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Aus dem richtigen Holz Teil 1

26
24.05.20 18:11
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

„Slytherin!“

In der absoluten Stille der großen Halle klang die Stimme des sprechenden Hutes unnatürlich laut. Erst, als Professor McGonagall den Hut vom Kopf des kleinen Jungen nahm und man die schwarzen Haare und die grünen Augen wieder sehen konnte, begann ein Raunen. Niemand hätte mit dieser Wahl gerechnet. Harry Potter, der Junge-der-lebt, Sohn zweier Gryffindors, kam nach Slytherin? Diese Neuigkeit musste sofort diskutiert werden, so schienen es die Schüler zu sehen. Und die Professoren ebenso, auch sie steckten ihre Köpfe zusammen. Alle, außer dem schwarzhaarigen Tränkemeister, der in ebenso schwarzen Roben steckte und einen unheimlichen Eindruck machte. Seine Augenbraue wanderte überrascht bis beinahe zum Haaransatz, als er Potter genauer ins Auge fasste. Nie hätte er erwartet, den Bengel in sein Haus zu bekommen. Verdammt, da hatte er wohl einige Dinge, über die er sich nun klar werden musste. Dem Bengel schien die ganze Aufmerksamkeit zuwider, er zog den Kopf ein, machte sich noch kleiner, als er ohnehin war. Meine Güte, der Bengel war kleiner als jeder andere Schüler, er wirkte, als wäre er gerade mal neun Jahre. Langsam schlich er zum Haustisch der Schlangen, ließ sich von Draco auf die Bank ziehen. Im Sitzen war er kaum noch zu sehen, so klein war er. Beinahe einen ganzen Kopf kleiner als Draco, wurde Severus Snape bewusst. Der Junge zog den Kopf ein und blickte auf den Tisch, ignorierte den Applaus und die freudigen Ausrufe seiner neuen Hauskameraden. Er wirkte, als wolle er am liebsten in einem Mauseloch verschwinden. Das würde er ihm noch austreiben, entschied sein neuer Hauslehrer. Die Slytherins zeigten, was sie konnten. Er erwartete von allen seinen Schülern, ihr Bestes zu geben, und vielleicht noch ein wenig mehr.

Als die Auswahlzeremonie endlich zu Ende war und das Essen auf den Tischen erschien, war Harry vollkommen überfordert von der reichhaltigen Auswahl. Viele der Dinge kannte er nicht einmal. Er griff nur nach etwas Gemüse und ein paar Nudeln, da war er sicher. Es schmeckte deutlich besser als alles, was er bisher bekommen hatte. Dennoch legte er nach nur wenigen Bissen den Löffel hin. Mehr konnte er nicht essen. Ihm war immer noch, oder schon wieder, so genau wusste er es nicht, ziemlich übel. Außerdem fror er schrecklich, aber er durfte nicht auffallen, das hatte Onkel Vernon sehr deutlich gemacht.

„Du wirst dich von deiner besten Seite zeigen.“, warnte Onkel Vernon, bevor er am Bahnhof Kings Cross aussteigen durfte. „Niemand erfährt, was zuhause passiert. Du weißt, dass du es nicht anders verdient hast, du Freak!“ Harry nickte nur, etwas anderes kam gar nicht in Frage. „Sollte jemand etwas erfahren, bist du schneller wieder hier als du ‚Auf Wiedersehen‘ sagen kannst, ist das klar?“ Wieder nickte Harry gehorsam. Ihm war bewusst, dass dann alles nur noch schlimmer werden würde. Die Vorfreude auf Hogwarts wich langsam dem vollkommenem Entsetzen, als er erkannte, dass sich nichts ändern würde, auch wenn er nun von den Dursleys weg kam, denn er musste immer wieder zurück in den Ferien. Als er an seinem Geburtstag mit Hagrid unterwegs gewesen war, hatte er geglaubt, dass nun ein besseres Leben begann, aber nun war ihm klar, dass das nicht stimmen konnte. Er hatte Angst, nicht um sich, aber um seine Eule Hedwig, die er kaum schützen konnte. Onkel Vernon hatte gedroht, dieses Federvieh umzubringen, sollte sie nur einmal eine falsche Bewegung machen. Dass sich Tante Petunia vor Eulen fürchtete, hatte Harry vergessen, als Hagrid ihm die Schneeeule geschenkt hatte. „Denk immer daran, Bursche.“, fuhr Vernon ungerührt und mit drohendem Tonfall fort. „Du bist ein mittelmäßig begabter Schüler, du wirst dort nicht auffallen und niemandem ein Wort sagen. Deine Tante und ich erwarten von dir, dass du in den Ferien die Arbeit nachholst, die du nun nicht machen kannst. Und denk immer daran, was passieren wird, sollte jemand Verdacht schöpfen.“ Eine Geste zeigte sehr deutlich, was er damit meinte. Harry wusste es auch so, Onkel Vernon hatte es ihm die letzten Tage bereits deutlich gemacht. Noch immer konnte er nur sitzen, wenn er die Zähne zusammen biss, denn die Schmerzen waren diesmal wirklich schlimm. Aber er war entschlossen, es auszuhalten und niemandem etwas zu sagen, um Hedwig, seine Eule, zu beschützen. Sie durfte nicht leiden, war sie ihm doch immer treu.

Also ging er in den Bahnhof, schleppte seinen schweren Koffer und den Eulenkäfig mit sich. Anfangs hatte er panische Angst, den Zug nicht zu finden und zurück nach Little Whinging zu müssen, doch dann traf er auf die nette Familie, die ihm durch die Absperrung half. Auf der anderen Seite hatte er sich hastig davon gemacht, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, weil er leicht humpelte. Außerdem wusste er, dass er Fieber hatte. Sein Körper musste ziemlich heiß sein, so stark wie er fror und zitterte. Deshalb hatte er seinen Koffer und den Eulenkäfig so schnell wie möglich in den Zug gehievt und sich in ein Abteil gesetzt. Die Fahrt über hatte er fast die ganze Zeit geschlafen, und wenn er nicht gerade schlief, dann las er. Endlich konnte er die Schulbücher in die Hand nehmen, die sein Onkel ihm vorher abgenommen hatte. Die anderen Schüler, die in seinem Abteil saßen und sich unterhielten, ignorierte er, und sie ihn.

„Hey, Harry!“, riss ihn eine Stimme aus den Gedanken. Harry sah auf. Draco blickte ihn an. „Das Essen ist vorbei, unsere Vertrauensschüler wollen uns in unseren Gemeinschaftsraum bringen.“, erklärte der Blonde.

Hastig stand Harry auf und schloss sich den anderen Schülern an. Inzwischen tat ihm alles weh und er konnte es kaum noch verbergen. Dennoch biss er die Zähne zusammen, er wollte auf keinen Fall, dass jemand etwas mitbekam. Nein, Hedwig durfte nichts passieren. Dafür nahm er Viel in Kauf, egal, was es ihn kostete. Sicherlich wurde es bald besser, wenn sein Onkel nicht hier war. Harry ging zumindest davon aus, dass er hier nicht bestraft wurde. Nun ja, er hoffte es. Langsam trottete er hinter den anderen Slytherins her, bis sie im Kerker ankamen. Jedenfalls wirkte dieser Teil des Schlosses so auf Harry. Ob er es jemals schaffen würde, sich zu orientieren? Wenn er jetzt zurück in die große Halle müsste, er würde sich rettungslos verlaufen. Er konnte sich nicht konzentrieren, sein Kopf fühlte sich viel zu leicht an. Er bekam nicht einmal mit, was das Passwort war, oder dass der Vertrauensschüler darauf hinwies, wo das Büro ihres Hauslehrers war.

„Setzt euch alle!“, forderte der Vertrauensschüler sie auf. Die älteren Schüler hatten sich bereits verteilt, aber in der Mitte des Raumes standen noch genug Bänke und Stühle, sodass sich alle neuen Schüler setzen konnten. Harry ließ sich auf einem Stuhl nieder, biss erneut die Zähne zusammen. Diesmal konnte er ein leises Zischen nicht unterdrücken. Zu seinem Glück war es so laut im Gemeinschaftsraum, dass niemand es hörte.

Der Vertrauensschüler wandte sich an die anderen Schüler. „Hey, seid mal leise!“, rief er. Als es still war, drehte er sich wieder zu den neuen Erstklässlern um. „Also, es gibt hier einige Regeln, zusätzlich zu den allgemeinen Schulregeln. Erstens: wir gehen immer gemeinsam zum Essen und zurück. Natürlich müsst ihr nach dem Frühstück nicht zurück in den Gemeinschaftsraum, wenn ihr Unterricht habt. Nehmt also eure Taschen immer gleich mit. Wir Slytherins kommen nicht zu spät, ansonsten bekommt ihr Ärger mit unserem Hauslehrer. Und lasst euch sagen, das ist kein Spaß. Dennoch gehen wir gemeinsam aus der großen Halle, da gibt es keine Ausnahmen. Dort bekommt ihr übrigens morgen auch eure Stundenpläne. So viel dazu. Zweitens: es gibt keine Streitigkeiten in der Öffentlichkeit. Wenn es Probleme zwischen euch gibt, dann klärt das hier. Auch dafür sind wir Vertrauensschüler da. Sollten auch wir keine Lösung finden, werden wir unseren Hauslehrer Professor Snape mit hinzu ziehen. Damit kommen wir gleich zu drittens: Professor Snape legt Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Dafür sind nicht nur die Hauselfen zuständig. Unsere Sachen müssen wir selbst aufräumen, und das wird der Professor auch regelmäßig kontrollieren. Heute Abend habt ihr Zeit, alles einzuräumen, eure Koffer sind bereits in den Zimmern. Die Zimmer sind dort hinten, wenn ihr die Treppe hinauf geht, dort kommt ein Flur. Auf der rechten Seite schlafen die Mädchen, die Zimmertüren sind beschriftet. Die Jungs schlafen links. Ihr habt immer zu zweit ein Zimmer, dort habt ihr auch einen Schreibtisch. Erledigt eure Hausaufgaben ordentlich, auch das erwartet Professor Snape. In der Bibliothek findet ihr zusätzliche Bücher, wenn eure Schulbücher nicht genug Information enthalten. In den nächsten Tagen führen wir euch durch die Schule, damit ihr euch auskennt. Zögert nicht, uns zu fragen, solltet ihr euch nicht zurecht finden. Es ist ein altes, magisches Schloss, das kann zu Verwirrung führen. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, wechseln die Treppen auch gerne mal die Richtung, also passt auf. Geht auch immer mindestens zu zweit durch die Flure, gerade die Gryffindors verhexen uns gerne, auch wenn das Zaubern auf den Fluren verboten ist. Also passt auf. Okay, ich denke, das reicht für heute. Haltet euch an die Regeln, dann bekommt ihr auch keinen Ärger. Jetzt schlage ich vor, ihr geht in eure Zimmer und packt eure Koffer aus. Morgen Abend wird unser Hauslehrer kontrollieren, bis dahin sollte es ordentlich sein. Geht heute bald schlafen, morgen früh geht der Unterricht los, und da solltet ihr ausgeruht sein. Wenn etwas sein sollte, wir Vertrauensschüler haben jeweils das erste Zimmer im Flur, ihr könnt kommen, wenn etwas ist. Sollten noch Fragen sein, wir sind noch eine Weile hier. Ansonsten gute Nacht.“

Die anderen neuen Schüler standen nun auf, daher schloss sich Harry an. Er hoffte, dass er keinen unangenehmen Zimmerkameraden haben würde. Er hatte genug von seinem Cousin Dudley, und zwei der anderen Schüler sahen so ähnlich aus. Natürlich konnte das Aussehen nicht unbedingt den Charakter verraten, aber Harrys Erfahrungen saßen tief. Suchend ging er durch den genannten Flur und las die Namen auf den Türen. Es dauerte eine Weile, er musste einer Biegung des Flures folgen, dann endlich fand er seinen Namen auf einer Tür, gemeinsam mit dem Namen Draco Malfoy. Nun, das könnte funktionieren. Obwohl Draco ziemlich arrogant schien. Aber er war sicher kein Schläger.

Der Blonde war bereits im Zimmer, hatte ein Bett in Beschlag genommen und räumte gerade seinen Koffer aus. Harry staunte, wie viele Kleidungsstücke in seinem Koffer Platz gefunden hatten. Und wie edel diese Dinge aussahen, die waren bestimmt teuer. Auch, wenn Harry sich damit nicht auskannte, aber das war selbst ihm klar. Nun war es ihm beinahe peinlich, wenn er seinen eigenen Koffer öffnen musste. Die alten Klamotten von Dudley waren das Einzige, was er hatte, und die hatten ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Am liebsten wäre er nun einfach ins Bett gegangen, er war so furchtbar müde.

„Hey.“, grüßte ihn Draco. „Ich hoffe, du schnarchst nicht, sonst kann ich nicht schlafen.“

„Äh, keine Ahnung, ich glaube nicht.“, antwortete Harry.

„Ich bin es nicht gewohnt, mit jemandem im Zimmer zu schlafen.“, gab Draco zu, während er den nächsten Stapel Kleidung ordentlich im Schrank verstaute.

„Ich auch nicht.“ Harry verriet nicht, dass er in einem Schrank gelebt hatte bisher, aber er hatte diesen Raum tatsächlich für sich alleine gehabt. Er griff in seinen Koffer und versuchte, vor Draco zu verbergen, was er darin hatte. Einzig seine Uniform war neu, alles Andere sah fürchterlich aus. Außerdem hatte er kaum etwas, in seinem Koffer war mehr Luft als sonst etwas. Ob er hier eine Möglichkeit hatte, seine Sachen zu waschen? Er würde die Augen offen halten, es war ihm lieber, wenn er niemanden fragen musste. Nur nicht auffallen.

Draco ignorierte seinen Mitbewohner für den Moment. Er hätte sich Harry Potter ganz anders vorgestellt, dieser Junge hier war irgendwie verschüchtert und schreckhaft, sprach kaum ein Wort. Aber vielleicht war er einfach nur müde. Auch Draco war geschafft, die Zugfahrt war aufregend gewesen, dann die Einteilung und das Festmahl, das Schloss und jetzt die erste Nacht im Internat. Das konnte schon überfordern. Natürlich würde Draco das nicht zugeben, aber die Tatsache, dass er nach dem Ausräumen seines Koffers direkt im Bad verschwand, zeigte das deutlich. Mit einem Buch legte er sich anschließend ins Bett, während Harry nun ebenfalls ins Bad ging und sich danach in seinem Himmelbett einrollte. „Gute Nacht.“, wünschten sie einander, und bald war es still im Zimmer.

Bis Draco mitten in der Nacht wach wurde. Die Atmosphäre hier war ganz anders als in seinem Zuhause, im Manor. Daher schlief er unruhiger als sonst, wachte immer wieder auf. Ein Blick auf seinen Wecker zeigte ihm, dass es kurz nach Mitternacht war. Im Zimmer war es nicht komplett dunkel, daher konnte er sehen, dass das Nachbarbett leer war. Nun, vielleicht war Harry im Bad? Draco drehte sich um, wollte weiter schlafen, doch er lauschte unwillkürlich nach seinem Zimmerkameraden. Nach einer Weile stand er auf und sah nach, denn es ließ ihm keine Ruhe. Doch im Bad war Harry nicht, wie ihm ein schneller Blick bestätigte. Draco blickte sich um, das Bett war eindeutig leer, er hatte sich nicht getäuscht. Wo war Harry dann? War er zum Vertrauensschüler gegangen? Aber der würde ihn doch sicher zurück ins Zimmer bringen. Draco setzte sich auf sein Bett und grübelte. Sollte er im Gemeinschaftsraum nachsehen?

Plötzlich fiel sein Blick auf den Schrank von Harry. Der stand ein Stück offen, aber er war sicher, dass der Andere ihn gestern zugemacht hatte. Sein Instinkt ließ ihn aufstehen und zur Schranktür gehen. Vorsichtig zog er sie auf, verzog dabei das Gesicht, als sein Blick auf die verschlissene Kleidung fiel. Bereits in der Winkelgasse, als er Harry das erste Mal gesehen hatte, war ihm aufgefallen, wie schlecht dieser gekleidet war. Sein Blick wanderte über die Regalfächer weiter nach unten, bis er geschockt die Luft einzog.

Severus war froh, als er sich endlich in seine Räume zurückziehen konnte. Seit Jahren hasste er den ersten Schultag wie kaum einen anderen Tag. Ab heute musste er wieder alleine im Bett schlafen, kein Wunder, dass seine Laune immer im Keller war. Hier in den Kerkern war es ohnehin kalt, aber wenn dann auch das Bett noch kalt und einsam war, war es noch viel fürchterlicher. Seine Laune sank von Minute zu Minute. Lieber ließ er sich die Auswahlzeremonie noch einmal durch den Kopf gehen. Alle waren geschockt, das konnte man den Lehrern ansehen. Ausgerechnet Potter kam nach Slytherin. Jeder war davon ausgegangen, dass Potter in Gryffindor landen würde, genau wie seine Eltern. Wieso ausgerechnet Slytherin? Welche Macht wollte ihn hier ärgern? Hatte er das Schicksal verärgert? Seufzend setzte er sich auf sein Sofa und goss sich ein Glas Feuerwhiskey ein. Nachdenklich nippte er daran. Seine Gedanken beschäftigten sich weiter mit dem Bengel. Sobald er durch das Portal gekommen war, wurde Severus klar, dass der Kleine wohl nicht viel mit seinem Erzeuger gemeinsam hatte. Alleine die Haltung machte das deutlich. James Potter war stolziert, hatte sich hofieren lassen. Immer hatte er dafür gesorgt, dass alle auf ihn achteten. Harry Potter hingegen hatte sich richtiggehend versteckt, ihm war die Aufmerksamkeit ganz eindeutig zuwider gewesen. Die ganze Haltung zeugte von Vorsicht, oder gar Angst. Vielleicht sollte er mit dem Jungen mal einzeln sprechen. Zwar hatte Severus den Jungen nur von weitem gesehen, aber diese grünen Augen hatten sich in sein Hirn eingebrannt. Sie wirkten derart gehetzt, wie es bei keinem Kind sein sollte.

Er trank einen weiteren Schluck. Erneut rief er sich das Bild des Kindes ins Gedächtnis. Harry Potter war nicht nur ziemlich klein, sondern beinahe ausgemergelt. Die Uniform hing an ihm, als wäre sie ihm zu groß. Dabei war doch Hagrid mit ihm in der Winkelgasse gewesen? Damit hatte sich der Halbriese jedenfalls gebrüstet. Der Wildhüter hatte dem Jungen wohl seinen Schulbrief gebracht und ihm die magische Einkaufsstraße gezeigt, mit ihm die Schulsachen besorgt. Aber er hatte nichts darüber erzählt, dass es dem Jungen nicht gut ging. Das Einzige, was der Halbriese erzählt hatte, war die Gefräßigkeit von Harrys Cousin. Verfressen war der Bengel mit Sicherheit nicht. Severus behielt seine Schüler immer im Auge, wenn sie in der großen Halle waren, und da war ihm aufgefallen, dass Harry so gut wie nichts gegessen hatte. Nun gut, das alleine war kein Hinweis, es könnte sein, dass er sich im Zug an Süßigkeiten überfressen hatte. Wäre nicht der erste Schüler, bei dem es so war. Aber zusammen mit den anderen Hinweisen ergab sich ein schreckliches Bild. Ja, er musste morgen mit ihm reden.

Seit Jahren ging Severus erst am zweiten Abend in den Gemeinschaftsraum. Anfangs hatte er das gleich am ersten Abend gemacht, musste aber feststellen, dass die Kinder einfach zu fertig waren nach der langen Anreise und den vielen neuen Eindrücken. Daher überließ er die erste Einführung in die Hausregeln den Vertrauensschülern, die auch dafür zuständig waren, den neuen Schülern ihre Zimmer zu zeigen. Morgen würden sie die Erstklässler zu ihren Klassenzimmern bringen, sobald er ihnen die Stundenpläne gegeben hatte. Das war bei den ersten beiden Jahrgängen noch kein Problem, schwierig wurde es erst ab der dritten Klasse. Aber darüber machte er sich heute Abend keine Gedanken mehr. Dank des Alkohols war sein Kopf inzwischen deutlich leichter. Morgen Abend hatte er weniger Gelegenheit zu trinken, aber auch weniger Zeit in Einsamkeit zum Grübeln, was ihm deutlich lieber war. Denn morgen Abend ging er, wie immer, zu seinen Schülern. Er kontrollierte die Zimmer, sah nach, ob es allen gut ging. Nicht nur einmal hatte er bisher Schüler in seinem Haus gehabt, die nicht so gesund und unversehrt waren, wie es auf den ersten Blick aussah. Er wusste, dass es in vielen Haushalten völlig normal war, die Kinder körperlich zu bestrafen. Manchmal nahm das Ausmaße an, die definitiv das Kindeswohl gefährdeten. Und da schritt er ein. Er war nicht geschult, auch wenn er sich das manchmal wünschte, denn solche Schulungen gab es in der magischen Welt nicht, nur bei den Muggeln. Er konnte nur auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen. Und davon hatte er leider mehr als genug. Deshalb war ihm auch sofort Potter ins Auge gestochen. Die geduckte Haltung, die gehetzten Augen, die Anzeichen von Unterernährung, und auch die vorsichtigen Bewegungen. Eindeutig, er musste mit dem Jungen reden. Wenn der überhaupt sprechen würde. Jugendliche, die vernachlässigt oder gar misshandelt wurden, vertrauten Erwachsenen nicht. Hatte auch er nicht. Severus hatte lange gebraucht, um Vertrauen zu Erwachsenen zu fassen. Sein Vater hatte getrunken und sich unter anderem an ihm ausgetobt. Jedes Mal, wenn Severus ein solches Kind in seinem Haus hatte, kamen die Erinnerungen zurück. Er schauderte. Auch, wenn er immer wieder mit seinem Vertrauten darüber sprach, so würde es sicher nie ganz verschwinden. Vor allem, wenn es immer wieder aufgewühlt wurde. Dennoch musste er seinen Schülern helfen, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Severus trank sein Glas aus und ging ins Bad. Auch, wenn nur ein leeres Bett im Schlafzimmer auf ihn wartete, so musste er doch langsam schlafen gehen. Der morgige Tag würde anstrengend und lang werden, vor allem, weil er dann auch noch Aufsicht in der Nacht hatte. Ruhelos wälzte er sich hin und her, als er im Bett lag, fand nicht die richtige Position, um einschlafen zu können. Ihm fehlte der Körper auf der anderen Bettseite, der Arm um seine Taille. Seit Beginn der Sommerferien hatte er nicht mehr alleine schlafen müssen. Es war wie jedes Jahr, die ersten Nächte waren besonders schlimm. Irgendwann gegen kurz vor Mitternacht schlief er dann doch ein.

Nur wenig später wurde er ruckartig aus dem unruhigen Schlaf gerissen, als es leise klopfte. Das war seine Bürotür, erkannte Severus. Wer wollte denn mitten in der Nacht etwas von ihm? War etwas passiert? Jetzt erkannte er auch eine Stimme. „Onkel Sev!“, rief sie laut. Draco. „Schnell, Onkel Sev! Du musst kommen!“

„Verdammt, du sollst mich hier in der Schule nicht so vertraulich ansprechen!“, zischte er, als er die Türe öffnete. Der Junge stand im Schlafanzug vor seinem Büro und blickte ihn mit weiten Augen an. Severus gab nach. „Was ist los?“, wollte er wissen.

„Ich bin aufgewacht, und da war Harry nicht da.“, berichtete Draco hastig. „Ich hab zuerst im Bad nachgesehen, aber das war leer. Da ist mir aufgefallen, dass der Schrank offen war, und ich hab ihn aufgemacht. Du kannst dir das nicht vorstellen, Harry lag unten, neben den Schuhen, auf dem Boden vom Schrank. Er zittert extrem, ist total heiß und verschwitzt. Ich kriege ihn nicht wach, sodass er zurück ins Bett kann. Ich glaube, er ist krank, Onkel Sev.“

„Zeig es mir.“, befahl Severus. Für den Moment ging er nicht erneut auf die Anrede ein, die er dem Jungen unbedingt noch abgewöhnen musste, immerhin war er nun sein Lehrer. Aber erst einmal war Harry Potter wichtiger; wenn das stimmte, was Draco da berichtete, war Eile geboten. Also hastete er hinter dem Blonden her, folgte ihm auf das Zimmer, das er sich mit Harry Potter teilte. Draco hatte so lange gebettelt, bis Severus die Einteilung so vorgenommen hatte. Der Junge war besessen davon, sich mit Harry anzufreunden. Seit er ihn in der Winkelgasse gesehen hatte, sprach Draco nur noch davon. Dummerweise hatte Harry die Freundschaft ausgeschlagen, was Draco ziemlich enttäuscht hatte. Seither wollte er unbedingt in ein Zimmer mit Harry, um ihm zu beweisen, dass er ein guter Freund war. Hatte Draco da schon geahnt, dass der Bengel nach Slytherin kam? Oder war es rein provisorisch gewesen?

Im Zimmer deutete Draco auf den Schrank, der offen stand. Severus beugte sich hinein, ließ Draco mit seinem Zauberstab leuchten. Immerhin konnte der Junge so helfen und wurde nicht ganz so panisch. Harry lag vollkommen in sich zusammen gerollt auf dem Boden des Schrankes, die Bettdecke halb über sich gelegt. Sein Schlafanzug wirkte alt, zerschlissen und einige Nummern zu groß, aber das fiel Severus nur nebenbei auf. Viel ernster war das hohe Fieber. Mit der Hand strich Severus über die schweißnasse Stirn. Der Junge glühte regelrecht. Dabei zitterte er haltlos, sodass die Zähne klapperten. Der Tränkemeister zögerte nicht lange, legte seine Arme unter die Beine und die Schultern des Kleinen, hob ihn aus dem Schrank. „Ich bringe ihn in den Krankenflügel.“, beruhigte er den aufgelösten Draco. „Du solltest wieder schlafen gehen. Harry ist in guten Händen.“

„Was ist mit ihm?“, wisperte Draco.

„Das wird die Krankenschwester schnell herausfinden, und ihn dann heilen.“, versicherte Severus. „Mach dir keine Sorgen, Drache. Schlaf jetzt, du musst morgen ausgeruht sein. Ich sage dir beim Frühstück Bescheid, in Ordnung?“

„Okay. Danke, Onkel Sev.“, lächelte Draco etwas zittrig.

„Und denk daran, ich bin Professor Snape!“, knurrte Severus noch, als er mit dem viel zu leichten Jugendlichen das Zimmer verließ. Harry wog sicherlich weit weniger als 30 Kilo, bei einer Größe von vielleicht 1,35m. Draco war groß für sein Alter, über 1,50m, gerade da fiel Harrys fehlende Größe so richtig auf. Der einzige Vorteil war, dass er ohne Probleme getragen werden konnte. So hastete Severus mit dem Jungen auf dem Arm nach oben in den Krankenflügel, legte ihn dort auf ein Bett.

Die Medihexe kam sofort, sie hatte einen Alarmzauber auf der Tür, sodass sie mitbekam, wenn jemand die Tür öffnete. „Was ist los?“, wollte sie wissen.

„Harry hat Fieber, Schüttelfrost, und er ist deutlich zu klein und untergewichtig.“, berichtete der Tränkemeister, was er wusste. „Ich habe ihn eben aus seinem Schrank geholt, wo er sich hingelegt hatte.“

„Im Schrank?“, wunderte sich die Medihexe zwischen zwei Zaubern. Sie zog dem Jungen den Schlafanzug aus. Die beiden Erwachsenen zuckten schockiert zurück, als sie die vielen Narben und Prellungen, die Quetschungen und Wunden sahen, die den Körper des Jungen beinahe vollständig bedeckten. Ein Wunder, dass Harry überhaupt noch laufen konnte! Einige Sekunden starrten sie Harry an, dann übernahm die Medihexe das Kommando. Sie beorderte Severus an ihren Vorratsschrank, von wo er ihr verschiedene Tränke und Salben bringen musste. Die Tränke zauberte sie ihm sofort in den Magen, trinken konnte er in seiner Bewusstlosigkeit ja nicht. Mit einem Zauber richtete sie einige Knochen, die nach einem Bruch offenbar schief zusammen gewachsen waren. Severus cremte inzwischen die vielen Prellungen mit einer Salbe ein, die blaue Flecke verschwinden ließ. Danach kümmerte er sich um die entzündeten Kratzer und die Narben.

Nach etwas über zwei Stunden hatten sie es soweit geschafft. Müde setzten sie sich an das Bett. Jetzt konnte Severus wohl nicht mehr schlafen. Sie zauberten Harry einen neuen Schlafanzug aus einem Taschentuch, denn den alten Fetzen wollten sie ihm nicht mehr zumuten. Dann deckte Madam Pomfrey ihn zu. „Er wird sicherlich die nächsten 24 Stunden mindestens schlafen.“, erklärte sie. „Und dann sehen wir weiter. Ich glaube nicht, dass er in den nächsten Tagen hier raus kann. Er wird psychisch ziemlich angeschlagen sein.“

„Ich werde mich um ihn kümmern.“, entschied Severus, ohne weiter darüber nachzudenken.

Poppy sah ihn verwundert an. „Bist du sicher? Ich meine, ich weiß, wie du zu seinem Vater stehst.“

„Harry ist nicht wie sein Vater.“, schüttelte Severus den Kopf. Ja, das hatte er sich die letzten Monate immer einreden wollen, aber der erste Anblick des Jungen hatte jeglichen Gedanken daran verscheucht. Lilys Augen sollten nicht so verängstigt schauen. Lily war seine beste Freundin gewesen, er hatte sich geschworen, ihren Sohn zu beschützen. Jetzt mehr denn je. Nie würde er vergessen, was James ihm angetan hatte, aber Harry konnte nichts dafür. Jetzt hatte er es zum ersten Mal ausgesprochen. Er konnte Luicus' Grinsen deutlich in seinem Geist erkennen. Schon seit ihrer Schulzeit waren sie gute Freunde, der Blonde hatte ihm immer wieder gesagt, er solle nicht vom Vater auf den Sohn schließen, das ginge doch öfter daneben.

„Ich hoffe, du bekommst ihn zum Reden, bevor er wieder zurück muss.“, seufzte Madam Pomfrey.

„Ich werde nicht zulassen, dass er zurück muss.“, knurrte Severus.

„Aber wenn du nicht beweisen kannst, wer Schuld daran ist.“, zweifelte die Medihexe.

„Wer ist sein magischer Vormund?“, wechselte der Tränkemeister urplötzlich das Thema. „Ich meine, sein Pate ist in Askaban. In diesem Fall wird nicht gewartet, bis die Kinder in die Schule kommen.“ Alle Kinder, die bei Muggeln lebten, bekamen einen magischen Vormund, sobald sie nach Hogwarts kamen. Im Normalfall übernahm das der Hauslehrer, aber das wüsste Severus. In den Lehrerkonferenzen vor Beginn des Schuljahres wurde das besprochen, und auch, welche Kinder davon betroffen waren. Von Harry war nicht die Rede gewesen.

„Ich weiß es nicht.“, gab Poppy zu. „Aber ich bin neugierig, das zu erfahren, denn der Vormund hätte bereits früher nach ihm sehen müssen. Vor allem, wenn er schon länger Vormund ist.“

„Ich werde es herausfinden, und diesen dann zur Rede stellen.“, zischte Severus. „Soweit ich mitbekam, gab es bereits damals, als sie Black inhaftierten, eine Diskussion, wer die Vormundschaft bekommt. Ich habe auch keine Ahnung, warum er all die Jahre bei Lilys Schwester war, denn ich kenne Petunia. Mich wundert Potters Zustand nicht wirklich, soweit Lily damals erzählte, ist ihr Schwager noch schlimmer als Petunia, was den Hass auf Magie betrifft. Ich werde nicht zulassen, dass Harry dorthin zurück muss.“

„Gut, dass er in deinem Haus gelandet ist.“, lächelte Poppy. „Ich mag Minerva, und sie ist wirklich hinter der Gesundheit ihrer Löwen her, aber dafür ist sie nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt, ihr fehlt ein wenig der Biss.“

Und die richtigen Beziehungen, dachte Severus, sagte aber nichts.

Am Morgen ging Severus, unausgeschlafen wie er war, zum Frühstück in die große Halle. Seine Schlangen waren bereits da, weshalb er direkt begann, die Stundenpläne zu verteilen. Draco sah ihn fragend an, daher versicherte er ihm, dass es Harry soweit gut ging, er aber wenigstens noch einige Tage im Krankenflügel bleiben musste. Schließlich trank er noch schnell zwei Tassen Kaffee und aß einen Toast, bevor er nach unten in die Kerker eilte, um seinen Unterricht abzuhalten. So abgelenkt und in Gedanken versunken wie heute hatte er schon lange nicht mehr unterrichtet. Dennoch riss er sich zusammen und versuchte, so konzentriert wie möglich zu sein. Das verlangte er schließlich auch von seinen Schülern. Das Mittagessen ließ er ausfallen, ließ sich nur zwei Sandwiches in den Krankenflügel bringen. Seine Sorge um Harry war größer als sein Hunger. Doch der Junge schlief gerade, und da es durch einen Trank ausgelöst war, sehr ruhig und entspannt. Die Verletzungen waren deutlich weniger, sie heilten gut. Körperlich würde er wohl nur wenig zurück behalten, und die tiefen Narben, die die Salbe nicht komplett verschwinden lassen konnte, würden feiner werden. Nicht mehr so prominent. Das würde Harry sicher gefallen.

Severus wusste, wie ungern ein misshandeltes Kind seine Narben zeigte, weil das als Schwäche gesehen wurde. Gerade wenn es magische Kinder waren, die von Muggeln aufgezogen wurden. Er selbst war schließlich so ein Kind, das nie wollte, dass jemand seine Schwäche erkannte. Der Tränkemeister erinnerte sich, dass er selbst die ganze Schulzeit mit langen Ärmeln herum gelaufen war. Noch heute trug er nur Hemden und Roben mit langen Armen. Wobei, inzwischen waren es weniger die Narben aus seiner Kindheit und Jugend, die er damit verbergen wollte.

„Es geht ihm deutlich besser.“, versicherte Poppy, als sie in den Saal trat. „Trotzdem lasse ich ihn mindestens noch zwei Tage hier. Bis morgen früh soll er schlafen, dann sehen wir weiter.“

Severus nickte nur dazu. Er war fast sicher, dass Harry nicht so schnell am Unterricht teilnehmen würde. Aber das würde die Zeit zeigen. Eine Weile blieb er noch am Bett des Jungen sitzen, dann ging er zurück zu seinem Klassenzimmer, schließlich musste er noch Unterricht halten. Auch, wenn er sicher nie zu einem beliebten Lehrer wurde. Er war damals an die Schule geschickt worden vom Lord, auch Dumbledore war zufrieden damit, seinen Spion in der Nähe zu haben. Doch Unterrichten war sicher nie Severus' Traum gewesen. Er hatte wenig Bezug zu den Schülern, konnte sich nicht in sie hinein versetzen. Er legte sehr viel Wert auf exaktes Arbeiten und forderte das auch von seinen Schülern, die da aber ganz anderer Ansicht waren. In seinem Klassenzimmer prallten verschiedene Welten aufeinander, und diese Aufeinandertreffen waren teilweise genauso explosiv wie die Tränke der Schüler. Dennoch gab sich Severus Mühe, seinen Schülern die Kunst des Tränkebrauens näher zu bringen. Meist eher nicht erfolgreich. Die Frustration bei ihm stieg Jahr für Jahr, er saß hier fest, anstatt dass er Forschen und Entwickeln konnte, wie er es eigentlich immer wollte. Doch Dumbledore war der Meinung, der Lord sei nicht endgültig vernichtet, deshalb musste er bleiben. Sollte der Lord tatsächlich wiederkommen, dann war er hier genau richtig. Leider hatte Dumbledore damit Recht, immerhin hatte der Lord ihn nach Hogwarts befohlen. Also machte er Jahr für Jahr weiter. Zwischendurch bewarb er sich regelmäßig auf die Stelle als Lehrer für Verteidigung, das wollten die Schüler wenigstens lernen. Im Gegensatz zu Zaubertränke, da hatten die Meisten keine Lust. Doch Dumbledore wollte ihn nicht wechseln lassen, einerseits wegen des Fluchs auf diesem Fach, andererseits, damit er nicht in Versuchung kam, sich mehr auf die dunkle Magie zu konzentrieren.

In der folgenden Nacht schlief Severus, nach seinem Kontrollgang, traumlos und tief, als Folge der durchwachten Nacht. Diesmal ging er zum Mittagessen in die große Halle, da er am Nachmittag keinen Unterricht hatte und sich Zeit für Harry nehmen konnte.

Im Krankenflügel erkannte er, dass er nicht der Einzige war, der sich für den Jungen zu interessieren schien. Auch der Direktor war hier. Severus ignorierte ihn vorerst, sah Poppy fragend an.

„Er ist heute Vormittag aufgewacht.“, berichtete die Medihexe. „Im Moment schläft er wieder, das wird sicherlich in den nächsten Wochen auch noch so sein, er hat einen erhöhten Schlafbedarf, nur dann kann er die Defizite aufholen, die er mitbringt. Harry braucht regelmäßige, kleine und gesunde Mahlzeiten. Ich habe bereits eine Liste zusammen gestellt, was er essen sollte und wie viel. Wir werden noch einige Tränke für ihn brauchen, in den nächsten Wochen hat er Einiges zu schlucken, damit sein Zustand stabil bleibt. Erst dann wird es langsam besser werden. Bis dahin darf er keine praktischen Übungen machen, vor allem nicht fliegen. Außerdem habe ich festgestellt, dass seine Brille nicht passt, er hat eine erhebliche Sehschwäche.“ Bei den letzten Worten blickte sie Severus bedeutungsvoll an, der nur ein Nicken andeutete.

„Er muss in den Unterricht.“, ergriff Dumbledore zum ersten Mal, seit Severus den Krankenflügel betreten hatte, das Wort. „Zum Einen, damit es keine Gerüchte gibt. Zum Anderen, damit er sich nicht isoliert. Und zum Dritten, damit er lernen kann. Immerhin muss er sich wehren können, sollte Riddle zurück kommen.“

„Ich glaube, du spinnst!“, schimpfte Poppy. Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte den Schulleiter an. „Ich habe gerade deutlich gemacht, dass es so nicht geht. Medizinisch bin ich hier die Fachfrau, und wenn ich sage, er geht nicht in den Unterricht, dann geht er auch nicht in den Unterricht!“

„Aber … du sagtest nur etwas von Praxis.“, wunderte sich Dumbledore. „Aber im Unterricht gibt es auch viel Theorie, die kann er doch mitmachen. Dann ist er auch nicht so isoliert, kann Freundschaften schließen.“

„Er wird nicht in der Lage sein, sich auf den Unterricht zu konzentrieren.“, wandte Severus ein. Er wusste, er musste vorsichtig sein, sollte Dumbledore nicht gegen sich aufbringen. Immerhin hatte der ihn vor Askaban bewahrt. Trotzdem war das Kind wichtiger.

„Aber hier kann er auch nicht auf Dauer bleiben.“, stellte Dumbledore fest. „Hier wird es bald zugehen wie in einem Taubenschlag, sobald die ersten Unfälle im Unterricht passieren.“

„Nein, hier kann er nicht bleiben, er braucht Ruhe.“, stimmte die Medihexe zu.

„Dann nehme ich ihn zu mir.“, zuckte Severus die Schultern. „Er ist ein Schüler meines Hauses, somit bin ich zuständig.“

„Du bist nicht Harrys Vormund.“, schüttelte Dumbledore den Kopf.

„Und wer ist sein Vormund?“, wollte Poppy wissen. „Er geht auf keinen Fall zurück zu seinen Verwandten, denn ich gehe davon aus, dass sie für seinen Zustand verantwortlich sind. Gesagt hat er zwar bisher noch nichts, aber eigentlich kann es nicht anders sein. Wie lange er braucht, um den Schulalltag psychisch zu bewältigen, das kann ich nicht sagen. Physisch wird es nur einige Tage dauern, dann kann ich ihn hier entlassen, aber bis er wirklich geheilt ist, dauert es sicher noch Monate. Wenn er den Entwicklungsstand tatsächlich einholen kann. Ich fürchte aber, er wird immer hinterher hinken.“

„Er sollte keine Sonderbehandlung bekommen.“, beharrte Dumbledore. Die Frage nach dem Vormund ignorierte er geflissentlich.

„Es ist keine Sonderbehandlung, sondern notwendig.“, knurrte Severus. „Und er ist nicht das erste Kind, das ich zu mir nehme, weil es meine Hilfe braucht.“ Das stimmte, denn einige wenige Kinder waren tatsächlich für eine Weile bei ihm eingezogen, als er sich um sie kümmerte. Im Gegensatz zum Unterricht fiel ihm der Umgang mit einzelnen Kindern deutlich leichter. Hier hatte er die Erfahrungen, die die Kinder auch machten, selbst durchgemacht, somit konnte er sich in sie hinein versetzen. Und genau das war es, was die Kinder dazu brachte, mit ihm zu reden. Meist brachte er sie nach einer Weile dazu, mit Poppy zu reden, die immerhin eine Ausbildung dafür hatte. Den Anfang allerdings schaffte sie oft nicht, weil die Kinder zu ihr keinen Bezug hatten. Zu Severus normalerweise auch nicht, aber er schaffte es fast immer, ein gewisses Vertrauen aufzubauen, sodass sich die Kinder öffneten. Vor allem, wenn sie merkten, dass sie nicht mehr zurück dorthin mussten, wo es ihnen schlecht erging.

„Und du denkst, dass du, ausgerechnet du, der richtige Umgang für einen Potter bist?“, wunderte sich Dumbledore. „Du hasst seinen Vater, das wird sicher Auswirkungen auf deinen Umgang mit Harry haben.“

„Harry ist nicht sein Vater.“, konterte Severus. Diese Erkenntnis hatte ihn am ersten Abend getroffen, inzwischen dachte er nicht einmal mehr darüber nach. „Er ist ein kleiner Junge, der voller Angst und Schmerz ist und Hilfe braucht. Sie wissen, dass ich mit Kindern wie ihm bisher immer gute Ergebnisse erzielt habe. Ich bin sicher, das auch bei Harry zu schaffen, aber wir sollten es wirklich diskret machen, denn die Zeitungen werden sich darum reißen, über ihn zu schreiben, sobald etwas durchsickert. Schon alleine aus diesem Grund sollte er nicht hier im Krankenflügel bleiben.“

„Da muss ich dir Recht geben.“, nickte Poppy. „Wie gesagt, wenigstens ein paar Tage behalte ich ihn noch hier, dann kann er hier raus. Sobald er fit genug ist und zuverlässig seine Mahlzeiten zu sich nimmt.“

„Gut. Ich werde hier sein, so oft ich kann.“, versprach Severus. Immerhin sollte der Junge Zeit haben, sich an ihn zu gewöhnen. So konnten sie auch sicherstellen, dass Harry genug Vertrauen aufbaute, um mit ihm wohnen zu können. Genau wie anders herum, denn immerhin musste Severus den Jungen alleine in seinen Wohnräumen lassen, so lange er unterrichtete. Sein Blick traf den des Schulleiters.

„Nun gut, dann versuche dein Glück.“, gab Dumbledore nach. „Aber ich erwarte Berichte, wie es ihm geht.“

Ohne eine Antwort verschwand Severus hinter dem Vorhang. Harry war offensichtlich wach, seine Augen huschten ängstlich hin und her. Er schien nicht zu verstehen, wo er war und wie er hierher gekommen war. Wenigstens hatte Poppy daran gedacht, einen Stillezauber auf ihn zu legen, denn Dumbledore war es sicher nicht gewesen. Aber ein Zauber lag eindeutig auf dem Bett und der unmittelbaren Umgebung des Jungen, denn sobald er hinter den Vorhang trat, herrschte eine unnatürliche Stille. „Harry, du bist wach.“, begrüßte er den Jungen ruhig. Er wusste, nun musste er vorsichtig sein. Die grünen Augen fixierten ihn aufmerksam, aber dennoch extrem zurückhaltend. „Ich bin Professor Snape, dein Hauslehrer. Draco hat dich in eurer ersten Nacht gefunden, du hattest ziemlich hohes Fieber, deshalb habe ich dich hierher in den Krankenflügel gebracht. Wie geht es dir, Harry?“, wollte er wissen, in der Hoffnung, dass der Junge auf ihn reagierte.

„Gut, Sir.“, wisperte Harry, wenig überzeugend.

Severus unterdrückte ein Seufzen. Der Junge hatte offenbar gelernt, keine Schwäche zu zeigen. Natürlich würde er nicht so schnell vertrauen, aber dennoch hoffte Severus genau darauf. „Nun, das wage ich zu bezweifeln.“, gab er ruhig zurück. „Aber mir ist bewusst, dass du wohl noch eine Weile brauchst, bis du mir in dieser Beziehung die Wahrheit sagen kannst, denn du musst erst lernen, mir zu vertrauen. Ich werde dir helfen. Gemeinsam mit Madam Pomfrey, der Schulkrankenschwester. Du wirst vorerst vom Unterricht entschuldigt, bis dein Körper geheilt ist. Dann sehen wir weiter.“

„Aber ...“, stammelte Harry. Er war entsetzt, sein Onkel hatte ziemlich deutlich gesagt, was er von ihm erwartete. Entschlossen biss er die Zähne zusammen, auf keinen Fall wollte er riskieren, dass er vor dem Ende des Schuljahres zurück zu seinen Verwandten musste. Nein, Hedwig durfte nichts passieren. „'s geht mir gut, Sir.“, nuschelte er daher. „Ich … ich will in den Unterricht.“

Der Tränkemeister schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, Harry, du wirst das alles aufholen. Aber im Moment musst du erst heilen.“ Mit Sorge sah er, dass der Junge erneut panisch wurde und widersprechen wollte. Was war da los? Es dauerte nur eine Sekunde, dann wurde es Severus klar. „Keine Angst, du bleibst hier. Zuerst hier im Krankenflügel, damit Madam Pomfrey sich medizinisch um dich kümmern kann, danach werde ich dich mit zu mir nehmen.“

Harry starrte den Lehrer an, aber er wagte es nicht, erneut zu widersprechen. Er hatte Angst, panische Angst. Hier wusste er überhaupt nicht, was von ihm erwartet wurde. Bei seinen Verwandten war wenigstens das klar gewesen. Obwohl er sich so sehr gefreut hatte, von seinen Verwandten weg zu kommen, wünschte er sich nun beinahe zurück. So, wie in dieser ersten Nacht. Ihm war alles zu viel geworden und er fühlte sich so verletzlich, wie er da mitten im Zimmer lag. Also hatte er seine Decke gegriffen und war, ohne nachzudenken, in den Schrank gekrochen. Die Enge und die Ruhe halfen ihm, einschlafen zu können. Linderten seine Ängste. Auch bei den Dursleys hatte er in seinem Schrank Ruhe gehabt. Sie waren nie zu ihm hinein gekommen, hatten immer nur von außen gegen die Tür gepocht. Er zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich eine Hand in der Nähe seines Gesichts auftauchte. Nur mit Mühe konnte er eine weitere Reaktion unterdrücken, immerhin wusste er, dass es dann nur noch schlimmer wurde.

Severus sah, wie Harry zusammen zuckte, als er nach seiner Brille greifen wollte. „Ruhig, Harry.“, murmelte er. „Ich will dir nur kurz deine Brille abnehmen, damit ich sie reparieren kann.“ Er erinnerte sich daran, dass er dem Jungen jeden einzelnen Schritt vorher erklären musste. Zumindest war er jetzt mit seinen Gedanken wieder hier im Krankenflügel, vorher wirkte Harry ziemlich abwesend. Ihm war die kaputte Brille nicht aufgefallen, aber andererseits hatte der Junge sie in der Nacht nicht getragen, als er ihn hierher gebracht hatte. Vermutlich hatte Draco sie gebracht. Der Nasensteg war gebrochen, hielt nur mit Klebeband zusammen, und eines der Gläser hatte einen Sprung. Warum hatte Poppy sich nicht darum gekümmert? Nun, das war gerade egal. Severus wartete, bis Harry ihm – wenn auch zögernd – das Okay gab, dann nahm er ihm die Brille vorsichtig ab. Erneut zuckte Harry zurück, als Severus' Hand seine Wange berührte.

Mit riesigen Augen beobachtete Harry, wie der Professor seinen Zauberstab zog und die Brille reparierte. Jedenfalls ging er davon aus, dass genau das passierte. Nur Momente später erklärte ihm der Mann, dass er ihm seine Brille wieder aufsetzen würde. Und mit einem Mal sah Harry viel schärfer als jemals zuvor. Seine Augen weiteten sich sogar noch mehr, als er um sich blickte. So klar und deutlich hatte er noch nie gesehen, mit Ausnahme von der kurzen Entfernung, wenn er etwas direkt vor sein Gesicht hielt. Er betrachtete seine Umgebung, ohne sich des Lehrers bewusst zu sein, der direkt neben ihm stand. Die Muster des Vorhangs, der um sein Bett hing und ihm Privatsphäre schenkte, das Fenster und die Wolken am blauen Himmel, die er dahinter sehen konnte, selbst die weiße Decke und Wand waren interessant. Als sein Blick zurück auf den Lehrer fiel, der noch immer neben seinem Bett stand, zuckte Harry erschrocken zusammen. Er hätte sich nicht hinreißen lassen dürfen, Erwachsene mochten es nicht, wenn er sie warten ließ. Schnell senkte er die Augen. Nur nicht noch provozieren. Außerdem spannte er sich unwillkürlich an, erwartete Schläge.

Severus hingegen beobachtete den Jungen einfach nur. Poppy hatte Recht gehabt, die Sehschwäche des Kindes war sicher nie richtig behandelt worden. Selbst mit Brille hatte Harry wohl kaum etwas wahrnehmen können, das weiter als eine Armlänge entfernt war. Der Zauber, um die Brille neu einzustellen, war schwarz-magisch, daher hatte Poppy das ihm überlassen. Nun, es war nicht wirklich legal, schwarz-magische Zauber zu nutzen, doch dieser war auch nicht verboten. Hier in Hogwarts war er durch die Magie des Schlosses ausreichend geschützt, sodass er keine Bedenken hatte, derartige Zauber zu wirken. Albus Dumbledore würde das sicher anders sehen, aber selbst er wusste das nicht. Nur Poppy, da er es oft genug nutzte, um Schülern zu helfen, aber die Medihexe verriet ihn sicherlich nicht. Auch, wenn Poppy eine reine weiß-magische Hexe war, so wusste sie doch um die Nützlichkeit der schwarzen Magie und schimpfte oft genug, dass manche Zauber zur Heilung diesem verbotenen Zweig zugeordnet waren. Deshalb war sie froh, wenn Severus sie hier unterstützte.

Als Harry sich erneut in sich zusammen rollte, wurde Severus sich des Schülers wieder bewusst. Einen Moment überlegte er, was denn nun schon wieder los war, denn diesmal hatte er sicher weder eine Bewegung noch eine Bemerkung gemacht, die das Kind fehlinterpretieren konnte. Was also war es dann? Er wusste es nicht, doch er ahnte, dass es wohl mit der Tatsache zusammen hängen musste, dass er ein Erwachsener, sogar ein Lehrer war. Oder war es die Tatsache, dass er die Brille repariert hatte? Kinder, die in Muggelhaushalten aufwuchsen, hatten oft Angst, wenn sie mit Magie in Berührung kamen, vor allem, wenn die Familie der Magie gegenüber negativ eingestellt war. „Hab' keine Angst, Harry.“, versuchte er daher, den Jungen zu beruhigen. „Magie ist nicht böse, sie ist ein Teil von dir. Hier in Hogwarts wirst du lernen, diesen Teil zu kontrollieren und zu nutzen. Deshalb bist du hier. Du hattest sicher schon einige Ausbrüche von sogenannter wilder Magie, das heißt, es sind seltsame Dinge um dich herum passiert, ohne dass du bewusst etwas getan hast, nicht wahr?“

Harry beruhigte sich tatsächlich ein wenig, als sein Professor mit dem Reden anfing. Die Stimme des Mannes war so ruhig, so tief und beruhigend. Noch nie hatte ein Erwachsener so mit ihm gesprochen. Wenn er darüber nachdachte, nicht einmal mit Dudley hatte Onkel Vernon so ruhig gesprochen. Was bedeutete das jetzt? Wollte der Mann ihn einfach nur beruhigen, oder was kam da noch? Harry bekam es mit der Angst zu tun, aber dennoch konnte er sich der Stimme nicht entziehen, lauschte dem hypnotisierenden Klang. Erst am Ende zuckte er zusammen. Ja, das war es wohl. Er war ein Freak, weil alle diese seltsamen Dinge um ihn herum passierten! Erst vor kurzem, als er die Schlange freigelassen hatte. Oder als er damals auf dem Dach der Schule gelandet war. Wie, das wusste er immer noch nicht. Aber an die Strafe konnte er sich nur zu gut erinnern. Er schauderte.

Severus sah das Schaudern, wusste aber nicht genau, womit es zusammen hing. Er hatte den Jungen eigentlich beruhigen wollen, nicht das Gegenteil. Es musste wohl mit der wilden Magie zu tun haben, denn genau da hatte es Harry geschüttelt. „Hey, das ist nicht schlimm.“, versuchte er, den Jungen zu beruhigen. „Das machen alle magischen Kinder durch.“ Mit einem Mal dämmerte es Severus. „Harry, haben deine Verwandten dich bestraft, wenn solche Dinge passierten?“ Natürlich, das musste es sein! Offenbar funktionierte Severus' Hirn heute nicht richtig. Die Verletzungen des Kindes, dazu seine Angst vor der Magie, das war doch offensichtlich! Severus widerstand dem Drang, sich mit der Hand auf die Stirn zu schlagen, rieb lieber seine Nasenwurzel, um seine Gedanken zu sortieren. Die Reaktion Harrys auf seine Frage bestand nur aus einem erneuten Zusammenzucken. Das reichte Severus schon. „Harry.“, begann er erneut mit seiner sanftesten Stimme. Er wartete, bis Harry offensichtlich zuhörte, auch wenn er ihn nicht ansah. „Magische Ausbrüche sind völlig normal, sie machen dich nicht zu einem Außenseiter. Das zeigt nur, dass deine Magie stark ist. So lange Kinder nicht ausgebildet werden in ihrer Magie, reagiert sie meist auf Gefühle. Das haben wir alle hinter uns. Es wird besser, sobald du lernst, mit deinem Zauberstab zu zaubern.“

Harry hörte zu, konnte aber nicht verhindern, dass er jedes Mal, wenn das Wort ‚Zauber‘ fiel, zusammen zuckte. Zu sehr prägten ihn die Erfahrungen der letzten zehn Jahre. Dieses Wort hatte nicht fallen dürfen im Haus der Dursleys. Langsam wurde Harry klar, woran das lag. Seine Eltern waren auch Zauberer gewesen. Die Dursleys hatten ihn angelogen, was ihren Tod betraf. Hatten sie auch hier gelogen? War er vielleicht doch kein Freak? Die Worte des Professors schienen genau das zu sagen, aber Harry wurde bewusst, dass es wohl nur eine dumme Hoffnung seinerseits war. Seine Magie, so hatte der Professor es genannt, konnte nicht stark sein, sonst hätte sie ihm bestimmt geholfen. Wahrscheinlich würden sie das hier auch bald feststellen, dann musste er zurück nach Hause. Traurig senkte er den Kopf, hörte nicht mehr, was sein Professor weiterhin sprach. Er würde die Zeit hier genießen, so lange er nicht geschlagen wurde, aber sicher kam er bald wieder zurück zu seiner Familie, die würden ihm wahrscheinlich zeigen, dass er dennoch ein Freak war.

Severus blieb bei Harry, bis dieser schlief, auch, wenn dieser ihm nicht mehr zuhörte. Dennoch, es schien, als würde seine Stimme beruhigend auf Harry wirken. Es war sicher ein wenig zu viel für den Jungen, so alles auf einmal. Er hoffte nur, dass Harry lernte, ihm zu vertrauen. Das würde nicht einfach. Doch er gab so schnell nicht auf. Poppy war damals für ihn da gewesen, als er jemanden brauchte. Das gab er nun zurück, indem er Kindern half, denen es ähnlich wie ihm erging. Obwohl er selbst seine Erfahrungen hatte, konnte er die Kinder nie einschätzen, jedes Kind reagierte anders. Er musste immer erst eine Basis finden, eine Gemeinsamkeit, sodass die Kinder anfingen, mit ihm zu sprechen. Das war oft nicht leicht, aber Severus hatte bei Harry zumindest eine Idee, wie er den Jungen dazu bringen konnte, aufmerksam zu sein. Aber noch nicht heute. Erst einmal musste sein Körper heilen, danach konnten sie es in Ruhe angehen.

Die folgende Woche verbrachte Severus viel Zeit im Krankenflügel. Harrys Zustand besserte sich immer weiter, zumindest körperlich, aber er sprach nicht. Severus ahnte, dass der Junge Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, daher lieber schwieg. Vielleicht war ihm gerade auch alles zu viel. Die Veränderungen im Leben eines Kindes, das plötzlich erfuhr, ein Zauberer zu sein, dann auch noch in ein Internat kam, waren schon gravierend. Severus erzählte Harry vom Unterricht, von Ereignissen in der Zauberwelt, auch, wenn der Junge wahrscheinlich kaum etwas verstand. Aber das war egal, wichtig war nur, da zu sein, damit der Kleine anfangen konnte, ihm zu vertrauen. Manchmal las er ihm einen Artikel aus dem Tagespropheten vor, erklärte dabei so ganz nebenbei den beliebtesten Sport in der Zauberwelt, Quidditch. Oder die Politik, wobei das vermutlich kein Thema für einen Elfjährigen war. Aber das war immer noch besser als das, was sie über Harry vermuteten und schrieben. So sollte dieses Kind sein Schicksal nicht erfahren. Wobei Severus sicher war, dass er Harry nicht nach vorne schicken würde, sollte der Lord tatsächlich zurück kommen, wovon dank Dumbledore die gesamte Zauberwelt überzeugt war. Die magische Bevölkerung war jetzt schon überzeugt, dass Harry in diesem Fall ihr Retter war. So etwas Idiotisches hatte Severus selten gehört, aber das war typisch für die Magier. Niemand wollte sich die Hände schmutzig machen, da schoben sie lieber einen Elfjährigen vor. Nur, weil dieser dank seiner Mama einmal überlebt hatte. Denn dass Lily das geschafft hatte, davon war Severus überzeugt. Es war keine besondere Kraft, die Harry hatte. Nein, Lily hatte es irgendwie geschafft. Wie auch immer.

Zehn Tage, nachdem die Kinder nach Hogwarts gekommen waren, entließ Poppy den Jungen. Körperlich war er soweit geheilt, wie es ihnen möglich war. Selbst die meisten Narben waren deutlich heller. Das Eincremen hatte Poppy immer mit einem Zauber gemacht, wenn Harry eingeschlafen war. Anfassen ließ er sich nicht besonders gerne. Auch, wenn andere Kinder im Krankenflügel waren, versteckte er sich. Der Junge hatte panische Angst, sobald sich ihm jemand näherte. Severus konnte inzwischen sogar auf seinem Bett sitzen, aber mehr ging nicht. Berührungen ließen den Jungen panisch werden. Es gab noch viel zu tun, daher entschied Severus erneut, ihn erst einmal zu sich zu nehmen, nicht in den Unterricht zu schicken. Das setzte er auch dem Direktor gegenüber durch, wenn auch erst nach einem ziemlich heftigen Streit. Poppy und Minerva McGonagall standen dabei an seiner Seite. Minerva hätte den Jungen gerne in ihrem Haus gehabt, genau wie seine Eltern, aber sie wusste ihn bei Severus in guten Händen. Hatte Poppy ihr doch erzählt, wie liebevoll der Tränkemeister mit dem Sohn seines ehemaligen Erzfeindes umging. Die beiden Frauen hatten mit Ausdrücken auf den Direktor eingeschrien, dass es Severus ganz anders wurde. Am Ende hatte er die Erlaubnis, Harry in seine Räume mit zu nehmen, er bekam ein eigenes Zimmer in seinen Räumlichkeiten. Außerdem durfte Severus entscheiden, wann Harry in der Lage war, den Unterricht zu besuchen. Einzig Poppy sollte regelmäßig nach ihm sehen dürfen, um ihn medizinisch zu überwachen. Deshalb stand er nun an Harrys Bett.

Harry schrak auf, als Professor Snape neben ihm stand. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass dieser herein gekommen war. Langsam gewöhnte er sich an den dunklen Mann mit der angenehmen Stimme. Er kam jeden Tag, sprach mit ihm, verlangte aber nichts. Und er rührte ihn nicht an. Seit er hier war, hatte niemand ihn geschlagen oder beschimpft. Ob das nur ein Trick war? So ganz traute Harry dem Ganzen noch nicht. Trotzdem konnte er sich nicht dagegen wehren, dass er immer darauf wartete, wann der Mann zu ihm kam. Er wusste, Professor Snape musste unterrichten, erzählte er doch immer wieder davon. Auch von Draco, dem blonden Jungen, den er in der Winkelgasse getroffen hatte. Sein Zimmerkamerad am ersten Abend. War der doch nicht so schlimm, wie er ihn damals empfunden hatte? Aber er hatte Hagrid beleidigt, und Hagrid war doch so nett gewesen, hatte ihm alles erzählt, sogar von seinen Eltern. Da konnte er doch nicht mit Draco befreundet sein, oder?

„Harry?“, holte sich Severus nun die Aufmerksamkeit des Kindes. „Sieh mich bitte an.“ Er wartete, bis Harry tatsächlich den Kopf hob. Der Junge sah ihm nicht in die Augen, das schaffte er noch lange nicht, aber er fixierte zumindest das Kinn des Tränkemeisters. Erst jetzt sprach Severus weiter: „Madam Pomfrey hat dich für gesund erklärt, das heißt, du darfst den Krankenflügel heute verlassen. Aber zuerst einmal bleibst du bei mir. Ich denke, es ist für dich noch zu früh, in den Gemeinschaftsraum und den Unterricht zu gehen. Erst einmal musst du einige Dinge lernen, dabei werde ich dir helfen. Ich hoffe, du bist einverstanden.“ Er gab dem Jungen Zeit zu reagieren, doch der starrte nur vor sich hin. So ganz schien er es noch nicht zu begreifen.

Harry war verwirrt. Meinte der Mann das wirklich ernst? Oder lockte er ihn nun unter einem Vorwand zu sich? Was würde dann passieren? Zeigte er dann sein wahres Gesicht? So, wie Onkel Vernon, der nach außen hin immer freundlich war, aber dann, wenn niemand zusehen konnte, dann prasselte es auf Harry ein. Und wehe, jemand schöpfte Verdacht. Dann wurde alles noch schlimmer. So wie damals, in der ersten Klasse, als seine Lehrerin die blauen Flecke an seinen Armen gesehen hatte. Harry musste bestätigen, dass es passiert war, als er auf dem Spielplatz gestürzt war. Als ob er jemals auf dem Spielplatz gewesen war! Seither hatte sein Onkel darauf geachtet, dass er immer lange Ärmel trug, und wenn er sich umziehen musste, die Umkleide benutzte. Der Professor klang zwar freundlich, aber er war auch streng. Das sagte er sogar selbst von sich. Ängstlich folgte Harry ihm daher, als es Zeit zu gehen war. Laut dem Mann waren seine Sachen bereits in dessen Räumen, also blieb ihm sowieso nichts anderes übrig. Er musste ganz schön laufen, um mithalten zu können. Der Mann hatte aber auch lange Beine! Harry reichte ihm gerade bis zur Taille, wie er feststellen musste. Er war wirklich winzig! Dudley war schon immer größer als er gewesen, aber vor einigen Tagen, als sie in diese Halle gegangen war, war er sogar kleiner als dieses Mädchen gewesen, das genau vor ihm gelaufen war.

Severus registrierte erst auf einer Treppe, dass der Junge Schwierigkeiten hatte, mit ihm mitzuhalten. Er verfluchte sich innerlich, nicht darauf geachtet zu haben. Dabei war er nicht einmal bewusst schneller gelaufen, das passierte schon automatisch. Er musste darauf achten, mehr Rücksicht zu nehmen. Ihm fiel erst jetzt auf, wie klein Harry war. Kein Wunder, dass er nicht hinterher kam, seine Beine waren einfach zu kurz. Wo er selbst einen Schritt machte, brauchte dieses Kind drei. Bewusst verlangsamte er nun seine Schritte, zeigte Harry immer wieder ein Bild und erklärte etwas dazu. Es war Samstag, Essenszeit, daher war niemand auf den Fluren unterwegs. Bewusst hatte er das Abholen von Harry auf diese Zeit gelegt. Früher oder später musste er zwar lernen, mit den ganzen Kindern und Jugendlichen umzugehen, aber jetzt war es zu früh.

Aufmerksam hörte Harry zu, als der Professor über die Bilder sprach, ihm von den Gründern der Schule erzählte, wie sie das Schloss vor über 1000 Jahren zur Schule für magische Kinder machten. Der Mann konnte wirklich spannend erzählen. Für eine gewisse Zeit vergaß Harry sogar seine Angst, die Stimme hypnotisierte ihn beinahe. Aber als sie vor einer Tür anhielten und der Professor ein Passwort murmelte, kam die Angst zurück. Was passierte nun? Es war dunkel hier unten, sie waren im Keller des Schlosses. Wie hatte der Professor es genannt? Die Kerker. War er jetzt gefangen? Harry konnte nicht verhindern, dass er wie verrückt zitterte. Hinter der Tür war es im ersten Moment dunkel, bis der Professor etwas sagte, das sich wie ‚Lumos‘ anhörte. Mit einem Mal war es hell, und er konnte erkennen, dass sie in einem kleinen Flur standen.

Severus konnte die Angst des Jungen riechen. Schnell sorgte er für Licht, sein Flur hatte kein Fenster. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass hier keine absolute Dunkelheit herrschte. Er selbst hatte als Kind panische Angst vor der Dunkelheit gehabt. Kein Wunder, immerhin hatte sein Vater ihn regelmäßig im Keller eingesperrt, wenn wieder einmal seine Magie aus ihm hervorgebrochen war. Vermutlich ging es Harry ähnlich. Mit einem Zauber sorgte er dafür, dass die Decke immer ein gewisses Leuchten abstrahlte. Dann deutete er auf die Türen: „Hier ist das Wohnzimmer, daran angeschlossen haben wir eine kleine Küche. Daneben ist das Bad, das nutzen wir gemeinsam. Die Tür am Ende des Flures geht in mein Büro, von dort aus kann ich in mein Klassenzimmer und mein Labor, darin hast du nichts zu suchen, das ist einfach zu gefährlich. Wenn du mich brauchst, und ich bin nicht da, dann kannst du ins Büro gehen und nach mir rufen, ich werde dich hören. Die beiden Türen auf der anderen Seite des Flures sind unsere Schlafzimmer, hinten meines, hier vorne deines.“ Mit den letzten Worten öffnete er die Tür rechts neben ihnen.

Staunend und gleichzeitig ein wenig verängstigt blickte Harry in den Raum. Mit einem Zauber war es hell, aber hier gab es auch ein riesiges Fenster, sodass er sich nicht mehr so gefangen fühlte. Die Wände waren in einem hellen grün gestrichen, mit einigen silbernen Verzierungen. Auf dem Boden lag ein weicher, dunkelgrüner Teppich. Ein großes Himmelbett mit weiß-silberner Bettwäsche und grünen Vorhängen stand mit der Kopfseite an einer Wand, am Fenster stand ein Schreibtisch, daneben ein Bücherregal. Außerdem gab es einen großen Schrank, auf dem sein Koffer lag. Die Decke war dunkelblau, fast schwarz, mit vielen Sternen, die in der Nacht sicher ein angenehmes Licht abgaben. Ein wenig erleichtert hoffte Harry, dass es hier nie komplett dunkel sein würde. Und doch konnte er es kaum glauben, das alles sollte für ihn sein?

Severus schmunzelte, als er den Jungen beobachtete. Staunend, ungläubig, hoffend. Seine Gefühle waren ihm deutlich vom Gesicht abzulesen. „Ja, das ist alles für dich!“, bestätigte er leise. „Ich erwarte, dass du es in Ordnung hältst. Die Regeln, die hier gelten, gehen wir nach dem Essen durch. Ich denke, es ist Zeit zum Mittagessen, was denkst du?“

Harry fuhr bei den letzten Worten zusammen. Hastig erinnerte er sich, dass der Professor vorhin die Tür zum Wohnzimmer gezeigt und erwähnt hatte, dass daran die Küche angeschlossen war. Er stolperte beinahe, so schnell eilte er nach nebenan.

Severus folgte ihm überrascht. Hatte Harry so einen Hunger? Dabei ließ Poppy nicht zu, dass ein Kind bei ihr hungerte. Aber der Junge hatte viel nachzuholen. Deshalb folgte er ihm in die Küche. Erst, als Harry Anstalten machte, in den Schränken zu kramen, stoppte er ihn. „Setz dich einfach.“, bat er. „Die Hauselfen bringen gleich etwas zu essen.“ Verwirrt sah er zu, wie Harry sich in der Ecke auf den Boden setzte und klein machte. „Äh, Harry, normalerweise sitzt man zum Essen am Tisch. Zumindest hier bei mir.“

Entsetzt blickte Harry zu dem dunklen Mann. Was meinte er? Zuerst hatte er geglaubt, kochen zu müssen, um sich seinen Aufenthalt hier zu verdienen, aber das war scheinbar falsch gewesen. Zuhause hatte er sich nur selten an den Tisch setzen dürfen, deshalb war er auch hier davon ausgegangen, dass die guten Möbel nicht für ihn gedacht waren. Aber das war auch falsch. Wie sollte er den Professor zufrieden stellen, wenn er alles falsch machte? Sicher würde der Mann bald böse, weil er nichts richtig konnte. Zitternd stand er auf und trat an den Tisch, setzte sich auf die vorderste Kante des Stuhles, den der Lehrer ihm hin schob.

Innerlich seufzend beobachtete Severus das Verhalten seines Schützlings. Da hatten sie noch viel Arbeit vor sich. Aber zunächst einmal musste der Kleine sich eingewöhnen, also sagte er nichts, erhöhte mit einem Zauber den Stuhl ein wenig und schob ihn nach vorne, sodass Harry richtig an den Tisch kam. Nach einer kurzen Warnung rief er eine Elfe, bei der er Essen bestellte. Um Harry nicht vollkommen zu überfordern, fragte er nach einem einfachen Gericht, das Kinder aus Muggelhaushalten gerne aßen. Die Hauselfen kannten sich da am besten aus, außerdem wussten sie genau, was Harry essen durfte. Es dauerte nicht lange, da tauchte das Essen auf dem Tisch auf. Nudeln mit Sauce. Beinahe hätte Severus gelacht, das hätte er sich aber auch denken können. Wenigstens waren es keine Spaghetti, das gab immer eine Sauerei. Er reichte Harry einen Löffel. „Guten Appetit.“, wünschte er. Auch er selbst setzte sich an den Tisch und griff nach einem Löffel. Die Hauselfen hatten sich sicher etwas dabei gedacht, wenn sie Löffel mit schickten. Also änderte er nichts am Besteck, sondern löffelte seine Nudeln. Schon lange hatte er das nicht mehr gegessen, auch ihm schmeckte es. Um Harry nicht zu überfordern beobachtete er ihn nur aus dem Augenwinkel. Der Junge aß betont langsam, aber hielt seinen Teller dabei krampfhaft fest. Auch der Griff um den Löffel wirkte unbeholfen, aber er kleckerte nicht. Da sah es in der großen Halle oft anders aus. Offenbar hatten sie auch hier eine Menge Arbeit vor sich. Aber einen Schritt nach dem Anderen. Hogwarts war auch nicht an einem Tag erbaut worden. „Ich hoffe, es ist gut?“, fragte er schließlich.

Harry zuckte zurück, als er angesprochen wurde, nickte aber nach einem Moment bestätigend. Es war wirklich gut, aber selbst wenn nicht, er war froh über jede Mahlzeit, die er bekam. Außerdem wollte er seinen Gastgeber nicht kränken, wer wusste schon, wie der Professor dann reagierte. Die Angst vor dem Mann machte Harry zu schaffen, denn ein Teil von ihm genoss es, von dem Mann versorgt zu werden. Noch kein böses Wort war gesprochen worden, er wurde bisher nicht geschlagen, im Gegenteil. Der Professor hatte im Krankenflügel sogar gemerkt, dass ihm kalt war, und eine zweite Decke besorgt. Außerdem hatte er es irgendwie warm werden lassen. Auch hier, in der Wohnung, war es angenehm warm, das hätte er nicht erwartet, als er hörte, dass sie im Keller war. Im Wohnzimmer war ein Kamin, darin prasselte ein Feuer, das es richtig gemütlich wirken ließ. Viel mehr hatte er gerade beim Durchgehen nicht gesehen, aber schon jetzt gefiel es ihm hier besser wie bei seinen Verwandten.

Severus bemerkte, dass der Junge überfordert war von den vielen Eindrücken. Vermutlich brauchte er noch mehr Zeit um zu realisieren, dass ihm hier nichts passierte. Dennoch musste er nun seine Regeln deutlich machen. Er räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu bekommen. „Also, Harry, da wir beide nun gemeinsam hier wohnen, möchte ich, dass du dich an einige Regeln hältst. Keine Sorge, es ist nichts Schlimmes. Eine Regel habe ich dir bereits gesagt, ich möchte, dass du dein Zimmer selbst in Ordnung hältst. Auch, wenn du hier Bücher aus dem Regal nimmst, dann erwarte ich, dass du sie wieder ordentlich weg räumst. Du kannst alle Bücher im Wohnzimmer aus dem Regal nehmen, wenn du sie lesen willst, aber ich erwarte, dass du sie vorsichtig behandelst, ich will keine Knicke oder Risse in den Seiten haben. Einige der Bücher sind deutlich älter als wir beide gemeinsam, manche sind Einzelstücke und sehr wertvoll für mich. Wie gesagt, das Labor ist tabu, darin sind einfach zu viele gefährliche Dinge. Du kannst dir gerne etwas zu essen nehmen, wenn du Hunger hast, aber bitte dann auch die Küche ordentlich hinterlassen. Während ich im Unterricht bin, werde ich dir einige Aufgaben auftragen, ich erwarte, dass du sie so gut wie möglich machst. Wenn du etwas nicht weißt oder verstehst, dann möchte ich, dass du mich fragst. Ich weiß, das ist nicht leicht für dich, aber wenn ich es weiß, dann kann ich es dir erklären, ansonsten werde ich denken, dass du zu faul warst, es richtig zu machen, und dir zusätzliche Aufgaben geben. Außerdem dulde ich es nicht, wenn ich angelogen werde. Hast du das soweit verstanden?“ Harry nickte fest. „Gut. Hast du noch Fragen dazu?“ Jetzt schüttelte Harry den Kopf. Diesmal blickte er nicht fragend oder unsicher, sondern er wirkte eher beruhigt.

Ja, es beruhigte Harry tatsächlich, zu wissen, woran er war. Das machte es leichter für ihn. Die Regeln waren klar und deutlich, und er hatte sicher kein Problem damit, sich daran zu halten. Dennoch wusste er noch nicht genau, warum er eigentlich hier war. Die Krankenschwester hatte doch gesagt, er sei gesund? Warum musste er dann nicht zurück zu Draco in den Schlafsaal? Er musste doch in den Unterricht? Aber Professor Snape hatte eben gesagt, während er im Unterricht war, müsste er Aufgaben machen. Das bedeutete doch, er ging nicht in den Unterricht. Hmm, das war verwirrend, aber noch traute Harry sich nicht, nachzufragen. Kinder sollten nicht auffallen, jedenfalls er nicht. Das hatte er in den letzten Jahren nur zu gut gelernt. Als er bemerkte, dass sein Teller leer war, genau wie der des Professors, stand er nach einem vorsichtigen Blick auf und trug beide Teller zur Spüle, wo er schon das Wasser aufdrehen wollte, als der Mann ihn stoppte.

„Das ist lieb gemeint, Harry, aber nicht deine Aufgabe.“, bremste Severus den Jungen. „Die Hauselfen kümmern sich darum. Erinnerst du dich daran, was ich dir vor einigen Tagen über Hauselfen erzählt habe? Sie arbeiten gerne. Wenn du ihnen die Arbeit weg nimmst, sind sie traurig. Schlimmer noch, sie denken dann, dass sie etwas falsch gemacht haben. Ich glaube nicht, dass du ihnen dieses Gefühl geben möchtest. Heute und morgen kannst du dich hier einleben, ab Montag hast du dann auch deine Aufgaben. Und jetzt lass das Geschirr liegen und setz dich mit ins Wohnzimmer, dann kann ich dir ein bisschen was von deinen Eltern, oder besser von deiner Mama erzählen, wenn du magst.“

Harrys Augen weiteten sich. Der Mann wollte ihm von seiner Mama erzählen? Er kannte seine Mama? Das klang toll, dafür ließ er gerne die Arbeit liegen. Obwohl es ihm komisch vorkam. Zuhause war das schon seit Jahren seine Aufgabe gewesen, er konnte es sich kaum anders vorstellen. Aber das, was der Professor über Hauselfen erzählt hatte, konnte er verstehen. Ein wenig erleichtert, dass er trotz des Fehlers, den er gemacht hatte, nicht bestraft wurde, folgte er seinem Lehrer ins Wohnzimmer. Dort deutete der Professor ihm an, sich auf das Sofa zu legen, und wickelte eine Decke um ihn. Ein dankbares Lächeln umspielte Harrys Lippen. Trotz des Feuers im Kamin war ihm immer noch ein wenig kalt. „Danke, Sir.“, nuschelte er.

Severus' Mundwinkel zuckten ein wenig nach oben. „Gerne, Harry.“, antwortete er, froh darüber, dass Harry von sich aus das Wort ergriff. „Also gut, ich habe dir versprochen, etwas von deiner Mama zu erzählen. Wusstest du, dass du ihre Augen hast? Dieses intensive grün habe ich bisher nur bei Lily gesehen.“

„Lily.“, wisperte Harry. Das war der Name seiner Mama. Noch nie hatte ihm jemand so etwas erzählt.

„Ja, Lily.“, nickte Severus. Er schien tatsächlich den richtigen Weg zu gehen, wenn er sich Harry so ansah. Der Kleine wirkte entspannter als bisher, selbst im Schlaf war er noch nicht so locker gewesen. „Sie hatte eben diese grünen Augen, und leuchtend rote Haare. Manche haben sie einen kleinen Teufel genannt, und darauf war sie sogar stolz, denn es bedeutete, dass die anderen Schüler merkten, wie sie war. Sie war eine echte Löwin. Sie und dein Vater waren beide in Gryffindor, im Haus der Löwen. Irgendwie war das von vornherein klar. Ich kannte Lily schon viel früher, wir waren so etwas wie Nachbarn. Wir haben uns immer auf dem Spielplatz im Viertel getroffen. Dort habe ich gemerkt, dass Lily eine Hexe ist. Zuerst war sie beleidigt und hat mich angeschrien, aber schließlich konnte ich sie davon überzeugen, dass es um ihre Fähigkeiten ging, und dass es da noch eine andere, verborgene Welt gab. Lily war es immer wichtig, dass es gerecht zuging. Sie hat sich für mich eingesetzt. Meine Familie war arm, ich hatte immer nur alte, abgetragene Kleidung, die mir meistens viel zu groß war, und wurde deshalb ausgelacht. Lily hat mit diesen Kindern geschimpft, sie hat mich so genommen, wie ich war. Sie war die Einzige, die mit mir gespielt hat. Mit ihr konnte ich über die Zauberwelt reden, wir haben oft Stunden im Gras gelegen und von Hogwarts geträumt.“

Harry lauschte mit großen Augen. Ein Freund seiner Mama! Bestimmt war er deswegen so nett zu ihm! Sehnsüchtig lauschte er, wollte mehr über seine Mama hören. Er konnte sich richtig vorstellen, wie sie neben diesem Mann, damals auch noch ein Kind, im Gras lag. Das mit der Kleidung kannte er auch, gerade Dudley und seine Freunde hatten ihn deswegen immer verspottet.

Severus merkte, wie aufmerksam der Junge mit einem Mal war. Ja, das war eindeutig der richtige Weg. Er sprach noch eine ganze Weile weiter, erzählte von Abenteuern, die sie sich ausgemalt hatten, auch von einigen Dingen, die sie in Hogwarts erlebt hatten. Von ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Zaubertränke und dem Spiel Koboldstein. Er ließ alles aus, was James Potter betraf, denn das war noch nichts für Harrys Ohren. Er würde mit ihm darüber reden, aber erst später, im Moment würde es Harry sicher verunsichern. Angst machen, schließlich hatte er bereits mehrmals gehört, er sei seinem Vater so ähnlich. Was absoluter Blödsinn war, wie Severus wusste. Gut, er sah James Potter ähnlich, aber das war nur optisch. Ansonsten hatte er mit seinem Vater nicht viel gemein. Zum Glück, sonst könnte Severus sich nicht so gut um ihn kümmern. Wobei, in dem Fall bräuchte er es wohl nicht.

„Danke, Professor.“, lächelte Harry, als der Tränkemeister verstummte. Er nippte an seiner heißen Schokolade, die ein Hauself gebracht hatte. Gemeinsam mit Kaffee für den Professor.

„Das habe ich gerne gemacht, Harry!“, lächelte nun auch der Tränkemeister. So oft wie in den letzten Stunden hatte er schon lange nicht mehr gelächelt. Das musste wohl daran liegen, dass er sich zum ersten Mal seit Jahren auf die positiven Erinnerungen mit Lily konzentriert hatte. Aber er wurde wieder ernst. „Harry, ich möchte, dass du darüber sprichst, was bei dir zuhause passiert ist. Ich weiß, das fällt dir schwer, aber es wird dir helfen.“

Entsetzt schüttelte Harry den Kopf. Auf keinen Fall durfte er darüber sprechen, das hatte Onkel Vernon mehr als deutlich gemacht! Er durfte nicht zulassen, dass Hedwig etwas passierte. „Hedwig!“, wisperte er erschrocken. Wo war seine Eule überhaupt? Seit er hier angekommen war, hatte er sich nicht mehr um sie gekümmert!

„Das ist deine Eule, oder?“, erkundigte sich Severus ruhig. Harry nickte. „Sie ist sicher im Eulenturm, dort bekommt sie alles, was sie braucht. Sobald es dir gut genug geht, können wir sie besuchen. Dann kannst du ihr sagen, wo du bist, und sie kann zu dir kommen.“

Erleichtert atmete Harry auf, es ging Hedwig gut.

„Harry.“, holte sich Severus die Aufmerksamkeit des Jungen zurück. Der sah ihn mit weiten Augen an. „Ich werde nicht zulassen, dass du wieder dorthin musst, aber das kann ich nur, wenn du darüber sprichst, was passiert ist.“

„Ich … es ist nichts. Wirklich.“, beteuerte Harry.

Severus schüttelte den Kopf. „Das ist eine Lüge, Harry.“, tadelte er leise. „Mir ist klar, dass du Angst hast und deswegen die Unwahrheit sprichst, aber ich werde das nicht dulden. Für heute akzeptiere ich, dass du noch nicht darüber sprechen kannst, aber wir werden darüber sprechen. Hab keine Angst, Harry, sie können dir nichts mehr tun. Ich passe jetzt auf dich auf.“ Er zog Harrys Decke ein wenig höher, als er sah, dass der Junge erneut zitterte, auch wenn er wusste, dass es diesmal nicht die Kälte war. Vorsichtig wischte er über Harrys Wange, auf der eine einzelne Träne perlte. Diesmal zuckte Harry nicht zurück, sondern er sah Severus nur hilflos an. „Keine Angst, Harry. Es wird alles gut.“, versprach Severus leise. Anschließend erhob er sich und ging zu seinem Regal. Irgendwo da musste es doch sein.

Severus suchte eine Weile, dann fand er das Buch, nach dem er suchte. Eine Ausgabe von einem Muggelmärchenbuch, die ihm Lily geschenkt hatte. Er ging zurück zu seinem Sessel, den er näher an das Sofa rutschte, auf dem Harry lag. Anschließend schlug er das Buch auf und begann, dem Kleinen vorzulesen.

Der Nachmittag verlief ruhig in den Kerkern, auch beim Abendessen war Severus zufrieden. Harry setzte sich an den Tisch und aß, sobald auch er selbst angefangen hatte, sein Brot. Viel schaffte er nicht, doch das war laut der Medihexe normal, er musste sich erst daran gewöhnen, vernünftige Portionen zu bekommen. Das war in den letzten Jahren wohl nicht der Fall gewesen, jedenfalls nicht regelmäßig. Allerdings war Harry extrem ruhig, sprach nur dann, wenn er eine Frage gestellt bekam, und selbst da antwortete er extrem knapp. Nach dem Abendessen schickte er Harry ins Bad, sich bettfertig machen. Als der Kleine zurück kam, schüttelte Severus den Kopf. Zum einen wirkte Harry nicht so, als hätte er sich richtig geduscht, er war zwar nass, aber nicht gewaschen. Und zum Anderen die Kleidung. Dieser Schlafanzug sollte Harry gehören? Der war doch uralt und dabei mindestens drei Nummern zu groß! Wie Harry es schaffte, nicht über die Hosenbeine zu stolpern, war ihm ein Rätsel. Automatisch zog Severus seinen Zauberstab und wollte die Größe an das Kind anpassen, doch Harry zuckte ängstlich zusammen, sobald er den Stab auf sich gerichtet sah.

Innerlich fluchend senkte Severus seinen Stab für den Moment. „Entschuldige, Harry, ich wollte dich nicht erschrecken.“, brummte er. „Ich möchte einen Zauber auf deinen Schlafanzug sprechen, damit er dir richtig passt. So fällst du irgendwann noch über die langen Hosenbeine, oder er rutscht dir einfach vom Körper, weil er viel zu weit ist. Außerdem will ich deine Haare trocknen.“

Harry war erschrocken, als der Zauberstab auf ihn deutete, aber er beruhigte sich schnell wieder, als er die Erklärung hörte. Er vertraute darauf, dass der Professor genau das machte, was er sagte. Noch nie, seit er ihn kannte, hatte der Mann ihn angelogen. Es dauerte eine Weile bis er merkte, dass der Professor auf eine Antwort wartete, da nickte er, wenn auch etwas zögerlich. Zauberei machte ihm Angst, er konnte einfach nicht einschätzen, was da alles passierte. Doch es war halb so schlimm, der Professor sprach einen Zauber, den Harry nicht verstand, dann kribbelte es ein wenig, und mit einem Mal waren seine Haare trocken und ihm passte der Schlafanzug, den Dudley vor über einem Jahr aussortiert hatte, weil er ihm zu klein war. Staunend sah er an sich hinunter. Noch nie hatte er so passende Kleidung gehabt. Mit Ausnahme seiner Schuluniform, doch auch die hatte er sich etwas größer geben lassen, damit er sie länger tragen konnte. Schließlich wusste er nicht, wie lange das Gold seiner Eltern reichte, er musste vorsichtig sein. Die Dursleys würden bestimmt nicht für etwas bezahlen, das mit der Zauberwelt zusammen hing. Und noch etwas erkannte Harry, als er an sich hinunter sah: die Löcher, die er notdürftig geflickt hatte, waren weg! Wow, Zauberei war wirklich toll! „Danke, Sir!“, nuschelte er, als ihm einfiel, dass sich das so gehörte.

„Gerne, Harry.“, lächelte Severus. Er deutete auf das neue Zimmer. „Zeit für dich, ins Bett zu gehen. Komm, ich lese dir noch eine kleine Geschichte vor.“ Er hatte bemerkt, wie Harry diese Zeit am Nachmittag genossen hatte, und sich vorgenommen, dem Kleinen mehr davon zu geben. Harry hatte gewaltigen Nachholbedarf, wie es schien. Auf diese Art konnte er gleich etwas lernen, ohne dass es sich nach Unterricht anfühlte. Deshalb holte er sich mit einem Zauber das Märchenbuch von Beedle dem Barden, so lernte Harry die Zauberwelt kennen. Er half dem Kleinen in das Bett – der schien das nicht zu kennen – und deckte ihn zu. Kleinigkeiten, die er bei Draco von klein auf gemacht hatte, die dem Kind hier aber völlig fremd schienen. Draco hatte sich bereits mit acht Jahren zu alt dafür gefühlt, ins Bett gebracht zu werden. Automatisch fuhr er mit seiner Hand durch das wirre, schwarze Haar. Im ersten Moment zuckte Harry, dann schien er sich an die Hand zu schmiegen. Mit geschlossenen Augen genoss er die sanfte Berührung. Mit ruhiger Stimme las Severus eines der Märchen, ließ dabei aber seine Hand an der Wange des Kindes.

Harry wusste nicht mehr, wohin mit seinen Gefühlen. So etwas kannte er nicht. Anfangs hatte es ihm Angst gemacht, als die riesige Hand in die Nähe seines Kopfes kam, aber er hatte keine Zeit gehabt, sich zu schützen. Viel zu schnell war die Hand in seinen Haaren gewesen. Und doch, es tat nicht weh. Im Gegenteil, es war mehr als angenehm. Er konnte nicht anders, musste sich an die Hand schmiegen. Er hatte nicht einmal einen Namen für die Gefühle, die in ihm brodelten, er wusste nur, dass er sich immer so fühlen wollte. Es war so schön, so warm und beruhigend. So lange die Hand hier lag, konnte ihm nichts passieren. Sein großer Mann würde auf ihn aufpassen. Der letzte Gedanke irritierte Harry ein wenig, er hatte sich geschworen, keinem Erwachsenen jemals wieder zu vertrauen. Und doch konnte er nicht anders, als diesem Mann zumindest ein Stück weit zu vertrauen. Die Angst, geschlagen zu werden, verlor in seiner Gegenwart eine Menge Kraft. Sie war nur noch ganz wenig, im Hintergrund vorhanden. Harry lauschte der dunklen, beruhigenden Stimme. Schon wieder las der Professor ihm eine Geschichte vor, das hatte er schon fast den ganzen Nachmittag gemacht. Tante Petunia hatte Dudley früher auch immer vorgelesen, aber Harry hatte es höchstens gehört, wenn er gerade in der Nähe des Kinderzimmers putzen musste. Er merkte nicht einmal, wie er langsam einschlief, während die Stimme immer noch über ihn hinweg rieselte.

Severus hingegen bemerkte es durchaus, dass Harrys Atmung sich immer weiter beruhigte und tiefer wurde. Er las weiter, bis der Junge tief und fest schlief, dann erst klappte er das Buch zu und nahm vorsichtig seine Hand vom Kopf des Jungen. So entspannt hatte Harry noch nie ausgesehen, nicht einmal im Heilschlaf, fand Severus. Er löschte das Licht, sodass nur noch die Sterne an der Decke ihren Schein verbreiteten, dann verließ er das Zimmer, nicht ohne einen Überwachungszauber auf Harry zu legen. Die Tür ließ er einen Spalt breit offen, sodass der Kleine sich zurechtfinden konnte. Es war immerhin die erste Nacht in einer vollkommen neuen Umgebung für Harry. Auch für ihn selbst war es seltsam, wieder einmal ein Kind in seinen Räumen zu haben. Zwar kümmerte er sich regelmäßig um Kinder, denen es in ihrem Zuhause nicht besonders gut ging, aber zumeist bestand diese Hilfe in Gesprächen an Plätzen, wo die Kinder sich wohlfühlten. Eingezogen waren bei ihm nur sehr wenige, eigentlich nur ein Kind in seinem ersten Jahr hier in Hogwarts. Und das nur wenige Wochen, bevor sie, damals war es ein Mädchen gewesen, zurück in ihren Schlafsaal und den Unterricht konnte. Einige andere Kinder waren mal über ein Wochenende oder ein paar Tage hier gewesen, kaum der Rede wert. Aber er spürte, mit Harry würde es anders sein. Der Kleine hatte wohl auch mehr mitgemacht als die anderen Kinder, war bereits mit etwas über einem Jahr zu einem Waisen geworden, dabei selbst beinahe gestorben. Und die Jahre bei seinen Verwandten waren scheinbar auch nicht besser gewesen. Nun, das mussten sie in den nächsten Wochen und Monaten aufarbeiten. Severus rechnete mit einigen Monaten.

Zwei Stunden saß er noch an seinem Schreibtisch und korrigierte Schüleraufsätze, dann legte auch er sich ins Bett. Vorher warf er noch einen Blick in Harrys Zimmer, doch der Junge schlief immer noch ruhig. Es dauerte nicht lange, da war auch Severus eingeschlafen. Bis das Vibrieren seines Zauberstabes ihn weckte. Einen Moment war er irritiert, doch dann fiel ihm der Überwachungszauber auf Harry wieder ein. Schnell warf er sich einen Morgenmantel über und eilte ins Nebenzimmer. Leise wimmernd lag Harry im Bett, wand sich hin und her. Severus konnte nur Wortfetzen ausmachen, die der Kleine im Schlaf murmelte, da er seine Faust im Mund hatte. Seufzend setzte er sich an den Rand des Bettes, dann sprach er leise und beruhigend auf das Kind ein, strich dabei sanft über die Haare. Harry zuckte zurück, schmiegte sich dann aber in die Berührung und schlug die Augen auf. Glasige, grüne Augen blickten Severus an, erkannten ihn erst nach einigen Momenten. „Ganz ruhig, Harry, hier passiert dir nichts.“, versprach Severus. „Was hast du geträumt?“

Harry wollte zuerst zurückweichen, aber die Hand an seiner Wange beruhigte ihn. Es war nur eine ganz leichte Berührung, genau wie am Abend, als er eingeschlafen war. Doch diese Berührung veränderte alles. Ohne Nachzudenken beantwortete er daher die Frage. „Hedwig, sie war … tot.“ Zitternd holte er Luft, biss sich auf die Lippe. Doch als der Professor ihm mit dem Daumen über die Wange strich, konnte er sich nicht mehr beherrschen, schluchzte kurz auf, bevor er sich erneut auf die Lippe biss. Erwachsene mochten keine Kinder, die weinten. Wenn sein Onkel ihn weinen hörte, wurde die Strafe nur schlimmer. Und gerade hatte er geträumt was passierte, wenn er etwas erzählte. Nein, egal, wie nett der Professor war, er würde nichts riskieren, entschied Harry. Am Ende des Schuljahres musste er schließlich spätestens zurück. Er schauderte, als er daran dachte.

Severus spürte, dass Harry panische Angst hatte, konnte es aber nicht genauer benennen. Harry verschloss sich vor ihm, aber damit hatte er bereits gerechnet. Scheinbar brauchte der Kleine noch mehr Sicherheit. Aber heute Nacht kam er wohl nicht weiter an ihn heran, als er es ohnehin schon geschafft hatte. Immerhin akzeptierte, nein genoss Harry die Berührung. „Nach dem Frühstück gehen wir zu deiner Eule.“, versprach er. „Du wirst sehen, es geht ihr gut.“ Er wartete Harrys Nicken ab, merkte, dass der Kleine sich wieder ein wenig entspannte. „Und jetzt versuch zu schlafen. Es ist mitten in der Nacht, du brauchst Ruhe. Wir reden ein anderes Mal darüber, in Ordnung? Wenn du nicht darüber redest, werden die Alpträume immer schlimmer, das weiß ich selbst aus Erfahrung.“ Jetzt blickten ihn Harrys Augen interessiert an. War das der richtige Ansatz? Severus entschied, darüber nachzudenken, vielleicht half es Harry, wenn er wusste, er war nicht alleine. Doch erst einmal sollten sie beide schlafen. „Gute Nacht, Harry.“, wünschte Severus, strich noch einmal über Harrys Wange, dann stand er auf. Er zog die Decke wieder höher, sodass sie Harry bis zum Hals bedeckte, strich erneut über die blasse, eingefallene Wange, dann trat er zurück und löschte das Licht, das er gemacht hatte. Harrys Augen folgten jeder seiner Bewegungen, bevor sie sich schließlich schlossen.

Trotzdem wurde die Nacht unruhig, Severus musste noch zweimal aufstehen und den Jungen beruhigen. Daher ließ er ihn früh auch erst einmal etwas länger schlafen, bevor er ihn zu einem späten Frühstück gegen zehn Uhr weckte. Schließlich wollten sie seine Eule besuchen. Als Harry nach dem Frühstück ins Bad ging um sich anzuziehen, machte sich auch Severus fertig, zog seine Roben über die normale Kleidung. Bewusst hatte er den Besuch in der Eulerei so gelegt, dass die meisten Schüler in der großen Halle beim Essen sein würden. Harry kam aus dem Bad zurück und erneut musste Severus dessen Kleidung anpassen. Ihm wurde bewusst, dieses Kind hatte offenbar keine eigene Kleidung, sondern trug von irgendwem die gebrauchten Sachen auf. Und dieses andere Kind war deutlich größer und breiter als Harry. Dagegen mussten sie etwas tun, nicht nur, weil ihm die Kleidung nicht passte, sondern weil sie nicht mehr tragbar schien. Keines der Kleidungsstücke, die Harry heute trug, war in Ordnung. Flecken, Löcher und Risse waren in jedem einzelnen Teil. Severus konnte es mit einem Zauber zwar ausbessern, aber der Stoff war teilweise so dünn, dass es nicht lange halten würde. Er selbst war nicht reich, verdiente aber genug, um dem Kleinen wenigstens eine passende Garderobe zu besorgen. Und sein Partner würde ohnehin darauf bestehen, der konnte ihm dabei notfalls unter die Arme greifen. „Bereit?“, fragte er allerdings nur.

Harry nickte. Er war dankbar, dass der Professor seine Kleidung erneut angepasst und repariert hatte. Jetzt fühlte er sich deutlich besser. Wie schlimm war es in der Grundschule gewesen, wenn ihn alle ausgelacht hatten, weil er Dudleys alte Sachen trug. Er wagte es nicht, den Professor darum zu bitten, alle seine Sachen so zu behandeln. Egal, wie viel der Mann bisher für ihn getan hatte, er wollte nicht zu anstrengend werden, dafür genoss er die Zeit mit dem Professor zu sehr. Würde er zu anstrengend, schickte der ihn bestimmt weg. Erwachsene mochten keine anstrengenden Kinder, das war Harry sehr schnell klar geworden in seinem bisherigen Leben. Hinter dem Professor trat er auf den Flur. Er hielt sich dicht an den Älteren, denn die Dunkelheit in den Fluren machte ihm Angst. Zwar konnte man seinen Weg durchaus erkennen, aber da waren so viele Schatten und dunkle Ecken, da konnte sich überall jemand verstecken. Nein, besser er blieb bei dem Professor, der ihn bisher auch immer beschützt hatte.

Diesmal achtete Severus darauf, nicht zu schnell zu gehen. Vor sich konnte er die Slytherins hören, die gerade zum Essen gingen, aber sie waren nicht sonderlich laut. Er merkte durchaus, dass Harry sich nahe bei ihm hielt, und fühlte sich bestärkt dadurch. Ihm war bewusst, dass Harry Angst vor der Dunkelheit hier in den Fluren hatte, aber er hatte gleichzeitig auch genug Vertrauen, bei Severus Schutz zu suchen. Das wiederum zeigte Severus, dass der Kleine sich bei ihm sicher genug fühlte. Er wählte dennoch einen Weg, auf dem sie möglichst wenigen Schülern begegneten, und führte Harry schließlich über die schmale, steile Treppe in den Eulenturm. Dort ließ er ihn voran gehen, nicht dass er ausrutschte und stürzte. Bei Harrys derzeitigem Zustand würde das auf jeden Fall mit gebrochenen Knochen enden, und das wollte er vermeiden.

Vorsichtig blickte Harry um die Ecke, als er oben angekommen war. Hunderte Eulen saßen in dem Raum auf verschiedenen Stangen, in allen Größen und Farben. Rundum war die Mauer offen, sodass sie ungehindert kommen und gehen konnten, doch das Dach stand weit genug über, sodass Wind und Wetter ihnen nicht viel ausmachen konnten. Während Harrys Blick über die Eulen glitt, hatte seine Hedwig ihn schon entdeckt. Mit einem Huten machte sie ihn auf sich aufmerksam. „Hedwig, meine Schöne!“, begrüßte Harry die Eule, die direkt zu ihm herunter flog und es sich auf seinem Arm gemütlich machte. Zärtlich strichen die schmalen Finger über die weißen Federn, während die Eule vorsichtig mit ihrem Schnabel an Harrys Ohr knabberte. „Es geht dir gut?“, fragte der Junge schließlich leise. Hedwig gab einen zustimmenden, beruhigenden Laut von sich und ließ sich den Eulenkeks schmecken, den Harry aus seiner Tasche zog.

Severus beobachtete nur, wie Harry mit seiner Eule umging. Ganz offensichtlich liebte der Junge dieses Tier. Die Schneeeule schien noch sehr jung, aber dabei ziemlich intelligent zu sein. Selten hatte Severus ein so anhängliches Tier erlebt, jedenfalls in der Vogelwelt. Harry sprach leise mit ihr, schien ihr zu erzählen, was in den letzten Tagen passiert war. Hedwigs Augen richteten sich irgendwann prüfend auf Severus, blickten ihn eine Minute durchdringend an, bevor sie sich wieder ihrem Vertrauten widmete. Bewusst lauschte Severus nicht, auch wenn er einzelne Worte verstehen konnte und daher ahnte, was der Junge mit seiner Eule besprach. Er wollte das Vertrauen nicht missbrauchen, das er sich bisher schwer erarbeitet hatte. Der Kleine sollte freiwillig zu ihm kommen und mit ihm sprechen. Nach einer halben Stunde bat er Harry, sich von Hedwig zu verabschieden, wandte sich aber selbst an die Eule und versprach ihr, sie können ihren Vertrauten jederzeit in seinen Räumen besuchen. Allerdings wollte er vermeiden, dass Harry von den ganzen Schülern überrannt wurde, die sicher in nicht allzu langer Zeit aus der großen Halle kommen würden.

Brav folgte Harry seinem Lehrer zurück in dessen Räume. Dort bestellten sie sich ein Mittagessen bei den Hauselfen, danach musste Severus weiter die Hausaufgaben der Schüler korrigieren. Da er Harry versprochen hatten, erst am Montag mit Aufgaben zu beginnen, ließ er dem Jungen die freie Wahl, was er machen wollte, während er im Büro arbeitete. Erst kurz vor dem Abendessen kam er zurück, erstaunt zu sehen, dass Harry in der Zwischenzeit das Wohnzimmer und das Bad geputzt hatte. Kopfschüttelnd setzte er sich zu dem Jungen. „Harry, so hatte ich das nicht gemeint.“, brummte er. „Hast du vergessen, dass die Hauselfen für das Putzen verantwortlich sind?“ Harrys Blicke machte deutlich, dass er das wohl tatsächlich vergessen hatte. „Nochmal. Du musst zwar dein Zimmer in Ordnung halten, aber nichts putzen oder waschen. Das machen die Hauselfen, und wenn du sie das nicht machen lässt, sind sie traurig. Ich hatte vorhin gemeint, du könntest etwas lesen, oder auch dich anderweitig beschäftigen, so wie du es gerne magst.“ Da fiel ihm etwas ein. „Du weißt nicht, was es bedeutet, keine Aufgaben zu haben, kann das sein?“

Zögernd nickte Harry, als er die letzte Aussage des Professors hörte. Anfangs hatte er sich ins Wohnzimmer gesetzt und das Feuer beobachtet, sich dann aber immer unruhiger gefühlt. Also hatte er sich in Bekanntes geflüchtet. Putzen konnte er gut, außerdem war er der Meinung gewesen, der Professor würde sich freuen, wenn er ihm ein wenig Arbeit abnahm. Die Hauselfen hatte er dabei total vergessen. Das war alles so neu und anders, er würde wohl noch lange brauchen, bis er sich daran gewöhnte. „Tut mir leid, Sir.“, nuschelte er.

Severus rieb sich die Nasenwurzel, das würde schwer werden. „Das ist in Ordnung, aber vergiss es nicht wieder.“, schüttelte er den Kopf. „Na komm, gehen wir Abendessen. Morgen muss ich dann unterrichten, aber ich habe einige Aufgaben für dich, die ich dir vorher geben werde. Dann hast du etwas zu tun, während ich weg bin. Und nach dem Abendessen werden wir uns ab morgen Zeit nehmen, über deine Vergangenheit zu sprechen. Du musst das alles loswerden, damit es dich nicht mehr so sehr belastet. Auch wenn ich weiß, dass es nicht leicht wird.“ Er sah, dass Harry zusammen zuckte und sich erneut verschloss. „Keine Angst, wir gehen es langsam an. Und eines verspreche ich dir: du musst nie wieder dorthin zurück. Allerdings musst du darüber reden, damit wir etwas in der Hand haben. Dann finden wir einen besseren Aufenthalt für dich.“ Severus würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass Harry nicht wieder zu seinen Verwandten musste, aber er wusste im Moment immer noch nicht, wer dessen Vormund war. Sein Verdacht war, dass Dumbledore selbst dieser Vormund sein könnte, aber bisher hatte er noch keine Bestätigung dafür. Ohne Harrys Aussage allerdings würde es schwer.

Nur langsam beruhigte Harry sich wieder, als er die Worte des Professors hörte. Angespannt saß er beim Abendessen am Tisch, musterte immer wieder den Älteren aus den Augenwinkeln heraus, um zu erkennen, wie er am besten mit seinem Besteck umging. Er wollte den Mann nicht ärgern, im Gegenteil, er wollte es besser machen als bisher. Sein Onkel hatte ihn immer wieder verhöhnt, weil er so ungeschickt mit seinem Besteck umging, hatte es ihm aber nie richtig beigebracht. Jetzt, hier, wollte er es lernen, aber er wollte sich auch nicht die Blöße geben und danach fragen.

Severus sah das und unterdrückte ein Seufzen. „Harry, du darfst mich ruhig fragen, wenn du etwas nicht kannst. Soll ich dir zeigen, wie du das mit dem Besteck am besten machst?“ Lange sah Harry den Älteren einfach nur an, schien abzuwägen. Irgendwann nickte er zögernd. Also zeigte ihm Severus, wie er Messer und Gabel am besten hielt und benutzte. Dafür setzte er sich neben den Jungen, damit der es nicht seitenverkehrt sah. Harry war ein gelehriger Schüler, schon nach wenigen Minuten hatte er erste Erfolge. „Sehr gut, Harry.“, lobte Severus. Ihm war bewusst, der Kleine brauchte Bestätigung. Ein leises Lächeln zeigte ihm, dass Harry sich darüber freute. Gemeinsam aßen sie schweigend weiter.

Nach dem Essen ging Severus mit Harry ins Bad, zeigte ihm Duschbad, Shampoo, Seife und alle anderen Dinge, erklärte ihm, wie er es verwenden sollte. „Du darfst das alles verwenden, Harry. Ich mache die Sachen selbst im Labor. Wenn es dir gut genug geht, kannst du mir dabei helfen, wenn du magst. Denkst du, du schaffst das nun alleine?“

Harry nickte. Er war völlig geplättet, damit hätte er nicht gerechnet. Dankbar nickte er, ja, er konnte sich sicherlich alleine duschen. Er hatte sich nur gestern nicht getraut, die ganzen Dinge zu verwenden. Wie das ging, hatte er sich in der Grundschule beim Schwimmunterricht von den anderen Kindern abgeschaut. Schnell war er frisch geduscht und fertig für das Bett, fühlte sich viel besser und erfrischt. Er genoss es, dass der Professor ihn wieder ins Bett brachte, ihm eine Geschichte vorlas und ihn richtig zudeckte.

Auch diese Nacht wurde unruhig, doch auch diesmal wollte Harry nicht weiter darüber sprechen. Er war noch nicht so weit. Severus blieb jedes Mal bei ihm, bis er wieder schlief, bekam so selbst nicht besonders viel Schlaf ab. Dieses Wochenende hatte er frei, aber demnächst musste er auch wieder Aufsicht machen. Für diese Nächte musste er sich etwas einfallen lassen, damit Harry nicht alleine war. Oder er zumindest mitbekam, wenn Harry ihn brauchte.

Am Montagmorgen weckte Severus Harry relativ früh, damit er gemeinsam mit ihm frühstücken konnte. Nachher musste er in der großen Halle anwesend sein, wenn die Schüler kamen. Darauf hatte Dumbledore bestanden. Vorher wollte er aber sicherstellen, dass es Harry soweit gut ging und er verstand, was er tun sollte. Außerdem natürlich überwachen, ob der Junge genügend aß und seine Tränke nahm.

Obwohl Harry sich müde fühlte, stand er widerspruchslos auf, als er geweckt wurde. Anders kannte er es nicht, meistens weckte ihn Tante Petunia, damit er Frühstück machte für die Familie. Wenn er Glück hatte, bekam er anschließend auch noch etwas, bei ganz besonderen Gelegenheiten durfte er sogar mit am Tisch sitzen. Dann bekam er aber immer deutlich weniger, das gefiel Dudley ziemlich gut. Wahrscheinlich war das sogar der Grund gewesen, warum er ab und zu am Tisch sitzen durfte. Hier war es anders, dennoch stand er natürlich sofort auf, wenn es ihm gesagt wurde. Aufmerksam hörte er zu, als der Professor ihm seine heutigen Aufgaben erklärte.

„Ich habe dir einige Bücher in dein Regal gestellt.“, erzählte Severus. „Darin findest du Informationen über viele Dinge, die für magische Kinder selbstverständlich sind. Kinder aus Muggelhaushalten wissen so etwas nicht, daher verwirrt es sie immer wieder. Ich habe dir einige Fragen dazu aufgeschrieben und möchte, dass du die Antworten dazu aufschreibst. Es wird für dich schwer sein, mit Tinte und Feder zu schreiben, aber auch das musst du lernen, es wird hier in Hogwarts erwartet. Probiere ruhig erst einmal das Schreiben, bevor du dich an deinen Aufsatz machst, ansonsten ärgerst du dich nur, wenn es nicht klappt.“

Nun wurde Harry doch etwas unsicher. Ob er das konnte, mit einer Feder zu schreiben? Das klang schwierig, aber doch spannend. Er war neugierig, wie das wurde. Natürlich würde er sein Bestes geben. Er nickte also, als der Professor ihn ansah und auf seine Reaktion wartete.

„Gut.“, schloss Severus das Thema. „Ich werde die Hauselfen beauftragen, dir eine Zwischenmahlzeit zu bringen. Auch das Mittagessen wirst du heute alleine einnehmen müssen, ich soll in der großen Halle anwesend sein. Zum Abendessen bin ich spätestens wieder hier, vielleicht auch vorher schon, das weiß ich noch nicht. Denkst du, du kommst bis dahin alleine zurecht?“ Diesmal nickte Harry zuversichtlicher. „Madam Pomfrey wird möglicherweise nach dir sehen, also erschrick nicht, wenn sie kommt.“ Erneut nickte Harry. Daran mussten sie offensichtlich auch noch arbeiten, Harry sollte mündlich antworten. Aber dafür brauchte er wohl noch mehr Sicherheit. „Wenn du mit deinen Aufgaben fertig bist, dann kannst du dir ein Buch aussuchen und lesen, oder du kannst malen, wenn es dir Spaß macht. Nicht wieder putzen, in Ordnung?“ Diesmal lächelte Harry sogar, als er nickte. Seine Wangen waren leicht gerötet. „Nun gut, ich verlasse mich auf dich. Sollte etwas sein und du brauchst mich, dann komm in mein Büro. Ich lasse die Tür zum Klassenzimmer einen Spalt offen, da kannst du mich erreichen.“

Severus strich Harry noch einmal über die Haare, dann verließ er die Räume und ging in die große Halle. So ganz wohl war ihm dabei nicht, aber er konnte es nicht ändern. Er hoffte, dass es klappte mit dem Jungen. Wobei, alleine zu sein schien ihm nicht so viel auszumachen, so lange er etwas zu tun hatte. Er hatte nie gelernt, sich selbst zu beschäftigen und sich die Zeit zu vertreiben. Nun, das würden sie nach und nach in Angriff nehmen. Heute wirkte Harry an sich recht gut, ziemlich sicher für seine Verhältnisse. Es schien ihm gut zu tun, etwas zu tun zu haben. Jetzt musste Severus nur noch dafür sorgen, dass der Kleine es nicht übertrieb, sondern zwischendurch auch Spaß hatte. Das musste er wohl auch erst lernen. Dafür würde er sich später dann Draco mit ins Boot holen. Auch, wenn der Blonde nach außen hin kühl und unnahbar, beinahe wie ein kleiner Erwachsener, wirkte, so konnte doch auch er ausgelassen sein und Spaß haben, wenn er nicht in der Öffentlichkeit stand.

Harry hingegen blieb in den Räumen. Er fühlte sich erleichtert, dass er hier bleiben durfte. Der Gedanke, mit zehn oder zwanzig anderen Schülern in einem Klassenzimmer zu sitzen, ängstigte ihn. Noch schlimmer wäre es, beim Essen mit allen anderen Kindern in der großen Halle zu sein. So viele Menschen auf einem Haufen waren ihm einfach zu viel. Konnte er das wieder lernen? Er war seinem Professor dankbar, dass dieser ihm die Erfahrung für den Moment ersparte, ihm half, hier anzukommen. Er duschte noch schnell und zog sich an, da er im Schlafanzug, direkt nach dem Aufstehen, gefrühstückt hatte, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch. Kurz warf er einen Blick auf die Aufgaben, die dort lagen, doch er erinnerte sich an den Tipp des Professors. Also griff er nach Pergament, Feder und Tinte, übte sich erst einmal im Schreiben. Es war tatsächlich schwer, anfangs war es überhaupt nicht lesbar. Doch nach und nach wurde es besser, Harry gewöhnte sich an die seltsamen Schreibwerkzeuge. Als eine Hauselfe einen Snack brachte, machte er eine kurze Pause zum Essen, dann kümmerte er sich um die Fragen.

Interessiert las er in den Büchern, es war wirklich spannend. Im Prinzip ging es um Regeln, an die sich die magische Welt hielt, und wie sie insgesamt aufgebaut war. Harry wurde bewusst, dass ihm dieses Wissen half, nicht aufzufallen in der ihm neuen Welt. Er las auch über sich selbst. Das war irgendwie seltsam für Harry, aber nun wusste er wenigstens, warum alle Menschen in der Winkelgasse ihn erkannt hatten, als er mit Hagrid dort gewesen war. Diese Tatsache hatte ihm Angst gemacht, aber je mehr er darüber erfuhr, desto besser ging es ihm damit. Nun, natürlich wollte er nicht als Retter angesehen werden, dazu fühlte er sich nicht fähig, aber dennoch wurde ihm etwas leichter. Er war dem Professor dankbar, dass dieser ihm half, das notwendige Wissen zu erlangen. Daher stürzte er sich richtig auf seine Aufgabe. Er brauchte mit der Feder deutlich länger, die Antworten zu schreiben, als wenn er einen Kugelschreiber nutzte, doch dank seiner Übungen war es zumindest lesbar.

Als er plötzlich und unerwartet angesprochen wurde, zuckte er zusammen. Er fuhr herum. Madam Pomfrey stand lächelnd in der Tür. „Hallo, Harry.“, grüßte sie ihn. „Mir scheint, du nimmst deine Aufgaben sehr ernst. Aber jetzt ist es an der Zeit, Mittag zu essen. Ich wollte mal nach dir sehen und mit dir gemeinsam essen, wenn es dir Recht ist.“

Harry überlegte einen Moment, dann nickte er. Die Krankenschwester war bisher ziemlich nett gewesen. So war er nicht alleine. Auch, wenn er selbst nicht viel sprach, so genoss er doch die Gesellschaft. So schmeckte ihm das Essen auch ein wenig besser. Die Medihexe war zufrieden, wie Harry aß. Sie erzählte ihm einige kurze Geschichten über seine Eltern, aber viel Zeit hatte sie auch nicht, immerhin musste man jederzeit mit Patienten rechnen, wenn man den Krankenflügel betreute. Anschließend machte sich Harry wieder über seine Aufgaben. Sobald er damit fertig war, las er zuerst die Zeitung seines Mentors und dann in einem Buch über Hogwarts. Er war so vertieft, dass er nicht mitbekam, wie der Tränkemeister in die Wohnung trat.

Schmunzelnd beobachtete Severus seinen Schützling eine Weile. „Wie war dein Tag?“, sprach er ihn irgendwann an.

Harry schrak auf, als er die Stimme hörte, doch es war nur ein kurzer Schreckmoment. Sobald er die Stimme erkannte, entspannte er sich ein ganzes Stück weit. Ein kleines Lächeln schlich sich in sein Gesicht. Schnell sprang er auf und huschte in sein Zimmer. Ein weiteres Lächeln brach sich Bahn. Sein eigenes Zimmer. Das war einfach nur toll. Im Zimmer griff er nach seinen Aufgaben, brachte sie dem Lehrer. Stolz hielt er sie hin.

„Harry, ich möchte, dass du mir antwortest, wenn ich mit dir spreche.“, ordnete Severus an. Trotzdem nahm er die Pergamente, die verhältnismäßig ordentlich beschrieben waren.

Harry zog den Kopf ein, als er den Tadel hörte. Er schluckte schwer. Aber er wollte den Professor zufrieden stellen. „Gut, Sir.“, murmelte er.

Für den Moment gab sich Severus damit zufrieden. „War Madam Pomfrey hier zum Essen?“

„Ja, Sir.“, antwortete Harry diesmal direkt, wenn auch ziemlich leise.

„In Ordnung.“ Severus nickte dem Jungen aufmunternd zu. „Dann lass uns zu Abend essen.“ Zwar war er selbst in der großen Halle beim Abendessen gewesen, hatte aber nur die Aufsicht geführt und ein wenig getrunken. Harry sollte nicht alleine essen müssen.

Nach dem Essen setzten sie sich ins Wohnzimmer. Severus entschied, dem Jungen noch deutlicher zu zeigen, dass er nicht alleine war mit seinen Erfahrungen. „Harry, ich möchte dir etwas aus meiner Kindheit erzählen. Du weißt, dass ich mit deiner Mama befreundet war. Sie war die Einzige, mit der ich damals reden konnte. Mein Vater war Alkoholiker. Wenn er betrunken war, hat er meine Mutter und mich geschlagen. Für Essen und Kleidung reichte das Geld selten, da er alles in verschiedene Kneipen getragen hat. Lange habe ich mich geschämt, hatte das Gefühl, zu schwach zu sein. Die Kinder in unserem Viertel wussten genau, was los war, aber die Meisten haben mich nur ausgelacht, weil ich mit alten, zu großen Kleidern herum lief. Ich hatte nicht viel, auch das führte zu Gelächter. Ich habe mich in Büchern verkrochen, meistens hielt ich mich in der Bücherei im Ort auf. Bis ich Lily kennen lernte. Schnell war ihr klar, wo meine ganzen Prellungen, meine blauen Flecke her kamen. Sie hat nicht aufgehört, mich zum Reden bringen zu wollen. Irgendwann gab ich nach, sie war einfach so hartnäckig. Ich fing an, mit Lily darüber zu sprechen. Es war nicht leicht, aber je mehr ich sprach, desto besser ging es mir damit. Deshalb möchte ich, dass du darüber sprichst.“ Er hoffte, dass er die richtige Mischung erwischt hatte, wollte nicht zu viel sagen, aber natürlich auch nicht zu wenig.

Harry hörte aufmerksam zu. Langsam ahnte er, dass auch der Ältere nicht immer ein schönes Leben gehabt hatte. Er starrte auf seine Füße, die vor dem Sofa standen, auf dem er saß. Seine Gedanken kreisten. Noch immer hatte er Angst, dass sich Onkel Vernons Worte bestätigten, seine Warnung war deutlich gewesen. Auf der anderen Seite ahnte er, dass der Tränkemeister Recht hatte, er musste darüber reden. Dennoch war es schwer, sehr schwer. Aber der Professor kümmerte sich doch so intensiv um ihn, viel mehr, als seine Verwandten das jemals getan hatten. Vielleicht, ja vielleicht würde auch sein Versprechen wahr werden, und er musste nicht zurück in den Ligusterweg? Hoffnung keimte in Harry auf, und er entschloss sich, zumindest ein wenig zu erzählen. Einige Male atmete Harry noch tief durch. „Sie wollten mich nie haben.“, erzählte er leise. „Dudley war für sie alles, ich war nur das lästige Anhängsel. Ich kam immer zuletzt, habe nie eigene Kleidung gehabt, immer nur die alten Dinge von Dudley, die ihm zu klein wurden oder ihm nicht mehr gefielen. Sie haben mir erzählt, dass meine Eltern Säufer waren, dass Dad betrunken einen Unfall gebaut hat, wobei sie getötet wurden und ich die Narbe bekam.“ Harry deutete auf seine Stirn. Zitternd zog er seine Beine an sich und schlang die Arme darum.

Severus atmete auf, als Harry anfing, zu sprechen. Ruhig hörte er zu, freute sich innerlich über diesen unerwartet großen Erfolg. Dennoch schockierte ihn das, was der Junge erzählte. Mit vorsichtigen Bewegungen kniete sich Severus vor das Kind und wartete, bis der ihn ansah. Tränen schwammen in seinen Augen, aber er blickte ihn fragend an. Wollte der Kleine nun eine Umarmung? Oder lieber nicht berührt werden? Er hob seine Hand so, dass Harry es sehen konnte. Der Junge folgte der Bewegung mit den Augen, bis die Hand nahe seiner Schulter war, dann schmiegte er sich in die Wärme. Severus hielt den Kontakt und strich vorsichtig mit dem Daumen über die Schulter. Das schien Harry zu helfen, denn dieser atmete wieder deutlich regelmäßiger und tiefer. „Glaub mir, deine Eltern waren viel, aber sicher keine Alkoholiker. Dein Vater und deine Mutter haben gekämpft, alles getan, damit es dir gut geht. Deine Tante war schon immer gegen Magie, weil sie selbst keine hat. Sie hätte es nie an dir auslassen dürfen, aber leider passieren solche Dinge immer wieder, auch, wenn es nicht sein sollte. Trotzdem, deine Eltern haben dich über alles geliebt, das solltest du immer im Gedächtnis haben.“

Dankbar schmiegte sich Harry enger an den Professor. Die Worte des Mannes beruhigten ihn. „Danke, Sir!“, wisperte Harry, als der Ältere ihn in den Arm nahm. Eine ganze Weile blieben sie so sitzen, dann löste sich Harry wieder von dem Professor, damit er ins Bad gehen konnte. Er war müde, vollkommen erschöpft, wollte nur noch ins Bett.

Severus ging kurz in sein Labor, während Harry im Bad war, um einen leichten Beruhigungstrank zu holen. Damit konnte Harry hoffentlich einigermaßen ruhig schlafen.

Doch trotz des Beruhigungstrankes wurde es eine unruhige Nacht. Harry schlief nicht lange, als sich sein Onkel in die Träume schlich. „Ich hatte dich gewarnt, Bengel!“, schrie Vernon, als er sich über Harry beugte. „Ich habe dir gesagt, dass du nichts erzählen darfst. Du hast dagegen verstoßen, jetzt musst du mit den Konsequenzen leben.“

Harry stolperte nach hinten, als Vernon ihn von sich stieß. Hilflos musste er zusehen, wie sein Onkel nach Hedwig griff. Die Eule saß in ihrem Käfig und hatte keine Chance. Sie schrie vor Schmerzen, als Vernon an ihrem Flügel riss. Sie konnte sich nicht wehren, als Vernon sie aus dem Käfig zerrte. Mit seiner großen, feisten Hand umgriff er den Kopf der Eule und drückte zu.

„Nein, bitte, bitte nicht!“, bettelte Harry entsetzt. Er schrie mit seiner Eule zusammen, als Vernon sie erwürgte. „Nicht Hedwig, nein, bitte! Onkel Vernon, ich werde nichts weiter sagen, bitte, lass Hedwig in Ruhe! Ich mach alles, was du willst, aber bitte nicht Hedwig!“

Entsetzt sprang Severus aus dem Bett, als er das Wimmern und Betteln seines Schützlings hörte. Er hastete nach nebenan, versuchte, Harry zu wecken, ohne ihn zu erschrecken. Das war gar nicht so leicht, Harry war gefangen in seinem Alptraum. Doch irgendwann schreckte der Junge auch hoch und sah ihn mit weiten, tränenverhangenen Augen an. Er wich zurück, offenbar noch zu sehr gefangen in dem Traum.

Harry erkannte nach und nach, dass er nicht zuhause im Ligusterweg war, sondern bei Professor Snape in den Kerkern von Hogwarts. Doch seine Angst ließ nicht nach. Er durfte auf keinen Fall noch etwas sagen, sonst passierte Hedwig etwas! Fest presste Harry seine Lippen zusammen. Egal, wie gerne er den Professor inzwischen hatte, von nun an würde er schweigen. Auch, wenn der Professor ihm dann vielleicht nicht mehr half. Er war doch für Hedwig verantwortlich!

Severus wurde bewusst, dass Harry panische Angst hatte. Was genau hier passierte, konnte er sich nicht erklären, doch den Ausdruck auf Harrys Gesicht kannte er. Der Kleine verschloss sich erneut, nachdem er sich doch am Abend ihm gegenüber geöffnet hatte. Was hatte Harry nur in seinem Traum gesehen? Seinen Onkel offenbar. Wenn Severus die gemurmelten, flehentlichen Worte richtig verstanden hatte, ging es um Harrys Onkel und seine Eule. Harrys Onkel hatte offensichtlich die Eule des Kleinen bedroht. Vermutlich war das das Druckmittel, damit Harry nichts ausplauderte. Es schien, als wäre die Arbeit der letzten beiden Tage vollkommen zerstört. Der Trank hatte nicht gewirkt, oder zumindest nicht stark genug. Er bot Harry an, ihn in die Arme zu nehmen, doch Harry schrak zurück. Panisch schüttelte er den Kopf. Seufzend sprach Severus weiterhin beruhigend auf Harry ein, auch wenn ihm klar war, dass der Junge nun wieder ganz am Anfang stand. Wahrscheinlich hörte er nicht einmal zu, dennoch versuchte er es. Er konnte nicht anders, einerseits, weil er es Lily versprochen hatte, andererseits, weil der Junge einer seiner Schüler war, der etwas Besseres verdiente.

Die restliche Nacht schlief Harry nicht mehr, er hatte zu viel Angst. Egal, was der Tränkemeister ihm sagte, Harry weigerte sich zu sprechen. Am Morgen pickte er mehr in seinem Frühstück, als dass er aß. Dennoch setzte er sich, als der Lehrer Unterricht hielt, an seinen Schreibtisch und machte sich über die gestellten Aufgaben.

Severus sah in den folgenden Tagen mit Sorge, wie mechanisch Harry seine Aufgaben erledigte. Der Kleine sprach kein Wort, zitterte dafür fast ständig, und sah sich immer wieder angstvoll um. Wurde er unvermittelt angesprochen, zuckte er panisch zusammen. Er aß kaum noch etwas, und wenn, dann nur mit ihm gemeinsam. Selbst Draco, den Severus nach gut einer Woche dazu holte, konnte kein Wort aus Harry heraus locken. Dennoch ließ er die Kinder eine Weile in Harrys Zimmer alleine, hörte nur zu.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie dieses Wiesel ist.“, schimpfte Draco über einen der Gryffindors. „Ich meine, ja, die Weasleys und wir Malfoys haben seit Jahrhunderten eine Fehde, keiner weiß mehr genau, warum eigentlich. Ich schätze, es liegt an den unterschiedlichen Ansichten unserer Familien. Du musst wissen, Harry, wir Malfoys gehören zu den Familien, die die alten Werte hoch halten. Die Weasleys hingegen sind nahe den Muggeln, ignorieren die Traditionen vollkommen, und lehnen die schwarze Magie ab. Dabei ist schwarze Magie genauso ein Teil der Magie wie die weiße, aber das nur nebenbei. Das jetzt als Hintergrund zu dem, was in der Schule passiert. Wiesel, also Ronald Weasley, ebenfalls ein Erstklässler, aber natürlich in Gryffindor, wie alle aus seiner Familie, lässt keine Gelegenheit aus, mich zu beleidigen. Nun, er ist sehr wenig kreativ, zumeist beschimpft er mich als Todesser-Kind und solche Dinge. Ziemlich nervig, und so langweilig, als würde man in einer Zeitschleife festsitzen. Du verstehst, weil es immer das Gleiche ist.“

Eine Weile herrschte Stille. Severus wusste nicht genau, was die beiden Jungen machten, aber er entschied, nicht zu unterbrechen. Vielleicht schaffte Draco, was er selbst nicht konnte. Vor allem, weil Draco ohnehin nicht ruhig sein konnte, wenn es nicht absolut erforderlich war. Es dauerte auch nicht lange, da sprach Draco weiter. „Weißt du, gerade die Gryffindors behaupten inzwischen, Onkel Sev hätte dich entführt, weil du nicht mehr auftauchst. Zwar hat Dumbledore am Anfang des Jahres erklärt, dass du krank bist und daher vorerst nicht in den Unterricht kommst, aber gerade die Löwen glauben das nicht so einfach. Sie denken, Onkel Sev wird mit deiner Hilfe den dunklen Lord zurück holen. Absoluter Blödsinn, natürlich wird Onkel Sev dir nichts tun. Er kümmert sich nicht zum ersten Mal um ein Kind, das Hilfe braucht, also sieh es entspannt. Was die Gryffindors denken, kann dir egal sein. Aber ich wollte, dass du es weißt, denn sobald du in den Unterricht kommst, wirst du dir das auch anhören müssen. Aber keine Sorge, ich bin bei dir. Wenn sie zu dir wollen, müssen sie an mir und unseren Freunden vorbei. Crabbe und Goyle haben versprochen, dich auch mit zu beschützen, also keine Angst.“

Draco erzählte nun weiter vom Unterricht, was weniger interessant für Severus war. Er hatte den Eindruck, dass dieser Besuch Harry gut tat, auch wenn er nicht antwortete. Nun, das war bei Draco auch nicht so einfach, man musste sich schon durchsetzen, wenn der Blonde sich einmal warm geredet hatte. Erst kurz vor dem Abendessen schickte Severus Draco zum Essen in die große Halle, damit er nicht auffiel.

Auch in den folgenden Wochen kam Draco regelmäßig in Severus' Räume und besuchte Harry. Zwar sprach der Junge noch immer nicht, aber zumindest aß er wieder besser, vor allem, wenn Draco dabei war.

Poppy und Minerva wussten ebenfalls keinen Rat für Severus. Sie hatten viele Tricks ausprobiert, doch Harry schwieg eisern. Nur mit Hedwig sprach er, aber so leise, dass sie selbst mit Lauschzaubern keine Chance hatten. Severus hatte sich lange geweigert, auf diese Methode zurück zu greifen, doch gegen Mitte Oktober griff er nach jedem Strohhalm. Absolut zwecklos. Mehr als einzelne Wortfetzen konnte er nicht hören, der Junge schmiegte sich zu dicht an das Gefieder der Schneeeule. Dennoch wollte er ihm diese Zeit mit seiner Vertrauten nicht nehmen. Das wäre grausam.

Auch die Nächte waren unruhig, Harrys Alpträume weckten Severus mehrmals pro Nacht, doch der Kleine sprach nicht mehr im Schlaf. Er suchte Schutz bei Severus, und wich doch gleichzeitig zurück. Das gab Severus zumindest ein wenig Hoffnung, dass er es schaffen konnte, Harry dazu zu bringen, sich zu öffnen.

Harry hatte Angst, was passieren könnte, sollte er über die Verhältnisse bei seinen Verwandten sprechen. Andererseits war er fast sicher, dem Professor vertrauen zu können. Obwohl er jetzt schon über einen Monat hier war, hatte der Tränkemeister noch nicht ein Versprechen ihm gegenüber gebrochen, hatte ihn weder geschlagen noch beschimpft. Im Gegenteil, Nacht für Nacht war er da, wenn er selbst aus einem Alptraum erwachte. Nur zu gerne würde er sich in die warmen, beruhigend sicheren Arme werfen, und doch zog er sich zurück, um keine Gefahr zu werden. Wer wusste schon, was Onkel Vernon mit dem Professor machen würde. Oder diese Todesser, die immer noch hinter ihm her waren. Ja, Harry wusste einiges mehr, als der Professor ihm sagte. Er las die Zeitung, sobald der Ältere morgens die Räume verließ. Darin hatte er erfahren, dass die Anhänger Voldemorts, Todesser genannt, Jagd auf ihn machten, weil er ihren Meister vernichtet hatte. Sie wollten Rache. Und wenn der Professor ihn beschützte, kam auch er in Gefahr.

Diese Todesser waren gefährlich, dunkle Magier, die nicht davor zurück schreckten, auch verbotene Zauber zu nutzen. Sie töteten Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken. Nein, das wollte Harry seinem Lehrer nicht antun. Darüber sprechen konnte er natürlich auch nicht, und so konnte Severus ihm auch nicht helfen. Immer öfter sah Harry nachts nun, wie die Todesser ihn erwischten. Oft genug sah er in seinen Träumen, was dann mit dem Professor passierte, wenn er sich den Todessern in den Weg stellte. Harrys Fantasie zeigte ihm unzählige, verschiedene Möglichkeiten, doch immer endete es mit dem Tod des Professors. Gerade dann war er froh, wenn der Professor da war, sobald er aufwachte.

Severus hingegen wurde immer verzweifelter, er wollte Harry unbedingt helfen, doch es ging einfach nicht. Er verbrachte so viel Zeit mit ihm wie noch nie mit einem Kind. Selten brachte er Harry dazu, nach draußen zu gehen. Er wusste nicht, wovor Harry Angst hatte, aber auf die Todesser kam er absolut nicht, da er nicht einmal einen Verdacht hatte, dass Harry die Zeitung las. Die wenigsten Kinder in dem Alter interessierten sich dafür, selbst Draco, der aufgrund seiner Erziehung immer über die aktuellen Ereignisse informiert war, las die Zeitung nur widerwillig.

Als hätte der Junge seinen Gedanken gehört, öffnete sich gerade in dem Moment die Tür zum Wohnzimmer. „Guten Morgen, Onkel Sev. Hey, Harry!“, begrüßte der Blonde sie.

„Guten Morgen, Draco.“, nickte Severus und deutete auf den Tisch. An den Wochenenden frühstückten sie meist zusammen.

Auch Harry nickte ihm zu, doch er sagte nichts. Während sie frühstückten, erzählte Draco, was es Neues gab. „Flint hat die Mannschaft gestern Nachmittag nochmal vier Stunden trainieren lassen, damit sie das Spiel morgen gewinnen.“, berichtete der Blonde. „Montague ist dreimal vom Besen gefallen, weil er einen Klatscher übersehen hat. Aber es gibt keinen Ersatz für ihn. Flint ist fix und fertig. O'Leary meinte, besser jetzt, denn wenn die Generalprobe schief läuft, klappt die Premiere umso besser. Man merkt, dass sie in der Muggelwelt groß wurde.“ Zu Harry gewandt fügte er hinzu: „Ihre Mutter ist Schauspielerin in einem Muggeltheater, ihr Vater ein Zauberer. Sie hat es nicht leicht in Slytherin.“

Da konnte Severus nur zustimmen, doch er sorgte zumeist dafür, dass es nicht so schwer wurde, wie es früher gewesen war. Die Reinblut-Ideologie war in Slytherin mit am schlimmsten, doch es gab sie auch in den anderen Häusern. Severus wusste von vielen Eltern, die die Ideologie der Todesser teilten oder gar selbst Todesser waren, gerade auf diese Kinder hatten er und die anderen Hauslehrer ein Auge. Doch Eileen O'Leary, eine junge Irin, war nicht auf den Kopf gefallen. Ihr erstes Jahr war schwierig gewesen, aber sie hatte sich durchgesetzt. Jetzt, im dritten Jahr, gab es zumeist nur noch Spötteleien, die an der Rothaarigen abblätterten. Sie machte sich nichts daraus, konterte selbstbewusst. Sie ging offen mit ihrer Herkunft um, hatte dabei die besten Noten. Vor allem wegen Letzterem wurde sie in Slytherin zumeist akzeptiert, denn sie holte viele Punkte für ihr Haus.

Während Severus in Gedanken war, sprach Draco weiter. „Harry, du musst unbedingt kommen, Quidditch ist einfach der beste Sport überhaupt!“, schwärmte er. „Ich will unbedingt auch in die Mannschaft, aber als Erstklässler hast du keine Chance. Leider. Ich muss unbedingt nächstes Jahr in die Mannschaft. Besser wie Montague fliege und spiele ich auf jeden Fall!“ Er fuhr fort, Harry das Spiel in allen Einzelheiten zu erklären. Der Schwarzhaarige hörte aufmerksam zu, aber er gab keinen Kommentar ab. Draco, der das bereits kannte, sprach einfach immer weiter, schaffte es aber gleichzeitig, mehr als zwei Drittel der Lebensmittel vom Tisch zu essen. Der Blonde war ein Phänomen, egal, wie viel er aß, er nahm nicht zu.

Severus entschied für Harry, dass das Spiel vielleicht doch ein wenig zu viel Trubel für Harry sein könnte. Sie besuchten Hedwig regelmäßig im Eulenturm, sobald er unterwegs mehr als zwei Schüler gleichzeitig sah, bekam Harry Panik. Die Massen machten ihm Angst. Und doch verzichtete er nicht auf diese Besuche, fieberte ihnen sogar entgegen. Die Eule war mehr als eine Vertraute für Harry. Sie war sein Halt, der Mittelpunkt seines Lebens. Trotzdem musste der Junge irgendwann lernen, auch mit mehr Menschen klar zu kommen. Wen könnten sie mit einbeziehen, überlegte Severus. Seit Wochen zerbrach er sich darüber den Kopf, doch jetzt, am Frühstückstisch kam ihm plötzlich die Lösung. Es war so offensichtlich, Severus wusste nicht, warum er nicht eher darauf gekommen war. Hagrid. Der Halbriese hatte Harry in die Winkelgasse begleitet, nachdem er ihm den Brief aus Hogwarts gebracht hatte. Zu Hagrid hatte Harry ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut. Es war nicht so, dass Severus erwartete, Harry würde direkt aus sich herausgehen, sobald er Hagrid traf, doch der Halbriese hatte ein unheimliches Geschick mit verschreckten, ängstlichen Tieren, vielleicht half er auch dem Jungen ein Stück weit. Einen Versuch war es wert, entschied er.

Tatsächlich gingen sie, sobald das Spiel begonnen hatte, auf einem Umweg zu Hagrids Hütte. Einen Umweg deshalb, damit niemand sie sah, auch wenn ein Schüler möglicherweise zu spät zum Spiel kam oder vorher ging. Hagrid war von Severus informiert worden und freute sich riesig über den Besuch. Zwar wusste er, dass Harry wenig bis gar nichts sprach, aber dennoch freute er sich, weil er zu Besuch kam. Auch Severus war gerne bei dem Halbriesen, der als einziger damals, in seiner Schulzeit, gesehen hatte, dass die Rumtreiber, allen voran Black und Potter, zu weit gingen bei ihm. Er hatte nicht viel tun können, so ohne Zauberstab, aber er war da gewesen, hatte auch immer wieder versucht, die Rumtreiber in die Schranken zu weisen. Wenig erfolgreich, doch für Severus war er immer ein Lichtblick gewesen. Nur zu gerne hatte er damals schon Zeit im Haus des Mannes verbracht. Gut, von seinen Keksen mal abgesehen, davor hatte er auch Harry gewarnt. Nicht, dass der Junge auch noch seine Zähne verlor. Auch, wenn Poppy das sicher richten könnte.

Severus beobachtete Harry. Mit jedem Schritt sah man ihm die Vorfreude mehr an. Das ließ Severus hoffen, vielleicht erreichte der Halbriese das, was er selbst seit Wochen vergeblich versuchte. Irgendwie mussten sie Harry zum Sprechen bringen, sonst würde er irgendwann zugrunde gehen. Außerdem war es die beste Möglichkeit, ihn von seinen Verwandten weg zu bekommen. Immer wieder hatte er dem Kleinen versprochen, er müsse nie wieder dorthin, doch Severus war nicht sicher, ob und wie er dieses Versprechen halten konnte. Noch immer hatte er nicht herausgefunden, wer Harrys Vormund war. Dumbledore wusste es mit Sicherheit, doch er schwieg noch eiserner als Harry, was dieses Thema betraf. Severus war inzwischen soweit, dass er trotz allem die Vormundschaft beantragen wollte. Dafür würde er sich Hilfe holen. Es würde nicht leicht werden, er konnte seine Partnerschaft nicht offenlegen, also galt er als alleinstehend. Außerdem hatte er keine Beweise, dass die Dursleys Harry misshandelten, nur Hinweise aus seinen Träumen, wenn Harry gesprochen hatte. Deshalb hatte er bisher nicht gehandelt. Aber zu lange durfte er nicht mehr warten, solche Verhandlungen zogen sich teilweise hin. Und bis zum Sommer mussten sie eine Lösung haben. Aber für heute schob er diese Gedanken beiseite, er musste dennoch in den nächsten Tagen Kontakt mit seinem Partner aufnehmen, damit er dessen Meinung dazu hören könnte.

Hagrid wartete bereits auf sie, er hatte Tee gekocht und Kekse standen auf dem Tisch. Zum Glück nicht nur Kekse, sondern auch Gebäck, das eindeutig aus der Küche von Hogwarts kam. Also gab es etwas, das auch sie essen konnten, nicht nur der Halbriese. Harry lächelte, als Hagrid ihn fröhlich begrüßte, ließ sich sogar umarmen. Es schien, als hätte Hagrid einen besonderen Zugang zu diesem Kind. Die Unterhaltung verlief allerdings sehr schleppend, denn Harry sprach auch zu Hagrid kein Wort. Er hörte aufmerksam zu, wenn der Halbriese über seine Arbeit und die Tiere des Waldes erzählte, aber er gab keinen Kommentar ab, stellte keine Frage. Nur seine Augen sprachen, diese dafür umso deutlicher. Hagrid ging nicht darauf ein, sondern schien genau zu erkennen, wann Harry mehr wissen wollte. Severus hatte sich bewusst so gesetzt, dass er seinen Schützling beobachten konnte. Er wollte genau mitbekommen, wie es dem Kleinen erging.

Harry spürte die Freiheit, die der Besuch bei Hagrid ihm bot. Der Mann war etwas Besonderes, auch wenn Harry es nicht genauer beschreiben konnte. Hagrid fragte nicht, zwang ihn nicht zum Reden, unterhielt ihn einfach nur. Und doch strahlte er eine unheimliche Wärme und Gemütlichkeit aus, dass Harry sich einfach nur behaglich fühlte. Immer wieder schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht und er spürte, wie jedes dieser Lächeln seinen Professor ein wenig entspannten. Harry wusste, Professor Snape machte sich Sorgen um ihn, aber er hatte einfach zu viel Angst, um mit ihm zu reden. Auch wenn er spürte, der Punkt, an dem er doch mit ihm reden würde, kam immer näher. Irgendwann würde er sich nicht mehr stoppen können. Das war auch der Grund, warum er überhaupt nicht mehr sprach, denn ansonsten hätte er schon längst alles erzählt, was der Professor wissen wollte. Aber das durfte er auf keinen Fall, ansonsten müsste mindestens Hedwig darunter leiden. Vielleicht sogar der Professor. Heute aber konnte er sich ein wenig entspannen, da der Professor ebenfalls das Geplauder des Wildhüters zu genießen schien. Auch, wenn er ihn, Harry, im Auge behielt.

Fang, Hagrids riesiger Hund, hatte Harry anfangs beinahe umgeworfen, als er ihn begrüßte, doch nach einem kurzen Schreckmoment hatte Harry ihn gestreichelt. Seither hielt sich Fang nahe dem Jungen, legte den Kopf auf dessen Schoß, um noch mehr Streicheleinheiten zu bekommen. Es störte Harry nicht einmal, dass Fang auf seine Kleidung sabberte. Inzwischen wusste er, dass die Hauselfen seine Wäsche wuschen und sich darum kümmerten, dass alles sauber war. Sie bekamen das sicherlich wieder hin. Dank der Warnung des Professors hielt sich Harry von den Felsenkeksen fern, naschte aber von dem Kuchen, der aus der Küche von Hogwarts kam. Außerdem hatte er heiße Schokolade, die wirklich lecker schmeckte, bekommen. Seine Gedanken drifteten ein wenig ab, als die beiden Erwachsenen sich über Schulangelegenheiten austauschten.

„Was hältst du von unserem neuesten Kollegen?“, fragte Severus schließlich. Er merkte durchaus, dass Harry schon eine Weile nicht mehr zuhörte, und erhoffte sich neue Erkenntnisse von Hagrid, der eine unheimlich gute Menschenkenntnis hatte, aber selten für voll genommen wurde.

„Der Kerl fürcht't sich vor sei'm eig'nen Schatt'n.“, schüttelte Hagrid den Kopf. „Irg'ndwas is' komisch an dem. Er hat den Klein'n damals im Kess'l getroff'n, als ich mit'm in'er Wink'lgasse war. Der Junge war nich' begeistert, hat aber nix g'sagt. Kein Wunder nich', wenn man'n jetz' so sieht.“ Sein Auge ruhte mit einem besorgten Blick auf dem geistig abwesenden Kind.

„Ich habe den Verdacht, dass er auf der Suche nach etwas ist.“, gestand Severus nach einem weiteren, versichernden Blick auf Harry. Auf keinen Fall sollte der Kleine das hier mitbekommen, aber er hatte nicht die Zeit, sich mit Hagrid alleine zu treffen, seine Aufgaben waren einfach zu vielfältig.

„Dem Etwas, das ich g'holt hab' im Auftrag Dumbledores?“, erkannte Hagrid, was Severus nicht einmal andeutete.

Der Tränkemeister nickte, deutete aber auf Harry. Hagrid verstand und sie wechselten kein Wort mehr in diese Richtung, doch Severus wusste nun, dass auch Hagrid ein Auge darauf haben würde, und schenkte ihm ein dankbares Nicken. Sie wechselten das Thema und Hagrid erzählte am Ende sogar von den verletzten Einhörnern, die er im Wald gefunden hatte. Harry hatte Tränen in den Augen als er hörte, dass Hagrid ihnen nicht helfen konnte. Severus versprach ihm einen Trank, damit die Tiere wenigstens nicht leiden mussten, falls er wieder eines finden sollte. Er hoffte jedoch, dass dies nicht notwendig sein würde.

„Warum macht jem'nd sowas?“, fragte Hagrid den Tränkemeister, nachdem er sich heftig geschnäuzt hatte.

„Einhornblut ist eine mächtige Zaubertrankzutat, doch nur, wenn sie freiwillig gegeben ist. Auch abgeriebenes Horn und die Haare aus der Mähne und vom Schweif sind wichtig. Aber das alles kann man kaufen, es sind keine verbotenen Zutaten. Es gibt genug Menschen, die die Haare sammeln. Einige schaffen es sogar, den Einhörnern Blut abzunehmen. Nicht so viel, dass es gefährlich wäre. Deshalb ist auch die Menge beschränkt, die man kaufen kann. Aber für Tränke braucht man nur sehr wenig Blut, meist ist es höchstens ein Tropfen.“, antwortete Severus nachdenklich. „Einzig das Trinken des Blutes würde meines Erachtens einen Sinn bei diesen Massakern ergeben, und das würde auch die massiven Verletzungen erklären, die du gefunden hast, Hagrid.“ Er schauderte sichtlich.

„Was passiert dann?“, wollte Hagrid mit weiten Augen wissen.

„Jemand, der das Blut eines so reinen und unschuldigen Wesens trinkt, wird verflucht sein. Zwar kann derjenige nicht sterben, das Blut wird ihn am Leben halten, auch wenn man an der Schwelle des Todes steht, aber dafür ist das Leben verflucht. Ich weiß nicht genau, was darunter zu verstehen ist, aber es ist mit Sicherheit nicht angenehm.“, erklärte Severus. „Ich hoffe wirklich, dass mein Verdacht nicht zutreffend ist. Es ist grauenvoll, sich das auch nur vorzustellen.“ Sein Auge fiel auf Harry, den diese Erklärung sichtlich mitnahm. Kein Wunder, der Kleine liebte jedes Lebewesen, das war Severus deutlich bewusst. Mit einem Arm zog er den Jungen zu sich und nahm ihn in den Arm. „Hagrid passt auf, dass nicht mehr passiert. Er ist jetzt gewarnt, genau wie die Zentauren, die ebenfalls im Wald leben.“

Harry schmiegte sich an den Tränkemeister, der so angenehm und beruhigend auf ihn wirkte. Seine Angst legte sich ein Stück weit. Er lauschte den Erzählungen von Hagrid, der erzählte, wie er vor einigen Jahren einer Einhornstute geholfen hatte, ihr Fohlen zu bekommen. Das damalige Fohlen war inzwischen ausgewachsen und kam trotzdem immer mal wieder zu ihm, genau wie die Stute. Von diesen beiden Einhörnern bekam er auch Zutaten für Zaubertränke, die er an den Tränkemeister weitergab. Staunend hörte Harry das und ließ sich ablenken. Jedenfalls für den Moment. Erst, als eine Eule durch das offene Fenster herein und direkt auf seinen Professor zuflog, verspannte er sich wieder, zumindest einen Augenblick.

Severus hingegen erkannte die Eule gleich als Lieferantin. Das Paket, das sie brachte, wirkte klein und unscheinbar, aber nur, solange die Zauber darauf lagen. „Vielen Dank.“, murmelte er abwesend, während er der Eule die Last abnahm. Hagrid versorgte das Tier mit einigen Eulenkeksen, dann entließen sie sie wieder. Severus steckte das Paket in seine Tasche und sah hinunter auf Harry. „Ich denke, der Inhalt dieser Lieferung dürfte für dich interessant sein. Was denkst du, gehen wir zurück in unsere Räume und sehen nach?“

Fragend sah Harry seinen Professor an. Wieso sollte der Inhalt des kleinen Päckchens, das in die Hosentasche des Professors passte, für ihn interessant sein? Er war unschlüssig, genoss die Zeit mit Hagrid sehr, hatte aber auch Angst, dass nach dem Spiel jemand herkommen könnte. Noch war er auf keinen Fall soweit, sich den Schülermassen zu stellen. Am ersten Abend hatte er das Geflüster von allen Seiten kaum wahrgenommen, aber jetzt wollte er es nicht haben. Also nickte er schließlich ein wenig unsicher, da er nicht genau wusste, was ihn erwartete.

„Komm mal wieder!“, brummte Hagrid, als er Harry zum Abschied umarmte. Harry nickte nur, aber man sah ihm seine Freude an. „Bist'n angenehmer Gast.“ Das zauberte ein Lächeln auf Harrys Gesicht. Dann blickte Hagrid zu Severus. „Pass auf'n auf.“, forderte er. Severus nickte und verabschiedete sich.

Gemeinsam gingen die beiden Schwarzhaarigen zurück in die Schule. Es war still auf den Ländereien, das Spiel offenbar bereits zu Ende. Nun, dann würde mindestens ein Haus nun feiern, während ein anderes seine Wunden leckte. Severus warf einen Blick auf seine Uhr. Es war Essenszeit, also würden sie in der Nähe der großen Halle wohl auf einige Schüler treffen. Um Harry nicht noch mehr aufzuregen, lenkte er seine Schritte ein wenig abseits und trat durch einen Geheimgang in die Schule. So kamen sie in der Nähe seiner Räume an.

„Das … das kann ich nicht annehmen!“, stammelte Harry heiser, als er sah, was in dem Paket war, das der Professor ihm gegeben hatte. Eine komplette Ausstattung mit Kleidung. In dem Moment vergaß er, dass er nicht sprechen wollte.

„Doch, Harry.“, erwiderte Severus. „Du kannst es annehmen. Die Kleidung, die du bisher getragen hast, verdient diesen Namen nicht. Du hattest nie etwas Eigenes, Neues, oder?“

Noch bevor er darüber nachdenken konnte, schüttelte Harry den Kopf. Seine Verwandten hatten immer gesagt, er verdiene es nicht. Deshalb bekam er immer nur die ausrangierten Dinge von Dudley. Er erinnerte sich, dass der Professor schon einmal etwas in die Richtung von ihm gehört hatte. Aber dennoch, er konnte sich doch nicht einfach von einem Menschen, mit dem ihn eigentlich nichts verband, so viel schenken lassen! „Das ... ist doch viel zu teuer.“, widersprach er daher.

„Oh Harry!“ Severus musste beinahe lachen. Er war mehr als froh, dass der Junge wieder sprach, auch, wenn er nicht sicher war, wie lange das gehen würde. „Keine Sorge, ich kann es mir leisten, so teuer sind die Sachen nun auch wieder nicht. Ich habe Madam Malkins gebeten, dir eine Grundausstattung zu schicken. Sie hat immerhin deine Maße, du warst ja da, um deine Schuluniform zu kaufen. Es sind keine teuren Dinge, mir war klar, dass du dich darin nicht allzu wohl fühlen dürftest, aber ich möchte, dass du einen neuen Anfang machen kannst. Ohne die Erinnerungen an deine Verwandten.“ Im letzten Moment konnte er sich davon abhalten, ein abschätziges Adverb hinzuzufügen. „Die Sachen sind ein Geschenk an dich, es gibt keine Bedingungen. Natürlich wäre ich froh, wenn du mir etwas erzählst, so wie ich dich schon seit Wochen bitte, aber die Kleidung bekommst du einfach so.“ Lange hatte er deswegen überlegt, aber jedes Kind hatte das Recht auf eigene Kleidung, er sollte damit nicht verhandeln, hatte er entschieden. Ihm war klar, wie er sich als Kind gefühlt hätte, wenn jemand das von ihm verlangt hätte. Kleidung gegen Aussage. Nein, so tief würde er nicht sinken.

„Danke, Sir.“, wisperte Harry, der jetzt Tränen in den Augen hatte. Noch nie hatte sich jemand so um ihn gekümmert. Einfach so. Harry schlang die Arme um die Taille des Tränkemeisters.

„Gern geschehen, Harry.“, entgegnete Severus und hielt den Jungen fest. „Na komm, such dir etwas aus, dann kannst du dich im Bad umziehen.“, schlug er anschließend vor. „Ich bestelle derweil das Abendessen bei den Hauselfen.“

Ein schüchternes Lächeln schlich sich in Harrys Gesicht. Noch immer konnte er es nicht fassen, aber er freute sich. Vorsichtig betastete er die Sachen in dem Paket, konnte sich kaum entscheiden. Sie fühlten sich so weich und sauber an. Gut, saubere Sachen hatte er immer, seit er hier war, aber dennoch. Noch nie hatte er so neue Dinge gehabt. Schließlich entschied er sich für eine einfache, schwarze Stoffhose, die sehr weich war, und ein blaues Hemd. Dazu nagelneue Unterhosen und Socken. Der Professor reichte ihm noch einen Pullover, da Harry fast immer fror, dann schickte er ihn ins Bad. Glücklich duschte Harry, dann schlüpfte er in die Sachen. Es fühlte sich einfach nur gut an. Und doch … würde der Professor wirklich auf eine Gegenleistung verzichten? Bisher hatte er alle seine Versprechen gehalten, das musste Harry ihm zugestehen.

Ein wenig verunsichert kam Harry schließlich aus dem Bad in die Küche. Severus erkannte das, deutete aber einfach nur auf den Tisch. Die Hauselfen hatten sich Mühe gegeben, nicht nur für sie. Auch die Schüler in der großen Halle kamen heute in den Genuss einer Lasagne mit Lachs.

Harrys Augen leuchteten, als er den Geruch erkannte. Das hatte er früher öfter kochen müssen, wenn sein Onkel Geschäftsfreunde zum Essen eingeladen hatte, aber er durfte nie etwas davon haben. Es musste gut sein, denn jeder wollte immer Nachschlag haben. Heute gab es vorher eine Cremesuppe mit Karotten und Zwiebeln, und als Dessert Schokoladenmousse. Am Ende war Harry pappsatt, etwas, das er von früher nicht kannte. Aber es war so lecker gewesen, dass er sogar Nachschlag von der Lasagne nahm. Und vom Dessert auch. Er leckte sich den letzten Rest von den Lippen, genoss die Süße auf seiner Zunge. Es war so gut!

„Freut mich, dass es dir geschmeckt hat!“, kommentierte Severus das Verhalten. Etwas hatte sich in dem Jungen gelöst. Sie waren noch nicht ganz da, wo er mit Harry hin wollte, aber viel weiter als heute Morgen. Er war dankbar, dass der Besuch bei Hagrid so erfolgreich gewesen war. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Severus bestellte Tee für sie beide bei den Hauselfen. Schließlich ergriff er das Wort. „Harry? Würdest du mir von deinem Besuch in der Winkelgasse mit Hagrid erzählen?“, bat er den Schüler. Das Thema sollte unverfänglich genug für den Anfang sein.

Tatsächlich begann Harry, von seinem ersten Ausflug in die magische Welt zu erzählen. Mit leuchtenden Augen schilderte er die Reise nach London, beschrieb seine Eindrücke von der magischen Welt, die er an diesem Tag ein wenig kennen lernte. So offen hatte Severus Harry noch nie erlebt. Der Junge wusste nicht, wie viel er Severus verriet, ohne ein Wort zu sagen. Doch Severus hütete sich, Harry zu unterbrechen. Bei der ersten Begegnung mit Quirrell stutzte Severus kurz, das hatte Hagrid auch angeschnitten. Auch Harry schien nicht viel von dem Mann zu halten. Aber Harry wechselte bald das Thema, hatte nur zwei oder drei Sätze für den seltsamen Mann übrig. Wohl hatte er sich bei ihrer Begegnung nicht gefühlt, das war deutlich. Schließlich kam er auf Draco zu sprechen. „Der war ziemlich seltsam, so anders als jetzt.“, gestand er.

Severus fühlte sich nun doch genötigt, einzugreifen. „Draco hat es nicht leicht.“, nahm er den Blonden in Schutz. „Er muss nach außen hin ein bestimmtes Bild verkörpern. Manchmal schießt er dabei über das Ziel hinaus. Du darfst nicht vergessen, er ist genauso ein Kind, wie du es bist. Vielleicht sogar noch mehr. Seine Eltern haben ihn so erzogen, wie es die Gesellschaft, in der sie sich bewegen, vorsieht. Du hast ihn kennen gelernt, hier im geschützten Rahmen. Das ist der wahre Draco.“

„Ich weiß das inzwischen, Professor.“, nickte Harry. „Aber damals hat er mir Angst gemacht. Und er hat Hagrid beleidigt. Dabei war Hagrid der erste Erwachsene, der einfach nur nett zu mir war und mich vor meinen Verwandten verteidigt hat.“ Erschrocken schlug sich Harry die Hand auf den Mund. Das hatte er nicht sagen wollen! Er durfte nichts sagen! Fest presste er seine Lippen zusammen. Mehr würde der Professor nicht aus ihm rausbekommen. Er hatte ihn in die Falle gelockt!

Severus sah genau, wie Harry sich erneut verschloss. Verdammt, er musste den Kleinen zum Reden bringen, sonst konnte er ihm nicht helfen! Aber wie? Für heute gab er sich zufrieden mit dem, was er erfahren hatte, und schickte Harry ins Bett. Natürlich vorher noch ins Bad, umziehen und Zähne putzen. Als der Junge tief und fest schlief – auch heute hatte er ihm vorher eine Geschichte vorgelesen – trat er an seinen Kamin, um seinen Partner anzuflohen. Um diese Zeit war er sicher noch in seinem Büro, aber alleine. „Tut mir leid, wenn ich dich störe, aber ich muss mit dir über Harry reden.“, erklärte er.

„Warte, ich muss den Kamin absichern, melde dich in fünf Minuten erneut.“, stoppte der Andere ihn.

Severus zog sich zurück und wartete, bis exakt fünf Minuten vergangen waren, dann meldete er sich erneut. Er murmelte das Passwort, das er kannte, aber nur er und sein Partner. Auf den fragenden Blick erklärte er die Situation. „Hast du herausgefunden, wer sein Vormund ist?“, wollte er am Ende wissen.

„Nein.“, war die Antwort. „Diese Information hat die höchste Geheimhaltungsstufe. Jemand hat sehr viel Geschick darauf verwandt, es zu verbergen. Gerade deshalb vermute ich, dass du Recht hast, es ist Dumbledore. Aber beweisen können wir das nicht.“

„Also doch.“, brummte Severus verstimmt. Das machte die Geschichte definitiv nicht leichter, immerhin verkündete der Schulleiter schon lange, wie wichtig Harry irgendwann für den Kampf gegen den dunklen Lord sein würde. Warum auch immer, dahinter war noch niemand gekommen, und der Alte machte ein Geheimnis daraus. Riddle dürfe es niemals erfahren, war sein Argument, die Informationen für sich zu behalten. „Was denkst du, wie stehen meine Chancen, ihn damit von dort raus zu holen und zu mir zu nehmen?“

„Du willst ihn ernsthaft zu dir nehmen?“ Sein Partner zog fragend die Augenbraue hoch. Severus nickte nur. „Hm. Ich bin nicht sicher. Normalerweise würde ich sagen, deine Chancen stehen nicht schlecht, aber bei Harry Potter gibt es kein normales Verfahren. Ich habe, wie gesagt, nicht herausgefunden, wer der Vormund des Jungen ist. Eines allerdings ist klar, Dumbledore hat die Hände im Spiel, ansonsten hätte er den Jungen nicht zu seinen Verwandten bringen dürfen. Alles in allem bin ich überzeugt, dass Dumbledore der Vormund ist, auch wenn ich es nicht beweisen kann.“

„Also doch!“, entfuhr es Severus. „Ich hatte es vermutet, vor allem, weil er jedes Mal diese Frage ignorierte, aber es gab keine Hinweise.“

„Ja, er hat es wirklich gut verborgen, aber ich habe vor, das endgültig zu klären. Ich gebe dir Bescheid. Noch etwas habe ich herausgefunden: Der Schulleiter hat Harry vor das Haus seiner Verwandten gelegt, wie ein Paket.“, schimpfte sein Gegenüber. „Dagegen werden wir auch noch vorgehen müssen. Aber nur, wenn der Junge die Misshandlungen gesteht, haben wir etwas in der Hand. Denn sein Vormund ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Und das hat er eindeutig nicht getan. Nur, ob wir anhand deiner Aussage die Misshandlungen beweisen können, kann ich nicht sagen. Dafür hat der Alte zu viel Einfluss.“

„Verdammt!“, fluchte Severus. „Und jetzt? Harry hat zu viel Angst, was passieren wird, wenn er redet. Sein Onkel hat ihn offensichtlich bedroht, denn dass er im Schlaf lügt, davon gehe ich nicht aus.“

„Ich auch nicht, aber das sind keine Beweise. Tut mir leid, mein Lieber. Ich würde dir gerne etwas anderes sagen.“

„Du denkst also, wir sollten nicht klagen?“, fasste Severus zusammen.

„Nein, noch nicht. Erst, wenn Harry bereit ist, zu reden.“, bekräftigte sein Partner. „Er muss nicht vor dem Gamot aussagen. Deine Erinnerung, wenn er es dir erzählt, reicht aus. Aber er muss wirklich aussagen, jedenfalls dir gegenüber. Ich schicke dir die Fragen, worauf es in jedem Fall ankommt, sodass du weißt, worauf du achten musst.“

„Mach das, auch wenn ich sicher bin, zu wissen, was sie erwarten.“, seufzte der Tränkemeister. Seine Stimme wurde leiser und so gefühlvoll, wie sie sonst keiner zu hören bekam. „Ich vermisse dich.“

„Ich dich auch.“, kam es leise zurück. „Aber der Junge ist wichtiger.“

„Ich weiß. Ich werde Harry nicht alleine lassen. Aber du fehlst mir so sehr, ich wünschte, ich könnte deine Arme nicht nur in meinen Träumen um mich spüren.“, wisperte Severus.

Sein Partner beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Bald.“, versprach er. „Schlaf gut, Liebster.“ Er gab Severus einen weiteren Kuss, dann verabschiedeten sie sich voneinander und Severus zog sich zurück. Morgen nach dem Unterricht würde er mit Harry in die Winkelgasse gehen, um Schuhe zu kaufen. Das hatte Madam Malkins nicht bieten können. Und dem Jungen hatte es dort offensichtlich gefallen, warum also nicht ein paar Kleinigkeiten besorgen und dem Kind einen Gefallen damit tun?

Die Nacht wurde erneut unruhig, aber langsam gewöhnte sich Severus daran. Am Morgen brauchte er einen ordentlichen Kaffee, um richtig wach zu werden. Er frühstückte wie immer mit Harry, der dazu noch im Schlafanzug war, dann ging er in die große Halle, trank dort einen weiteren Kaffee und hatte ein Auge auf seine Slytherins. Er beugte sich zum Schulleiter hinüber. „Ich muss mit Harry heute am Nachmittag in die Winkelgasse.“, erklärte er leise. „Der Junge hat keine vernünftigen Schuhe, die kann ich nicht bestellen. Er muss sie anprobieren.“

„Denkst du, das ist eine gute Idee?“, schüttelte Dumbledore den Kopf. „Du hältst ihn vom Unterricht fern, weil er nicht stabil genug ist, willst ihn jetzt aber in die Winkelgasse schleppen?“

„Harrys Schuhe sind ihm mindestens zwei Nummern zu groß und vollkommen ausgetreten.“, antwortete Severus. „Damit kann er kaum richtig laufen. Ich werde einen Zauber auf uns legen, damit die Leute uns ignorieren, ihn zumindest optisch ein wenig verändern. Der Kleine hat von der Winkelgasse erzählt, es gefiel ihm dort. Seine Augen haben geleuchtet, zum ersten Mal ist er gestern aus sich herausgegangen. Seit Wochen sprach er nicht, aber gestern hat er von seinem Ausflug mit Hagrid erzählt. Ja, ich denke tatsächlich, dass das eine gute Idee ist, mit ihm dorthin zu gehen. Ich habe heute am Nachmittag keinen Unterricht, da kann ich mir Zeit nehmen. Vielleicht schaffe ich es damit, den Jungen zum Reden zu bringen.“

„Er hat gestern g'redet?“, erkundigte sich Hagrid, der wie so häufig neben Severus saß. Er wirkte überrascht.

„Ja, hat er.“, nickte Severus und lächelte dem Halbriesen zu. „Es hat ihm gut gefallen, mit dir in der Winkelgasse einzukaufen.“ Nun lächelte Hagrid sein breitestes Lächeln. Solche Komplimente taten ihm gut. Viel zu oft hörte er, dass er dumm sei, aber Severus wusste, das stimmte nicht. Naiv vielleicht, ein wenig einfach gestrickt, aber das Herz am rechten Fleck. Er nickte Hagrid noch einmal aufmunternd zu, dann wandte er sich wieder an Dumbledore.

„Nun gut, wenn du sicher bist, dass es eine gute Idee ist, dann kannst du mit Harry heute Nachmittag nach London flohen.“, gestattete der Direktor schließlich, wenn auch widerstrebend.

Severus hob eine Augenbraue. „Dann stimmt es also, sie sind Harrys Vormund.“ Diese Gelegenheit war einfach perfekt, um hier auf den Busch zu klopfen.

„Natürlich.“, gab Dumbledore zu, bevor er noch darüber nachdachte. Severus sah ihm an, dass er es eigentlich nicht hatte sagen wollen. „Aber das ist nicht das Thema. Du weißt, dass noch immer genug Todesser auf freiem Fuß sind und Harry töten wollen. Deshalb will ich nicht, dass er nach draußen geht. Erst muss er lernen, sich zu verteidigen. Irgendwann muss er auch weiter lernen, denn Riddle wird wiederkommen.“

„Selbst wenn, Harry ist ein Kind. Wir werden ihn nicht vorschicken!“, zischte Severus wütend. Mit Mühe schluckte er seine Wut, immerhin wollte er nicht, dass Dumbledore die Erlaubnis für Harry zurückzog. „Ich muss los.“ Er stand auf und verschwand mit aufgebauschtem Umhang. Seine Fledermausnummer, wie die Schüler es nannten.

Nach dem Unterricht ging er zu Harry, der ihm seine erledigten Aufgaben gab. Der Kleine genoss das knappe, aber ehrlich gemeinte Lob seines Professors. „Na dann komm.“, forderte Severus ihn auf. „Mach dich fertig zum Gehen. Ich möchte mit dir in die Winkelgasse, denn du brauchst passende Schuhe.“

Mit riesigen Augen starrte Harry den Professor an. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Der Professor wollte mit ihm in die Winkelgasse? Nachdem er ihm schon so viel Kleidung gekauft hatte, wollte er nun auch noch neue Schuhe für ihn besorgen? Aber … würden die Menschen ihn wieder erkennen und alle ihn anstarren?

„Harry, beruhige dich.“, mahnte Severus, als er die plötzlich aufsteigende Panik erkannte. „Ich werde einen Zauber auf uns legen, damit die Leute uns nicht bemerken. Außerdem kann ich dich ein wenig verändern, sodass dich keiner erkennt. Aber ich verlange von dir, dass du, egal was passiert, in meiner Nähe bleibst und darauf hörst, was ich dir sage. Wenn ich sage, du sollst dich verstecken, dann wirst du das tun. Hast du das verstanden?“

„Ja, Sir.“, wisperte Harry. Das hier machte ihm Angst, obwohl er dem Professor mehr vertraute, als er jemals für möglich gehalten hätte. Als er zum ersten Mal in der Winkelgasse war, hatte er vor lauter Faszination seine Angst komplett vergessen, aber jetzt war es anders. Und wenn der Professor so sprach, dann klang es, als würde er Schwierigkeiten erwarten.

„Hab keine Angst, Harry.“, beruhigte Severus den aufgewühlten und verängstigten Jungen. „Ich bin bei dir und passe auf dich auf. Diese Ermahnungen kommen aus einer Vorsicht heraus. Man weiß nie, was passiert, auch wenn ich eigentlich keine Schwierigkeiten erwarte.“ Einige Minuten sprach er weiter auf Harry ein, bis der sich wieder beruhigte. Nun konnte er Harry ins Bad schicken. Da der Junge mit der Auswahl seiner Kleidung überfordert war, griff Severus für ihn in den Schrank, holte Hemd, Hose, Pullover und Socken heraus. Darüber zog Harry am Ende einen Umhang.

Nun zog Severus seinen Zauberstab und wirkte die Zauber, die er zuvor angekündigt hatte. Harry bekam etwas hellere Haare, seine Augen wurden braun, und auch die Nase veränderte sich. Die Haare strich Severus in die Stirn, sodass keiner die Narbe sehen konnte, weil die mit Zaubern nicht verschwinden würde, dann standen sie gemeinsam vor dem Kamin in Severus' Büro. „Ich gehe davon aus, dass du noch nicht mit Flohpulver gereist bist.“ Der verwirrte Blick Harrys sagte alles. „Komm her, ich nehme dich mit. Halte dich einfach an mir fest. Ich werfe das Flohpulver ins Feuer und nenne unseren Zielort, dann steigen wir hinein und reisen durch das Feuer zu dem Kamin, den ich genannt habe.“ Er wartete, bis Harry dicht an seiner Seite stand, dann griff er in die unscheinbare Schale, die am Kamin befestigt war. Er legte seinen Arm um Harry, der sich tatsächlich an ihn drängte. Ob vor Angst oder aus einem gewissen Vertrauen heraus, konnte Severus nicht sagen. Er warf das Pulver ins Feuer, das sich grün färbte. Staunend beobachtet von Harry. „Zum tropfenden Kessel.“

Harry konnte einen erschrockenen Aufschrei nicht verhindern, als der Professor mit ihm gemeinsam ins Feuer trat. Es war nicht heiß, wie er es zuerst befürchtet hatte, aber das Erlebnis, durch das Feuer zu reisen, war auch nicht besser. Verzweifelt klammerte er sich an dem Tränkemeister fest, aus Angst, irgendwo verloren zu gehen. Der starke Arm, der um ihn gelegt war, gab ihm Halt. Und Hoffnung. Am Ende stolperte er, als der Zug plötzlich endete, und wäre gefallen, wenn der Professor ihn nicht gehalten hätte. Sobald er wieder fest stand, ließ der Ältere ihn los, und Harry sah sich um. Heute war der Pub leer, nur eine ältere Hexe saß an einem der Tische, neben sich einige Taschen und vor sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen.

Severus holte sich die Aufmerksamkeit des Jungen, dann ging er mit ihm nach draußen. Dort warteten die faszinierendsten Dinge auf sie, aber zuerst wollte er Schuhe kaufen. Danach konnten sie sich umsehen. Sie hatten vier Stunden Zeit, dann sollten sie wieder zurück in der Schule sein.

Im Schuhladen wurden sie schnell fündig. Ein Paar Turnschuhe für den Schulalltag, ein Paar elegante Schuhe, ein Paar Hausschuhe, und am Ende noch Winterstiefel. Das reichte für den Anfang. Severus verkleinerte die Taschen und steckte sie ein, damit sie ungestört schlendern konnten. Von sich aus forderte Harry nichts ein, aber Severus erkannte schnell, was den Jungen interessierte und was nicht. Sie gingen in den Quidditch-Laden, offenbar hatte Draco seinem Freund genug davon vorgeschwärmt. Wie jedes Kind bewunderte auch Harry die neuesten Besen, aber er beschränkte sich auf die Augen. Draco hätte es niemals geschafft, den Besen nicht anzufassen, wurde Severus bewusst. Später machten sie einen Abstecher in den Buchladen, damit Harry noch einige Bücher mitnehmen konnte, die ihm mehr über die Zauberwelt verrieten. Natürlich durfte auch Eeyloops nicht fehlen, dort kaufte Harry einige Leckereien für seine Hedwig. Naschereien für sich selbst hingegen interessierten Harry kaum, nur die Schokofrösche mit den Sammelkarten fand er interessant.

Gegen kurz nach fünf Uhr am frühen Abend, es wurde langsam dunkel, entschied Severus, dass sie nun zurück nach Hogwarts flohen sollten, also folgte Harry ihm brav. Den ganzen Nachmittag hatte niemand ihnen einen zweiten Blick geschenkt, daher fühlten sie sich einigermaßen sicher. Doch mit einem Mal kribbelte es in Severus' Nacken. Er war sicher, jemand beobachtete sie, Gefahr drohte. Blitzschnell zog er Harry hinter sich und schob ihn an eine Wand, sodass er nicht von hinten angegriffen werden konnte.

„Verräter!“, zischte es ihm entgegen. Ein maskierter Mann tauchte plötzlich aus dem Durchgang zur Nokturngasse auf. „Du hast den Bengel bei dir aufgenommen, anstatt unseren Meister zu rächen! Dafür wirst du gemeinsam mit ihm sterben! Glaub nicht, dass deine Zauber reichen, um Harry Potter unkenntlich zu machen! Wir haben gehört, dass Potter seit Wochen bei dir lebt, und du die Gelegenheit nicht ausnutzt! Wir könnten mit seinem Tod den Meister wiederbeleben!“

„Vergiss es, Rookwood.“, knurrte Severus, der den Mann trotz seiner Maske erkannt hatte. „Wenn du den Jungen willst, dann nur über meine Leiche!“

„Das kannst du haben.“, mischte sich eine neue Stimme ein. Vier weitere Maskierte traten aus den Schatten der Nokturngasse und umkreisten sie.

Severus sah sich um, plötzlich war die Winkelgasse vollkommen ausgestorben. Sobald die Menschen auch nur ansatzweise Masken und solche Umhänge sahen, verschwanden sie. Hoffentlich hatte wenigstens jemand daran gedacht, die Auroren zu verständigen, die könnten hier einen guten Fang machen. Bis dahin musste er sich und den Kleinen wohl selbst beschützen. Er griff seinen Zauberstab fester und schuf wortlos einen Schutzschild vor ihnen.

Panisch erkannte Harry, dass sie nun in höchster Gefahr waren. Der Professor stand allein gegen fünf Todesser, die sicherlich auch gut zaubern konnten. Niemand war in ihrer Nähe, konnte ihnen helfen. Mit weiten Augen beobachtete Harry, wie die Todesser sich im Halbkreis vor ihnen aufbauten und die Zauberstäbe auf sie richteten. Er spürte ein Kribbeln, dann drangen die Todesser auf sie ein. Es ging viel zu schnell, als dass Harry auch nur ein Wort verstehen konnte, aber die Zauber sah er. Manche davon verpufften wie an einer unsichtbaren Wand kurz vor ihnen, anderen wich der Professor geschickt aus. Harry duckte sich, drückte sich weiter in die Schatten. Seine Augen hafteten voller Angst an seinem Professor. Er schrie auf, als einer der Zauber den Tränkemeister am Arm traf.

Severus zischte vor Schmerz, als der Sectumsempra, dem er nicht mehr ausweichen konnte, seinen Arm und einen Teil seines Brustkorbes aufschnitt. Krampfhaft hielt er seinen Zauberstab fest, wollte auf keinen Fall nachgeben. Er kanalisierte seine Wut und schaffte es, zwei der Maskierten zu betäuben. Dabei erwischte ihn Rookwood mit einem weiteren Zauber, doch Severus blieb stehen. Er verdrängte den tosenden Schmerz in seinem Inneren, schlug zurück.

Wie lange es dauerte, konnte keiner der beiden Schwarzhaarigen am Ende sagen, doch plötzlich wimmelte es um sie herum. Auroren kamen, verhafteten zwei der noch stehenden Todesser. Einer, Severus erkannte ihn als Rookwood, disapparierte schnell genug, die anderen Vier fielen in die Hände der Auroren. „Bringt sie ins Ministerium, jeden in eine einzelne Zelle. Durchsucht sie, lasst ihnen nur die Kleidung. Keine Gürtel und Schnürsenkel, keine Tränke oder Zauberstäbe. Die Umhänge weg.“, befahl einer, der scheinbar ihr Anführer war, bevor er sich an Severus wandte. „Sie sind verletzt, brauchen sie einen Heiler?“

„In Hogwarts kann mich Madam Pomfrey versorgen.“, schüttelte Severus den Kopf.

Der Auror zuckte die Schultern. „Was genau ist hier passiert?“

Severus schüttelte den Schwindel von sich ab und berichtete knapp. Währenddessen hielt er Harry dicht bei sich, spürte dessen Zittern. Sobald er konnte, disapparierte er mit dem Kind in seinen Armen. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen noch einmal ins Ministerium gehen und eine ausführlichere Aussage machen müssen, aber für den Moment reichte dem Auror sein Bericht. Als sie vor dem Tor von Hogwarts auftauchten, würgte Harry und übergab sich auf den Boden. Severus verfluchte seine Gedankenlosigkeit. Dieses Kind war noch nie appariert, und jetzt hatte er es ohne Vorwarnung von London bis nach Schottland katapultiert. Kein Wunder, dass dem Kleinen schlecht war. „Entschuldige, Harry.“, wandte sich Severus daher an Harry. „Ich habe nicht daran gedacht, dass du Apparieren nicht kennst.“ Er schob den Jungen vor sich her durch das Tor. „Ich wollte uns nur so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Komm, gehen wir in unsere Räume.“

Harry folgte seinem Professor, der scheinbar ebenso unsicher auf den Beinen war wie er selbst. Ihm war so übel, immer noch. Vorhin hatte er nicht gewusst, was da mit ihm passierte. Der Professor hatte ihn auf einmal an sich gezogen, nachdem er mit dem Auror gesprochen hatte, und dann war es schwarz geworden, und so eng, dass Harry geglaubt hatte, er bekäme nie wieder richtig Luft. So schnell es kam, verging es auch wieder, und plötzlich waren sie in Hogwarts gewesen. Wie das ging, konnte er sich nicht erklären. Es war Zauberei. Immer noch war ihm schlecht von dieser Reise. Ihm war peinlich, dass er dem Professor vor die Füße gekotzt hatte, aber es war einfach nicht anders gegangen. Seine Beine zitterten, aber wohl eher vor Angst wegen dem Kampf. Nie hatte er gewollt, dass seinem Professor etwas passierte, und nun war er verletzt. Wegen Harry. Der Professor schwankte und hielt sich an der Wand fest, kaum dass sie die Schule betraten.

„Merlin, was ist passiert?“, kam Minerva auf sie zu.

„Nicht so schlimm, wie es aussieht.“, wehrte Severus seine Kollegin ab. „Ich gehe in meine Räume, und mit ein paar Tränken ist es wieder in Ordnung.“

„So ein Unsinn.“, schimpfte die Verwandlungslehrerin. „Du brauchst einen Heiler. Ich bringe dich in den Krankenflügel.“

„Das wird nicht notwendig sein.“, lehnte Severus eisig ab. „In meiner Ausbildung zum Tränkemeister habe ich genug Wissen über Heilen gesammelt, ich kann mich selbst versorgen. Und nun geh' zur Seite, Harry und ich wollen in unsere Räume, damit wir uns waschen und umziehen können. Danach werde ich mich heilen.“ Mit diesen Worten griff er nach Harrys Schulter und schob den Jungen um die Professorin herum zur Treppe. „Gehen wir, Harry.“

Unsicher folgte Harry dem Professor. Wer hatte nun Recht? Der Tränkemeister mit seiner Einschätzung, dass es nicht so schlimm war, oder die andere Professorin, Harry glaubte zu wissen, dass sie Professor McGonagall hieß, die meinte, sein Professor müsse in den Krankenflügel.

„Ich schicke Poppy zu dir, du Sturkopf!“, rief McGonagall ihnen hinterher.

Severus brummte nur unwillig, aber er hatte nicht genug Energie, um zu widersprechen. Nicht, wenn er hier nicht zusammenbrechen wollte. Und das kam unter gar keinen Umständen in Frage, denn in wenigen Minuten würde es hier von Schülern wimmeln, die vom Abendessen zurück in die Gemeinschaftsräume wollten. Also konzentrierte er sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis sie endlich in seinen Räumen waren. Er schwitzte stark und musste sich abstützen, als Schwindel ihn erfasste. Keuchend ging er nun doch in die Knie.

Noch bevor Harry reagieren konnte, öffnete sich die Tür erneut, und die Medihexe trat ein. Kopfschüttelnd wandte sie sich sofort an Severus. „Dass du auch immer übertreiben musst.“, murrte sie zwischen zwei Zaubern. Sie ließ seine Oberbekleidung verschwinden, damit sie sich den Schnittwunden widmen konnte. Staunend hörte Harry, wie sie etwas sang. Ein Zauber, der wie ein Lied klang. Langsam schlossen sich die schlimmen Verletzungen bei seinem Professor, kein neues Blut floss mehr aus den Wunden. Der Tränkemeister lehnte mit geschlossenen Augen an einem Sessel, er hatte es nicht mehr geschafft, sich darauf zu setzen. Keuchend atmete er, sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch.

„Du weißt, du solltest in den Krankenflügel.“, deutete die Medihexe schließlich an, als sie ihn soweit geheilt hatte, wie es möglich war.

Severus schüttelte den Kopf, öffnete die Augen und warf einen bedeutungsschweren Blick auf Harry, der immer noch mit weiten Augen da saß. „Ich bleibe hier, er braucht mich. Ein Blutbildungstrank und ein wenig Ruhe, dann wird es mir gut gehen.“

Eine Weile starrte Poppy Severus an, doch schließlich gab sie nach. „In Ordnung, aber du hast mindestens bis morgen Abend Bettruhe.“, ordnete sie an. „Ich werde Albus verständigen, dass du morgen auf keinen Fall unterrichten kannst. Wie es dann aussieht, entscheiden wir morgen.“

„In Ordnung.“, gab Severus nach. Er fühlte sich vollkommen erschöpft durch den Kampf und den Blutverlust. Froh darüber, dass Poppy ihn nicht doch in den Krankenflügel schickte, ließ er zu, dass sie ihm in sein Schlafzimmer half. Sie erinnerte ihn an die Bettruhe und wirkte einen Reinigungszauber auf ihn. Endlich verschwand sie. Harry stand irgendwie verloren im Türrahmen. „Komm her, Harry.“, winkte Severus ihn zu sich.

Schniefend näherte sich Harry seinem verletzten Professor. „Nicht sterben. Bitte nicht weggeh'n!“, flehte er. Seine Eltern waren schon seinetwegen gestorben, weil sie ihn beschützen wollten, er wollte nicht, dass auch der Professor sterben musste! Dann hatte er doch wieder niemanden! Und er wollte nicht Schuld sein, wenn jemand starb.

Entsetzt hörte Severus das Flehen des Kindes. „Nicht, Harry.“, mahnte er. „Komm her.“ Ungeduldig wartete er, bis Harry neben seinem Bett stand. Der Junge wirkte so verzweifelt, so hilflos, dass Severus in diesem Moment jegliche Schranke aufhob, die er sich zuvor auferlegt hatte. Er rutschte ein Stück zur Seite, das Bett war schließlich groß genug. „Ich werde nicht sterben, du hast doch gesehen, wie Madam Pomfrey mich geheilt hat. Ich muss nur noch schlafen, damit der Blutbildungstrank richtig wirken kann. Wenn du magst, dann kannst du heute Nacht hier bei mir schlafen. Dann passt du auf mich auf.“ Er sah das Zögern, aber auch die Hoffnung in den grünen Augen. „Geh duschen und mach dich fertig für's Bett. Und dann kannst du entscheiden, ob du hier bei mir oder in deinem Zimmer schlafen willst.“, schlug Severus daher vor. Er wollte den Jungen nicht überfordern, aber wenn der heute Nacht Alpträume bekam, und die kamen absolut sicher, dann konnte er nicht ins Kinderzimmer gehen. Auch wenn er wollte, er schaffte das nicht. Nicht, weil Poppy es ihm verboten hatte, sondern weil er seinem Körper nicht traute. Er hatte wirklich viel Blut verloren.

Schnell verschwand Harry im Bad, nachdem er seinen Schlafanzug geholt hatte. Als er fertig war, haderte er noch ein wenig mit sich, doch schnell entschied er, tatsächlich zu seinem Professor zu gehen. Was, wenn der in der Nacht Hilfe brauchte? Dann musste Harry doch da sein, jemand anderes war nicht hier! Außerdem sehnte er sich inzwischen so sehr nach der Nähe des Mannes. Bei dem Professor war es immer so schön warm, und er fühlte sich einfach sicher. Am liebsten hätte er immer diese starken Arme um sich. Sonst schrak er vor jeder Berührung zurück, aber bei dem Professor war es anders. Hier bedeutete Berührung nicht Schmerzen, sondern Sicherheit und Wärme. Ein wenig unsicher stand er nur Momente später in der Tür des Schlafzimmers. Noch nie war er hier gewesen, hatte nur am ersten Tag einen Blick herein geworfen. Es war viel dunkler als sein Zimmer, schwarz war die vorherrschende Farbe. Doch silberne Akzente hellten es wieder auf, ließen es edel wirken.

Severus schmunzelte, als er den Blick des Jungen sah. Nur langsam kam der Kleine zum Bett. Unsicherheit und ein wenig Ungläubigkeit lagen im Gesicht des Kindes, aber Harry kam vertrauensvoll zu seinem Bett. Severus war froh, dass er keine Angst erkannte, denn das wollte er keinesfalls. Ihm kam erst viel zu spät in den Sinn, dass Harry das auch falsch hätte verstehen können. Aber scheinbar war dies nicht der Fall. Natürlich hatte er nicht vor, den Kleinen anzurühren, jedenfalls nicht in DIESEM Sinne, er wollte ihn einfach nur beschützen. Dieses Kind weckte Vatergefühle in ihm, die er so nicht wirklich kannte. Ja, auch Draco war ihm sehr nahe, nicht umsonst war er als Pate des Blonden eingetragen, aber Draco war schon immer ein sehr selbstbewusstes und selbstsicheres Kind gewesen. Ganz anders Harry, der das alles erst lernen musste. Er zog die zweite Decke, die ungenutzt in seinem Bett lag, so hin, dass Harry sich darin einkuscheln konnte.

Dankbar lächelte Harry, als der Professor ihm die Decke hinlegte. Rasch schlüpfte er hinein. Es war kuschelig warm und weich. Er ruckelte sich zurecht und sah ein letztes Mal zum Professor. „Gute Nacht, Sir.“, wünschte er. „Hoffentlich geht es Ihnen morgen wirklich wieder gut.“

„Gute Nacht, Harry.“, erwiderte Severus. „Hab keine Angst, es wird schon. Ich habe schon Schlimmeres überstanden. Jetzt schlaf.“

Beide schlossen die Augen und schon bald hörte man tiefe, gleichmäßige Atemzüge, die zeigten, dass sie fest schliefen.

Leider dauerte es nicht allzu lange, bis Harry schreiend wieder aufwachte. Im Traum hatte er erneut den Angriff erlebt, nur dass diesmal auch sein Onkel auftauchte und meinte, das wäre nur richtig, denn schließlich habe es Harry nicht verdient, dass man sich so um ihn kümmerte.

Severus fuhr hoch, als er den Schrei seines Schützlings hörte, und zog das zitternde und wimmernde Bündel in seine Arme. Er war erleichtert, dass er dem Kleinen helfen konnte, ihn in sein Bett zu holen, war die richtige Entscheidung gewesen. „Nur ein Traum, Harry.“, tröstete er. „Was ist passiert, dass dir dein Traum solche Angst macht?“

Schluchzend schmiegte sich Harry an den Professor. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. „Die Todesser, sie waren wieder da und haben Sie verletzt, Sir. Und dann war da Onkel Vernon, er meinte, ich hätte das verdient, weil ich doch ein Freak bin.“, fasste er zusammen.

„Harry, dein Onkel ist nicht hier. Er wird dir nie wieder wehtun.“, versprach Severus.

„Aber … es hat doch nie funktioniert.“, wisperte Harry zitternd. „Ich meine, Ms. Grey, meine Grundschullehrerin, hat auch einmal Verdacht geschöpft. Sie hat Onkel Vernon und Tante Petunia in die Schule bestellt und nach meinen blauen Flecken gefragt. Die haben gesagt, es sei ein Unfall auf dem Spielplatz gewesen. Aber es war nicht auf dem Spielplatz.“ Schaudernd verstummte Harry.

„Was ist dann passiert?“, wollte Severus sanft wissen. Er hielt Harry sicher im Arm, sodass dieser Kraft aus der Umarmung schöpfen konnte. Dafür ignorierte er das Ziehen seiner Wunden gerne.

„Onkel Vernon hat mich bestraft.“, erzählte Harry nach einer Weile. „Er hat mich nicht so oft geschlagen, aber an dem Tag hat er mich über sein Knie gelegt. Hinterher konnte ich kaum noch sitzen. Meistens hat Dudley zugeschlagen. Onkel Vernon hat herum gebrüllt und mich nieder gemacht, Tante Petunia hat mich arbeiten lassen.“ Erneut verstummte er und vergrub sein Gesicht diesmal an der Seite des Professors.

„Was musstest du arbeiten, und seit wann?“, fragte Severus schließlich, als der Junge nicht weiter sprach. Eine der Fragen, die ihm der Gamot auch stellen würde.

„Angefangen hat es mit Putzarbeiten.“ Harry wollte es nun alles loswerden. Er hoffte, dass der Professor ihm wirklich helfen konnte. „Ich habe mal erfahren, dass ich bereits ganz am Anfang, als ich mehr gekrabbelt als gelaufen bin, Putzlappen umgebunden bekam, um den Boden sauber zu halten. Später musste ich das gesamte Haus putzen. Wehe, sie fanden noch Staub oder Spinnweben, oder Flecken. Dann bekam ich kein Essen. Wenn ich meine Arbeit zu ihrer Zufriedenheit erledigte, durfte ich die Reste haben, die Dudley übrig ließ. Das war meistens ziemlich wenig. Außerdem Brot und manchmal etwas Milch. Als ich älter wurde, ich glaube, ich war fünf, hat Tante Petunia angefangen, mich beim Kochen einzuspannen. Anfangs konnte ich nur Toast und Eier, aber bald musste ich alle Mahlzeiten zubereiten. Wenn das Fleisch zäh war oder etwas nicht schmeckte, bekam ich zur Strafe Schrankarrest. Das war eigentlich gar nicht so schlecht, denn dann musste ich auch nicht putzen. Aber wenn ich wieder raus durfte, dann war die Liste mit meinen Aufgaben immer so lang, dass ich sie nicht schaffen konnte. Manchmal habe ich dann ganze Nächte durchgeputzt, weil ich nicht eher schlafen gehen durfte. Erst, wenn ich fertig war und alles passte.“

„Und wie kamst du zu den verschiedenen Knochenbrüchen?“

„Meistens tatsächlich durch Stürze.“, bekannte Harry. „Sie haben meine Brille gerichtet, Professor, vorher habe ich kaum etwas gesehen. Oft genug bin ich mit dem Putzeimer gestürzt, manchmal hat auch Dudley nachgeholfen. Die meiste Zeit fiel ich die Treppen hinunter, Dudley fand das ziemlich witzig. Tante Petunia hat das dann immer irgendwie eingegipst. Das haben sie dann ungefähr einen Monat gelassen, dann hat Onkel Vernon den Gips wieder abgeschnitten. Er hat sich sogar eine spezielle Schere dafür gekauft.“

Einige Momente biss Severus die Zähne zusammen, jetzt durfte er nichts Falsches sagen. Seine Wut galt nicht Harry, sondern seinen Verwandten. Lieber verstärkte er die Umarmung. „Oh, Harry, ich wünschte, ich hätte dir eher helfen können.“, wisperte er. „Auf keinen Fall musst du wieder dorthin, das verspreche ich dir. Verrätst du mir auch, was es mit den Narben auf sich hat? Ich meine, viele davon konnten Poppy und ich heilen, aber wie kamst du dazu?“

Harry lächelte, er spürte, dass der Professor die Wahrheit sprach. Wie auch immer er das anstellen würde, aber er würde nicht zulassen, dass er, Harry, zurück zu den Dursleys musste! „Die Narben? Ein Teil ist von Unfällen, vor allem beim Kochen. Die Pfannen waren am Anfang viel zu schwer, nicht nur einmal ist mir eine aus der Hand gerutscht.“ Harry schauderte ein weiteres Mal, als er daran dachte, wie fürchterlich das gebrannt hatte. Er schmiegte sich an den Professor. „Einige sind auch Dudleys Schuld, und die seiner Freunde. Als sie ihre Taschenmesser bekamen, wollten sie ausprobieren, wie gut menschliche Haut damit geschnitten werden kann. Leider hat das ziemlich gut funktioniert.“ Er schüttelte sich. Dankbar ließ er sich fallen, als der Ältere die Umarmung erneut verstärkte.

„Das hast du sehr gut gemacht, Harry.“, lobte Severus. Er spürte, wie der Kleine sich fest an ihn schmiegte. Schmunzelnd ließ er es zu, hielt den Jungen sogar fest im Arm. „Denkst du, du kannst jetzt besser schlafen?“ Nun spürte er Harrys Nicken an seiner Seite. „Dann schlaf, Harry. Gute Nacht!“, wünschte er.

Harrys Antwort fiel mehr als undeutlich aus, da er schon fast eingeschlafen war. Severus drehte sich mühsam ein wenig zur Seite, schlang auch den zweiten Arm um den Jungen, dann dauerte es nicht lang, bis auch er selbst eingeschlafen war. Die restliche Nacht verlief ruhiger als jede andere Nacht, seit Harry hier eingezogen war. Severus wachte erst auf, als Poppy ihn weckte, um ihn richtig untersuchen zu können, denn noch immer schmiegte sich Harry fest in seine Arme.

„Wie fühlst du dich?“, wollte die Medihexe wissen, als Severus seine Augen öffnete.

Der Tränkemeister hörte in sich hinein. „Deutlich besser.“, antwortete er schließlich.

„Deine Werte sehen auch soweit gut aus, nur das Blut ist noch nicht richtig nachgebildet.“, nickte Poppy. „Du wirst heute noch im Bett bleiben, und wenn die Werte morgen genauso viel besser sind, kannst du ab morgen wieder arbeiten.“

„Ich kann heute schon wieder arbeiten.“, widersprach Severus und versuchte, aus dem Bett aufzustehen.

„Nein, kannst du nicht.“, drückte Poppy ihn zurück. „Verdammt, sei nicht so stur, genieß' lieber die Zeit mit Harry.“

Severus brummte und murrte noch eine Weile, gab dann aber nach, als grüne Augen ihn hoffnungs- und erwartungsvoll ansahen. Natürlich war Harry während der Diskussion aufgewacht. Also schob sich Severus einige Kissen hinter den Rücken, dann lehnte er sich zurück und sie bestellten Frühstück bei den Hauselfen. Heute morgen wirkte Harry deutlich entspannter als bisher, aufgeweckter. Vielleicht sollten sie die Zeit nutzen, über Harrys Vergangenheit zu reden. In der Nacht hatte der Junge ihm viele Hinweise gegeben, die es ihm erlauben sollten, das Sorgerecht für den Kleinen zu bekommen. Er musste dringend mit seinem Partner sprechen. Außerdem mussten sie Anzeige gegen Dumbledore erstatten. Immerhin hatte er die Sorge um Harry nicht ernst genommen.

Nach dem Frühstück schickte Severus Harry ins Bad und bat ihn, vorher noch Feder und Pergament zu bringen. Während Harry sich duschte und anzog, schrieb er einen kurzen Brief, in dem er die neuesten Erkenntnisse schilderte. „Harry, darf ich mir Hedwig ausleihen, um den Brief zuzustellen?“, fragte er seinen Schützling.

Harry nickte. „Natürlich, Sir.“, erlaubte er.

„Severus.“, schüttelte der Tränkemeister den Kopf. Fragend sah Harry ihn an. „Nenn' mich Severus.“, wiederholte der Ältere. „Immerhin leben wir gemeinsam hier in diesen Räumen, und das wird sicher noch eine Weile so bleiben.“ Schon eine Weile hatte er darüber nachgedacht. Sein Hass gegen James war immer noch da, aber das hatte nichts mit Harry zu tun. Der Junge war zwar beinahe eine optische Kopie seines Vaters, aber ansonsten hatte er nicht viel mit James gemeinsam.

Stumm starrte Harry den Professor an, er konnte einfach nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Träumte er? Ein Erwachsener, der ihm die persönliche Anrede anbot? So etwas war ihm noch nie passiert, nur einmal, als Hagrid ihn traf. Aber er hatte beim Aussteigen aus dem Zug gehört, dass viele der Schüler den Wildhüter so ansprachen. Bei Professor Snape hingegen konnte er sich das nicht vorstellen. Der Mann war streng, aber zumindest ihm gegenüber sehr fair. Dennoch – die persönliche Anrede war etwas, das dieser sicher nicht leichtfertig anbot. Deshalb konnte Harry es einfach nicht fassen. Auch mit der Begründung, dass sie hier so eng zusammen wohnten, war es nicht schlüssiger. Harry kannte den Professor nun seit etwa zwei Monaten, aber damit hätte er nicht gerechnet.

Severus sah, dass er seinen Schützling gerade wohl ein wenig überforderte. „Ich meine es ernst, Harry. So lange wir hier alleine sind, darfst du mich mit Severus ansprechen. Im Unterricht allerdings werde ich auch für dich Professor Snape sein, genau wie für Draco, der mich im Privaten ja auch persönlich anspricht.“ Das hatte sich irgendwann so eingespielt. Nach der ersten Nacht hatte sich Draco im Griff, aber wenn er hier in seinen Räumen zu Gast war, sprach Draco ihn weiterhin als Onkel Sev an. Das war auch ein weiterer Grund, warum er es Harry nun ebenfalls erlaubte, der Kleine sollte sich nicht herabgesetzt fühlen. Jetzt sah er das wenig überzeugte Gesicht Harrys. Er wusste schnell, was ihn bedrückte. „Glaube mir, wir werden es schon noch schaffen, dass auch du in den Unterricht gehen kannst!“, versprach er. „Und jetzt schicken wir eine Hauselfe, deine Eule hierher zu bringen, einverstanden?“

„Ja.“, nickte Harry einfach. Natürlich durfte sich der Professor Hedwig für seine Post ausleihen. Harry hatte ja niemandem, dem er schreiben wollte oder konnte. Tante Petunia würde ausflippen, wenn eine weitere Eule in das Haus im Ligusterweg käme. Außerdem, was sollte er ihr schreiben? Und ansonsten kannte er niemanden. Nur Draco, aber der war hier in Hogwarts. Es machte Spaß, mit dem Blonden Zeit zu verbringen, auch wenn Draco teilweise echt komische Verhaltensweisen an den Tag legte. Professor Snape – Severus, erinnerte sich Harry – erklärte das so, dass Draco einfach vollkommen anders erzogen worden war. Er gehörte zu einer Familie, die viel Macht, Gold und Einfluss besaß, sodass von ihnen ein gewisses Verhalten erwartet wurde. Draco, der immerhin noch ein Kind war, konnte manchmal einfach nicht unterscheiden, was nun gefordert war und was nicht. Aber insgesamt verstanden sie sich erstaunlich gut. Vielleicht war Draco tatsächlich sein erster Freund? Ja, entschied Harry in diesem Moment. Er wollte Dracos Freund sein.

„Harry?“, riss Severus den Jungen aus seinen Gedanken. Worüber auch immer Harry gegrübelt hatte, er war vollkommen in Gedanken versunken gewesen. Harry hatte nicht einmal bemerkt, dass Hedwig hier gewesen war und den Brief mitgenommen hatte. Erst, als der Kleine ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, sprach er weiter. „Ich muss dir noch etwas sagen. Morgen ist Halloween. Da ist abends ein Fest in der großen Halle, dort muss ich anwesend sein. Deshalb wird Poppy, also Madam Pomfrey, morgen mit dir zu Abend essen, damit du nicht alleine essen musst. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis ich zurück komme. Du kannst dann ruhig schlafen gehen, musst nicht auf mich warten.“

Überlegend sah Harry den Professor an. „Halloween?“ Irgendetwas berührte das in ihm, aber er konnte es sich nicht erklären.

„Halloween ist das Fest der Geister. Es ist der Tag, oder besser die Nacht, in der die Grenze zwischen unserer Welt und der Welt der Geister dünn genug ist, um die Seelen unserer Verstorbenen zu spüren. Auch in der Muggelwelt wird dieses Fest gefeiert, aber es hat eine andere Bedeutung wie für uns. Die Geister von Hogwarts feiern ebenfalls. Allerdings ist es nicht nur ein freudiger Tag.“ Severus atmete tief durch. Es fiel ihm nicht leicht, aber er hatte das Gefühl, Harry sagen zu müssen, was dieser Tag bedeutete. „Halloween ist auch der Tag, an dem deine Eltern starben.“ Er brach ab und schluckte, noch immer wühlten ihn die Bilder dieses einen Abends auf.

„Voldemort.“, wisperte Harry. Er erinnerte sich an das, was Hagrid ihm erzählt hatte.

„Ja.“, bestätigte Severus heiser. Er räusperte sich. „Das stimmt. Er hat deine Eltern getötet, weil sie sich vor dich gestellt haben. Der dunkle Lord, Voldemort, wollte dich töten.“ Mit einem Mal brach seine Fassade zusammen, er schluchzte auf und schlug die Hände vor die Augen. „Es war meine Schuld. Es tut mir leid, Lily!“

Erschrocken reagierte Harry erst einmal gar nicht. Einige Sekunden war er starr, zu schockiert von dem Ausbruch, dann rutschte er wieder näher an seinen Mentor, legte vorsichtig und probierend seine Hände auf die größeren Hände von Severus. „Was … was ist passiert?“, fragte er schließlich leise.

Nur schwer konnte sich Severus beruhigen. Lange hatte er all das verdrängt, aber jetzt ging es nicht mehr. „Ich habe einen riesigen Fehler gemacht. Ich bin Schuld daran, dass du ein Waise bist. Du weißt, ich bin ein Todesser. Am Anfang war ich ein überzeugter Todesser, aber nicht lange. Doch bevor ich meinen Fehler erkannte, habe ich einen Teil einer Prophezeiung belauscht und sie dem dunklen Lord mitgeteilt. Ich wusste nicht, dass er auf dich kommen würde. In dieser Prophezeiung war die Rede davon, dass es ein Kind geben würde, das ihm ebenbürtig sein sollte. Er fürchtete, dass dieses Kind in der Lage wäre, ihn töten zu können. Bei dir passten alle Anzeichen. Deshalb machte er Jagd auf dich und deine Eltern. Ich habe Dumbledore gewarnt, der Kontakt zu deinen Eltern hatte, weil sie mit ihm gemeinsam gegen den dunklen Lord kämpften. Er hat deine Eltern mit Hilfe eines Zaubers versteckt. Dieser Zauber versiegelt das Geheimnis ihres Verstecks in einer Person. Aber leider hat diese Person, der beste Freund deines Vaters, sie an den dunklen Lord verraten. An Halloween vor zehn Jahren kam der dunkle Lord zu deinen Eltern. Er hat deinen Vater und Lily getötet und es auch bei dir versucht, aber du hast den Angriff überlebt, den Zauber sogar reflektiert, sodass der dunkle Lord vernichtet wurde. Ich bin Schuld, ich hätte es nie weitergeben dürfen!“ Erneut brach ein Schluchzen aus seiner Kehle.

Harry schlang seine Arme um die Taille von Severus, strich mit der Hand über den breiten, gerade bebenden Rücken. Severus zog den Jungen an sich, vergrub sein Gesicht in den wirren Haaren. Nur langsam schaffte er es, sich zu beruhigen. Harry hielt ihn einfach fest, gab ihm Halt. Es fiel ihm nicht schwer, im Gegenteil, es fühlte sich richtig an. Der Vorwurf, den sich der Professor selbst machte, war für Harry nicht vollkommen nachvollziehbar. Ja, er verstand, warum sich der Professor Vorwürfe machte, aber er konnte ihm nicht wirklich die Schuld für den Tod seiner Eltern geben. Schuld hatten Voldemort, der sie aktiv getötet hatte, und der Mann, der sie verraten hatte. Das sagte er auch seinem Mentor.

„Oh, Harry.“, seufzte Severus. Der Kleine war eindeutig der Sohn seiner Mutter. „Du hast das Wesen von Lily geerbt.“

„Ich bin wie Mama?“, staunte der Kleine.

Severus musste unwillkürlich lächeln. „Ja, sie hat auch nie jemandem etwas nachgetragen.“

Strahlend sah Harry den Tränkemeister an. Er freute sich, etwas mit seiner Mama gemeinsam zu haben. Der Professor hatte ihm viel von Lily erzählt, und so fühlte sich Harry ihr näher.

Severus strich Harry über die Haare. „Ich bin froh, dass du hier bei mir bist.“ Und das war er wirklich. Dank Harry fühlte er sich so erleichtert, als hätte Lily selbst ihm vergeben. Seine Arme zogen den Jungen an sich. Auch Harry schmiegte sich an ihn. So blieben sie eine ganze Weile im Bett sitzen, genossen die Nähe und die Ruhe. Erst die Hauselfen mit dem Mittagessen rissen sie aus ihrer kleinen Blase. Gemeinsam aßen sie, im Bett sitzend, zu Mittag. Das Essen trug eindeutig Poppys Handschrift, entschied Severus für sich.

Nach dem Mittagessen kam Draco, der erschrocken war, seinen Patenonkel so zu sehen, doch Severus beruhigte ihn. Er blieb allerdings im Bett, da er wusste, Poppy würde ihn noch länger ins Bett stecken, wenn er sich nicht daran hielt. Und er wollte auf jeden Fall am nächsten Tag wieder unterrichten. Draco und Harry gingen nach nebenan in Harrys Zimmer, wo sie, wie es klang, eine Runde Zauberschach spielten. Harry kannte dieses Spiel nicht, als er hierher kam, aber Draco hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihm das beizubringen. Heute hörte Severus zufrieden, dass Harry sich nicht mehr alles gefallen ließ. Natürlich waren seine Konter ziemlich harmlos, aber immerhin ging er nun ein wenig aus sich heraus. Severus rief sich ein Buch auf und machte es sich im Bett gemütlich.

„Severus?“, riss ihn eine Stimme aus seiner Konzentration. Gerade las er in einem Magazin über einen interessanten Ansatz eines neuen Zaubertrankes.

„Hier!“, rief er. Natürlich hatte er die Stimme erkannt, aber er wusste nicht genau, warum sein Partner das Risiko einging, ihn hier zu besuchen, obwohl er sonst immer darauf bestand, dass sie vorsichtig sein mussten. Irgendetwas stimmte hier doch nicht! Lag es an dem Brief, den er geschrieben hatte? Dieses Risiko hatte er eingehen müssen, aber es war gering, denn niemand nahm die Post seines Partners entgegen, somit konnte auch keiner den Brief lesen. Wobei er dafür Altgriechisch können müsste, denn seit Jahren nutzten sie diese Sprache für ihre Post.

„Vater?“, mischte sich Dracos Stimme ein. „Was machst du denn hier?“

„Guten Tag, Draco, schön, dich zu sehen.“, begrüßte Lucius seinen Sohn. „Wie läuft es in der Schule?“

„Sehr gut, Vater, ich habe natürlich überall gute Noten.“, antwortete Draco selbstbewusst. „Und jetzt bringe ich meinem neuen Freund Harry Zauberschach bei.“

„Stellst du mir deinen Freund auch vor? Es ist schließlich unhöflich, wenn man einander nicht vorgestellt wird.“ Offenbar hatte Lucius Harry bisher noch nicht gesehen, ansonsten hätte er Draco schon eher gerügt. Severus wusste, dass Lucius seinen Sohn liebte, es aber nicht so offen zeigte. Er vermutete, dass Draco aus dem Kinderzimmer in den Flur getreten war, als er die Stimme seines Vaters gehört hatte, Harry aber lieber im Zimmer geblieben war. Wahrscheinlich zog Draco nun Harry aus dem Zimmer, oder aber Lucius trat in die Tür.

„Vater, das ist Harry, Harry Potter. Harry, darf ich dir meinen Vater vorstellen? Das ist Lucius Malfoy, Harry.“, stellte Draco pflichtbewusst vor.

„Guten Tag, Harry, es ist mir eine Freude, deine Bekanntschaft zu machen.“ Severus ahnte, dass Lucius dem kleinen Schwarzhaarigen nun die Hand entgegen streckte.

„Keine Angst, Harry, mein Vater beißt nicht.“, kam es von Draco. Also hatte Harry offenbar nicht gleich zugegriffen.

„Tag, Mister Malfoy.“, nuschelte Harry schließlich leise. Severus' Augenbraue hob sich erstaunt, noch vor einem Tag wäre das wohl nicht möglich gewesen. Der Kleine schien über Nacht deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben.

„Entschuldigt mich, bitte.“, kam es nach einigen Momenten erneut von Lucius. „Ich muss dringend mit Severus sprechen. Vielleicht sehen wir uns ein andermal wieder, Harry? Ich wünsche dir viel Erfolg beim Lernen.“ Es dauerte nur Sekunden, dann stand Lucius in der Schlafzimmertür. „Darf ich eintreten?“

„Natürlich.“, erwiderte Severus. Ihn wunderte diese kühle, nichtssagende Höflichkeit nicht, schließlich ahnte nicht einmal Draco, welches Verhältnis Lucius und er zueinander hatten. Für den Jungen waren sie einfach nur gute Freunde, mehr nicht. Und so sollte es erst einmal auch bleiben.

„Es tut mir leid, wenn ich so unerwartet herein platze.“, entschuldigte sich Lucius. „Ich hörte, dass du verletzt wurdest, und wollte sicher stellen, dass es dir gut geht, mein Freund.“ Er trat nahe an Severus' Bett, musste sich einfach überzeugen. „Außerdem muss ich mit dir sprechen, wie wir wegen dem Jungen vorgehen. Wie hast du es dir gedacht?“

Natürlich, sein Brief von heute Morgen. Also hatte Severus vorhin den richtigen Gedanken gehabt. Lucius wollte offenbar verhindern, dass jemand seine Antwort abfing. „Es geht mir gut, Poppy hat sich gekümmert. Sie hat mich allerdings für heute noch zu Bettruhe verdonnert, ab morgen kann ich sicherlich wieder unterrichten.“ Er unterbrach sich einen Moment und wirkte einen Zauber. „So, ich will nicht, dass Harry das hier mitbekommt. Und auch Draco lassen wir besser außen vor, jedenfalls für jetzt.“ Erneut musste er sich unterbrechen, aber diesmal, weil Lucius ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte. Weiter konnten sie hier nicht gehen, aber das ließ sich der Blonde nicht nehmen. „Lucius, ich denke, wir sollten beide Fälle im Ministerium anzeigen. So hat Harry am ehesten die Chance, vollkommen neu anzufangen.“

„Was hast du mit dem Jungen gemacht? Ich war gerade absolut überrascht, dass er mir tatsächlich die Hand gegeben und mich begrüßt hat.“, wollte Lucius wissen.

„Das hat mich auch überrascht.“, gab Severus zu. „Aber ich denke, heute Nacht hat er einen großen Schritt gemacht. Alles, was ich von ihm weiß, hat er mir heute Nacht erzählt.“

„Und du willst tatsächlich jetzt schon Anzeige erstatten und nicht warten, ob er dir noch mehr erzählt?“, wunderte sich Lucius. „Denkst du, das, was du hast, reicht? Wenn wir zu früh vorgehen, warnen wir Harrys Vormund, und außerdem wird die Presse darauf aufmerksam, ich denke nicht, dass du das willst.“

„Ich gebe dir gerne meine Erinnerungen an die Nacht.“, knurrte Severus. „Aber ich weiß, dass du mir danach zustimmen wirst. Und der Schulleiter hat gestern früh zugegeben, der Vormund Harrys zu sein. Somit ist unsere Vermutung nun Gewissheit. Ich weiß nicht genau, warum er Harry zu Lilys Schwester gab, obwohl er wusste, wie wenig sie von Magie hielt. Früher war sie eifersüchtig, weil Lily etwas konnte, was ihr wohl nie gelingen würde, aber diese Eifersucht wurde schon bald von Hass abgelöst. Ich bin sicher, Dumbledore wusste das, oder ahnte es zumindest. Doch selbst wenn nicht, er wäre verpflichtet gewesen, sich um das Wohl des Jungen zu kümmern, was er eindeutig nie getan hat. Die Presse wird sich darauf stürzen, egal, wie wir es anfangen. Auch, wenn ich das Harry lieber ersparen würde. Gemeinsam mit den Berichten von Poppy sollte meine Erinnerung ausreichen, um eine Untersuchung zu gewährleisten. Dann wird es sich sicherlich bestätigen. Leicht wird es wohl nicht für Harry, aber ich denke nicht, dass er zu einer Aussage gezwungen sein wird.“

„Nein, das werden wir verhindern.“, stimmte Lucius zu. „Wenn du sicher bist, dass es genug ist, helfe ich dir mit der Anzeige. Allerdings fürchte ich, es wird nicht leicht sein, Harry heraus zu halten. Du kennst diese Geier, sie wollen den Jungen, der lebt, in die Öffentlichkeit zerren, um jeden Preis. Natürlich werde ich zusehen, dass ich es verhindern kann, aber das Risiko bleibt dennoch bestehen, das weißt du.“

„Ja, das weiß ich auch.“, seufzte Severus. Noch immer war er aufgewühlt, aber er wollte es nicht zeigen.

„Alles in Ordnung, Severus? Du wirkst … anders als sonst.“, sorgte sich Lucius. Er hasste es, seinem Partner so nahe zu sein, ohne ihm nahe sein zu können.

„Natürlich, was sollte nicht in Ordnung sein?“, schnappte Severus. „Ich mache mir Sorgen um Harry.“

„Er ist dir wirklich wichtig.“, erkannte Lucius. „Bei deiner Vergangenheit mit seinem Vater hätte ich das nicht für möglich gehalten, aber ich bin froh, dass er bei dir ist. Hier wird es ihm gut gehen. Wer weiß, ob die anderen Hauslehrer die Zeichen erkannt hätten? Und da es keine allgemeinen Untersuchungen gibt, wäre er wohl noch lange so herum gelaufen. Ein schrecklicher Gedanke!“

„Fürchterlich.“, musste Severus zustimmen. „Minerva hätte ihn gerne in ihrem Haus gehabt, das erzählt sie mir beinahe jeden Tag, aber sie hätte es sicher nicht gesehen. Nicht, weil sie das nicht will, sondern weil sie keine Ahnung hat, wie sie die Anzeichen erkennen soll. Ich weiß zwar nicht, wieso er ausgerechnet nach Slytherin kam, aber das ist auch egal. Er ist ein Junge, der Schutz braucht, so viel wie möglich. Und ich werde ihm diesen Schutz geben.“

„So, wie gestern.“, nickte Lucius. Das überraschte ihn nicht, überhaupt nicht. „Du weißt, dass du nun als Verräter unter den Anhängern des Lords giltst?“

„Das hat mir Rookwood sehr deutlich zu verstehen gegeben.“, bestätigte Severus ernst. „Nun wissen sie auch, dass Harry bei mir ist. Nun gut, ich gehe davon aus, dass sie es bereits zuvor wussten, immerhin brauchen Gerüchte in Hogwarts nicht sonderlich lange, und bis die Eltern davon erfahren, dauert es auch nicht viel länger.“

Lucius stimmte ihm zu. „Sie werden Harry nichts tun, immerhin hat der Lord immer deutlich gemacht, dass er selbst derjenige sein muss, der Harry Potter tötet. Und sie glauben an seine Rückkehr, von wo auch immer. Ich habe sie noch einmal daran erinnert, also denke ich, Harry ist vorerst sicher. Allerdings gilt das nicht für dich. Sie werden versuchen, dich zu erwischen und zu töten. Sei vorsichtig, ich bitte dich!“

Nun war es an Severus, sich zu seinem Partner zu lehnen, um ihn zu küssen. „Bin ich.“, versprach er leise. „Dennoch werde ich das Sorgerecht beantragen, Harry soll nicht wieder weiter geschoben werden.“ Lucius' Augenbraue hob sich in ungeahnte Höhen. „Ja, ich habe mich an den Kleinen gewöhnt, mehr noch. Ich möchte ihm den Vater ersetzen.“

„Er erinnert dich an Lily, nicht wahr?“, vermutete Lucius. „Seine Augen sind identisch mit ihren.“

„Nicht nur die Augen, sein ganzes Verhalten.“ Severus' Stimme klang heiser. „Ich habe ihm von damals, von Halloween erzählt. Er hat mir vergeben!“ Am Ende klang Severus immer noch vollkommen überwältigt, aber auch ungläubig. „Und das war nicht so dahin gesagt, das schwöre ich dir. In ihm erkenne ich immer mehr von Lilys Wesen, er ist so sehr ihr Sohn, dass es beinahe weh tut.“

Lucius starrte seinen Geliebten eine Weile sprachlos an. „Jetzt weiß ich auch, warum du heute so aufgewühlt bist. Bin ich froh, dass du den Jungen bei dir hast, er tut dir gut! Ich werde alles tun, damit ihr eine Familie werdet.“, schwor er schließlich.

„Wir alle werden eine Familie sein.“, wisperte Severus.

„Sobald ich weiß, wie wir diesen dämlichen Zauber loswerden, der verhindert, dass ich mich scheiden lassen kann.“ Lucius strich Severus zärtlich über die Wange. „Vor allem muss ich verhindern, dass Draco in ihre Fänge gerät.“ Er klang gequält. Dummerweise lag auf seinem Ehevertrag ein Zauber, der Narzissa für immer an ihn band, ohne dass er sich trennen konnte. Dieser Zauber war so eingefügt worden, dass er beim Abschluss des Vertrages nicht aufgetaucht war, erst später, als Lucius es nicht mehr rückgängig machen konnte. Bis heute hatte er nicht herausgefunden, wer diesen Zauber eingefügt hatte. Es war so geschickt gemacht worden, dass Lucius ihn trotz aller Prüfungen nicht entdeckt hatte. Erst, wenn Lucius wusste, von wem der Zauber stammte, konnte er etwas unternehmen. Oder besser, herausfinden, wie er diesen Zauber lösen konnte. Bis dahin war er an Narzissa gebunden, auch wenn er schon seit längerem eine Beziehung mit Severus führte. Nur konnte er sie nicht offen legen, da er sonst sowohl Draco als auch seinen gesamten Besitz verlieren würde. Sein Besitz war ihm in diesem Fall sogar ziemlich egal, aber Draco sollte sicher sein. Narzissa würde ihn zwar ohnehin nur abschieben zu irgendwelchen Nannys und Hauselfen, aber selbst das hatte Draco nicht verdient. Der Junge war ein gutes Kind. „Ich liebe dich, Sev.“

„Oh, Lucius.“, kam es leise von Severus. „Ich liebe dich auch, und ich werde warten. Dennoch muss ich zuerst an Harry denken.“

„Natürlich musst du das.“ Lucius küsste Severus erneut. „Ich werde dir helfen. Vielleicht kann ich ihn vormittags im Manor unterrichten, wenn er mir genug vertraut. Dann kannst du auch etwas kürzer treten. Und jetzt sag' nichts, ich weiß, wie sehr du deine Zeit dem Jungen widmest, selbst wenn du eigentlich keine Zeit hast. Du weißt, Narzissa ist vormittags meist unterwegs, und sie kommt nie in meine Räume, da würde der Kleine nicht auffallen und er käme auch mal raus aus den Kerkern. Das müssen wir nicht jetzt entscheiden, aber denk darüber nach. Ich muss jetzt wieder gehen. Ich mache einen Termin im Ministerium und sage dir Bescheid, dann kannst du Anzeige erstatten.“

„In Ordnung, ich danke dir.“, lächelte Severus.

„Nicht der Rede wert.“, schüttelte Lucius den Kopf. „Du bist ein toller Vater, da bin ich sicher. Ruh dich aus und werde gesund, dann sehen wir uns in einigen Tagen im Ministerium. Länger wird es sicher nicht dauern.“

„Wiedersehen, Lucius.“, verabschiedete sich Severus mit einem letzten Kuss.

„Bis bald, Liebster.“, erwiderte Lucius den Kuss gefühlvoll. „Bleib liegen, ich finde den Kamin auch alleine, und vorher werde ich mich noch von meinem Sohn und Harry verabschieden. Ich liebe dich!“ Und weg war er.

Seufzend ließ sich Severus zurück auf die Matratze sinken. Jetzt würde er Lucius noch mehr als zuvor vermissen. Er hörte, wie sich sein Geliebter von den beiden Jungs verabschiedete und dann ging. Noch während Harry und Draco über irgendetwas kicherten, schlief Severus ein, in Gedanken bei dem bevorstehenden Prozess. Er hoffte nur, dass sie Harry wirklich raushalten konnten.

Autorennotiz

Die Figuren gehören nicht mir, sondern Joanne Rowling, ich leihe sie mir nur aus und verdiene kein Geld hiermit.

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Autor

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Kapitel:11
Sätze:2.692
Wörter:33.236
Zeichen:194.309

Kurzbeschreibung

Harry startet in Hogwarts, ist aber zu fertig, um den sprechenden Hut zu bequatschen und landet daher in Slytherin. Severus erkennt schnell, dass der Junge Hilfe braucht und nimmt sich seiner an. Wie sieht Harrys erstes Schuljahr aus, wird er eine Heimat in Hogwarts finden? ~~~ Kindesmisshandlung ist ein Thema, wird aber nicht graphisch beschrieben, dennoch ist das der Hintergrund dieser Geschichte. Daher auch das etwas höhere Rating. Pairings werden nicht verraten, aber es wird definitiv auch Slash geben.