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Die schönste Blume

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20.02.17 20:36
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Die schönste Blume

„Ich suchte den Tod in der Schlacht. Aber ich bin nicht gestorben.“ Noch immer geisterte der Satz in Faramirs Kopf umher, den die hübsche Schildmaid mit schauriger Beiläufigkeit gesprochen hatte.

Zusammengesunken saß er auf seinem Bett in den Häusern der Heilung, die vom Schweiß durchnässten Laken zerwühlt und das Nachthemd ob der feuchten Kälte unachtsam neben sich geworfen. Die frische Brise, die durch die kaum erwachte Stadt strich und der das geöffnete Fenster Einlass in das Krankenzimmer gebot, ließ ihn frösteln, doch er nahm weder seine Gänsehaut noch sein Zittern wahr.

Wäre einer der Heiler an diesem Morgen in das Zimmer gekommen, so hätten sie ihren Truchsess apathisch an die kahle Wand gegenüber seinem Bett starrend vorgefunden. Oder vielleicht waren sie ja gekommen und er hatte sie nicht bemerkt. Seit er das Bett zum ersten Mal hatte verlassen dürfen, hatte er aus dem einzigen Fenster im Raum nach Norden gesehen, doch seit dem Gespräch mit Éowyn gestern sah er nach Osten, in Erinnerung an den Wunsch, den sie bei ihrem ersten Treffen so unbewusst geäußert hatte und in diesem Moment ihre stolze, mühsam errichtete Fassade geschmolzen und hinter der strengen Schildmaid ein junges, verzweifeltes Mädchen aufgetaucht war.

Am Abend hatte er lange mit dem Herrn Meriadoc gesprochen, welcher mit ihr aus dem Norden geritten war und andächtig hatte er gelauscht als der Halbling mit Bewunderung und Liebe von ihr sprach. „Obwohl ich nicht verstehe, weshalb sie kämpfen möchte“, hatte Meriadoc ihm gestanden, als sie auf dem Weg zurück ins Haus gewesen waren. Doch Faramir hatte es verstanden und es faszinierte ihn noch immer. Wäre ihr Vorhaben geglückt so würden die Barden bereits Balladen über sie dichten. Sie, die mutige Kriegerin die größere Heldentaten vollbracht hatte als manch ein Mann und sich in die lange Liste der besungenen und leider schon viel zu früh von uns gegangen Krieger reihen konnte.

Doch Faramir war froh, nicht erst in Liedern auf den Siegesfeiern, die es hoffentlich geben würde, kennenzulernen. So lieb war ihm ihr gemeinsames Gespräch geworden, dass er sich nicht vorstellen wollte, es könnte nie stattgefunden haben.

Und dann überlegte er, ob es nicht egoistisch war sich an ihrem Leben zu erfreuen, nur weil es ihn glücklich machte, wo sie doch wünschte in der Schlacht gefallen zu sein.

And I don't want the world to see me

'Cause I don't think that they'd understand

When everything's made to be broken

I just want you to know who I am

„Herr Faramir, Ihr werdet Euch erkälten!“ Die Stimme einer jungen Heilerin holte ihn zurück in die Gegenwart, in welcher er noch immer kaum bekleidet auf seinem Bett saß, die Hände um die zitternden Oberarme geschlungen.
Eine wohlige Wärme floss durch seine Glieder, als die Frau ihn mit sanfter Gewalt in ein langes Gambeson zwang und auf den dampfenden Tee deutete, welchen sie ihm auf den Nachttisch gestellt hatte und welcher die feuchtkühle Luft mit einem angenehm würzigen Geruch füllte.

Die frierenden Hände klamm um die heiße Tasse geschlungen trat Faramir kurz darauf hinaus in den Garten, in welchem er tags zuvor erst mit Éowyn und dann mit Meriadoc – er hatte darauf bestanden Merry genannt zu werden – gesprochen hatte und als er verheißungsvoll weißen Stoff eines Kleides von den Wällen durch den Garten scheinen sah wurde es ihm leicht ums Herz.

„Frau Éowyn!“, rief er und tatsächlich war es die Schildmaid, die herum wirbelte und mit langen Schritten zu ihm herab kam. „Herr Faramir, erwartet Ihr Euch noch immer Heilung von mir?“, fragte sie ohne Spott und ihr blondes Haar, von der Sonne zum Funkeln gebracht, fiel wie ein goldener Kranz um ihr blasses Gesicht. „Ich hoffe, dass wir Heilung in einander finden“, erwiderte Faramir sanft und ein Schmunzeln huschte über Éowyns Gesicht und ließ in Faramirs Bauch das Gefühl vollkommener Zufriedenheit aufkeimen. „Ich hoffe, dass Ihr Eure Heilung hier findet. Mit mir“, fuhr er fort und gemeinsam spazierten sie über das Gras zu einem alten, knorrigen Baum unter welchen sie sich ins taufeuchte Gras setzten. „Eure Sorge rührt mich, Faramir, doch ich fürchte hier wartet keine Heilung auf mich. Mein Körper ist genesen, doch mein Herz und meine Seele werden wohl nie heilen“, sprach Éowyn bemüht gelassen, doch nicht ohne Wehklagen und sie hob ihren Arm, der nun keinen Verband mehr trug doch von kleinen Wunden übersäht war. Und Faramir erkannte, dass dies ihre Überzeugung war. „So gibt es niemanden, der Euch heilen kann?“, fragte er vorsichtig, obwohl er die Antwort zu wissen fürchtete. „Doch“, antwortete sie nach kurzem Überlegen mit gesenktem Kopf, doch sie sprach nicht weiter und Faramir wollte nicht mehr fragen. Und so saßen sie stumm nebeneinander im Gras und versanken in ihren Gedanken.

And you can't fight the tears that ain't coming

Or the moment of truth in your lies

When everything feels like the movies

Yeah you bleed just to know you're alive

Es war einige Tage später, dass sie auf den Wällen standen, die Stadt überblickten und von Dunkelheit und Hoffnung sprachen, als die Adler über das Land flogen. Sie sangen vom Sieg und während die Stadt im Freudentaumel versank wurde Éowyn ruhig und Faramir fragte sie, was ihr auf dem Herzen läge. „Jetzt ist der Krieg vorbei und alle Heldentode sind geschehen. Jede Möglichkeit der Heilung ist für mich auf immer vergangen. Nun bleibt mir nur der Rückzug in mein altes Leben und ich frage mich, was ich erreicht habe.“ Und da legte Faramir seinen Arm um ihre Schulter und mit fester Stimme sprach er: "Nein, Frau Éowyn. Wir ziehen uns nicht zurück – wir rücken in eine andere Richtung vor.“ Und er zog sie fest an sich. Doch obgleich sie sich nicht sträubte wollte er es für heute dabei belassen und erfreute sich an ihrem warmen Körper, der so nah bei ihm war, dass er ihren Herzschlag zu spüren glaubte, auch wenn es noch für einen anderen Mann schlug.

And all I can taste is this moment

And all I can breathe is your life

'Cause sooner or later it's over

I just don't want to miss you tonight

Autorennotiz

BGM: „Iris“ von den GooGoo Dolls

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Elellores Profilbild
Elellore Am 20.02.2017 um 11:13 Uhr
Hallo,

Ein schöner kleiner Moment in Mittelerde, auch wenn da jetzt wenig drin vor kommt, das wir nicht bereits so von Tolkien kennen. Ich glaub aber, am Ende hat's dir die Formatierung zerschossen.

Lg Auctrix
Mythopoeias Profilbild
Mythopoeia (Autor)Am 20.02.2017 um 20:34 Uhr
Uha tatsächlich, da fehlt ja was. Danke für den Hinweis!
Und danke für das Feedback :)

Lg
Müpfo

Autor

Mythopoeias Profilbild Mythopoeia

Bewertung

3 Bewertungen

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Sätze:33
Wörter:1.064
Zeichen:6.011

Kurzbeschreibung

In den Häusern der Heilung wächst Faramirs Interesse an einer uns bekannten Schildmaid.

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