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Allein, nicht einsam

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19.3.2020 22:21
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Paz

Mitarbeiter der Sektion 9. Ein Allrounder, der immer dort eingesetzt wird, wo gerade Not am Mann ist. Seine Spezialität sind aber Infiltration und Undercover-Einsätze. Still und überlegt, löst er seine Probleme lieber auf eigene Faust, als sich vertrauensvoll an seine Vorgesetzten zu wenden.

Motoko Kusanagi

Leitende Mitarbeiterin der Sektion 9. Klug, stark und charismatisch, gibt es nicht viele, die ihr in Geschick, Kampfkraft und Taktik überlegen sind. Ihr Körper ist vollständig kybernetisch, mit ihrem Ghost als einziges menschliches Überbleibsel.

Bato

Leitender Mitarbeiter der Sektion 9. Das Powerhouse der Abteilung, hat aber auch intellektuell meist den Durchblick. Nur sein Temperament kommt ihm hin und wieder in Einsätzen in die Quere. Es gibt kaum etwas, was er nicht für Motoko tun würde.

Ein hochmoderner Wolkenkratzer in einer der reichsten Gegenden Tokios. Dies war der letzte Ort, an den er sich jemals geträumt hatte, und doch stand er nun hier, auf der Dachterrasse dieses Betonmonsters, und rauchte eine der teuersten Zigarettenmarken der Welt.

 

Ein Jammer, dass ihm beides nicht gehörte.

 

Meh, dachte Paz bei sich, übermäßiger Luxus war sowieso nicht sein Stil. Mit den Gossen der Stadt, da konnte er was anfangen. Nicht dass es ihm schwergefallen war, sich trotzdem in den Sicherheitsdienst des wohlhabenden Eigentümers einzuschleusen und innerhalb weniger Wochen zu einer der engsten Vertrauenspersonen aufzusteigen.

 

Er musste sich sehr zusammenreißen, nicht mitsamt Zigarette, Designeranzug und Gusto über das in diesem Moment viel zu niedrige Geländer zu springen, als sich ihm von hinten eine Hand auf den Rücken legte. Stattdessen lehnte er sich leger mit der Hüfte gegen den Handlauf und saugte den Rauch tiefer ein, als er beabsichtigt hatte.

 

‚Machen Sie das eigentlich extra?‘

 

‚Ich habe Besseres zu tun, als meine Mitarbeiter zu erschrecken.‘

 

Und doch wusste sie genau, was er meinte.

 

‚Bericht.‘

 

Motokos Befehl erklang ein wenig harsch über den Cyberlink, doch Paz nahm es nicht zu persönlich. Der Fall nahm alle Beteiligten etwas mehr mit als üblich, ganz zu schweigen davon machte er sie nervös. In seinem Rücken vernahm er leises Quietschen mehrerer bremsender Reifen.

 

‚Wer ist noch da?‘

 

‚Bato.‘

 

‚Guten Tag, Mr. Paz!‘

 

‚… Und Tachikoma.‘

 

‚Keine gute Wahl.‘

 

‚Hey, Kumpel, ich werd dich an diese Meinung erinnern, wenn ich dir das nächste Mal den hageren Arsch rette!‘

 

Paz seufzte leidend, schob das Unvermeidliche jedoch nicht weiter auf. Lieber hätte er Boma oder Saito als Rückendeckung gehabt, Bato war zu emotional, wenn es um bestimmte Dinge ging. Doch der Major würde schon wissen, was sie tat. Wie immer.

 

‚Aramakis Verdacht hat sich bestätigt. Joshura bietet nicht nur illegale Cyberimplantate an ­– seine Praxis wird fürs Ghosting verwendet. In den letzten vier Wochen hat er fünf Cyberbrains kopieren lassen, zumindest sind das die, für die ich Nachweise sicherstellen konnte. Einige Eingeweihte reden sogar von mehr.‘

 

Bato fluchte ihm ins Ohr und der mobile Panzer zwitscherte dazwischen, dass es doch gut war, dass der verlässliche Instinkt ihres Abteilungsleiters einmal mehr bestätigt wurde, was selbstverständlich zu weiterem Protest führte. Motoko brummte nur nachdenklich. Paz nahm noch einen Zug, ehe er die unangenehmste Information offenbarte.

 

‚Drei davon sind minderjährig. Sondererlaubnis zum Kybernetisieren aufgrund von Erbschäden. Wie’s aussieht, gehen noch eine ganze Menge mehr auf seine Kappe. Das Angebot richtet sich an Eltern, die ihr Kind durch Krankheit oder Unfall zu verlieren drohen. Joshura klont ihre Ghosts, leitet sie in neue Shells über und voilà, der Sprössling lebt fort.‘

 

‚Cyberkörper?‘

 

‚Eben nicht. Er ist dafür bekannt, biologischen Ersatz bereitzustellen, auch für Liebhaber und ausgewachsene Ghosts. Hat ja keinen Sinn, in einem unattraktiven Ledersack weiterzuexistieren.‘

 

‚Durchschnittsalter?‘

 

‚Zwölf Jahre.‘

 

‚Dieser verschissene, dreckige, abartige Bastard!‘

 

„Bato“, warnte Motoko unwirsch, während ihr Kollege wie ein wütender Stier über den Beton stampfte. Paz war froh, dass die beiden optische Tarnung bei sich und ihren Tachikomas aktiviert hatten, ansonsten hätten die Überwachungskameras die passenden Bilder zu den rhythmischen Vibrationen geliefert, über die sich der Rest des Sicherheitsdienstes wahrscheinlich schon Gedanken machte. „Bato, wenn Sie Ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben, verschwinden Sie bis auf Abruf“, bellte Motoko, als das Fluchen und Trampeln selbst nach mehreren Sekunden nicht abriss, in den Link und ließ beide Männer dezent zusammenzucken, „Mit Ihrem Gehabe gefährden Sie Paz‘ Deckung, und das wird den Kindern mit Gewissheit nicht helfen!“

 

Paz hatte keine Geduld für Batos Anwandlungen. Seit seinem Einschleusen in die Entourage dieses Arztes mit fragwürdiger Gesinnung fühlte er sich angespannt, gereizt sogar, wenn die Umstände es provozierten. So gar nicht wie er selbst, so gar nicht, als wäre dieser Auftrag etwas, was er seit Jahrzehnten regelmäßig praktizierte, etwas, das ihm seit Langem in Fleisch und Blut übergegangen war. Auch ihm stanken gewisse Straftaten weitaus mehr als andere, deswegen konnte er seinen erzürnten Kollegen nur zu gut verstehen, aber seine Aversion äußerte sich normalerweise nicht in ständiger latenter Unruhe. Es war verwirrend, wie oft er in letzter Zeit in Gedanken versank, die nicht zur Aufklärung beitrugen, schlimmer noch, sie behinderten.

 

... Und er tat es schon wieder.

 

„Morgen Nacht will er zwei der gestohlenen Ghosts klonen“, unterbrach er also Batos immer noch munter laufende Tirade in der Hoffnung, ihrer aller Fokus wieder aufs Wesentliche zu lenken. Das Trampeln stoppte abrupt und Motokos „Vielen Dank“ klang erleichtert. Eigentlich war es erheiternd für ihn, zu sehen, dass selbst sie ihre Mitarbeiter nicht immer unter Kontrolle hatte, nicht aber in dieser Situation. „Was schlagen Sie vor?“, fragte sie.

 

‚Die Kunden sind benachrichtigt, die ... Ersatzshells lagern im Safe des dreißigsten Obergeschosses. Ein Aufschub der Operationen ist deshalb höchst unwahrscheinlich. Ein Zugriff wird Joshura kalt erwischen.‘

 

‚Gut. Bereiten Sie alles vor. Ich werde beim Chief die nötigen Befehle beantragen.‘

 

‚Major.‘

 

‚Was ist?‘

 

‚Darf ich die ... Ersatzshells in Kenntnis darüber setzen, dass Hilfe unterwegs ist?‘

 

Motoko seufzte. „Paz, werden Sie nicht sentimental. Es steht Ihnen nicht“, tadelte sie, „Wir werden die Kinder retten, das steht außer Frage, aber eine Einweihung in unsere Pläne stellt nur ein unnötiges Risiko für uns und sie dar. Nur ein einziges in Angst oder Hoffnung ausgeplappertes Wort könnte die Operation scheitern lassen. Ich bin nicht bereit, das für einige Stunden Erleichterung aufs Spiel zu setzen. Kümmern Sie sich um die reibungslose Infiltration, damit helfen Sie ihnen zuverlässiger.“

 

‚Verstanden, Ma’am.‘

 

Bato brummelte zornig vor sich hin, widersprach ihr jedoch nicht geradeheraus, erkannte er doch ebenfalls die Wahrheit in ihren Worten. Sie befahl den vorläufigen Rückzug, denn jeder Moment länger im Feindgebiet erhöhte die Gefahr, entdeckt zu werden oder den Undercover-Agenten zu verraten, und so spürte Paz nur noch kurz die Pranke des Kollegen auf der Schulter und hörte das leise Summen eines startenden Tachikomas, ehe alles still wurde. Er wartete eine Weile, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, ehe er ebenfalls leise seufzte und sich anschickte, den letzten Rest edles Gift aus seiner Zigarette zu saugen, bevor er sich zurück ins Gebäude zu seinem temporären Arbeitgeber begeben musste.

 

‚Wie halten Sie sich, Paz?‘

 

Dieses Mal entfuhr ihm ein sehr kurzer Schrei, den er für die Überwachungskameras fließend in einen natürlich wirkenden Hustenanfall übergehen ließ. Künstlich anklagend starrte er auf den Rest des Glimmstängels hinab und schnippte ihn demonstrativ übers Geländer, drehte sich um, legte die Ellenbogen auf den Stahl und den Kopf in den Nacken.

 

‚Was meinen Sie?‘

 

Er spürte Motoko neben sich treten, ob sie aber auf die Stadt hinunter, hinauf in den Himmel oder ihm ins Gesicht blickte, konnte er nicht sagen.

 

‚Sie sind selbst ein Opfer von Ghosting geworden. Ich hoffe, die Erfahrung schränkt Ihre Leistungsfähigkeit nicht ein?‘

 

Er lachte kaum hörbar in sich hinein.

 

‚Meine Lebensgeschichte ist nichts für schwache Nerven. Das wissen Sie, Major. Würde mich meine Vergangenheit so dermaßen beeinflussen, bräuchte ich mein Bett nicht mehr zu verlassen.‘

 

Es beeinflusste ihn. Verdammt, es beeinflusste ihn und er hatte einen Außenstehenden benötigt, um die eigene Nervosität erklären zu können.

 

Motoko brummte einmal mehr, wie sie es immer tat, wenn sie einem ihrer Leute die Zuversicht nicht abnahm. Und wie alle anderen schwitzte nun auch er unter dem stechenden Blick, den er nicht einmal sehen konnte.

 

Er hielt ihm rund zwei Minuten stand, bevor er sich dem Druck ergab.

 

‚Es ist nicht wirklich ein Problem, da ich nicht die geringste Veränderung verspüre. Wie sieht es mit Ihnen aus? Können Sie sicher behaupten, dass ich der echte Paz und nicht damals in diesem verdreckten Hinterhof draufgegangen bin?‘

 

‚Ich habe es damals gesagt, ich sage es wieder – Es ist mir egal, ob Sie der Echte sind, solange Sie Ihren Job richtig machen.‘

 

Ihm entfuhr ein zynisches Lachen.

 

‚Harte Worte, Major. Würden Sie dasselbe zu Bato oder Togusa sagen?‘

 

‚Unterstellen Sie mir Günstlingswirtschaft?‘

 

‚Würd ich mir nie erlauben.‘

 

‚Gut, andernfalls müsste ich Sie einige Ränge in meiner Gunst herabsetzen.‘

 

Sie schwiegen eine ganze Weile und Paz war nahe dran, sie fortzuschicken, konnte er seine Abwesenheit doch nur eine bestimmte Zeit lang mit Raucherpause entschuldigen, wenn inzwischen auch das ganze Haus von seiner extremen Nikotinsucht wusste. Doch als er schon die Muskeln anspannte, um sich vom Geländer abzudrücken, sprach sie weiter.

 

‚Es ist mir gleichgültig, weil es gleichgültig ist, Paz. Ghosting ist aus einem sehr guten Grund hochgradig illegal. Übrigens treten nicht alle Täter so offen an ihre Opfer heran wie Kaori Kawashima es getan hat.‘

 

‚Wollen Sie damit sagen, ich könnte mich glücklich schätzen?‘

 

‚Was ich sagen will, ist: Viele Betroffene erfahren ihr Leben lang nichts von dem Identitätenraub. Andere werden Jahre später davon überrascht und müssen auf ewig mit den Zweifeln klarkommen. Dabei ist es schlichtweg gleichgültig.‘

 

Das Rascheln ihrer Kleidung und der Klang der Stimme verrieten ihm, dass sie sich ihm voll zugewandt hatte.

 

‚Beim Vorgang fusioniert die Stammidentität nicht mit der Raubkopie, sie wird vollständig überschrieben. Noch gibt es keine Technologie, die das verhindern kann. Kawashima hat in dem Moment verloren, in dem sie sich für Ghosting entschieden hat. Sie hat Sie austricksen wollen, stattdessen hat sie sich eigenhändig schachmatt gesetzt. Es war absolut gleichgültig, welcher Paz überlebt, denn in dem Augenblick, in dem sie das Programm startete, waren Sie beide Sie. Und ich glaube, das ist Ihnen sehr wohl bewusst. Deswegen haben Sie auch unsere Tests so gelassen über sich ergehen lassen.‘

 

Er sparte sich die Antwort, denn sie wussten beide, dass Motoko recht hatte. Nur manchmal wühlten sich Zweifel aus dem tiefsten Unterbewusstsein, ein Unwohlsein, als war er fremd in der eigenen Haut. Vielleicht war es auch das, was Kaori hatte erreichen wollen. Eine felsenfeste Sicherheit, dass er sie niemals, unter keinen Umständen, vergessen konnte. Und es war auch nur die Vorstellung, nicht er selbst zu sein, die ihm unangenehm war. Eine Verbindung mit dieser Frau?

 

Der Gedanke missfiel ihm nicht.

 

„Ich wünsche ihr nur Glück, wo auch immer sie sich jetzt befindet“, ging es ihm durch den Kopf und er zuckte verlegen zusammen, als er sich erinnerte, dass Motoko noch immer mit ihm verlinkt war. Sie schnaubte amüsiert und legte ihm eine Hand aufs Herz.

 

‚Sie sind ein besserer Mann, als sie den meisten weiszumachen versuchen.‘

 

Am liebsten hätte er sich dafür stöhnend beidhändig übers Gesicht gewischt, auch für ihr anschließendes Lachen. Doch lieber konzentrierte er sich auf das Gefühl, um einen kleinen Ballast leichter geworden zu sein. „Denken Sie daran, Paz“, meinte sie dann ernst, „für Cyborgs ist es unwichtig, welchen Körper sie gerade bewohnen. Es ist unser Ghost, der uns ausmacht, und eine exakte Kopie Ihres Ghosts sind und bleiben immer Sie, egal wie viele Kaori Kawashimas Sie vorher waren. Für pfuschende Laien ist das für einen kurzen Augenblick eine sehr überraschende Erkenntnis ... Für einen außerordentlich kurzen Augenblick.“

 

Auch sie klopfte ihm sanft auf die Schulter, dann entfernte sie sich und schwieg.

 

Er wartete.

 

Und wartete.

 

‚Major? ... Sind Sie noch da?‘

 

Er erhielt keine Antwort.

 

Ja.

 

Ja, sie machte es zweifellos mit Absicht.

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