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Aus dem richtigen Holz Teil 1

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27.06.20 15:12
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

„Slytherin!“

In der absoluten Stille der großen Halle klang die Stimme des sprechenden Hutes unnatürlich laut. Erst, als Professor McGonagall den Hut vom Kopf des kleinen Jungen nahm und man die schwarzen Haare und die grünen Augen wieder sehen konnte, begann ein Raunen. Niemand hätte mit dieser Wahl gerechnet. Harry Potter, der Junge-der-lebt, Sohn zweier Gryffindors, kam nach Slytherin? Diese Neuigkeit musste sofort diskutiert werden, so schienen es die Schüler zu sehen. Und die Professoren ebenso, auch sie steckten ihre Köpfe zusammen. Alle, außer dem schwarzhaarigen Tränkemeister, der in ebenso schwarzen Roben steckte und einen unheimlichen Eindruck machte. Seine Augenbraue wanderte überrascht bis beinahe zum Haaransatz, als er Potter genauer ins Auge fasste. Nie hätte er erwartet, den Bengel in sein Haus zu bekommen. Verdammt, da hatte er wohl einige Dinge, über die er sich nun klar werden musste. Dem Bengel schien die ganze Aufmerksamkeit zuwider, er zog den Kopf ein, machte sich noch kleiner, als er ohnehin war. Meine Güte, der Bengel war kleiner als jeder andere Schüler, er wirkte, als wäre er gerade mal neun Jahre. Langsam schlich er zum Haustisch der Schlangen, ließ sich von Draco auf die Bank ziehen. Im Sitzen war er kaum noch zu sehen, so klein war er. Beinahe einen ganzen Kopf kleiner als Draco, wurde Severus Snape bewusst. Der Junge zog den Kopf ein und blickte auf den Tisch, ignorierte den Applaus und die freudigen Ausrufe seiner neuen Hauskameraden. Er wirkte, als wolle er am liebsten in einem Mauseloch verschwinden. Das würde er ihm noch austreiben, entschied sein neuer Hauslehrer. Die Slytherins zeigten, was sie konnten. Er erwartete von allen seinen Schülern, ihr Bestes zu geben, und vielleicht noch ein wenig mehr.

Als die Auswahlzeremonie endlich zu Ende war und das Essen auf den Tischen erschien, war Harry vollkommen überfordert von der reichhaltigen Auswahl. Viele der Dinge kannte er nicht einmal. Er griff nur nach etwas Gemüse und ein paar Nudeln, da war er sicher. Es schmeckte deutlich besser als alles, was er bisher bekommen hatte. Dennoch legte er nach nur wenigen Bissen den Löffel hin. Mehr konnte er nicht essen. Ihm war immer noch, oder schon wieder, so genau wusste er es nicht, ziemlich übel. Außerdem fror er schrecklich, aber er durfte nicht auffallen, das hatte Onkel Vernon sehr deutlich gemacht.

„Du wirst dich von deiner besten Seite zeigen.“, warnte Onkel Vernon, bevor er am Bahnhof Kings Cross aussteigen durfte. „Niemand erfährt, was zuhause passiert. Du weißt, dass du es nicht anders verdient hast, du Freak!“ Harry nickte nur, etwas anderes kam gar nicht in Frage. „Sollte jemand etwas erfahren, bist du schneller wieder hier als du ‚Auf Wiedersehen‘ sagen kannst, ist das klar?“ Wieder nickte Harry gehorsam. Ihm war bewusst, dass dann alles nur noch schlimmer werden würde. Die Vorfreude auf Hogwarts wich langsam dem vollkommenem Entsetzen, als er erkannte, dass sich nichts ändern würde, auch wenn er nun von den Dursleys weg kam, denn er musste immer wieder zurück in den Ferien. Als er an seinem Geburtstag mit Hagrid unterwegs gewesen war, hatte er geglaubt, dass nun ein besseres Leben begann, aber nun war ihm klar, dass das nicht stimmen konnte. Er hatte Angst, nicht um sich, aber um seine Eule Hedwig, die er kaum schützen konnte. Onkel Vernon hatte gedroht, dieses Federvieh umzubringen, sollte sie nur einmal eine falsche Bewegung machen. Dass sich Tante Petunia vor Eulen fürchtete, hatte Harry vergessen, als Hagrid ihm die Schneeeule geschenkt hatte. „Denk immer daran, Bursche.“, fuhr Vernon ungerührt und mit drohendem Tonfall fort. „Du bist ein mittelmäßig begabter Schüler, du wirst dort nicht auffallen und niemandem ein Wort sagen. Deine Tante und ich erwarten von dir, dass du in den Ferien die Arbeit nachholst, die du nun nicht machen kannst. Und denk immer daran, was passieren wird, sollte jemand Verdacht schöpfen.“ Eine Geste zeigte sehr deutlich, was er damit meinte. Harry wusste es auch so, Onkel Vernon hatte es ihm die letzten Tage bereits deutlich gemacht. Noch immer konnte er nur sitzen, wenn er die Zähne zusammen biss, denn die Schmerzen waren diesmal wirklich schlimm. Aber er war entschlossen, es auszuhalten und niemandem etwas zu sagen, um Hedwig, seine Eule, zu beschützen. Sie durfte nicht leiden, war sie ihm doch immer treu.

Also ging er in den Bahnhof, schleppte seinen schweren Koffer und den Eulenkäfig mit sich. Anfangs hatte er panische Angst, den Zug nicht zu finden und zurück nach Little Whinging zu müssen, doch dann traf er auf die nette Familie, die ihm durch die Absperrung half. Auf der anderen Seite hatte er sich hastig davon gemacht, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, weil er leicht humpelte. Außerdem wusste er, dass er Fieber hatte. Sein Körper musste ziemlich heiß sein, so stark wie er fror und zitterte. Deshalb hatte er seinen Koffer und den Eulenkäfig so schnell wie möglich in den Zug gehievt und sich in ein Abteil gesetzt. Die Fahrt über hatte er fast die ganze Zeit geschlafen, und wenn er nicht gerade schlief, dann las er. Endlich konnte er die Schulbücher in die Hand nehmen, die sein Onkel ihm vorher abgenommen hatte. Die anderen Schüler, die in seinem Abteil saßen und sich unterhielten, ignorierte er, und sie ihn.

„Hey, Harry!“, riss ihn eine Stimme aus den Gedanken. Harry sah auf. Draco blickte ihn an. „Das Essen ist vorbei, unsere Vertrauensschüler wollen uns in unseren Gemeinschaftsraum bringen.“, erklärte der Blonde.

Hastig stand Harry auf und schloss sich den anderen Schülern an. Inzwischen tat ihm alles weh und er konnte es kaum noch verbergen. Dennoch biss er die Zähne zusammen, er wollte auf keinen Fall, dass jemand etwas mitbekam. Nein, Hedwig durfte nichts passieren. Dafür nahm er Viel in Kauf, egal, was es ihn kostete. Sicherlich wurde es bald besser, wenn sein Onkel nicht hier war. Harry ging zumindest davon aus, dass er hier nicht bestraft wurde. Nun ja, er hoffte es. Langsam trottete er hinter den anderen Slytherins her, bis sie im Kerker ankamen. Jedenfalls wirkte dieser Teil des Schlosses so auf Harry. Ob er es jemals schaffen würde, sich zu orientieren? Wenn er jetzt zurück in die große Halle müsste, er würde sich rettungslos verlaufen. Er konnte sich nicht konzentrieren, sein Kopf fühlte sich viel zu leicht an. Er bekam nicht einmal mit, was das Passwort war, oder dass der Vertrauensschüler darauf hinwies, wo das Büro ihres Hauslehrers war.

„Setzt euch alle!“, forderte der Vertrauensschüler sie auf. Die älteren Schüler hatten sich bereits verteilt, aber in der Mitte des Raumes standen noch genug Bänke und Stühle, sodass sich alle neuen Schüler setzen konnten. Harry ließ sich auf einem Stuhl nieder, biss erneut die Zähne zusammen. Diesmal konnte er ein leises Zischen nicht unterdrücken. Zu seinem Glück war es so laut im Gemeinschaftsraum, dass niemand es hörte.

Der Vertrauensschüler wandte sich an die anderen Schüler. „Hey, seid mal leise!“, rief er. Als es still war, drehte er sich wieder zu den neuen Erstklässlern um. „Also, es gibt hier einige Regeln, zusätzlich zu den allgemeinen Schulregeln. Erstens: wir gehen immer gemeinsam zum Essen und zurück. Natürlich müsst ihr nach dem Frühstück nicht zurück in den Gemeinschaftsraum, wenn ihr Unterricht habt. Nehmt also eure Taschen immer gleich mit. Wir Slytherins kommen nicht zu spät, ansonsten bekommt ihr Ärger mit unserem Hauslehrer. Und lasst euch sagen, das ist kein Spaß. Dennoch gehen wir gemeinsam aus der großen Halle, da gibt es keine Ausnahmen. Dort bekommt ihr übrigens morgen auch eure Stundenpläne. So viel dazu. Zweitens: es gibt keine Streitigkeiten in der Öffentlichkeit. Wenn es Probleme zwischen euch gibt, dann klärt das hier. Auch dafür sind wir Vertrauensschüler da. Sollten auch wir keine Lösung finden, werden wir unseren Hauslehrer Professor Snape mit hinzu ziehen. Damit kommen wir gleich zu drittens: Professor Snape legt Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Dafür sind nicht nur die Hauselfen zuständig. Unsere Sachen müssen wir selbst aufräumen, und das wird der Professor auch regelmäßig kontrollieren. Heute Abend habt ihr Zeit, alles einzuräumen, eure Koffer sind bereits in den Zimmern. Die Zimmer sind dort hinten, wenn ihr die Treppe hinauf geht, dort kommt ein Flur. Auf der rechten Seite schlafen die Mädchen, die Zimmertüren sind beschriftet. Die Jungs schlafen links. Ihr habt immer zu zweit ein Zimmer, dort habt ihr auch einen Schreibtisch. Erledigt eure Hausaufgaben ordentlich, auch das erwartet Professor Snape. In der Bibliothek findet ihr zusätzliche Bücher, wenn eure Schulbücher nicht genug Information enthalten. In den nächsten Tagen führen wir euch durch die Schule, damit ihr euch auskennt. Zögert nicht, uns zu fragen, solltet ihr euch nicht zurecht finden. Es ist ein altes, magisches Schloss, das kann zu Verwirrung führen. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, wechseln die Treppen auch gerne mal die Richtung, also passt auf. Geht auch immer mindestens zu zweit durch die Flure, gerade die Gryffindors verhexen uns gerne, auch wenn das Zaubern auf den Fluren verboten ist. Also passt auf. Okay, ich denke, das reicht für heute. Haltet euch an die Regeln, dann bekommt ihr auch keinen Ärger. Jetzt schlage ich vor, ihr geht in eure Zimmer und packt eure Koffer aus. Morgen Abend wird unser Hauslehrer kontrollieren, bis dahin sollte es ordentlich sein. Geht heute bald schlafen, morgen früh geht der Unterricht los, und da solltet ihr ausgeruht sein. Wenn etwas sein sollte, wir Vertrauensschüler haben jeweils das erste Zimmer im Flur, ihr könnt kommen, wenn etwas ist. Sollten noch Fragen sein, wir sind noch eine Weile hier. Ansonsten gute Nacht.“

Die anderen neuen Schüler standen nun auf, daher schloss sich Harry an. Er hoffte, dass er keinen unangenehmen Zimmerkameraden haben würde. Er hatte genug von seinem Cousin Dudley, und zwei der anderen Schüler sahen so ähnlich aus. Natürlich konnte das Aussehen nicht unbedingt den Charakter verraten, aber Harrys Erfahrungen saßen tief. Suchend ging er durch den genannten Flur und las die Namen auf den Türen. Es dauerte eine Weile, er musste einer Biegung des Flures folgen, dann endlich fand er seinen Namen auf einer Tür, gemeinsam mit dem Namen Draco Malfoy. Nun, das könnte funktionieren. Obwohl Draco ziemlich arrogant schien. Aber er war sicher kein Schläger.

Der Blonde war bereits im Zimmer, hatte ein Bett in Beschlag genommen und räumte gerade seinen Koffer aus. Harry staunte, wie viele Kleidungsstücke in seinem Koffer Platz gefunden hatten. Und wie edel diese Dinge aussahen, die waren bestimmt teuer. Auch, wenn Harry sich damit nicht auskannte, aber das war selbst ihm klar. Nun war es ihm beinahe peinlich, wenn er seinen eigenen Koffer öffnen musste. Die alten Klamotten von Dudley waren das Einzige, was er hatte, und die hatten ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Am liebsten wäre er nun einfach ins Bett gegangen, er war so furchtbar müde.

„Hey.“, grüßte ihn Draco. „Ich hoffe, du schnarchst nicht, sonst kann ich nicht schlafen.“

„Äh, keine Ahnung, ich glaube nicht.“, antwortete Harry.

„Ich bin es nicht gewohnt, mit jemandem im Zimmer zu schlafen.“, gab Draco zu, während er den nächsten Stapel Kleidung ordentlich im Schrank verstaute.

„Ich auch nicht.“ Harry verriet nicht, dass er in einem Schrank gelebt hatte bisher, aber er hatte diesen Raum tatsächlich für sich alleine gehabt. Er griff in seinen Koffer und versuchte, vor Draco zu verbergen, was er darin hatte. Einzig seine Uniform war neu, alles Andere sah fürchterlich aus. Außerdem hatte er kaum etwas, in seinem Koffer war mehr Luft als sonst etwas. Ob er hier eine Möglichkeit hatte, seine Sachen zu waschen? Er würde die Augen offen halten, es war ihm lieber, wenn er niemanden fragen musste. Nur nicht auffallen.

Draco ignorierte seinen Mitbewohner für den Moment. Er hätte sich Harry Potter ganz anders vorgestellt, dieser Junge hier war irgendwie verschüchtert und schreckhaft, sprach kaum ein Wort. Aber vielleicht war er einfach nur müde. Auch Draco war geschafft, die Zugfahrt war aufregend gewesen, dann die Einteilung und das Festmahl, das Schloss und jetzt die erste Nacht im Internat. Das konnte schon überfordern. Natürlich würde Draco das nicht zugeben, aber die Tatsache, dass er nach dem Ausräumen seines Koffers direkt im Bad verschwand, zeigte das deutlich. Mit einem Buch legte er sich anschließend ins Bett, während Harry nun ebenfalls ins Bad ging und sich danach in seinem Himmelbett einrollte. „Gute Nacht.“, wünschten sie einander, und bald war es still im Zimmer.

Bis Draco mitten in der Nacht wach wurde. Die Atmosphäre hier war ganz anders als in seinem Zuhause, im Manor. Daher schlief er unruhiger als sonst, wachte immer wieder auf. Ein Blick auf seinen Wecker zeigte ihm, dass es kurz nach Mitternacht war. Im Zimmer war es nicht komplett dunkel, daher konnte er sehen, dass das Nachbarbett leer war. Nun, vielleicht war Harry im Bad? Draco drehte sich um, wollte weiter schlafen, doch er lauschte unwillkürlich nach seinem Zimmerkameraden. Nach einer Weile stand er auf und sah nach, denn es ließ ihm keine Ruhe. Doch im Bad war Harry nicht, wie ihm ein schneller Blick bestätigte. Draco blickte sich um, das Bett war eindeutig leer, er hatte sich nicht getäuscht. Wo war Harry dann? War er zum Vertrauensschüler gegangen? Aber der würde ihn doch sicher zurück ins Zimmer bringen. Draco setzte sich auf sein Bett und grübelte. Sollte er im Gemeinschaftsraum nachsehen?

Plötzlich fiel sein Blick auf den Schrank von Harry. Der stand ein Stück offen, aber er war sicher, dass der Andere ihn gestern zugemacht hatte. Sein Instinkt ließ ihn aufstehen und zur Schranktür gehen. Vorsichtig zog er sie auf, verzog dabei das Gesicht, als sein Blick auf die verschlissene Kleidung fiel. Bereits in der Winkelgasse, als er Harry das erste Mal gesehen hatte, war ihm aufgefallen, wie schlecht dieser gekleidet war. Sein Blick wanderte über die Regalfächer weiter nach unten, bis er geschockt die Luft einzog.

Severus war froh, als er sich endlich in seine Räume zurückziehen konnte. Seit Jahren hasste er den ersten Schultag wie kaum einen anderen Tag. Ab heute musste er wieder alleine im Bett schlafen, kein Wunder, dass seine Laune immer im Keller war. Hier in den Kerkern war es ohnehin kalt, aber wenn dann auch das Bett noch kalt und einsam war, war es noch viel fürchterlicher. Seine Laune sank von Minute zu Minute. Lieber ließ er sich die Auswahlzeremonie noch einmal durch den Kopf gehen. Alle waren geschockt, das konnte man den Lehrern ansehen. Ausgerechnet Potter kam nach Slytherin. Jeder war davon ausgegangen, dass Potter in Gryffindor landen würde, genau wie seine Eltern. Wieso ausgerechnet Slytherin? Welche Macht wollte ihn hier ärgern? Hatte er das Schicksal verärgert? Seufzend setzte er sich auf sein Sofa und goss sich ein Glas Feuerwhiskey ein. Nachdenklich nippte er daran. Seine Gedanken beschäftigten sich weiter mit dem Bengel. Sobald er durch das Portal gekommen war, wurde Severus klar, dass der Kleine wohl nicht viel mit seinem Erzeuger gemeinsam hatte. Alleine die Haltung machte das deutlich. James Potter war stolziert, hatte sich hofieren lassen. Immer hatte er dafür gesorgt, dass alle auf ihn achteten. Harry Potter hingegen hatte sich richtiggehend versteckt, ihm war die Aufmerksamkeit ganz eindeutig zuwider gewesen. Die ganze Haltung zeugte von Vorsicht, oder gar Angst. Vielleicht sollte er mit dem Jungen mal einzeln sprechen. Zwar hatte Severus den Jungen nur von weitem gesehen, aber diese grünen Augen hatten sich in sein Hirn eingebrannt. Sie wirkten derart gehetzt, wie es bei keinem Kind sein sollte.

Er trank einen weiteren Schluck. Erneut rief er sich das Bild des Kindes ins Gedächtnis. Harry Potter war nicht nur ziemlich klein, sondern beinahe ausgemergelt. Die Uniform hing an ihm, als wäre sie ihm zu groß. Dabei war doch Hagrid mit ihm in der Winkelgasse gewesen? Damit hatte sich der Halbriese jedenfalls gebrüstet. Der Wildhüter hatte dem Jungen wohl seinen Schulbrief gebracht und ihm die magische Einkaufsstraße gezeigt, mit ihm die Schulsachen besorgt. Aber er hatte nichts darüber erzählt, dass es dem Jungen nicht gut ging. Das Einzige, was der Halbriese erzählt hatte, war die Gefräßigkeit von Harrys Cousin. Verfressen war der Bengel mit Sicherheit nicht. Severus behielt seine Schüler immer im Auge, wenn sie in der großen Halle waren, und da war ihm aufgefallen, dass Harry so gut wie nichts gegessen hatte. Nun gut, das alleine war kein Hinweis, es könnte sein, dass er sich im Zug an Süßigkeiten überfressen hatte. Wäre nicht der erste Schüler, bei dem es so war. Aber zusammen mit den anderen Hinweisen ergab sich ein schreckliches Bild. Ja, er musste morgen mit ihm reden.

Seit Jahren ging Severus erst am zweiten Abend in den Gemeinschaftsraum. Anfangs hatte er das gleich am ersten Abend gemacht, musste aber feststellen, dass die Kinder einfach zu fertig waren nach der langen Anreise und den vielen neuen Eindrücken. Daher überließ er die erste Einführung in die Hausregeln den Vertrauensschülern, die auch dafür zuständig waren, den neuen Schülern ihre Zimmer zu zeigen. Morgen würden sie die Erstklässler zu ihren Klassenzimmern bringen, sobald er ihnen die Stundenpläne gegeben hatte. Das war bei den ersten beiden Jahrgängen noch kein Problem, schwierig wurde es erst ab der dritten Klasse. Aber darüber machte er sich heute Abend keine Gedanken mehr. Dank des Alkohols war sein Kopf inzwischen deutlich leichter. Morgen Abend hatte er weniger Gelegenheit zu trinken, aber auch weniger Zeit in Einsamkeit zum Grübeln, was ihm deutlich lieber war. Denn morgen Abend ging er, wie immer, zu seinen Schülern. Er kontrollierte die Zimmer, sah nach, ob es allen gut ging. Nicht nur einmal hatte er bisher Schüler in seinem Haus gehabt, die nicht so gesund und unversehrt waren, wie es auf den ersten Blick aussah. Er wusste, dass es in vielen Haushalten völlig normal war, die Kinder körperlich zu bestrafen. Manchmal nahm das Ausmaße an, die definitiv das Kindeswohl gefährdeten. Und da schritt er ein. Er war nicht geschult, auch wenn er sich das manchmal wünschte, denn solche Schulungen gab es in der magischen Welt nicht, nur bei den Muggeln. Er konnte nur auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Und davon hatte er leider mehr als genug. Deshalb war ihm auch sofort Potter ins Auge gestochen. Die geduckte Haltung, die gehetzten Augen, die Anzeichen von Unterernährung, und auch die vorsichtigen Bewegungen. Eindeutig, er musste mit dem Jungen reden. Wenn der überhaupt sprechen würde. Jugendliche, die vernachlässigt oder gar misshandelt wurden, vertrauten Erwachsenen nicht. Hatte auch er nicht. Severus hatte lange gebraucht, um Vertrauen zu Erwachsenen zu fassen. Sein Vater hatte getrunken und sich unter anderem an ihm ausgetobt. Jedes Mal, wenn Severus ein solches Kind in seinem Haus hatte, kamen die Erinnerungen zurück. Er schauderte. Auch, wenn er immer wieder mit seinem Vertrauten darüber sprach, so würde es sicher nie ganz verschwinden. Vor allem, wenn es immer wieder aufgewühlt wurde. Dennoch musste er seinen Schülern helfen, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Severus trank sein Glas aus und ging ins Bad. Auch, wenn nur ein leeres Bett im Schlafzimmer auf ihn wartete, so musste er doch langsam schlafen gehen. Der morgige Tag würde anstrengend und lang werden, vor allem, weil er dann auch noch Aufsicht in der Nacht hatte. Ruhelos wälzte er sich hin und her, als er im Bett lag, fand nicht die richtige Position, um einschlafen zu können. Ihm fehlte der Körper auf der anderen Bettseite, der Arm um seine Taille. Seit Beginn der Sommerferien hatte er nicht mehr alleine schlafen müssen. Es war wie jedes Jahr, die ersten Nächte waren besonders schlimm. Irgendwann gegen kurz vor Mitternacht schlief er dann doch ein.

Nur wenig später wurde er ruckartig aus dem unruhigen Schlaf gerissen, als es leise klopfte. Das war seine Bürotür, erkannte Severus. Wer wollte denn mitten in der Nacht etwas von ihm? War etwas passiert? Jetzt erkannte er auch eine Stimme. „Onkel Sev!“, rief sie laut. Draco. „Schnell, Onkel Sev! Du musst kommen!“

„Verdammt, du sollst mich hier in der Schule nicht so vertraulich ansprechen!“, zischte er, als er die Türe öffnete. Der Junge stand im Schlafanzug vor seinem Büro und blickte ihn mit weiten Augen an. Severus gab nach. „Was ist los?“, wollte er wissen.

„Ich bin aufgewacht, und da war Harry nicht da.“, berichtete Draco hastig. „Ich hab zuerst im Bad nachgesehen, aber das war leer. Da ist mir aufgefallen, dass der Schrank offen war, und ich hab ihn aufgemacht. Du kannst dir das nicht vorstellen, Harry lag unten, neben den Schuhen, auf dem Boden vom Schrank. Er zittert extrem, ist total heiß und verschwitzt. Ich kriege ihn nicht wach, sodass er zurück ins Bett kann. Ich glaube, er ist krank, Onkel Sev.“

„Zeig es mir.“, befahl Severus. Für den Moment ging er nicht erneut auf die Anrede ein, die er dem Jungen unbedingt noch abgewöhnen musste, immerhin war er nun sein Lehrer. Aber erst einmal war Harry Potter wichtiger; wenn das stimmte, was Draco da berichtete, war Eile geboten. Also hastete er hinter dem Blonden her, folgte ihm auf das Zimmer, das er sich mit Harry Potter teilte. Draco hatte so lange gebettelt, bis Severus die Einteilung so vorgenommen hatte. Der Junge war besessen davon, sich mit Harry anzufreunden. Seit er ihn in der Winkelgasse gesehen hatte, sprach Draco nur noch davon. Dummerweise hatte Harry die Freundschaft ausgeschlagen, was Draco ziemlich enttäuscht hatte. Seither wollte er unbedingt in ein Zimmer mit Harry, um ihm zu beweisen, dass er ein guter Freund war. Hatte Draco da schon geahnt, dass der Bengel nach Slytherin kam? Oder war es rein provisorisch gewesen?

Im Zimmer deutete Draco auf den Schrank, der offen stand. Severus beugte sich hinein, ließ Draco mit seinem Zauberstab leuchten. Immerhin konnte der Junge so helfen und wurde nicht ganz so panisch. Harry lag vollkommen in sich zusammen gerollt auf dem Boden des Schrankes, die Bettdecke halb über sich gelegt. Sein Schlafanzug wirkte alt, zerschlissen und einige Nummern zu groß, aber das fiel Severus nur nebenbei auf. Viel ernster war das hohe Fieber. Mit der Hand strich Severus über die schweißnasse Stirn. Der Junge glühte regelrecht. Dabei zitterte er haltlos, sodass die Zähne klapperten. Der Tränkemeister zögerte nicht lange, legte seine Arme unter die Beine und die Schultern des Kleinen, hob ihn aus dem Schrank. „Ich bringe ihn in den Krankenflügel.“, beruhigte er den aufgelösten Draco. „Du solltest wieder schlafen gehen. Harry ist in guten Händen.“

„Was ist mit ihm?“, wisperte Draco.

„Das wird die Krankenschwester schnell herausfinden, und ihn dann heilen.“, versicherte Severus. „Mach dir keine Sorgen, Drache. Schlaf jetzt, du musst morgen ausgeruht sein. Ich sage dir beim Frühstück Bescheid, in Ordnung?“

„Okay. Danke, Onkel Sev.“, lächelte Draco etwas zittrig.

„Und denk daran, ich bin Professor Snape!“, knurrte Severus noch, als er mit dem viel zu leichten Jugendlichen das Zimmer verließ. Harry wog sicherlich weit weniger als 30 Kilo, bei einer Größe von vielleicht 1,35m. Draco war groß für sein Alter, über 1,50m, gerade da fiel Harrys fehlende Größe so richtig auf. Der einzige Vorteil war, dass er ohne Probleme getragen werden konnte. So hastete Severus mit dem Jungen auf dem Arm nach oben in den Krankenflügel, legte ihn dort auf ein Bett.

Die Medihexe kam sofort, sie hatte einen Alarmzauber auf der Tür, sodass sie mitbekam, wenn jemand die Tür öffnete. „Was ist los?“, wollte sie wissen.

„Harry hat Fieber, Schüttelfrost, und er ist deutlich zu klein und untergewichtig.“, berichtete der Tränkemeister, was er wusste. „Ich habe ihn eben aus seinem Schrank geholt, wo er sich hingelegt hatte.“

„Im Schrank?“, wunderte sich die Medihexe zwischen zwei Zaubern. Sie zog dem Jungen den Schlafanzug aus. Die beiden Erwachsenen zuckten schockiert zurück, als sie die vielen Narben und Prellungen, die Quetschungen und Wunden sahen, die den Körper des Jungen beinahe vollständig bedeckten. Ein Wunder, dass Harry überhaupt noch laufen konnte! Einige Sekunden starrten sie Harry an, dann übernahm die Medihexe das Kommando. Sie beorderte Severus an ihren Vorratsschrank, von wo er ihr verschiedene Tränke und Salben bringen musste. Die Tränke zauberte sie ihm sofort in den Magen, trinken konnte er in seiner Bewusstlosigkeit ja nicht. Mit einem Zauber richtete sie einige Knochen, die nach einem Bruch offenbar schief zusammen gewachsen waren. Severus cremte inzwischen die vielen Prellungen mit einer Salbe ein, die blaue Flecke verschwinden ließ. Danach kümmerte er sich um die entzündeten Kratzer und die Narben.

Nach etwas über zwei Stunden hatten sie es soweit geschafft. Müde setzten sie sich an das Bett. Jetzt konnte Severus wohl nicht mehr schlafen. Sie zauberten Harry einen neuen Schlafanzug aus einem Taschentuch, denn den alten Fetzen wollten sie ihm nicht mehr zumuten. Dann deckte Madam Pomfrey ihn zu. „Er wird sicherlich die nächsten 24 Stunden mindestens schlafen.“, erklärte sie. „Und dann sehen wir weiter. Ich glaube nicht, dass er in den nächsten Tagen hier raus kann. Er wird psychisch ziemlich angeschlagen sein.“

„Ich werde mich um ihn kümmern.“, entschied Severus, ohne weiter darüber nachzudenken.

Poppy sah ihn verwundert an. „Bist du sicher? Ich meine, ich weiß, wie du zu seinem Vater stehst.“

„Harry ist nicht wie sein Vater.“, schüttelte Severus den Kopf. Ja, das hatte er sich die letzten Monate immer einreden wollen, aber der erste Anblick des Jungen hatte jeglichen Gedanken daran verscheucht. Lilys Augen sollten nicht so verängstigt schauen. Lily war seine beste Freundin gewesen, er hatte sich geschworen, ihren Sohn zu beschützen. Jetzt mehr denn je. Nie würde er vergessen, was James ihm angetan hatte, aber Harry konnte nichts dafür. Jetzt hatte er es zum ersten Mal ausgesprochen. Er konnte Luicus' Grinsen deutlich in seinem Geist erkennen. Schon seit ihrer Schulzeit waren sie gute Freunde, der Blonde hatte ihm immer wieder gesagt, er solle nicht vom Vater auf den Sohn schließen, das ginge doch öfter daneben.

„Ich hoffe, du bekommst ihn zum Reden, bevor er wieder zurück muss.“, seufzte Madam Pomfrey.

„Ich werde nicht zulassen, dass er zurück muss.“, knurrte Severus.

„Aber wenn du nicht beweisen kannst, wer Schuld daran ist.“, zweifelte die Medihexe.

„Wer ist sein magischer Vormund?“, wechselte der Tränkemeister urplötzlich das Thema. „Ich meine, sein Pate ist in Askaban. In diesem Fall wird nicht gewartet, bis die Kinder in die Schule kommen.“ Alle Kinder, die bei Muggeln lebten, bekamen einen magischen Vormund, sobald sie nach Hogwarts kamen. Im Normalfall übernahm das der Hauslehrer, aber das wüsste Severus. In den Lehrerkonferenzen vor Beginn des Schuljahres wurde das besprochen, und auch, welche Kinder davon betroffen waren. Von Harry war nicht die Rede gewesen.

„Ich weiß es nicht.“, gab Poppy zu. „Aber ich bin neugierig, das zu erfahren, denn der Vormund hätte bereits früher nach ihm sehen müssen. Vor allem, wenn er schon länger Vormund ist.“

„Ich werde es herausfinden, und diesen dann zur Rede stellen.“, zischte Severus. „Soweit ich mitbekam, gab es bereits damals, als sie Black inhaftierten, eine Diskussion, wer die Vormundschaft bekommt. Ich habe auch keine Ahnung, warum er all die Jahre bei Lilys Schwester war, denn ich kenne Petunia. Mich wundert Potters Zustand nicht wirklich, soweit Lily damals erzählte, ist ihr Schwager noch schlimmer als Petunia, was den Hass auf Magie betrifft. Ich werde nicht zulassen, dass Harry dorthin zurück muss.“

„Gut, dass er in deinem Haus gelandet ist.“, lächelte Poppy. „Ich mag Minerva, und sie ist wirklich hinter der Gesundheit ihrer Löwen her, aber dafür ist sie nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt, ihr fehlt ein wenig der Biss.“

Und die richtigen Beziehungen, dachte Severus, sagte aber nichts.

Am Morgen ging Severus, unausgeschlafen wie er war, zum Frühstück in die große Halle. Seine Schlangen waren bereits da, weshalb er direkt begann, die Stundenpläne zu verteilen. Draco sah ihn fragend an, daher versicherte er ihm, dass es Harry soweit gut ging, er aber wenigstens noch einige Tage im Krankenflügel bleiben musste. Schließlich trank er noch schnell zwei Tassen Kaffee und aß einen Toast, bevor er nach unten in die Kerker eilte, um seinen Unterricht abzuhalten. So abgelenkt und in Gedanken versunken wie heute hatte er schon lange nicht mehr unterrichtet. Dennoch riss er sich zusammen und versuchte, so konzentriert wie möglich zu sein. Das verlangte er schließlich auch von seinen Schülern. Das Mittagessen ließ er ausfallen, ließ sich nur zwei Sandwiches in den Krankenflügel bringen. Seine Sorge um Harry war größer als sein Hunger. Doch der Junge schlief gerade, und da es durch einen Trank ausgelöst war, sehr ruhig und entspannt. Die Verletzungen waren deutlich weniger, sie heilten gut. Körperlich würde er wohl nur wenig zurück behalten, und die tiefen Narben, die die Salbe nicht komplett verschwinden lassen konnte, würden feiner werden. Nicht mehr so prominent. Das würde Harry sicher gefallen.

Severus wusste, wie ungern ein misshandeltes Kind seine Narben zeigte, weil das als Schwäche gesehen wurde. Gerade wenn es magische Kinder waren, die von Muggeln aufgezogen wurden. Er selbst war schließlich so ein Kind, das nie wollte, dass jemand seine Schwäche erkannte. Der Tränkemeister erinnerte sich, dass er selbst die ganze Schulzeit mit langen Ärmeln herum gelaufen war. Noch heute trug er nur Hemden und Roben mit langen Armen. Wobei, inzwischen waren es weniger die Narben aus seiner Kindheit und Jugend, die er damit verbergen wollte.

„Es geht ihm deutlich besser.“, versicherte Poppy, als sie in den Saal trat. „Trotzdem lasse ich ihn mindestens noch zwei Tage hier. Bis morgen früh soll er schlafen, dann sehen wir weiter.“

Severus nickte nur dazu. Er war fast sicher, dass Harry nicht so schnell am Unterricht teilnehmen würde. Aber das würde die Zeit zeigen. Eine Weile blieb er noch am Bett des Jungen sitzen, dann ging er zurück zu seinem Klassenzimmer, schließlich musste er noch Unterricht halten. Auch, wenn er sicher nie zu einem beliebten Lehrer wurde. Er war damals an die Schule geschickt worden vom Lord, auch Dumbledore war zufrieden damit, seinen Spion in der Nähe zu haben. Doch Unterrichten war sicher nie Severus' Traum gewesen. Er hatte wenig Bezug zu den Schülern, konnte sich nicht in sie hinein versetzen. Er legte sehr viel Wert auf exaktes Arbeiten und forderte das auch von seinen Schülern, die da aber ganz anderer Ansicht waren. In seinem Klassenzimmer prallten verschiedene Welten aufeinander, und diese Aufeinandertreffen waren teilweise genauso explosiv wie die Tränke der Schüler. Dennoch gab sich Severus Mühe, seinen Schülern die Kunst des Tränkebrauens näher zu bringen. Meist eher nicht erfolgreich. Die Frustration bei ihm stieg Jahr für Jahr, er saß hier fest, anstatt dass er Forschen und Entwickeln konnte, wie er es eigentlich immer wollte. Doch Dumbledore war der Meinung, der Lord sei nicht endgültig vernichtet, deshalb musste er bleiben. Sollte der Lord tatsächlich wiederkommen, dann war er hier genau richtig. Leider hatte Dumbledore damit Recht, immerhin hatte der Lord ihn nach Hogwarts befohlen. Also machte er Jahr für Jahr weiter. Zwischendurch bewarb er sich regelmäßig auf die Stelle als Lehrer für Verteidigung, das wollten die Schüler wenigstens lernen. Im Gegensatz zu Zaubertränke, da hatten die Meisten keine Lust. Doch Dumbledore wollte ihn nicht wechseln lassen, einerseits wegen des Fluchs auf diesem Fach, andererseits, damit er nicht in Versuchung kam, sich mehr auf die dunkle Magie zu konzentrieren.

In der folgenden Nacht schlief Severus, nach seinem Kontrollgang, traumlos und tief, als Folge der durchwachten Nacht. Diesmal ging er zum Mittagessen in die große Halle, da er am Nachmittag keinen Unterricht hatte und sich Zeit für Harry nehmen konnte.

Im Krankenflügel erkannte er, dass er nicht der Einzige war, der sich für den Jungen zu interessieren schien. Auch der Direktor war hier. Severus ignorierte ihn vorerst, sah Poppy fragend an.

„Er ist heute Vormittag aufgewacht.“, berichtete die Medihexe. „Im Moment schläft er wieder, das wird sicherlich in den nächsten Wochen auch noch so sein, er hat einen erhöhten Schlafbedarf, nur dann kann er die Defizite aufholen, die er mitbringt. Harry braucht regelmäßige, kleine und gesunde Mahlzeiten. Ich habe bereits eine Liste zusammen gestellt, was er essen sollte und wie viel. Wir werden noch einige Tränke für ihn brauchen, in den nächsten Wochen hat er Einiges zu schlucken, damit sein Zustand stabil bleibt. Erst dann wird es langsam besser werden. Bis dahin darf er keine praktischen Übungen machen, vor allem nicht fliegen. Außerdem habe ich festgestellt, dass seine Brille nicht passt, er hat eine erhebliche Sehschwäche.“ Bei den letzten Worten blickte sie Severus bedeutungsvoll an, der nur ein Nicken andeutete.

„Er muss in den Unterricht.“, ergriff Dumbledore zum ersten Mal, seit Severus den Krankenflügel betreten hatte, das Wort. „Zum Einen, damit es keine Gerüchte gibt. Zum Anderen, damit er sich nicht isoliert. Und zum Dritten, damit er lernen kann. Immerhin muss er sich wehren können, sollte Riddle zurück kommen.“

„Ich glaube, du spinnst!“, schimpfte Poppy. Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte den Schulleiter an. „Ich habe gerade deutlich gemacht, dass es so nicht geht. Medizinisch bin ich hier die Fachfrau, und wenn ich sage, er geht nicht in den Unterricht, dann geht er auch nicht in den Unterricht!“

„Aber … du sagtest nur etwas von Praxis.“, wunderte sich Dumbledore. „Aber im Unterricht gibt es auch viel Theorie, die kann er doch mitmachen. Dann ist er auch nicht so isoliert, kann Freundschaften schließen.“

„Er wird nicht in der Lage sein, sich auf den Unterricht zu konzentrieren.“, wandte Severus ein. Er wusste, er musste vorsichtig sein, sollte Dumbledore nicht gegen sich aufbringen. Immerhin hatte der ihn vor Askaban bewahrt. Trotzdem war das Kind wichtiger.

„Aber hier kann er auch nicht auf Dauer bleiben.“, stellte Dumbledore fest. „Hier wird es bald zugehen wie in einem Taubenschlag, sobald die ersten Unfälle im Unterricht passieren.“

„Nein, hier kann er nicht bleiben, er braucht Ruhe.“, stimmte die Medihexe zu.

„Dann nehme ich ihn zu mir.“, zuckte Severus die Schultern. „Er ist ein Schüler meines Hauses, somit bin ich zuständig.“

„Du bist nicht Harrys Vormund.“, schüttelte Dumbledore den Kopf.

„Und wer ist sein Vormund?“, wollte Poppy wissen. „Er geht auf keinen Fall zurück zu seinen Verwandten, denn ich gehe davon aus, dass sie für seinen Zustand verantwortlich sind. Gesagt hat er zwar bisher noch nichts, aber eigentlich kann es nicht anders sein. Wie lange er braucht, um den Schulalltag psychisch zu bewältigen, das kann ich nicht sagen. Physisch wird es nur einige Tage dauern, dann kann ich ihn hier entlassen, aber bis er wirklich geheilt ist, dauert es sicher noch Monate. Wenn er den Entwicklungsstand tatsächlich einholen kann. Ich fürchte aber, er wird immer hinterher hinken.“

„Er sollte keine Sonderbehandlung bekommen.“, beharrte Dumbledore. Die Frage nach dem Vormund ignorierte er geflissentlich.

„Es ist keine Sonderbehandlung, sondern notwendig.“, knurrte Severus. „Und er ist nicht das erste Kind, das ich zu mir nehme, weil es meine Hilfe braucht.“ Das stimmte, denn einige wenige Kinder waren tatsächlich für eine Weile bei ihm eingezogen, als er sich um sie kümmerte. Im Gegensatz zum Unterricht fiel ihm der Umgang mit einzelnen Kindern deutlich leichter. Hier hatte er die Erfahrungen, die die Kinder auch machten, selbst durchgemacht, somit konnte er sich in sie hinein versetzen. Und genau das war es, was die Kinder dazu brachte, mit ihm zu reden. Meist brachte er sie nach einer Weile dazu, mit Poppy zu reden, die immerhin eine Ausbildung dafür hatte. Den Anfang allerdings schaffte sie oft nicht, weil die Kinder zu ihr keinen Bezug hatten. Zu Severus normalerweise auch nicht, aber er schaffte es fast immer, ein gewisses Vertrauen aufzubauen, sodass sich die Kinder öffneten. Vor allem, wenn sie merkten, dass sie nicht mehr zurück dorthin mussten, wo es ihnen schlecht erging.

„Und du denkst, dass du, ausgerechnet du, der richtige Umgang für einen Potter bist?“, wunderte sich Dumbledore. „Du hasst seinen Vater, das wird sicher Auswirkungen auf deinen Umgang mit Harry haben.“

„Harry ist nicht sein Vater.“, konterte Severus. Diese Erkenntnis hatte ihn am ersten Abend getroffen, inzwischen dachte er nicht einmal mehr darüber nach. „Er ist ein kleiner Junge, der voller Angst und Schmerz ist und Hilfe braucht. Sie wissen, dass ich mit Kindern wie ihm bisher immer gute Ergebnisse erzielt habe. Ich bin sicher, das auch bei Harry zu schaffen, aber wir sollten es wirklich diskret machen, denn die Zeitungen werden sich darum reißen, über ihn zu schreiben, sobald etwas durchsickert. Schon alleine aus diesem Grund sollte er nicht hier im Krankenflügel bleiben.“

„Da muss ich dir Recht geben.“, nickte Poppy. „Wie gesagt, wenigstens ein paar Tage behalte ich ihn noch hier, dann kann er hier raus. Sobald er fit genug ist und zuverlässig seine Mahlzeiten zu sich nimmt.“

„Gut. Ich werde hier sein, so oft ich kann.“, versprach Severus. Immerhin sollte der Junge Zeit haben, sich an ihn zu gewöhnen. So konnten sie auch sicherstellen, dass Harry genug Vertrauen aufbaute, um mit ihm wohnen zu können. Genau wie anders herum, denn immerhin musste Severus den Jungen alleine in seinen Wohnräumen lassen, so lange er unterrichtete. Sein Blick traf den des Schulleiters.

„Nun gut, dann versuche dein Glück.“, gab Dumbledore nach. „Aber ich erwarte Berichte, wie es ihm geht.“

Ohne eine Antwort verschwand Severus hinter dem Vorhang. Harry war offensichtlich wach, seine Augen huschten ängstlich hin und her. Er schien nicht zu verstehen, wo er war und wie er hierher gekommen war. Wenigstens hatte Poppy daran gedacht, einen Stillezauber auf ihn zu legen, denn Dumbledore war es sicher nicht gewesen. Aber ein Zauber lag eindeutig auf dem Bett und der unmittelbaren Umgebung des Jungen, denn sobald er hinter den Vorhang trat, herrschte eine unnatürliche Stille. „Harry, du bist wach.“, begrüßte er den Jungen ruhig. Er wusste, nun musste er vorsichtig sein. Die grünen Augen fixierten ihn aufmerksam, aber dennoch extrem zurückhaltend. „Ich bin Professor Snape, dein Hauslehrer. Draco hat dich in eurer ersten Nacht gefunden, du hattest ziemlich hohes Fieber, deshalb habe ich dich hierher in den Krankenflügel gebracht. Wie geht es dir, Harry?“, wollte er wissen, in der Hoffnung, dass der Junge auf ihn reagierte.

„Gut, Sir.“, wisperte Harry, wenig überzeugend.

Severus unterdrückte ein Seufzen. Der Junge hatte offenbar gelernt, keine Schwäche zu zeigen. Natürlich würde er nicht so schnell vertrauen, aber dennoch hoffte Severus genau darauf. „Nun, das wage ich zu bezweifeln.“, gab er ruhig zurück. „Aber mir ist bewusst, dass du wohl noch eine Weile brauchst, bis du mir in dieser Beziehung die Wahrheit sagen kannst, denn du musst erst lernen, mir zu vertrauen. Ich werde dir helfen. Gemeinsam mit Madam Pomfrey, der Schulkrankenschwester. Du wirst vorerst vom Unterricht entschuldigt, bis dein Körper geheilt ist. Dann sehen wir weiter.“

„Aber ...“, stammelte Harry. Er war entsetzt, sein Onkel hatte ziemlich deutlich gesagt, was er von ihm erwartete. Entschlossen biss er die Zähne zusammen, auf keinen Fall wollte er riskieren, dass er vor dem Ende des Schuljahres zurück zu seinen Verwandten musste. Nein, Hedwig durfte nichts passieren. „'s geht mir gut, Sir.“, nuschelte er daher. „Ich … ich will in den Unterricht.“

Der Tränkemeister schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, Harry, du wirst das alles aufholen. Aber im Moment musst du erst heilen.“ Mit Sorge sah er, dass der Junge erneut panisch wurde und widersprechen wollte. Was war da los? Es dauerte nur eine Sekunde, dann wurde es Severus klar. „Keine Angst, du bleibst hier. Zuerst hier im Krankenflügel, damit Madam Pomfrey sich medizinisch um dich kümmern kann, danach werde ich dich mit zu mir nehmen.“

Harry starrte den Lehrer an, aber er wagte es nicht, erneut zu widersprechen. Er hatte Angst, panische Angst. Hier wusste er überhaupt nicht, was von ihm erwartet wurde. Bei seinen Verwandten war wenigstens das klar gewesen. Obwohl er sich so sehr gefreut hatte, von seinen Verwandten weg zu kommen, wünschte er sich nun beinahe zurück. So, wie in dieser ersten Nacht. Ihm war alles zu viel geworden und er fühlte sich so verletzlich, wie er da mitten im Zimmer lag. Also hatte er seine Decke gegriffen und war, ohne nachzudenken, in den Schrank gekrochen. Die Enge und die Ruhe halfen ihm, einschlafen zu können. Linderten seine Ängste. Auch bei den Dursleys hatte er in seinem Schrank Ruhe gehabt. Sie waren nie zu ihm hinein gekommen, hatten immer nur von außen gegen die Tür gepocht. Er zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich eine Hand in der Nähe seines Gesichts auftauchte. Nur mit Mühe konnte er eine weitere Reaktion unterdrücken, immerhin wusste er, dass es dann nur noch schlimmer wurde.

Severus sah, wie Harry zusammen zuckte, als er nach seiner Brille greifen wollte. „Ruhig, Harry.“, murmelte er. „Ich will dir nur kurz deine Brille abnehmen, damit ich sie reparieren kann.“ Er erinnerte sich daran, dass er dem Jungen jeden einzelnen Schritt vorher erklären musste. Zumindest war er jetzt mit seinen Gedanken wieder hier im Krankenflügel, vorher wirkte Harry ziemlich abwesend. Ihm war die kaputte Brille nicht aufgefallen, aber andererseits hatte der Junge sie in der Nacht nicht getragen, als er ihn hierher gebracht hatte. Vermutlich hatte Draco sie gebracht. Der Nasensteg war gebrochen, hielt nur mit Klebeband zusammen, und eines der Gläser hatte einen Sprung. Warum hatte Poppy sich nicht darum gekümmert? Nun, das war gerade egal. Severus wartete, bis Harry ihm – wenn auch zögernd – das Okay gab, dann nahm er ihm die Brille vorsichtig ab. Erneut zuckte Harry zurück, als Severus' Hand seine Wange berührte.

Mit riesigen Augen beobachtete Harry, wie der Professor seinen Zauberstab zog und die Brille reparierte. Jedenfalls ging er davon aus, dass genau das passierte. Nur Momente später erklärte ihm der Mann, dass er ihm seine Brille wieder aufsetzen würde. Und mit einem Mal sah Harry viel schärfer als jemals zuvor. Seine Augen weiteten sich sogar noch mehr, als er um sich blickte. So klar und deutlich hatte er noch nie gesehen, mit Ausnahme von der kurzen Entfernung, wenn er etwas direkt vor sein Gesicht hielt. Er betrachtete seine Umgebung, ohne sich des Lehrers bewusst zu sein, der direkt neben ihm stand. Die Muster des Vorhangs, der um sein Bett hing und ihm Privatsphäre schenkte, das Fenster und die Wolken am blauen Himmel, die er dahinter sehen konnte, selbst die weiße Decke und Wand waren interessant. Als sein Blick zurück auf den Lehrer fiel, der noch immer neben seinem Bett stand, zuckte Harry erschrocken zusammen. Er hätte sich nicht hinreißen lassen dürfen, Erwachsene mochten es nicht, wenn er sie warten ließ. Schnell senkte er die Augen. Nur nicht noch provozieren. Außerdem spannte er sich unwillkürlich an, erwartete Schläge.

Severus hingegen beobachtete den Jungen einfach nur. Poppy hatte Recht gehabt, die Sehschwäche des Kindes war sicher nie richtig behandelt worden. Selbst mit Brille hatte Harry wohl kaum etwas wahrnehmen können, das weiter als eine Armlänge entfernt war. Der Zauber, um die Brille neu einzustellen, war schwarz-magisch, daher hatte Poppy das ihm überlassen. Nun, es war nicht wirklich legal, schwarz-magische Zauber zu nutzen, doch dieser war auch nicht verboten. Hier in Hogwarts war er durch die Magie des Schlosses ausreichend geschützt, sodass er keine Bedenken hatte, derartige Zauber zu wirken. Albus Dumbledore würde das sicher anders sehen, aber selbst er wusste das nicht. Nur Poppy, da er es oft genug nutzte, um Schülern zu helfen, aber die Medihexe verriet ihn sicherlich nicht. Auch, wenn Poppy eine reine weiß-magische Hexe war, so wusste sie doch um die Nützlichkeit der schwarzen Magie und schimpfte oft genug, dass manche Zauber zur Heilung diesem verbotenen Zweig zugeordnet waren. Deshalb war sie froh, wenn Severus sie hier unterstützte.

Als Harry sich erneut in sich zusammen rollte, wurde Severus sich des Schülers wieder bewusst. Einen Moment überlegte er, was denn nun schon wieder los war, denn diesmal hatte er sicher weder eine Bewegung noch eine Bemerkung gemacht, die das Kind fehlinterpretieren konnte. Was also war es dann? Er wusste es nicht, doch er ahnte, dass es wohl mit der Tatsache zusammen hängen musste, dass er ein Erwachsener, sogar ein Lehrer war. Oder war es die Tatsache, dass er die Brille repariert hatte? Kinder, die in Muggelhaushalten aufwuchsen, hatten oft Angst, wenn sie mit Magie in Berührung kamen, vor allem, wenn die Familie der Magie gegenüber negativ eingestellt war. „Hab' keine Angst, Harry.“, versuchte er daher, den Jungen zu beruhigen. „Magie ist nicht böse, sie ist ein Teil von dir. Hier in Hogwarts wirst du lernen, diesen Teil zu kontrollieren und zu nutzen. Deshalb bist du hier. Du hattest sicher schon einige Ausbrüche von sogenannter wilder Magie, das heißt, es sind seltsame Dinge um dich herum passiert, ohne dass du bewusst etwas getan hast, nicht wahr?“

Harry beruhigte sich tatsächlich ein wenig, als sein Professor mit dem Reden anfing. Die Stimme des Mannes war so ruhig, so tief und beruhigend. Noch nie hatte ein Erwachsener so mit ihm gesprochen. Wenn er darüber nachdachte, nicht einmal mit Dudley hatte Onkel Vernon so ruhig gesprochen. Was bedeutete das jetzt? Wollte der Mann ihn einfach nur beruhigen, oder was kam da noch? Harry bekam es mit der Angst zu tun, aber dennoch konnte er sich der Stimme nicht entziehen, lauschte dem hypnotisierenden Klang. Erst am Ende zuckte er zusammen. Ja, das war es wohl. Er war ein Freak, weil alle diese seltsamen Dinge um ihn herum passierten! Erst vor kurzem, als er die Schlange freigelassen hatte. Oder als er damals auf dem Dach der Schule gelandet war. Wie, das wusste er immer noch nicht. Aber an die Strafe konnte er sich nur zu gut erinnern. Er schauderte.

Severus sah das Schaudern, wusste aber nicht genau, womit es zusammen hing. Er hatte den Jungen eigentlich beruhigen wollen, nicht das Gegenteil. Es musste wohl mit der wilden Magie zu tun haben, denn genau da hatte es Harry geschüttelt. „Hey, das ist nicht schlimm.“, versuchte er, den Jungen zu beruhigen. „Das machen alle magischen Kinder durch.“ Mit einem Mal dämmerte es Severus. „Harry, haben deine Verwandten dich bestraft, wenn solche Dinge passierten?“ Natürlich, das musste es sein! Offenbar funktionierte Severus' Hirn heute nicht richtig. Die Verletzungen des Kindes, dazu seine Angst vor der Magie, das war doch offensichtlich! Severus widerstand dem Drang, sich mit der Hand auf die Stirn zu schlagen, rieb lieber seine Nasenwurzel, um seine Gedanken zu sortieren. Die Reaktion Harrys auf seine Frage bestand nur aus einem erneuten Zusammenzucken. Das reichte Severus schon. „Harry.“, begann er erneut mit seiner sanftesten Stimme. Er wartete, bis Harry offensichtlich zuhörte, auch wenn er ihn nicht ansah. „Magische Ausbrüche sind völlig normal, sie machen dich nicht zu einem Außenseiter. Das zeigt nur, dass deine Magie stark ist. So lange Kinder nicht ausgebildet werden in ihrer Magie, reagiert sie meist auf Gefühle. Das haben wir alle hinter uns. Es wird besser, sobald du lernst, mit deinem Zauberstab zu zaubern.“

Harry hörte zu, konnte aber nicht verhindern, dass er jedes Mal, wenn das Wort ‚Zauber‘ fiel, zusammen zuckte. Zu sehr prägten ihn die Erfahrungen der letzten zehn Jahre. Dieses Wort hatte nicht fallen dürfen im Haus der Dursleys. Langsam wurde Harry klar, woran das lag. Seine Eltern waren auch Zauberer gewesen. Die Dursleys hatten ihn angelogen, was ihren Tod betraf. Hatten sie auch hier gelogen? War er vielleicht doch kein Freak? Die Worte des Professors schienen genau das zu sagen, aber Harry wurde bewusst, dass es wohl nur eine dumme Hoffnung seinerseits war. Seine Magie, so hatte der Professor es genannt, konnte nicht stark sein, sonst hätte sie ihm bestimmt geholfen. Wahrscheinlich würden sie das hier auch bald feststellen, dann musste er zurück nach Hause. Traurig senkte er den Kopf, hörte nicht mehr, was sein Professor weiterhin sprach. Er würde die Zeit hier genießen, so lange er nicht geschlagen wurde, aber sicher kam er bald wieder zurück zu seiner Familie, die würden ihm wahrscheinlich zeigen, dass er dennoch ein Freak war.

Severus blieb bei Harry, bis dieser schlief, auch, wenn dieser ihm nicht mehr zuhörte. Dennoch, es schien, als würde seine Stimme beruhigend auf Harry wirken. Es war sicher ein wenig zu viel für den Jungen, so alles auf einmal. Er hoffte nur, dass Harry lernte, ihm zu vertrauen. Das würde nicht einfach. Doch er gab so schnell nicht auf. Poppy war damals für ihn da gewesen, als er jemanden brauchte. Das gab er nun zurück, indem er Kindern half, denen es ähnlich wie ihm erging. Obwohl er selbst seine Erfahrungen hatte, konnte er die Kinder nie einschätzen, jedes Kind reagierte anders. Er musste immer erst eine Basis finden, eine Gemeinsamkeit, sodass die Kinder anfingen, mit ihm zu sprechen. Das war oft nicht leicht, aber Severus hatte bei Harry zumindest eine Idee, wie er den Jungen dazu bringen konnte, aufmerksam zu sein. Aber noch nicht heute. Erst einmal musste sein Körper heilen, danach konnten sie es in Ruhe angehen.

Die folgende Woche verbrachte Severus viel Zeit im Krankenflügel. Harrys Zustand besserte sich immer weiter, zumindest körperlich, aber er sprach nicht. Severus ahnte, dass der Junge Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, daher lieber schwieg. Vielleicht war ihm gerade auch alles zu viel. Die Veränderungen im Leben eines Kindes, das plötzlich erfuhr, ein Zauberer zu sein, dann auch noch in ein Internat kam, waren schon gravierend. Severus erzählte Harry vom Unterricht, von Ereignissen in der Zauberwelt, auch, wenn der Junge wahrscheinlich kaum etwas verstand. Aber das war egal, wichtig war nur, da zu sein, damit der Kleine anfangen konnte, ihm zu vertrauen. Manchmal las er ihm einen Artikel aus dem Tagespropheten vor, erklärte dabei so ganz nebenbei den beliebtesten Sport in der Zauberwelt, Quidditch. Oder die Politik, wobei das vermutlich kein Thema für einen Elfjährigen war. Aber das war immer noch besser als das, was sie über Harry vermuteten und schrieben. So sollte dieses Kind sein Schicksal nicht erfahren. Wobei Severus sicher war, dass er Harry nicht nach vorne schicken würde, sollte der Lord tatsächlich zurück kommen, wovon dank Dumbledore die gesamte Zauberwelt überzeugt war. Die magische Bevölkerung war jetzt schon überzeugt, dass Harry in diesem Fall ihr Retter war. So etwas Idiotisches hatte Severus selten gehört, aber das war typisch für die Magier. Niemand wollte sich die Hände schmutzig machen, da schoben sie lieber einen Elfjährigen vor. Nur, weil dieser dank seiner Mama einmal überlebt hatte. Denn dass Lily das geschafft hatte, davon war Severus überzeugt. Es war keine besondere Kraft, die Harry hatte. Nein, Lily hatte es irgendwie geschafft. Wie auch immer.

Zehn Tage, nachdem die Kinder nach Hogwarts gekommen waren, entließ Poppy den Jungen. Körperlich war er soweit geheilt, wie es ihnen möglich war. Selbst die meisten Narben waren deutlich heller. Das Eincremen hatte Poppy immer mit einem Zauber gemacht, wenn Harry eingeschlafen war. Anfassen ließ er sich nicht besonders gerne. Auch, wenn andere Kinder im Krankenflügel waren, versteckte er sich. Der Junge hatte panische Angst, sobald sich ihm jemand näherte. Severus konnte inzwischen sogar auf seinem Bett sitzen, aber mehr ging nicht. Berührungen ließen den Jungen panisch werden. Es gab noch viel zu tun, daher entschied Severus erneut, ihn erst einmal zu sich zu nehmen, nicht in den Unterricht zu schicken. Das setzte er auch dem Direktor gegenüber durch, wenn auch erst nach einem ziemlich heftigen Streit. Poppy und Minerva McGonagall standen dabei an seiner Seite. Minerva hätte den Jungen gerne in ihrem Haus gehabt, genau wie seine Eltern, aber sie wusste ihn bei Severus in guten Händen. Hatte Poppy ihr doch erzählt, wie liebevoll der Tränkemeister mit dem Sohn seines ehemaligen Erzfeindes umging. Die beiden Frauen hatten mit Ausdrücken auf den Direktor eingeschrien, dass es Severus ganz anders wurde. Am Ende hatte er die Erlaubnis, Harry in seine Räume mit zu nehmen, er bekam ein eigenes Zimmer in seinen Räumlichkeiten. Außerdem durfte Severus entscheiden, wann Harry in der Lage war, den Unterricht zu besuchen. Einzig Poppy sollte regelmäßig nach ihm sehen dürfen, um ihn medizinisch zu überwachen. Deshalb stand er nun an Harrys Bett.

Harry schrak auf, als Professor Snape neben ihm stand. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass dieser herein gekommen war. Langsam gewöhnte er sich an den dunklen Mann mit der angenehmen Stimme. Er kam jeden Tag, sprach mit ihm, verlangte aber nichts. Und er rührte ihn nicht an. Seit er hier war, hatte niemand ihn geschlagen oder beschimpft. Ob das nur ein Trick war? So ganz traute Harry dem Ganzen noch nicht. Trotzdem konnte er sich nicht dagegen wehren, dass er immer darauf wartete, wann der Mann zu ihm kam. Er wusste, Professor Snape musste unterrichten, erzählte er doch immer wieder davon. Auch von Draco, dem blonden Jungen, den er in der Winkelgasse getroffen hatte. Sein Zimmerkamerad am ersten Abend. War der doch nicht so schlimm, wie er ihn damals empfunden hatte? Aber er hatte Hagrid beleidigt, und Hagrid war doch so nett gewesen, hatte ihm alles erzählt, sogar von seinen Eltern. Da konnte er doch nicht mit Draco befreundet sein, oder?

„Harry?“, holte sich Severus nun die Aufmerksamkeit des Kindes. „Sieh mich bitte an.“ Er wartete, bis Harry tatsächlich den Kopf hob. Der Junge sah ihm nicht in die Augen, das schaffte er noch lange nicht, aber er fixierte zumindest das Kinn des Tränkemeisters. Erst jetzt sprach Severus weiter: „Madam Pomfrey hat dich für gesund erklärt, das heißt, du darfst den Krankenflügel heute verlassen. Aber zuerst einmal bleibst du bei mir. Ich denke, es ist für dich noch zu früh, in den Gemeinschaftsraum und den Unterricht zu gehen. Erst einmal musst du einige Dinge lernen, dabei werde ich dir helfen. Ich hoffe, du bist einverstanden.“ Er gab dem Jungen Zeit zu reagieren, doch der starrte nur vor sich hin. So ganz schien er es noch nicht zu begreifen.

Harry war verwirrt. Meinte der Mann das wirklich ernst? Oder lockte er ihn nun unter einem Vorwand zu sich? Was würde dann passieren? Zeigte er dann sein wahres Gesicht? So, wie Onkel Vernon, der nach außen hin immer freundlich war, aber dann, wenn niemand zusehen konnte, dann prasselte es auf Harry ein. Und wehe, jemand schöpfte Verdacht. Dann wurde alles noch schlimmer. So wie damals, in der ersten Klasse, als seine Lehrerin die blauen Flecke an seinen Armen gesehen hatte. Harry musste bestätigen, dass es passiert war, als er auf dem Spielplatz gestürzt war. Als ob er jemals auf dem Spielplatz gewesen war! Seither hatte sein Onkel darauf geachtet, dass er immer lange Ärmel trug, und wenn er sich umziehen musste, die Umkleide benutzte. Der Professor klang zwar freundlich, aber er war auch streng. Das sagte er sogar selbst von sich. Ängstlich folgte Harry ihm daher, als es Zeit zu gehen war. Laut dem Mann waren seine Sachen bereits in dessen Räumen, also blieb ihm sowieso nichts anderes übrig. Er musste ganz schön laufen, um mithalten zu können. Der Mann hatte aber auch lange Beine! Harry reichte ihm gerade bis zur Taille, wie er feststellen musste. Er war wirklich winzig! Dudley war schon immer größer als er gewesen, aber vor einigen Tagen, als sie in diese Halle gegangen war, war er sogar kleiner als dieses Mädchen gewesen, das genau vor ihm gelaufen war.

Severus registrierte erst auf einer Treppe, dass der Junge Schwierigkeiten hatte, mit ihm mitzuhalten. Er verfluchte sich innerlich, nicht darauf geachtet zu haben. Dabei war er nicht einmal bewusst schneller gelaufen, das passierte schon automatisch. Er musste darauf achten, mehr Rücksicht zu nehmen. Ihm fiel erst jetzt auf, wie klein Harry war. Kein Wunder, dass er nicht hinterher kam, seine Beine waren einfach zu kurz. Wo er selbst einen Schritt machte, brauchte dieses Kind drei. Bewusst verlangsamte er nun seine Schritte, zeigte Harry immer wieder ein Bild und erklärte etwas dazu. Es war Samstag, Essenszeit, daher war niemand auf den Fluren unterwegs. Bewusst hatte er das Abholen von Harry auf diese Zeit gelegt. Früher oder später musste er zwar lernen, mit den ganzen Kindern und Jugendlichen umzugehen, aber jetzt war es zu früh.

Aufmerksam hörte Harry zu, als der Professor über die Bilder sprach, ihm von den Gründern der Schule erzählte, wie sie das Schloss vor über 1000 Jahren zur Schule für magische Kinder machten. Der Mann konnte wirklich spannend erzählen. Für eine gewisse Zeit vergaß Harry sogar seine Angst, die Stimme hypnotisierte ihn beinahe. Aber als sie vor einer Tür anhielten und der Professor ein Passwort murmelte, kam die Angst zurück. Was passierte nun? Es war dunkel hier unten, sie waren im Keller des Schlosses. Wie hatte der Professor es genannt? Die Kerker. War er jetzt gefangen? Harry konnte nicht verhindern, dass er wie verrückt zitterte. Hinter der Tür war es im ersten Moment dunkel, bis der Professor etwas sagte, das sich wie ‚Lumos‘ anhörte. Mit einem Mal war es hell, und er konnte erkennen, dass sie in einem kleinen Flur standen.

Severus konnte die Angst des Jungen riechen. Schnell sorgte er für Licht, sein Flur hatte kein Fenster. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass hier keine absolute Dunkelheit herrschte. Er selbst hatte als Kind panische Angst vor der Dunkelheit gehabt. Kein Wunder, immerhin hatte sein Vater ihn regelmäßig im Keller eingesperrt, wenn wieder einmal seine Magie aus ihm hervorgebrochen war. Vermutlich ging es Harry ähnlich. Mit einem Zauber sorgte er dafür, dass die Decke immer ein gewisses Leuchten abstrahlte. Dann deutete er auf die Türen: „Hier ist das Wohnzimmer, daran angeschlossen haben wir eine kleine Küche. Daneben ist das Bad, das nutzen wir gemeinsam. Die Tür am Ende des Flures geht in mein Büro, von dort aus kann ich in mein Klassenzimmer und mein Labor, darin hast du nichts zu suchen, das ist einfach zu gefährlich. Wenn du mich brauchst, und ich bin nicht da, dann kannst du ins Büro gehen und nach mir rufen, ich werde dich hören. Die beiden Türen auf der anderen Seite des Flures sind unsere Schlafzimmer, hinten meines, hier vorne deines.“ Mit den letzten Worten öffnete er die Tür rechts neben ihnen.

Staunend und gleichzeitig ein wenig verängstigt blickte Harry in den Raum. Mit einem Zauber war es hell, aber hier gab es auch ein riesiges Fenster, sodass er sich nicht mehr so gefangen fühlte. Die Wände waren in einem hellen grün gestrichen, mit einigen silbernen Verzierungen. Auf dem Boden lag ein weicher, dunkelgrüner Teppich. Ein großes Himmelbett mit weiß-silberner Bettwäsche und grünen Vorhängen stand mit der Kopfseite an einer Wand, am Fenster stand ein Schreibtisch, daneben ein Bücherregal. Außerdem gab es einen großen Schrank, auf dem sein Koffer lag. Die Decke war dunkelblau, fast schwarz, mit vielen Sternen, die in der Nacht sicher ein angenehmes Licht abgaben. Ein wenig erleichtert hoffte Harry, dass es hier nie komplett dunkel sein würde. Und doch konnte er es kaum glauben, das alles sollte für ihn sein?

Severus schmunzelte, als er den Jungen beobachtete. Staunend, ungläubig, hoffend. Seine Gefühle waren ihm deutlich vom Gesicht abzulesen. „Ja, das ist alles für dich!“, bestätigte er leise. „Ich erwarte, dass du es in Ordnung hältst. Die Regeln, die hier gelten, gehen wir nach dem Essen durch. Ich denke, es ist Zeit zum Mittagessen, was denkst du?“

Harry fuhr bei den letzten Worten zusammen. Hastig erinnerte er sich, dass der Professor vorhin die Tür zum Wohnzimmer gezeigt und erwähnt hatte, dass daran die Küche angeschlossen war. Er stolperte beinahe, so schnell eilte er nach nebenan.

Severus folgte ihm überrascht. Hatte Harry so einen Hunger? Dabei ließ Poppy nicht zu, dass ein Kind bei ihr hungerte. Aber der Junge hatte viel nachzuholen. Deshalb folgte er ihm in die Küche. Erst, als Harry Anstalten machte, in den Schränken zu kramen, stoppte er ihn. „Setz dich einfach.“, bat er. „Die Hauselfen bringen gleich etwas zu essen.“ Verwirrt sah er zu, wie Harry sich in der Ecke auf den Boden setzte und klein machte. „Äh, Harry, normalerweise sitzt man zum Essen am Tisch. Zumindest hier bei mir.“

Entsetzt blickte Harry zu dem dunklen Mann. Was meinte er? Zuerst hatte er geglaubt, kochen zu müssen, um sich seinen Aufenthalt hier zu verdienen, aber das war scheinbar falsch gewesen. Zuhause hatte er sich nur selten an den Tisch setzen dürfen, deshalb war er auch hier davon ausgegangen, dass die guten Möbel nicht für ihn gedacht waren. Aber das war auch falsch. Wie sollte er den Professor zufrieden stellen, wenn er alles falsch machte? Sicher würde der Mann bald böse, weil er nichts richtig konnte. Zitternd stand er auf und trat an den Tisch, setzte sich auf die vorderste Kante des Stuhles, den der Lehrer ihm hin schob.

Innerlich seufzend beobachtete Severus das Verhalten seines Schützlings. Da hatten sie noch viel Arbeit vor sich. Aber zunächst einmal musste der Kleine sich eingewöhnen, also sagte er nichts, erhöhte mit einem Zauber den Stuhl ein wenig und schob ihn nach vorne, sodass Harry richtig an den Tisch kam. Nach einer kurzen Warnung rief er eine Elfe, bei der er Essen bestellte. Um Harry nicht vollkommen zu überfordern, fragte er nach einem einfachen Gericht, das Kinder aus Muggelhaushalten gerne aßen. Die Hauselfen kannten sich da am besten aus, außerdem wussten sie genau, was Harry essen durfte. Es dauerte nicht lange, da tauchte das Essen auf dem Tisch auf. Nudeln mit Sauce. Beinahe hätte Severus gelacht, das hätte er sich aber auch denken können. Wenigstens waren es keine Spaghetti, das gab immer eine Sauerei. Er reichte Harry einen Löffel. „Guten Appetit.“, wünschte er. Auch er selbst setzte sich an den Tisch und griff nach einem Löffel. Die Hauselfen hatten sich sicher etwas dabei gedacht, wenn sie Löffel mit schickten. Also änderte er nichts am Besteck, sondern löffelte seine Nudeln. Schon lange hatte er das nicht mehr gegessen, auch ihm schmeckte es. Um Harry nicht zu überfordern beobachtete er ihn nur aus dem Augenwinkel. Der Junge aß betont langsam, aber hielt seinen Teller dabei krampfhaft fest. Auch der Griff um den Löffel wirkte unbeholfen, aber er kleckerte nicht. Da sah es in der großen Halle oft anders aus. Offenbar hatten sie auch hier eine Menge Arbeit vor sich. Aber einen Schritt nach dem Anderen. Hogwarts war auch nicht an einem Tag erbaut worden. „Ich hoffe, es ist gut?“, fragte er schließlich.

Harry zuckte zurück, als er angesprochen wurde, nickte aber nach einem Moment bestätigend. Es war wirklich gut, aber selbst wenn nicht, er war froh über jede Mahlzeit, die er bekam. Außerdem wollte er seinen Gastgeber nicht kränken, wer wusste schon, wie der Professor dann reagierte. Die Angst vor dem Mann machte Harry zu schaffen, denn ein Teil von ihm genoss es, von dem Mann versorgt zu werden. Noch kein böses Wort war gesprochen worden, er wurde bisher nicht geschlagen, im Gegenteil. Der Professor hatte im Krankenflügel sogar gemerkt, dass ihm kalt war, und eine zweite Decke besorgt. Außerdem hatte er es irgendwie warm werden lassen. Auch hier, in der Wohnung, war es angenehm warm, das hätte er nicht erwartet, als er hörte, dass sie im Keller war. Im Wohnzimmer war ein Kamin, darin prasselte ein Feuer, das es richtig gemütlich wirken ließ. Viel mehr hatte er gerade beim Durchgehen nicht gesehen, aber schon jetzt gefiel es ihm hier besser wie bei seinen Verwandten.

Severus bemerkte, dass der Junge überfordert war von den vielen Eindrücken. Vermutlich brauchte er noch mehr Zeit um zu realisieren, dass ihm hier nichts passierte. Dennoch musste er nun seine Regeln deutlich machen. Er räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu bekommen. „Also, Harry, da wir beide nun gemeinsam hier wohnen, möchte ich, dass du dich an einige Regeln hältst. Keine Sorge, es ist nichts Schlimmes. Eine Regel habe ich dir bereits gesagt, ich möchte, dass du dein Zimmer selbst in Ordnung hältst. Auch, wenn du hier Bücher aus dem Regal nimmst, dann erwarte ich, dass du sie wieder ordentlich weg räumst. Du kannst alle Bücher im Wohnzimmer aus dem Regal nehmen, wenn du sie lesen willst, aber ich erwarte, dass du sie vorsichtig behandelst, ich will keine Knicke oder Risse in den Seiten haben. Einige der Bücher sind deutlich älter als wir beide gemeinsam, manche sind Einzelstücke und sehr wertvoll für mich. Wie gesagt, das Labor ist tabu, darin sind einfach zu viele gefährliche Dinge. Du kannst dir gerne etwas zu essen nehmen, wenn du Hunger hast, aber bitte dann auch die Küche ordentlich hinterlassen. Während ich im Unterricht bin, werde ich dir einige Aufgaben auftragen, ich erwarte, dass du sie so gut wie möglich machst. Wenn du etwas nicht weißt oder verstehst, dann möchte ich, dass du mich fragst. Ich weiß, das ist nicht leicht für dich, aber wenn ich es weiß, dann kann ich es dir erklären, ansonsten werde ich denken, dass du zu faul warst, es richtig zu machen, und dir zusätzliche Aufgaben geben. Außerdem dulde ich es nicht, wenn ich angelogen werde. Hast du das soweit verstanden?“ Harry nickte fest. „Gut. Hast du noch Fragen dazu?“ Jetzt schüttelte Harry den Kopf. Diesmal blickte er nicht fragend oder unsicher, sondern er wirkte eher beruhigt.

Ja, es beruhigte Harry tatsächlich, zu wissen, woran er war. Das machte es leichter für ihn. Die Regeln waren klar und deutlich, und er hatte sicher kein Problem damit, sich daran zu halten. Dennoch wusste er noch nicht genau, warum er eigentlich hier war. Die Krankenschwester hatte doch gesagt, er sei gesund? Warum musste er dann nicht zurück zu Draco in den Schlafsaal? Er musste doch in den Unterricht? Aber Professor Snape hatte eben gesagt, während er im Unterricht war, müsste er Aufgaben machen. Das bedeutete doch, er ging nicht in den Unterricht. Hmm, das war verwirrend, aber noch traute Harry sich nicht, nachzufragen. Kinder sollten nicht auffallen, jedenfalls er nicht. Das hatte er in den letzten Jahren nur zu gut gelernt. Als er bemerkte, dass sein Teller leer war, genau wie der des Professors, stand er nach einem vorsichtigen Blick auf und trug beide Teller zur Spüle, wo er schon das Wasser aufdrehen wollte, als der Mann ihn stoppte.

„Das ist lieb gemeint, Harry, aber nicht deine Aufgabe.“, bremste Severus den Jungen. „Die Hauselfen kümmern sich darum. Erinnerst du dich daran, was ich dir vor einigen Tagen über Hauselfen erzählt habe? Sie arbeiten gerne. Wenn du ihnen die Arbeit weg nimmst, sind sie traurig. Schlimmer noch, sie denken dann, dass sie etwas falsch gemacht haben. Ich glaube nicht, dass du ihnen dieses Gefühl geben möchtest. Heute und morgen kannst du dich hier einleben, ab Montag hast du dann auch deine Aufgaben. Und jetzt lass das Geschirr liegen und setz dich mit ins Wohnzimmer, dann kann ich dir ein bisschen was von deinen Eltern, oder besser von deiner Mama erzählen, wenn du magst.“

Harrys Augen weiteten sich. Der Mann wollte ihm von seiner Mama erzählen? Er kannte seine Mama? Das klang toll, dafür ließ er gerne die Arbeit liegen. Obwohl es ihm komisch vorkam. Zuhause war das schon seit Jahren seine Aufgabe gewesen, er konnte es sich kaum anders vorstellen. Aber das, was der Professor über Hauselfen erzählt hatte, konnte er verstehen. Ein wenig erleichtert, dass er trotz des Fehlers, den er gemacht hatte, nicht bestraft wurde, folgte er seinem Lehrer ins Wohnzimmer. Dort deutete der Professor ihm an, sich auf das Sofa zu legen, und wickelte eine Decke um ihn. Ein dankbares Lächeln umspielte Harrys Lippen. Trotz des Feuers im Kamin war ihm immer noch ein wenig kalt. „Danke, Sir.“, nuschelte er.

Severus' Mundwinkel zuckten ein wenig nach oben. „Gerne, Harry.“, antwortete er, froh darüber, dass Harry von sich aus das Wort ergriff. „Also gut, ich habe dir versprochen, etwas von deiner Mama zu erzählen. Wusstest du, dass du ihre Augen hast? Dieses intensive grün habe ich bisher nur bei Lily gesehen.“

„Lily.“, wisperte Harry. Das war der Name seiner Mama. Noch nie hatte ihm jemand so etwas erzählt.

„Ja, Lily.“, nickte Severus. Er schien tatsächlich den richtigen Weg zu gehen, wenn er sich Harry so ansah. Der Kleine wirkte entspannter als bisher, selbst im Schlaf war er noch nicht so locker gewesen. „Sie hatte eben diese grünen Augen, und leuchtend rote Haare. Manche haben sie einen kleinen Teufel genannt, und darauf war sie sogar stolz, denn es bedeutete, dass die anderen Schüler merkten, wie sie war. Sie war eine echte Löwin. Sie und dein Vater waren beide in Gryffindor, im Haus der Löwen. Irgendwie war das von vornherein klar. Ich kannte Lily schon viel früher, wir waren so etwas wie Nachbarn. Wir haben uns immer auf dem Spielplatz im Viertel getroffen. Dort habe ich gemerkt, dass Lily eine Hexe ist. Zuerst war sie beleidigt und hat mich angeschrien, aber schließlich konnte ich sie davon überzeugen, dass es um ihre Fähigkeiten ging, und dass es da noch eine andere, verborgene Welt gab. Lily war es immer wichtig, dass es gerecht zuging. Sie hat sich für mich eingesetzt. Meine Familie war arm, ich hatte immer nur alte, abgetragene Kleidung, die mir meistens viel zu groß war, und wurde deshalb ausgelacht. Lily hat mit diesen Kindern geschimpft, sie hat mich so genommen, wie ich war. Sie war die Einzige, die mit mir gespielt hat. Mit ihr konnte ich über die Zauberwelt reden, wir haben oft Stunden im Gras gelegen und von Hogwarts geträumt.“

Harry lauschte mit großen Augen. Ein Freund seiner Mama! Bestimmt war er deswegen so nett zu ihm! Sehnsüchtig lauschte er, wollte mehr über seine Mama hören. Er konnte sich richtig vorstellen, wie sie neben diesem Mann, damals auch noch ein Kind, im Gras lag. Das mit der Kleidung kannte er auch, gerade Dudley und seine Freunde hatten ihn deswegen immer verspottet.

Severus merkte, wie aufmerksam der Junge mit einem Mal war. Ja, das war eindeutig der richtige Weg. Er sprach noch eine ganze Weile weiter, erzählte von Abenteuern, die sie sich ausgemalt hatten, auch von einigen Dingen, die sie in Hogwarts erlebt hatten. Von ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Zaubertränke und dem Spiel Koboldstein. Er ließ alles aus, was James Potter betraf, denn das war noch nichts für Harrys Ohren. Er würde mit ihm darüber reden, aber erst später, im Moment würde es Harry sicher verunsichern. Angst machen, schließlich hatte er bereits mehrmals gehört, er sei seinem Vater so ähnlich. Was absoluter Blödsinn war, wie Severus wusste. Gut, er sah James Potter ähnlich, aber das war nur optisch. Ansonsten hatte er mit seinem Vater nicht viel gemein. Zum Glück, sonst könnte Severus sich nicht so gut um ihn kümmern. Wobei, in dem Fall bräuchte er es wohl nicht.

„Danke, Professor.“, lächelte Harry, als der Tränkemeister verstummte. Er nippte an seiner heißen Schokolade, die ein Hauself gebracht hatte. Gemeinsam mit Kaffee für den Professor.

„Das habe ich gerne gemacht, Harry!“, lächelte nun auch der Tränkemeister. So oft wie in den letzten Stunden hatte er schon lange nicht mehr gelächelt. Das musste wohl daran liegen, dass er sich zum ersten Mal seit Jahren auf die positiven Erinnerungen mit Lily konzentriert hatte. Aber er wurde wieder ernst. „Harry, ich möchte, dass du darüber sprichst, was bei dir zuhause passiert ist. Ich weiß, das fällt dir schwer, aber es wird dir helfen.“

Entsetzt schüttelte Harry den Kopf. Auf keinen Fall durfte er darüber sprechen, das hatte Onkel Vernon mehr als deutlich gemacht! Er durfte nicht zulassen, dass Hedwig etwas passierte. „Hedwig!“, wisperte er erschrocken. Wo war seine Eule überhaupt? Seit er hier angekommen war, hatte er sich nicht mehr um sie gekümmert!

„Das ist deine Eule, oder?“, erkundigte sich Severus ruhig. Harry nickte. „Sie ist sicher im Eulenturm, dort bekommt sie alles, was sie braucht. Sobald es dir gut genug geht, können wir sie besuchen. Dann kannst du ihr sagen, wo du bist, und sie kann zu dir kommen.“

Erleichtert atmete Harry auf, es ging Hedwig gut.

„Harry.“, holte sich Severus die Aufmerksamkeit des Jungen zurück. Der sah ihn mit weiten Augen an. „Ich werde nicht zulassen, dass du wieder dorthin musst, aber das kann ich nur, wenn du darüber sprichst, was passiert ist.“

„Ich … es ist nichts. Wirklich.“, beteuerte Harry.

Severus schüttelte den Kopf. „Das ist eine Lüge, Harry.“, tadelte er leise. „Mir ist klar, dass du Angst hast und deswegen die Unwahrheit sprichst, aber ich werde das nicht dulden. Für heute akzeptiere ich, dass du noch nicht darüber sprechen kannst, aber wir werden darüber sprechen. Hab keine Angst, Harry, sie können dir nichts mehr tun. Ich passe jetzt auf dich auf.“ Er zog Harrys Decke ein wenig höher, als er sah, dass der Junge erneut zitterte, auch wenn er wusste, dass es diesmal nicht die Kälte war. Vorsichtig wischte er über Harrys Wange, auf der eine einzelne Träne perlte. Diesmal zuckte Harry nicht zurück, sondern er sah Severus nur hilflos an. „Keine Angst, Harry. Es wird alles gut.“, versprach Severus leise. Anschließend erhob er sich und ging zu seinem Regal. Irgendwo da musste es doch sein.

Severus suchte eine Weile, dann fand er das Buch, nach dem er suchte. Eine Ausgabe von einem Muggelmärchenbuch, die ihm Lily geschenkt hatte. Er ging zurück zu seinem Sessel, den er näher an das Sofa rutschte, auf dem Harry lag. Anschließend schlug er das Buch auf und begann, dem Kleinen vorzulesen.

Der Nachmittag verlief ruhig in den Kerkern, auch beim Abendessen war Severus zufrieden. Harry setzte sich an den Tisch und aß, sobald auch er selbst angefangen hatte, sein Brot. Viel schaffte er nicht, doch das war laut der Medihexe normal, er musste sich erst daran gewöhnen, vernünftige Portionen zu bekommen. Das war in den letzten Jahren wohl nicht der Fall gewesen, jedenfalls nicht regelmäßig. Allerdings war Harry extrem ruhig, sprach nur dann, wenn er eine Frage gestellt bekam, und selbst da antwortete er extrem knapp. Nach dem Abendessen schickte er Harry ins Bad, sich bettfertig machen. Als der Kleine zurück kam, schüttelte Severus den Kopf. Zum einen wirkte Harry nicht so, als hätte er sich richtig geduscht, er war zwar nass, aber nicht gewaschen. Und zum Anderen die Kleidung. Dieser Schlafanzug sollte Harry gehören? Der war doch uralt und dabei mindestens drei Nummern zu groß! Wie Harry es schaffte, nicht über die Hosenbeine zu stolpern, war ihm ein Rätsel. Automatisch zog Severus seinen Zauberstab und wollte die Größe an das Kind anpassen, doch Harry zuckte ängstlich zusammen, sobald er den Stab auf sich gerichtet sah.

Innerlich fluchend senkte Severus seinen Stab für den Moment. „Entschuldige, Harry, ich wollte dich nicht erschrecken.“, brummte er. „Ich möchte einen Zauber auf deinen Schlafanzug sprechen, damit er dir richtig passt. So fällst du irgendwann noch über die langen Hosenbeine, oder er rutscht dir einfach vom Körper, weil er viel zu weit ist. Außerdem will ich deine Haare trocknen.“

Harry war erschrocken, als der Zauberstab auf ihn deutete, aber er beruhigte sich schnell wieder, als er die Erklärung hörte. Er vertraute darauf, dass der Professor genau das machte, was er sagte. Noch nie, seit er ihn kannte, hatte der Mann ihn angelogen. Es dauerte eine Weile bis er merkte, dass der Professor auf eine Antwort wartete, da nickte er, wenn auch etwas zögerlich. Zauberei machte ihm Angst, er konnte einfach nicht einschätzen, was da alles passierte. Doch es war halb so schlimm, der Professor sprach einen Zauber, den Harry nicht verstand, dann kribbelte es ein wenig, und mit einem Mal waren seine Haare trocken und ihm passte der Schlafanzug, den Dudley vor über einem Jahr aussortiert hatte, weil er ihm zu klein war. Staunend sah er an sich hinunter. Noch nie hatte er so passende Kleidung gehabt. Mit Ausnahme seiner Schuluniform, doch auch die hatte er sich etwas größer geben lassen, damit er sie länger tragen konnte. Schließlich wusste er nicht, wie lange das Gold seiner Eltern reichte, er musste vorsichtig sein. Die Dursleys würden bestimmt nicht für etwas bezahlen, das mit der Zauberwelt zusammen hing. Und noch etwas erkannte Harry, als er an sich hinunter sah: die Löcher, die er notdürftig geflickt hatte, waren weg! Wow, Zauberei war wirklich toll! „Danke, Sir!“, nuschelte er, als ihm einfiel, dass sich das so gehörte.

„Gerne, Harry.“, lächelte Severus. Er deutete auf das neue Zimmer. „Zeit für dich, ins Bett zu gehen. Komm, ich lese dir noch eine kleine Geschichte vor.“ Er hatte bemerkt, wie Harry diese Zeit am Nachmittag genossen hatte, und sich vorgenommen, dem Kleinen mehr davon zu geben. Harry hatte gewaltigen Nachholbedarf, wie es schien. Auf diese Art konnte er gleich etwas lernen, ohne dass es sich nach Unterricht anfühlte. Deshalb holte er sich mit einem Zauber das Märchenbuch von Beedle dem Barden, so lernte Harry die Zauberwelt kennen. Er half dem Kleinen in das Bett – der schien das nicht zu kennen – und deckte ihn zu. Kleinigkeiten, die er bei Draco von klein auf gemacht hatte, die dem Kind hier aber völlig fremd schienen. Draco hatte sich bereits mit acht Jahren zu alt dafür gefühlt, ins Bett gebracht zu werden. Automatisch fuhr er mit seiner Hand durch das wirre, schwarze Haar. Im ersten Moment zuckte Harry, dann schien er sich an die Hand zu schmiegen. Mit geschlossenen Augen genoss er die sanfte Berührung. Mit ruhiger Stimme las Severus eines der Märchen, ließ dabei aber seine Hand an der Wange des Kindes.

Harry wusste nicht mehr, wohin mit seinen Gefühlen. So etwas kannte er nicht. Anfangs hatte es ihm Angst gemacht, als die riesige Hand in die Nähe seines Kopfes kam, aber er hatte keine Zeit gehabt, sich zu schützen. Viel zu schnell war die Hand in seinen Haaren gewesen. Und doch, es tat nicht weh. Im Gegenteil, es war mehr als angenehm. Er konnte nicht anders, musste sich an die Hand schmiegen. Er hatte nicht einmal einen Namen für die Gefühle, die in ihm brodelten, er wusste nur, dass er sich immer so fühlen wollte. Es war so schön, so warm und beruhigend. So lange die Hand hier lag, konnte ihm nichts passieren. Sein großer Mann würde auf ihn aufpassen. Der letzte Gedanke irritierte Harry ein wenig, er hatte sich geschworen, keinem Erwachsenen jemals wieder zu vertrauen. Und doch konnte er nicht anders, als diesem Mann zumindest ein Stück weit zu vertrauen. Die Angst, geschlagen zu werden, verlor in seiner Gegenwart eine Menge Kraft. Sie war nur noch ganz wenig, im Hintergrund vorhanden. Harry lauschte der dunklen, beruhigenden Stimme. Schon wieder las der Professor ihm eine Geschichte vor, das hatte er schon fast den ganzen Nachmittag gemacht. Tante Petunia hatte Dudley früher auch immer vorgelesen, aber Harry hatte es höchstens gehört, wenn er gerade in der Nähe des Kinderzimmers putzen musste. Er merkte nicht einmal, wie er langsam einschlief, während die Stimme immer noch über ihn hinweg rieselte.

Severus hingegen bemerkte es durchaus, dass Harrys Atmung sich immer weiter beruhigte und tiefer wurde. Er las weiter, bis der Junge tief und fest schlief, dann erst klappte er das Buch zu und nahm vorsichtig seine Hand vom Kopf des Jungen. So entspannt hatte Harry noch nie ausgesehen, nicht einmal im Heilschlaf, fand Severus. Er löschte das Licht, sodass nur noch die Sterne an der Decke ihren Schein verbreiteten, dann verließ er das Zimmer, nicht ohne einen Überwachungszauber auf Harry zu legen. Die Tür ließ er einen Spalt breit offen, sodass der Kleine sich zurechtfinden konnte. Es war immerhin die erste Nacht in einer vollkommen neuen Umgebung für Harry. Auch für ihn selbst war es seltsam, wieder einmal ein Kind in seinen Räumen zu haben. Zwar kümmerte er sich regelmäßig um Kinder, denen es in ihrem Zuhause nicht besonders gut ging, aber zumeist bestand diese Hilfe in Gesprächen an Plätzen, wo die Kinder sich wohlfühlten. Eingezogen waren bei ihm nur sehr wenige, eigentlich nur ein Kind in seinem ersten Jahr hier in Hogwarts. Und das nur wenige Wochen, bevor sie, damals war es ein Mädchen gewesen, zurück in ihren Schlafsaal und den Unterricht konnte. Einige andere Kinder waren mal über ein Wochenende oder ein paar Tage hier gewesen, kaum der Rede wert. Aber er spürte, mit Harry würde es anders sein. Der Kleine hatte wohl auch mehr mitgemacht als die anderen Kinder, war bereits mit etwas über einem Jahr zu einem Waisen geworden, dabei selbst beinahe gestorben. Und die Jahre bei seinen Verwandten waren scheinbar auch nicht besser gewesen. Nun, das mussten sie in den nächsten Wochen und Monaten aufarbeiten. Severus rechnete mit einigen Monaten.

Zwei Stunden saß er noch an seinem Schreibtisch und korrigierte Schüleraufsätze, dann legte auch er sich ins Bett. Vorher warf er noch einen Blick in Harrys Zimmer, doch der Junge schlief immer noch ruhig. Es dauerte nicht lange, da war auch Severus eingeschlafen. Bis das Vibrieren seines Zauberstabes ihn weckte. Einen Moment war er irritiert, doch dann fiel ihm der Überwachungszauber auf Harry wieder ein. Schnell warf er sich einen Morgenmantel über und eilte ins Nebenzimmer. Leise wimmernd lag Harry im Bett, wand sich hin und her. Severus konnte nur Wortfetzen ausmachen, die der Kleine im Schlaf murmelte, da er seine Faust im Mund hatte. Seufzend setzte er sich an den Rand des Bettes, dann sprach er leise und beruhigend auf das Kind ein, strich dabei sanft über die Haare. Harry zuckte zurück, schmiegte sich dann aber in die Berührung und schlug die Augen auf. Glasige, grüne Augen blickten Severus an, erkannten ihn erst nach einigen Momenten. „Ganz ruhig, Harry, hier passiert dir nichts.“, versprach Severus. „Was hast du geträumt?“

Harry wollte zuerst zurückweichen, aber die Hand an seiner Wange beruhigte ihn. Es war nur eine ganz leichte Berührung, genau wie am Abend, als er eingeschlafen war. Doch diese Berührung veränderte alles. Ohne Nachzudenken beantwortete er daher die Frage. „Hedwig, sie war … tot.“ Zitternd holte er Luft, biss sich auf die Lippe. Doch als der Professor ihm mit dem Daumen über die Wange strich, konnte er sich nicht mehr beherrschen, schluchzte kurz auf, bevor er sich erneut auf die Lippe biss. Erwachsene mochten keine Kinder, die weinten. Wenn sein Onkel ihn weinen hörte, wurde die Strafe nur schlimmer. Und gerade hatte er geträumt was passierte, wenn er etwas erzählte. Nein, egal, wie nett der Professor war, er würde nichts riskieren, entschied Harry. Am Ende des Schuljahres musste er schließlich spätestens zurück. Er schauderte, als er daran dachte.

Severus spürte, dass Harry panische Angst hatte, konnte es aber nicht genauer benennen. Harry verschloss sich vor ihm, aber damit hatte er bereits gerechnet. Scheinbar brauchte der Kleine noch mehr Sicherheit. Aber heute Nacht kam er wohl nicht weiter an ihn heran, als er es ohnehin schon geschafft hatte. Immerhin akzeptierte, nein genoss Harry die Berührung. „Nach dem Frühstück gehen wir zu deiner Eule.“, versprach er. „Du wirst sehen, es geht ihr gut.“ Er wartete Harrys Nicken ab, merkte, dass der Kleine sich wieder ein wenig entspannte. „Und jetzt versuch zu schlafen. Es ist mitten in der Nacht, du brauchst Ruhe. Wir reden ein anderes Mal darüber, in Ordnung? Wenn du nicht darüber redest, werden die Alpträume immer schlimmer, das weiß ich selbst aus Erfahrung.“ Jetzt blickten ihn Harrys Augen interessiert an. War das der richtige Ansatz? Severus entschied, darüber nachzudenken, vielleicht half es Harry, wenn er wusste, er war nicht alleine. Doch erst einmal sollten sie beide schlafen. „Gute Nacht, Harry.“, wünschte Severus, strich noch einmal über Harrys Wange, dann stand er auf. Er zog die Decke wieder höher, sodass sie Harry bis zum Hals bedeckte, strich erneut über die blasse, eingefallene Wange, dann trat er zurück und löschte das Licht, das er gemacht hatte. Harrys Augen folgten jeder seiner Bewegungen, bevor sie sich schließlich schlossen.

Trotzdem wurde die Nacht unruhig, Severus musste noch zweimal aufstehen und den Jungen beruhigen. Daher ließ er ihn früh auch erst einmal etwas länger schlafen, bevor er ihn zu einem späten Frühstück gegen zehn Uhr weckte. Schließlich wollten sie seine Eule besuchen. Als Harry nach dem Frühstück ins Bad ging um sich anzuziehen, machte sich auch Severus fertig, zog seine Roben über die normale Kleidung. Bewusst hatte er den Besuch in der Eulerei so gelegt, dass die meisten Schüler in der großen Halle beim Essen sein würden. Harry kam aus dem Bad zurück und erneut musste Severus dessen Kleidung anpassen. Ihm wurde bewusst, dieses Kind hatte offenbar keine eigene Kleidung, sondern trug von irgendwem die gebrauchten Sachen auf. Und dieses andere Kind war deutlich größer und breiter als Harry. Dagegen mussten sie etwas tun, nicht nur, weil ihm die Kleidung nicht passte, sondern weil sie nicht mehr tragbar schien. Keines der Kleidungsstücke, die Harry heute trug, war in Ordnung. Flecken, Löcher und Risse waren in jedem einzelnen Teil. Severus konnte es mit einem Zauber zwar ausbessern, aber der Stoff war teilweise so dünn, dass es nicht lange halten würde. Er selbst war nicht reich, verdiente aber genug, um dem Kleinen wenigstens eine passende Garderobe zu besorgen. Und sein Partner würde ohnehin darauf bestehen, der konnte ihm dabei notfalls unter die Arme greifen. „Bereit?“, fragte er allerdings nur.

Harry nickte. Er war dankbar, dass der Professor seine Kleidung erneut angepasst und repariert hatte. Jetzt fühlte er sich deutlich besser. Wie schlimm war es in der Grundschule gewesen, wenn ihn alle ausgelacht hatten, weil er Dudleys alte Sachen trug. Er wagte es nicht, den Professor darum zu bitten, alle seine Sachen so zu behandeln. Egal, wie viel der Mann bisher für ihn getan hatte, er wollte nicht zu anstrengend werden, dafür genoss er die Zeit mit dem Professor zu sehr. Würde er zu anstrengend, schickte der ihn bestimmt weg. Erwachsene mochten keine anstrengenden Kinder, das war Harry sehr schnell klar geworden in seinem bisherigen Leben. Hinter dem Professor trat er auf den Flur. Er hielt sich dicht an den Älteren, denn die Dunkelheit in den Fluren machte ihm Angst. Zwar konnte man seinen Weg durchaus erkennen, aber da waren so viele Schatten und dunkle Ecken, da konnte sich überall jemand verstecken. Nein, besser er blieb bei dem Professor, der ihn bisher auch immer beschützt hatte.

Diesmal achtete Severus darauf, nicht zu schnell zu gehen. Vor sich konnte er die Slytherins hören, die gerade zum Essen gingen, aber sie waren nicht sonderlich laut. Er merkte durchaus, dass Harry sich nahe bei ihm hielt, und fühlte sich bestärkt dadurch. Ihm war bewusst, dass Harry Angst vor der Dunkelheit hier in den Fluren hatte, aber er hatte gleichzeitig auch genug Vertrauen, bei Severus Schutz zu suchen. Das wiederum zeigte Severus, dass der Kleine sich bei ihm sicher genug fühlte. Er wählte dennoch einen Weg, auf dem sie möglichst wenigen Schülern begegneten, und führte Harry schließlich über die schmale, steile Treppe in den Eulenturm. Dort ließ er ihn voran gehen, nicht dass er ausrutschte und stürzte. Bei Harrys derzeitigem Zustand würde das auf jeden Fall mit gebrochenen Knochen enden, und das wollte er vermeiden.

Vorsichtig blickte Harry um die Ecke, als er oben angekommen war. Hunderte Eulen saßen in dem Raum auf verschiedenen Stangen, in allen Größen und Farben. Rundum war die Mauer offen, sodass sie ungehindert kommen und gehen konnten, doch das Dach stand weit genug über, sodass Wind und Wetter ihnen nicht viel ausmachen konnten. Während Harrys Blick über die Eulen glitt, hatte seine Hedwig ihn schon entdeckt. Mit einem Huten machte sie ihn auf sich aufmerksam. „Hedwig, meine Schöne!“, begrüßte Harry die Eule, die direkt zu ihm herunter flog und es sich auf seinem Arm gemütlich machte. Zärtlich strichen die schmalen Finger über die weißen Federn, während die Eule vorsichtig mit ihrem Schnabel an Harrys Ohr knabberte. „Es geht dir gut?“, fragte der Junge schließlich leise. Hedwig gab einen zustimmenden, beruhigenden Laut von sich und ließ sich den Eulenkeks schmecken, den Harry aus seiner Tasche zog.

Severus beobachtete nur, wie Harry mit seiner Eule umging. Ganz offensichtlich liebte der Junge dieses Tier. Die Schneeeule schien noch sehr jung, aber dabei ziemlich intelligent zu sein. Selten hatte Severus ein so anhängliches Tier erlebt, jedenfalls in der Vogelwelt. Harry sprach leise mit ihr, schien ihr zu erzählen, was in den letzten Tagen passiert war. Hedwigs Augen richteten sich irgendwann prüfend auf Severus, blickten ihn eine Minute durchdringend an, bevor sie sich wieder ihrem Vertrauten widmete. Bewusst lauschte Severus nicht, auch wenn er einzelne Worte verstehen konnte und daher ahnte, was der Junge mit seiner Eule besprach. Er wollte das Vertrauen nicht missbrauchen, das er sich bisher schwer erarbeitet hatte. Der Kleine sollte freiwillig zu ihm kommen und mit ihm sprechen. Nach einer halben Stunde bat er Harry, sich von Hedwig zu verabschieden, wandte sich aber selbst an die Eule und versprach ihr, sie können ihren Vertrauten jederzeit in seinen Räumen besuchen. Allerdings wollte er vermeiden, dass Harry von den ganzen Schülern überrannt wurde, die sicher in nicht allzu langer Zeit aus der großen Halle kommen würden.

Brav folgte Harry seinem Lehrer zurück in dessen Räume. Dort bestellten sie sich ein Mittagessen bei den Hauselfen, danach musste Severus weiter die Hausaufgaben der Schüler korrigieren. Da er Harry versprochen hatten, erst am Montag mit Aufgaben zu beginnen, ließ er dem Jungen die freie Wahl, was er machen wollte, während er im Büro arbeitete. Erst kurz vor dem Abendessen kam er zurück, erstaunt zu sehen, dass Harry in der Zwischenzeit das Wohnzimmer und das Bad geputzt hatte. Kopfschüttelnd setzte er sich zu dem Jungen. „Harry, so hatte ich das nicht gemeint.“, brummte er. „Hast du vergessen, dass die Hauselfen für das Putzen verantwortlich sind?“ Harrys Blicke machte deutlich, dass er das wohl tatsächlich vergessen hatte. „Nochmal. Du musst zwar dein Zimmer in Ordnung halten, aber nichts putzen oder waschen. Das machen die Hauselfen, und wenn du sie das nicht machen lässt, sind sie traurig. Ich hatte vorhin gemeint, du könntest etwas lesen, oder auch dich anderweitig beschäftigen, so wie du es gerne magst.“ Da fiel ihm etwas ein. „Du weißt nicht, was es bedeutet, keine Aufgaben zu haben, kann das sein?“

Zögernd nickte Harry, als er die letzte Aussage des Professors hörte. Anfangs hatte er sich ins Wohnzimmer gesetzt und das Feuer beobachtet, sich dann aber immer unruhiger gefühlt. Also hatte er sich in Bekanntes geflüchtet. Putzen konnte er gut, außerdem war er der Meinung gewesen, der Professor würde sich freuen, wenn er ihm ein wenig Arbeit abnahm. Die Hauselfen hatte er dabei total vergessen. Das war alles so neu und anders, er würde wohl noch lange brauchen, bis er sich daran gewöhnte. „Tut mir leid, Sir.“, nuschelte er.

Severus rieb sich die Nasenwurzel, das würde schwer werden. „Das ist in Ordnung, aber vergiss es nicht wieder.“, schüttelte er den Kopf. „Na komm, gehen wir Abendessen. Morgen muss ich dann unterrichten, aber ich habe einige Aufgaben für dich, die ich dir vorher geben werde. Dann hast du etwas zu tun, während ich weg bin. Und nach dem Abendessen werden wir uns ab morgen Zeit nehmen, über deine Vergangenheit zu sprechen. Du musst das alles loswerden, damit es dich nicht mehr so sehr belastet. Auch wenn ich weiß, dass es nicht leicht wird.“ Er sah, dass Harry zusammen zuckte und sich erneut verschloss. „Keine Angst, wir gehen es langsam an. Und eines verspreche ich dir: du musst nie wieder dorthin zurück. Allerdings musst du darüber reden, damit wir etwas in der Hand haben. Dann finden wir einen besseren Aufenthalt für dich.“ Severus würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass Harry nicht wieder zu seinen Verwandten musste, aber er wusste im Moment immer noch nicht, wer dessen Vormund war. Sein Verdacht war, dass Dumbledore selbst dieser Vormund sein könnte, aber bisher hatte er noch keine Bestätigung dafür. Ohne Harrys Aussage allerdings würde es schwer.

Nur langsam beruhigte Harry sich wieder, als er die Worte des Professors hörte. Angespannt saß er beim Abendessen am Tisch, musterte immer wieder den Älteren aus den Augenwinkeln heraus, um zu erkennen, wie er am besten mit seinem Besteck umging. Er wollte den Mann nicht ärgern, im Gegenteil, er wollte es besser machen als bisher. Sein Onkel hatte ihn immer wieder verhöhnt, weil er so ungeschickt mit seinem Besteck umging, hatte es ihm aber nie richtig beigebracht. Jetzt, hier, wollte er es lernen, aber er wollte sich auch nicht die Blöße geben und danach fragen.

Severus sah das und unterdrückte ein Seufzen. „Harry, du darfst mich ruhig fragen, wenn du etwas nicht kannst. Soll ich dir zeigen, wie du das mit dem Besteck am besten machst?“ Lange sah Harry den Älteren einfach nur an, schien abzuwägen. Irgendwann nickte er zögernd. Also zeigte ihm Severus, wie er Messer und Gabel am besten hielt und benutzte. Dafür setzte er sich neben den Jungen, damit der es nicht seitenverkehrt sah. Harry war ein gelehriger Schüler, schon nach wenigen Minuten hatte er erste Erfolge. „Sehr gut, Harry.“, lobte Severus. Ihm war bewusst, der Kleine brauchte Bestätigung. Ein leises Lächeln zeigte ihm, dass Harry sich darüber freute. Gemeinsam aßen sie schweigend weiter.

Nach dem Essen ging Severus mit Harry ins Bad, zeigte ihm Duschbad, Shampoo, Seife und alle anderen Dinge, erklärte ihm, wie er es verwenden sollte. „Du darfst das alles verwenden, Harry. Ich mache die Sachen selbst im Labor. Wenn es dir gut genug geht, kannst du mir dabei helfen, wenn du magst. Denkst du, du schaffst das nun alleine?“

Harry nickte. Er war völlig geplättet, damit hätte er nicht gerechnet. Dankbar nickte er, ja, er konnte sich sicherlich alleine duschen. Er hatte sich nur gestern nicht getraut, die ganzen Dinge zu verwenden. Wie das ging, hatte er sich in der Grundschule beim Schwimmunterricht von den anderen Kindern abgeschaut. Schnell war er frisch geduscht und fertig für das Bett, fühlte sich viel besser und erfrischt. Er genoss es, dass der Professor ihn wieder ins Bett brachte, ihm eine Geschichte vorlas und ihn richtig zudeckte.

Auch diese Nacht wurde unruhig, doch auch diesmal wollte Harry nicht weiter darüber sprechen. Er war noch nicht so weit. Severus blieb jedes Mal bei ihm, bis er wieder schlief, bekam so selbst nicht besonders viel Schlaf ab. Dieses Wochenende hatte er frei, aber demnächst musste er auch wieder Aufsicht machen. Für diese Nächte musste er sich etwas einfallen lassen, damit Harry nicht alleine war. Oder er zumindest mitbekam, wenn Harry ihn brauchte.

Am Montagmorgen weckte Severus Harry relativ früh, damit er gemeinsam mit ihm frühstücken konnte. Nachher musste er in der großen Halle anwesend sein, wenn die Schüler kamen. Darauf hatte Dumbledore bestanden. Vorher wollte er aber sicherstellen, dass es Harry soweit gut ging und er verstand, was er tun sollte. Außerdem natürlich überwachen, ob der Junge genügend aß und seine Tränke nahm.

Obwohl Harry sich müde fühlte, stand er widerspruchslos auf, als er geweckt wurde. Anders kannte er es nicht, meistens weckte ihn Tante Petunia, damit er Frühstück machte für die Familie. Wenn er Glück hatte, bekam er anschließend auch noch etwas, bei ganz besonderen Gelegenheiten durfte er sogar mit am Tisch sitzen. Dann bekam er aber immer deutlich weniger, das gefiel Dudley ziemlich gut. Wahrscheinlich war das sogar der Grund gewesen, warum er ab und zu am Tisch sitzen durfte. Hier war es anders, dennoch stand er natürlich sofort auf, wenn es ihm gesagt wurde. Aufmerksam hörte er zu, als der Professor ihm seine heutigen Aufgaben erklärte.

„Ich habe dir einige Bücher in dein Regal gestellt.“, erzählte Severus. „Darin findest du Informationen über viele Dinge, die für magische Kinder selbstverständlich sind. Kinder aus Muggelhaushalten wissen so etwas nicht, daher verwirrt es sie immer wieder. Ich habe dir einige Fragen dazu aufgeschrieben und möchte, dass du die Antworten dazu aufschreibst. Es wird für dich schwer sein, mit Tinte und Feder zu schreiben, aber auch das musst du lernen, es wird hier in Hogwarts erwartet. Probiere ruhig erst einmal das Schreiben, bevor du dich an deinen Aufsatz machst, ansonsten ärgerst du dich nur, wenn es nicht klappt.“

Nun wurde Harry doch etwas unsicher. Ob er das konnte, mit einer Feder zu schreiben? Das klang schwierig, aber doch spannend. Er war neugierig, wie das wurde. Natürlich würde er sein Bestes geben. Er nickte also, als der Professor ihn ansah und auf seine Reaktion wartete.

„Gut.“, schloss Severus das Thema. „Ich werde die Hauselfen beauftragen, dir eine Zwischenmahlzeit zu bringen. Auch das Mittagessen wirst du heute alleine einnehmen müssen, ich soll in der großen Halle anwesend sein. Zum Abendessen bin ich spätestens wieder hier, vielleicht auch vorher schon, das weiß ich noch nicht. Denkst du, du kommst bis dahin alleine zurecht?“ Diesmal nickte Harry zuversichtlicher. „Madam Pomfrey wird möglicherweise nach dir sehen, also erschrick nicht, wenn sie kommt.“ Erneut nickte Harry. Daran mussten sie offensichtlich auch noch arbeiten, Harry sollte mündlich antworten. Aber dafür brauchte er wohl noch mehr Sicherheit. „Wenn du mit deinen Aufgaben fertig bist, dann kannst du dir ein Buch aussuchen und lesen, oder du kannst malen, wenn es dir Spaß macht. Nicht wieder putzen, in Ordnung?“ Diesmal lächelte Harry sogar, als er nickte. Seine Wangen waren leicht gerötet. „Nun gut, ich verlasse mich auf dich. Sollte etwas sein und du brauchst mich, dann komm in mein Büro. Ich lasse die Tür zum Klassenzimmer einen Spalt offen, da kannst du mich erreichen.“

Severus strich Harry noch einmal über die Haare, dann verließ er die Räume und ging in die große Halle. So ganz wohl war ihm dabei nicht, aber er konnte es nicht ändern. Er hoffte, dass es klappte mit dem Jungen. Wobei, alleine zu sein schien ihm nicht so viel auszumachen, so lange er etwas zu tun hatte. Er hatte nie gelernt, sich selbst zu beschäftigen und sich die Zeit zu vertreiben. Nun, das würden sie nach und nach in Angriff nehmen. Heute wirkte Harry an sich recht gut, ziemlich sicher für seine Verhältnisse. Es schien ihm gut zu tun, etwas zu tun zu haben. Jetzt musste Severus nur noch dafür sorgen, dass der Kleine es nicht übertrieb, sondern zwischendurch auch Spaß hatte. Das musste er wohl auch erst lernen. Dafür würde er sich später dann Draco mit ins Boot holen. Auch, wenn der Blonde nach außen hin kühl und unnahbar, beinahe wie ein kleiner Erwachsener, wirkte, so konnte doch auch er ausgelassen sein und Spaß haben, wenn er nicht in der Öffentlichkeit stand.

Harry hingegen blieb in den Räumen. Er fühlte sich erleichtert, dass er hier bleiben durfte. Der Gedanke, mit zehn oder zwanzig anderen Schülern in einem Klassenzimmer zu sitzen, ängstigte ihn. Noch schlimmer wäre es, beim Essen mit allen anderen Kindern in der großen Halle zu sein. So viele Menschen auf einem Haufen waren ihm einfach zu viel. Konnte er das wieder lernen? Er war seinem Professor dankbar, dass dieser ihm die Erfahrung für den Moment ersparte, ihm half, hier anzukommen. Er duschte noch schnell und zog sich an, da er im Schlafanzug, direkt nach dem Aufstehen, gefrühstückt hatte, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch. Kurz warf er einen Blick auf die Aufgaben, die dort lagen, doch er erinnerte sich an den Tipp des Professors. Also griff er nach Pergament, Feder und Tinte, übte sich erst einmal im Schreiben. Es war tatsächlich schwer, anfangs war es überhaupt nicht lesbar. Doch nach und nach wurde es besser, Harry gewöhnte sich an die seltsamen Schreibwerkzeuge. Als eine Hauselfe einen Snack brachte, machte er eine kurze Pause zum Essen, dann kümmerte er sich um die Fragen.

Interessiert las er in den Büchern, es war wirklich spannend. Im Prinzip ging es um Regeln, an die sich die magische Welt hielt, und wie sie insgesamt aufgebaut war. Harry wurde bewusst, dass ihm dieses Wissen half, nicht aufzufallen in der ihm neuen Welt. Er las auch über sich selbst. Das war irgendwie seltsam für Harry, aber nun wusste er wenigstens, warum alle Menschen in der Winkelgasse ihn erkannt hatten, als er mit Hagrid dort gewesen war. Diese Tatsache hatte ihm Angst gemacht, aber je mehr er darüber erfuhr, desto besser ging es ihm damit. Nun, natürlich wollte er nicht als Retter angesehen werden, dazu fühlte er sich nicht fähig, aber dennoch wurde ihm etwas leichter. Er war dem Professor dankbar, dass dieser ihm half, das notwendige Wissen zu erlangen. Daher stürzte er sich richtig auf seine Aufgabe. Er brauchte mit der Feder deutlich länger, die Antworten zu schreiben, als wenn er einen Kugelschreiber nutzte, doch dank seiner Übungen war es zumindest lesbar.

Als er plötzlich und unerwartet angesprochen wurde, zuckte er zusammen. Er fuhr herum. Madam Pomfrey stand lächelnd in der Tür. „Hallo, Harry.“, grüßte sie ihn. „Mir scheint, du nimmst deine Aufgaben sehr ernst. Aber jetzt ist es an der Zeit, Mittag zu essen. Ich wollte mal nach dir sehen und mit dir gemeinsam essen, wenn es dir Recht ist.“

Harry überlegte einen Moment, dann nickte er. Die Krankenschwester war bisher ziemlich nett gewesen. So war er nicht alleine. Auch, wenn er selbst nicht viel sprach, so genoss er doch die Gesellschaft. So schmeckte ihm das Essen auch ein wenig besser. Die Medihexe war zufrieden, wie Harry aß. Sie erzählte ihm einige kurze Geschichten über seine Eltern, aber viel Zeit hatte sie auch nicht, immerhin musste man jederzeit mit Patienten rechnen, wenn man den Krankenflügel betreute. Anschließend machte sich Harry wieder über seine Aufgaben. Sobald er damit fertig war, las er zuerst die Zeitung seines Mentors und dann in einem Buch über Hogwarts. Er war so vertieft, dass er nicht mitbekam, wie der Tränkemeister in die Wohnung trat.

Schmunzelnd beobachtete Severus seinen Schützling eine Weile. „Wie war dein Tag?“, sprach er ihn irgendwann an.

Harry schrak auf, als er die Stimme hörte, doch es war nur ein kurzer Schreckmoment. Sobald er die Stimme erkannte, entspannte er sich ein ganzes Stück weit. Ein kleines Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Schnell sprang er auf und huschte in sein Zimmer. Ein weiteres Lächeln brach sich Bahn. Sein eigenes Zimmer. Das war einfach nur toll. Im Zimmer griff er nach seinen Aufgaben, brachte sie dem Lehrer. Stolz hielt er sie hin.

„Harry, ich möchte, dass du mir antwortest, wenn ich mit dir spreche.“, ordnete Severus an. Trotzdem nahm er die Pergamente, die verhältnismäßig ordentlich beschrieben waren.

Harry zog den Kopf ein, als er den Tadel hörte. Er schluckte schwer. Aber er wollte den Professor zufrieden stellen. „Gut, Sir.“, murmelte er.

Für den Moment gab sich Severus damit zufrieden. „War Madam Pomfrey hier zum Essen?“

„Ja, Sir.“, antwortete Harry diesmal direkt, wenn auch ziemlich leise.

„In Ordnung.“ Severus nickte dem Jungen aufmunternd zu. „Dann lass uns zu Abend essen.“ Zwar war er selbst in der großen Halle beim Abendessen gewesen, hatte aber nur die Aufsicht geführt und ein wenig getrunken. Harry sollte nicht alleine essen müssen.

Nach dem Essen setzten sie sich ins Wohnzimmer. Severus entschied, dem Jungen noch deutlicher zu zeigen, dass er nicht alleine war mit seinen Erfahrungen. „Harry, ich möchte dir etwas aus meiner Kindheit erzählen. Du weißt, dass ich mit deiner Mama befreundet war. Sie war die Einzige, mit der ich damals reden konnte. Mein Vater war Alkoholiker. Wenn er betrunken war, hat er meine Mutter und mich geschlagen. Für Essen und Kleidung reichte das Geld selten, da er alles in verschiedene Kneipen getragen hat. Lange habe ich mich geschämt, hatte das Gefühl, zu schwach zu sein. Die Kinder in unserem Viertel wussten genau, was los war, aber die Meisten haben mich nur ausgelacht, weil ich mit alten, zu großen Kleidern herum lief. Ich hatte nicht viel, auch das führte zu Gelächter. Ich habe mich in Büchern verkrochen, meistens hielt ich mich in der Bücherei im Ort auf. Bis ich Lily kennen lernte. Schnell war ihr klar, wo meine ganzen Prellungen, meine blauen Flecke her kamen. Sie hat nicht aufgehört, mich zum Reden bringen zu wollen. Irgendwann gab ich nach, sie war einfach so hartnäckig. Ich fing an, mit Lily darüber zu sprechen. Es war nicht leicht, aber je mehr ich sprach, desto besser ging es mir damit. Deshalb möchte ich, dass du darüber sprichst.“ Er hoffte, dass er die richtige Mischung erwischt hatte, wollte nicht zu viel sagen, aber natürlich auch nicht zu wenig.

Harry hörte aufmerksam zu. Langsam ahnte er, dass auch der Ältere nicht immer ein schönes Leben gehabt hatte. Er starrte auf seine Füße, die vor dem Sofa standen, auf dem er saß. Seine Gedanken kreisten. Noch immer hatte er Angst, dass sich Onkel Vernons Worte bestätigten, seine Warnung war deutlich gewesen. Auf der anderen Seite ahnte er, dass der Tränkemeister Recht hatte, er musste darüber reden. Dennoch war es schwer, sehr schwer. Aber der Professor kümmerte sich doch so intensiv um ihn, viel mehr, als seine Verwandten das jemals getan hatten. Vielleicht, ja vielleicht würde auch sein Versprechen wahr werden, und er musste nicht zurück in den Ligusterweg? Hoffnung keimte in Harry auf, und er entschloss sich, zumindest ein wenig zu erzählen. Einige Male atmete Harry noch tief durch. „Sie wollten mich nie haben.“, erzählte er leise. „Dudley war für sie alles, ich war nur das lästige Anhängsel. Ich kam immer zuletzt, habe nie eigene Kleidung gehabt, immer nur die alten Dinge von Dudley, die ihm zu klein wurden oder ihm nicht mehr gefielen. Sie haben mir erzählt, dass meine Eltern Säufer waren, dass Dad betrunken einen Unfall gebaut hat, wobei sie getötet wurden und ich die Narbe bekam.“ Harry deutete auf seine Stirn. Zitternd zog er seine Beine an sich und schlang die Arme darum.

Severus atmete auf, als Harry anfing, zu sprechen. Ruhig hörte er zu, freute sich innerlich über diesen unerwartet großen Erfolg. Dennoch schockierte ihn das, was der Junge erzählte. Mit vorsichtigen Bewegungen kniete sich Severus vor das Kind und wartete, bis der ihn ansah. Tränen schwammen in seinen Augen, aber er blickte ihn fragend an. Wollte der Kleine nun eine Umarmung? Oder lieber nicht berührt werden? Er hob seine Hand so, dass Harry es sehen konnte. Der Junge folgte der Bewegung mit den Augen, bis die Hand nahe seiner Schulter war, dann schmiegte er sich in die Wärme. Severus hielt den Kontakt und strich vorsichtig mit dem Daumen über die Schulter. Das schien Harry zu helfen, denn dieser atmete wieder deutlich regelmäßiger und tiefer. „Glaub mir, deine Eltern waren viel, aber sicher keine Alkoholiker. Dein Vater und deine Mutter haben gekämpft, alles getan, damit es dir gut geht. Deine Tante war schon immer gegen Magie, weil sie selbst keine hat. Sie hätte es nie an dir auslassen dürfen, aber leider passieren solche Dinge immer wieder, auch, wenn es nicht sein sollte. Trotzdem, deine Eltern haben dich über alles geliebt, das solltest du immer im Gedächtnis haben.“

Dankbar schmiegte sich Harry enger an den Professor. Die Worte des Mannes beruhigten ihn. „Danke, Sir!“, wisperte Harry, als der Ältere ihn in den Arm nahm. Eine ganze Weile blieben sie so sitzen, dann löste sich Harry wieder von dem Professor, damit er ins Bad gehen konnte. Er war müde, vollkommen erschöpft, wollte nur noch ins Bett.

Severus ging kurz in sein Labor, während Harry im Bad war, um einen leichten Beruhigungstrank zu holen. Damit konnte Harry hoffentlich einigermaßen ruhig schlafen.

Doch trotz des Beruhigungstrankes wurde es eine unruhige Nacht. Harry schlief nicht lange, als sich sein Onkel in die Träume schlich. „Ich hatte dich gewarnt, Bengel!“, schrie Vernon, als er sich über Harry beugte. „Ich habe dir gesagt, dass du nichts erzählen darfst. Du hast dagegen verstoßen, jetzt musst du mit den Konsequenzen leben.“

Harry stolperte nach hinten, als Vernon ihn von sich stieß. Hilflos musste er zusehen, wie sein Onkel nach Hedwig griff. Die Eule saß in ihrem Käfig und hatte keine Chance. Sie schrie vor Schmerzen, als Vernon an ihrem Flügel riss. Sie konnte sich nicht wehren, als Vernon sie aus dem Käfig zerrte. Mit seiner großen, feisten Hand umgriff er den Kopf der Eule und drückte zu.

„Nein, bitte, bitte nicht!“, bettelte Harry entsetzt. Er schrie mit seiner Eule zusammen, als Vernon sie erwürgte. „Nicht Hedwig, nein, bitte! Onkel Vernon, ich werde nichts weiter sagen, bitte, lass Hedwig in Ruhe! Ich mach alles, was du willst, aber bitte nicht Hedwig!“

Entsetzt sprang Severus aus dem Bett, als er das Wimmern und Betteln seines Schützlings hörte. Er hastete nach nebenan, versuchte, Harry zu wecken, ohne ihn zu erschrecken. Das war gar nicht so leicht, Harry war gefangen in seinem Alptraum. Doch irgendwann schreckte der Junge auch hoch und sah ihn mit weiten, tränenverhangenen Augen an. Er wich zurück, offenbar noch zu sehr gefangen in dem Traum.

Harry erkannte nach und nach, dass er nicht zuhause im Ligusterweg war, sondern bei Professor Snape in den Kerkern von Hogwarts. Doch seine Angst ließ nicht nach. Er durfte auf keinen Fall noch etwas sagen, sonst passierte Hedwig etwas! Fest presste Harry seine Lippen zusammen. Egal, wie gerne er den Professor inzwischen hatte, von nun an würde er schweigen. Auch, wenn der Professor ihm dann vielleicht nicht mehr half. Er war doch für Hedwig verantwortlich!

Severus wurde bewusst, dass Harry panische Angst hatte. Was genau hier passierte, konnte er sich nicht erklären, doch den Ausdruck auf Harrys Gesicht kannte er. Der Kleine verschloss sich erneut, nachdem er sich doch am Abend ihm gegenüber geöffnet hatte. Was hatte Harry nur in seinem Traum gesehen? Seinen Onkel offenbar. Wenn Severus die gemurmelten, flehentlichen Worte richtig verstanden hatte, ging es um Harrys Onkel und seine Eule. Harrys Onkel hatte offensichtlich die Eule des Kleinen bedroht. Vermutlich war das das Druckmittel, damit Harry nichts ausplauderte. Es schien, als wäre die Arbeit der letzten beiden Tage vollkommen zerstört. Der Trank hatte nicht gewirkt, oder zumindest nicht stark genug. Er bot Harry an, ihn in die Arme zu nehmen, doch Harry schrak zurück. Panisch schüttelte er den Kopf. Seufzend sprach Severus weiterhin beruhigend auf Harry ein, auch wenn ihm klar war, dass der Junge nun wieder ganz am Anfang stand. Wahrscheinlich hörte er nicht einmal zu, dennoch versuchte er es. Er konnte nicht anders, einerseits, weil er es Lily versprochen hatte, andererseits, weil der Junge einer seiner Schüler war, der etwas Besseres verdiente.

Die restliche Nacht schlief Harry nicht mehr, er hatte zu viel Angst. Egal, was der Tränkemeister ihm sagte, Harry weigerte sich zu sprechen. Am Morgen pickte er mehr in seinem Frühstück, als dass er aß. Dennoch setzte er sich, als der Lehrer Unterricht hielt, an seinen Schreibtisch und machte sich über die gestellten Aufgaben.

Severus sah in den folgenden Tagen mit Sorge, wie mechanisch Harry seine Aufgaben erledigte. Der Kleine sprach kein Wort, zitterte dafür fast ständig, und sah sich immer wieder angstvoll um. Wurde er unvermittelt angesprochen, zuckte er panisch zusammen. Er aß kaum noch etwas, und wenn, dann nur mit ihm gemeinsam. Selbst Draco, den Severus nach gut einer Woche dazu holte, konnte kein Wort aus Harry heraus locken. Dennoch ließ er die Kinder eine Weile in Harrys Zimmer alleine, hörte nur zu.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie dieses Wiesel ist.“, schimpfte Draco über einen der Gryffindors. „Ich meine, ja, die Weasleys und wir Malfoys haben seit Jahrhunderten eine Fehde, keiner weiß mehr genau, warum eigentlich. Ich schätze, es liegt an den unterschiedlichen Ansichten unserer Familien. Du musst wissen, Harry, wir Malfoys gehören zu den Familien, die die alten Werte hoch halten. Die Weasleys hingegen sind nahe den Muggeln, ignorieren die Traditionen vollkommen, und lehnen die schwarze Magie ab. Dabei ist schwarze Magie genauso ein Teil der Magie wie die weiße, aber das nur nebenbei. Das jetzt als Hintergrund zu dem, was in der Schule passiert. Wiesel, also Ronald Weasley, ebenfalls ein Erstklässler, aber natürlich in Gryffindor, wie alle aus seiner Familie, lässt keine Gelegenheit aus, mich zu beleidigen. Nun, er ist sehr wenig kreativ, zumeist beschimpft er mich als Todesser-Kind und solche Dinge. Ziemlich nervig, und so langweilig, als würde man in einer Zeitschleife festsitzen. Du verstehst, weil es immer das Gleiche ist.“

Eine Weile herrschte Stille. Severus wusste nicht genau, was die beiden Jungen machten, aber er entschied, nicht zu unterbrechen. Vielleicht schaffte Draco, was er selbst nicht konnte. Vor allem, weil Draco ohnehin nicht ruhig sein konnte, wenn es nicht absolut erforderlich war. Es dauerte auch nicht lange, da sprach Draco weiter. „Weißt du, gerade die Gryffindors behaupten inzwischen, Onkel Sev hätte dich entführt, weil du nicht mehr auftauchst. Zwar hat Dumbledore am Anfang des Jahres erklärt, dass du krank bist und daher vorerst nicht in den Unterricht kommst, aber gerade die Löwen glauben das nicht so einfach. Sie denken, Onkel Sev wird mit deiner Hilfe den dunklen Lord zurück holen. Absoluter Blödsinn, natürlich wird Onkel Sev dir nichts tun. Er kümmert sich nicht zum ersten Mal um ein Kind, das Hilfe braucht, also sieh es entspannt. Was die Gryffindors denken, kann dir egal sein. Aber ich wollte, dass du es weißt, denn sobald du in den Unterricht kommst, wirst du dir das auch anhören müssen. Aber keine Sorge, ich bin bei dir. Wenn sie zu dir wollen, müssen sie an mir und unseren Freunden vorbei. Crabbe und Goyle haben versprochen, dich auch mit zu beschützen, also keine Angst.“

Draco erzählte nun weiter vom Unterricht, was weniger interessant für Severus war. Er hatte den Eindruck, dass dieser Besuch Harry gut tat, auch wenn er nicht antwortete. Nun, das war bei Draco auch nicht so einfach, man musste sich schon durchsetzen, wenn der Blonde sich einmal warm geredet hatte. Erst kurz vor dem Abendessen schickte Severus Draco zum Essen in die große Halle, damit er nicht auffiel.

Auch in den folgenden Wochen kam Draco regelmäßig in Severus' Räume und besuchte Harry. Zwar sprach der Junge noch immer nicht, aber zumindest aß er wieder besser, vor allem, wenn Draco dabei war.

Poppy und Minerva wussten ebenfalls keinen Rat für Severus. Sie hatten viele Tricks ausprobiert, doch Harry schwieg eisern. Nur mit Hedwig sprach er, aber so leise, dass sie selbst mit Lauschzaubern keine Chance hatten. Severus hatte sich lange geweigert, auf diese Methode zurück zu greifen, doch gegen Mitte Oktober griff er nach jedem Strohhalm. Absolut zwecklos. Mehr als einzelne Wortfetzen konnte er nicht hören, der Junge schmiegte sich zu dicht an das Gefieder der Schneeeule. Dennoch wollte er ihm diese Zeit mit seiner Vertrauten nicht nehmen. Das wäre grausam.

Auch die Nächte waren unruhig, Harrys Alpträume weckten Severus mehrmals pro Nacht, doch der Kleine sprach nicht mehr im Schlaf. Er suchte Schutz bei Severus, und wich doch gleichzeitig zurück. Das gab Severus zumindest ein wenig Hoffnung, dass er es schaffen konnte, Harry dazu zu bringen, sich zu öffnen.

Harry hatte Angst, was passieren könnte, sollte er über die Verhältnisse bei seinen Verwandten sprechen. Andererseits war er fast sicher, dem Professor vertrauen zu können. Obwohl er jetzt schon über einen Monat hier war, hatte der Tränkemeister noch nicht ein Versprechen ihm gegenüber gebrochen, hatte ihn weder geschlagen noch beschimpft. Im Gegenteil, Nacht für Nacht war er da, wenn er selbst aus einem Alptraum erwachte. Nur zu gerne würde er sich in die warmen, beruhigend sicheren Arme werfen, und doch zog er sich zurück, um keine Gefahr zu werden. Wer wusste schon, was Onkel Vernon mit dem Professor machen würde. Oder diese Todesser, die immer noch hinter ihm her waren. Ja, Harry wusste einiges mehr, als der Professor ihm sagte. Er las die Zeitung, sobald der Ältere morgens die Räume verließ. Darin hatte er erfahren, dass die Anhänger Voldemorts, Todesser genannt, Jagd auf ihn machten, weil er ihren Meister vernichtet hatte. Sie wollten Rache. Und wenn der Professor ihn beschützte, kam auch er in Gefahr.

Diese Todesser waren gefährlich, dunkle Magier, die nicht davor zurück schreckten, auch verbotene Zauber zu nutzen. Sie töteten Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken. Nein, das wollte Harry seinem Lehrer nicht antun. Darüber sprechen konnte er natürlich auch nicht, und so konnte Severus ihm auch nicht helfen. Immer öfter sah Harry nachts nun, wie die Todesser ihn erwischten. Oft genug sah er in seinen Träumen, was dann mit dem Professor passierte, wenn er sich den Todessern in den Weg stellte. Harrys Fantasie zeigte ihm unzählige, verschiedene Möglichkeiten, doch immer endete es mit dem Tod des Professors. Gerade dann war er froh, wenn der Professor da war, sobald er aufwachte.

Severus hingegen wurde immer verzweifelter, er wollte Harry unbedingt helfen, doch es ging einfach nicht. Er verbrachte so viel Zeit mit ihm wie noch nie mit einem Kind. Selten brachte er Harry dazu, nach draußen zu gehen. Er wusste nicht, wovor Harry Angst hatte, aber auf die Todesser kam er absolut nicht, da er nicht einmal einen Verdacht hatte, dass Harry die Zeitung las. Die wenigsten Kinder in dem Alter interessierten sich dafür, selbst Draco, der aufgrund seiner Erziehung immer über die aktuellen Ereignisse informiert war, las die Zeitung nur widerwillig.

Als hätte der Junge seinen Gedanken gehört, öffnete sich gerade in dem Moment die Tür zum Wohnzimmer. „Guten Morgen, Onkel Sev. Hey, Harry!“, begrüßte der Blonde sie.

„Guten Morgen, Draco.“, nickte Severus und deutete auf den Tisch. An den Wochenenden frühstückten sie meist zusammen.

Auch Harry nickte ihm zu, doch er sagte nichts. Während sie frühstückten, erzählte Draco, was es Neues gab. „Flint hat die Mannschaft gestern Nachmittag nochmal vier Stunden trainieren lassen, damit sie das Spiel morgen gewinnen.“, berichtete der Blonde. „Montague ist dreimal vom Besen gefallen, weil er einen Klatscher übersehen hat. Aber es gibt keinen Ersatz für ihn. Flint ist fix und fertig. O'Leary meinte, besser jetzt, denn wenn die Generalprobe schief läuft, klappt die Premiere umso besser. Man merkt, dass sie in der Muggelwelt groß wurde.“ Zu Harry gewandt fügte er hinzu: „Ihre Mutter ist Schauspielerin in einem Muggeltheater, ihr Vater ein Zauberer. Sie hat es nicht leicht in Slytherin.“

Da konnte Severus nur zustimmen, doch er sorgte zumeist dafür, dass es nicht so schwer wurde, wie es früher gewesen war. Die Reinblut-Ideologie war in Slytherin mit am schlimmsten, doch es gab sie auch in den anderen Häusern. Severus wusste von vielen Eltern, die die Ideologie der Todesser teilten oder gar selbst Todesser waren, gerade auf diese Kinder hatten er und die anderen Hauslehrer ein Auge. Doch Eileen O'Leary, eine junge Irin, war nicht auf den Kopf gefallen. Ihr erstes Jahr war schwierig gewesen, aber sie hatte sich durchgesetzt. Jetzt, im dritten Jahr, gab es zumeist nur noch Spötteleien, die an der Rothaarigen abblätterten. Sie machte sich nichts daraus, konterte selbstbewusst. Sie ging offen mit ihrer Herkunft um, hatte dabei die besten Noten. Vor allem wegen Letzterem wurde sie in Slytherin zumeist akzeptiert, denn sie holte viele Punkte für ihr Haus.

Während Severus in Gedanken war, sprach Draco weiter. „Harry, du musst unbedingt kommen, Quidditch ist einfach der beste Sport überhaupt!“, schwärmte er. „Ich will unbedingt auch in die Mannschaft, aber als Erstklässler hast du keine Chance. Leider. Ich muss unbedingt nächstes Jahr in die Mannschaft. Besser wie Montague fliege und spiele ich auf jeden Fall!“ Er fuhr fort, Harry das Spiel in allen Einzelheiten zu erklären. Der Schwarzhaarige hörte aufmerksam zu, aber er gab keinen Kommentar ab. Draco, der das bereits kannte, sprach einfach immer weiter, schaffte es aber gleichzeitig, mehr als zwei Drittel der Lebensmittel vom Tisch zu essen. Der Blonde war ein Phänomen, egal, wie viel er aß, er nahm nicht zu.

Severus entschied für Harry, dass das Spiel vielleicht doch ein wenig zu viel Trubel für Harry sein könnte. Sie besuchten Hedwig regelmäßig im Eulenturm, sobald er unterwegs mehr als zwei Schüler gleichzeitig sah, bekam Harry Panik. Die Massen machten ihm Angst. Und doch verzichtete er nicht auf diese Besuche, fieberte ihnen sogar entgegen. Die Eule war mehr als eine Vertraute für Harry. Sie war sein Halt, der Mittelpunkt seines Lebens. Trotzdem musste der Junge irgendwann lernen, auch mit mehr Menschen klar zu kommen. Wen könnten sie mit einbeziehen, überlegte Severus. Seit Wochen zerbrach er sich darüber den Kopf, doch jetzt, am Frühstückstisch kam ihm plötzlich die Lösung. Es war so offensichtlich, Severus wusste nicht, warum er nicht eher darauf gekommen war. Hagrid. Der Halbriese hatte Harry in die Winkelgasse begleitet, nachdem er ihm den Brief aus Hogwarts gebracht hatte. Zu Hagrid hatte Harry ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut. Es war nicht so, dass Severus erwartete, Harry würde direkt aus sich herausgehen, sobald er Hagrid traf, doch der Halbriese hatte ein unheimliches Geschick mit verschreckten, ängstlichen Tieren, vielleicht half er auch dem Jungen ein Stück weit. Einen Versuch war es wert, entschied er.

Tatsächlich gingen sie, sobald das Spiel begonnen hatte, auf einem Umweg zu Hagrids Hütte. Einen Umweg deshalb, damit niemand sie sah, auch wenn ein Schüler möglicherweise zu spät zum Spiel kam oder vorher ging. Hagrid war von Severus informiert worden und freute sich riesig über den Besuch. Zwar wusste er, dass Harry wenig bis gar nichts sprach, aber dennoch freute er sich, weil er zu Besuch kam. Auch Severus war gerne bei dem Halbriesen, der als einziger damals, in seiner Schulzeit, gesehen hatte, dass die Rumtreiber, allen voran Black und Potter, zu weit gingen bei ihm. Er hatte nicht viel tun können, so ohne Zauberstab, aber er war da gewesen, hatte auch immer wieder versucht, die Rumtreiber in die Schranken zu weisen. Wenig erfolgreich, doch für Severus war er immer ein Lichtblick gewesen. Nur zu gerne hatte er damals schon Zeit im Haus des Mannes verbracht. Gut, von seinen Keksen mal abgesehen, davor hatte er auch Harry gewarnt. Nicht, dass der Junge auch noch seine Zähne verlor. Auch, wenn Poppy das sicher richten könnte.

Severus beobachtete Harry. Mit jedem Schritt sah man ihm die Vorfreude mehr an. Das ließ Severus hoffen, vielleicht erreichte der Halbriese das, was er selbst seit Wochen vergeblich versuchte. Irgendwie mussten sie Harry zum Sprechen bringen, sonst würde er irgendwann zugrunde gehen. Außerdem war es die beste Möglichkeit, ihn von seinen Verwandten weg zu bekommen. Immer wieder hatte er dem Kleinen versprochen, er müsse nie wieder dorthin, doch Severus war nicht sicher, ob und wie er dieses Versprechen halten konnte. Noch immer hatte er nicht herausgefunden, wer Harrys Vormund war. Dumbledore wusste es mit Sicherheit, doch er schwieg noch eiserner als Harry, was dieses Thema betraf. Severus war inzwischen soweit, dass er trotz allem die Vormundschaft beantragen wollte. Dafür würde er sich Hilfe holen. Es würde nicht leicht werden, er konnte seine Partnerschaft nicht offenlegen, also galt er als alleinstehend. Außerdem hatte er keine Beweise, dass die Dursleys Harry misshandelten, nur Hinweise aus seinen Träumen, wenn Harry gesprochen hatte. Deshalb hatte er bisher nicht gehandelt. Aber zu lange durfte er nicht mehr warten, solche Verhandlungen zogen sich teilweise hin. Und bis zum Sommer mussten sie eine Lösung haben. Aber für heute schob er diese Gedanken beiseite, er musste dennoch in den nächsten Tagen Kontakt mit seinem Partner aufnehmen, damit er dessen Meinung dazu hören könnte.

Hagrid wartete bereits auf sie, er hatte Tee gekocht und Kekse standen auf dem Tisch. Zum Glück nicht nur Kekse, sondern auch Gebäck, das eindeutig aus der Küche von Hogwarts kam. Also gab es etwas, das auch sie essen konnten, nicht nur der Halbriese. Harry lächelte, als Hagrid ihn fröhlich begrüßte, ließ sich sogar umarmen. Es schien, als hätte Hagrid einen besonderen Zugang zu diesem Kind. Die Unterhaltung verlief allerdings sehr schleppend, denn Harry sprach auch zu Hagrid kein Wort. Er hörte aufmerksam zu, wenn der Halbriese über seine Arbeit und die Tiere des Waldes erzählte, aber er gab keinen Kommentar ab, stellte keine Frage. Nur seine Augen sprachen, diese dafür umso deutlicher. Hagrid ging nicht darauf ein, sondern schien genau zu erkennen, wann Harry mehr wissen wollte. Severus hatte sich bewusst so gesetzt, dass er seinen Schützling beobachten konnte. Er wollte genau mitbekommen, wie es dem Kleinen erging.

Harry spürte die Freiheit, die der Besuch bei Hagrid ihm bot. Der Mann war etwas Besonderes, auch wenn Harry es nicht genauer beschreiben konnte. Hagrid fragte nicht, zwang ihn nicht zum Reden, unterhielt ihn einfach nur. Und doch strahlte er eine unheimliche Wärme und Gemütlichkeit aus, dass Harry sich einfach nur behaglich fühlte. Immer wieder schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht und er spürte, wie jedes dieser Lächeln seinen Professor ein wenig entspannten. Harry wusste, Professor Snape machte sich Sorgen um ihn, aber er hatte einfach zu viel Angst, um mit ihm zu reden. Auch wenn er spürte, der Punkt, an dem er doch mit ihm reden würde, kam immer näher. Irgendwann würde er sich nicht mehr stoppen können. Das war auch der Grund, warum er überhaupt nicht mehr sprach, denn ansonsten hätte er schon längst alles erzählt, was der Professor wissen wollte. Aber das durfte er auf keinen Fall, ansonsten müsste mindestens Hedwig darunter leiden. Vielleicht sogar der Professor. Heute aber konnte er sich ein wenig entspannen, da der Professor ebenfalls das Geplauder des Wildhüters zu genießen schien. Auch, wenn er ihn, Harry, im Auge behielt.

Fang, Hagrids riesiger Hund, hatte Harry anfangs beinahe umgeworfen, als er ihn begrüßte, doch nach einem kurzen Schreckmoment hatte Harry ihn gestreichelt. Seither hielt sich Fang nahe dem Jungen, legte den Kopf auf dessen Schoß, um noch mehr Streicheleinheiten zu bekommen. Es störte Harry nicht einmal, dass Fang auf seine Kleidung sabberte. Inzwischen wusste er, dass die Hauselfen seine Wäsche wuschen und sich darum kümmerten, dass alles sauber war. Sie bekamen das sicherlich wieder hin. Dank der Warnung des Professors hielt sich Harry von den Felsenkeksen fern, naschte aber von dem Kuchen, der aus der Küche von Hogwarts kam. Außerdem hatte er heiße Schokolade, die wirklich lecker schmeckte, bekommen. Seine Gedanken drifteten ein wenig ab, als die beiden Erwachsenen sich über Schulangelegenheiten austauschten.

„Was hältst du von unserem neuesten Kollegen?“, fragte Severus schließlich. Er merkte durchaus, dass Harry schon eine Weile nicht mehr zuhörte, und erhoffte sich neue Erkenntnisse von Hagrid, der eine unheimlich gute Menschenkenntnis hatte, aber selten für voll genommen wurde.

„Der Kerl fürcht't sich vor sei'm eig'nen Schatt'n.“, schüttelte Hagrid den Kopf. „Irg'ndwas is' komisch an dem. Er hat den Klein'n damals im Kess'l getroff'n, als ich mit'm in'er Wink'lgasse war. Der Junge war nich' begeistert, hat aber nix g'sagt. Kein Wunder nich', wenn man'n jetz' so sieht.“ Sein Auge ruhte mit einem besorgten Blick auf dem geistig abwesenden Kind.

„Ich habe den Verdacht, dass er auf der Suche nach etwas ist.“, gestand Severus nach einem weiteren, versichernden Blick auf Harry. Auf keinen Fall sollte der Kleine das hier mitbekommen, aber er hatte nicht die Zeit, sich mit Hagrid alleine zu treffen, seine Aufgaben waren einfach zu vielfältig.

„Dem Etwas, das ich g'holt hab' im Auftrag Dumbledores?“, erkannte Hagrid, was Severus nicht einmal andeutete.

Der Tränkemeister nickte, deutete aber auf Harry. Hagrid verstand und sie wechselten kein Wort mehr in diese Richtung, doch Severus wusste nun, dass auch Hagrid ein Auge darauf haben würde, und schenkte ihm ein dankbares Nicken. Sie wechselten das Thema und Hagrid erzählte am Ende sogar von den verletzten Einhörnern, die er im Wald gefunden hatte. Harry hatte Tränen in den Augen als er hörte, dass Hagrid ihnen nicht helfen konnte. Severus versprach ihm einen Trank, damit die Tiere wenigstens nicht leiden mussten, falls er wieder eines finden sollte. Er hoffte jedoch, dass dies nicht notwendig sein würde.

„Warum macht jem'nd sowas?“, fragte Hagrid den Tränkemeister, nachdem er sich heftig geschnäuzt hatte.

„Einhornblut ist eine mächtige Zaubertrankzutat, doch nur, wenn sie freiwillig gegeben ist. Auch abgeriebenes Horn und die Haare aus der Mähne und vom Schweif sind wichtig. Aber das alles kann man kaufen, es sind keine verbotenen Zutaten. Es gibt genug Menschen, die die Haare sammeln. Einige schaffen es sogar, den Einhörnern Blut abzunehmen. Nicht so viel, dass es gefährlich wäre. Deshalb ist auch die Menge beschränkt, die man kaufen kann. Aber für Tränke braucht man nur sehr wenig Blut, meist ist es höchstens ein Tropfen.“, antwortete Severus nachdenklich. „Einzig das Trinken des Blutes würde meines Erachtens einen Sinn bei diesen Massakern ergeben, und das würde auch die massiven Verletzungen erklären, die du gefunden hast, Hagrid.“ Er schauderte sichtlich.

„Was passiert dann?“, wollte Hagrid mit weiten Augen wissen.

„Jemand, der das Blut eines so reinen und unschuldigen Wesens trinkt, wird verflucht sein. Zwar kann derjenige nicht sterben, das Blut wird ihn am Leben halten, auch wenn man an der Schwelle des Todes steht, aber dafür ist das Leben verflucht. Ich weiß nicht genau, was darunter zu verstehen ist, aber es ist mit Sicherheit nicht angenehm.“, erklärte Severus. „Ich hoffe wirklich, dass mein Verdacht nicht zutreffend ist. Es ist grauenvoll, sich das auch nur vorzustellen.“ Sein Auge fiel auf Harry, den diese Erklärung sichtlich mitnahm. Kein Wunder, der Kleine liebte jedes Lebewesen, das war Severus deutlich bewusst. Mit einem Arm zog er den Jungen zu sich und nahm ihn in den Arm. „Hagrid passt auf, dass nicht mehr passiert. Er ist jetzt gewarnt, genau wie die Zentauren, die ebenfalls im Wald leben.“

Harry schmiegte sich an den Tränkemeister, der so angenehm und beruhigend auf ihn wirkte. Seine Angst legte sich ein Stück weit. Er lauschte den Erzählungen von Hagrid, der erzählte, wie er vor einigen Jahren einer Einhornstute geholfen hatte, ihr Fohlen zu bekommen. Das damalige Fohlen war inzwischen ausgewachsen und kam trotzdem immer mal wieder zu ihm, genau wie die Stute. Von diesen beiden Einhörnern bekam er auch Zutaten für Zaubertränke, die er an den Tränkemeister weitergab. Staunend hörte Harry das und ließ sich ablenken. Jedenfalls für den Moment. Erst, als eine Eule durch das offene Fenster herein und direkt auf seinen Professor zuflog, verspannte er sich wieder, zumindest einen Augenblick.

Severus hingegen erkannte die Eule gleich als Lieferantin. Das Paket, das sie brachte, wirkte klein und unscheinbar, aber nur, solange die Zauber darauf lagen. „Vielen Dank.“, murmelte er abwesend, während er der Eule die Last abnahm. Hagrid versorgte das Tier mit einigen Eulenkeksen, dann entließen sie sie wieder. Severus steckte das Paket in seine Tasche und sah hinunter auf Harry. „Ich denke, der Inhalt dieser Lieferung dürfte für dich interessant sein. Was denkst du, gehen wir zurück in unsere Räume und sehen nach?“

Fragend sah Harry seinen Professor an. Wieso sollte der Inhalt des kleinen Päckchens, das in die Hosentasche des Professors passte, für ihn interessant sein? Er war unschlüssig, genoss die Zeit mit Hagrid sehr, hatte aber auch Angst, dass nach dem Spiel jemand herkommen könnte. Noch war er auf keinen Fall soweit, sich den Schülermassen zu stellen. Am ersten Abend hatte er das Geflüster von allen Seiten kaum wahrgenommen, aber jetzt wollte er es nicht haben. Also nickte er schließlich ein wenig unsicher, da er nicht genau wusste, was ihn erwartete.

„Komm mal wieder!“, brummte Hagrid, als er Harry zum Abschied umarmte. Harry nickte nur, aber man sah ihm seine Freude an. „Bist'n angenehmer Gast.“ Das zauberte ein Lächeln auf Harrys Gesicht. Dann blickte Hagrid zu Severus. „Pass auf'n auf.“, forderte er. Severus nickte und verabschiedete sich.

Gemeinsam gingen die beiden Schwarzhaarigen zurück in die Schule. Es war still auf den Ländereien, das Spiel offenbar bereits zu Ende. Nun, dann würde mindestens ein Haus nun feiern, während ein anderes seine Wunden leckte. Severus warf einen Blick auf seine Uhr. Es war Essenszeit, also würden sie in der Nähe der großen Halle wohl auf einige Schüler treffen. Um Harry nicht noch mehr aufzuregen, lenkte er seine Schritte ein wenig abseits und trat durch einen Geheimgang in die Schule. So kamen sie in der Nähe seiner Räume an.

„Das … das kann ich nicht annehmen!“, stammelte Harry heiser, als er sah, was in dem Paket war, das der Professor ihm gegeben hatte. Eine komplette Ausstattung mit Kleidung. In dem Moment vergaß er, dass er nicht sprechen wollte.

„Doch, Harry.“, erwiderte Severus. „Du kannst es annehmen. Die Kleidung, die du bisher getragen hast, verdient diesen Namen nicht. Du hattest nie etwas Eigenes, Neues, oder?“

Noch bevor er darüber nachdenken konnte, schüttelte Harry den Kopf. Seine Verwandten hatten immer gesagt, er verdiene es nicht. Deshalb bekam er immer nur die ausrangierten Dinge von Dudley. Er erinnerte sich, dass der Professor schon einmal etwas in die Richtung von ihm gehört hatte. Aber dennoch, er konnte sich doch nicht einfach von einem Menschen, mit dem ihn eigentlich nichts verband, so viel schenken lassen! „Das ... ist doch viel zu teuer.“, widersprach er daher.

„Oh Harry!“ Severus musste beinahe lachen. Er war mehr als froh, dass der Junge wieder sprach, auch, wenn er nicht sicher war, wie lange das gehen würde. „Keine Sorge, ich kann es mir leisten, so teuer sind die Sachen nun auch wieder nicht. Ich habe Madam Malkins gebeten, dir eine Grundausstattung zu schicken. Sie hat immerhin deine Maße, du warst ja da, um deine Schuluniform zu kaufen. Es sind keine teuren Dinge, mir war klar, dass du dich darin nicht allzu wohl fühlen dürftest, aber ich möchte, dass du einen neuen Anfang machen kannst. Ohne die Erinnerungen an deine Verwandten.“ Im letzten Moment konnte er sich davon abhalten, ein abschätziges Adverb hinzuzufügen. „Die Sachen sind ein Geschenk an dich, es gibt keine Bedingungen. Natürlich wäre ich froh, wenn du mir etwas erzählst, so wie ich dich schon seit Wochen bitte, aber die Kleidung bekommst du einfach so.“ Lange hatte er deswegen überlegt, aber jedes Kind hatte das Recht auf eigene Kleidung, er sollte damit nicht verhandeln, hatte er entschieden. Ihm war klar, wie er sich als Kind gefühlt hätte, wenn jemand das von ihm verlangt hätte. Kleidung gegen Aussage. Nein, so tief würde er nicht sinken.

„Danke, Sir.“, wisperte Harry, der jetzt Tränen in den Augen hatte. Noch nie hatte sich jemand so um ihn gekümmert. Einfach so. Harry schlang die Arme um die Taille des Tränkemeisters.

„Gern geschehen, Harry.“, entgegnete Severus und hielt den Jungen fest. „Na komm, such dir etwas aus, dann kannst du dich im Bad umziehen.“, schlug er anschließend vor. „Ich bestelle derweil das Abendessen bei den Hauselfen.“

Ein schüchternes Lächeln schlich sich in Harrys Gesicht. Noch immer konnte er es nicht fassen, aber er freute sich. Vorsichtig betastete er die Sachen in dem Paket, konnte sich kaum entscheiden. Sie fühlten sich so weich und sauber an. Gut, saubere Sachen hatte er immer, seit er hier war, aber dennoch. Noch nie hatte er so neue Dinge gehabt. Schließlich entschied er sich für eine einfache, schwarze Stoffhose, die sehr weich war, und ein blaues Hemd. Dazu nagelneue Unterhosen und Socken. Der Professor reichte ihm noch einen Pullover, da Harry fast immer fror, dann schickte er ihn ins Bad. Glücklich duschte Harry, dann schlüpfte er in die Sachen. Es fühlte sich einfach nur gut an. Und doch … würde der Professor wirklich auf eine Gegenleistung verzichten? Bisher hatte er alle seine Versprechen gehalten, das musste Harry ihm zugestehen.

Ein wenig verunsichert kam Harry schließlich aus dem Bad in die Küche. Severus erkannte das, deutete aber einfach nur auf den Tisch. Die Hauselfen hatten sich Mühe gegeben, nicht nur für sie. Auch die Schüler in der großen Halle kamen heute in den Genuss einer Lasagne mit Lachs.

Harrys Augen leuchteten, als er den Geruch erkannte. Das hatte er früher öfter kochen müssen, wenn sein Onkel Geschäftsfreunde zum Essen eingeladen hatte, aber er durfte nie etwas davon haben. Es musste gut sein, denn jeder wollte immer Nachschlag haben. Heute gab es vorher eine Cremesuppe mit Karotten und Zwiebeln, und als Dessert Schokoladenmousse. Am Ende war Harry pappsatt, etwas, das er von früher nicht kannte. Aber es war so lecker gewesen, dass er sogar Nachschlag von der Lasagne nahm. Und vom Dessert auch. Er leckte sich den letzten Rest von den Lippen, genoss die Süße auf seiner Zunge. Es war so gut!

„Freut mich, dass es dir geschmeckt hat!“, kommentierte Severus das Verhalten. Etwas hatte sich in dem Jungen gelöst. Sie waren noch nicht ganz da, wo er mit Harry hin wollte, aber viel weiter als heute Morgen. Er war dankbar, dass der Besuch bei Hagrid so erfolgreich gewesen war. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Severus bestellte Tee für sie beide bei den Hauselfen. Schließlich ergriff er das Wort. „Harry? Würdest du mir von deinem Besuch in der Winkelgasse mit Hagrid erzählen?“, bat er den Schüler. Das Thema sollte unverfänglich genug für den Anfang sein.

Tatsächlich begann Harry, von seinem ersten Ausflug in die magische Welt zu erzählen. Mit leuchtenden Augen schilderte er die Reise nach London, beschrieb seine Eindrücke von der magischen Welt, die er an diesem Tag ein wenig kennen lernte. So offen hatte Severus Harry noch nie erlebt. Der Junge wusste nicht, wie viel er Severus verriet, ohne ein Wort zu sagen. Doch Severus hütete sich, Harry zu unterbrechen. Bei der ersten Begegnung mit Quirrell stutzte Severus kurz, das hatte Hagrid auch angeschnitten. Auch Harry schien nicht viel von dem Mann zu halten. Aber Harry wechselte bald das Thema, hatte nur zwei oder drei Sätze für den seltsamen Mann übrig. Wohl hatte er sich bei ihrer Begegnung nicht gefühlt, das war deutlich. Schließlich kam er auf Draco zu sprechen. „Der war ziemlich seltsam, so anders als jetzt.“, gestand er.

Severus fühlte sich nun doch genötigt, einzugreifen. „Draco hat es nicht leicht.“, nahm er den Blonden in Schutz. „Er muss nach außen hin ein bestimmtes Bild verkörpern. Manchmal schießt er dabei über das Ziel hinaus. Du darfst nicht vergessen, er ist genauso ein Kind, wie du es bist. Vielleicht sogar noch mehr. Seine Eltern haben ihn so erzogen, wie es die Gesellschaft, in der sie sich bewegen, vorsieht. Du hast ihn kennen gelernt, hier im geschützten Rahmen. Das ist der wahre Draco.“

„Ich weiß das inzwischen, Professor.“, nickte Harry. „Aber damals hat er mir Angst gemacht. Und er hat Hagrid beleidigt. Dabei war Hagrid der erste Erwachsene, der einfach nur nett zu mir war und mich vor meinen Verwandten verteidigt hat.“ Erschrocken schlug sich Harry die Hand auf den Mund. Das hatte er nicht sagen wollen! Er durfte nichts sagen! Fest presste er seine Lippen zusammen. Mehr würde der Professor nicht aus ihm rausbekommen. Er hatte ihn in die Falle gelockt!

Severus sah genau, wie Harry sich erneut verschloss. Verdammt, er musste den Kleinen zum Reden bringen, sonst konnte er ihm nicht helfen! Aber wie? Für heute gab er sich zufrieden mit dem, was er erfahren hatte, und schickte Harry ins Bett. Natürlich vorher noch ins Bad, umziehen und Zähne putzen. Als der Junge tief und fest schlief – auch heute hatte er ihm vorher eine Geschichte vorgelesen – trat er an seinen Kamin, um seinen Partner anzuflohen. Um diese Zeit war er sicher noch in seinem Büro, aber alleine. „Tut mir leid, wenn ich dich störe, aber ich muss mit dir über Harry reden.“, erklärte er.

„Warte, ich muss den Kamin absichern, melde dich in fünf Minuten erneut.“, stoppte der Andere ihn.

Severus zog sich zurück und wartete, bis exakt fünf Minuten vergangen waren, dann meldete er sich erneut. Er murmelte das Passwort, das er kannte, aber nur er und sein Partner. Auf den fragenden Blick erklärte er die Situation. „Hast du herausgefunden, wer sein Vormund ist?“, wollte er am Ende wissen.

„Nein.“, war die Antwort. „Diese Information hat die höchste Geheimhaltungsstufe. Jemand hat sehr viel Geschick darauf verwandt, es zu verbergen. Gerade deshalb vermute ich, dass du Recht hast, es ist Dumbledore. Aber beweisen können wir das nicht.“

„Also doch.“, brummte Severus verstimmt. Das machte die Geschichte definitiv nicht leichter, immerhin verkündete der Schulleiter schon lange, wie wichtig Harry irgendwann für den Kampf gegen den dunklen Lord sein würde. Warum auch immer, dahinter war noch niemand gekommen, und der Alte machte ein Geheimnis daraus. Riddle dürfe es niemals erfahren, war sein Argument, die Informationen für sich zu behalten. „Was denkst du, wie stehen meine Chancen, ihn damit von dort raus zu holen und zu mir zu nehmen?“

„Du willst ihn ernsthaft zu dir nehmen?“ Sein Partner zog fragend die Augenbraue hoch. Severus nickte nur. „Hm. Ich bin nicht sicher. Normalerweise würde ich sagen, deine Chancen stehen nicht schlecht, aber bei Harry Potter gibt es kein normales Verfahren. Ich habe, wie gesagt, nicht herausgefunden, wer der Vormund des Jungen ist. Eines allerdings ist klar, Dumbledore hat die Hände im Spiel, ansonsten hätte er den Jungen nicht zu seinen Verwandten bringen dürfen. Alles in allem bin ich überzeugt, dass Dumbledore der Vormund ist, auch wenn ich es nicht beweisen kann.“

„Also doch!“, entfuhr es Severus. „Ich hatte es vermutet, vor allem, weil er jedes Mal diese Frage ignorierte, aber es gab keine Hinweise.“

„Ja, er hat es wirklich gut verborgen, aber ich habe vor, das endgültig zu klären. Ich gebe dir Bescheid. Noch etwas habe ich herausgefunden: Der Schulleiter hat Harry vor das Haus seiner Verwandten gelegt, wie ein Paket.“, schimpfte sein Gegenüber. „Dagegen werden wir auch noch vorgehen müssen. Aber nur, wenn der Junge die Misshandlungen gesteht, haben wir etwas in der Hand. Denn sein Vormund ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Und das hat er eindeutig nicht getan. Nur, ob wir anhand deiner Aussage die Misshandlungen beweisen können, kann ich nicht sagen. Dafür hat der Alte zu viel Einfluss.“

„Verdammt!“, fluchte Severus. „Und jetzt? Harry hat zu viel Angst, was passieren wird, wenn er redet. Sein Onkel hat ihn offensichtlich bedroht, denn dass er im Schlaf lügt, davon gehe ich nicht aus.“

„Ich auch nicht, aber das sind keine Beweise. Tut mir leid, mein Lieber. Ich würde dir gerne etwas anderes sagen.“

„Du denkst also, wir sollten nicht klagen?“, fasste Severus zusammen.

„Nein, noch nicht. Erst, wenn Harry bereit ist, zu reden.“, bekräftigte sein Partner. „Er muss nicht vor dem Gamot aussagen. Deine Erinnerung, wenn er es dir erzählt, reicht aus. Aber er muss wirklich aussagen, jedenfalls dir gegenüber. Ich schicke dir die Fragen, worauf es in jedem Fall ankommt, sodass du weißt, worauf du achten musst.“

„Mach das, auch wenn ich sicher bin, zu wissen, was sie erwarten.“, seufzte der Tränkemeister. Seine Stimme wurde leiser und so gefühlvoll, wie sie sonst keiner zu hören bekam. „Ich vermisse dich.“

„Ich dich auch.“, kam es leise zurück. „Aber der Junge ist wichtiger.“

„Ich weiß. Ich werde Harry nicht alleine lassen. Aber du fehlst mir so sehr, ich wünschte, ich könnte deine Arme nicht nur in meinen Träumen um mich spüren.“, wisperte Severus.

Sein Partner beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Bald.“, versprach er. „Schlaf gut, Liebster.“ Er gab Severus einen weiteren Kuss, dann verabschiedeten sie sich voneinander und Severus zog sich zurück. Morgen nach dem Unterricht würde er mit Harry in die Winkelgasse gehen, um Schuhe zu kaufen. Das hatte Madam Malkins nicht bieten können. Und dem Jungen hatte es dort offensichtlich gefallen, warum also nicht ein paar Kleinigkeiten besorgen und dem Kind einen Gefallen damit tun?

Die Nacht wurde erneut unruhig, aber langsam gewöhnte sich Severus daran. Am Morgen brauchte er einen ordentlichen Kaffee, um richtig wach zu werden. Er frühstückte wie immer mit Harry, der dazu noch im Schlafanzug war, dann ging er in die große Halle, trank dort einen weiteren Kaffee und hatte ein Auge auf seine Slytherins. Er beugte sich zum Schulleiter hinüber. „Ich muss mit Harry heute am Nachmittag in die Winkelgasse.“, erklärte er leise. „Der Junge hat keine vernünftigen Schuhe, die kann ich nicht bestellen. Er muss sie anprobieren.“

„Denkst du, das ist eine gute Idee?“, schüttelte Dumbledore den Kopf. „Du hältst ihn vom Unterricht fern, weil er nicht stabil genug ist, willst ihn jetzt aber in die Winkelgasse schleppen?“

„Harrys Schuhe sind ihm mindestens zwei Nummern zu groß und vollkommen ausgetreten.“, antwortete Severus. „Damit kann er kaum richtig laufen. Ich werde einen Zauber auf uns legen, damit die Leute uns ignorieren, ihn zumindest optisch ein wenig verändern. Der Kleine hat von der Winkelgasse erzählt, es gefiel ihm dort. Seine Augen haben geleuchtet, zum ersten Mal ist er gestern aus sich herausgegangen. Seit Wochen sprach er nicht, aber gestern hat er von seinem Ausflug mit Hagrid erzählt. Ja, ich denke tatsächlich, dass das eine gute Idee ist, mit ihm dorthin zu gehen. Ich habe heute am Nachmittag keinen Unterricht, da kann ich mir Zeit nehmen. Vielleicht schaffe ich es damit, den Jungen zum Reden zu bringen.“

„Er hat gestern g'redet?“, erkundigte sich Hagrid, der wie so häufig neben Severus saß. Er wirkte überrascht.

„Ja, hat er.“, nickte Severus und lächelte dem Halbriesen zu. „Es hat ihm gut gefallen, mit dir in der Winkelgasse einzukaufen.“ Nun lächelte Hagrid sein breitestes Lächeln. Solche Komplimente taten ihm gut. Viel zu oft hörte er, dass er dumm sei, aber Severus wusste, das stimmte nicht. Naiv vielleicht, ein wenig einfach gestrickt, aber das Herz am rechten Fleck. Er nickte Hagrid noch einmal aufmunternd zu, dann wandte er sich wieder an Dumbledore.

„Nun gut, wenn du sicher bist, dass es eine gute Idee ist, dann kannst du mit Harry heute Nachmittag nach London flohen.“, gestattete der Direktor schließlich, wenn auch widerstrebend.

Severus hob eine Augenbraue. „Dann stimmt es also, sie sind Harrys Vormund.“ Diese Gelegenheit war einfach perfekt, um hier auf den Busch zu klopfen.

„Natürlich.“, gab Dumbledore zu, bevor er noch darüber nachdachte. Severus sah ihm an, dass er es eigentlich nicht hatte sagen wollen. „Aber das ist nicht das Thema. Du weißt, dass noch immer genug Todesser auf freiem Fuß sind und Harry töten wollen. Deshalb will ich nicht, dass er nach draußen geht. Erst muss er lernen, sich zu verteidigen. Irgendwann muss er auch weiter lernen, denn Riddle wird wiederkommen.“

„Selbst wenn, Harry ist ein Kind. Wir werden ihn nicht vorschicken!“, zischte Severus wütend. Mit Mühe schluckte er seine Wut, immerhin wollte er nicht, dass Dumbledore die Erlaubnis für Harry zurückzog. „Ich muss los.“ Er stand auf und verschwand mit aufgebauschtem Umhang. Seine Fledermausnummer, wie die Schüler es nannten.

Nach dem Unterricht ging er zu Harry, der ihm seine erledigten Aufgaben gab. Der Kleine genoss das knappe, aber ehrlich gemeinte Lob seines Professors. „Na dann komm.“, forderte Severus ihn auf. „Mach dich fertig zum Gehen. Ich möchte mit dir in die Winkelgasse, denn du brauchst passende Schuhe.“

Mit riesigen Augen starrte Harry den Professor an. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Der Professor wollte mit ihm in die Winkelgasse? Nachdem er ihm schon so viel Kleidung gekauft hatte, wollte er nun auch noch neue Schuhe für ihn besorgen? Aber … würden die Menschen ihn wieder erkennen und alle ihn anstarren?

„Harry, beruhige dich.“, mahnte Severus, als er die plötzlich aufsteigende Panik erkannte. „Ich werde einen Zauber auf uns legen, damit die Leute uns nicht bemerken. Außerdem kann ich dich ein wenig verändern, sodass dich keiner erkennt. Aber ich verlange von dir, dass du, egal was passiert, in meiner Nähe bleibst und darauf hörst, was ich dir sage. Wenn ich sage, du sollst dich verstecken, dann wirst du das tun. Hast du das verstanden?“

„Ja, Sir.“, wisperte Harry. Das hier machte ihm Angst, obwohl er dem Professor mehr vertraute, als er jemals für möglich gehalten hätte. Als er zum ersten Mal in der Winkelgasse war, hatte er vor lauter Faszination seine Angst komplett vergessen, aber jetzt war es anders. Und wenn der Professor so sprach, dann klang es, als würde er Schwierigkeiten erwarten.

„Hab keine Angst, Harry.“, beruhigte Severus den aufgewühlten und verängstigten Jungen. „Ich bin bei dir und passe auf dich auf. Diese Ermahnungen kommen aus einer Vorsicht heraus. Man weiß nie, was passiert, auch wenn ich eigentlich keine Schwierigkeiten erwarte.“ Einige Minuten sprach er weiter auf Harry ein, bis der sich wieder beruhigte. Nun konnte er Harry ins Bad schicken. Da der Junge mit der Auswahl seiner Kleidung überfordert war, griff Severus für ihn in den Schrank, holte Hemd, Hose, Pullover und Socken heraus. Darüber zog Harry am Ende einen Umhang.

Nun zog Severus seinen Zauberstab und wirkte die Zauber, die er zuvor angekündigt hatte. Harry bekam etwas hellere Haare, seine Augen wurden braun, und auch die Nase veränderte sich. Die Haare strich Severus in die Stirn, sodass keiner die Narbe sehen konnte, weil die mit Zaubern nicht verschwinden würde, dann standen sie gemeinsam vor dem Kamin in Severus' Büro. „Ich gehe davon aus, dass du noch nicht mit Flohpulver gereist bist.“ Der verwirrte Blick Harrys sagte alles. „Komm her, ich nehme dich mit. Halte dich einfach an mir fest. Ich werfe das Flohpulver ins Feuer und nenne unseren Zielort, dann steigen wir hinein und reisen durch das Feuer zu dem Kamin, den ich genannt habe.“ Er wartete, bis Harry dicht an seiner Seite stand, dann griff er in die unscheinbare Schale, die am Kamin befestigt war. Er legte seinen Arm um Harry, der sich tatsächlich an ihn drängte. Ob vor Angst oder aus einem gewissen Vertrauen heraus, konnte Severus nicht sagen. Er warf das Pulver ins Feuer, das sich grün färbte. Staunend beobachtet von Harry. „Zum tropfenden Kessel.“

Harry konnte einen erschrockenen Aufschrei nicht verhindern, als der Professor mit ihm gemeinsam ins Feuer trat. Es war nicht heiß, wie er es zuerst befürchtet hatte, aber das Erlebnis, durch das Feuer zu reisen, war auch nicht besser. Verzweifelt klammerte er sich an dem Tränkemeister fest, aus Angst, irgendwo verloren zu gehen. Der starke Arm, der um ihn gelegt war, gab ihm Halt. Und Hoffnung. Am Ende stolperte er, als der Zug plötzlich endete, und wäre gefallen, wenn der Professor ihn nicht gehalten hätte. Sobald er wieder fest stand, ließ der Ältere ihn los, und Harry sah sich um. Heute war der Pub leer, nur eine ältere Hexe saß an einem der Tische, neben sich einige Taschen und vor sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen.

Severus holte sich die Aufmerksamkeit des Jungen, dann ging er mit ihm nach draußen. Dort warteten die faszinierendsten Dinge auf sie, aber zuerst wollte er Schuhe kaufen. Danach konnten sie sich umsehen. Sie hatten vier Stunden Zeit, dann sollten sie wieder zurück in der Schule sein.

Im Schuhladen wurden sie schnell fündig. Ein Paar Turnschuhe für den Schulalltag, ein Paar elegante Schuhe, ein Paar Hausschuhe, und am Ende noch Winterstiefel. Das reichte für den Anfang. Severus verkleinerte die Taschen und steckte sie ein, damit sie ungestört schlendern konnten. Von sich aus forderte Harry nichts ein, aber Severus erkannte schnell, was den Jungen interessierte und was nicht. Sie gingen in den Quidditch-Laden, offenbar hatte Draco seinem Freund genug davon vorgeschwärmt. Wie jedes Kind bewunderte auch Harry die neuesten Besen, aber er beschränkte sich auf die Augen. Draco hätte es niemals geschafft, den Besen nicht anzufassen, wurde Severus bewusst. Später machten sie einen Abstecher in den Buchladen, damit Harry noch einige Bücher mitnehmen konnte, die ihm mehr über die Zauberwelt verrieten. Natürlich durfte auch Eeyloops nicht fehlen, dort kaufte Harry einige Leckereien für seine Hedwig. Naschereien für sich selbst hingegen interessierten Harry kaum, nur die Schokofrösche mit den Sammelkarten fand er interessant.

Gegen kurz nach fünf Uhr am frühen Abend, es wurde langsam dunkel, entschied Severus, dass sie nun zurück nach Hogwarts flohen sollten, also folgte Harry ihm brav. Den ganzen Nachmittag hatte niemand ihnen einen zweiten Blick geschenkt, daher fühlten sie sich einigermaßen sicher. Doch mit einem Mal kribbelte es in Severus' Nacken. Er war sicher, jemand beobachtete sie, Gefahr drohte. Blitzschnell zog er Harry hinter sich und schob ihn an eine Wand, sodass er nicht von hinten angegriffen werden konnte.

„Verräter!“, zischte es ihm entgegen. Ein maskierter Mann tauchte plötzlich aus dem Durchgang zur Nokturngasse auf. „Du hast den Bengel bei dir aufgenommen, anstatt unseren Meister zu rächen! Dafür wirst du gemeinsam mit ihm sterben! Glaub nicht, dass deine Zauber reichen, um Harry Potter unkenntlich zu machen! Wir haben gehört, dass Potter seit Wochen bei dir lebt, und du die Gelegenheit nicht ausnutzt! Wir könnten mit seinem Tod den Meister wiederbeleben!“

„Vergiss es, Rookwood.“, knurrte Severus, der den Mann trotz seiner Maske erkannt hatte. „Wenn du den Jungen willst, dann nur über meine Leiche!“

„Das kannst du haben.“, mischte sich eine neue Stimme ein. Vier weitere Maskierte traten aus den Schatten der Nokturngasse und umkreisten sie.

Severus sah sich um, plötzlich war die Winkelgasse vollkommen ausgestorben. Sobald die Menschen auch nur ansatzweise Masken und solche Umhänge sahen, verschwanden sie. Hoffentlich hatte wenigstens jemand daran gedacht, die Auroren zu verständigen, die könnten hier einen guten Fang machen. Bis dahin musste er sich und den Kleinen wohl selbst beschützen. Er griff seinen Zauberstab fester und schuf wortlos einen Schutzschild vor ihnen.

Panisch erkannte Harry, dass sie nun in höchster Gefahr waren. Der Professor stand allein gegen fünf Todesser, die sicherlich auch gut zaubern konnten. Niemand war in ihrer Nähe, konnte ihnen helfen. Mit weiten Augen beobachtete Harry, wie die Todesser sich im Halbkreis vor ihnen aufbauten und die Zauberstäbe auf sie richteten. Er spürte ein Kribbeln, dann drangen die Todesser auf sie ein. Es ging viel zu schnell, als dass Harry auch nur ein Wort verstehen konnte, aber die Zauber sah er. Manche davon verpufften wie an einer unsichtbaren Wand kurz vor ihnen, anderen wich der Professor geschickt aus. Harry duckte sich, drückte sich weiter in die Schatten. Seine Augen hafteten voller Angst an seinem Professor. Er schrie auf, als einer der Zauber den Tränkemeister am Arm traf.

Severus zischte vor Schmerz, als der Sectumsempra, dem er nicht mehr ausweichen konnte, seinen Arm und einen Teil seines Brustkorbes aufschnitt. Krampfhaft hielt er seinen Zauberstab fest, wollte auf keinen Fall nachgeben. Er kanalisierte seine Wut und schaffte es, zwei der Maskierten zu betäuben. Dabei erwischte ihn Rookwood mit einem weiteren Zauber, doch Severus blieb stehen. Er verdrängte den tosenden Schmerz in seinem Inneren, schlug zurück.

Wie lange es dauerte, konnte keiner der beiden Schwarzhaarigen am Ende sagen, doch plötzlich wimmelte es um sie herum. Auroren kamen, verhafteten zwei der noch stehenden Todesser. Einer, Severus erkannte ihn als Rookwood, disapparierte schnell genug, die anderen Vier fielen in die Hände der Auroren. „Bringt sie ins Ministerium, jeden in eine einzelne Zelle. Durchsucht sie, lasst ihnen nur die Kleidung. Keine Gürtel und Schnürsenkel, keine Tränke oder Zauberstäbe. Die Umhänge weg.“, befahl einer, der scheinbar ihr Anführer war, bevor er sich an Severus wandte. „Sie sind verletzt, brauchen sie einen Heiler?“

„In Hogwarts kann mich Madam Pomfrey versorgen.“, schüttelte Severus den Kopf.

Der Auror zuckte die Schultern. „Was genau ist hier passiert?“

Severus schüttelte den Schwindel von sich ab und berichtete knapp. Währenddessen hielt er Harry dicht bei sich, spürte dessen Zittern. Sobald er konnte, disapparierte er mit dem Kind in seinen Armen. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen noch einmal ins Ministerium gehen und eine ausführlichere Aussage machen müssen, aber für den Moment reichte dem Auror sein Bericht. Als sie vor dem Tor von Hogwarts auftauchten, würgte Harry und übergab sich auf den Boden. Severus verfluchte seine Gedankenlosigkeit. Dieses Kind war noch nie appariert, und jetzt hatte er es ohne Vorwarnung von London bis nach Schottland katapultiert. Kein Wunder, dass dem Kleinen schlecht war. „Entschuldige, Harry.“, wandte sich Severus daher an Harry. „Ich habe nicht daran gedacht, dass du Apparieren nicht kennst.“ Er schob den Jungen vor sich her durch das Tor. „Ich wollte uns nur so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Komm, gehen wir in unsere Räume.“

Harry folgte seinem Professor, der scheinbar ebenso unsicher auf den Beinen war wie er selbst. Ihm war so übel, immer noch. Vorhin hatte er nicht gewusst, was da mit ihm passierte. Der Professor hatte ihn auf einmal an sich gezogen, nachdem er mit dem Auror gesprochen hatte, und dann war es schwarz geworden, und so eng, dass Harry geglaubt hatte, er bekäme nie wieder richtig Luft. So schnell es kam, verging es auch wieder, und plötzlich waren sie in Hogwarts gewesen. Wie das ging, konnte er sich nicht erklären. Es war Zauberei. Immer noch war ihm schlecht von dieser Reise. Ihm war peinlich, dass er dem Professor vor die Füße gekotzt hatte, aber es war einfach nicht anders gegangen. Seine Beine zitterten, aber wohl eher vor Angst wegen dem Kampf. Nie hatte er gewollt, dass seinem Professor etwas passierte, und nun war er verletzt. Wegen Harry. Der Professor schwankte und hielt sich an der Wand fest, kaum dass sie die Schule betraten.

„Merlin, was ist passiert?“, kam Minerva auf sie zu.

„Nicht so schlimm, wie es aussieht.“, wehrte Severus seine Kollegin ab. „Ich gehe in meine Räume, und mit ein paar Tränken ist es wieder in Ordnung.“

„So ein Unsinn.“, schimpfte die Verwandlungslehrerin. „Du brauchst einen Heiler. Ich bringe dich in den Krankenflügel.“

„Das wird nicht notwendig sein.“, lehnte Severus eisig ab. „In meiner Ausbildung zum Tränkemeister habe ich genug Wissen über Heilen gesammelt, ich kann mich selbst versorgen. Und nun geh' zur Seite, Harry und ich wollen in unsere Räume, damit wir uns waschen und umziehen können. Danach werde ich mich heilen.“ Mit diesen Worten griff er nach Harrys Schulter und schob den Jungen um die Professorin herum zur Treppe. „Gehen wir, Harry.“

Unsicher folgte Harry dem Professor. Wer hatte nun Recht? Der Tränkemeister mit seiner Einschätzung, dass es nicht so schlimm war, oder die andere Professorin, Harry glaubte zu wissen, dass sie Professor McGonagall hieß, die meinte, sein Professor müsse in den Krankenflügel.

„Ich schicke Poppy zu dir, du Sturkopf!“, rief McGonagall ihnen hinterher.

Severus brummte nur unwillig, aber er hatte nicht genug Energie, um zu widersprechen. Nicht, wenn er hier nicht zusammenbrechen wollte. Und das kam unter gar keinen Umständen in Frage, denn in wenigen Minuten würde es hier von Schülern wimmeln, die vom Abendessen zurück in die Gemeinschaftsräume wollten. Also konzentrierte er sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis sie endlich in seinen Räumen waren. Er schwitzte stark und musste sich abstützen, als Schwindel ihn erfasste. Keuchend ging er nun doch in die Knie.

Noch bevor Harry reagieren konnte, öffnete sich die Tür erneut, und die Medihexe trat ein. Kopfschüttelnd wandte sie sich sofort an Severus. „Dass du auch immer übertreiben musst.“, murrte sie zwischen zwei Zaubern. Sie ließ seine Oberbekleidung verschwinden, damit sie sich den Schnittwunden widmen konnte. Staunend hörte Harry, wie sie etwas sang. Ein Zauber, der wie ein Lied klang. Langsam schlossen sich die schlimmen Verletzungen bei seinem Professor, kein neues Blut floss mehr aus den Wunden. Der Tränkemeister lehnte mit geschlossenen Augen an einem Sessel, er hatte es nicht mehr geschafft, sich darauf zu setzen. Keuchend atmete er, sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch.

„Du weißt, du solltest in den Krankenflügel.“, deutete die Medihexe schließlich an, als sie ihn soweit geheilt hatte, wie es möglich war.

Severus schüttelte den Kopf, öffnete die Augen und warf einen bedeutungsschweren Blick auf Harry, der immer noch mit weiten Augen da saß. „Ich bleibe hier, er braucht mich. Ein Blutbildungstrank und ein wenig Ruhe, dann wird es mir gut gehen.“

Eine Weile starrte Poppy Severus an, doch schließlich gab sie nach. „In Ordnung, aber du hast mindestens bis morgen Abend Bettruhe.“, ordnete sie an. „Ich werde Albus verständigen, dass du morgen auf keinen Fall unterrichten kannst. Wie es dann aussieht, entscheiden wir morgen.“

„In Ordnung.“, gab Severus nach. Er fühlte sich vollkommen erschöpft durch den Kampf und den Blutverlust. Froh darüber, dass Poppy ihn nicht doch in den Krankenflügel schickte, ließ er zu, dass sie ihm in sein Schlafzimmer half. Sie erinnerte ihn an die Bettruhe und wirkte einen Reinigungszauber auf ihn. Endlich verschwand sie. Harry stand irgendwie verloren im Türrahmen. „Komm her, Harry.“, winkte Severus ihn zu sich.

Schniefend näherte sich Harry seinem verletzten Professor. „Nicht sterben. Bitte nicht weggeh'n!“, flehte er. Seine Eltern waren schon seinetwegen gestorben, weil sie ihn beschützen wollten, er wollte nicht, dass auch der Professor sterben musste! Dann hatte er doch wieder niemanden! Und er wollte nicht Schuld sein, wenn jemand starb.

Entsetzt hörte Severus das Flehen des Kindes. „Nicht, Harry.“, mahnte er. „Komm her.“ Ungeduldig wartete er, bis Harry neben seinem Bett stand. Der Junge wirkte so verzweifelt, so hilflos, dass Severus in diesem Moment jegliche Schranke aufhob, die er sich zuvor auferlegt hatte. Er rutschte ein Stück zur Seite, das Bett war schließlich groß genug. „Ich werde nicht sterben, du hast doch gesehen, wie Madam Pomfrey mich geheilt hat. Ich muss nur noch schlafen, damit der Blutbildungstrank richtig wirken kann. Wenn du magst, dann kannst du heute Nacht hier bei mir schlafen. Dann passt du auf mich auf.“ Er sah das Zögern, aber auch die Hoffnung in den grünen Augen. „Geh duschen und mach dich fertig für's Bett. Und dann kannst du entscheiden, ob du hier bei mir oder in deinem Zimmer schlafen willst.“, schlug Severus daher vor. Er wollte den Jungen nicht überfordern, aber wenn der heute Nacht Alpträume bekam, und die kamen absolut sicher, dann konnte er nicht ins Kinderzimmer gehen. Auch wenn er wollte, er schaffte das nicht. Nicht, weil Poppy es ihm verboten hatte, sondern weil er seinem Körper nicht traute. Er hatte wirklich viel Blut verloren.

Schnell verschwand Harry im Bad, nachdem er seinen Schlafanzug geholt hatte. Als er fertig war, haderte er noch ein wenig mit sich, doch schnell entschied er, tatsächlich zu seinem Professor zu gehen. Was, wenn der in der Nacht Hilfe brauchte? Dann musste Harry doch da sein, jemand anderes war nicht hier! Außerdem sehnte er sich inzwischen so sehr nach der Nähe des Mannes. Bei dem Professor war es immer so schön warm, und er fühlte sich einfach sicher. Am liebsten hätte er immer diese starken Arme um sich. Sonst schrak er vor jeder Berührung zurück, aber bei dem Professor war es anders. Hier bedeutete Berührung nicht Schmerzen, sondern Sicherheit und Wärme. Ein wenig unsicher stand er nur Momente später in der Tür des Schlafzimmers. Noch nie war er hier gewesen, hatte nur am ersten Tag einen Blick herein geworfen. Es war viel dunkler als sein Zimmer, schwarz war die vorherrschende Farbe. Doch silberne Akzente hellten es wieder auf, ließen es edel wirken.

Severus schmunzelte, als er den Blick des Jungen sah. Nur langsam kam der Kleine zum Bett. Unsicherheit und ein wenig Ungläubigkeit lagen im Gesicht des Kindes, aber Harry kam vertrauensvoll zu seinem Bett. Severus war froh, dass er keine Angst erkannte, denn das wollte er keinesfalls. Ihm kam erst viel zu spät in den Sinn, dass Harry das auch falsch hätte verstehen können. Aber scheinbar war dies nicht der Fall. Natürlich hatte er nicht vor, den Kleinen anzurühren, jedenfalls nicht in DIESEM Sinne, er wollte ihn einfach nur beschützen. Dieses Kind weckte Vatergefühle in ihm, die er so nicht wirklich kannte. Ja, auch Draco war ihm sehr nahe, nicht umsonst war er als Pate des Blonden eingetragen, aber Draco war schon immer ein sehr selbstbewusstes und selbstsicheres Kind gewesen. Ganz anders Harry, der das alles erst lernen musste. Er zog die zweite Decke, die ungenutzt in seinem Bett lag, so hin, dass Harry sich darin einkuscheln konnte.

Dankbar lächelte Harry, als der Professor ihm die Decke hinlegte. Rasch schlüpfte er hinein. Es war kuschelig warm und weich. Er ruckelte sich zurecht und sah ein letztes Mal zum Professor. „Gute Nacht, Sir.“, wünschte er. „Hoffentlich geht es Ihnen morgen wirklich wieder gut.“

„Gute Nacht, Harry.“, erwiderte Severus. „Hab keine Angst, es wird schon. Ich habe schon Schlimmeres überstanden. Jetzt schlaf.“

Beide schlossen die Augen und schon bald hörte man tiefe, gleichmäßige Atemzüge, die zeigten, dass sie fest schliefen.

Leider dauerte es nicht allzu lange, bis Harry schreiend wieder aufwachte. Im Traum hatte er erneut den Angriff erlebt, nur dass diesmal auch sein Onkel auftauchte und meinte, das wäre nur richtig, denn schließlich habe es Harry nicht verdient, dass man sich so um ihn kümmerte.

Severus fuhr hoch, als er den Schrei seines Schützlings hörte, und zog das zitternde und wimmernde Bündel in seine Arme. Er war erleichtert, dass er dem Kleinen helfen konnte, ihn in sein Bett zu holen, war die richtige Entscheidung gewesen. „Nur ein Traum, Harry.“, tröstete er. „Was ist passiert, dass dir dein Traum solche Angst macht?“

Schluchzend schmiegte sich Harry an den Professor. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. „Die Todesser, sie waren wieder da und haben Sie verletzt, Sir. Und dann war da Onkel Vernon, er meinte, ich hätte das verdient, weil ich doch ein Freak bin.“, fasste er zusammen.

„Harry, dein Onkel ist nicht hier. Er wird dir nie wieder wehtun.“, versprach Severus.

„Aber … es hat doch nie funktioniert.“, wisperte Harry zitternd. „Ich meine, Ms. Grey, meine Grundschullehrerin, hat auch einmal Verdacht geschöpft. Sie hat Onkel Vernon und Tante Petunia in die Schule bestellt und nach meinen blauen Flecken gefragt. Die haben gesagt, es sei ein Unfall auf dem Spielplatz gewesen. Aber es war nicht auf dem Spielplatz.“ Schaudernd verstummte Harry.

„Was ist dann passiert?“, wollte Severus sanft wissen. Er hielt Harry sicher im Arm, sodass dieser Kraft aus der Umarmung schöpfen konnte. Dafür ignorierte er das Ziehen seiner Wunden gerne.

„Onkel Vernon hat mich bestraft.“, erzählte Harry nach einer Weile. „Er hat mich nicht so oft geschlagen, aber an dem Tag hat er mich über sein Knie gelegt. Hinterher konnte ich kaum noch sitzen. Meistens hat Dudley zugeschlagen. Onkel Vernon hat herum gebrüllt und mich nieder gemacht, Tante Petunia hat mich arbeiten lassen.“ Erneut verstummte er und vergrub sein Gesicht diesmal an der Seite des Professors.

„Was musstest du arbeiten, und seit wann?“, fragte Severus schließlich, als der Junge nicht weiter sprach. Eine der Fragen, die ihm der Gamot auch stellen würde.

„Angefangen hat es mit Putzarbeiten.“ Harry wollte es nun alles loswerden. Er hoffte, dass der Professor ihm wirklich helfen konnte. „Ich habe mal erfahren, dass ich bereits ganz am Anfang, als ich mehr gekrabbelt als gelaufen bin, Putzlappen umgebunden bekam, um den Boden sauber zu halten. Später musste ich das gesamte Haus putzen. Wehe, sie fanden noch Staub oder Spinnweben, oder Flecken. Dann bekam ich kein Essen. Wenn ich meine Arbeit zu ihrer Zufriedenheit erledigte, durfte ich die Reste haben, die Dudley übrig ließ. Das war meistens ziemlich wenig. Außerdem Brot und manchmal etwas Milch. Als ich älter wurde, ich glaube, ich war fünf, hat Tante Petunia angefangen, mich beim Kochen einzuspannen. Anfangs konnte ich nur Toast und Eier, aber bald musste ich alle Mahlzeiten zubereiten. Wenn das Fleisch zäh war oder etwas nicht schmeckte, bekam ich zur Strafe Schrankarrest. Das war eigentlich gar nicht so schlecht, denn dann musste ich auch nicht putzen. Aber wenn ich wieder raus durfte, dann war die Liste mit meinen Aufgaben immer so lang, dass ich sie nicht schaffen konnte. Manchmal habe ich dann ganze Nächte durchgeputzt, weil ich nicht eher schlafen gehen durfte. Erst, wenn ich fertig war und alles passte.“

„Und wie kamst du zu den verschiedenen Knochenbrüchen?“

„Meistens tatsächlich durch Stürze.“, bekannte Harry. „Sie haben meine Brille gerichtet, Professor, vorher habe ich kaum etwas gesehen. Oft genug bin ich mit dem Putzeimer gestürzt, manchmal hat auch Dudley nachgeholfen. Die meiste Zeit fiel ich die Treppen hinunter, Dudley fand das ziemlich witzig. Tante Petunia hat das dann immer irgendwie eingegipst. Das haben sie dann ungefähr einen Monat gelassen, dann hat Onkel Vernon den Gips wieder abgeschnitten. Er hat sich sogar eine spezielle Schere dafür gekauft.“

Einige Momente biss Severus die Zähne zusammen, jetzt durfte er nichts Falsches sagen. Seine Wut galt nicht Harry, sondern seinen Verwandten. Lieber verstärkte er die Umarmung. „Oh, Harry, ich wünschte, ich hätte dir eher helfen können.“, wisperte er. „Auf keinen Fall musst du wieder dorthin, das verspreche ich dir. Verrätst du mir auch, was es mit den Narben auf sich hat? Ich meine, viele davon konnten Poppy und ich heilen, aber wie kamst du dazu?“

Harry lächelte, er spürte, dass der Professor die Wahrheit sprach. Wie auch immer er das anstellen würde, aber er würde nicht zulassen, dass er, Harry, zurück zu den Dursleys musste! „Die Narben? Ein Teil ist von Unfällen, vor allem beim Kochen. Die Pfannen waren am Anfang viel zu schwer, nicht nur einmal ist mir eine aus der Hand gerutscht.“ Harry schauderte ein weiteres Mal, als er daran dachte, wie fürchterlich das gebrannt hatte. Er schmiegte sich an den Professor. „Einige sind auch Dudleys Schuld, und die seiner Freunde. Als sie ihre Taschenmesser bekamen, wollten sie ausprobieren, wie gut menschliche Haut damit geschnitten werden kann. Leider hat das ziemlich gut funktioniert.“ Er schüttelte sich. Dankbar ließ er sich fallen, als der Ältere die Umarmung erneut verstärkte.

„Das hast du sehr gut gemacht, Harry.“, lobte Severus. Er spürte, wie der Kleine sich fest an ihn schmiegte. Schmunzelnd ließ er es zu, hielt den Jungen sogar fest im Arm. „Denkst du, du kannst jetzt besser schlafen?“ Nun spürte er Harrys Nicken an seiner Seite. „Dann schlaf, Harry. Gute Nacht!“, wünschte er.

Harrys Antwort fiel mehr als undeutlich aus, da er schon fast eingeschlafen war. Severus drehte sich mühsam ein wenig zur Seite, schlang auch den zweiten Arm um den Jungen, dann dauerte es nicht lang, bis auch er selbst eingeschlafen war. Die restliche Nacht verlief ruhiger als jede andere Nacht, seit Harry hier eingezogen war. Severus wachte erst auf, als Poppy ihn weckte, um ihn richtig untersuchen zu können, denn noch immer schmiegte sich Harry fest in seine Arme.

„Wie fühlst du dich?“, wollte die Medihexe wissen, als Severus seine Augen öffnete.

Der Tränkemeister hörte in sich hinein. „Deutlich besser.“, antwortete er schließlich.

„Deine Werte sehen auch soweit gut aus, nur das Blut ist noch nicht richtig nachgebildet.“, nickte Poppy. „Du wirst heute noch im Bett bleiben, und wenn die Werte morgen genauso viel besser sind, kannst du ab morgen wieder arbeiten.“

„Ich kann heute schon wieder arbeiten.“, widersprach Severus und versuchte, aus dem Bett aufzustehen.

„Nein, kannst du nicht.“, drückte Poppy ihn zurück. „Verdammt, sei nicht so stur, genieß' lieber die Zeit mit Harry.“

Severus brummte und murrte noch eine Weile, gab dann aber nach, als grüne Augen ihn hoffnungs- und erwartungsvoll ansahen. Natürlich war Harry während der Diskussion aufgewacht. Also schob sich Severus einige Kissen hinter den Rücken, dann lehnte er sich zurück und sie bestellten Frühstück bei den Hauselfen. Heute morgen wirkte Harry deutlich entspannter als bisher, aufgeweckter. Vielleicht sollten sie die Zeit nutzen, über Harrys Vergangenheit zu reden. In der Nacht hatte der Junge ihm viele Hinweise gegeben, die es ihm erlauben sollten, das Sorgerecht für den Kleinen zu bekommen. Er musste dringend mit seinem Partner sprechen. Außerdem mussten sie Anzeige gegen Dumbledore erstatten. Immerhin hatte er die Sorge um Harry nicht ernst genommen.

Nach dem Frühstück schickte Severus Harry ins Bad und bat ihn, vorher noch Feder und Pergament zu bringen. Während Harry sich duschte und anzog, schrieb er einen kurzen Brief, in dem er die neuesten Erkenntnisse schilderte. „Harry, darf ich mir Hedwig ausleihen, um den Brief zuzustellen?“, fragte er seinen Schützling.

Harry nickte. „Natürlich, Sir.“, erlaubte er.

„Severus.“, schüttelte der Tränkemeister den Kopf. Fragend sah Harry ihn an. „Nenn' mich Severus.“, wiederholte der Ältere. „Immerhin leben wir gemeinsam hier in diesen Räumen, und das wird sicher noch eine Weile so bleiben.“ Schon eine Weile hatte er darüber nachgedacht. Sein Hass gegen James war immer noch da, aber das hatte nichts mit Harry zu tun. Der Junge war zwar beinahe eine optische Kopie seines Vaters, aber ansonsten hatte er nicht viel mit James gemeinsam.

Stumm starrte Harry den Professor an, er konnte einfach nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Träumte er? Ein Erwachsener, der ihm die persönliche Anrede anbot? So etwas war ihm noch nie passiert, nur einmal, als Hagrid ihn traf. Aber er hatte beim Aussteigen aus dem Zug gehört, dass viele der Schüler den Wildhüter so ansprachen. Bei Professor Snape hingegen konnte er sich das nicht vorstellen. Der Mann war streng, aber zumindest ihm gegenüber sehr fair. Dennoch – die persönliche Anrede war etwas, das dieser sicher nicht leichtfertig anbot. Deshalb konnte Harry es einfach nicht fassen. Auch mit der Begründung, dass sie hier so eng zusammen wohnten, war es nicht schlüssiger. Harry kannte den Professor nun seit etwa zwei Monaten, aber damit hätte er nicht gerechnet.

Severus sah, dass er seinen Schützling gerade wohl ein wenig überforderte. „Ich meine es ernst, Harry. So lange wir hier alleine sind, darfst du mich mit Severus ansprechen. Im Unterricht allerdings werde ich auch für dich Professor Snape sein, genau wie für Draco, der mich im Privaten ja auch persönlich anspricht.“ Das hatte sich irgendwann so eingespielt. Nach der ersten Nacht hatte sich Draco im Griff, aber wenn er hier in seinen Räumen zu Gast war, sprach Draco ihn weiterhin als Onkel Sev an. Das war auch ein weiterer Grund, warum er es Harry nun ebenfalls erlaubte, der Kleine sollte sich nicht herabgesetzt fühlen. Jetzt sah er das wenig überzeugte Gesicht Harrys. Er wusste schnell, was ihn bedrückte. „Glaube mir, wir werden es schon noch schaffen, dass auch du in den Unterricht gehen kannst!“, versprach er. „Und jetzt schicken wir eine Hauselfe, deine Eule hierher zu bringen, einverstanden?“

„Ja.“, nickte Harry einfach. Natürlich durfte sich der Professor Hedwig für seine Post ausleihen. Harry hatte ja niemandem, dem er schreiben wollte oder konnte. Tante Petunia würde ausflippen, wenn eine weitere Eule in das Haus im Ligusterweg käme. Außerdem, was sollte er ihr schreiben? Und ansonsten kannte er niemanden. Nur Draco, aber der war hier in Hogwarts. Es machte Spaß, mit dem Blonden Zeit zu verbringen, auch wenn Draco teilweise echt komische Verhaltensweisen an den Tag legte. Professor Snape – Severus, erinnerte sich Harry – erklärte das so, dass Draco einfach vollkommen anders erzogen worden war. Er gehörte zu einer Familie, die viel Macht, Gold und Einfluss besaß, sodass von ihnen ein gewisses Verhalten erwartet wurde. Draco, der immerhin noch ein Kind war, konnte manchmal einfach nicht unterscheiden, was nun gefordert war und was nicht. Aber insgesamt verstanden sie sich erstaunlich gut. Vielleicht war Draco tatsächlich sein erster Freund? Ja, entschied Harry in diesem Moment. Er wollte Dracos Freund sein.

„Harry?“, riss Severus den Jungen aus seinen Gedanken. Worüber auch immer Harry gegrübelt hatte, er war vollkommen in Gedanken versunken gewesen. Harry hatte nicht einmal bemerkt, dass Hedwig hier gewesen war und den Brief mitgenommen hatte. Erst, als der Kleine ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, sprach er weiter. „Ich muss dir noch etwas sagen. Morgen ist Halloween. Da ist abends ein Fest in der großen Halle, dort muss ich anwesend sein. Deshalb wird Poppy, also Madam Pomfrey, morgen mit dir zu Abend essen, damit du nicht alleine essen musst. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis ich zurück komme. Du kannst dann ruhig schlafen gehen, musst nicht auf mich warten.“

Überlegend sah Harry den Professor an. „Halloween?“ Irgendetwas berührte das in ihm, aber er konnte es sich nicht erklären.

„Halloween ist das Fest der Geister. Es ist der Tag, oder besser die Nacht, in der die Grenze zwischen unserer Welt und der Welt der Geister dünn genug ist, um die Seelen unserer Verstorbenen zu spüren. Auch in der Muggelwelt wird dieses Fest gefeiert, aber es hat eine andere Bedeutung wie für uns. Die Geister von Hogwarts feiern ebenfalls. Allerdings ist es nicht nur ein freudiger Tag.“ Severus atmete tief durch. Es fiel ihm nicht leicht, aber er hatte das Gefühl, Harry sagen zu müssen, was dieser Tag bedeutete. „Halloween ist auch der Tag, an dem deine Eltern starben.“ Er brach ab und schluckte, noch immer wühlten ihn die Bilder dieses einen Abends auf.

„Voldemort.“, wisperte Harry. Er erinnerte sich an das, was Hagrid ihm erzählt hatte.

„Ja.“, bestätigte Severus heiser. Er räusperte sich. „Das stimmt. Er hat deine Eltern getötet, weil sie sich vor dich gestellt haben. Der dunkle Lord, Voldemort, wollte dich töten.“ Mit einem Mal brach seine Fassade zusammen, er schluchzte auf und schlug die Hände vor die Augen. „Es war meine Schuld. Es tut mir leid, Lily!“

Erschrocken reagierte Harry erst einmal gar nicht. Einige Sekunden war er starr, zu schockiert von dem Ausbruch, dann rutschte er wieder näher an seinen Mentor, legte vorsichtig und probierend seine Hände auf die größeren Hände von Severus. „Was … was ist passiert?“, fragte er schließlich leise.

Nur schwer konnte sich Severus beruhigen. Lange hatte er all das verdrängt, aber jetzt ging es nicht mehr. „Ich habe einen riesigen Fehler gemacht. Ich bin Schuld daran, dass du ein Waise bist. Du weißt, ich bin ein Todesser. Am Anfang war ich ein überzeugter Todesser, aber nicht lange. Doch bevor ich meinen Fehler erkannte, habe ich einen Teil einer Prophezeiung belauscht und sie dem dunklen Lord mitgeteilt. Ich wusste nicht, dass er auf dich kommen würde. In dieser Prophezeiung war die Rede davon, dass es ein Kind geben würde, das ihm ebenbürtig sein sollte. Er fürchtete, dass dieses Kind in der Lage wäre, ihn töten zu können. Bei dir passten alle Anzeichen. Deshalb machte er Jagd auf dich und deine Eltern. Ich habe Dumbledore gewarnt, der Kontakt zu deinen Eltern hatte, weil sie mit ihm gemeinsam gegen den dunklen Lord kämpften. Er hat deine Eltern mit Hilfe eines Zaubers versteckt. Dieser Zauber versiegelt das Geheimnis ihres Verstecks in einer Person. Aber leider hat diese Person, der beste Freund deines Vaters, sie an den dunklen Lord verraten. An Halloween vor zehn Jahren kam der dunkle Lord zu deinen Eltern. Er hat deinen Vater und Lily getötet und es auch bei dir versucht, aber du hast den Angriff überlebt, den Zauber sogar reflektiert, sodass der dunkle Lord vernichtet wurde. Ich bin Schuld, ich hätte es nie weitergeben dürfen!“ Erneut brach ein Schluchzen aus seiner Kehle.

Harry schlang seine Arme um die Taille von Severus, strich mit der Hand über den breiten, gerade bebenden Rücken. Severus zog den Jungen an sich, vergrub sein Gesicht in den wirren Haaren. Nur langsam schaffte er es, sich zu beruhigen. Harry hielt ihn einfach fest, gab ihm Halt. Es fiel ihm nicht schwer, im Gegenteil, es fühlte sich richtig an. Der Vorwurf, den sich der Professor selbst machte, war für Harry nicht vollkommen nachvollziehbar. Ja, er verstand, warum sich der Professor Vorwürfe machte, aber er konnte ihm nicht wirklich die Schuld für den Tod seiner Eltern geben. Schuld hatten Voldemort, der sie aktiv getötet hatte, und der Mann, der sie verraten hatte. Das sagte er auch seinem Mentor.

„Oh, Harry.“, seufzte Severus. Der Kleine war eindeutig der Sohn seiner Mutter. „Du hast das Wesen von Lily geerbt.“

„Ich bin wie Mama?“, staunte der Kleine.

Severus musste unwillkürlich lächeln. „Ja, sie hat auch nie jemandem etwas nachgetragen.“

Strahlend sah Harry den Tränkemeister an. Er freute sich, etwas mit seiner Mama gemeinsam zu haben. Der Professor hatte ihm viel von Lily erzählt, und so fühlte sich Harry ihr näher.

Severus strich Harry über die Haare. „Ich bin froh, dass du hier bei mir bist.“ Und das war er wirklich. Dank Harry fühlte er sich so erleichtert, als hätte Lily selbst ihm vergeben. Seine Arme zogen den Jungen an sich. Auch Harry schmiegte sich an ihn. So blieben sie eine ganze Weile im Bett sitzen, genossen die Nähe und die Ruhe. Erst die Hauselfen mit dem Mittagessen rissen sie aus ihrer kleinen Blase. Gemeinsam aßen sie, im Bett sitzend, zu Mittag. Das Essen trug eindeutig Poppys Handschrift, entschied Severus für sich.

Nach dem Mittagessen kam Draco, der erschrocken war, seinen Patenonkel so zu sehen, doch Severus beruhigte ihn. Er blieb allerdings im Bett, da er wusste, Poppy würde ihn noch länger ins Bett stecken, wenn er sich nicht daran hielt. Und er wollte auf jeden Fall am nächsten Tag wieder unterrichten. Draco und Harry gingen nach nebenan in Harrys Zimmer, wo sie, wie es klang, eine Runde Zauberschach spielten. Harry kannte dieses Spiel nicht, als er hierher kam, aber Draco hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihm das beizubringen. Heute hörte Severus zufrieden, dass Harry sich nicht mehr alles gefallen ließ. Natürlich waren seine Konter ziemlich harmlos, aber immerhin ging er nun ein wenig aus sich heraus. Severus rief sich ein Buch auf und machte es sich im Bett gemütlich.

„Severus?“, riss ihn eine Stimme aus seiner Konzentration. Gerade las er in einem Magazin über einen interessanten Ansatz eines neuen Zaubertrankes.

„Hier!“, rief er. Natürlich hatte er die Stimme erkannt, aber er wusste nicht genau, warum sein Partner das Risiko einging, ihn hier zu besuchen, obwohl er sonst immer darauf bestand, dass sie vorsichtig sein mussten. Irgendetwas stimmte hier doch nicht! Lag es an dem Brief, den er geschrieben hatte? Dieses Risiko hatte er eingehen müssen, aber es war gering, denn niemand nahm die Post seines Partners entgegen, somit konnte auch keiner den Brief lesen. Wobei er dafür Altgriechisch können müsste, denn seit Jahren nutzten sie diese Sprache für ihre Post.

„Vater?“, mischte sich Dracos Stimme ein. „Was machst du denn hier?“

„Guten Tag, Draco, schön, dich zu sehen.“, begrüßte Lucius seinen Sohn. „Wie läuft es in der Schule?“

„Sehr gut, Vater, ich habe natürlich überall gute Noten.“, antwortete Draco selbstbewusst. „Und jetzt bringe ich meinem neuen Freund Harry Zauberschach bei.“

„Stellst du mir deinen Freund auch vor? Es ist schließlich unhöflich, wenn man einander nicht vorgestellt wird.“ Offenbar hatte Lucius Harry bisher noch nicht gesehen, ansonsten hätte er Draco schon eher gerügt. Severus wusste, dass Lucius seinen Sohn liebte, es aber nicht so offen zeigte. Er vermutete, dass Draco aus dem Kinderzimmer in den Flur getreten war, als er die Stimme seines Vaters gehört hatte, Harry aber lieber im Zimmer geblieben war. Wahrscheinlich zog Draco nun Harry aus dem Zimmer, oder aber Lucius trat in die Tür.

„Vater, das ist Harry, Harry Potter. Harry, darf ich dir meinen Vater vorstellen? Das ist Lucius Malfoy, Harry.“, stellte Draco pflichtbewusst vor.

„Guten Tag, Harry, es ist mir eine Freude, deine Bekanntschaft zu machen.“ Severus ahnte, dass Lucius dem kleinen Schwarzhaarigen nun die Hand entgegen streckte.

„Keine Angst, Harry, mein Vater beißt nicht.“, kam es von Draco. Also hatte Harry offenbar nicht gleich zugegriffen.

„Tag, Mister Malfoy.“, nuschelte Harry schließlich leise. Severus' Augenbraue hob sich erstaunt, noch vor einem Tag wäre das wohl nicht möglich gewesen. Der Kleine schien über Nacht deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben.

„Entschuldigt mich, bitte.“, kam es nach einigen Momenten erneut von Lucius. „Ich muss dringend mit Severus sprechen. Vielleicht sehen wir uns ein andermal wieder, Harry? Ich wünsche dir viel Erfolg beim Lernen.“ Es dauerte nur Sekunden, dann stand Lucius in der Schlafzimmertür. „Darf ich eintreten?“

„Natürlich.“, erwiderte Severus. Ihn wunderte diese kühle, nichtssagende Höflichkeit nicht, schließlich ahnte nicht einmal Draco, welches Verhältnis Lucius und er zueinander hatten. Für den Jungen waren sie einfach nur gute Freunde, mehr nicht. Und so sollte es erst einmal auch bleiben.

„Es tut mir leid, wenn ich so unerwartet herein platze.“, entschuldigte sich Lucius. „Ich hörte, dass du verletzt wurdest, und wollte sicher stellen, dass es dir gut geht, mein Freund.“ Er trat nahe an Severus' Bett, musste sich einfach überzeugen. „Außerdem muss ich mit dir sprechen, wie wir wegen dem Jungen vorgehen. Wie hast du es dir gedacht?“

Natürlich, sein Brief von heute Morgen. Also hatte Severus vorhin den richtigen Gedanken gehabt. Lucius wollte offenbar verhindern, dass jemand seine Antwort abfing. „Es geht mir gut, Poppy hat sich gekümmert. Sie hat mich allerdings für heute noch zu Bettruhe verdonnert, ab morgen kann ich sicherlich wieder unterrichten.“ Er unterbrach sich einen Moment und wirkte einen Zauber. „So, ich will nicht, dass Harry das hier mitbekommt. Und auch Draco lassen wir besser außen vor, jedenfalls für jetzt.“ Erneut musste er sich unterbrechen, aber diesmal, weil Lucius ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte. Weiter konnten sie hier nicht gehen, aber das ließ sich der Blonde nicht nehmen. „Lucius, ich denke, wir sollten beide Fälle im Ministerium anzeigen. So hat Harry am ehesten die Chance, vollkommen neu anzufangen.“

„Was hast du mit dem Jungen gemacht? Ich war gerade absolut überrascht, dass er mir tatsächlich die Hand gegeben und mich begrüßt hat.“, wollte Lucius wissen.

„Das hat mich auch überrascht.“, gab Severus zu. „Aber ich denke, heute Nacht hat er einen großen Schritt gemacht. Alles, was ich von ihm weiß, hat er mir heute Nacht erzählt.“

„Und du willst tatsächlich jetzt schon Anzeige erstatten und nicht warten, ob er dir noch mehr erzählt?“, wunderte sich Lucius. „Denkst du, das, was du hast, reicht? Wenn wir zu früh vorgehen, warnen wir Harrys Vormund, und außerdem wird die Presse darauf aufmerksam, ich denke nicht, dass du das willst.“

„Ich gebe dir gerne meine Erinnerungen an die Nacht.“, knurrte Severus. „Aber ich weiß, dass du mir danach zustimmen wirst. Und der Schulleiter hat gestern früh zugegeben, der Vormund Harrys zu sein. Somit ist unsere Vermutung nun Gewissheit. Ich weiß nicht genau, warum er Harry zu Lilys Schwester gab, obwohl er wusste, wie wenig sie von Magie hielt. Früher war sie eifersüchtig, weil Lily etwas konnte, was ihr wohl nie gelingen würde, aber diese Eifersucht wurde schon bald von Hass abgelöst. Ich bin sicher, Dumbledore wusste das, oder ahnte es zumindest. Doch selbst wenn nicht, er wäre verpflichtet gewesen, sich um das Wohl des Jungen zu kümmern, was er eindeutig nie getan hat. Die Presse wird sich darauf stürzen, egal, wie wir es anfangen. Auch, wenn ich das Harry lieber ersparen würde. Gemeinsam mit den Berichten von Poppy sollte meine Erinnerung ausreichen, um eine Untersuchung zu gewährleisten. Dann wird es sich sicherlich bestätigen. Leicht wird es wohl nicht für Harry, aber ich denke nicht, dass er zu einer Aussage gezwungen sein wird.“

„Nein, das werden wir verhindern.“, stimmte Lucius zu. „Wenn du sicher bist, dass es genug ist, helfe ich dir mit der Anzeige. Allerdings fürchte ich, es wird nicht leicht sein, Harry heraus zu halten. Du kennst diese Geier, sie wollen den Jungen, der lebt, in die Öffentlichkeit zerren, um jeden Preis. Natürlich werde ich zusehen, dass ich es verhindern kann, aber das Risiko bleibt dennoch bestehen, das weißt du.“

„Ja, das weiß ich auch.“, seufzte Severus. Noch immer war er aufgewühlt, aber er wollte es nicht zeigen.

„Alles in Ordnung, Severus? Du wirkst … anders als sonst.“, sorgte sich Lucius. Er hasste es, seinem Partner so nahe zu sein, ohne ihm nahe sein zu können.

„Natürlich, was sollte nicht in Ordnung sein?“, schnappte Severus. „Ich mache mir Sorgen um Harry.“

„Er ist dir wirklich wichtig.“, erkannte Lucius. „Bei deiner Vergangenheit mit seinem Vater hätte ich das nicht für möglich gehalten, aber ich bin froh, dass er bei dir ist. Hier wird es ihm gut gehen. Wer weiß, ob die anderen Hauslehrer die Zeichen erkannt hätten? Und da es keine allgemeinen Untersuchungen gibt, wäre er wohl noch lange so herum gelaufen. Ein schrecklicher Gedanke!“

„Fürchterlich.“, musste Severus zustimmen. „Minerva hätte ihn gerne in ihrem Haus gehabt, das erzählt sie mir beinahe jeden Tag, aber sie hätte es sicher nicht gesehen. Nicht, weil sie das nicht will, sondern weil sie keine Ahnung hat, wie sie die Anzeichen erkennen soll. Ich weiß zwar nicht, wieso er ausgerechnet nach Slytherin kam, aber das ist auch egal. Er ist ein Junge, der Schutz braucht, so viel wie möglich. Und ich werde ihm diesen Schutz geben.“

„So, wie gestern.“, nickte Lucius. Das überraschte ihn nicht, überhaupt nicht. „Du weißt, dass du nun als Verräter unter den Anhängern des Lords giltst?“

„Das hat mir Rookwood sehr deutlich zu verstehen gegeben.“, bestätigte Severus ernst. „Nun wissen sie auch, dass Harry bei mir ist. Nun gut, ich gehe davon aus, dass sie es bereits zuvor wussten, immerhin brauchen Gerüchte in Hogwarts nicht sonderlich lange, und bis die Eltern davon erfahren, dauert es auch nicht viel länger.“

Lucius stimmte ihm zu. „Sie werden Harry nichts tun, immerhin hat der Lord immer deutlich gemacht, dass er selbst derjenige sein muss, der Harry Potter tötet. Und sie glauben an seine Rückkehr, von wo auch immer. Ich habe sie noch einmal daran erinnert, also denke ich, Harry ist vorerst sicher. Allerdings gilt das nicht für dich. Sie werden versuchen, dich zu erwischen und zu töten. Sei vorsichtig, ich bitte dich!“

Nun war es an Severus, sich zu seinem Partner zu lehnen, um ihn zu küssen. „Bin ich.“, versprach er leise. „Dennoch werde ich das Sorgerecht beantragen, Harry soll nicht wieder weiter geschoben werden.“ Lucius' Augenbraue hob sich in ungeahnte Höhen. „Ja, ich habe mich an den Kleinen gewöhnt, mehr noch. Ich möchte ihm den Vater ersetzen.“

„Er erinnert dich an Lily, nicht wahr?“, vermutete Lucius. „Seine Augen sind identisch mit ihren.“

„Nicht nur die Augen, sein ganzes Verhalten.“ Severus' Stimme klang heiser. „Ich habe ihm von damals, von Halloween erzählt. Er hat mir vergeben!“ Am Ende klang Severus immer noch vollkommen überwältigt, aber auch ungläubig. „Und das war nicht so dahin gesagt, das schwöre ich dir. In ihm erkenne ich immer mehr von Lilys Wesen, er ist so sehr ihr Sohn, dass es beinahe weh tut.“

Lucius starrte seinen Geliebten eine Weile sprachlos an. „Jetzt weiß ich auch, warum du heute so aufgewühlt bist. Bin ich froh, dass du den Jungen bei dir hast, er tut dir gut! Ich werde alles tun, damit ihr eine Familie werdet.“, schwor er schließlich.

„Wir alle werden eine Familie sein.“, wisperte Severus.

„Sobald ich weiß, wie wir diesen dämlichen Zauber loswerden, der verhindert, dass ich mich scheiden lassen kann.“ Lucius strich Severus zärtlich über die Wange. „Vor allem muss ich verhindern, dass Draco in ihre Fänge gerät.“ Er klang gequält. Dummerweise lag auf seinem Ehevertrag ein Zauber, der Narzissa für immer an ihn band, ohne dass er sich trennen konnte. Dieser Zauber war so eingefügt worden, dass er beim Abschluss des Vertrages nicht aufgetaucht war, erst später, als Lucius es nicht mehr rückgängig machen konnte. Bis heute hatte er nicht herausgefunden, wer diesen Zauber eingefügt hatte. Es war so geschickt gemacht worden, dass Lucius ihn trotz aller Prüfungen nicht entdeckt hatte. Erst, wenn Lucius wusste, von wem der Zauber stammte, konnte er etwas unternehmen. Oder besser, herausfinden, wie er diesen Zauber lösen konnte. Bis dahin war er an Narzissa gebunden, auch wenn er schon seit längerem eine Beziehung mit Severus führte. Nur konnte er sie nicht offen legen, da er sonst sowohl Draco als auch seinen gesamten Besitz verlieren würde. Sein Besitz war ihm in diesem Fall sogar ziemlich egal, aber Draco sollte sicher sein. Narzissa würde ihn zwar ohnehin nur abschieben zu irgendwelchen Nannys und Hauselfen, aber selbst das hatte Draco nicht verdient. Der Junge war ein gutes Kind. „Ich liebe dich, Sev.“

„Oh, Lucius.“, kam es leise von Severus. „Ich liebe dich auch, und ich werde warten. Dennoch muss ich zuerst an Harry denken.“

„Natürlich musst du das.“ Lucius küsste Severus erneut. „Ich werde dir helfen. Vielleicht kann ich ihn vormittags im Manor unterrichten, wenn er mir genug vertraut. Dann kannst du auch etwas kürzer treten. Und jetzt sag' nichts, ich weiß, wie sehr du deine Zeit dem Jungen widmest, selbst wenn du eigentlich keine Zeit hast. Du weißt, Narzissa ist vormittags meist unterwegs, und sie kommt nie in meine Räume, da würde der Kleine nicht auffallen und er käme auch mal raus aus den Kerkern. Das müssen wir nicht jetzt entscheiden, aber denk darüber nach. Ich muss jetzt wieder gehen. Ich mache einen Termin im Ministerium und sage dir Bescheid, dann kannst du Anzeige erstatten.“

„In Ordnung, ich danke dir.“, lächelte Severus.

„Nicht der Rede wert.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Du bist ein toller Vater, da bin ich sicher. Ruh dich aus und werde gesund, dann sehen wir uns in einigen Tagen im Ministerium. Länger wird es sicher nicht dauern.“

„Wiedersehen, Lucius.“, verabschiedete sich Severus mit einem letzten Kuss.

„Bis bald, Liebster.“, erwiderte Lucius den Kuss gefühlvoll. „Bleib liegen, ich finde den Kamin auch alleine, und vorher werde ich mich noch von meinem Sohn und Harry verabschieden. Ich liebe dich!“ Und weg war er.

Seufzend ließ sich Severus zurück auf die Matratze sinken. Jetzt würde er Lucius noch mehr als zuvor vermissen. Er hörte, wie sich sein Geliebter von den beiden Jungs verabschiedete und dann ging. Noch während Harry und Draco über irgendetwas kicherten, schlief Severus ein, in Gedanken bei dem bevorstehenden Prozess. Er hoffte nur, dass sie Harry wirklich raushalten konnten.

Harry genoss das leckere Essen mit der Medihexe, doch er war unruhig. Noch nie, seit er hier war, hatte der Professor, nein, Severus, wie er ihn jetzt nennen sollte, nicht mit ihm zu Abend gegessen. Manchmal musste er abends raus, weil er Aufsicht hatte, dann musste er die Gänge überprüfen, ob die Schüler in ihren Gemeinschaftsräumen waren, aber dennoch aß er vorher mit ihm zu Abend. Doch das war es nicht, was ihn unruhig werden ließ. Etwas passierte gerade, das spürte er einfach. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf, und eine Gänsehaut, die nicht von der Kälte kam, lief ihm über den Rücken. Aber da er es nicht genauer beschreiben konnte, sagte er lieber nichts. Er wollte auf keinen Fall ein Freak sein. Harry wusste, dass Severus einen seiner Kollegen überwachte, offenbar sogar auf Anweisung des Direktors. Zwar unterhielten sich die Beiden darüber nur im Büro des Professors, aber manchmal stand die Tür ein wenig offen, da konnte Harry es hören. Der Direktor schien diesem anderen Professor, der neu war, nicht zu vertrauen, aber er hatte auch keinen konkreten Hinweis, das sollte Severus ihm liefern. Einmal hatten sie auch über irgendeinen Stein geredet, hinter dem jemand her war, aber das hatte Harry nicht verstanden. Wahrscheinlich ging es um einen wertvollen Edelstein. Hoffentlich passierte Severus nichts!

Noch immer wurde Harry heiß und kalt gleichzeitig, wenn er an vorgestern dachte, als sie in der Winkelgasse angegriffen worden waren. Deutlicher hätte Severus nicht zeigen können, dass Harry ihm wichtig war. Das war auch der ausschlaggebende Grund, warum er ihm nun endgültig vertraute. Niemals hätten sich die Dursleys oder sonst jemand vor ihn gestellt. Im Gegenteil. Sein Onkel und seine Tante hätten ihn wahrscheinlich nach vorne geschoben, wenn sie dafür davon gekommen wären. Doch Severus hatte ihn nicht nur beschützt, er hatte gehandelt, ohne auf seine eigene Gesundheit Rücksicht zu nehmen. So, wie seine Eltern es damals offenbar getan hatten! Leise lächelte Harry. Severus war wirklich wie ein Vater geworden. Nie hatte er jemandem wieder vertrauen wollen, aber bei Severus fühlte es sich so richtig an. Er glaubte nun auch, dass der Tränkemeister es schaffen würde, dass er nie wieder zurück zu den Dursleys musste. Hoffentlich musste er ihnen nie wieder begegnen. Der Professor hatte ihm versprochen, er müsse nicht vor Gericht aussagen, sondern es nur ihm erzählen. Irgendwie konnte er seine Erinnerungen dem Gericht zeigen, hatte Severus erklärt. Harry konnte ihm nicht ganz folgen, aber er glaubte, dass er nicht ins Gericht musste, weil Severus es ihm versprochen hatte.

Als Harry bereits fertig war fürs Bett, kam Severus endlich. Doch sofort wusste Harry, dass etwas nicht stimmte.

„Poppy!“, rief Severus, sobald er die Tür öffnete. „In den Krankenflügel, schnell! Zwei Erstklässler sind verletzt, Miss Granger so schwer, dass es schnell gehen muss. Mister Weasley, Ronald Weasley, ist ebenfalls verletzt. Minerva ist gerade mit den beiden unterwegs in den Krankenflügel.“

Die Medihexe nickte nur knapp, wünschte Harry eine gute Nacht, dann verschwand sie durch den Kamin, weil das einfach schneller ging.

„Was ist passiert?“, fragte Harry.

Severus antwortete erst einmal nicht, sondern ließ sich in einen Sessel fallen und rief eine Schüssel mit warmen Wasser und einen weichen Lappen aus dem Bad auf. Dann legte er sein linkes Bein hoch und schob vorsichtig das Hosenbein nach oben.

Erschrocken zischte Harry auf, als er die große Wunde am Unterschenkel sah. Sofort erkannte er, worum es sich handelte. „Ein Hundebiss! Aber ich dachte, es gibt keine Hunde in Hogwarts, außer Fang.“

„Ja, ein Hundebiss.“, knirschte Severus. „Es ist ein Wächter. Ich darf dir nicht sagen, wofür, aber er kann nicht weg von dort, wo er ist. Allerdings ist heute etwas passiert, weshalb ich dorthin bin.“ Er atmete tief durch und entschied, am Anfang zu beginnen. „Wir waren beim Festmahl.“ Seine Gedanken gingen zurück.

Severus saß am Lehrertisch und blickte in die große Halle. Fast alle Bewohner des Schlosses waren anwesend zur Feier des Tages. Die Kinder liebten dieses Fest, weil es so gutes Essen und so viel zu naschen gab. Die eigentliche Tradition wurde immer mehr von den Muggelfeierlichkeiten überlagert, aber genau das liebten die meisten Kinder. Der Trubel war unglaublich groß, gut, dass er Harry nicht mitgebracht hatte, wie Dumbledore es eigentlich vorgeschlagen hatte.

„Denkst du wirklich, Harry wäre heute aufgefallen?“, erkundigte sich Dumbledore genau in diesem Moment bei Severus. Als hätte er dessen Gedanken gelesen.

„Es wäre zu viel für ihn.“, schüttelte Severus den Kopf. „Gib ihm noch einige Wochen, dann will ich anfangen, ihn darauf vorzubereiten.“

„Er sollte längst im Unterricht sein.“, schimpfte der Schulleiter. „Er verpasst zu viel, das kann er nie aufholen.“

„Harry wird von mir unterrichtet, damit er erst einmal die Grundlagen lernt, die jedes magische Kind mitbringt.“, widersprach Severus. „Bevor er diese nicht kann, wird er sich im Unterricht wieder vollkommen zurückziehen, da er das Gefühl hat, ein Freak zu sein. Womöglich ist es sogar besser, ihn nächstes Jahr komplett neu anfangen zu lassen, aber das kann ich vor Weihnachten nicht sagen. Er fängt langsam an, sich mir zu öffnen, da will ich ihn nicht durch voreiliges Handeln zurückwerfen.“

„Wenn du meinst.“ Dumbledore schien das vollkommen anders zu sehen. „Aber vergiss nicht, du bist nicht sein Vater.“

„Nein, sein Vormund sind Sie!“, zischte Severus verärgert. „Wie konnten Sie das nur zulassen? Warum haben Sie in all den Jahren nicht nach ihm gesehen? Er hätte nie so lange leiden müssen, wenn Sie sich gekümmert hätten, wie es von einem Vormund verlangt wird!“

„Du weißt genau, warum.“, fauchte nun auch Dumbledore. „Die Todesser sind immer noch hinter ihm her, sollte ich sie auf seine Spur bringen?“

„Die Todesser haben ihn nun auch gefunden.“, konterte Severus. „Und Sie sind ein weitaus mächtigerer Zauberer als ich, wie Sie mir bereits mehrmals mitteilten. Was also hielt Sie davon ab, nach Harry zu sehen? Immerhin wäre es für Sie kein Problem, es mit den Todessern aufzunehmen. Mal ganz davon abgesehen, dass Sie sicher in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass kein Todesser Ihnen folgen kann.“

„Was ist eigentlich vorgestern passiert?“, lenkte Dumbledore nun vom Thema ab. „Minerva sagte mir, dass du verletzt aus der Winkelgasse zurück kamst. Poppy hat nicht zugelassen, dass ich in deine Nähe kam, dabei muss ich wissen, was passiert ist. Immerhin bin ich Harrys Vormund und dein Vorgesetzter! Und du bist mein Spion.“

„Das Letzte können Sie gerne in die Vergangenheitsform setzen.“, kam es trocken von Severus, der den Streit wegen der Vormundschaft ohnehin vor Gericht ziehen wollte. Die würden Antworten mit mehr Nachdruck fordern, warum sollte er jetzt also die Thestrale scheu machen? „Todesser kamen aus der Nokturngasse, als ich mit Harry zurück in den tropfenden Kessel wollte. Sie wussten, dass Harry bei mir lebt und wollten ihn sich holen. Ich gelte nun als Verräter, weil ich Harry nicht ausgeliefert habe. Mit seiner Hilfe wollten sie den Lord zurück holen, wie es aussieht. Ob das nur Wunschdenken war oder ob es konkreter ist, weiß ich nicht.“

„Du bist also aufgeflogen?“, versicherte sich Dumbledore. „Und wer liefert mir dann in Zukunft Informationen, sobald Riddle zurück ist? Ich wusste es, es war eine dämliche Idee, Harry in deine Hände zu geben. Er wird zurück in den Gemeinschaftsraum ziehen.“

„Vergessen Sie das.“, knurrte Severus. „Das wird nichts daran ändern, dass die Todesser mich als Verräter betrachten. Sie werden mich jagen, genau wie sie auf der Jagd nach Harry sind. Und das schon seit Jahren.“

In dem Moment war Quirrell herein gekommen. „Er schrie etwas von einem Troll in den Kerkern, bevor er ohnmächtig wurde. Im ersten Moment konnte ich nur an dich denken, Harry, aber meine Räume sind gut geschützt, ich hätte es erfahren, wenn er dort eindringen hätte wollen.“, erzählte Severus seinem Schützling, während dieser vorsichtig die Wunden auswusch und die Salbe auftrug, die Severus ihm gab. „Mir war beinahe sofort klar, dass das ein Ablenkungsmanöver sein musste, denn von selbst kann kein Troll das Schulgelände betreten. Alle Lehrer stürmten in die Kerker, um gegen den Troll zu kämpfen, während die Schüler in ihre Gemeinschaftsräume gingen. Ich bin jedoch in den dritten Stock, denn dort steht eben jener Hund.“ Severus deutete auf den Biss. „Wie gesagt, er bewacht etwas. Ich vermutete, dass derjenige, der den Troll herein gelassen hat, dorthin kommt, weil er das stehlen will, was der Hund bewacht. Leider habe ich nicht gut genug aufgepasst und einen der drei Köpfe aus den Augen verloren.“

„DREI Köpfe?“, japste Harry.

„Ja, der Hund ist ein Cerberus. Die haben drei Köpfe. Und sind riesig.“, antwortete Severus. „Er hat mich also gebissen. Da ich schon eine ganze Weile dort war und der Hund entsprechend Lärm gemacht hat, ging ich davon aus, dass der Übeltäter gewarnt war und nicht kommen würde. Also wollte ich zurück in die Kerker kommen und mich überzeugen, dass es dir gut geht. Auf dem Weg habe ich Stimmen aus einer Toilette gehört und bin hin. Ich habe Professor McGonagall und Professor Quirrell dort gesehen, wobei Quirrell erst direkt vor mir dort aufgetaucht ist. Jedenfalls waren dort auch die beiden verletzten Schüler. Mister Weasley war nicht so schwer verletzt, er konnte noch sagen, was passiert ist. Wie es scheint, war Miss Granger in der Toilette, als der Troll auftauchte. Sie war in jedem Fall nicht beim Festmahl, das hat mir Professor McGonagall bestätigt. Irgendetwas ist vorgefallen, dass sie sich zurückgezogen hat. Da wurde Mister Weasley nicht besonders deutlich. Dummerweise kam der Troll genau in diese Toilette und hat Miss Granger schwer verletzt. Mister Weasley, der laut seiner Aussage das Mädchen warnen wollte, konnte ihn mit viel Glück überwältigen, hat dabei aber einen ordentlichen Schlag abbekommen. Jetzt können wir nur hoffen, dass es beiden Schülern bald wieder gut geht. Sie sind beide in der ersten Klasse, da sollten sie sich ganz sicher nicht mit Trollen schlagen müssen.“

„Das ist ja fürchterlich!“, hauchte Harry. Er wickelte einen Verband über die Wunde. „Tut es noch sehr weh?“

Severus lächelte. „Halb so wild, du hast dich hervorragend darum gekümmert!“, lobte er. „Wie kommt es, dass du es sofort als Hundebiss identifizieren konntest?“

Nun wurde Harry rot. „Naja, die Schwester von Onkel Vernon züchtet Hunde. Sie hat sie mit Vorliebe auf mich gehetzt, wenn sie da war.“, nuschelte er.

Severus widerstand dem Drang, seine Hand an die Stirn zu schlagen. Natürlich, sie hatten auch alte, vernarbte Hundebisse bei dem Jungen behandelt. Also musste er noch jemanden in die Anzeige mit einbinden. Gut zu wissen! „Es ist vorbei.“, versprach er Harry nach einem Moment, in dem er sich selbst beruhigte, leise.

„Ich weiß.“, gestand Harry. Auf Severus' fragenden Blick ergänzte er: „Ich glaube dir, wenn du das sagst.“

Severus zog Harry in seine Arme. „Das freut mich, und ich werde meine Versprechen auch halten.“ Einige Momente genossen beide die Umarmung, dann löste sich Severus, um ins Bad zu gehen. „Ich brauche eine Dusche, ich stinke nach Hund!“, grummelte er. Mit einem kurzen Zauber machte er den Verband wasserabweisend, dann schnappte er sich seinen Schlafanzug.

Natürlich wurde auch diese Nacht unruhig. Damit hatte Severus bereits gerechnet. Harry knabberte noch an den Ereignissen in der Winkelgasse, da passierte schon wieder etwas. Ruhig setzte er sich ans Bett seines Schützlings, sprach leise mit ihm, bis er sich beruhigte und wieder einschlief. Erst, als er sicher war, dass Harry tief und fest schlief, ging auch er selbst zurück in sein Bett.

Am Morgen waren sie beide ziemlich unausgeschlafen, doch Severus zwang sich, aufzustehen. Immerhin war auch heute Unterricht. Nun, er war sicher nicht der Einzige, der nicht richtig wach war, zumeist waren die Schüler nach dem Festmahl am Abend auch nicht fit am nächsten Tag. Harry erließ er für heute die Aufgaben, der Kleine hatte sich eine Pause mehr als verdient. Seit er hier war, erledigte er jeden Tag zuverlässig die ihm gestellten Aufgaben. Inzwischen war Harry schon fast auf dem Wissensstand, den Kinder aus magischen Familien hatten, wenn sie nach Hogwarts kamen. Harry saugte das Wissen auf, das er ihm bot. Wenn er seine Aufgaben erledigt hatte, las er interessiert in verschiedenen Büchern, die in Severus' Regalen standen. Sein Interesse war dabei breit gefächert, sowohl allgemeine Literatur aus beiden Welten als auch verschiedene Fachbücher landeten in Harrys Händen. Er verschlang sie alle. Auch etwas, das er mit Lily gemeinsam hatte. Doch für heute durfte sich Harry ausschlafen und später selbst entscheiden, was er machen wollte. Das schrieb ihm Severus auf ein Stück Pergament. Auch er selbst war zu müde, um heute vernünftige Aufgaben zu formulieren. In allen seinen Klassen legte er heute einen Theorie-Tag ein, wissend, dass es wohl deutlich mehr explodierende Kessel gäbe, wenn er die Kinder brauen ließ. Darauf konnte er verzichten.

Harry war nur kurz wach, als Severus ging, da er zur Toilette musste, aber er legte sich zurück ins Bett, kaum, dass er im Bad fertig war. Eine Notiz auf seinem Schreibtisch zeigte ihm, dass er keine aktuelle Aufgabe für heute hatte. Schnell war er wieder eingeschlafen, diesmal glücklicherweise traumlos. Erst zum Mittagessen wurde er langsam wach. Da Severus heute nach dem Vormittagsunterricht zwei Freistunden hatte, kam er mit Sicherheit zum Mittagessen, daher entschied Harry, schnell zu duschen, bevor er sich mit Severus an den Tisch setzte. Schon lange wusste er, dass Severus darauf Wert legte. Inzwischen machte ihm das Besteck keine Angst mehr, er hatte sehr genau gelernt, worauf er achten musste. Severus hatte darauf geachtet, dass er sich auch in feiner Gesellschaft nicht blamierte. Doch hier musste er diese Fähigkeiten nur selten zeigen, immerhin aßen sie meist das, was es auch in der großen Halle gab. Und die war voller Schüler zwischen elf und 18 Jahren. Da wurde es selten extravagant.

„Wie fühlst du dich?“, erkundigte sich Severus, als er seinen Schützling aus dem Bad kommen sah.

„Besser.“, lächelte Harry. Er sah auch deutlich besser aus, offensichtlich hatte er gut geschlafen.

„Harry, ich muss mit dir reden.“, wurde Severus ernst. „Der Nachmittagsunterricht am Tag nach Halloween fällt immer aus, daher haben wir heute nach dem Essen Zeit. Aber vorher sollten wir essen, du hattest seit gestern nichts mehr.“

Neugierig musterte Harry seinen Mentor, aber er wusste, so lange er nicht gegessen hatte, würde er nichts erfahren. Also setzte er sich an den Tisch und griff zu.

Gemeinsam setzten sie sich nach dem Mittagessen auf das Sofa im Wohnzimmer. Severus ließ mit seinem Zauberstab das Feuer im Kamin etwas höher brennen, damit Harry nicht gleich kalt wurde. Da er noch immer ziemlich wenig zugenommen hatte, fror er besonders leicht. Dennoch wirkte Harry inzwischen nicht mehr halb verhungert und deutlich selbstbewusster, zumindest hier im geschützten Rahmen. An Draco würde er wohl nie herankommen, aber das musste er auch nicht. Doch heute musste Severus einige Dinge von ihm erfahren, und er vermutete, dass Harry nicht gerne darüber sprechen würde.

Harry sah seinen Mentor aufmerksam an. Er spürte, dass etwas kommen würde, was ihm nicht gefiel. Severus wirkte ein wenig unruhig, er überlegte scheinbar, um die richtigen Worte zu finden. Da Harry ahnte, was kam, überlegte er, wie er sich dabei fühlte. Einerseits hatte es ihn erleichtert, mit dem Tränkemeister zu sprechen, vor allem, weil dieser wusste, wie er sich fühlte. Immerhin hatte auch Severus eine schwere Kindheit hinter sich. Andererseits hatte er noch immer Angst vor den Konsequenzen, wenn er darüber sprach, was passiert war. Immer hatte Harrys Onkel betont, dass er es nicht verdient hatte, glücklich zu sein. Er war nur ein Freak. Nie hatte sich jemand so ernsthaft für ihn eingesetzt. Nur einmal hatte seine Lehrerin es versucht, doch Onkel Vernon und Tante Petunia hatten sich herausgeredet. Harry vermutete inzwischen, dass auch Geld eine Rolle gespielt hatte. Geld räumte ziemlich viele Probleme aus dem Weg. Sicher war er sich dessen nicht, aber es würde zu seinem Onkel passen.

„Harry?“ Severus riss seinen Schützling aus den Grübeleien. Er wartete, bis der Junge ihn ansah. „Ich habe mit Lucius, Dracos Vater, gesprochen. Er hat einen Termin im Ministerium gemacht. Ich habe dir gesagt, dass ich deine Verwandten anzeigen werde, damit du nicht mehr dorthin musst. Aber dafür brauche ich deine vollständige Aussage. Du musst nicht vor Gericht, wie es in der Muggelwelt wäre, aber dennoch ist dein Bericht entscheidend. Wenn du es mir erzählst, kann ich meine Erinnerungen dem Gericht zur Verfügung stellen. Sie werden bereits jetzt in deinem Sinne entscheiden, du hast mir in der Nacht vor kurzem schon genug Informationen geliefert, um deinen Aufenthaltsort zu ändern, egal was dein bisheriger Vormund sagt. Auch das will ich ändern, ich möchte verhindern, dass Professor Dumbledore weiterhin die Verfügungsgewalt über dich hat. Ich habe erst vor einigen Tagen erfahren, dass mein Verdacht in dieser Hinsicht richtig ist, Professor Dumbledore ist tatsächlich dein magischer Vormund. Allerdings hat er sich nie um dich gekümmert, wie er es hätte tun sollen. Wir haben den medizinischen Bericht, wie du in der ersten Nacht im Krankenflügel angekommen bist. Es deutet alles auf Misshandlungen hin, aber wir brauchen genauere Informationen.“ Severus verstummte und blickte Harry ernst an.

Schaudernd schlang Harry seine Arme um seinen Oberkörper. Noch immer hatte er nicht entschieden, wie er nun weitermachen wollte. Er vertraute Severus weit mehr, als er je einem Menschen hatte vertrauen wollen. Und doch war das hier schwer, sehr schwer. Harry verstand die Wichtigkeit, als Severus sie ihm erklärte, und doch konnte er nicht einfach so sprechen. Obwohl er bereits angefangen hatte. Was sollte er nun erzählen, was wollte Severus, und später das Gericht, von ihm wissen? Beinahe sehnte er sich nun nach den starken Armen, die sich in der Nacht, als er zum ersten Mal gesprochen hatte, um ihn legten. Mit weiten Augen blickte er zu Severus.

„Sie können dir nichts mehr tun.“, versprach Severus, als Harrys Zögern deutlicher wurde. Einen Moment überlegte er, wie er es Harry erleichtern könnte, dann fiel ihm etwas ein. Als Harry in der einen Nacht mit ihm gesprochen hatte, schmiegte er sich richtiggehend in seine Arme. Daher bot Severus Harry an, sich anzulehnen. „Komm her, Harry. Ich bin da, bleibe an deiner Seite, wenn du es zulässt.“

Nun zögerte Harry nicht lange. Er ließ sich in die Arme des Tränkemeisters ziehen und schmiegte sich an den kräftigen Oberkörper, der so viel Sicherheit versprach. „Was … was müssen sie wissen? Ich meine, die Leute vom Gericht?“

„Du hast mir schon das Meiste erzählt.“, beruhigte Severus. „Vielleicht noch ein paar Dinge, wie sie dich behandelten. Einzelne Beispiele.“

„Okay.“, hauchte Harry. Er sog tief den Geruch des Tränkemeisters in sich hinein, weil dieser so beruhigend war. Ein paar Momente überlegte er noch. Schließlich atmete er tief ein. „Ich war vielleicht fünf oder sechs, ich weiß es nicht mehr genau. Tante Petunia hatte mir aufgetragen, erst das Bad zu putzen und danach das Haus zu wischen. Ich hatte das Bad gerade fertig, da kam Dudley mit seinen Freunden. Sie hatten im Wald gespielt, behaupteten sie jedenfalls. Ihre Schuhe waren voller Schlamm, sie machten den ganzen Boden dreckig. Dudley lachte nur gehässig, es machte ihm Spaß, mir noch mehr Arbeit zu schaffen. Ich wollte einfach nur meine Arbeit beenden, weil ich Hunger hatte und erst etwas bekommen sollte, wenn ich ganz fertig war. Doch Dudley und seine Freunde langweilten sich, also entschieden sie, mit mir zu spielen. Sie stellten sich im Kreis um mich auf und schubsten mich hin und her. Immer fester, in der Hoffnung, dass ich auf den Boden fallen würde. Jedes Mal, wenn ich zu Boden ging, jubelten sie laut und verteilten Punkte, je nachdem, wie ich fiel. Wenn ich eine Wunde bekam, gab es mehr Punkte. Blaue Flecke sah man nicht so schnell, aber sie taten umso länger weh. Als es ihnen endlich zu langweilig wurde, putzte ich das ganze Bad erneut. So war ich noch lange nicht fertig, als Tante Petunia kam. Sie schrie, dass ich so unnütz wäre, es nicht einmal schaffte, ein wenig zu putzen. Aus lauter Wut schüttete sie das schmutzige Putzwasser über mir aus. Danach musste ich aufwischen. Onkel Vernon hat mich an diesem Abend ohne Essen in meinen Schrank geschoben. Am Morgen musste ich dann erneut putzen, zusätzlich zu meiner neuen Arbeit, die für diesen Tag gedacht war. Erst am nächsten Tag schaffte ich die komplette Arbeit, sodass ich etwas zu Essen bekam.“ Harry schauderte und war froh, dass Severus ihn festhielt.

„Was war das mit den Hunden?“, fiel es Severus siedend heiß ein. Davon hatte Harry doch gesprochen, als er seine eigene Verletzung behandelt hatte!

„Tante Marge, die Schwester von Onkel Vernon, züchtet Hunde.“ Harry schüttelte sich bei der Erinnerung. Seither war er nicht so begeistert von Hunden, obwohl er sie eigentlich gerne mochte. Immer mal wieder sah er einen schwarzen Hund im Traum, von dem er glaubte, ihn zu kennen. Vor dem hatte er keine Angst, auch nicht vor Fang, der war lieb. „Manchmal kommt sie zu Besuch, und sie kann mich nicht ausstehen. Dudley und Onkel Vernon fanden es lustig, als Ripper, ihr Lieblingshund, mich das erste Mal jagte. Da war ich vielleicht fünf. Ich bin auf den kleinen Apfelbaum im Garten geklettert und der Hund saß unten. Onkel Vernon und Dudley haben nur gelacht, als ich stundenlang dort oben saß und nicht nach unten konnte, weil dort Ripper wartete. Seit Tante Marge das weiß, hetzt sie Ripper mit Absicht auf mich, damit sie alle was zu lachen haben.“ Er vergrub sein Gesicht in Severus' Hemd und atmete einige Male tief durch.

Nach einigen Momenten ergriff Harry erneut das Wort. „Einige Wochen, bevor ich erfuhr, dass ich ein Zauberer bin, durfte ich sogar einmal mit auf einen Ausflug, da Mrs. Figg, eine Nachbarin, die sonst immer auf mich aufpasste, sich ein Bein gebrochen hatte. Zuerst haben sie überlegt, mich einfach zuhause zu lassen, aber da könnte ich ja etwas kaputt machen, also entschieden sie, mich mitzunehmen. Eine Weile überlegten sie dann, mich einfach im Auto einzusperren, während sie mit Dudley und dessen Freund im Zoo waren, aber auch da könnte ich ja etwas kaputt machen, immerhin war das Auto neu. Also haben sie mich mitgenommen. Nun, als Dudley und sein Freund ein riesiges Eis bekamen, haben sie mir das billigste, kleinste gekauft. Eigentlich sollte ich keines bekommen, doch die Eisverkäuferin hat sie so komisch angesehen, dass sie auffielen. Und das wollen sie auf keinen Fall. Naja, und dann waren wir im Schlangenhaus und ich weiß nicht, wie es zuging, plötzlich war die Schlange frei und Dudley und Piers saßen im Terrarium. Ich musste lachen, das geschah ihnen Recht und es sah einfach nur witzig aus. Onkel Vernon hat das Lachen gesehen. Zur Strafe hat er mich zuerst über sein Knie gelegt, dann eine Woche ohne Essen, nur mit Wasser und etwas altem Brot, in den Schrank gesperrt. Danach musste ich die ganze Arbeit im Haus nachholen, weil ich ja eine Woche auf der faulen Haut gelegen hatte.“ Erneut schüttelte er sich und war mehr als dankbar für die starken Arme, die ihm zeigten, er war nicht mehr alleine.

Severus hingegen hatte Schwierigkeiten, seine ausdruckslose Miene beizubehalten. Er wollte Harry unter keinen Umständen beeinflussen. Das Bild, das Harry ihm bot, war deutlich. Mit diesen Aussagen würde er viel erreichen. „Harry, hat jemals jemand nach dir gesehen? Ich meine, kam jemals ein Zauberer, um sich zu überzeugen, dass es dir gut geht?“

Harry schüttelte nur den Kopf. „Ich glaube nicht. Jedenfalls habe ich nie jemanden gesehen. Ab und zu trafen wir komische Menschen beim Einkaufen, die mich teilweise sogar ansprachen, das könnten vielleicht Zauberer gewesen sein, aber sie haben mich nur gegrüßt und mir die Hand geschüttelt, sonst nichts. Aber genauer weiß ich es nicht.“

„Danke, Harry, ich denke, das reicht erstmal.“, zog Severus den Jungen erneut fester in die Arme, da ihm das offenbar gut tat. „Aber ich denke, wir sollten weiter über all das reden, damit du darüber hinweg kommst. Es wird dich erleichtern, darüber zu reden. Nach und nach. Ich werde in wenigen Tagen im Ministerium die Anzeige erstatten, wenn du einverstanden bist.“ Er wollte nicht vollkommen über Harrys Kopf hinweg entscheiden.

Harry fiel es nicht leicht, aber schließlich nickte er und gab damit sein Einverständnis. Dennoch war er sehr froh, wenn er nicht selbst vor Gericht musste. Er wollte nicht die ganzen mitleidigen Blicke sehen. Oder die Neugierde. Oder aber die Enttäuschung, weil er als Retter nicht so stark war, wie er sein müsste, um die Zauberwelt zu retten.

Severus war stolz auf den jungen Harry, auch wenn er es kaum zeigte. Er bestellte heiße Schokolade bei den Hauselfen, damit Harry sich von innen aufwärmen konnte. Da der Kleine sich immer noch in seine Arme schmiegte, legte er nur eine Decke über Harrys Beine. Der Junge war erschöpft, kein Wunder, es kostete viel Kraft, über derartige Misshandlungen zu sprechen. Leise und beruhigend sprach er daher mit Harry, bis der Kleine in seinen Armen eingeschlafen war.

 

Einige Tage später betrat Severus in seiner besten Kleidung das Ministerium. Die Wunde an seinem Bein war inzwischen fast komplett verheilt, aber eine feine Narbe würde ihm bleiben. Mit Lucius hatte er sich vor dem Büro der Leiterin der magischen Strafverfolgung verabredet. Hier mussten sie sich verstellen, niemand durfte etwas ahnen. Aber das kannten sie, auch, wenn sie beide es hassten. Sie nickten einander zu, als sie vor dem Büro aufeinander trafen. Lucius klopfte und auf eine entsprechende Aufforderung traten sie ein.

Die Leiterin der magischen Strafverfolgung, Madam Bones, stand auf, als sie eintraten. „Lucius.“, begrüßte sie den Blonden zunächst. Immerhin arbeitete er durch seine Aufgaben im Gamot häufiger mit ihr zusammen. Dann wandte sie sich Severus zu. „Professor Snape, nehme ich an?“ Severus nickte. „Guten Tag. Sie hatten um einen Termin gebeten?“

Erneut nickte Severus. „Madam Bones, guten Tag. Ich bin Severus Snape, Professor für Zaubertränke in Hogwarts, außerdem Hauslehrer von Slytherin. In dieser Eigenschaft habe ich etwas erfahren, das es nötig machte, diesen Termin zu vereinbaren. Bevor ich aber mehr dazu sagen kann, möchte ich darum bitten, dass sie darüber Stillschweigen bewahren, vor allem der Presse gegenüber.“, bat er.

Die Leiterin der magischen Strafverfolgung hob erstaunt eine Augenbraue. „Ich nehme an, es geht um den jungen Harry Potter.“, stellte sie fest. Sie nahm Severus' Erstaunen mit Amüsement zur Kenntnis. „Der Tagesprophet hat mehr als genug über den Jungen geschrieben, und es war deutlich, dass sie, Professor, den Jungen zu sich genommen haben. Das schrieb auch meine Nichte, die ebenfalls im ersten Jahr in Hogwarts ist. So ist es nicht schwer zu erraten, warum sie hier sind, vor allem, wenn sie mich noch um Verschwiegenheit bitten. In der Hinsicht kann ich sie beruhigen, ich stehe unter einem Schwur, kann nichts nach außen tragen. Ich kann nur mit Personen, die unmittelbar mit dem Fall zu tun haben, darüber sprechen.“

Severus war erleichtert, er wollte nicht, dass der Junge noch mehr in der Presse auseinander genommen wurde. „Sie haben Recht, Madam Bones, es geht um Harry. Der Junge lebt derzeit tatsächlich bei mir. In der ersten Nacht kam sein Zimmerkamerad zu mir. Harry lag im Schrank, er hatte hohes Fieber und war nicht zu wecken. Ich habe ihn in den Krankenflügel getragen.“ Er erzählte nun, was bisher alles passiert war und übergab am Ende seine Erinnerungen an Madam Bones. Auch Lucius gab ihr eine Erinnerung, immerhin hatte er den Jungen bereits in Severus' Räumen gesehen.

„Das klingt nicht besonders gut.“, kommentierte die Frau, die deutlich älter als Severus und Lucius war. Dabei hatte sie noch nicht einmal die Erinnerungen gesehen. Die würde sie nun ansehen. Erst danach konnte sie entscheiden, welche Schritte unternommen würden. Die beiden Männer warteten äußerlich unbewegt, während die Leiterin der magischen Strafverfolgung im Denkarium war, denn sie wollten wissen, wie es nun weiterging. Da Severus ihr alle relevanten Erinnerungen gegeben hatte, dauerte es eine ganze Weile. Schließlich tauchte Madam Bones wieder auf. „Sie hatten Recht, zu mir zu kommen.“, nickte sie Severus zu. „Ich werde die Familie Dursley und diese Tante Marge befragen und sehen, was sie mir sagen, allerdings bin ich ihrer Meinung, der Junge hat die Wahrheit gesprochen. Es muss dringend etwas unternommen werden. Bis dahin werde ich der Vermutung nachgehen, ob Mister Potters Vormund seine Aufgaben vernachlässigt hat. Ich weiß, dass die Unterlagen zu Mister Potter unter Verschluss sind, aber mit diesen Aussagen habe ich die Möglichkeit, sie einzusehen. Allerdings, aber das ist meine persönliche Meinung, glaube ich auch, dass Professor Dumbledore hier nicht gelogen hat. Er wird einige Fragen beantworten müssen, und es wird sicher Konsequenzen nach sich ziehen. Diese richten sich danach, wie sehr er seinen Schützling vernachlässigt hat. Aber ganz sicher passiert hier nun etwas. Nur, Mister Potter braucht einen neuen Vormund.“

„Es ist üblich, dass die Hauslehrer die Vormundschaft für muggelgeborene Schüler ihres Hauses übernehmen.“, begann Severus. „Üblicher Weise nur für die magische Welt, aber ich wäre bereit, die Vormundschaft komplett zu übernehmen.“

„Ich habe gesehen, wie sie und der Junge miteinander umgehen, daher bin ich zumindest zunächst dafür, dass sie Mister Potter wenigstens vorläufig bei sich behalten. Über die Vormundschaft entscheidet dann zuerst das Büro für Familienangelegenheiten, das dem Ministerium unterstellt ist, und erst danach der Gamot, denn in diesem Fall sollte es wirklich keine Lücken geben, es muss einwandfrei passieren, sonst wird der Junge nur hin und her gereicht. Zwar dauert es auf diese Weise deutlich länger als sonst, aber dann gibt es keine Hintertüren mehr für irgendwelche schlauen Anwälte. Harry Potter ist kein normales Kind, auch wenn ich ihm das wünschen würde.“, erklärte Madam Bones.

„Da ist noch etwas.“, meldete sich Severus erneut zu Wort. „Professor Dumbledore hat damals für mich gebürgt, damit ich nicht als Todesser nach Askaban komme.“

Die Leiterin der magischen Strafverfolgung nickte gespannt. „Er hat allerdings nie etwas Genaueres dazu gesagt.“

„Ich wollte nie, dass er meine Rolle aufdeckt.“, bestätigte Severus. „Allerdings würde ich das gerne ändern, denn ich fürchte, er wird alles tun, um Harry zurück in seine Hände zu bekommen, selbst wenn das bedeutet, dass ich nach Askaban muss. Ja, ich wurde Todesser, damals sogar freiwillig, aber ich war nicht lange überzeugt dabei. Schon nach wenigen Wochen fand ich heraus, dass der Lord hinter Harry her war, dass er hinter Lily her war.“ Er schluckte und atmete tief durch. „Lily war meine beste Freundin in der Kindheit. Ich habe sie geliebt. Deshalb habe ich damals die Seiten gewechselt, mich Dumbledore als Spion angeboten. Er fragte mich, als ich ihn bat, Lily zu beschützen, was ich dafür tun wollte. Damals versprach ich ihm, alles zu tun, und das habe ich bis heute getan.“

„Würden sie diese Aussage unter Veritaserum machen, Professor?“, wollte Madam Bones mit sehr weiten Augen wissen.

„Natürlich.“, nickte Severus entschlossen. Nur Minuten später bekam er das Serum und machte seine Aussage. Es reichte, wenn Madam Bones das hörte, sie hatte die Autorität, in solchen Fällen zu entscheiden, ob sie den Gamot hinzuziehen musste oder nicht. Eine flotte Schreibefeder protokollierte Severus' Aussage Wort für Wort, diese Aussage würde an den Leiter des Aurorenbüros und an den Minister gehen. Allerdings unter Geheimhaltung, denn die wahren Motive des jüngeren Tränkemeisters gingen niemanden etwas an. Das sagte sie ihm auch, nachdem das Serum seine Wirkung verloren hatte. „Vielen Dank, Madam Bones.“, neigte Severus seinen Kopf.

„Gut, dann werde ich mich um alles kümmern, sowohl um ihre Freiheit, Professor, als auch um den kleinen Harry.“, entschied die resolute Frau. „Sollten noch Fragen auftauchen, werde ich sie benachrichtigen, Professor. Sie ebenfalls, Lucius, auch wenn sie vermutlich nicht viel beitragen können von dem einen, kurzen Besuch.“

„Das nicht, aber Draco, mein Sohn, könnte sicher noch Einiges erzählen, er ist derzeit der einzige Schüler, zu dem Harry Kontakt hat.“, unterbrach der Blonde.

„Ich möchte es nach Möglichkeit vermeiden, Kinder zu befragen.“, schüttelte Madam Bones den Kopf. „Aber sollte es notwendig sein, werde ich mich melden.“ Sie reichte beiden Männern die Hand und verabschiedete sich. „Sie hören von mir, sobald ich mehr weiß. Aber rechnen sie damit, dass es einige Zeit dauern kann, vor allem in diesem Fall. Ich werde mich darum kümmern, dass alles richtig verläuft.“, versprach sie abschließend.

„Auf Wiedersehen.“, verabschiedete sich nun auch Severus, ebenso Lucius. Die beiden Männer schenkten einander einen kurzen, aber intensiven Blick, dann ging Lucius zurück in sein Büro und Severus verließ das Ministerium, um zurück nach Hogsmeade zu apparieren. Von dort aus lief er eilig in die Kerker, er wollte Harry und Draco, der bei Harry geblieben war, nicht so lange alleine lassen.

Als er in die Wohnung trat, hörte er, wie Draco Harry etwas über Zauber erklärte. „Schau, Harry, du musst den Zauberstab so bewegen.“ Einen Moment war es still. „Genau.“ Offensichtlich hatte Harry die Bewegungen nachgeahmt. Severus hob erstaunt die Augenbraue und ging lautlos zum Kinderzimmer, um einen Blick hinein zu werfen. Tatsächlich hatten beide Jungen einen Zauberstab in der Hand und machten die gleiche Bewegung. „Gut, Harry. Und jetzt sprich den Zauber.“

Harry zögerte noch ein wenig, dann aber befolgte er die Anweisung seines Freundes. „Wingardium Leviosa!“, sprach er und bewegte gleichzeitig seinen Zauberstab. Severus hatte ihn bisher nie damit gesehen, viel zu viel Angst hatte Harry gehabt, dass etwas passieren würde. Doch Draco hatte es offensichtlich geschafft, ihm diese Angst zu nehmen. „Es klappt, Draco!“, riss Harrys Stimme ihn nun aus seinen Gedanken. Harry klang vollkommen euphorisch. In der Tat hatte sich das Pergament vor Harry in die Luft erhoben.

„Gut gemacht!“, lobte Severus und machte sich bemerkbar. Er löste sich vom Türrahmen. „Du bist ein guter Zauberer, wie mir scheint. Und Draco ein guter Lehrer. Aber bitte, probiert nicht einfach alleine herum, das kann gefährlich werden. Draco, du weißt das eigentlich.“ Den letzten Teil sagte er mit deutlicher Strenge in der Stimme. Die beiden Jungen wussten nicht, in welcher Gefahr sie waren. Es konnte viel schief gehen, wenn sie experimentierten. Nur eine Kleinigkeit verändert, konnte den gesamten Zauber verändern.

„Tut mir leid, Onkel Sev.“, zog Draco schuldbewusst den Kopf ein. Natürlich wusste er das, aber da Harry heute zum ersten Mal auf seine Versuche, ihm die Magie näher zu bringen, reagiert hatte, waren ihm die Thestrale durchgegangen.

„Tut mir leid, Sir!“, wisperte Harry.

Sofort ging Severus neben Harry in die Knie. „Harry, sieh mich an.“, befahl er leise. Er wartete, bis Harry den Blick hob, in dem er Angst sah. „Ich bin nicht böse. Aber ich möchte, dass ihr beide wisst, wie gefährlich es sein kann. Du hast keine Schuld, Harry, du konntest das nicht wissen. Ich bin auch nicht böse auf Draco, also keine Angst. Du hast es wirklich gut gemacht, aber bitte, übt nur dann, wenn ich auch hier bin. Versprichst du mir das?“

Harry nickte. „Ja, Sir.“

Severus tat es weh, den Jungen so niedergeschlagen zu sehen, vor allem, nachdem er vorher so glücklich ausgesehen hatte. Auch die Ansprache zeigte deutlich, wie sehr er das Kind zurückgeworfen hatte. Vorsichtig legte er die Hand auf Harrys Schulter, froh darüber, dass er nicht zurück zuckte. „Severus. Ich bin Severus.“, erklärte er erneut. „Und ich habe gute Neuigkeiten. Du bist nun wenigstens vorübergehend unter meiner Vormundschaft. Über die endgültige Vormundschaft wird noch entschieden, aber du musst ganz sicher nie wieder zurück zu den Dursleys. So viel konnte mir Madam Bones bereits heute zusagen.“

Nun blickte Harry auf. „Nie wieder?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Nie wieder!“, versprach Severus. Fast automatisch strichen seine Finger durch Harrys wirre Haare.

Harry schmiegte sich an die Hand, die ihm schon so viel geholfen hatte. Erleichtert schloss er die Augen, auch wenn er kaum glauben konnte, was er hörte. Er hatte Angst gehabt, seit Severus heute gegangen war, aber scheinbar hatte er doch Recht gehabt. Severus hatte schließlich die ganze Zeit gesagt, dass es so kommen würde. „Danke!“, wisperte er unter Tränen.

Severus wischte ihm vorsichtig die Tränen von den Wangen. „Gern geschehen, mein Kleiner!“

„Das heißt, Harry kann jetzt immer mein Freund sein, sogar in den Ferien?“, freute sich Draco. „Onkel Sev, du musst unbedingt mit ihm zu uns kommen, das macht so viel mehr Spaß, als alleine in den Ferien zu sein!“

„Draco, beruhige dich.“, schalt Severus halb ernst, halb amüsiert. „Es ist gerade erst kurz nach Halloween, und du denkst schon wieder an die Ferien. Bis dahin habt ihr noch Einiges zu lernen. Aber wenn ihr möchtet, dann setzen wir eure Übungsstunden mit dem Zauberstab auf Donnerstags nach dem Abendessen fest. Da habe ich Zeit, euch zu beaufsichtigen.“

„Au ja, bitte sag, dass du einverstanden bist, Harry. Ich will dir noch ganz viele Zauber beibringen!“, jubelte Draco.

Jetzt musste auch Harry grinsen. Die Fröhlichkeit Dracos steckte ihn einfach an. „Okay, Draco. Ich würde gerne noch mehr Zauber von dir lernen. Natürlich nur, wenn Severus aufpasst.“

„Gut, dann komme ich immer Donnerstags nach dem Abendessen hierher.“, versprach Draco ernst. „Und an den anderen Tagen spielen wir Schach oder Koboldstein, oder wir lesen. Wobei, das ist zu zweit doof. Ach, wir finden schon etwas.“

Harry schüttelte den Kopf. Er sah zu Severus. „Inzwischen verstehe ich, was du meintest. Draco ist wirklich wie ein anderer Mensch.“

Verwirrt sah Draco zwischen den beiden Schwarzhaarigen hin und her. Severus erbarmte sich: „Ich habe Harry erklärt, dass dein Verhalten in der Winkelgasse eine Maske für die Öffentlichkeit war, und dass du dich im privaten Rahmen ganz anders verhältst.“

„Tun wir das nicht alle?“, gab Draco nur mit erhobener Augenbraue zurück.

Harry lachte. Das stimmte wohl, aber die Art, wie Draco das eben gesagt hatte, war einmalig. Einfach Draco pur.

Nach einem gemeinsamen Abendessen verschwand Draco in seinen Gemeinschaftsraum, während Severus sich ins Büro setzte, um die Aufgaben, die er am Nachmittag liegen gelassen hatte, zu korrigieren. Harry lag mit einem Buch auf dem Sofa und war vollkommen versunken. Überrascht sah Severus auf, als es, etwa dreißig Minuten nach Beginn der Sperrstunde, an seiner Tür klopfte. Sofort schoss ihm die Nacht des 1. September in den Kopf, als Draco geklopft hatte. Ob einer seiner Schüler Hilfe brauchte? Viele von ihnen zogen es vor, zu ihm zu kommen anstatt in den Krankenflügel zu gehen. Es war nicht nur näher, sondern als Hauslehrer war er auch so etwas wie ein Elternersatz für viele der Kinder. Vielleicht war es auch einer seiner Kollegen, die zwar selten den Weg in die Kerker fanden, außer sie wollten etwas von ihm, aber einige der Professoren kamen doch immer wieder hierher. Auch sie wussten von seinen Braukünsten. Er stand auf und ging an die Tür, in Gedanken bereits seine Vorräte an Tränken durchgehend.

„Ja?“, öffnete er die Tür. Irritiert hielt er inne, als wider Erwarten weder einer seiner Schüler noch ein Kollege vor der Tür standen. „Lupin?“, erkannte er seinen Besucher. Schon seit Jahren hatte er ihn nicht mehr gesehen, seit kurz nach dem Tod der Potters. Damals war natürlich auch Lupin im Orden gewesen, genau wie der Rest seiner vermaledeiten Freunde.

„Kann ich reinkommen?“, bat der Mann mit den dunkelblonden Haaren und den bernsteinfarbenen Augen.

Severus ließ seinen Blick über die schmale Gestalt gleiten. Noch immer schien Lupin nur das Nötigste zu haben, wie auch schon in der Schulzeit. Nur dass Potter ihm damals ständig unter die Arme gegriffen hatte. Die Kleidung wirkte viel zu groß, dabei abgetragen und immer wieder geflickt. Lupins Gestalt war ein wenig eingesunken, wie ein Hund, der Angst vor einem Tritt hatte. Dennoch blickten die Augen offen und ehrlich. „Was wollen Sie?“, fragte Severus schroff. Zwar hatte Lupin ihm nie etwas getan, aber auch seine Freunde nie davon abgehalten, ihre zweifelhaften Scherze mit ihm zu treiben. Und er hatte sich auch niemals entschuldigt. Nein, leicht würde er es dem Mann nicht machen.

„Das würde ich gerne drinnen mit dir besprechen, Severus.“, erdreistete sich der Besucher nun, sich selbst ins Büro einzuladen. Er schob sich einfach an Severus vorbei und schloss die Tür hinter sich. „Es geht um Harry.“, offenbarte er jetzt.

„Was willst du? Die ganzen Jahre hast du dich nie gekümmert, aber jetzt kommst du daher?“, zischte Severus wütend, aber mit sehr stark unterdrückter Stimme, immerhin war die Tür offen, damit er Harry hören konnte.

„Wie hätte ich mich kümmern können? Ich wusste nie, wo Harry ist, das Ministerium hätte mir nie erlaubt, den Welpen zu mir zu nehmen.“, protestierte Remus Lupin schwach.

„Welpen? Harry ist ein Kind, kein Hund oder gar Wolf!“, knurrte Severus. „Und warum kommen Sie ausgerechnet jetzt? Harry ist bereits seit dem 1. September hier in Hogwarts, jetzt ist es nach Halloween.“

„Ich … ich habe erst jetzt die Zeitung lesen können.“, gestand Remus. „Ich war in der Muggelwelt. Als ich zurückkam, las ich in der Zeitung, dass Harry ausgerechnet bei dir ist. Wie du dir vorstellen kannst, konnte ich das kaum glauben.“

„Was soll daran so schwer zu glauben sein?“, höhnte Severus. „Der Junge ist in Slytherin, also in meinem Haus. Und er brauchte meine Hilfe. Also ist er jetzt hier. Immerhin scheint es niemanden sonst zu bekümmern, wie es ihm geht.“

„Aber … aber es hieß doch immer, dass er in Sicherheit aufwächst, weg von der magischen Welt, damit die Todesser ihn nicht erwischen. Immerhin sind sie immer noch hinter ihm her!“, wandte Remus ein.

„Ach, seit wann glaubst du alles, was du hörst? Ich dachte eigentlich, jemand wie Sie hätte bessere Sinne!“, ätzte Severus, ohne zu bemerken, dass er ständig die Anrede wechselte. „Aber Sie glaubten schon immer alles, was man Ihnen sagte, Lupin. So jemanden braucht Harry ganz sicher nicht. Der Junge braucht jemanden, auf den er sich verlassen kann, der für ihn einsteht.“

„Und das willst ausgerechnet du sein?“, schüttelte Lupin ungläubig den Kopf. „Du hasst seinen Vater, immer noch. Und wenn ich die Bilder von Harry so ansehe, ist er beinahe James' Ebenbild.“

„Er mag aussehen wie sein Vater, aber der Junge hat viel mehr von Lily.“, widersprach Severus. „Und ja, ich werde für ihn da sein. Seit September verspreche ich ihm, da zu sein. Ich bin da, und jetzt auch offiziell. Ich habe heute Anzeige erstattet, sowohl gegen Harrys Verwandte als auch gegen seinen bisherigen Vormund. Ich bin sein vorläufiger Vormund, endgültig wird der Gamot darüber entscheiden, aber meine Aussichten stehen gut.“

„Was ist mit ihm passiert?“ Nun knurrte auch Remus, noch dunkler und bedrohlicher als Severus zuvor.

„Das werde ich niemandem verraten.“, schüttelte Severus den Kopf. „Es ist allein Harrys Entscheidung, wer etwas wissen darf. Der Junge hat ein Recht auf Privatsphäre, genau wie jeder andere von uns auch. Es wird noch genug in der Zeitung landen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie Kimmkorn immer an ihre Schlagzeilen gerät, aber diese Frau wird es lieben, über Harry und den Prozess gegen seine Verwandten zu schreiben. Ich fürchte, ich kann sie nicht aufhalten. Selbst, wenn sie keine Fakten bekommt, wird sie etwas schreiben, und wenn sie es erfindet. Aber die Leute glauben ihr, wie man an Ihnen sehen kann, Lupin.“

„Da diese Informationen die einzigen sind, die ich bisher bekommen konnte, bleibt mir kaum eine andere Wahl.“, verteidigte sich Lupin. „Und deshalb bin ich jetzt hier, weil ich die Wahrheit wissen will. Denn scheinbar ist doch etwas Wahres an der Berichterstattung dran, denn Harry lebt hier bei dir.“

„Ja, er lebt hier.“, nickte Severus und atmete tief durch, um seine Gefühle in sich zu begraben.

„Ich will ihn sehen.“, forderte Lupin.

„Weshalb?“, zischte Severus verärgert. Er hasste es, wenn jeder gleich von Tatsachen ausging, die gar nicht stimmten. Im Tagespropheten schwirrten schon seit Wochen Gerüchte herum, was er alles mit Harry gemacht hätte.

„Er ist doch alles, was mir noch geblieben ist!“, fuhr Remus Lupin auf. „Sie sind alle tot, nur der Kleine hat überlebt. Kannst du es mir verdenken, wenn ich ihn sehen will? Sein Vater war mein bester Freund, Harry ist … er ist wie mein Patenkind, auch wenn ich nie Pate werden durfte. All die Jahre hatte ich keine Ahnung, wo er ist! Du hast doch keine Ahnung! Ich versuche es, immer wieder. Ich will doch einfach nur ein normales Leben haben, eine Arbeit und eine Wohnung. Aber egal, was ich tue, es wird nie genug sein. Der Wel… der Junge ist alles, was ich von meinen Freunden habe, er ist das einzige kleine bisschen Glück in meinem Leben. Willst du mir das auch noch nehmen?“

„Hören Sie auf, so zu schreien.“, forderte Severus. Er weigerte sich, die vertrauliche Anrede zu verwenden, auch wenn sie gemeinsam zur Schule gegangen waren. Zu viel war in der Vergangenheit passiert, Severus konnte es nicht vergessen. „Harry ist in meiner Wohnung, er mag keinen Streit. Im Übrigen ist es mehr als erbärmlich, wenn Sie sich nur auf einen kleinen Jungen verlassen.“

„Wieso hasst du mich so? Ich habe dir nie etwas getan.“, murrte Remus.

„Nie etwas getan?“, schnappte Severus wütend. „Nein, wirklich nicht. Nichts hast du getan, überhaupt nichts!“

Remus wollte gerade etwas erwidern, als ein leises Geräusch ihn innehalten ließ. Er sah auf.

 

Harry hatte auf dem Sofa gelesen. Er wusste, Severus musste noch arbeiten, aber dennoch spürte er die beruhigende Anwesenheit des Tränkemeisters. Normalerweise kam Severus nach dem Korrigieren – oder was immer sonst er im Büro machte – zu ihm und schickte ihn ins Bett, wo er ihm dann noch etwas vorlas. Heute schien es später als sonst zu sein. Ein Blick zur Uhr zeigte Harry, dass es wirklich schon Zeit fürs Bett war, also ging er ins Bad, duschte sich und putzte seine Zähne. Im Schlafanzug ging er dann zurück in Richtung Wohnzimmer. Im Flur hörte er Stimmen aus dem Büro, die ziemlich aufgebracht klangen. Leise trat er näher, mit sich ringend. Einerseits machten ihm die lauten Stimmen Angst, andererseits wollte er nach seinem Mentor sehen. Er machte sich Sorgen um Severus. Letztlich siegte die Neugierde, als er seinen Namen hörte, und so lauschte er. Offenbar sprach Severus mit jemandem, den er von früher kannte, doch die Erinnerung schien nicht besonders gut zu sein.

Als er Severus' wütende Stimme hörte, zuckte Harry erschrocken zusammen und stieß gegen die angelehnte Tür. Sofort wurde es still im Büro. Nur Momente später öffnete sich die Tür. Severus sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Harry musterte ihn skeptisch. „Ist alles in Ordnung, Severus?“, wollte er nach einer Weile leise wissen.

„Es geht mir gut.“, beruhigte Severus und strich Harry über den Kopf. „Ich habe Besuch von einem … alten Bekannten. Er war ein Freund deiner Eltern und möchte dich sehen.“

„Ihr wart laut.“, wisperte Harry.

Lautlos seufzend kniete Severus neben Harry nieder. Natürlich, sie hatten Harry Angst gemacht. „Komm her.“, bot er dem Jungen an und öffnete die Arme ein wenig. Sofort schmiegte sich Harry an ihn, genoss die beruhigende Wärme und den angenehmen Geruch, sowie das Gefühl der starken Arme um sich. Schließlich hob Severus ihn hoch und deutete Lupin an, ihm zu folgen. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo sich Severus mit Harry auf das Sofa setzte und ihn in eine Decke wickelte. Noch immer fror Harry sehr schnell. Er spürte den Blick Lupins auf sich und wusste, der Werwolf beobachtete sie mit Argusaugen. Dennoch war gerade nur Harry für ihn wichtig, er ignorierte Lupin vollkommen.

„Warum habt ihr gestritten?“, fragte Harry seinen Mentor schließlich leise.

„Ich habe dir zum Teil erzählt, wie es mir in meiner Kindheit und Jugend erging.“, begann Severus. Er war nicht sicher, wie viel er erzählen sollte, aber der Junge hatte ein Recht, die Wahrheit zu erfahren. Es war nur die Frage, wie er ihm diese Wahrheit beibringen sollte. Harry sollte sich nicht die Schuld dafür geben, was passiert war. Und so, wie er dieses Kind einschätzte, würde das sehr leicht passieren, immerhin gab er sich sogar die Schuld am Tod seiner Eltern. Harrys Nicken riss ihn aus seinen Überlegungen. „Dein Vater und seine Freunde waren für mich ähnlich wie Dudley und seine Freunde für dich.“

Harry wurde blass. Sein Vater war wie Dudley? Und er hatte Severus gejagt und gequält?

„Ruhig, Harry.“, mahnte Severus. „Ich will dir damit keine Schuld geben, denn du kannst nichts dafür. Und ich will auch nicht, dass du dir die Schuld gibst. Aber das ist der Grund, warum wir eben lauter wurden.“ Er warf einen Blick auf Lupin. „Remus Lupin, der Mann, der uns heute besucht, war einer der Freunde deines Vaters. Er hat nie mitgemacht, aber auch nie etwas dagegen getan. Und heute kam er einfach zu mir, dringt in mein Büro ein und macht mir indirekt Vorwürfe. Ich habe mir das nicht gefallen lassen, deswegen wurde es so laut, dass du es mitbekommen hast.“

„Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, Harry.“, ergriff Lupin nun das Wort. „Ich bin Remus Lupin. Als Kleinkind hast du mich Moony genannt, so wie dein Vater oder dein Pate.“

„Guten Abend.“, grüßte Harry leise.

„Hallo Harry.“, lächelte Lupin.

„Ich denke, das reicht erst einmal.“, sah Severus den Dunkelblonden an. „Es ist spät, Harry ist um diese Zeit normalerweise schon im Bett. Er braucht genug Schlaf, denn er muss noch Einiges aufholen.“ Er wandte sich an Harry. „Wenn du einverstanden bist, kann uns Mister Lupin am Wochenende besuchen. Vielleicht am Samstag gegen 14 Uhr?“

„Ich könnte dir etwas über deinen Vater erzählen.“, warf Remus Lupin ein.

Harry überlegte eine Weile und sah fragend zwischen den beiden Männern hin und her. Er wusste nicht recht, was er nun sagen, wie er sich entscheiden sollte. Er wollte nicht, dass sich Severus unwohl fühlte. Wenn er selbst Zeit mit Dudley verbringen müsste, würde er das nicht gut finden. Aber Severus schien es auf sich zu nehmen, wenn Harry das wollte. Ja, er wollte mehr über seinen Vater erfahren – jetzt wusste er auch, warum Severus ihm nie etwas darüber erzählt hatte – und seinen Dad dadurch kennenlernen, aber Severus tat so viel für ihn, da sollte er sich nicht schlecht fühlen.

Severus ahnte die Überlegungen seines Schützlings. „Harry, wenn du Remus Lupin kennen lernen willst, dann sag es. Du musst keine Rücksicht auf mich nehmen, auch wenn ich sicher noch einige Worte mit ihm wechseln werde. Aber es ist deine Entscheidung, ob du ihn sehen willst.“

„Ich …“, begann Harry unsicher. Er stoppte und dachte nach. Er wusste, Severus meinte es so, wie er sagte. Also traf er seine Entscheidung. „Ja, ich möchte mehr über meinen Vater erfahren.“, gestand er schließlich.

„Dann komme ich am Samstag nach dem Mittagessen.“, versprach Lupin. „Und jetzt wünsche ich dir eine gute Nacht.“

„Gute Nacht.“, wünschte auch Harry.

„Geh schon mal ins Bett, Harry.“, bat Severus. „Ich bringe unseren Gast hinaus und dann komme ich zu dir.“ Er wartete, bis Harry im Kinderzimmer verschwunden war, dann gab er Lupin einen Wink, voran ins Büro zu gehen. Dort schloss Severus die Tür. „Ich warne Sie, Lupin.“, knurrte er leise. „Harry ist bereits verängstigt und verunsichert genug. Keine Geschichten, die ihn aufregen können. Und überdenken Sie endlich Ihre Einstellung, denn so perfekt, wie alle immer behaupten, sind Sie auch nicht!“ Als Lupin den Mund öffnete, winkte Severus ab. „Keine halb-wahren Entschuldigungen und Ausreden. Das bringt niemandem etwas. Es wird Zeit, dass auch Sie erwachsen werden, Lupin. Gute Nacht.“ Mit den letzten Worten öffnete er die Bürotür und schenkte dem unerwünschten Besucher einen auffordernden Blick. Lupin schloss den Mund ohne ein Wort und verließ das Büro.

Severus hingegen ging ins Kinderzimmer, wo er Harry wie jeden Abend eine Geschichte vorlas. Danach sprach er einen Überwachungszauber auf den Jungen, denn nach diesem Tag waren Alpträume sicher. Diese Nacht würde kurz werden, das stand fest.

Das Vibrieren seines Zauberstabes riss Severus nun zum dritten Mal in dieser Nacht aus dem Schlaf. Ja, er hatte damit gerechnet, doch das machte es nicht leichter. Severus war erschöpft, die letzten Monate hatten ihn eine Menge Energie gekostet. Auch, wenn er es nach außen hin nicht zugeben würde, er selbst wusste, dass er so nicht mehr lange weitermachen konnte. Tagsüber unterrichtete er, korrigierte Hausaufgaben und Strafarbeiten, bereitete Unterricht vor und führte Aufsicht. Die Nächte verbrachte er häufig damit, Harry nach seinen Alpträumen zu beruhigen, außerdem bereitete er die Aufgaben für seinen Schützling vor, wenn dieser im Bett war. Schon früher waren seine Nächte nicht besonders lang gewesen, doch seit Harry bei ihm lebte, waren sie selbst für ihn zu kurz. Er musste sich etwas einfallen lassen. Doch gerade drängte er den Gedanken zurück, jetzt war erst einmal Harry wichtig. Severus schüttelte den Kopf über sich selbst. Noch vor einem halben Jahr hätte er jeden in die nächste Woche gehext, der ihm sagte, dass er sich ausgerechnet um einen Potter sorgen würde. Aber jetzt war es für ihn selbstverständlich. Routiniert schuf er etwas mehr Licht im Kinderzimmer, dann setzte er sich auf das Bett und rüttelte an Harrys Schulter. „Wach auf, Harry, es ist nur ein Alptraum.“, sprach er leise und beruhigend auf den Jungen ein.

Es dauerte nicht lange, bis Harry die Augen öffnete, aber deutlich länger, bis er erkannte, wo und bei wem er war. „Nich' weg geh'n!“, wisperte er panisch.

„Ich bin da.“, murmelte Severus und strich über Harrys Kopf, was der zumeist sehr genoss. Wie in letzter Zeit oft dauerte es nicht lange, bis Harry sich Schutz suchend an ihn schmiegte. „Was hast du geträumt, Harry?“, wollte Severus wissen, während er seinen Arm um die schmalen Schultern legte.

Lange schmiegte sich Harry einfach nur an Severus, während sich seine hektische Atmung sehr langsam beruhigte. Er wusste, Severus würde nicht nachgeben, also musste er darüber reden, aber es fiel ihm schwer. Der Tränkemeister ließ ihm Zeit, aber er wartete geduldig. „Ich …“, begann er irgendwann doch. „Onkel Vernon … er hat dir wehgetan, und dann wollte er mich zurück holen. Aber … aber er mag mich doch gar nicht!“ Harry hielt inne und schauderte, woraufhin der Tränkemeister die Umarmung festigte. „Und dann waren da mein Vater und seine Freunde. Sie haben dich gejagt und dann … dann haben sie dir wehgetan.“

„Harry.“, sprach der Tränkemeister schließlich und wartete, bis der Junge ihn wirklich ansah. „Dein Onkel kommt ganz sicher nicht, um dich zurück zu holen.“, versprach er ruhig. „Er wird befragt und am Ende verurteilt werden. Ich weiß nicht, was das Urteil sein wird, aber du musst auf keinen Fall dorthin zurück. Denk daran, was ich dir erzählt habe. Ich bin zumindest vorübergehend dein Vormund.“

„Heißt das ...“, begann Harry ängstlich.

„Das heißt, dass es erst noch offiziell entschieden werden muss.“, unterbrach ihn Severus. „Gerade weil es um dich geht, Harry, muss alles nachweisbar sein. Jeder Magier kennt deinen Namen, sie wollen alles genau wissen. Der Gamot wird darüber entscheiden, aber Lucius ist zuversichtlich, dass ich dein endgültiger Vormund sein werde. Niemand wird zulassen, dass du dorthin zurück musst.“

„Und wenn … und wenn der Gamot nicht zustimmt? Was passiert dann?“, wollte Harry wissen.

„Dann suchen sie nach einem anderen, geeigneten Vormund.“, antwortete Severus betont entspannt. „Aber wie gesagt, ich denke, du wirst bei mir bleiben können. Und sobald das entschieden ist, werde ich dafür sorgen, dass du erst im nächsten Schuljahr mit dem Unterricht beginnst. Dann hast du Zeit, dich an alles zu gewöhnen. Wenn du jetzt in den Unterricht müsstest, wärst du doch nur der Mittelpunkt von allem.“ Er spürte Harrys Schaudern sehr deutlich und schmunzelte kurz. „So, und jetzt solltest du schlafen, morgen warten neue Aufgaben auf dich.“

„Bleibst du bei mir?“, wisperte Harry unsicher.

„Ich bleibe hier, bis du eingeschlafen bist.“, nickte Severus. Er weigerte sich, erneut mit dem Jungen in einem Bett zu schlafen, das war definitiv nicht angemessen. Auch, wenn er verstehen konnte, dass Harry sich nach Nähe sehnte. Zu lange hatte er keine menschliche Nähe und Wärme bekommen. Es ging ihm ähnlich wie Severus damals, trotzdem konnte sich Severus nicht so leicht dazu überwinden. Er hatte in dieser einen Nacht, als er verletzt war, Harry in seinem Bett schlafen lassen, aber es hatte sich nicht vollkommen richtig angefühlt.

Severus deckte Harry zu und strich über die wirren Haare. Schnell vertiefte und beruhigte sich Harrys Atmung immer weiter, bis er fest schlief. Severus blieb noch einige Minuten sitzen, dann legte auch er sich wieder in sein Bett. Doch schlafen konnte er nicht, seine Gedanken kreisten immer weiter um Harry und die Möglichkeiten, die er hatte. Nach dem Abend auch um die Rumtreiber und ihre ‚Scherze‘ mit ihm. Lange Jahre hatte er all das tief in sich vergraben gehabt, doch Lupins Auftauchen hatte alles wieder aufgewühlt. Rastlos drehte sich Severus in seinem Bett, doch die Gedanken rissen nicht ab. Selbst Okklumentik half ihm heute nicht. Nach zwei Stunden rastlosem Herumdrehen gab er auf. Er schwang die Beine aus dem Bett und zog sich seinen Bademantel an, schlüpfte in warme Socken und seine Hausschuhe. So setzte er sich an den Schreibtisch und korrigierte das, was er nach Lupins Auftauchen liegen gelassen hatte. Ein Ohr hatte er immer bei Harry, sollte der Junge erneut Alpträume haben. Während er die Aufsätze der Schüler las, überlegte Severus weiter, wie er Harry gerecht werden konnte, dabei aber seine eigene Zeit nicht noch weiter beschränkte. Er musste es schaffen, mehr zu schlafen, denn bereits jetzt merkte er erste Folgen seiner kurzen Nächte. Seit Mitte September hatte er keine Nacht mehr durchgeschlafen, meist bekam er weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht, teilweise aber auch deutlich darunter.

„Verdammt!“, fluchte er leise. Er hatte keine Ahnung, wie er das lösen sollte. Lucius fehlte ihm, bei ihm konnte er sonst seine Gedanken am besten sortieren. Lucius! Das war die Lösung! Der Blonde hatte ihm angeboten, Harry zu unterrichten. Er musste sehen, ob er es schaffte, dass Harry Lucius vertraute. Das würde sicher nicht von heute auf morgen machbar sein, doch es wäre hoffentlich absehbar. Damit wäre eine Aufgabe weg, die er meist mitten in der Nacht erledigte: Harrys Aufgaben erstellen und korrigieren. Severus weigerte sich, diese Aufgabe nebenbei zu erledigen. Er machte etwas ganz oder gar nicht. Schon immer. Also schrieb er, sobald er alle Schülerpergamente korrigiert hatte, einen Brief an Lucius. Natürlich in Altgriechisch, sodass er nicht so schnell gelesen werden konnte. Zwar war es nicht leicht, eine Posteule abzufangen, aber es war möglich. Daher gingen sie auf Nummer sicher. Harry ließ er heute schlafen, der Kleine wirkte ziemlich erschöpft. Erst gegen zwei Uhr morgens hatte er endlich ruhig geschlafen, da brachte es Severus nicht übers Herz, ihn um halb sieben bereits wieder aufzuwecken. So legte er ihm nur ein Stück Pergament auf den Schreibtisch: Schlaf Dich aus, und wenn Du richtig wach bist, genieße Dein Frühstück. Ich komme zum Mittagessen. Severus

 

Als er zum Mittagessen zurück in seine Räume kam, hörte Severus die Dusche rauschen. Offenbar hatte Harry die Zeit genutzt und sich endlich mal richtig ausgeschlafen. Das hatte er sich lange nicht getraut, und selbst wenn er sich nun traute, so war er es doch von klein auf gewohnt, früh aufzustehen, sodass er gar nicht viel länger schlafen konnte. Aber heute war er so erschöpft, dass er tatsächlich ausgeschlafen hatte. Ruhig orderte Severus daher das Mittagessen bei den Hauselfen. Noch bevor Harry aus dem Bad kam, rauschte der Kamin im Büro. Eilig trat Severus hinüber. „Bist du verrückt? Was machst du hier?“, begrüßte er den Besucher.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“, erwiderte Lucius mit erhobener Augenbraue. „Ich habe deinen Brief bekommen. Natürlich helfe ich dir, aber du hast eine Tatsache vergessen. Harry hat mich bisher nur einmal gesehen, er wird mir nicht vertrauen. Ihn hier zu unterrichten wird nicht klappen, ich darf nicht ständig abwesend sein. Auch, wenn Narzissa normalerweise nicht da ist, so bekommt sie doch mit, wenn ich regelmäßig nicht an meinem Schreibtisch bin.“

Severus überlegte eine Weile. Dummerweise hatte Lucius Recht, Narzissa konnte ihnen gefährlich werden, wenn sie Verdacht schöpfte. Zwar wirkte Narzissa immer so unschuldig und harmlos, doch sie war nicht umsonst damals in Slytherin gewesen. Außerdem war sie eine treue Todesserin, sie hasste alles, was mit Muggeln zu tun hatte. Deshalb ließ Lucius sie ungern aus den Augen, er wollte verhindern, dass sie ihm Draco wegnahm. Laut den Extrapunkten im Ehevertrag wäre es ihr möglich, wenn sie Lucius eine Affäre anhängen könnte. Noch immer fluchte Lucius, weil er damals, bei der Hochzeit, nicht genauer nachgesehen hatte. Nun gut, er hatte den Ehevertrag geprüft, aber einige Angaben waren derart verschleiert gewesen, dass die Aufspürzauber nicht angeschlagen hatten. Jetzt hing er fest. Also ja, er hatte Recht. „Setz dich.“, bot Severus daher an, und bestellte noch ein Gedeck und genug Essen mehr bei den Hauselfen.

Gerade in dem Moment ging die Badezimmertür auf. Harrys Haare waren noch nass, aber ordentlich gekämmt. Nur leider würde es nicht lange dauern, bis sie genauso wirr aussehen würden wie sonst. Mit einem Zauber trocknete Severus die Haare. „Harry, wir haben einen Gast zum Mittagessen. Du erinnerst dich an Dracos Vater, Lucius Malfoy?“

Harry nickte, nachdem er kurz geschluckt hatte. „Guten Tag, Mister Malfoy.“, grüßte er leise.

„Guten Tag, Harry. Es ist mir eine Freude, dich wieder zu sehen.“, erwiderte Lucius. Sie reichten einander die Hand.

„Setzt euch doch bitte.“, deutete Severus auf den Tisch. Sie setzten sich und begannen mit dem Essen. Erst nach einer ganzen Weile wandte sich Severus an den Jüngsten: „Harry, ich möchte, dass du Mister Malfoy ein wenig besser kennen lernst. Er hat angeboten, deinen Unterricht zu übernehmen. Ich kann dir immer nur Aufgaben geben, aber das ist nicht der richtige Weg. Mister Malfoy würde dich persönlich unterrichten, jedenfalls einige Stunden am Tag, sodass du nicht alles alleine aus Büchern lernen musst. Allerdings gibt es einen Haken, dazu müsstest du ins Manor der Malfoys gehen. Sprich, nach dem Frühstück über das Flohnetzwerk ins Manor, und zum Mittagessen wieder hierher zurück. Das müssen wir nicht jetzt entscheiden, erst einmal sollst du Dracos Vater kennenlernen. Ich weiß, es braucht Vertrauen, um dorthin zu reisen. Vor allem für dich, du hast nie gelernt, Erwachsenen zu vertrauen.“

„Ich vertraue dir.“, gestand Harry mit Blick auf Severus. Er schenkte seinem Mentor ein zaghaftes Lächeln. „Ich bin froh, dass du auf mich aufpasst.“

Severus erwiderte das Lächeln kurz. „Komm her.“ Er öffnete die Arme, als er erkannte, wie sehr sich Harry nach Nähe sehnte. Erleichtert stand Harry auf und schmiegte sich an den Tränkemeister. Inzwischen war Severus bereit, dem Kleinen die Nähe zu geben, die dieser brauchte. Er schüttelte andeutungsweise den Kopf, als Lucius zum Sprechen ansetzte. „Was denkst du, Harry, laden wir Mister Malfoy nun öfter zum Mittagessen ein?“

Zögernd musterte Harry den Blonden. Er mochte Draco, dieser war sein bester, sein einziger Freund, aber der Vater von ihm war eine andere Sache. Er wirkte so kühl, distanziert und gefühllos, dass Harry ihn nicht einschätzen konnte. Das machte ihm Angst, aber auf der anderen Seite sah er, dass Severus dem Mann vertraute, und auch, wie müde Severus wirkte. Er wusste selbst, dass er Severus ziemlich in Atem hielt mit seinen Alpträumen. Kein Wunder, wenn er nun nach einer anderen Lösung suchte. Aber konnte Harry das? Er war nicht sicher. Zum Essen jedenfalls konnte Mister Malfoy natürlich kommen. Also nickte Harry.

Erleichtert wechselte Severus einen Blick mit Lucius. Es schien, als könnte es klappen. Das würde Severus wirklich deutlich entlasten. Er wollte für Harry da sein, aber auf Dauer konnte er es nicht so, wie es Harry verdiente. Harry sollte noch ein wenig Kind sein dürfen, bevor der Ernst des Lebens für ihn begann. Erneut schüttelte er – zumindest in Gedanken – seinen Kopf. Wie war es nur dazu gekommen, dass dieses Kind ihm so wichtig geworden war? Lag es an Lilys Augen, die ihn anfangs so verzweifelt angeblickt hatten? Oder das leise Lachen, das er nun immer öfter hören konnte? Auch das erinnerte ihn an Lily. Severus hatte es bisher nicht gemerkt, aber nun wusste er, dieser Junge, den er gerade im Arm hielt, war ihm so wichtig, als wäre er sein eigenes Kind. Diese Erkenntnis überrollte Severus geradezu und er schluckte hart.

Lucius erwiderte den Blick seines Partners und spürte regelrecht, wie sehr den Jüngeren diese Situation mitnahm. Gerade konnte er nicht viel dazu sagen, aber seine Augen sprachen Bände. Severus würde es verstehen. Lucius konnte nur hoffen, dass er bald eine Lösung für sein Dilemma fand, aber er suchte bereits seit Jahren erfolglos, warum sollte es ausgerechnet jetzt klappen? Ihm war bewusst, dass der Zauber nicht leicht gebrochen werden konnte, aber es gab sicher eine Möglichkeit. Doch selbst dann konnte er nicht offen zu Severus stehen, da der Tränkemeister nun bereits als Verräter unter den Todessern galt. Der Lord wäre sicher nicht erfreut, wenn er hörte, dass sich Severus um Harry Potter kümmerte. Vielleicht könnte er beim ersten Treffen davon kommen, aber spätestens zum zweiten Treffen müsste er den Kleinen mitbringen. Und das könnte Severus nicht. Niemals. Also fiel er als Spion weg, da musste Lucius sehen, dass er diese Lücke füllen konnte. Natürlich wusste niemand von ihnen, wann der Lord zurück kommen würde, aber dass er zurück kam, daran zweifelten sie nicht.

Nach dem Essen blieben sie noch eine Weile sitzen und unterhielten sich, bis Severus zurück in den Unterricht musste. Nun verabschiedete sich auch Lucius und trat an den Kamin. „Wiedersehen, Mister Malfoy.“, murmelte Harry.

„Auf Wiedersehen, Harry!“, lächelte Lucius.

Sobald Lucius lächelte, entspannte sich Harry ein Stück weit. Severus, der hinter ihm stand und eine Hand auf der Schulter des Kindes hatte, spürte das und nickte seinem Partner zu. Sobald Lucius verschwunden war, wandte sich Harry zu Severus um. Fragend hob er seine Augenbraue, sodass Severus' Mundwinkel amüsiert zuckte. Der Kleine schien seine Gewohnheiten anzunehmen. Dennoch beantwortete er die stumme Frage. „Lucius wird so gut wie nie zeigen, was er fühlt. Ich weiß, das macht es schwer für dich, ihn einzuschätzen. Wobei ich glaube, dass du es schnell lernen wirst, die Kleinigkeiten richtig zu deuten. Du bist ein guter Beobachter. Lucius ist seinem Sohn sehr ähnlich, das wirst du sicher bald feststellen.“

„Du magst Mister Malfoy.“, stellte Harry fest.

Severus nickte. „Wir sind seit vielen Jahren eng befreundet, ich bin auch der Pate von Draco.“, antwortete Severus etwas ausweichend. Die volle Wahrheit konnte er dem Kind nicht anvertrauen.

„Aber Mister Lupin magst du nicht.“, ergriff nun Harry erneut das Wort. Er blickte ziemlich fragend und auch ein wenig verwirrt.

Severus nickte langsam. Mit dieser Frage hatte er schon lange gerechnet, eigentlich schon gestern am Abend, auch wenn er es kurz angeschnitten hatte. Dementsprechend hatte er auch bereits überlegt, was er dem Jungen sagen konnte. Aber gerade musste er in den Unterricht. „Harry, ich werde dir diese Frage beantworten, wenn ich aus dem Unterricht zurück komme, denn ich bin bereits spät dran. Ich habe dir einige Fragen und das passende Buch auf den Schreibtisch gelegt. Nach dem Abendessen reden wir über Mister Lupin, in Ordnung?“

„Tut mir leid, dass ich dich aufhalte, Severus.“, entschuldigte sich Harry kleinlaut.

„Schon gut, Harry, es ist in Ordnung.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du hast das Recht, Fragen zu stellen. Entschuldige dich nicht dafür. Aber wie gesagt, ich muss jetzt los. Mach dir keine Gedanken, wir reden heute Abend.“ Nach einem Nicken von Harry trat er durch sein Büro ins Tränkeklassenzimmer.

Harry hingegen setzte sich über seine Aufgaben. Während er versuchte, das Kapitel im Buch zu lesen, drehten sich seine Gedanken um das Mittagessen. Oder besser um das, was die beiden Männer dort besprochen hatten. War Lucius Malfoy seinem Sohn wirklich so ähnlich? Severus schien dessen sicher zu sein, also hatte Harry bereits entschieden, ihm eine Chance zu geben. Mister Malfoy schien zumindest nicht böse zu sein. Draco hatte Einiges erzählt, wie er seinen Vater früher erlebt hatte. Auch sein Freund hatte Unterricht bei seinem Vater gehabt und ihm davon erzählt. Das alles klang eigentlich gut. Wenn Harry ehrlich war, dann gefiel ihm die Aussicht, persönlich unterrichtet zu werden. Das Lernen aus Büchern war ganz in Ordnung, aber es war langweilig. Ständig saß er hier am Schreibtisch, nach draußen traute er sich alleine nicht. Er freute sich über die Ausflüge mit Severus zu Hagrid oder zu Hedwig, aber er hatte Angst, sich alleine den Schülermassen zu stellen. Bei Mister Malfoy musste er da wohl keine Angst haben, nur auf Mrs. Malfoy, Dracos Mutter, wollte er nicht treffen. Draco hatte nicht viel Angenehmes zu seiner Mutter zu erzählen. Scheinbar war der Frau nur wichtig, wie sie nach außen hin wirkte. Und Reichtum. Wie oft hatte Draco erzählt, dass Gold das Wichtigste für seine Mutter war. Sie genoss es, teure Kleidung und teuren Schmuck einzukaufen und damit dann herum zu laufen. Mrs. Malfoy schien eine kühle und unfreundliche Person zu sein. Nein, die wollte er nicht näher kennen lernen. Aber Mister Malfoy? Nun, er würde abwarten, wie es sich entwickelte, aber er war nicht gänzlich abgeneigt. Mit dieser Entscheidung wandte er sich wieder seinen Aufgaben zu.

Am Abend, nach dem Essen, setzte sich Severus mit Harry auf das Sofa. „Also, du wolltest wissen, was zwischen mir und Mister Lupin ist.“, begann er. „Das ist nicht einfach. Mister Lupin war einer der Freunde deines Vaters. Sie waren zu Viert, nannten sich die Rumtreiber. Sie waren ähnlich wie Dudley und seine Freunde, und ich war ihr bevorzugtes Opfer. Ich denke, das habe ich gestern bereits gesagt. Mister Lupin war meist passiv, hat nur zugesehen, aber das empfand ich als ebenso schlimm wie die aktiven ‚Scherze‘.“

Das verstand Harry. „Hat er sich jemals entschuldigt?“

„Nein, niemals.“, schüttelte Severus den Kopf. „Er tut, als wäre nie etwas gewesen, aber ich kann das nicht vergessen. Darüber haben wir gestern Abend gestritten. Ich weiß nicht, ob ich eine Entschuldigung nach all den Jahren noch annehmen kann. Es ist einfach schon so lange nichts passiert.“

„Und mein Vater?“, hauchte Harry.

„Nun, er hat mich gehasst.“ Severus war ehrlich, schonungslos ehrlich. „Du weißt, wie Draco zu Mister Weasley steht. Slytherin und Gryffindor war noch nie einfach. Das war nur ein Teil, dazu kam einerseits meine Freundschaft zu Lily, dein Vater war bereits von Anfang an in sie verliebt und eifersüchtig auf mich, obwohl es dazu nie einen Grund gab. Außerdem war da noch die Tatsache, dass ich offensichtlich arm war. Gebrauchte Kleidung, gebrauchte Bücher und keinerlei Luxus. Das schrie geradezu ‚Opfer‘. Die ersten Jahre wurde es immer schlimmer, aber irgendwann hat sich dein Vater dann nur noch auf Lily konzentriert. Da wurde es für mich etwas besser, aber meine Entscheidung, zu den Todessern zu gehen, war damals bereits getroffen. Ja, ich war ein Anhänger des dunklen Lords, bis ich kurze Zeit später als Spion zurück auf die Seite Dumbledores ging. So, wie ich es später gehört habe, hat sich dein Vater sehr verändert, er hat Lily und dich sehr geliebt, also mach dir bitte keine Gedanken. Dein Vater hat euch so sehr geliebt, dass er für euch starb, er wollte euch, Lily und dir, Zeit erkaufen, damit ihr fliehen könnt. Ich werde ihn sicher nie mögen, aber das muss ich auch nicht. Ich hätte mir natürlich eine Entschuldigung gewünscht, aber die werde ich wohl nicht mehr bekommen. Von Mister Lupin allerdings erwarte ich das schon.“

Das verstand Harry natürlich. Jetzt wusste er auch, warum Severus bisher eigentlich immer nur von seiner Mutter gesprochen hatte. Impulsiv schlang er seine Arme um Severus, wollte ihn trösten. Er konnte sich gut vorstellen, wie es dem Tränkemeister ergangen war, auch er hatte unter seinem Cousin und dessen Freunden zu leiden gehabt.

Selbst Severus genoss diese Umarmung, die Wärme, die er von Harry bekam. Daher blieben sie eine ganze Weile so sitzen, bis Severus sich das Buch aufrief, aus dem er Harry zuletzt vorgelesen hatte. Heute las er hier im Wohnzimmer vor, weil er die Atmosphäre nicht zerstören wollte. Erst, als Harry beinahe schlief, schickte er ihn ins Bad und danach ins Bett. Natürlich war auch diese Nacht sehr unruhig.

In den nächsten beiden Tagen leistete Lucius Malfoy ihnen beim Essen Gesellschaft. Harry entspannte sich zunehmend, je öfter der Blonde bei ihnen war. Am Freitag, nachdem ihr Gast gegangen war, setzte sich Harry zu Severus an den Schreibtisch. Dort korrigierte der Tränkemeister nicht nur die Aufgaben seiner Schüler, sondern auch die von Harry. Nun hob er den Blick und seine Augenbraue wanderte nach oben. „Ich habe mich entschieden.“, verkündete Harry fest. „Ich möchte den Unterricht bei Mister Malfoy probieren.“

Das überraschte Severus. Nie hätte er geglaubt, dass Harry bereits so weit war. Natürlich freute ihn die Entscheidung, vor allem, weil er inzwischen gut genug in Harry lesen konnte und da auch sah, dass Harry das nicht nur so sagte. Sein Partner hatte sich in den letzten Tagen wirklich Mühe gegeben, offen zu sein. Scheinbar hatte es geholfen, Harry zu überzeugen. „Gut. Dann werde ich Mister Malfoy informieren und mit ihm besprechen, wie wir es machen.“, nickte er daher.

„Und morgen kommt Mister Lupin?“, erkundigte sich Harry nun.

„So ist es.“, bestätigte Severus. „Er möchte dich kennen lernen. Immerhin kannte er dich als Kleinkind. Ich möchte, dass du nicht daran denkst, wie er sich mir gegenüber verhalten hat, sondern dass du dir dein eigenes Bild machst. Du bist alt genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen und den Mann kennen zu lernen, der deinen Eltern ein guter Freund war, egal, wie er zu mir war. Ich werde in der Zeit meine Korrekturen abschließen.“ Das war notwendig, er hing ein wenig hinter seinem Arbeitsplan her und brauchte einige Stunden Ruhe, um endlich aufzuholen. Harry musterte ihn zwar etwas skeptisch, nickte aber schließlich. Anschließend holte er sich ein Buch, blieb aber in Severus' Nähe.

Nervös wartete Harry am Samstag nach dem Mittagessen auf den Freund seiner Eltern. Severus war im Büro, er würde nicht eingreifen, wenn es nicht sein musste. Zwar war er nicht ganz sicher, ob Harry das alleine schaffen würde, aber er wollte ihn probieren lassen. Kinder mussten lernen, Herausforderungen zu meistern, und das war ganz eindeutig eine Herausforderung für den Kleinen. Trotzdem beobachtete Severus seinen Schützling sehr genau beim Mittagessen. Harry zeigte zwar Anzeichen von Nervosität, aber keine direkte Angst, also entschied Severus, sich ins Büro zurückziehen zu können. Von dort verstand er nicht jedes Wort, aber er hörte zumindest die allgemeine Stimmung und konnte eingreifen, wenn es zu viel wurde.

Als es an der Bürotür klopfte, fiel Severus erst auf, dass Lupin nicht einmal den Eingang zu seinen Privaträumen kannte. Nun, das mussten sie wohl ändern, sollte Harry Vertrauen zu dem Werwolf fassen. Für heute allerdings öffnete Severus wortlos die Tür und deutete dem Gast an, durch die offene Tür nach nebenan zu gehen.

„Hallo Mister Lupin.“, grüßte Harry leise.

„Hallo Harry!“, lächelte Remus Lupin. „Ich hoffe, es geht dir gut?“

„Ja, danke.“, antwortete Harry etwas steif. „Wie geht es Ihnen?“

„Ach Harry.“, seufzte Remus. „Nenn' mich doch Remus, oder Moony, wie damals, als du klein warst.“ Er wartete einen Moment, doch Harry starrte ihn nur an. „Also, was möchtest du machen? Soll ich dir etwas erzählen?“

Jetzt leuchteten Harrys Augen. „Ja, bitte!“, bat er.

„Na dann. Hm, lass mal überlegen, was könnte ich dir jetzt erzählen?“ Lupin überlegte eine Weile. „Ja, warum nicht? Möchtest du etwas von der Hochzeit deiner Eltern hören?“ Wild nickte Harry und machte es sich auf dem Sofa bequem. Remus setzte sich in den Sessel und griff nach dem Tee, der auf dem Tisch bereit stand. Seine Gedanken gingen einige Jahre zurück.

Es war noch nicht lange her, dass sie alle die Schule beendet hatten. Erst sechs Wochen waren seit dem Ende des letzten Schuljahres vergangen. Doch die Zeiten waren schwierig, daher hatte James gemeinsam mit Lily entschieden, bereits jetzt zu heiraten. So, wie es viele ihrer Generation machten. Schließlich wusste man nie, was auf einen zukam. Nun war es Mitte August, und sie standen auf einer kleinen Anhöhe. Die Sonne schien von einem perfekten, blauen Himmel, nur ein leiser Windhauch spielte mit dem Schleier von Lily. Gerade kam sie am Arm ihres Vaters den Hügel herauf. Es sah aus, als würde sie schweben. James wartete unter dem Blumenbogen, der vor den ganzen Bänken aufgestellt war. Ihre Gäste blickten immer wieder dorthin, wo Lily nun erschien. Ihre roten Haare leuchteten, als die Sonnenstrahlen auf sie trafen, und die grünen Augen blitzten vor Freude.

„So wunderschön!“, hauchte James. Sirius, der als Trauzeuge neben ihm stand, grinste nur. Remus hörte es nur dank seiner deutlich besseren Sinne.

Langsam, im Takt mit der Musik, die dank Emmeline Vance über den Hügel schallte, kam Lily ihrem Liebsten immer näher. Emmeline, eine Freundin aus dem Orden des Phönix, dem sie alle direkt nach dem Abschluss beigetreten waren, saß etwas abseits und spielte Harfe. Es klang überirdisch schön, Remus konnte seinen Blick nicht von der jungen Frau nehmen, obwohl doch eigentlich alle auf Lily achten müssten. Mit dem letzten Ton der Harfe überreichte Lilys Vater die Hand seiner Jüngsten an James Potter. „Achte immer gut auf sie und liebe sie jeden Tag ein wenig mehr.“, mahnte er seinen zukünftigen Schwiegersohn leise.

„Das werde ich!“, versprach James strahlend. Er nahm Lilys Hände in seine und hob eine kurz an seine Lippen. „Du bist mein Leben, Lily!“

Der ministeriale Beamte, der auf der anderen Seite des mit Blumen geschmückten Bogens stand, räusperte sich. Sofort wandten sich alle Augen zu ihm. „Es ist immer wieder wundervoll, wenn junge Menschen ihre Liebe zeigen und ihren Weg in Zukunft gemeinsam verbringen wollen.“, begann er. „James Potter und Lily Evans hatten keinen leichten Start, habe ich mir sagen lassen. Und doch kann jeder, der die Augen aufmacht, sehen, wie sehr sie sich lieben. Selten habe ich bei so jungen Menschen bereits das Gefühl gehabt, dass sie wissen, worauf sie sich einlassen. Bei Miss Evans und Mister Potter hingegen bin ich mir sicher, dass es nicht nur Verliebtheit und die sprichwörtliche rosarote Brille sind, sondern hier ist eine tiefe Verbundenheit spürbar. Beinahe, als hätten zwei Teile einer Seele einander gefunden. Nun, das werden wir heute sicher noch feststellen, denn diese Beiden haben sich für eine traditionelle, inzwischen selten gewordene Zeremonie zur Seelenbindung entschlossen, die untrennbar ist, wenn sie funktioniert. Das Ritual prüft die Seelen und verbindet sie nur dann, wenn sie wirklich füreinander geschaffen sind. Doch vorher will ich alle Anwesenden fragen, ob es jemanden unter euch gibt, der etwas gegen diese Verbindung vorbringen kann?“

Natürlich meldete sich niemand, auch wenn Lilys Schwester Petunia mit verkniffenem Mund neben ihrer Mutter saß, ihren Verlobten auf ihrer anderen Seite. James hatte Sirius gedroht, sollte er den Mund aufmachen, um einen seiner blöden Witze zu reißen, würde er nie wieder ein Wort mit ihm reden, also hielt sich auch der Trauzeuge still. Remus grinste in sich hinein, als er sich erinnerte, welche Ideen Sirius entwickelt hatte. Natürlich wäre er nie ernsthaft auf die Idee gekommen, die Zeremonie in diesem Moment zu stören, aber alleine die Vorstellung hatte immer wieder für Lachkrämpfe bei den Freunden gesorgt. Aber für seinen besten Freund, der ihm wie ein Bruder war, riss sich sogar Sirius heute zusammen.

„Sehr gut. Dann treten Sie doch bitte näher, Miss Evans, Mister Potter.“, sprach der Zeremonienmeister nach einigen Momenten der Stille weiter. Die Beiden folgten dem Wink des Beamten und traten näher zueinander, sodass sie nun direkt unter dem Bogen standen, der von Blumen geschmückt war. Lilien, Rosen und Chrysanthemen bildeten ein verschlungenes Muster. Das Besondere war, dass alle Knospen noch geschlossen waren, keine einzige offene Blüte war zu sehen. Sie hoben ihre linken Hände an und hielten sie dem Zeremonienmeister hin, der einen wunderschönen Dolch aus seinem Gürtel zog, der speziell für solche Rituale gemacht war. Einige Runen auf der Klinge verstärkten die Zauberkraft des Rituals noch.

Während der Zeremonienmeister in einer alten, beinahe vergessenen Sprache leise sang, hob er langsam den Dolch zum Himmel, als würde er um den Segen dafür bitten. Dann, mit einer einzigen, blitzschnellen Bewegung, fuhr der Dolch hernieder und über die emporgehobenen Hände des Brautpaares. Im gleichen Augenblick wurde der Gesang zu einem Crescendo. Der Dolch hinterließ auf beiden Handballen einen feinen, blutenden Schnitt. Auf ein Nicken des Zeremonienmeisters hin drückten Lily und James ihre Handflächen aneinander. Der Gesang in der alten Sprache wurde ruhiger und der Zeremonienmeister wand ein Tuch um die verschlungenen Hände, das auf einer Seite rot wie Blut war und die Liebe symbolisierte, auf der anderen Seite von einem hellen Blau mit Gold durchwirkt, was für Ewigkeit stand. Als das Tuch die Hände vollständig aneinander gebunden hatte, wurde der Gesang wieder intensiver, sodass jeder Gast die Kraft der fremden, dennoch angenehm klingenden Worte spüren konnte. Ein Leuchten umgab die beiden Liebenden mit einem Mal, das umso intensiver wurde, je lauter der Zeremonienmeister sang. Irgendwann war es so hell, dass man das Brautpaar nicht mehr sehen konnte. Nun wurde der Gesang langsam leiser und verebbte im gleichen Maße wie das Leuchten um James und Lily. Als es vollkommen verschwunden war wirkte es, als wäre ein Schatten auf die Sonne gefallen, obwohl keine Wolke zu sehen war. Remus staunte über die Kraft dieser Verbindung, die er aufgrund seines inneren Wesens deutlich spüren konnte. Ihm war bewusst, dass er einer besonderen Verbindung beiwohnte. Das war auch an den Blumen zu sehen, denn während der Zeremonie hatten sich alle Knospen geöffnet, und nun zeigten sich die Blüten von ihrer schönsten Seite.

James und Lily lösten ihre Hände nur langsam, beinahe widerstrebend voneinander. Um ihre Handgelenke wand sich ein Bindungstattoo, das aus verschiedenen Runen bestand, die ineinander verschlungen waren. Strahlend blickten sie sich in die Augen, kamen einander immer näher. Als sich ihre Lippen zum berühmten Hochzeitskuss trafen, applaudierten alle Gäste. Alle, außer Petunia und ihrem Verlobten, die immer noch ziemlich verkrampft wirkten.

Sirius und Alice, Lilys Trauzeugin, gratulierten als Erste, gefolgt von den Eltern der beiden Brautleute. Remus wartete, bis der Andrang nachließ, dann umarmte auch er seine Freunde. „Herzlichen Glückwunsch!“, wisperte er. „Ich wünsche euch, dass ihr immer so glücklich seid wie jetzt.“ Auch, wenn er wusste, dass das wohl nicht möglich war, immerhin war James im Ministerium, um Auror zu werden, außerdem hatten sie sich dem Widerstand gegen den Unnennbaren angeschlossen, also waren sie wohl immer in Gefahr.

„Danke, Moony!“, grinste James, der so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben aussah. „Komm, lass uns feiern und für heute alles da draußen vergessen!“ Und das taten sie dann auch. Sie feierten ausgelassen durch die halbe Nacht, tanzten auf dem Rasen und genossen das leckere Essen vom Buffet. Remus flirtete mit Emmeline, tanzte fast den gesamten Abend mit ihr.

Remus riss sich aus seinen Erinnerungen, was folgte war sicher nichts für die Ohren eines Elfjährigen. Der sah ihn strahlend an, offensichtlich hatte er es genossen, die Erinnerungen zu hören. Remus betrachtete den Welpen. Er wirkte dünn und zerbrechlich, fand er. „Und was machst du so den ganzen Tag?“, versuchte er sich an einer hoffentlich unverfänglichen Frage.

„Ich … ich bekomme immer Aufgaben von Severus.“, erklärte Harry erschrocken. Damit hatte er nicht gerechnet, aber immerhin hatte Mister Lupin ihm von der Hochzeit seiner Eltern erzählt, da durfte er doch auch Fragen stellen. Und so schlimm war diese Frage sicher nicht. „Manchmal geht es um Verhaltensregeln, manchmal um Politik oder um die Bedeutung bestimmter Symbole. Dazu bekomme ich immer Bücher, aus denen ich das herauslesen kann. Wenn Severus Zeit hat, erzählt er mir Geschichten von Mama oder liest mir Märchen vor.“ Er wusste es nicht, aber Remus sah sehr deutlich, wie Harrys Augen strahlten. „Nachmittags besucht mich Draco ziemlich oft und bringt mir Zauberschach oder andere Spiele bei. Wenn Severus dabei ist, üben wir auch gemeinsam Zaubern. Draco hat mir den Schwebezauber und den Lichtzauber beigebracht. Eigentlich kann ich es auch dunkel machen, aber ich mag es nicht, wenn es dunkel ist. Deshalb benutze ich den Zauber nicht.“

„Severus liest dir vor?“, staunte Remus. Das konnte er sich von dem Slytherin nun überhaupt nicht vorstellen.

Harry nickte energisch. „Seine Stimme ist dann immer so ruhig und angenehm, meistens schlafe ich viel zu schnell ein.“ Er klang bedauernd.

„Und wie kommt es, dass du ausgerechnet in Slytherin bist?“, wagte Remus zu fragen.

Nun zuckte Harry die Schultern. „Keine Ahnung, der Hut meinte, dort sei ich am besten aufgehoben.“

„Das ist wirklich … erstaunlich.“, brachte Remus heraus. „Deine Eltern waren beide in Gryffindor. Meistens sind die Kinder auch in dem Haus, in dem ihre Eltern waren. Nun gut, nicht immer. Dein Pate war auch in Gryffindor, obwohl seine ganze Familie in Slytherin war.“

„Mein Pate?“ Harrys Augen wurden riesig. Er hatte einen Paten? Aber warum wusste er nichts davon?

Remus zuckte zusammen, da hatte er wohl schneller geredet als gedacht. Verdammt, davon wollte er eigentlich nicht sprechen! Dennoch sah der Junge ihn nun mit einem Blick an, der Remus klar machte, so einfach kam er da nicht mehr heraus. „Ja, dein Pate.“, antwortete er mit belegter Stimme. „Aber du musst wissen, dass dein Pate im Gefängnis ist. Ganz genau kann ich es dir nicht sagen, weil ich selbst nicht alles weiß, aber wie es scheint, hat er deine Eltern verraten, sodass sie ermordet werden konnten.“ Remus schluckte hart, diese Erinnerung schmerzte ihn bis heute. Sirius war der beste Freund von James gewesen, trotzdem hatte er ihn verraten. Warum? Darauf hatte Remus auch nach all den Jahren keine Antwort. Und auch er selbst fühlte sich verraten, hatte er dem Schwarzhaarigen doch vollkommen vertraut.

„Sie … du bist traurig.“, stellte Harry mit Blick auf Remus fest.

„Natürlich.“, kam es gepresst von Remus, der schwer gegen ein Schluchzen ankämpfte, das sich Bahn brechen wollte. „Deine Eltern waren meine besten Freunde, genau wie dein Pate. Dass er sie verraten hat, tut weh. Bis heute.“

Ein leichtes Nicken von Harry zeigte, dass er das nachvollziehen konnte. Natürlich verstand er es nicht vollkommen, aber dennoch hatte er genug erlebt, um verstehen zu können, dass Remus mehr als traurig war. So langsam wurde Harry klar, dass er selbst für Remus die einzige Erinnerung an dessen beste Freunde war.

Remus räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals los zu werden. Er zog etwas aus seiner Tasche. „Was denkst du, schauen wir ein paar Fotos deiner Eltern an?“, schlug er vor. Zwar war auch Sirius in dem Album, aber irgendwie gehörte er doch dazu, auch wenn er letztlich James und Lily verraten hatte. Er war ein Teil seiner Vergangenheit.

Harrys begeistertes Nicken ließ nicht lange auf sich warten, und so saßen sie nur Momente später nebeneinander auf dem Sofa und blätterten durch die bewegten Fotos, die zumeist James und / oder Lily zeigten, aber immer wieder auch die anderen Rumtreiber oder ihre Freunde. Wehmütig blieb Remus' Blick eine Weile auf einem Bild, das Emmeline Vance auf der Hochzeit zeigte, wie sie gerade von Remus über die Tanzfläche gewirbelt wurde. Ein anderes Foto zeigte sie mit ihrer Harfe, wie sie hochkonzentriert eine wunderschöne Melodie spielte, die Remus noch heute in seinem Kopf hören konnte. Leider war sie nur wenige Monate später von Todessern ermordet worden.

Harry strich vorsichtig und andächtig mit seinen Fingerspitzen über das Foto, das auf der Hochzeit von seinen Eltern entstanden war. Lily in ihrem weißen Brautkleid, der Schleier weit über ihren Rücken fallend, lachte fröhlich in die Kamera, James in seinem klassischen Anzug stand neben ihr, die Arme wie ein Sieger um seine Trophäe geschlungen. Einer der wenigen, vollkommen entspannten Momente im Leben von seinen Eltern. Er fragte nicht weiter nach seinem Paten, wollte Remus nicht wieder traurig machen.

Remus erzählte leise noch einige kleine Episoden aus seinen Erinnerungen mit James und Lily, sodass Harry seine Eltern ein wenig kennenlernen konnte. Bewusst hielt er alles, was mit Severus zusammen hing, aus seinen Erzählungen, denn auch, wenn er selbst es nicht verstand, dieses Kind hier bei ihm mochte den düsteren Tränkemeister offensichtlich. Das wurde deutlich, als dieser den Raum betrat. „Severus!“, sprang Harry auf und warf sich in die Arme des Slytherin. „Remus hat mir von der Hochzeit erzählt, und wir haben Bilder angesehen!“, berichtete er freudestrahlend.

Severus lächelte kurz und strich über Harrys Kopf. Für den Kleinen würde er sehen, dass er die Feindschaft vergessen konnte. Ändern könnte er die Vergangenheit nicht, aber er würde Harry nicht darunter leiden lassen. Lupin konnte dem Kleinen etwas geben, das er selbst nicht geben konnte. Immerhin kannte er nur die negativen Seiten an James Potter. „Dann hattest du einen schönen Nachmittag?“, fragte er nach.

Harry nickte. Noch immer strahlten seine Augen.

„Das ist gut.“, stellte der Tränkemeister fest. „Aber jetzt solltest du etwas essen, sonst schimpft Madam Pomfrey mit uns, wenn du weiter nicht zunimmst.“

Harrys Wangen färbten sich rosa. „Aber ich versuche es doch.“, schmollte er.

Severus' Mundwinkel zuckten. „Das sehe ich.“ Er hob seine Augenbraue und nickte in Richtung des Tisches, wo der Teller mit Obst und Plätzchen unberührt stand.

„Äh.“, machte Harry. „Es war einfach zu interessant, was Remus erzählt hat.“

Der Tränkemeister massierte seine Nasenwurzel. „Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit Draco.“, knurrte er. „Nie um eine Ausrede verlegen.“ Entgegen seines Tones strich er Harry liebevoll über den Kopf, staunend beobachtet von Remus Lupin. „Na komm, setz dich, das Abendessen wartet schon.“ Sein Blick fiel auf seinen ehemaligen Klassenkameraden. „Nun setz dich schon an den Tisch, wir lassen dich sicher nicht verhungern.“, kam die etwas knurrige Einladung. Für Harry, dachte er sich, konnte er wenigstens eine Weile die Vergangenheit ruhen lassen.

Als Harry sich im Bad fertig machte, sprach Severus ein ernstes Wort mit Lupin. „Sie können Harry besuchen, aber ich erwarte, dass Sie sich rechtzeitig anmelden. Rund um Vollmond will ich Sie nicht in Harrys Nähe haben. Und fragen Sie ihn nicht aus. Wenn er es von sich aus will, kann er Ihnen über seine Vergangenheit erzählen, aber sollten Sie ihn mit Fragen quälen, fliegen Sie raus und es gibt kein Zurück mehr. Verstanden, Wolf?“

„Klar und deutlich.“, antwortete Remus. „Hör mal, ich … ich möchte mich entschuldigen.“

Elegant hob sich Severus' Augenbraue, doch er wartete nur ab.

Remus wurde dieses Schweigen schnell unangenehm. „Naja, ich … ich hätte sie bremsen müssen. James, Sirius und Peter meine ich. Aber ich … ich wollte sie nicht verlieren, ich meine, sie waren meine einzigen Freunde.“

Noch immer wartete Severus ab, doch diesmal kam nichts mehr nach. „Auf diese Entschuldigung kann ich verzichten.“, zischte er schließlich wütend. War ja klar gewesen, Lupin meinte es nicht wirklich ehrlich, sonst hätte er andere Worte gefunden. „Sie denken, mit ein paar Worten wäre alles erledigt, aber das wird nie gut sein. Sieben Jahre hatte ich unter euch zu leiden, und zumindest drei Jahre lang hätten Sie, Lupin, mehr tun müssen. Sie haben es nie getan, und jetzt denken Sie, mit ein paar Worten wäre alles vorbei? Das können Sie doch nicht ernsthaft selbst glauben!“ Er winkte ab, als Remus etwas sagen wollte. „Sparen Sie sich Ihre Worte, Wolf, sie werden nicht ändern, was geschehen ist. Um Harrys Willen bin ich bereit, Ihre Gegenwart zu akzeptieren, aber glauben Sie nicht, dass wir deswegen Freunde werden. Und hören Sie auf mit dem Gejaule, das ist ja nicht auszuhalten. Das ist jämmerlich, dabei dachte ich immer, Sie wären ein Gryffindor. Pah!“ Verächtlich wandte sich Severus ab und kümmerte sich um das Geschirr vom Abendessen, ließ Lupin einfach stehen. Seinetwegen konnte Lupin Harry noch eine gute Nacht wünschen, aber dann sollte er verschwinden und nicht vor dem nächsten Samstag zurück kommen. Dann hatte Harry wenigstens Beschäftigung, während er selbst Aufsätze korrigierte und Draco seine Hausaufgaben erledigte.

Die Nacht verlief relativ ruhig, nach dem Frühstück kam Draco, wie fast jeden Sonntag. Diesmal spielte Severus eine Runde Schach mit seinem Patensohn, während Harry gespannt zusah und versuchte, die Strategien beider Spieler zu durchschauen. So gut war er noch lange nicht, immerhin hatte Draco ihm dieses Spiel erst vor kurzem beigebracht. Das brauchte jahrelange Übung. Draco erzählte, dass sein Vater ihm dieses Spiel mit 6 Jahren nahegebracht hatte. Seither wurde er stetig besser. Anfangs hatte gerade Severus nur wenige Züge gebraucht, um ihn schachmatt zu setzen, inzwischen dauerten die Spiele nicht selten länger als eine oder zwei Stunden. Während sie spielten, erzählte Draco von seiner Woche. Erneut hatte es Streit mit Ronald Weasley gegeben.

„Aber … du hast mir doch erzählt, dass auch die Weasleys eine alte Familie sind.“, wunderte sich Harry. „Müsste er dann nicht eigentlich die gleichen Ansichten haben wie du?“

Draco schüttelte den Kopf über die Naivität seines Freundes. „Nein. Nicht alle alten Familien leben auch nach den alten Prinzipien und den Werten. Die Weasleys stehen eher auf der Seite derer, die die Annäherung an die Muggelwelt propagieren. Es sind einige Familien, die da auf Dumbledores Seite stehen, allen voran die Weasleys. Wir Malfoys hingegen sind der Meinung, dass es besser wäre, die magische und nicht-magische Welt noch viel strikter zu trennen. Gerade solche Fälle wie bei dir sollten vermieden werden. Mein Vater kämpft dafür, dass magische Kinder in Muggelfamilien schon viel früher auf unsere Welt vorbereitet werden dürfen, aber bisher sind Leute wie Dumbledore und der Minister dagegen. Und das, obwohl sie die Annäherung propagieren. Haha.“

„Professor Dumbledore.“, betonte Severus, ging aber sonst nicht weiter darauf ein. Auch er war dieser Meinung, vor allem seit Harry in seiner Obhut war. Gerade diese Kinder, über die Draco eben sprach, brauchten Unterstützung, denn häufig waren Muggeleltern überfordert mit den Talenten ihrer Kinder. Vor allem, weil sie nicht wussten, was das alles bedeutete. Trotzdem sollte die Trennung viel strikter werden, denn die meisten Muggel waren nicht bereit, neben den Zauberern zu leben, ohne deren Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen. Oder gar die Zauberer anzugreifen. So sollten nur noch die engsten Familienmitglieder Bescheid wissen, also Eltern und Geschwister, keine Großeltern, Onkel, Tanten oder gar Freunde.

Draco verdrehte die Augen und setzte seinen Turm auf dem Schachbrett neu, nahm damit Severus' Dame. „Schach.“

Severus hob die Augenbraue und sein Mundwinkel zuckte. Er hob seinen Springer, und Draco knurrte leise, als er seinen Fehler erkannte. Er war genau in die Falle seines Patenonkels getappt. Harry grinste, als Severus verkündete: „Schachmatt!“ Der Tränkemeister sah seinen Schützling an. „Welchen Zug hätte Draco machen müssen?“

Harry blickte nachdenklich auf das Brett. Man konnte ihm genau ansehen, welche Züge er im Geiste durchging. Schließlich löste sich die Falte auf seiner Stirn. „Den Läufer hierhin.“, deutete er auf ein Feld.

„Sehr gut.“, grinste Draco. „Den Fehler mache ich nicht nochmal. Du hast mir die Dame direkt dorthin gesetzt, um mich von deinem Ziel abzulenken, Onkel Sev.“

„Du musst immer alle Figuren im Auge behalten.“, ermahnte ihn Severus. Dann wandte er sich Harry zu. „Gut gemacht.“

Die beiden Jungen standen nun auf und gingen ins Kinderzimmer. Dort spielten sie eine Weile mit einem Puzzle, das Severus vor einigen Tagen von einem Hauselfen aus seinem Haus hatte holen lassen. Erst zum Mittagessen rief Severus die beiden Kinder wieder zu sich. Danach erlaubte er Draco, Harry einen neuen Zauber beizubringen. Sein Schützling stellte sich nicht schlecht an, es dauerte nicht lange, bis er den Zauber beherrschte. Die Angst vor Magie war inzwischen beinahe komplett verschwunden, langsam wurde es fast normal für Harry, Zauber zu sehen und sogar zu wirken. Es schien, als würde Harry seine Erfahrungen von früher nach und nach verarbeiten. Sie waren ganz offensichtlich auf einem guten Weg.

Vor dem Abendessen verabschiedete sich Draco, und auch Severus musste heute in die große Halle, er hatte Aufsicht. Anschließend musste er seine Kontrollgänge in den Fluren unternehmen, wie schon häufiger in den letzten Wochen und Monaten. Keiner nahm darauf Rücksicht, dass er Harry in seiner Obhut hatte. Nun, Minerva tat es leid, zumindest sagte sie das, aber es änderte sich nichts, denn der Schulleiter bestand darauf, dass Severus seine eigenen Dienste machen musste, schließlich sollten alle die gleichen Aufgaben wahrnehmen. So kam Poppy an diesen Abenden in die Kerker, damit Harry nicht alleine war. Zum Glück war der Krankenflügel meistens leer in den Nächten. Magie war doch etwas Wunderbares.

Severus sah nach Harry, der bereits tief und fest schlief, als er zurück in seine Räume kam. „Er hat nach dem Essen noch eine Weile gelesen und ist dann ins Bett.“, berichtete die Medihexe.

„Ich danke dir für deine Hilfe.“, nickte Severus.

„Du hast viel geleistet mit dem Jungen.“, lobte Poppy. „Er ist viel offener als noch letzten Monat. Er hat mir von dem Besuch gestern erzählt. Wie kommst du mit Lupin klar?“ Natürlich wusste die Medihexe von der Feindschaft zwischen den Rumtreibern und Severus, schließlich hatte sie ihn oft genug versorgt.

Verächtlich schnaubte Severus. „Gar nicht.“, knurrte er. „So lange er sich nicht ernsthaft und glaubwürdig entschuldigt, werde ich keinen Kontakt mit ihm haben. Er darf Harry besuchen, denn der Kleine mag ihn, aber ich werde zu diesen Zeiten in meinem Büro arbeiten.“

„Remus Lupin ist ein sehr umgänglicher Mensch, der Harry gut tut.“, überlegte die Medihexe. „Allerdings war er sehr einsam, bis er nach Hogwarts kam, und hatte immer Angst, seine Freunde zu verlieren, wenn er sich nicht angepasst verhält. Und seit James, Lily und Peter getötet wurden, ist es nur noch schlimmer geworden. Dazu noch die Tatsache, dass ihr vermeintlich bester Freund die Potters verraten hat und nun in Askaban sitzt. Das lastet schwer auf Remus, er hat es bis heute nicht verarbeitet. Dann die angespannte Situation für ihn, wo er doch keine Arbeit findet oder lange halten kann. Remus hat es nicht leicht, aber das entschuldigt natürlich nicht sein Verhalten, das stimmt schon. Gib ihm eine Chance, für Harry. Der hat sich riesig über den Besuch gefreut, weil Remus ihm von seinen Eltern erzählt hat. Du hast ihm immer von Lily erzählt, aber er möchte natürlich auch etwas von seinem Vater erfahren.“

„Da sollte ich ihm besser nicht zu viel erzählen.“, grummelte Severus.

Poppy lachte. „Ja, vielleicht ist das besser!“ Sie wurde wieder ernst. „Willst du ihn in den Unterricht schicken?“

„Es wird immer besser, aber jetzt wäre er mit dem Stoff deutlich überfordert, dafür hat er zu viel verpasst bisher.“, schüttelte Severus den Kopf. „Dann bekommt er gleich wieder Angst, dass er es nicht schafft. Außerdem schafft er es bisher noch nicht, so viele Schüler gleichzeitig um sich herum zu ertragen.“

„Und was hast du jetzt vor?“, erkundigte sich Poppy.

„Ich habe mit Lucius Malfoy gesprochen, er wird ab Morgen zumindest vormittags den Unterricht übernehmen.“, erzählte Severus.

Poppy nickte anerkennend. „Das entlastet dich gewaltig.“, erkannte sie. „Lucius Malfoy ist ein Mann, der sehr gut Wissen weitergeben kann, und so ein überzeugter Todesser scheint er mir nicht zu sein, zumindest, wenn er sich nicht zu sehr verändert hat seit er hier war. Und wie steht es mit den Verhandlungen? Wurde Albus bereits befragt?“

„Soweit ich weiß gab es bereits eine erste, kurze Befragung, aber das Ergebnis kenne ich noch nicht.“, berichtete Severus und ignorierte Poppys Meinung über Lucius. Die Frau hatte Menschen schon immer mehr als gut einschätzen können. „Die endgültige Entscheidung wird wohl am Ende fallen. Ich habe gehört, dass er sich darüber ausgelassen hat, dass Harry nur bei den Dursleys in Sicherheit ist wegen dem Blutschutz von Lily. Wobei ihn da ein Verschwiegener, der im Gamot einen Sitz hat, gleich ins Wort fiel. Der Blutschutz, sofern er denn überhaupt existiert, hat nur dann Bestand, wenn Harry und seine Tante es als Zuhause empfinden. Sagen wir mal so, Harry hat dieses Haus sicher nie als Zuhause empfunden und wird es wohl auch nicht, also gibt es keinen Blutschutz. Allerdings haben sie Albus wohl geglaubt, dass dieser damals in der besten Absicht für Harry handelte, indem er ihn dorthin brachte, wo die Möglichkeit des Blutschutzes bestand. Ich bin gespannt, was Dumbledore erwartet, immerhin hat er sich nie gekümmert um sein Mündel, und das hätte er tun müssen. In der kommenden Woche sollen die Dursleys und die Schwester von Vernon Dursley befragt werden. Es sind sogar mehrere Tage eingeplant, das hat Lucius Malfoy mir erzählt. Immerhin ist er ein Mitglied des Gamot und somit in den Fall involviert. Über den Fall selbst kann er natürlich nicht reden. Ich erfahre das nur, weil ich als Harrys vorläufiger Vormund involviert bin.“

„Natürlich nicht.“, nickte Poppy. Alle Fälle wurden unter Geheimhaltungszaubern vor dem Gamot verhandelt. Vor allem, wenn Kinder betroffen waren. Und so sollte es auch sein. Obwohl es in diesem Fall natürlich etwas anders war, denn die Öffentlichkeit hatte großes Interesse an allem, was Harry Potter betraf. Dennoch war erstaunlich wenig in der Presse gelandet. Bisher. Sie alle gingen davon aus, dass das leider nicht so bleiben würde. Die Medihexe stand auf und gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Ich wünsche dir eine gute Nacht, Severus.“

„Gute Nacht, Poppy. Und nochmal danke für deine Hilfe.“, verabschiedete sich Severus.

„Gern geschehen. Für Harry immer gerne!“, lächelte die Medihexe. Sie wandte sich um und verließ die Wohnung. Bald danach war es still in den Kerkern, wo nur wenige Stunden später die beiden Schwarzhaarigen müde am Frühstückstisch saßen.

„Bereit für den Unterricht bei Mister Malfoy?“, wollte Severus wissen.

Harry nickte, auch wenn ihm die Nervosität ins Gesicht geschrieben stand. „Wie komme ich dahin?“

„Durch den Kamin.“, antwortete Severus. „Ich bringe dich heute hin, aber Mister Malfoy wird dir sicher beibringen, wie du es alleine schaffst. Sollte etwas sein, sprich mit Mister Malfoy.“

„Okay.“, murmelte Harry. Ganz überzeugt war er nicht. Trotzdem stand er keine halbe Stunde später im Manor, Mister Malfoy gegenüber. „Guten Morgen, Mister Malfoy.“, begrüßte er ihn.

Lucius Malfoy schenkte dem Jungen ein kurzes Lächeln. „Guten Morgen, Harry.“ Er tauschte einen Blick mit seinem Partner, der sich direkt verabschiedete, da er in wenigen Minuten die Schüler in seinem Klassenzimmer erwartete. Nun wandte sich Lucius ganz dem Kind vor sich zu. „Komm, ich führe dich erst einmal herum. Das Manor ist ziemlich groß und unübersichtlich, aber du musst dich hier nicht so gut auskennen, denn wir werden den Unterricht hier in meinem Büro abhalten. Nebenan ist eine gut sortierte Bibliothek, in der du alles findest, was du für den Unterricht brauchst. Das Badezimmer ist gegenüber, wenn du deine Hände waschen oder zur Toilette gehen willst. Meine Frau kommt selten in diesen Teil des Manors, aber ich will dennoch, dass du nicht aus meiner Nähe gehst. Sie weiß nicht, dass du hier bist, und soll es nach Möglichkeit auch nicht erfahren. So, aber genug davon. Kümmern wir uns um deinen Unterricht, junger Mann. Hast du bereits gefrühstückt?“ Während er sprach, öffnete Lucius die verschiedenen Türen und zeigte Harry, was er wissen musste.

„Ja Sir.“, antwortete Harry.

„Gut. Dann komm und setz dich.“ Lucius führte Harry zu einem kleineren Schreibtisch, der hinter dem großen, den offensichtlich er selbst benutzte, stand. Zwei Stühle standen daneben, er setzte sich auf den vorderen. „Das hier war bis vor kurzem der Arbeitsplatz von Draco und Blaise. Hier haben sie gelernt, was sie brauchen, bis sie nach Hogwarts gingen. Ich habe bereits einige Bücher herausgesucht, die dir helfen werden, aber zumeist werden wir gemeinsam lernen.“, erklärte er Harry.

Der Junge nickte und sah sich um. Alles wirkte hell und freundlich, übersichtlich und aufgeräumt. Er warf einen Blick auf die Bücher, die an der Seite lagen. Verschiedene Fachgebiete, erkannte er sofort. Nun wurde er neugierig, Harry lernte gerne und freute sich, wenn jemand ihm etwas beibrachte.

„Nun gut, beginnen wir mit Kräuterkunde.“, entschied Lucius nach einigen Momenten. „Was kannst du mir über Flussgras erzählen?“

Harry überlegte eine Weile. Er wusste, er hatte bereits etwas darüber gelesen, aber er kam erst einmal nicht darauf. Doch dann leuchteten seine Augen auf. „Flussgras gehört zu vielen Zaubertränken, aber es ist nur wirksam, wenn es bei Vollmond gesammelt wird.“

„Das ist richtig und genau das wissen die meisten magischen Kinder, bevor sie nach Hogwarts kommen.“, nickte Lucius. „Aber da gibt es noch mehr. Wenn es frisch gesammelt in Zaubertränken verwendet wird, ist es hochwirksam, aber auch, wenn es unter dem Licht des Vollmondes getrocknet und dann lichtgeschützt aufbewahrt wird. Dann ist es sogar viele Jahre haltbar, vorausgesetzt es ist wirklich trocken und lichtgeschützt gelagert. Unter der Sonne allerdings verliert es seine Wirkung innerhalb weniger Minuten, deshalb ist die richtige Lagerung so wichtig. Und auch, wenn es für einen Zaubertrank genutzt werden soll, muss es vor Sonnenlicht geschützt werden. Deshalb sollte man es erst direkt vor der Verwendung aus dem Gefäß nehmen, wo es geschützt ist. Die meisten Zauberer und Hexen lassen es in ihrem Garten wachsen, damit sie bei Vollmond nicht in die Wälder müssen zum Pflücken, denn niemand kann wissen, ob es dort sicher ist. Weißt du auch, warum?“

Diesmal musste Harry verneinen. „Warum, Sir?“, hakte er dann interessiert nach.

„Weil niemand weiß, in welchen Wäldern die Werwölfe in diesen Nächten laufen.“, erklärte der Blonde ruhig. Er sah Harrys erschrockenes Gesicht. „Das ist keine Legende, Werwölfe gibt es tatsächlich. Und die meisten von ihnen sind nicht gerade friedlich. Natürlich gibt es auch unter ihnen welche, die nicht töten wollen, aber in diesen Nächten können sie sich kaum kontrollieren. Aber zurück zum Flussgras. Weißt du, in welchen Zaubertränken es verwendet wird?“

„Nein, Sir.“, flüsterte Harry. Schon wieder wusste er etwas nicht, das war ihm peinlich.

Lucius erkannte das. „Harry, du bist hier um etwas zu lernen, es ist nicht schlimm, wenn du meine Fragen nicht beantworten kannst.“, beruhigte er den Jungen. „Also, es ist ein wichtiger Bestandteil von Vielsafttrank. Das ist ein Trank, der jemanden für eine Stunde in eine andere Person verwandelt. Den lernst du allerdings erst in einigen Jahren kennen. Außerdem ist das Flussgras in vielen Heiltränken enthalten, weil es verletzte Haut heilen und Narbenbildung verhindern kann.“

Harry nickte und machte sich einige Notizen, denn er war sicher, dass er sich nicht alles merken konnte. Zufrieden blickte Lucius auf seinen Schüler. Draco war nie so aufmerksam gewesen, aber er hatte auch nie gelernt, dass er bestraft wurde, wenn er sich nicht streng an alle Regeln hielt. Nun gut, wenn er zu sehr über die Stränge schlug, dann wurden auch ihm gegenüber Strafen verhängt, aber das waren dann Dinge wie einige Tage keinen Nachtisch, oder das Verbot, seinen Besen zu fliegen. Draco war nie in seinem Leben körperlich bestraft worden, etwas, das für Harry wohl leider vollkommen normal war, wie die Ermittlungen bisher ergeben hatten. Eine ganze Weile erzählte Lucius noch von verschiedenen anderen Pflanzen, die magische Kinder von klein auf kennen lernten, dann beendete er den Unterricht für heute, denn er musste noch einige Dinge im Ministerium erledigen und nach dem Mittagessen im Gamot sein, die Verhandlung gegen die Dursleys begann heute.

Zusammen mit Harry aß er noch eine Kleinigkeit, dann brachte er den Jungen zum Kamin. „So, Harry, du bist noch nicht alleine durch den Kamin gereist, ist das richtig?“

„Ja, Sir.“, nickte Harry. Man sah ihm die Angst davor an.

„Ich werde dir auch das beibringen. Es ist nicht so schwer, wie es aussehen mag.“, begann Lucius. „Du musst immer deutlich sprechen, wenn du dein Ziel angibst. In diesem Fall wäre das ‚Büro von Severus Snape, Hogwarts‘. Das ist wichtig, denn wenn du undeutlich sprichst, kannst du am anderen Ende der Welt landen, wenn du Pech hast. Zum zweiten ist es besser, wenn du konzentriert bleibst während der Reise. Halte die Spannung deiner Muskeln aufrecht, dann wirst du am Ende ordentlich aus dem Kamin steigen können und nicht wie ein nasser Sack heraus fallen. Ich werde dich anfangs begleiten, so wie Severus dich hierher gebracht hat, aber wenn du es kannst, darfst du alleine reisen. Anfangs werden wir es hier im Manor üben, da ist es nicht so schwer und ich kann die Kamine entsprechend sichern, damit du wirklich nicht nach draußen kannst. Aber ich denke, das lernst du schnell. Draco durfte mit sieben Jahren zum ersten Mal alleine zu seinem Paten flohen. Also, probieren wir es.“

Gemeinsam stiegen sie ins Feuer, aber Lucius gab Harry die Schale mit dem Flohpulver. Er führte die Hand des Kindes, ließ ihn aber im Großen und Ganzen alleine machen. Tatsächlich klappte es ziemlich gut, vor allem für den ersten Versuch. Am Ende allerdings musste er den Kleinen festhalten, sonst wäre er auf allen Vieren aus dem Kamin gefallen. „Körperspannung nicht vergessen.“, erinnerte er ihn, klopfte ihm aber gleichzeitig auf die Schulter. „Gut gemacht für den Anfang!“

„Danke, Sir.“ Harry war wirklich erleichtert, dass er das vorerst nicht alleine machen musste. Davor graute ihm schon jetzt. Hoffentlich würde Mister Malfoy ihn noch lange begleiten. Oder Severus. Wie hatte Draco das als Siebenjähriger geschafft? Das war grauenvoll! Zum Einen die ganze Asche, die man unterwegs unwillkürlich einatmete und dann husten musste, zum Anderen dieses Herumschleudern, dass einem ganz schwindelig wurde. Noch immer drehte sich alles um Harry und er hatte zu tun, sich nicht zu übergeben.

„Hier, Harry.“, spürte er etwas Kühles an seinen Lippen. Severus reichte ihm einen Trank. Dankbar und vertrauensvoll schluckte Harry und fühlte sich gleich besser. „Die Übelkeit vergeht meistens, wenn man sich an das Flohen gewöhnt.“, versprach der Tränkemeister. „Und wenn nicht, dann gibt es Tränke, die dagegen wirken.“

„Danke, Severus.“, seufzte Harry erleichtert auf. Anschließend blickte er zu dem Blonden. „Danke nochmal, Mister Malfoy. Ihr Unterricht war sehr interessant.“

Die Mundwinkel von Lucius zuckten. „Vielen Dank, junger Mann, es war mir eine Ehre, dir etwas beibringen zu dürfen. Ich freue mich auf morgen.“

„Bis morgen!“, verabschiedete sich nun auch Harry.

„Du sagst mir heute Abend Bescheid?“, erkundigte sich Severus kryptisch, doch Lucius verstand und nickte zustimmend. Anschließend verschwand er in den Flammen. Severus wandte sich an seinen Schützling. „Wie war es?“

„Interessant. Ich habe etwas über Flussgras gelernt, über Ingwerwurzel, und über Werwölfe. Und Mister Malfoy will mir Flohen beibringen.“, sprudelte es aus Harry heraus.

„Mir scheint, du hattest einen spannenden Unterrichtstag.“, kommentierte Severus. „Hast du bereits gegessen?“

„Ja, eine Kleinigkeit mit Mister Malfoy.“, nickte Harry. „Er hat gemeint, wir könnten noch gemeinsam essen, bevor er dann ins Ministerium muss. Was arbeitet Dracos Vater denn?“

„Er kümmert sich um verschiedene Dinge im Ministerium.“, antwortete Severus etwas ausweichend. „Unter anderem sitzt er im Gamot. Du erinnerst dich, was der Gamot ist?“

„Sowas wie die Zauberregierung.“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Harry. „Gemeinsam mit dem Minister regieren sie die Zauberwelt, schaffen neue Gesetze. Aber sie sind auch die Strafbehörde, ich meine, sie sitzen im Gericht, wenn jemand verurteilt werden soll.“

„Richtig.“, nickte Severus. „Genau das ist eine der Hauptaufgaben von Lucius. Der Sitz im Gamot ist zwar etwas, das sehr viel Prestige, also Ansehen und Anerkennung, bringt, aber es bedeutet auch viel Arbeit. Ansonsten hat Mister Malfoy noch einige Firmen, die er leitet. Auch das ist viel Arbeit.“

„Aber, dann hat er doch eigentlich gar keine Zeit, mich zu unterrichten!“, erkannte Harry entsetzt.

Severus schmunzelte kurz. „Oh, Harry, du ahnst nicht, wie gut er sich seine Zeit einteilen kann.“, entgegnete er. „Die Leitung seiner Firmen ist etwas, das nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt, jedenfalls wesentlich weniger, als es hier klingt. Es bedeutet hauptsächlich, dass er eine Menge Unterlagen unterschreiben und viele Entscheidungen treffen muss. Er hat gute Manager, die die Hauptarbeit machen. Und die meisten Gamotssitzungen sind am Nachmittag, daher kann er dich vormittags unterrichten. Keine Sorge, dein Unterricht überfordert ihn nicht, immerhin hat er bis zum Sommer Draco und Blaise unterrichtet, so wie er dich nun unterrichtet.“

„Oh.“, machte Harry. „Dann ist es ja gut.“

„Ja, es ist gut.“, stimmte Severus zu. „Lass uns Mittagessen.“ Das taten sie dann auch, immerhin reichte die Zwischenmahlzeit im Manor nicht für den Jungen, der noch immer leicht untergewichtig war. Wenn auch nicht mehr drastisch. Schließlich sah Severus seinen Schützling an. „Ich muss wieder in den Unterricht, Harry. Wenn du noch Aufgaben von Mister Malfoy hast, dann kümmere dich bitte darum, ansonsten kannst du dich wieder mit deinem Puzzle oder mit einem Buch beschäftigen. Ich komme heute zum Abendessen wieder, bis dahin habe ich Unterricht. Danach muss ich noch nach den Slytherins sehen, aber ich bin heute da, um dich ins Bett zu bringen.“

„Keine Hausaufgaben.“, schüttelte Harry den Kopf. „Aber mein Puzzle ist noch nicht fertig, und ich habe Mister Lupin einen Brief versprochen.“

„In Ordnung.“, erwiderte Severus. „Morgen habe ich den Nachmittag frei, dann können wir Hedwig und Hagrid besuchen, wenn du möchtest.“ Harrys Strahlen war Antwort genug. Mit einem kurzen Gruß verschwand Severus durch sein Büro im Klassenzimmer, wo er die nächsten drei Stunden Unterricht gab. Ganz bewusst hatte Severus diesen Vorschlag gemacht, denn er wusste, dass morgen am Nachmittag eine Klasse draußen Unterricht hatte. So konnte Harry sich langsam an die Schülermassen gewöhnen. Spätestens im nächsten Herbst musste der Kleine in den Unterricht gehen, denn weder er noch Lucius konnten dem Jungen all das beibringen, was er hier lernte.

Während Severus unterrichtete, beschäftigte sich Harry eine Weile mit seinem Puzzle, nachdem er seinen Brief geschrieben hatte. Anschließend lag er mit einem Buch auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Decke. Zwischendurch döste er eine Weile vor sich hin, vollkommen entspannt. Seit einiger Zeit war er sicher genug, auch einmal nichts zu tun und seiner Müdigkeit nachzugeben. Severus bestätigte ihn darin, und so hatte Harry nach und nach die Sicherheit gewonnen, die er dafür brauchte. So verging die Zeit bis zum Abendessen doch verhältnismäßig schnell und Severus weckte ihn, als das Essen serviert war. Obwohl Harry sich nicht so viel bewegte, war er fast jeden Abend müde. Heute legte er sich in die Badewanne, während Severus bei seinen Schülern nach dem Rechten sah. Gut durchgewärmt putzte er schließlich seine Zähne und ging ins Bett, wartete dort auf Severus. Schließlich wollte der ihm noch etwas vorlesen. Diese Zeiten genoss Harry sehr.

Als Harry nach seiner Geschichte schlief, setzte sich Severus mit einem Glas Elfenwein ins Wohnzimmer. Für heute hatte er keine Arbeiten mehr, die auf ihn warteten, so konnte er den Wein mit einem guten Buch genießen. Es war ruhig, nur ab und zu knisterte und knackte das brennende Holz im Kamin. Erst gegen elf Uhr kam Lucius zu ihm. Leise trat er ins Wohnzimmer, doch Severus hörte ihn. Sie begrüßten sich mit einem innigen Kuss, doch bald löste sich Lucius.

„Wie ist es bei der Verhandlung?“, erkundigte sich Severus. Er wusste, dass Lucius nur deshalb mit ihm darüber reden konnte, weil er als vorläufiger Vormund von Harry ernannt worden war. Dadurch war er ein Beteiligter. Ansonsten könnte Lucius ihm nichts erzählen.

„Fürchterlich.“, gestand Lucius. „Das, was Harry dir gestanden hat, ist alles wahr. Da ist noch Einiges mehr. Nun, Harrys Zustand im September sprach Bände. Seine Verwandten sind der Meinung, dass alles notwendig war, denn immerhin mussten sie schließlich dafür sorgen, dass diese widernatürlichen Fähigkeiten beendet werden. Ihre Worte. Sie merken nicht einmal, welchen Schwachsinn sie von sich geben. Für sie ist das die einzig richtige Lösung. Ich denke nicht, dass es noch lange gehen wird, bis sie verurteilt werden. Vermutlich fällt morgen bereits das Urteil, und das wird sie überraschen, denke ich. Die Tendenz geht dahin, sie zunächst in ein Muggelgefängnis zu stecken, denn leider dürfen wir sie nicht mit magischem Gefängnis bestrafen, doch ich habe bereits den Vorschlag gemacht, sie danach ganz unten anfangen zu lassen, wobei jeder wissen wird, dass sie ihren Neffen misshandelt haben. Außerdem bin ich dafür, ihnen ihr Kind weg zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sie keine Kinder mehr bekommen können.“

Severus nickte nachdenklich. „Ich vermute, das wird sie treffen.“, nickte er. „Als was willst du sie arbeiten lassen?“ Er ging davon aus, dass sich Lucius, wie immer, durchsetzen würde.

Ein bösartiges Lächeln huschte kurz über das aristokratische Gesicht. „Oh, bei den Muggeln gibt es gerade in vielen Kaufhäusern den Beruf der Klofrau. Die füllen Toilettenpapier nach, reinigen die Toilettenräume und kümmern sich allgemein um alles rund um die Waschräume. Petunia Dursley wird es sicher hassen, das zu machen, aber das schwebt mir vor.“, berichtete Lucius grimmig. „Und für Vernon Dursley, der sich gerade nach oben gearbeitet hat in der Bohrerfabrik, in der er arbeitet, dachte ich daran, ihn als Erntehelfer quer durchs Land zu schicken. Schwere körperliche Arbeit wird ihn hoffentlich genug auspowern, sodass er nicht mehr daran denkt, seine Aggressivität in Schlägen und Drohungen umzusetzen. Nie wieder soll jemand unter ihm leiden. Für die Schwester, also diese Marge, gilt etwas Ähnliches wie für Petunia. Sie wird niedere Arbeiten ausführen, als Magd in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Sie wird allerdings höchstens mit Gänsen und Schweinen zu tun haben, nicht mit Hunden. Ihre Hunde werden in liebevolle Hände gegeben, sie wird keine Hunde mehr bekommen, egal, was sie versucht. Alle Hunde werden vor ihr flüchten.“

„Wie slytherin!“, kommentierte Severus mit einem boshaften Grinsen. Aber jetzt hatte er etwas anderes im Sinn. Er drängte Lucius in sein Schlafzimmer. „Harry schläft tief und fest, wir haben etwas Zeit. Soweit ich weiß, ist Narzissa heute bei dieser Gesellschaft für was auch immer.“

„Für die Reinhaltung des Blutes, ja!“, schnurrte Lucius. „Sie kommt sicher nicht vor zwei Uhr morgens nach Hause.“ Nur zu gerne ließ er sich überreden, die Zeit bis dahin mit seinem Geliebten zu verbringen.

 

Am Morgen waren Severus und Lucius etwas müder als sonst, aber durchaus zufrieden. Lucius war gegen kurz vor zwei Uhr nach Hause gegangen, kam gerade rechtzeitig, um seiner Frau nicht aufzufallen. Er war gerade im Bad fertig, als Narzissa in sein Zimmer trat. „Wie war dein Abend?“, wollte er sofort von ihr wissen.

Wie erwartet berichtete die Blonde ausführlich über ihren Abend. Lucius schaltete schnell ab, nickte und ‚hmm‘te nur ab und zu. Irgendwann gegen drei Uhr verließ Narzissa endlich seine Räumlichkeiten und ging hinüber in ihren eigenen Flügel. Schon ganz am Anfang ihrer Ehe hatte Lucius ihr das schmackhaft gemacht und war nun mehr als froh darüber. Endlich konnte er sich in sein Bett legen. Im Gegensatz zu seiner Frau musste er früh raus. Selbst, wenn er Harry nicht unterrichten würde, müsste er früh aufstehen, um seine Arbeit zu machen. Die Post kam gegen acht Uhr, er musste sie den Eulen abnehmen. Narzissas Post ließ er von einem Hauselfen in ihre Räume bringen.

Pünktlich um halb acht holte er Harry ab. Noch war der Kleine nicht so weit, alleine durch den Kamin zu reisen, aber das würde wohl nicht mehr lange dauern. Gemeinsam reisten sie zurück ins Manor, wo Lucius dem Jungen heute etwas über magische Tiere erzählte. Harry lauschte aufmerksam und beschäftigte sich nach einiger Zeit mit den Büchern von Newt Scamander, aus denen er viel mehr Informationen herauslas und begeistert die bewegten Bilder betrachtete. In dieser Zeit kümmerte sich Lucius um die Briefe, bevor er später noch Einiges mehr erklärte. Gemeinsam aßen sie am Ende zu Mittag, bevor sie zurück nach Hogwarts flohten. Schließlich hatte Harry heute noch etwas vor mit Severus. Er freute sich schon auf den Besuch bei seiner Eule und bei Hagrid.

Tatsächlich ging Severus' Plan auf. Als sie nach draußen zu Hagrid gingen, hatten gerade einige Viertklässler Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe, der nahe an der Hütte des Wildhüters stattfand. Vermutlich nahmen sie gerade Thestrale durch, die kamen gerne zu Hagrid, der sie immerhin so gezähmt hatte, dass sie die Kutschen der Schule zogen. Ein wenig ängstlich versteckte sich Harry hinter seinem Mentor, der allerdings nach Harrys Schulter griff und ihn neben sich dirigierte. „Hab keine Angst, Harry. Sie sind neugierig, immerhin haben sie dich seit dem ersten Abend nicht mehr gesehen. Aber sie können und werden dir nichts tun.“ Natürlich starrten sie auch ihn an, immerhin war er ihr gefürchtetster Lehrer, und wie er mit Harry umging, konnten sie sich nicht erklären. Ja, Severus wusste, dass er kein guter Lehrer war. Mit einzelnen Kindern konnte er irgendwie noch umgehen, wie er an Harry oder Draco sah, aber sobald er ein ganzes Klassenzimmer voll von ihnen hatte, und die dann nicht einmal lernen wollten, kam er kaum noch zurecht, flüchtete sich hinter seine Mauer aus Kälte und strafte viel, um nicht in Bedrängnis zu kommen. Aber so lange der Lord noch zurück kommen konnte, musste er hier bleiben. Einerseits, weil der Lord es ihm befohlen hatte, andererseits, weil Dumbledore ihn in der Nähe haben wollte, um möglichst viele Informationen schnell austauschen zu können. Und, um ihn im Auge zu behalten, das war Severus durchaus klar.

Severus fragte sich allerdings auch, ob er weiter als Spion arbeiten konnte, immerhin hatte er Harry bei sich. Wobei, wie lange noch? Mal sehen, wie der Gamot in Bezug auf die Vormundschaft und den Schulleiter entscheiden würde. Gerade war Lucius erneut in einer Sitzung, heute ging es noch einmal gegen die drei Dursleys, auch Vernons Schwester trug diesen Nachnamen, da sie nie geheiratet hatte. Morgen müsste dann Albus erneut vor dem Gamot aussagen, nachdem noch einige Fragen aufgetaucht waren. Ob er hingehen würde? Er musste doch ahnen, dass das nicht so glimpflich ausgehen würde. Und doch schien er sich keine Gedanken zu machen. Severus ahnte, dass es mit Harry ebenso gegangen wäre wie mit ihm selbst. Dumbledore machte sich keine Gedanken um die einzelne Person, Hauptsache, sie konnte ihm irgendwie dienlich sein. Seine Schachfigur sein. Mehr war er selbst nie gewesen, und auch Harry wäre dieses Schicksal nicht erspart geblieben, hätte er selbst nicht hingesehen. Zumindest musste er sich keine Sorgen machen, nach Askaban zu kommen, dafür hatte er bereits alle Karten auf den Tisch gelegt. Das war nun nichts mehr, womit ihm der Alte drohen konnte!

Jetzt schob er seinen kleinen Schützling mit sich zu Hagrids Hütte, der bereits mit Tee auf sie wartete. Zuvor hatten sie noch Harrys Brief zu Hedwig gebracht, die ihn sicherlich zustellen würde. Die Schüler tuschelten miteinander, doch sie ließen Harry ansonsten in Ruhe, nur ihre Blicke folgten ihm neugierig. Es dauerte eine Weile, dann spürte Severus, wie sich die Schulter unter seiner Hand langsam entspannte. Das war gut, also schienen ihn die Blicke der Schüler nicht mehr so sehr zu stören. Ansonsten würde sich Harry nicht entspannen. Dennoch schob er ihn nun in die Hütte von Hagrid, er wollte es nicht ausreizen. Aber Harry musste lernen, mit mehr als einem Schüler klar zu kommen. Doch für heute war es genug, nun war es an der Zeit, den Nachmittag zu genießen. Und das galt für alle, selbst Severus konnte sich hier, in Gegenwart des Halbriesen, tatsächlich entspannen. Dieser Mann hatte bereits so viel für ihn getan, dass Severus nicht anders konnte als ihm zu vertrauen.

Sie verbrachten einen mehr als angenehmen Nachmittag, bei dem Severus in Bezug auf Quirrell leider auch nicht mehr erfuhr. Er hatte sich einige Hinweise von Hagrid erhofft, doch dieser konnte ihm nicht weiterhelfen. Zwar vertraute keiner von ihnen dem neuen Professor, doch sie konnten ihm nichts nachweisen, außer dass er Interesse an Fluffy hatte. Das allerdings war nichts, was bewies, dass er etwas im Schilde führte. Magische Kreaturen dieser Art erzeugten nun einmal Neugierde, vor allem, wenn jemand sie so zu halten verstand wie Hagrid. So verabschiedeten sie sich kurz vor dem Abendessen von dem Halbriesen und gingen zurück in die Kerker.

Die nächsten Wochen verliefen beinahe täglich in der gleichen Routine. Die Strafe der Dursleys wurde tatsächlich so, wie Lucius es vorgeschlagen hatte. Harrys Tante und Onkel wanderten zunächst ins Gefängnis – Petunia für zwei Jahre, Vernon für knapp vier Jahre, mehr hatten die Muggelgesetze nicht hergegeben – und mussten danach mit den Berufen leben, die Lucius für sie dachte. Petunia als Klofrau und Vernon musste sich als Erntehelfer durchschlagen. Zudem wurden beide magisch sterilisiert, sodass sie sicher keine Kinder mehr in die Welt setzten. Dudley, der mit seinen elf Jahren schon ein richtiger Tyrann war, kam in ein Erziehungsheim, wo er hoffentlich noch auf den richtigen Weg gebracht werden konnte. Sicher waren sie sich nicht, aber sie waren sich einig, dass sie es versuchen mussten. Marge Dursley bekam keine Gefängnisstrafe, sie wurde zur Bewährung ausgesetzt, aber auch hier hatte sich Lucius' Vorschlag durchgesetzt. Zwar mussten sie dafür im Gamot einen Präzedenzfall schaffen, um die Magie, die sie für die Strafen brauchten, auch genehmigen zu können, aber das war ein Leichtes geworden.

Albus Dumbledore kam leider wirklich glimpflich davon, er hatte zu viele Unterstützer im Gamot. Natürlich wurde ihm die Vormundschaft für Harry endgültig entzogen und Severus zugesprochen, aber weder seinen Posten in Hogwarts verlor er, noch bekam er eine größere Strafe dafür, Harry so lange vernachlässigt zu haben. Nur eine – für seine Verhältnisse geringe – Geldstrafe wurde verhängt. Die Tatsache, dass er den etwas über einjährigen Harry damals in der Nacht nach Halloween einfach auf die Türschwelle gelegt hatte, wurde als ‚unglücklicher Umstand‘ abgetan, denn Harry war schließlich nichts passiert. Und der Schulleiter hätte nicht ahnen können, dass der Blutschutz nicht wirkte. Zusätzlich nahmen sie ihm auch ab, dass er aus Vorsicht nicht nach Harry gesehen hatte, um nicht doch die Todesser auf Harry aufmerksam zu machen. Zähneknirschend hörte Severus das und musste all seine Beherrschung aufbringen, um nicht direkt ins Büro des Direktors zu gehen und diesen eigenhändig zu erwürgen. Nur der Fakt, dass er dadurch wohl nach Askaban käme und Harry alleine da stünde, hielt ihn davon ab. Nein, der Alte bekam Harry sicher nie wieder in die Hand, dafür würde er sorgen, beschloss Severus. Und Lucius stimmte ihm zu, er würde ihn dabei unterstützen.

Das Erste, was Severus nach dem Beschluss des Gamot tat, war, Harry offiziell für dieses Schuljahr aus der Schule zu nehmen. Natürlich blieb er hier wohnen, immerhin war er nun das Mündel von Severus und galt damit einem leiblichen Kind beinahe in allen Belangen gleichgestellt, aber er hatte nicht mehr den Druck, in den Unterricht zu müssen. Nein, Severus entschied, dass Harry im nächsten Herbst gemeinsam mit den neuen Erstklässlern anfangen würde. Das gab ihnen noch etwas über 9 Monate, um ihn darauf vorzubereiten.

Nun bereiteten sie sich eher entspannt auf Weihnachten vor, das sie wohl im Schloss verbringen würden, da Severus Aufsicht hatte. Auch Draco entschied, hier bleiben zu wollen, er wollte seinen besten Freund, denn das war Harry inzwischen, nicht alleine lassen. Außerdem hatte er keine Lust, Zeit mit seiner Mutter verbringen zu müssen, die mochte er nicht besonders, da sie ihn zumeist links liegen ließ und immer absurdere Vorstellungen hatte, wie er sich benehmen sollte. Nur zum Weihnachtsball im Hause Malfoy musste er wohl oder übel doch nach Hause reisen, aber er durfte das über den Kamin seines Paten. „Danke, Onkel Sev!“, freute er sich, als er das hörte. Diese Anrede gestattete Severus ihm nur hier, im privaten Rahmen, und daran hielt sich der Blonde eisern.

„Schon gut.“, brummte Severus. „Wer von deinen Freunden bleibt noch hier in den Ferien?“

„Crabbe und Goyle.“, murrte Draco. Sie hingen ziemlich an ihm. Ja, manchmal waren sie nützlich, wenn er jemanden brauchte, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, aber eigentlich waren sie ziemlich plump und dumm. Es gingen Gerüchte um, dass es daran lag, dass ihre Eltern aufgrund der Reinblut-Ehre geheiratet hatten, obwohl sie eigentlich viel zu nahe verwandt waren. Es gab viele Zauberer die behaupteten, dass dies Schuld daran war, dass immer mehr Kinder mit sehr eingeschränkten geistigen Fähigkeiten geboren wurden. „Außerdem wohl Blaise, er will nicht nach Hause, seine Mutter hat einen neuen Ehemann.“ Auch das war ein Thema, das immer wieder für Gesprächsstoff sorgte. Blaise' Mutter war bereits fünf- oder sechsmal verheiratet gewesen, jedes Mal mit einem reichen Mann, der kurze Zeit später unter mysteriösen Umständen starb. Niemand hatte ihr bisher etwas nachweisen können, aber alle waren sicher, dass sie eine schwarze Witwe war. Im Gegensatz zu Crabbe und Goyle war Blaise wirklich intelligent und ein guter Freund von Draco. Harry hatte bereits viel von ihm gehört.

„Dann musst du wenigstens nicht alleine im Gemeinschaftsraum bleiben.“, zuckte Severus ungerührt die Schultern.

„Darf Draco bei mir schlafen?“, wollte Harry auf einmal wissen. „Bitte, Severus, wenn Weihnachten ist!“

„Das entscheide ich nicht heute.“, schüttelte Severus den Kopf. „Es hängt von eurem Verhalten in den nächsten zwei Wochen bis Weihnachten ab.“

Draco schürzte die Lippen, obwohl er sich zuvor schon gefreut hatte. Das würde ihm schwer fallen, das wusste er jetzt schon. Es war nicht leicht, Severus nicht auf die Nerven zu gehen, aber Draco war sicher, er konnte es, wenn er sich anstrengte. Und er wollte unbedingt hier bei Harry übernachten, dann konnten sie früh gleich zusammen ihre Geschenke auspacken! Er wollte doch unbedingt Harrys Gesicht sehen, wenn er sein Geschenk auspackte, das Draco für ihn ausgesucht hatte!

Da beide Kinder wussten, mit Severus konnte man nicht verhandeln, wenn er so entschieden hatte, versuchten sie es gar nicht erst. Stattdessen strengten sie sich in den nächsten Wochen sichtlich an, ihre Aufgaben möglichst gut zu bearbeiten.

Am Tag vor Weihnachten musste Draco zu besagtem Ball ins Manor. Schon am Morgen kam er in die Wohnung von Severus, um durch dessen Kamin zu reisen. Harry bewunderte, wie selbstverständlich der Blonde das machte. „Das lernst du auch noch.“, beschwichtigte Severus, sobald Draco verschwunden war. Natürlich hatte er das Gesicht seines Schützlings gesehen. „Mister Malfoy ist ein sehr guter Lehrer, er hat es auch Draco beigebracht.“

„Er sagt, ich bin schon besser geworden.“, musste Harry zugeben. „Aber ich habe nicht das Gefühl.“

„Du hast in kurzer Zeit sehr viel gelernt.“, lobte Severus. „Verlange nicht zu viel von dir selbst.“ Den Rat hatte er selbst auch schon öfter zu hören bekommen, vor allem von Lucius. Zu Recht, wie er zugeben musste. Aber umso besser konnte er Harry nun verstehen.

Um ihn ein wenig abzulenken und den Hauselfen Zeit zu geben, alles weihnachtlich zu schmücken – das hätte er auch niemals gedacht, ein richtiger Weihnachtsbaum in seiner Wohnung! - ging er mit Harry nach draußen. Natürlich hatte der Kleine inzwischen eine vollständige Garderobe, mitsamt genug Winterkleidung. Angezogen gingen sie zunächst in den Eulenturm, da Harry seiner Hedwig ein paar Leckereien bestellt hatte, danach spazierten sie an Hagrids Hütte vorbei in Richtung des verbotenen Waldes. Sie gingen nicht hinein, aber am Rand konnte man schön spazieren gehen. Der Schnee lag dank der Bäume hier weniger tief, sodass es nicht so anstrengend war, dadurch zu laufen. Hier genoss es auch Harry, draußen zu sein.

Erst, als es langsam dämmerte, gingen sie wieder hinein. Da nur sehr wenige Schüler in Hogwarts geblieben waren, blieb es ruhig auf dem Gelände, und die wenigen, einzelnen Kinder machten Harry nicht so viel aus. Severus' Gedanken gingen zum morgigen Tag. Eigentlich wollte er ein magisches Midwinter mit Harry feiern, aber in den letzten Tagen war der Kleine ein wenig aus sich heraus gegangen und hatte gestanden, wie sehr er sich ein richtiges Weihnachten wünschte. Die ganzen Jahre, seit er bei seinen Verwandten war, hatte er den Weihnachtstag immer in seinem Schrank eingesperrt verbracht. Jetzt war sein größter Wunsch ein richtiges Weihnachtsfest, und das wollte Severus ihm erfüllen. Hagrid hatte ihm versprochen, einen Baum zu besorgen. Mit Hilfe von Professor Sprout war der Baum so aus dem Wald geholt worden, dass er mitsamt der Wurzeln im Kerker stehen würde und nach den Feiertagen zurück an seinen Platz konnte. Bis morgen früh sollte er unter einem Zauber stehen, sodass er nicht zu sehen war. Die Hauselfen hatten den Baum sicher schon geschmückt und getarnt, außerdem sollten sie ein zweites Bett ins Kinderzimmer stellen, damit Draco einen Platz zum Schlafen hatte, wenn er heute kam.

Der Ball im Manor begann bereits nach dem Mittagessen, die Kinder unter fünfzehn blieben nur bis nach dem Festmenü am Abend. Danach kamen dann die älteren Jugendlichen und die Erwachsenen auf ihre Kosten. Auch Severus hatte die letzten Jahre häufiger am Ball teilgenommen, aber da er nur nach außen hin Single war, wurden derartige Veranstaltungen zumeist sehr anstrengend, denn gerade Singles suchten sich dort mögliche Partner aus. Dass er nicht zur Verfügung stand, konnte er leider nicht öffentlich machen, daher kam er immer wieder in die Situation, Frauen abwehren zu müssen. Er verstand nicht, was all die Frauen in ihm sahen. Auch nicht, was Lucius in ihm sah, immerhin war er keine Schönheit. Allerdings hatte er sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht als Tränkemeister, das machte ihn in den Augen so mancher Frau sicherlich interessant. Lucius hatte sich schon viel früher in ihn verliebt, noch während der Schulzeit. Die Beteuerungen, dass er sehr liebenswert war, konnte Severus noch immer nicht so recht glauben.

„Severus?“, unterbrach Harry nun die Gedanken seines Mentors. Der sah auf und blickte ihn fragend an. „Können wir heute zusammen kochen?“

„Du weißt, dass du nicht kochen musst?“, war das Erste, was Severus einfiel.

Harry nickte. „Ja, ich weiß, aber …“ Er zögerte. Ein aufmunternder Blick von Severus traf und ermutigte ihn. „Naja, ich … wir haben doch einmal zusammen gekocht, und das war schön.“

Stimmt, sie hatten einmal gemeinsam gekocht, aber damals ging es nicht darum, das Essen zuzubereiten, sondern eher darum, Zeit zusammen zu verbringen. Severus hatte es genutzt, um Harry zum Reden zu bringen, das war schon eine ganze Weile her. Scheinbar hatte es dem Kleinen ziemlich gut gefallen. „Wenn du das gerne möchtest, dann fragen wir die Hauselfen, dass sie uns bringen, was wir brauchen.“, stimmte Severus daher zu. „Was möchtest du denn gerne kochen?“

Sie entschieden sich für Hühnchen, denn ein Truthahn war wohl doch zu groß, dazu Kartoffeln, Rosenkohl und Möhren, garniert mit einer sämigen Sauce. Vorher wollten sie eine leichte Suppe und danach eine Blaubeertrifle machen. Nach und nach bekam Severus aus seinem Schützling heraus, dass dieser das Weihnachtsessen jedes Jahr alleine für seine Verwandten zubereiten musste, aber nie etwas davon bekam. Kein Wunder, dass er das nun nachholen wollte. Bald duftete es verführerisch in der Küche, Severus und Harry schnippelten und kochten, während sie sich über die vergangenen Monate unterhielten. In dieser entspannten Atmosphäre kamen sie letztendlich auch auf die Verhandlung der Dursleys zu sprechen. Harry wusste von der Bestrafung, denn Severus hatte offen mit ihm darüber gesprochen, immerhin las der Junge auch die Zeitung, darin wurde es ziemlich ausgebreitet. „Was passiert jetzt mit Dudley?“, erkundigte er sich schließlich bei Severus. „Ich meine, er war immer gemein zu mir, aber … naja, er hat es ja von Tante Petunia und Onkel Vernon nie anders gelernt.“

Severus legte den Rosenkohl in den Topf, dann erst sah er zu Harry. „Es ehrt dich, dass du so denkst.“, begann er. „Allerdings ist Erziehung immer nur ein Teil der Entwicklung. Ansonsten wärst du auch nicht so … wie soll ich sagen? … gut erzogen. Anders kann ich es nicht ausdrücken, aber ich denke, du verstehst, was ich meine. Du hattest wirklich gute Manieren, als du zu mir kamst. Auch wenn du noch viel lernen musstest und musst, aber an der Erziehung kann es bei dir nicht gelegen haben. Was ich damit sagen will, dein Cousin kann sich nicht alleine darauf herausreden, wie er erzogen wurde. Ich bin sicher, seit einigen Jahren weiß er, dass er falsch handelte, wie er mit dir umging. Allerdings bekommt er, im Gegensatz zu seinen Eltern, eine zweite Chance. Er kann in dem Erziehungsheim, in dem er nun lebt, lernen, seine Handlungen zu verändern. Dann steht einem normalen Leben für ihn nichts im Wege. Ändert er sein Verhalten allerdings nicht, wartet auf ihn auch irgendwann das Gefängnis. Es liegt nun ganz an ihm.“

Harry hörte aufmerksam zu. Eine ganze Weile schwieg er nachdenklich. Schließlich sah er auf. „Weißt du, ich habe erst in der Grundschule verstanden, dass irgendwas nicht so ganz stimmt. Ms. Grey, meine Lehrerin in der ersten Klasse, hat uns immer zusammen umziehen lassen zum Sport. Da fiel ihr einmal auf, dass ich blaue Flecke an den Armen hatte. Bis dahin dachte ich mir nie etwas dabei, ich meine, die Arbeiten zuhause waren für mich normal, und da ich dabei Fehler machte, musste mein Onkel mich bestrafen. So war es immer gewesen. Also dachte ich mir nie etwas dabei. Bis Ms. Grey mich nach dem Unterricht an diesem Tag zurück hielt. Natürlich habe ich nichts gesagt, denn auch, wenn ich dachte, dass das alles normal ist, so hatte Onkel Vernon mir doch klar gemacht, dass niemand etwas davon wissen durfte. Er hat mir immer erklärt, dass es überall normal ist und niemand darüber redet, weil es ja normal ist. Für mich war das damals logisch, also habe ich auch nicht gesprochen. Du weißt ja, was dann kam. Ich musste sagen, dass es auf dem Spielplatz passierte. Seither habe ich immer genau hingesehen und versucht, so viel wie möglich zu lernen. Ich wollte nicht auffallen. Sobald ich auffiel, anders war, wurde ich wieder zum Opfer. Also musste ich dafür sorgen, dass ich nicht auffalle.“

Severus nickte nur, er kannte dies von anderen Kindern, um die er sich gekümmert hatte. Auch er selbst hatte als Kind lange nicht gewusst, dass das Verhalten seines Vaters eben nicht normal war. Die meisten Erwachsenen, die Kinder misshandelten, gingen sehr geschickt dabei vor, sodass die Kinder tatsächlich glaubten, sie hätten etwas falsch gemacht oder aber es war normal, was um sie herum und mit ihnen passierte. Er war froh, dass Harry inzwischen erkannt hatte, dass es eben das nicht war. Der Kleine war auf einem wirklich guten Weg, nun fehlte eigentlich nur noch, dass er mit den anderen Schülern gemeinsam in den Unterricht ging. Aber bis September schafften sie das sicherlich. Vielleicht sollte er Harry nach den Ferien immer mal mit in den Gemeinschaftsraum der Slytherins nehmen? Oder jetzt, an Weihnachten, mit zum Essen in die große Halle? Immerhin waren nur wenige Schüler da. Das konnte er später mit Harry besprechen, jetzt kümmerten sie sich erst einmal um das Essen. Auch, wenn es eigentlich einen Tag zu früh war für das weihnachtliche Festessen. Aber was machte das schon?

Als es draußen schon vollkommen dunkel war, setzten sich Severus und Harry gemeinsam an den Tisch, um ihr selbst gekochtes Mahl zu genießen. Es schmeckte sogar weit besser, als Harry es sich hätte vorstellen können. Mit geschlossenen Augen genoss er jeden einzelnen Bissen. Severus beobachtete das nur und freute sich. Es war wirklich hervorragend, vielleicht sollten sie öfter zusammen kochen. Am Ende lehnte sich Harry zurück, ziemlich voll und gesättigt. Pappsatt. Er fühlte sich so gut wie lange nicht. Obwohl, seit er bei Severus war, ging es ihm richtig gut. Und jetzt bekam er sogar ein echtes Weihnachtsfest. Ja, er war froh, dass er bei Severus gelandet war.

„Onkel Sev?“, kam es nun aus dem Büro. Offenbar kam Draco gerade aus dem Manor zurück.

Severus stand auf und ging hinüber. Er begrüßte sein Patenkind und schickte Harry ins Bad. Draco war viel zu aufgedreht, den ließ er nun erst einmal eine Weile erzählen und gab ihm heiße Milch mit Honig und einem Schluck Beruhigungstrank. Erst, als Harry im Bad fertig war, konnte er auch Draco guten Gewissens ins Bad und danach ins Bett schicken. Es dauerte noch fast zwei Stunden, bis das Kichern und das Flüstern aus dem Kinderzimmer endlich aufhörte, aber Severus ließ die beiden Jungen, da es nicht besonders laut wurde. Aber gegen elf Uhr war endgültig Ruhe, und nun ging auch Severus in sein Bett. Schlafen konnte er allerdings noch nicht, seine Gedanken kreisten um Quirrell, seinen neuen Kollegen seit Schuljahresbeginn. Severus vermutete, dass etwas nicht stimmte, aber er konnte nichts beweisen. Sein Instinkt sagte ihm allerdings, dass der Mann gefährlich war. Außer ihm nahm kaum jemand den Mann ernst, er stotterte und fürchtete sich vor seinem eigenen Schatten. Das war natürlich nichts, was auf Gefahr hindeutete.

Was hatte er bisher? Das Einzige, was Severus mit Sicherheit wusste, war die Tatsache, dass Quirrell im dritten Stock gewesen war. Dummerweise hatte Severus es nicht geschafft, unauffällig zu bleiben, der Cerberus hatte ihn erwischt. Quirrell war daher entwischt, ohne dass Severus ihm etwas nachweisen konnte. Er vermutete, dass der stotternde Professor auch mit dem Troll im Kerker zu tun hatte. Aber auch das konnte er nicht beweisen. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte er versucht, mit Quirrell ins Gespräch zu kommen, doch auch das war nicht erfolgreich. Der Mann ließ sich nicht aushorchen. Nur, was könnte Quirrell vorhaben? War er einfach nur hinter dem Stein der Weisen her, den Albus hier in der Schule versteckt hatte? Was total daneben war, wie Severus fand. So ein Artefakt in einer Schule voller neugieriger Schüler zu verstecken war idiotisch. Das brachte nur Gefahr. Für die Kinder wohlgemerkt. Aber zurück zum ursprünglichen Gedanken, erinnerte sich Severus. Worauf war Quirrell aus? Die Tatsache, dass Albus den Stein in seiner Hand hatte und in der Schule versteckte, war erst nach Beginn des Schuljahres bekannt geworden. Das bedeutete, das konnte nicht das ursprüngliche Ziel Quirrells gewesen sein. Was war es dann? War es Zufall, dass er ausgerechnet in Harrys erstem Jahr hier war? Konnte es sein, dass es ihm um Harry ging? Oder einen der anderen Erstklässler? Oder war es etwas ganz Anderes? Aber was? Severus kam einfach nicht darauf. Es ergab keinen Sinn, egal, wie er es drehte und wendete. Irgendwann schlief auch er ein.

Bis ihn am Morgen zwei völlig überdrehte Jungs weckten. „Onkel Sev, es ist Weihnachten!“, bekundete Draco laut und rüttelte ihn an der Schulter.

Severus blinzelte mit einem Auge. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens. Doch sein Patenkind rüttelte weiter an ihm, sodass er keine Chance hatte, noch einmal einzuschlafen. Nun, der Baum und die Geschenke darunter würden erst dann sichtbar, wenn sie gemeinsam im Wohnzimmer saßen. Draco wusste das natürlich, daher nun die Weckaktion. Harry hätte sicherlich geduldig gewartet, aber auch er stand erwartungsvoll in der Tür.

„Harry hat dir Kaffee gemacht, Onkel Sev, der wartet im Wohnzimmer.“, verkündete Draco. „Aber dafür musst du aufstehen!“

Kaffee klang ziemlich gut, also rollte sich Severus herum und schwang die Beine aus dem Bett. Draco, ungeduldig wie er war, reichte ihm seinen Morgenmantel. Zu dritt saßen sie nicht einmal zwei Minuten später auf dem Sofa, Severus war nur kurz im Bad gewesen. Nun bewunderten sie den Baum, der mit Silber und Blau geschmückt war. Offensichtlich hatten die Hauselfen bemerkt, dass Harry die Farbe Blau sehr gerne mochte. Die Kerzen verbreiteten warmes, gedämpftes Licht, und auf dem Tisch standen Plätzchen und Tee.

Draco war ganz hibbelig und wartete darauf, dass er sich endlich auf die Geschenke stürzen durfte, die unter dem Baum lagen, während Harry sich an dem ganzen Schmuck und dem Leuchten nicht satt sehen konnte. Seine Augen strahlten. Genau dafür nahm Severus das alles auf sich. Er wollte dieses Glück in Lilys Augen sehen. Harry war für ihn Lilys Sohn, nicht der von Potter. Für dieses Strahlen tat er alles, er hatte sogar Lupin für heute Nachmittag eingeladen. Der Junge mochte den Werwolf, aber er wusste noch nichts von dieser Überraschung. Die war sozusagen ein Weihnachtsgeschenk für seinen kleinen Schützling.

Apropos, die Weihnachtsgeschenke. Severus erlaubte seinem Patenkind nun, diese zu öffnen. Er ermutigte auch Harry, zuzugreifen.

„Für mich?“, wunderte sich Harry. Ihm reichte eigentlich bereits das Wissen, dass er nicht mehr in den Ligusterweg musste. Und die Tatsache, dass Severus das hier für ihn machte. Mister Malfoy hatte von den Traditionen der Magier gesprochen, die Midwinter feierten. Das hier war so eindeutig Weihnachten. Severus machte das wegen ihm, wegen Harry, weil er erzählt hatte, dass er noch nie Weihnachten gefeiert hatte.

„Ja, für dich, oder siehst du sonst jemanden, der Harry heißt?“, antwortete Draco, der bereits zwei Geschenke geöffnet hatte. Der Blonde verstand nicht wirklich, dass Harry es einfach nicht glauben konnte, weil er noch nie Geschenke bekommen hatte, sah man von seinem einzigen Geburtstagsgeschenk, Hedwig, ab. So drückte Draco ihm einfach ein Päckchen in die Hand. „Das ist von meinem Vater.“

„Von Mister Malfoy?“, staunte Harry. Ein wenig ratlos drehte er das rechteckige Geschenk in seinen Händen.

„Es beißt nicht.“, versprach Draco. „Aber du musst es aufmachen.“

Harry ließ sich nicht irritieren von seinem Freund, sondern zog langsam die Schleife auf. Vorsichtig wickelte er das Papier ab, bis ein Buch zum Vorschein kam. „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind.“, las er vom Einband. Er strahlte. Dieses Buch liebte er in der Bibliothek der Malfoys, aber er hatte sich nie getraut, es auszuleihen. Als er aufblätterte, färbten sich seine Wangen dunkel. Diese Ausgabe war sogar noch besser als die von Mister Malfoy, denn sobald er ein Tier betrachtete, wurde es dreidimensional und stand auf dem Buch, bewegte sich sogar. So konnte er die magischen Wesen aus allen Blickwinkeln genau ansehen. „Das ist wunderschön!“, hauchte er.

Oh ja, das war es. Severus wusste sofort, dass diese Ausgabe limitiert und beinahe nicht zu bekommen war. Er hob seine Augenbraue erstaunt, Lucius mochte den Kleinen offenbar noch mehr, als er bisher geahnt hatte. Nun gut, auch wenn Harry nichts davon wusste, als Severus' Lebenspartner war er im Prinzip genauso Harrys Erziehungsberechtigter, also eine Art Vater, sobald sie zueinander stehen konnten. Scheinbar sah Lucius sich jetzt schon so. Umso besser.

Draco reichte Harry nun das nächste Geschenk, ihm ging das alles viel zu langsam. Er wollte doch wissen, was sein Freund sonst noch so bekam. Harry packte diesmal ein Fotoalbum aus, das von Hagrid kam, der sich sichtlich Mühe gegeben und Fotos von Harrys Eltern zusammengestellt hatte. Diesmal kamen Harry tatsächlich die Tränen.

Severus nahm Harry in den Arm. Er sagte nichts, aber Harry brauchte die Nähe, das ahnte er. Hoffentlich war sein eigenes Geschenk für den Jungen nicht zu viel. Nun, es lag bereits in Dracos Händen, also würden sie es gleich sehen.

Harry blieb bei seinem Mentor sitzen, den er inzwischen wie einen Vater liebte, auch wenn er sich dessen noch nicht vollkommen bewusst war. Mit zitternden Fingern legte er das Fotoalbum auf seine Knie, um das nächste Päckchen zu öffnen. Die Art und Weise, wie sein Name darauf geschrieben stand, sagte ihm, dass es von Severus war. Eine viereckige Schachtel, in der etwas war, das sich bewegte, wenn er die Schachtel drehte. Ein wenig verunsichert sah er zu Severus auf, der ihm beruhigend zunickte und den Arm um die Schulter legte. Derart beruhigt öffnete Harry die Schachtel. Eine kleine Glaskugel kam darin zum Vorschein.

Draco hatte das interessiert beobachtet. „Ein Erinnermich? Aber Harry ist doch gar nicht vergesslich, Onkel Sev!“

„Ja, ein Erinnermich.“, nickte Severus. „Aber keines, um dich, Harry, an etwas zu erinnern, das du vergessen hast. Das ist nämlich die eigentliche Funktion dieser Glaskugeln. Normalerweise werden sie rot, wenn du etwas vergessen hast. Aber ich habe einen Zauber gewirkt und Erinnerungen darin gespeichert. Du, und nur du, kannst sie dir ansehen, indem du die Kugel an deine Schläfe hältst.“ Er sagte nicht dazu, welche Erinnerungen es waren, das ging Draco nichts an. Wenn Harry wollte, durfte er es ihm natürlich sagen, aber das sollte sein Kleiner selbst entscheiden. „Ich empfehle dir, es heute Abend im Bett anzusehen, ganz in Ruhe.“

Harry nickte. Ja, er war neugierig und er konnte auch Dracos Neugierde deutlich erkennen, aber das wollte er alleine ansehen. Er ahnte, was darin gespeichert war. Erinnerungen von Severus an Lily, seine beste Freundin. Harrys Mama. Behutsam legte er die beiden Geschenke auf den Tisch, damit nicht die Gefahr bestand, dass jemand sich versehentlich darauf setzte. Die Kugel bewahrte er dabei wieder in der Box auf, dann konnte sie nicht hinunterfallen und zerbrechen. Nun reichte ihm Draco ein neues Päckchen. „Das ist von mir.“, erklärte der Blonde dabei.

Jetzt war Harry erneut neugierig. Rascher als zuvor riss er das Papier ab. Zum Vorschein kam ein kleines Säckchen. Als er hineinsah, musste Harry grinsen. „Meine eigenen Schachfiguren! Danke, Draco!“, freute er sich. Er nahm zwei davon heraus, den schwarzen Springer und die weiße Königin. Sie waren wunderschön und detailliert gearbeitet.

Auch Severus beugte sich überrascht über die Figuren. „Schwarzer Turmalin?“, riet er, als ihm die Farbvielfalt in dem schwarzen Springer bewusst wurde. Draco nickte, überrascht, dass sein Patenonkel das erkannte. Der Tränkemeister griff nun nach der weißen Dame und strich mit seinem Finger einige Male darüber. „Labradorit.“, war er sicher.

„Richtig.“, nickte Draco. Es überraschte ihn sichtlich, dass Severus sogar beide Mineralien erkannte. „Woher kennst du dich so gut aus?“

„In vielen Tränken sind auch Bestandteile verschiedenster Mineralien enthalten, wenn auch meist nur in kleinsten Mengen.“, verriet Severus. „Als angehender Meister muss man sich auch damit beschäftigen, damit man sicher sein kann, nicht übervorteilt zu werden von gewissenlosen Händlern, die nur hinter Geld her sind.“ Die beiden Jungen konnten ihm anhören, dass er aus Erfahrung sprach.

Erst jetzt erkannte Harry, wie wertvoll das Geschenk Dracos war. Er bedankte sich mehrmals stotternd, weil ihm peinlich war, dass er Draco nur zwei magische Drachenfiguren geschenkt hatte. Zwar hatte er von Draco gehört, dass dieser die Figuren sammelte, und der Blonde hatte sich auch sehr gefreut, da er die beiden Drachen noch nicht hatte, aber es war doch so wenig im Vergleich! Harry wusste zwar noch immer nicht genau, was der Wert vieler Dinge war, aber das erkannte sogar er.

„Da ist noch etwas.“, kam Draco unter dem Baum hervor. „Es ist für Harry, aber da steht nicht, von wem.“ Der Blonde ignorierte Harrys Gestotter vollkommen, für ihn war das alles nicht weiter interessant. Er sammelte die Figuren und freute sich, dass Harry so aufmerksam war. Der materielle Wert war vollkommen unwichtig. So hatte er es von seinem Vater und seinem Paten gelernt. Seine Mutter sah das sicher anders, aber das war Draco seit einigen Monaten egal. Früher war es anders gewesen, das wusste er, aber darüber dachte er nicht mehr gerne nach.

„Gib es mir.“, befahl Severus, als er hörte, dass kein Name darauf stand. Er wusste, dass Lupin dem Jungen etwas schenken wollte, aber das brachte er am Nachmittag mit, also konnte es das nicht sein. Ansonsten wusste er niemanden, der dem Kleinen etwas schenkte. Sein Instinkt riet ihm dazu, vorher zu prüfen, ob eine Gefahr bestand. Es könnte sich auch um einen Portschlüssel handeln. Daher riss er es aus Dracos Hand, sobald er danach greifen konnte, und legte es auf den Tisch. Mit seinem Zauberstab prüfte er das kleine, leichte Päckchen, doch auch nach sehr ausführlicher Prüfung konnte er keine Gefahren erkennen. Schließlich reichte er es Harry. „Es scheint ungefährlich.“ Er konnte sogar überhaupt keine Magie daran feststellen, aber gerade das machte ihn vorsichtig.

Harry griff langsam danach und öffnete es. Ein Stück leichter, weicher und fließender Stoff kam zum Vorschein. Er fühlte sich fast wie Wasser an, als Harry ihn durch die Finger gleiten ließ.

„Wahnsinn!“, keuchte Draco. „Ist das …?“

Severus nickte nach einem Moment. „Ja, das ist ein Tarnumhang.“, stimmte er seinem Patensohn zu. Und zwar kein einfacher, aber das sagte er nicht dazu. Dieses Stück Stoff war beinahe unbezahlbar, das erkannte er sofort.

„Da ist ein Zettel dabei.“, bemerkte Harry jetzt. Er las vor: „Er gehörte deinem Vater. Gebrauche ihn klug.“ Verwirrt sah er auf. „Was soll das denn bedeuten? Gebrauche ihn klug?“

„Darf ich?“, streckte Severus die Hand nach der Notiz aus. Als sein Blick darauf fiel, verdrehte er die Augen. „Dumbledore.“, knurrte er. „War ja klar, dass so eine Idee nur von dem Schulleiter kommen kann.“

„Was meinst du?“, erkundigten sich beide Jungen.

„Der Umhang macht dich unsichtbar.“, begann Severus seine Erklärung zu Harry gewandt. „Jetzt ist mir auch klar, warum die Rumtreiber immer unerkannt entkommen konnten. Sie haben sich damals unter dem Umhang versteckt.“

„Aber ...“, unterbrach Draco ihn. „Ich dachte, Tarnumhänge verlieren ihren Zauber mit der Zeit!“

„Dieser hier offensichtlich nicht, er sieht auch nicht aus wie ein normaler Tarnumhang, außerdem hätte ich die Magie darauf bemerkt.“, schüttelte Severus den Kopf. „Bei meinem Test eben konnte ich überhaupt keine Magie erkennen, und das zeigt mir, dass dieser Umhang etwas Besonderes ist. Es ist ein Erbstück von deinem Vater, Harry, aber ich hoffe sehr, dass du damit nicht genauso umgehst wie er. Der Schulleiter erwartet offenbar etwas von dir, weshalb er ihn dir jetzt gegeben hat, was ich allerdings noch nicht verstehe. Bitte sei vorsichtig, Harry.“

Der kleine Schwarzhaarige nickte. Er hatte nicht vor, den Umhang zu benutzen, aber er würde ihn aufheben. Immerhin war es etwas, das seinem Dad gehört hatte. Vielleicht sollte er Mister Lupin, nein, Remus, danach fragen. Noch immer fiel es ihm schwer, den Dunkelblonden so persönlich anzusprechen, obwohl dieser es ihm schon vor einiger Zeit angeboten hatte.

Doch als Remus nach dem Mittagessen tatsächlich kam, vergaß Harry es zunächst. Der Freund seiner Eltern hatte auch ein Geschenk für ihn, ein selbstgemachtes Armband mit starken Schutzzaubern, wie er erklärte. Das Armband selbst war aus Lederstreifen, die kunstvoll miteinander verflochten waren. „Danke, Remus!“, umarmte Harry ihn, bevor auch er ihm sein Geschenk reichte. Von seinen Erzählungen wusste er, dass Remus gerne las und hatte daher ein Buch bestellt. Es war nagelneu, daher war er ziemlich sicher, dass Remus es noch nicht hatte. Hedwig hatte es für ihn aus der Winkelgasse geholt. Nach seinem Erlebnis mit Severus hatte er sich noch nicht wieder in die Winkelgasse getraut.

„Kommt, gehen wir ein wenig spazieren.“, schlug Severus nach einer Weile vor. Auf so engem Raum mit dem Werwolf fühlte er sich nicht sonderlich wohl, er brauchte Abstand, aber seine Wohnung war einfach zu klein dafür. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, mit Harry zu reden und das Essen in der großen Halle einzunehmen, aber nach dem Auspacken der Geschenke war Harry zu aufgewühlt gewesen, daher hatte er doch geschwiegen.

Zu Viert gingen sie nun hinaus auf das Gelände, das schneeweiß war. Die Sonne brachte den Schnee zum Glitzern, sodass sie alle froh waren, hinausgegangen zu sein. Interessanterweise für Severus gab es keinerlei Probleme zwischen Draco und Lupin. Offenbar wusste der Blonde nicht, dass Lupin ein Werwolf war, obwohl zumindest Lucius darüber informiert war. Aber wahrscheinlich hatte er einfach nie einen Anlass dafür gesehen, mit seinem Sohn darüber zu sprechen.

Nach und nach taute Harry auf, während sie durch den Schnee gingen. Die anderen Schüler, die in den Ferien hier geblieben waren, waren ebenfalls auf dem Gelände, aber sie gingen ihrem Zaubertränkelehrer lieber aus dem Weg, daher fühlte sich auch Harry nicht weiter bedrängt und ging schließlich sogar auf Dracos Versuche, eine Schneeballschlacht zu starten, ein. Zwar wirkte er anfangs etwas unbeholfen, wurde aber schnell sicherer und lachte am Ende gemeinsam mit Draco darüber, dass sie beide voller Schnee waren. Dank eines Wärmezaubers spürten sie die Kälte nicht, und ein weiterer Zauber sorgte dafür, dass sie nicht nass wurden, so konnten die Erwachsenen die beiden Kinder unbesorgt toben lassen. Gerade Harry tat das unendlich gut.

Severus schmunzelte leise vor sich hin, als er Harry zusah, wie der kichernd einen Schneeball nach dem Anderen auf Draco warf, wovon höchstens die Hälfte traf, aber das störte ihn nicht. Er hatte offenbar so viel Spaß wie noch nie, jedenfalls hatte Severus so ein Lachen noch nicht gehört. Ja, es war richtig gewesen, sich für dieses Kind einzusetzen, selbst wenn Dumbledore ihm nun nicht mehr vertraute und er wohl auch auf der Abschussliste des Lords landen würde dafür. Aber das war Severus derzeit vollkommen gleichgültig, für ihn zählte nur dieses Lachen. Wenn er seine Augen schloss, sah er Lily vor sich, denn Harry klang fast genau wie seine Mutter. Er merkte nicht einmal, wie Remus Lupin ihn heimlich von der Seite her beobachtete.

Nach dem Abendessen am Weihnachtstag kehrte schnell Ruhe in den Kerkern ein. Remus verabschiedete sich und verschwand im Feuer des Kamins, und als Severus, der ihn begleitet hatte, zurück ins Wohnzimmer trat, musste er schmunzeln. Auf dem Sofa lagen die beiden Jungs, aneinander geschmiegt, tief und fest schlafend. Rasch griff er nach seiner alten Kamera, dieses Bild musste einfach festgehalten werden. Lucius würde sich freuen, das sehen zu können. Er machte einige Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln, dann legte er die Kamera beiseite und kümmerte sich um das Geschirr, das noch auf dem Tisch stand. Auch die Geschenke räumte er vom Tisch, seine ins Schlafzimmer, Harrys ins Kinderzimmer und Dracos ließ er von einem Hauselfen in dessen Zimmer bei den Slytherins bringen. Erst dann hob er die beiden Jungen nacheinander hoch und brachte sie in ihre Betten, zog sie mit einem Zauber um. Hoffentlich schliefen sie heute Nacht etwas länger.

Zwei Stunden später wurde das Feuer im Kamin erneut grün. Überrascht ging Severus hinüber. „Lucius?“

„Severus!“ Lucius strahlte zufrieden. „Narzissa hat Kopfschmerzen, sie hat sich bereits in ihre Räume zurück gezogen. Daher wollte ich noch einmal nach Draco sehen.“

„Nach Draco, so so.“, schüttelte Severus amüsiert den Kopf. „Dann tut es mir leid dir sagen zu müssen, dass dein Sohn bereits schläft.“ Er hielt sein Gesicht bewusst gleichgültig, auch wenn er froh war um diese Nähe, den unerwarteten Besuch.

„Hm, vielleicht auch nicht nur wegen Draco.“, ging Lucius darauf ein. Er trat zu Severus und zog den Tränkemeister in die Arme. „Ich liebe dich!“, raunte er. Hungrig küsste er seinen Partner, der sich nur zu gerne fallen ließ. Schnell zogen sie sich ins Schlafzimmer zurück, worauf sie einen Stillezauber legten, um dort ihr eigenes kleines Weihnachten zu feiern.

Am Morgen erwachte Severus alleine. Nur die zerwühlte andere Seite des Bettes zeugte von seinem nächtlichen Besucher. Severus streckte sich und genoss noch einige Minuten, in denen er seine Nase tief in das zweite Kissen steckte. Darin war der Geruch seines Partners, das hatte er so selten, da musste er es einfach auskosten. Im Kinderzimmer war es noch ruhig, daher erlaubte er sich diesen Luxus. Doch lange währte die Ruhe nicht, es war deutlich, dass Draco einige Minuten später erwachte und auch seinen Freund aufweckte. Da stand auch Severus auf und ging leise ins Bad. In der Zeit konnten die beiden Jungen noch im Kinderzimmer spielen.

Beim Frühstück sprach Severus dann das Thema an, über das er seit gestern immer wieder nachgedacht hatte. „Harry, ich habe überlegt, ob wir jetzt, in den Ferien, zum Essen immer mal wieder in die große Halle gehen sollten. Derzeit sind nicht viele Kinder und Lehrer da, dann ist auch nicht so viel los. Ich denke, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, dass wir beginnen, dich an die Mahlzeiten in der großen Halle gewöhnen.“

Erschrocken blickte Harry auf, doch er sagte erst einmal nichts. Hatte Severus Recht? Nun, er musste sich tatsächlich an die Schülermassen gewöhnen. Und da war es richtig, jetzt war es nicht so schlimm. Dennoch machte es Harry Angst.

„Ich passe auf dich auf.“, versprach Draco, dem die Entscheidungsfindung Harrys zu lange dauerte.

Harry lächelte, wenn auch etwas kläglich. „Ich weiß, Dray.“

„Dray?“ Der Blonde hob die Augenbraue.

„Nicht gut?“, wollte Harry vorsichtig wissen.

„Äh, ich weiß nicht.“, gab Draco zu. „Mir hat noch nie jemand einen Spitznamen gegeben, wenn man von ‚Drache‘ absieht, aber das ist ja eigentlich kein richtiger Spitzname, weil es nur die Übersetzung meines Namens ist.“ Er überlegte einen Moment. „Du darfst das sagen.“, erlaubte er großzügig.

Severus schmunzelte, wartete aber immer noch auf eine Antwort von Harry. Der überlegte weiter. Konnte er seine Angst überwinden? Das musste er sogar, wenn er so darüber nachdachte. Und dann war es jetzt wirklich der richtige Moment. Severus und Draco waren an seiner Seite, sie würden nicht zulassen, dass jemand ihm etwas tat. Das Problem war, als er das letzte Mal wirklich unter Leute gegangen war, hatten die Todesser ihn und Severus überfallen. Aber gestern auf dem Schulgelände hatten sie nur ein wenig geschaut, aber sonst war nichts passiert. Severus und Draco blickten ihn abwartend an. Also gut, dann probierte er es vielleicht doch. Je länger er wartete, umso mehr Gedanken machte er sich darüber und umso mehr Angst bekam er auch. „Okay. Probieren wir es.“, sprach er seine Entscheidung aus.

Zufrieden nickte Severus. „Du wirst sehen, es ist halb so schlimm.“, beruhigte er. „Natürlich werden sie dich ansehen, das ist nur logisch. Einerseits kennt jedes Kind in der magischen Welt deinen Namen, auf der anderen Seite bist du zwar mit den anderen Schülern angereist, aber du warst nie mit ihnen im Unterricht, sie haben dich seit dem 1. September nur noch einige wenige Male in meiner Gegenwart gesehen. Mit den Blicken wirst du umgehen lernen müssen, die werden dir wohl überall begegnen. Aber derzeit sind nur wenige Schüler im Schloss, nicht ganz zwanzig. Weniger sind es hier nie.“

Harry war nicht überrascht, dass Severus seine Bedenken gleich erkannte. Der Tränkemeister kannte ihn besser als er sich selbst. Mit dem Mann an seiner Seite konnte er alles schaffen, die Gegenwart Severus' beruhigte ihn. Damit würde er es schaffen. Er schenkte seinem Mentor ein kleines Lächeln. „Du bleibst bei mir?“

„Immer, Harry.“, versprach Severus ernst.

„Ich auch.“, schloss sich Draco an. „Ich bin dein Freund, Harry, ich lasse dich nicht allein.“

„Wir beginnen heute mit dem Mittagessen.“, entschied Severus. „Dann sehen wir, wie es klappt. Es sind noch einige Tage, bis die anderen Schüler zurück kommen, in der Zeit versuchen wir, wenigstens ein Mal am Tag dort zu essen. Wenn es gut klappt, steigern wir es. Du kannst entscheiden, wie weit wir gehen.“

„Okay.“, nickte Harry. Er nahm sich vor, dicht bei Severus zu bleiben, damit er sich notfalls dorthin retten konnte.

Severus beschloss das Thema nun, denn es drosselte Harrys Appetit, und das konnte der Junge sich nicht leisten. Tatsächlich schaffte es Harry, seine Portion aufzuessen. Danach probierte er mit Draco seine neuen Schachfiguren aus, bis es Zeit war, zum Essen zu gehen. Jetzt kam Harrys Nervosität schlimmer als zuvor zurück und er drängte sich dicht an Severus' Seite, griff nach seiner Hand, als sie auf die Flure traten, um nach oben zu gehen. Draco ging an seiner anderen Seite, sodass sich Harry einigermaßen sicher fühlte.

Dieses Gefühl von Sicherheit verschwand allerdings sofort wieder, als sie durch die Tür in die große Halle schritten. Hastig blickte Harry um sich, erkannte die Halle beinahe nicht wieder. Die großen, langen Haustische waren verschwunden, dafür stand ein runder Tisch in der Mitte der Halle, der groß genug für alle Anwesenden war. Severus und Draco grüßten klar und deutlich, wohingegen Harry nur eine leise Begrüßung murmelte. Der Tränkemeister schob ihn an den Tisch, wo nach einem Zauber des Schulleiters drei freie Plätze nebeneinander entstanden. Direkt neben Madam Pomfrey, die Harry liebevoll zulächelte. „Harry, schön, dass du dich zu uns gesellst.“, begrüßte sie ihn. „Ich wünsche dir noch frohe Weihnachten!“

Auch die anderen Professoren, allen voran Dumbledore, Flitwick, Sprout und McGonagall, schenkten Harry freundliche Worte und ein Lächeln. Die Schüler hingegen starrten nur, so, wie Harry es befürchtet hatte. „Setzt euch doch.“, forderte der Schulleiter nun auf. „Und dann lasst es euch schmecken. Die Hauselfen haben sicher wie immer hervorragend gekocht, es wäre schade, das zu verschwenden.“

Severus schob Harry vor sich her. Der Kleine wollte offenbar am liebsten wieder umkehren, doch Severus spürte, dass er es schaffen konnte. Deshalb übte er ein wenig Druck auf Harrys Schulter aus und bugsierte ihn zu dem Stuhl in der Mitte der drei freien Sitzplätze. So konnten Draco und er selbst ihn flankieren. Tatsächlich setzte sich Harry in ihre Mitte. Severus legte ihm etwas von den Kartoffeln, Gemüse und Fleisch auf den Teller, denn von selbst würde sein Junge sicher nicht zugreifen. Ein warnender Blick traf den Direktor, Severus wollte sicher gehen, dass dieser seinen kleinen Schützling nicht erneut zurück warf. Auch Poppy erdolchte Dumbledore mit ihren Blicken, sodass er wirklich den Mund wieder zuklappte.

Vorsichtig aß Harry, ohne seinen Blick vom Teller zu heben. Er spürte die Blicke der Anderen auf sich, daher behielt er den Kopf lieber unten. Der tat ihm ohnehin ein wenig weh, seine Narbe ziepte ziemlich. Aber erst einmal wollte er nichts sagen, sonst würden nur alle denken, er wolle sich vor dem Essen drücken.

Nach einigen Minuten gespannten Schweigens begann Severus ein unverfängliches Gespräch mit Poppy. „Hast du die Liste schon fertig?“

„Fast.“, antwortete die Medihexe. „Gestern gab es einige kleinere Zwischenfälle, daher wurde ich nicht ganz fertig mit meiner Inventur. Ich bringe dir die Liste in ein bis zwei Stunden, wenn dir das Recht ist?“

„Ja, das passt.“, nickte Severus.

„Darf ich dann helfen, die Tränke zu brauen?“, fragte Draco, was ihm irritierte Blicke der anderen Schüler einbrachte. Severus nickte nur.

„Du willst ernsthaft in den Ferien Zaubertränke brauen?“, wunderte sich ein Junge auf der anderen Seite des Tisches. Sein Umhang verriet, dass er ein Slytherin war, aber Harry konnte sich nicht an ihn erinnern. Er war sicher einige Jahre älter als sie.

„Ich will später auch einmal Tränkemeister werden, da kann ich nicht früh genug anfangen, praktische Erfahrung zu sammeln.“, gab Draco ernst zurück. „Professor Snape ist einer der besten Tränkemeister weltweit, also nutze ich jede Gelegenheit, um von ihm zu lernen, damit ich später eine Chance habe, so gut wie er zu werden.“

„Das ist ein sehr hochgestecktes Ziel, Mister Malfoy.“, kommentierte Professor McGonagall. „Aber wenn Sie bei Zaubertränken auch so aufmerksam und fleißig sind wie in meinem Unterricht, sehe ich nichts, was dagegen spricht, dass Sie es erreichen.“

„Aber, aber. Wir wollen doch jetzt in den Ferien nicht von Schule reden.“, gluckste der Direktor. Er blickte die Schüler an, die zwar aufmerksam zuhörten, sich aber offenbar nicht trauten, ebenfalls etwas zu sagen. „Heute Nacht gab es neuen Schnee, werden Sie wieder draußen so eine wundervolle Schneeballschlacht veranstalten? Ich habe es gestern richtig genossen, Ihnen zuzusehen. Leider hält mich meine Arbeit davon ab, mich daran zu beteiligen, aber es sah nach sehr viel Spaß aus. Oder, Miss Clayton?“

Am Ende sah er eine ziemlich unscheinbare, braunhaarige, deutlich ältere Schülerin aus Hufflepuff an, deren Wangen eine dunkelrote Farbe annahmen, sobald sie merkte, dass die Aufmerksamkeit aller auf ihr lag. Vor Schreck ließ sie ihr Messer fallen, das klirrend auf dem Boden ankam. Mit gesenktem Kopf zuckte sie nur die Schultern. Harry tat das Mädchen leid, sie mochte es offenbar auch nicht, wenn die Aufmerksamkeit ihr alleine galt. Allerdings war er dankbar, dass ihn nun nicht mehr alle anstarrten. Dumbledore wandte sich nun Professor Flitwick zu und begann mit ihm und Professor McGonagall eine Unterhaltung, während sich die Professoren Sprout und Snape mit Madam Pomfrey unterhielten. Nach und nach begannen auch die Schüler, leise miteinander zu sprechen, sodass sich Harry entspannte und deutlich hungriger zugriff. Nun, da er nicht mehr von allen Seiten beobachtet wurde, schmeckte ihm das Essen sogar.

„Wollen wir später noch eine Runde Schach spielen?“, fragte Draco ihn schließlich leise.

„Wolltest du nicht mit ins Labor?“, wunderte sich Harry.

„Ja, natürlich, ich meine ja auch danach.“, konkretisierte Draco.

„Vermissen dich deine anderen Freunde nicht, wenn du dauernd bei mir bist?“, wollte Harry wissen.

„Ach, die sehen mich doch sonst die ganze Zeit.“, winkte Draco ab. „Außerdem sind die Meisten ohnehin nach Hause gefahren.“

„Na gut, dann gerne.“, nickte Harry. Hoffentlich gingen die Kopfschmerzen dann weg. Unbewusst rieb er über seine Narbe. Er war sich nicht darüber im Klaren, dass Severus ihn heimlich beobachtete und insgesamt sehr zufrieden war, auch wenn er das Reiben der Narbe beobachten würde. Es musste nichts bedeuten, aber Harry würde nichts sagen, wenn er Schmerzen hatte, um ihn nicht zu stören, aber er sollte nicht leiden. Ansonsten war er mehr als zufrieden mit seinem Schützling. Ja, Harry schaffte das hier, es war nicht zu viel. Natürlich hatten die anderen Schüler zunächst gestarrt, aber das war eine vorhersehbare Reaktion gewesen. So würde es Harry wohl immer gehen, wenn er irgendwo zum ersten Mal auftauchte, damit musste er umgehen lernen. Die Schüler gewöhnten sich wahrscheinlich sehr schnell an seine Gegenwart, wenn sie das hier öfter machten, dann kamen auch keine dummen Blicke mehr. Oder wenigstens nicht so viel.

Überrascht sah Harry auf, als Dumbledore die Tafel auflöste. Alle hatten fertig gegessen und die Reste waren inzwischen verschwunden. Hastig stand er auf, als alle bereits standen, und folgte Severus und Draco zurück in die Kerker.

„Alles in Ordnung, Harry?“, erkundigte sich Severus, als sie wieder in der Wohnung waren. „Was macht dein Kopf?“

Harry nickte. „Ja, ist okay. Anfangs war es ein wenig komisch, weil alle starrten, aber sie haben bald aufgehört, dann ging es. Meine Narbe hat vorhin ein wenig geziept, aber es hat schon wieder aufgehört.“

„Ich bin stolz auf dich, du hast deine Angst überwunden und dich den Menschen gestellt.“, lobte Severus. Er nahm seinen Schützling in den Arm, wissend, dass das für Harry eine liebe Belohnung war. „Ich denke, wir werden das die nächsten Tage wiederholen, so gewöhnen sich alle daran. Und sollten die Schmerzen wieder kommen, sage mir bitte gleich Bescheid.“

Nun zuckte Harry ein wenig zurück, aber er blickte Severus an. Ein wenig unsicher nickte er schließlich. „Okay.“

Auch Severus nickte. „Na dann, ich glaube, ihr wolltet eine Runde Schach spielen.“, schickte er die Jungen ins Kinderzimmer. Als Draco protestieren wollte, hob er die Hand. „Ich habe die Liste noch nicht. Aber ich gebe euch Bescheid, wenn ich anfangen will, dann könnt ihr mitkommen.“

Draco nickte und ging mit Harry ins Kinderzimmer, wo sie Harrys neue Schachfiguren auspackten.

Wie versprochen holte Severus sie knapp zwei Stunden später, als er ins Labor gehen wollte. „Harry, Madam Pomfrey wollte dir noch eine Kleinigkeit schenken!“, hielt er dem Kleinen ein Päckchen hin. Vorsichtig öffnete Harry es und fand einen Pullover darin, der sehr flauschig und warm war. Die Farbe war genau die seiner Augen. „Die Wolle magischer Alpakas.“, erkannte Severus. „Der hält dich warm, ist aber nicht zu schwer und dick.“

„Der ist toll!“, schwärmte Harry strahlend. Dann fiel sein Gesicht ein. „Aber ich habe doch gar kein Geschenk für Madam Pomfrey!“

„Ich habe ihr im Namen von uns Beiden Karten für ein Konzert geschenkt, auf das sie sich schon lange freut. Also keine Sorge, es ist alles in Ordnung.“, beruhigte ihn Severus. „Wir wollten es nur nicht öffentlich machen, denn die anderen Schüler sollen nicht denken, dass du bevorzugt wirst. Du kannst dich bei ihr bedanken, wenn wir ihr nachher die Tränke bringen, in Ordnung?“

Harry nickte erleichtert.

Nun war auch Severus zufrieden. „Dann können wir jetzt ins Labor gehen. ABER: Ich erwarte von euch, dass ihr nichts anfasst ohne meine Erlaubnis.“, mahnte er streng, dabei sah er vor allem sein Patenkind an. Beide Jungen nickten. Severus nahm sich vor, die Beiden intensiv zu beobachten, sicher war sicher. Es war einfach zu gefährlich. Er besah sich erneut die Liste, die Poppy ihm gegeben hatte. Dabei fiel ihm etwas auf. „Draco?“, holte er sich die Aufmerksamkeit seines Patensohnes. Als der Blonde ihn fragend anblickte, sprach er weiter: „Erinnerst du dich an den Stärkungstrank, den wir gemeinsam gebraut haben in den Ferien?“ Draco nickte. „Genau den brauchen wir heute. Denkst du, du kannst den alleine, wenn ich dir ein Rezept mit genauen Anweisungen gebe? Ich wollte ihn nach den Ferien im Unterricht durchnehmen, aber er ist bereits zur Neige gegangen, Madam Pomfrey braucht neue Vorräte.“

„Ja, das kann ich.“ Draco war selbstbewusst, wie immer. Zwar hatte er bisher noch nie alleine gebraut, aber gemeinsam mit seinem Paten stand er bereits seit Jahren immer wieder im Labor. Das fand er schon als kleines Kind spannend. Seit er vier war erklärte er allen, die es hören wollten (oder auch nicht), dass er einmal Tränkemeister werden würde. Und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Draco wusste, dass sein Vater etwas Anderes lieber sehen würde, aber trotz allem ließ er ihm diesen Wunsch.

Severus kopierte das Rezept aus einem Buch, schrieb noch einige genauere Anweisungen dazu und gab es schließlich dem Blonden. Er half ihm, die Zutaten zusammen zu suchen, dann überließ er ihm die Arbeit. Der Tränkemeister hingegen ging zu seinem zweiten Arbeitstisch, an dem Harry wartete. „Wir beide brauen nun einen Heiltrank.“, erklärte er dem Kind. „Du kannst mir dabei helfen, die Zutaten vorzubereiten, wenn du magst. Ansonsten kannst du auch einfach nur zusehen.“

Harry überlegte nicht lange. „Ich möchte helfen.“, entschied er.

„Gut. Dann komm, holen wir alles, was wir brauchen.“, nickte Severus. Gemeinsam mit Harry ging er zu seinem großen Zutatenschrank. „Hier haben wir Einhornhaar, davon brauchen wir zwei Stück. Eine wertvolle und teure Zutat, aber dank Hagrid habe ich immer genug davon, er sammelt sie im verbotenen Wald, wo die Einhörner sie immer mal wieder an Büschen verlieren. Man sollte sie nicht unbedingt in der Sonne aufbewahren, das nimmt ihnen die Wirkung. Besser ist es, wenn sie dem Licht des Vollmondes ausgesetzt werden, bevor sie hier im Schrank aufbewahrt werden.“ Er gab die zwei einzelnen Haare vorsichtig in Harrys Hand, sodass dieser sie ansehen und berühren konnte. Als nächstes griff er nach einer kleinen Phiole. „Feuersalamander-Blut. Sehr hochwirksam für Heiltränke, auch bei Kräftigungstränken eine notwendige Zutat. Wir brauchen nur zwei Tropfen für die Menge des Trankes, die wir heute herstellen. Auch das darf nicht in die Sonne, sollte dunkel und kühl gelagert werden. Außerdem brauchen wir noch Murtlapp-Essenz, das stärkt die körpereigene Abwehr und hilft, magische Verletzungen zu heilen.“ Er griff noch nach einigen weiteren Dingen, die er für diesen Trank brauchte und erklärte Harry die einzelnen Zutaten. Der Junge hörte aufmerksam zu und besah sich alles genau.

Zurück am Arbeitsplatz legte Severus die Zutaten auf den Tisch. „Wenn du einen Trank braust, dann ist es immer am besten, du liest das Rezept zunächst komplett durch, damit du weißt, was auf dich zukommt. Dabei markierst du die wichtigen Stellen.“ Er zeigte ihm diesen Zauber. „Lege die Zutaten in der richtigen Reihenfolge vor dich hin. Sieh nach, wie die Zutaten vorbereitet werden müssen.“ Er zeigte Harry die unterschiedlichen Möglichkeiten, verschiedene Messer und Mörser, Schalen, Schneidbretter, Kessel und Rührlöffel. Streifen, Scheiben, Stücke oder Raspel, auch darauf kam es an. Erstaunt beobachtete Harry seinen Mentor, wie dieser die Zutaten vorbereitete. Der Tränkemeister reichte ihm einen Mörser und die Einhornhaare. „Versuche sie so klein und fein wie möglich zu zerreiben.“, wies Severus an. Er beobachtete Harry einige Momente, dann nickte er zufrieden und ließ den Jungen machen.

Kurz vor dem Abendessen waren die Tränke fertig. Auch der von Draco war sehr gut gelungen, der Blonde hatte es fehlerfrei geschafft. Nun füllten sie die Tränke ab, sodass sie sie in den Krankenflügel bringen konnten. Aber vorher aßen sie zu dritt auf Abend.

„Tränke brauen ist wirklich schwierig.“, stellte Harry fest. „Ein bisschen wie Kochen, aber hier muss man viel genauer arbeiten.“

„Da hast du Recht.“, stimmte Severus zu. „Gerade für die Tränke, die im Krankenflügel gebraucht werden, ist es wichtig, genau zu arbeiten. Es gibt Tränke, da kann eine falsche Bewegung des Rührlöffels schon die Wirkung umkehren. So wird aus einem Heil- schnell ein Gifttrank. Glücklicherweise erkennt man das aber schnell, da die Farbe dann ebenfalls umschlägt.“

„Deshalb wusstest du auch, dass Drays Trank gelungen ist?“, erkannte Harry.

„Genau. Der Geruch und die Farbe zeigen mir das.“, nickte Severus. „Allerdings muss man hierbei sehr genau auf die Feinheiten achten. Du erinnerst dich, dass Dracos Trank hellblau war?“ Harry nickte. „Ist er eine Nuance heller oder dunkler, dann ist das immer noch in Ordnung, aber nicht ganz so wirksam. Bekommt er allerdings einen Stich ins Türkise, dann wirkt er als Brechmittel. Das ist noch eine eher harmlose Wirkung, wenn ein Trank misslungen ist. Und dazu braucht es meist nicht viel. Ein wenig zu viel oder zu wenig von den Zutaten, zu oft oder in der falschen Richtung gerührt, und schon ist der Trank ruiniert. Deshalb lege ich im Unterricht sehr viel Wert auf exaktes Arbeiten.“

„Vielleicht solltest du das mal im Unterricht erzählen.“, überlegte Draco. „Ich glaube, Vielen ist das nicht klar, sie verstehen daher nicht, warum du so streng bist, Onkel Sev.“

Severus zuckte nur die Schultern. Er glaubte nicht, dass das einen Unterschied machte. Die Kinder mochten ihn nicht, waren zu ungeduldig für genaues Arbeiten. Und er hatte nicht die Geduld, es zwanzig Schülern auf einmal beizubringen und nebenbei noch darauf zu achten, dass keine Unfälle passierten. Meistens hörten die Jugendlichen ihm nicht einmal richtig zu, sondern machten einfach, was ihnen gerade einfiel. Kein Wunder, dass es fast in jedem Unterricht einen explodierenden oder geschmolzenen Kessel gab, egal, wie intensiv er die Kinder beobachtete. Alles konnte er auch nicht verhindern. Er verstand es selbst nicht, warum er mit einem einzelnen Kind, so wie Harry, viel mehr Geduld hatte wie mit einer ganzen Klasse. Aber so war es schon immer gewesen. Anfangs hatte er sich weigern wollen, die Patenschaft für Draco zu übernehmen, da er nicht glaubte, mit Kindern umgehen zu können, doch der kleine Blonde hatte ihn von Anfang an eines Besseren belehrt, schon immer hatte Draco ihn angehimmelt und jede gemeinsame Minute genossen. Deshalb durfte Draco ihm auch hier die Wahrheit sagen. Andere Kinder hätten sicher eine scharfe Bemerkung dafür kassiert.

Die nächsten Wochen wurden relativ ruhig. Nach den Ferien gingen Severus, Draco und Harry zumindest am Wochenende in die große Halle zum Essen. Anfangs hatte Harry erneut Panik gehabt, aber es hielt nicht lange an, dann gewöhnte er sich auch daran. Das lag sicher auch an der Tatsache, dass die Kinder nicht lange starrten, wenn Severus seinen ‚Todesblick‘ einsetzte. Der war aber auch zum Fürchten. Doch gegen Ende Januar hatte sich alles beruhigt. Severus' Geburtstag hatten sie zu Viert gefeiert, Lucius war gekommen zum Kaffeetrinken. Selbst Draco wusste nichts von der Beziehung seines Vaters mit Severus, und das wollten sie auch so belassen. Absichtlich würde Draco sicher nichts verraten, aber wie schnell sorgte eine Bemerkung für zu viel Aufmerksamkeit. Narzissa durfte unter keinen Umständen auch nur einen Verdacht bekommen. Harry ging erneut jeden Vormittag durch den Kamin ins Manor, wo Lucius mit ihm lernte. Auch davon hatte Narzissa keine Ahnung.

Inzwischen konnte er das mit den Flohreisen deutlich besser, aber bisher musste er nicht alleine reisen. So sicher fühlte er sich noch nicht. Manchmal ging er mit dem Blonden, manchmal aber auch mit Severus, der ihn hin brachte oder abholte. Inzwischen öffnete er sich Severus immer weiter, sodass er seine Vergangenheit langsam aufarbeiten konnte. Dadurch schlief er auch immer besser und ruhiger, sodass er tagsüber auch munterer wurde. Zusammen mit Draco ging er seit dem Ende der Ferien sogar immer wieder in den Gemeinschaftsraum der Slytherins, wo er sich mit Blaise Zabini und Millicent Bulstrode, zwei Klassenkameraden von Draco, nach und nach anfreundete. Etwas zögerlich zwar, aber dennoch.

Trotzdem setzte sich Severus durch, Harry musste an diesem Schuljahr nicht mehr teilnehmen. Obwohl er ihn bereits direkt nach dem Urteil offiziell abgemeldet hatte, wollte der Schulleiter darauf bestehen. Aber Severus hatte nicht nachgegeben, seine Argumente waren auch deutlich besser: Dafür müsste Harry so viel nachlernen, das war kaum zu schaffen. Auch, wenn er täglich mit Lucius lernte, so kamen dort doch nur wenige Dinge vor, die im Unterricht angesprochen wurden. Lucius legte den Fokus auf viele Dinge, die in der magischen Welt anders waren als bei den Muggeln. Das machte vielen Kindern aus der Muggelwelt meistens Schwierigkeiten, wenn sie unvorbereitet nach Hogwarts kamen. Natürlich lernte Harry auch den einen oder anderen Zauber, zumeist unter Aufsicht von Severus von Draco. Da nahm sich Lucius zurück, das lernte Harry, wenn er im Herbst dann richtig in Hogwarts startete.

Einige Male kam auch Remus Lupin zu Besuch, doch Harry konnte sich ihm gegenüber nicht so öffnen, wie der Dunkelblonde es sich wünschte, daher blieben die Besuche zumeist kurz und oberflächlich. Natürlich freute sich Harry, wenn er etwas von seinen Eltern erfuhr, aber das war auch schon alles, was positiv an den Besuchen war. Irgendwie war es für Harry trotzdem immer seltsam, da Severus und Remus sich immer noch nicht verstanden. Schließlich hatte sich der Dunkelblonde noch immer nicht ordentlich entschuldigt, er wirkte auch nicht sonderlich schuldbewusst. Außerdem verriet Remus nicht, dass er ein Werwolf war, doch Harry spürte, dass es da noch etwas gab, etwas Bedeutendes, und vertraute dem Älteren daher nicht. Also lud er den einzigen Freund seiner Eltern, den er kannte, immer seltener ein.

Severus vermutete, dass Harry einfach Zeit brauchte, um mit sich selbst klar zu kommen in dieser Zeit. Er mochte Remus, konnte sich aber nicht öffnen, spürte aber gleichzeitig auch die Ablehnung von Severus, was es für den Jungen nicht leichter machte. Das brauchte Zeit, wie es schien. Trotzdem versuchte Severus nie, Harry in der Richtung zu etwas zu zwingen. Remus hingegen drängte ihn immer wieder, wenn auch unbewusst, sodass Harry weiter und weiter auf Abstand ging. Der Tränkemeister nahm sich vor, mit dem Werwolf zu reden. Aber nicht sofort, das musste er in Ruhe planen. Am besten erst in den Sommerferien, dann hatten sie genug Ruhe, um sich die Zeit nehmen zu können. Dann konnte Harry den Mann vielleicht auch vorurteilsfreier kennen lernen.

„Harry?“, machte Severus Anfang Februar den Jungen auf sich aufmerksam. Gerade war er dazu gekommen, die heutige Post zu lesen. Der Junge sah seinen Mentor aufmerksam an. „Hier sind die Papiere, es ist nun endgültig entschieden. Ich bin ab jetzt offiziell dein Vormund, für dich verantwortlich.“ Obwohl er die mündliche Zusage schon lange hatte, bislang fehlten ihm die Unterlagen dazu, die es offiziell machten. Nun waren sie endlich gekommen.

„Das heißt, ich muss nie wieder zurück zu den Dursleys?“, versicherte sich Harry. Er sah so hoffnungsvoll aus, dass es Severus schauderte.

„Nie wieder!“, bestätigte Severus daher mit einem Lächeln.

„Und du bist jetzt sowas wie mein Vater?“, war Harrys nächste Frage.

Jetzt musste Severus schlucken. Dennoch nickte er nach einem Moment. „So etwas, ja.“ Er schüttelte den Kopf. Er als Vater. Das klang einfach nur verrückt. Und doch war Severus froh, dass Harry ihm so sehr vertraute. Und trotzdem. Nie hätte er geglaubt, dass jemand ihn als Vater bezeichnen würde. Er selbst hatte sich nie so gesehen. Ja, er mochte sein Patenkind und verbrachte gerne immer mal wieder Zeit mit ihm, aber zumeist war er dann doch froh, wenn er sich wieder zurückziehen konnte. Immer hatte er seine Freiheit genossen, selbst entscheiden zu können, was er wann machte.

Severus' Gedanken wurden unterbrochen, als sich zwei schmale, recht kurze Arme um ihn schlangen. Er sah nach unten, wo Harry ihn umarmte und sich an ihn schmiegte. Nach einem Moment legte auch Severus die Arme um den Kleinen. Harry war ihm sehr ans Herz gewachsen in den letzten Monaten. Nein, er bereute es nicht, die Verantwortung übernommen zu haben, auch wenn sich sein Leben nun wohl erheblich verändern würde, jedenfalls in den Ferien.

Zur Feier des Tages gab es an diesem Tag nach dem Abendessen eine Portion Eis für Harry und ein Glas Elfenwein für Severus. Der Tränkemeister erklärte Harry, was die Entscheidung über die Vormundschaft nun genau bedeutete. „Ich bin nun für dich verantwortlich, das bedeutet, ich sorge dafür, dass du genug zu Essen bekommst, dass du Kleidung hast, ein Dach über dem Kopf. Du wirst ein eigenes Zimmer in meinem Haus bekommen, darum kümmere ich mich vor den nächsten Ferien noch. Ich habe das Recht zu bestimmen, wohin du gehen darfst. Dennoch darf ich nicht alles, einige Dinge werden durch das Ministerium bestimmt. Also, ich könnte dich nicht einfach endgültig aus Hogwarts abmelden. Nur zurückstellen, damit du erst im Herbst gehst, das kann ich. Oder einfach so mit dir in ein anderes Land umziehen, das darf ich auch nicht. Theoretisch hätte ich auch das Recht, eine gewisse Menge Gold aus deinem Verlies zu nehmen, um für deinen Unterhalt zu sorgen, aber das werde ich nicht tun, es ist dein Gold. Ich habe genug, um für uns beide zu sorgen, keine Angst.“

„Heiße ich jetzt dann auch Snape?“, fragte Harry.

„Nein, es ist keine Adoption, dann wäre ich wirklich dein Vater.“, schüttelte Severus den Kopf. „Du behältst deinen Namen, bist weiterhin Harry Potter.“

„Danke, Severus!“, umarmte Harry seinen Mentor erneut.

Severus drückte Harry ein weiteres Mal an sich, dann schickte er ihn ins Bad. Anschließend las er ihm wieder etwas vor, während Harry sich bereits in sein Bett kuschelte. Heute hatte er wieder Aufsicht, und nachdem heute Quidditch gespielt worden war, rechnete er damit, dass er einige Schüler erwischen würde. Außerdem brauchte er ein wenig Ruhe, um über Einiges nachdenken zu können. Er war ohne Harry, der sich lieber mit einem Buch auf das Sofa gelegt hatte, beim Spiel gewesen, da Dumbledore darauf bestanden hatte. Vermutlich, um ein Auge auf Quirrell zu haben. Und er hatte mehr als das gehabt. Nach dem Spiel war er schon im Schloss gewesen, als er hörte, dass der Verteidigungslehrer in den verbotenen Wald gehuscht war. Kinder bekamen einfach fast alles mit. Seine Entscheidung traf Severus sofort, er drehte erneut um, damit er den seltsamen Professor treffen konnte. Die Schüler sollten nichts ahnen, daher achtete er darauf, dass die Kinder alle verschwunden waren, bevor er zurück nach draußen ging. Im verbotenen Wald traf er Quirrell, wie von Severus gehofft. Er hatte schon einige Male im Auftrag von Dumbledore mit ihm gesprochen, um herauszufinden, ob und wie weit Quirrell hinter dem Stein her war. Natürlich hatte Severus auf mehr als die gesprochenen Worte gelauscht, doch Quirrell war ein hervorragender Okklumentiker.

Nun musste Severus seine eigenen Schlüsse ziehen. Während der Aufsicht und auch ansonsten achtete Severus weit mehr auf die verbotene Tür im dritten Stock als sonst. Seine langen Beine trugen ihn ohne weitere Befehle durch die Schule, er musste nicht weiter darüber nachdenken. Er ließ seine Gedanken schweifen. Doch eine wirkliche Lösung fand er nicht.

Auch nicht in den nächsten Wochen, in denen er bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit seinem Kollegen sprach, doch der wich ihm aus, so gut es ging. Zumindest hoffte Severus, dass Quirrell merkte, er wurde intensiv beobachtet, und ging daher nicht weiter. Andererseits vertraute Severus gerade Hagrid sehr, und dass er das Geheimnis von Fluffy ausplauderte, war eher unwahrscheinlich. Nun, es konnte passieren, darüber war sich Severus klar, aber ganz sicher nicht gegenüber dem Professor für Verteidigung. Hagrid kam schnell in Plauderlaune, wenn er getrunken hatte, das war die Gefahr dabei. Auf der anderen Seite gab es noch weitere Hindernisse, auch er selbst hatte etwas zum Schutz des Steins beigetragen.

 

„Können wir Hagrid besuchen?“, wollte Harry am folgenden Wochenende wissen.

„Ich frage ihn beim Essen, ob er Zeit hat.“, nickte Severus. „Komm, beeile dich, deine Hauskameraden warten sicher schon.“

Harry nickte und zog seinen Umhang über, den er in der Wohnung nicht brauchte. Schnell ging er nach draußen, wo tatsächlich schon die Slytherins warteten. Inzwischen störte es Harry nicht mehr, wenn er in die große Halle kam. Anfangs hatten ihm die Blicke und das Flüstern Angst gemacht, aber dank Draco und Severus hatte er sich immer wieder überwunden. Auch seine neuen Freunde in Slytherin passten auf ihn auf. Wie immer ging Harry neben Draco, flankiert wurden sie von Crabbe und Goyle. Die beiden, die Harry zuerst an Dudley erinnert hatten mit ihrer Figur, waren sehr ruhig, aber sie boten ihm eine gewisse Sicherheit. Dazu kamen noch Blaise und Millicent, die hinter ihnen gingen und angeregt plauderten. So erfuhr Harry auch, dass sich Draco am vorherigen Wochenende, beim Quidditch, mit diesem Weasley geprügelt und dafür Ärger von Severus bekommen hatte. „Scheint, ich hätte doch mitkommen sollen.“, grinste der kleine Schwarzhaarige.

„Oh, du hättest Draco sicher gebremst.“, nickte Blaise. „Aber diese Rothaarigen wirken so intensiv auf unseren Draco hier, das ist fast so explosiv wie ein Erumpent-Horn.“

„Ja, bei Weasleys kann sich unser Draco einfach nicht beherrschen.“, stimmte Millicent seufzend zu.

„Still jetzt!“, zischte Draco. Zum Einen, weil es ihm peinlich war, das war offensichtlich, aber zum Anderen auch, weil sie inzwischen kurz vor der großen Halle waren. Severus saß bereits am Lehrertisch, wie immer.

Harry blickte sich nervös um, doch niemand schien sich besonders für ihn zu interessieren. Außer vielleicht Dumbledore, der sah ihn aber immer so komisch an, wenn sie sich begegneten. Hagrid war noch nicht da, aber das kam häufiger vor. Unwillkürlich kreuzte Harry seine Finger, dass es klappte mit dem Besuch bei dem Wildhüter. Er mochte Hagrid sehr und freute sich immer, ihn zu sehen, mit ihm zu reden.

„Harry, willst du lieber Gemüseeintopf oder Hühnchen?“, riss ihn Millicent nun aus seinen Gedanken.

„Etwas von beidem, bitte.“, antwortete er höflich. Inzwischen schmeckte ihm das Essen sehr und er hatte etwas Gewicht zugelegt. Severus und Madam Pomfrey waren sehr zufrieden mit seiner Entwicklung. Auch Mister Malfoy meinte, er sähe nicht mehr so aus, als ob ein Windhauch ihn umwerfen würde. Er selbst fühlte sich auch deutlich besser. Er aß langsam aber genießerisch und ließ sich am Ende etwas Pudding schmecken. Wie so oft ziepte auch heute seine Narbe, aber weder Severus noch die Medihexe hatten eine Ursache gefunden, sie beobachteten es nur, aber konnten nichts dagegen tun. Meistens verschwand es genauso schnell, wie es kam. Fast immer, wenn er beim Essen war, aber manchmal auch, wenn sie durch das Schloss gingen. Es war nie richtig schlimm, nur ein wenig unangenehm. Auch heute verschwanden die Schmerzen mit einem Mal wieder von selbst. Gemeinsam mit den Slytherins ging er am Ende zurück in die Kerker. Draco begleitete ihn in die Räume von Severus. Das kannten die anderen Slytherins bereits, daher sagte niemand etwas.

„Tut mir leid, Harry.“, wandte sich Severus an Harry, kaum dass er einige Minuten nach den Kindern in die Wohnung kam. „Hagrid meinte, er kann derzeit nicht. Er hat nicht genau gesagt, warum es nicht geht, aber mir scheint, er muss sich intensiver um ein Tier kümmern, wahrscheinlich ist es gefährlich. Daher müssen wir etwas Anderes machen, kein Besuch bei Hagrid.“

„Hagrid war vor ein paar Tagen in der Bibliothek.“, wusste Draco. „Er hat mit Granger und Wiesel gesprochen und ziemlich heimlich getan. Es sah aus, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Ich weiß zwar nicht, was er da gesucht hat, aber ich glaube, die Gryffindors wissen es.“

„Vermutlich hat er nach etwas gesucht, um das Tier zu versorgen.“, zuckte Severus die Schultern. Er vertraute dem Wildhüter, im Gegensatz zu Draco.

„Ich weiß nicht.“, widersprach der Blonde. „Irgendwas ist komisch.“ Er nahm sich vor, die Augen offen zu halten. Doch er sprach nicht weiter darüber, denn er konnte sehen, dass sein Pate nichts hören wollte. Den restlichen Nachmittag verbrachte er mit Harry, sie gingen Hedwig besuchen, während Severus zu einer Lehrerkonferenz ging, und warfen anschließend ein paar Steine in den großen See, um den Kraken hervor zu locken, den keiner der Beiden bisher gesehen hatte.

Severus hingegen fing Quirrell nach der Konferenz ab. „Und? Schon erfolgreich gewesen?“, schnurrte er leise und ließ den Anderen damit wissen, dass er ihn beobachtete.

„W… wa… was m… mei… meinst d… du?“, stotterte Quirrell erschrocken.

Severus war sicher, ein wenig Schuldbewusstsein zu sehen, aber das verschwand nach einem Sekundenbruchteil bereits, sodass er nicht sicher sein konnte, es wirklich gesehen zu haben. „Ich weiß, was Sie planen, Quirrell. Ich habe Sie im Auge!“, drohte er daher noch etwas deutlicher.

„I… ich? P… pla… planen?“, gab sich Quirrell unschuldig.

„Am besten bleibt alles, wo und wie es ist.“, mahnte Severus ein letztes Mal, dann drehte er sich weg.

„W… wie g… geht e… es d… dem k… klei… kleinen H… Ha… Harry?“, erkundigte sich Quirrell mit einem Mal.

Severus fuhr herum. „Was wollen Sie von dem Jungen?“, fauchte er drohend.

„N… ni… nichts!“, beteuerte Quirrell mit angstvoll erhobenen Händen. „I… ich d… da… dachte d… doch n… nur.“

„Wehe, meinem Jungen passiert was!“, warnte Severus sehr leise und kalt. Er merkte nicht einmal, dass er Harry als ‚seinen Jungen‘ bezeichnete, aber Quirrell war sich dessen sehr wohl bewusst. Erneut wandte sich Severus ab und ließ Quirrell diesmal stehen, bevor der noch etwas sagen konnte.

 

Auch in den nächsten Wochen hatte Hagrid keine Zeit für sie, fand immer fadenscheinigere Ausreden, sodass auch Severus misstrauisch wurde. So sehr er dem Halbriesen vertraute, so kam er nicht umhin zu bemerken, dass dieser etwas verbarg. Auch fiel ihm auf, dass die beiden Gryffindors, Miss Granger und Mister Weasley, sehr viel Zeit dort zu verbringen schienen. Dennoch hielt er sich fern, wollte nicht in die Privatsphäre des Älteren dringen. Hagrid hatte versprochen, sich zu melden, wenn er Hilfe brauchte.

Draco hingegen versuchte intensiv, hinter das Geheimnis zu kommen. Bis er eines Nachmittags in die Kerker kam. „In Hagrids Hütte lebt ein Drachen!“, behauptete er. Der Blonde war völlig atemlos, weil er den gesamten Weg gerannt war. „Ich habe es gesehen! Granger und Wiesel waren wieder dort, aber diesmal waren die Fenster nicht alle verhangen. Ich habe den Drachen gesehen, ich glaube, es ist ein norwegischer Stachelbuckel.“

„Draco, du spinnst!“, war Harrys erste Reaktion. Erstaunlich, dass er sich das sagen traute, aber scheinbar hatte er schneller gesprochen als nachgedacht, denn er schlug sich die Hand vor den Mund. „Sorry.“, nuschelte er.

„Das kann ich mir auch überhaupt nicht vorstellen.“, schüttelte Severus den Kopf. „Woher sollte er den denn haben? Und im Übrigen passt so ein Drache auf keinen Fall in ein Haus, selbst in das eines Halbriesen.“

„Er ist noch klein, bestimmt erst geschlüpft.“, beharrte Draco.

„Draco, das kann ich mir nicht vorstellen.“, erwiderte Severus. „Erstens, woher sollte er ein Ei bekommen? Und selbst wenn, die Aufzucht von Jungdrachen ist unheimlich kompliziert. Zweitens würde Professor Dumbledore das niemals zulassen, und er weiß eigentlich immer alles, was hier in Hogwarts vor sich geht. Drittens, Hagrid mag zwar manchmal Gefahren nicht ganz realistisch einschätzen, aber einen Drachen in Hogwarts aufziehen, das wäre selbst ihm zu gefährlich. Ich kenne Hagrid schon fast mein ganzes Leben, er würde niemals wissentlich Kinder gefährden. Also, ich denke nicht, dass du einen Drachen gesehen hast. Oder wenigstens keinen echten. Ich glaube eher, es ist eine Verwandlung. Miss Granger dürfte durchaus in der Lage sein, so etwas zu schaffen. Vielleicht wollte sie Hagrid damit einen Gefallen tun.“

„Aber ...“, begann Draco.

„Nein, Draco.“, unterbrach ihn Severus streng. „Lass dieses Thema ruhen. Ich fürchte sogar, die beiden Gryffindors haben möglicherweise gemerkt, dass du ihnen hinterher spionierst und deshalb etwas inszeniert. Also bitte, lass das Thema ruhen, bevor du dich lächerlich machst.“

Draco presste die Lippen zusammen. Er nickte, aber innerlich beschloss er, dieser Sache weiterhin nachzugehen. Er würde schon noch beweisen, dass er Recht hatte!

Tatsächlich folgte er den Gryffindors in den nächsten Tagen, so oft es ging. Als Ronald Weasley wegen einer Verletzung im Krankenflügel landete, besuchte er ihn unter einem Vorwand. „Autsch, das sieht böse aus.“, kommentierte er die verbundene rechte Hand des Rothaarigen.

„Mister Malfoy.“, mahnte die Stimme der Krankenschwester.

„Ja, schon gut.“, murrte Draco. „Ich wollte mir nur dein Buch ausleihen.“ Er deutete auf das, das auf dem Nachttisch lag. Wiesel schenkte ihm einen verwirrten, ungläubigen Blick, nickte aber, als er sah, dass die Medihexe sie weiterhin beobachtete. Rasch griff Draco danach und verschwand aus dem Krankenflügel, bevor noch jemand Verdacht schöpfen konnte.

Severus hingegen bekam Minuten später einen Anruf über das Flohnetzwerk. Poppy brauchte einen bestimmten Heiltrank, der nicht in den normalen Vorräten des Krankenflügels war. „Du hast einen Drachenbiss?“, erkannte Severus erstaunt. War doch etwas dran an Dracos Verdacht? „Wer? Hagrid?“

Poppy lachte. „Ja, bei ihm würde man das am ehesten vermuten, nicht wahr? Aber nein, es ist nicht Hagrid.“ Mehr sagte sie nicht, das gehörte zu ihrer Schweigepflicht.

Severus fragte nicht weiter, sicher würde er merken, welcher Schüler die nächsten Tage fehlte. Mit einem Drachenbiss kam kein Schüler in den Unterricht. Mit Hilfe von Harry braute er den Trank, der nur wenige Stunden brauchte, um fertig zu werden. Währenddessen grübelte er, wie das zugehen konnte. Doch noch bevor er den Trank in den Krankenflügel bringen konnte – der musste über Nacht abkühlen – rief ihn seine Kollegin aus Gryffindor in ihr Büro. Inzwischen war es Mitternacht vorbei, das war besser wichtig! Hastig zog sich Severus erneut an und eilte durch die leeren Flure des Schlosses, bis er endlich das Büro der Hauslehrerin der Gryffindors betreten konnte. Dort fiel sein Blick sofort auf seinen Patensohn, der ziemlich schuldbewusst dreinsah. „Was ist passiert?“, wollte er schneidend wissen.

„Ich habe Mister Malfoy auf den Fluren erwischt, weit nach der Sperrstunde.“, verkündete Minerva McGonagall eisig. „Ich habe ihm bereits fünfzig Punkte abgezogen, und er wird noch eine Strafarbeit bekommen. Er hat eine haarsträubende Geschichte über Drachen erzählt. Und er war nicht der Einzige, auch Miss Granger und Mister Longbottom waren nicht in ihrem Gemeinschaftsraum. Einen Drachen habe ich allerdings nicht gesehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, es ist ein Streich.“

„Ich nehme Mister Malfoy nun mit, wenn Sie gestatten.“, entschied Severus. Da seine Kollegin nickte, deshalb hatte sie ihn herbestellt, schnappte sich Severus sein Patenkind und zog ihn mit sich in Richtung der Kerker. „Was hast du dir dabei gedacht?“, zischte er wütend, als sie weit genug weg waren.

„Weasley, er wurde von dem Drachen gebissen.“, antwortete Draco wütend. „Ich habe mich doch nicht geirrt. Da war ein Drache. Und ich habe Weasley heute im Krankenflügel besucht, er wurde gebissen. Damit ich rein kam, habe ich zu Madam Pomfrey gesagt, ich bräuchte ein Buch von ihm dringend. Ich habe irgendeines mitgenommen, um nicht aufzufallen. Eigentlich wollte ich es ihm einfach so wiedergeben, aber da fiel ein Pergament raus. Ein Brief von seinem Bruder, dem Drachenzähmer. Darin stand, dass Freunde von ihm heute um Mitternacht auf den Turm kämen, um den Drachen mitzunehmen und zu ihm zu bringen. Ich … ich wollte ...“ Er verstummte mit einem Mal.

„Du wolltest zeigen, was für ein toller Kerl du bist, indem du die Gryffindors anschwärzt.“, schüttelte Severus enttäuscht den Kopf. „Du hättest damit zu mir kommen sollen. Ich dachte eigentlich, nach deiner Aktion beim Flugunterricht mit dem Erinnermich von Mister Longbottom hättest du das bereits gelernt. Du weißt, was das bedeutet.“

Niedergeschlagen ließ Draco den Kopf hängen und nickte. Natürlich war ihm klar gewesen, dass sein Hauslehrer die Strafe noch verschärfen würde, immerhin hatte er dem Haus Slytherin Schande gebracht. Die Erinnerung an seine Dummheit mit dem Erinnermich beschämte ihn. Damals hatte er mit seinen Flugkünsten angeben wollen. Dumme Idee, das hätte ihm klar sein müssen. Severus Snape war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Von Anfang an hatte er klar gemacht, dass er nicht duldete, wenn sich seine Schüler unvorteilhaft benahmen. Also machte er sich darauf gefasst, dass er innerhalb des Hauses zusätzlich noch eine Strafe bekam. „Was wird meine Strafe sein?“, erkundigte er sich schließlich.

„Du wirst bis zum Ende des Schuljahres deine Wäsche selbst machen.“, bestimmte Severus. „Du bist nicht besser als jeder Andere, auch wenn deine Mutter dir das beizubringen versucht. Mit einem Verhalten wie gerade zeigst du sehr deutlich, dass du nicht nachdenkst. Wenn du dich um deine Wäsche selbst kümmern musst, hast du Zeit, darüber nachzudenken, wie du dich besser verhältst, ohne deinen Status lächerlich zu machen. Außerdem wirst du deinen Besen bis dahin bei mir abgeben.“ Offiziell durften Erstklässler zwar keinen eigenen Besen in Hogwarts haben, aber bei seinem Patenkind hatte Severus bisher alle Augen zugedrückt.

„Ja, Professor.“, seufzte Draco.

Inzwischen waren sie in den Kerkern angekommen. „Geh jetzt ins Bett, Draco.“, befahl Severus. „Und ich will dich ohne Murren im Unterricht sehen. Du wirst deine beste Leistung geben, denn wer meint, abends nicht ins Bett zu müssen, kann früh auch ordentlich aufstehen.“

Ohne Widerworte nickte Draco. Er spürte, sein Pate war sehr enttäuscht, und das war schlimmer, als wenn er wütend wurde. Er hatte wirklich großen Mist gebaut. Am liebsten würde er nun heulen vor Scham, aber das würde alles nur noch schlimmer machen. Also biss er die Zähne zusammen und ging in den Gemeinschaftsraum, der leer war. Kein Wunder, inzwischen war es nach zwei Uhr morgens. In nicht einmal fünf Stunden musste er zum Frühstück in der großen Halle sitzen.

Severus hingegen ging einige Meter zurück, wo er in seine Räume trat. Leise, um Harry nicht zu wecken, schlich er ins Bad. Er war mehr als enttäuscht von Draco, andererseits machte sich ein gewisses Schuldgefühl in ihm breit, da er Dracos Hinweise abgetan hatte. Während er sich umzog, zum zweiten Mal in dieser Nacht, überlegte er, dass er dringend mit Hagrid reden musste. Das konnte nichts Gutes bedeuten, wenn er tatsächlich einen Drachen gehabt hatte. An Severus' Armen stellten sich alle Haare auf. Seine Instinkte warnten ihn.

Draco sah man am Morgen die kurze Nacht an, auch wenn er sich bemühte, es nicht zu deutlich werden zu lassen. Aber er war erst knapp zwölf Jahre, da steckte man so etwas nicht so leicht weg. Severus hatte kein Mitleid, da mussten die Kinder alle durch. Er selbst trank bereits die dritte Tasse Kaffee an diesem Morgen, auch er war nicht richtig wach. Vor zwei Stunden war er schon aufgestanden, damit Harry rechtzeitig im Manor war. Inzwischen frühstückte sein Kleiner zumeist mit Lucius im Manor, bevor sie mit dem Unterricht begannen. Da sie nicht alleine waren, hatte Severus nur kurz angedeutet, dass er mit Lucius sprechen müsse wegen Draco. Lucius hatte versprochen, gegen späten Nachmittag in die Schule zu kommen. Auf normalem Weg durch das Schloss, es war schließlich auch ein offizielles Eltern-Lehrer-Gespräch.

„Unterrichtest du Harry eigentlich immer noch selbst?“, erkundigte sich Albus in diesem Moment bei Severus. „Ich habe den Eindruck, dass dein Kamin häufiger genutzt wird.“

„Nein, Harry lernt bei einem … Bekannten.“, schüttelte Severus den Kopf. Im ersten Moment hatte er nichts sagen wollen, sich dann aber erinnert, dass er nun endgültig Harrys Vormund war und somit das Recht hatte, zu entscheiden, wo und von wem Harry lernte. „Ich konnte das nicht zusätzlich zum Unterricht und den Hauslehrerpflichten machen, nicht auf Dauer jedenfalls, wenn es Harry etwas bringen soll.“

„Ich hoffe, der Junge lernt dort, was er braucht.“, murmelte Albus. „Immerhin hat er eine Verpflichtung der magischen Welt gegenüber. Er ist schließlich der Einzige, der Riddle töten kann.“

„Das bezweifle ich.“, konterte Severus kopfschüttelnd. „Das ist es, was alle glauben. Aber es gibt keinen Beweis dafür, außer einer Prophezeiung, die nicht einmal seinen Namen nennt. Sie könnte auf mindestens ein anderes Kind zutreffen, wenn nicht mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass Prophezeiungen sehr ungenau sind und nicht zutreffen müssen. Vor allem von dieser Quelle.“

„Er ist ein Kind.“, empörte sich nun auch Minerva, die das Gespräch mitbekommen hatte. „Albus, du hast doch nicht ernsthaft vor, ein Kind in den Kampf zu schicken? Du hast mir erklärt, dass der Blutschutz von Lily Harry gerettet hat, aber das bedeutet doch nicht, dass der Junge nun die Verpflichtung hat, unsere Welt zu retten. Er ist ein Kind, Merlin nochmal! Wäre Lily hier, sie würde dich an deinem verfluchten Bart aufhängen!“

Severus schluckte und schmunzelte ein wenig. In seiner Kollegin hatte er eine unerwartete Hilfe. Das hätte er nicht geglaubt, lange war sie nicht mehr so für etwas eingestanden. Seit Jahren schien sie Albus Dumbledore blind zu folgen, aber aus irgendeinem Grund war das wohl jetzt vorbei. Gut für Harry. Dennoch war Severus froh, den Kleinen in seinem Haus zu haben. Minerva wäre nicht rechtzeitig für ihn eingestanden. Die Art und Weise, wie sie nun den Schulleiter verfluchte, war hingegen typisch und amüsierte ihn königlich. Trotzdem mahnte er sie, etwas leiser zu sein, da die Schüler das vielleicht nicht alles mitbekommen sollten.

„Du hast Recht, Severus.“, nickte Minerva, deutlich ruhiger als nur einen Moment davor. „Wie geht es Harry?“

„Merklich besser.“, berichtete Severus. „Er lernt fleißig, aber das, was er in diesem Schuljahr verpasst hat, kann er natürlich nicht mehr aufholen. Ab September allerdings wird er ein ganz normaler Schüler.“

„Das ist gut. Er hatte wirklich Glück, zu dir gekommen zu sein.“, atmete die Löwin auf.

„Ja, nun, das hatt' er wohl wirklich.“, brummte Hagrid.

Severus wandte sich dem Wildhüter zu. „Hagrid, ich würde gern mit dir reden. Hast du heute in der Mittagspause Zeit?“

Hagrid nickte unglücklich. Er schien zu ahnen, worum es ging. „Komm'n S'e zu mir, Pr'fessor, wenn S'e mi'm Unterricht fertig sin'.“, bot er an.

Severus nickte nur. Harry wusste, dass er selten zum Mittagessen in ihren Räumen war, aber inzwischen war der Junge selbständig genug, alleine bleiben zu können. Vermutlich fand er ihn nach dem Nachmittagsunterricht im Gemeinschaftsraum seiner Schlangen. Das war auch gut, so gewöhnte er sich bereits daran. Ab dem Herbst wäre das der Normalzustand, auch wenn er natürlich immer in seiner Wohnung willkommen war.

Nach dem Vormittagsunterricht ging Severus daher nach draußen und hielt direkt auf die Hütte des Wildhüters zu. Hagrid wartete bereits auf ihn, auf dem Tisch standen einige Schüsseln und Schalen, die bewiesen, dass er Essen von den Hauselfen bestellt hatte. Severus setzte sich und griff zunächst hungrig zu. Schließlich hob er seinen Blick. „Hagrid, was genau ist da passiert?“, wollte er wissen.

„'s tut mir leid.“, schluckte Hagrid. Er sah wirklich schuldbewusst aus. „Ich wollt' doch scho' immer'n Drachen. Und dann hab' ich das Ei g'wonnen. Beim Kart'nspiel'n. Naja, war wohl nich' die beste Idee. Ich hätt' gleich merk'n soll'n, dass's all's anders war, als ich dacht'. 's war meine Schuld!“ Am Ende schluchzte Hagrid auf.

„Immer mit der Ruhe.“, versuchte Severus, den aufgeregten Halbriesen zu beruhigen. Er musste mehr erfahren, wenn er ihm nun Vorwürfe machte, kam er keinen Schritt weiter. „Von wem hast du das Ei? Was wurde dabei gesprochen? Und wo ist der Drache jetzt?“

„N'ja, der kleene Norbert is' nu' bei Charlie. Charlie Weasley.“, begann Hagrid. „Die Kinners, also Hermine und Neville, hab'n mir g'holfen, sie hab'n den armen Kleenen auf'n Turm gebracht, dort hab'n Freunde von Charlie ihn abg'holt. Eig'ntlich wollt' Ron mitgeh'n, aber der konnt' ja nich'. Norbert hat'n gebiss'n, wie er'n gefüttert hat. Aber die Kinners wusst'n von dem Stein, ich musst'se doch ablenk'n.“ Er verstummte und schien darüber nachzudenken, was er sonst noch alles wusste. „Ich hätt' die Kinner nich' reinzieh'n dürf'n, aber sie wollt'n so gern helfen. Alles über'n Stein hatt'n s'e eh schon rausg'fund'n. Die sin' schlauer als gut für s'e is'.“ Er schüttelte gedankenverloren den Kopf.

„Und das Ei?“, insistierte Severus, als klar wurde, dass Hagrid nicht weiter sprach. Auf die Sache mit dem Stein ging er im Moment nicht weiter ein, es war ohnehin klar gewesen, dass früher oder später einige Schüler darauf kommen würden. Nur dass es Erstklässler waren, das überraschte Severus schon.

„Hm.“, brummte Hagrid. „Da war so'n Kerl, im Eberkopf. Hat sein G'sicht nich' gezeigt. Wir hab'n Karten g'spielt und ich hab' g'wonnen. Als er nix mehr hatte, gab er mir das Ei. Aber erst, nachdem er sich versichert hat, dass ich mit umgeh'n kann.“ Plötzlich verstummte der Halbriese und wurde leichenblass. „Oh nein!“, ächzte er.

Erschrocken schenkte Severus ihm einen Becher Schnaps ein und hielt ihm dem Wildhüter hin. „Was ist los?“, wollte er wissen. Sein Instinkt sagte ihm, jetzt kam der entscheidende Punkt.

„Ich … ich“ Hagrid trank erst einmal, dann begann er erneut: „Ich hab'm g'sagt, dass nach Fluffy das kein Problem wär'. Ich hab'm das Geheimnis vo'​​​​ Fluffy verrat'n!“

„Verdammt!“, fluchte Severus. „Und du hast keine Ahnung, wer der Kerl war? Könnte es Quirrell gewesen sein?“

„'s könnt' jeder g'wesen sein.“, gab Hagrid kleinlaut zu. „Un'ner Kapuze hab' ich's G'sicht nich' g'seh'n. Die Stimme war verstellt.“ Er überlegte kurz. „'s könnt' er g'wes'n sein, aber g'stottert hat er nich'. Tut mir wirklich leid, ich hab's verbockt.“ Geräuschvoll schnäuzte er sich in sein riesiges Taschentuch.

Severus wusste, weder hatte Hagrid es böse gemeint, noch absichtlich gemacht, dennoch war er wütend. Ihm war doch klar gewesen, wie viel auf dem Spiel stand! Nun hatte Quirrell möglicherweise einen weiteren Schutz geknackt. Wie viel er bereits wusste, konnte Severus nicht abschätzen, aber wenn es der stotternde Professor gewesen war im Pub, dann wurde es nun kritisch. „Weiß Dumbledore das bereits?“

„'türlich.“, schniefte Hagrid. „Hab's'm gleich g'sagt.“

„Gut.“ Severus atmete ein wenig auf. Vielleicht brachte der Schulleiter den Stein nun woanders unter. Das Beste wäre es in jedem Fall. Nach einem Blick auf seine Uhr entschied er, gleich noch mit seinem Vorgesetzten zu sprechen. Hastig verabschiedete er sich von Hagrid und war aus der Hütte, noch bevor der Wildhüter wusste, was gerade passierte. Severus eilte mit langen Schritten nach oben, bis er vor dem Wasserspeier stand. „Hüpfende Schokofrösche.“, nannte er das Passwort. Erneut schüttelte er den Kopf über diese idiotischen Passwörter, die sich Dumbledore immer einfallen ließ. Wie oft hatte er ihm schon angedeutet, dass jeder sich damit ganz leicht Zutritt verschaffen konnte, indem er einfach nur lange genug Süßigkeiten aufzählte. Doch Dumbledore war stur, er änderte deswegen nichts.

„Severus, mein Junge, schön, dass du mich besuchen kommst!“, gluckste der Schulleiter, als der Tränkemeister in sein Büro trat. „Wie geht es dem jungen Harry?“

„Ist der Stein an einem neuen, sicheren Ort?“, platzte Severus sofort heraus. Er hatte weder Zeit noch Lust für lange Unterhaltungen. Und schon gar nicht wollte er über Harry reden.

„Er ist dort sicher, wo er ist.“, schüttelte Albus seinen Kopf. „Ihr alle habt mir geholfen, den Stein zu schützen, warum sollte ich ihn aus diesem sicheren Versteck holen? Das wäre doch leichtsinnig, wer weiß schon, wer sich dann darüber hermachen will.“

Wie bitte? Severus verstand die Welt nicht mehr. Obwohl Dumbledore wusste, in welcher Gefahr der Stein war, wollte er ihn genau dort belassen, wo er war? Inzwischen wussten sogar einige Schüler davon! Wahrscheinlich versuchten sie nun ebenfalls, ihn zu finden. Das war gefährlich, aber wie immer schien das den Schulleiter nicht zu bekümmern. Gefahr hatte der schon immer unterschätzt. Genau wie Hagrid. Kopfschüttelnd verabschiedete sich Severus knapp als er merkte, er kam nicht weiter. Außerdem musste er ohnehin in den Unterricht. Dennoch musste er noch etwas wissen. „Wer auch immer hinter dem Stein her ist, woher wusste derjenige überhaupt, wo er ist?“

Dumbledore legte den Kopf schief und wirkte nachdenklich. „Ich könnte mir nur vorstellen, dass derjenige bei dem Einbruch in Gringotts herausgefunden hat, wer den Stein aus dem Verlies genommen hat. Ich hatte Hagrid den Auftrag gegeben, als er mit Harry in der Winkelgasse war. Schließlich ist Hagrid sehr zuverlässig. Aber wenn jemand das erfahren hat, wusste derjenige sicherlich, dass der Stein hier nach Hogwarts kam. Sollte es allerdings wirklich Quirinius sein, dann hat sein Hiersein mit dem Stein nichts zu tun, denn er hat sich bereits vorher für die Stelle als Verteidigungslehrer beworben. Ich weiß nicht, ob und wie das zusammen hängt, aber mir scheint, mir fehlt ein Detail. Die ganze Geschichte ist mir ein Rätsel, wenn ich ehrlich sein soll. Konntest du noch etwas herausfinden?“

„Nein, leider nicht.“, gestand Severus. „Meine Instinkte sagen mir, mit Quirrell stimmt etwas nicht, aber ich habe keinerlei Beweise. Einzig die Tatsache, dass er einige Ansichten mit Todessern zu teilen scheint, macht ihn verdächtig, aber das trifft etwa auf die halbe magische Bevölkerung zu.“

„Da hast du leider Recht, Severus.“, stimmte Albus Dumbledore zu. „Wir werden weiter auf alle Hinweise achten müssen. Schaffst du das, wenn du dich auch noch um den kleinen Harry kümmerst?“

„Ich mache das nun schon seit Monaten.“, schnappte Severus. „Ich werde das auch weiterhin schaffen.“

„Wie geht es dem Jungen nun denn?“, insistierte Albus.

„Er wird im Herbst hier in Hogwarts anfangen.“, versprach Severus, ohne weiter auf die eigentliche Frage einzugehen. „Und ich erwarte, dass Sie sich von ihm fernhalten. Er ist ein Junge, ein ganz normaler Schüler, nicht der Retter der Zauberwelt. Er soll seine Kindheit nicht damit verbringen, irgendwelchen Hirngespinsten nachzulaufen. Ansonsten nehme ich ihn hier aus der Schule und melde ihn an einer anderen magischen Schule an. Ich glaube nicht, dass mir der Gamot Schwierigkeiten damit macht, wenn er hier nicht frei sein kann!“ Ja, inzwischen hatte er kein Problem mehr damit, seinem Vorgesetzten zu drohen, immerhin konnte dieser ihn nicht mehr einfach so nach Askaban schicken. Er hätte schon viel früher offen sein und zu Madam Bones gehen sollen! Aber besser spät als nie.

Der Schulleiter wirkte nicht besonders begeistert, aber er widersprach zumindest nicht. Für den Moment beließ Severus es dabei, es war nun wirklich an der Zeit, zurück in die Kerker zu gehen, damit sein Unterricht pünktlich beginnen konnte.

„Denk daran, dass Mister Malfoy seine Strafarbeit ableisten muss!“, rief Albus ihm hinterher.

Severus dachte gar nicht daran, eine Antwort zu geben, denn es war selbstverständlich, dass seine Schüler zu einer Strafarbeit antraten. Außerdem war er nun wirklich sehr spät dran und musste sich beeilen. Rennen jedoch kam nicht in Frage, das war einfach würdelos. Also rauschte er, dank seinem Umhang mehr denn je einer Fledermaus gleichend, in die Kerker, um genau pünktlich die Tür zu seinem Klassenzimmer zu öffnen.

 

Pünktlich nach dem Nachmittagsunterricht kam Lucius in die Kerker und klopfte an die Tür von Severus' Büro. Da er einen Termin hatte, konnte er das Gelände von Hogwarts problemlos betreten. Severus ließ ihn ein und schloss die Tür. „Bitte, setz dich.“, bot er an. Kaffee und Tee standen auf dem Schreibtisch, dazu einige Kekse, von denen Severus wusste, dass Lucius sie mochte.

Tatsächlich griff Lucius zu, bevor er sich an seinen Partner wandte. „Was ist passiert? Hat Draco etwas angestellt? Oder stimmt etwas nicht mit seinen Noten?“

„Seine Noten sind einwandfrei.“, schüttelte Severus den Kopf. Dann erzählte er von dem vermeintlichen Drachen, dass er sich getäuscht und Draco verboten hatte, weiter zu forschen. Am Ende berichtete er, wie Minerva Draco mitten in der Nacht erwischt hatte.

„Du hast ihn bestraft, nehme ich an?“, vermutete Lucius sofort. Er kannte seinen Partner ziemlich gut.

Severus nickte und berichtete, was genau er entschieden hatte.

„Das ist hart.“, erkannte Lucius. Er wusste, wie gerne sein Sohn flog. „Aber gerecht. Wenn er sich nicht richtig benimmt, muss er die Folgen spüren.“ Auch er selbst erzog Draco nach diesem Prinzip. Er nahm sogar an, dass Severus das von ihm übernommen hatte, als er anfing als Hauslehrer.

„Er muss es lernen, dass er, auch wenn er mein Patenkind ist, nicht über allen anderen Schülern steht. Auch für ihn gelten die Regeln. Egal, wie wenig mir selbst das gefällt.“, erwiderte Severus hart. Die Hausregeln waren klar und schon immer hatte er sie konsequent durchgesetzt. Er wollte gerade nicht darüber nachdenken, dass das spätestens ab Herbst auch für Harry gelten würde. Das dürfte schwer für ihn werden, sollte er Harry bestrafen müssen. Und doch musste er auch da hart bleiben, denn dann war Harry ein Schüler wie jeder Andere.

„Du denkst an Harry, nicht wahr?“, riet Lucius, als er Severus beobachtete, der gedankenverloren in die Ferne starrte. „Er ist bereits jetzt wie ein Sohn für dich.“ Er griff hinüber und strich Severus sanft über die Wange. „Du machst das wirklich gut. Ich habe ihn heute eine erste, kurze Prüfung schreiben lassen. Müsste ich es benoten, hätte er mindestens ein ‚Erwartungen übertroffen‘ geschafft. Nur wenige Details fehlten bei einigen Fragen, aber eigentlich wusste er noch alles. Du kannst stolz auf ihn sein, er ist ein prima Junge.“

„Das bin ich.“, gestand Severus leise. „Ich bin stolz auf das, was er bereits geschafft hat.“ Er stand auf und verschloss sein Büro mit einem schwarz-magischen Verschlusszauber, dann zog er Lucius zu sich und küsste ihn. Als sich die kräftigen, durchtrainierten Arme um ihn legten, lehnte der Tränkemeister sich an den Blonden, der in etwa die gleiche Größe wie er selbst hatte. Einige Minuten küssten sie sich intensiv und verlangend, dann wich Severus einige Schritte zurück und setzte sich auf den Schreibtisch, zog Lucius zu sich. Mit einem hungrigen Grinsen drückte Lucius ihn zurück und lehnte sich über ihn. „Ich liebe dich!“, wisperte Severus, dann keuchte er auf, als Lucius ihm genau das zeigte.

In den folgenden Wochen versuchte Severus, mehr über Quirrell in Erfahrung zu bringen, doch er scheiterte. Als wäre der Mann vor diesem Jahr vollkommen unauffällig gewesen. Auch Lucius brachte nichts heraus, was irgendwie verdächtig war. Sie konnten seinen Lebenslauf rekonstruieren, doch der war ebenso unauffällig wie alles Andere. Das Einzige, was nicht so ganz dazu passte, war die Tatsache, dass er im letzten Jahr eine ganze Weile in Albanien gewesen war, das passte nicht so ganz dazu, aber mehr war da auch nicht. Lucius knurrte ein wenig, weil Narzissa offenbar auf einigen Veranstaltungen mit ihm getanzt hatte, aber da sie das mit vielen Männern machte, war auch das nicht weiter verdächtig. Einzig die Tatsache, dass es aussah, als hätte Narzissa ein Verhältnis, machte dem Blonden zu schaffen. Nicht, dass es ihm etwas bedeutete, Narzissa an sich war ihm egal, aber es ärgerte ihn, dass sie das alles machen konnte, ohne bestraft zu werden, und er würde alles verlieren, könnte Narzissa ihm eine Affäre nachweisen. Das verletzte Lucius' Stolz ziemlich.

Harry lernte fleißig, genau wie Draco, denn die Prüfungen am Schuljahresende rückten immer näher. Nach einem weiteren Gespräch, das Severus mit Hagrid führte, lud der Halbriese Harry einige Tage, nachdem er den Drachen wegbringen hatte lassen, zu sich ein. „Harry!“, begrüßte er ihn freundlich wie immer. „'s tut mir wirklich leid, dass ich dich in' letzt'n Woch'n nich' eing'lad'n hab'. Aber weißt du, da war Norbert, so'n kleiner Drache. Ich hätt'n nich' aufzieh'n dürf'n und wollt' dich da nich' mit rein reiten. Aber du darfst natürlich immer komm'n. Ich wollt' dich nich' ausschließ'n. Wollt' dir nur kein' Ärger nich' mach'n.“

„Und wir sind wirklich noch Freunde?“, erkundigte sich Harry leise.

Hagrid stand auf und kniete sich vor Harry, sodass er ihm einigermaßen in die Augen sehen konnte. „Wir sin' immer Freunde, Harry.“, versicherte er ernst.

Ein leises Lächeln huschte über Harrys Gesicht und er griff nach einem der Kekse. Nicht die selbstgebackenen von Hagrid, das hatte er nur einmal vorsichtig probiert, aber die aus der Küche von Hogwarts waren sehr gut. Hagrid grinste nur, er war nicht böse, dass Harry nicht seine Kekse aß. Doch er selbst mochte sie, daher standen sie immer griffbereit. Nach und nach taute der Kleine auf und erzählte von seinem Unterricht, auch wenn er nicht genau sagte, von wem er unterrichtet wurde. Er war nicht ganz sicher, ob Severus das Recht wäre, daher umschiffte er das Thema geschickt. Schnell fanden Hagrid und er die gemeinsame Basis und unterhielten sich stundenlang über verschiedene magische Wesen, für die sich beide begeisterten. Danach sah man Harry wieder öfter bei oder in der Hütte des Wildhüters.

Es wunderte Severus ein wenig, dass die angekündigte Strafarbeit von Draco noch nicht in die Tat umgesetzt worden war, aber dass sie vergessen wurde, das war nicht anzunehmen. Draco verhielt sich erstaunlich still in diesen Wochen, provozierte nicht einmal Weasley oder Longbottom von sich aus. Gut, wenn der Rothaarige anfing, stieg Draco darauf ein, aber das war vorhersehbar. Dennoch hielt es sich in Grenzen, es schien, als bremste Miss Granger ihren besten Freund. Und auch Longbottom war immer öfter mit diesen Beiden unterwegs. Auch sie lernten für die Prüfungen, wenn auch die Herren etwas weniger freiwillig.

 

Am Abend der Strafarbeit wartete er ungeduldig auf Dracos Rückkehr. Inzwischen wusste er, dass die Kinder mit Hagrid in den Wald gehen sollten, ein verletztes Einhorn suchen. Sicher eine Idee des Direktors, denn wer sonst käme auf die Idee, Erstklässler nachts in den verbotenen Wald zu schicken? Noch immer wurde er blass und würgte bei dem Gedanken, was alles passieren könnte. Leider hatte er nichts dagegen tun können. Einzig die Tatsache, dass der Halbriese bei den Kindern war, beruhigte ihn ein wenig. Auch, wenn Hagrid manche Risiken ein wenig unterschätzte, so würde er nie zulassen, dass Kindern etwas passierte, wenn er es verhindern konnte. Auf der anderen Seite war da etwas oder jemand im Wald, das Einhörner verletzte. Das war unglaublich schwer und so unsagbar, dass er sicher war, es war gefährlich für alle, die dort waren. An sich hatte er mitgehen wollen, aber das hatte Dumbledore ihm verboten. Obwohl er eigentlich am liebsten hinterher gelaufen wäre, konnte er nicht, denn er hatte keine Ahnung, wohin Hagrid mit den Kindern gegangen war. Dumbledore hatte ihn nach dem Essen zu lange festgehalten, sodass er nicht hinterher gehen konnte. Und sie jetzt aufs Geratewohl zu suchen, war viel zu gefährlich. Lieber wartete er hier auf Draco, dem er vorher schon geraten hatte, nach dem Ende der Strafarbeit noch einmal zu kommen. In Gedanken verfluchte er Dumbledore – und Minerva gleich mit, sie hatte das schließlich zugelassen – immer wieder mit den farbenprächtigsten Flüchen die ihm einfielen, doch er konnte einfach nichts tun, als hier zu stehen und zu warten. Unruhig lief er auf und ab, konnte nicht sitzen bleiben.

Beinahe wollte er erleichtert aufatmen, als er endlich schnelle Schritte auf dem Flur hörte, die auf sein Büro zukamen, doch dann stockte ihm der Atem, als er die Tür öffnete und Draco sah. Sein Patenkind war schneeweiß, die Augen weit vor Panik. Er sah aus, als wäre der leibhaftige Teufel hinter ihm her. Sein Mund stand offen, als würde er schreien, doch kein Ton kam heraus. Aufschluchzend warf sich der Junge in Severus' Arme, der sofort die Tür hinter ihnen schloss. Er hob Draco in die Arme, was der Blonde seit Jahren nicht mehr zugelassen hatte, und ließ ihn erst einmal weinen. „Was ist passiert?“, fragte er schließlich doch noch.

„Es … es war so schrecklich!“, wisperte Draco heiser. „Da … da war etwas im Wald. Es … ich weiß nicht, was es gemacht hat, ich hatte solche Angst!“ Noch immer waren seine Pupillen weit vor Schock.

„Draco, erzähle mir, was du gesehen hast. Von Anfang an.“, bat Severus sanft. „Nur so kannst du es verarbeiten, ansonsten wirst du die ganze Nacht Alpträume haben.“

Genau wie Harry sonst immer schmiegte sich jetzt Draco in die beschützenden Arme. „Erst war es fast witzig.“, gestand er. „Ich meine, ich sollte mit Longbottom nach dem Einhorn suchen. Dieser Hagrid meinte, es wäre wohl schon seit gestern Nacht verletzt, und er wollte helfen. Bisher hat er es nicht gefunden, daher sollten wir ihm helfen. Granger ging mit ihm, wir haben uns aufgeteilt. Longbottom war ziemlich panisch, weil es dunkel war, er hatte Angst vor allen möglichen Dingen. Naja, ich muss zugeben, ich fand es witzig, ihn zu erschrecken.“ Jetzt zog er den Kopf ein, er wusste, Severus hielt nicht viel von solchen Aktionen. Er wusste nicht genau, woran es lag, aber es hatte irgendwas mit seiner eigenen Kindheit zu tun.

Severus seufzte innerlich, sagte aber nichts. Trotz allem war Draco ein Kind, das in dem Moment vermutlich selbst Angst gehabt hatte. In so einer Situation taten viele Kinder, und auch Erwachsene, Dinge, auf die sie sonst nicht kamen. Er deutete ihm an, weiter zu sprechen.

Draco nickte gehorsam. „Naja, jedenfalls ging ich dann mit Granger weiter, während Longbottom mit Hagrid ging. Und dann haben wir es gefunden, das Einhorn. Es … es war tot. Wer tötet so etwas Schönes?“ Tränen schimmerten in den grauen Augen, doch Severus konnte ihm keine Antwort geben. „Da … da war noch etwas. Es war kein Mensch, nicht wirklich. Ich kann es nicht richtig beschreiben, es kam zu dem Einhorn und hat das Blut getrunken. Dann … bin ich davon gelaufen.“ Draco zitterte wie Espenlaub, als er sich daran erinnerte.

Severus' Gedanken rasten, während er seinen Patensohn beruhigte. Wer würde dieses verfluchte Leben auf sich nehmen und Einhornblut trinken? Dracos Beschreibung gab nicht viel her, aber vermutlich würde es auch nichts helfen, seine Erinnerung anzusehen. Draco beschrieb normalerweise sehr präzise, wenn er keine Worte dafür fand, war es etwas, das komplett außerhalb seiner Erfahrungen lag. Natürlich veränderte panische Angst die Wahrnehmung, aber Severus war sicher, dass Draco dennoch erkannt hätte, wenn es etwas war, das er kannte. So musste er sich weiterhin an Vermutungen halten. Es gab keine Lösung für seine Gedanken, aber Severus konnte nicht verhindern, dass sich immer wieder eine Person in seine Überlegungen schlich. Quirinius Quirrell, der seltsame neue Lehrer. Er wirkte so verängstigt, aber dennoch gab er nicht auf, wenn Severus ihn immer wieder bedrängte. Severus wollte herausfinden, was der Mann vorhatte, scheiterte aber bisher kläglich. Er war ziemlich sicher, dass Quirrell ein Todesser war, doch nicht einmal das konnte er nachweisen. Was für ein Spion war er eigentlich? Gerade überhaupt nicht nützlich. Nun gut, er würde nicht mehr als Spion zum Lord gehen können, das war ihm klar, aber seine ganze Erfahrung nützte ihm nichts gegen Quirrell. Das war zum Haare raufen. Darüber sollte er sich ein andermal Gedanken machen, im Moment war es wichtiger, Draco in sein Bett zu bringen. Der Junge war erschöpft eingeschlafen. Vorsichtig hob Severus ihn hoch und trug ihn in den Gemeinschaftsraum der Slytherins, von dort aus dann in sein Bett.

Am Morgen wirkte Draco noch immer vollkommen verstört, aber er riss sich zusammen. Schließlich sollten die Gryffindors nichts bemerken. Und auch sonst niemand. Severus fiel es auf, weil er seinen Patensohn schon so viele Jahre kannte. Für ihn war Draco wie ein Sohn. Auch, wenn es nicht sein durfte. Niemand durfte etwas ahnen, auch die beiden Jungen, Draco und Harry, nicht. Als alle beim Essen waren und niemand auf ihn achtete, neigte er sich zum Schulleiter. „Gibt es etwas Neues?“, wollte er leise wissen.

„Das Einhorn, das Hagrid suchte, ist tot.“, wisperte Albus bedauernd. „Ansonsten leider nichts. Hagrid konnte den Eindringling in den Wald nicht identifizieren. Auch Miss Granger konnte mir da nicht weiter helfen. Firenze, einer der Zentauren im Wald, brachte sie zu Hagrid zurück, nachdem er den Eindringling verscheucht hatte. Mister Malfoy ist offenbar heil zurück in die Schule gekommen?“

„Er ist unverletzt.“, nickte Severus. Von ‚heil‘ würde er in diesem Zusammenhang nicht sprechen, immerhin war der Junge völlig verstört gewesen. Wahrscheinlich immer noch, aber er konzentrierte sich hoffentlich jetzt erst einmal auf die anstehenden Prüfungen. „Und es gibt keinen Hinweis …?“

„Absolut nicht.“, schüttelte Albus den Kopf. „Wir können nur weiter die Augen offen halten.“

„Oder den Stein endlich aus der Schule entfernen.“, zischte Severus ärgerlich. Es war so derart verantwortungslos, den Stein hier zu belassen. Es war gefährlich genug, wenn jemand Jagd auf Einhörner machte, denn derjenige nahm sicher auch keine Rücksicht auf Schüler, aber so lange sie keine Hinweise hatten, konnten sie dem nicht weiter nachgehen, aber der Stein als weiterer Anreiz war einfach zu viel.

„Severus, er ist hier absolut sicher.“, beschwichtigte Albus. „Du musst dir keine Sorgen machen. Aber was Anderes. Wie geht es Harry?“

„Er lernt fleißig, wird im Herbst ohne Probleme anfangen können mit der Schule.“ Severus wusste genau, warum sein Vorgesetzter das Thema wechselte, aber er wusste es besser, als weiter darauf zu bestehen. Es brachte einfach nichts. Albus Dumbledore war eine gefährliche Mischung aus Naivität und Sturheit. „Mit Hilfe von Draco hat er inzwischen vielleicht ein Viertel der Zauber aus dem ersten Schuljahr gelernt, dazu das, was die Kinder aus magischen Familien mit nach Hogwarts bringen. Sein Selbstbewusstsein wächst von Tag zu Tag.“ Das war deutlich zu sehen, da er inzwischen jeden Tag mittags und abends in der großen Halle aß, gemeinsam mit den Slytherins. Dabei achteten aber vor allem die Älteren darauf, dass der Schulleiter Harry nicht zu nahe kam, darum hatte Severus sie gebeten. Severus frühstückte mit ihm in ihrer Wohnung, danach flohte Harry ins Manor. Etwas, das er dem Schulleiter sicher nicht verraten würde. Seit einigen Tagen schaffte er es sogar alleine. Er hatte wirklich viel gelernt von Lucius in den letzten Monaten.

Gerade war Harry tatsächlich im Manor. „Gut gemacht.“, lobte ihn sein Lehrer, als er aufrecht stehend aus dem Kamin trat.

Mit roten Wangen bedankte sich Harry. Seine Augen leuchteten. Aufmerksam setzte er sich an seinen Schreibtisch und wartete auf die heutigen Lektionen. Das Lernen mit Mister Malfoy machte ihm Spaß, das konnte er nicht abstreiten.

„Nun, Harry, dann wollen wir mal sehen, was hängen geblieben ist in den letzten Wochen.“, trat Lucius nun zu seinem Schüler und legte ihm einige Bogen Pergament auf den Tisch. „Hier sind Fragen zu allen Themen, die wir in den letzten Wochen besprochen haben. Du hast den ganzen Vormittag Zeit, aber natürlich darfst du diesmal nicht nachschlagen. Sieh es als kleine Prüfung, als Vorbereitung auf Hogwarts. Dort wirst du regelmäßig nachweisen müssen, dass du alles vernünftig gelernt hast. Keine Sorge, heute steht dein Weiterkommen nicht auf dem Spiel, es ist wirklich nur eine Vorbereitung, aber ich will auch sehen, was von dem Wissen hängen geblieben ist. Also gib dir Mühe.“ Er überließ Harry seinen Fragen und setzte sich an seinen Schreibtisch, um selbst einige Arbeit zu erledigen.

Harry war anfangs ziemlich nervös, wie bei jedem Test bisher. Mister Malfoy hatte ihn ganz schön überrascht mit seinem Test, aber als er die Fragen durchlas, merkte er, dass es nicht so schlimm war. Wie Severus es ihm beigebracht hatte, ganz am Anfang, las er zunächst alle Fragen durch und verdeutlichte sich, was genau gefragt wurde. Alle Fragen, die er sofort beantworten konnte, bearbeitete er als Erstes, dann kamen die, bei denen er etwas überlegen musste, aber zumindest noch Einiges dazu wusste. Ganz am Schluss beschäftigte er sich dann mit dem, wo er schwer überlegen musste, weil ihm kaum noch etwas einfiel. Aber das waren heute nur zwei Fragen, bei denen er im ersten Moment nichts mehr wusste. Nach einigem Nachdenken konnte er jedoch auch diese beantworten, wenn auch nicht so ausführlich, wie es Mister Malfoy sicher erwartete. Alles in allem fand er am Ende, dass es ganz gut gelaufen war für einen nicht angekündigten Test. Der erste nicht angekündigte Test, von den vorherigen hatte er immer gewusst. Er gab Mister Malfoy die Pergament-Bögen, als die Zeit beinahe um war. „Ich bin fertig.“, versicherte er.

„Sehr gut!“, lächelte Lucius. Er war wirklich stolz auf den Jungen, auf das, was vor allem Severus, zum Teil aber auch er selbst mit ihm geschafft hatten. „Dann kannst du jetzt zurück nach Hogwarts flohen. Erinnere Draco bitte daran, dass er am Freitag nach Hause kommt, weil der Frühjahrsball stattfindet.“

„Natürlich, das mache ich, Mister Malfoy.“, nickte Harry und lächelte ebenfalls. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag.“

„Den wünsche ich dir auch, Harry.“, nickte der Blonde. Er machte sich eine Notiz, dass er Harry langsam aber sicher die persönliche Anrede anbieten sollte. Das würde Harry sicher noch einen Schritt weiter bringen. Wobei, er war zwar immer noch ein wenig schüchtern, aber so selbstbewusst, dass er in Hogwarts nicht untergehen würde. Fragte sich nur, ob es Dumbledore wirklich schaffte, sich von ihm fern zu halten. „Bis morgen, Harry!“, verabschiedete er sich, in Gedanken versunken.

„Bis morgen, Mister Malfoy!“, grinste Harry und warf das Flohpulver ins Feuer. „Hogwarts, Büro von Severus Snape.“ Ein wenig angespannt war er zwar immer noch, aber hauptsächlich hochkonzentriert, nicht mehr ängstlich. Er erinnerte sich, wie Mister Malfoy mit ihm die ersten Übungen im Flohnetzwerk gemacht hatte. Vor zwei Monaten hatten sie damit begonnen, als Misses Malfoy nicht im Haus war. Anfangs hatte er sich einige Male im falschen Zimmer wieder gefunden, aber zumindest hatte er schnell gelernt, wie er vermied, Asche einzuatmen. So sprach er deutlicher und verirrte sich nicht mehr. Nun durfte er bereits alleine von Hogwarts ins Manor und zurück reisen.

Als er in ihren Räumen war, lief Harry schnell in sein Zimmer und legte die Schulsachen neben seinen Schreibtisch, dann warf er seinen Umhang über und ging in den Flur. Er musste nicht lange warten, bis die anderen Slytherins kamen. Draco wirkte blass und müde, fand Harry, als er sich neben ihm einreihte. „Alles okay?“, wollte er leise wissen. Draco nickte nur abwesend. Was war denn da los? Harry überlegte eine Weile besorgt, doch schnell fiel ihm ein, dass gestern Dracos Strafarbeit gewesen war. Vermutlich war die Nacht kurz geworden. Doch da nächste Woche die Prüfungen anfingen, musste sich Draco zusammen reißen. Schweigend gingen sie in die große Halle, während Blaise und Millicent hinter ihnen unausgesetzt plauderten. „Ach ja, ich soll dich daran erinnern, dass am Freitag der Ball ist.“

„Oh nein, das auch noch.“, entfuhr es Draco.

„Ball?“, wollte Blaise wissen.

„Der Frühlingsball, der traditionell von den Malfoys gehalten wird.“, stöhnte Draco. „Alle Reinblüter, die etwas auf sich halten, sind dort. Da wird Pansy wieder den ganzen Abend an mir hängen. Ihre Eltern wollen schon lange, dass mein Vater zustimmt zum Ehevertrag. Aber ich hoffe wirklich, dass er das nicht macht.“

„Ich bin auch da.“, gab Millicent zu. „Allerdings bin ich kein standesgemäßer Umgang, tut mir leid.“

„Aber viel angenehmer.“, wisperte Draco. Leider war das wieder so ein Moment, wo er sich geben musste, wie es sich für einen Malfoy gehörte. Reinblut in vielen Generationen, dazu reich und mächtig, angesehen und beneidet. Viele aus seinem Haus würden da sein, jeder würde jeden beobachten und jeder Fehler landete in der Presse. Dummerweise gab es keine Entschuldigung, die wirklich zählte. Die meisten Verletzungen waren dank Magie viel zu schnell geheilt, als dass sie ihn am Gehen hindern würden. Er seufzte ungehört. Da musste er nun wohl ein weiteres Mal durch.

„Harry?“, rief Severus fragend in den Raum. Gerade war er vom Mittagessen zurück.

Der Junge kam aus seinem Kinderzimmer. „Ja, Severus?“

„Ich habe heute den Nachmittag frei, wir sollten in die Winkelgasse, ein Geschenk für Draco besorgen, immerhin wird er morgen 12.“, erklärte Severus. „Zieh dich um, dann kann ich wieder Zauber auf dich legen, wenn du magst.“

Rasch ging Harry zurück in sein Zimmer und öffnete den Schrank. Da es warm war, entschied er sich für eine leichte Stoffhose und ein kurzärmeliges Hemd. Ein T-Shirt wäre ihm zwar lieber, aber er wusste, dass Severus gerade in der Öffentlichkeit Wert auf angemessene Kleidung legte. Und damit fiel er sicher weniger auf, das war ihm in den letzten Monaten immer bewusster geworden, wenn er Bilder im Tagespropheten gesehen hatte. Die Menschen in der magischen Welt kleideten sich anders als Muggel, und je mehr er sich anpasste, desto weniger fiel er auf. Dennoch ließ er sich von Severus ein wenig verändern, er hatte keine Lust, in der Zeitung zu landen. Auch Severus selbst legte einige Zauber auf sich, um nicht sofort erkannt zu werden. Zwar hatte es damals, als sie das erste Mal gemeinsam in der Winkelgasse gewesen waren, nicht viel geholfen, aber dennoch war es sicher besser.

„Bereit?“, wollte Severus wissen, als Harry zurück ins Wohnzimmer trat. Der Junge nickte. „Na dann komm, wir nehmen den Kamin im Büro.“

Diesmal traute sich Harry, alleine zu reisen. Severus folgte ihm dichtauf, nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war, Harry alleine in den tropfenden Kessel zu schicken. Doch es ging gut, sie verließen den Pub und fanden sich kurz danach im hellen Sonnenschein mitten in der magischen Einkaufsstraße wieder. Harrys Hand schob sich etwas unsicher in die von Severus, was dieser mit einem knappen Lächeln und einem kurzen Druck mit seinen Fingern quittierte. „Was schenken wir Draco?“, erkundigte sich Harry. In den letzten Tagen hatte er darüber nachgedacht, aber ihm war nicht viel eingefallen. Er wollte ihm nicht schon wieder eine Drachenfigur schenken, das hatte er Weihnachten erst gemacht. Aber Draco hatte alles, was er brauchte, bekam immer alles, was er sich wünschte. Was schenkte man ihm da?

„Ich habe mit Lucius gesprochen, wir schenken ihm einen neuen Besen.“, verriet Severus. „Von seinen Eltern bekommt er unter anderem einen Botenvogel, aber ich habe die Zusage, dass wir ihm den Besen schenken können.“

„Er wünscht sich den neuen Nimbus 2001.“, wusste Harry. Seit der Besen auf dem Markt war, schwärmte der Blonde davon. Die älteren Slytherins hatten Kataloge im Gemeinschaftsraum gehabt, da hatten sie den Besen bewundern können. Harry verstand nicht viel davon, aber der Nimbus 2001 sah schon wirklich schnittig aus. Sicher war der ziemlich schnell. Und Draco wollte nächstes Schuljahr in die Quidditch-Mannschaft, da brauchte er einen guten Besen.

Severus nickte. „Ich weiß. Gehen wir also und besorgen ihm einen Nimbus 2001.“ Leise seufzte er, er selbst war nicht besonders begeistert vom Fliegen, auch wenn er es natürlich konnte. Dennoch war es ihm lieber, beide Beine auf dem Boden zu haben. Er führte Harry in den Laden, wo es die Besen gab. Der Verkäufer war mehr als enthusiastisch, als er hörte, was sie wollten, doch Severus bremste ihn schnell. Er musste nicht wissen, was dieser Besen alles konnte, das wusste Draco sicher schon lange. Er wollte ihn nur schnell kaufen und dann wieder verschwinden. Ihr letzter gemeinsamer Ausflug hierher war nicht besonders gut geendet. Eine Wiederholung wollte er heute vermeiden. Also zahlte er schnell den horrenden Preis für den Besen und ließ ihn gleich für den Geburtstag verpacken. Verkleinert steckte er das Geschenk am Ende in die Tasche. „Brauchst du noch etwas?“, wollte er von Harry wissen. Der Kleine schüttelte den Kopf, scheinbar war er auch nicht ganz so entspannt, wie er nach außen schien. Kein Wunder, sicher erinnerte auch er sich an den Überfall vor einigen Monaten.

Severus kaufte noch ein Eis für beide, das Harry mit strahlenden Augen genoss, bevor sie zurück in die Schule flohten. Alles blieb ruhig.

Am nächsten Tag gingen die beiden Schwarzhaarigen gleich in der Früh hinüber in den Gemeinschaftsraum, um Draco zu gratulieren. Das Geschenk würde er erst am Nachmittag erhalten, aber zumindest wollten sie ihn gleich früh kurz sehen. Draco freute sich über die Glückwünsche, wirkte aber ziemlich unnahbar, da der Gemeinschaftsraum voll war. „Heute Nachmittag, nach dem Unterricht, kommst du zu mir.“, raunte Severus ihm zu. „Dann feiern wir richtig.“ Draco nickte nur knapp.

Nach dem Unterricht, als er in die Wohnung kam, wirkte er wesentlich entspannter. Mit vor Freude glänzenden Augen riss er das Paket auf, das den Besen enthielt. „Danke, Onkel Sev!“, fiel er seinem Paten um den Hals. „Danke, Harry!“, dann auch seinem besten Freund. „Was denkst du, fliegen wir eine Runde? Das muss ich dir unbedingt noch beibringen!“

Harry zuckte ein wenig zurück. Noch nie war er auf einem Besen gesessen. Ob er das konnte?

„Heute nicht mehr, es regnet viel zu stark.“, bremste Severus Dracos Eifer. „Außerdem wird es bald dunkel, das sind keine guten Bedingungen für einen ersten Flug. Und – du hast Flugverbot. Ich habe mich von deinem Vater breit schlagen lassen, dir den Besen zu kaufen, aber das bedeutet nicht, dass deine Strafe aufgehoben ist. Sie gilt bis zum Schuljahresende. In den Ferien kann Harry dann ohne den Druck der ganzen Schüler probieren, wie er sich auf einem Besen fühlt.“

Brummelnd stimmte Draco schließlich zu, sein Pate hatte Recht, auch wenn ihm das nicht gefiel. Aber Harry sollte ein schönes Wetter für seinen ersten Flug haben und es genießen können, was er hier sicher nicht konnte. Und er wollte nicht noch mehr Ärger mit Severus. Aber es juckte ihn in den Fingern, seinen neuen Nimbus 2001 auszuprobieren. Am liebsten würde er sich heute Abend noch raus schleichen, aber er hatte bereits mehr als genug Ärger am Hals, also entschied er, trotz aller Vorfreude zu warten. Irgendwie wollte er, dass Harry bei seinem ersten Flug auf dem neuen Besen dabei war. Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber das war ihm sehr wichtig. Inzwischen bestand die Freundschaft, die er sich damals, in der Winkelgasse, als er Harry zum ersten Mal sah, gewünscht hatte. Damals war er zu dumm gewesen, es richtig anzugehen, aber jetzt hatte er es doch noch geschafft. Dafür hatte er einfach nur er selbst sein müssen. Leichter als gedacht. Grinsend blickte er Harry über sein Stück Torte an. „Sobald das Wetter in den Ferien schön ist, gehen wir fliegen!“, versprach er.

Harry war nicht ganz sicher, ob er sich nun darüber freuen sollte oder nicht. Aber Draco sah so fröhlich aus bei dem Gedanken, dass er fliegen konnte, da wollte er nichts sagen. Er würde es einfach auf sich zukommen lassen und sehen, wie es wurde. Für jetzt genoss er einfach nur den leckeren Kuchen.

Auch Dracos Freund Blaise war hier, aber er hielt sich aus dem Gespräch heraus. Zu sehr schüchterte ihn die Anwesenheit seines Hauslehrers ein. Blaise und Draco waren gemeinsam aufgewachsen, seine Mutter war eng mit Narzissa befreundet. Er war Halbitaliener, sein Vater war ein Zauberer aus Venedig gewesen, der seiner großen Liebe, Blaise' Mutter, nach England gefolgt war. Mit ihm war die Frau relativ lange verheiratet gewesen, er hatte Blaise sechs Jahre lang zur Seite gestanden. Davor war die Frau bereits mit drei Männern verheiratet gewesen, keiner davon hatte länger als ein Jahr an ihrer Seite verbracht, bevor er unter mysteriösen Umständen starb. Blaise' Vater war bei einem Unfall gestorben, kurz vor dem sechsten Geburtstag seines Sohnes. Danach hatte seine Mutter bald wieder geheiratet, natürlich erneut einen reichen Mann, der ebenfalls nach kurzer Zeit starb. Der Junge mit den schwarzen Haaren und den hellen blauen Augen war meist ruhig und zurückhaltend, brauchte lange, um Vertrauen zu schöpfen, war dann aber treu und zuverlässig. Narzissa hatte damals dafür gesorgt, dass der Junge gemeinsam mit Draco unterrichtet wurde. Seither waren die Zwei fast unzertrennlich gewesen. Erst jetzt, mit Harry, hatte sich die Freundschaft gewandelt. Dennoch war Blaise Draco immer noch sehr wichtig. Er hatte nun zwei beste Freunde.

Severus ließ die drei Jungen nach dem Kuchen eine Weile alleine. Sie hatten noch etwas mehr als eine Stunde, bis sie zum Abendessen mussten. Zwar mussten sie dann ihre Hausaufgaben nach dem Abendessen machen, aber sie sollten diesen Tag ein wenig genießen können. Anfang Juni war als Schüler keine gute Zeit für einen Geburtstag, aber das konnte sich niemand aussuchen. Er selbst machte sich über die Korrekturen, jede Menge Pergamente lagen auf dem Schreibtisch in seinem Büro, genau wie ein ganzer Stapel Phiolen, die Tränkeproben enthielten. Auch diese mussten bewertet werden. Er seufzte leise. Er hasste diese Arbeit, und doch musste er sie weiterhin machen. Und wahrscheinlich noch mindestens so lange, bis der dunkle Lord vernichtet war, denn nun wusste er, dass die Todesser hinter ihm her waren. Um ihn selbst ging es ihm dabei nicht einmal unbedingt, aber er hatte nun die Verantwortung für Harry übernommen. Und das nahm er sehr ernst.

Außerdem wusste er sehr genau, dass Harry froh sein würde über seine Anwesenheit hier in Hogwarts. Er war zwar deutlich selbstbewusster geworden, aber diese Sicherheit brauchte er einfach trotzdem. Für Harry und Draco nahm er das hier gerne auf sich, auch wenn er lieber forschen statt unterrichten würde. In ein paar Jahren könnte er dann immer noch … Falls der dunkle Lord bis dahin endgültig vernichtet war. Vorher konnte er ohnehin nichts anderes tun, er musste mit Harry hier in der Sicherheit des Schlosses bleiben. Vielleicht noch nach Dover, in sein Haus, auch das war gut geschützt. Wobei, sollte der Lord zurück kommen, würden diese Schutzzauber wohl nicht reichen. Natürlich würden sie immer wieder Zeit im Manor verbringen, das hatte er bisher schon häufig in den Ferien gemacht, um seinen Patensohn zu besuchen. Harry und Draco waren eng befreundet, das war sicher ein guter Grund. Dann hatte er wenigstens einige Stunden mit Lucius. Ansonsten blieb ihnen nur Zeit, wenn Lucius zu ihm nach Hause kam, heimlich in den Nächten, wenn Narzissa bereits schlief.

 

Die drei Jungen verbrachten die Zeit in Harrys Kinderzimmer. Sie spielten eine Weile ‚Dumbledore explodiert‘, dann plauderten sie über alles Mögliche. Nun taute auch Blaise auf. „Was denkst du, Draco, was ist dran an den Gerüchten über den Drachen?“

Jetzt setzte sich Draco in Pose. „Hier kann ich es ja verraten.“, wisperte er geheimnisvoll und erzählte, was er erlebt hatte. Staunend lauschten seine beiden Freunde. Bisher hatte er tatsächlich den Mund gehalten, da Severus ihn darum gebeten hatte, aber vor Blaise und Harry hatte er keine Geheimnisse.

„Deswegen hast du Ärger mit dem Professor, nicht wahr?“, spekulierte Blaise. „Er war wirklich sauer auf dich.“

„Ja.“, murmelte Draco. „Aber … aber er hat mir einfach nicht geglaubt. Ich wollte es ihm beweisen, dass ich nicht verrückt bin. Wer konnte schon ahnen, dass ich von McGonagall erwischt werde. Naja, wenigstens hat es auch die Gryffindors erwischt.“

„Warte mal, Severus hat dich bestraft?“, wunderte sich Harry. Draco nickte mit geschürzten Lippen. „Aber … er wollte dir doch nicht glauben! Das ist unfair.“

„Das mag sein, aber er hat klar und deutlich gesagt, was uns erwartet, wenn wir uns nicht an die Regeln halten. Da ist er konsequent, immer. Es bringt nichts, wenn ich mich beschwere, ich wusste, was passieren würde, wenn ich erwischt werde, und bin das Risiko trotzdem eingegangen. Ich hätte mit dem Brief zu ihm gehen sollen.“ Er seufzte leise. „Dafür ist es jetzt zu spät.“

Harry schwieg, aber er dachte weiter darüber nach.

„Und du warst echt im verbotenen Wald?“, hakte Blaise nach.

„Ja, war ich.“, schüttelte sich Draco. „Und da will ich nie wieder hin. Das war echt schrecklich! Da war irgendwas, das hat Einhornblut getrunken.“

„Bei Merlin!“, hauchte Harry. Seit er bei Dracos Vater lernte, nahm er immer häufiger Merlin anstatt ‚Oh Gott‘ zu sagen. Auch Blaise war blass, dank des Unterrichts bei Mister Malfoy wussten beide, was das bedeutete. Wirklich schrecklich.

„Weiß der Professor etwas darüber, wer das war?“, erkundigte sich Blaise.

„Keine Ahnung, er hat nichts gesagt.“, zuckte Draco die Schultern.

Auch Harry wusste nicht mehr, daher ergingen sie sich nun in den schrecklichsten Vermutungen, was das bedeuten könnte. Severus unterbrach das nach wenigen Minuten, da es Zeit zum Essen war. Er schickte die Jungen mit ihren Hauskameraden in die große Halle, während er selbst schon voraus eilte.

Am Abend, bevor er ins Bett ging, sprach Harry seinen Vormund an. „Severus, warum hast du Draco nicht geglaubt, als er von dem Drachen erzählt hat?“

„Das war ein Fehler.“, gab Severus unbehaglich zu. „Ich hätte mich bei Hagrid erkundigen sollen, anstatt die Anzeichen zu ignorieren. Aber dafür ist es nun zu spät.“

„Wirst du die Strafe weiter aufrecht erhalten? Ich meine, hat Draco es wirklich verdient? Immerhin wurde er bereits von Professor McGonagall bestraft.“, wandte Harry, mutiger als er sich fühlte, ein.

Überrascht musterte Severus sein Mündel. „Ich werde sie nicht zurücknehmen.“, schüttelte er den Kopf und hob die Hand, als Harry protestieren wollte. „Aus zwei Gründen. Erstens hat er gegen die Regeln verstoßen, die ich Anfang des Jahres ausgegeben habe. Er war nachts außerhalb des Gemeinschaftsraumes, und dafür bekam er die Strafe. Das hätte er vermeiden können, wenn er mir diesen Brief gezeigt hätte. Aber er wollte ja unbedingt beweisen, dass er Recht hatte, und zwar auf eine Art, die nicht seiner Erziehung entspricht. Und zum Anderen würde es die anderen Slytherins irritieren, sie würden ihren Ärger an ihm auslassen, wenn er vermeintlich weniger streng behandelt wird. Und vor allem deshalb werde ich es nicht tun. Der Eindruck, Draco würde bevorzugt, soll nicht noch stärker werden. Das bringt seine, eure, Hauskameraden gegen ihn auf und endet mit bösem Blut, das würde ich gerne vermeiden.“ Er atmete einige Male tief durch. „Aber du hast Recht, ich sollte mich bei Draco entschuldigen. Ich hätte ihm glauben und nachforschen sollen.“ Er küsste Harry auf die Stirn, um ihm zu zeigen, dass er nicht böse war – diese Angst stand Harry deutlich ins Gesicht geschrieben – und schob ihn ins Bett. „Jetzt ist Zeit zum Schlafen für dich!“, verkündete er. „Leg dich hin, ich hole eine Geschichte zum Vorlesen.“

 

Nur wenige Tage später half Severus seinem Patensohn, sich für den Ball im Haus seiner Eltern herzurichten. Draco war nicht begeistert, aber da half alles nichts. „Draco?“, holte er sich die Aufmerksamkeit des Blonden. Der sah ihn fragend an. „Es tut mir leid. Ich hätte dir glauben sollen, als du von dem Drachen erzählt hast. Ich hätte nachforschen sollen und es nicht ignorieren dürfen.“

Draco sah ihn eine Weile nachdenklich an. „Ist angenommen.“, erwiderte er schließlich. „Ich hätte mit dem Brief auch zu dir kommen sollen, aber ich war sauer, weil du mir nicht geglaubt hast.“

„Es erschien mir so unwahrscheinlich.“, gab der Tränkemeister zu.

„Du wirst die Strafe trotzdem nicht aufheben.“, ahnte Draco.

Severus erklärte es ihm auf die gleiche Weise wie vorher Harry und band ihm gleichzeitig die Fliege, auch wenn der Blonde das eigentlich selbst konnte, aber ab und zu genoss er diese Fürsorge dann doch.

„Wow, du siehst toll aus!“, komplimentierte Harry, der dazu trat. Und das stimmte. Dracos Festkleidung war erst vor zwei Tagen geliefert worden, sie war passend für ihn geschneidert und ließ ihn edel wirken. Sie betonte seine schmale Taille und die hellen Haare, die er nach hinten gegelt hatte. Seine Haut wirkte dadurch noch heller als sonst und er sah wirklich aristokratisch aus. Der Festumhang war sehr leicht und luftig, sodass er nicht schwitzte, dabei silbrig und glänzend. Damit fiel Draco sicher auf bei dem Ball.

„Danke.“, murmelte Draco. „Ich wünschte, du könntest mit, das wäre sicher lustig. Wenigstens ist Blaise da, dann muss ich Pansy nicht alleine ertragen.“

„Wo ist Mister Zabini eigentlich?“, wunderte sich Severus.

„Er zieht sich in seinem Zimmer um und müsste gleich da sein.“, antwortete Draco.

Im gleichen Moment klopfte es an der Bürotür. Severus ging nach nebenan und öffnete. Auch Blaise sah ganz verändert aus, fand Harry. Seine dunklen Haare waren heute ebenfalls von Gel gebändigt, seine Fliege hatte die gleiche Farbe wie seine Augen. Ansonsten glich sein Anzug dem von Draco, nur der Umhang war schwarz. Auch ihm wünschte Harry viel Spaß, als es erneut klopfte. Nun kam auch Pansy, die ebenfalls die Erlaubnis hatte, durch den Kamin ihres Hauslehrers zu reisen. Gemeinsam mit ihr kamen noch einige ältere Slytherins, die ebenfalls eingeladen waren. Wortlos deutete Severus auf seinen Kamin und sie sahen zu, wie ein Schüler nach dem anderen mit den Worten „Malfoy Manor“ im Feuer verschwand. Blaise und Draco machten den Abschluss. „Bis dann!“ Severus nickte ihnen nur zu, er würde auf sie warten. Wobei Blaise wohl über das Wochenende bei seiner Mutter blieb, genau wie die meisten anderen Schüler. Nur Draco kam sicher heute Nacht zurück. Er würde dann in seinem Bett in Harrys Zimmer schlafen, das stand seit den Weihnachtsferien dort.

„Draco?“, wunderte sich Harry. „Was machst du da?“

Der Blonde stand mitten im Zimmer. Eigentlich sollten sie doch gerade schlafen! Severus hatte Draco ausnahmsweise erlaubt, hier zu schlafen, weil Draco nach dem Ball nicht mehr in den Gemeinschaftsraum gehen wollte, mitten in der Nacht. Aber jetzt ignorierte Draco Harry vollkommen, und ging, im Schlafanzug und mit Hausschuhen, los in Richtung Tür.

„Draco!“, rief Harry ihm hinterher. „Was soll das? Das ist nicht lustig!“ Harry machte sich Sorgen, ob Draco wohl schlafwandelte? Da hatte man angeblich auch die Augen offen und bekam nichts mit. Severus war nicht da, er hatte Aufsicht, das konnte noch einige Stunden dauern, bis er wiederkam. Immerhin war er erst gegangen, als Draco vor etwa einer halben Stunde zurück gekommen war. Also sprang nun auch Harry aus dem Bett, schnappte sich seinen Umhang, und folgte Draco besorgt.

Der führte ihn nach draußen in den Flur, die Treppen nach oben bis in den dritten Stock. Es gefiel Harry überhaupt nicht, aber so lange er nicht wusste, was er tun sollte, folgte er dem Blonden weiter. Wie sollte er Severus auf die Schnelle finden? Und selbst wenn, dann war Draco verschwunden, der war viel zu zielgerichtet unterwegs. Hier, im dritten Stock, öffnete er eine Tür, die in einen dunklen, nur von Fackeln beleuchteten Gang führte. Noch immer folgte ihm Harry, mehr als besorgt. Draco reagierte einfach nicht auf ihn. Am Ende des Ganges war eine weitere Tür, die öffnete Draco mit einem Zauber.

Jetzt schrie Harry entsetzt auf. Noch nicht einmal darauf reagierte Draco. Ein riesiger Hund mit drei Köpfen knurrte bedrohlich. Das musste der Cerberus sein, der Severus verletzt hatte! Wie hatte Severus gesagt, er bewachte etwas? Aber der Raum war gerade so groß, dass der Hund sich umdrehen konnte. Das war ziemlich gemein, schließlich wollte ein Hund sich bewegen, vor allem ein so großer. Kein Wunder, dass er aggressiv wurde. Aber weiter konnte Harry nicht nachdenken, da der Hund mit zwei seiner Köpfe nach Draco schnappte. Doch Draco ignorierte das Ganze, er holte Instrument aus seinem Umhang. Es sah aus wie eine winzige Harfe. Eine Lyra hatte Severus das genannt, als es in einem Buch vorkam.

Als Draco darauf spielte, wurden die Augen des Cerberus immer kleiner, bis er nach kurzer Zeit tief und fest schlief. Das war offenbar das Geheimnis des Cerberus, aber woher kannte der Blonde das? Nun öffnete Draco eine Falltür, die Harry jetzt erst bemerkte. Darauf hatte der Hund gestanden! Also war das, was er bewachte, unter der Falltür.

Noch bevor Harry etwas sagen konnte, sprang Draco in die Tiefe, dicht gefolgt von Harry, der nicht einmal nachdachte, sondern einfach seinem Freund folgte, um ihm zu helfen. Er konnte ihn doch jetzt nicht alleine lassen! Sie landeten weich, doch angenehm war das nicht. Schnell erkannte Harry, dass sie in einer Teufelsschlinge steckten. Gerade letzte Woche hatte er von Mister Malfoy gelernt, was dieses Gewächs alles konnte, aber auch, wie man aus ihrer Umklammerung entkam. Draco war nicht mehr zu sehen, er war offenbar schon durch. Mühsam entspannte sich Harry. Anfangs fiel es ihm so schwer, dass er glaubte, zu scheitern, aber dann ging es. Auf einmal fiel auch er auf den Boden unterhalb der Pflanze. Draco war schon nicht mehr zu sehen. Schnell lief Harry los, in die einzig mögliche Richtung. Ein steinerner Gang, in dem leise Wasser rieselte. Es ging immer weiter bergab. Von weitem erkannte er das helle Blond von Dracos Haaren und rannte, um ihn einzuholen.

„Warte, Draco!“, rief er, doch auch diesmal ignorierte sein Freund ihn. Vor ihm flatterte etwas, es glitzerte im Licht. Der Blonde wirkte hochkonzentriert, als er auf einen Besen stieg und in die Höhe schoss. „Draco! Vorsicht!“, schrie Harry entsetzt auf, als er mit ansehen musste, wie sein Freund beinahe an einen Balken stieß, nur knapp ausweichen konnte. Erst jetzt erkannte Harry, dass es lauter kleine Schlüssel waren, die mit ihren Flügeln vor Draco flohen. Doch der Blonde hatte seine Augen genau auf einen Schlüssel gerichtet, der ziemlich groß und alt aussah. Harry blickte um sich, er stand vor einer Tür, zu deren Schloss der Schlüssel offensichtlich passte. Noch ehe er sich wieder zu Draco umdrehen konnte, landete der Blonde neben ihm, ignorierte ihn jedoch weiterhin und steckte den Schlüssel in das Schloss.

Er öffnete die hölzerne Tür, und sobald er eintrat, wurde es hell. Harry erkannte ein riesiges Schachspiel. Schnell wurde ihm bewusst, dass sie sich auf die andere Seite spielen mussten, als Draco den Platz auf dem Pferd einnahm. Harry stellte sich in die Ecke, wo der Turm stand. Es dauerte nur Minuten, bis Draco den gegnerischen König schachmatt setzte. Der Blonde war ein echtes Ass in diesem Spiel, selbst Severus musste sich inzwischen anstrengen gegen ihn. Sobald der gegnerische König geschlagen war, eilte Draco zur Tür hinter ihm. Ein weiterer Flur führte sie noch weiter in die Tiefe.

Doch auch hinter der nächsten Tür wartete eine unangenehme Überraschung auf sie - ein Troll. Ein Glück hatte Harry zu Weihnachten den Umhang bekommen, der seither in seinem Umhang steckte. Er wollte ihn einfach immer bei sich haben, das war alles, was er von seinem Vater hatte. Schnell stand er neben seinem Freund und warf den seidigen Stoff über sie. Nun wusste er, dass der Hinweis, ihn immer bei sich zu tragen, durchaus sinnvoll gewesen war. Leise schlichen sie am Rand des Raumes an dem Troll vorbei, der nur irritiert auf die Tür glotzte, die offen stand. Mit seinen Armen wedelte er herum, als wolle er einen unsichtbaren Eindringling finden, doch er rechnete offenbar nicht mit Kindern, seine Arme gingen weit über sie hinweg.

Die nächste Tür warfen sie hinter sich zu, sobald sie durch waren, damit der Troll sie nicht verfolgen konnte. Nun standen sie in einem Raum mit lauter Fläschchen auf einem Tisch. Als hinter ihnen die Tür zu war, wallte ein purpurrotes Feuer auf. Auf der anderen Seite des Raumes war die nächste Tür, dort zeigten sich nun schwarze Flammen. Als würden die Türen brennen. Schnell traten sie zu dem Tisch, auf dem sieben vollkommen unterschiedliche Phiolen mit Tränken standen. Draco griff nach einem Pergament, das unter einem der Fläschchen lag. Harry lehnte sich über Dracos Schulter, und sie lasen das Rätsel:

Die Gefahr liegt vor euch, die Rettung zurück,
Zwei von uns helfen, bei denen habt ihr Glück,
Eine von uns sieben, die bringt euch von dannen,
Eine andere führt den Trinker zurück durch die Flammen,
Zwei von uns enthalten nur guten Nesselwein,
Drei von uns sind Mörder, warten auf eure Pein.
Wählt eine, wenn ihr weiterwollt und nicht zerstäuben hier.
Euch helfen sollen Hinweis' - und davon ganze vier:
Erstens: so schlau das Gift versteckt mag sein,
's ist immer welches zur Linken vom guten Nesselwein;
Zweitens: die beiden an den Enden sind ganz verschied'ne Leut,
doch wenn ihr eine weiter geht, so ist keine davon euer Freund;
Drittens: wie ihr deutlich seht, sind alle verschieden groß.
Doch weder der Zwerg noch der Riese enthalten euren Tod.
Viertens: die zweite von links und die zweite von rechts werden Zwillinge sein,
so verschieden sie schauen auf den ersten Blick auch drein.

[J.K. Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen, S. 309]

„Das ist leicht.“, erkannte Draco. Zum ersten Mal, seit sie das Zimmer verlassen hatten, sprach er etwas anderes als einen Öffnungszauber oder Schachkommandos. Er griff zielsicher nach einer Phiole, öffnete sie und trank einen Schluck. Erschrocken beobachtete Harry ihn, wie er durch das schwarze Feuer an der nächsten Tür trat.

Da Draco offenbar nichts passierte, trank auch Harry einen Schluck von dem eiskalten Trank, beinahe wie Eiswasser, entschlossen, seinen Freund nicht alleine zu lassen. Das Feuer war nicht heiß, es wirkte eher, als würde er durch einen warmen Wind gehen. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er vergessen hatte, Severus Bescheid zu geben, es war einfach viel zu schnell gegangen. Nun versuchte er, sich an den Namen einer der Hauselfen zu erinnern, sodass er sie rufen konnte. Währenddessen beobachtete er, wie Draco vor einem Spiegel stand. Das schien nicht gefährlich zu sein, fand Harry, daher erlaubte er sich die Ablenkung. „Twixy!“, erinnerte er sich auf einmal.

Es dauerte beinahe eine Minute, dann realisierte Harry, dass die Hauselfe entweder nicht auf ihn reagierte, oder aber nicht kommen konnte. Sie waren auf sich alleine gestellt. Was sollte er nun tun? Er musste Severus verständigen, aber wie? „Bitte, wenn mich jemand hört, wir brauchen Hilfe!“, flehte er.

Draco stand noch immer vor dem Spiegel und wirkte verwirrt. „Ich brauche den Stein!“, murmelte er fiebrig vor sich hin. „Wo ist er? Ich muss ihn finden. Ich muss einfach!“

„Hilfe, bitte!“, flehte Harry weinerlich. Er hatte Angst, panische Angst. „Severus!“

Mit einem Mal tauchten zwei Männer auf. Keine Menschen, wie Draco und er selbst, aber auch keine Geister wie der blutige Baron, den Harry einmal im Flur gesehen hatte. Nicht so gruselig. Einer von ihnen war groß und schmal, mit grauen Haaren, einem spitzen, grauen Bart und grauen Augen, der andere breiter, fast genauso groß, mit welligen, roten Haaren und einem wallenden Bart in der gleichen Farbe, während seine Augen beinahe das gleiche grün wie Harrys hatten. Der Rothaarige ergriff das Wort. „Du hast um Hilfe gebeten, junger Zauberer?“

Erschrocken blickte Harry die beiden … Männer an. „Äh, ja. Was … wer sind Sie?“

„Verzeih, dass wir uns nicht vorgestellt haben.“, neigte der Grauhaarige den Kopf. „Mein Name ist Salazar Slytherin, und das hier ist Godric Gryffindor. Wir sind die Seelen der Gründer, seit unserem Tod sind wir hier eingesperrt. Hier im Schloss. Normalerweise zeigen wir uns niemandem, aber wir spürten eine gewisse … Nähe zu dir. Welche Art von Hilfe benötigst du, junger Mann?“

Harry deutete auf Draco. „Mein Freund, er ist so komisch. Er kam hierher, hat nicht auf mich reagiert. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich wollte eine Hauselfe schicken, um Severus zu holen, aber sie reagiert nicht. Und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll!“ Seine Stimme wurde immer hektischer und schriller, je länger er sprach. Man konnte seine Angst hören.

Sofort wandte sich der Grauhaarige um und sah Draco näher an. „Mir scheint, dieser Junge steht unter einem Fluch.“

„Er sagt die ganze Zeit, er will den Stein finden, aber ich weiß nicht einmal, wovon er spricht.“, verzweifelte Harry immer weiter.

„Oh, nun, das kann ich dir sagen.“, verriet Godric Gryffindor. „Der derzeitige Schulleiter hat den Stein der Weisen hier im Schloss versteckt. Aber woher der Junge davon weiß, kann ich nicht sagen. Eigentlich sollte kein Schüler etwas erfahren. Aber das ist nun nebensächlich, jetzt müssen wir zusehen, dass wir deinen Freund von dem Fluch befreien.“

Salazar Slytherin untersuchte derweil bereits Draco, der noch immer vor dem Spiegel stand, und versuchte, herauszufinden, wie er denn nun an den Stein kam. Er zog seinen Zauberstab, der irgendwie auch ein bisschen … substanzlos auf Harry wirkte. Nicht durchscheinend, aber so, als ob er dabei wäre, sich einfach aufzulösen. Dennoch konnte der Gründer damit Zauber wirken, wie es aussah, denn mit einem Mal wurden Dracos Augen wieder klarer und er fokussierte. „Wo bin ich? Was ist hier los? Und wer sind Sie?“, wollte er von Salazar Slytherin wissen.

„Dray!“ Erleichtert atmete Harry auf.

„Harry? Was machst du hier? Und wo sind wir hier? Was ist passiert?“ Draco wirkte immer verwirrter.

Schnell berichtete Harry, was er wusste, und stellte die Seelen der Gründer vor. „Ihr habt einen Imperius-Fluch abbekommen, junger Mann.“, erklärte Slytherin am Ende. „Offenbar solltet ihr für jemanden diesen Stein der Weisen an euch bringen. Allerdings ist es mir gelungen, den Zauber vorher zu lösen.“

„Aber wir werden den Stein nun selbst in Sicherheit bringen, sodass nur derjenige, der ihn geschaffen hat, an ihn heran kommt.“, mischte sich Godric Gryffindor ein. „Ich gehe in mein Portrait, vielleicht kann ich den Hauslehrer der Beiden dort erreichen.“

Salazar nickte nur. „Ich kümmere mich um den Stein.“, erwiderte er. Dann sah er die beiden Jungen an. „Setzt euch in der Zwischenzeit und fasst nichts an.“, forderte er. Die Zauber, die den Weg hierher bewachten, sollten sie nicht noch einmal überwinden müssen, das war viel zu gefährlich für Kinder.

„Das denke ich nicht!“, mischte sich eine andere Stimme ein.

Harry zuckte zusammen und presste sich die Hand auf die Stirn. Im gleichen Moment, als die Stimme ertönte, brannte die Narbe wie Feuer.

„Professor Quirrell?“, wunderte sich Draco. Warum stotterte der Professor auf einmal nicht mehr? Das war mehr als sonderbar.

Langsam wickelte der Verteidigungslehrer seinen Turban ab. An seinem Hinterkopf konnte man ein zweites Gesicht erkennen. Als dieses Gesicht die Augen öffnete, schrie Harry auf und drückte beide Hände an seinen Kopf. Er hatte das Gefühl, als würde sein Kopf gleich platzen. Schritt für Schritt ging Quirrell auf den Jungen zu. „Hole den Stein!“, verlangte er von Harry. Sein Zauberstab richtete sich auf Draco, den er kräftig an sich zog. „SOFORT!“

Nun schrie Draco auf, denn Quirrells Zauberstab versprühte einige Funken, die schmerzhaft auf seiner Haut am Hals brannten. Salazar wollte eingreifen, doch ein drohender Blick von Quirrell reichte, dass er sich zurück zog. Egal, was er jetzt tat, er gefährdete Draco, und das würde er auf keinen Fall. Es war an ihnen, den Erwachsenen, die Kinder zu schützen. Also wartete er erst einmal ab. Godric müsste eigentlich jeden Moment wieder kommen. Hoffentlich außer Sichtweite des doppelten Gesichtes.

„Ich weiß nicht, wie!“, stöhnte Harry.

„Stell dich vor den Spiegel.“, forderte das Gesicht auf Quirrells Hinterkopf. Es wirkte irgendwie unmenschlich, wie ein Reptil. Wie eine Schlange. Nasenlos, Augen, die mehr wie eine Schlange aussahen als ein Mensch.

Mühsam rappelte sich Harry hoch. Schritt für Schritt stolperte er zu dem Spiegel. Als er in ihn hinein blickte, erkannte er sich selbst. Doch nach einem Moment kamen weitere Menschen dazu. Sofort erkannte er seine Mutter, immerhin hatte er sie in den Erinnerungen von Severus gesehen, die er ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Wie oft hatte er sie sich inzwischen angesehen? Harry konnte es nicht mehr zählen. Daneben seinen Vater, dazu Severus. Einige Menschen mehr, die er nicht erkannte, aber er wusste genau, dass sie das waren, was er sich schon immer wünschte. Seine Familie.

„Der Stein!“, zischte das Schlangengesicht. „Hole den Stein!“

„Wie?“ Harry hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Er war nicht gut darin, Rätsel zu lösen.

Quirrell und das Gesicht in seinem Hinterkopf wandten sich ihm zu. „Der verdammte Dumbledore!“, fluchte das Gesicht. „Der Narr, was hat er getan?“

Im gleichen Moment kam Godric zurück. Sofort erfasste er die Situation. Er gab Draco einen Wink, der geistesgegenwärtig reagierte, sich fallen ließ und seitlich weg rollte. Godric wirkte einen Zauber, der eigentlich den Lehrer entwaffnen sollte. Doch der erschuf einen Schutzschild, konterte sofort. Salazar deutete Draco an, zu Harry und ihm zu kommen. Auch er wirkte einen Schutzzauber, sodass die Kinder geschützt waren. Der Rothaarige hingegen duellierte sich mit Quirrell, drängte ihn immer mehr in die Enge. Doch Quirrell hatte die Hilfe von dem Gesicht in seinem Hinterkopf. Sie konterten die Zauber des Hogwarts-Gründers, auch wenn sie ihm nichts entgegen zu setzen hatten. Als er sich jedoch in die Ecke gedrängt sah, zog Quirrell etwas aus seiner Tasche und murmelte ein Wort. Im nächsten Moment war er verschwunden.

„Ein Portschlüssel.“, erkannte Godric. „Er ist weg.“ Er steckte seinen Zauberstab ein und kam auf die Kinder zu. „Habt keine Angst, er kann euch nicht mehr verletzen. Er ist von den Schlossgründen weg. Zurück kommt er nicht einfach so, nicht durch die Schilde. Euer Hauslehrer ist unterwegs zu euch, er holt euch zurück nach oben.“

„Wie … Wieso konnte er mit einem Portschlüssel hier raus?“, wisperte Draco. „Ich dachte, die Schule ist geschützt?“

„Lehrer können Portschlüssel schaffen, die nach draußen gehen.“, seufzte Godric. „Das war immer als letzte Fluchtmöglichkeit für die Schüler gedacht, sollte jemand die Schule angreifen. Aber das geht nur weg von hier. Deshalb sagte ich, er kann nicht einfach so wieder kommen.“

Harry, der inzwischen in sich zusammen gesunken war, hielt sich noch immer den Kopf. Zwar war der Schmerz jetzt weg, aber er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, das Echo war noch da. Ihm schwindelte. Ein leises Schluchzen brach sich Bahn. Salazar ging neben ihm in die Knie und legte seine Hand auf Harrys Schläfe. „Ruhig, junger Mann.“, murmelte er. „Dein Schmerz wird gleich verschwinden.“ Wärme strömte aus seiner leicht durchscheinenden Hand und drang in Harrys Kopf ein, vertrieb den Schmerz und die Kälte daraus.

„Salazar ist der beste Zauberer seiner Zeit gewesen.“ Stolz klang aus Godrics Stimme. „Er wird den Weg für euren Lehrer ebnen.“

„Warum kann er uns dann nicht hier raus bringen?“, fragte Draco. Er musste sich ablenken, denn wenn er nichts zu tun hatte, dachte er nur darüber nach, was in den letzten Stunden passiert war. Er hatte keine Ahnung, wer ihm den Imperius verpasst hatte, aber er konnte sich ohnehin an nichts erinnern, seit er zum Ball gefloht war.

„Ihr solltet nicht alleine unterwegs sein.“, mahnte Salazar, bevor er seinen Zauberstab auf eine der Wände richtete.

„Ich habe ihn zu deinem alten Büro geschickt, Salazar.“, informierte Godric.

Salazar nickte nur konzentriert. Nach und nach konnten die Jungen erkennen, dass sich ein Portal in der Wand bildete. Ein Durchgang entstand, der aus einem langen Flur bestand. Irgendwann erkannten sie den Tränkemeister, der dadurch auf sie zukam. Das würde sicher Ärger geben, befürchteten beide.

„Geht es euch gut?“, war die erste Frage von Severus, als er die beiden Jungen erreichte. Ihm wäre fast das Herz stehen geblieben, als dieses Portrait ihn angesprochen hatte. Gerade war er vor der großen Halle gewesen, wollte nach unten gehen, da sein Rundgang beendet war, da sprach auf einmal eines der Portraits. Das hier bewachte einen Geheimgang, das wusste Severus, er selbst nutzte ihn immer mal wieder. Eher unauffällig, da der Bewohner, ein rothaariger Mann mit Bart, sich nie bewegte. Auch jetzt, als er sprach, bewegte er sich nicht. Nur ein durchdringender Blick traf ihn. Von ihm erfuhr Severus nun, wo sein Mündel und sein Patensohn gerade waren. Entsetzt lauschte er, als die Stimme ihm erklärte, was passiert war. Zumindest so weit, wie er es wusste. Außerdem erklärte ihm die Stimme, wohin er gehen musste, damit er so schnell wie möglich zu den Kindern kommen könnte. Natürlich war er dorthin geeilt, er hatte keinen Moment gezweifelt. Die Stimme klang einfach nicht nach einem Streich. Sie klang alt und erfahren, eher nach einem Professor an dieser Schule. Wobei er die Stimme nicht kannte, aber er hatte durchaus vor, herauszufinden, wer das war. Nachdem er die Jungen sicher zurück in seine Wohnung gebracht hatte.

„Sie sind unverletzt.“, antwortete Salazar auf seine Frage. Er erklärte nun genauer, was vorgefallen war, da Godric nicht alles gewusst hatte, als er den Tränkemeister informierte.

„Bei Merlin!“ Severus war entsetzt. Er sah Draco an. „Und du weißt nicht, wer den Zauber auf dich gesprochen hat?“

„Nein, Onkel Sev.“, schüttelte Draco den Kopf. „Ich kann mich erinnern, dass ich nach Hause gefloht bin, und dann war ich auf einmal hier.“

„Und du?“, wandte sich Severus an Harry. „Warum hast du mich nicht gleich alarmiert, als Draco los ging?“

„Naja, ich … ich war so verwirrt.“, gestand der Junge. „Ich wollte rausfinden, wohin Draco geht, weil ich nicht wusste, wie wir ihn finden sollen, wenn ich dich zuerst rufe. Außerdem wusste ich nicht, wie ich dich finden sollte. Ich hab' nicht nachgedacht, tut mir leid. Als es mir aufgefallen ist, habe ich nach Twixy gerufen, aber sie hat nicht reagiert.“

„Wie habt ihr es durch die ganzen Zauber geschafft?“, schüttelte Severus den Kopf. „Die Hindernisse sollten eigentlich verhindern, dass jemand hierhin gelangt.“

Jetzt berichtete Harry. Auch Draco hörte mit großen Augen zu, da er sich an nichts davon erinnern konnte. Severus' Gedanken rasten mal wieder. Wer war auf dem Ball gewesen, der einerseits einen Imperius auf Draco hatte wirken können, auf der anderen Seite genau wusste, wie er den Jungen durch die ganzen Zauber bringen konnte? Als Harry dahin kam, wie Quirrell aufgetaucht war, wanderte Severus' Augenbraue nach oben. Langsam schloss sich der Kreis. Offensichtlich hatten sie Recht gehabt mit ihrem Verdacht.

„Wie meinst du das? Ein Gesicht im Hinterkopf?“ Das verstand Severus erst einmal nicht.

„Naja, der Professor hatte doch immer den Turban auf.“, begann Harry. „Er hat ihn abgewickelt, und da war ein Gesicht. Nicht so richtig menschlich, die Augen hatten so Pupillen wie eine Schlange, außerdem hatte es keine Nase, sondern nur zwei Schlitze über den Lippen. Es hat gesprochen, die Stimme war irgendwie zischelnd, aber ich bin sicher, es war ein Mann.“

„Die Magie fühlte sich tiefschwarz an.“, ergänzte Salazar. „Aber ich kann im Moment nicht sagen, woran es mich erinnerte. Sobald es mir einfällt, werde ich es Ihnen sagen.“

„Danke.“, nickte Severus. „Und Sie sind?“

„Verzeihung.“, kam es leicht amüsiert von Godric. Er stellte sie beide vor, was zu einer erneut hochgezogenen Augenbraue führte. „Wir sind hier, weil es noch eine Aufgabe für uns zu erfüllen gibt. Darüber können wir allerdings nicht sprechen. Noch nicht.“

„Die Gründer?“ Severus war fassungslos.

„Zumindest ein Stück weit.“, bestätigte Salazar. „Wir sind keine Geister, aber auch keine Menschen. Das hier sind unsere Seelen, die Essenz von uns, so kann man es wohl am ehesten beschreiben. Unsere Fähigkeiten gehen über das hinaus, was Geister können, was aber daran liegt, dass wir hier in unserer Schule sind. Nur innerhalb der Mauern können wir uns bewegen und wirken. Es gibt eine alte Prophezeiung, nach der wir zunächst wieder einen Körper bekommen sollen, bevor wir unsere Aufgabe erfüllen können. Wie das zugehen soll, wird allerdings nicht klar.“

„Nun, das haben Prophezeiungen so an sich.“, kommentierte Severus. Noch immer verwirrte ihn die Tatsache, dass er gerade mit zwei Gründern sprach. Die auch noch die beiden Jungen gerettet hatten. Aber was bedeutete nun das Gesicht im Hinterkopf von Quirrell? Wie hatte Quirrell es geschafft, Draco unter Imperius zu setzen, er war mit Sicherheit nicht zum Ball eingeladen gewesen? Oder hatte er die Kinder mitbekommen und wollte seinen Nutzen daraus ziehen? Wahrscheinlich würde er das nicht heraus bekommen, denn Quirrell war absolut sicher bereits über alle Berge. Den erwischten sie so schnell nicht wieder. Aber jetzt waren erst einmal die Jungen wichtig, er musste sie ins Bett bringen. Schimpfen konnte er morgen immer noch. Wobei, mit Draco wohl eher nicht, der konnte nichts dafür. Und Harry … nun, der Kleine hatte versucht, seinem Freund zu helfen. Sollte er mit ihm noch schimpfen? Oder war der ganze Schreck Strafe genug? Nun, darüber machte er sich besser morgen Gedanken. Für den Moment war er viel zu erschöpft und sein Kopf zu voll. Er zog Harry und Draco zu sich. „Kommt, ihr müsst nun endlich ins Bett.“

„Gute Nacht, Mister Slytherin, gute Nacht, Mister Gryffindor.“, wünschte Harry höflich. „Sehen wir uns wieder?“

„Wir können uns im Schloss bewegen, tun das aber normalerweise nicht, außer in den Ferien, wenn keine Schüler und Lehrer hier sind.“, gestand Godric.

„Vielleicht besuchen Sie uns mal?“, schlug Draco vor. „Ich danke Ihnen beiden jedenfalls für Ihre Hilfe.“

„Gern geschehen, junger Draco.“, lächelte Godric. „Wer weiß, vielleicht sehen wir uns wieder. Schlaft gut, und nehmt euch in Zukunft etwas mehr in Acht.“

„Danke!“, rief Harry auch noch. Severus nickte den beiden Seelen noch einmal zu, dann schob er die Kinder entschieden vor sich her, immerhin war es inzwischen beinahe vier Uhr morgens. Wenigstens waren die Zwei unverletzt geblieben. Zurück in seiner Wohnung schickte er sie ins Bad, da sie durchgefroren und nicht gerade sauber waren. Danach steckte er sie ins Bett. Beide schliefen schon fast, als er sie zudeckte. Ob sie schlafen konnten? Nach all der Aufregung? Vermutlich eher nicht. Aber sie brauchten Ruhe, daher griff Severus zu einem Traumlos-Trank und gab beiden je einen kleinen Schluck. Viel brauchten sie nicht, aber das gab ihnen einige Stunden ruhigen Schlaf, den brauchten sie jetzt. Und er selbst auch. Vorher konnte er Albus Dumbledore nicht vernünftig berichten. Das musste er nach dem Aufstehen als Erstes tun. Vermutlich schliefen die Jungen ohnehin länger. Müde legte er sich nun auch in sein Bett.

Nicht einmal vier Stunden später stand er erneut auf und sah nach den Jungen. Die schliefen noch tief und fest, also legte er nur eine Notiz auf Harrys Schreibtisch und ging nach oben, um mit dem Schulleiter zu sprechen. Einige Schüler waren bereits in der großen Halle beim Frühstück, aber da Samstag war, stand es den Kindern frei zu kommen, wann sie wollten. Er warf einen Blick hinein, und da Albus nicht am Lehrertisch saß, verfolgte er seinen Weg weiter nach oben. Am Wasserspeier angekommen murmelte er das Passwort und ließ sich von der Treppe nach oben tragen.

„Guten Morgen mein Junge!“, grüßte ihn Albus freundlich. Wie immer. Eigentlich seltsam, nachdem Severus ihm doch schließlich den Goldjungen weggenommen hatte.

Rasch berichtete Severus, was in der Nacht geschehen war, fügte am Ende seine Überlegungen hinzu.

„Und wenn Quirrell einen Verbündeten auf dem Ball hatte?“, überlegte Albus nach einer Weile. „Ich denke, es ist schon sehr viel Zufall. Meiner Meinung nach wusste Quirinius, dass Draco direkt nach dem Ball nach dem Stein suchen wird. Er hat wohl nur gewartet und ist Draco dann gefolgt.“

„Sie meinen also, er hat alles herausgefunden und dann dafür gesorgt, dass derjenige, der Draco unter Imperius gestellt hat, davon erfuhr, sodass Draco nach unten kam.“, schlussfolgerte Severus. „Das bedeutet, jemand, der auf dem Ball war, arbeitet mit ihm zusammen.“

„Du solltest Kontakt mit Lucius Malfoy aufnehmen.“, schlug der Schulleiter vor. „Ich gehe davon aus, dass du noch Kontakt mit ihm hast?“

„Ich bin der Pate von Draco, natürlich habe ich Kontakt mit ihnen.“, nickte Severus. „Ich werde mit ihm sprechen und versuchen, etwas heraus zu finden.“

„Was ist mit den Jungen?“, erkundigte sich Albus.

„Es geht ihnen soweit gut.“, antwortete Severus. „Als ich ging, schliefen sie noch, aber sie werden vermutlich nicht mehr allzu lange schlafen. Ich gehe wieder hinunter, vielleicht weiß Draco doch noch etwas.“

„Ja, mach das.“, erwiderte Albus. „Solltest du etwas erfahren, dann berichtest du mir bitte.“

„Natürlich.“ Was sonst. Ohne einen Abschied drehte sich Severus um und eilte zurück in die Kerker. Jetzt brauchte er endlich einen Kaffee.

Er hatte Glück und konnte eine Tasse Kaffee trinken, bevor er bemerkte, dass die beiden Jungen langsam wach wurden. Mit noch ziemlich kleinen Augen tauchten sie einige Minuten später im Wohnzimmer auf, noch im Schlafanzug. Severus sah ihnen an, dass sie zwar gut geschlafen hatten, aber jetzt an den Ereignissen der Nacht knabberten. Er ließ ihnen Frühstück servieren, sprach währenddessen mit ihnen über ihre Gefühle und Ängste. Gerade Harry, der das aus den letzten Monaten gut kannte, wirkte deutlich erleichtert, als er kurz vor dem Mittagessen ins Bad ging. „Draco, an was genau erinnerst du dich noch?“, wollte er dann von seinem Patenkind wissen. „Es könnte alles wichtig sein. Wer war auf dem Ball? Mit wem hast du gesprochen? Waren Menschen da, die normalerweise nicht gekommen sind? Irgendetwas ungewöhnliches, das dir aufgefallen ist?“

„Hm.“, murmelte Draco. „Ich kam im Kaminzimmer an, wie es bei solchen Empfängen üblich ist. Vater und Mutter waren da, sie haben die Gäste begrüßt. Natürlich musste ich dann bei ihnen bleiben, daher weiß ich ziemlich genau, wer da war.“ Seine Aufzählung war lang, in der Zeit kam Harry schon wieder vom Duschen, aber es war nichts, was Severus nicht erwartet hätte. Kein Quirrell, außer, er hatte Vielsafttrank genutzt, aber vermutlich wäre er damit selbst an einem Ball-Tag nicht ins Manor gekommen. Nicht ohne Einladung des Hausherren. Noch etwas, wonach er Lucius fragen musste. Leider erinnerte sich auch heute Draco an nichts weiter, was danach passiert war, er wusste nicht einmal mehr, ob und was er gegessen hatte. Daher stand Severus nun auf und schickte Draco unter die Dusche.

Da Severus nicht sicher war, ob er Lucius alleine antreffen würde, schrieb er lieber eine Notiz und schickte sie ihm mit einer Schuleule. Hedwig war in diesem Fall einfach zu auffällig, inzwischen hatte es sich herum gesprochen, dass Harry eine weiße Schneeeule besaß. Die waren selten, selbst in der Zauberwelt. Vermutlich würde sich Lucius spätestens morgen bei ihm melden, vielleicht sogar noch heute Abend, je nachdem, wie schnell die Eule war. Oder Lucius brachte Harry am Montag nach dem Unterricht selbst her. Für heute entschied er, vorerst nicht weiter darüber nachzudenken, es brachte nicht viel. Die halbe Nacht hatte er damit verbracht, über all die Ereignisse und Informationen zu grübeln, doch er bekam es einfach nicht auf einen Nenner. Als würde man ein Puzzle bauen, bei dem die wichtigsten Teile fehlten. Es machte einfach keinen Sinn.

„Zieht euch an, gehen wir ein wenig nach draußen.“, forderte er daher die beiden Jungen nach dem Mittagessen auf. Ein Spaziergang tat ihm selbst sicher auch gut, selbst wenn die Schlossgründe voll mit Schülern waren. Doch obwohl seine Fürsorge Harry gegenüber sich inzwischen herum gesprochen hatte, fürchteten ihn die meisten der Jugendlichen noch immer. An seinem Verhalten im Unterricht hatte sich bisher auch nichts geändert. Und das würde es auch nicht, er verlangte genaues Arbeiten, weil es in seinem Fach einfach notwendig – manchmal sogar lebensrettend – war, und natürlich bevorzugte er seine Slytherins. Zum Einen, weil es sich gut machte bei den Todessern – obwohl das nun wohl nicht mehr notwendig war – und zum Anderen, weil gerade McGonagall und Dumbledore vor allem die Gryffindors mit Punkten eindeckten, die diese gar nicht verdienten. Seine Schlangen wurden von allen anderen Häusern ausgeschlossen und niedergemacht, sie hatten nur ihn. Bisher hatte er nicht viel tun können, aber das konnte er nun eigentlich ändern. Immerhin war deutlich, dass er unter den Todessern als Verräter galt, und dem Lord würde er nicht mehr unter die Augen treten, da er sonst Harry ausliefern müsste. Und das könnte er nicht. Nicht einmal, wenn der Kleine mehr nach seinem Vater käme. Kein Kind hatte das verdient.

Auf den Schlossgründen war er schnell alleine, Harry und Draco hatten Blaise und Millicent entdeckt, die am See saßen und lernten. Sie gesellten sich zu ihren Freunden, und das war auch gut so. Severus ging alleine weiter, entschied, mit Hagrid zu plaudern. Vielleicht brachte ihn das auf andere Gedanken. Er gab Harry Bescheid, wo er zu finden war, doch der Junge schien sich hier wohl zu fühlen. In den letzten Monaten hatte er sich wirklich stark verändert, von dem verängstigen und misshandelten Kind war nicht mehr viel übrig geblieben. Gut, er hätte letzte Nacht eher an ihn denken und ihn holen müssen, aber dennoch hatte er überraschend vernünftig gehandelt. Für ein Kind jedenfalls. Vielleicht sollte er sich etwas einfallen lassen, wie Harry ihn jederzeit erreichte, wenn er selbst nicht da war. Kontrollgänge würde es immer wieder geben. Wobei, bald war das Schuljahr vorbei. Das erinnerte ihn daran, dass er noch immer kein Kinderzimmer in seinem Haus eingerichtet hatte. Wann konnte er sich darüber machen? Am besten schickte er Harry morgen mit Draco in den Slytherin-Gemeinschaftsraum, dort konnten sie gemeinsam spielen und mit ihren Freunden Spaß haben, während er selbst das Haus umgestaltete. Sicher war es auch ziemlich verstaubt, seit dem letzten Sommer war er nicht mehr dort gewesen.

Am Abend nahm er Harry mit, als er in den Gemeinschaftsraum seiner Schlangen ging. Die Schüler hatten sich inzwischen an den Jungen an der Seite ihres Hauslehrers gewöhnt. Fast überall war es ordentlich, nur zwei Zimmer von älteren Schülern waren nicht aufgeräumt. Alle vier Bewohner, die beiden Mädchen im einen und die jungen Männer im anderen Zimmer, waren auf dem Ball gewesen, die Festkleidung und einige andere Dinge lagen noch herum. „Sie sollten mehr auf die Ordnung achten.“, mahnte Severus. Beim zweiten Mal fiel ihm etwas ein. „Sie waren auf dem Ball, Mister Flint und Mister Higgs.“ Er wartete ein bestätigendes Nicken ab. „Haben Sie dort auf Draco geachtet? Ich muss wissen, mit wem er den Abend über gesprochen hat.“

„Nun, ich habe nicht weiter auf ihn geachtet, Professor.“, gab Marcus Flint zu. „Ich habe gesehen, dass er ankam, aber da war auch …“ Er unterbrach sich und lief rot an. „Naja, auf jeden Fall, ich habe nicht weiter auf Draco geachtet. Ich meine, er war immerhin in seinem Elternhaus, die meiste Zeit, als ich ihn sah, war er in der Nähe seiner Eltern. Was soll da schon passieren, Sir? Da habe ich nicht weiter auf ihn geachtet.“

Terence Higgs konnte ebenfalls nur den Kopf schütteln. „Ich habe auch nicht auf ihn geachtet.“

Severus sah beide scharf an, doch er erkannte auch, dass er wohl nichts mehr aus ihnen heraus bekommen würde. Vermutlich hatten sie früh angefangen, Alkohol zu konsumieren und waren dann eher aufmerksam gewesen, wenn es um Mädchen ging. Gemeinsam mit seinem Schützling ging er noch einmal zurück in den Aufenthaltsraum, wo die meisten Schüler um diese Zeit sein sollten. Auf Harrys fragenden Blick hin erklärte er: „Ich will herausfinden, wer Draco unter den Zauber gestellt hat.“ Verstehend nickte Harry, doch da sie bereits im Gemeinschaftsraum angekommen waren, sagte er nichts dazu.

Ein Räuspern des Tränkemeisters genügte, dass sich Stille im Raum breit machte. „Meine Damen und Herren.“, begann Severus. „Einige von Ihnen waren gestern auf dem Ball im Manor. Auch Draco war dort, aber er wurde während des Balls unter einen Fluch gestellt.“ Genaueres verriet er nicht, aber wenn er Informationen von seinen Schülern wollte, musste er ihnen wenigstens einen Anhaltspunkt geben. „Es geht ihm gut, allerdings will ich herausfinden, wer das getan hat.“ Alle wussten, dass er Draco bevorzugte, auch wenn kaum jemand ahnte, warum. Die Meisten glaubten, es läge daran, dass sein Vater so einflussreich und hoch in der Rangordnung der Todesser war. Sollten sie denken, was sie wollten.

„Draco war zuerst lange bei seinen Eltern.“, wusste Pansy Parkinson, eine Klassenkameradin, die ebenfalls dort gewesen war. „Bei Tisch bemerkte ich nichts, allerdings saß ich nicht direkt bei ihm.“ Das ärgerte das Mädchen, denn ihre Eltern bemühten sich schon seit Jahren, einen Ehevertrag für die beiden Kinder zu bekommen, doch noch stellte sich Lucius Malfoy quer, auch wenn es Narzissa durchaus zusagte. „Danach ging er mit seinen Eltern herum, um die Gäste einzeln zu begrüßen. Ich denke, er sprach so ziemlich mit jedem, wenigstens einige kurze Worte.“ Zustimmend nickten Einige im Raum. „Ich konnte jedoch nicht sehen, ob jemand mit einem Zauberstab auf ihn deutete.“

Severus sah im Raum herum. Scheinbar wollte oder konnte niemand mehr hinzufügen, denn es blieb still. Vielleicht wusste Lucius noch mehr? Er musste in seine Wohnung, falls der Blonde sich meldete. Wobei, bis dahin hatte er noch mindestens drei Stunden Zeit, so schnell waren nicht einmal magische Eulen. „Danke, Miss Parkinson.“, nickte er der Schülerin zu. Ein weiteres Mal ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten. „Sollte noch jemandem etwas dazu einfallen, suchen Sie mich in meinem Büro auf. Ansonsten erwarte ich am Montag wieder Konzentration von allen von Ihnen. Immerhin sind Prüfungen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht Professor!“, kam es von allen gemeinsam zurück.

Harry und Severus gingen zurück in ihre Wohnung. Harry war bereits müde und schlief fast ein, als sie einige Minuten auf dem Sofa saßen. Heute war ein neues Tränkemagazin geliefert worden, in das sich Severus direkt nach ihrer Ankunft vertiefte, denn auf einen Artikel darin hatte er schon lange gewartet. Vielleicht half ihm das in seiner Forschung weiter, er wollte den Banntrank für Werwölfe verbessern. Nicht wegen Lupin, aber aufgrund der vielen Opfer von Greyback, die nicht so wie ihr Alpha sein wollten. Zu oft schon hatte er sie gesehen, wenn sie bei Vollmond für den Lord eingesetzt wurden. Er wollte ihnen helfen. Er merkte dabei nicht einmal, dass Harry bereits am Einschlafen war. Erst, als dessen Kopf auf seinen Schoß sank, bemerkte er das. Leise schmunzelnd zog er den Jungen mit einem Zauber um und trug ihn in sein Bett. Harry war eben doch nur ein Kind, das seinen Schlaf brauchte. Auch Draco hatte bereits mit sehr kleinen Augen in seinem Bett gelegen, als sie vorhin sein Zimmer überprüft hatten.

Zurück im Wohnzimmer drehten sich Severus' Gedanken erneut im Kreis. Wie passte das alles zusammen? Wie hatte Quirrell von dem Stein erfahren? Was wollte er damit? Wo war er auf den Lord getroffen? Wie hatte er dessen Gesicht an seinen Hinterkopf gebracht? Hatte er sich als Wirt für den kläglichen Rest von Tom Riddles Existenz zur Verfügung gestellt? Freiwillig oder gezwungen? Weshalb war er ursprünglich an die Schule gekommen? Sicher nicht wegen des Steins. Wegen Harry? War Quirrell schon von Anfang an der Wirt des Lords? Warum war es dann nie aufgefallen? Wie hatte er die schwarze Magie versteckt? Ihm selbst und Albus wäre es sonst doch sicher aufgefallen. Oder nicht? Wer hatte ihm geholfen, Draco unter Imperius zu stellen? Wie hatte er es geschafft zu fliehen? Und wohin war er geflohen? War er noch eine Gefahr oder hatte Slytherin ihn verletzt? Ganz sicher konnte es der Gründer nicht sagen, hatte er gemeint. War Quirrell ein Todesser? Hatte ihm einer der anderen Todesser geholfen, um Draco zu benutzen? War Draco ein zufälliges Opfer, oder hatte jemand ihn gezielt ausgewählt?

Nach Harrys Erzählung war es ein riesiges Wunder, dass die beiden Kinder heil da durch gekommen waren. Alleine der Troll … Severus wollte nicht weiter darüber nachdenken, was hätte passieren können. Merlin sei Dank hatte Harry seinen Tarnumhang dabei gehabt. Nun, den trug er eigentlich immer in seiner Umhangtasche bei sich, weil es alles war, was er von seinem Vater hatte. In diesem Fall wirklich Glück. So hatten sie nicht gegen einen Troll kämpfen müssen. Nicht wie die beiden Gryffindors, die mehr als Glück gehabt hatten an Halloween. Inzwischen wusste Severus, dass der ältere Weasley, Percy, seinen Bruder geschickt hatte, um Miss Granger zu holen. Ansonsten wäre Ronald Weasley wohl nicht auf diese Idee gekommen. Hätte Percy Weasley auch nur geahnt, dass der Troll seinem Bruder über den Weg laufen würde, hätte er sicher anders gehandelt. Minerva hatte ihm, als sie davon erfuhr, eine ordentliche Strafpredigt gehalten, und sie hatte Percy Weasley die erste Strafarbeit seiner Schulzeit hier verpasst. Er hätte einem Lehrer Bescheid geben müssen, war ihre Meinung. Und da war Severus ausnahmsweise einer Meinung mit seiner Kollegin. Schade eigentlich, dass er nicht dabei gewesen war. Er hätte sicher noch Einiges beisteuern können.

„Severus? Du wolltest mich sprechen?“, riss Lucius ihn nun aus seinen Gedanken. Der Blonde trat ins Wohnzimmer, man sah ihm an, dass er eben durch den Kamin gekommen war, denn auf seinem Umhang war unten noch etwas Ruß.

„Ja, das wollte ich.“, nickte Severus. Er bot Lucius einen Platz an und reichte ihm ein Glas Feuerwhiskey, das er aus seiner Bar holte. Lucius hob nur die Augenbraue, er ahnte, dass etwas Schlechtes folgen würde. Severus atmete noch einige Male tief durch und berichtete dann, was am Abend geschehen war. Davon hatte er nichts in dem Brief geschrieben, wollte es lieber von Angesicht zu Angesicht mit seinem Partner besprechen. Lucius wurde immer blasser, seine Hand klammerte sich an das Glas, von dem er noch nicht einmal genippt hatte. Mehr Reaktion zeigte er nicht, doch für seine Verhältnisse war das schon enorm. „Hast du mitbekommen, dass jemand Draco auf dem Ball unter Imperius gestellt hat? Oder wer mit Quirrell zusammen arbeitet?“, stellte Severus am Ende die dringendsten Fragen.

„Die meiste Zeit war der Junge in meiner Nähe.“, wisperte Lucius mit zitternder Stimme. Mit einem Ruck kippte er das Glas Feuerwhiskey auf einen Zug in seinen Mund, schluckte hart und hustete kurz. „Ich habe nichts gemerkt! Warum habe ich nichts bemerkt?“

„Lucius!“, schnarrte Severus. Sein Ton half, der Blonde ruckte hoch und schnappte aus seiner Selbstzerfleischung. „Ich wollte nicht, dass du dir die Schuld gibst. Ich wollte Hinweise, wer das gewesen sein könnte. Wir müssen herausfinden, was hinter all dem steckt. Wer hinter allem steckt.“

„Du hast Recht.“ Lucius atmete tief durch. Seine Stirn legte sich in Falten, er dachte nach. „Aber ich fürchte, auch ich habe keine Antworten für dich. Jedenfalls nicht heute Abend.“ Er sah auf. „Und es geht Draco wirklich gut?“

„Er ist unverletzt geblieben, weil er sehr viel Glück hatte.“, nickte Severus beruhigend. „Und ansonsten geht es ihm auch gut, er ist mit dem Schrecken davon gekommen. Er erinnert sich nicht an das, was passiert ist. Seine letzte Erinnerung war, dass er zu euch ins Manor kam, dann beginnt es erst wieder, nachdem Mister Slytherin den Zauber gelöst hat.“

„Slytherin? Ernsthaft? Der Gründer?“, staunte Lucius.

Severus erklärte ihm, was er über die Seelen von Slytherin und Gryffindor wusste. Das hatte er Albus verschwiegen, sich ziemlich vage dahingehend ausgedrückt. Irgendwie ahnte er, dass die Gründer ihre Existenz lieber weiterhin verschweigen wollten. Und wenn Albus Dumbledore das wusste, ließe es sich kaum noch geheim halten.

„Unglaublich.“, schüttelte Lucius seinen Kopf. „Und was ist mit Harry?“

„Soweit gut, wie ich denke.“, war Severus sicher. „Er ist inzwischen deutlich gefestigter. Dennoch hat er einen ziemlichen Schrecken davon getragen, ich fürchte, es werden erneut unruhige Nächte.“

„Soll ich ihn dann am Montag ins Manor holen oder lieber nicht? Denkst du, er braucht eine Pause?“, überlegte Lucius.

„Nein, ich vermute, wenn wir seine Routine ändern, bringt es ihn nur noch mehr durcheinander.“, schüttelte Severus den Kopf. „Lass es etwas ruhiger angehen, aber ich würde ihn gerne weiter zu dir schicken. Es tut ihm gut, lenkt ihn ab. Ich hole ihn dann nach dem Unterricht ab.“

„Gut, dann erwarte ich ihn am Montag zur gleichen Zeit wie immer.“, entschied Lucius. „Und jetzt möchte ich noch etwas Zeit mit meinem Geliebten verbringen!“ Er stand auf und zog Severus mit hoch. Eine Spur aus Kleidung hinterlassend zog er den sonst so düsteren Tränkemeister ins Schlafzimmer.

Den Sonntag nutzte Severus wie gedacht, um sein Haus durchzusehen. Er hatte vor einigen Jahren sein Elternhaus verkauft und sich ein kleines Haus am Strand in der Nähe von Dover gekauft. Er liebte die weißen Klippen, de jenseits des Grundstückes lagen, und das Rauschen der Wellen wirkte so unglaublich beruhigend auf ihn. Das Haus war nicht besonders groß, es hatte knapp 80 Quadratmeter Grundfläche, bestand aus Keller, Erdgeschoss, erstem Stock und Dachboden, wobei der einfach nur so war, wie er erbaut wurde. Vollkommen leer. Im Keller hatte er sich ein riesiges Labor eingerichtet, das beinahe die halbe Fläche dort ausmachte, dazu einen Weinkeller, ein WC und einen Waschraum. Im Erdgeschoss waren ein Gäste-WC, die Küche mit einem kleinen Vorratsraum, ein Ess- und ein Wohnzimmer. Das konnte er alles so lassen, wie es war, sobald es einmal gründlich gereinigt war.

Erleichtert ging Severus nach oben, wo er zunächst in sein Schlafzimmer trat. Den alten Holzboden hatte er belassen, als er damals einzog, er mochte dieses Gefühl unter seinen Füßen. Die eigentlich als Ankleidezimmer gedachte Nische hatte er zu seinem Arbeitsplatz gemacht, auf einen derartigen Luxus hatte er schon damals keinen Wert gelegt. Lucius hatte nur den Kopf geschüttelt, als er davon hörte, aber er beließ es dabei. Immerhin war es Severus' Haus. Das zweite Zimmer, das hier – neben dem Bad – noch war, würde dann wohl Harrys Zimmer werden, entschied Severus. Bisher war es alles Mögliche, eine Mischung aus Bücherzimmer, Büro und Gästeraum. Meist hatte Draco hier übernachtet, wenn er denn einmal eine Nacht bei seinem Paten geschlafen hatte. Normalerweise war es eher umgekehrt, Severus besuchte Draco im Manor. Er hatte dort sein eigenes Gästezimmer, das immer zu seiner Verfügung stand.

Severus sah sich um und ließ die meisten Dinge verschwinden. Die Bücher teilte er auf, zum Teil gingen sie ins Labor, ein kleinerer Teil in seinen Arbeitsraum im Schlafzimmer. Die Bücherregale hingegen konnten bleiben, Harry brauchte sie sicherlich. Das Bett, das bisher Draco genutzt hatte, brauchte er nicht zu ändern, es war groß genug. Daneben standen zwei Nachtschränkchen, auch da musste er nichts ändern. Schnell sah er hinein, sie waren leer, nur ein wenig verstaubt, aber das löste ein Zauber. Er verdoppelte seinen eigenen Kleiderschrank, denn so etwas gab es hier bisher nicht, und auch seinen Sessel und Beistelltisch, damit Harry an der Balkontür lesen konnte. Mit einem kritischen Blick sah er den schwarzen Ledersessel an. Das war vielleicht ein wenig zu dunkel für den Jungen, also färbte er ihn blau. Oder wollte es zumindest, es wurde mehr ein Türkis. Doch irgendwie wirkte es freundlicher als vorher, also ließ Severus ihn so. Auch die Wand ließ er in einem – deutlich helleren – Türkis erstrahlen, sodass das Weiß, das im restlichen Haus Wände und Decken zierte, nicht zu dominant war. Für Harry ließ er sogar einen Himmel an der Decke erscheinen, der nachts mit Sternen übersät, tagsüber blau mit einigen Wolken war. Ja, so konnte er es erst einmal lassen, fand Severus. Den Schreibtisch stellte er an die Wand, denn im Moment stand er etwas verloren mitten im Zimmer, dann beschloss er, noch einen Teppich für Harrys Bett zu besorgen, damit der Junge auch barfuß laufen konnte. Was sonst noch zu tun war, könnten sie auch in den Sommerferien erledigen, dann konnte Harry mitreden. So wirklich wusste Severus ohnehin nicht, was ein knapp 12-Jähriger sich von seinem Zimmer erwartete.

Zufrieden mit sich flohte Severus vom Wohnzimmer aus zurück in sein Büro in Hogwarts und ging hinüber zu den Slytherins. Inzwischen war es fast Zeit zum Abendessen, da wollte er sehen, ob Harry mit in die große Halle ging oder in ihren Räumen essen wollte. Meistens ging er zwar inzwischen nach oben, aber er hatte immer gesagt, Harry hätte die Wahl, die wollte er ihm auch weiterhin lassen. Voller Erwartung sah Harry ihn an, kaum, dass er in den Gemeinschaftsraum trat. Natürlich wusste der Junge, wo sein Mentor heute gewesen war, doch Severus hatte entschieden, er würde das Haus erst am ersten Ferientag sehen. Er wollte sehen, wie es dem Kleinen gefiel. Wobei, so klein war Harry nicht mehr, seit Schuljahresbeginn war er gut gewachsen. Zwar noch immer deutlich kleiner als Draco, aber es wurde so langsam. „Zeit zum Essen.“, schüttelte Severus andeutungsweise den Kopf. Er würde nichts verraten, und das wusste Harry auch. „Gehst du mit in die große Halle oder willst du in unseren Räumen essen?“

„Ich gehe mit nach oben. Habe ich Draco und Blaise schon versprochen.“, antwortete Harry.

Severus nickte zufrieden und ging bereits voran. Harry würde zusammen mit seinen Hauskameraden gehen, die immer gemeinsam kamen und gingen. Die Gruppe passte auf Harry auf, gerade weil sie wussten, wie wichtig das für ihren Hauslehrer war. Und Harry hatte sich ohnehin in den letzten Wochen in die Herzen der Slytherins geschlichen. Zwar zeigten sie das nach außen hin eher wenig, aber man merkte es daran, wie aufmerksam sie ihm gegenüber waren. Nicht, weil er Harry Potter, der Junge der überlebt hatte, war, sondern weil er so fröhlich, aufmerksam und hilfsbereit war.

Nach dem Abendessen kam Harry wieder in die Wohnung des Tränkemeisters und machte sich bettfertig, sobald er da war. Die letzte Nacht hatte er schlecht geschlafen, weil er immer wieder Alpträume gehabt hatte. Der Troll, das Schachspiel, die Sache mit dem Professor und dem Gesicht in dessen Hinterkopf hatten ihn besonders verfolgt. Severus kam zu ihm, als er beinahe schon schlief. „Gute Nacht, Harry.“, deckte er seinen Schützling zu. „Schlaf gut, morgen musst du früh raus, damit du rechtzeitig bei Mister Malfoy für deinen Unterricht bist!“ Müde murmelte Harry eine Antwort, schmiegte sich an die große Hand, die über seine Haare strich, und war fast sofort eingeschlafen.

Tatsächlich ging Harry am Montag ganz normal ins Manor, wo Lucius ihn unterrichten würde. Zwar waren seine Nächte, wie Severus bereits vermutet hatte, unruhig geworden, doch inzwischen sprach er viel schneller über seine Alpträume und schlief danach auch schneller wieder ein. So war er am Montagmorgen zwar etwas müde, aber dennoch aufmerksam, als er den Ausführungen des Blonden lauschte, der heute über magische Wesen sprach. Wie immer fand Harry es richtig spannend und machte sich Notizen. Seit Monaten nutzte er nur noch Pergament, Feder und Tinte, hatte keine Probleme mehr mit der Handhabung, sodass seine Schrift sehr viel leserlicher geworden war. Schönschreiben war noch nie seine Stärke gewesen, aber das machte nichts, Hauptsache, man konnte es lesen.

„Harry, du kannst jetzt hinüber in die Bibliothek gehen, dort habe ich dir noch zwei Bücher zum Thema hingelegt.“, endete Lucius. „Ich muss hier noch etwas erledigen und hole dich dann, sobald ich fertig bin.“ Einige wichtige Geschäftsunterlagen warteten darauf, durchgesehen und bearbeitet zu werden, das musste er heute noch erledigen. Deshalb schickte er Harry nach nebenan. Immerhin waren sie alleine im Manor, denn Narzissa hatte ihm gestern Abend noch angekündigt, einige Tage nach Frankreich zu reisen, um sich von dem Ball zu erholen. Sie hatte sich mit gepackten Koffern von ihm verabschiedet. Ansonsten hätte er Harry nie alleine hinüber geschickt, sondern die Bücher hierher geholt. Doch in der Bibliothek war es so schön, Harry konnte sich auf den Balkon setzen, die Sonne genießen und den Blick über das Grundstück auskosten. Das wollte er dem Jungen nicht nehmen, das Büro hatte nur ein Fenster, allerdings nach Norden, und dort konnte er nur auf die Stallungen sehen, die jetzt leer waren, da die Pferde auf der Weide standen.

Ruhig und konzentriert arbeitete Lucius beinahe zwei Stunden, ohne zu merken, wie die Zeit verging, dann erst fiel ihm auf, dass Harry sehr ruhig war. Nun, dieses Kind war beinahe immer sehr ruhig, aber er hatte ihn nicht einmal im Bad gehört. Er sollte nach ihm sehen, entschied Lucius, und stand von seinem Schreibtisch auf. Kurz streckte er sich nach dem langen, gebückten Arbeiten, dann trat er in die Bibliothek. Harrys Buch lag offen auf dem Tisch, aber von Harry war nichts zu sehen. Nanu? War er doch im Bad? Schnell versicherte sich Lucius, aber Harry war weder im Bad noch in einem der anderen Zimmer hier im Flur. Wobei es außer den Räumen, die der Junge kannte, hier nicht viel gab. Hastig sah sich Lucius noch einmal auf dem Balkon vor der Bibliothek um, doch auch von dort konnte er ihn nicht sehen. Das machte ihm Sorgen, denn Harry war kein Kind, das einfach herum streunte. Er ging nicht auf Entdeckungsreise. Selbst, wenn er Hunger oder Durst hätte, würde er nicht einfach gehen und nach der Küche suchen. Nein, dass Harry nicht hier war, bedeutete, dass etwas passiert war. Besorgt suchte Lucius im angrenzenden Flur, rief sogar nach Harry. Nichts. Er eilte in die Küche, vielleicht hatte einer der Hauselfen den Jungen mitgenommen? Auch hier fand er keinen Harry, nur entsetzte Hauselfen, da er noch nie in der Küche erschienen war. Wahrscheinlich wunderten sich die kleinen Wesen, dass er überhaupt wusste, wo die Küche war.

„Harry? Wo bist du nur?“, rief er, nun deutlich beunruhigter als zuvor. Mit einem Mal lauschte er, da war doch ein Geräusch? Klang das wie ein gedämpfter Ruf? War Harry in Schwierigkeiten? Woher kam dieses Geräusch nur? Lucius lauschte genauer, dann erkannte er es. Die kleine, private Bibliothek einen Stock höher, das könnte es sein! Schnell lief er hinauf, keinen Gedanken daran verschwendend, dass es eine Falle sein könnte. Er schlug die Tür auf und erstarrte in dem Moment, als er den Raum betrat.

„Bleib stehen, keine Bewegung, sonst töte ich ihn!“, warnte Narzissa. Sie hielt Harry dicht an sich gepresst vor ihrem Körper, drückte ihm den Zauberstab an die Kehle. Entsetzt starrte Lucius seine Frau an, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er blieb erstarrt stehen, so, wie sie es gefordert hatte. „Du denkst wohl, ich weiß nicht, was du hier treibst, Lucius. Aber ich habe dich durchschaut, du hast unseren Lord verraten. Nun werde ich mit Hilfe von Potter den Lord zurück holen, und dann wirst du bluten! Dann habe ich meine Freiheit UND dein Erbe!“ Sie lachte gehässig.

Lucius wurde blass. Er hatte immer gewusst, dass Narzissa nicht so lieb und harmlos war, wie sie sich immer gab, aber dass sie das Leben eines kleinen Kindes riskierte, hätte er nicht erwartet. Niemals hätte er zulassen dürfen, dass Harry ins Manor kam, aber dafür war es nun zu spät. Er konnte nur hoffen, dass Severus rechtzeitig kam. Er hatte ihn heute abholen wollen, doch wenn ihn ein Schüler nach dem Unterricht aufhielt, konnte es auch deutlich später werden, und wer wusste schon, was Narzissa bis dahin mit Harry trieb. Er musste sie aufhalten, Zeit gewinnen. ‚Bring sie zum Reden!‘, ermahnte er sich in Gedanken. „Und wie bitte willst du das tun?“, fragte er ruhig. Seine Stimme klang deutlich ruhiger, als er sich fühlte.

„Was interessiert es dich?“, provozierte Narzissa. „Du bist doch froh, dass der Lord vernichtet wurde! Aber ich, ich bin eine treue Anhängerin, genau wie meine Schwester. Ich werde ihn zurück bringen. Lange habe ich geforscht, weil ich vorsichtig sein musste, dass du es nicht zu früh bemerkst, denn mir war schon seit Jahren klar, dass du nicht so sehr hinter unserem Lord stehst und standest, wie du es tun solltest. Also habe ich alleine angefangen, unterstützt von Rookwood, der immerhin im Ministerium arbeitet und ein wirklich treuer Todesser ist. Ich weiß auch von dem Tagebuch, das in deiner Bibliothek war.“ Lucius zuckte zusammen und holte hörbar Luft. „Ja, da staunst du, mein Lieber, nicht wahr? Das Tagebuch ist nicht mehr da, wo es war, ich habe es an mich gebracht, damit ich herausfand, wie ich dem Lord seinen Körper zurückbringen kann. Dafür brauche ich Potters Blut, und du hast ihn mir hier auf dem Silbertablett präsentiert! Vielleicht gewährt dir der Lord dafür einen schnellen Tod, aber verlasse dich nicht darauf. Du wirst jetzt endlich deinen Zauberstab auf den Boden werfen, genau hier vor meine Füße, und dann gehst du bis an die Wand.“ Noch immer zögerte Lucius, seinen Blick fest auf seine Frau gerichtet. „Na los!“, zischte Narzissa, nun deutlich verärgert. Sie drückte ihren Stab noch ein wenig fester in Harrys Hals, sodass der Junge vor Schmerz zuckte.

„Schon gut.“, beschwichtigte Lucius. „Der Junge ist ein Kind, lass ihn gehen.“

„Das kannst du vergessen!“, höhnte die Blonde. „Ich brauche sein Blut. Ob er tot ist, wenn ich es mir nehme, oder nicht, das ist mir egal. Also, weg jetzt mit deinem Stab!“

Er musste sie am Reden halten, dachte Lucius fieberhaft. „Seit wann weißt du es?“, war das Erste, was ihm einfiel.

„Dass du nicht so treu hinter unserem Lord stehst? Schon lange.“, verriet Narzissa. Ihr Griff um Harry lockerte sich ein wenig. „Mein Vater ahnte es bereits, als er den Ehevertrag mit deinem Vater erstellte. Er hat ihn noch ein wenig … aufgebessert, damit ich in einer besseren Position bin, solltest du untreu sein. So leicht gibt man eine Black nicht auf, mein Lieber! Und nicht umsonst war mein Vater einer der besten Schwarz-Magier seiner Zeit, da hättest du viel lernen können. Aber du hast es ja immer vorgezogen, eine weiche Schiene zu fahren. Pah! Du hättest groß und mächtig unter dem Lord werden können! Aber du wolltest es ja nie. Also habe ich mich umgesehen und gefunden, was ich wollte. Quirinius Quirrell war ein leichtes Opfer. Ich habe die Existenz unseres Meisters gefunden, gemeinsam mit Rookwood, und wir haben ihm einen Körper besorgt, der ihm als Wirt dienen konnte. Quirrell hatte bereits die Stelle als Verteidigungslehrer, daher war er perfekt. Einige Zauber und Drohungen, dann erklärte er sich dazu bereit, den Wirt für unseren Lord zu machen. Und ein magisches Tuch als Schutz, sodass der Direktor nichts spürt, war schnell gefunden, immerhin besitzt meine Familie einige nützliche Dinge. Quirrell ist schon seit Jahren dafür bekannt, ständig einen Turban zu tragen, so fiel es niemandem auf. So kam der Lord in die Schule. Er wollte Potters Blut, damit er wieder einen richtigen Körper bekommen kann, doch dieses Halbblut Snape musste ihn ja unbedingt von allem fernhalten. Da erfuhren wir vom Stein der Weisen und entschieden, ihn zusätzlich in unsere Hand zu bringen, denn dann wäre der Lord ewig jung, sobald er seinen neuen Körper hat. Das wäre dem Lord durchaus Recht gewesen. Das Problem war jedoch, er bekam Potter nie in die Hand. Allerdings erfuhr Quirrell, dass Potter wohl nicht dauerhaft in Hogwarts war. Ich kenne euch, dich und Snape, ihr seid ein wenig zu gut befreundet. Also vermutete ich, dass du etwas weißt. Zwar konnte ich dich nicht ausfragen, aber die Hauselfen schon. Und so erfuhr ich schon vor Wochen, dass du den Bengel unterrichtest. Das Problem war nur, du hast ihn nie alleine gelassen. Auch das erfuhr ich mit Leichtigkeit, schließlich gibt es Überwachungszauber. Du kamst nie auf die Idee, dass ich einen in deinem Arbeitszimmer wirke, nicht wahr?“ Sie lachte gehässig. „Ich ahnte, dass du dich nicht sicher genug fühlst, wenn ich hier bin, also fingierte ich eine Reise. Und tatsächlich, gleich heute morgen zeigte mir mein Zauber, dass Potter alleine in der Bibliothek war. Mit einem kleinen Zauber habe ich ihn hierher gelockt, damit du nichts mitbekommen kannst. Wärst du nicht aufgetaucht, hätte der Lord inzwischen bereits seinen Körper!“

„Wie? Wo ist er?“ Lucius verstand kein Wort mehr, es rauschte derart in seinem Kopf, weil er keine Ahnung hatte, wie er Harry nun helfen sollte.

„Wie? Mit einem Ritual natürlich. Und es muss Harrys Blut sein, damit er endlich diesen Schutz überwinden kann, den der Bengel angeblich in sich trägt!“, zischte Narzissa, deren Geduld scheinbar bereits überstrapaziert war. „Quirrell der Idiot hat es nicht überlebt, aber ich weiß, wo ich den Lord finden kann, um das Ritual durchzuführen. Aber das wirst du nicht aus mir heraus bekommen! Und jetzt schwing keine Reden mehr sondern wirf endlich deinen Zauberstab weg!“ Deutlich war zu hören, dass Narzissas Geduld am Ende war. Noch nie hatte sie viel Geduld gehabt.

„Was war mit Draco? Wer hat …?“, setzte Lucius an, verzweifelt darauf hoffend, dass seine Frau weiter sprach.

„Es war ein Leichtes, den Jungen unter Imperius zu stellen.“, höhnte die Blonde. „Ich habe gewartet, bis du es nicht mitbekamst, dann den Zauber gewirkt. Ein kleiner Gedächtniszauber half, sodass er sich nicht erinnern konnte. Vielleicht habe ich ein wenig übertrieben, ich habe erfahren, er kann sich nicht mehr an den Ball erinnern, aber was soll's. Der Bengel ist auch nicht zu gebrauchen. Quirinius hat die Fallen erforscht, das Wissen gab ich Draco, sodass er bis zum Stein kam. Den Rest sollte Quirinius übernehmen, aber beide waren zu blöd dazu. Ich hätte es doch selbst machen sollen. Aber jetzt habe ich Potter, dann hole ich den Lord zurück und er wird entscheiden, wie es weiter geht.“ Sie sah ihren Ehemann böse an. „Und jetzt endlich weg mit deinem Stab!“

Lucius war kurz davor, seinen Stab tatsächlich aufzugeben, denn ihm fiel keine Lösung ein, wie er Harry retten könnte, da hörte er ein Geräusch aus dem Nebenzimmer. Severus! Er kam, um Harry abzuholen! Endlich!

Auch Narzissa hörte das und ihr Blick huschte unwillkürlich zur Seite. Im gleichen Moment erkannte sie, dass jemand kam, und somit ihre Chancen immer geringer wurden. „Sectum...“, setzte sie an.

„Avada kedavra!“, unterbrach Lucius sie grimmig. Noch bevor Narzissa reagieren konnte, traf sie der tödliche Fluch in die Brust. Sie stürzte mit weit offenen Augen zu Boden, riss Harry dabei mit sich.

Panisch schrie Harry auf, nun konnte er sich nicht mehr beherrschen. Zuvor hatte er mit Mühe still gehalten, da er ahnte, dass jede Bewegung etwas auslösen könnte bei Narzissa Malfoy. Aber jetzt hatte er Schmerzen und bekam kaum noch Luft. Die Frau, die ihm so weh getan hatte, lag nun halb auf ihm, sie war so schwer, dass er sich kaum bewegen konnte. „Severus, hilf mir!“, wimmerte er leise.

Doch Severus konnte sich gerade noch nicht um seinen Schützling kümmern. Seine Gedanken rasten schon seit dem Todeszauber seines Partners. Er traf seine Entscheidung, und das sehr schnell. „Expelliarmus!“, entwaffnete Severus seinen Geliebten. Elegant fing er den Zauberstab auf.

„Was...?“, wunderte sich Lucius. Er war tödlich blass, seine Augen weit. Lucius Malfoy stand eindeutig unter Schock.

„Schnell, wir müssen dafür sorgen, dass es aussieht, als hätte ich Narzissa getötet!“, antwortete Severus. „Da ich dich entwaffnet habe und der Avada aus deinem Zauberstab kam, könnte ich es gewesen sein. Wir müssen allerdings das Gedächtnis von jedem von uns entsprechend verändern! Und das schnell, die Auroren werden sicher bald auftauchen, einen Avada erkennen sie auch durch deine Schutzzauber!“

„Warum?“ Lucius verstand diesmal überhaupt nicht, was sein Partner damit bezweckte. Sein Kopf war wie in Watte gepackt, er konnte nicht klar denken.

„Du bist immer noch ein vermeintlich treuer Anhänger des Lords, und zusätzlich ein Spion für das Ministerium.“, erklärte Severus hastig. „Es gibt keine vernünftige Begründung, warum du deine Frau töten solltest, wenn sie doch im Sinne des Lords agiert, und das sogar in seinem Auftrag. Das wäre dein Todesurteil! Ich hingegen gelte ohnehin schon als Verräter. So, wie es aussieht, dauert es nicht mehr lange, bis irgendein Todesser den Lord zurück holt, und dann bist du der einzige Spion des Ministeriums im inneren Kreis. Sie brauchen deine Informationen, da Dumbledore nun keine mehr von mir bekommt! Was denkst du macht der Lord mit dir, wenn du wegen Harry deine Frau getötet hast, die du auf seinen Befehl hin geheiratet hast? Ich habe gehört, was Narzissa gesprochen hat, konnte aber am Ende nicht anders reagieren, als sie abzulenken. Also los, lass mich in deinen Kopf, dann lasse ich es so aussehen, als hätte ich mich heimlich angeschlichen und sie dann getötet, als sie mein Mündel verletzen wollte. Daraus dreht mir so schnell keiner einen Strick, selbst wenn es eine Verhandlung geben sollte. Aber die Aussage, was sie mit Harry vorhatte, erlaubt mir diese zugegeben etwas radikale Vorgehensweise. Vor allem, weil Harry ihr Opfer geworden wäre.“

Ziemlich überfahren nickte Lucius und ließ zu, dass Severus sein Gedächtnis manipulierte. Er hatte Recht, es ging nicht anders.

Dann erst wandte sich der Tränkemeister seinem kleinen Schützling zu. „Komm her, Harry.“, half er ihm auf und zog ihn in seine Arme, nachdem er Narzissa von ihm herunter geholt hatte. Mit einem gemurmelten „Legilimens“ drang er in den Geist des Kindes ein und änderte nur dieses kleine Detail der Erinnerung, Harry könnte dann ihre Angaben bestätigen.

Schluchzend klammerte sich Harry an Severus. Er bemerkte nicht einmal, was der Ältere tat, sondern schmiegte sich in die Arme, die Sicherheit versprachen. Hier war er zuhause, hier war er sicher, hier war er beschützt. Hier passierte ihm nichts. „Daddy!“, wisperte er.

Severus erstarrte, als er das leise Flüstern Harrys hörte. Sein Kleiner hatte noch immer panische Angst, so sehr, dass er sich sogar nass gemacht hatte. Mit einem wortlosen Zauber ließ Severus das Malheur verschwinden, bevor er Harry noch fester in seine Arme zog. „Es ist vorbei, mein Kleiner. Es ist vorbei!“, murmelte er beruhigend. „Du bist sicher, Harry. Niemand kann dir mehr etwas tun. Alles wird gut!“

Lucius stand noch immer völlig neben sich. Er starrte seine Frau an, die tot und mit aufgerissenen Augen auf dem Boden lag. „Warum? Warum hast du das getan?“, sprach er leise vor sich hin. „Du hattest doch alles, was du wolltest. Warum konnte es nie genug sein? Was hat dir der Lord versprochen, das ich dir nicht gegeben habe?“ Selbst als ein Klingeln davon kündete, dass jemand vor der Tür war, reagierte er nicht.

Erst, als ein Hauself sich vor ihm verbeugte und meldete: „Meister, Auroren sind hier und wollen Sie sprechen!“, riss er sich aus seiner Starre. Mühsam verbarg er seine Gefühle hinter einer eisigen Maske, dann bat er den Hauselfen, die Auroren herein zu führen.

Der Hauself gehorchte und nur eine Minute später standen vier Auroren im Raum, angeführt von einem verwegen aussehenden Auror namens Moody. Sowohl Severus als auch Lucius kannten ihn, er wusste von Beiden, dass sie Spione waren, traute ihnen allerdings nicht über den Weg. Sein Aussehen erschreckte Harry hingegen sehr, ihm fehlte ein Teil seiner Nase, er hatte ein Holzbein und mehrere Narben liefen quer über sein Gesicht. Eines seiner Augen war riesig und offensichtlich magisch, es drehte sich ständig rund herum und machte Harry ganz schwindelig vom Zusehen.

„Was ist hier passiert?“, forderte eben Moody zu wissen. „Wir wissen, dass hier ein Todesfluch gesprochen wurde, die Schutzzauber können diesen nicht einfach so verstecken.“

„Das ist mir bewusst, Mister Moody.“, antwortete Lucius kalt. „Aber ich werde Ihnen sagen, was hier passiert ist. Meine Frau“, sein Tonfall wurde noch deutlich kälter und verächtlicher, als er das sagte, „hat den jungen Harry hier entführt. Sie wollte mit seiner Hilfe den Lord wieder auferstehen lassen. Sie hat bereits angesetzt, einen Schneidezauber auf seinen Hals zu sprechen, da hat Severus, der mich zuvor entwaffnete, den Todesfluch auf sie gesprochen.“

Moodys Augen wandten sich Severus zu, wobei er auch Harry ansah. Der schauderte. Severus drückte ihn fest an sich. „Sie wollte meinen Sohn enthaupten.“, zischte Severus. Er merkte nicht einmal, wie er Harry betitelte. Der Kleine allerdings nahm es deutlich wahr, seine Augen leuchteten mit einem Mal, obwohl er immer noch blass war von den Ereignissen. „Ich hatte keine Wahl, jeder andere Zauber hätte nicht mehr verhindern können, dass sie zu Ende spricht. Ein Avada ist nun einmal der schnellste Zauber, und einer, der nicht geblockt werden kann. Narzissa hatte mehrere Schutzzauber auf sich liegen, ich wäre zu langsam gewesen.“

„Ihr Beide werdet unter Veritaserum aussagen müssen.“, brummte Moody. „Kommt ihr freiwillig mit oder muss ich euch verhaften lassen?“ Er wandte sich zu einem seiner Untergebenen um. „Shane, bring die Leiche ins Ministerium, die Heiler und die Unsäglichen sollen sie sich ansehen. Und lass ihren Stab untersuchen.“ Nun sah er wieder zu den beiden Slytherins und streckte fordernd seine Hand aus. „Eure Stäbe.“

Severus und Lucius gehorchten ohne Widerrede. Sie durften Moody nun nicht gegen sich aufbringen, er könnte es ihnen wesentlich schwerer machen, als es ohnehin war. „Mister Moody, ich muss mich zuerst um Harry kümmern, er ist meine Verantwortung.“, wandte Severus ein. „Ich würde ihn gerne nach Hogwarts bringen, wo Madam Pomfrey sich um ihn kümmern kann.“

„Nein, nicht weg geh'n!“, schrie Harry auf und klammerte sich erneut an Severus fest. Panisch wie er war wurde seine Atmung immer hektischer.

„Ich kann nicht zulassen, dass Sie verschwinden, Snape:“, schüttelte Moody den Kopf. „Wer weiß, was Sie dann treiben. Ich traue Ihnen nicht! Was, wenn Sie die ganze Läuterung nur spielen und den Jungen statt nach Hogwarts zum Lord bringen? Nein, nein, Sie gehen jetzt mit!“

„Ich kann Harry doch nicht einfach sich selbst überlassen!“, protestierte Severus entsetzt. Er sah seinen Kleinen an, der inzwischen hyperventilierte. „Ruhig atmen, Harry. Ganz ruhig.“

„Sie … sie wollen dich verhaften!“, hickste Harry. „Du darfst nicht weg geh'n, du bist doch jetzt mein Daddy!“

„Ruhig, Harry.“, mahnte Severus, sich der ungeduldigen Blicke von Moody durchaus bewusst. „Ganz tief durchatmen. Sie müssen mich befragen, das muss alles aufgeklärt werden. Vielleicht kann Auror Moody einen Patronus an Madam Pomfrey schicken, damit sie hierher kommt und dich abholt? Ich komme dann so schnell wie möglich nach, in Ordnung?“

„Nein, ich will nicht, dass du weg gehst!“, schüttelte Harry wild den Kopf und klammerte sich fest an Severus' Robe.

Ein Hauself kam in den Raum und wirkte verängstigt. „Verzeiht, Meister Malfoy, ein Besucher ist an der Tür, ein Mister Remus Lupin. Er hat gesagt, ich solle meinem Meister ausrichten, dass die Schutzzauber auf Harry Potters Armband angeschlagen haben und er nun wissen will, was da los ist.“

„Lupin!“ Severus war mehr als erleichtert. „Er kann sich erstmal um Harry kümmern!“ Auch, wenn er den Anderen nicht mochte und Harry in den letzten Wochen eher Abstand gehalten hatte, so kannte der Werwolf den Jungen doch inzwischen ganz gut.

Lucius befahl der Hauselfe in der Zwischenzeit, Lupin zu ihnen zu bringen. Moody schien einverstanden zu sein, denn er wartete wortlos, wenn auch seine Aufmerksamkeit nie nachließ. Er und seine Auroren standen mit erhobenen Zauberstäben vor ihnen. Als Remus Lupin in den Raum kam, konnte er nicht umhin, die Situation mit verwirrtem Blick zu mustern.

„Keine Zeit für Erklärungen im Moment.“, schüttelte Severus den Kopf. „Nehmen Sie Harry, Lupin, bringen Sie ihn nach Hogwarts in meine Räume. Das Passwort ist Initium novum. Ich komme, sobald ich kann.“

„Was …?“, stammelte Remus, als Severus ihm Harry in die Arme drückte und vorsichtig dessen Griff an seiner Kleidung löste. „Ruhig, Harry, ich komme zu dir, so schnell ich kann.“, brummte Severus und gab dem Kleinen einen Kuss auf die Stirn.

„Nein, nicht!“, rief Harry entsetzt und wollte sich aus dem Griff des Werwolfes befreien.

„Geh!“, beschwor Severus den Dunkelblonden. „Jetzt!“ Er wollte nicht, dass Harry den Rest noch mitbekam. Denn er war sicher, dass Moody sie nicht als freie Männer mitnehmen würde. Der alte Auror war erstaunlich geduldig gewesen bis hierher.

Severus hatte Recht. Sobald Remus Lupin mit Harry auf dem Arm durch das Kaminfeuer verschwunden war, beschwor Moody Fesseln herauf, die sich um Lucius und Severus wickelten. Gleichzeitig feuerten die jüngeren Auroren Lähmzauber ab, sodass sich die beiden Gefangenen nicht mehr rühren konnten. „So, ihr entkommt mir diesmal nicht.“, knurrte Moody. „Ich halte nichts davon, Kinder zu verängstigen, also stimmt eure Geschichte besser von Anfang bis Ende!“ Auf seinen Wink hin griffen die Auroren zu und disapparierten mit ihren Gefangenen.

Das Apparieren in dem Zustand, in dem sich Severus und Lucius gerade befanden, war nicht sehr angenehm. Die Enge, die das Apparieren mit sich brachte, war schon unangenehm, wenn man selbst apparierte, aber wurde man mitgenommen, vervielfachte sich dieses Gefühl. Nur mit Mühe konnten beide Männer verhindern, dass sie sich übergeben mussten. Hilflos, wie sie waren, mussten sie zulassen, dass die Auroren sie durch das Ministerium schweben ließen, bis sie bei den Zellen im Keller ankamen. Erst, als die Türen hinter ihnen geschlossen waren, nahmen die Auroren die Zauber von ihnen. Schmerzhaft landete Severus auf dem Boden, da er durch das plötzliche Lösen des Erstarrungszaubers das Gleichgewicht nicht halten konnte. Lucius hatte mehr Glück, er konnte sich im letzten Moment an der Wand festhalten. Eine Weile sahen sie sich nur wortlos an. Die Gitter, die sie trennten, ignorierten sie einfach.

„Was denkst du, wie lange wird es dauern, bis wir befragt werden?“, fragte Severus schließlich leise. Er dachte an Harry, wie panisch der Kleine gewesen war. Er hatte ihn ‚Daddy‘ genannt! Etwas in Severus wärmte ihn plötzlich und er musste sich zwingen, sein Gesicht ausdruckslos zu halten. Er hätte nie geglaubt, dass es so schön sein könnte, dieses kleine Wort aus dem Mund eines Kindes zu hören.

„Da es um uns beide geht, sicher nicht besonders lange.“, zuckte Lucius die Schultern. Er wirkte wenig besorgt. Kein Wunder, er hatte – laut seiner Erinnerung – auch nichts mit dem Tod seiner Frau zu tun. Severus hatte ganze Arbeit geleistet bei der Gedächtnismanipulation. Lucius wurde ganz langsam bewusst, dass er nun frei war. Er und Draco waren frei, nun konnte er zu Severus stehen!

Severus hoffte auch, dass es schnell ging, denn Harry spukte immer noch durch seinen Kopf. Der Junge würde sich nicht beruhigen, bis er wieder zurück in Hogwarts war. Theoretisch konnten die Auroren sie bis morgen früh festhalten und dann erst zur Befragung führen. Hoffentlich wurden sie heute noch befragt! Severus war zwar nicht vollkommen überzeugt, dass seine Argumentation auch so übernommen wurde, aber er hoffte es sehr. Nach Askaban wollte er nicht noch einmal. Er schauderte. Nach dem Sturz des Lords vor knapp 11 Jahren hatte er einige Zeit dort verbracht. Bis heute wusste er nicht genau, wie lange er dort war, es hatte sich wie Monate angefühlt, obwohl es höchstens zwei Wochen gewesen sein konnten. Hoffentlich hatte er keinen Fehler gemacht, indem er Lucius' Tat auf sich nahm. Er hätte zuerst an Harry denken sollen. Färbte Dumbledore schon auf ihn ab? Vergaß er seinen kleinen Jungen, sein Mündel, während er an die Folgen dachte, wenn Lucius als Spion ausfiel? Nein, es war nicht nur das. Harry war nicht Lucius' Sohn, er hatte außerdem viel mehr Zeit gehabt, etwas zu tun. Das machte sich nicht besonders gut als Argumentation. Er selbst konnte eine emotionale Ausnahmesituation viel eher geltend machen. Nicht, dass Draco deswegen auch noch seinen Vater verlor. Zwar mochte sein Patenkind seine Mutter nicht besonders, aber sicherlich würde es dennoch ein Schock für ihn, wenn er vom Tod Narzissas erfuhr.

Müde ließ sich Severus auf die schmale Pritsche an der einen Wand sinken. Erst jetzt kam langsam Angst in ihm hoch. Was, wenn sie ihn doch nach Askaban schickten? Was passierte dann mit Harry? Er sah auf und traf Lucius' Blick. „Wirst ...“, begann er heiser und räusperte sich. „Wirst du dich um Harry kümmern?“

„Du wirst dich selbst um Harry kümmern.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Du hast den Jungen gerettet, das können sie dir nicht zum Vorwurf machen. Vor allem nicht, wenn sie immer noch glauben, dass Harry der Junge ist, der die Zauberwelt irgendwann vor dem dunklen Lord rettet. Gerade weil es Harry Potter ist, wirst du davon kommen.“

„Aber wenn sie mich doch nach Askaban schicken, wirst du dich dann um Harry kümmern?“, versicherte sich Severus. „Ich muss wissen, dass es dem Kleinen gut gehen wird. Bitte.“

„Das werde ich zwar nicht müssen, aber ich verspreche es dir, ich werde mich um Harry kümmern, solltest du nicht dazu in der Lage sein. Er wird genau wie Draco sein für mich, hab' keine Angst.“, nickte Lucius nun ernst. Er schien zu spüren, wie wichtig Severus diese Zusage war.

„Danke.“ Eine Weile schwiegen sie wieder. Dann blickte Severus auf und sah seinen Geliebten an. „Wie geht es dir? Ich meine, immerhin ist deine Frau gerade von d… mir getötet worden.“ Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass Lucius nur diese Version noch in seinem Kopf hatte und nichts anderes wissen sollte. Er hätte dieses Wissen wohl auch aus seinem Kopf vollständig löschen sollen, hatte es aber nur an einen unzugänglichen Ort geschoben, sodass er unter Veritaserum aussagen konnte, ohne etwas anderes zu sagen als in der ersten Befragung von Moody. Hastig sicherte er diese Version noch einmal deutlich besser, sodass auch unter Legilimentik kein Verdacht auftreten würde. Er konnte sich keine Fehler erlauben.

Jetzt setzte sich auch Lucius auf die Pritsche, wenn auch mit einem verächtlichen Blick. Besonders sauber schien es hier nicht zu sein. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau.“ Für einen Moment ließ er zu, dass sich Gefühle in seinem Gesicht zeigten. Erleichterung, Unsicherheit, Hoffnung. Doch schnell war seine Maske wieder undurchdringlich. „Ich schätze, ich werde noch einige Tage brauchen, bis dieses Wissen wirklich wird. Im Moment erscheint es mir wie ein seltsamer Traum, alles hier. Als wäre ich in meinem Büro eingeschlafen und könnte jeden Moment aufwachen, weil Harry mich fragt, ob Runespoores mit jedem Kopf fressen oder ob sie sich abwechseln.“

Severus schmunzelte kurz, ja, diese Frage könnte von Harry sein. Aber sofort wurde er wieder ernst. Er machte sich wirklich Sorgen, vor allem um Harry, aber gerade konnte er nur abwarten und hoffen. Da sie hier, in den Zellen, auch nicht offen reden konnten, schwiegen sie die meiste Zeit. Wer wusste schon, ob nicht Abhörzauber auf den Zellen lagen. Es gab sicher einen Grund, sie hier nebeneinander einzusperren. Reine Menschlichkeit wohl eher nicht, immerhin hatte Moody sie hierher gebracht. Der Kerl traute ihnen nicht, da sie Todesser waren. Wenn auch Spione, aber das machte in den Augen des Chefaurors keinen Unterschied, das wussten sie schon lange.

Endlich, es musste schon auf Abend zugehen, kamen vier Auroren zu den Zellen. Erneut wurden Zauber auf Lucius und Severus gelegt, sodass sie sich nicht bewegen, geschweige denn fliehen konnten, dann wurden sie nach oben gebracht, direkt ins Büro von Madam Bones. Als Leiterin der magischen Strafverfolgung würde sie offenbar die Befragung durchführen. Nicht nur sie war in ihrem Büro, sondern auch Moody, der als Chefauror ebenfalls anwesend sein musste. Dazu noch einige Mitglieder des Gamot, scheinbar sollte nun entschieden werden, wie es weiter ging. Auf dem Tisch von Amelia Bones stand eine Phiole mit einem klaren Trank, der fast wie Wasser aussah. Veritaserum. Zwei Gläser standen daneben.

„Kingsley, Daniel, ihr wartet mit Malfoy draußen.“, befahl Moody, als sie in den Raum traten. „Die Gefangenen werden einzeln befragt.“

Die Auroren folgten dem Befehl ihres Vorgesetzten und brachten Lucius nach draußen, wo sie mit ihm warteten. Severus hingegen wurde zu einem Stuhl gebracht und unsanft hinein befördert. Noch immer konnte er sich nicht bewegen, erneut lag ein Erstarrungszauber auf ihm. Den lösten die Auroren, die ihn eskortiert hatten, nun, da er das Serum trinken und anschließend aussagen musste. Unter dem Zauber könnte er das nicht, weil seine Bewegung vollkommen unmöglich wären. Einzig das Atmen und Blinzeln funktionierte noch, was daran lag, dass es unwillkürliche Muskelbewegungen waren. Der Zauber wirkte nur auf willkürliche Bewegungen. Severus' Nase erkannte das Serum natürlich, und er wusste auch, dass es absolut korrekt gebraut war, somit keinerlei Gefahr davon ausging. Er vermutete den Tränkemeister des St. Mungos dahinter. Drei Tropfen in einem Glas Wasser, das bedeutete, er würde die nächsten eineinhalb Stunden nicht lügen können. Nun zeigte sich, ob seine Gedächtnismanipulation erfolgreich war.

Tatsächlich konnte er alle Fragen so beantworten, wie er es sich erhoffte. Er erzählte auch, was er von Narzissas Geständnis gehört hatte. Das würde Lucius sicher noch genauer berichten können, immerhin hatte er selbst wohl nur einen Teil gehört. Die Gesichter der Männer und Madam Bones, die ihn befragten, waren undurchdringlich, er konnte nichts daraus lesen. Als er fertig war, brachten seine Bewacher ihn hinaus, denn nun war Lucius an der Reihe. Auch bei ihm dauerte es über eine Stunde, in der er befragt wurde, dann erst durfte Severus zurück in den Raum.

Madam Bones blickte ihn an. „Professor Snape, das hier war nicht leicht zu entscheiden, aber wir werden diesen Fall nicht vor dem Gamot verhandeln.“, verkündete sie. „Ich habe bereits erfahren, wie Sie mit dem jungen Harry umgehen, welchen Beschützerinstinkt Sie haben. Ich glaube Ihrer Aussage, und da stimmen meine Kollegen mir fast alle zu“, ihr Blick ging automatisch für eine Sekunde zu Moody, „daher wird es für Sie bei einer Verwarnung bleiben. Wir werden den Einsatz des Todesfluches nicht vollkommen ungestraft lassen können, aber in diesem Fall schien es wirklich die einzig mögliche Lösung für den Jungen zu sein. Allerdings ist und bleibt dieser Fluch einer der drei Unverzeihlichen, ist also verboten. Daher werden Sie eine Strafe von 100 Galleonen zahlen, die an das St. Mungos geht und dort für Fluchopfer verwendet wird. Außerdem erhalten Sie eine offizielle Verwarnung, das bedeutet, Ihr Zauberstab wird die nächsten 12 Monate überwacht um sicher zu stellen, dass Sie keine weiteren Unverzeihlichen verwenden.“

„Das heißt ...“ Severus brauchte einige Minuten, um zu realisieren, was er gerade gehört hatte.

„Das heißt, Sie bekommen ihren Zauberstab zurück und können zu Harry gehen.“, lächelte die Leiterin der magischen Strafverfolgung freundlich. „Ich denke, der Kleine wartet bereits sehnsüchtig.“

Ja, da hatte sie wohl Recht. Mit einem knappen Nicken nahm Severus seinen Stab an sich. Lucius hatte seinen bereits zurück, wie er nun bemerkte. Er erfuhr, dass der Stab bereits registriert war, daher konnte er sofort gehen. Das machte Severus nun auch. Gemeinsam mit Lucius ging er in dessen Büro, von wo aus er direkt nach Hogwarts in sein eigenes Büro flohte, dicht gefolgt von Lucius. Der Blonde wollte seinem Sohn persönlich vom Tod seiner Mutter erzählen. Sobald sie im Büro ankamen, hörten sie Harrys verzweifelte Schreie aus dem Wohnzimmer. Der Kleine war völlig heiser vom Schreien, dennoch rief er weiterhin nach Severus. Hastig rannte Severus hinüber und griff nach seinem Kleinen, hob ihn in seine Arme. „Ich bin da, keine Angst!“, murmelte er immer wieder beruhigend in Harrys Ohr, während er über den bebenden Jungen strich.

„Daddy!“, weinte Harry und schlang die Arme um Severus' Hals.

„Ich bin da, Harry.“, bestätigte Severus ruhig und setzte sich mit Harry auf das Sofa. „Ich gehe nicht weg. Lucius und ich wurden befragt, aber wir sind frei.“ Von den Auflagen für sich sprach er erstmal nicht. „Lucius ist gerade bei Draco, er wird ihm erzählen, dass seine Mutter tot ist.“

„Was ist passiert?“, mischte sich nun Remus Lupin ein.

„Harry war im Manor.“, berichtete Severus ruhig, während er Harry weiterhin im Arm hielt und sanft wiegte. „Lucius hat ihn jeden Vormittag unterrichtet. Narzissa wollte ihn nutzen, um mit Hilfe seines Blutes in einem Ritual dem Lord einen neuen Körper zu verschaffen, das konnte ich gerade so verhindern, indem ich sie tötete.“

„Du … du hast Narzissa Malfoy getötet?“, keuchte Remus.

„Um Harry zu retten, ja.“, nickte Severus. „Sie hatte den Schneidezauber bereits begonnen, und ihr Stab zeigte auf Harrys Hals.“ Da fiel ihm ein, er musste danach sehen, sie hatte den Stab ziemlich fest in den Hals des Kleinen gedrückt. Und richtig, man konnte bereits jetzt ein Hämatom erkennen. Leise rief Severus sich eine Salbe auf, um Harry zu versorgen.

„Dann waren du und Malfoy gerade im Ministerium?“, erkannte Lupin.

„Sie mussten uns freisprechen.“, nickte Severus. „Aber es hat gedauert.“ Er wandte sich an Harry. „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich wäre gern eher zu dir gekommen.“

„Du … du bleibst bei mir?“, erkundigte sich Harry angstvoll.

„Ich bleibe bei dir.“, bestätigte Severus mit einem beruhigenden Lächeln. „Komm, du kannst heute Nacht bei mir schlafen.“ Er wusste, dass Harry ohnehin nicht alleine schlafen würde. Nicht nach diesem Tag. Mit einem Blick bedankte er sich bei Lupin. Wie hatte dieser eigentlich gewusst, was los war und wo sie waren? Und wieso heute, aber nicht, als Harry in der Kammer war? Das musste er ihn beim nächsten Mal fragen. Für heute wollte er einfach nur noch ins Bett.

Lupin schien das zu verstehen. „Ich komme morgen nochmal und schaue nach Harry.“, versprach er, dann trat er ins Büro und Severus hörte den Kamin.

Mit Harry auf dem Arm ging Severus in sein Schlafzimmer. Er rief Harrys Stofftier aus dem Kinderzimmer, dann zog er sie beide mit einem Zauber um. Verdammt, all diese Zauber wurden nun im Ministerium registriert. Zwar waren sie nicht verboten – keiner der Zauber, die er nutzte, war verboten – aber dennoch fühlte es sich nicht gut an. So überwacht hatte er sich nicht einmal beim Lord gefühlt. Es war einfach falsch. Dennoch bereute er nicht, was er getan hatte. Nein, Lucius wäre sicher nicht so einfach davon gekommen. Vielleicht beim Ministerium, aber nicht beim Lord. Da musste er selbst noch etwas tun, denn er musste dafür sorgen, dass Harry sicher war. Um sich selbst machte er sich nur insofern Gedanken, dass er dann nicht mehr auf Harry aufpassen konnte, wenn ihm selbst etwas passierte. Und er wollte auf jeden Fall für den Kleinen da sein. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft. Und dafür musste sein Haus noch sicherer gemacht werden. Vielleicht sollte er Lucius bitten, ihm bei einem Fidelius zu helfen. Seine eigene Magie alleine reichte dafür nicht aus. An Lucius dachte er nicht mehr weiter, als er sich ins Bett legte und Harry sicher in seine Arme zog. Wahrscheinlich würde dieser bei Draco übernachten, ihn genauso im Arm halten wie er selbst Harry. Das brauchten sie jetzt.

 

Drei Wochen später hatten sich alle ein wenig beruhigt. Sie waren auf Narzissas Beerdigung gewesen, aber wirklich getrauert hatte keiner von ihnen. Harry war nur deshalb mitgegangen, weil er Severus keinen Moment aus den Augen ließ. Selbst beim Unterricht des Tränkemeisters war er dabei. Noch immer stand er unter Schock aufgrund der Ereignisse, aber es besserte sich langsam. Zumindest konnte Severus inzwischen alleine ins Bad gehen, ohne dass Harry Panik bekam, wie es am Anfang der Fall gewesen war. Auch der Körperkontakt war nicht mehr so wichtig, er konnte Harry zum Unterrichten an seinen Schreibtisch setzen, wo er sich ruhig mit seinen eigenen Aufgaben beschäftigte. Die Slytherins brachten ihm am meisten Verständnis entgegen, bei ihnen hatte sich herumgesprochen, was passiert war. Wobei auch die anderen Schüler größtenteils wussten, dass Harry dabei gewesen war, als Narzissa Malfoy getötet wurde. Der Tagesprophet hatte es geschafft, die Befragung zu drucken, und zwar fast wortgetreu. Wie auch immer sie das geschafft hatten. Severus war sicher, dass kein Reporter bei der Befragung dabei gewesen war. Die Ministeriumsmitarbeiter standen alle unter einem Verschwiegenheitszauber, sodass sie nichts weitergeben konnten. Wobei es immer wieder Zauberer und Hexen gab, die das zu umgehen schafften. Tatsache war, dass nun die gesamte Zauberwelt wusste, dass Severus Snape Narzissa Malfoy getötet hatte, um Harry Potter zu retten und damit die Rückkehr des dunklen Lords zu verhindern. Nun konnte er definitiv nicht mehr zurück. Lucius hatte zugesagt, ihm beim Verstecken seines Hauses zu helfen, auch von Madam Bones hatte er sich die Erlaubnis geholt, damit niemand ihm etwas unterstellen konnte.

„Bevor Sie nun alles vergessen, was ich Ihnen dieses Jahr versucht habe beizubringen“, schnarrte Severus in diesem Moment, um die Aufmerksamkeit seiner Klasse zu bekommen, „notieren Sie die Hausaufgaben. Ich erwarte von jedem und jeder von Ihnen drei Rollen Pergament. Genauere Anweisungen finden Sie an der Tafel.“

Harry blickte nach hinten. Es schien ziemlich viel zu sein, was Severus seinen Schülern aufgab, fand er. Allerdings waren es Schüler der sechsten Klasse, die nächstes Jahr ihre Abschlussprüfungen hatten. Da konnte er selbst wahrscheinlich nicht einschätzen, wie viel das wirklich war. Die Schüler hingegen stöhnten, sie wussten, dass es eine Menge Arbeit war, die sie viele Stunden kosten würde. Erst, als alle ihre Aufgaben notiert hatten, entließ Severus seine Klasse. Das war der letzte Unterricht in diesem Schuljahr. Erleichtert seufzte er auf, als er mit Harry alleine war. Jetzt konnte der Sommer beginnen.

ENDE Teil 1

Autorennotiz

Die Figuren gehören nicht mir, sondern Joanne Rowling, ich leihe sie mir nur aus und verdiene kein Geld hiermit.

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Autor

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Kapitel:27
Sätze:7.597
Wörter:91.324
Zeichen:537.417

Kurzbeschreibung

Harry startet in Hogwarts, ist aber zu fertig, um den sprechenden Hut zu bequatschen und landet daher in Slytherin. Severus erkennt schnell, dass der Junge Hilfe braucht und nimmt sich seiner an. Wie sieht Harrys erstes Schuljahr aus, wird er eine Heimat in Hogwarts finden? ~~~ Kindesmisshandlung ist ein Thema, wird aber nicht graphisch beschrieben, dennoch ist das der Hintergrund dieser Geschichte. Daher auch das etwas höhere Rating. Pairings werden nicht verraten, aber es wird definitiv auch Slash geben.