das Lachen sehr gut getan. Leider waren Sirius, Kingsley und Moody keinen Schritt weiter bei der Suche nach dem Angreifer. Sie hatten die Zeugen befragt, Spuren verfolgt und mit verschiedensten Zaubern die Umgebung abgesucht, aber nichts gefunden. Auch Moody konnten ihnen dabei nicht sehr weiterhelfen, er hatte zwar mit seinem magischen Auge den Angreifer gesehen, aber mit seiner Beschreibung konnte selbst Severus nichts anfangen. Sie vermuteten, dass einer der Todesser, die noch auf freiem Fuß waren, sich mit Hilfe von Vielsafttrank in einen Unbekannten verwandelt hatte, damit er nicht erkannt würde. Hinter diesem und auch weiteren Überfällen, die in den letzten Wochen stattgefunden hatten, schien System zu stecken. Es musste einen Kopf hinter den freien Todessern geben, aber wer das sein konnte, da hatte auch Severus keine Idee.

Wenn sie nicht gewusst hätten, dass Lucius Malfoy im Ministerium von einem der anderen Todesser getötet worden war, dann hätten sie ihn hinter der ganzen Sache vermutet, aber Kingsley und Moody waren dabei gewesen, als er gefallen war und hatten seinen Tod bestätigt. Auch Bellatrix und Rodolphus Lestrange waren definitiv tot, sie waren ebenfalls im Inneren Kreis um Voldemort gewesen und hätten das nötige Wissen gehabt, wie sie die Todesser einen konnten.  Daher bestand Severus darauf, dass sie direkt zurück nach Prince-Manor reisten, und zwar durch den Kamin in Devons Büro. Sie bedankten sich bei Devon für die hervorragende Behandlung und Severus ging als Erster durch den Kamin, Draco und Harry folgten ihm erst, als Severus Bescheid gegeben hatte, dass alles in Ordnung war. Zuhause zogen sie sich in den Salon zurück, ließen sich von den Hauselfen einen Snack bringen und Draco legte sich auf das Sofa. Severus hatte hier ebenfalls einen Fernseher angeschlossen, dass Draco auch in England Filme schauen konnte. Während Draco sich in einem Film verlor, wandte sich Harry an Severus. Sie hatten im Krankenhaus nicht viel miteinander sprechen können, da immer ein Heiler dagewesen war, aber jetzt musste er einfach mit seinem Partner reden.

„Du hattest Recht. Es tut mir leid, dass ich dich in Frage gestellt habe.“, sagte er.

„Ich habe dir bereits verziehen. Harry, ich habe aus Sorge gehandelt, aber dennoch hätte ich euch beide anders ansprechen müssen. Wir leben in einer Partnerschaft und ihr solltet gemeinsam mit mir entscheiden. Dafür möchte ich mich vor allem bei dir entschuldigen. Du hattest genauso Recht mit dem, was du sagtest. Ich will dich nicht einsperren, ich hoffe, du verstehst, dass ich wirklich nur aus Sorge so gehandelt habe. Auch ich lerne noch. Bitte verzeih mir.“, erwiderte Severus ernst.

„Ich verstehe es, Sev. Und ich nehme deine Entschuldigung an.“, versicherte Harry. „Es hat mich zu sehr an früher erinnert, doch ich hätte wissen müssen, dass du es aus Sorge machst und nicht um mich zu ärgern.“

Harry kuschelte sich an seinen Mann, der ihn zu Draco auf das Sofa zog. Auch wenn Sev und Harry kein so großes Interesse an den Filmen hatten, so genossen sie doch die Nähe zu Draco. Harry und Severus vertrieben sich die Zeit lieber mit Kuscheln und Küssen, bis Draco schließlich auch sein Recht einforderte, als der Film zu Ende war.

So vergingen die nächsten Tage ruhig und mit gelegentlichen Besuchen ihrer Freunde im Prince-Manor. Die beiden Jugendlichen sahen ein, dass Severus´ Bitte, nirgendwo alleine hinzugehen, Hand und Fuß hatte und blieben in direkter Umgebung des Hauses innerhalb der Schutzschilde. Selbst Harrys Dickkopf ließ Vernunft walten und ordnete sich unter, wollte er doch nicht, dass einem seiner Männer etwas passierte, wenn sie sich auf die Suche nach ihm machen würden, weil er wieder einmal alleine herumstreunte. Sie genossen es, ihre Freunde um sich zu haben, Ron kam meist mit den Zwillingen, Luna kam mit Neville, manchmal brachten sie auch Fenrir mit, der zu einer Art Onkel für Luna geworden war und von Xeno zur Familie gezählt wurde, Ginny kam mit Blaise, Remus und Dora kamen, manchmal zu zweit, manchmal zusammen mit Sirius, der sich ansonsten in seiner Arbeit vergrub. Minerva und Hagrid kamen sogar, auch wenn in Hogwarts das Schuljahr bereits begonnen hatte, aber sie wollten die Gelegenheit nutzen, die drei Gefährten noch einmal zu besuchen, bevor sie endgültig umzogen. Doch bald war es soweit und Harry und Draco wurden zu den Prüfungen eingeladen, damit sie in die verschiedenen Gruppen eingeteilt werden konnten. Sie zogen bereits einige Tage früher nach Maple Falls, da die Zeitverschiebung doch bedeutend war und sie sich an den anderen Rhythmus gewöhnen wollten, damit Draco und Harry bei den Prüfungen wirklich fit waren. Die Zauberstäbe, die Dumbledore für sie besorgt hatte, waren ihren vorherigen nachempfunden, sodass sie keinerlei Schwierigkeiten hatten, auch komplexe Zauber auszuführen. So gingen sie schließlich entspannt am ersten Prüfungstag morgens in die Schule hinein, wo noch etwa dreißig andere Schüler in verschiedenen Altersklassen warteten. Nur die Erstklässler wurden ein Jahr gemeinsam unterrichtet, bevor das System bei ihnen angewendet wurde, sie sollten sich zunächst einmal an den Klassenverband gewöhnen.

„Guten Morgen! Herzlich willkommen an der Hiawatha School of Magic. Wir sind heute hier, um mit ihnen gemeinsam herauszufinden, in welchen Kursen sie im nächsten Schuljahr lernen werden. Wir haben eineinhalb Wochen dafür reserviert, vormittags werden sie schriftlich geprüft werden, nachmittags praktisch. Danach wird die Einteilung in Anfänger, Fortgeschrittene und Profis vorgenommen. Dies ist keine Einschränkung für sie, sie können auch in einem Anfängerkurs einen sehr guten Abschluss machen, aber für jemanden, der ein spezielles Fach deutlich besser beherrscht als der Durchschnitt, ist es eher langweilig, mit anderen zu lernen, die vielleicht noch nicht so weit sind oder mit weniger Talent in diesem Fach ausgestattet. Andererseits ist es für jemanden, der in diesem einen Fachbereich Schwierigkeiten hat, demotivierend, mit anderen zu lernen, die viel weiter in dem Stoff sind. Deshalb haben wir uns für diese Unterteilung entschieden, damit jeder entsprechend seiner eigenen Talente und Fortschritte unterrichtet werden kann. Bitte nehmen sie es daher nicht so tragisch, wenn sie die eine oder andere Frage nicht beantworten können, denn sie sind hier um zu lernen, da muss noch nicht alles perfekt sitzen, das heben wir uns dann für die Abschlussprüfungen auf! Sie werden nun jeder an einen Tisch gehen, die Namen stehen dort und die Unterlagen werden sie bekommen, sobald alle sitzen. Es gibt keinen besonderen Zeitdruck, doch bis zum Mittagessen sollten die Fragen so gut wie sie können beantwortet sein. Heute geht es um Kräuterkunde, morgen machen wir mit Zaubertränken weiter, dann folgen die dunklen Künste und die Verteidigung dagegen, danach kommen Verwandlung und Zauberkunst. Außerdem werden wir ihre Fähigkeiten zum Heilen testen, das machen wir heute Nachmittag, da Kräuterkunde nur theoretisch geprüft wird, auch wenn der Unterricht durchaus mehr praktisch sein wird, aber das Wissen dazu können wir gut schriftlich abfragen. Danach haben sie zwei Tage frei und nächste Woche prüfen wir dann noch Runen und Zaubereigeschichte. Am letzten Tag geht es dann noch um Muggelkunde, dann haben sie ein paar Tage frei, in dieser Zeit werden die Prüfungen ausgewertet. Am ersten Oktober erfahren sie dann – zusammen mit ihren Klassenkameraden – von ihrem Vertrauenslehrer ihren Stundenplan, dort sind auch die verschiedenen Stufen mit berücksichtigt. Gibt es dazu noch Fragen? ---- Nein, dann setzen sie sich bitte. Viel Erfolg!“, sagte Direktorin Newton.

Harry und Draco gingen zu ihren jeweiligen Tischen. Mitchell, der die Fragebögen mit austeilte, schenkte beiden ein aufmunterndes Lächeln und wünschte ihnen ebenfalls leise viel Glück. Die Fragen waren nicht so schwer zu beantworten, fanden beide übereinstimmend, vieles davon hatten sie mit Severus im letzten Jahr gelernt, und einiges war noch von Professor Sprouts Unterricht hängengeblieben. Draco war einer der Ersten, die fertig waren, Harry brauchte nur wenig länger. Draußen fand Harry seinen Draco, der bereits mit zwei anderen Schülern, die etwa ihr Alter hatten, beisammen stand.

„Das ist Harry. Wir sind gebunden. Harry, das sind David und Jonah, sie haben unser Alter, kommen wohl ebenfalls in die sechste Klasse.“, stellte Draco vor.

Höflich reichte Harry beiden die Hand und schaffte es, dabei nicht zu zittern. Dennoch blieb er in Dracos Nähe, weil er sich dort einfach sicherer fühlte. Aber er hörte dem Gespräch zu, das dank Dracos rhetorischer Fähigkeiten nie zum Erliegen kam und antwortete auf direkte Fragen, wenn auch eher zurückhaltend. Er war froh, dass Draco das Reden zumeist übernahm und gönnte ihm die Aufmerksamkeit voll und ganz. Mittags setzten sie sich dann zum Essen gemeinsam hin und redeten weiter. David und Jonah waren sehr interessiert daran, weil Draco ihnen gesagt hatte, dass er und Harry gebunden waren, und sie erfuhren schließlich sogar, dass der neue Professor für Zaubertränke in der Oberstufe auch dazugehörte. Es sprach für die Toleranz, die scheinbar dort herrschte, dass es überhaupt nicht weiter ein Thema war, nur die Frage, wie das denn im Unterricht sein würde.

„Ach, keine Sorge, Severus ist mit uns genauso streng wie mit allen anderen Schülern, mindestens. Und unsere Leistungen, egal ob praktisch oder schriftlich, werden von einem der anderen Tränkemeister bewertet.“, erklärte Draco lapidar.

Bei der Aussage, dass Severus sie mindestens so streng wie die anderen Schüler bewerten würde, schauten Jonah und David ein wenig ungläubig drein, aber sie glaubten es, als Harry zustimmend nickte und dabei stöhnte. Auch wenn er nun zumindest in der Theorie viel darüber wusste, ein Genie in Sachen Zaubertränke war Harry sicherlich nicht. Ohne Draco oder Severus war er verloren auf dem Gebiet. Er hoffte, dass er wenigstens nicht im Anfängerkurs landen würde. Draco schaffte es da sicher zu den Profis. Schließlich war es Zeit für die erste praktische Prüfung. Sie wurden in kleinen Gruppen aufgerufen, nach dem Alphabet geordnet. Daher mussten Harry und Draco ziemlich lange warten, Draco sogar noch etwas länger als Harry. Endlich kam der ehemalige Gryffindor an die Reihe und trat ein. Eine junge Frau winkte ihn zu sich.

„Mister Potter-Snape, nicht wahr?“, fragte sie.

Harry nickte nur.

„Gut, ich bin Heilerin Buckmaster. Direktorin Newton hat mir gesagt, dass sie ein Vampir sind und ich denke, wir werden nun einmal sehen, wie gut ihre Heilmagie ausgebildet ist. Keine Sorge, niemand ist wirklich verletzt, wir testen hier ja nur.“, erklärte sie.

Wieder nickte Harry lahm, befolgte aber die Anweisungen genau. Er kannte bereits einige Zauber, mit denen man Wunden heilen konnte und wusste auch, wann man welchen davon verwendete. Die Durchführung fiel ihm nicht schwer, wie eigentlich fast jeder Zauber, den er bisher gelernt hatte, vor allem, seit Devon ihn gebissen hatte. Sogar der Zauber, der die Wunden des ‚Sectumsempra‘ heilen konnte, war für Harry nicht schwer. Doch er kannte sich nur mit Wunden an der Oberfläche aus, tiefergehende und vor allem innere Verletzungen konnte er nicht behandeln. Eine halbe Stunde später war Harry fertig für heute und Draco war an der Reihe. Auch er hatte einige Zauber zum Heilen auf Lager, aber lange nicht so viel Können wie Harry. Schließlich trafen sie sich wieder in der Eingangshalle und gingen in Severus´ Lehrerwohnung, die ihnen genug Platz bot, um zu dritt darin zu leben. Nach einem frühen Abendessen gingen zumindest Harry und Draco zeitig schlafen, während Severus noch an seinen ersten Unterrichtsstunden arbeitete. Während seine beiden Gefährten in den Prüfungen gewesen waren, hatte er sich mit seinem Vorgänger zusammengesetzt und sie hatten den Lehrplan für die verschiedenen Jahrgangsstufen und die verschiedenen Kurse auseinandergenommen. Jetzt arbeitete Severus daran weiter und versuchte, sein eigenes System mit dem vorhandenen System in Einklang zu bringen, was scheinbar nicht ganz einfach war. Immer wieder fluchte er farbenfroh vor sich hin und besserte manches aus, strich andere Aufzeichnungen komplett durch und arbeitete sich durch verschiedene Lehrbücher, die als Leitfäden galten. Erst gegen ein Uhr morgens ließ er es liegen und legte sich ins Bett, um noch einige Stunden zu schlafen, da er am Morgen mit seinem Vorgänger zusammen die Einteilung mit vornehmen sollte. Man musste hochkonzentriert sein, wenn Zaubertränke gebraut wurden, da es schnell zu verheerenden Folgen kommen konnte, wenn jemand einen Fehler machte. Er schlüpfte zu seinen Gefährten unter die Decke, die sich automatisch an ihn kuschelten. Leise schmunzelnd schlief er zufrieden ein.

Am nächsten Morgen ging Harry besonders nervös zum Frühstück. Auch wenn Severus ihm vorher noch einmal versichert hatte, dass er Harry liebte, egal, wie er nun bei den Tränken abschnitt, Harry wollte ihn einfach nicht enttäuschen. So lange hatte Severus mit ihnen gelernt und ihm alle möglichen Tricks beigebracht und jetzt stand er als Prüfer mit dabei, wenn sie ihre Tränkekunst zeigten. Severus hielt ihn an der Tür noch einmal auf.

„Trink, Harry.“, sagte er leise und legte den Kopf auf die Seite, dass Harry gut an den Hals kam.

Dankbar leckte Harry kurz über den Hals und biss sich dann durch die zarte Haut an Sevs Halsbeuge. Nach ein paar Schlucken fühlte er sich viel ruhiger und hörte auf. Seine Zunge strich noch einmal über die Wunde, die sich sofort schloss und verheilte. Er verharrte noch einen Moment und genoss die starken Arme um seinen Oberkörper, Severus´ Kopf an seiner Schulter.

„Danke, Sev. Ich liebe dich.“, wisperte Harry schließlich und löste sich widerstrebend von seinem Gefährten.

„Jetzt geh und zeig, was du kannst!“, forderte Severus leise.

Harry lächelte ihm zu und ging zum Frühstücken. Draco wartete am Eingang der Halle auf ihn, er wusste, dass der Schwarzhaarige alleine unsicher wurde. Auch wenn es schon viel besser war, Harry war froh, dass Draco meist in seiner Nähe blieb. Er war immer noch ein wenig nervös, aber zuversichtlich, die heutigen Prüfungen gut hinter sich bringen zu können. Wenn er sein Bestes gab, dann konnte er zufrieden sein. Ein Profi würde er sicher nicht werden, aber wenn er nicht gerade mit den Anfängern lernen musste, dann konnte er damit leben. Letztendlich wurde es besser, als Harry befürchtet hatte und Severus erklärte ihm am Abend, dass er durchaus zufrieden mit seiner Leistung war. Wahrscheinlich würde Harry bei den Fortgeschrittenen landen und Draco bei den Profis, aber bei Draco war es eigentlich nie eine Frage gewesen. Auch die weiteren Prüfungstage gingen gut an den beiden Jugendlichen vorbei. Draco wusste, dass er bei Muggelkunde unter den Anfängern landen würde, obwohl er dank Harry nun schon Einiges wusste, aber viel davon war nicht gefragt worden und daher konnte er kaum Fragen beantworten. Komischerweise störte es ihn nicht. Am Ende waren sie, und alle anderen Schüler auch, froh, dass es vorbei war. Sie hatten nun schon einen Einblick bekommen, was sie am Ende eines jeden Trimesters erwarten würde, wenn es um die Prüfungen ging. Sie genossen richtiggehend die letzten freien Tage vor Beginn des neuen Schuljahres und erkundeten das Schulgelände und die Wälder außenherum, zusammen mit Jonah und David.

Am letzten Ferientag gingen sie dann zusammen mit der Familie Walters in die nächstgelegene Zauber-Einkaufsstraße, die in Chicago direkt am Lake Michigan lag. Als Draco den Namen hörte, war er mit Begeisterung dabei: Sie hieß Dragon-Alley. Ausgelassen schlenderten die fünf Walters und die drei Snapes durch die Straße, blieben vor dem einen oder anderen Geschäft stehen und besorgten die restlichen Dinge, die sie für die Schule brauchten. Hier fand Draco dann auch endlich ein Haustier, das ihm gefiel. Irritierend für alle wurde es eine kleine, bunt gemusterte junge Ratte. Sie war auf Draco gesprungen, als sie in dem Tierladen waren, um Eulenkekse für Hedwig und Spielzeug für Escalada zu kaufen und er hatte sich sofort für das Tier entschieden. Er nannte sie Jumper, weil sie so einen Sprung hingelegt hatte, um zu ihm zu kommen und sie blieb auf seiner Schulter sitzen und ließ sich durch die Einkaufsstraße tragen. Am Ende saßen sie dann noch in einer Eisdiele mit direktem Blick auf den Lake Michigan und sahen den vielen Booten zu, die auf dem See herumfuhren. Harry bemerkte Severus´ aufmerksamen Blick auf die motorisierten kleinen Schiffe und machte sich eine gedankliche Notiz, das könnte vielleicht etwas für ihren Mann sein. Es dauerte zwar noch eine Weile, bis Severus wieder Geburtstag hatte und auch bis Weihnachten war noch ein bisschen hin, aber Ideen waren immer gut. Erst gegen Abend kamen sie zurück an die Schule, wo sie zum Abendessen erwartet wurden, das eine Willkommensfeier für alle Schüler war.

 

Das Abendessen am letzten Ferientag war zu einer kleinen Belastungsprobe für Harry geworden, als plötzlich um die tausend Menschen in der Halle saßen und alle gleichzeitig zu Abend essen wollten. Doch als sich die Rektorin erhob, war es auf einmal absolut still. Sie hielt eine kurze Willkommensrede, begrüßte vor allem die neuen Schüler noch einmal und ermahnte sie, im Falle von Problemen zu den Vertrauenslehrern zu gehen. Auch Harry und Draco hatten einen Vertrauenslehrer bekommen, obwohl sie mit einem Lehrer zusammen lebten, aber es war entschieden worden, dass sie noch eine neutrale Vertrauensperson bekommen sollten. Die jeweiligen Vertrauenslehrer trafen sich am Abend nach dem Essen noch mit „ihren“ Schülern, damit diese sich untereinander schon ein wenig kennenlernen konnten. Harry war froh, dass Draco mit in der Gruppe war und dass Amelie Walters ihre Vertrauenslehrerin war, so fühlte er sich nicht völlig fremd. Sie lernten zumindest die Namen der anderen achtzehn Schüler kennen, für die Amelie zuständig war. Jeder Vertrauenslehrer hatte zwanzig Schüler, die immer zu ihm kommen konnten und untereinander eine kleine Einheit bilden sollten. Zumeist waren sie in der gleichen Jahrgangsstufe, sodass sie am ersten Unterrichtstag nicht völlig alleine unterwegs waren. Von ihr bekamen sie auch ihre Stundenpläne. Harry und Draco verglichen die Stundenpläne. Zuerst sahen sie Harrys Stundenplan an: (A/N: ich habe die gemeinsamen Fächer der beiden markiert, damit ein besserer Überblick möglich ist)

Montag: Doppelstunde Zauberkunst Fortgeschrittene, Professor Cole; Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste Profis, Professor M. Walters; Doppelstunde Kräuterkunde Fortgeschrittene; Professor Green; Mittagspause; drei Stunden Verwandlung Profis, Professor Mooney (hier musste Harry lachen und konnte sich kaum mehr beruhigen)

Dienstag: Doppelstunde Tränke Fortgeschrittene, Professor Snape; Doppelstunde Runen Anfänger; Professor Spillers; Doppelstunde Physik/Chemie, Professor Sexton; Mittagspause; Doppelstunde Dunkle Magie Fortgeschrittene; Professor M. Walters; Muggelgeschichte, Professor Campbell; in der Nacht dann noch Astronomie Praxis, Professor Holben, allerdings im drei-Wochen-Rhythmus

Mittwoch: Doppelstunde Zaubereigeschichte Fortgeschrittene, Professor Thompson; Doppelstunde Muggelkunde Profis, Professor A. Walters; Doppelstunde Zauberkunst Fortgeschrittene, Professor Cole; Mittagspause; drei Stunden Tränke Fortgeschrittene; Professor Snape

Donnerstag: Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste Profis, Professor M. Walters; Doppelstunde Tränke Fortgeschrittene, Professor Snape; Doppelstunde Heilen Fortgeschrittene, Heilerin Buckmaster; Mittagspause; drei Stunden Pflege magischer Geschöpfe Profis, Professor Gainey

Freitag: Doppelstunde Runen Anfänger; Professor Spillers; Doppelstunde Verwandlung Profis, Professor Mooney; Doppelstunde Astronomie (Theorie), Professor Holben; Mittagspause; Doppelstunde Sport

Schließlich widmeten sie sich Dracos Stundenplan und verglichen, welche Stunden sie gemeinsam hatten:

Montag: Doppelstunde Zauberkunst Fortgeschrittene, Professor Cole; Doppelstunde Muggelkunde Anfänger, Professor A. Walters; Doppelstunde Kräuterkunde Fortgeschrittene, Professor Green; Mittagspause; drei Stunden Tränke Profis, Professor Snape

Dienstag: Doppelstunde Runen Profis, Professor Spillers; Doppelstunde Verwandlung Fortgeschrittene, Professor Mooney; Doppelstunde Physik/Chemie, Professor Sexton; Mittagspause; Doppelstunde Heilen Anfänger, Heilerin Buckmaster; Muggelgeschichte, Professor Campbell; in der Nacht dann noch Astronomie Praxis, Professor Holben, allerdings im drei-Wochen-Rhythmus

Mittwoch: Doppelstunde Zaubereigeschichte Fortgeschrittene, Professor Thompson; Doppelstunde Dunkle Magie Profis, Professor M. Walters; Doppelstunde Zauberkunst Fortgeschrittene, Professor Cole; Mittagspause; drei Stunden Pflege magischer Geschöpfe Fortgeschrittene, Professor Gainey

Donnerstag: Doppelstunde Runen Profis, Professor Spillers; Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste Fortgeschrittene, Professor M. Walters; Doppelstunde Tränke Profis, Professor Snape; Mittagspause; drei Stunden Verwandlung Fortgeschrittene, Professor Mooney

Freitag: Doppelstunde Tränke Profis, Professor Snape; Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste Fortgeschrittene, Professor M. Walters; Doppelstunde Astronomie (Theorie), Professor Holben; Mittagspause; Doppelstunde Sport

Gerade Harry war froh, dass er zumindest Zauberkunst, Kräuterkunde und Zaubereigeschichte zusammen mit Draco hatte, ebenso wie Muggelgeschichte, Physik/Chemie und Astronomie, was sie mit der gesamten Jahrgangsstufe in den großen Hörsälen hatten. Beim Sport mussten sie sehen, in welchen Mannschaften sie aufgenommen wurden, konnten sich aber die ersten Wochen einfach mal ausprobieren, bevor sie sich festlegten. Die Auswahlspiele und die Mannschaftsbildungen begannen erst Mitte November, was ihnen etwa sechs Wochen zum Probieren ließ. So saßen Harry und Draco am ersten Schultag nebeneinander in Professor Teresa Coles Klassenraum und freuten sich auf Zauberkunst. Etwas, das sie seit über einem Jahr nicht mehr gemacht hatten, daher waren sie froh, dass es im ersten Teil der Stunde hauptsächlich um Wiederholung ging. Auch wenn die meisten Schüler in ihrer Jahrgangsstufe ein Jahr jünger als Harry und Draco waren, da die beiden ein Schuljahr komplett verpasst hatten (die Hiawatha School of Magic legte keinen Wert auf die ZAG-Prüfungen und sie hatten Harry den Besuch der sechsten Klasse ermöglicht) und nun nicht mit der siebten Klasse beginnen konnten. Nach dieser Doppelstunde trennten sich dann ihre Wege und Harry ging zu Mitchells Klassenzimmer, um dort Verteidigung zu lernen, während Draco zu Amelie in Muggelkunde ging. Gerade für Draco war die Stunde sehr anstrengend, dachte er doch eigentlich, inzwischen viel über die Muggelwelt zu wissen, aber er war erstaunt, was er gleich in der ersten Doppelstunde alles lernte. Sie bekamen Informationen über Muggelsprichwörter und ihre Hintergründe und was sie eigentlich bedeuteten. Draco schwirrte am Ende der Kopf. Warum sagte Harry nie solche Dinge? Wahrscheinlich, weil er es nie von seinen Verwandten gelernt hatte, wurde Draco klar und er entschied sich, ihn nicht darauf anzusprechen.

Harry hingegen hatte Spaß im Verteidigungsunterricht. Seine Magie erlaubte ihm auch komplexe Zauber zu verwenden und Mitchell bat ihn, ihm bei einem Experiment zu helfen und duellierte sich ein paar Minuten mit ihm, was Harry unheimlich Spaß machte, da er die komplexen Zauber, die Remus ihm beigebracht hatte, nutzen konnte und Erstaunen bei seinen Mitschülern hervorrief. Nun stand er zwar wieder im Mittelpunkt, aber nicht wegen seiner Narbe oder weil er Harry Potter war, sondern weil er etwas konnte. Danach lernten sie einen Schildzauber, der deutlich stärker als der Protego war und die Energie der feindlichen Zauber absorbieren konnte, aber sehr starke Konzentration brauchte, um aufrechterhalten zu werden.

Für Kräuterkunde trafen sie sich dann im Gewächshaus bei Professor Sherman Green und waren schließlich froh, als sie zum Mittagessen gehen konnten. Der erste Vormittag war anstrengend für beide gewe